kalbenser Fliegenklatsche

DangerK

Bd.02 "das Untergrundmagazin für von innen Tätowierte"

fliegenklatsche

Ausgabe 02

Winter 2015/16

das Untergrundmagazin für von innen Tätowierte

Auf

in die

Abgründe!

ein seltsamer gast Der Balkon Notizen einer Flucht

First sight amy Generalverdacht Das Begeisterhaus

Das Berlin ABC Eiskristallnacht Kaffee se pätschwörk

storri Artübergreifende Tierpartnerschaft Collage

Zeichnungen Fotografie Papierflieger und allerhand

Abgründiges Darauf können sie Gift nehmen


Liebe Leserinnen und Leser,

ist ganz schön ungemütlich geworden, vor der Tür.

Da zieht man sich doch lieber zurück ins Kämmerlein

und geht seinen Hobbys nach. Das müssen die anderen

auch nicht immer wissen, womit man sich so

beschäftigt, oder?!

Als mir neulich in meinem geheimen Keller die Forschungsobjekte

ausgingen, dachte ich so bei mir:

„Schreib doch ein paar Freunden und gib ihnen eine

sinnvolle Aufgabe. Dann haben wenigstens DIE keine

Langeweile mehr.“

Einige Zeit danach erreichten mich diverse merkwürdige

Beiträge, die mir zum Teil erschreckende Einblicke

in das Seelenleben meiner Bekanntschaft gewährten.

Da diese intimen Bekenntnisse mich ja nun

eigentlich gar nichts angehen, habe ich beschlossen,

die gesammelten Werke in einem Heft der Öffentlichkeit

zugänglich zu machen. Weiß ich doch selbst am

besten, wie spannend es ist, in der schmutzigen Wäsche

anderer Leute herumzuwühlen. Und da bin ich

auch gleich auf Sie gekommen. Denn durch einige

kleinen Recherchen im Netz, wusste ich bereits ziemlich

genau, wie Sie so ticken. Es ist ja höchst erstaunlich,

wie leicht man ihre Adresse, ihr Kaufverhalten

und ihre anderen kleinen Geheimnisse heraus bekommen

kann. Alter Schwede, bin ja fast rot geworden

und ganz sicher, dass Sie die vorliegende Lektüre

auch interessieren wird. Denn obwohl meine Freunde

natürlich keinen Cent für ihre Arbeit kriegen, haben

sie sich wie besessen in das Projekt gekniet und ganz

wunderbare Beiträge abgeliefert.

Es macht schon Spaß, Sie hier so ein bisschen vollzutexten,

hat doch meine Geltungssucht schon wieder

die Tastatur übernommen. Sie wünscht sich dass

Sie dann später sagen, wie toll das Heft gelungen ist.

Ich würden dann nur milde abwinken: „Ach, ist doch

nichts besonders.“ Und Sie so: „Und bescheiden sind

Sie auch noch!“ Und ich wieder: „Ja wissen Sie, ich

war schon immer so bescheiden. Und das, obwohl

ich so gut aussehe. Ich weiß auch nicht woher das

kommt.“

Natürlich könnte ich noch ganz viele Weisheiten in

diesem Text hier niederschreiben, das wäre gar kein

Problem für mich, aber langsam hab ich keine Lust

mehr. Vielleicht tu ich stattdessen so, als würde ich am

Rechner was ganz wichtiges nachschlagen und schau

mir derweil ein noch paar Schmuddelbildchen an.

Sie können ja dann auch langsam weiter blättern,

hier gibt es nämlich nichts mehr zu sehen.

Neue Erkenntnisse wünscht

Marko Kühnel


Alisa Tretau

first sight Amy

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Ich war nie sonderlich an Popmusik interessiert,

ich hatte immer Besseres zu tun, und zu hören.

Wahrscheinlich war die erste Begegnung deshalb

so intensiv. Als wäre etwas vom Himmel gefallen,

direkt auf meinen Kopf, und die Zeit blieb stehen.

Vielleicht nicht so first sight, aber immerhin first

night. War das wirklich die einzige Nacht, die wir

zusammen verbrachten?

Wir haben die ganze Zeit geredet, und in den Lücken

zwischen den Wörtern stand noch viel mehr,

unsagbares, unheimliches. Kennst Du das auch?

Hast du das schon mal gehört? Unglaublich.

Ich konnte es danach nie verstehen, dieses Bild,

das sie von sich gezeichnet hat in der Öffentlichkeit.

Können Äußeres und Inneres wirklich so weit

auseinander klaffen? Was ist dazwischen? Wie weit

müssen die Organe sich strecken, damit Schale

und Kern noch zusammenhalten?

Vielleicht hat sie doch überlegt bei mir zu bleiben.

Aber nein, es wussten immer schon andere, die

Typen im Hintergrund, was besser für sie wäre.

Besser als was? Als Saft an der Nordsee, ein ruhiges

Leben, vielleicht ab und zu ein Konzert auf

einem Butterschiff?

So ein Leben wollte sie nicht, aber ich bin mir bis

heute nicht klar darüber, warum sie nicht einfach

mal nein! gesagt hat, aufgestanden ist, die Show

unterbrochen hat, ab ins Rehab.

So einfach ist das nicht, hat sie gesagt, und dass

sie auch gerne darüber lachen würde.

Aber die unsichtbaren Fesseln tun auch weh, und

die Ordnung am Tisch ist fixer, als Du glaubst.

Ich bin aufgestanden, habe den Strandkorb

verlassen: „Guck, so einfach ist das!“.

