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28 USABILITY

liegt. 4 Die menschliche Hand als ein Greifwerkzeug kann „rasch zupacken, festhalten, drücken, ziehen, schieben,

formen, sie kann suchen und fühlen“ 5 , ihre Kennzeichen sind Flexibilität und Gegliedertheit: „Drei

Gelenke am Finger, Handgelenk, Ellbogen und Armgelenk und, wenn erforderlich, Rumpf und Füße helfen

mit, die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit zu steigern. Die Muskeln und Sehnen bestimmen die Art des

Zupackens und Festhaltens, die empfindliche Haut das Abtasten und Fühlen des Materials, das Auge steuert

die Bewegung. Aber entscheidender als diese wohlintegrierten Tätigkeiten wirkt der Verstand, der sie leitet,

und das Gefühl, das sie beseelt.“ 6 Genau diese Kompliziertheit des organischen Instrumentes Hand ist es, die

es nur schlecht für die Automatisierung eignen lässt. In Bezug auf die frühe Waschmaschinentechnik konstatiert

Giedion dann auch, dass das Bemühen um eine unmittelbare Lösung, um eine direkte Abstraktion der

menschlichen Hand oft zu nicht sehr praktikablen, ja geradezu grotesken Konstruktionen geführt habe. 7

Zu den Waschmaschinentypen, die von der Idee geleitet waren, die Hin- und Herbewegung der Hand nachzuahmen,

zählten die so genannten Waschbrettmodelle ebenso wie die weit verbreiteten und noch nach dem

Zweiten Weltkrieg gebräuchlichen Rührflügelmodelle. Solche Waschmaschinen, entweder händisch oder

elektrisch angetrieben und zunächst unbeheizt, übernahmen die Bewegung der Wäsche in der Waschlauge. In

der Haushaltsratgeberliteratur werden unterschiedlichste derartige Modelle beschrieben, meist jedoch nur als

eventuelle Alternativen zur Handwäsche. Dafür, dass sie nur einen kleinen Teil der Wascharbeit erledigten 8

waren sie relativ kostspielig, und zudem war fraglich, ob sie den Ansprüchen an die Wäschereinigung genügen

konnten. Immer wieder kommt in den untersuchten Quellen die Skepsis zum Ausdruck, ob Maschinen überhaupt

in der Lage sind, die vielfältigen Fähigkeiten und Möglichkeiten des menschlichen Körpers zu ersetzen.

Für die Erörterung dieser Frage spielte nun der unmittelbare Vergleich von Hand- und Maschinenarbeit eine

zentrale Rolle – was war den Ansprüchen an Schonung, Sauberkeit und Hygiene dienlicher?

Schonung der Wäsche

Ein wesentlicher Punkt in der Diskussion über die Vor- und Nachteile technischer Hilfsmittel für die

Wäschereinigung war die Frage, ob die Geräte ausreichend imstande sind, die zu reinigenden Textilien zu

schonen. Der Erhalt des Wäschebestandes war ein wichtiges Anliegen, da Textilien teuer waren. In den untersuchten

Quellen sind die Begriffe „schonen“ und „schonend“ daher allgegenwärtig, wenn es um die Beurteilung

technischer Hilfsmittel geht. Entsprechende Überlegungen wurden nicht nur in Bezug auf Waschmaschinen

angestellt, auch Waschbretter, Wringen, Mangeln etc. gerieten unter diesem Blickwinkel ins Visier.

Gegeneinander abgewogen wurden dabei die unterschiedlichen Konstruktionen der einzelnen Geräte ebenso

wie deren Eignung für bestimmte Anforderungen.

In zahlreichen Quellen finden sich Hinweise darauf, dass Waschmaschinen in dem Ruf standen, die Wäsche

zu stark abzunützen oder gar zu beschädigen. Dabei wird entweder an früheren, technisch noch weniger gut

entwickelten Modellen Kritik geübt und betont, dass neue Modelle gefahrlos zu benützen seien, oder es werden

bestimmte Bau- und Verarbeitungsweisen als problematisch bezeichnet. Stets wird dabei auch auf die

Handwäsche Bezug genommen, indem etwa betont wird, dass neue – oder bestimmte neue – Waschmaschinenmodelle

ebenso schonend wie die Hand oder sogar noch schonender zu waschen vermögen. Passagen wie

die folgende aus einem Haushaltsratgeber aus dem Jahr 1910 finden sich häufig: „Nun ist man vielfach der

Ansicht, die Maschine nütze die Wäsche zu sehr ab. Das war vielleicht bei den ersten Maschinen der Fall, die

natürlich, wie jede neue Erfindung, der Verbesserung bedürftig waren. Die jetzt allgemein in Betrieb kommenden

Wasch-Dampfmaschinen greifen im Gegenteil die Wäsche weniger an als das kräftige Reiben mit den

Händen, da sie den Schmutz herausspülen, nicht reiben.“ 9

In manchen Fällen scheint die Skepsis gegenüber den Waschmaschinen berechtigt gewesen zu sein, da sich

indirekte Hinweise darauf finden, dass einige Waschmaschinen einer Beschädigung der Wäsche Vorschub

geleistet haben. So legt etwa folgende Beschreibung einer Doppeltrommel-Waschmaschine aus dem Jahr 1926

diesen Schluss nahe: „Die Außentrommel mit Deckel birgt im Inneren die kupferne Innentrommel, deren

Löcher so hergestellt sind, dass ein Beschädigen der Wäsche unmöglich ist. Die starken Mittelrippen, die das

Heben und Wenden der Wäsche veranlassen, sind eingebogen und nicht genietet oder gelötet.“ 10 In diesem

4

Giedion, Sigfried (1987): Die Herrschaft der Mechanisierung. Ein Beitrag zur anonymen Geschichte. Frankfurt/M. (engl. 1948).

S. 69.

5

Ebd.

6

Ebd.

7

Ebd., S. 608-610.

8

Bis zur vollautomatischen Haushaltswaschmaschine war es noch ein langer Weg. Solche Geräte kamen erst ab den 1950er

Jahren auf den Markt und es dauerte einige weitere Jahrzehnte, bis sie zur Grundausstattung der Haushalte zählten.

9

Neuburger, Minna (Hrsg.)(1910): Ich kann wirtschaften. Das Buch von der billigen, praktischen und gesunden Führung des

Hauswesens. Berlin-Wien. S. 190.

10

Elektrisch betriebene Waschmaschinen. In: Illustrierte Technik für jedermann. Nr. 39, 1926. S. 71-72, hier S. 72

FORUM WARE 32 (2004) NR. 1 - 4

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