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GEBRAUCHSTAUGLICHKEIT 27

APPARATE OHNE AUGEN UND GESPÜR

ZUR DISKUSSION DER GEBRAUCHSTAUGLICHKEIT VON WASCH-

MASCHINEN IM SPÄTEN 19. UND FRÜHEN 20. JAHRHUNDERT

Susanne Breuss*

When the application of technology in the laundry is observed retrospectively, the focus is mainly on the reduction

of physical labor. While the transfer of this work (which involves the entire body) to the washing machine is universally

rated positive today, the discussions regarding hand wash versus machine laundry were much more ambivalent

in the innovation phase. Machines were not always regarded as the better alternative. The question of an appliance’s

utility must therefore be analysed within its historical context: evaluation criteria change with time. The following

article will examine the debates over the advantages and disadvantages of the household washing machine at the turn

of the century, in which the focal point revolves around the competition between Body and Machine.

Einleitung

Die Technisierung der Wäschereinigung wird retrospektiv vor allem unter dem Aspekt der Entkörperlichung

der Wascharbeit betrachtet. Während die Verlagerung der den ganzen Körper involvierenden Arbeit in

die Waschmaschine heute eine eindeutig positive Bewertung erfährt, wurde das Verhältnis von Hand- und

Maschinenwäsche in der Innovationsphase der Waschmaschine weitaus ambivalenter diskutiert, Maschinen

galten nicht unbedingt als bessere Alternative. Die Frage der Gebrauchstauglichkeit von Geräten muss also in

ihrem jeweiligen historischen Kontext analysiert werden, die Beurteilungskriterien unterliegen dem historischen

Wandel. Im Folgenden werden die Debatten über die Vor- und Nachteile der Haushaltswaschmaschine

in den Jahrzehnten um 1900 untersucht, wobei die Konkurrenzierung von Körper und Maschine im Mittelpunkt

steht.

Die Konkurrenzierung von Hand- und Maschinenwäsche

Die hier untersuchten Quellen (Haushaltsratgeber, Kundenzeitschriften von Energieversorgungsunternehmen,

populäre Technikzeitschriften) sind hinsichtlich der körperlichen Dimensionen der Wascharbeit besonders

aufschlussreich, da sie aus einem Zeitraum stammen, in dem noch die weitgehend händische Wäsche

vorherrschte, parallel dazu jedoch auch schon zahlreiche mehr oder weniger arbeitsentlastende und nach ganz

unterschiedlichen Prinzipien arbeitende Hilfsgeräte und Maschinen zur Verfügung standen 1 . Es handelt sich

um einen Zeitraum, in dem die Arbeit der Wäscherin 2 zunehmend Beistand und Konkurrenz durch Maschinen

erhielt, und daher händische Wäsche und maschinelle Wäsche direkt miteinander verglichen werden konnten

und deren jeweilige Vor- und Nachteile eingehend diskutiert wurden. Die Argumentation erweist sich dabei

zum Teil als recht differenziert, und die technischen Hilfsmittel schneiden nicht unbedingt besser ab. Letzteres

hängt nicht nur mit der mangelhaften Funktionsweise der technisch oft noch sehr unausgereiften Geräte 3

zusammen, sondern auch mit der keineswegs eindeutig entschiedenen Frage, ob Maschinen überhaupt

imstande sind, so „verantwortungsvoll“, „aufmerksam“ und „schonend“ mit dem Waschgut umzugehen, wie

dies von der Wäscherin erwartet wurde.

Insgesamt beherrschten diese Diskussion vor allem zwei Fragen: zum einen jene der Schonung, und zwar der

Wäsche wie des Körpers der Wäscherin, zum anderen jene von Schmutz und Sauberkeit und deren sinnlicher

Wahrnehmung. Oder anders formuliert: die Diskussion drehte sich um die Frage, welche Methode für die

Wäsche besser ist ebenso wie um die Frage, welche Methode für den Körper der Wäscherin besser ist –

Handwäsche oder Maschinenwäsche? In den Quellen des Untersuchungszeitraumes werden die unterschiedlichsten

Argumente für und gegen die technischen Hilfsmittel für das Wäschewaschen angeführt.

Eine zentrale Frage bei der Abwägung der Vor- und Nachteile händischen bzw. maschinellen Waschens war

jene, ob eine Maschine die Arbeit der Hände zu ersetzen vermag. Sigfried Giedion beschreibt in „Die Herrschaft

der Mechanisierung“ das Nachahmen der Hand als eine Methode, die aller Mechanisierung zugrunde

1

Zur Geschichte der Waschtechnik vgl. Orland, Barbara (1991): Wäsche waschen. Technik- und Sozialgeschichte der häuslichen

Wäschepflege. Reinbek bei Hamburg.

2

Wascharbeit war in der Regel Frauenarbeit.

3

Insgesamt brachte die Technisierung der häuslichen Wäschereinigung im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert im

Verhältnis zum hohen finanziellen Aufwand noch keine wesentliche Verbesserung mit sich. Zudem existierten Alternativen in

Form von gewerblichen Wäschereien und Gemeinschaftswaschanlagen, die sich auf einem höheren technischen Niveau befanden

als die Ausrüstung für den Privathaushalt – wobei sich die Kritik an der Maschinenwäsche jedoch durchaus auch gegen deren

technische Ausrüstung richtete.

FORUM WARE 32 (2004) NR. 1 - 4

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