PolarNEWS Magazin - 7

polarreisen

PolarNEWS

Zeitschrift über polare Regionen

www.polar-news.com

Ausgabe 7 /Juni 2008 Auflage 50’000

Tschukotka

Eine Reise auf Motorschlitten

Polar NEWS

wird zur Abenteuer-Fahrt

Schiffsuntergang

Peter Kunz aus Zürich überlebt

den Untergang der «Explorer»

Dinosaurier

Das «Monster» aus Spitzbergen

entpuppt sich als Sensation


Expedition

Kaiserpinguin

Snow Hill

8. – 24.10. 2009

Exklusive Leserreise

mit PolarNews und

Kontiki-Saga

Für Astronauten ist es der

Mond. Für mich sind es die

Kaiserpinguine auf Snow Hill.

Für Pinguin-Fans einfach

das Spektakulärste.

Das ultimative Erlebnis jedes Pinguin-Fans!

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einzigartigen Reise beschränkt. Lesen Sie mehr auf der Seite 41.

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Heiner Kubny

Ihr Begleiter

Ihr Zuhause

Ihr Abenteuer

Polarspezialist

und Fotograf

Heiner Kubny.

Der Eisbrecher

Kapitan

Khlebnikov.

Mit dem

Helikopter zur

Kaiserpinguinkolonie.


Liebe Leserin, lieber Leser

Wieder mal ist es soweit, Sie halten die neuste

Ausgabe von PolarNEWS in Ihren

Händen. Viel Lob erhielten wir für die letzte

Ausgabe, es soll bis anhin die beste gewesen

sein! Solches Lob tut gut, machen wir doch

PolarNEWS mit viel Liebe zum Detail.

Jedesmal erhalten wir viel Post – vor allem

jene von Kindern lässt uns im Glauben,

unsere Arbeit gut zu machen. Wir möchten

mit PolarNEWS weiterhin die Schönheit der

polaren Regionen, aber auch deren Probleme

unseren Lesern näher bringen.

Inhaltsverzeichnis

News aus der Polarforschung 4

Alte Eisbären, resistente Tundravögel, tieftauchender

Krill und die wichtigsten

Downloads.

Tierwelt: Das Walross 6

Abenteuer: Tschukotka 32

Erinnern Sie sich an Pia? Sie suchte in der

letzten Ausgabe einen Mann, der mit ihr ein

Jahr in einer Trapperhütte auf Spitzbergen

leben möchte. Nun, einen Mann hat sie zwar

gefunden. Aber jetzt will sie mit ihm lieber

vor dem warmen Kaminfeuer kuscheln als

auf der Jagd nach Rentieren frieren. Ist auch

eine gute Lösung. Herzwärme ist immer

eine gute Lösung! Bloss aus unserer geplanten

Abenteuergeschichte wird jetzt nichts.

Aber vielleicht melden sich andere Wag -

halsige bei uns. Wir wären bereit.

Echte Dramatik erlebten die Passagiere auf

der «Explorer», und zwar so, wie man sich

das nie im Leben wünscht: Das Schiff

schlug in der Antarktis leck und sank,

Besatzung und Gäste mussten evakuiert

werden und auf ihre Rettung warten. Lesen

Sie ab Seite 14 den Bericht von Peter Kunz,

der an Bord der «Explorer» war. Und lesen

Sie anschliessend den Bericht von Arne

Kertelhein: Er gehörte als Crew-Mitglied

der «Nordnorge» zu jenem Schiff, das die

«Explorer»-Passagiere aus dem Wasser zog.

Ein Drama gleichermassen aus der Sicht der

zur Rettenden als auch der Retter...

Neue Gebiete erforschen: PolarNEWS

macht’s möglich! Im April war ich mit dabei,

als zum ersten Mal überhaupt Fremde offiziell

das Landesinnere von Tschukotka besuchen

durften. Fasziniert vom Land und den

Menschen ganz im Osten von Russland, entstand

mein Reisebericht (ab Seite 32).

Bereits im kommenden August wird

PolarNEWS mit einer grösseren Reise -

gruppe diese Gegend besuchen.

Die Pfundskerle fressen fast nur Muscheln.

Aber nicht mit ihren Stoss zähnen.

Serie: Vergessene Helden 12

Der deutsche Klimaforscher Alfred Wegener

entdeckte Pangäa und fand in Grönland den

Tod.

Drama: Untergang der «Explorer» 14

Ein Geretteter und ein Retter erzählen, wie

sie die Katastrophe in der Antarktis erlebten.

Service: Marktplatz 27

Von Karten bis Foulards: Alles, was das

Herz eines PolarNEWS-Fans begehrt.

Tierwelt: Pinguin-Mauser 28

Zum Wechseln ihres Federkleids haben

Pinguine wenig Zeit. Eine effiziente Lösung

tut Not.

Heiner Kubny war einer der allerersten

Touristen ganz im wilden Osten von Russ -

land.

Reisen: PolarNEWS-Reisen 40

Expeditionen in die Antarktis und die

Arktis: Exklusive Angebote für PolarNEWS-

Leser.

Wissenschaft: Dinosaurier 42

Der Fund eines Pliosauriers in Spitz bergen

entwickelt sich zur wissenschaftlichen

Sensation.

Dies & Das / Impressum 53

Globi wird endlich zum Polarforscher. Den

Film dazu macht allerdings die PolarNEWS-

Crew.

Lexikon: Antarktische Pelzrobbe 54

Sie waren einst fast ausgerottet. Jetzt balzen

die Antarktischen Seebären wieder.

Die Crew:

Ruedi und Priska Abbühl 58

Das Ehepaar ist für die Swiss mit der

Kamera im ewigen Eis unterwegs.

Wir haben also wieder mal viele spannende

Geschichten für Sie zusammengetragen:

Viel Spass beim Lesen!

PolarNEWS

Zum Titelbild

Rosamaria und Heiner Kubny

Seit mehr als 25 Jahren reise ich mehrmals jährlich in

die kanadische Arktis. Diesmal war ich mit einem

erfahrenen Inuitjäger in einem kleinen Fiberglasboot

unterwegs. In der Nähe von Igloolik (Nunavut) näherten

wir uns kurz nach Mitternacht der Walrossmutter,

die auf einer kleinen Eisscholle kurz vorher ihr Junges

geboren hatte. So gelang mir eines meiner besten

Walrossbilder.

Norbert Rosing

Polar NEWS

3


Forschung

News aus der Polarforschung

Zusammengestellt von Peter Balwin

Tundravögel entwickeln

Resistenz gegen Antibiotika

Selbst Vögel, die auf der menschenleeren

Tundra der Arktis leben, sind resistent gegen

Antibiotika. Dies belegt eine Studie der

Universität Uppsala. Die schwedischen

Forscher nahmen Kotproben von 97

Tundravögeln aus dem Norden Sibiriens, aus

Nordalaska und dem nördlichen Grönland,

unter anderen von Berg- und Alpenstrand -

läufer, Eis- und Polarmöwe und Schneegans.

Spezialisten für Infektions krankheiten staunten

nicht schlecht, als sie in diesen Proben

antibiotikaresistente Colibakterien fanden –

schliesslich stammen die Vögel aus extrem

abgelegenen Tundragebieten, wo Kontakte

zu Menschen ausgeschlossen sind. Die

Vögel zeigten Resistenzen auf 14 von den

insgesamt 17 getesteten Antibiotikatypen.

Als die wahrscheinlichste von mehreren

Erklärungen wird angeführt, dass Vögel aus

diesen Regionen den Winter auf sechs verschiedenen

Kontinenten verbringen und auf

ihrem Zugweg antibiotikaresistente Bak terien

aufnehmen und in die Arktis transportieren.

Diese Funde bestätigen einmal mehr, dass die

Antibiotikaresistenz zu einem weltweiten

Phänomen geworden ist. Und dass alle

Regionen der Erde davon betroffen sind –

ausgenommen möglicherweise die Antarktis.

(Quelle: Emerging Infectious Diseases,

Januar 2008)

Eisbär ist älter als gedacht

Der Fund eines alten Kieferknochens auf

Spitzbergen lässt die Lebensgeschichte des

Eisbären in neuem Licht erscheinen. Der

Knochen lag eingebettet in die Sedi ment -

schichten bei Poolepynten auf Prins Karls

Forland, wo er durch Wissenschaftler der

Uni versität von Island gefunden wurde. Der

23 Zentimeter lange Kieferknochen liess sich

eindeutig einem Eisbären zuordnen.

Sein Alter wurde auf maximal 130’000 Jahre

bestimmt, was ihn rund doppelt so alt macht

wie der bisher älteste (vermeintliche) Eisbären -

knochen aus London. Der Fund zeigt, dass der

Eisbär seit gut 100’000 Jahren eine morphologisch

ausgeprägte Tierart darstellt, und trägt

deshalb dazu bei, der noch ungelösten Frage

einen Schritt näher zu kommen: Wann genau

begann sich der Eisbär als eigene Art zu entwickeln

und von seinem Artverwandten, dem

Braunbären, zu trennen?

(Quelle: BBC News)

4 Polar NEWS


Antarktischer Krill

taucht Tiefenrekord

Die Kapitel über Lebensweise und Tiefen -

verteilung des Antarktischen Krills müssen

neu geschrieben werden, nachdem Wissen -

schaftler des British Antarctic Survey

entlang der Antarktischen Halb insel ausgewachsenen

Krill (Euphausia superba) in

einer Meerestiefe von 3000 Metern gefunden

haben. Bisher ist man davon ausgegangen,

dass diese bis 6 Zentimeter lange

Leucht garnele mehrheitlich in den obersten

150 Metern der Wassersäule vorkommt.

Krill ist eine der grössten Proteinquellen der

Erde und stellt ein wichtiges Glied in der

Nahrungskette des Südozeans dar: Von ihm

ernähren sich Pinguine, Fische, Bartenwale

und Robben. Seit den siebziger Jahren

scheint die Menge an Krill um 80 Prozent

zurückgegangen zu sein, was auf die steigenden

Temperaturen zurückgeführt wird –

an der Antarktischen Halbinsel allein

werden 2,5 Grad höhere Jahres tempe -

raturen gemessen als noch vor 50 Jahren.

Weddellrobbe sammelt Daten

Sie wiegen 100 Gramm, kosten je 15’000

Franken und sollen mithelfen, die Ge heim -

nisse des gefrorenen Südozeans im Winter zu

lüften: kleine Satellitensender. Natürlich

haben sich die Zoologen der Universität von

Tasmanien auch nach einem geeigneten

«Transporteur» umgesehen: die Weddell -

robbe. Diese antarktische Robbenart lebt im

Packeis und taucht bis über 800 Meter Tiefe

hinab.

Die Sender, welche mit Leim am Kopf der

Weddellrobbe befestigt werden, sammeln bei

diesen Tauchgängen Daten über Bewegungs -

muster, Verhalten und Nutzung des Lebens -

raums. Auch ozeanografische Werte werden

gemessen wie Temperatur und Salzgehalt des

Wassers. Zoologen wie auch Meeresforscher

hatten bisher noch keine Möglichkeit, Daten

von unterhalb des winterlichen Packeises zu

erhalten, weil diese Region während dieser

Zeit für Schiffe unerreichbar ist. Die Weddell -

robbe, das südlichste Säugetier der Erde, hilft

jetzt also mit, spannende Fragen zu lösen. So

interessiert zum Beispiel, wie Tiere an der

Spitze der Nahrungskette auf klimabedingte

Veränderungen des Meereises reagieren.

(Quelle: University of Tasmania)

(Quelle: Current Biology)

UN-Report zum Downloaden

Das Umweltprogramm der Vereinten Natio -

nen (Unep) hat einen 64-seitigen Be richt

publiziert über die Gefahren der Klima er -

wärmung für arktische Gewässer. Das Gut -

achten formuliert auch den weltweiten Ein -

fluss von Ver schmutzung, Raubbau, gebietsfremden

Arten und Klimaveränderung auf die

Weltmeere. Download in englischer Sprache

unter www.unep.org/pdf/InDeadWater_LR.pdf.

(Quelle: WWF und Unep)

Grundlagen kurz und bündig

Der WWF International stellt auf der

Webseite zu seinem Arktisprogramm zahlreiche

hochinteressante Grundlagenpapiere

über aktuelle Themen der Arktis zum

Download zur Verfügung. Die in englischer

Sprache gschriebenen Berichte fassen das

Wichtigste über Klimaveränderungen in der

Arktis, Eisbären, Ölverschmutzung, Wale

und weitere Themen auf wenigen Seiten

zusammen. Zu finden unter diesem Link:

www.panda.org/arctic/publications.

(Quelle: WWF Arctic Bulletin)

Bauplatz Südpol

Am geografischen Südpol mitten in der

Antarktis haben die USA im Januar eine

brandneue Forschungsstation eingeweiht.

Dies ist das dritte Bauwerk seit 1957 am südlichen

Ende der Erdachse. Die neue

Amundsen-Scott-Südpolstation ist grösser,

moderner, sicherer und gilt als architektonisch

schöner als deren Vorgänger. Die

Bauzeit betrug 12 Südsommer. Mit 925

Materialflügen wurden rund 1100 Tonnen

Baumaterialien herangeschafft.

(Quelle: National Science Foundation NSF)

Baffininsel ist bald eisfrei

Auf der kanadischen Baffininsel, der fünftgrössten

Insel der Erde, schmelzen die

Eiskappen. Über 20 kleinere Eiskappen mit

bis zu 7 Kilometern Ausdehnung und rund

100 Metern Dicke im nördlichen Teil dieser

Arktisinsel sind jetzt kleiner als jemals zuvor

in den vergangenen 1600 Jahren. In den letzten

fünfzig Jahren sind sie um die Hälfte

geschrumpft. Man befürchtet, dass die globale

Erwärmung diese Eisfelder bis zur Mitte

unseres Jahrhunderts gänzlich zum Ver -

schwinden gebracht haben wird.

(Quelle: University of Colorado at

Boulder/UCB)

Polar NEWS

5


Tierwelt


Der sanfte Koloss

Walrosse ernähren sich fast nur von kleinen Muscheln. Wie bringen sie die aus dem

Boden? Mit ihren Stosszähnen, vermutete man bisher. Das stimmt nicht.

Polar NEWS


Von Peter Balwin (Text)

und Norbert Rosing (Bilder)

Rund um den Nordpol lebt ein Tier, das es

dem Menschen schon immer angetan hat –

im guten wie im schlechten Sinne. Dabei

kennen wir Mitteleuropäer dieses arktische

Charaktertier seit erst fünfhundert Jahren.

Vielen, denen es vergönnt war, diesem Tier

wenigstens einmal im Leben gegenüber zu

stehen, begegnen ihm heute noch mit einer

undefinierbaren Mischung aus Neugierde,

Abneigung, Faszination und einem kleinen

bisschen widerwilligem Schaudern vielleicht:

das Walross!

Die grösste Robbe der nördlichen Halbkugel

erhielt von Anbeginn ihrer Kontakte zu europäischen

Seefahrern des 16. Jahrhunderts

keine löblichen Attribute zugesprochen. Der

erste Eindruck von einem Walross sei «kein

günstiger», wusste Tierforscher Alfred

Brehm selbst noch in den 1870er-Jahren in

seinem berühmten «Thierleben» zu berichten.

Das «ozeanische Monsterschwein» oder

die «Meereskuh» trug «stachlige Bürsten

rund um sein Ochsenmaul» (1671) und regte

die Phantasie der damaligen Entdecker

regelrecht an. Das «Seepferd mit zwei langen,

abstehenden Zähnen» (Holland, 1578)

«klettert mit seinen Zähnen auf die Gipfel

der Felsen, von wo es sich wieder zurück ins

Meer wälzt – falls es nicht an den Felsen

hängen bleibt, vom Schlafe überrascht»

(Olaus Magnus, 1539).

Bis zum ausgehenden 16. Jahrhundert hatte

noch kaum jemand bei uns ein echtes

Walross gesehen – oder als solches erkannt.

Die markanten Stosszähne dieser riesigen

Robbe hingegen waren seit dem 9.

Jahrhundert begehrte Handelsobjekte. So

etwa zahlte das Bistum der Wikinger auf

Grönland 1282 seinen Zehnten an Rom in

Ochsenhäuten, Robbenfellen und –

Walrosszähnen. Im Jahre 1520 wollte ein

Bischof im norwegischen Trondheim wohl

besonders gut dastehen, indem er nicht nur

die Zähne des Walrosses nach Rom lieferte,

sondern gleich den ganzen eingesalzenen

Kopf an Papst Leo X. spedierte. Jener

Walrosskopf, unterwegs in die Heilige Stadt,

wurde via Strassburg befördert, wo ihn der

Maler Albrecht Dürer meisterhaft abzeichnete

und so den wissbegierigen Menschen

Europas zum ersten Mal eine brauchbare

Darstellung dieses «Ungeheuers» lieferte.

Mit der Suche nach einem schnelleren Weg

zu den Gewürzinseln im Fernen Osten stachen

im 16. und 17. Jahrhundert immer mehr

europäische Expeditionen in See und nahmen

Kurs in die Arktis. Den ersehnten

Durchschlupf nach Japan fanden sie allerdings

dann noch nicht, aber jede dieser oft

tragisch verlaufenden Schiffsreisen lüftete

den Schleier des Unbekannten über der

Arktis mehr und mehr. Geschichten über

neue Inseln, fremdartige Menschen und seltsame

Tiere erreichten die Handelsherren in

Europa. Und die ersten gefangenen «Wal -

pferde» fanden ihren Weg wiederholt und

unfreiwillig zu den staunenden Aristokraten,

das erste nachweislich im Jahre 1608.

Damals jedoch versetzte nicht das Walross

die Kommerzialräte, Navigatoren und Com -

pa nien in Aufregung, sondern die Meldung

von arktischen Meeren, in denen es vor lauter

Wal-Leibern zu brodeln schien. Die Jagd

auf Wale in Spitzbergen und Grönland galt

damit als eröffnet, mit den bekannten tragischen

Konsequenzen für die Walpopu -

lationen, die wir heute, 400 Jahre später,

immer noch deutlich wahrnehmen können.

Erst als es bald keine Wale mehr zu erlegen

gab, wandte man sich notgedrungen anderen

Tierarten zu – und das Walross geriet ins

Visier der erbarmungslosen Robbenjäger.

«Sie werden alleine umb der Zähne gefangen»,

gibt Friderich Martens in seiner

Reisebeschreibung von 1671 zu. Und weiter

schreibt er: «Wann der Wall Ross getödtet

ist, hauet man ihm den Kopf abe, den Leib

lassen sie liegen oder lassen ihn im Wasser

treiben. Den Kopf nehmen sie mit an das

Schiff, da werden die Zähne aussgehauen,

die zwo grossen Zahn gehören den Redern

oder Kauffleuten des Schiffes, die kleinen

Backen-Zähn werden wenig geachtet.»

Der Zahnläufer als Zielscheibe

Die Gier nach diesen beiden hauerartig verlängerten

oberen Eckzähnen machte den

Walrossen beinahe den Garaus. Diese Zähne

lieferten das von alters her begehrte Elfen -

bein für Schnitzereien, welches über Jahr -

hunderte hinweg gesucht war, weshalb das

Walross weit oben stehen blieb auf der Jagd -

liste europäischer und nordamerikanischer

Geschäftsleute. Man schätzt, dass es in

Nordamerika und dem europäischen Nord -

polar gebiet viele hunderttausend Walrosse

gegeben haben musste, bevor die Europäer

die Neue Welt entdeckten.

Im späten 18. Jahrhundert, als der Walfang

zu Ende ging, begann die kommerzielle Jagd

auf Walrosse. Nicht nur das Elfenbein der

Hauer war begehrt. Walrosse mit ihrer bis zu

zehn Zentimeter dicken Speckschicht lieferten

Öl. Und auch die zwei bis vier Zenti -

Wenn sich ein Eisbär einer Walrossherde nähert, kann schon mal Panik ausbrechen. Dann stürzen sich die Tiere Hals über Kopf ins Wasser.

8

Polar NEWS


meter starke Haut wurde verwertet; unter

anderem stellte man daraus Treibriemen für

Maschinen her. Sechzig oder mehr Männer

könnten an einem Walross-Lederriemen ziehen,

ohne ihn zu zerreissen, heisst es in

einem Dokument aus dem 13. Jahrhundert.

Das Abschlachten nahm ein ungeheuerliches

Ausmass an. Bis zur Mitte des 20. Jahr -

hunderts ist die gesamte Population des

Atlantischen Walrosses (Odobenus rosmarus

rosmarus) in jedem Winkel seines Ver -

breitungsgebietes beinahe völlig ausgerottet

worden. Die Gesetze zum Schutz dieser charakteristischen

Robbe in den verschiedenen

Anrainerstaaten der Arktis kamen fast zu

spät. Als Erste erkannten die Russen den

Ernst der Lage und erliessen bereits 1921

Jagdvorschriften, welche 1956 noch ausgeweitet

wurden, so dass seither nur noch die

Ureinwohner Russlands, für welche die Jagd

Lebensgrundlage ist, dort in beschränktem

Masse Walrossen nachstellen dürfen.

