PolarNEWS Magazin - 21 - CH

polarreisen

Geschichte

Die lange Suche

nach dem

kurzen Weg

Die Nordostpassage ist der kürzeste Seeweg zwischen

Europa und Asien. Jahrhundertelang wusste man aber

nicht mit Bestimmtheit, ob er tatsächlich existiert.

• Meer

• Insel

• Kap / Bucht / Passage

• Fluss

• Ortschaft

Text: Christian Hug

Der Papst musste wieder mal persönlich eingreifen:

Es war erst ein Jahr her, dass Christoph

Kolumbus den Seeweg nach Indien gefunden

hatte, und schon stritten sich die

Spanier und die Portugiesen um die erhofften

Schätze im neuen Land. Dass dieses

Land nicht Indien, sondern Amerika war,

wusste 1493 noch niemand, aber das spielte

auch keine Rolle: Die beiden grössten Seemächte

ihrer Zeit stritten sich um das Vorrecht

über die Seewege. Papst Alexander VI.

teilte mit der Bulle «Inter caetera» die Gebiete

im neuen Land in einen spanischen

und einen portugiesischen Sektor auf und

handelte ein Jahr später, 1494, mit dem Vertrag

von Tordesillas die Seeweg-Rechte aus:

Spanien hatte den Vorrang auf der Route

«geradeaus» über den Atlantik nach «Indien»

beziehungsweise Amerika, die Portugiesen

erhielten die Route «unten durch» rund

um Afrika zu demselben Ziel.

Somit war die Herrschaft über die Meere

wieder geregelt. Aber dies stellte die aufstrebenden

Seemächte England, Holland und

Dänemark vor ein grosses Problem. Denn

wenn die besten Routen bereits vergeben

waren: Auf welchem Weg sollten sie dann

nach Asien fahren?

Die Antwort lag auf der Hand: «oben

durch». Sprich: Norwegen und das Nordkap

umsegeln und der russischen Nordküste entlang

nach Asien fahren. Unglücklicherweise

war dieser Weg versperrt durch Eis, Eis und

noch mehr Eis, und darin gabs auch für die

grössten Dreimaster kein Durchkommen.

Man hatte also keine Ahnung, ob so hoch im

Norden überhaupt ein Seeweg existierte.

Man wusste auch nicht, ob auf der anderen

Seite Russland und Amerika miteinander

verbunden waren. Nach offizieller Lehre

wusste man damals noch nicht mal, dass die

Erde eine Kugel ist.

Das musste man alles erst herausfinden. Den

Mutigen gehört die Welt. Und so begann die

Suche nach der Nordostpassage, die 400

Jahre dauern und viele hundert Mutige das

Leben kosten sollte. Weil die Portugiesen

und die Spanier dank des Erlasses von Papst

Alexander VI. ihre Seewege gesichert hatten,

waren die beiden Nationen nie an dieser

Suche beteiligt.

Erster Versuch: 62 Tote

Es dauerte allerdings 59 Jahre, bis sich der

erste Europäer aufmachte, diesen Seeweg zu

finden – er sollte auch der erste sein, der seinen

Mut mit dem Leben bezahlte: Der Engländer

Sir Hugh Willoughby brach am

10. Mai 1553 auf mit drei Schiffen und 111

Mann Besatzung, elf davon waren Kaufleute.

Eines der Schiffe wurde schon bald in

einem Sturm von der Flotte getrennt, konnte

aber die Kola-Halbinsel umfahren und gelangte

sicher ins Weisse Meer.

Die anderen beiden Schiffe fuhren weiter bis

an die Küste eines bisher unentdeckten Landes.

Weil die Aufzeichnungen des Kapitäns

aber sehr vage blieben, ist bis heute nicht

ganz klar, welche Insel Willoughby sah. Es

könnte Nowaja Semlja gewesen sein.

Die Schiffe erlitten beträchtliche Schäden.

Willoughby ging in der Mündung der Warsina

vor der Kola-Halbinsel vor Anker und musste

dort überwintern. Darauf war die Mannschaft

allerdings weder vorbereitet noch ausgerüstet.

Sir Hugh Willoughby, 1495 – 1554.

38

PolarNEWS

Weitere Magazine dieses Users