Handwerk und Kirche: Den Wandel meistern

anneliesbruhne

Jahresbroschüre des Arbeitsbereichs Handwerk und Kirche im ev. Verband Kirche Wirtschaft Arbeitswelt (KWA)

AUSGABE 2015/2016

Handwerk

& Kirche

MAGAZIN DER ARBEITSGEMEINSCHAFT HANDWERK UND KIRCHE

THEMA:

DEN WANDEL

MEISTERN


EDITORIAL

LIEBE LESERINNEN, LIEBE LESER,

Als wir das Thema „Den

Wandeln meistern

wählten, dachten wir

zunächst einmal an die Her ausforderungen

im ländlichen

Raum. Wie verändert sich Leben

und Arbeiten auf dem Land,

wenn immer mehr Men schen

abwandern? Ver spricht die städtische

Lebens kultur mehr

Lebensqualität als die ländliche?

Viele scheinen dieser Meinung

zu sein. Der Trend geht vom

Land in die Stadt. In den

Metropolen steigen die Mieten

und auf den Dör fern fallen die

Immobi lien preise. Wenn junge

Familien fehlen, besteht kein

Bedarf an Kitas und Schu len.

Die Ab wärts spirale zu einem

unattraktiven und verödeten

Lebensraum nimmt ihren Lauf.

Bald fehlen Ärzte, Apotheken,

Einzelhandel und kulturelle Angebote.

Es kommt zu einem sich

selbst verstärkenden Kreislauf.

Am Ende ist die gesamte Infrastruktur

gefährdet. Das Dorf

wird abgerissen, die Renatu rierung

kann beginnen. Der Wolf

kommt und der Mensch geht.

So weit sollte es nicht kommen.

Überall in Deutschland wird

nach Rezepten gesucht, um

diesen Trend zu stoppen.

Dabei ist ein wichtiger Aspekt,

dass es Beschäftigung im Dorf

geben muss! Gerade das

Handwerk kann dazu einen

wichtigen Bei trag leisten.

Den Wandel meistern“ trifft

aber nicht nur auf die Herausforderungen

im ländlichen Raum

zu. Seit Sommer suchen Tausende

von Flüchtlingen Schutz

in Deutschland. Sie haben alles

verloren und sich in der Hoffnung

auf ein besseres Leben

auf den Weg gemacht. Viele von

uns packen an und folgen der

Bot schaft von Kanzlerin Merkel:

„Wir schaffen das!“ Anderen

macht es aber auch Angst und

sie fragen sich: „Wird sich unser

Land verändern und wenn ja,

wie wird es sich verändern?“

Seriös wird das zum gegenwärtigen

Zeitpunkt niemand beantworten

können. Fest steht aber,

wir stehen vor einer der größten

Anpassungs- und Integrationsleistungen

seit dem 2. Welt krieg.

Mir ist Anpacken lieber als Abwarten.

Und wenn ich an das

Handwerk denke, dann kommen

mir die Slogans der Imagekampagne

in den Sinn: „Bei uns

zählt nicht, wo man herkommt,

sondern wo man hin will“ oder

„Am Anfang waren Himmel und

Erde. Den ganzen Rest haben

wir gemacht“. Das klingt nach

Anpacken und dem festen Willen,

den „Wandel zu meistern“.

„Du stellst meine Füße auf weiten

Raum“ heißt es im Psalm 31.

Was für eine mutmachende Verheißung!

Lassen Sie uns ländliche

Räume als Zukunfts räume

denken und das am besten gemeinsam

mit den Flüchtlingen.

Ihr

AXEL BRASSLER

Geschäftsführer,

Evangelischer Verband

Kirche Wirtschaft Arbeitswelt (KWA)

INHALT

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24 21

VORWORT

GRUSSWORTE

ANDACHT

Die Blickrichtung Gottes –

eine Orientierung für unsere Zeit

THEMA

Migration und Flüchtlinge –

Problemlösung für den

Fachkräftemangel?

Ländliche Räume als

Zukunftsräume – Potenziale des

Handwerks einbinden

GUTE BEISPIELE

Werkraum Bregenzerwald –

Qualität durch Nähe

Der Wandel bekommt ein

freundliches Gesicht – Kooperation

von Wirtschaft und Kirchengemeinde

im ländlichen Raum

IMPULSE FÜR DIE ARBEITSWELT

Lebensphasenorientierte

Personalführung –

Impulse für eine bessere

Unternehmenskultur

Handwerk und Sonntagsschutz –

zum Schutz arbeitsfreier Zeiten

Gesundheitsvorsorge –

länger gesund arbeiten

ANDACHT

Mache den Raum deines

Zeltes weit – Jesaja 54,2

Impressum

2 HANDWERK & KIRCHE


GRUSSWORTE

DAS KÖNNEN DES

EINZELNEN IST DIE KRAFT

DES GANZEN

Was wäre unser Land ohne das Handwerk?

Was wären unsere Regionen ohne die Daseinsvorsorge

mutiger Betriebsinhaber, ohne

ihre fleißigen Mitarbeiter und ihre leistungswilligen

Auszubildenden? Unsere Regionen wären arm, ihre

Bevölkerung gleichermaßen. Das Handwerk gibt Kraft.

Es erlaubt dem Einzelnen, das Beste aus seinen Talenten

zu machen. Direkt vor der eigenen Haustür sehen wir

am Abend, was wir den Tag über geleistet haben –

zum Wohle unserer Kunden und der Bevölkerung. Das

Handwerk gibt Kraft und es gibt Selbstvertrauen in das

eigene Tun.

Die Selbstverwaltung des Handwerks bringt Menschen

in Lohn, Brot und Arbeit – unabhängig vom Alter, vom

Geschlecht oder der sozialen Herkunft. „Im Handwerk

ist nicht wichtig, woher man kommt – sondern wohin

man will.“ Das Handwerk integriert – Tag für Tag. Es

gibt dem Einzelnen eine Perspektive, ist sinnstiftend und

ergänzt damit Kirche und Glaube. Jede Handwerkerin,

jeder Hand werker kann ihren und seinen Platz im Ganzen

finden. Gerade in unserem Land, dort, wo Betriebe

und Arbeiter eng mit Land und Leuten verwoben sind,

ergibt das viele Gute im Kleinen die Kraft des Ganzen.

Dort, wo einzelne Menschen in Gruppen miteinander

und füreinander arbeiten, entwickelt das Hand werk

eine immense Energie – und den Willen zur Ge staltung.

Gerade der ländliche Raum hat diese Kraft – und es

ist gut, diese Kraft im Rahmen der Bundestagung

Handwerk und Kirche“ näher zu beleuchten. Ich freue

mich darauf.

JOACHIM KRIMMER

Präsident der Handwerkskammer Ulm

DAS PRINZIP HANDWERK

Handwerk und Kirche sind seit Menschengedenken eng miteinander

verbunden. Beide haben in der Geschichte der Christenheit

vielfältig zusammengewirkt. Und beide lassen sich leiten

von einem zentralen Gedanken: Menschen und nicht Prozesse müssen

im Mittelpunkt stehen.

Das Handwerk ist in den ländlichen Regionen unverzichtbar für das

Angebot von Arbeits- und Ausbildungsplätzen. Die handwerklichen

Betriebe sind darüber hinaus in den Dörfern wichtiger Nahversorger und

alltäglicher Anlaufpunkt für die Menschen. Mit ihren Produkten und

Dienstleistungen erhalten Handwerksbetriebe Lebensqualität. Gleichzeitig

stehen die Handwerker für gesellschaftliches Engagement vor Ort in

Vereinen und Verbänden, in kommunalen, sozialen und eben auch kirchlichen

Institutionen. Das ehrenamtliche Engagement in der und für die

Kirche ist für viele selbstverständlich, ob Meisterin und Meister oder

Gesellin und Geselle.

Allerdings müssen wir die Chancen nutzen, die die künftigen Entwicklungen

bieten. Dazu zählen aus Sicht des Handwerks zum Beispiel die

energetische Gebäudesanierung und das Bauen im Bestand, vor allem

auch das altersgerechte und barrierefreie Wohnen. Das Handwerk

wird dafür sorgen, dass es bleibt, was es schon immer ist: ein stabilisierender

Faktor, eine regionale Wirtschaftsmacht. Sozusagen die Wirtschaftsmacht

von nebenan. Wertschöpfung wird im Handwerk auch durch

Wertschätzung betrieben. Für dieses „Prinzip Handwerk“ haben wir noch

immer den Zuspruch der Kirchen bekommen. Und das ist eine gute

Perspektive für den ländlichen Raum.

Ich verspreche mir von diesem Kongress neue Impulse für den Austausch

und freue mich ganz besonders darüber, an diesem Austausch teilnehmen

zu dürfen. Denn beide Partner sind sich ihrer gesellschaftspolitischen

Verantwortung bewusst und beide unterstützen sich gegenseitig darin,

diese Verantwortung möglichst engagiert wahrzunehmen. So wird auch

der Wandel gelingen. Ich wünsche Veranstaltungen wie dieser eine große

Aufmerksamkeit in Kirche und Gesellschaft. Allen Teilnehmern wünsche

ich wertvolle Denkanstöße und einen spannenden Tag.

RAINER REICHHOLD

Präsident des Baden-Württembergischen Handwerkstages

HANDWERK & KIRCHE

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ANDACHT

DIE BLICKRICHTUNG GOTTES

EINE ORIENTIERUNG FÜR UNSERE ZEIT

Wenn etwas in Vergessenheit zu

geraten scheint, dann gilt es,

„ein besonderes Augenmerk“

da rauf zu verwenden und den Blick neu darauf

zu richten. Der „ländliche Raum“ scheint

eine solche neue Aufmerksamkeit nötig zu

haben, sonst würden wir nicht so oft von ihm

sprechen. Das gilt mittlerweile für etliche

Be reiche: für Kirche und Gesellschaft, ja

auch für die Wirtschaft, das Handwerk eingeschlossen.

Alles orientiert sich auf die

großen Städte, die Kultur sowieso und selbst

die kleinen Verkaufseinrichtungen auf dem

Lan de haben ums Überleben zu kämpfen.

Auch die Kirchen tun sich schwer damit,

„in der Fläche“ zu bleiben und gerade im

ländlichen Raum dünnen die Pfarrstellen

stark aus. Es fällt schwer, etwa Ärzte auf

dem Lande anzusiedeln, selbst „Prämien“

scheinen nicht wirklich zu helfen. Und auch

Handwerkerleistung ist auf dem flachen

Land viel schwerer nachzufragen, zu mal in

Zeiten, wo Handwerksbetriebe Hoch konjunktur

haben. Die Räume, in denen das

Leben spielt, haben solche schönen Namen

wie „Ballungsräume“ oder „Speck gürtel“.

Eine gute und nützliche Orientierung bietet

uns Gottes Wort: Gott sieht auf das Kleine,

auf das, was sonst übersehen wird. Die

Blickrichtung Gottes ist das „Unten“.

Martin Luther macht das deutlich in seiner

Auslegung des Lobgesanges der Maria,

das Magnificat, das wir im Lukas evangelium,

Kapitel 1, finden:

„Meine Seele erhebt den Herrn, und mein

Geist freut sich Gottes, meines Hei landes;

denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.

Siehe, von nun an werden mich

selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat

große Dinge an mir getan, der da mächtig

ist und dessen Name heilig ist.“

Luther fragt ganz anschaulich danach, wo

Gott denn anders hinschauen könnte? Wenn

er nach oben schauen wollte, so wäre da

nichts, den keiner ist über ihm. Wollte er zur

Seite schauen, da wäre da ja auch nichts,

denn keiner ist ihm gleich. Er muss also

„nach unten“ schauen, so dass er „die Niedrigkeit

seiner Magd“, Maria, genau sieht

und kennt. Diese grundsätzliche Blickrichtung

Gottes ist etwas Tröstliches für alle, die

unten sind. Sie sollen wissen: Sie werden

nicht übersehen.

Für die aber, die oben stehen oder meinen

ganz oben zu stehen, hat das allerdings

auch etwas Beängstigendes. Im Magnificat

heißt es weiter:

„Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut,

die hoffärtig sind in ihres Herzens

Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und

erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt

er mit Gütern und lässt die Reichen leer

ausgehen.“

Gehen wir also leer aus? Vermutlich werden

die wenigsten Menschen sich selbst als

„reich“ bezeichnen. Aber: Die meisten von

uns sind es! Deshalb wollen so viele Men-

4 HANDWERK & KIRCHE


Foto: Holger Giebeler

LÄNDLICHER RAUM: Gott sieht auf das Kleine, auf das, was sonst

übersehen wird – und gibt uns dadurch Orientierung und den Mut,

genau hinzusehen mit Gelassenheit und Nüchternheit.

schen zu uns kommen, weil sie hoffen, daran

wenigstens etwas Anteil zu bekommen.