Ähnliches gilt auch für Grönland, an dessen

wilder Ostküste 1956 ein vollständiges Jagd -

verbot für Walrosse verhängt wurde. Trotz -

dem werden heute noch jedes Jahr 20 bis 30

dieser Tiere erlegt. An der grönländischen

Westküste hingegen ist eine nachhaltige Jagd

für Einheimische erlaubt. Kanada zog An -

fang der dreissiger Jahre nach, und in Alaska

ist die Jagd heute den Ureinwohnern (Indi -

anern, Aleuten und Eskimos) vorbehalten.

In Spitzbergen sind diese Tiere seit 1952

vollständig geschützt, als klar wurde, dass

damals dort gerade mal rund hundert

Walrosse das Gemetzel überlebt hatten.

Abgesehen von denjenigen Walrossen, die

heute noch Jagdopfer der indigenen Völker

werden, kann sich der urtümliche «Zahn -

läufer», wie Odobenus auf Griechisch heisst,

heute endlich wieder unbekümmert an den

Stränden der kalten Küsten ausruhen. Seit

gut einem dreiviertel Jahrhundert stehen die

Vertreter der beiden Walross-Unterarten, des

Atlantischen und des Pazifischen, mehr oder

minder unter Schutz.

Schwergewichtige Unterarten

Und jetzt bemerken wir Menschen, dass wir

von diesem Tier, das so lange verfolgt wurde,

noch gar nicht alles aus seinem spannenden

Leben kennen. Dabei tummelten sich die

ersten Walrosse bereits vor 18 Millio nen

Jahren in den Gewässern des frühen

Miozäns. Noch vor etwa 2000 Jahren gehörte

das Walross zur ganz normalen Tierwelt

der Nordsee, wohin es sich, nota bene, hin

und wieder immer noch zurück verirrt: Aus

dem 20. Jahrhundert gibt es sechs gemeldete

Walross-Beobachtungen aus der Nordsee.

Während Zoologen – hätte es sie dann schon

gegeben – in prähistorischer Zeit 13 Arten

des Walrosses hätten unterscheiden können,

Brehm beschrieb die Tasthaare einst abschätzig als «stachelige Bürsten rund um sein Ochsenmaul».

Richtig ist: Sie sind ein hochsensibles Instrument für die Nahrungssuche.

kommt heute nur mehr eine Art vor, das

Walross eben, oder Odobenus rosmarus.

Allerdings unterscheiden Fachleute zwei

Unterarten, deren Trennung gute 500’000

bis 785’000 Jahre zurück liegt und deren

körperliche Unterschiede selbst für Laien

erkennbar sind.

Da sind zum einen die 20’000 bis 30’000

Individuen des Atlantischen Walrosses

(Odobenus rosmarus rosmarus) «unserer»

Region. Sein Lebensraum reicht von der

zentralen kanadischen Arktis über Grönland

und Spitzbergen bis zur russischen Karasee

östlich von Nowaja Semlja. Während die 3,5

Meter langen Männchen bis 1500 Kilo -

gramm auf die Waage bringen, scheinen die

Weibchen mit ihrer Körperlänge von 2,5

Metern und einem Gewicht von 700 bis 900

Kilogramm geradezu zierlich. Noch weiter

östlich an der Nordküste Sibiriens stösst man

auf das Laptev-Walross (Odobenus rosmarus

laptevi), welches manchmal als dritte Unter -

art angeführt wird.

Zum anderen leben in der Region der Beringstrasse

zwischen Russland und Alaska etwa

200’000 Tiere, die zur Unterart des Pazi fi -

schen Walrosses (Odobenus rosmarus divergens)

gehören. Sie sind merklich grösser als

ihre europäischen Artver wandten. Ein

Männchen bringt dort schnell mal 1700

Kilogramm auf die Waage und erreicht eine

Körperlänge von 4 Metern. Auch die Zähne

sind beim Pazifischen Walross länger und

erscheinen deshalb schön auseinander gebogen

oder weggedreht (lateinisch divergens).

Typisch für diese Unterart sind die Fotos, die

wir alle schon irgendwo einmal gesehen

haben: Weite Strände, von denen man

eigentlich gar nichts sieht – weil jeder Qua -

dratmeter von einem dicken, rosaroten

Walross belegt ist und sich Tausende dieser

Tiere ins Bild drängeln...

Wedeln beim Essen

Walrosse ernähren sich hauptsächlich von

eher kleinen Lebewesen des Meeresgrundes

(des Benthals). So stehen etwa benthische

Wirbellose wie zweischalige Muscheln (zum

Beispiel die Felsenbohrmuschel, auch

Nordischer Steinbohrer genannt) ganz oben

auf der Menükarte. Für Abwechslung auf

dem Speisezettel sorgen Tintenfische,

Polardorsch, Würmer, Krabben und Floh -

krebse, Seegurken – und ab und zu eine

Ringelrobbe.

Nichts geht einem Walross aber über seine

geliebten Muscheln. Schätzungen zufolge

konsumiert ein Walross durchschnittlich 6,2

Prozent seines Körpergewichtes durch den

Verzehr von wirbellosen Tieren des Meeres -

grundes. Umgerechnet heisst das, dass ein

1000 Kilogramm wiegendes Walross jeden

Tag 180 bis 240 Kilogramm an Muscheln

ausschlürfen muss, um an die notwendige

tägliche Ration von 60 Kilogramm weichem

Muschelfleisch zu gelangen. Zu diesem

Zweck muss ein Walross zwischen 4000 und

6000 Muscheln pro Tag aufspüren. Führen

wir dieses Unterwasserrechnen noch etwas

weiter, so kommen wir auf die stolze Zahl

von 8900 Tonnen Nahrung, welche allein die

gesamte Population des Pazifischen Wal -

rosses in der Region des Beringmeeres jeden

Tag verschlingt – oder 3,2 Millionen Tonnen

pro Jahr.

Weil sich die Mahlzeiten in den obersten,

schlammigen Schichten des Meeresbodens

verstecken, muss ein Walross gehörig Staub

aufwirbeln, um an sein Mittagessen zu

gelangen. Die Nahrungssuche des Walrosses »

Polar NEWS 9


Antarktis-Expeditionsreise

7. bis 26. Februar 2009

Mit dem neuen Luxus-Schiff von

Silversea, der «Prinz Albert II»

Die beliebte «World Discoverer» ist

zurück! Renoviert und verschönert

fährt Sie ab sofort für die bekannte

Luxus-Reederei Silversea. Kommen

Sie mit an Bord und entdecken Sie die

einzigartigen Naturschönheiten der

Antarktis.

Highlights:

• Besuch der antarktischen Halbinsel

• Majestätische Eisberge

• Einzigartige Tierwelt

• Kuoni-Reiseleitung ab/bis Schweiz

Ihr Reiseprogramm:

7.2.09 Zürich–BuenosAires mit Lufthansa

2 Übernachtungen in Buenos Aires

9.2.09 Buenos Aires – Ushuaia

Einschiffung auf die Prinz Albert II

11./12.2.09 Falkland Inseln inkl. Stanley

15./16.2.09 Südgeorgien

18./19.2.09 Südorkney-/Südshetland-Inseln

20.–22.2.09 Antarktische Halbinsel

23./24.2.09 Drake Passage

25.2.09 Ausschiffung in Ushuaia.

Flug nach BuenosAires – Zürich

(Ankunft 26.2.09)

Alle nicht genannten Tage sind Seetage.

Preise:

Suiten-Kategorie Deck Preis / Person

View Suite Deck 3 Fr. 17990.–

Vista Suite Deck 4 Fr. 18590.–

Weitere Kategorien und Suiten zur Alleinbenützung gegen

Zuschlag auf Anfrage möglich. Preisänderungen vorbehalten.

Buchungscode: 1SL ANTARC

Im Preis inbegriffen:

• An- und Rückreise Zürich –Buenos Aires–

Zürich sowie alle benötigten Transfers

• Hotelunterkunft in Buenos Aires

• Charterflug Buenos Aires–Ushuaia (retour)

• Unterkunft in der gebuchten Suiten-

Kategorie mit Vollpension

• Kuoni-Reiseleitung ab/bis Schweiz (ab 15 P.)

• Lektorenvorträge an Bord

• Halbtägige Stadtrundfahrt in Buenos Aires

• Teils kostenlose, geführte Landausflüge

• Getränke an Bord (inkl.Champagner/Weine)

• Hafentaxen und Trinkgelder

Im Preis nicht inbegriffen:

• Anwendungen im Spa Bereich

• Oblig. Annullationskosten-Versicherung

• Evtl. Buchungsgebühren Ihrer Buchungsstelle

Es gelten die «Allgemeinen Reise- und Vertragsbedingungen»

der Reederei sowie der Kuoni Reisen AG.

Wir beraten Sie gerne per Telefon: 044 277 49 36 (Mo–Fr 9 –18 Uhr),

in Ihrer Kuoni Filiale oder in jedem anderen guten Reisebüro.

10 Polar NEWS


Eckzähnen ausgraben, ist falsch und längst

widerlegt. Die Zähne dienen als Waffen,

haben eine soziale Signalfunktion, sind dienlich

beim Heraushieven auf eine Eisscholle,

vergrössern im Nu ein Atemloch im Packeis

oder geben ein praktisches «Kopfkissen» ab

bei plötzlichen Müdigkeitsanfällen an Land.

Und dorthin kommt ein Walross nur, um sich

auszuruhen, denn das Leben ausserhalb des

Wassers ist für eine derart schwere, plumpe

Robbe gar nicht lustig. Walross-Ruhepätze

findet man denn auch nur an flachen arktischen

Stränden, meist nahe bei guten

Nahrungsgebieten in seichten Meeres regio -

nen und nur wenige Dutzend Meter vom

Meer entfernt.

An Land wirken Walrosse plump und schwerfällig. Doch im Wasser manövrieren sie flink und schnell.

Dann geht man ihnen sicherheitshalber besser aus dem Weg.

am Meeresgrund führt deshalb ganz nebenbei

dazu, dass grosse Mengen der oberen

Sedimentschicht stark umgepflügt werden.

Dies wiederum könnte wesentlich dazu beitragen,

dass die Produktivität in den Nah -

rungsgebieten der Walrosse mächtig angeheizt

wird, weil durch das Pflügen Nähr -

stoffe freigesetzt werden. Ohne das Zutun

der Walrosse würden diese Stoffe im Boden -

schlick eingeschlossen bleiben.

Für ein Walross heisst essen also gleichzeitig

auch tauchen. Das Meer sollte aber nicht

tiefer als rund 80 Meter sein. Am Meeres -

grund angekommen, bringt das Walross ein

weiteres Merkmal seines urchigen Aus -

sehens ins Spiel, die Tastborsten auf der

Nase, auch Vibrissae genannt. 600 bis 700

solcher Nasenhaare – mehr als bei anderen

Robben arten – zieren eine Walrossschnauze

und geben dem Tier sein typisch unrasiertes

Äusseres.

Diese Borsten sind empfindliche Organe,

jede einzelne ist mit Nerven und Blutbahnen

versorgt und an kleine Muskeln angehängt.

Walrosse können die Tasthaare also gruppenweise

bewegen und mit ihrer Hilfe Form

und Grösse ihrer Beute erkennen. Dank

Polar NEWS

Filmaufnahmen durch wissenschaftliche

Taucher vor Ostgrönland konnte vor ein paar

Jahren erstmals nachgewiesen werden, wie

denn nun ein Walross an seine Nahrung

gelangt.

Erstaunliches Ergebnis dieses Forschungs -

projektes: Walrosse neigen dazu, während

der Nahrungssuche vor allem die rechte

Vorderflosse zu benutzen. Damit wedeln sie

die Sedimentschicht weg und legen so die

Muscheln frei. Diese Beobachtung wurde

noch erhärtet durch Messungen an gut zwei

Dutzend Walrossskeletten aus Museums -

sammlungen. Tatsächlich, bei allen waren

die vorderen Gliedmassen (Schulterblatt,

Oberarmknochen, Elle) rechts bedeutend

länger als links.

Neben dieser bevorzugten Methode, ihre

Nahrung freizulegen, benutzen Walrosse

auch öfters mal die linke Vorderflosse, produzieren

mit dem Mund einen extrem starken

Wasserstrahl oder rutschen auf der

Schnauze durchs Sediment – womit man den

alten Griechen wieder Recht geben muss:

Odobenus, der Zahnläufer...

Und die Hauer? Die alte Meinung, Walrosse

würden ihre Nahrung mit den mächtigen

Lange Tragzeit und Aufzucht

Im Sommer kehren diese leistungsstarken

Schwimmer nach einem opulenten Muschel -

mahl beinahe weisshäutig zu einem Ruhe -

platz zurück, wo sie dicht an dicht gedrängt,

zu Dutzenden bis zu Tausenden friedlich an

der arktischen Sonne dösen. Schon nach kurzer

Zeit sind die dicken Speck- und Haut -

schichten wieder wohlig durchblutet, und die

Tiere nehmen eine rosarote Farbe an. Im

Winter allerdings leben Walrosse südlich

ihrer dann vereisten Sommerplätze, weit im

Meer, an der Grenze des Packeises.

Irgendwo dort draussen im Eismeer, während

des düster-dämmrigen Polarwinters,

paaren sich die Walrosse. Es dauert 15 bis 16

Monate, bis das Walrossbaby geboren wird,

worauf es gute zwei Jahre gestillt wird – mit

ein Grund, weshalb Walross-Weibchen nur

alle zwei bis drei Jahre ein Junges austragen

können. Bei keiner anderen Robbenart ist

die Fortpflanzungsrate derart tief.

Und wenn man nun einem Walross lange

genug in seine kleinen, kurzsichtigen, roten

Augen blickt, an seine traurige Geschichte

und sein faszinierendes Leben denkt, dann

wird man «diese ungeheuerlichste aller

Robben» (Brehms «Thierleben») unwillkürlich

in sein Herz schliessen.

PolarNEWS

Walross-Webtipps:

Auf einer Internetseite des US Geological

Survey lassen sich kürzlich besenderte

Walrosse im Beringmeer verfolgen:

http://alaska.usgs.gov/science/biology/

walrus/2008animation.html.

Zurzeit können im Internet unter

www.biomedcentral.com/1472-6785/3/9,

dort im Kapitel «Results», zwei Film -

sequenzen herunter geladen werden, welche

die eigentümliche Nahrungssuche

eines Walrosses auf dem Meeresgrund

vor Ostgrönland veranschaulichen.

11


Serie

Vergessene Helden Teil III

Der Welt-Versteher

Es dauerte Hunderte von Jahren,

bis die Menschheit fähig war,

das Antlitz unseres Planeten als

exakte Landkarte wiederzugeben.

Und auch dann verstrich

viel Zeit, bis endlich jemand

genau hinschaute und bemerkte,

dass die Ostküste Südamerikas

wie ein Puzzleteil an die West -

küste Afrikas passte. Es war der

Deutsche Alfred Wegener, 1880

als Pfarrerssohn geboren, Wetterund

Weltallforscher, Physiker

und Familienvater und einer, der

die Welt in den ganz grossen

Zusammenhängen zu verstehen

versuchte.

Wenn also, so dachte Wegener,

Südamerika und Afrika zu -

sammen passen, dann kann es ja

sein, dass sämtliche Kontinente

einst eine einzige Landmasse

bildeten. Wegener nannte diesen

Urkontinent Pangäa. Doch, o

weh, seine Wissenschaftler -

kollegen lachten ihn bloss aus,

nannten seine Idee den «Taum

eines Poeten» und ihn selber

einen «von der Polschubseuche

schwer Befallenen». Wegener

solle sich doch lieber wieder

dem zuwenden, was er kann:

Der Meteorologie.

Als erster Forscher beschrieb

Wegener nämlich Turbulenzen Alfred Wegner.

in der Erdatmosphäre, veröffentlichte

Arbeiten über die Entstehung von Zirruswolken und teilte als

erster Forscher die Atmosphäre in verschiedene Schichten auf – was ihn

zur wissenschaftlichen Erklärung über die Entstehung von Fata

Morganas führte. Bloss dass seine Idee eines Urkontinents keine Fata

Morgana war, das konnte er nie hinreichend beweisen. Immerhin:

Wegener reiste durch die Kontinente und fand überall dieselben

Gesteinsarten.

Sein liebstes Forschungsgebiet aber war Grönland. Hierhin war

Wegener 1906 zum ersten Mal gereist als Teilnehmer einer 28-köpfigen

Expedition, die den Auftrag hatte, die Ostküste Grönlands zu

erkunden und Daten über das Wetter zu sammeln. Zwei Jahre dauerte

diese Expedition, und was er (unter vielem anderem) herausfand,

stützte seinen Urkontinent-Theorie: Man fand Fossilien von Bäumen,

die heute am Mittelmeer wachsen.

Auf seiner zweiten Grönlandreise durchquerte er mit seinen Kameraden

zum ersten Mal überhaupt die grösste Insel der Welt von Küste zu Küste

auf dem ewigen Eis. Eine dritte Expedition 1929 diente zur Vorbereitung

der vierten Reise, die ein Jahr

später losging.

Wegener war sich der Gefahren

des ewigen Eises durchaus

bewusst: Auf seinem ersten

Grönlandtrip starben der Expe -

ditionsleiter und zwei seiner

Kollegen. Die zweite Reise geriet

zum Fiasko, die Menschen hatten

bereits alle Ponys und Hunde

notgeschlachtet und wurden erst

im allerletzten Moment von

einem Missionar vor dem Er -

frieren gerettet. Dass Wegener als

Reserveoffizier während des

Ersten Weltkrieges zweimal an

der Front verletzt wurde, war

dagegen eine Bagatelle. Immer -

hin: Die dritte Expedition verlief

ohne Zwischenfälle.

Aber seine vierte war dann definitiv

seine letzte: Auf dem

Rückweg von einer Station zur

anderen starb Alfred Lothar

Wegener, vermutlich am 16.

November 1930 und ebenso vermutlich

an einem Herzversagen

infolge Überanstrengung, definitiv

nur ein paar Tage nach seinem

fünfzigsten Geburtstag. Ein

Jahr später fand man sein sauber

hergerichtetes Grab. Von seinem

damaligen grönländischen Be -

gleiter Rasmus Villumsen, der

ihn wohl begraben hat, fehlt bis

heute jede Spur. Und mit ihm

bleibt leider auch Wegeners Tagebuch verschollen.

So ist es halt: Helden sterben einsam. Vor allem in Grönland. Zum

Trost: Ein Superheld wurde Wegener Jahrzehnte später: Seit den 70er-

Jahren gilt seine Urkontinent-Theorie als wissenschaftlich anerkannt.

Und damit auch Wegeners Ansicht, dass die Bergmassive am

Meeresboden eine Folge der Kontinentalverschiebung sind. Sogar

seine Theorie, dass die Mondkrater eine Folge von Meteoreinschlägen

sind, gilt heute als Selbstverständlichkeit. Nach ihm ist heute das

Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven benannt, weltweit eines der

wichtigsten Zentren für Polar- und Meeresforschung.

Und, ach ja: Für die Teilnehmer an seinen letzten Grönland ex -

peditionen entwarf Wegener Spezialkleidung nach dem Vorbild des

grönländischen Anoraks. Das Modell wurde später im Wesentlichen

von der europäischen Wintersportmode übernommen.

Greta Paulsdottir

12

Polar NEWS


erdmannpeisker

Schlafl abor.

2700 Meter Höhe. Minus 15 Grad. Das Mammut-Team testet den Ajungilak Altitude. Bekommen die Teilnehmer

auch unter härtesten Bedingungen keine kalten Füsse? Ist der Schlafsack für Extrembedingungen wirklich extrem

gut? Alles über den Test und Anmeldungen für das nächste Testevent mit Mammut-Fans und Freunden unter:

www.mammut.ch/testevent

Polar NEWS 13

Absolute Alpine.


Schiffs

Drama

14


untergang

Am 23. November 2007 rammte das Kreuzfahrtschiff «Explorer» vor der

Antarktischen Halbinsel einen Eisberg und sank. Alle 154 Passagiere und

Besatzungsmitglieder konnten gerettet werden. Der Zürcher Peter Kunz war

einer von ihnen. Hier sein Bericht.

Polar NEWS

15


Da war noch klar Schiff: Die «Explorer» vor der Antarktischen Halbinsel.

Baujahr 1969, Tiefgang 4,2 Meter, 72,8 Meter lang, 14 Meter breit. Geschwindigkeit: 11 Knoten.

Von Peter Kunz (Text und Bilder)

und Arne Kertelhein (Bilder)

Nach elf Uhr gehen meine Partnerin Dora

und ich zu Bett. Wir hören in der Kabine, wie

schon so oft, wie das Eis kratzend um den

Bug herum gedrückt und weggepresst wird.

Zweimal allerdings knallt es so laut, dass wir

uns fragen, ob wir diese Nacht werden schlafen

können. Ich habe eben das Licht gelöscht,

als die Alarmglocke das Notsignal gibt. Was

ist los? Es folgt die Laut sprecher durchsage

des Kapitäns: Be sammlung mit Schwimm -

westen im offiziellen Meeting point im

obersten Aufenthalts raum, wie am ersten Tag

geübt. Einige Minuten später folgt der beruhigende

Durchsage-Zusatz, es sei im untersten

Deck aus noch unbekannter Ursache

etwas Wasser eingedrungen, die Pumpen

seien jedoch aktiviert worden; aus Sicher -

heitsgründen möge man sich aber dennoch

ankleiden und sich aufs obere Deck begeben.

