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Cruiser im November 2015

Warum man im Spitzensport nicht schwul sein kann

4 THEMA SCHWUL IM

4 THEMA SCHWUL IM SPITZENSPORT SCHWUL IM SPITZENSPORT Sie holen olympische Medaillen, sind die Besten ihrer Disziplin, Legenden des Sports – und homosexuell. Schwule und Lesben im Sport sind fast Normalität geworden. Möchte man meinen. Die Realität sieht anders aus. VON MOEL MAPHY Über Nacht wurde er zum Helden: Michael Sam gelang als erstem offen schwulen US-Footballer der Sprung in die Profiliga NFL. Inzwischen aber ist die Euphorie verflogen – der mutige Athlet steht ohne Klub da. Rückblick: 10. Februar 2014. Die amerikanische Nation – vor dem Fernseher sitzend – traute ihren Augen nicht. Was aussah wie eines der typischen Shonda-Rhimes-Dramen – also im Stil von «Emergency Room» oder «How To get Away With Murder» – war offenbar Realität: Der Footballstar Michael Sam brach vor laufenden Kameras in Tränen aus, krümmte sich, sank seinem Partner Vito Cammisano in die Arme und küsste ihn – einmal, zweimal, dreimal. Noch nie zuvor hatte sich ein Football-Jungtalent öffentlich geoutet. Und dieses Outing auch grad noch so anschaulich demonstriert. Das US-TV-Publikum ist sich ja allerhand Dramen gewohnt, aber das war wohl zu viel. Die live im TV übertragenen Bilder sorgten für Gesprächsstoff. Die LGBT*-Vereinigungen jubelten, die konservative Ecke hüstelte verstimmt. Aus dem Hüsteln wurde ein Husten und schliesslich eine Grippe. Der «Spiegel» weiss: Inzwischen ist die Euphorie verflogen – und Sams Zukunft als Profifootballer ist ungewisser denn je. «Ich habe alles richtig gemacht», beharrte er kürzlich MICHAEL SAM: SEIN OUTING BRACHTE DEN KARRIEREKNICK. im Interview mit Talk-Queen Oprah Winfrey. «Ich bin stolz, wie ich die Dinge gehandhabt habe.» Nur, nach monatelanger Odyssee steht Sam, 26, heute ohne Team da. Denn die skandalgeplagte Macho-Liga NFL hat schliesslich kapituliert vor der virulenten Homophobie in ihren Rängen und die Tür wieder zugeschlagen. Das deutete sich schon gleich nach dem sogenannten «Draft» – also der Berufung der Mannschaft – an; einem von Sponsoren finanzierten Medienspektakel. Von Anfang an gab es heftige Gegenreaktionen. Nicht nur die üblichen Schwulenhasser schrien auf – auch andere hatten Mühe, bei all dem Hype Sams sportliche Leistung objektiv zu würdigen. Ganz übel waren dann auch die Reaktionen aus Medienkreisen. Der Sportsender ESPN interessierte sich doch tatsächlich dafür, ob die anderen Sportler noch mit Michael Sam duschen würden, und startete auch gleich eine entsprechende Umfrage dazu. Eine idiotische Frage, genährt von anonymem Grummeln aus dem Team. Der Spiegel dazu: «Einzelne Spieler und Trainer waren sogar offen feindlich.» Er hätte Sam nie angestellt, sagte beispielsweise Trainer Tony Dungy, der die Indianapolis Colts 2007 zum Super-Bowl-Sieg führte. «Ich würde mit all dem nichts zu tun haben wollen.» Letztes Jahr wurde der Sportler schliesslich komplett fallen gelassen. FOTOS: FOTOLIA (1), PD (1) CRUISER NOVEMBER 2015

5 Auch medial. Ein Mannschaftsmanager, so der Sportsender ESPN, habe hinter vorgehaltener Hand gesagt: «Die Teams wollen Michael Sam unter Vertrag nehmen, fürchten aber den Medienrummel.» Auch das schien eine müde Ausrede dafür zu sein, dass die NFL, trotz oft guten Willens, bis heute nicht mit ihrer verinnerlichten Homophobie umgehen kann. Dabei gibt es ausser Michael Sam (logischerweise!!!) noch andere homosexuelle Spieler. Etliche hätten sich ihm nach seinem Coming-out anvertraut, sagte der Sportler zu Oprah Winfrey weiter. «Es gibt da noch einige andere Spieler …» Sich offen «DIE TEAMS WOLLEN MICHAEL SAM UNTER VERTRAG NEHMEN, FÜRCHTEN ABER DEN MEDIENRUMMEL.» zu zeigen, wagte bisher aber keiner. Immerhin scheint Michael Sam sein privates Glück gefunden zu haben: Der 1.88 Meter grosse Ex-Superstar hat sich in diesem Jahr offiziell (soweit das halt eben in den USA möglich ist) verlobt. Und – wie so oft (leider) – tanzte Michael Sam in den USA in «Dancing with the Stars». In der Regel ist diese Sendung die Vorstufe von «Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!». Wir wünschen Michael Sam, dass ihm das wenigstens erspart bleibt. Bei Hitzlsperger – einem ebenfalls denkwürdigen Outing – war es etwas anders: Der Ex-Profifussballer hat sich nach seinem Karriere- Ende geoutet. Er scheint wenig von Diskriminierung zu spüren: In der «Süddeutschen Zeitung» berichtete Thomas Hitzlsperger diesen Sommer, wie er in England von seinem Ex- ANZEIGE