Diese klare Einsicht über die „Blickrichtung

Gottes“ ist der christlichen Kirche

immer schon Orientierung gewesen. Wenn

sie auf Gott weist, richtet sich der Blick zum

Himmel. Er wird aber – orientiert an der

Größe und Güte Gottes – sofort wieder auf

die Erde blicken, und zwar auf die gerichtet,

die „unten“ sind.

Freilich, und das wissen wir alle sehr

genau, können wir auch das übersehen, was

uns direkt vor Augen liegt. Denken wir nur

an die bettelnden Frauen mit ihren Kaffee -

bechern, die in unseren Fußgänger zonen

sitzen. Ich ertappe mich immer wieder dabei,

dass ich am liebsten wegsehen möchte.

Warum? Will ich nicht zulassen, dass sie

mein Herz berühren? Natürlich weiß ich,

dass dahinter auch ganze Orga nisationen

stecken, die ihre Frauen auf die Straße zum

Betteln schicken. Aber trifft das für alle zu?

Meistens helfe ich mir aus dieser Verlegenheit

mit einer kleinen Geld münze, die ich in

den Becher werfe. Aber habe ich es nicht

doch eigentlich lieber, es würde keiner dort

sitzen? In unserer gut organisierten Sozialgesellschaft

wird auch meist vermieden,

dass wir der Not und dem Elend direkt ins

Auge blicken müssen. Dafür gibt es genügend

Spezialisten und Zuständig keiten.

Jetzt, im Blick auf die vielen Flücht linge, die

in unser Land drängen, scheint das aber

nicht mehr zu funktionieren. Wir können die

vielen Men schen nicht mehr übersehen.

ZUM AUTOR: AXEL NOACK ist Professor

für Kirchengeschichte an der Universität

Halle-Wittenberg und theologischer

Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft

Handwerk und Kirche.

In unseren „ländlichen Räumen“ herrschen

nicht Not und Elend. Sie sind nicht ganz

„un ten“, aber dennoch haben wir allen

Grund, auch dort genau hinzusehen. Das

ist nämlich das nächste, was für uns als

Orien tierung an der Blickrichtung Gottes

herauskommen muss: der Mut, genau hinzusehen

mit Gelassenheit und Nüchternheit.

Wir haben Gottes Blickrichtung und Güte

vor Augen, wenn wir auf das Kreuzeszeichen

sehen. Weiter „unten“ geht nicht. Wer aber

das Kreuz vor Augen hat, schaut nicht weg,

wenn es schwierig wird. Das gilt für die

vielen Probleme, die wir im und mit dem

„ländlichen Raum“ haben, aber auch für alle

anderen Schwierigkeiten, die uns bewegen

und beschäftigen, etwa die vielen Fragen

und Sorgen im Blick auf die so zahlreichen

Flüchtlinge.

Der bekannte Theologe Karl Barth hat das

einmal so formuliert: „Gerade aus der Gewissheit

des Glaubens muss der Mut folgen,

einer Situation in ihrer nackten, unverhüllten

Wirklichkeit ins Auge zu sehen. Mög licherweise

ergibt die Analyse, dass einige Befürchtungen

übertrieben, aber auch angeblich

sichere Hoffnungen vergeblich sind. …

Der Glaube erleuchtet, erklärt und leitet

alles. Er hilft, die Wirklichkeit wahrzunehmen,

und sei sie ein Meer von feindlichem

Erfolg und eigenem Misserfolg. … Der

Glaube schenkt die Kraft zu moralischem

Handeln auch in auswegloser Situation.

Wer nicht glaubt, wird inmitten der heutigen

Weltlage vor dem, was zu sehen ist, gewiss

lieber beide Augen verschließen und wird

gewiss auch alles Moralische für schöne,

aber unausführbare Ideen halten. Es braucht

aber nicht irgendeinen, sondern den rechten

Glau ben dazu, um heute klar zu sehen und

das Rechte zu wollen und auch zu tun.“

Deshalb tun die Kirchen gut daran, Menschen

dabei zu helfen, im Glauben, im Vertrauen

auf Gottes Güte, zu wachsen bzw.

stabil zu bleiben. Die Hilfe zum Glauben ist

unmittelbare Hilfe zum konkreten Leben in

dieser realen und heute für so viele unübersichtlichen

Welt.

HANDWERK & KIRCHE

5


Foto: Monkey Business - Fotolia.com

THEMA

INTEGRATION: Eine realistische Feststellung

der Kompetenzen und Eignungen und darauf

aufbauende Bildungs- und Schulungsangebote

sind Schlüssel zur Integration.

MIGRATION UND FLÜCHTLINGE

PROBLEMLÖSUNG FÜR DEN FACHKRÄFTEMANGEL?

DER VERSUCH EINER

STANDORTBESTIMMUNG

In diesen Tagen steht unsere Gesellschaft

vermutlich vor der größten Herausforderung

seit der Wiederver einigung

und dem Fall des Eisernen Vorhangs.

Vor dem Hintergrund des nicht abreißenden

Zustroms von Flüchtlingen kann niemand

exakt die künftigen Entwicklungen vorhersagen.

Allein im September 2015 sind mehr

Menschen zu uns gekommen als im ganzen

letzten Jahr. Dies zeigt auf, welche Dynamik

in der Thematik liegt. Seriöse Prognosen

können nicht vorliegen. Es sollte jedoch unbestritten

sein, dass die soziale Verantwortung

in unserer Gesellschaft so ausgeprägt

ist, dass wir den Flüchtlingen eine helfende

Hand reichen. Niemand macht sich ohne

größte Not auf den Weg und legt tausende

Kilometer unter größten Gefahren für sein

Leben zurück, wenn er in seiner Heimat

noch eine Perspektive für ein Leben unter

akzeptablen Bedingungen hat. Dies haben

die helfenden Bürger unseres Landes erkannt

und heißen folgerichtig die ankommenden

Flüchtlinge willkommen. Humanität

und Solidarität sind nicht nur wichtige Vokabeln.

Sie treiben unzählige Menschen an

und lassen diese zu Helfern in der Not werden.

Die Menschen in unserem Land leben

Nächstenliebe. Dies wird von der Zuversicht

begleitet, dass auch in Zukunft Menschen

unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher

sozialer und religiöser Prä gungen mit

verschiedenen kulturellen Hinter gründen

friedlich, gleichberechtigt und solidarisch

miteinander in Deutschland leben. Damit

dies gelingt, reicht es jedoch nicht aus, die

ankommenden Menschen willkommen zu

heißen. Es sind vielfältige Anstrengungen

notwendig, damit die große Aufgabe gelingen

kann.

Viele Menschen, die auf der Flucht zu uns

kommen, werden bleiben und in Deutschland

leben, für eine bestimmte Zeit oder für

immer. Nach oft akzeptierter Sichtweise ist

die Integration in unsere Gemeinschaft dabei

von großer Bedeutung. Unser Bundespräsident

sagte: „Unser Herz ist weit. Doch

unsere Möglichkeiten, sie sind endlich.“ Das

trifft unwidersprochen zu. Doch was bedeutet

das für uns, für unser Land? Wie schaf-

6 HANDWERK & KIRCHE


THEMA

fen wir es, mit begrenzten Ressourcen die

größtmöglichen Erfolge in der Frage der

Inte gration zu erzielen? Zur Beantwortung

dieser Frage soll an dieser Stelle der Versuch

gewagt werden, Lösungsansätze für

die Integration anerkannter Flüchtlinge und

Asylbewerber mit hoher Bleibe wahr scheinlichkeit

in den Arbeitsmarkt aufzuzeigen.

Dies stellt sicher nur einen Teilaspekt in der

Frage der Aufnahme von Flüchtlingen dar,

erscheint aber von großer Bedeutung.

„Alle Asylbewerber, die dauerhaft in

Deutschland bleiben, müssten die Chance

bekommen, zu arbeiten und den eigenen

Lebensunterhalt zu erwirtschaften“, sagte

Dr. Lothar Semper, der Hauptgeschäfts führer

des Bayerischen Handwerkstages kürzlich

im Rahmen eines Symposiums.

FESTSTELLUNG

DER KOMPETENZEN

UND EIGNUNGEN

Ein wichtiger Schlüssel zum Öffnen des

Arbeitsmarkts für die zu uns kommenden

Menschen liegt in der Frage der Kompetenzen,

die notwendig sind, um in der deutschen

Arbeitswelt Fuß zu fassen. Derzeit

liegen uns kaum gesicherte Erkenntnisse

darüber vor, welche Kenntnisse und Fähigkeiten

bei der aktuellen Flüchtlingsgruppe

vorliegen. Deshalb wäre eine Annäherung

an diese Thematik über – die leider viel zu

häufig genannten, aber sicher falschen –

Zahlen aus wissenschaftlicher Sicht nicht

seriös. Wir können derzeit keine gesicherten

Datenreihen über den Bildungsstand der zu

uns kommenden Menschen als Grundlage

verwenden. Zugegeben, wir wissen, welche

Bildungssysteme in den Haupther kunfts ländern

existieren, besser vielleicht existierten.

Schließlich reden wir von Regionen, in denen

seit vielen Jahren Kriege oder Bürgerkriege

eine reguläre Grund-, Aus- oder Weiterbildung

kaum zulassen. Zudem sind viele

Menschen schon seit langer Zeit auf der

Flucht und fern von Bildungsstätten. Man

muss deshalb davon ausgehen, dass das

tatsächliche Bildungs niveau bei Menschen

mit Fluchtgeschichte im Durchschnitt niedriger

ist als es bei einer rein theoretischen

Betrachtung sein sollte. Dies bedeutet, dass

zunächst Konzepte entwickelt werden müs-

sen, um die Menschen auf ihrem individuellen

Bildungsniveau ab zu holen. Hierzu sind

Angebote zur Feststel lung und Erfassung

der vorhandenen Kom petenzen, aber auch

Eignungen zu erarbeiten.

Es liegt auf der Hand, dass die Aus- und

Weiterbildungsmöglichkeiten und damit

auch die Vermittlungschancen auf dem

Ar beitsmarkt unmittelbar mit den Sprachkennt

nissen zusammenhängen. Hierzu

sagte Dr. Semper: „Wenn jedoch bei Sprachförderung,

Berufsvorbereitung und Qualifizierung

unnötig Zeit vertan wird, gefährdet

das den Integrationserfolg. Bildung ist und

bleibt der Schlüssel zur Integration. Nur

wenn die Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt

langfristig eine Chance haben, ist der Zustrom

der Menschen für unser Land auch

finanziell verkraftbar. Dann kann die Zuwanderung

zu einer Win-win-Situation werden,

ohne dass wir Menschen mit deutschem

Pass bzw. Migrationshintergrund bei der

Nachwuchs- und Fachkräftegewinnung vernachlässigen.“

ZUM AUTOR: DIETER VIERLBECK ist

Geschäftsführer der Handwerkskammer

für München und Oberbayern und

Vorsitzender der Arbeitsgemein schaft

Handwerk und Kirche.

Das Handwerk bietet hierzu beste Voraussetzungen.

Neben der Aufgabe, möglichst

viele Flüchtlinge in Ausbildung zu bringen,

müssen – auf der Basis einer großen Bereitschaft

der Handwerksbetriebe zur Aufnahme

der Flüchtlinge – in den Betrieben

die Rahmenbedingungen hierzu geschaffen

werden.

… UND SINNVOLLE

QUALIFIZIERUNG

Mit Blick auf den Fachkräftebedarf im Handwerk

muss festgehalten werden, dass kein

Heer an Helfern ohne verwertbare Quali fi kation

eine Beschäftigung im ersten Arbeitsmarkt

finden wird. Benötigt werden qualifizierte

Fachkräfte. Damit die Flücht linge in

Deutschland schnell für den Arbeits markt fit

gemacht werden können, muss ihre beruf liche

Qualifikation frühzeitig erfasst und durch

Nachschulungen sinnvoll ergänzt werden.

An der Stelle muss ein Blick auf die Frage

der Anerkennung im Ausland erworbener

Qualifikationen gerichtet werden. Wie gehen

wir mit Bildungsabschlüssen um, die in den

Herkunftsländern erworben wurden? Als

rechtliche Grundlage ist das Anerken nungsgesetz

geschaffen worden. In Folge schuf

die Wirtschaft unterschiedliche Struk turen

zur Anerkennung beruflicher Ab schlüs se. Im

IHK-Bereich wurde mit der IHK FOSA eine

eigene Gesellschaft zur Anerkennung eingerichtet.

Das Handwerk etablierte ein Leitkammersystem.

Demnach sind Kompetenzen

zur Anerkennung der beruflichen Abschlüsse

zu den jeweiligen Her kunftsländern

bei bestimmten Hand werks kammern gebündelt.

