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ZUR DISKUSSION GESTELLT 67

Musikakzent

Sprecherin: Mit dabei in diesem ersten modernen technischen Krieg waren in Habers ”Desinfektionstruppe”

- wie man sich aus Tarnungsgründen nannte - weitere sechs spätere Nobelpreisträger.

Zwischen den kriegführenden Staaten begann nun ein Wettlauf um neue chemische Waffen.

Während er Kampfstoffe entwickelte und anwendete, wurde Haber zum Ehrendoktor der

Universität Halle-Wittenberg ernannt. Die Festversammlung nahm die Ehrenpromotion mit

brausendem Beifall auf.

Autorin: Das Stockholmer Nobelkomitee hat Fritz Haber ein Jahr nach Kriegsende rückwirkend für

1918 den Chemie-Nobelpreis zuerkannt - ausgerechnet für die kriegswichtige Erfindung der

Ammoniaksynthese. Kurz zuvor noch fürchtete Haber, wegen seiner maßgeblichen Beteiligung

am chemischen Krieg als Kriegsverbrecher an die Alliierten ausgeliefert zu werden. Er

ließ sich einen tarnenden Vollbart wachsen und setzte sich nach St. Moritz ab. Eine denkwürdige

Parallele verbindet hier Haber mit Otto Hahn, dem 1945 drei Monate nach Hiroshima,

der Nobelpreis zuerkannt wurde, als er noch in England interniert war. Der Haber-

Forscher Joachim Zepelin:

o-Ton Zepelin: Es gibt einen berühmten Brief von dem deutschen Kaiser im Exil, der schreibt: wie weit ist

denn jetzt der Haber mit seinen Forschungen - wir wären doch sehr daran interessiert, wie

man chemische Waffen einsetzen kann, um Großstädte auszulöschen. Schreibt der deutsche

Kaiser 1925 an die Reichswehr. Der Mann ohne Amt aus dem Exil, eigentlich erkundigt er

sich nach so was wie ne Atombombe. Solche Wirkung möchte der gerne haben. Ist natürlich

mit einer chemischen Waffe gar nicht zu erreichen. Aber trotzdem hat die Propaganda, vor

allem die Kriegspropaganda das genau ausgenutzt. Fast als Spiegelbild dieser Befürchtungen

haben die Nazis 33 direkt damit angefangen, den Zivilschutz auszubaun, was ja auch ne Art

Kriegsvorbereitung ist. Und haben als das schlimme Schreckensszenario an die Wand

gemalt, daß vom Himmel die chemischen Waffen regnen und sich die Leute darauf vorbereiten

müssen, daß so was passiert. Also, psychologisch die erste Einstimmung auf den

Zweiten Weltkrieg.

Autorin: Als die Nazis Haber 1933 aufforderten, seine jüdischen Mitarbeiter zu entlassen, kam es zur

letzten tragischen Wende in seinem Leben. Jetzt war er Jude. Er quittierte den Dienst und

teilte dem Minister mit, er habe seine Assistenten bislang nach der Qualität ausgesucht, sie

jetzt nach ihrer Rasse auszusuchen, wäre gegen seine Überzeugung als preußischer Wissenschaftler

und Beamter. Er starb 1934 auf der Durchreise in Basel als ein gebrochener Mann.

”Es war die Tragik der verschmähten Liebe” – der Liebe zu Deutschland – so äußerte sich

Albert Einstein in einem Brief.

Musikakzent

Autorin Bis 1998 war eine Berliner Realschule nach dem Nobelpreisträger Fritz Haber benannt. Die

Lehrerin Marlise Ratzlaff plädierte für eine Namensänderung.

Ratzlaff: Die CDU war dagegen… Von der Regierung her eben diese Unterstellung, daß wir antisemitisch

seien. Das Erschreckende bei Fritz Haber war ja, daß er genau die negative Verantwortung

– Krieg, Vernichten – selbst übernommen hat. ... Ich darf nicht etwas glorifizieren, was

eigentlich auch eine Schande ist. ... Die Schüler waren sehr kritisch… Jetzt heißt die Schule

Luise- und- Wilhelm-Teske-Oberschule. Und zwar ging es uns auch darum, daß es nicht

unbedingt eine bedeutende Persönlichkeit sein soll. Das war ein Schusterehepaar, eben einfache

Leute aus dem Schöneberger Kiez, wo unsere Schüler auch wohnen, die Zivilcourage

hatten, Juden und Deserteuren, allen die eigentlich der Regierung unangenehm waren zu helfen,

zu verstecken, zu unterstützen und das fanden wir ne vorbildlichere Persönlichkeitswahrnehmung.

Sprecherin: Um ihre Stellungnahme gegen den Einsatz von Giftgas zu betonen, gab sich eine kurdischdeutsche

Initiative Anfang der 1990er Jahre den Namen Clara Haber. Sie forderte Soforthilfe

für die mit Giftgas und Napalm aus dem Irak vertriebenen Kurden.

Autorin: US-amerikanische Soldaten leiden seit ihrem Golfkriegseinsatz 1991 unter erheblichen

Gesundheitsstörungen. 16 von ihnen haben in diesem Jahr Klage auf Schadensersatz gegen

Chemiefirmen sowie Banken aus aller Welt eingereicht, weil diese dem Irak beim Aufbau

seines Chemiewaffen-Programms geholfen haben. Seit Jahren hintertreiben die USA eine

Ächtung ihrer eigenen ABC-Waffen. Die Massenvernichtungswaffen des Irak jedoch sind in

diesem Jahr erneut ein Kriegsanlaß für die Vereinigten Staaten gewesen.

* Gerit von Leitner, c/o Westdeutscher Rundfunk, Redaktion ZeitZeichen, 50600 Köln; wdr3@wdr.de

FORUM WARE 32 (2004) NR. 1 - 4

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