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Stammtischparolen

FAKTENCHECK: Asyl und Flucht

10. November 2015


Wir leben. Wir leben. Hauptsache, wir leben, und viel mehr ist es auch nicht als

leben nach Verlassen der heiligen Heimat. Keiner schaut gnädig herab auf unseren

Zug, aber auf uns herabschauen tun sie schon. Wir flohen, von keinem Gericht des

Volkes verurteilt, von allen verurteilt dort und hier. […]

Fast hätte uns die See vernichtet, fast hätten uns die Berge vernichtet, jetzt sind wir

in dieser Kirche, morgen werden wir in diesem Kloster sein, […], doch wo werden wir

übermorgen sein und danach? Wo wird uns ein Bett versagt werden, wo werden wir

uns ein Bett erzwingen können, wo werden sie uns wieder rauswerfen, wo werden

wir unsere eigenen Knochen vergraben können. […]

Wir schwinden, wir schwinden, werden aber mehr, komisch, wir schwinden trotzdem,

obwohl unsere Zahl anschwillt, […] wir werden mehr, aber immer weniger dabei, es

kommen viele gar nicht erst an, es fallen die leidenden Menschen wie Wasser von

Klippe, über die Kippe, übers Gebirg, durchs Meer, übers Meer, ins Meer, immer

geworfen, immer getrieben […], ja, genauso Leute wie wir!, die sind alle wie wir!

Aus „die Schutzbefohlenen“ von Elfriede Jelinek


Der vorliegende Folder ist im Rahmen

der Abschlussarbeit des

kso e -Lehrgangs „soziale Verantwortung

- Gestaltungskompetenz

für den gesellschaftlichen Wandel“

entstanden. Gemeinsam mit zwei

Kolleginnen – Michaela Wagner und

Sanja Ostroški – habe ich mich dem

Thema Asyl und Flucht gewidmet

und ehrenamtlich in verschiedenen

Einrichtungen und Initiativen mitgearbeitet.

Dabei lernte ich spannende

Menschen kennen, genauso wie ihre

bedrückenden Geschichten. Angesichts

des mangelnden politischen Willens

zur Verbesserung des Umgangs und

der Achtung der Menschenrechte von

asylsuchenden Menschen, ist es mir ein

persönliches Anliegen, Solidarität und

Verständnis zu fördern.

Bei der tieferen Auseinandersetzung

mit dem Thema Flucht und Asyl, wird

man sehr schnell mit Vorurteilen konfrontiert.

Viele der Aussagen, die in

zahlreichen Gesprächen in den letzten

Wochen zu hören waren, stehen in Verbindung

mit Unwissenheit und werden

als „Stammtischparolen“ oftmals ohne

langes Überlegen nachgeplaudert.

Sinnentrissene Aussagen und Bilder

werden in den sozialen Medien wie

facebook und twitter rasant verbreitet

und als Hetzinstrumente verwendet.

Es kommt zu einer Meinungsbildung,

die auf falschen Darlegungen basiert.

Immer mehr stellte sich die Frage: Wie

kann man diese mit Fakten, Argumenten

und Erzählungen dementieren,

um die Menschen vom Gegenteil zu

überzeugen?

Die vorliegende Auflistung der

# 10 Paradevorurteile entstand

aus Gesprächen mit Lehrgangskolleg/

innen, Menschen im Umfeld, Asylwerber/innen

sowie eigenen Reflexionen

und soll als Argumentationsbasis

dienen. Für die Gegenargumente

wurden verschiedene Quellen hinzugezogen.

Beweisen auch Sie Zivilcourage und

engagiertes Handeln im Alltag bzw.

im eigenen Umfeld und entkräften Sie

existierende Vorurteile:

REFUGEES WELCOME!

Elisabeth Freudenthaler

1


# 1 VORURTEIL: „Das sind keine Flüchtlinge sondern

Wirtschaftsmigrant/innen.“

GEGENARGUMENTE:

55 Stunden verbrachte ein junger Iraker auf

einem kleinen 8 Meter langen und völlig

überfüllten Holzboot nur ein geringer Teil

einer langen Reise, mit vielen Hürden. Zwei

syrische Brüder erzählten, sie verbrachten 8

Monate in der Erstaufnahmestelle in Traiskirchen

(NÖ) unter widrigsten Bedingungen.

Zwei weitere junge Männer aus dem Irak

fragen eine Woche nach ihrer Ankunft völlig

verzweifelt, wie sie denn auf legalem Wege

wieder nach Hause kommen können.

Gleichzeitig betonen sie, dass sie aufgrund

der derzeitigen Situation nicht zurück

können.

Das prinzipielle Unterscheidungsmerkmal

von Flüchtlingen und Migrant/innen

ist, dass Migrant/innen per Definition

ihre Heimat freiwillig verlassen

und auch wieder dorthin zurückkehren

können. Natürlich gibt es unter den

Migrant/innen Menschen, die ihre Heimat

aufgrund von extremer Armut und

Not verlassen, um ihre persönlichen

Lebensbedingungen zu verbessern.

Dem Gesetz nach, sind diese Menschen

aber keine Flüchtlinge.

Flüchtlinge müssen ihre Heimat

verlassen, weil ihnen in ihrem Herkunftsland

Gefahr droht. Dies wird

im Rahmen eines Asylverfahrens vom

Staat genau überprüft. Ebenfalls wird

geprüft, ob Österreich überhaupt für

die Durchführung des Verfahrens zuständig

ist (Stichwort: Dublin Verordnung).

Die von Österreich unterzeichnete

Genfer Flüchtlingskonvention

(GFK = wichtigstes völkerrechtliches

internationales Dokument für den

Schutz von Flüchtlingen) definiert

Flüchtlinge als Menschen, die sich

außerhalb ihres Heimatlandes befinden

und die wegen ihrer Ethnie, Religion,

Nationalität, Zugehörigkeit zu einer

bestimmten sozialen Gruppe oder

wegen ihrer politischen Überzeugung

eine wohlbegründete Furcht vor

Verfolgung haben und den Schutz

ihres Landes nicht in Anspruch nehmen

können oder wegen dieser Furcht vor

Verfolgung nicht dorthin zurückkehren

können.