Auch darüber hat sie nicht gelacht, nein, sie hat

geschrien. Richtig beschimpft hat sie mich:

„Du gefühllose Zwiebel, verstehst Du nicht, dass

ich mich nicht einfach so schälen kann wie du? Das

ist kein Faschingskostüm, das ich ablegen kann,

und mich dann unter die glücklichen Partycocktails

mischen! Natürlich geht es allen anderen mieser

als mir, und meine Songs machen auch keine Hoffnung,

aber das Schlimme daran ist, dass die Zeit

so schnell vergeht!

Und ich habe kein Land in Sicht, keinen Rückzugsraum.

Safe Space, was soll das sein? Hast Du die

letzte Folge gesehen?“

Und als sie dann über den Strand wegrannte,

musste ich trotzdem darüber lachen, dass sie ihre

Stöckelschuhe nicht ausgezogen hatte, die ganze

Zeit nicht, und jetzt im graunassen Sand versank.

„So fix kann deine Rolle doch gar nicht sein!, rief

ich ihr hinterher, Arnold Schwarzenegger hat sein

Image auch geändert bekommen!“

„Ich bin aber kein weißer reicher Österreicher, der

alle für dumm verkauft, du Arschloch!“, brüllte sie

aus der nebeligen Ferne. „Mein Image ist keine

CD-Hülle zum Wegschmeißen!, ich hab das in mir

Drinnen.“

Und dann war sie verschwunden,

in der Nacht oder im Meer.

Ich habe mir ihre CD gekauft, und wäre gerne zu

ihrer Beerdigung gegangen, um irgend jemandem

eine runterzuhauen. Stattdessen habe ich einen

Song geschrieben:

Beate Körner

Medienkünstlerin, *1987 in Weimar

lebt und arbeitet in Reykjavík

www.beatekoerner.de

you. me. we. us. they. them. no.

du ich wir uns, die euch? nein.

Wenn ich nach Bindelücken suche

finde ich nur Grenzen

Ich versteh es nicht, dass schon ein Blick genügt,

ein Verweis, das ist nicht mein Gebiet.

Da sitzt schon du, und du bist euch, nicht ich und wir und uns.

Lieber mal die Klappe halten, nicht wissen, was das soll.

Der Weg zusammen endet hier, auch wenn er weiter rollt.

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Der Balkon

von Lisa Wiedemuth

„miner earthquake“ von Adrian Kenyon

Als Kind taumelte ich nicht, als Kind war Tollen angesagt.

Es gab kein zu hoch, kein zu tief, keine Dimension des

Fallens, nur die Neugier. Wenn ich früher in der Neubauwohnung

meiner Oma am niedrigen Balkongeländer

stand und aus dem 10. Stock in das Unten schaute, dann

war das Unten ziemlich interessant, aber weniger angsteinflößend.

Wenn ich heute, jetzt an diesem Geländer

stehe, dann schaue ich lieber geradeaus. Ich glaube, so

funktioniert das Erwachsenwerden. Ja, bloß nicht nach

unten schauen, lieber geradeaus, in kühnen Momenten

vielleicht sogar nach oben. Aber bloß nicht nach unten

schauen und wenn doch, dann beginnt das Taumeln. Die

Dimensionen haben sich verschoben, ich bin vielleicht

größer geworden, aber vielmehr hat sich die Wahrnehmung

des Fallens verändert. Ich stehe am Geländer und

habe das Gefühl, ich ziehe mich selbst in die Tiefe, doch

mein Oberkörper stemmt sich dagegen. Diese Mischung

aus ungewollter Versunkenheit und kaltem Schweiß verursacht

meistens Schwindel. Spätestens dann trete ich einen

Schritt zurück oder schaue wieder geradeaus. Man kann

das sicherlich Höhenangst nennen. Aber ich nenne es das

Erwachsenwerden. Das Fallen wird real, weil man es kennengelernt

hat. Während ich am Geländer im 10. Stock in

der Neubauwohnung meiner Oma stehe und geradeaus

schaue, beginnt diese hinter mir vom Absturz der Welt zu

sprechen. Die fortdauernde Geschichte ist einen Schritt zu

weit in die falsche Richtung gegangen und nun beginnen

wir zu taumeln, derzeit noch schwer merklich, aber bald

beginnt der Fall. Meiner Meinung nach haben wir zu viel

geradeaus geschaut. Aber das behalte ich für mich. Ich

wage vieles noch nicht auszusprechen, weil es noch nicht

zu Ende gedacht ist. Also lieber von Anfang denken...

Das Kindsein, das Erwachsenwerden. Laut Allgemeinplätzen

besteht der Übergang aus dem Anstieg täglich wachsender

Verantwortung. Aber wer berücksichtigt den Anstieg

der Summe von Denkzetteln, die dich so richtig vom

Geländer geschubst haben? Sie haben geschubst, während

du geglotzt hast. Du lernst das Fallen kennen und sie

springen mit einem Lachen hinterher. Unten angekommen

versuchst du dich aufzurappeln und kurioserweise schaffst

du es. Wenn du dann aber beim nächsten Mal im 10.

Stock am Geländer stehst, dann schaust du lieber nicht

nach unten. Denn da unten liegen die Denkzettel wie Laub

auf dem Asphalt verstreut und sobald du sie siehst, beginnst

du zu taumeln. Also lieber geradeaus schauen. Wir

schützen uns und lösen uns damit auf. Die Geschichte ist

ganz besonders schnell erwachsen geworden, ein Denkzettel

nach dem anderen, aber sie wagt es nicht hinab zu

schauen. Während der Mensch sich - seit er sein erstes

Werkzeug in die Hand genommen hat - exponentiell weiterentwickelt,

indem er nämlich ein Werkzeug auf dem anderen

aufbaut, findet ein entscheidender Faktor nicht die

gleichen Ausmaße in der Entwicklung: Der Humanismus.