Diese sind Dienst leister für die anderen

Kammern. Die Anerkennung spricht dann

aber jeweils die Handwerkskammer aus, bei

der der Antrag gestellt wurde. Im Hoch schulbereich

wird nach einem ähnlichen System

die Anerkennung von Hoch schulabschlüssen

vorgenommen. An der Stelle besteht die

Schwie rigkeit, dass in den meisten Herkunfts

ländern eine berufliche Bildung nach

unseren Systemen nicht existiert. Wenn es

eine entsprechende Struk tur gibt, bedeutet

dies, dass eine rein schulische Ausbildung

vorliegt. Oft wird diese dann mit Zertifikaten

beendet, die auf einen Hochschulabschluss

hinweisen. Dies ist mit unserem System der

Anerkennung schwer vereinbar. Es muss

darauf hingearbeitet werden, dass nicht

grundsätzlich eine Aner ken nung im Herkunftsland

erworbener Qualifi ka tionen auf

Hochschulniveau zum Standard wird. Von

besonderer Schwierig keit ist aber an der

Stelle auch, dass eine praktische Erfahrung

analog unserer Ge sellenquali fi kation oder

gar der Meister ebene kaum vorhanden sein

dürfte. Dies erfordert ein kriti sches Begleiten

der Aner kennungsfrage.

FLÜCHTLINGE SIND

HERAUS FORDERUNG

UND CHANCE

Handwerksbetriebe übernehmen in der Gesell

schaft Verantwortung. Sie helfen auch

an gesichts der derzeitigen Flüchtlings situation,

so ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer

HANDWERK & KIRCHE

7


THEMA

kürzlich in einem Gastbeitrag für das Fachmagazin

„U.J.S. – Uhren Juwelen Schmuck“

(10/2015): „Betriebe, die in eine Ausbildung

junger Flüchtlinge investieren, brauchen

dabei aber mehr Sicherheit seitens des

Staates.“

„Es wird zunehmend schwieriger, qualifizierten

Nachwuchs zu finden. Dem Handwerk

fehlen inzwischen jährlich 20.000

Auszubildende. Eine Herausforderung für die

gesamte Wirtschaft: Aufgrund der demografischen

Entwicklung gibt es insgesamt

150.000 Schulabgänger weniger als vor

zehn Jahren. Und immer mehr junge Leute

streben nach einem Bildungsabschluss, der

vermeintlich alle Chancen bietet: Abitur und

Studium. Dabei bietet eine berufliche Ausbildung

ein ebenso profundes Fundament

für eine berufliche Karriere. ... Um im Wettbewerb

bestehen zu können, brauchen wir

qualifizierte Fachkräfte. ... Und die Wirtschaft

halten wir nur am Laufen mit Zuwanderung.

Im Übrigen hat die Bundesrepublik

Flüchtlingen immer geholfen und sie integrieren

können.“

Hieran schließt sich die Forderung der Wirtschaft,

nach einer Ausbildung ein mindestens

zweijähriges Bleiberecht zu erhalten.

Faktisch wurde dieser Forderung bereits

Rechnung getragen, es wurden Zu sa gen

der Politik gemacht und ein Hemmschuh für

die Bereitstellung von Ausbildungs plät zen

damit beseitigt. So sind nun die Akteure

der be ruflichen Bildung gefordert, den

An schluss für die Menschen mit Fluchtgeschichte

zu ebnen. Ein Einstieg in die

Strukturen des Bil dungssystems in Deutschland

muss mit möglichst niedrigen Hürden

eröffnet werden.

Über die Bereitstellung von Bildungsangeboten

hinaus wird der Begleitung der

Flüchtlinge auf dem Weg in eine Ausbildung

eine besondere Bedeutung zukommen –

und auch während der Ausbildung muss

eine Betreuung sichergestellt werden. Dabei

kann auch ein Angebot der Kirche helfen,

denn gerade in der Freizeit ist es für Menschen

mit Fluchtgeschichte wichtig, eine

Anlaufstelle zu haben. Dies ist ebenfalls

eine Kernaufgabe, wenn die Integration erfolgreich

sein soll.

Foto: Monkey Business - Fotolia.com

DIALOG: Wenn alle Akteure einen

Dialog auf Augenhöhe führen,

kann Integration gelingen.

HANDWERK FIT

FÜR DIE AUSBILDUNG VON

FLÜCHTLINGEN MACHEN

Die Wege zu ebnen, bedeutet demnach,

auch die Akteure auf die neue Situation vorzubereiten,

das heißt die Qualifikation der

Ausbilder in den Betrieben und der Betreuer

im Umgang mit der neuen Zielgruppe.

Den Handwerksbetrieben muss ein

„Werk zeugkoffer“ zur Bewältigung der Aufgabe

bereitgestellt werden, in dem Bausteine

zur Qualifizierung der mit der Betreuung

und Ausbildung beschäftigten Personen

enthalten sind. Denn die eingesetzten

Mitarbeiter der schulenden Organisation

müssen eine hohe Fach- und Methodenkompetenz

sowie eine hohe interkulturelle

Kompetenz einbringen – dies beinhaltet eine

gute Reflexions fähigkeit, z. B. über unterschiedliche

Ver ständ nisse von Beruf und

Arbeit, Verein bar keit von Familie und Beruf,

Bewusstsein über verschiedene Gesellschafts

systeme, Normen, Rollenverständnis

se usw. Sie bringen außerdem Kenntnisse

von Migrations biografien und/oder

Erfahrungen mit der Zielgruppe mit. Hierzu

müssen passende Schulungskonzepte entwickelt

oder zumindest weiterentwickelt

werden.

BILDUNG IST DER

SCHLÜSSEL ZUM ERFOLG

Grundlegend für eine passgenaue Förderung

der beruflichen Integration ist die Erstellung

eines individuellen Bewerberprofils, das die

besonderen kulturellen und sprachlichen

Kompetenzen der Zielgruppe einbezieht.

Von großer Bedeutung ist dabei eine frühzeitige

Feststellung der Sprachkompetenzen

mit dem Ziel einer bedarfsgerechten Sprachförderung.

Neben der formalen Anerkennung

der mitgebrachten Schul- oder Berufsabschlüsse

sollen formelle und informelle

Kenntnisse und Fähigkeiten einbezogen

werden, um in Bewerbungsverfahren die

Potenziale der Flüchtlinge für Arbeitgeber

transparent zu machen. Maßnahmen für die

Flüchtlinge zur Befähigung zur Aufnahme

einer Ausbildung gehören demnach auch in

den „Werkzeugkoffer“.

Die inhaltliche Ausgestaltung der Maßnah

men soll für den einzelnen Teilnehmer

ei nen konkreten Nutzen bringen und anschlussfähig

sein, das heißt Ergebnisse

bringen, auf deren Basis ein weiterführender

Bera tungs-, Qualifizierungs- oder beruflicher

Eingliederungsprozess erfolgen kann.

Hierzu müssen geeignete Zertifizierungen

möglich sein.

In den Werkstätten der Bildungszentren

des Handwerks finden nach einer Potenzialanalyse

Maßnahmen zur Ergänzung vorhandener

Kompetenzen statt, um zeitnah eine

Integration in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

Komponenten der arbeitsplatzrelevanten

Standards im deutschen Berufsalltag

sowie kulturelle Rahmenbedingungen werden

vermittelt.

GEMEINSAM ZUM ERFOLG

Zum Gelingen der beschriebenen Maß nahmen

ist eine individuelle Ansprache, Förderung

und Begleitung der Flüchtlinge und der

Ausbildungsbetriebe gleichermaßen notwendig.

Nur wenn alle Akteure auf Augenhöhe

den Dialog führen, kann die Integration

gelingen. Nur gemeinsam können wir erfolgreich

sein.

8 HANDWERK & KIRCHE


Foto: JMP de Nieuwburgh - Fotolia.com

THEMA

HANDWERK UND KIRCHE:

Beide sind an ihre Standorte ge bunden

und ihnen damit verpflichtet.

LÄNDLICHE RÄUME ALS ZUKUNFTSRÄUME

POTENZIALE DES HANDWERKS EINBINDEN

Die ländlichen Regionen Deutschlands

stellen für das Handwerk

wich tige Zukunftsräume dar. Die

viel gestaltigen Gebiete sind heute traditionsreiche

Standorte hunderttausender Unternehmen

aus allen Gewerken. Unbe streitbar

bestehen erhebliche Heraus forde rungen, die

aus demografischen Um brü chen und dem

wirtschaftlichen Strukturwandel resultieren.

Keinesfalls dürfen ländliche Räume jedoch

ausschließlich aus der verengten Perspek tive

eines Rest- oder Problemraumes betrachtet

werden. Ihr Beitrag zur Qualität und Inno vationskraft

des gesamten Lebens- und Wirtschaftsstandorts

Deutschland ist un ver zichtbar.

In Zukunft entstehen neben Her aus forde

rungen auch neue Potenziale an ge sichts

wachsender Verbraucher an sprüche, der

Energiewende und des demografischen Umbruchs.

Politik und gesellschaftliche De batte

müssen stärker als bisher dazu beitragen,

die bestehenden Struk turen zu sichern,

neue Potenziale zu aktivieren und Stand ortbedin

gungen der kleinen und mittleren Betrie

be – auch außerhalb der Landwirtschaft –

zu verbessern.

HANDWERK UND KIRCHEN

IN LÄNDLICHEN RÄUMEN

Handwerk und Kirchen sind im Hinblick auf

die Sicherung der Zukunftsperspektiven

länd licher Räume natürliche Partner. Sie

prägen die ländlichen Regionen in räumlicher,

wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht.

Beide sind an ihre Standorte gebunden

und ihnen damit verpflichtet: Die

Kir chen durch ihre jahrhundertelang gewach

senen Strukturen und ihre Gemeinden,

die teils über Generationen ansässigen Familienunternehmen

des Handwerks, durch

ihre feste Bindung an ihren Standort, ihre

Kunden und Beschäftigten. Die Familienunternehmen

des Handwerks fühlen sich –

wie die Kirchen – Werten verbunden. Als

persönlich verantwortliche Unternehmer

kennen die Handwerker die Situation vor Ort

eingehend. Ohne die ortsansässigen Bäckereien,

Fleischereien, Friseure, Baubetriebe,

Metallbauer und zahlreiche andere Gewerke

mit ihren Meistern, Mitarbeitern und Auszubildenden

wären gesellschaftliche Strukturen

in den Dörfern und Kleinstädten kaum

aufrechtzuerhalten. Dazu tragen die persönlichen

Aktivitäten in den Gemeinderäten,

HANDWERK & KIRCHE

9


THEMA

Feuerwehren und Vereinen genauso bei wie

das Engagement der Handwerker in kirchlichen

Gremien. Auf Basis der Wahrung von

Traditionen und Heimatgefühl können Kirche

und Handwerk einen wichtigen Betrag dazu

leisten, die ländlichen Räume für die kommenden

Herausforderungen zu stärken.

HERAUSFORDERUNGEN

DER DEMOGRAFISCHEN

ENTWICKLUNG

Deutschland steht vor tiefgreifenden demografischen

Wandlungen, die zu einem

weiter wachsenden Anteil älterer Menschen

füh ren werden. Dieser Trend wird auf gesamtstaatlicher

Ebene aktuell durch die

Zuwanderung von außen lediglich überlagert,

aber nicht grundsätzlich verändert.

Zwangsläufig wird sich dieser Wandel in den

ländlichen Räumen besonders einschneidend

bemerkbar machen, da hier bislang

die Abwanderung von jüngeren Einwohnern

überwiegt und die externe Zuwanderung

noch wenig wirksam wird. Das Fach kräfteangebot

wird abnehmen, was gerade das

Handwerk weiter belastet. Vor diesem Hintergrund

ist die Fachkräftesicherung für

das Handwerk das Kardinalproblem: Schon

heute können in vielen strukturschwachen

Gebieten die Ausbildungsplätze nicht besetzt

werden. Aber auch in wirtschaftlich

stärkeren ländlichen Gebieten wirken die

Industrie und die Dienstleitungen der angrenzenden

Ballungsräume als große Konkurrenten

auf dem Feld des enger werdenden

Auszubildendenmarktes. Die Sicherung

des Fachkräftebedarfs erfordert deshalb in

den ländlichen Regionen neue Wege, neue

Ideen und vor allem das Zusammenwirken

aller wirtschaftlichen und gesellschaftlichen

Kräfte. Chancen bestehen: Das Handwerk

bietet auch in ländlichen Regionen Perspektiven

– eine große Vielfalt in zukunftsträchtigen

Berufen. Leider wird das heute noch

viel zu wenig in den Schulen und Medien

vermittelt. Seit einigen Jahren versucht das

Handwerk deshalb die Breite der Zukunftsberufe

stärker an die Jugend heranzutragen

und früh Perspektiven aufzuzeigen. Wenn

die Fachkräftesicherung nicht gelingt, werden

zahlreiche Unternehmen und ihre Angebote

aus den Regionen verschwinden. Durch

ihr Fehlen würde sich die Abwärtsspirale

der betroffenen Gebiete weiter drehen und

sie verlören zusätzlich an Attraktivität, gerade

auch für junge Familien.

HANDWERK MIT POTENZIAL: Die demografische

Entwicklung eröffnet Chancen

für Gesundheitshandwerker wie Optiker,

Hörgeräteakustiker, Zahntechniker usw.

