artig'15 Magazin zur Ausstellung
Das Magazin zur Ausstellung der artig'15 in der Markthalle Kempten - mit allen Künstlern, vielen Werken und Interviews
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Denkmuster<br />
von Stephan A. Schmidt<br />
Aufschnitte – <strong>zur</strong> Werkserie<br />
Alles unter Kontrolle, nichts wird dem Zufall überlassen:<br />
Das gilt heute in fast allen Lebens- und in allen Berufsbereichen.<br />
Auch in der Produktion von dicken Büchern und Katalogen.<br />
Jeder Satz ist gut überlegt und zweimal lektoriert,<br />
jeder Absatz bewusst gesetzt, das Layout nach psychologischen<br />
Erkenntnissen in durchgängigem Raster aufgezogen,<br />
vor dem Druck wird geprooft und geprüft.<br />
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Legt man ein Buch wie ein Brot vor sich hin, schneidet es<br />
in der Mitte durch, und betrachtet die Schnittfläche unter<br />
einer Lupe, zeigen sich wie in einem Untersuchungslabor<br />
zugleich Zufall und Ergebnis von Kontrolle in willkürlichen<br />
Mustern.<br />
„Versiegt“ – zum Werk<br />
Die typisch deutschen Versandhauskataloge – auch „Universalkataloge“<br />
genannt und als Konsumbibeln oder gar<br />
„unsere kleinbürgerliche Hölle“ (Hans Magnus Enzensberger<br />
1960) kritisiert – stehen seit den 50er Jahren mit ihren<br />
Rekordauflagen als Symbole für den Wiederaufbau und das<br />
Wirtschaftswunder Deutschlands. Ihre Herausgeber zählen<br />
zu den hochdekorierten Unternehmern, die, erhoben<br />
zu unantastbaren Pionieren, unser in Trümmern liegendes<br />
Land mit bloßen Händen wieder aufgebaut haben.<br />
Gerne wird dabei vergessen oder bewusst unterschlagen,<br />
dass es oft genau dieselben waren, die eben dieses<br />
Land zuvor in Trümmer gelegt und in kollektiver Blindheit<br />
weggesehen haben, wie Millionen Menschen tyrannisiert,<br />
gequält, der Heimat beraubt und ermordet wurden.<br />
(Nicht) zufällig waren die späteren Marktführer, Gustav<br />
Schickedanz (Quelle) schon seit 1932, also vor der Machtergreifung<br />
Hitlers, Mitglied der NSDAP, sowie Josef Neckermann<br />
seit 1933 zuerst Mitglied der SA-Reiterstaffel und ab<br />
1937 Parteimitglied. Im Zuge der Arisierung und Enteignung<br />
von jüdischen Unternehmern wuchsen beide Firmen<br />
durch Käufe diverser Immobilien, Firmen und Fabriken<br />
aus jüdischem Eigentum zu Spottpreisen.<br />
Schickedanz und Neckermann wurden 1948/49 als „Mitläufer“<br />
eingestuft, erhielten in den Jahren danach Stück für<br />
Stück Vermögen und Firmeneigentum <strong>zur</strong>ück und schrieben<br />
etwaige Vergleichszahlungen an jüdische Familien von<br />
der Steuer ab.<br />
Abbildung: Versiegt. Pigmentdruck auf Büttenpapier,<br />
193 x 32 cm, 2015. Ausschnitt 1:1 aus dem zehnfach vergrößerten<br />
Aufschnitt des letzten Quelle-Kataloges 2009 (Auflage<br />
8 Mio.) vor der endgültigen Pleite.