Aber genau den findet man nicht am Horizont. Er liegt in

dem Laub herabgefallener Denkzettel. Und deswegen sind

wir mit unserem eigenem Geradeaussichtschutz für ziemlich

viel verantwortlich. Das fängt bei uns an und hört in

der Geschichte auf. Wenn wir tagsüber nach unten schauen,

dann ist das maximal ein Blick auf unser Smartphone,

nachts wagen wir ungewollt in unseren Träumen einen

Blick in die Tiefe. Wir machen uns selbst Angst, denn wir

wollen funktionieren, besser werden, sicher sein, aber keinesfalls

einen Schritt zu viel wagen. Und bloß nicht fallen.

Meine Oma spricht vom Absturz der Welt. Sie hätte den

Kommunismus erlebt. Bringt nichts. Der Kapitalismus?

Bringt uns maximal unser Grab. Eine Alternative? Gibt es

nicht! Ich stehe im 10. Stock der Neubauwohnung meiner

Oma am Geländer und zwinge mich herabzuschauen,

das Taumeln zu genießen. Und falls mich ein Denkzettel

aus dem 10. Stock schubst, dann steh ich halt wieder auf.

Damit denke ich zu Ende.

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Tja, hmmm... der Abgrund also, wie? Puh! Ähm. Naja, so ein Abgrund... naja, der ist... der hat schon etwas recht Abgründiges, so ein Abgrund.

Womit ich ihm natürlich keineswegs zu nahe treten möchte. Oh man! Puh! Ääh... Ääh-hähähä... Tatsache ist jedenfalls, dass so ein Abgrund einen

‚Ab‘ und einen ‚Grund‘ hat. Das wäre ja schon mal was... was man dann hat! Was gibt es darüber hinaus noch zu sagen? Ähm, naja vielleicht

noch... Vielleicht könnte man noch sagen, dass es was mit Oben und... und mit ziemlich weit Unten zu tun hat. Und vielleicht noch, dass man davor

besser Warnschilder aufstellen sollte, da ja ziemlich weit Unten eher schlecht für die Gesundheit ist, wenn man von Oben kommt, also sozusagen

in Fallgeschwindigkeit... Wenn man zu Fuß gehen kann ist das natürlich umgekehrt. Ich habe nämlich gehört, müssen Sie wissen, Klettern und

Treppensteigen soll ja sehr gesund sein. Ähm... Sagt auch mein Arzt. Tja, das wäre dann schon so ziemlich Alles, was es darüber zu sagen gibt,

beziehungsweise, was ich darüber zu sagen wüsste...

Naja... Hmmm... Ähm...

Hübsch hier!

Ähm... äh!

Oh mein Gott! Was zur Hölle ist denn das für ein riesen Ding, da hinter Ihnen...

Ein interaktiver Text

zum Thema ‚Abgrund‘

Einleitung: Ungeachtet des Umstandes,

dass der Trick wirklich uralt

ist, ist es doch immer wieder erstaunlich,

wie oft er trotzdem funktioniert.

Fangen wir also noch mal ganz von

Vorn an. Dieses mal hübsch geordnet.

Zunächst einmal die Definition. Sie

lautet wie folgt: was in die Tiefe hinab

führt / was ohne Grund ist.

Soweit zur Definition. Sie haben es

sicher alle bemerkt. Da hat der Definator

aber mal einen schwungvollen

Tritt in den schönsten Haufen Hundeexkremente

getan. Denn, wie mein

Vorredner so eloquent zu verdeutlichen

wusste, das Wort selbst enthält

den Terminus ‚Grund‘, und es dann

als Etwas zu definieren, das ohne

Grund ist, lässt einen doch sehr am

Erkenntnisvermögen der betreffenden

Person zweifeln. Es sei denn, er oder

sie meinte Etwas, das ohne einen triftigen

Grund existiert.

Aber das wäre doch wohl sehr weit

hergeholt und zu abstrakt, für eine

so popelige Definition. Oder ich irre

mich total und der Grund wird im

Wort verwendet, um ausdrücklich auf

sein Fehlen hinzudeuten. Ich gehe jedoch

nicht... ähm, sehr davon aus*.

Lassen Sie mich dem oben genannten

missglückten Versuch einer Definition,

meine Eigene entgegenstellen.

Sie ist etwas umfänglicher, aber dafür

ist das Thema danach erschöpfend

behandelt oder verfehlt. Das bleibt

ganz Ihrem wohlmeinenden Urteil

überlassen, werter Leser. Sie sehen

heute übrigens hinreißend gut aus.

Haben sie abgenommen? Oh ja, das

sieht man. Wussten Sie eigentlich,

dass ich Sie schon immer für sehr intelligent

gehalten habe?

*Andererseits muss man die Möglichkeit, dass man sich irren

könnte, selbstverständlich jederzeit und unbedingt in Erwägung

ziehen. Sonst braucht man sein Gehirn gar nicht erst zu bemü

hen. Dann reicht es, es einfach auf BIOS laufen zu lassen.

Es gibt sogar Leute, die kommen wunderbar ganz ohne aus.

Der ‚Abgrund‘ ist im eigentlichen

Sinne eine philosophische Metapher.

Etwas, auf dessen vertikalen Verlauf

eine horizontale Endgültigkeit folgt,

die in jedem Fall negativ besetzt ist.

Er wird im Allgemeinen, nach einem

entsprechend langen Fall aus unbestimmter

Höhe, mit der Aussicht auf

einen sehr harten bis sehr tödlichen

Aufschlag assoziiert.

