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48 CONSUMERISM

Dies ist nicht nur für die kulturelle Entwicklung bedenklich, sondern natürlich unmittelbar auch für

Verbraucherorganisationen problematisch, da ihnen damit das universitäre Lehr– und Forschungsgegenstück,

das ja Grundlagenarbeit für die Verbraucherpolitik, für die Verbraucherinformation und für die Verbraucherbildung

liefert, abhanden kommt.

7 Folgerungen

Aus einer verbraucherpolitischen Perspektive gesehen kann den Beitrittsländern nur der nachhaltige Hinweis

gegeben werden, aus den schon vorhandenen Problemfeldern und Defiziten der alten EU-Länder entsprechende

Schlüsse zu ziehen und diese Problemfelder befriedigender zu gestalten.

7.1 Was heißt dies nun konkret?

Nationalstaatlich wäre insbesondere auf eine Intensivierung und Extensivierung der Verbraucherbildung im

Schulsystem zu drängen. Der moderne Mensch ist von morgens bis abends Konsument, und es ist daher die

Aufgabe der Schule, nicht nur das Grundlagenwissen für die spätere Erwerbstätigkeit zu liefern und kulturelle

Bildungsarbeit zu leisten, sondern auch – und das gehört ganz essentiell zu dieser Bildungsaufgabe dazu –

Grundlagenwissen für die Rolle und Funktion des modernen Menschen als Verbraucher zu vermitteln.

Sinnvollerweise, das ist das Resümee aus den bisherigen Ansätzen zu einer besseren Verbraucherbildung im

Schulsystem, kann dies nur in der Entwicklung eines eigenen Unterrichtsgegenstandes (Faches) - etwa

„Verbraucherkunde“, um das mit einem Arbeitstitel zu benennen - liegen. Nur damit ist es möglich, durch gut

ausgebildete, in Verbraucherbelangen pädagogisch und didaktisch versierte Lehrer auch einen entsprechenden

effizienten Wissenstransfer zu den Schülern hin zu schaffen.

Die Integration von Verbraucherinhalten in andere Fächer hat sich nicht bewährt, da auf Lehrerausbildungsebene

dann entsprechende kompakte Vermittlungsformen fehlen, also in der Lehre für die auszubildenden

Lehrpersonen die entsprechenden Fächer wie auch die entsprechenden Lehrer fehlen.

Es erscheint auch notwendig und zielführend, im Bereich der universitären Lehre und Forschung auf eine

verbraucherorientierte wissenschaftliche Verankerung zu drängen, da hier eben die Grundlagenarbeit für die

praktische Verbraucherarbeit und auch für die Verbraucherbildung geleistet wird.

Die Marketingwissenschaft oder die Wirtschaftspsychologie sind ja für die von der Verbraucherpolitik und

Verbraucherarbeit benötigten Grundlagen nicht geeignete Disziplinen, da diese unternehmensorientierte Disziplinen

sind und wissenschafts-inhärent völlig unterschiedliche Perspektiven einnehmen. Ebenso betrifft dies

im Bereich der Rechtswissenschaft den Arbeitsbereich Verbraucherrecht, der auszubauen wäre.

7.2 Zielsetzungen für Verbraucherorganisationen

Zum Ersten wäre auf eine wesentlich verbesserte Förderung der praktischen Verbraucherarbeit, also der

Verbraucherorganisationen, durch die öffentlichen Hände zu drängen. Es ist die Aufgabe des Staates, dafür zu

sorgen, dass es hier zu einer wesentlich besseren Ausgewogenheit beispielsweise der Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten

kommt – erinnert sei an den enorm hohen werblichen Aufwand, den Unternehmungen

treiben können, während Verbraucherorganisationen einerseits und staatliche Einrichtungen andererseits

für Verbraucherinformation vergleichsweise nur sehr geringe Beträge aufwenden.

Zum Zweiten ist darauf zu drängen, dass Verbraucherbildung im schulischen Bereich einen entsprechenden

Stellenwert erhält, da nur so auf längere Sicht Marktwirtschaft in einem sozial verträglichen Sinn funktionieren

kann. Verbraucher müssen mit den „Basics“ ausgestattet werden, um sich auf den immer komplizierter werdenden

Märkten einigermaßen gut und auch ökonomisch vernünftig (dies betrifft auch ökonomische Vernunft

im Sinne einer Gesamtwohlfahrt) bewegen zu können.

Zum Dritten wäre dafür zu sorgen, dass die Grundlagenarbeit in Verbraucherfragen, also die verbraucherorientierte

wissenschaftliche Lehre und Forschung, in einem hinreichenden Maß etabliert wird beziehungsweise,

für die alten europäischen Länder gesprochen, besser als bisher erhalten wird.

Nur durch einen Ausbau dieser drei Ebenen ist eine reale Verbesserung der Verbrauchersituation möglich.

Dies betrifft neben der unmittelbaren Verbesserung der Situation des individuellen Verbrauchers dann ebenso

die gesellschaftspolitisch relevanten Fragen der Vermeidung von Überschuldung privater Haushalte, der Vermeidung

von Armut, der Vermeidung von großflächigen Fehlallokationen der Arbeitnehmereinkommen. Diese

Aktivitäten stellen einen Beitrag zur Verbesserung des marktwirtschaftlichen Systems und damit zur Stabilisierung

des gesellschaftlichen Systems, dar.

Diese an die nationalen Regierungen gerichteten Zielvorstellungen durchzusetzen und einzufordern, ist

nicht nur eine Aufgabe der nationalen Verbraucherorganisationen, sondern es ist auch eine Aufgabe der europäischen

Organe, solche Anforderungen intensiver an die Mitgliedsländer zu stellen.

* Univ.Prof. Dr. Ing. Karl Kollmann, stv. Abteilungsleiter für Konsumentenpolitik, Arbeiterkammer Wien,

Lehrtätigkeit am Institut für Technologie und Warenwirtschaftslehre, Wirtschaftsuniversität Wien, karl.kollmann@akwien.at

FORUM WARE 32 (2004) NR. 1 - 4

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