2

Jene Menschen, deren Fluchtgründe


* Menschen weltweit auf der Flucht bis Ende

2014

59,5 Millionen auf der Flucht davon:

+ 19,5 Millionen Flüchtlinge,

zwar nicht als Grund für eine Asylgewährung

gewertet werden können,

aber deren Rückkehr aufgrund der

Lage in ihrem Herkunftsland nicht

vertretbar ist, bekommen subsidiären

Schutz. Diese Aufenthaltsberechtigung

ist an eine Befristung von

1-2 Jahren gekoppelt, und wird je nach

Entwicklung der Lage im Herkunftsland

verlängert oder nicht.

Gemäß Statistiken von UNHCR waren

Ende 2014 weltweit rund 59,5 Millionen

Menschen auf der Flucht*. Alleine

im Jahr 2014 haben fast 14 Millionen

Menschen aufgrund von Krieg oder

gewalttätigen Konflikten ihre Heimat

verloren. 1

Von Jänner bis August 2015 haben

insgesamt 46.133 Personen einen

Asylantrag in Österreich gestellt. Das

Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl

(BFA) hat 2014 rund 28.000 Asylanträge

geprüft, in etwa 7.000 Fällen wurde

Asyl gewährt. Der positive Bescheid,

berechtigt die Personen dauerhaft

in Österreich zu bleiben. Ende 2013

lebten rund 15.000 subsidiär Schutzberechtigte

in Österreich (aktuellere

Zahlen sind offiziell nicht vorhanden). 2

1 vgl. UNHCR/ÖIF/BAOBAB (2015):

Aufbrechen, Ankommen, Bleiben: Bildungsmaterial zu

Flucht und Asyl.

2 vgl. BM I (2015): Vorläufige ASYLSTATISTIK

September 2015.

+ 1,8 Millionen Asylwerber/innen

+38,2 Millionen Binnenvertriebene (innerhalb

eines Staates vertriebene Menschen)

(Gemäß Statistiken von UNHCR) 1

Asylanträge in Östterreich

Jänner-August 2015

46.133 gestellte Anträge auf Asyl davon:

+ 12.948 Syrien

+ 10.487 Afghanistan

+ 6.419Irak

+ Weitere Herkunftsländer

Pakistan, Kosovo, Somalia und

die Russische Föderation.

Angaben des Bundesministeriums für Inneres BMI (vorläufige

Asylstatistik September 2015)

geprüfte Anträge 2014

28.000 bearbeitete

Asylanträge

7000 positive Bescheid

http://medienservicestelle.at/migration_bewegt/2015/01/27/

asylantraege-2014-gestiegen-7-000-mal-asyl-gewaehrt/

ZUSAMMENGEFASST: Flucht hat IMMER einen bestimmten

Grund. Die Genfer Flüchtlingskonvention definiert, wer ein Recht

auf Asyl hat. Allen Asyl suchenden Menschen muss das Recht auf

ein faires, rechtsstaatliches und den Menschenrechten entsprechendes

Asylverfahren gewährt werden.

3


# 2 VORURTEIL: „Bald werden wir uns im eigenen Land

fremd fühlen.“

GEGENARGUMENTE:

Asylwerber/innen: Personen, die in einem

fremden Land um Asyl – also um Aufnahme

und Schutz vor Verfolgung – ansuchen

und deren Asylverfahren noch nicht abgeschlossen

ist. Bei positivem Abschluss des

Asylverfahrens, sind sie Asylberechtigte bzw.

anerkannte Flüchtlinge.

anerkannte Flüchtlinge: Personen, deren

Asylantrag positiv entschieden wurde. Sie

sind rechtlich als Flüchtlinge anerkannt.

Asylberechtigte dürfen dauerhaft in Österreich

bleiben. Sie sind Österreicher /innen

weitgehend gleichgestellt.

http://www.bfa.gv.at/glossar/

Im September 2015 sind fast 200.000

Flüchtlinge angekommen, im selben

Monat haben jedoch nur 10.000 Menschen

in Österreich um Asyl angesucht.

2015 wird insgesamt mit etwa

80.000 bis 85.000 Asylwerber/

innen gerechnet. Bei rund 8,5 Millionen

Einwohner/innen Österreichs

wären das umgerechnet 0,94 %

bzw. 1 % der Gesamtbevölkerung.

Dies bedeutet nicht, dass diese

Ansuchen auch alle genehmigt werden.

Laut UNHCR-Schätzungen gab es in

Österreich 2014 rund 60.000 anerkannte

Flüchtlinge. Die Sorge, sich

im eigenen Land fremd zu fühlen ist

also völlig unbegründet. 3

3 vgl. der Standard (7.10.2015): 200.000 Menschen auf der

Flucht passierten im September Österreich Oesterreich

sowie ORF News (13.10.2015): Asylwerber sollen „Chance

bekommen“.

4


Ein Gefühl der Fremdheit bzw. Andersartigkeit

entsteht meist durch Unwissenheit

und fehlende Kommunikation.

Wie wäre es, wenn Sie den Dialog mit

Asylwerber/innen in ihrer Umgebung

suchen und statt der Unterschiede

Gemeinsamkeiten ausfindig machen

würden?

Oftmals führt Angst und Unwissenheit

vor dem Fremden zu einer Überbewertung

des Eigenen, der eigenen Kultur,

von Werten und Identitätsmerkmalen.