POTENZIALE DES HANDWERKS IM

STRUKTURELLEN WANDEL DER

LÄNDLICHEN RÄUME AKTIVIEREN

Umso mehr muss man den Blick auf Potenziale

richten, die bereits in den ländlichen

Räumen – genutzt oder ungenutzt – bestehen

oder die durch den Wandel sogar erst neu

entstehen können. Ohne die damit verbundenen

Probleme aus den Augen zu verlieren,

eröffnet selbst der demografi sche Wandel

spezifische ökonomische Mög lich keiten: Generell

fragen ältere Menschen mehr handwerkliche

Leistungen als jüngere nach. Auf

diese potenziell ausbaufähige Nach frage

müssen sich die Betriebe ein stellen. Immer

mehr Menschen werden auch in den ländlichen

Räumen altersgerechten Wohnraum

benötigen – mit Sanitäranlagen, die über

barrierefreie Duschen und schwellenfreie

Zugänge verfügen. Auch den Ge sund heitshandwerken

bieten sich durch innovative

Geschäftsmodelle neue Chancen. Optiker,

Hörgeräteakustiker, Zahntechniker, Orthopädie

mechaniker und Orthopädie schuh -

macher sind in der Lage, bestimmte ergänzende

Aufgaben im Bereich der Ge sund -

heits dienstleistungen zu übernehmen und

die medizinische Versorgung angesichts der

geringer werdenden Ärztedichte zu unterstützen.

Ältere Menschen sind in besonderem

Maße auf kurze Wege und eine gute Nahversor

gung angewiesen, die auch die Handwerker

in den Dörfern und Kleinstädten

ge währleis ten. Neben den Lebensmittel-

Foto: Kadmy - Fotolia.com

hand werken – Bäcker, Metzger, Konditoren –

tragen auch zahlreiche perso nen bezogene

Dienste wie Friseure, Optiker, Kosmetiker,

Uhr ma cher, Schneider zur Versor gungs funktion,

Vielfalt und Lebendigkeit der Orte bei.

Diese Ver sorgungsstrukturen sind jedoch

durch Be völkerungsrückgang und durch die

Ent wicklung von überdimensionierten Einzel

han delskonzentrationen auf der Grü nen

Wie se akut bedroht. Das Verschwinden der

kleinteiligen Nahversorgung aus den Dörfern

und Kleinstädten und damit die Ge fährdung

der lokalen Lebensqualität nehmen bereits

heute teils dramatische Aus maße an.

Die Politik sollte dieser negativen Entwicklung

entgegenwirken. Initiativen zur

Sicherung der wohnortnahen Versorgung

müssen unterstützt werden, z. B. durch

Förderung von Konzepten von Handwerksbetrieben,

die mit anderen Dienstleistern

kooperieren, um Standorte zu erhalten. Die

Landesplanung muss zudem den Trend zur

Ausweisung von großflächigem Einzelhandel

an nicht integrierten Standorten stoppen.

Nur dann können die Chancen, die in einer

nachfragegerechten Versorgung in den

Dörfern und Kleinstädten liegen, auch genutzt

werden.

INTENSIVIERUNG DER

REGIONALEN WERTSCHÖPFUNG

Die zunehmende Sensibilisierung der Menschen

für hochwertige regionale Lebensmittel

eröffnet Perspektiven für Bäcker,

Konditoren, Brauer und Fleischer und kann

als Gegengewicht zur drohenden Ver drängung

durch Produkte der Lebensmittelindus

trie wirken. Viele Menschen erkennen

immer stärker den Wert der qualitätsvollen

Produktion, Verarbeitung und Vermarktung

von regionalen Lebensmitteln. Handwerker

können hier in Zusammenarbeit mit Landwirtschaft,

Handel und Gastronomie noch

viele Potenziale heben, indem gemeinsam

diese Qualität geboten und für mehr Bewusstsein

bei den Verbrauchern geworben

wird. Hierfür gibt es schon viele gute Beispiele,

wie die Genussregion Oberfranken,

die in herausragender Weise bestehende

Qualitäten einer Region – ausgehend vom

Bäcker-, Fleischer- und Brauerhandwerk

unter Einbeziehung der Landwirtschaft –

10 HANDWERK & KIRCHE


THEMA

aber mangelt es in ländlichen Gebieten

heute an einer ausreichenden Breitbandversorgung,

die auch den perspektivischen

Bedarf abdecken kann. Politik und Telekommunika

tionsunternehmen müssen deshalb

in ländlichen Räumen in gleicher Weise

wie in Ballungszentren die Anbindung an

leis tungs fähiges Breitband sicherstellen, um

den Betrieben – genauso wie den Fachkräften,

Familien und Verwaltungen der Regio

nen – die Chance zu geben, an modernen

Entwicklungen teilnehmen zu können.

Neben dem Engagement der gesellschaft

lichen Akteure ist es auch eine staatliche

Aufgabe, die Rahmenbedingungen für

eine selbsttragende wirtschaftliche Ent wicklung

zu schaffen und regionale Wert schöpfungs

prozesse anzuregen. Heute sind die

Förderstrukturen noch fast ausschließlich

auf den Landwirtschaftsbereich fokussiert.

Nach dem sich die europäischen För dermöglichkeiten

auch zugunsten der nichtlandherausgearbeitet

und weiterentwickelt hat.

Die regionalen Wertschöpfungsketten von

der Erzeugung über die Verarbeitung bis

hin zur Vermarktung sind heute jedoch in

vielen Regionen unterbrochen. Eine stärkere

Zusammenarbeit würde es erlauben, die

Pro duktion und die Vermarktung von Lebens

mitteln auf spezifische regionale Identitäten

und Qualitäten auszurichten, etwa

über die gemeinsame Vermarktung der

regio nalen Landwirtschaftsprodukte mit

Her kunfts bezeichnung.

Auch außerhalb des Nahrungsmittelbereichs

bestehen vielfältige Möglichkeiten,

um durch eine intensive Zusammenarbeit

die Möglichkeiten der ländlichen Gebiete

besser zu nutzen. Ein zukunftsträchtiges

Feld der Zusammenarbeit ist vor allem der

Bereich des Anbaus, der Verarbeitung und

der Ver marktung von erneuerbaren Roh stoffen.

Zahlreiche Gewerke, die mit Bau stoffen,

Holz, Textilien und Metall arbeiten, können

hier einen wichtigen Beitrag leisten, um auf

Basis von Hanf, Schilf, Raps, Flachs und

forstwirtschaftlichen Erzeugnissen neue

nachhaltige Werkstoffe, Baumate ria lien und

Gebrauchsgegenstände zu schaffen.

Handwerkliche Traditionen, die sich teils

über Jahrhunderte entwickelt haben, verleihen

vielen Kulturlandschaften erst ihren

spezifischen, unverwechselbaren Charakter

und damit auch Lebensqualität und touristische

Attraktivität. Man denke an die Uhren

des Schwarzwaldes, die Musikinstrumente

aus Thüringen, das Holzspielzeug des Erzge

birges, die Privatbrauereien Frankens, das

Glashandwerk in Bayern oder zahlreiche regionale

Spezialitäten des Lebensmittel handwerks.

Dem Handwerk kann auch in weiteren

Regionen bei der Wiederaufnahme von

häufig „verschütteten“ regionalen Be ga bungen

und traditionellen Fertigungs tech niken,

z.B. im Holz-, Glas- oder Textil hand werk,

eine entscheidende Rolle zukommen.

Ein weites und zukunftsträchtiges Feld

eröffnet sich für Experten des Handwerks

im klimagerechten Umbau, dem Aufbau erneuerbarer

Energien und in der intelligenten

Haustechnik. Die Energiewende ist nur zu

bewältigen, wenn auch der ländliche Raum

einen wichtigen Beitrag dazu leistet. Es gilt,

dezentrale Energieversorgungssysteme,

nach wachsende Rohstoffe und Energieeffizienz

maßnahmen als große Chance für

zusätzliche regionale Wertschöp fungs potenziale

zu begreifen. Handwerker als hoch

qualifizierte Energie- und Effizienzexperten

beraten schon heute Landwirte und Privathaushalte

und entwickeln sich zunehmend

zu umfassenden Energiedienstleistern. In

diesem Feld sind noch sehr viel weitergehende

Konzepte durch Kombination und

Vernetzung verschiedener Energiequellen

denkbar.

STANDORTBEDINGUNGEN IN DEN

LÄNDLICHEN RÄUMEN SICHERN

Die Nutzung dieser Potenziale und die Aktivierung

von Innovationen setzen heute

leis tungsfähige Kommunikationsverbindungen

voraus. An der Möglichkeit zur gleichberechtigten

Teilnahme an der Digitali sierung

von Wirtschaft und Gesellschaft entscheiden

sich auch die Zukunftschancen

des ländlichen Raums insgesamt. Vielfach

ZU DEN AUTOREN: KARL-SEBASTIAN

SCHULTE und CARSTEN BENKE sind

Geschäftsführer bzw. Referatsleiter

beim Zentralverband des Deutschen

Handwerks (ZDH).

wirtschaftlichen Wirtschafts be reiche erweitert

haben, fordert das Hand werk, dass

auch die Gemeinschaftsaufgaben des Bundes

und die Länderprogramme vermehrt

integrative, branchenübergreifene Ansätze

unterstützen. Dabei geht es vor allem um die

Schaffung von Plattformen zur Zusam menarbeit

und die Sicherung des ländlichen

Raums durch infrastrukturelle Maßnahmen

und die gezielte Initiierung wirtschaftlicher

Entwicklungen insgesamt.

MIGRATION IN LÄNDLICHEN

REGIONEN

Ein Thema darf zurzeit nicht fehlen: Ländliche

Räume werden durch die Flüchtlingskrise

verstärkt Orte für Migration. Dies ist

eine große Herausforderung, kann aber auch

für Regionen, die von Bevölkerungs rückgang

und Fachkräftemangel betroffen sind,

Chancen bieten. Dabei müssen aber die

spe zifischen Bedingungen von Klein städten

und Dörfern berücksichtigt werden, um Integration

in den Arbeitsmarkt und die örtliche

Gesellschaft zu ermöglichen. Mi gran ten können

hier zumeist nicht auf gewachsene Netzwerke

von schon ansässigen Zu wan derern

zurückgreifen. Das ist einerseits ein Problem

für die Zugezogenen, andererseits bietet

diese Situation die Mög lichkeit, die Integration

zu beschleunigen, wenn die notwendigen

Voraussetzungen geschaffen werden.

Das Handwerk ist hier schon durch zahlreiche

Initiativen zur Un terstützung und Berufsintegration

aktiv, um aus einer Her ausforderung

eine Chance zu generieren.

FAZIT

Die Beispiele zeigen, dass Handwerks betriebe

eine Pionierrolle in der nachhaltigen

Regionalentwicklung übernehmen und Träger

wichtiger Innovationen sind. Die neuen

Herausforderungen – insbesondere die

Alterung der Bevölkerung, die Fach kräftesicherung

und die Bewahrung regionaler

Infrastrukturen – gilt es gemeinsam mit allen

Akteuren zu bewältigen. Katas tro phenszenarien,

wie sie vielfach in der Presse

kursieren, sind unangebracht. Auch bei abnehmender

Bevölkerungszahl können ländliche

Regionen in Zukunft attraktive Lebensund

Wirtschaftsräume bleiben.

HANDWERK & KIRCHE

11


HANDWERK+FORM

GUTE BEISPIELE

WERKRAUM BREGENZERWALD

QUALITÄT DURCH NÄHE

www.werkraum.at

Handwerk+Form ist ein gestalterischer

Wettbewerb, der 2015 zum siebten Mal

ausgetragen wird. Er ist ein wesentlicher

Beitrag zur Förderung der Zusammen arbeit

von Handwerkern aus dem Bregen zerwald

mit Entwerfern und Architekten aus dem

In- und Ausland. Der Wettbewerb soll die

aktuellen Leistungen und die Produktqualität

im Handwerk beeinflussen und

heben. Die Einreichungen müssen in Bregenzerwälder

Werkstätten gefertigt sein.

In einer Ausstellung werden alle 115 zum

Wettbewerb eingereichten Arbeiten in

neun ehemaligen Werkstätten und Wirtschafts

gebäuden gezeigt. Ausgangs- und

Sammelpunkt ist das Werkraumhaus, es

bildet den Rahmen für die handwerkliche

Festwoche, für die Bewirtung und das

Rahmenprogramm. Für die kleinsten Gäste

ist an den Ausstellungwochenenden eine

betreute Kinderbaustelle eingerichtet.

Alle Einreichungen zum Wettbewerb sind

in der Werkraum Zeitung dokumentiert.

Foto: Adolf Bereuter

ZUR AUTORIN: RENATE BREUSS ist

Geschäftsführerin des Werkraums Bregenzer

wald. Die promovierte Kunst historikerin

lehrt an der Fachhochschule Vorarlberg

Designgeschichte und Designtheorie.

