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40 LIFESTYLE

3. Wellness vor dem Spiegel der Motive

Wellness scheint eine Reaktion auf die zunehmende Komplexität und Technisierung unserer Gesellschaft zu

sein. Dies geschieht vor dem Hintergrund innerer Konflikte: Einerseits entbinden sich die Menschen heute

familiärer und beruflicher Zwänge, andererseits setzen sie sich einem enormen Druck zur Selbstverwirklichung

aus.

Wellness-Urlaub wird durch eine große Palette von Angeboten beworben, die teilweise schon durch ihren

exotischen Klang attraktiv wirken. Viele Urlauber wissen nicht so genau, was sie mit Ayurveda, Qi Gong,

Reiki oder Shiatsu erwartet. Bei ebenfalls im Programm befindlichen traditionellen Angeboten wie Heilfasten,

Kneippkur oder Lymphdrainage ist dies ein wenig anders.

In jedem Fall müssen die Urlauber jedoch eine gewisse innere Einstellung zur Wellness mitbringen. So vergleicht

sie etwa der Satiriker Max Goldt mit Fitness – nur dass diesmal die Seele mitmachen müsse...

Das Zielpublikum ist stark auf die Mittelschicht konzentriert. Nimmt man Begriffe der Werbetechnik unter

die Lupe, stellt man fest, dass fast alle Altersgruppen für Wellness beworben werden: Junge Männer zwischen

25 und 30 Jahren werden als „young achiever“, 40–50jährige Männer als „reife Leistungsträger“ angesprochen.

Pendants bei den Damen sind 25-40jährige „junge Powerfrauen“ bzw. 40-60jährige „middle age goddesses“.

Um auch zahlungskräftige Pensionisten in Wellness einzubinden, lädt man sie als „Frühsenioren“.

Das Erfolgsrezept von Wellness ist die Konzentration auf die eigene Person. Sie ist damit stark narzistisch

orientiert und lebt von intensiver Selbstwahrnehmung. Das eigene Befinden wird in den Mittelpunkt gestellt,

der Wunsch zur Eigengestaltung des Lebens wird zur Leitlinie und Ziel ist die Maximierung persönlicher

Lustempfindung.

Dies schließt mehr ein als bloßes körperliches Wohlbefinden. Wellness ist vielmehr Ausdruck psychosozialer

Gesundheit. Physische Gesundheit wird eingebettet in positives Zeitmanagement und ein alle Sinne erfassendes

Ambiente bzw. wird von bewusster Schlaf- und Stressbewältigung begleitet. Diese ganzheitliche Sicht

macht Erlebnisbäder, Kuranlagen und Hotels zu Wellnesstempeln.

Individualisierung und Gesundheit sind Megatrends, die Wellness prägen. Sie entsprechen ebenso gesellschaftlichen

Entwicklungen wie das Unabhängigkeitsbewusstsein von Frauen, Spiritualisierung, längere

Lebenserwartung und zunehmende Mobilität.

Die Motive für Wellness sind so vielfältig wie ihre Aktiven:

• Verwöhnung und Zuwendung

• Entspannung und Stressbekämpfung

• Harmonie und Steigerung von Sinneswahrnehmungen

• Schönheit und erotische Lebensqualität

• Lebensverlängerung und Erhöhung der Lebensenergie

4. Wellness und Ernährung

Aus medizinischer Sicht kommt im Wellnessbereich der Ernährung besondere Bedeutung zu. So ist eine

ganze Fülle von Themen zu nennen, mit denen sich der Wellnessaktivist beschäftigen sollte:

• Umgang mit Nahrungsadditiven und Sucht

• Vielfalt und Produktion von Nahrungsadditiven (Biotechnologie)

• Zusammenhang von Inhaltsstoffen der Nahrung und ihrer Wirkung

• Einkauf, Lagerung, Zubereitung, Hygiene von Lebensmitteln

• Erlernen gesundheitsoptimierender Zubereitung von Speisen und Getränken (Wok, Tee)

• Verbraucherinformation und Kaufentscheidung (E-Nummern)

• Ganzheitliche Sicht von Functional , Nutraceutical und Energy Food

Zudem ist zu bemerken, dass für die Ernährung neue Lifestyle- und Wellnessprodukte entwickelt werden.

Unter der Bezeichnung Functional food werden immer mehr natürliche Lebensmittel mit Gesundheitswirkungen

beworben. Das Anreichern von Nahrungsmitteln mit Vitaminen, Mineralstoffen und probiotischen Bakterienkulturen

in Joghurts für den Massenmarkt ermöglicht Produzenten und Handel höhere Preise und

Gewinnspannen. Dazu ist festzustellen, dass Zusatznahrung nicht nötig und der Boom von Functional Food

verzichtbar ist! Das beste Getränk ist nach wie vor reines Wasser, daher ist der Boom von Wellnessgetränken

ebenfalls verzichtbar.

FORUM WARE 32 (2004) NR. 1 - 4

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