Soll heißen: Wenn sich vor einem ein

Abgrund auftut, ob im Leben oder

der mentalen Verarbeitung eines lebensbezogenen

Themas, ist man nur

selten geneigt „Jippie!“ oder „Juchu!“

zu rufen. Es sei denn, die Überlegung

oder das Leben halten den Abgrund

für Jemanden bereit, den man gar

nicht oder sehr gut kennt... und der es

echt verdient hat. Dann wäre „Jippie!“

und „Juchu!“ natürlich durchaus eine

Option.

Ich glaube, ein Bergsteiger wird sich

höchstwahrscheinlich nie in folgender

Weise äußern „Dort vorn, an des

klaffenden Abgrunds Schlund, nehmwa

die überhängende Steigung zum

Basislager zwee und kieken ma, ob

uns die Andan wat zu futtern übrich

jelassen ham!“ Und ganz sicher würde

er auch darauf verzichten, dabei

eine theatralische Geste zu machen

– ungefähr so – und den Abgrund unheilschwanger

zu betonen. Und auch

das Wetter unterließe es, an diesem

Punkt einen grollenden Donner rumoren

zu lassen. (Schade!) Ich glaube

Bergsteiger unterscheiden in erster Linie

Schluchten, Felsgrate, Steigungen,

Spalten, abfallendes Gelände, Steilhänge,

Berge und Täler voneinander.

Zum Abgrund werden diese erst,

wenn man über der Tiefe hängt und

derjenige, der die Sicherungsleine

hält, Aussagen formuliert wie „Was

passiert wohl, wenn ich diesen Splint

hier entferne!“ oder „Was ist das eigentlich,

wenn ich so ein heftiges

Stechen in der Brust habe, das so

ein bisschen in den linken Arm ausstrahlt?“

Nur so wird ein kleiner Kletterausflug

an der frischen Luft, zum

dramatischen Überlebenskampf über

dem Abgrund. Kurz gesagt: der Abgrund

findet in unser Psyche statt.

Denn Dinge sind nur Dinge. Aber

unser Denken kann sie zu etwas anderem

machen, zu unserer ganz persönlichen

Hölle der Angst. Dennoch

ist es der einzige Abgrund mit einem

tatsächlich physikalischen Bezug.

Das ist nämlich der Knackpunkt.

Komplizierter werden die Sachen erst,

wenn es um die inneren Abgründe

eines Jeden von uns geht.

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Welche Abgründe so ein Zombie hat, das weiß ich nicht.

Aber vielleicht ist er selbst Einer, für die, die ihm in einer

dunklen Seitenstraße begegnen

Denn genau genommen gibt es gar

keine Anderen. Aber immer mit der

Ruhe! In solchen Fällen helfen die

ordnenden Eigenschaften von Kategorien.

Jetzt mag der Eine oder Andere

einwenden, das sei eine vornehme

Umschreibung für ganz banales

Schubladendenken. Darauf kann ich

nur folgendes erwidern: Das mag tatsächlich

so sein. Ich mag Schubladen

eben. Es gibt nichts auszusetzen an

Schubladen. Man kann seine Socken

und Unterhosen darin aufbewahren.

Wie dem auch sei... Meine Lieblingskategorie

in dieser Hinsicht ist

natürlich die künstlerische Gestaltungsform.

In der Literatur, im Film

und im Theater ist der Abgrund allgegenwärtig.

Das hängt vor allem mit

der Notwendigkeit zusammen, die

Geschichten, die dort erzählt werden,

dramaturgisch aufzuwerten. Denn

was macht einen Roman, eine Komödie

oder ein Drama überhaupt erst

interessant? Eigentlich immer nur ein

simples Prinzip – Der Konflikt. Ohne

Konflikt ist alles nur eine zufällige Abfolge

von Ereignissen, ein endloser

Strom gleichförmig eintöniger Vorkommnisse.

Der Abgrund in uns, macht unsere

Geschichten erzählenswert. Ohne

unsere Abgründe sind wir einfach

nur langweilige Personen, die langweilige

Tatsachenberichte abliefern.

Nicht umsonst lügen die meisten Leute

nicht, um Schwierigkeiten aus dem

Weg zu gehen, sondern sie erfinden

Geschichten, um als interessant zu

gelten.

Friedrich Nietzsche hat zum Abgrund

wohl den denkwürdigsten Satz verfasst

und ihm damit sozusagen ein

Denkmal geschaffen. „Wenn du lange

genug in den Abgrund blickst, blickt

der Abgrund auch in dich hinein.“

Jeder, der mal deprimiert war, kann

etwas mit diesem Satz anfangen.

Und, mal ehrlich, wer von uns war

noch nie deprimiert?

Dieser Satz allein kann eine seichte

Melancholie in eine ausgewachsene

depressive Phase ausarten lassen.

Womit wir schon wieder beim Seelenleben

des Menschen wären. Denn

dessen psychische Entsprechung eines

Abgrundes, ist natürlich die Depression.

Jeder der schon mal eine

hatte, wird sich wünschen, das nicht

noch mal durchmachen zu müssen.

Nicht alle haben das Glück, dass

dieser Wunsch in Erfüllung geht. Aber

abgesehen von all ihren unangenehmen

Eigenschaften fand ich doch einen

Effekt, den sie mit sich brachte,

sehr interessant. So eine Depression

nimmt dir sehr Viel. Zum Beispiel die

Lust zu leben, Freude, den Hunger,

den Antrieb für Dich selbst zu sorgen,

oder auch nur das Bett zu verlassen-

Aber sie gibt dir auch Etwas. Eine

einzige Sache -

und zwar Erkenntnis.

Die Erkenntnis von der Sinnlosigkeit

aller Dinge. Das mag sich für Sie

extrem deprimierend anhören. Ist es

aber eigentlich nicht. Es ist so befreiend,

wie eine letzte Gewissheit. Wie

eine Ahnung von ultimativer Freiheit.

Selbst der eigene Tod wäre sinnlos.