Jede und jeder von uns hat plurale

Identitäten. Die scheinbare Kontinuität

und Stabilität der „eigenen“ Kultur ist

de facto nicht vorhanden. Seit Zehntausenden

von Jahren Menschheitsgeschichte

hat sich der Mensch über die

Welt ausgebreitet. Historisch betrachtet

ist Sesshaftigkeit ungewöhnlich und

Wanderung der Normalfall menschlicher

Existenz.

Zahlreiche Organisationen freuen sich über

Ihre Unterstützung im Bereich Flucht & Asyl:

Arbeiter Samariterbund

Caritas

Diakoniewerk

Rotes Kreuz

Volkshilfe

sowie weitere kleinere Initiativen

Helfende Hände werden in verschiedenen

Aufgabenbereichen benötigt; unter

anderem: Lernhilfe, Deutschkurse, Kulturbzw.

Integrationsbuddies, Begleitung

bei Behördengänge, Freizeitgestaltung,

Essensausgabe in Notunterkünften

ZUSAMMENGEFASST: Seit jeher erfolgt die Unterscheidung zwischen

dem Eigenen und dem Fremden. Was allerdings als fremd

oder unbekannt wahrgenommen wird, hängt immer von dem

Betrachter bzw. der Betrachterin ab. Das persönliche Kennenlernen

von Menschen fremder Herkunft hilft, Vorurteile abzubauen und

Gemeinsamkeiten zu entdecken.

5


# 3 VORURTEIL: „Wir müssen unsere Grenzen sichern und

dicht machen, nur Grenzzäune können verhindern, dass

Flüchtlinge in unser Land strömen.“

Östliche Fluchtweg-Route

Grenzen zu Slowenien und Ungarn

Luftlinien Distanz:

Teheran (Iran) - Wien: 4019 km

Bagdad (Irak) - Wien: 4019 km

Damaskus (Syrien) - Wien 3030 km

Laut European Commission; International Centre for

Migration Policy Development (Map data); International

Organization for Migration; Eurostat; UNHCR

Grenze Slowenien 330 km

Grenze Ungarn 366 km

Grenze Ungarn Serbien 175 km

6


GEGENARGUMENTE:

Laut Definition von Wikipedia ist ein

Zaun eine Form der Einfriedung, die

dazu bestimmt ist, ein Grundstück

ganz oder teilweise zu umschließen

und nach außen abzuschirmen, um

unbefugtes Betreten oder Verlassen

oder sonstige störende Einwirkungen

abzuwehren. Zäune schaffen per se

immer Grenzen.

Niemand flüchtet freiwillig.

Asylsuchende Menschen, die in Europa

Schutz suchen, haben tausende Kilometer,

Mühen und Gefahren hinter sich

zu bringen. Ihr Ziel ist das Recht auf

ein Leben in Sicherheit. Zäune halten

sie nicht davon ab, alternative Routen

zu suchen und ein paar Kilometer weiter

zu gehen. Grenzzäune sind sinnlos

und vor allem irrsinnig kostspielig.

Laut Angaben des Magazins Profil,

würden alleine 33 Millionen EUR benötigt,

um die Grenzen zu Slowenien abzuschirmen.

Für ganz Österreich wären

es rund 270 Millionen. Die Errichtung

des ungarischen 175 Kilometer langen

und 4 Meter hohen Maschendrahtzaunes

zu Serbien kostete 94 Millionen

EUR (über 530.000 EUR pro Kilometer).

Dieser inkludiert an der Spitze

und am Fuß messerscharfe Klingen. 4

4 vgl. Profil (02.11.2015): Wo und wie bestellt man eigentlich

einen Grenzzaun.

ZUSAMMENGEFASST: Es ist notwendig, dem Zustrom der Flüchtlinge

menschenwürdig zu begegnen und geordnete Abläufe zu

schaffen. Grenzzäune erschweren und verlängern nur unnötig die

Wege. Es wäre wichtig, schutzsuchenden Menschen legale Fluchtwege

zu ermöglichen!

7


# 4 VORURTEIL: „Das sind Sozialschmarotzer, die wollen

nur von unserem Sozialsystem profitieren.“

Mindestsicherung

Anspruch haben Personen, die

• hilfsbedürftig sind, d.h. deren Haushaltseinkommen

unter den Mindeststandards

der Bedarfsorientierten Mindestsicherung

liegen

• ihren Hauptwohnsitz bzw. ihren dauernden

Aufenthalt in Österreich haben

• deren jeweiliger Bedarf nicht durch eigene

Mittel gedeckt werden kann

und bei denen Bereitschaft zum Einsatz

der eigenen Arbeitskraft besteht.

So viel Geld bekommen sie:

•Die Bedarfsorientierte Mindestsicherung

besteht aus 2 Teilen: 620,87 Grundbetrag

und 206,96 Wohnkostenanteil pro Monat.

Zusammen sind das 827,83 Euro.

http://www.arbeiterkammer.at/

Grundversorgung:

Gemäß Grundversorgungsvereinbarung

wird „vorübergehende Grundversorgung“

hilfs- und schutzbedürftigen Fremden in

Österreich angeboten. Dazu zählen insbesondere:

Asylwerber /innen, Asylberechtigte,

Vertriebene und „andere aus rechtlichen

und faktischen Gründen nicht abschiebbare

Menschen“.

GEGENARGUMENTE:

Entgegen der weit verbreiteten Meinung

ist richtig zu stellen, dass Asylwerber/innen

KEINE Mindestsicherung

bekommen. Asylwerber/innen

bekommen für Unterkunft, Essen und

alle weiteren Ausgaben insgesamt

max. 320 Euro monatlich für die

Zeit des Asylverfahrens (= Grundversorgung).

Wohnen sie in Asylunterkünften,

bekommen sie ein Taschengeld

von 40 Euro pro Monat für alle

persönlichen Ausgaben. Direkt an den/

die Quartiergeber/in werden max. 21

Euro (ab Jänner 2016, dzt. 20,50 Euro)

für Unterbringung und Verpflegung

ausbezahlt.