Der Werkraum Bregenzerwald vereint

seit 1999 innovatives Handwerk

unter einem Dach. Was als

regionale Initiative begann, findet heute internationale

Anerkennung. Die gemeinsame

An strengung von 85 klein- bis mittelstruk -

turier ten Unternehmen zielt, als Antwort

zur Mas senproduktion des globalen Marktes,

auf ein neues Selbstverständnis des

Hand werks.

Was Handwerk seit jeher auszeichnet,

ist, das Nützliche mit dem Schönen zu verbinden.

Im Bregenzerwald deckt sich diese

Tra dition mit dem zeitgenössischen Anspruch

an Form und Funktion. Die Zusammen

arbeit mit Designern und Architekten ist

daher ebenso naheliegend wie die Anwendung

moderner Technologien und die Auseinan

dersetzung mit dem Thema Nachhaltigkeit.

Als Impulsgeber und gemeinsame Plattform

fördert der Werkraum Austausch und

Ko ope ration. Eigenständige Betriebe finden

hier Anregung, Austausch und die Mög lichkeit

projektbezogener Zusammenarbeit. Dafür

bildet der Wettbewerb Hand werk+Form

alle drei Jahre ein Kernelement. Be triebsund

branchenübergreifende Ko ope rationen

nehmen hier ihren Anfang.

Das im Sommer 2013 eröffnete Werkraumhaus

– geplant vom renommierten und dem

Handwerk sehr verbundenen Architekten

Peter Zumthor aus der Schweiz – verstärkt

diese Impulsfunktion. Es macht die Leis -

tungen des Handwerks ganzjährig sichtbar

und dient gleichzeitig als soziokultureller

Treff punkt.

Viele ländliche Regionen kämpfen mit Landflucht,

Abwanderung qualifizierter Fachkräf

te, Imageverlust bei jungen Menschen,

Standortproblemen. Der Werkraum Bre -

genzer wald steuert dem mit seiner Philo sophie

und konkreten Taten entgegen. Handwerk

und das Erlernen von Handwerksberufen

sollen ihren hohen Stellenwert

erhalten. Und der Fokus auf Qualität in jeder

Hinsicht sollen das Arbeiten, das Produ -

zieren und das Leben im Bregenzerwald

attrak tiv machen.

Fotos Werkraum: Roswitha Natter

12 HANDWERK & KIRCHE


GUTE BEISPIELE

Fotos: Lukas Kirchengemeinde

3

1

LUKAS-KIRCHENGEMEINDE IM EDER- UND ELSOFFTAL: Miteinander der

Ortsvorsteher der politischen Gemeinde unter dem Dach der Kirchengemeinde (1),

Übermittagsbetreuung für die Grundschule im Gemeindehaus (2), PC- und Internetkurs

von Jugendlichen für Seniorinnen und Senioren (3), Tagesbetreuung (4)

2 4

DER WANDEL BEKOMMT EIN FREUNDLICHES GESICHT

KOOPERATION VON WIRTSCHAFT UND KIRCHENGEMEINDE

IM LÄNDLICHEN RAUM

„Nun arbeite ich seit über 50 Jahren

als selbstständiger Unternehmer

hier im Dorf – und Sie

sind der erste Pfarrer, der sich in all den

Jahren bei mir vorstellt!“ So reagierte der

Senior-Chef eines mittelständischen Unternehmens

auf meinen Besuch als Gemeindepfarrer.

Wie weit haben sich Arbeitswelt und

kirchliches Leben voneinander entfernt,

wenn es in 50 Jahren nicht zu einem einzigen

Kontakt zwischen prägenden Akteuren

eines gemeinsamen Sozialraumes gekommen

ist? Haben sich Alltag und kirchengemeindliches

Leben voneinander getrennt,

weil die im 19. Jahrhundert entstandene

bin nenkirchliche Vereinsmentalität in einer

reinen Restauration der Kirchlichkeit im

20. Jahrhundert nicht überwunden wurde?

Die Herausforderungen des 21. Jahrhun derts

zwingen zum Umdenken: demografischer

Wan del, doppelte Erwerbstätigkeit, Fach arbeitermangel,

Integration – nur einige der

ZUM AUTOR: RALF KÖTTER – der

promovierte Theologe richtet seit 1997

sein Wirken als Gemeindepfarrer konsequent

an den Interessen, dem Bedarf und

den Herausforderungen der Menschen in

der ländlichen Region aus.

Herausforderungen unserer Zeit, die in Konkurrenz

nicht mehr zu lösen sind. Nach dem

wir seit Jahren über unsere Verhält nis se und

auf Kosten nachfolgender Genera tionen gelebt

haben, sind integrierte Konzepte gefragt.

Aus dem Bereich der Sozialwissen-

schaften kommt der Ansatz der „caring

com munitys“, im Bereich der Dia konie wissen

schaften rückt der Impuls der „Gemeinwesendiakonie“

immer deutlicher in den

Fokus. Beiden ermutigenden Bewegun gen

ist die Einsicht in die Notwendigkeit der

Netzwerkarbeit gemeinsam. Im Wechsel

von einer Dienstleistungs- und Versorgungsgesellschaft

zu einer Gesellschaft partnerschaftlicher

Teilhabe kommt zudem eine verheißungsvolle

Einsicht in Grundbedin gun gen

gelingenden Menschseins zum Aus druck.

DER DIALOG MIT DER

HEIMISCHEN WIRTSCHAFT …

Die Lukas-Kirchengemeinde im Eder- und

Elsofftal liegt an der äußersten Peripherie

des Landes Nordrhein-Westfalen. Seit 15

HANDWERK & KIRCHE

13


GUTE BEISPIELE

Foto: Lukas Kirchengemeinde

Ein gespendeter GENERATIONENBUS sowie das

Engagement von Vereinen und Ehrenamt ermöglicht

die Vernetzung der Menschen in der Region.

Jahren experimentieren wir mit der Vernetzung

aller Akteure im ländlichen Raum.

Unzählige Gespräche wurden geführt – zunächst

und ganz besonders mit den heimischen

Unternehmen, die vielfach noch in

Familienbesitz sind und deshalb eine ganz

besondere Verantwortung gegenüber ihren

Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern empfinden.

So verblüfft die Reaktion der Unternehmer

über unser Gesprächsangebot auch war,

so groß war ihre Bereitschaft, gemeinsam

darüber nachzudenken, wie wir nachhal tig

„attraktives Leben, Wohnen und Ar bei ten in

ländlicher Region“ gestalten können. Wohlgemerkt:

Es ging zunächst aus drücklich

nicht um finanzielle Unterstüt zung – ganz

im Gegenteil: Die Kirchengemeinde ist mit

ihren Ressourcen in Vorleistung getreten

und hat Projektmodule entwickelt, deren

Sinn haftigkeit gerade auch im Dialog mit der

heimischen Wirtschaft einsichtig war:

• ambulante und stationäre Betreuungsangebote

für Seniorinnen und Senioren,

die älteren Menschen eine neue Lebensqualität

bescheren und pflegende (meist

berufstätige) Angehörige verlässlich entlasten,

• eine Übermittagbetreuung für die Kinder

der örtlichen Grundschule, in der bis in

den Nachmittag hinein eine professionelle

Be gleitung gewährleistet ist und wichtige

integrative Impulse gesetzt werden,

• eine offene Kinder- und Jugendarbeit, die

Familien stärkt.

Dies sind nur drei Beispiele von sozialdiakonischen

Projektmodulen, die wir der heimischen

Wirtschaft präsentieren konnten. In

der Tat sind wir mit unserem Angebot auf

offene Ohren gestoßen, der Mehrwert auch

für die Unternehmen war offensichtlich.

… FÖRDERT GEMEINSCHAFTLICHE

VERANTWORTUNG …

Am Ende unserer Gespräche durften wir auf

die Unterstützung von 50 Unternehmen der

Region bauen: von den Banken über die

mit telständische Industrie und kleinere

Hand werksbetriebe bis hin zu den Vollerwerbs

landwirten. Alle haben sich mit

ihren Erfah run gen und mit ihrem Namen für

diesen ge samtgesellschaftlichen Aufbruch

in einen vernetzten Sozialraum hinein stark

gemacht – ein unschätzbarer Schub im

Ausführlich informiert

Ralf Kötter über diesen

Aufbruch in seinem

Buch DAS LAND IST

HELL UND WEIT.

Leiden schaft liche Kirche

in der Mitte der Gesellschaft,

Berlin 2014.

Bestreben, viele kleine Dörfer in ländlicher

Region zukunftsfähig zu machen.

Erst später sind über die ideelle Unterstützung

hinaus auch finanzielle Mittel geflossen,

bis hin zur Spende eines behindertengerecht

ausgebauten Kleinbusses, mit

dem 3000 Menschen aus sieben Dörfern

auf einer Grundfläche von 60 km 2 vernetzt

werden, cofinanziert durch heimische Vereine,

die die Betriebskosten decken, im

Fahrdienst gewährleistet durch ein koordiniertes

System ehrenamtlicher Busfahrer.

… FÜR EINE BUNTE VIELFALT

UND TEILHABE

Kirchengemeinde und heimische Wirtschaft

ziehen an einem Strang, um den Sozialraum

attraktiv und lebenswert zu gestalten. Unter

stützt wird diese konzertierte Aktion inzwischen

auch von der Stadt Bad Berle burg.

Ein integriertes Gebäudemanagement wur de

vereinbart, mit Städtebaumitteln wird ein

kirchliches Gebäude zum multifunktionalen

Generationenzentrum ausgebaut. Die politischen

Vertreter der Dörfer beraten unter

dem Dach der Kirchengemeinde, um die

großen Herausforderungen gemeinsam zu

schultern und in den einzelnen Dörfern neues

Potenzial für individuelle Allein stel lungsmerkmale

zu entwickeln. Mit einem ökonomischen

Begriff sprechen wir vom Cluster-

Management, das an einer gemeinsamen

Wertschöpfungskette entlang Sym biosen

und Kooperationen fruchtbar werden lässt.

Am Ende dieser breiten Bewegung steht ein

verändertes Denken in den Köpfen der Menschen:

Der Wandel bekommt ein freundliches

Gesicht. Sicher, vieles wird anders,

aber manches ist eben auch deutlich besser

als früher. Das macht Mut: Seit einiger Zeit

steigt die Zahl der Geburten an. Immer mehr

Menschen sind bereit, sich bürgerschaftlich

zu engagieren. Ängstliche Konkurrenz vergangener

Tage verwandelt sich in bunte

Vielfalt. Ein begeisterter Aufbruch hin zu

Teilhabe und Partizipation ist entstanden,

der sich vom kritischen Zeitgeist wohltuend

abhebt. Die Zeit ist reif für den Perspektiven

wechsel. Man kann es förmlich spüren:

Die Luft riecht nach neuer Lust, Zukunft gemeinsam

zu gestalten!

14 HANDWERK & KIRCHE


THEMA

5000 BROTE – DAS AKTIONSJAHR 2015

Foto: Brot für die Welt

Fotos: Nora Langerock-Siecken

FRÜHJAHR 2015

Unter den teilnehmenden Konfirmandengruppen, die im Vorjahr fleißig für die

Aktion 5000 Brote gebacken hatten, wurde Anfang des Jahres der Hauptpreis

verlost – EKD-Ratspräsident Heinrich Bedford - Strohm höchstpersönlich

zog das Gewinnerlos und schickte damit zwanzig Konfirmandinnen und

Konfir man den aus Heuchelheim im März auf eine dreitägige Reise nach Berlin.

Auf die Konfis und ihre Begleiter wartete ein buntes Programm. Am ersten

Tag ging es mit einer Schiff-Fahrt auf der Spree los. Es folgte ein Besuch im

Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

(BMZ). Hauptthemen waren dabei die deutsche Entwicklungszusammen arbeit

und „Fairer Handel“. Am zweiten Tag hatte „Brot für die Welt“ die Konfirmanden

eingeladen. Die Konfis konnten den Fluss „ihrer“ eingenommenen

Spenden nachvollziehen und Rückfragen zu den Projekten stellen. In zwei

Workshops erfuhren sie zusätzlich, wie die Entwicklung von Projekten ganz

konkret funktioniert, und bekamen Informationen zum Thema Kinderarbeit.

Im Anschluss fand ein Besuch beim Zentralverband des Deutschen Bäckerhand

werks statt. Frisch gestärkt mit den Köstlichkeiten aus der Backstube

konnten die Konfis Berlin auf eigene Faust entdecken. Am dritten Tag tauchte

die Gruppe ein in das politische Geschehen der Stadt. Mit einer Führung im

Bundestag fand die Berlin- Reise ein würdiges Ende.

SOMMER 2015

Auf dem Kirchentag in Stuttgart besuchten der

SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel und

Moderator Eckart von Hirschhausen den Stand

von „Brot für die Welt“, um sich über die Aktion

zu informieren – und backten spontan einfach

mal mit.