Warum sich also umbringen? Hat ja

doch keinen Sinn... Und dann, wenn

man sich aus dem Sumpf der Depression

und Selbstzerfleischung wieder

heraus gearbeitet hat, ist es diese

Erkenntnis, die bleibt. Sie war mir im

Leben immer ein nützlicher Begleiter.

Sie rückt die Dinge in ein geordnetes,

emotionsloses Licht, so das man,

ohne von Chaoshormonen gesteuert

zu werden, Entscheidungen treffen

kann, die getroffen werden müssen.

Außerdem hilft sie in Unterhaltungen

mit lästigen Klugscheißern, den besten

aller Gesichtsausdrücke aufzusetzen,

den man in einer Unterhaltung

mit Klugscheißern aufsetzen kann.

Ein Gesichtsausdruck, der jede dieser

selbstgefälligen, kleinen Pappnasen

aus der Haut fahren lässt

Queen. Eine der schrecklichsten Rockgruppen der Welt.

In der Weite des Alls liegt der Abgrund egal in welche Richtung. Die gute Nachricht ist, egal welche

Richtung, führt auch von ihm weg.

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Von unten betrachtet kann ein Abgrund auch sehr hübsch sein, um nicht zu sagen pittoresk.


oder sie zumindest sehr nervt, was ja

auch seinen Reiz hat. Glauben Sie

mir, ich weiß wovon ich rede; ich bin

selber so Einer. Dieser mimische Zaubertrick

ist einer meiner persönlichen

Favoriten und rangiert gleich hinter

„Ach! Ist das so?!“ (mit einem herablassenden

Halblächeln vorgetragen)

und heißt: Ich weiß mal was, was du

nicht weißt! (Nur nonverbal anwendbar.)

Das ist die ins Gesicht gestanzte

Versinnbildlichung dieser Erkenntnis.

Wenn Sie wissen wollen, wie Sie diesen

Gesichtsausdruck hinkriegen können,

erkläre ich es Ihnen kurz: Stellen

Sie sich vor einen Spiegel! Und jetzt

denken Sie ganz fest an folgenden

Satz: Haltet alle mal die Klappe –

Ich habe recht!!! ... Nun ziehen Sie

eine Augenbraue leicht nach oben,

lassen Ihren Mund ein schmales, sarkastisches

Lächeln umschmeicheln,

kneifen die Augenbrauen zusammen

und ziehen die Lider spöttisch nach

oben. Und dann nicken Sie langsam

und ein wenig zu melodramatisch mit

dem Kopf, wie es nur ein echter Besserwisser

kann. Est voila! Sehen Sie?

So einfach geht`s. In Verbindung mit

„Ach, ist das so?!“ ist er sogar noch

viel wirkungsvoller.

Städtischer Abgrund aus der Perspektive eines Selbstmordkandidaten.

Kapitel 1

Da wir jetzt gemeinsam und in groben

Zügen geklärt haben, was es mit so

einem Abgrund auf sich hat, können

wir nun haarklein auseinanderklamüsern,

was denn nun die Unterkategorien

der Abgründe unserer Psyche für

Variablen haben.

Da hätten wir z.B. die abgrundtiefe

Enttäuschung gegenüber allem was

existiert, den abgründigen Humor; die

Abgründe menschlicher Dummheit;

grottenschlechte Musik; Angst vor

Abgründen; abgründiges Schweigen;

nah am Abgrund gebaute Häuser;

immer nah am Abgrund balancieren;

ein abgründiger Mensch sein; vor einem

finanziellen Abgrund stehen usw.

Sie merken: Bei genauerer Betrachtung,

sind das alles nur Metaphern.

Und noch genauer betrachtet ist mit

der Einleitung schon alles gesagt, was

es darüber zu sagen gibt.

Kommen wir deshalb nun zum

interaktiven Teil des Textes:

Ihre Aufgabe ist es jetzt, sich hinzusetzen

und einhundert Seiten darüber

zu schreiben, warum man mit Metaphern

sparsam umgehen sollte.

Dieses Bild spricht wohl für sich selbst.

Die Abgründe mangelnder Empathie in Verbindung mit der total bescheuerten menschlichen Eigenschaft,

absolut dämliche Dinge weiter zu tun, nur weil vor ihnen schon sehr viele Andere dieselben

dämlichen Dinge getan haben. Deswegen ist es auch ein Bild abgrundtiefer Dummheit, da sie für

sich so, die Sache mit der Sache selbst rechtfertigen.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

P.S.: Sie sehen übrigens blendend aus!

Michael Körner

Der Autor hängt in den Seilen, über einem Abgrund von mindestens 2,50 m Höhe, um sich auf die

Thematik vorzubereiten. Sehen Sie die Panik, die langsam von ihm Besitz ergreift?

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Se Pätschwörk-Storri

Zwei kranke Federn teilen sich ein Tintenfass

An einem Freitagabend verließ der Kanalreiniger-Geselle Ortwin S. die

Videothek. Er hatte sich den Heimatfilm „Im Tal der nickenden Fichten“

für das eingeläutete Wochenende ausgeliehen und freute sich schon mal

vor. Ortwin S. bestieg seinem „SsangYong – Shoguna“, rödelte noch kurz

beim örtlichen Bier-Anästhesisten vorbei und machte sich anschließend

auf den Heimweg. Als er zu Hause ankam bemerkte er zunächst nichts,

machte dann aber eine ziemlich unschöne Entdeckung…

Als durch fortwährendes Herannahen die Dioptrinaten Ortwins ausgeglichen

wurden und die Konturen des Anti-Rainers immer deutlicher erkennbar

waren, hielt er plötzlich inne. Nun war der Fall klar! Es konnte

sich hierbei nur um ein riesiges, nusskastensüchtiges OBI-Hörnchen handeln!