Zudem haben Asylwerber/innen einen

überaus limitierten Zugang zum Arbeitsmarkt

(siehe # 7). 5

Wie gut könnten Sie mit 40 Euro monatlich

auskommen? Oder sich Miete,

Heizung, Strom und Internet mit insgesamt

320 Euro leisten?

5 vgl. UNHCR/ÖIF/BAOBAB (2015): Aufbrechen, Ankommen,

Bleiben: Bildungsmaterial zu Flucht und Asyl.

8


Dem sei hinzugefügt, dass laut einer

Studie der Organisation für wirtschaftliche

Zusammenarbeit und Entwicklung

(OECD) von 2013, Migrant/innen durch

Steuern und Sozialabgaben mehr zu

den Budgets der jeweiligen Gastländer

beitragen, als sie an staatlicher

Unterstützung erhalten. 6 Immer wieder

wird gefordert direkte Unterstützung

in den Herkunftsländern zu leisten,

um die Fluchtursachen zu beseitigen.

Obwohl Österreich sich bereits 1970

dazu verpflichtet hat 0,7 Prozent des

Bruttonationaleinkommens (BNE) für

Entwicklungszusammenarbeit (EZA) zu

verwenden, ist dieses Ziel nach wie vor

weit entfernt. Eine Erhöhung der ODA-

Quote (Official Development Assistance)

ist trotz der aktuellen Situation

nicht vorgesehen. 7

6 vgl. Wiener Zeitung (13.06.2013): OECD: Migrationsgewinnler

Österreich.

7 vgl. AGGV – Globale Verantwortung: Kampagne „Mir

wurscht…?“ http://www.globaleverantwortung.at/start.

asp?ID=261062&b=6147

Leistungen der Grundversorgung Wien

Grundversorgungsleistungen für Personen in

betreuten Unterkünften:

• Verpflegung/Lebensmittel oder Verpflegungsgeld

im Wert von 5,- pro Tag

40,- Taschengeld pro Monat

Grundversorgungsleistungen für privat

wohnende Personen:

Mietzuschuss für

• Einzelpersonen von max. 120,- pro Monat

• Familien von max. 240,- pro Monat

Verpflegungsgeld für

• Erwachsene max. 200,- pro Pers: u: Monat

• Minderjährige max. 90,- pro Pers:

u: Monat

Darüberhinaus werden folgende Grundversorgungsleistungen

unabhängig von der

Wohnform angeboten:

• Bekleidungshilfe: nach Bedarf,

max. 150,- pro Jahr

• Schulbedarf für Schüler / innen:

nach Bedarf, max. 200,- pro Schuljahr

• Krankenversicherung

• Übernahme der Fahrtkosten bei

behördlichen Ladungen und

Überstellungen

http://wohnen.fsw.at/grundversorgung/leistungen.html

ZUSAMMENGEFASST: Asylbewerber/innen bekommen einen

Zuschuss, welcher kaum ausreicht, um ein Leben in Österreich

zu bestreiten. Für sie ist der Zugang zum Arbeitsmarkt beinahe

inexistent.

9


# 5 VORURTEIL: „Die kommen und wollen sich nicht mal

integrieren. Unsere Sprache wollen sie nicht lernen.“

Ein syrischer junger Mann war gemeinsam

mit seinem jüngeren Bruder insgesamt

8 Monate in der Erstaufnahmestelle in

Traiskirchen (NÖ), bis sie schließlich vor

zwei Monaten in ein Flüchtlingshaus nach

Oberösterreich kamen. In den 8 Monaten,

hatten sie keine Möglichkeit Deutsch zu

lernen. Auch jetzt sind sie in einem Haus

untergebracht, in welchem die Mehrzahl

der Personen Arabisch spricht. Obwohl sie

erst zwei Monate intensiv Deutsch lernen,

sind ihre Sprachkenntnisse bereits sehr gut.

Leichte Konversationen fallen ihnen nicht

mehr schwer. Sie würden gerne in Österreich

bleiben, sind wissbegierig und wollen nun die

Zeit aufholen und möglichst rasch Deutsch

lernen. Sie würden gerne mehr Kontakt mit

der Bevölkerung haben und wünschen sich

mehr Austauschmöglichkeiten.

GEGENARGUMENTE:

Während bereits anerkannte Flüchtlinge

und unbegleitete minderjährige

Flüchtlinge Zugang zu Deutschkursen

bekommen, haben erwachsene

Asylwerber/innen, die sich noch im

Verfahren befinden, keinen gesetzlichen

Anspruch auf kostenlose

Deutschkurse. Sie sind komplett auf

die Hilfe von NGOs und Freiwilligen

angewiesen. Wie sollen sie sich also

integrieren, wenn ihnen die Möglichkeit

zur Grundverständigung verweigert

wird? 8

Wie leicht fällt es bei uns einem

20-Jährigen eine neue komplizierte

Sprache zu lernen, in einem Umfeld, in

welchem alle nur Deutsch sprechen?

Wie lange würde diese Person benötigen?

Wie leicht fällt es uns selbst

(zum Beispiel im Urlaub) auf lokale

Menschen zuzugehen und sie in einer

fremden Sprache über ihr Leben

8 vgl. UNHCR/ÖIF/BAOBAB (2015): Aufbrechen, Ankommen,

Bleiben: Bildungsmaterial zu Flucht und Asyl.

10


Das Leben ist zu kurz, um Deutsch zu lernen.

Oscar Wilde (1854 - 1900),

Unterstützen auch Sie Asylwerber /innen

aktiv bei ihrer Integration. Zahlreiche Organisationen

freuen sich über Ihr Engagement

bei Deutschkursen bzw. Lernhilfe. (siehe # 2)

zu befragen? Wie weit würden wir

uns aus unserer eigenen Komfortzone

bewegen, um in Kontakt mit anderen

zu kommen? Inwiefern respektieren wir

andere Kulturen und Gepflogenheiten,

wenn wir fremde Länder (bequem und

sicher und zu unserem eigenen Vergnügen)

bereisen?

Dialog inkludiert zwei oder

mehrere Personen. Es bedarf Bereitschaft

auf beiden Seiten wie auch

Zeit und Geduld, um etwaige Missverständnisse

aufzuklären.

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

(UMF) sind Kinder oder Jugendliche (bis

zur Vollendung des 18. Lebensjahrs), die

ohne ihre Eltern oder andere Angehörige in

ein anderes Land flüchten. Sie durchlaufen

in Österreich das gleiche Asylverfahren wie

auch Erwachsene. Laut einer UNHCR-Studie

sind vier Prozent der Asylsuchenden in Europa

unbegleitete Minderjährige. 8

ZUSAMMENGEFASST: Asylwerber/innen haben nicht per se die

Möglichkeit einen Deutschkurs zu besuchen. Integrieren bedeutet

jemanden oder etwas in ein bestehendes (Sozial-)Gefüge oder

System aufzunehmen bzw. einzuordnen – diese Aufnahme muss

auch mit offenen Armen ermöglicht werden!

11


# 6 VORURTEIL: „Unter den Flüchtlinge sind großteils

infiltrierte IS-Terrormiliz-Angehörige, die sich nach Europa

einschleusen, um hier den islamischen Staat auszurufen.“

Islamische Staat (IS) ist eine dschihadistische,

kriminelle und terroristische Vereinigung,

dessen Anhänger /innen den Aufbau

und die Ausdehnung eines islamischen

Staates propagieren.

Islamismus: politische Bewegung innerhalb

des Islams, die die Errichtung eines

islamischen Staatswesens, die Einführung

der Scharia (islamisches Recht), und die

Besinnung auf die Normen des Propheten

Mohammed und der ersten vier Kalifen

(Sunna) anstrebt. Islamist/in ist ein/e Anhänger

/in des islamischen Fundamentalismus

(Islamismus).

Islam: ist eine monotheistische Weltreligion.

Ein /e Anhänger /in des Islam ist ein

Moslem/ Muslim bzw. Muslima.

Fünf der letzten zwölf Friedensnobelpreisträger

/innen sind Muslime:

Shirin Ebadi Menschrechtsaktivistin (Iran)

Mohamed El Baradei Diplomat (Ägypten)

Muhammed Yunus Wirtschaftswissenschaftler

(Bangladesch)

Tawakkol Karman

Menschenrechtsaktivistin(Jemen)

Malala Yousafzai, Kinderrechtsaktivistin (Pakistan)

die man darauf geben kann.

GEGENARGUMENTE:

Zahlreiche Medien berichten beinahe

täglich von den Gräueltaten des IS.

Dadurch werden sämtliche Muslime

mit Terrorist/innen in Verbindung

gebracht. Das oben genannte Vorurteil

verbreitet sich angesichts der Brutalität

der IS-Kämpfer/innen immer mehr.

Misstrauen wird geschürt, obwohl es

relativ unwahrscheinlich ist, dass sich

unter den Flüchtlingen IS-Kämpfer/innen

verstecken.

Nach Angaben der Süddeutschen

Zeitung gab es beispielsweise bis Mitte

Oktober 80 Hinweise, wonach sich

IS-Terrorist/innen unter Flüchtlinge

gemischt haben könnten, um nach

Deutschland zu gelangen. Von diesen

Fällen, die seitens deutscher Sicherheitskräfte

überprüft werden, konnte

bisher kein einziger bestätigt werden.

Als wahrscheinlicher wird hingegen erachtet,

dass sich einzelne IS-Kämpfer/

innen unter die Flüchtlinge mischen,

um sich von der Terrortruppe abzusetzen.

Zur Überprüfung werden die

12


Fingerabdrücke von Flüchtlingen mit

europäischen Datenbanken verglichen,

die viele der Spuren von den sogenannten

„Foreign Fighters“ speichern.

Bislang konnten allerdings auch hier

keine Übereinstimmungen gefunden

den werden. 9

Dies bestätigt auch der Wiener Politologe

und Spezialist für den Nahen und

Mittleren Osten Thomas Schmidinger

in einem Interview mit der Zeit: Für IS-

Anhänger/innen gäbe es derzeit keinen

Grund aus Syrien zu fliehen. Obwohl

Salafisten versuchen würden, mit

Flüchtlingen in Österreich in Kontakt

zu treten (beispielsweise am Wiener

Westbahnhof), bestünde von Seite

der Flüchtlinge daran kein Interesse.

Gerade Syrer und Syrerinnen

wissen, welche Grausamkeiten

im Bürgerkrieg von dschihadistischer

Seite ausgehen und

könnten somit zu einer

9 vgl. Süddeutsche Zeitung (14.10.2015): Die Mär vom

eingeschlichenen Terroristen.

gewissen Aufklärung beitragen. 10

Das besondere Angstschüren gegen

gewaltbereite Islamist/innen steht in

einer langen Tradition, in der „die Orientalen“

immer schon als das mysteriöse,

radikal Andere zu europäischen

Gesellschaften betrachtet wurden.

Diese Konstruktion ist sehr alt und wird

leider nach wie vor in verschiedenster

Gestalt mobilisiert. „Der Islam“ wird

dabei als eine Bedrohung für die „liberale

Wertegemeinschaft“ dargestellt.

Zu hinterfragen ist ebenfalls, ob IS-

Mitglieder nicht einfachere Wege finden,

um nach Europa zu gelangen, als

die Strapazen und Risiken der langen

Fluchtwege auf sich zu nehmen.