Fotos: Annelies Bruhne

ERNTEDANK BIS 1. ADVENT 2015

Das Backen geht weiter! Konfi-Gruppen sind bundesweit dazu

aufgerufen, gemeinsam mit Bäckerinnen und Bäckern Brot zu

backen. Mit den Spenden werden drei unterschiedliche Projekte in

Kolumbien, Bangladesch und Ghana unterstützt.

www.5000-brote.de

HANDWERK & KIRCHE

15


IMPULSE FÜR DIE ARBEITSWELT

LEBENSPHASENORIENTIERTE PERSONALFÜHRUNG

IMPULSE FÜR EINE BESSERE UNTERNEHMENSKULTUR

Das Handwerk hat wie viele wirtschaftliche

Branchen mit den Fol gen

der demografischen Entwick lung zu

kämpfen. Die gute Konjunktur ein her gehend

mit dem demografischen Wandel führt zu

einem Mangel an Fach kräften und Auszubildenden.

Der Aufwand, den man betreiben

muss, um Mitarbeiter/innen zu finden, wird

höher und bindet mehr Zeit und Geld. Daher

wird es immer wichtiger, Mitarbeiter/innen

im Betrieb zu halten.

Eine aktuelle Umfrage der Handwerkskammer

für München und Oberbayern zeigt

auf, dass 24 Prozent der Betriebe zwar ihre

Arbeit bewältigen können, jedoch noch weiteres

Personal einstellen würden. Bei 18

Pro zent der Betriebe hemmt der Fach kräfteman

gel die Entwicklungsmöglichkeiten sogar

gravierend. In der Summe führt der Fachkräfte

mangel bei über 40 Prozent der Betriebe

zu Einschränkungen und dieser Trend

wird sich in Zukunft noch verstärken.

Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken,

wollen 37 Prozent der Betriebe ältere

Arbeitnehmer bis zum Eintritt in die

Rente halten. Folglich liegt der Schlüssel für

ein längeres Arbeiten im Erhalt der Gesundheit

der Mitarbeiter/innen, aber auch der

Betriebsinhaber.

Doch nicht nur die älteren Arbeitnehmer

sollen bis zur Rente im Betrieb bleiben.

Auch die jungen Mitarbeiter/innen gilt es,

erst gar nicht gehen zu lassen. Hier spielt

die Steigerung der Arbeitgeberattraktivität

eine immer größere Rolle.

GEEIGNETE INSTRUMENTE FINDEN

Der engagierte Einsatz für eine Verbesse rung

der Unternehmenskultur, für gesundheitsför

derliche und familienbewusste Ar beits -

bedin gungen und für berufliche Ent wicklungs

perspektiven ihrer Be schäf tigten sind

hier Stellgrößen. Aber auch ein Teil rentenmodell

oder eine Unterstützung von Mitarbei

ter/innen mit gesundheitlichen Einschrän

kungen oder einer Behinderung durch

geeignete Hilfs mittel kann vor allem ältere

Mit arbeiter/innen bis zur Altersrente im

Be trieb halten. Somit wird der Verlust von

wert vollem Wis sen dieser wichtigen Arbeitskräfte

vermieden.

Die kleinbetrieblichen Strukturen der

Handwerksbetriebe sind hier ganz klar ein

Vorteil. Sie führen automatisch zu engen

und fast familiären Bindungen und damit zu

einem großen Verantwortungsbewusstsein

für die Mitarbeiter/innen. Das ist eine große

Stärke des Handwerks.

Dieser gute und enge Kontakt zu den

Mit arbeiter/innen ist die wichtigste Grundlage,

um rechtzeitig auf mögliche Veränderungen

in den einzelnen Lebensphasen der

Mit arbei ter/innen zu reagieren. Diese vorausschauende

lebensphasenorientierte Per sonal

planung ist ebenso für die Planungssicherheit

im Handwerksbetrieb wichtig.

DIE AUTOREN: EVA BECK ist Demografieund

Integrationsberaterin an der

Handwerkskammer für München und

Oberbayern. Diakon STEFAN HELM ist

beim Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt

(KDA) zuständig für die Fachstelle Kirche

und Handwerk.

Sicherlich ist es schwierig für die Arbeitsorganisation,

wenn ein Mitarbeiter für ein

paar Monate in Elternzeit geht. Die Alternative

wäre jedoch, den Mitarbeiter ganz zu

verlieren, weil seine privaten Bedürfnisse

keine Akzeptanz finden und nicht auf Verständnis

stoßen. Eine offene Kommunikation

ist hier das A und O und wichtig für eine

vor ausschauende Personalplanung im Betrieb.

Das fordert auf beiden Seiten Verständ

nis für die jeweilige Situation des

anderen. Auch die bayerischen Wirtschaftsverbände

reagieren darauf mit einem Familienpakt,

der sicherstellen soll, dass die

Belange von Fa milien stärker in den Fokus

der Unter neh men gelangen.

Aber nicht nur die familiären Bedürfnisse

in der Kernfamilie der Mitarbeiter/innen sind

zu berücksichtigen. Immer mehr Mitarbeiter/

innen haben pflegebedürftige Angehörige zu

Hause. Das Gesetz zur besseren Vereinbarkeit

von Familie, Pflege und Beruf ist am

1. Januar 2015 in Kraft getreten und beinhaltet

folgende Eckpunkte:

• Rechtsanspruch auf Freistellung mit Kün -

digungsschutz für pflegende Ange hörige,

• mehr Freiheit für pflegende Angehörige

bei der Vereinbarkeit von Pflege und Beruf,

• finanzielle Unterstützung durch das Pflegeunterstützungsgeld

oder das zinslose

Darlehen für pflegende Angehörige.

OFFENE KOMMUNIKATION UND

MITARBEITERGESPRÄCHE

Elternzeit, Pflegezeit, gesundheitliche Einschränkungen

und Teilrente: Dies sind für

Be triebsinhaber oft Belastungen. Es sind

bürokratische Hürden, schwierige Situationen,

aber auch wirtschaftliche Fragestel -

lungen, die es neben der arbeitsintensiven

hand werklichen Arbeit zu klären gilt. Jedoch

kann eine Personalpolitik, die gezielt auf

die Belange jedes einzelnen Mitar bei tenden

eingeht, den Zusammenhalt im Be trieb stärken,

die Arbeitgeberattraktivität erhöhen,

zur Fachkräftesicherung und somit zu einem

wirtschaftlich stabilen Unterneh men beitragen.

Ein geeignetes Instrument, um die Bedürfnisse

und den Bedarf der Mitarbeiter/innen

zu erfahren, kann das Mitarbeiter gespräch

sein. Viele Informationen werden in

den Hand werksbetrieben informell zwischen

dem Chef und den Mitarbeiter/innen ausgetauscht.

Ein kurzes Gespräch auf dem Gang

oder auf der Baustelle ersetzt aber keineswegs

eine standardisierte Vor gehens weise

des Informationsaustausches. Sinn voll ist

es, dieses Einzelgespräch als festes Instrumentarium

im Jahresablauf zu installieren

und regelmäßig durchzuführen. Es ist Ihren

Mitarbeitern gegenüber eine Wertschätzung

und kann für Sie als Betriebsinhaber ein unverzichtbares

Planungsinstrument sein.

16 HANDWERK & KIRCHE


IMPULSE FÜR DIE ARBEITSWELT

HANDWERK UND SONNTAGSSCHUTZ

ZUM SCHUTZ ARBEITSFREIER ZEITEN

Quelle: Thomas Plaßmann

Zahlreiche Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer

müssen nicht nur unter

der Woche zeitlich flexibler als früher,

sondern auch an Sonn- und Feier tagen

arbeiten. Und dasselbe gilt für all diejenigen,

die als Inhaber von Hand werks betrieben und

Firmen Verantwortung dafür tragen, dass ihr

Betrieb am Markt bestehen kann und somit

Arbeitsplätze erhalten oder sogar neu geschaffen

werden können.

Diese Flexibilität bietet Chancen und

wird daher in bestimmten Bereichen gewünscht

und vehement gefordert. Sie bringt

zum Teil aber auch erhebliche Belastungen

für das Zusammenleben im privaten wie im

öffentlichen Raum mit sich. Das gilt für

Arbeitnehmer wie für Arbeitgeber gleichermaßen.

Nicht zuletzt wird ihr ehrenamtliches

Engagement in Kirchengemeinden

und überregionalen kirchlichen Einrich tungen

immer spürbarer von der gesellschaftlichen

Flexibilisierung betroffen. Daher ist

aus Sicht der Kirche ein Austausch aller

gesellschaftlichen Gruppen zum Sonntagsschutz

und zum Schutz verlässlicher arbeitsfreier

Zeiten nötig, der mehr als wirtschaftliche

Fragen zur Sprache bringt.

In der gemeinsamen Arbeitsruhe liegt

eine große gesellschaftliche Kraft. Soziale

Räume, in denen Menschen das Leben jen-

seits ökonomischer Zwänge und der übli chen

hierarchischen Arbeitsbeziehungen mit einan

der teilen können, sind eine unverzichtbare

Quelle des sozialen Friedens. Dies gilt

auch und gerade für moderne Gesell schaf ten

unter den Bedingungen der Globalisie rung.

ALLIANZ FÜR

DEN FREIEN SONNTAG

Im gesamten Gebiet der Bundesrepublik gibt

es daher inzwischen zahlreiche regionale

Allianzen für den freien Sonntag. Auf Bundes

ebene entstand die „Allianz für den freien

Sonntag Deutschland“ im Jahr 2006 im Zusammenhang

der Föderalismusreform, die

einen Wettbewerb der Bundesländer um die

längsten Ladenöffnungszeiten und die meisten

verkaufsoffenen Sonntage veranlasste.

Die kirchlich-gewerkschaftlichen Initiatoren

treten auf den verschiedenen politischen

Ebenen, auf denen über Sonntagsarbeit

entschieden wird, gemeinsam für den

Sonntagsschutz ein. Träger der Sonntagsallianz

auf Bundesebene sind die Vereinte

Dienstleistungsgewerkschaft ver.di sowie

die arbeitnehmer- und arbeitsweltbezogenen

Verbände der beiden großen Kirchen:

Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB),

Bundesverband Evangelischer Arbeitnehmer

organisationen (BVEA), Katholische Betriebsseelsorge

und Kirchlicher Dienst in der

Arbeitswelt (KDA). Weitere Gewerkschaften

und Kirchenorganisationen sowie Familien-,

Frauen-, Sozial-, Sport- und Umweltver bän de

haben sich der Sonntagsallianz als Unterstützer

angeschlossen.

Politische Parteien sind Gesprächs partner

und Adressaten der Allianz und können

deshalb nicht selbst Teil der Initiative werden.

Die Allianz ist europäisch vernetzt und Mitglied

der im Jahr 2011 in Brüssel gegründeten

European Sunday Alliance. Als jährlichen

Aktionstag haben Sonntags schutz initiativen

in 17 europäischen Län dern den „Interna tionalen

Tag des freien Sonn tags“ am 3. März

www.allianz-fuer-den-freien-sonntag.de

ausgerufen. Rund um dieses Datum finden

Straßenaktionen, Gottesdienste oder politische

Diskussions veranstaltungen statt, die

den Wert des Kulturguts Sonntag ins Bewusst

sein rufen.

FORDERUNGEN

Die Allianz für den freien Sonntag setzt sich

für politische Entscheidungen in Bund und

Ländern ein, die Sonntagsarbeit auf das gesellschaftlich

notwendige Maß begrenzen.

Zu diesem Zweck fordert die Allianz für den

freien Sonntag:

• einheitliche und klare Grenzen für Sonntagsarbeit

durch nähere Bestimmungen

im Arbeitszeitgesetz, eine bundesweite

Be darfsgewerbeverordnung und länderübergreifende

Standards für verkaufsoffene

Sonntage,

• konkrete und praktikable Umsetzungsvor

gaben zum Arbeitszeit-, Laden schlussund

Feiertagsrecht und

• einen regelmäßigen Sonntagschutz be richt

der Bundesregierung, der die Entwicklung

der Sonntagsarbeit analysiert und

die Wirk samkeit des Sonntagsschutzes

überprüft.

ZUM AUTOR: RALF STROH ist Referent

für Wirtschafts- und Sozialethik am

Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung

der EKHN. Der promovierte Theologe setzt

sich beim KDA auch auf nationaler Ebene

für den Sonntagsschutz ein.

Foto: KDA Bayern

HANDWERK & KIRCHE

17


Foto: endostock - Fotolia.com

WEITERE INFORMATIONEN finden Sie unter

www.inqa.de und auf der AKKu-Projekt - Website

www.arbeitsfaehigkeit-erhalten.de

IMPULSE FÜR DIE ARBEITSWELT

GESUNDHEITSVORSORGE

LÄNGER GESUND ARBEITEN

Kleinere Unternehmen mit weniger

als 15 Beschäftigten, wie sie oft im

Handwerk zu finden sind, stehen im

Kontext der demografischen Entwicklung

vor ganz spezifischen Herausforderungen.