Meine Partnerin Dora ist ziemlich rasch

bereit und eilt nach oben. Ich dagegen bin

etwas verärgert: Ich weiss zwar, dass Sicher -

heit hier stets das oberste Gebot ist und allen

anderen Überlegungen vorangestellt wird.

Aber mitten in der Nacht ist’s lästig, weil es

jetzt wohl zwei bis drei Stunden dauern wird,

bis wir in unsere Kabine zurück können.

Ich lasse mir deshalb Zeit und kleide mich

voll an, wie für einen Zodiakausflug mit

Stiefeln und dicker Jacke. Denn falls wir aufs

Freideck müssen, wird’s kalt. Ich gehe in den

Korridor und schaue im Treppenhaus hinunter

zum unteren Kabinendeck: Da steht tatsächlich

etwa eine Handbreit hoch Wasser im

Gang. Ich suche in unserer Kabine also noch

die Chips hervor, auf denen alle Fotos unserer

Reise gespeichert sind, und greife zu den

Pillen, die ich täglich einnehmen muss.

Sicher ist sicher.

Am Besammlungsort herrscht eine sonderbare

Stimmung. Einige sind sehr still, andere

machen Spässe. Es herrscht Unsicherheit.

Die Crew beantwortet Fragen und regt an,

Witze ins Mikrofon zu sprechen – man kennt

sich ja mittlerweile recht gut. Mit den voluminösen

Schwimmwesten, die wir anziehen

müssen, sind deren Träger in ihrer Be -

wegungs freiheit eingeschränkt, man kann

damit kaum bequem sitzen. Die Situation ist

nicht extrem angespannt: Alle glauben, bald

wieder in der Kabine zu sein, um so mehr, als

der Kapitän nun persönlich erscheint und

versichert, dass die Pumpen funktionieren

und das Wasser zurückgeht.

Ich lege mich in einer dunklen Ecke auf den

Boden und versuche zu dösen, nachdem ich das

verantwortliche Crewmitglied informiert habe,

dass es mir gut geht, dass ich nur müde bin.

Das nächste, was ich mitbekomme, ist die

Meldung, dass es sich beim Schaden am

Schiff zwar nur um ein faustgrosses Leck

handle, dass die Pumpen aber dennoch Mühe

hätten, das eindringende Wasser wieder hinauszubefördern,

denn das alte Schiff hat

keine Doppelwandung. Einer der Passagiere

erzählt, er sei erwacht, als es ihm auf den

Kopf tropfte und das eiskalte Wasser schon

knöcheltief im Kabinenboden stand.

Dann geht es nicht mehr lange, bis der

Kapitän wieder persönlich erscheint und

informiert, dass er – natürlich nur aus Sicher -

heitsgründen – «Mayday» abgegeben hat.

Dieser Funkspruch, erklärt er, werde global

ausgesendet, er habe Reaktionen sogar aus

dem Mittelmeer erhalten. Ein Schwester -

schiff der «Explorer» sei 10 Stunden entfernt,

zwei andere nur etwa 5 Stunden. Sie alle hätten

ihren Kurs geändert und eilten herbei.

Zurück in die Kabine

Doch sowas tut man nicht nur sicherheitshalber,

sondern meiner Meinung nach nur im Ernstfall.

Okay: Ab jetzt wird’s konkret... Die Leute werden

leiser. Das Schiff liegt schon bedenklich

schräg im Wasser. Ich will aufs Salondeck hinunter

zur Toilette, was eine Sondererlaubnis

vom Personal erfordert, da niemand mehr zu

den unteren Decks darf. Ich kriege die

Erlaubnis. Die quer im Schiff liegende Treppe

ist inzwischen enorm steil geworden.

Tatsächlich will ich jedoch zu unserer Kabine

hinunter, um den Tresorschlüssel zu holen,

denn dort liegt unsere ganze Barschaft. Über

die Treppen und durch die Korridore auf dem

Kabinendeck ziehen sich Schläuche, Mann -

schaft rennt herum, im untersten Deck steht

16

Polar NEWS


das Wasser jetzt deutlich über einen Meter

hoch. Das sieht nicht gut aus...

In unserer Kabine angelangt, ziehe ich, um

den Rucksack zu durchwühlen, die störende

Schwimmweste aus, finde endlich den

Tresorschlüssel, schmeisse noch einige nützliche

Dinge in den Rucksack – da wird’s

plötzlich stockdunkel. Schlechtes Zeichen.

Die Maschine oder wenigstens die elektrische

Anlage steht unter Wasser, das verschärft

die Situation erheblich. Nur noch im

Dunkeln den halboffenen Rucksack schnappen.

Ich taste mich zur Treppe, und dann

rasch hinauf.

Als ich im Salondeck ankomme, brennt wieder

Licht. Ich stosse auf den Purser, wie der

Versorgungsoffizier in der Schiffssprache

heisst, und bitte ihn, zusammen mit seinem

Schlüssel meinen Tresor zu öffnen. Doch

dafür hat er nun gar kein Musikgehör: keine

Zeit! Die Wertsachen aller Passagiere werden

aufgegeben! Wieder am Meetingpoint, sehe

ich, dass die vier Rettungsboote bis zum

obersten Deck hinuntergelassen und für die

Evakuation bereitgestellt worden sind. Mit

Schrecken stelle ich ebenfalls fest, dass ich

meine Rettungsweste in der dunklen Kabine

liegengelassen habe. Hinunter kann ich nicht

mehr, und ein Ersatz ist nicht aufzutreiben

hier oben.

Immer mehr Schlagseite

Immerhin: Ich entdecke eine Weste für

Zodiakboote, die zwar viel kleiner ist als die

Rettungs-Schwimmwesten, aber mir dafür

mehr Bewegungsfreiheit gibt. Das macht

allerdings kaum einen Unterschied: Wer

hier ins Wasser fällt, ist nach spätestens drei

Minuten ohnehin weggetreten, mit oder

ohne Weste.

Das Schiff hat nun merklich mehr Schlag -

seite. Wie ich später erfahre, dringt wegen

Kurz von Mitternacht rammt die «Explorer» wahrscheinlich einen Eisberg und schlägt leck.

Es dringt mehr Wasser ins Schiff, als die Pumpen wieder rausbefördern können.

der extremen Schräglage Wasser durch die

Toiletten ins obere Kabinendeck, sozusagen

aus vollen Rohren. Als der Kapitän, nachdem

auch die Steuerung ausgefallen ist,

«abandon ship» erklärt, besetzen wir die

Rettungs boote. Das geht ganz unspektakulär,

ohne Panik und nach dem System «first

come, first served». Glücklicherweise stehen

wir im Besammlungsraum vorne bei der

Türe. Es gibt kein Gedränge und keine

Panik, aber der Rucksack wird mir weggenommen:

Mit allen Klamotten am Leibe

und mit den Schwimm westen wird’s ohnehin

grauenhaft eng.

Im Rettungsboot sitzen 35 Passagiere so eng

zusammen wie Kaiserpinguine während der

Brutzeit – und das ist vorteilhaft. Denn der

Wind bläst kalt. Nach zwanzig Minuten

werde ich langsam unruhig. Wieso lässt niemand

unser Boot zu Wasser? Bei dieser

Schräglage können wir schon längst nicht

mehr senkrecht hinunter gelassen werden,

sondern nur dem Bug entlang hinunterschaben.

Sofern das überhaupt noch geht!

Nur ein Boot funktioniert

Einige Philippinos aus der Mannschaft werkeln

ununterbrochen am Motor unseres

Bootes. Mal geht wieder einer weg, mal

kommt einer. Später erfahren wir die Ur -

sache: Obwohl vor jeder Fahrt routinemässig

alle Boote geprüft werden, lässt sich ausgerechnet

jetzt von den vier Booten der

«Ex plorer» nur in einem einzigen der Motor

starten... Der Kapitän will die Boote aber

erst wassern, wenn die Motoren laufen,

damit sie auf dem Wasser sofort vom Schiff

wegkommen.

»

Eilt mit voller Kraft dem Unfallort entgegen: Die «Endavour» ist zum Zeitpunkt des Unfalls 150 Kilometer von der «Explorer» entfernt.

Polar NEWS 17


Die «Explorer» ist evakuiert, sämtliche Wertsachen bleiben an Bord. Das Schiff hat schon stark Schlagseite: Sein Untergang ist bereits besiegelt.

Das ist wichtig, denn ein Eisberg treibt auf

das nicht mehr manövrierfähige Schiff zu.

Der ist zwar nicht sehr gross, aber gross

genug, um ein schon gewassertes, aber noch

nicht abgelegtes Boot am Schiffsrumpf zu

zerquetschen.

Bootes klatschen. Es schaukelt bedenklich,

und ich rufe, ob denn nicht vorne und hinten

einer mit den Holzrudern das Schiff in die

richtige Richtung bringen könne. Das funktioniert

aber nicht, ein lächerliches Unter -

fangen bei diesem Seegang.

bei denen das Wasser schon in der Kabine

stand, als sie geweckt wurden, und deshalb

verständlicherweise ein wenig in Eile gerieten.

Das kleine Boot schaukelt und schlingert entsetzlich

und unaufhörlich, mir schmerzt bald

Jetzt entscheidet der Kapitän, auch die acht

der Rücken, weil die Auf- und Ab wärts -

Zodiaks, die je zwölf bis 15 Passagiere fassen, Auf dem Wasser

bewegungen immer ausgeglichen werden

vom obersten Deck hinunterzulassen. Die

Benzintanks der Aussenbordmotoren sind

gefüllt. Doch die schweren Zodiaks können

nicht wie die Rettungsboote manuell gewassert

werden, dafür benötigt man Strom. Und

der ist jetzt nicht mehr da. Wenigstens nicht

dort, wo man ihn bräuchte. Der Chef -

ingenieur arbeitet sich deshalb nochmals zum

Maschinenraum durch – das Wasser steht

ihm bis zur Brust.

Es gelingt ihm, alle noch verfügbaren Strom -

quellen zusammenzufassen und zur Zodiak -

station umzuleiten. Der Strom sollte für 20

Minuten reichen, lässt der Ingenieur verlauten.

Bis dann müssen alle Boote unten sein.

Es ist 1.15 Uhr.

Endlich werden die Rettungsboote runtergelassen.

Allerdings ohne laufende Motoren. Es

ist deshalb extrem schwierig, vom Schiff

wegzukommen, die Wellen schlagen es

Gottlob eilen die Zodiaks, die inzwischen

gewassert sind, herbei, binden Seile an die

Rettungsboote, ziehen sie vom Schiff weg

und richten sie gegen die Wellen aus. An

jedem Rettungsboot muss permanent ein

Zodiak ziehen – solange das Benzin reicht.

Bis jetzt scheint alles gut gegangen zu sein.

Einige der Passagiere, die offenbar in den

Rettungsbooten keinen Platz fanden, hocken

in den Zodiaks. Dort spritzt jede Welle das

ganze Boot voll, viel schlimmer als bei uns.

Ausserdem sind Zodiaks bei rauem Wetter

(bei dem man keine Landungen machen

würde) nicht sicher und deshalb auch nicht

als Ersatz für Rettungsboote zugelassen.

Ich sitze in einer Montur vergleichbar etwa

mit derjenigen, die Neil Armstrong bei der

Mondlandung getragen hat, hautnah neben

Dora auf der einen und ebenso hautnah neben

einer üppigen Holländerin auf der anderen

müssen, stundenlang. Wird es ein Massen -

erbrechen geben? Man beginnt, sich auf eine

lange Nacht einzurichten. Dunkel ist es nicht.

Kälte und Nässe greifen um sich, Wind stärke

4, keine hohen, aber trotzdem harte Wellen

aus allen Richtungen.

Angst kommt zumindest in unserem Boot

nicht spürbar auf, dazu bleibt gar keine Zeit.

Jeder und jede ist unaufhörlich damit

beschäftigt zu überlegen, welche Mass -

nahmen man noch ergreifen könnte, um die

Situation, besonders wenn sie länger dauern

wird, zu verbessern. Und man denkt sich

Szenarien aus, was uns bevorstehen könnte:

Stärkerer Wind, schlimmstenfalls ein Sturm,

das Kentern eines Bootes, weil den Zodiaks

der Treibstoff ausgeht und sie die motorlos

dahin treibenden Nussschalen nicht mehr

ausrichten können. Oder – eine ernsthafte

Ge fahr – das Erscheinen unüberschaubarer

immer wieder zurück, es besteht die Gefahr Seite. Auch am Boden ist keine Mengen von Eisbergen. Und wahrscheinlich

des Kenterns. Wir stossen uns mit den beiden

langen Holzrudern wie Besessene von der

Schiffswand weg.

Endlich sind wir frei, aber immer noch viel

zu nahe am Schiff. Das Boot stellt sich quer,

so dass die Wellen an die Breitseite des

«Fussfreiheit». Das Adrenalin ist in Strömen

geflossen, das verhindert wohl die See krank -

heit, und man leidet trotz der Nässe nicht so

sehr unter der Kälte. Ausgenommen jene, die

beim Alarm sehr rasch auf Deck sein wollten

und nun zu leicht bekleidet sind. Und jene,

denkt jeder irgendwann mal an die

«Titanic»...

Doch für den Augenblick stehen unsere

Chancen nicht schlecht: Das Wetter ist für

antarktische Verhältnisse gut, und der

Kapitän hat ja noch auf dem Schiff infor- »

18

Polar NEWS


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bleibt gratis

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Gebiete dieser Erde und greifen ver tieft Themen aus der

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20 Polar NEWS


Das grosse Aufatmen: Die «Nordnorge» und die «Endeavour» sind beide beim Unfallort eingetroffen. Jetzt sind die Schiffbrüchigen so gut wie in Sicherheit.

miert, dass Hilfe unterwegs sei. Bei der verständlichen

Tendenz zur Beschönigung der

Situation muss man sich aber realistischerweise

darauf einstellen, dass es sehr wohl

auch länger als fünf Stunden dauern könnte,

bis wir gerettet werden.

Auch nachdem die Sonne untergegangen

ist, bleibt in dieser Jahreszeit in diesen

Breiten graden ein heller Streifen am

Horizont. Alle Boote haben deshalb

Sichtkontakt zu einander – vermute ich

jeden falls, denn sich um drehen und selber

nachschauen kann keiner in dieser Enge. Es

werden jetzt hauchdünne, folienbeschichtete

Rettungsmäntel aus der Notkiste jedes

Bootes ausgegeben, aber nur die wenigsten

können sie anziehen, weil man auch mit den

Füssen beziehungsweise den Stiefeln hineinsteigen

müsste, und so viel Raum hat

kaum einer. Aber man kann die Folie über

den Rücken legen und auch den Kopf vor

dem Spritzwasser schützen – das ist doch

schon etwas.

Immer schön die Füsse, die Hände und die

Schultern bewegen, unablässig, dann bleibt’s

warm.

Eng, kalt und peinlich

Es wird wenig gesprochen. Die Holländerin

ist ohnehin nicht ansprechbar, sie starrt nur

geradeaus, realisiert kaum, dass ich ihr den

Rettungsmantel über die Schulter lege, was

nicht so einfach ist, wie es klingt.

Dann etwas Wunderschönes: Um 3.30 Uhr

geht die Sonne auf, zwischen einigen kleineren

Wolken. Prächtig. Viele denken jetzt

sicher: «Das letzte Mal.» Auf der einen Seite

die aufgehende Sonne, auf der andern das

sinkende, schräg im Wasser liegende Schiff,

dazwischen einige kleinere Eis platten, weit

verstreut die Rettungsboote und die Zodiaks.

Es gelingt mir, unter meinen Kleider -

schichten die Kamera herauszugraben und

einige Fotos von der Sonne und dem Schiff

zu machen. Bilder, die man nicht vergessen

wird. Auf der einen Seite des Horizonts ist

der Himmel ganz schwarz. Wenn das nur

nicht ein herannahender Sturm ist!

Eigentlich könnte man jetzt fürs erste mal tief

durchatmen. Doch schon bald ergeben sich

neue Probleme: Ich müsste dringend mal pinkeln...

Schwankend kann ich aufstehen und

mich um eine Achteldrehung von der

Holländerin wegbewegen zum Boots rand

hin. Aber das ist keineswegs nahe genug.

Leute halten mich. Ich arbeite mich durch vier

Paar Hosen und den Rettungsmantel hindurch.

Die Rettungsmäntel waren in

Plastiksäcklein eingepackt. Es gelingt mir,

eine solche Tüte zu füllen und den Inhalt dann

ins Wasser zu leeren. Das ist peinlich. Jeder

bemüht sich wegzuschauen, aber wirklich

abwenden kann sich keiner. Kurz nach mir ist

die Holländerin in der gleichen Lage, später

auch Dora. Die Frauen benutzen den Platz,

den es eigentlich gar nicht gibt, auf dem

Bootsboden und pinkeln einfach zwischen die

Lattung hindurch. Wenn die Not grösser ist

als die Scham...

Wir fühlen uns jetzt verhältnismässig ziemlich

wohl: Solange kein Sturm aufkommt und

uns kein Eisberg zu nahe kommt, kann eigentlich

nicht viel passieren. Es ist nur un -

angenehm. Gegen halb sechs Uhr hören wir

dann einen Helikopter. Wir sind erleichtert,

alle haben das Gefühl, «gefunden» worden zu

sein. Es ist die chilenische Luftwaffe. Dann

fliegt ein zweiter Helikopter herbei, er trägt

keine militärischen Kennzeichen: Es muss

also einer von einem Schiff sein. Das bedeutet,

dass unser Rettungsschiff nicht mehr weit

weg ist.

Endlich an Bord...

Tatsächlich: Eine halbe Stunde später dringen

Blinksignale eines Schiffes durch die mittlerweile

dunklen Wolken am Horizont. Es ist die

«Endeavour». Welch eine Erleichterung! Und

gleich hinter der «Endeavour» naht die «Nord-

norge», ein sehr grosses, luxuriöses Kreuz -

fahrtschiff. Jetzt ändert die Stimmung! Leute,

die bisher erstarrt im Boot sassen und nicht

ansprechbar waren, brechen in Tränen aus. »

Polar NEWS 21


Endlich in Sicherheit: Auf der «Nordnorge» werden die Schiffbrüchigen erstmal mit warmen Decken und heissen Getränken versorgt.

Ein Hangar der Militärstation wird zur Notunterkunft umfunktioniert. Die Hälfte der Schiffbrüchigen wird hier untergebracht.

22 Polar NEWS


Die «Endeavour» übernimmt die Passagiere

der Zodiaks; die Schiffbrüchigen in den

Rettungsbooten sollen bei der «Nordnorge»

an Bord. Das geht natürlich nicht ohne die

Hilfe der Zodiaks, teilweise auch jener der

«Nordnorge». Denn Rettungsboote können

nicht direkt am Schiff anlegen. Wir müssen

uns einer nach dem anderen auf die schaukelnden,

nassen Schlauchboote «hinüberwerfen»

und werden dann an den Landungs steg

der «Nordnorge» gebracht. Nach fünf

Stunden auf offenem Meer sind wir endlich

in Sicherheit.

Jetzt geht alles wie am Schnürchen: Toiletten,

Handtücher, trockene Kleider, heisser

Kaffee. Die Schiffsärzte haben nicht viel zu

tun: Ausser einigen Schockbehandlungen

fällt für sie nichts an. Einer hat sich den

Knöchel gebrochen. Bei einem Appell er -

weist sich, dass niemand fehlt. Ein Paar aus

Dänemark hat sich im Rettungsboot verlobt.

Wir werden auf einem eleganten Panorama -

deck untergebracht, von wo aus wir den

«Todeskampf» der sinkenden «Explorer»

betrachten können, während wir uns aus den

Klamotten schälen und aufwärmen. Sie war

ein gutes Schiff; sie tut uns leid. Die

Passagiere der «Nordnorge» sind – dafür,

dass wir ihr Reiseprogramm ruiniert haben –

sehr freundlich, teilnahmsvoll und zuvorkommend.

Sie haben sogar eine Kleider -

sammlung organisiert, jeder von uns kann

sich etwas davon nehmen. Ausserdem erhalten

wir von der Schiffsboutique neue, warme

Sachen. Enorm grosszügig. Ein ganz grosses,

feines Frühstücksbuffet ist aufgetischt, später

auch ein Lunchbuffet mit leckeren skandinavischen

Spezialitäten. Uns geht’s gut! Die

Passagiere nehmen herzlich Anteil. Auch darf

jeder Schiffbrüchige eine Minute lang telefonieren

– sofern er die Telefon nummer auswendig

kennt. Jetzt erst wird Dora und mir

bewusst, dass wir über keinerlei Nummern,

Angaben oder Adressen mehr verfügen. Wir

können niemanden anrufen. Internet ist nur

sehr beschränkt vorhanden, viel zu wenig für

alle und streng rationiert.

Die «Nordnorge» nimmt Fahrt auf und

erreicht am Nachmittag den Eduardo

Frei/Marsh-Stützpunkt, eine chilenische

Militär- und Forschungsbasis auf den South

Shetlands. Dort sollten wir an Land gehen,

können aber mit den Zodiaks nicht ablegen,

weil der Wind stark zugenommen hat. Es hat

inzwischen angefangen zu schneien, der

Schnee fegt jetzt horizontal übers Wasser.

Gottlob war das am Morgen nicht so.

...und wieder an Land

Wir erfahren, dass die «Nordnorge» zur Zeit

des Notrufs in der Drake-Passage steckte, bei

Windstärke 9 und 7 Meter hohen Wellen...

