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18 DIRECTIONS FOR USE

Fazit

Konstruktive Sicherheit ist das Maß aller Dinge, und so nimmt das Gesetz Hersteller, Importeure oder

Händler mit erhöhten Haftungsrisiken in die Pflicht. Ein Produkt ist allerdings nur so sicher, wie es seine

bestimmungsgemäße Anwendung zulässt, insbesondere wenn unvermeidbare Restrisiken nicht ausgeschlossen

werden können. Viel stärker als in der Vergangenheit gilt es nun für Technische Redakteure, mögliche Fehlbedienungen

und den nahe liegenden Missbrauch sowie deren Auswirkungen vorherzusagen bzw. in der

Bedienungsanleitung zu dokumentieren. Der § 4, Absatz 2 im GPSG sagt ausdrücklich, dass bei der Beurteilung

dieser Faktoren „die Gruppen von Verwendern, die bei der Verwendung des Produkts einer größeren

Gefahr ausgesetzt sind als andere“ besonders zu berücksichtigen sind.

Gerade hier liegt der Verantwortungsbereich von Technischen Redakteuren als Bindeglied zwischen Technik

und Mensch. Letztendlich ist der technische Redakteur auf verlässliche Informationen aus anderen Bereichen

angewiesen. Im Schadenfall ist es ausschlaggebend, die Vermutung einer groben Fahrlässigkeit zu entkräften.

Folgende Tipps helfen Technischen Redakteuren, damit es erst gar nicht soweit kommt:

• Vorbereitende Analysen berücksichtigen: Gefahren-, Tätigkeits-, Zielgruppen- und Produktanalyse vorlegen

lassen und mit der Dokumentation archivieren.

• Bei dem Verdacht, die Konstruktion/Entwicklung versuche Konstruktionsfehler mit Warnhinweisen zu

kompensieren, nachfragen und sich schriftlich absichern.

• Verwendergruppen, die einer größeren Gefahr ausgesetzt sind (Kinder, Senioren, Ausländer, Linkshänder

etc.) stärker berücksichtigen. Anwender eher unterschätzen. Anwender die ein Produkt zum ersten Mal in

der Hand halten, bringen im Extremfall überhaupt keine Erfahrungen mit. Dies ist vor allem bei Migrationsprodukten

zu erwarten, also professionellen Arbeitsgeräten, die z. B. bislang im Heimwerkerbereich

genutzt wurden.

• Usability Tests durchführen: Tätigkeiten hinterfragen und über Produktgrenzen hinaus weiterdenken. Testszenarien

so auslegen, dass das Produkt nicht nur bestimmungsgemäß genutzt werden kann. Wie wird das

Produkt ohne Anleitung verwendet?

• Insbesondere Montageanleitungen im Rahmen von Usability Tests bewerten, vor allem missverständlichen

Deutungsspektren „auf die Spur“ kommen.

• Sämtliche Angaben, z. B. in den Technischen Angaben, Datenblättern, Produktbeschreibungen, Werbeprospekten,

die als „zugesicherte Eigenschaften“ ausgelegt werden können, aus verschiedenen Blickwinkeln

betrachten, z. B. nach Leistungs-, Stromspar-, Sicherheitsaspekten).

• Produktspezifische Sicherheitsvorgaben und Rückrufaktionen beachten sowie Marktbeobachtungen

durchführen, ggf. externen Rat einholen, z. B. TÜV, öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige.

• Lesegewohnheiten hinterfragen. Wenn bekannt ist, dass bestimmte Anleitungstypen selten im Alltag gelesen

werden, sind motivierende Zusätze erforderlich und ein Verweis auf die Bedeutung der sicherheitsrelevanten

Informationen - nach Möglichkeit auf der Verpackung, dem Produkt und/oder auf der Deckseite

der Anleitung.

• Gefahren können auch im Umgang mit Zusatzkomponenten entstehen. Auf Gefahren bezüglich

eigenmächtiger Umbauten/Änderungen und auf die Einwirkung auf andere Produkte hinweisen. Gewissenhaft

überlegen, wie das Produkt genutzt wird und vor allem, auch genutzt werden könnte.

• Vergewissern, dass auch die letzte Produktmodifikation bzw. -innovation hinsichtlich ihrer Gefahren beurteilt

wurde und in die Gebrauchsanleitung eingeflossen ist. Der Teufel steckt bekanntlich im Detail, auch

noch so kleine und unbedeutende Teile können beachtliche Schäden stiften.

• Vergewissern Sie sich, dass der Anwender die Sicherheitshinweise zur richtigen Zeit so versteht, das ihm

die Art und Schwere einer Gefährdung bewusst ist.

• Versicherung abschließen. Empfehlenswerte Versicherungen für Technische Redaktionen sind zu finden

unter www.tekom.de. Darüber hinaus ist nach dem unverbindlichen Produkte-Rückruf-Modell der Deutschen

Versicherungswirtschaft vieles versicherbar, von den Kosten für die Informationspolitik bis zu den

Kosten einer Vernichtung.

Weitere Infos: Die DIN EN 62079 „Erstellen von Anleitungen“ beantwortet viele Fragen zum Inhalt und zur

Gestaltung einer Anleitung. Eine CD mit einer kleinen Einführung in das GPSG ist kostenlos beim TÜV Produkt

Service erhältlich (TÜV Product Service GmbH, Unternehmensgruppe TÜV SÜD, Kruppstraße 82-100,

45145 Essen, Tel.: 0201 8127-313 (Fax -308)

* Dipl.-Ing Martin Galbierz, Öffentlich bestellt und vereidigter Sachverständiger für Technische Dokumentation;

Martin.Galbierz@tuev-sued.de

FORUM WARE 32 (2004) NR. 1 - 4

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