Das Ziel des im Rahmen der Initiative „Neue

Qualität der Arbeit“ vom Bundes ministerium

für Arbeit und Soziales geförderten Projektes

AKKu (Arbeitsfähigkeit in kleinen Unter nehmen

erhalten) ist es, die Arbeitsfähigkeit in

kleinen Unternehmen zu fördern und belastenden

Arbeitsbedingungen entgegenzuwirken.

Dabei wird neben dem Erhalt der Gesundheit

von Unternehmerinnen und Un ternehmern

und deren Beschäftigten auch die

Förderung einer positiven Unter neh menskul

tur, die Unterstützung lebensbegleitender

Lernprozesse und die bestmögliche Gestaltung

von Arbeitsprozessen und -bedingungen

berücksichtigt. Hierzu ist ein AKKu-

Werk zeugkasten entwickelt worden, der

auf den Bedarf kleiner Unternehmen zugeschnit

ten ist. Auf Basis einer Web-App können

sich die Beteiligten so mit der akti ven

Förderung und Erhaltung ihrer Arbeits fähigkeit

auseinandersetzen und auf diese Weise

die Arbeitsqualität erhöhen.

ARBEITSFÄHIGKEIT IN KLEINEN

UNTERNEHMEN ERHALTEN

Aufgrund des steigenden Durchschnitt s-

alters der Bevölkerung und des gleichzeitig

schrumpfenden Erwerbspersonenpotenzials

ist mit einem Nachwuchsmangel an Arbeitskräften

in bestimmten Branchen und Be ru fen

zu rechnen. Von diesem Nachwuchs mangel

sind kleinere Unternehmen mit we niger als

15 Mitarbeitenden potenziell in besonderer

Weise betroffen, da sie in verschiedener

Hinsicht (z. B. Jobsicherheit, Entgelthöhe,

Aufstiegsmöglichkeiten) mit den Angeboten

von Mittelständlern und Groß unternehmen

nicht konkurrieren können. Die kleinen Unternehmen

können und müs sen darauf reagieren,

indem sie dem Erhalt der Arbeitsfähigkeit

ihrer bestehenden Belegschaften

besonderes Augenmerk schenken.

ENTWICKLUNG DES

AKKu-WERKZEUGKASTENS

Insbesondere das Fehlen von Zeitressourcen

macht dies aber zu einer besonderen Herausforderung.

So bleiben auch kleinen Handwerksunternehmen

oftmals im Tages geschäft

kaum Spielräume, sich mit drängenden

Fragestellungen zur Arbeitsge stal tung

Die INITIATIVE NEUE QUALI TÄT

DER ARBEIT ist eine gemeinsame

Initiative von Bund, Län dern,

Verbänden und Institutio nen der

Wirtschaft, Gewerkschaften, Unternehmen,

Sozialver siche rungs trägern und Stiftungen.

Ihr Ziel: mehr Arbeitsqualität als Schlüssel für

Inno vationskraft und Wettbewerbsfähigkeit am

Standort Deutschland. Dazu bietet die im Jahr

2002 ins Leben gerufene Initiative inspirierende

Beispiele aus der Praxis, Beratungs- und

Informationsangebote, Aus tausch möglich keiten

sowie ein Förderprogramm für Projekte,

die neue personal- und beschäftigungs politische

Ansätze auf den Weg bringen.

auseinanderzusetzen oder Mitarbei tende zu

derartigen Themen freizustellen. Um hier

dennoch anzusetzen und den besonderen

Bedarf kleiner Unternehmen zu berücksichtigen,

wurden im AKKu-Projekt unter Federführung

der Zentralstelle für die Wei ter bildung

im Handwerk (ZWH) in Ko ope ra tion mit

dem Institut für Arbeits wis sen schaft (IAW)

der RWTH Aachen, dem In stitut für Sicherheits

technik (IST) der Bergi schen Uni versität

Wuppertal sowie der Unter neh mens beratung

d-ialogo bereits vorhandene, in verschiedenen

Projekten der Initiative neue Qualität

der Arbeit (www.inqa.de) entwickelte Instrumen

te zur Analyse und Ge staltung der Arbeit

in und mit Kleinst- und Kleinunter nehmen

für elektronische Me dien aufbereitet

und in einem „Werk zeugkasten“ zusam mengestellt

bzw. neue Werk zeuge speziell für

kleine Unternehmen entwickelt. Hierzu wurden

sowohl der inhaltliche Be darf als auch

der methodisch-didaktische Bedarf von kleinen

Unter nehmen in Form einer Be fra gung

zu Kom munika tions wegen, Work shops und

Ge sprächen mit Modell unter neh men erfasst.

Auf dieser Grundlage wurden u. a. folgende

Anpassungen vorgenommen:

• Die Anforderungen an eine einfache

Spra che werden berücksichtigt.

• Eine direkte Ansprache von Geschäftsführung

und Mitarbeitenden durch die

Ge staltung verschiedener (sprachlicher)

Ver sio nen der einzelnen Werkzeuge wird

eingeführt.

• Fast alle Werkzeuge werden sowohl im

Papierformat als auch als Web-App zur

Ver fügung gestellt (Berücksichtigung unterschiedlicher

Medien). Dies berücksichtigt

die Tatsache, dass nicht alle kleinen

Unter nehmen bereits multimedial gut

aufgestellt sind.

• Die AKKu-Werkzeuge sind möglichst kurz

und knapp gehalten, um die Be son der heit

zu berücksichtigen, dass in kleinen Unternehmen

meist die Geschäfts führung

für alles zuständig ist, was zusätzlich zu

der alltäglichen Arbeit noch anfällt.

18 HANDWERK & KIRCHE


DENKSCHRIFT

Fotos: KWA

Das Haus der Arbeitsfähigkeit: Darstellung in Anlehnung an: Ilmarinen,

J./J. Tempel (2002): Arbeitsfähigkeit 2010 – Was können wir tun, damit Sie gesund

bleiben?, Hamburg: VSA

DAS HAUS DER ARBEITSFÄHIGKEIT

Die Struktur des AKKu-Werkzeugkastens

orientiert sich an einem bekannten Modell

zur Arbeitsfähigkeit des finnischen Wis senschaftlers

Juhani Ilmarinen, der in seinem

„Haus der Arbeitsfähigkeit“* die wesentlichen

Faktoren wie Sicherheit und Gesundheit,

Qua li fi zierung und Kompetenz, Werte

und Ein stel lungen sowie Arbeitsbedingungen

abbildet. Im Projekt AKKu wurde das Modell

um die Dimensionen Sensibilisierung, Analyse

und Umsetzung sowie Medienformate

erwei tert. Der AKKu-Werkzeugkasten beinhaltet

Werk zeuge, die auf den Erhalt der

Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit sowohl

auf individueller als auch auf arbeitsorganisatorischer

Ebene abzielen. Um Mit -

ZUR AUTORIN: ANIKA GIEBEL arbeitet

in der Zentralstelle für die Weiterbildung

im Handwerk e.V. (ZWH) in der

Abteilung Neue Medien. Die Diplom-

Pädagogin ist dort Ansprechpartnerin

für das AKKu-Projekt.

arbeitende und Be triebsinhabende zur gemeinsamen

Gestal tung einer gesundheits -

förderlichen Arbeits um gebung anzuregen,

werden somit Werk zeuge zu den o. g., von

Ilmarinen definierten Bereichen zur Verfügung

gestellt, die es ermöglichen, die

Arbeitsfähigkeit im eigenen Unternehmen

aktiv zu gestalten.

Die AKKu-Werkzeuge haben in der Praxis

eine sehr gute Resonanz. Bislang (Stand

Ok tober 2015) nutzen bereits über 280 kleine

Unternehmen sowie fast 500 Mitarbeitende

die AKKu-Werkzeuge zum Erhalt ihrer Arbeitsfähigkeit.


DIE EKD-DENKSCHRIFT ZUR ARBEITSWELT

In der Ende April 2015 veröffentlichten Denkschrift „Solidarität und Selbstbestimmung

im Wandel der Arbeitswelt“ nimmt die EKD Stellung zu wesentlichen

Fragen unserer arbeitsteiligen Wirtschaft. Sie greift darin zentrale

Themen des Evangelischen Verbandes Kirche Wirtschaft Arbeitswelt (KWA)

auf, der aus den Arbeitsbereichen Handwerk und Kirche (AHK), evangelische

Arbeitnehmerarbeit (BEA) und Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt (KDA)

besteht. Nach den Denkschriften „Gerechte Teilhabe – Befähigung zu Eigenverantwortung“

und „Solidarität und Unternehmerisches Handeln in evangelischer

Perspektive“ ist diese Orientierungshilfe ein weiterer wegweisender

Beitrag in der sozialethischen Beurteilung unserer Arbeitswelt.

Der Evangelische Verband Kirche Wirtschaft Arbeitswelt begrüßt das in der

Denkschrift dargelegte Verständnis von Arbeit. Arbeit ist Gottesdienst im

Alltag und Wertschöpfung geschieht durch Wertschätzung der Mitarbeitenden.

Arbeit ist ein Gemeinschaftswerk, bei dem niemand ausgeschlossen werden

darf. Deshalb sind die in der Denkschrift erhobenen Forderungen nach einem

öffentlich geförderten Arbeitsmarkt, einer inklusiven Arbeitswelt und einer

auskömmlichen Entlohnung von zentraler Bedeutung.

Rahmenordnung, verlässliche Institutionen und eine sozialpartnerschaftliche

Zusammenarbeit sind auch in Zukunft notwendig, um den Herausforderungen

der Globalisierung, Digitalisierung und der Entgrenzung von Arbeit zu

begegnen. Die Denkschrift ist nicht der Abschluss einer Debatte. Sie ist eine

Ermuti gung, sich auch in Zukunft für eine solidarische und gerechte

Arbeitswelt zu engagieren.

Die ganze Pressemitteilung zur EKD-Denkschrift finden Sie unter:

www.kwa-ekd.de/blog/2015/08/neue-ekd-denkschrift-zur-arbeitswelt

* Vgl. Ilmarinen, J./J. Tempel (2002):

Arbeitsfähigkeit 2010 – Was können wir tun,

damit Sie gesund bleiben?, Hamburg: VSA

HANDWERK & KIRCHE

19


ANDACHT

MACHE DEN RAUM

DEINES ZELTES WEIT

„Mache den Raum deines Zeltes weit,

und breite aus die Decken deiner Wohnstatt;

Spare nicht! Spann deine Seile lang

und stecke deine Pflöcke fest!“

JESAJA 54,2

Wenn wir in ein anderes Land

kom men wollen, müssen wir unseren

Aufenthaltsort ändern. Es

gibt aber noch eine andere Möglichkeit: Wir

bleiben einfach am Ort und lassen die Zeit

vergehen. Meist dauert es länger, manchmal

geht es aber auch ganz schnell und wir wachen

quasi über Nacht in einem anderen

Land auf.

So war es zuletzt 1991. So ist es vermutlich

auch heute. Wir stehen in Deutschland

an der Schwelle zum Übergang in ein

anderes Land – ob wir es wollen oder nicht.

Menschen stehen an den Grenzen zu diesem,

unserem zukünftig wohl gemeinsa men

Land. Wir schauen angstvoll nach draußen,

sie schauen voll Hoffnung zu uns herein.

Niemand weiß, was kommt. Nur so viel

scheint gewiss: Dies ist keine Episode, die

wir aussitzen können. Das ist nicht in ein

paar Monaten vorbei. Wie werden wir den

unweigerlichen Wandel meistern? Vielleicht

mit einem Wort des Propheten Jesaja:

Mache den Raum deines Zeltes weit, und

breite aus die Decken deiner Wohnstatt.

Das ist ein Bild aus der Wanderungszeit des

biblischen Volkes Israel. Passend für ein

Volk, das im Begriff ist, ein neues Land zu

betreten. Passend also auch für uns. Denn

wir müssen uns eingestehen: Unser gemeinsames

Land ist noch lange nicht fertig! Wir

bauen unsere Zelte immer noch auf, wir

sind noch am Suchen. Darum haben wir uns

wie jede Wohn- und Lebensgemeinschaft

darüber zu verständigen, wie wir miteinander

leben wollen. Was sind die Grundwerte,

Rechte und Pflichten, die ausnahmslos für

alle Menschen in Deutschland gelten sollen,

für die 61 Prozent Christen, die 34 Prozent

Konfessionslosen und die 4 Prozent Muslime?

Eine „Überfremdung“ droht unserem

Land nicht durch Zuwanderung von außen,

sondern von innen her, durch Gleichgültigkeit,

durch Werte- und Orientierungs verluste.

Jetzt ist der Zeitpunkt, neu zu fragen:

In was für einem Land wollen wir leben –

und was sind wir dafür bereit, selber zu tun

und zu lassen?