Welches offenbar gerade voller Inbrunst seinen zusammengeramschten

Billigkram aus dem Hagebau vertilgte. Diese Unterart des gemeinen

Hornbach-Gophers war mit Vorsicht zu genießen! Dennoch durfte diese

Missetat nicht ungesühnt bleiben! Der Hausherr nahm allen Mut zusammen

und wog sekundenschnell ab, wie dem ungebetenen Werkzeugfresser

mit dem 18er Maul am besten beizukommen wäre. Sollte er ihn martialisch

mit dem Helden-Schwerte enthaupten oder ihm doch lieber tarantinomäßig

langsam ein 8 Zoll-Rohr von hinten in die Muffe schrauben?!

Starr vor Ehrfurcht blickten sich beide Antagonisten ins Auge. Plötzlich

betrat die längst überfällige Dagmar die halb leer gefressene Werkelbude

und sprach mit erhobener Stimme…

Eigentlich hätte Dagmar S. schon längst Zuhause sein müssen. Eigentlich.

Doch es war Freitagabend, der letzte in diesem Monat. Sicherlich befand

sich die 53 jährige Lederhosenträgerin wieder in der extra angemieteten

Sporthalle, um für die große Skateboard-Meisterschaft in Bielefeld zu trainieren.

Es wurmte sie immer noch, dass sie von der Russin Ivanka T. in

Ihrer Königinnendisziplin, dem 500m Blind-Rückwärts-Bergauf-Rollen

auf einer Achse, eiskalt besiegt wurde.

Das hatte sie nie verkraftet...

„Verf*ckte H*renscheiße! Wo bleibt die Tante schon wieder?!“ dachte sich

der Strohwitwer wider Willen unterdessen. Er schien zu ahnen, dass er sich

wegen des zerfressenen Ehrgeizes seines Skater-Weibs, selbst die Bärchenwurst

aufs Graubrot wummern musste. Mit einer Flasche „Södner-Pils“ in

der Hand begab sich der angesäuerte Gatte auf den Weg in die Hobby-Garage,

um etwas Trost beim Akkuschrauber-Streicheln zu erlangen. Doch

es kam Alles ganz anders. Denn statt sich den surrenden Liebkosungen

seines grünen „Bosch AK-74“ hinzugeben, sollte er Bekanntschaft mit einer

fremdartigen Spezies machen, die sich unbemerkt in seinem Chrom-

Vanadium-Habitat eingenistet hatte…

„Rainer? Rainer, bist du es?“ fragte Ortwin mit angesäuselter Stimme.

„Lang nich gesehn! Wie geht’s so?“ Keine Antwort. Das unidentifizierte

Wesen mampfte scheinbar halbzollangetriebene Nüsse in sich hinein.

Ortwin S. schaute nochmals genauer hin, denn er hatte seine Lesebrille,

welche er bei einem Preisausschreiben des Magazins „Schau-Schau“ als

Trostpreis erhielt, wiedermal auf dem Küchentisch liegen gelassen. Es war

nicht Rainer!

Erschrocken sprang er zurück auf den ausrangierten Autospielteppich seiner

Frau Dagmar.

Er schnappte sich das Erstbeste was er greifen konnte um sich damit zu

verteidigen, sollte es doch zu Handgreiflichkeiten kommen. Ortwin S.

hielt nun das Schwert von „He-Man“ in der Hand.

Es war ein Original, welches er auf einer Comic-Convention 1994 in Tansania

für schlappe 18,- Westmark erworben hatte. Dagmar hielt es für herausgeworfenes

Geld und meinte stets, dass es niemals ein Original sein

könne, da das echte Schwert im Besitz von Volkswagen wäre. Das hätte

sie mal in „Rasant!“ gelesen, das Magazin für die extreme Dame der 90er.

Ortwin S. glaubte an sein Original und lies seine Finger den glänzenden

Kunststoffgriff fest umgreifen.

Er wandelte nun sanft auf das Geschöpf zu...

„Drück sofort auf PLAY!“ Ortwin drehte sich um und versuchte die Stimme

zu orten. Er kalibrierte seinen Blick in Richtung geöffnetes Garagentor,

welches komplett im Nebel stand. Schritte.

Die Silhouette, die sich im Dunst ergab, wirkte stark, riesig und furchtlos.

Das konnte nur Dagmar sein, das erkannte er ganz klar an ihrer Wrestler-

Figur. „Du sollst SOFORT auf PLAY drücken!“ Brüllte ihn Dagmar an

und deutete mit ihrem rechten Zeigefinger, welcher durch einen Surfunfall

im Toten Meer leicht nach hinten gekrümmt war, auf den alten „Stern“-

Kassettenrekorder. Ortwin trat einen Schritt beiseite und folgte Ihrer Anweisung.

Es ertönte SANTA MARIA von Roland Kaiser. Dagmar S. war

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leidenschaftliche Leserin von Lifestyle-Magazinen, aber auch Roland Kaiser-Fan.

Daher wusste sie auch, dass man ein gefräßiges OBI-Hörnchen

mit Chrom-Vanadium-Sucht und einer leichten Nuss-Intoleranz nur mit

Roland Kaiser für einen kurzen Moment kampfunfähig stellen kann. Der

nimmersatte Hartstahl-Nager erstarrte, als hätte er Uschi Glas am FKK

Strand getroffen. Doch was war das? Bandsalat! Das Lied stoppte. Aber

der Allround-Sammler Ortwin hatte wie immer einen IKEA Bleistift dabei.

Denn auch er litt an der weitverbreiteten IKEA-Duftkerzen-Sucht und

verbrachte täglich seinen Vormittag im Einrichtungshaus. Außerdem waren

jene Stifte gratis...