Wir hätten sowas nicht überlebt. Niemals.

Erst um 18 Uhr können wir einen Anlande -

versuch machen mit den stabileren und stärker

motorisierten Zodiaks der «Nordnorge».

Einige der Schiffbrüchigen haben grosse

Mühe, wieder in die Boote zu steigen,

besonders unter den gegenwärtigen Wetter -

be dingungen. Aber es gibt keine Alternative.

Sie haben schliesslich eine Expeditionsreise

gebucht...

An Land dann eine halbe Stunde durch den

Neuschnee stapfen, jeder mit einem Plastik -

sack mit den neu erstandenen Habseligkeiten

in der Hand. Das Militär erwartet uns in

einem riesigen Hangar, wo man erst mal

unsere Personalien aufnimmt. Auch Militär -

medien sind schon da. Die eine Hälfte von

uns und die Besatzung schlafen im geheizten

Hangar auf Pritschen; Dora und ich gehören

zu jenen, denen «VIP-Behandlung» in einer

Forschungsstation zuteil wird. Was aber

bedeutet, dass wir uns mit einem Pisten -

fahrzeug erneut durch Schnee und Wind

kämpfen müssen.

Auf der Station empfängt uns eine perfekt

Englisch sprechende Wissenschaftlerin. Alle

Abflug von der Militärbasis Richtung Punta Arenas. Die erste Gruppe

der Geretteten besteigt die Herkules C-130.

Setzt sich medienwirksam in Szene, hilft aber

effizient: Der Luftwaffengeneral der Militärbasis.

werden in verhältnismässig komfortablen

Doppelzimmern untergebracht, Gemein -

schafts duschen, gute Verpflegung. Das

Fernsehen zeigt die letzten Minuten der

Explorer, die inzwischen gesunken ist.

Wann wir ausfliegen können, weiss noch niemand.

Auch Fliegen ist hier extrem vom

Wetter abhängig. Es könnte Tage dauern.

Doch schon am nächsten Tag kann die erste

Hälfte der Geretteten starten – wir gehören

dazu. Die Armee schickt einen Herkules-

C130-Transporter und fliegt sogar den

Luftwaffengeneral ein, der sich hier jedem

persönlich mit Händeschütteln vorstellt und

uns anschliessend mit einer Ansprache auch

noch medienwirksam begrüsst. Wahrschein -

lich ist der General und nicht das Wetter die

Ursache, dass wir erst am Nachmittag abfliegen

können.

Der Flug nach Punta Arenas in Chile dauert

fast drei Stunden. Gegen Ende der Reise

bahne ich mir den Weg zwischen den fast so

eng wie im Rettungsboot sitzenden Passa -

gieren hindurch. Unten stehen zwei Offi ziere

als Wache an der Treppe, oben sind die zwei

Piloten, der Navigator und noch zwei

Uniformierte – ach ja, den einen kenne ich,

es ist der General. Er zeigt mir sehr freundlich

und sehr ausführlich die Instrumente und

Karten, erlaubt mir zu fotografieren, auch ihn

selber. Ich kann mich fast nicht mehr zurückziehen.

Zum Dank frage ich ihn schliesslich, ob er

sich fotografieren lassen wolle mit dem dänischen

Pärchen, das sich im Rettungs boot verlobt

hat. Der Däne hat den Diamant ring in

seiner Brusttasche. Damit will ich dem lieben »

Polar NEWS 23


dem Rettungsboot für 200 Dollar. Das ist

schon mal ein Anfang.

Kaum in Punta Arenas angekommen, geht der

ganz grosse Medienrummel los.

General die Möglichkeit geben, ein schönes

Bild in die Presse zu bringen. Dass genau

dieses Bild später um die Welt gehen würde,

kann ich ja nicht ahnen... Schon als wir in

Punta Arenas ankommen, wirft sich die

gesamte versammelte Presse meute auf das

dänische Pärchen, natürlich mit dem wohlwollenden

General daneben stehend, der

seine Popularität stündlich wachsen sieht.

Im Flughafengebäude begrüsst uns die

Stellvertreterin der Präsidentin der Nation,

und schliesslich werden wir zu einem guten

Hotel an der Maghelanstrait gefahren. Jetzt

kommen neue Sorgen auf uns zu: Wir haben

keinen Rappen Bargeld und keine Kredit -

karten. Was tun? Vor dem Hotel steht die

Reportermeute. Ich gewähre der Reporterin

der englischen Boulevardzeitung «Sun» ein

Interview und verkaufe ihr meine Bilder aus

Zurück nach Hause

Die Leute des Reiseveranstalters GAP (Great

Adventure People; den Namen haben sie verdient,

auch wenn sie nicht jedes Mal ein

Schiff versenken können) machen einen fantastischen

Job: Hundert Leute müssen heute

Abend untergebracht und verpflegt werden.

Die meisten von ihnen haben nicht einmal

Schuhe, da sie in den kniehohen Wellington-

Boots im Boot sassen. Alle wollen sie ihre

Lieben informieren. Praktisch keiner hat

Geld oder Kreditkarten. Jeder hat andere

Bedürfnisse, Wünsche und An sprüche. Und

morgen früh wird bereits die zweite Hälfte

der Passagiere mit der Herkules eingeflogen.

Beim Nachtessen kommt der Kapitän der

«Explorer», der als letzter von Bord gegangen

war, ins Restaurant. Er wird jubelnd

begrüsst und beklatscht, alle mögen ihn und

alle wissen, dass er eine schwierige Zeit vor

sich hat. Am nächsten Tag, es ist ein Sonntag,

erhalten wir die Möglichkeit, die notwendigsten

Dinge einzukaufen. Alle Geschäfte in

Punta Arenas sind heute geschlossen, aber

die GAP hat erreicht, dass ein Warenhaus

ausschliesslich für uns das Verkaufspersonal

zusammentrommelt und seine Türen öffnet.

Mit Kleinbussen werden wir gruppenweise

hingefahren. Wir benötigen vor allem

Schuhe, Socken, Toilettenartikel, Gepäckstücke,

Lesebrillen, Hemden und T-Shirts

Der Flug in der Herkules dauert drei Stunden. Es ist sehr eng. Aber das stört niemanden.

Peter Kunz

Peter Kunz, 70, wohnt mit seiner

Partner in Dora Senn in Zürich. Bis zu

seiner Pensionierung arbeitete er als

Versicherungsberater bei der «Zürich»,

seither frönt er mit Dora dem gemeinsamen

Hobby Reisen. Ihr Trip mit der

«Explorer» war nicht Peters erster

Ausflug in die Antarktis. Aber sicher sein

auf regendster.

oder eine Jacke. Ein Arzt steht zur Verfügung

und stellt Rezepte aus.

Gestaffelt fliegen die Leute nun nach

Hause, die meisten über Santiago und von

dort weiter an die Zieldestination. Alle

Tickets müssen neu gebucht werden. Nach

zwei Tagen ist weit über die Hälfte der

Leute bereits ausgeflogen, Dora und ich

sind inzwischen in Buenos Aires angekommen.

Hier warten wir im Hotel auf den

Weiterflug nach Zürich. In Punta Arenas

sind noch die zumeist philippinischen

Besatzungsmitglieder zurückgeblieben. Sie

sind sehr frustriert und traurig. Einige

arbeiteten schon seit Jahren auf der

«Explorer»; jetzt haben sie keine Stelle

mehr, müssen nach Hause, und es ist

schwierig, wieder einen Job zu kriegen,

besonders einen so guten auf einem Schiff.

In Buenos Aires empfängt uns der

Schweizer Botschafter; wir erhalten ein

paar hundert Franken «Notgeld». Nun können

wir noch einige Einkäufe machen. Wir

freuen uns, bald wieder zu Hause zu sein.

Was wir erlebt haben, kommt mir vor wie

ein Traum, und ich denke: unglaublich!

Ich bin sehr dankbar, dass wir diesen Unfall

nicht mit dem Leben bezahlt haben. So

schnell hätte es vorbei sein können. Und

trotzdem: Was wir bisher von der Antarktis

gesehen haben, war so faszinierend, dass

wir auf jeden Fall so bald wie möglich

nochmals hin wollen.

PolarNEWS

24

Polar NEWS


Rettung

Arne Kertelhein begleitet als Wissenschaftler Schiffsreisen in alle

Welt, vorzugsweise in polare Gegenden. Als die «Explorer» unterging,

befand er sich auf der «Nordnorge» und beteiligte sich an der

Bergung der Schiff brüchigen. Hier sein Bericht aus der Sicht des

Retters.

Ich war in der Nacht wach ge -

worden und hatte aus dem

Fenster geschaut, um schon mal

die Wetterverhältnisse des neuen

Tages zu begutachten. Dabei

wunderte ich mich, dass wir

recht gute Fahrt machten und

scheinbar auf dem offenen Meer

unterwegs waren. Nach dem wir

gestern Nach mittag Halfmoon

Island bei Livingston Island auf

den Südshetlands besucht hatten

und für heute Vormittag nur

Yankee Harbour auf der anderen

Seite der McFarlane Strait auf

dem Programm stand, war das

sehr merkwürdig, schliesslich

war das keine grosse Ent fernung,

man kann da sozusagen hin -

sehen.

Kurz darauf – es wird etwa 3:30

Uhr gewesen sein – klingelte

mein Telefon. Marco, ein Kollege

aus dem Expeditions team, sagte

nur knapp: «Die „Explorer“

sinkt. Mach dich fertig und

komm auf die Brücke.» Nun

war mir klar, warum wir nicht

mehr auf unserer Position

waren.

Auf der Brücke besprachen der

Kapitän, einige Offiziere und

unser Expeditionsleiter die

Situation. Schon gegen 2:00

Uhr hatten sie den Hilferuf der

«Explorer» empfangen und sich

sofort auf den Weg gemacht.

Die «Nordnorge» fuhr mit

Höchstgeschwindigkeit, da man

wusste, dass Passagiere und

Crew die «Explorer» bereits

verlassen hatten und in den

Rettungsbooten auf Hilfe warteten.

Aber trotzdem würden wir

nicht vor 7:00 Uhr am mehr als

150 Kilometer entfernten Un -

glücksort südöstlich von King

George Island eintreffen können

– genug Zeit aber auch, um das

weitere Vorgehen genau zu planen.

Wir wussten, dass auch die

«Endeavour» auf dem Weg zum

Havaristen war, aber sie war

nicht so schnell wie wir. Bald

konnten wir sie sehen und hatten

sie dann auch recht schnell

eingeholt. Wir würden also als

erstes Schiff bei der «Explorer»

sein und uns um die Schiff -

brüchigen kümmern müssen.

Natürlich spekulierten wir auch

eifrig darüber, wie es zu einem

solchen Unglück hatte kommen

können, denn die See war in dieser

Nacht nicht besonders rauh

gewesen – und dass hier Eis im

Wasser treibt, ist ja auch

bekannt, die Schiffe sind entsprechend

verstärkt und ausgerüstet.

Wir mussten noch ein

grosses Treibeisfeld umrunden

und hielten dann eifrig Aus -

schau nach einem Schiff.

Schliess lich konnten wir die

«Explorer» entfernt im Morgen -

dunst ausmachen: Das Schiff

hatte schon recht stark Schlag -

seite, und in einiger Entfernung

dümpelten die Rettungsboote

und Zodiaks auf den Wellen.

Das war ein Anblick, bei dem

mir mulmig wurde. Umgeben

von all der modernen Technik

der Schiffe glaubt man sich

doch recht sicher und absolviert

die obligatorische Rettungs -

übung am Beginn jeder Fahrt in

der Meinung, dass es einen

wirklichen Ernstfall nie geben

wird. Aber hier schaukelten nun

150 durchgefrorene Menschen

fernab vom Land zwischen den

Eisbergen neben ihrem sinkenden

Schiff in diesen absolut

altertümlichen offenen Rettungsbooten...

Wenn das Wetter nicht

so ruhig gewesen wäre, hätte

man in den scheinbar manöv -

rier unfähigen Booten (sie muss -

ten von den Zodiaks geschleppt

werden) eine noch wesentlich

schlimmere Zeit durchlebt.

Um die Schiffbrüchigen möglichst

schnell aufnehmen zu

können, liessen wir eins unserer

Rettungsboote zu Wasser, die

Zodiaks manövrierten ein

Rettungs boot nach dem anderen

längsseits, die Leute kletterten

herüber, und dann schwebten sie

wie mit einem Fahrstuhl rauf auf

Deck 5. Von hier ging es in den

Panorama-Salon, wo die neuen

Gäste mit warmen Decken versehen

und verpflegt wurden.

Die meisten machten trotz der

langen Zeit in den Booten einen

munteren Eindruck, niemand

war ernsthaft verletzt oder

bedrohlich geschwächt. Als alle

an Bord waren, drehten wir

noch eine Abschiedsrunde um

die sich immer weiter auf die

Seite neigende «Explorer». Die

geretteten Passagiere hatten

nichts mitnehmen können

ausser der Kleidung, die sie am

Leibe trugen, und ich dachte

etwas wehmütig daran, wie viele

erstklassige Kameraaus rüst un -

gen dort nun demnächst auf den

Grund des Meeres sinken würden...

Anschliessend machten wir uns

dann auf den Weg zur chilenischen

Basis auf King George

Island, von wo aus die Schiff -

brüchigen am nächsten Tag ausgeflogen

werden sollten. Das

Unglück hatte sich in der Welt

sehr rasch herumgesprochen,

ständig riefen Journalisten in

unserem Büro an, aber der

Kapitän hatte ein generelles

Telefon- und Internetverbot

erlassen, da er die verfügbare

Sendekapazität brauchte, um die

weiteren Rettungsmassnahmen

mit den chilenischen, argentinischen

und britischen Behörden

zu koordinieren. Alle drei

Länder beanspruchen nämlich

dieses Territorium der Antarktis

für sich und meinten somit

allein zuständig zu sein – was

die Sache sicher nicht vereinfachte.

Unsere Gäste auf der «Nord -

norge» akzeptierten den geänderten

Tagesablauf ohne Murren,

denn schliesslich war allen klar,

dass man in einer solchen

Notsituation ohne Dis kussion

zu aller Hilfe verpflichtet war –

viele gaben den durchgefrorenen

und nassen «Explorer»-Gästen

etwas von ihrer Kleidung ab.

Ausserdem würde es Pinguin -

kolonien ja auch noch am nächsten

Tag geben: Die sinkende

«Explorer» aber war ein dramatischer

Anblick, den man so ähnlich

sicher nicht noch einmal erleben

würde.

Vor diesem Tag hatte ich es

immer besonders genossen,

wenn wir weit und breit das einzige

Schiff in antarktischen oder

arktischen Gewässern gewesen

waren. Allerdings ist dann auch

niemand in der Nähe, der einem

zu Hilfe kommen kann... Da sieht

man die anderen Schiffe nach so

einem Erlebnis doch auch mit

anderen Augen!

Arne Kertelhein

Polar NEWS 25


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Polar NEWS 27


Tierwelt

Meister im «Umkleiden»

Die jährliche Mauser stellt Pinguine vor grosse Probleme: Es ist kalt, sie können in dieser Zeit nicht ins

Wasser, und der Sommer ist viel kurz. Aber die Vögel haben auf alles eine Antwort gefunden: Tempo!

28 Polar NEWS


Von Christian Hug (Text)

und Heiner Kubny (Bilder)

Alle Vögel dieser Welt erneuern regelmässig

ihr Gefieder: Die Mauser, vom lateinischen

Wort mutare (tauschen) abgeleitet,

garantiert den Vögeln ein ganzjährig einwandfrei

funktionierendes Federkleid und

somit die Flugfähigkeit. Die meisten Vögel

ersetzen ihre Federn zwar das ganze Jahr

über nach und nach. Doch im Laufe der

Evolution haben viele Vogelarten Taktiken

der Mauser entwickelt, die den spezifischen

Lebensumständen angepasst sind. So unterscheidet

man heute drei verschiedene

Mauser-Arten: Die eben erwähnte Perma -

nent mauser, wie sie zum Beispiel bei Papa -

geien zu beobachten ist. Bei der Teilmauser

wechseln die Vögel über das Jahr verteilt

einzelne Gefieder-Partien, zum Beispiel die

Schwungfedern oder das Daunen kleid.

Enten, Gänse und Schwäne kommen damit

bestens durchs Jahr und tragen so ein

Winter- und ein Sommer-Gefieder.

Die dritte Art wird Vollmauser genannt:

Einmal pro Jahr ersetzen die Vögel gleich

ihr komplettes Gefieder, zum Beispiel das

Huhn. Es ist die körperlich anstrengendste

und risikoreichste Weise, sein Gefieder zu

wechseln. Aber bei den anwendenden Vögeln

umständehalber auch die effizienteste.

Zum Beispiel bei den Pinguinen. Denn als

ob sie nicht schon genug Probleme zu lösen

hätten in ihrem oft ungemütlichen Lebens -

raum, brauchen sie jede einzelne Feder,

damit sie nicht erfrieren. Sie können nicht

wie Tropenvögel wochen- und monatelang

warten, bis die ausgerupften Federn nachgewachsen

sind. Kommt hinzu, dass Pinguine

während der Mauser nicht ins Wasser gehen

können, weil das frische Gefieder noch

nicht wasserabweisend ist – die Tiere würden

absinken wie Steine. Das wiederum

bedeutet, dass Pinguine während der

Mauser keine Fische jagen können und also

Hunger leiden müssen. Doch damit nicht

genug: Pinguine müssen ihre Mauser jahreszeitlich

so terminieren, dass ihr Gefieder

wieder voll einsatzfähig ist, bevor der

Winter die Zugänge zum offenen Meer

zufriert. Wir sehen: Die Mauser bei den

Pinguinen ist eine Überlebensfrage. Sie

muss möglichst schnell und effizient vor

sich gehen. Mehr als maximal sechs

Wochen liegen nicht drin. Immerhin: Da

ausgewachsene Pinguine am Land kaum

natürliche Feinde haben, müssen sie sich

nicht wie andere Vögel während der Mauser

verstecken.

Alle Federn auf einmal

Pinguine haben für all diese Probleme die

optimale Lösung entwickelt: Sie beginnt

Polar NEWS

Diesem Goldschopfpinguin bleibt nichts anderes übrig, als geduldig zu warten,

bis sein altes Federkleid vollständig abgestossen ist.

damit, dass sie auf das Ausrupfen einzelner

Federn verzichten. Praktisch am ganzen

Körper wachsen unter der Haut neue

Federkiele heran und drücken fast gleichzeitig

überall durch, so dass das alte Gefieder

grossflächig abgestossen wird. Das funktioniert

unter anderem deshalb so gut, weil

Pinguine als einzige Vögel keine verschiedenen

Federarten wie Schwanz- und

Flügelfedern haben, sondern der ganze

Körper gleichmässig mit gleichen Federn

bedeckt ist.

Das Folgegefieder ist dann in verhältnismässig

kurzer Zeit voll einsatzfähig. Die

Vögel sind während dieser Zeit zwar nicht

gerade ansehnlich, aber während der

Mauser ist Aussehen nicht die oberste

Priorität...

Meist findet die Mauser bei Pinguinen nach

der Aufzucht der Jungen statt. War die Brut

schon eine Zeit der Entbehrung, so ist es mit

der Mauser nicht viel anders: Der

Stoffwechsel arbeitet auf Hochtouren, deshalb

verbraucht das Federvieh viel Energie.

Die Vögel verbrauchen dabei ihre Fett -

reserven etwa doppelt so schnell wie während

der Brutzeit. Da sie nicht ins Wasser

können, um zu fressen, verlieren sie in die- »

29


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30 Polar NEWS

images


Diese mausernden Königspinguine sind zwar nicht gerade schön anzuschauen. Dafür ist schon in wenigen Wochen

alles vorbei. Dann wird erst mal ausgiebig gefuttert.

ser Zeit bis zu 40 Prozent ihres Körper -

gewichts.

Fresspause im Meer

Deshalb gönnen sich die erwachsenen Tiere

nach der Brutzeit erstmal ein paar Wochen

Fresspause, um die Fett-Depots aufzufüllen.

Haben sich die Tiere wieder satt und rund

gefressen, gehen sie erneut an Land und

beginnen mit der Mauser. Ja nach Pinguinart

und Grösse der Fett-Depots wechseln sie

dann ihr Gefieder innerhalb von zwei bis

sechs Wochen. Erneut abgemagert, aber mit

einem neuen Federkleid versehen, verziehen

sich die Pinguine sofort wieder ins Meer

und tun wohl die erste Zeit nichts anderes

als jagen und fressen. Meistens kehren sie

erst nach Monaten wieder zum Festland

zurück, wenn eine neue Brut ansteht.

Diejenigen Pinguine übrigens, die nicht brüten,

gehen die Mauser viel entspannter an

und beginnen schon früher mit der Mauser

als ihre brütenden Artgenossen.

Doch keine Regel ohne Ausnahme: Auch

innerhalb der grossen Pinguifamilie haben

sich einzelne Arten auf Mauser-Techniken

spezialisiert, die ihren besonderen Lebens -

um ständen angepasst sind. Während die

meisten Pinguine zur Mauser an diejenigen

Strände zurückkehren, wo sie auch ihr Brut -

ge schäft verrichten, ziehen die Adélies

(Pygoscelis adeliae) vom Brutplatz weg in

die reichen Nahrungsgründe weiter im

Norden und mausern dann gleich dort auf

Eis schollen. Und weil die Galapagos-

Pinguine (Spheniscus mendiculus) direkt

unter der Äquatorsonne brüten, ist bei ihnen

die Zeit der Mauser nicht festgelegt und

kann zu jedem Zeitpunkt zwischen den

Brutzeiten erfolgen – frieren müssen sie ja

nicht.

Und die Königspinguine (Aptenodytes

patagonicus) auf den Falklands und den subantarktischen

Inseln passen sich ihrem ungewöhnlichen

Brut-Rhythmus an: Sie legen

nur zweimal in drei Jahren, die Jungtiere

werden erst nach 10 bis 13 Monaten flügge.

Des halb mausern die er wachsenen Tiere

quasi bei Gelegenheit zwischen durch. Doch

am Ende tragen auch sie wieder einen kompakten

«Taucheranzug».

PolarNEWS

Polar NEWS 31


Abenteuer

Von Heiner Kubny (Text und Bilder)

Schon immer suchte ich etwas Neues,

Unbekanntes. Von meinen bisherigen Ex -

peditionen in die russische Arktis war ich

von der unberührten Schönheit dieser

Gegenden begeistert. Franz-Joseph-Land,

die Inselgruppe östlich von Spitzbergen und

die halbe Strecke der Nordostpassage kannte

ich bereits von früheren Expeditionen mit

Eisbrechern. Aber ich wollte weiter vordringen,

in den äussersten Osten von Russland.

Denn dieses Land ist bei uns noch völlig

unbekannt, kaum besiedelt und daher auch

schwer zu bereisen.

Ich beauftragte Stefan Zurfluh, der ein kleines

Reisebüro mit dem Hauptreiseziel

Russland betreibt, sich «im Osten» mal um -

zuhören. Als Grenze gab ich ihm den nördlichen

Polarkreis vor – und zwar nördlich

davon. Eine Woche später rief mich Stefan

ganz aufgeregt an: «Heiner, in Tschukotka

tut sich was. Da findet im April eine Fahrt

für Presse und Reiseveranstalter ins Landes -

innere statt, organisiert von einem Veran -

stalter aus Moskau in Zusammenarbeit mit

einem ortsansässigen Outdoorveran stalter.»

Es gab aber ein Zeitproblem: Da ein Ein -

reisevisum für Russland spätestens 45 Tage

vor Reiseantritt eingereicht werden muss,

blieben uns nur noch 40 Tage, ein solches zu

beantragen. Als Grenzgebiet zu den Ver -

einigten Staaten ist Tschukotka für Aus -

länder nur mit Sondergenehmigung zu bereisen.

Diese erteilt ausschliesslich der Gouver -

neur in der tschuktschischen Haupt stadt

Anadyr. Ich müsse mich, meinte Stefan,

sofort entscheiden.

«Tschukotka?», dachte ich mir, «noch nie

gehört, wo liegt denn das?» Im Büro von Rosa -

maria hängt eine übergrosse Weltkarte. Mein

Blick durchstreifte das gelb markierte

Russland von links nach rechts; Moskau – Ural

– Nowosibirsk – Jakutsk – da, Tschu kot ka!

Ganz im Osten des riesigen Staates, an der

Beringstrasse! Ich war begeistert. Dann

machte ich mich kurz schlau: Tschukotka

darf seit einigen Jahren nur von Kreuz -

fahrtschiffen angefahren werden, das Landes -

innere war bis anhin für Touristen gesperrt

und soll nun allmählich geöffnet werden.

Zehn Minuten später rief ich Stefan zurück:

«Ja, ich will! Bitte melde mich beim Ver -

anstalter als Vertreter von PolarNEWS.» Der

Name unseres Magazins klang überzeugend

– meine Teilnahme wurde noch am selben

Tag per Mail bestätigt.

Die Reise beginnt

Um auf Nummer Sicher zu gehen, reise ich

bereits einen Tag früher als nötig nach

Moskau. Man kann ja nie wissen... Aber

abgesehen davon, dass ich zu spät vom Hotel

abgeholt werde und deshalb am Flughafen

erst in letzter Minute einchecken kann, verläuft

alles gut. Auf dem Flug mit der fast

32

Polar NEWS


Nach Osten!

Tschukotka liegt ganz im Osten von Russland, direkt an der Datumsgrenze. Hier beginnt der Tag,

weiter ostwärts ist gestern, und Amerika. PolarNEWS war bei der ersten Expedition dabei.

vollbesetzten Iljuschin 62 drückt mir

Steffen, ein deutscher Teilnehmer, das Buch

«Gold der Tundra» des tschuktschischen

Autors Juri Rytchëu in die Hand. Darin

erfahre ich, dass das autonome Gebiet

Tschukotka eines der am dünnsten besiedelten

Länder der Erde ist: Auf 15 Qua drat -

kilometer Land kommt gerade mal ein einziger

Einwohner. Die Stämme der Tschuktschen,

Jukagiren und Ewenen machen den Grossteil

der insgesamt 50’500 Einwohner aus. Bei

der letzten Volkszählung 2002 trugen sich

ganze acht Personen als Kereken ein: Das

kleinste Volk der Erde... Die wichtigsten Wirt -

schafts zweige sind noch immer Gold ab bau

und Jagd. Die Jahresdurch schnitts temperatur

liegt übrigens bei -5 bis -10 Grad...

Nach neun Stunden Flug landen wir auf

dem Flughafen von Anadyr. Drei Zoll be -

amtinnen kommen an Bord des Flug zeuges

und kontrollieren Pässe und das speziell für

Tschukotka benötigte Visum. Als mein Sitz -

nachbar und ich aussteigen wollen, rät uns

unsere Reisebegleiterin Irina, als letzte auszusteigen:

«Draussen ist die Tempe ratur

minus achtzehn Grad», sagt sie, «und der

Bus fährt erst ab, wenn alle drin sind.» Ein

guter Rat...

Kurliger Partner

Fünfzehn Minuten später befinden wir uns

mit unserem Gepäck bereits vor dem

Terminal des modernen Flughafens von

Anadyr. Zwei Busse stehen bereit, wir werden

von unserem Expeditionsleiter Artem

Belobrov und dem Tschuktschenführer

Nikolay Ettyne begrüsst. Im Winter dauert

die Fahrt in die Stadt Anadyr über den gefrorenen

Fluss 30 Minuten. Im Sommer steht

ein Fährbetrieb zur Verfügung, welcher die

doppelte Zeit benötigt. Gleich vorweg:

Anadyr kann nicht mit dem Rest von

Russland verglichen werden. Die Stadt zeigt

sich freundlich, sauber, gepflegt und

modern. Ich fühle mich grossartig: Ich bin

einer der ersten offiziellen Touristen des

Landes und betrete somit im besten Sinne

des Wortes Neuland.

In einem Hotel im Zentrum beziehen wir

unsere Zimmer. Igor Amromin und ich teilen

uns ein Doppelzimmer, wir werden auch

zusammen auf dem Schneemobil unterwegs

sein. Igor ist ein nach Belgien ausgewanderter

Russe, einer von der ganz harten Sorte:

Bereits viermal hat er die Auto-Rallye

Paris–Dakar mitgemacht. «Wow, ein richtiger

Rennfahrer, da brauche ich mir ja gar

keine Sorgen zu machen», dachte ich mir.

Beim Mittagessen kommen sich die Expedi -

tionsteilnehmer erstmals etwas näher. Zehn

Vertreter von Presse und Reiseveranstalter

aus verschiedenen Ländern Europas und die

ortsansässigen Führer werden gemeinsam

die nächsten Tage verbringen. Mit dabei:

Stefan Hilger und Steffen Graupner, beide

aus den östlichen Bundesländern von

»

Polar NEWS 33


Ankunft in Uelkal nach einem anstrengenden Tag: Neugierig drängen sich die Einheimischen um die

Motorschlitten und Kettenfahrzeuge.

Deutschland, sie beide sprechen Russisch.

Mit ihnen werde ich mich, schon der

Sprache wegen, vermehrt unterhalten.

Kaum zu übersehen und wichtig zu erwähnen

ist die junge, ausgesprochen hübsche

Russin Julia Snegur. Sie ist vor sieben

Jahren nach Frankreich übersiedelt und leitet

bei einem Pariser Reiseveranstalter die

Russlandabteilung. Julia wird uns mit ihrem

Temperament und ihren Ideen während der

Reise ständig auf Trab halten.

Nach dem Mittagessen kriegen wir Over -

alls, Helme und weitere Ausrüstung ausgehändigt.

Es folgt eine Schulung über Fahr -

verhalten, Rücksichtnahme gegenüber den

anderen Teilnehmern sowie über das An -

zeigen von Hindernissen für das nachfolgende

Fahrzeug. Dann endlich der praktische

Teil mit den motorisierten Schnee -

schlitten, auf denen wir in den folgenden

Tagen das Land erkunden werden. Auf einer

Strecke von 35 Kilometern dürfen wir erstmals

unsere Ausrüstung testen und unsere

Fahrkünste zeigen. Doch kaum auf dem

Sitz, bricht in meinem Schlittenpartner Igor

das Rennfieber aus. Im wilden Galopp fliegt

er förmlich mit dem Schneemobil über

Buckel und Unebenheiten. Ich werde so

richtig durchgeschüttelt, und mein Genick,

Gesäss und einige andere Knochen schreien

vor Schmerz. Das fängt ja gut an...

Am Abend versuche ich, Igor bei Wodka zu

optimieren. Er verspricht Besserung. Wir

gehen früh zu Bett, schliesslich steht morgen

die erste Etappe an, die mit 190

Kilometern Distanz einiges verspricht.

Am nächsten Morgen geht’s schon früh los:

7.00 Uhr Tagwacht, 8.00 Uhr Frühstück, um

9.00 Uhr sitzen wir auf den Skidoos, den

Schneemobilen. Uns steht eine Etappe von

34

190 Kilometern von Anadyr nach Uelkal

bevor, das sind neun bis zehn Stunden Fahrt

bei -21 Grad und herrlichem Sonnenschein.

Endlich geht’s los. Ich fühle mich wie der

letzte grosse Abenteurer und bin ganz kribbelig

vor Aufregung, zumal ich vorher noch

nie auf einem Motorschlitten gefahren bin.

Gut vermummt und in flottem Tempo fahren

wir nordwärts.

Und los gehtʼs

Unser Tross besteht aus neun Motorschlitten

und zwei russischen Ketten fahr zeugen des

Typs GAS-71. Gelegentlich kommt uns ein

anderes Fahrzeug entgegen, zum Teil grosse

Lastwagen, die mit Containern beladen

sind. Die Verbindung auf dem Landweg von

Anadyr nach Uelkal und weiter nach

Egvekinot ist nur im Winter möglich, weil

dann der Boden, die Seen und die Flussläufe

gefroren sind. Im Sommer besteht die

Verbindung ausschliesslich per Schiff und

Flugzeug.

Jede volle Stunde legen wir einen kurzen

Stopp ein, nach fünf Stunden gibt’s Mittag -

essen. Die Fahrt durch die wunderschöne,

frisch verschneite Gegend lässt uns die An -

streng ung und die Kälte vergessen.

Die Tundra ist eine unruhige, hügelige

Landschaft mit wenig Schnee: Der liegt nur

etwa 30 Zentimeter hoch auf dem Boden,

überall ragen Steine und Sträucher heraus.

Die Büsche tragen bereits Knospen: Sie

bereiten sich auf den bevorstehenden

Sommer vor, und der ist so kurz, dass alles

schnell blühen muss, wenn’s soweit ist. Der

Schnee ist übersät mit Tierspuren, einige

Tiere sehen wir sogar, vor allem Schnee -

hasen und Rentiere. Eine betörend wilde

Landschaft!

Nach zehn Stunden erreichen wir ziemlich

erledigt Uelkal, einen kleinen, gottverlassenen

Ort an der Küste der Beringsee. Hier

scheint die Zeit stehen geblieben. Die 240

Einwohner sind schon vor Tagen über unser

Kommen informiert worden. Als wir ins

Dorf einfahren, werden wir winkend empfangen,

einige Kinder rennen zwischen den

Schlitten unseres Konvois hin und her. Hier

waren offensichtlich schon lange keine

Fremden mehr im Dorf...

Im Gemeinschaftszentrum werden wir

bereits erwartet. Einige Frauen haben ein

Im warmen Schutzanzug unterwegs nach Egvekinot durch die unb

Polar NEWS


Zwei Kettenfahrzeuge transportieren Ausrüstung und Gepäck. Unterwegs entdecken wir die Trümmer eines abgestürzten russischen Kampfjets.

einfaches Nachtessen zubereitet. Ich fühle

mich hier als Gast unter Menschen, die es

nicht einfach haben, den schwierigen Ver -

hältnissen zu trotzen. Nach dem Essen plaudern

wir zwar noch ein wenig über den vergangenen

Tag, aber schon bald sucht sich im

Gemeinschaftszentrum jeder einen geeigneten

Ruheplatz für seine müden Knochen.

Patrice schläft unter dem Billard tisch, ich

hinter der letzten Reihe der Theater -

saalbestuhlung. Igor, der Rallye-Fahrer, fällt

wieder aus dem Rahmen, er schläft auf der

Bühne hinter einem roten Vorhang.

Vielleicht träumt er von Hamlet.

Am nächsten Morgen werden wir russisch

geweckt: 7.00 Uhr: für 20 Sekunden ertönt

aus einem Lautsprecher Musik, danach

herrscht wieder Ruhe. Der Spuk wiederholt

sich nun alle fünf Minuten bis 7.30 Uhr.

Jetzt tritt der Bürgermeister der Gemeinde

in Erscheinung. Er kommt in den Saal und

schaltet für 10 Sekunden das Licht ein, da -

erührte Tundra: So weit das Auge reicht, sind die Bahnen unserer Motorschlitten die einzigen Spuren von Menschen.

nach ist es wieder dunkel. Derselbe Rhyth -

mus wie mit der Musik wird auch mit dem

Licht eingehalten. Spätestens nach der zweiten

Hell-Dunkel-Phase sind alle wach, nun

kann das Frühstück serviert werden.

Entlang der Küste

Draussen beladen wir die Fahrzeuge, ich

mache noch einige Fotos von den bereits

wieder anwesenden Kindern. Dann starten

wir zur zweiten Etappe nach Egvekinot.

Diesmal beträgt die Distanz 110 Kilometer,

die ersten 40 verlaufen entlang der Küste,

der Rest auf dem gefrorenen Meer.

Ausserhalb von Uelkal geht’s vorbei an riesigen

Radaranlagen, die seit dem Ende des

kalten Krieges nicht mehr benötigt werden.

Wenig später stoppt der Tross abrupt. Vor

uns, keine 20 Meter entfernt, sitzt ein Schnee -

hase verschlafen vor seiner Höhle. Foto -

apparate werden ausgepackt und der Hase auf

Film und Speicherkarte gebannt. Er ist der

Star des Tages! Erst als wir uns ihm bis auf

eine Distanz von zehn Meter nähern, hüpft er

seelenruhig davon.

Nach fünf Stunden rasanter Fahrt erreichen

wir Egvekinot, dessen Hafen zu dieser

Jahreszeit geschlossen ist. Unnütz stecken

die Schiffe im Eis der zugefrorenen Hafen -

anlage fest. Wir halten kurz an, um Fotos zu

machen. Egvekinot ist im Winter nur über

den Landweg zu erreichen, im Sommer,

wenn die aufgetauten Böden sumpfig sind,

nur per Schiff. Gelegentlich landen auf dem

kleinen Flugplatz Flugzeuge aus der

Hauptstadt Anadyr.

»

Polar NEWS 35


Spektakulär: Die Luft ist so kalt, dass deren Feuchtigkeit zu Eiskristallen gefriert. Darin wird das Sonnenlicht zu einem sogenannten Halo gebrochen.

Einquartiert sind wir in neuen Touristen -

häuschen. Jedes umfasst einen grossen

Empfangsraum mit Küche, drei Schlaf -

zimmer und ein Bad. Solchen Komfort in

dieser Gegend hätten wir uns nie und nimmer

erträumt. Zwanzig dieser Fertig -

häuschen wurden von Kanada hierher

gebracht und montiert. Im nahegelegenen

Restaurant fragen wir beim Mittagessen

nach der Anzahl der Touristen, die Egvekinot

besuchen. Zu unserer Überraschung erklärt

man uns, dass wir die Ersten seien und die

Unterkünfte für den hoffentlich eintretenden

Tourismus benötigt werden.

Unterkunft im Zelt

Für die nächsten Tage werden die Skidoos

eingestellt. Es geht weiter mit einem 6x6-

Geländebus nach Amguema, das wir nach

100 Kilometern Fahrt durch atemberaubende

Gebirgslandschaften erreichen. Unter -

wegs überqueren wir den Polarkreis und

können auf einem Passübergang auf 300

Meter über Meer ein grosses Sonnen phäno -

men bewundern. Da ich mein Weitwinkel -

objektiv mit dabei habe, passt das zauberhafte

Sujet sogar formatfüllend aufs Bild.

Amguema mit 1000 Einwohnern ist nicht

weiter erwähnenswert, ausser dass wir hier

mit Sack und Pack in Kettenfahrzeuge

umsteigen. Vorgesehen ist ein Besuch bei

Rentierzüchtern. Da die nächsten 120 Kilo -

meter sehr unwegsam sind, ist dies die einzige

Transportmöglichkeit. Nach fünf Stunden

rumpliger Fahrt treffen wir im kleinen

Camp der zwei Tschuktschenfamilien ein.

Die Sonne ist bereits untergegangen, in der

Dämmerung sehen wir in einiger Ent fern ung

eine grosse Rentierherde. In der Zwischen -

zeit ist es mit einer Temperatur von -23 Grad

bereits wieder kühler geworden. Das Lager

der Rentierzüchter besteht aus zwei

Jarangas. Diese für die Tschuktschen und

Eskimos typische Wohnstätte besteht aus

einem runden Zelt, das mit langen Stangen

oben zu einem Spitz zusammenläuft. Überzogen

wird dieses Gerüst mit zusammengenähten

Rentier- und Walrossfellen. Eine

Öffnung in der Mitte der Überdachung lässt

Licht ein und dient als Rauchabzug.

Die eigentliche Ruhestätte, der Polog,

besteht aus Rentierfell und wird im hinteren

Teil der Jaranga an vier Pfosten aufgehängt.

Seine Fläche beträgt rund 2,5 auf 2,5 Meter,

man kann darin bequem aufrecht stehen. Ein

bis zwei Pologe befinden sich für gewöhnlich

in einer Jaranga, hier im Lager stehen

zwei Jarangas mit jeweils zwei Pologen. Im

Programm steht: Schlafen im Polog.

Freundlicherweise überlassen uns die

Gastgeber pro Zelt einen Polog. Nun beginnen

alle zu rechnen: Irgend etwas geht hier

nicht so richtig auf! Aber keiner hat den

Mut, sich zu diesem Thema zu äussern.

Immerhin: In einer Art stillschweigender

Vereinbarung diskutieren wir nach dem

Nachtessen ganz lange über Gott, die Welt

und Tschukotka, damit die bevorstehende

Nacht kürzer wird. Doch unsere Gast geber -

familie bittet uns bald, schlafen zu gehen,

schliesslich sei morgen für sie ein langer

Tag, weil ein Rentier-Rennen mit vielen

Zuschauern stattfinde.

Ich begebe mich in den mir zugeteilten

Polog. Julia, Irina und Polly sind dort bereits

damit beschäftigt, sich den besten Platz zu

sichern. Ein toller Gedanke: Drei Frauen

und ich in einem Bett von 7 Quadratmetern

Fläche... Aber meine Vorfreude löst sich in

Luft auf, als auch noch Steffen, Stefan und

Artem sich zu uns gesellen. Da sitzen wir

nun zu siebt in unserer gemeinsamen

Schlafstätte, sehen uns an und können uns

vor Lachen kaum halten. Wir legen uns

schliesslich nach dem «System Sardinen -

dose» zur Ruhe. Ehrlich gesagt: Gerade gut

schlafe ich nicht. Um 3 Uhr kommt erstmals

Bewegung in die Schlafgemeinschaft, das

Umschichten beginnt. Eher unfreundlich

äussert sich Steffen: «Heiner wälzt sich wie

ein Walross durch sein Harem.»

Früh raus für ein Bild

Um 6 Uhr kann mich nichts mehr halten. Es

ist kurz vor Sonnenaufgang, ich möchte die

Morgenlandschaft in den «Kasten» bringen.

Ich werfe deshalb zuerst mal meine Stiefel

aus dem Polog – direkt in die Feuerstelle...

Draussen ist’s klirrend kalt, -35 Grad. Da in »

36 Polar NEWS


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Polar NEWS 37


den Zelten beim besten Willen kein Platz

mehr für Rucksäcke war, mussten wir

unsere Kameras über Nacht draussen lassen.

Einzig meine Hasselblad-Panorama -

kamera habe ich mit ins Bett genommen,

da diese bei Kälte einige Schwächen zeigt.

Sie funktio niert jetzt einwandfrei. Fan -

tastisches Wetter, die Sonne kurz über dem

Horizont, die Jarangas in Dunst gehüllt,

diese Stimmung will ich unbedingt auf

Film bannen.

Das Rentier-Rennen

Etwas später kommen die ersten Kollegen

aus den Zelten. Und ich höre bald die wildesten

Flüche, denn die anderen haben nur

«Digiknipsen» bei sich, und die sind bei dieser

Temperatur so gut wie tot. Mein

Entscheid, analog, also mit Film zu fotografieren,

ist mindestens an diesem Morgen

richtig. Schon aus früherer Erfahrung weiss

ich von der Stärke der Energizer-Lithium-

Batterien als Energiespender bei extremen

Temperaturen.

Nach dem Frühstück treffen bereits die

ersten Gäste ein, heute ist ja grosser Renn -

tag. Zuerst müssen die Schlittenrentiere eingefangen

werden. Dies zieht sich ziemlich

in die Länge. Gegen Mittag findet das erste

Rennen der Nachwuchskategorie statt. Kurz

nach dem Start fahren die Schlitten in alle

Richtungen davon. Die Gäste und wir sind

gleichermassen begeistert.

Links Artem Belobrov, Veranstalter vor Ort. Rechts Nikolay Ettyne, der einheimische Guide.

In der Mitte Irina Baranova vom Moskauer Reiseveranstalter.

Nach dem Zieleinlauf werden die Schlitten

mit frischen Rentieren für die Haup tkategorie

bereit gemacht. Das Starterfeld umfasst elf

Schlitten. Der Start erfolgt, und der Pulk rast

davon. Die Gäste verfolgen das Geschehen

mit Fernrohren, es wird wild geschrien und

diskutiert, jeder hat seinen eigenen Favoriten.

Die Distanz des Rennens beträgt zirka zwei

Kilometer. Der Ziel ein lauf ist knapp. Der

Sieger erhält vom extra zu diesem Rennen

angereisten Regierungs vertreter dieser

Region wahlweise einen Fernseher oder

einen Kühl schrank. Kühl schrank? Hier?

Eigentlich sollten wir uns bereits auf den

Rückweg machen, unsere Gastgeber möchten

uns jedoch zum Rentierschlitten-Fahren

einladen, und dazu müssen neue Rentiere

eingefangen werden. Unser Zeitplan gerät

nun völlig aus den Fugen. Doch das kümmert

die Tschuktschen kein bisschen. Sie

Tschuktschen sind Nomaden: Sie ziehen mit ihren Rentierherden durch die Tundra von Futterplatz zu

38

Polar NEWS


ichten sich nach dem Auf- und Untergang

der Sonne, und diese steht zurzeit noch hoch

über dem Horizont, demzufolge haben wir

noch genügend Zeit.

Nach einer Stunde ist es soweit, wir kommen

zum Zug. Die gewählte Route ist viel kürzer

als die offizielle Rennstrecke, weshalb es bei

unserem Durchgang nicht so wild zu und her

geht. Mit dem Gefühl, nun ein kleiner

Rentierspezialist zu sein, müssen wir definitiv

an den Abschied denken. Der Regierungs -

vertreter, bis anhin eher etwas zurückhaltend,

hört von unserer Abreise. Da er schon länger

nicht mehr in Anadyr war, benützt er die

Gelegenheit, mit uns mitzufahren. Wann er

wieder zurückkehren wird, weiss er nicht.

«Einfach bei der nächsten Gelegenheit»,

meint er.

Zurück im Kettenfahrzeug

Gegen 16 Uhr beginnt unsere Rückreise,

mehr als 500 Kilometer von unserem

Ausgangspunkt Anadyr entfernt, das wir

drei Tage später erreichen. Noch einmal

Egvekinot mit der luxuriösen Unterkunft,

die wir nach 220 Kilometern Fahrt mit

Kettenfahrzeug und Bus erreichen. Ein

Besuch im Museum in Egvekinot, eine

Einführung in das Handwerk der Eskimos

sowie ein Kurs im Eis- und Krabbenfischen

runden das Rahmenprogramm ab.

Uelkal, das Dorf an der Beringsee, erreichen

wir am nächsten Tag abermals mit den

Motorschlitten. Die Fahrt auf den Motor -

schlitten beginnt langsam Spass zu machen,

meine Knochen haben sich wohl an die vielen

Schläge gewöhnt. Ausser wenn mein

Fahrgenosse Igor wieder mal durchdreht und

seine eigene Linie durch die Tundra sucht –

und das tut er regelmässig.

In Anadyr angekommen, beziehen wir wieder

unser Hotel. Am Abend soll ein grosses Ab -

schiedsfest stattfinden. Kurz vorher rufe ich

Frühstück im Zelt. Ums offene Feuer wird Fladenbrot ohne Beilage gereicht.

Dazu gibt’s Tee aus selber gesammelten Blüten und Wurzeln.

zu Hause an, erzähle Rosamaria begeistert

von meinen Erlebnissen und dass ich be -

stimmt wieder nach Tschukotka kommen

werde, von den netten Menscher hier und

natürlich vom bevorstehenden Fest. Rosa -

maria spürt meine Freude und mahnt: «Sei

vorsichtig mit dem Wodka.» Das Fest ist tatsächlich

berauschend. Und so brummen auf

dem Rückflug nicht nur die Flugzeugmotoren,

sondern auch einige Schädel.

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PolarNEWS-Reise nach Tschukotka

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PolarNEWS bietet seinen Leserinnen und Lesern dieses einmalige

Erlebnis: Nächstes Jahr im April veranstaltet PolarNEWS-Reisen diesen

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Futterplatz und leben in Zelten. Im Sommer ist hier alles grün.

Polar NEWS 39


PolarNEWS Leser-Expeditionen

PolarNEWS möchte seinen Leserinnen und Lesern ausgewählte Expeditionen in polare Regionen empfehlen. Kühle Gebiete sind unsere Leiden schaft. Wir

waren da und können deshalb über diese abgelegenen Gegenden ausführlich berichten. Dank jahrelanger Erfahrung und fundiertem Wissen werden Sie

kompetent beraten und begleitet.

Entdecken Sie zusammen mit den Polarfotografen Heiner und Rosamaria Kubny oder den Biologen Michael Wenger und Dr. Ruedi Abbühl zwei der

letzten Naturparadiese dieser Welt – die Arktis und die Antarktis. Nirgendwo ist die Natur unberührter und andersartiger. Erleben Sie die schöpferische

Kraft der Natur ihrer ganzen Unberührtheit und magischen Schönheit.

Arktis – Spitzbergen

26. Juni bis 7. Juli 2009

12. Tag: Longyearbyen – Zürich

Ausschiffung, Rückflug über Oslo und

Kopenhagen nach Zürich. Ankunft in

Zürich im Verlauf des Nachmittags.

Programmänderungen bleiben

ausdrücklich vorbehalten.

Preis: ab 7’850 Franken.

Reiseleitung: Heiner und Rosamaria

Kubny.

Eine PolarNEWS-Expedition in

Zusammenarbeit mit Kontiki-Saga.

Verlangen Sie detaillierte

Unterlagen bei

PolarNews

Svalbard, wie Spitzbergen auch ge nannt

wird, ist eine Inselgruppe zwischen dem

74. und 81. Grad nördlicher Breite. Sie

setzt sich zusammen aus den Inseln

West spitzbergen, Nordostland, Edge-

Insel, Barents-Insel, Prinz-Karl-Vor land

und benachbarte Inseln. Nur 7 Prozent

der Inseln sind mit Vegetation bedeckt.

Dank den Auswirkungen des Golf -

stromes findet man hier aber trotzdem

160 Pflanzen arten. Spitzbergen ist auch

Heimat von 130 Vogelarten, Ren tieren,

Polarfüchsen, Walrossen und Polarbären.

1. Tag: Abflug

Am Morgen Flug von Zürich nach

Oslo. Am Nachmittag Stadtrundfahrt

in Oslo. Am Abend Weiterflug nach

Longyearbyen, Übernachtung im SAS

Polar Hotel.

2. Tag: Longyearbyen, einschiffen

Am Morgen kulturelles und geschichtliches

Treffen in Longyearbyen. Am

frühen Abend Einschiffung auf der

«Professor Multanovskiy» und Fahrt

durch den Isfjorden.

3. Tag: Krossfjord – Ny ° Alesund

Am Morgen erleben Sie die erste

Zodiakfahrt entlang des spektakulären

14.-Juli-Gletschers. Am Nachmittag

führt uns die Reise nach Ny ° Alesund,

der nördlichsten permanent bewohnten

Siedlung der Erde.

4. Tag: Der 80. Breitengrad

Auf Amsterdamøya besuchen Sie die

Reste der niederländischen Walfang -

station aus dem 17. Jahrhundert und

auf Fuglesangen die Kolonie der

Krabbentaucher. Auf dem Weg zur

nahen Moffen-Insel, Heimat der

Walrosse, überqueren wir den 80.

Breitengrad.

5.–7. Tag: Hinlopenstrasse

Die Lagøya in der nördlichen Einfahrt

der Hinlopenstrasse bietet eine weitere

Möglichkeit, Walrosse zu sehen. In der

Hinlopenstrasse, welche Westspitz -

bergen vom vereisten Nordaustlandet

trennt, stehen die Chancen gut, Bartund

Ringelrobben, Polarbären und

Elfenbeinmöwen zu beobachten.

8. Tag: Barents- und Edgøyainsel

Auf der Barentsinsel besuchen wir am

Morgen eine Trapperhütte, am Nach -

mittag unternehmen wir auf der Insel

Edgøya eine Zodiakfahrt und werden

in der Diskobukta, einem mit sibirischem

Treibholz übersäten Strand,

anlanden.

9. Tag: Bölscheøya-Insel

Besuch auf Bölscheøya und Aekongen,

wo ein komplett zusammengesetztes

Grönlandwalskelett am Strand zu be -

sichtigen ist.

10. Tag: Südspitzbergen

Fahrt durch die zahlreichen Seiten -

fjorde des spektakulären Hornsundes.

Besuch der polnischen Forschungs -

station Isbjørnhamna.

11. Tag: Van-Keulen-Fjord

Landung auf Ahlstrandhalvøya an der

Mündung des Van-Keulen-Fjords.

Haufenweise liegen Skelette der

Weisswale am Strand, die hier im 19.

Jahrhundert gejagt wurden.

Ackersteinstrasse 20

CH-8049 Zürich

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40 Polar NEWS


Antarktis – Kaiserpinguine

8. bis 24. Oktober 2009

Kein Tier wohnt so weit weg von den Menschen wie der Kaiserpinguin. In grossen Kolonien leben sie am

Rand der Antarktis. Der Höhepunkt eines jeden Pinguinfans ist der Besuch einer Kaiserpinguinkolonie.

Wer dorthin gelangen will, muss eine lange Reise auf sich nehmen – aber auch die lohnt sich!

Antarktis

30. November bis 21. Dezember 2009

Falkland – South Georgia – South Orkney – Antarktische Halbinsel: Freuen Sie sich auf die spannende

Tierwelt mit Königs- und Adéliepinguinen, Seehunden, Albatrossen und vielleicht auch Walen sowie auf die

einmalige Landschaftsszenerie aus Bergen und Gletschern.

1. Tag: Abflug

Linienflug Zürich – Buenos Aires mit

der Lufthansa. Am Abend Transfer zum

Hotel, Übernachtung mit Frühstück.

2. Tag: Buenos Aires

Am Morgen unternehmen wir eine

Stadtrundfahrt, der Nachmittag steht

zur freien Verfügung. Übernachtung

mit Frühstück.

10.–13: Tag: South Georgia

Wir erreichen South Georgia, das

Tierparadies im südlichen Atlantik.

Hier brüten fünf verschiedene

Pinguinarten. Während vier Tagen

besuchen wir verschiedene Orte der

Insel. In Grytviken, einer verlassenen

Walfangstation, befinden sich das

Grab von Sir Ernest Shackleton und

ein Museum.

1. Tag: Abflug

Linienflug Zürich – Frankfurt –

Buenos Aires mit der Lufthansa. Am

Abend Ankunft in Buenos Aires,

Übernachtung mit Frühstück.

2. Tag: Buenos Aires

Erleben Sie die pulsierende

Hauptstadt Argentiniens, unter anderem

mit einer geführten Stadtrundfahrt.

Übernachtung im selben Hotel.

3. Tag: Ushuaia

Im Verlauf des Tages erfolgt der

Transfer zum Flughafen. Flug nach

Ushuaia, Begrüssung und Übernachtung

in Ushuaia.

4. Tag: Einschiffen, Beagle-Kanal

Entdecken Sie am Morgen die «Stadt

am Ende der Welt» auf eigene Faust

und machen Sie letzte Einkäufe. Am

Nachmittag schiffen wir ein auf die

«Kapitan Khlebnikov».

5./6. Tag: Auf See, Drake Passage

Wir durchqueren die Drake Passage.

Die begleitenden Lektoren beginnen

ihr Vortragsprogramm und machen

Sie mit allen wichtigen Aspekten des

Südpolarmeeres vertraut.

7.–10. Tag: Snow Hill,

Kaiserpinguine

Zwischen den Inseln Snow Hill und

James Ross nähern wir uns der

Packeisgrenze und hoffen, Kaiserpinguine

auf ihrem Weg zum offenen

Meer beobachten zu können. Wir

erreichen die Brutkolonie der Kaiserpinguine.

11. – 13. Tag: Antarktische

Halbinsel

Während der nächsten Tage wollen

wir die Antarktische Halbinsel erkunden.

In der Regel erwarten uns zwei

Landungen oder Aktivitäten pro Tag.

14.–15. Tag: Zurück über die

Drake Passage

Die beiden letzten Tage auf See.

Albatrosse und Sturmvögel begleiten

uns auf dem Weg nach Ushuaia.

16. Tag: Ushuaia

Am Morgen Ankunft in Ushuaia.

Transfer zum Flugplatz und

Inlandflug nach Buenos Aires. Am

Abend startet der Rückflug ab

Buenos Aires via Frankfurt nach

Zürich.

17. Tag: Ankunft in Zürich

Am Nachmittag landen wir in Zürich.

Programmänderungen bleiben

ausdrücklich vorbehalten.

Preis: ab 19’375 Franken.

Reiseleitung: Heiner und Rosamaria

Kubny.

Eine PolarNEWS-Expedition in

Zusammenarbeit mit Kontiki-Saga.

3. Tag: Buenos Aires – Ushuaia

Der Flug von Buenos Aires nach

Ushuaia dauert vier Stunden. In der

südlichsten Stadt der Welt angekommen,

beziehen wir unser Hotel.

4. Tag: Ushuaia, einschiffen

Sie haben nochmals Zeit, die am

Beagle-Kanal gelegene Stadt zu

erkunden. Einschiffung am Nach -

mittag.

5. Tag: Auf See

Nutzen Sie den Tag auf See, um mit

dem Schiff und den Mitgliedern des

Expeditionsteams vertraut zu werden.

6./7. Tag: Falklandinseln

Die Inselgruppe liegt rund 770

Kilometer nordöstlich von Kap

Hoorn entfernt. Sie werden überrascht

sein von der aussergewöhnlichen

Vielfalt der Tierwelt.

8./9. Tag: Auf See

Auf der Fahrt nach South Georgia

passieren wir die Shag Rocks: Diese

bizarren Felsen sind die ersten

Vorboten von South Georgia.

14./15 Tag: Auf See

Auf dem Weg zur Antarktischen

Halbinsel werden wir begleitet von

vielen verschiedenen Polarvögeln.

Am Horizont erscheinen die ersten

Eisberge, die Vorboten der Antarktis.

16.–18: Tag: South-Shetland-Inseln

und Antarktische Halbinsel

Bei Point Wild und Cape Lookout auf

Elephant Island betreten wir historischen

Boden: Vier Monate musste die

Mannschaft Shackletons 1916 hier

ausharren. Je nach Wetterbedingungen

werden verschiedene Orte angefahren,

zum Beispiel die Vulkaninsel

Deception, Paradise Bay, der

Lemaire-Kanal oder Peterman Island.

19./20: Tag: Drake Passage

Wir verlassen die Antarktische

Halbinsel und fahren durch die Drake

Passage in Richtung Kap Hoorn.

21. Tag: Ankunft in Ushuaia

Am Morgen erreichen wir Ushuaia.

Transfer zum Flugplatz und Inland -

flug nach Buenos Aires. Am Abend

Rückflug ab Buenos Aires via

Frankfurt nach Zürich.

22. Tag: Ankunft in Zürich

Am frühen Nachmittag landen wir in

Zürich.

Programmänderungen bleiben

ausdrücklich vorbehalten.

Preis: ab 12’800 Franken.

Reiseleitung: Dr. Ruedi Abbühl,

Biologe.

Eine PolarNEWS-Expedition in

Zusammenarbeit mit Kontiki-Saga.

Polar NEWS

41


Wissenschaft

42 Polar NEWS


Das «Monster» aus Spitzbergen

Vorletztes Jahr entdeckten norwegische Forscher die Überreste eines Pliosauriers. Die

Untersuchungen im Labor entwickeln sich nun zur wissenschaftlichen Sensation.

Von Peter Balwin (Text)

und dem Naturhistorischen Museum

Oslo (Bilder)

Die Arktis ist um eine Attraktion reicher, die

wohl die wenigsten so weit nördlich vermutet

hätten: Das grösste bisher bekannte

Meeres reptil, ein riesiger Pliosaurus! Keine

Frage, dass man sich heutzutage auf einer

Reise in den hohen Norden nicht vor

Sauriern zu fürchten braucht, denn bei dieser

Attraktion handelt es sich um eine

Versteinerung, gefunden auf Spitzbergen.

Und was für eine! Die Fachwelt staunt, die

Laien wundern sich. Was im Spätsommer

2006 mit der Entdeckung von ein paar fossilen

Knöchelchen, darunter Bruchstücke des

Schädels, begonnen hatte, weitet sich jetzt zu

einer wissenschaftlichen Sensation aus, wie

die leitenden Paläontologen des Natur -

historischen Museums der Universität Oslo

melden. Es handelt sich auf jeden Fall um

den bedeutendsten Fund von Urreptilien seit

Jahrzehnten, wie Wissenschaftler meinen.

Der spitzbergische Pliosaurus wurde im

August 2007 ausgegraben, mehrere Tonnen

Stein wurden von den Forschern von Hand

abgetragen. Die Ausbeute des Forscher -

teams: Die Schnauze, der Grossteil des

Halses und des Rückens, der Schultergürtel,

eine fast komplette Vorderflosse und mehrere

Zähne. Der Schädel war nicht mehr zu

finden, weil an der Stelle, wo er einst lag,

ein kleiner Bach fliesst, der die fossilen

Teile abgetragen hat.

Obwohl nicht das gesamte Skelett geborgen

werden konnte, kamen mehr Knochen ans

Tageslicht als jemals zuvor bei ähnlichen

Grabungen. «Die Knochenteile sind meistens

nicht grösser als eine Streichholz -

schachtel», sagt der Norweger Jørn Hurum,

Leiter der Grabungsexpedition auf Spitz -

bergen, gegenüber PolarNEWS und deutet

damit an, dass den norwegischen Vor -

geschichtsforschern noch viel Arbeit bleibt

beim Puzzlespielen.

Erste Messungen belegen, dass es sich bei

diesem 150 Millionen Jahre alten Fossil aus

dem Jura (Erdmittelalter) um einen der

grössten und schwersten Pliosaurier handelt,

der jemals entdeckt worden ist. Jørn Hurum

schätzt die Körperlänge dieser buchstäblich

steinalten Meeresechse auf fast 15 Meter.

Polar NEWS

«Der Meeresräuber hatte Zähne so gross

wie Bananen. Seine Wirbelknochen wiesen

den Durchmesser eines Tortentellers auf»,

berichtet er.

Viele Dino-Funde in der Arktis

Bis die Untersuchungen abgeschlossen sein

werden – was mehrere Jahre in Anspruch

nehmen wird –, nennen die Wissenschaftler

ihre Entdeckung ganz unwissenschaftlich

«das Monster». Der Fundort dieser Riesen -

echse aus grauer Vorzeit liegt am Diabas -

odden, einer Landnase an der Südküste des

Isfjordes in Spitzbergen. Etwas landeinwärts

von dort steigt der Knerten auf eine

Höhe von 582 Metern über Meer an, ein

dem Knorringfjellet (948 m) nördlich vorgelagerter

Hügel auf einer geografischen

Breite von etwa 78°20’ Nord. In dieser

Region, die keine zwanzig Kilometer

Luftlinie vom Gebäude der Universität in

Longyearbyen entfernt liegt, hat man nicht

nur diesen Sensationsfund gemacht – immer

wieder fielen versteinerte Zeitzeugen aus

dem Trias und dem Jura Spitzbergens auf,

gemeinhin Ammoniten, Muscheln – und

auch andere Reptilien.

Am Diabasodden tauchen fossile Reptilien

immer wieder im Tonschiefer an der

Grenzschicht zwischen Jura und Kreide auf,

in einer Gesteinsschicht also, deren Alter

irgendwo zwischen rund 150 und 120

Millionen Jahren liegen dürfte. Und weil es

so weit im Norden kaum noch Humus gibt,

der den Tundraboden am Berghang be -

decken könnte, liegen die versteinerten Zeit -

zeugen quasi frei an der frischen Luft. Diese

Zone findet sich hier auf einer Höhe von

rund 250 Metern über Meer, wo bisher

schon Plesiosaurier (eine andere Form von

ausgestorbenen Meeresreptilien) und Ichtyo -

saurier (Fischsaurier) gefunden worden

sind.

Die ersten Fossilfunde in diesem Gebiet

gehen auf das Jahr 1864 zurück, als der

schwedische Arktisforscher Adolf Erik

Nordenskiöld eine Anzahl Knochenfrag -

mente von Fischsauriern aus dem Trias entdeckte.

Zehn Jahre später folgte eine erste

wissenschaftliche Beschreibung von zwei

Ichtyosauriern aus Spitzbergen. Seither

wurde eine ganze Reihe von Funden ge -

macht, hauptsächlich von Fisch- und Plesio -

sauriern. In die Schlagzeilen geriet die

Entdeckung von Dinosaurierspuren in den

1960er-Jahren bei Festningen, am westlichen

Ende des Isfjords, nicht weit von der

russischen Bergbausiedlung Barentsburg.

Jene Fussabdrücke auf einer Spurenplatte

sollen von mehreren Iguanodons stammen,

welche dort vor 100 Millionen Jahren in

einer damaligen Flussebene ihre pflanzliche »

Der Fundort ist sorgfältig mit Steinen eingekreist. Die Pfeile zeigen die Stellen,

wo welche Knochen unter dem Erdreich liegen.

43


Jørn Hurum vom Naturhistorischen Museum Oslo macht sich für den Einsatz bereit. Er leitete die Ausgrabungen der Versteinerungen.

Nahrung suchten – nicht ahnend, dass ihre

Abdrücke, die sie im weichen Sand eines

Deltas hinterliessen, heute die nördlichsten

Dinosaurierspuren Europas sind. Allerdings

lässt die enorme Grösse dieser Fussspuren

(einige waren 68 Zentimeter lang und 60

Zentimeter breit) etliche Fachleute daran

zweifeln, ob es sich tatsächlich um den

Iguanodon, oder vielleicht doch eher um

einen Theropoden gehandelt haben könnte,

also einen Fleisch fressenden Saurier, der

sich auf zwei Beinen fortbewegte (diejenigen,

vor denen man im Dinosaurier-Film am

meisten Angst bekommt). Wie auch immer

der Gelehrtenzwist enden wird – die

Spurenplatte von Festningen fiel leider der

Erosion zum Opfer und stürzte vor etlichen

Jahren ins Meer...

Es gibt noch viel zu tun

Bis hierher ist bereits eine stattliche Anzahl

Echsen aus der Ahnengalerie der Dino saurier

an uns vorbeigezogen, und man beginnt zu

verstehen, dass die Paläonto logen der

zukünftigen Dino-Forschung in Spitzbergen

mit Freude und grosser Neugierde entgegenfiebern.

Denn die Feldarbeiten von Jørn

Hurum und seinem Team in den beiden vergangenen

Polarsommern zeitigten noch einen

ganz angenehmen Nebeneffekt: Die Forscher

entdeckten gleich noch etliche weitere

Saurier in der gleichen Gegend. Hurum ist

begeistert: «Insgesamt haben wir aus dieser

Region die GPS-Koordinaten von weiteren

40 Skeletten verschiedener Meeresreptilien

geortet. Die Arbeit wird uns also noch viele

Jahre lang nicht ausgehen!»

Weshalb gerade dieses Gebiet im Isfjord

derart grosse Saurierfriedhöfe aufweist, ist

den norwegischen Forschern bisher ein

Rätsel. «Wir wissen es noch nicht», meint

Jørn Hurum gegenüber PolarNEWS. «Viel -

versprechend ist, dass sich diese Gesteins -

schicht mit den vielen Reptilien vom

Diabasodden nach Osten quer über die

Hauptinsel Spitzbergen bis zur Aghardbukta

erstreckt.» Dies ist immerhin eine Strecke

von 60 Kilometern Luftlinie, da könnte sich

allerhand unter dem Tundraboden verste -

cken. «Das ist äusserst faszinierend», sinniert

Jørn Hurum, «wenn man bedenkt, dass

genau in diesem Moment irgendwo dort

oben über tausend solcher Saurierskelette

auswittern...»

Aber warum finden sich so viele versteinerte

Skelette just hier am Isfjord in dieser Art

von Gesteinsschicht? Forscher Hurum verrät:

«Wir haben da eine Theorie: Es könnte

mit günstigen Veränderungen der Boden -

chemie im sauerstoffarmen Faulschlamm zu

tun haben, in den die Urechsen gefallen

sind. Auf jeden Fall werden wir im kommenden

Juli ein Auge auf diese Frage -

stellung werfen.»

Ein «Kollege» aus Mexiko

Wenn die Saurierforscher bald wieder nach

Spitzbergen aufbrechen, um ihre Suche fortzusetzen,

müssen sie sich gegen die Unbill »

Rekonstruktion des Pliosaurier-Gerippes: Rot markiert sind diejenigen Knochen, die an der Fundstelle ausgegraben werden konnten.

44 Polar NEWS


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Polar NEWS

45


Grössenvergleich, von oben nach unten: ein Orca, ein Blauwal und der Pliosaurier. Der Mensch vor dessen Schnauze ist dagegen geradezu winzig.

eines arktischen Sommers schützen: starke

Winde, Regen und Nebel, Temperaturen um

den Gefrierpunkt – und natürlich die ständige

Angst, von einem Eisbären aufgestöbert

zu werden. Wie angenehm muss es da zu

Urzeiten auf dieser Inselgruppe gewesen

sein! Dinosaurier und Meeresechsen hätten

sich in einer frostigen Umwelt sicherlich

nicht wohl gefühlt. Gänsehaut haben die

Pliosaurier keine gekriegt damals, denn

Spitzbergen lag vor 150 Millionen Jahren

etwa auf der gleichen geografischen Breite

wie heute Hamburg oder Oslo. Die

Kontinentalverschiebung war in vollem

Gang.

Im Laufe des Erdmittelalters, des Meso zoi -

kums (250 bis 65 Millionen Jahre vor unserer

Zeit), bewegte sich jener Teil der Erdkruste,

auf dem das heutige Spitzbergen thront, von

einer Position bei etwa 45 Grad nördlicher

Breite bis hinauf zum 60. nördlichen Breiten -

kreis. Damals herrschte ein weitgehend

gemässigt-feuchtes Klima, und die Land -

formen waren zum grössten Teil abgeflacht.

Tiere fanden damals paradiesische Be din -

gung en vor, weshalb die Fauna des Erd mittel -

alters von den Paläontologen als sehr reichhaltig

beschrieben wird. Die Reptilien taten

sich zu jener Zeit besonders hervor. Trias,

Jura und Kreide, die drei Epochen des

Mesozoikums, waren die Zeiten der Saurier,

und dies ganze 186 Millionen Jahre lang!

Unser «Monster» vom Isfjord lebte in der

Epoche des Jura. Der Superkontinent Pangäa

war gerade dabei, sich in zwei Landmassen

namens Laurasia – mit dem späteren Nord -

amerika, Europa und Asien – und Gond wana

(mit Südamerika, Afrika, Australien) aufzutrennen.

Zwischen diesen beiden neuen

Landmassen öffnete sich eine ozeanische

Verbindung, eine zentral-atlantische Meeres -

strasse. Sie verband das Thetysmeer (quasi

das Ur-Mittelmeer) mit dem heutigen Golf

von Mexiko und dem Ur-Pazifik von

damals.

Diese «hispanischer Korridor» genannte

Meeresstrasse führte zu einem Austausch

von Tierarten, weshalb in jener Zeit Indien,

Persien und Mitteleuropa punkto Tierwelt

viele Gemeinsamkeiten mit Kuba, Mexiko,

Peru und Chile aufwiesen. Es ist daher nicht

verwunderlich, dass unser Pliosaurus aus

Spitzbergen ausgerechnet im fernen Mexiko

einen ernsthaften Konkurrenten vorfindet,

der ihm an Körpergrösse kaum nachsteht:

das «Monster von Aramberri»! 1984 durch

einen Studenten nahe des Dorfes Aramberri

in Süden des mexikanischen Bundesstaates

Nuevo León entdeckt und zwei Jahre später

von deutschen und mexikanischen Paläonto -

logen ausgegraben, hat dieser gigantische

Pliosaurier damals Weltruhm erlangt.

Fleischfresser mit Fisch-

Vorliebe

Doch das «Monster» vom spitzbergischen

Diabasodden scheint alle bisherigen Re -

korde zu schlagen. Jørn Hurum erklärt, dass

«seine» Riesenmeeresechse um 20 Prozent

grösser sei als der Kronosaurus aus Queens -

land, Australien, der mit seinen 10 bis 11

Metern Länge bisher als der grösste Plio -

saurier gegolten hat. Der arktische Plio -

saurus bringt es auf 15 Meter.

Nur schon seine Seitenflossen, mit denen er

elegant und flink durchs Urmeer zischte,

messen beinahe 3 Meter (deshalb der aus

dem Griechischen abgeleitete Name Plio -

saurus, was «Flossenechse» bedeutet).

Die norwegischen Forscher gehen auch

davon aus, nicht nur den grössten Pliosaurus

geborgen, sondern damit gleich auch eine

neue Unterart entdeckt zu haben. Die

Nachbildung der tropfenförmigen Körper -

formen eines Pliosaurus ergeben nicht eben

grazile Wesen: Sie sahen aus wie eine

ungünstige Mischung aus einer gewaltigen

Eidechse mit Stummelschwanz und einem

kurzhalsigen, überfahrenen Krokodil.

Seine vier mächtigen Flossen setzte ein

Pliosaurier zum Unterwasserflug ein. Man

nimmt an, dass er auf Beute lauerte und in

null Komma nichts mit grosser Geschwindig -

keit hinter den Unschuldigen herrasen

konnte. Die so verfolgten Opfer waren

Fische, Tintenfische und Meereskrokodile,

aber auch grössere Kaliber wie etwa Fisch -

saurier oder gar seinesgleichen wurden verspiesen.

Üble Bissspuren in gefundenen Knochen

zeichnen einen Pliosaurus als waschechten

Fleischfresser aus, dessen Grausamkeit bei

der Jagd auf Beute höchstens noch durch

grosse Mosasaurier überboten worden war,

der in den warmen Meeren der Kreidezeit »

46 Polar NEWS


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lebte. Obwohl ein unglaublich mächtiges

Raubtier mit einem massigen Schädel,

konnte selbst der hungrigste Pliosaurus

nicht immer die ganze Beute auf einmal verschlingen.

Man hat herausgefunden, dass

Pliosaurier sich dann mitsamt des sich zwischen

den langen Zähnen befindlichen

Opfers schnell und kräftig mehrfach um die

eigene Achse drehten, um auf diese elegante

Weise die Beute in Stücke zu zerreissen.

Biologen nennen diese Taktik «twist feeding»,

sie wird noch heute von Krokodilen

angewendet.

Moderner Zank um alte Steine

Zurück in der Stille des Diabasodden im

Isfjord-Gebiet Spitzbergens. Wir stehen dort

an der Pforte eines gewaltigen Saurier -

friedhofes, dessen wahres Ausmass sich erst in

den kommenden Jahren offenbaren wird.

Nicht nur sind die Paläontologen hellhörig

geworden und können die kurzen Feld saisons

im Sommer kaum erwarten – auch die

Behörden machen sich Gedanken: Das norwegische

Umweltministerium behandelt einen

neuen Gesetzesvorschlag, der den neuerlichen

vorgeschichtlichen Funden Rechnung trägt.

So diskutieren die Behörden, ob gewisse

Versteinerungen von besonderem wissenschaftlichem

Wert oder Interesse automatisch

von Staats wegen geschützt sein sollen. Doch

so einfach ist die Sache nicht: In Norwegen

existiert zwar das «allemannsrett», eine

öffentliche Zutrittsberechtigung zu nicht kultiviertem

Land, jedoch verbieten die

Besitzrechte, dass Unberechtigte geologisches

Material entfernen dürfen von einem

Stück Land, das jemand anderem gehört. Und

just beim Monster-Pliosaurus vom Isfjord gab

es Probleme, weil das Fundgebiet vorgängig

von einer privaten Firma beansprucht worden

war, welche kommerziellen Fossilienhandel

betreibt. Glücklicherweise konnten sich die

Parteien einigen, und unser Urreptil aus

Spitzbergen hat seine letzte Reise in die

Labors von Oslo angetreten.

Bis die Öffentlichkeit das Skelett des See -

räubers im Naturhistorischen Museum der

norwegischen Hauptstadt bestaunen kann,

werden aber mindestens zwei, wenn nicht vier

Jahre vergehen.

PolarNEWS

Akribische Millimeterarbeit: Im Liegen meisseln die Paläontologen die prähistorischen Knochen aus

dem Stein und kartografieren die Funde präzise.

Im Labor werden Duplikate der Knochenfunde hergestellt. Im Museum werden

die Originalknochen nicht zu sehen sein.

Literaturhinweis

Die komplizierte Geologie von Spitz -

bergen und Grönland verständlich dargelegt:

Steine und Eis – Landschaften

des Nordens. Ein geographischer Reise -

begleiter für Spitz bergen und Ostgrön -

land.

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Bezug: Rolf Stange,

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Aufgrund der Schnauzenspitze können Wissenschaftler den ganzen Unterkiefer

des Pliosauriers rekonstruieren.

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50 Polar NEWS


Dies & Das

Expeditionen früh genug buchen

PolarNEWS-Filmteam unterwegs

Von Anfang November bis kurz vor Weih -

nachten letzten Jahres war das PolarNEWS-

Filmteam in der Antarktis unterwegs auf der

Suche nach den schönsten Seiten des südpolaren

Gebietes. Gedreht wurde auf den

Falklands, South Georgia und der Ant -

arktischen Halbinsel. Die Ausbeute war fantastisch,

kamen doch über fünfzig Stunden

Filmmaterial zusammen.

Daraus entstanden ist der 30-minütige Film

«Abenteuer Antarktis», welcher ab Juni 2008

Juri Rytchëu gestorben

während sechs Monaten im Unter halt ungs -

programm an Bord der Flugzeuge der Swiss

International Air Lines zu sehen ist. Ein Trost

für alle Nichtflieger: Der Film kann demnächst

als DVD im PolarShop bezogen werden.

Bereits sind übrigens weitere Filmprojekte

in Planung, so unter anderem «Spitz bergen»,

«Chukotka und Wrangel Island» und «Eis -

brecher in der russischen Arktis».

Heiner Kubny

St. Petersburg gestorben. Von der Halb -

insel Tschukotka stammend, fand er mit

seinen Beschreibungen des Lebens der

indigenen Völker im russischen Norden

auch im Westen viele Leser. Bis zur

Perestroika galt Rytchëu als regimetreuer

Autor und wurde als solcher vom sowjetischen

Staat gefördert.

In seinen späteren Romanen übte er dann

allerdings deutliche Kritik am «stillen

Genozid» der russischen Ureinwohner-

Völker. Er ist der einzige Vertreter der so -

genannten Nationalliteraturen der indigenen

Völker des russischen Nordens, der

es geschafft hat, auch international eine

gewisse Bekanntheit zu erlangen. Zu seinen

wichtigsten Werken gehören «Die

Suche nach der letzten Zahl» und «Die

Reise der Anna Odinzowa». Rytchëus

Bücher erscheinen im Unions verlag.

Die Redaktion von PolarNEWS entdeckt für

Sie immer wieder neue und spannende Reise -

ziele. Diese erfreuen sich bei unserer Leser -

schaft grosser Beliebtheit: Regel mässig

erhalten wir bis kurz vor dem jeweiligen

Abflug Anrufe von interessierten Reise -

lustigen, die sich noch quasi in letzter Sekunde

anmelden möchten. Diesen müssen wir

jeweils schweren Herzens ebenso regelmässig

eine Absage erteilen: Wir sind restlos ausgebucht.

In aller Regel sind PolarNEWS-

Expeditionen sogar schon mehrere Monate

vor der Abreise bis auf den letzten Platz vergeben.

Reisen in die Arktis und die Antarktis kann

man nicht vergleichen mit Ferien in anderen

Destinationen: Einerseits sind die Vorbe rei -

tungen für den Veranstalter sehr aufwendig,

anderseits sind solche Reisen aus Gründen

des Naturschutzes nur auf kleinen Schiffen

zu empfehlen und deshalb mit vergleichsweise

wenigen Passagieren möglich.

Wir raten deshalb, Reisen in polare Ge -

genden möglichst früh, sprich mindestens ein

Jahr voraus zu planen und zu buchen. Drei

PolarNEWS-Expeditionen sind auf den

Seiten 40 und 41 vorgestellt. Für alle sind

zur zeit noch Platze frei. Weitere Reisen sind

geplant nach Thule in Grönland (September

2009) und mit dem neuen Schiff «Plantius»

in die Antarktis (Januar 2010). Mehr Infos

dazu in der nächsten Ausgabe von

PolarNEWS oder auf www.polar-reisen.ch.

Rosamaria Kubny

Am 14. Mai 2008 ist der russische

Schrift steller Juri Rytchëu 78-jährig in

Heiner Kubny

Polar NEWS

51


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Dies & Das

Globi entdeckt das Eis

«“Wie kann man das Wetter messen?“, – fragt

Freund Globi nach dem Essen. – Hansen

meint: „Ich sage dir, – wer viel misst, braucht

viel Papier.“»

Endlich: Nach 75 Abenteuern in der ganzen

Welt entdeckt der blaue schlaue Vogel endlich

die polaren Gebiete. «Globi und der

Polarforscher» heisst der neue, 76. Band der

Globi-Serie. Darin begleitet er den Forscher

Hansen an die beiden Pole und lernt so vieles

über Menschen und Tiere der Arktis beziehungsweise

Antarktis. Und vermittelt seinen

jungen Lesern fast nebenbei eine erste Aus -

einandersetzung mit der Klimaer wärmung

und was das für die Menschheit bedeutet.

«Auch der Thermograf daneben – zeigt den

gleichen Trend wie eben: – Kälter wird es seit

dem März; – ist dies nur ein böser Scherz?»

Natürlich gibt’s zum eigentlichen Buch auch

das Dialekt-Hörspiel auf CD und zwei

Malbücher. Erhältlich beim Globi-Verlag.

Christian Hug

Ein fiktives Spital in Grönland

Mit seinem Roman «Rausch» über die

Verlegung der ersten Telefonkabel in der

Tiefsee landete der Amerikaner John

Griesemer 2003 einen Bestseller. Ein Jahr

später erschien dann auch sein Erstlinkswerk

«Niemand denkt an Grönland» (Mare

Buchverlag) auf Deutsch. Es erzählt die fiktive

Geschichte eines US-amerikanischen

Soldaten, der sechs Jahre nach dem Korea -

krieg irrtümlicherweise in eine Militärbasis

in Grönland versetzt wird. Er merkt, dass die

Basis als geheimes Spital für Verwundete des

Koreakrieges dient, die dermassen schlimm

verwundet wurden, dass man sie offiziell als

«missing in action» führt, inoffiziell aber

pflegt, bis sie still und von alleine sterben.

Der Protagonist Rudy schliesst eine Art

Freundschaft mit einem aufs Schlimmste verstümmelten

Soldaten, der sich Guy X nennt.

«Niemand denkt an Grönland» ist eine bitterböse

Satire auf den kalten Krieg.

IMPRESSUM

Herausgeber

KubnyArt

Ackersteinstr. 20

8049 Zürich

Tel. +41 44 342 36 60

Fax +41 44 342 36 61

Mail: redaktion@polar-news.com

Web www.polar-news.com

Redaktion

Heiner Kubny

Christian Hug

Rosamaria Kubny

Blattmacher/Korrektorat

Christian Hug, 6370 Stans

Layout

Hug Design

Sadia Hug, 1783 Barberêche

Druck

Vogt-Schild Druck AG

4552 Derendingen

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Mitarbeiter dieser Ausgabe

Norbert Rosing

Peter Balwin

Greta Paulsdottir

Peter Kunz

Arne Kertelhein

Ruedi Abbühl

Über das Scheitern an den Polen

Wild und aufregend war die Zeit, als der

Nordpol und der Südpol noch nicht erobert

waren. Dutzende Abenteurer versuchten ihr

Glück in aufwendigen Expeditionen, und

viele davon entwickelten dabei die waghalsigsten

Ideen. Entsprechend spektakulär

scheiterten denn auch viele Versuche, als

Erster einen der Pole zu erreichen.

Genau diesen missglückten Expeditionen widmet

sich das Maison d’ailleur, das Museum

für Science Fiction, Utopien und aussergewöhnliche

Reisen in Yverdon-Les-Bains, in seiner

Sonderausstellung «Polémiques». Das

Wortspiel im Titel der Ausstellung ist Pro -

gramm: Gezeigt werden viele Bilder und

Exponate, die veranschaulichen, wie irrwitzig

manche Versuche waren beziehungsweise

scheiterten, wie Zeitungen und Bücher sich

mit den unglaublichsten Beschreibungen

gegenseitig überboten. Die Ausstellung lädt

die Besucher ein auf eine Reise zwischen

Fiktion und Realität, den beiden sich ergänzenden

Seiten ein und desselben Abenteuers.

Sie dauert bis 7. September 2008.

www.ailleurs.ch

Christian Hug

Der Roman wurde bereits 2005 vom Regisseur

Saul Metzstein unter dem Titel «Guy X – niemand

denkt an Grönland» mit Jason Biggs in

der Hauptrolle verfilmt, aber kaum in unseren

Kinos gezeigt. Nun ist der Streifen endlich

als DVD erhältlich. Der Plot bleibt verstörend,

doch er ist dank präzise eingewobenem

schwarzem Humor erträglich. Ein Film

zu Nachdenken...