Spare nicht! Wohl jede Region in Deutschland

ist im Laufe ihrer Geschichte irgendwann

einmal durch Zuwanderung wohlhabender

geworden. Wohlhabender – und

manchmal sogar auch frömmer. Zuletzt

durch die Millionen Zuwandererinnen und

Zuwanderer nach dem zweiten Weltkrieg,

die schwer geschuftet haben, um sich und

ihre Familien wieder in sichere Verhältnisse

zu bringen. Darum: Spare nicht – an den

Zuwanderern! Jeden Euro, den du jetzt bei

Bildung, Ausbildung und Integration sparst,

wirst Du später teuer bezahlen müssen.

ZUM AUTOR: JÜRGEN KEHNSCHERPER –

der promovierte Theologe ist Regionsleiter

beim KDA in Mecklenburg-Vorpommern

und Tagungsleiter des diesjährigen

FORUM OST.

Spann deine Seile lang und stecke deine

Pflöcke fest! Das heißt, mache deine Behausung

wetterfest und wasserdicht. Seile

ausspannen und Pflöcke einschlagen, das

HANDWERKERGOTTESDIENST

AUF DEM KIRCHENTAG FINDET

GROSSEN ZUSPRUCH

Anfang Juni 2015 besuchten gut 180 Be su cher

des Deutschen Evangelischen Kirchen tags

in Stuttgart den ökumenischen Handwer kergottesdienst,

der im Forum der Hand werkskammer

der Region Stuttgart gefeiert

wurde – darunter auch Ministerpräsident

a. D. Erwin Teufel. Pfarrer Martin Schwarz,

Vorsitzender des Kirchlichen Dienstes in der

Arbeitswelt Württemberg und Beauftragter

für Handwerk und Kirche, führte durch die

zweistündige Veranstaltung.

ist Netzwerkarbeit. Mit Pflöcken und Seilen

lassen sich nicht nur Zelte stabilisieren. Im

Gebirge werden ganze Berghänge mit Stahlnetzen

oder mit Wurzelwerk gesichert und

vor Erosion geschützt. Es ist gewaltig, was

Netzwerke leisten können. – Und genau das

ist auch die Chance des Handwerks als wirtschaftlicher

Fixpunkt in ländlichen Räu men!

Handwerksbetriebe bilden zusammen mit

Landwirten, Kirchengemeinden und bürgerschaftlich

engagierten Vereinen oft das einzige

Netz, das der demografischen Ero sion

etwas entgegenzusetzen vermag. Gera de

weil es wenig anderes gibt, sind diese Netzwerke

ungemein wirksam. Im Idealfall bilden

sie sogar Wurzeln und Pflöcke, die so viel

Halt geben, dass eine Kommune aufblüht

und wächst. Jeder von uns kennt vermutlich

Dörfer, in denen dies geglückt ist.

Das Handwerk leistet einen fundamentalen

Beitrag dafür, das Zelt unserer Gesellschaft

wetterfest zu machen, damit wir vor-

20 HANDWERK & KIRCHE


KIRCHENTAG

Fotos: Handwerkskammer Region Stuttgart

Für Kammerpräsident Rainer Reichhold

ge hö ren Handwerk und Kirche einfach zusammen

– auch heute seien Handwerker

fami lienorien tiert, würden christliche Werte

vorleben und sich in Kirche und Ehrenamt

engagie ren. Diese Aspekte betonten anschließend

in ihren Beiträgen auch Dieter

Vierlbeck, Bundesvorsitzender der Arbeitsgemein

schaft Handwerk und Kirche, und

Frank Sautter, Geschäftsführer der Bäcker-

Innung Region Stuttgart-Nord.

„Am Anfang waren Himmel und Erde – den

ganzen Rest haben wir gemacht“, zitierte

der baden-württembergische Minister präsident

a. D. Erwin Teufel seinen persönlichen

Lieblingsspruch aus einer Kampagne des

Handwerks. Er wies aber auch auf aktuelle

Nöte vieler Handwerker hin, einen Nachfolger

oder neue Lehrlinge zu finden.

„Früher hieß es einmal: Handwerk hat goldenen

Boden. Heute haben viele die Sorge,

dass ihnen der Boden unter den Füßen

wegbricht“, so Teufel in seinem Vortrag.

In der abschließenden Podiumsdiskussion

sprach Martin Schwarz mit Erwin Teufel,

Hans-Peter Ehrlich, evangelischer Stadtdekan

i. R., Walter Humm, Diözesanpräses

des Kolpingwerks DV Rottenburg-Stuttgart,

und Michael Winter, stellvertretender Ober -

meister der Bäcker-Innung Alb-Neckar-Fils

und Geschäftsführer der Bäckerei Winter

in Metzingen, über ihre jeweiligen Perspektiven

für Handlungs optionen im

Hand werk.

Martin Schwarz fasste seinen Eindruck

zusammen: „Beeindruckend beim

Hand werksgottesdienst in der Handwerks

kam mer war nicht nur die große

Resonanz mit über 180 Teilnehmenden

und Mitwirken den. Überzeugend war

auch die zupackende Art, wie viele

Betriebe gesellschaftliche Verantwortung

übernehmen. Zum Beispiel, wenn es

darum geht, Migrantinnen und Migran ten

eine berufliche Zukunft zu eröffnen.

Von diesen guten Beispielen können

wir lernen und wir sollten sie noch viel

bekannter machen.“

bereitet sind auf die Stürme und Herausforde

rungen des neuen Landes, in das wir

durch die Zeiten geführt werden. Wetterfest

auch gegen jeden Extremismus. Nur ein stabiles

Zelt können wir so weit machen, dass

wir und andere dort auch gerne wohnen

bleiben wollen und können.

Also, wenn dich Gott durch die Zeit in

ein neues Land führt:

Mache den Raum deines Zeltes weit,

und breite aus die Decken deiner Wohnstatt.

Spare nicht! Spanne deine Seile lang und

stecke deine Pflöcke fest!

Das diesjährige „Forum Ost“ des KWA in

Schwerin stand unter dem Thema Perspek tiven

auf ein Land. Eine Landrätin, ein Pfar rer,

ein Hauptgeschäftsführer und ein Minis ter

haben jeweils ihren Blick auf die Chancen

und Herausforderungen in ländlichen Räumen

in Ost und West im fünfundzwanzigsten

Jahr der Wiedervereinigung dargestellt.

Landesbischof Ulrich hat den Teilnehme rinnen

und Teilnehmern ein biblisches Bild mit

auf den Weg gegeben: Wenn Gott uns (auch

als Handwerk) durch die Zeiten hinwegführt

in ein neues Land, dann sorgt er auch für

uns, indem er uns einen reichen Schatz an

Erfahrungen mitgibt.

So hat Mose einst mit seinem Volk an der

Schwelle zu einem neuen Land gestanden

(4. Mose 13). Was hat er getan? Er hat Kundschafter

ausgeschickt: „Verschafft Euch

selbst eine Idee von dem Land, das vor Euch

liegt. Erkundet seine Möglichkeiten!“ Und

dann kommen die Kundschafter zurück mit

einer Riesentraube. Die Chancen des neuen

Landes sind gewaltig! Aber die Angst ist

größer: „Die Menschen in dem neuen Land

sind uns ganz und gar unheimlich. Die sind

hoch gewachsen. Das sind Riesen! Das

neue Land wird uns nicht ernähren, das

neue Land wird uns fressen!“

Dieser erste versuchte Übergang in ein neues

Land ist bekanntlich gescheitert. Die Mose-

Generation hat es nicht in das gelobte Land

geschafft. Sie mussten zurück in die Wüste.

Sie wurden gehindert durch ihre Angst

vor Riesen. Angst an sich ist gut, sie ist

lebenswichtig, sie schützt uns. Es gibt aber

auch „Scheinriesen“. Michael Ende hat sie

beschrieben. Wir sehen sie in der Ferne, sie

sind gigantisch. Je näher wir aber kommen,

umso unscheinbarer werden sie. Was sind

unsere „Scheinriesen“? Sie tragen viele

Na men: „Demografischer Wandel“, „Zu wande

rung“, „Angesichts knapper werdender

Mittel“.

Sehen wir zu, dass aus unserer Riesenangst

keine Heidenangst wird. Heidenangst

meint, dass uns unsere Angst zu Heiden

wer den lässt. Im Glauben, aber auch im Tun.

Das Land, in das Gott uns durch die Zeiten

hinwegführen wird, bietet Chancen und

Herausforderungen gleichermaßen.

HANDWERK & KIRCHE

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Wir arbeiten an wirtschafts- und sozialethischen Themen in christlicher

Verantwortung für Mensch, Gesellschaft und Umwelt.

UNSERE ZIELE

• Soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit des Handwerks in der Gesellschaft

• Gleichwertigkeit von beruflicher und allgemeiner Bildung

• Nachhaltiges Wirtschaften in der „Einen Welt“

• Eine gute Entwicklung des Handwerks in einem gemeinsamen Europa

• Selbstständigkeit im umfassenden Sinne

DAS NETZWERK ZWISCHEN HANDWERK UND KIRCHE

Wir knüpfen Verbindungen zwischen Organisationen des Handwerks und den Kirchen

in Arbeitskreisen, Tagungen und Studienreisen sowie Festveranstaltungen und

Gottesdiensten.

DER ANSPRECHPARTNER

Wir suchen das Gespräch mit MeisterInnen und GesellInnen, mit Auszubildenden, mit

allen im Handwerk Beschäftigten – persönlich und im Betrieb.

150-JÄHRIGE GESCHICHTE

Unsere 150-jährige Geschichte geht, über die Handwerkerbewegung 1952 in Stuttgart,

zurück auf Evangelische Gesellen- und Meistervereine von 1848, die durch

Johann Hinrich Wichern gegründet wurden. Wir sind ein Arbeitsbereich im Ev. Verband

Kirche Wirtschaft Arbeitswelt (KWA) in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

SO ERREICHEN SIE UNS IN DEN LANDESKIRCHEN

Unter http://www.ahk-ekd.de/kontakt/landeskirchen.php finden Sie eine aktuelle

Übersicht über die Ansprechpartner in allen Landeskirchen.

EVANGELISCHER VERBAND

KIRCHE WIRTSCHAFT ARBEITSWELT

Arbeitsgemeinschaft

Handwerk und Kirche

Friedrich-Karrenberg-Haus

Arnswaldtstraße 6

30159 Hannover

Telefon: 0511 473877-0

info@kwa-ekd.de

www.kwa-ekd.de

IMPRESSUM

HERAUSGEBER:

Ev. Verband Kirche Wirtschaft Arbeitswelt (KWA)

REDAKTION UND V.I.S.D.P:

Dr. Axel Braßler

Geschäftsführer KWA

Annelies Bruhne

Referentin für Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising

REDAKTIONSADRESSE:

Friedrich-Karrenberg-Haus

Arnswaldtstr. 6, 30159 Hannover

info@kwa-ekd.de

LAYOUT:

Holger Giebeler, www.magascreen.com

Auflage: 3000

November 2015

AUTORINNEN UND AUTOREN:

Eva Beck

Demografie- und Integrationsberaterin

Handwerkskammer für München und Oberbayern

Dr. Carsten Benke

Referatsleiter Regionalpolitik, Stadtentwicklung,

Infrastruktur und öffentliches Auftragswesen

Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH)

Dr. Axel Braßler

Geschäftsführer Evangelischer Verband

Kirche Wirtschaft Arbeitswelt (KWA)

Dr. Renate Breuß

Geschäftsführerin des Werkraums Bregenzerwald

Anika Giebel

AKKu-Projekt, Zentralstelle für die Weiterbildung

im Handwerk e.V. (ZWH)

Stefan Helm

Fachstelle Kirche und Handwerk beim

Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA)

Dr. Jürgen Kehnscherper

Regionsleiter Mecklenburg-Vorpommern beim

Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA)

Dr. Ralf Kötter

Gemeindepfarrer, Evangelische Lukaskirchengemeinde

im Eder- und Elsofftal, Bad Berleburg

Joachim Krimmer

Präsident der Handwerkskammer Ulm

Prof. Axel Noack

Professor für Kirchengeschichte an der

Universität Halle-Wittenberg

Theologischer Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft

Handwerk und Kirche

Rainer Reichhold

Präsident des Baden-Württembergischen

Handwerkstages

Karl-Sebastian Schulte

Geschäftsführer, Zentralverband des

Deutschen Handwerks (ZDH)

Dr. Ralf Stroh

Referent für Wirtschafts- und Sozialethik

Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der EKHN

Dieter Vierlbeck

Geschäftsführer der Handwerkskammer

für München und Oberbayern

und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft

Handwerk und Kirche

ISSN 1612-3417

Abbildung Titelseite: giebeler/magascreen / Bildnachweis: Fotolia.com (Fotografen: Markus Mainka, Monkey Business, Eugenio Marongiu, Mila Supynska, olly, Claudia Paulussen, Narayan Lazic, Wanja Jacob, JackF, Janina Dierks, Edler von Rabenstein, Franck Boston, Kaesler Media, vgstudio, Lana Langlois, ArtHdesign, Peterchen, Gina Sanders, Adam Gregor, runzelkorn, toolklickit, Dron, Robert Kneschke, Orhan Çam, Peter Maszlen, kanzefar, Coloures-pic, industrieblick)

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