Gelang es wohl Ortwin blitzartig die rettende Kassette aus dem ollen Sterni

zu befreien und schnellstmöglich, mittels Bleistift, wieder auf Spur zu

bringen? Nein, unmöglich! Das könnte in der gebotenen Eile nicht mal

der Eine von Marvel schaffen! Der sichtlich unter Zugzwang geratene

Ortwin brauchte einen Plan B. Seine Augen blieben aufmerksam auf den

mittlerweile schwer atmenden und übelnehmenden Schädling gerichtet.

Da schoss ihm ein mit Dagmar einstudiertes Ablenkungsmanöver in den

Sinn. Natürlich, dass war die Lösung! Die Nummer hatten sie doch damals

in Vietnam, bei der großen Eisbärenplage, bis zu Perfektion drauf gehabt!

Bei diesen kleinen Kommando-Unternehmungen waren die Beiden damals

stets sehr erfolgreich. Ortwin musste es versuchen. Er gab Dagmar

Zeichen und routiniert verstand sie sofort. Er zählte von 3 an rückwärts,

um dann den entscheidenden Angriffsbefehl zu geben. Flintenweib Dagmar

war gefechtsbereit.

Die Aktion lief an. „3-2-1…DAGGI, SCHLÜBBAA RUNTAA!!!“

In Sekundenbruchteilen schoss das gesamte, voluminöse Beinkleid Dagmars

an ihren rustikalen Sauerkraut-Stampfern herab. Als Ortwin darauf,

den Überraschungsmoment nutzend, zu Holzpflock und Hammer

greifen wollte, passierte etwas unerwartet Seltsames mit dem buschigen

Werkbankkiller. Vollkommen Schach Matt gesetzt von Dagmars Anblick,

machte das OBI-Hörnchen auf einmal Schnute, bekam starkes Bauchweh

und vibrierte zusehends heftig. In der nächsten Phase blähte sich der Nager

wahnsinnig stark und rasch auf. Zusätzlich fing er an furchtbar zu stinken

und zu pfeifen und jede Menge Qualm stieg aus seinem Fell auf. In

einer finalen Mutations-Ausbaustufe sprühten dann Funken aus seinem

Hintern und die haselnussbraunen Knopfaugen wandelten sich in zwei

gleißende Xenon-Klüsen, heller als die olle Brutzelfunzel.

Das sah nun wirklich nicht mehr nach normalem Durchfall aus! Verhaltensbiologische

Interessen hin oder her, die Lage war ernst! Ortwin und

Dagmar brachten sich in Sicherheit indem sie zeitgleich und in Slow Motion

hinter die „Privileg“-Gefrierkombination sprangen. GERONIMO! In

derselben Sekunde folgte dann dem ganzen Getöse ein schallender, dumpfer

Soundeffekt. PFOOFFF! Dann kehrte Stille ein. Hustend und wedelnd

kamen Dagmar und Ortwin, im total verqualmten Hobbyraume, aus ihrer

Deckung. Was war nur geschehen? Ha, der blöde Pummel-Biber war

umweltfreundlich implodiert! Der Feind war besiegt! „Da haben wir aber

nochmal Glück gehabt, was?!“ schnaufte Ortwin durch. „Das hätte auch

einen ganz hässlichen Brandfleck in der Dachpappe geben können.“

Als sich der Qualm langsam legte, sahen sie vollends was passiert war. An

der Stelle wo der doofe Werkzeugmampfer devitalisiert wurde, stationierte

sich nun eine wunderschöne, tschechische Standbohrmaschine aus den

50‘ern. „Ja geil!“ staunte Fachmann Ortwin. Von der „Czèchloch T35“ gab

es doch eigentlich nur noch zwei Exemplare auf der Welt! Eine verrichtete

noch ihren Dienst in der Paco-Paco-Hinterhofschmiede „Töff “ in Peru

und die andere befand sich, gut eingefettet, im Buntmetall-Mausoleum

Omsk. Welch überraschende und glückliche Wendung dieser Abend doch

genommen hatte. Erleichtert schloss Ortwin die immer noch stark entkleidete

Dagmar in den Arm.

Nachdem sich die Aufregung aller Beteiligten komplett verzogen hatte,

war es Familie S. ein Bedürfnis die mehrgängige, außerordentlich sympathische

„35’er“ zum gemeinsamen Bohrfuttern einzuladen.

Kurze Zeit später saßen sie zusammen am Küchentisch und Ortwin korkte

drei wohlverdiente „Södner“ auf. Im Anschluss kauten sie dann genüsslich

ihre, von Dagmar geschmierten, Bärchen-Kniften, bohrten lachend

Löcher in den Käse und fragten sich gegenseitig aus, wie denn ihr Tag so

gewesen war…

GESCHICHTE VERENDET

Ergänzende Schlussworte, die nachdenklich stimmen:

„Auch ohne unterstützende Produktplatzierung findet

man in der Dunkelheit einen Lichtschalter!“

oder: „Destruktive Hektik ersetzt geistige Windstille.“

Eine Gemeinschaftsproduktion der Gebrüder Grins

Buch, Schnitt und Regie:

Feldherr von Tutaania & Blubberio de Janeiro

Großspurige Vorankündigung: „Se Pätschwörk-Storri - Tuh“

(Zwei Nasen schreiben Super)*nur in diesem Printmedium erhältlich

13


Kalbe

Halberstadt

Gießen

Frankfurt

Tanwir Ajmal Maazullah

Shakila

Belgrad

Sofia

Burgas

Edirne

Istanbul

Izmir

Mersin

14


Notizen einer Flucht

von Shakila und Ajmal Sahak

Als ich eines Abends an einer Kreuzung nahe meines

Hauses halten musste, hielt mir jemand eine Pistole

an den Kopf, um mich davon überzeugen, ab jetzt

doch lieber für die Taliban zu arbeiten. Da wusste

ich, wir müssen jetzt weg. Einige Tage zuvor waren

meine Reifen zerstochen worden, aber erst jetzt wurde

mir klar: Sie hatten meine neue Adresse herausgefunden.