Christian Hug

Polar NEWS

53


Lexikon

Antarktische Pelzrobbe (Arctocephalus gazella)

Grösse: Männchen bis 1,9 Meter, Weibchen bis 1,2 Meter

Gewicht: Männchen bis 250 Kilo, Weibchen bis 50 Kilo

Lebenserwartung: bis 20 Jahre

54


Polar NEWS

Antarktische

Pelzrobbe

Polar NEWS

55


Von Heiner Kubny (Text und Bilder)

Dimorphismus nennen Zoologen den riesigen

Unterschied der Körpergrösse von

Männchen und Weibchen. Auch bei der

Antarktischen Pelzrobbe fällt dieser Unter -

schied sofort ins Auge: Ausge wachsene

Männchen bringen fünfmal mehr Kilos auf

die Waage als die Weibchen. Wer, wie diese

Robben, seine Weibchen gleich im Harem

hält, hat entsprechend viel zu tun...

Die Antarktische Pelzrobbe, auch Antarkti -

scher Seebär genannt, gehört zu den Ohren -

robben, was in diesem Falle vor allem bedeutet,

dass die Lauscher auf dem sowieso

schon kleinen Kopf geradezu winzig sind,

was den Widerstand unter Wasser verringert.

Dafür sind die Augen verhältnismässig riesig:

Das ermöglicht den Tieren beim Tauchen

gute Sicht. Das überaus dichte Fell ist sowohl

wasser- als auch winddicht. Es besteht aus

einer dichten Unterwolle und einer oberen

Schicht von Grannenhaaren, die grau bis

braun gefärbt sind. Hin und wieder kann

man in den Kolonien auch Albinos beobachten.

Die Männchen verfügen zudem im

Schulterbereich über eine dichte Mähne.

Diese fehlt den Weibchen völlig. Im Bereich

der Schnauze zeigen sich lange Tasthaare,

die sogenannten Vibrissen.

Ihren wissenschaftlichen Namen Gazella hat

die Antarktische Pelzrobbe übrigens vom

gleichnamigen Schiff, das 1874 durch die

Kerguelen fuhr: Der deutsche Naturforscher

Wilhelm Peters, der auf der «Gazella» mit an

Bord war, beschrieb als erster europäischer

Forscher die Antarktische Pelzrobbe.

Lebensraum

Antarktische Pelzrobben leben vom 61. Grad

Süd bis nördlich der Antarktischen Konver -

genz. Hauptpaarungsgebiete sind die felsigen

Strände von South Georgia, South

Shetland, South Sandwich, Insel Bouvet, die

Kerguelen und South Orkney. Nördlich der

Antarktischen Konvergenz sind nur drei

Kolonien bekannt: auf den Inseln Macquarie,

Crozet und Marion. Die Gesamtpopulation

wird auf 2 bis 4 Millionen Tiere geschätzt.

Ausserhalb der Paarungszeit wandern vor

allem die Weibchen, mit Abstrichen auch

Männchen, über weite Strecken. Die genauen

Migrationsrouten sind jedoch unbekannt.

Sichtungen sind aus dem südlichen Brasilien,

Chile und Argentinien bekannt. Männchen

bleiben gelegentlich ganzjährig in den Paa -

rungsgebieten oder wandern nur wenig umher.

Brut und Aufzucht

Männchen und Weibchen werden im Alter

von drei bis vier Jahren geschlechtsreif, die

Männchen sind erst mit sechs bis zehn

Jahren soweit. Die männlichen Tiere leben

ausserhalb der Paarungszeit weitgehend als

Einzelgänger. Wenn Ende November die

Paarungszeit beginnt, kommen die Männchen

etwas früher als die Weibchen zu den

Kolonie-Stränden und marchen erstmal mit

Herzig anzusehen: Pelzrobben-Junges bei

der Fellpflege im seichten Wasser.

heftigen Kämpfen die besten Brutplätze

unter sich aus. Wenn dann die Weibchen eintreffen,

geht das Werben und Kämpfen weiter:

Jeder Bulle versucht, das grösste Harem

um sich zu scharen, meist sind es plusminus

zehn Weibchen. Sind die besten Liegeplätze

und die Harems einmal definiert, werden die

Antarktischen Pelzrobben zu geselligen

Tieren.

Schon zwei bis drei Tage nach der Ankunft

der Weibchen in der Kolonie gebären diese

ihr Junges. Bei seiner Geburt wiegt das

Robbenbaby 4,5 bis 6,5 Kilogramm, ist bis

zu 70 Zentimeter lang und trägt ein schwarzes

Fell. Die Mutter säugt ihr Junges während

jeweils 6 bis 8 Tagen und verabschiedet

sich dann für 3 bis 5 Tage zur Futtersuche im

Meer, bevor es wieder zu ihrem Jungen

zurückkommt.

Fröhliche Familie: Der Bulle ist wesentlich grösser und schwerer als das Weibchen. Er verteidigt Revier und Familie aggressiv.

56

Polar NEWS


Robbenbabys sind Einzelkinder. Sie werden rund 4 Monate gesäugt. Dazu stehen dem Jungtier vier Zitzen zur Verfügung.

Insgesamt werden die Jungtiere während 4

Monaten gesäugt, danach sind sie auf sich

selbst angewiesen. Rund ein Viertel aller

Robbenbabys überlebt das erste Lebensjahr

nicht – für Orcas und Seeleoparden sind die

unerfahrenen Jungtiere eine relativ leichte

Beute.

Ernährung

Im Gebiet um Shouth Georgia ernähren sie

sich hauptsächlich von Krill und Fisch. Die

um Macquarie und den angrenzenden Inseln

Der Pascha: Pelzrobbenmännchen tragen eine

prächtige Mähne. Bei den Weibchen fehlt diese.

beheimateten Pelzrobben jagen auch Fische

und Kalmare. Antarktische Pelzrobben gelten

als gute Schwimmer und Taucher. Bei

der Futtersuche tauchen sie zwar meist nur in

den obersten 50 Metern und bleiben pro

Tauch gang 2 bis 5 Minuten unter Wasser.

Forscher beobachteten aber schon Tauch -

gänge, die zehn Minuten dauerten und in

Tiefen bis zu 250 Metern führten.

Die Futtersuche erfolgt meist abends und in

der Nacht, da der Krill wegen des fehlenden

Lichtes näher an die Wasseroberfläche

kommt. Die Jagd dauert 2 bis 3 Stunden: In

dieser Zeit unternehmen sie bis zu 20

Tauchgänge.

Mensch und Tier

Noch Ende des 18. Jahrhunderts umfassten

die Kolonien der Antarktischen Pelzrobben

mehrere Millionen Tiere. Doch in den

1790er-Jahren begannen die Raubzüge der

Robbenjäger auf Pelzrobben, die die Tiere

nicht nur wegen ihres Fells, sondern auch

wegen ihres Fleisches und vor allem zur

Tran gewinnung jagten. Allein im Süd -

sommer 1800/01 wurden auf South Georgia

112’000 Pelz robben erschlagen. Auf einer

Insel nach der anderen wurden die Kolonien

systematisch vernichtet.

Die Kolonien auf den South Shetlands wurden

erst 1819 entdeckt, sie umfassten damals

etwa 400’000 Tiere: Innerhalb von nur zwei

Jahren wurde sie komplett ausgelöscht. In

den 1830er-Jahren galt die Antarktische Pelz -

robbe schliesslich als ausgerottet.

Da sich ein so riesiges Verbreitungsgebiet

jedoch nicht gänzlich kontrollieren lässt,

haben die Antarktischen Pelzrobben das

Massen schlachten in manchen Regionen

überlebt. Durch strenge Schutzgesetze sind

ihre Bestände seither wieder zunehmend.

Das Washingtoner Artenschutzabkommen

Cites stellt die Antarktische Pelzrobbe in

Anhang II des Abkommens unter Schutz. In

der Roten Liste der IUCN wird die Art als

nicht gefährdet geführt.

Die grösste Bedrohung der Antarktischen

Pelzrobbe geht aber nach wie vor vom

Menschen aus: Heute werden die Robben

Opfer von Zivilisationsrückständen wie

Fischernetze, Verpackungsmaterialien und

Nylonschnüren, in denen sie sich verfangen

und dadurch ertrinken oder verhungern.

Zudem entzieht die rücksichtslose Überfischung

der Krill-Bestände den Robben ihre

Grundnahrung.

Hübsches Detail am Rande: Im antarktischen

Sommer 2000/2001 erstellten norwegische

Wissenschaftler den Plan, achtzig

Robben verschiedenster Arten, darunter 20

Antarktische Pelzrobben, zu töten, um die

Umweltver schmutzung zu erforschen. Das

Vorhaben musste aber fallengelassen werden,

weil die norwegische Regierung den

Plan zurückwies, nachdem Umwelt organi -

sationen dagegen Sturm liefen. PolarNEWS

Polar NEWS

57


Crew

Die PolarNEWS-Crew

Heute mit Ruedi und Priska Abbühl

Ruedi Abbühl, 1964 in Bern geboren, studierte

an der Universität Basel im Haupt -

fach Zoologie und im Nebenfach Chemie.

Er schloss das Doktorat mit seiner Disser -

tation über die Ökologie der Gelbbauchunke

ab.

1997 lernte er die gleichaltrige Priska

Rauber kennen – sie wurde bald seine Frau.

Beide arbeiten bei Swiss International Air

Lines als Flight Attendant beziehungsweise

Maître de Cabine und teilen die Leiden -

schaften Filmen, Reisen und das Beo -

bachten von Tieren, deren Lebensraum und

Ver halten. Zusammen haben sie unzählige

Nationalparks auf fünf Kontinenten besucht.

Besonderes Interesse gilt den subpolaren

und polaren Regionen.

Zusammen haben sie auch bereits sieben

Mal die Falklandinseln mit ihrer faszinierenden

Tierwelt besucht. Es folgten Reisen

in die Antarktis. In diesen Sommer werden

sie für PolarNEWS Spitzbergen und die

Wrangel Island filmend bereisen. Das

Filmmaterial von all den Reisen mit ästhetischen

Tier- und Landschaftsaufnahmen findet

bei der Swiss International Air Lines als

Boarding Video Verwendung.

Zudem sind mehrere Dokumentarfilme entstanden.

Das neuste Werk, welches im

November und Dezember 2007 zusammen

mit PolarNEWS gedreht wurde, heisst

«Abenteuer Antarktis». Die reine Luft, das

glasklare Wasser, die weiten und ungestörten

Landschaften bereichern und beflügeln

die beiden. Für sie sind es Orte, wo sie ihre

Seelen baumeln lassen können.

In ihrer Freizeit treiben Ruedi und Priska

regelmässig Sport und lesen gerne Bücher.

Ruedi arbeitet auch als Museumsführer im

Dinosauriermuseum in Aathal. Er ist fasziniert

von der Idee, den menschlichen

Zeithorizont zu sprengen.

www.naturemovie.ch

PolarNEWS

58 Polar NEWS


Expedition Antarctica 2009

Falkland Inseln – Südgeorgien – Antarktische Halbinsel

Erforschen Sie mit dem Klimaspezialisten

Prof. Thomas Stocker und dem Fotografen Heiner

Kubny die riesigen Eisberge der Antarktis. Sichern

Sie sich Ihren Logenplatz beim grossen Pinguin-

Konzert. Mit dem modernsten Expeditions-Schiff

zur besten Reisezeit!

Reiseprogramm

1. Tag/4.1.09

Flug nach Buenos Aires

Linienflug mit Lufthansa (Tagesflug)

oder Air France (Nachtflug) nach

Buenos Aires.

2. – 3. Tag/5. – 6.1.09

Buenos Aires

Entdecken Sie während der Stadtrundfahrt

die quirlige Hauptstadt

Argentiniens.

4. – 5. Tag/7. – 8.1.09

Flug nach Ushuaia und Einschiffung

Ca. 4-stündiger Flug nach Ushuaia,

Hauptstadt der Provinz Feuerland, eingerahmt

von den Gipfeln der Südkordilleren.

Hier, am «Tor zur Antarktis»

liegt die MS FRAM zur Einschiffung

bereit.

6. – 7. Tag/9. – 10.1.09

Falkland-Inseln

Die Falkland-Inseln haben immer noch

den Status einer britischen Kronkolonie

und sind bekannt für ihre artenreiche

Fauna: verschiedene Pinguinarten,

eine vielfältige Vogelwelt mit Albatrossen

und Kormoranen sowie See-

Elefanten, Falkland-Pelzrobben und

Seelöwen sind auf den beiden Hauptinseln

und den mehr als 300 vorgelagerten

Eilanden zu finden.

8. – 9. Tag/11. – 12.1.09

Auf See

Die MS FRAM nimmt Kurs auf Südgeorgien.

Das qualifizierte Expeditionsteam

sowie Klimaforscher Prof. Thomas

Stocker geben Ihnen während der ganzen

Schiffsreise im Rahmen wissenschaftlicher

Vorträge sowie bei den

Anlandungen umfassende Informationen

über Landschaft, Flora, Fauna

und Geschichte.

10. – 11. Tag/13. – 14.1.09

Südgeorgien

Südgeorgien ist zu über 50% mit

Gletschern bedeckt. Die Küsten bieten

ideale Brutmöglichkeiten für unzählige

Vogelarten, darunter z.B. Wander-,

Graukopf- und Russalbatrosse. Bekannteste

Bewohner dieses einzigartigen

Tierparadieses sind die zahlreichen

Pinguinkolonien, darunter auch die

prachtvollen Königspinguine.

13. Tag/16.1.09

Süd-Orkney-Inseln

Die abgelegenen Süd-Orkney-Inseln

heben sich majestätisch vom Südpolarmeer

hervor. Fahrt durch den einzigartigen

«Washington Strait».

14. Tag/17.1.09

Süd-Shetland-Inseln: Elephant Island

Die Süd-Shetland-Inselkette erstreckt

sich als 500 km langer Bogen nördlich

der Antarktischen Halbinsel. Elephant

Island verdankt ihren Namen der grossen

Kolonie von See-Elefanten. Hier fand

die Mannschaft von Shackletons Expedition

mit der Endurance Zuflucht, nachdem

das Schiff im Eis zerborsten war.

15. Tag/18.1.09

Süd-Shetland-Inseln: Half Moon Island

Eine beeindruckende Landschaft prägt

die Half Moon Island – und an einem

der vulkanischen Strände kann man

bei einer heissen Quelle sogar ein Bad

nehmen. Auf King George Island Besuch

der Forschungsstation, welche das

ganze Jahr in Betrieb ist.

16. Tag/19.1.09

Antarktische Halbinsel (Paradise Bay)

Entdecken Sie die dramatische Welt

des «ewigen Eises»: Schneebedeckte

Berge, mit Eis gefüllte Fjorde, riesige

Tafeleisberge in blauen und violetten

Farbtönen… Und natürlich die faszinierende

Tierwelt mit Pinguinen, Pelzrobben

und Walen.

17. Tag/20.1.09

Lemaire-Kanal und Peterman Island

Die Fahrt durch den Lemaire-Kanal ist

atemberaubend: die MS FRAM gleitet

durch den Fjord zwischen turmhohen

Eisklippen dahin. Halten Sie Ausschau

nach Zwerg- und Buckelwalen, die sich

hier gerne tummeln. Und schliesslich

besuchen wir die Adeliepinguine und die

Robben-Kolonien auf Peterman Island.

18. – 19. Tag/21. – 22.1.09

Drake Passage

Die MS FRAM nimmt wieder Kurs auf

Feuerland.

Ihre Reisebegleiter

Prof. Thomas Stocker

Thomas Stocker ist seit

1993 Professor für Klimaund

Umweltphysik an

der Universität Bern und

gehört zu den profiliertesten

Klimaforschern

der Welt. Als leitender Haupt-Autor

der Arbeitsgruppe «I» war er am vierten

Klimabericht der UNO beteiligt

und hat so zum Friedensnobelpreis

an den UNO-Klimarat beigetragen.

Das Schiff

Die MS FRAM verfügt über 136 Kabinen.

Ein grosszügiger Panorama-

Salon und weitläufige Decksflächen

ermöglichen herrliche Ausblicke auf

eindrucksvolle Eisberge. Die MS

FRAM bietet ausserdem Vortragsräume,

Restaurant, Internetzugang,

Bord-Shop sowie Cafeteria und Bar.

Whirlpools, Saunen und ein Fitnessraum

runden das Angebot ab. Die

Bordsprache während unserer Spezialreise

ist Deutsch.

Reisedatum 4. – 25. Januar 2009

Preise und Leistungen pro Person

Kat I-4 / 4-Bett innen Fr. 12’900.–

Kat I-2 / 2-Bett innen Fr. 14’900.–

Kat N-4 / 4-Bett aussen Fr. 14’500.–

Kat N-2 / 2-Bett aussen, Deck 3 Fr. 15’900.–

Kat U-2 / 2-Bett aussen, Deck 5, 6 Fr. 19’200.–

Kat QJ / Junior Minisuite Fr. 21’900.–

Kat Q / Minisuite Fr. 25’500.–

Kat M / Suite Fr. 28’900.–

Kat MG / Grand Suite Fr. 33’000.–

Kabinen zur Einzelbenutzung auf Anfrage.

Inbegriffene Leistungen

• Linienflug Zürich–Buenos Aires–Zürich (mit

Lufthansa oder Air France) in Economy Klasse

• Flughafentaxen im Wert von Fr. 388.–

• Charterflug Buenos Aires–Ushuaia–Buenos Aires

• 3 Übernachtungen in Buenos Aires, Basis

Erstklasshotel Doppelzimmer mit Frühstück

• Alle erwähnten Transfers in Buenos Aires

und Ushuaia

• Expeditionskreuzfahrt an Bord der MS FRAM

in der gewählten Kabinenkategorie

• Hafentaxen

• Vollpension während der Expeditionskreuzfahrt

• Fach- und Lektorenvorträge an Bord in Deutsch

• Alle Landgänge und Zodiac-Ausflüge

• Reisedokumentation in deutscher Sprache

Inbegriffene Extraleistungen

• Stadtrundfahrt in Buenos Aires

• Kontiki-Reiseleitung ab/bis Zürich

• Fachbegleiter Prof. Thomas Stocker

• Informationsveranstaltung vor Abreise

• Beste Reisezeit

• Modernstes Expeditions-Schiff

• Begleitung durch Klimaforscher

Prof. Thomas Stocker und

Heiner Kubny

• Bordsprache Deutsch

Heiner Kubny

Der Fotograf Heiner

Kubny reiste 1998 das

erste Mal in die Region

um den Südpol.

So gilt er inzwischen

als Polarspezialist, der

die «Kühlschränke» unserer Erde

bereits unzählige Male bereiste.

Kabinen- Kurzbeschreibung Deck

typ (alle Kab. mit Dusche/WC)

MG «Grand Suite», 2 Zimmer, 5, 6

Sitzgruppe, TV, Minibar,

Doppelbett.

Top View oder Balkon

M Suite, 1 Raum, Sitzgruppe, 5, 6

TV, Minibar, Doppelbett.

Q Mini-Suite, Sitzgruppe, 3, 5

TV, Minibar, Doppelbett

QJ Junior Mini-Suite, Sitz- 5

gruppe, TV, Minibar,

Doppelbett (einige

Kabinen mit leicht

reduzierter Aussicht)

U-2 2-Bett-Aussenkabine, 5, 6

1 Bett kann tagsüber als

Sofa benutzt werden,

Tisch, TV, Kühlschrank

N-2 2-Bett-Aussenkabine, 3

1 Bett kann tagsüber als

Sofa benutzt werden,

Tisch, TV, Kühlschrank

N-4 4-Bett-Aussenkabine, 3

1 Bett kann tagsüber als

Sofa benutzt werden,

Tisch, TV, Kühlschrank

I-2 2-Bett-Innenkabine, 3, 5, 6

1 Bett kann tagsüber als

Sofa benutzt werden,

TV, Kühlschrank

I-4 4-Bett-Innenkabine, 5, 6

1 Bett kann tagsüber als

Sofa benutzt werden,

TV, Kühlschrank

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Flyer bestellen!

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20. – 21. Tag/23. – 24.1.09

Ushuaia – Buenos Aires

Nach Ankunft in Ushuaia Flug nach

Buenos Aires. Ein letzter Tag steht Weitere exklusive Reisen

Ihnen in der argentischen Hauptstadt mit Kontiki-Saga

zur freien Verfügung. Rückflug via

12. Tag/15.1.09

Frankfurt oder Paris nach Zürich. • Umrundung Spitzbergen

Auf See

24.7.–2.8.08 mit Heiner Kubny

Weiterfahrt PolarRichtung NEWS Antarktische 22. Tag/25.1.09

• Grönland-Expedition 24.–31.7.08

59

Halbinsel.

Ankunft in Zürich

mit Bertrand Piccard und Röbi Koller

Weitere Informationen unter

Tel. 056 203 66 11


Arktis – Antarktis

PolarNEWS und die Polarspezialisten Heiner und Rosamaria Kubny

nehmen Sie mit in die faszinierende Welt der Arktis und Antarktis.

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PolarNEWS Telefon +41 44 342 36 60

Heiner & Rosamaria Kubny Fax +41 44 342 36 61

Ackersteinstrasse 20 Mail kubny@aol.com

CH-8049 Zürich

60 Polar

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