forum ware - DGWT - Deutsche Gesellschaft für Warenkunde und ...

dgwt.de

forum ware - DGWT - Deutsche Gesellschaft für Warenkunde und ...

66 SUBJECT FOR DISCUSSION?

Haber: Wenn es der Staat, der ohnehin keine eigenen Produktionsmittel besitzt, an Mitteln fehlen

läßt, kann es nicht ausbleiben, daß Wissenschaft und Forschung ins Schlepptau der Industrie

geraten.

Autorin: Die Ammoniaksynthese half nicht nur, die Produktion von Getreide zu intensivieren. Sie

schuf gleichzeitig auch die Voraussetzung dafür, dass das Kaiserreich die Munitionsproduktion

durch synthetisches Schießpulver fortsetzen und erheblich ausweiten konnte. Ohne

Übertreibung kann man sagen, daß Habers Erfindung den Ersten Weltkrieg verlängert, wenn

nicht überhaupt in der Intensität und Dauer möglich gemacht hat. Mit einem Schlag avancierte

Fritz Haber zu einem der berühmtesten und umworbensten Chemiker. Den Preis dafür

formulierte seine Frau Clara:

Musikakzent Klavier

Clara: Was Fritz in diesen 8 Jahren gewonnen hat, das und mehr habe ich verloren. Wollte ich selbst

noch mehr von dem bißchen Lebensrecht opfern, das mir hier in Karlsruhe geblieben ist, so

würde ich Fritz zum einseitigsten, wenn auch bedeutendsten Forscher eintrocknen lassen, den

man sich denken kann. Fritzens sämtliche menschliche Qualitäten außer dieser einen sind

nahe am Einschrumpfen.

Sprecherin: Fritz Haber wurde Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische und Elektrochemie,

das 1913 als eines der ersten Forschungsinstitute der heutigen Max-Planck-Gesellschaft

in Berlin-Dahlem offiziell eröffnet wurde. 1914 stellte Fritz Haber sein Institut in überschäumendem

Patriotismus in den Dienst der Waffen- und Ersatzstoffforschung.

Haber: Das Institut ist unter meiner Leitung 22 Jahre bemüht gewesen, im Frieden der Menschheit

und im Kriege dem Vaterland zu dienen. Soweit ich das Ergebnis beurteilen kann, ist es

günstig gewesen und hat dem Vaterland wie der Landesverteidigung Nutzen gebracht.

Autorin: Haber widmete sich als Abteilungsleiter im Kriegsministerium mit einem für Naturwissenschaftler

einmaligen Engagement den Aufgaben der Kriegswirtschaft und der Kooperation

zwischen Industrie, Forschung, Militär und Politik. Dazu sein Sohn Lutz Haber aus zweiter

Ehe:

L. Haber: In Haber fand die Oberste Heeresleitung einen brillanten Geist und einen extrem energischen,

entschlossenen und vielleicht auch skrupellosen Organisator. Er verkörperte den romantischen,

quasi-heroischen Aspekt des deutschen Chemikers, wo Nationalstolz mit purem Wissenschaftsfortschritt

und dem utilitaristischen Fortschritt der Technik vermischt wurden... er

war Preuße mit unkritischer Akzeptanz der Staatsweisheit – ehrgeizig, erfolgssüchtig.

Autorin: Es war Fritz Haber, der chemische Waffen als erste Massenvernichtungsmittel konzipierte,

produzierte und selbst an der Front einsetzte.

Haber: Die Geschichte der Kriegskunst rechnet den Beginn des Gaskampfes vom 2. April 1915, weil

an diesem Tage zum ersten Mal ein unbestrittener militärischer Erfolg durch die Verwendung

von Gaswaffen erzielt worden ist. In den Nachmittagsstunden dieses Tages wurde aus der

Front der deutschen Truppen vor Ypern eine große Menge Chlorgas aus Stahlzylindern in die

Luft geblasen. Der herrschende schwache Nordwind trieb die Gaswolke von 6 km Länge und

600-900 m Tiefe in die gegenüberliegende Stellung des Feindes bei Langemarck und machte

dessen vorher unüberwindlichen Widerstand im Augenblick zunichte.

Sprecherin: Der Erfinder wurde noch an der Front befördert, in einem für den Ersten Weltkrieg einmaligen

Sprung vom Vizewachtmeister der Landwehr zum Hauptmann. In der Nacht, als in der

Villa in Dahlem die Beförderung gefeiert wurde, erschoß sich Clara Haber.

Frucht: Sie war ja gegen den Gaskrieg. Der 12jährige Hermann hatte als einziger den Schuß im Morgengrauen

gehört, der aus der Dienstwaffe seines Vaters von der Mutter genutzt wurde, um

sich zu töten. Der Vater ließ sich nicht abhalten, am nächsten Tage an die Ostfront zu fahren,

um dort einen noch größeren Giftgaseinsatz vorzubereiten.

Autorin: Professor Adolf-Henning Frucht, Enkel von Adolf von Harnack, Mitbegründer und erster

Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften.

Frucht: Jahre später hat Haber dem Ministerialdirektor Schmitt-Ott gestanden, daß er sich in dieser

Nacht mit seiner Frau gestritten habe. Und dann hat Schmitt-Ott das Geheimnis dieser Streitnacht

seinem Sohn anvertraut, bevor er starb. Und der Sohn hat es mir weitererzählt.

Autorin: Clara Haber empfand das Erfinden und bedingungslose Ausliefern chemischer Kampfstoffe

als eine Perversion der Wissenschaft. Fritz Haber bezeichnete ihren Idealismus als realitätsfremd.

Er warf ihr vor, ihm und Deutschland in einer Zeit größter Not und Hilflosigkeit durch

ihre Kritik am Gaskrieg in den Rücken zu fallen.

FORUM WARE 32 (2004) NR. 1 - 4

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine