Magazin WERTE 2015 - 2. Ausgabe

werte2012

Schutzgebühr 4,00 €

Oktober 2015 . 2. Ausgabe

Restaurierung | Denkmalpflege | Tradition

WERTE 2015

BESONDERE ORTE

BLICK IN DIE WERKSTATT

NOSTALGISCHE

LEIDENSCHAFT

Schlag

VOM GLEICHEN

ALTEN


14

6

BLICK IN DIE

WERKSTATT

KURIOSITÄTEN

12

VORHER -

NACHHER

BESONDERE

ORTE

26

BESONDERE

ZEITGENOSSEN

20

Inhalt

3 EDITORIAL

5 NEWS & TERMINE

Präsentiert, antiquiert & repariert

6 BLICK IN DIE WERKSTATT

Büchsenmachermeister Konrad Krappmann fertigt seit

mehr als 30 Jahren Jagd- und Sportwaffen. Das WERTE-Team hat

ihn ins Visier genommen und scharf geschossen – nämlich Bilder.

12 VORHER – NACHHER

Orientteppiche fliegen Carmen Sendelbach bundesweit

zu. Mit historischen Knüpf- und Webtechniken erhält die

Teppichrestauratorin alte Perser und ideelle Werte.

14 KURIOSITÄTEN

Ein ehemaliger Schweinestall bei Bochum beherbergt eine

der größten Spardosensammlungen Deutschlands.

17 MESSE-IMPRESSIONEN

Bilder der WERTE-Ausstellungen 2015

18 GUT BEWAHREN

In den Zeiten, als es noch keine Kreditkarten gab, galt es, das Geld

gut zu verstecken und vor unberechtigtem Zugriff zu sichern.

20 BESONDERE ZEITGENOSSEN

Ein restaurierter, ehemaliger Hochbunker schützt heute die

Sammlung historischer Turmuhren von Hans Peter Kuban.

22 NOSTALGISCHE LEIDENSCHAFT

Die Sportart „Hickory-Golf“ gewinnt immer mehr Anhänger. In

historischer Kleidung und mit alten Schlägern spazieren sie über

das Grün und besinnen sich auf die guten alten Zeiten.

26 BESONDERE ORTE

Der Odilienberg im Elsass ist mit seiner Klosteranlage ein

einzigartiger, mystischer Ort, dem sich weder Wallfahrer noch

Wanderer entziehen können.

30 EXPERTENVERZEICHNIS

Von „B“ wie Bildhauer bis „Z“ wie Zimmerer –

diese Experten helfen mit Rat und Tat.

2


EDITORIAL

„HELLSEHER WISSEN ES BEREITS:

DIE GUTE ALTE ZEIT WIRD IN ZUKUNFT

NOCH ÄLTER UND BESSER.“

Ernst Ferstl, österreichischer Lehrer, Dichter und Aphoristiker

W ar früher eigentlich alles besser? Oder welche Gründe hat

es, dass sich immer mehr Menschen wieder Althergebrachtem widmen?

Ob Vinylplatte oder frisch gemahlener Filterkaffee – der Retro-Trend

bietet Halt in einer rastlosen Zeit und bringt oft auch ein Stück Erinnerung

zurück. Das Perfekte weicht dem Zeitlosen – nicht nur um der

klassischen Formensprache Willen, sondern als bewusste Abgrenzung zu

Hightech-Trends und Wegwerfgesellschaft.

VIELLEICHT AUCH, um eine erholsame Gegenbewegung zu

definieren, wie es der schottische Golfprofi Andrew Gauld formuliert.

Er gehört einer wachsenden Fangemeinde des Hickory-Golf an. Für die

Anhänger dieser historischen Sportart steht nicht das modernste Sportgerät

oder das Handicap im Vordergrund, sondern der Spaziergang auf

dem Golfplatz und das gemeinschaftliche Spielerlebnis!

SAMMLER HABEN ZWAR grundsätzlich andere Ziele, dennoch

treibt auch sie der Wunsch an, Vergangenes zu bewahren. Eindrucksvoll

konnten wir dies beim Besuch eines Stuttgarter Hochbunkers erfahren,

der eine der größten Turmuhrsammlungen Europas beherbergt. Die

Leidenschaft, mit der sie ihr „Vater“, Hans Peter Kuban, pflegt, hat uns

sehr beeindruckt.

BEI DER THEMENZUSAMMENSTELLUNG unserer neuen

Ausgabe ist uns eines klar geworden: Früher war sicher nicht alles besser,

es gibt aber vielfältige Gründe, warum die Rückbesinnung auf alte Werte

eine Bereicherung sein kann.

IN DIESEM SINNE wünschen wir Ihnen eine bereichernde

Lektüre mit dieser Ausgabe von WERTE 2015! Ursula Hoffmann Thomas Büscher

IMPRESSUM

HERAUSGEBER

Thomas Büscher,

buescher@werte2015.de,

Ursula Hoffmann,

hoffmann@werte2015.de

REDAKTION

Thomas Büscher, Paul Göttl,

Ursula Hoffmann, Frank Jörger

MITARBEITER DER AUSGABE

Ivar A. Aune, Matthias Gaul,

Alexander Mannschatz, Sandra Moser

GRAFIK UND PRODUKTION

Frank Jörger, Stephanie Tarateta,

Götz Mannchen

DRUCK

W. Kohlhammer Druckerei

GmbH & Co. KG, Stuttgart

ANZEIGENVERKAUF

Thomas Büscher,

buescher@werte2015.de,

Bettina Pfeffer,

bettina.pfeffer@etmservices.de

VERLAG

EuroTransportMedia (ETM)

Verlags- und Veranstaltungs-GmbH

Geschäftsbereich ETMservices

Handwerkstraße 15

70565 Stuttgart

Telefon: 07 11.7 84 98-80

Internet: www.eurotransport.de

VERTRIEB EINZELVERKAUF

DPV – Deutscher Pressevertrieb GmbH, 20355 Hamburg, Telefon 07 11.32 06 99 44, Telefax: 07 11.1 82-25 50, E-Mail an: bestellservice@dpv.de

3


NEWS & TERMINE

Werte 2016

ALLER GUTEN DINGE SIND DREI

GLEICH IN ZWEIFACHER HINSICHT IST DIE DREI EINE WICHTIGE ZAHL IN DER WERTE-REIHE:

BEREITS ZUM DRITTEN MAL WIRD DIE WERTE-AUSSTELLUNG IN IHRER JETZIGEN FORM IN STUTTGART STATTFINDEN.

DREI VERANSTALTUNGEN MACHEN AUCH 2016 NEUGIERIG AUF ALTE HANDWERKSKUNST.

18. | 19. JUNI 2016,

NEUES SCHLOSS, MEERSBURG

An einem bewährten Standort mit geschichtsträchtigem

Ambiente wird am dritten Juniwochenende die zweite

WERTE-Messe des Jahres stattfinden. 2014 erfolgreich gestartet,

gewähren in der barocken Residenz der Fürstbischöfe

von Konstanz erneut interessante Aussteller Einblick in ihre

konservatorischen Aktivitäten. Zudem lockt der Frühsommer mit

einem überwältigenden Panoramablick über den Bodensee.

ACHTUNG!

ÖFFNUNGSZEITEN

AM SAMSTAG

EBENFALLS

11-18 UHR

30. APRIL | 1. MAI 2016,

KURSAAL, STUTTGART-BAD CANNSTATT

Nach zwei sehr erfolgreichen Veranstaltungen im Schloss Solitude

wird WERTE am letzten Apriltag erstmals im Kursaal in

Stuttgart-Bad Cannstatt ihre Tore öffnen. Mit dieser

Entscheidung wird zum einen der wachsenden Ausstellerzahl

Rechnung getragen, zum anderen erhalten treue

Besucher die Gelegenheit, einen weiteren geschichtsträchtigen

Ort der Landeshauptstadt kennenzulernen.

Denn wo früher Königinnen und Könige ihre Kuren

verbrachten, ist noch heute ein prachtvolles Ensemble zu

bewundern.

8. | 9. OKTOBER 2016,

VERANSTALTUNGSFORUM FÜRSTENFELD,

FÜRSTENFELDBRUCK

Die dritte WERTE-Ausstellung 2016 wird im Herbst in der

Metropolregion München ihre Zelte aufschlagen. Das

Veranstaltungsforum von Fürstenfeldbruck bietet mit

seinem rustikalen Flair erneut den perfekten Rahmen für die

teilnehmenden Restauratoren und Handwerksbetriebe. Der

Besuch der Ausstellung lässt sich bei schönem Wetter mit

einem Herbstspaziergang in der Klosteranlage der ehemaligen

Zisterzienserabtei verbinden.

ÖFFNUNGSZEITEN: JEWEILS SAMSTAG 13-18 UHR UND SONNTAG 11-18 UHR, SOWEIT NICHT ANDERS ANGEGEBEN

WEITERE INFORMATIONEN UNTER WWW.WERTE2016.DE

4


VORHER – NACHHER

Verknüpft

UND ZUGENÄHT

Beschädigt, abgenutzt oder zu groß –

durch fachgerechte Restaurierung erhält Carmen

Sendelbach wertvolle Orientteppiche.

12


Kenner können gut ablesen,

von wann und aus welchem Teil

des Landes ein Teppich stammt.

Wie schon vor Jahrtausenden entstehen Orientteppiche

auch heute noch in monatelanger Kleinarbeit. Früher waren es hauptsächlich

die Frauen persischer Nomaden, die Teppiche, Kelims und

Decken herstellten. Jeder Stamm hat im Lauf der Zeit eigene Muster

und Ornamente entwickelt, die von Reiseerlebnissen inspiriert waren.

Im Lauf der Zeit haben zwar Teppichmanufakturen die aufwändige

Knüpfkunst übernommen, Kenner können jedoch nach wie vor gut

ablesen, von wann und aus welchem Teil des Landes ein Teppich

stammt.

LEIDENSCHAFT FÜR DIE PERSISCHE KULTUR

Eine Frau, die über dieses Fachwissen verfügt, ist Carmen Sendelbach.

Sie arbeitet als einzige selbstständig tätige Teppichrestauratorin

bundesweit. „Zu den Teppichen bin ich eher durch Zufall gekommen“,

erzählt die aus der Schneiderei stammende Expertin. Eine Bekannte

machte sie mit der Materie vertraut und nach anfänglicher Skepsis,

anstatt feinen Hemdenstoffs nun grobe Wolle zu verarbeiten, wurde

daraus eine besondere Leidenschaft. Fasziniert von der Farbenpracht

und der Mustervielfalt, bekam Carmen Sendelbach schon bald einen

tiefen Zugang zu der alten Handwerkskunst. Sie ließ sich von einem

persischen Restaurator ausbilden und lernte alles über historische

Knüpf- und Webtechniken bis hin zu Farsi, der blumigen persischen

Sprache. „Mögen Ihre Hände niemals schmerzen“ ist beispielsweise die

sinngemäße Übersetzung für „Danke“. Die Sprachkenntnisse öffnen ihr

dennoch keine interkulturellen Türen. „Aus Höflichkeit spricht man

Englisch mit mir“, sagt sie mit einem Schmunzeln.

SELBST IST DIE FRAU

Alles, was sie zum Reparieren oder Restaurieren benötigt, kann die

Expertin bei Bedarf selbst herstellen. So gehört das Spinnen von Wolle

oder Seide ebenso zu ihrem Repertoire wie das Färben. Dies geschieht

ausschließlich mit natürlichen Materialien, denn nur dann ist Authentizität

gewährleistet. Ob das Erneuern von Fransen oder das Nachnähen

von Einfassungen – Herkunft oder Wert des Teppichs spielen für

sie dabei keine Rolle. In ihrer lichtdurchfluteten Werkstatt in Neu-Ulm

widmet sie sich jedem Unikat mit Sachverstand und Hingabe.

Teppichrestauratorin

Carmen

Sendelbach in

ihrer Werkstatt

Der durch Wasser beschädigte

Teppich vor und, im linken Bild,

nach der Restaurierung

Neu eingezogene Kett- und

Schussfäden bilden das Grundgewebe

für den Teppichflor.

AUS EINS MACH ZWEI

Einen besonderen Service bietet die Teppichrestauratorin außerdem

an: Auf Wunsch verkleinert oder verkürzt sie auch antike Exponate.

„Gerade ältere Kunden ziehen manchmal in eine kleinere Wohnung

und wollen ihren liebgewonnenen Perser mitnehmen. Ich versuche

dann, durch eine optisch vertretbare Teilung, ihrem Wunsch nachzukommen.“

Anfänglich hätte sie Vorbehalte gegen diese unkonventionelle

Methode gehabt, gibt sie zu. Mittlerweile überwiegt für die

Fachfrau jedoch ein wesentlicher Vorteil: Anstatt das Erinnerungsstück

auszumustern, bleibt der ideelle Wert erhalten.

URSULA HOFFMANN

Kaschmir Seide und typische Werkzeuge zur Teppichrestaurierung

13


MESSE-IMPRESSIONEN

KOBLENZ

Reger Zuspruch auf der WERTE 2015

Einblicke

Wertvolles Handwerk - Deine Berufung?!

Bilder DER

WERTE-AUSSTELLUNGEN 2015

Einblicke – Rückblicke – Augenblicke: Schon das vierte Jahr in Folge

finden erfolgreiche WERTE-Ausstellungen statt. Den Anfang machte

im April 2015 das Kurfürstliche Schloss in Koblenz, wo, zusammen

mit Restauratorenverbänden, die Ausbildungsinitiative „Einblicke“

ins Leben gerufen wurde. Sie hat das Ziel, junge Menschen für die

Ausbildung aussterbender Handwerksberufe zu begeistern. Die teilnehmenden

Firmen hatten sich dazu einiges an Mitmach-Aktivitäten

einfallen lassen und auch die Jugendbauhütte Soest informierte über

das Freiwillige Soziale Jahr in der Denkmalpflege.

Die Schönstätter

Marienbrüder führen die

Kunst des Ziselierens vor.

Fachkundige Anleitung beim

Abdichten eines Fensters mit

Fensterkitt

Im September 2015 war die WERTE 2015 erneut im Schloss Schwetzingen

zu Gast. Begleitet von einem umfangreichen Medieninteresse

– wie beispielsweise SWR 4 Kulturradio – war wieder eine vielfältige

Mischung aus klassischem Handwerk, Baudenkmalpflege und hochkarätigen

Restauratoren vertreten. Die Fotoausstellung und der Vortrag

des Physikers Stefan Sirtl, der mit einem gepolsterten Sessel die Welt

bereist hat, bereicherte die Veranstaltung.

Wenn auch Sie Lust bekommen haben, 2016 eine WERTE-Ausstellung

zu besuchen, finden Sie auf Seite 4 die nächsten Termine.

Möbelrestaurator Ralph

Böttcher informiert über

Holzkonservierung.

SCHWETZINGEN

Der weitgereiste Sessel kommt im

Schlosspark zum Einsatz.

Der Goldschmied Carsten

Kissner arbeitet Erbstücke um.


22


NOSTALGISCHE LEIDENSCHAFT

VOM GLEICHEN

Schlag

ALTEN

Noch ist es ein ausgewählter Kreis, aber die

Zahl der Golfer, die auf Schläger aus dem Holz

des Hickory-Baums setzen, wächst auch in

Deutschland mehr und mehr.


NOSTALGISCHE LEIDENSCHAFT

Deutscher Hickorygolf-Meister

2015 Iain Forrester bei der

Verteidigung seines ersten Titels

2010 mit Ralph Weyda und Boris

Lietzow (von links).

Es ist Samstag der 5. September 2015: Über den gepflegten grünen

Rasen des Golfclubs Baden-Baden marschieren den ganzen Tag

über Menschen in ungewohnter Kleidung. Die Schläger, mit denen sie

die kleinen weißen Bälle über die 18-Loch-Anlage des altehrwürdigen

Clubs fliegen lassen, sehen für Außenstehende nicht gerade nach

High-Tech-Spielgeräten, sondern eher nach Flohmarktartikeln aus.

Des Rätsels Lösung liegt in der Sportart, um die es an diesem Tag in

Baden-Baden geht. Die über 50 Damen und Herren aus zehn Nationen

– der älteste Teilnehmer ist immerhin 83 Jahre alt – spielen „Hickory

Golf“, und zwar im Rahmen der 7. German Hickory Championship.

Teilnehmer der German Hickory Championship 2010

Der Australier Perry

Somers gewann drei Jahre

in Folge die German

Hickory Championship.

HÖLZERNE ANFÄNGE

Hickory steht für das Holz von Bäumen aus der Familie der nordamerikanischen

Walnussgewächse, aus dem die Schäfte der mit Ledergriffen

versehenen Schläger bestehen. Bis in die 1930er-Jahre hinein waren diese

Schläger quasi der Standard beim Golfspiel, mehr und mehr setzten

sich danach aber die bereits seit 1929 legalisierten Stahlschäfte durch.

Hickory-Schläger trugen damals auch noch keine Nummern, sondern

klingende Namen wie Niblick, das Äquivalent zum heutigen Eisen 9,

oder Spoon, in etwa vergleichbar mit dem heutigen 3er-Holz. Golflegenden

wie Harry Vardon oder Bobby Jones spielten mit Hickories,

und John W. Fisher Jr. war 1936 der letzte Gewinner eines Major

Championships mit solchen Schlägern.

24


„Wer einmal der Faszination Hickory-Golf

erlegen ist, den lässt sie nicht mehr los.“

Christoph Meister, Gründungsmitglied und

Captain der German Hickory Golf Society (GHGS)

Beim „The Hickory

Grail“-Turnier 2009

bezwang Europa die

USA im südschwedischen

Falsterbo.

ZURÜCK ZU

DEN WURZELN

Die Rückbesinnung auf die

guten alten Zeiten im Golfsport

begann in den 1980er-Jahren in

den USA. Von dort aus schwappte

der Trend zunächst ins Vereinigte

Königreich und danach allmählich in

viele weitere Staaten – darunter auch nach

Deutschland, Österreich und in die Schweiz.

2009 schlug in Deutschland mit der Ausrichtung

der 1. German Hickory Championships

im Golfclub Bad Wildungen die Geburtsstunde

der German Hickory Golf Society (GHGS) mit

Sitz in Potsdam. „Noch ist die Zahl der Hickory-

Golfer in Deutschland mit etwas mehr als 50

Spielerinnen und Spielern nicht sehr groß“, sagt

Christoph Meister, ehemaliger Präsident der

Vereinigung der europäischen Golf historiker

und Sammler sowie Gründungsmitglied und

Captain der GHGS. „Doch wer einmal dieser

Faszination erlegen ist, den lässt sie nicht

mehr los“, weiß der studierte Hamburger

Wirtschaftswissenschaftler.

ERHOLSAME

GEGENBEWEGUNG

Aber was genau macht diese Faszination

aus? „Wir sind heute in so vielen Bereichen

Opfer des Marketings“, meint Meister. Insbesondere

im Sport zähle meist nur noch die Devise

„höher – schneller – weiter“. Das bestätigt auch

der im Schwarzwald lebende schottische Golf-Profi

Andrew Gauld: „Heute reden alle über die Technik

des Golfens, kaum einer spricht über dessen

Ideale. Gleichzeitig sorgt man sich über den

Niedergang von Golf, dem man mit Variatio-

nen wie Speedgolf, Crossgolf oder Swingolf zu begegnen versucht.“ Vor

diesem Hintergrund sei Hickory-Golf eine erholsame Gegenbewegung,

der Genuss und das gemeinsame Spazieren über den Golfplatz stünden

im Vordergrund – und das ohne Hektik, Ehrgeiz oder Druck. „Das Erlebnis

ist wichtiger als die Verbesserung des Handicaps“, betont Gauld, der

wie Meister ebenfalls beim eingangs erwähnten Turnier in Baden-Baden

mit von der Partie ist.

KNICKERBOCKER UND RAUTENMUSTER

Was die Zulassung zu nationalen und internationalen Hickory-Turnieren

anbelangt, wird auf Regeln und Etikette geachtet. So setzt man schon in

Sachen Kleidung auf Tradition: Die Herren tragen meist Knickerbocker,

deren Stoff vier Inches über das Knie reicht, außerdem Kniestrümpfe mit

Rautenmuster, weiße Hemden, Westen und Schiebermützen. Bei den Damen

sind mindestens knielange Röcke, weiße Blusen und Hüte angesagt.

KEINE NACHBILDUNG

Vor allem aber dürfen die Spieler gewöhnlich nur mit bis 1935 gebauten

Schlägern antreten, lediglich in Ausnahmefällen sind auch Replikas

erlaubt. „Auch 80 bis 100 Jahre nach ihrer Herstellung sind antike

Schläger noch problemlos spielbar“, sagt Gauld. Das Hickory-Holz der

Schäfte hat dabei eine Elastizität, die zwischen der von Stahl und Graphit

liegt. Die eisernen Schlägerköpfe stammen in der Regel aus Schottland.

Jeder Hickory ist ein Einzelstück, keine zwei gleichen einander.

PRÄZISES SCHLAGEN

Da der „Sweet Spot“, also der Punkt auf dem Schlägerblatt, mit dem

man den Golfball optimal trifft, bei Hickory-Schlägern deutlich kleiner

ist als bei moderneren Modellen, erfordert diese Golfvariante mehr

Präzision beim Schlagen und aufgrund der Elastizität des Holzes ein

sanfteres Schwingen des Schlägers. Die alten Schläger verzeihen keine

Fehler, und die besondere Herausforderung besteht darin, den Golfball

exakt zu treffen. Andernfalls verlieren Spieler und Ball an Länge oder

verfehlen die Richtung. Daher lautet auch das Fazit von Experten wie

Christoph Meister oder Andrew Gauld: „Wer viel mit Hickory- Schlägern

spielt, wird ein besserer Golfer.“ So gesehen bietet die gepflegte Tradition

also auch noch einen weiteren Vorteil.

MATTHIAS GAUL

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BESONDERE ORTE

Spurensuche

AUF DEM HEILIGEN BERG

Der Odilienberg im Elsass gilt als spirituelle

Hochstätte. Ob Wallfahrer oder Wanderer:

Eine mystische Empfindsamkeit erleben

beide. Das Zusammenwirken von Natur und

Okkultismus macht diesen Ort so einzigartig.

Seine Geschichte ist es ohnehin.


BESONDERE ORTE

Nach Westen die Vogesen: dunkel, mächtig, dem

Schwarzwald ähnlich. Nach Norden und Osten der Kontrast: ein

bunter Teppich aus Feldern, Weinhügeln, in der Ferne Straßburg und

der Rhein. Der Panoramablick vom Gipfel des Odilienbergs mit seiner

Klosteranlage ist für Wanderer im wahrsten Wortsinne aussichtsreicher

Lohn für einen Anstieg auf 763 Meter Höhe. Für Gläubige,

Sinnsucher oder Esoteriker bedeutet er mehr, der Mont Sainte-Odile.

Dessen ist sich auch Patrick Koehler bewusst. Der Priester ist Wallfahrtsdirektor

auf dem Odilienberg, gut 40 Kilometer südwestlich von

Straßburg im Elsass gelegen. „Es ist ein ganz besonderer, ein spiritueller

Ort“, weiß der Geistliche.

ORT DER ANZIEHUNG

In der Tat. Vieles lässt sich hier erfahren: die Natur

als Schöpfung des Lebens wie auch das Zivilisationsgenie

des Menschen. Der Ort hat seit Urzeiten

Menschen angezogen. Er war Stätte für Zusammenkünfte

keltischer Druiden, später diente er als

Zufluchtsort vor Angreifern. Eine etwa zehn Kilometer

lange Mauer umgibt drei Hochplateaus.

Heidenmauer nennen die Elsässer dieses Bauwerk

aus gewaltigen, bis zu vier Tonnen schweren

Sandsteinblöcken. Vermutlich stammt der Festungswall

aus der Mitte des ersten Jahrtausends

vor Christus. Als später die Römer Gallien eroberten,

bauten sie die Anlage zu einem Höhensitz aus. Von

hier aus überwachten sie die Rheinebene. Altitonia

hieß der Ort damals, später Hohenburg.

RICHTUNGSGEBENDE SPUREN

Seinen Stellenwert als geistige Hochstätte

aber erlangte der Berggipfel erst viel später,

als eine Elsässerin namens Odilia, französisch

Odile, hier ein Kloster gründete.

Sie hat Spuren hinterlassen. „Es sind die

Spuren eines ganz besonderen

Menschen, die offenbar

sehr vielen anderen eine

Richtung geben“, sagt

Koehler. Wallfahrer

besuchen die Stätte

seit Gründung des

Klosters, die Gruppen

der Sportwanderer und

Ruhesucher sind eher ein

Abbild der Neuzeit. Ein

Hotel bietet sich an als

Rückzugsort für Stressgeplagte.

Bei Managerseminaren

lernen hier

Menschen wieder, Ruhe

ganz bewusst zu suchen.

Wo heute ein Kloster steht, hausten einst keltische Druiden, später

die Römer. Es ist ein Ort, der seit Urzeiten die Menschen anzieht.

EINE SCHÜTZENDE HAND

Diese Suche beginnt nach dem Eingangsportal in einem windgeschützten

Innenhof, dem „großen Hof“. Rechts davon auf einer Plattform

erhebt sich ein etwa 900 Jahre altes Brunnenbecken aus rosa Sandstein.

Der Blick fällt geradeaus auf den Pilgersaal, vor dem die aufgestellte

Bistro-Bestuhlung ein durchaus weltliches Bild vermittelt. Gleich daneben

aber ein Monument christlich geprägter Kultur: die Klosterkirche

mit ihren mittelalterlichen Fundamenten aus dem zwölften Jahrhundert.

Erst vor hundert Jahren wurde an der Südostseite des Kirchenschiffs ein

viereckiger Turm im romanischen Stil angefügt. Auffälliger ist ein zweiter,

säulenartiger Turm an dessen östlicher Ecke. Auf seiner Spitze thront

weithin sichtbar Odilia als mächtige Statue. Schützend scheint sie ihre

Hand über das Elsass zu halten.

Die Quelle unterhalb der

Klostermauern versiegt nie.

Die Aufnahme von 1905 zeigt den podestartigen Vorbau der Quelle.

Er sieht heute noch genauso aus wie vor 110 Jahren.


FRAGEN STELLEN, ANTWORTEN SUCHEN

Über den Kreuzgang seitlich der Kirche gelangt man zur Odilienkapelle

mit dem Grab der Heiligen. Das Totendenkmal selbst stammt aus dem

18. Jahrhundert, ein Sarkophag enthält zudem einige Reliquien Odilias.

Nach Nordosten führt der Kreuzgang zu einer Terrasse auf einem Felsvorsprung

mit einer beeindruckenden Aussicht. Ein Ort, um die Seele

baumeln zu lassen, Fragen zu stellen, Antworten zu suchen. Vielleicht

macht gerade die hier zu fühlende Empfindsamkeit für Ungeklärtes

den Mythos des Mont Sainte-Odile aus. „Hier erfahren viele Besucher

einen spirituellen Anstoß, schließen Frieden, finden Ruhe“, weiß Rektor

Koehler.

Die Odilienkapelle beinhaltet das Grab der Heiligen. Das Totendenkmal

stammt aus dem 18. Jahrhundert.

GLAUBE UND KUNST

An den Rändern dieser Esplanade erheben sich zwei weitere Kapellen

aus dem 12. Jahrhundert. In einer davon, der Tränenkapelle, soll Odilia

für den Seelenfrieden ihres Vaters gebetet und um ihn geweint haben.

Hinter Gittern liegt eine kleine Mulde, die ihre Knie und Tränen hinterlassen

haben sollen. Die Engelskapelle gegenüber ist kleiner. Sie befindet

sich an jener Stelle des gewaltigen Felsen, an dem die Römer ihren

Wachtturm errichtet hatten. Innen zeigen Wandmosaiken des Pariser

Künstlers F. Danis Motive aus dem Leben Odilias, das bestimmt war

vom Element Wasser. Eine Quelle zeugt noch heute davon.

ELEMENTE DES LEBENS

Die Quelle zu erwandern, ist für viele Besucher der Höhepunkt. Vom

Hauptportal geht eine Treppe hinunter zu einem Rundweg außerhalb

der Klostermauern. Er führt an mit Mosaiken gestalteten Bildnissen des

Kreuzwegs von Jesus vorbei. Ebenso an einer in einer Felsspalte errichteten

Mariengrotte. Ist man am Klosterfriedhof angelangt, findet sich

ODILIA –

TOCHTER DES LICHTS

Um 660 n. Chr. lässt Adalrich, Herzog

des Elsass, in Erwartung eines Sohnes

und Erben die „Hohenburg“ errichten.

Seine Frau Bereswinde bringt

jedoch ein blindes Mädchen

zur Welt. Da der enttäuschte

Herzog das Kind töten lassen

will, entführt die Mutter

die Kleine und vertraut

sie einer Amme an.

Diese gibt das Kind

ein Jahr später in die

Obhut eines Klosters

nahe Besançon. Als

das Taufwasser das

mittlerweile 12-jährige

Mädchen berührt,

kann es plötzlich sehen,

weshalb man ihr den Namen

Odilia gibt – Tochter

des Lichts. Hugo, Odilias jüngerer Bruder, bereitet indes die

Rückkehr seiner Schwester ins Elsass vor und stirbt daraufhin

durch einen heftigen Schlag des wütenden Adalrich. Voller

Reue will der Herzog nun seine Tochter auf der Hohenburg

empfangen und sie mit einem Prinzen seiner Wahl vermählen.

Odilia weigert sich und muss vor dem Zorn ihres Vaters

fliehen. Der Legende nach öffnet sich unerwartet eine Spalte

in einem Felsen, der ihr Zuflucht bietet. Adalrich sieht darin

einen Fingerzeig Gottes und vermacht seiner Tochter den

Besitz Hohenburg. Odilie gründet 690 die gleichnamige Abtei

auf dem heute nach ihr benannten Berg. Eines Tages begegnet

ihr ein blinder Bettler auf dem Weg. Von Mitleid berührt

klopft sie in ihrer Verzweiflung mit einem Stab an einen

Felsen am Fuße des Klosters. Wasser beginnt zu sprudeln, das

den Bettler genauso geheilt haben soll, wie einst das Taufwasser

sie selbst. 720 stirbt Odilia, elf Tage vor Weihnachten.

1050 spricht die Kirche sie heilig.

rechts ein Pfad Richtung Tal und Quelle. Sie liegt weiter unten an der

Straße nach Saint-Nabor. Der Weg dorthin führt im Schatten mächtiger

Bäume an bemoosten Felsen vorbei. Sonnenstrahlen dringen mühsam

durch die dichten Baumkronen, ihre Lichtspitzen scheinen auf dem

Boden zu tanzen. Ein elementares Erlebnis im wahrsten Wortsinn: Erde,

Sonne und – nach etwa einer halben Stunde Fußweg – das Wasser. Die

Quelle soll im Laufe der Jahrhunderte viele kranke Augen geheilt haben,

sagt die Legende. Versiegt ist sie noch nie.

ALEX MANNSCHATZ

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