PolarNEWS Magazin - 18 - CH

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Gruppenbild mit Pingus: Als die Männer endlich wussten, was ein Pinguin ist, posierten sie mit ihnen fürs Mannschaftsbild.

Füsse nicht warm. Die Zelte sind nicht

winddicht. Die Schlafsäcke werden schnell

feucht. Der Kompass funktioniert nicht, weil

sich im Gepäck Dinge aus Eisen befinden.

Nach sieben Tagen gibt Shirase auf. Die

Hunde sind halb tot vor Erschöpfung, die

Männer sind komplett demoralisiert. 160

Meilen haben sie zurückgelegt – und sie

sind noch nicht mal auf das Festland-Eis

gelangt, sondern wandern immer noch auf

dem Schelfeis. Sie haben lediglich die südliche

Breite von 80 Grad und 5 Minuten

erreicht.

Tapfer pflanzen die fünf Männer die japanische

Flagge ins Eis und schiessen wenig

begeistert ein Foto, sie vergraben eine Metallschachtel

mit Schriftstücken zu ihrer

Reise im Eis und machen sich auf den

Rückweg. Drei Tage später, am 31. Januar

1912, ist der Stosstrupp wieder dort, wo er

losgezogen ist.

Zwei Tage danach kommt die «Kainan

Maru» von ihrer Erkundungsfahrt zurück

in die Bucht der Wale. Das Schiff zirkelt

erneut durch das Treibeis so nahe wie möglich

an die Gletscherkante, damit der Stosstrupp

mit Material und Hunden zurück an

Bord genommen werden kann. Und schon

wieder macht ein Sturm den Männern einen

Strich durch die Rechnung: Mit Müh

und Not gelangen zwar die sieben Männer

zum Schiff, aber ein Temperatursturz lässt

die eh schon stark vereiste Bucht im Eiltempo

zufrieren.

Die Gefahr, dass das Schiff eingeschlossen

wird und über Monate im Eis gefangen

bleibt, ist hoch. Mit grossem Geschick

wendet Kapitän Nomura die «Kainan

Maru» und führt sie aus dem Packeis – in

antarktischen Dimensionen gesehen kann

man sagen: in allerletzter Sekunde. Ein

Grossteil des Materials bleibt an der Gletscherkante

zurück. Dort werden auch die

Hunde ihrem Schicksal überlassen.

Doch noch ein Held

Am 20. Juni 1912 läuft die «Kainan Maru»

unbeschadet in den Hafen von Yokohama

ein. Shirase wird von einer jubelnden Menge

als Held empfangen. Seine Mannschaft

hat er ohne Verluste heil zurückgebracht.

Den Presseleuten aller Welt ist das Lachen

vergangen. Sie berichten sachlich, aber

kurz von Shirases Rückkehr. In der «New

York Times» darf der Held sogar selber einen

knapp gehaltenen Bericht schreiben.

Darin erwähnt er, dass er zwar «viele wissenschaftlich

wertvolle Proben» aus der

Antarktis mitgebracht habe, dass diese aber

«zurzeit noch geheim gehalten werden

müssen».

Auch die japanische Regierung macht mehr

oder weniger ein Staatsgeheimnis aus der

ersten japanischen Antarktis-Expedition.

Warum das so ist, bleibt ebenfalls ein Geheimnis.

So gerät der dritte Mann im Wettlauf

um den Südpol, der nie ein ernsthafter

Konkurrent war, schnell in Vergessenheit.

In Japan selbst hält Nobu Shirase Vorträge

im ganzen Land. Mit den Honoraren zahlt

er seine auf heutige Verhältnisse umgerechnet

200 Millionen Yen Schulden ab, das

entspricht 1,8 Millionen Franken. Er stirbt

am 4. September 1946 im Alter von 85 Jahren

an einem Darmverschluss.

Am 16. Dezember 1959 schreibt die «Neue

Zürcher Zeitung» in einem Artikel über Japans

Verhältnis zur Antarktis-Konvention:

«Japans Beiträge zur Erforschung des Südpols

sind im Vergleich zu anderen Staaten

sehr gering. Im Winter 1911/12 versuchte

der Leutnant zur See Nobu Shirase mit einem

Dreimastschoner das Prinz-Ragnhild-

Land zu erreichen, scheiterte aber und kam

an der Küste im Eis um.»

Hat sich da schon wieder jemand über den

unerschrockenen Japaner lustig gemacht?

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