Eine Videokampagne widmet sich generell

den Vorurteilen gegen Muslime

und kontert, dass es eine bemerkenswerte

Tatsache ist, dass fünf der letzten

zwölf Friedensnobelpreisträger/

innen Muslime sind. 11

10 vgl. DIE ZEIT (26.10.2015): „Die radikalste Alternative“.

11 vgl. Online Focus (14.10.2014): Wie ein einziger Tweet mit

Vorurteilen über Muslime aufräumt.

ZUSAMMENGEFASST: Bisher gibt es keine Beweise dafür, dass

sich unter den Flüchtlingen IS-Kämpfer/innen befinden. Dies

scheint überaus unwahrscheinlich und Misstrauen wird fälschlicherweise

geschürt.

13


# 7 VORURTEIL: „Die Flüchtlinge nehmen uns unsere

Arbeitsplätze weg.“

GEGENARGUMENTE:

Asylwerber/innen haben einen extrem

eingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt,

ein eigener Lohnerwerb ist

beinahe unmöglich. Welche Qualifikationen

sie mitbringen spielt hier keine

Rolle.

Personen, die seit drei Monaten zum

Asylverfahren zugelassen sind, haben

theoretisch die Möglichkeit in Österreich

einer Lohnarbeit nachzugehen.

Dafür benötigt es eine besondere

Bewilligung, welche wiederum stark

reglementiert ist. Dazu zählt unter

anderem, dass eine Beschäftigungsbewilligung

(lt. Bartenstein-Erlass

von 2004) nur für gemeinnützige

Tätigkeiten, Selbstständigkeit

sowie für Saisonarbeit bzw. Arbeit

als Erntehelfer/in erteilt wird.

Selbst diese Bewilligung unterliegt

zahlreichen Einschränkungskriterien.

Unter anderem, wird vor Ausstellung

eines positiven Bewilligungsbescheids

geprüft, ob eine einheimische Person

für die angesuchte Stelle gefunden

werden kann.

Hinzu kommt, dass Asylwerber/innen,

die einer bezahlten Arbeit beispielsweise

als vorübergehende Erntehelfer/

in nachgehen, ihren Anspruch auf

14


WO FINDEN ASYLWERBERINNEN BESCHÄF-

TIGUNG?

Grundversorgung (siehe # 4) oft weit

über den Zeitraum der Beschäftigung

hinaus verlieren, wodurch sie nach

Saisonschluss gar kein Einkommen

mehr haben. Ein Leben in Würde sollte

die Möglichkeit zu arbeiten und die

Ausübung eines frei gewählten oder

angenommenen Berufs inkludieren. 12

Asylverfahren können mehrere Monate

oder Jahre dauern. Nur wenn ein

Verfahren positiv abgeschlossen ist

und die Person als Flüchtling anerkannt

wurde, ist ein freier Zugang

zum Arbeitsmarkt möglich.

Flüchtlinge, denen lediglich „subsidiärer

Schutz“ (siehe # 1) zugesprochen

wird, benötigen nach Beendigung des

Asylverfahrens weiterhin eine Arbeitsbewilligung,

die aber oft schwer zu

bekommen ist. 13 Diese Einschränkungen

führen zu einer verspäteten und

erschwerten Integration nach Zuerkennung

eines Schutzstatus.

12 vgl. BIM (2013): Zugang zum Arbeitsmarkt für

Asylsuchende aus menschenrechtlicher Perspektive.

13 vgl.: http://deserteursberatung.at/recht/article/849/96/

Die Saisonarbeit ist auf bestimmte Branchen

(Gastronomie sowie Land- und Forstwirtschaft)beschränkt.

Der überwiegende Teil

der temporären Beschäftigung (Saisonarbeit)

von Asylwerber*innen konzentriert sich

folglich auf wenige Regionen Österreichs. In

Wien arbeiten Asylwerbende (meist jedoch

nur tageweise) beispielsweise bei Subfirmen,

die von der MA 48 für den Winterdienst

beauftragt werden oder bei der Friedhöfe

Wien GmbH mit Saisonbeschäftigungsbewilligung.

Für Erntehelfer*innen ist wiederum

das Marchfeld in Niederösterreich eine typische

Region, die saisonale Beschäftigungsmöglichkeiten

bietet.

Asylsuchende in der Grundversorgung dürfen

allerdings das Bundesland, dem sie zugewiesen

wurden, de facto nicht verlassen, da

sie ihren Anspruch auf Grundversorgung

ausschliesslich in diesem Bundesland geltend

machen können. Für viele Asylsuchende ist

es oftmals schon alleine aus diesem Grund

– also auch nicht im Rahmen der Zuverdienstgrenze

zur Grundversorgung – kaum

möglich, Saison- oder Erntearbeiten anzunehmen.

Asylwerbende können mit ihrem Einverständnis

für Hilfstätigkeiten, die im unmittelbaren

Zusammenhang mit ihrer Unterbringung

stehen (z. B. Reinigung, Küchenbetrieb,

Transporte, Instandhaltung), und für gemeinnützige

Hilfstätigkeiten für Bund, Land

und Gemeinde (z. B. Landschaftspflege und

-gestaltung, Betreuung von Park- und Sportanlagen,

Unterstützung in der Administration)

herangezogen werden. Werden solche

Hilfstätigkeiten erbracht, ist den Betroffenen

ein Anerkennungsbeitrag zu gewähren.

http://www.asyl.at/

ZUSAMMENGEFASST: Für Asylwerber/innen gilt ein extrem limitierter

Zugang zum Arbeitsmarkt. Auch wenn sie gerne arbeiten

würden, wird ihnen diese Möglichkeit faktisch verweigert.

15


# 8 VORURTEIL: „Flüchtlingen geht es ja gar nicht

schlecht, sie haben teure Smartphones.“

GEGENARGUMENTE:

Es ist wahr, dass viele Menschen auf

der Flucht ein Smartphone oder

Handy besitzen, diese sind allerdings

keine Luxusartikel, wie Asylkritiker/

innen fälschlicherweise behaupten.

