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GEDANKEN ÜBER DIE NACHHALTIGKEIT NACH EINER RUMÄNIENREISE

Im November vergangenen und im Mai dieses Jahres durfte ich eine Gastvorlesung bzw. eine reguläre

Vorlesung über Technologie und Warenkunde in dem von der EU finanzierten deutschen Studiengang an der

Universitatea Babes Bolyai, Fakultät für Wirtschaftswissenschaften / Lehrstuhl für Technologie und Warenkunde,

Vorstand Prof. Dr. Rodica Fratila halten.

Das Fach Warenkunde und Technologie ist hier, so wie in den meisten ehemaligen Ostblockstaaten, im

Rahmen der Wirtschaftswissenschaften im ersten Studienfach ein Pflichtfach für alle Wirtschaftsstudenten und

kann im zweiten Abschnitt als Wahlfach gewählt werden.

Bereits bei meinem ersten Aufenthalt wurde mir klar: so eins zu eins kann ich meine in Wien gehaltenen

Vorlesungen hier nicht vortragen – unsere Themen der fortgeschrittenen Konsumgesellschaft bedürfen einer

Modifikation. Die Studierenden sind sehr motiviert und interessiert – vielfach mehr als bei uns. Sie kennen fast

alles, was wir haben und was es bei uns gibt, sei es von Aufenthalten im Ausland, sei es aus Erzählungen,

Fernsehen, Internet usw. – aber sie selbst haben Vieles nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen. Sie

leben beengt in teuren, sehr einfachen Wohnungen und wollen die Diskette, auf der sie ein Referat abgeben,

wieder zurück. Diese Art der hier herrschenden Sparsamkeit ist nur mehr den älteren von uns bekannt. Man

kauft das, was notwendig ist, und überlegt es sich viele Male, bevor man sich einen „Luxus“ leistet. Man hat,

zumindest in der schmalen Mittelschicht, genug zum Leben, aber keine Ausgabe erfolgt unbedacht. Das ist

doch ökologisch nachhaltig, oder nicht?

Auch wenn man nur oberflächlich in dieses Land sieht, ahnt man die Diskrepanz zwischen Arm und Reich

(das ist sozial nicht nachhaltig). Man erkennt sie an den Geschäften, die teure Produkte präsentieren, die man

sich von einem Gehalt mit durchschnittlich 80 € nie und nimmer leisten kann, die aber doch jemand kaufen

muss, sonst würden sie nicht angeboten. Man sieht den faszinierenden Markt, auf dem die Bauern der Umgebung

zu für unsere Begriffe niedrigsten Preisen einheimisches Gemüse und Obst, die nie mit Agrochemie in

Berührung gekommen sind, wunderbaren Schafkäse und Fleisch von bestem Geschmack verkaufen. Das ist

nachhaltig! Dann fahre ich aufs Land und sehe wie die Bauern leben, fahre durch die Dörfer. Ich sehe alte

Frauen mit Kopftüchern und Männer, das Sonntagsgewand aus ewig haltbarem, wunderschönem Stoff, wie sie

zu Fuß bergauf bergab in die Kirche gehen und gegen Mittag in ihr unerschlossenes Tal zurückkehren ,in das

nicht einmal ein durchgängiger Weg führt, Menschen ohne Sozialversicherung, die in Hütten mit zwei Räumen

leben, deren einziger Schmuck in der Innenausstattung Ikonen und Hochzeitsbilder sind. Menschen von einer

berührenden Freundlichkeit und Offenheit. Was macht sie glücklicher als die vielen Menschen, die bei uns

reich und einsam in der sozialen Isolation verkommen, sich nicht auf die Straßen trauen und verängstigt und

kontaktlos in abgeschlossenen überfüllten Wohnungen sitzen? Ich halte das Märchen vom „glücklichen

Armen“ für einen Ausdruck westlicher Arroganz, aber ich beginne unwillkürlich darüber nachzudenken.

Die Landschaft ist dort, wo Felder sind, wunderschön klein strukturiert, mit Hecken und Gebüschen, die

keinen Maschinen weichen mussten, bearbeitet mit Pferdepflügen. Die Hügel und Berge, wo das Vieh weidet,

sind mit grünen Rasenteppichen überzogen, alle Pflanzen, die ich finde, kenne ich aus unserer Bergflora. Die

Verbuschung und Verwaldung wie auf unseren Almen als Folge mangelnder Bewirtschaftung ist hier kein

Problem, zumal die Bauern ihren Wärmebedarf auch aus der Holznutzung decken. Was dieses Land in extensiver

Nutzung hergibt, reicht, um die hier lebenden Menschen zu ernähren und auch noch, um die Verwandten

und Märkte in der nahen pulsierenden Stadt Cluj zu versorgen. Auffallend auch die bunten kratzenden Wolldecken

aus Schafwolle, die man selbst in der Stadt als Bett- und Überdecken verwendet. Werden sie sich

gegen den Druck der Polyestersteppdecken behaupten können, die den Bauern diese Absatzschiene streitig

machen werden? Man ahnt, dass bald Vieles von dem was man hier sieht verloren gehen wird, dass das

Zweckmäßige über das Schöne und Beschauliche siegen wird. Diesem Schicksal werden auch die soliden

handwerklich gefertigten Produkte, die man noch finden kann, nicht entgehen.

Natürlich erfahre ich auch, was alles nicht klappt, die Abfallentsorgung steckt absolut in den Kinderschuhen

(aber sie war bis jetzt auch nicht so nötig, weil man ohnehin nicht viel zum Wegwerfen hatte), die Wohnverhältnisse

sind schlecht, es gibt kaum Konsumentenschutz, in Fabriken, die inzwischen schon stillgelegt wurden,

gab es keinen Umweltschutz, usw. Aber die Anpassung an das EU-Recht wird die meisten Missstände

dieser Art bald ändern. Gleichzeitig rollt die Konsumgesellschaft hier mit ihrer ganzen Macht an, die lagerhausartigen

Supermärkte drängen schon vor den größeren Städten mit ihren schönen Zentren.

Vieles ist hier noch nachhaltiger, mehr abgestimmt auf die Tragfähigkeit des Landes als bei uns. In diesem

Zustand kann man den Menschen nicht sagen: Lebt nachhaltiger! Man kann ihnen aber auch nicht empfehlen:

Bleibt so nachhaltig! So kann die Botschaft nur lauten:

Sucht ein neues Gleichgewicht und bewahrt das Schöne so gut ihr es vermögt.

Dr. Eva Waginger, Institut für Technologie und Warenwissenschaften, WU Wien, Augasse 2 –6, 1090 Wien, E-Mail: eva.waginger@wuwien.ac.at

FORUM WARE 32 (2004) NR. 1 - 4

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