Telekommunikationskonzerne haben

immer mehr Interesse daran, die

Netzwerke für mobile Kommunikation

auszubauen, um Einwohner/innen in

möglichst vielen Teilen der Welt einen

Zugang zum Internet zu ermöglichen.

In vielen Ländern ist der Ausbau eines

Mobilnetzes die einzig vernünftige und

rasch realisierbare Möglichkeit, Menschen

überhaupt elektronische Kommunikation

zu ermöglichen. Ein milliardenschwerer

Absatzmarkt, in den

bereits seit einigen Jahren in Ländern

des Nahen und Mittleren Ostens sowie

des globalen Südens investiert wird.

Da aber für viele Menschen in diesen

Ländern der Kauf von Smartphones zu

teuer war, mussten die Elektronikunternehmen

darauf reagieren: Samsung,

HTC oder LG bringen dort modifizierte

Geräte auf den Markt, die optisch den

„westlichen“ Premiummodellen gleichen,

aber weniger Leistung haben.

Apple hingegen, bietet den US-Kunden

im Tausch gegen die gebrauchten Handys

einen Preisabschlag beim Kauf von

neuen iPhones. Diese werden repariert

und im globalen Süden erneut auf den

Markt gebracht.

Bereits 2009 gab es in Syrien 11,7

Millionen Handys bei einer damaligen

Bevölkerungszahl von 20 Millionen

Einwohner/innen. Für zahlreiche

Menschen in den Ländern des globalen

Südens ersetzen Smartphones sämtliche

andere Endgeräte. Oftmals sind es

die einzigen elektronischen Geräte, die

die Menschen besitzen. Einen Festnetz-Telefonanschluss,

so wie wir ihn

kennen, gibt es in zahlreichen Ländern

nicht. Kein Wunder, dass der Mobilfunk

boomt. Besonders junge Menschen

sparen deshalb so lange, bis sie sich

ein Smartphone leisten können. 14

Für zahlreiche Menschen auf der

Flucht sind Smartphones der einzige

und gleichzeitig ein unglaublich bedeutsamer

Gegenstand, den sie besitzen.

Damit können sie mit der Familie,

die sie entweder im Heimatland oder

teilweise auch am Fluchtweg zurücklassen

mussten, kommunizieren.

Per Internet können sie über diverse

Anbieter wie Skype, WhatsApp, Viber

oder Facebook kostengünstig telefonieren

bzw. rasch Nachrichten und

Lebenszeichen versenden. Dazu nützen

14 vgl. der Standard (9.08.2015): Flüchtlinge und teure

Smartphones – Hetze ohne Fakten.

16


sie gratis WLAN-Hotspots auf Bahnhöfen,

Cafés und Fastfood-Filialen,

genauso wie preiswerte Prepaidkarten

mit Daten-Tarifen. Die GPS Funktion der

Handys hilft ihnen, sich auf der Flucht

zu orientieren. 15

Da Flüchtlinge natürlich wenig von zu

Hause mitnehmen können, sind auf

dem Handy gespeicherte Fotos und

Dokumente oft einzige Zeugnisse

ihres bisherigen Lebens. Darüber

hinaus wird mit Fotos und Videos

eine Dokumentation des persönlichen

Fluchtweges – als Art digitales Tagebuch

– ermöglicht, die später sicher

zur Traumaaufarbeitung beitragen

kann. Unter anderem werden die

Smartphones auch zum Erlernen der

deutschen Sprache verwendet.

15 vgl. Süddeutsche Zeitung (11.08.2015): Handys sind für

Flüchtlinge keine Luxusartikel.

ZUSAMMENGEFASST: Handys sind ein wichtiger Begleiter für

Menschen auf der Flucht. Sie erleichtern die Orientierung und den

Kontakt zur Familie. Die verwendeten Handys sind oft billigere Produkte,

die den uns bekannten Modellen nur optisch gleichen.

17


# 9 VORURTEIL: „Die Flüchtlinge sind eine Bedrohung für

die Europäische Union.“

Laut Zahlen von Amnesty International von

September 2015 werden 95 % der syrischen

Schutzsuchenden in den folgenden 5 Ländern

aufgenommen:

• Türkei

• Libanon

• Jordanien

• Irak

• Ägypten.

Nur 5% in anderen Ländern.

vgl. Amnesty International (04.09.2015): Syria‘s refugee

crisis in numbers.

GEGENARGUMENTE:

Es gibt immer mehr europäische

Länder, in denen rechtsradikale

Gruppierungen und Parteien mehr

Macht gewinnen (u.a.: Frankreich: Le

Pen; Holland: Geert Wilders; Schweiz:

Christophe Blochers SVP; Ungarn:

Viktor Orbán). Die Wahlergebnisse in

Oberösterreich und in Wien im Herbst

2015 verzeichneten ebenfalls drastische

Zuwächse für die FPÖ und deren

Parteichef Heinz Chrisitan Strache.

Mit rassistischen und populistischen

Hetzen werden Vorurteile gegenüber

Asylwerber/innen geschürt. Unwissenheit

und Angst werden schamlos

ausgenützt, falsche Informationen

bewusst verbreitet.

Die Europäische Union ist eine

Wirtschafts- und Friedensunion.

Der Schutz der Menschenrechte und

Grundfreiheiten ist (Stichwort: Europäische

Menschenrechtskonvention) ein

zentrales Fundament.

Nicht Asylwerber/innen und Flüchtlinge

18


sind eine Gefahr für die europäische

Union, sondern der fehlende politische

Wille tatsächliche Lösungen zu finden.

Eine Herausforderung innerhalb der EU

ist die Spannung zwischen den Grundwerten

der europäischen Union und

den gegensätzlichen sowie immer stärker

werdenden rechtsradikal gesinnten

Kräften. Diese verhindern, rasche und

adäquate politische Entscheidungen

auf Basis der Grundwerte treffen zu

können.

Es ist überaus bedenklich, dass es

möglich ist, öffentlich Aussagen zu

tätigen wie „Die KZs sind ja leider

derzeit außer Betrieb“ (Akif Pirincci,

Schriftsteller, in seiner Rede zum Jahrestag

der Pegida-Demonstrationen in

Deutschland. 16

16 vgl. DIE ZEIT N° 43 – Wort der Woche, Seite 2.

ZUSAMMENGEFASST: Nicht Flüchtlinge sind eine Bedrohung für

die Europäische Union, sondern die Zunahme von rechtsradikalen

Kräften sowie der fehlende politische Wille innerhalb der EU, sich

der Flüchtlingsfrage gemeinsam und vernünftig zu stellen.

19


# 10 VORURTEIL: „Flüchtlinge und Asylwerber/innen sind

kriminell und gefährlich.“

Asylwerber/innen & „Asylant/innen“

Asylwerber /innen, sind Menschen, die in

einem fremden Land um Asyl – also um Aufnahme

vor Schutz vor Verfolgung – ansuchen

und deren Asylverfahren noch nicht abgeschlossen

ist. Der Begriff „Asylant /innen“

hat eine negative Konnotation und sollte

daher nicht verwendet werden.

UNHCR/ÖIF/BAOBAB (2015): Aufbrechen, Ankommen, Bleiben:

Bildungsmaterial zu Flucht und Asyl.

GEGENARGUMENTE:

In der allgemeinen Berichterstattung

und in zahlreichen Gesprächen werden

die Begriffe „Flüchtlinge“ und „Asylant/innen“

synonym verwendet. Sie

werden als eine einheitliche homogene

Masse an Menschen pauschalisiert

dargestellt, die alle gleich wären. Fakt

ist aber, dass alle diese Menschen

verschiedene Gesichter, Geschichten,

Erfahrungen haben und aus unterschiedlichen

sozialen Milieus stammen.

Genauso unterschiedlich sind ihre Charaktere.

Meine persönliche Erfahrung

aus der freiwilligen Arbeit mit asylsuchenden

Menschen in Wien bestätigt

diese Tatsache.

Durch beinahe tägliche Berichte über

Gewalt, Bürgerkrieg und Terrorismus,

entweder aus islamischen Staaten

oder in Verbindung mit islamistischen

Gesinnungen, werden Bilder geschaffen,

die nicht der Realität entsprechen.

In Österreich gibt es keine genauen

Statistiken darüber, wie viele Asylwerber/innen

verurteilt wurden und somit

kriminell sind. Eine einzige Quelle, nähert

sich den Fakten: die „polizeiliche

Kriminalstatistik“ führt Buch über „tat-

20


verdächtige Fremde nach Aufenthaltsstatus“.

Dazu gehören Tourist/innen, Illegale

(unrechtmäßig Aufhältige) sowie

Asylwerber/innen. Diese Zahlen werden

oft als Bestätigung der anscheinenden

Kriminalität von Fremden herangezogen.

Dabei wird außer Acht gelassen

wird, dass es aufgrund fehlender Kategorisierungen

und Unterscheidungen

zu einer Verzerrung zuungunsten der

Fremden kommt. Weiters wird dabei

oft völlig ignoriert, dass die Kriminalstatistik

eine Anzeigestatistik ist – wie

viele dieser Tatverdächtigen zu recht

beschuldigt werden, ist nicht klar. Nur

ein Bruchteil der angezeigten Personen

bekommt ein gerichtliches Strafurteil

und eine Sanktion.

Darüber hinaus zählen zu diesen

Zahlen auch Kleindelikte, wie Ladendiebstähle.

Asylwerber/innen müssen

monate- bzw. jahrelang auf einen

Bescheid warten und haben dadurch

überaus limitierte Möglichkeiten der

Lohnarbeit (siehe # 7). In gewisser

Weise können sie deshalb dazu verleitet

werden, sich zu derartigen Kleindelikten

hinreißen zu lassen. 17

17 vgl. Fuchs/Leonhardmair/Pilgram (2012): Welche

Aussagen über die Migranten- und Ausländerpopulation

in Wien erlaubt die Kriminalstatistik? sowie der Standard

(10.02.2010): Was ist dran am politisch strapazierten Bild

vom kriminellen Asylwerber?.

ZUSAMMENGEFASST: Es gibt keine aussagekräftigen Zahlen

über die Kriminalität von Asylwerber/innen. Verzerrende und

falsch interpretierte Statistiken erzeugen Bilder, die nicht der Realität

entsprechen.

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Weitere Fakten& Infos:

Horaczek, Nina/Wiese, Sebastian (2015): Gegen Vorurteile – Wie du dich mit

guten Argumenten gegen dumme Behauptungen wehrst.

https://www.caritas.at/hilfe-beratung/migrantinnen-fluechtlinge/faqs-zum-thema-flucht-und-asyl/

http://www.proasyl.de/de/home/gemeinsam-gegen-rassismus/fakten-gegenvorurteile/

http://www.sos-europe-amnesty.eu/facts-and-figures/

Videos & Filmtipps zum Thema:

The European Refugee Crisis and Syria Explained

https://www.youtube.com/watch?v=RvOnXh3NN9w&feature=youtu.be

One World Flimclubs: Filmschwerpunkt: Flucht, Migration, Integration

http://www.oneworldfilmclubs.at/filmschwerpunkt-flucht-migration-integration

UNHCR: Ein Tag im Flüchtlingslager

http://www.ein-tag-im-fluechtlingslager.org/

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Redaktion: Elisabeth Freudenthaler (lisif@gmx.at)

Layout/Grafik/Zeichnungen: Isabel Espinoza (isabel.espinoza.tratter@gmail.com)

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