Ich ahnte zwar, dass ich gewissen Leuten

nicht unbekannt war, weil ich früher in Bagram, im

Süden Afghanistans für das US-Militär als Dolmetscher

gearbeitet hatte, trotzdem war es ein Schock,

da wir aus diesem Grund umgezogen waren - in die

Nähe der Hauptstadt Kabul - in ein vermeidlich sicheres

Gebiet.

„In drei Tagen seid ihr in Deutschland“ versprach

mir ein „Agent“, so nennt man die Fluchthelfer in

der Region. Der Preis war hoch, 78.500$ sollte die

Flucht kosten. Wir hatten keine Alternative, also verkauften

wir alles: Haus, Grundstück, Auto, Schmuck

und sammelten noch Geld in der Familie. Auch sie

war der Meinung wir sollten ausreisen, weil wir sie

ebenfalls in Gefahr brachten. Als wir das Geld einem

Mittelsmann gaben bekamen wir Flugtickets nach

Dubai und diverse Telefonnummern von irgendwelchen

Kontaktpersonen. Wir packten ein paar Sachen,

holten unsere Kinder und brachen auf...

Es war Oktober 2013.

Später, während der Reise, in der Türkei, prägte sich

für unsere Flucht ein Begriff: „The Game“, so nannten

die Behörden zynisch unsere vielen erfolglosen Versuche

über eine Grenze weiter in Richtung Europa zu gelangen:

Manchmal kommt man weiter, manchmal halt

nicht. Ein Spiel um Leben und Tod. Darum werden wir

die einzelnen Etappen unserer Flucht nun im Folgenden

als Level bezeichnen.

Level 1: Dubai.

Als wir dort am Flughafen ankamen, trafen wir einen

Kontaktmann: Babu. Komischerweise mussten wir unsere

afghanischen Pässe abgeben, und bekamen von

ihm türkische Visa. Dann mussten wir das erste Mal

warten. Eine Woche. Deutschland in drei Tagen?! - Das

hatte sich damit schon mal erledigt. Dann bekamen wir

neue Tickets nach Istanbul, und Instruktionen, wie wir

uns dort den Behörden gegenüber verhalten sollten:

So tun, als wären wir Touristen, weltgewandt und cool.

Dass unsere lieben Eltern uns früher eine Ausbildung

ermöglicht hatten und wir beide dadurch ganz gut Englisch

sprachen, erwies sich als sehr vorteilhaft.

Level 2: Istanbul.

Gegen 5 Uhr morgens kamen wir an und versuchten,

unseren neuen Kontaktmann zu erreichen. Er nahm

nicht ab. Wir fuhren mit dem Taxi zur angegebenen

Adresse. Die Hotelreservierung stellte sich ebenfalls als

Fake heraus. Wir waren das erste Mal sehr ratlos - illegal

in einem fremden Land, zwei keine Kinder dabei

,keinen Plan und keine gültigen Pässe. Nach endlosen

Versuchen hatten wir irgendwann doch noch unseren

ominösen Helfer am Telefon: „Alles ok“, meinte er, wir

sollten im Hotel bleiben und abwarten...

Danach herrschte Funkstille. Wir wurden nur ab und

an telefonisch beruhigt. Dann - nach fast einem Monat

Aufenthalt und mit den Nerven am Ende, wurde uns

von unserem Fluchthelfer ein Plan eröffnet: Wir sollten

zum Flughafen, dort so tun als wollten wir zurück nach

Afghanistan. Auf der Boarding Stage kurz vor dem Eingang

in den Flieger sollte ein Mann auf uns warten und

uns dort Tickets nach Europa in die Hand drücken. Wir

müssten dann nur noch zu einem anderen Gate gehen,

einsteigen und fertig. Doch kurz vor dem Termin war

der Kontaktmann verschwunden. Level gescheitert.

I

attempt 1 to achieve Level 3

Schiff in EU, mit Land unserer Wahl: Unsere falschen

Visa waren abgelaufen und wir saßen weiter illegal in

Istanbul fest. Ajmal durchstreifte die Stadt nach Leuten

die uns helfen konnten. Er traf einen Mann

der uns anbot, uns für 28.000$ per Schiff über

Italien in ein Land unserer Wahl zu bringen. Da

die Kosten der Flucht über einen sogenannten

Moneychanger (ei- nen Mann mit einer Funktion,

ähnlich wie PayPal, nur illegal und ohne Garantie)

organisiert war, hatten wir noch Zugriff aus

unser Geld. In unserer Not sagten wir zu.

Uns wurden ein Treffpunkt und eine nächtliche Zeit

genannt. Viele warteten dort. Transpor- ter, ähnlich

den VW-Sprintern trafen ein. Wir beide und unsere

Kinder zwängten sich mit weiteren 34 Perso- nen

in einen dunklen geschlossenen Laderaum. Selbst die

Fahrer hatten keine Ahnung wohin es ging und

wurden telefonisch instruiert. Insgesamt dauerte die

Fahrt dann 14 Stunden - zusammengedrängt und ohne

Halt. Zum Urinieren wurde eine 5 Liter Flasche herumgereicht

und an der Türkante ausgeleert.

Ankunft in Mersin. Das versprochene Schiff ist nicht da.

Man brachte uns mit weiteren 80 Leuten in ein kleines

Haus am Rande eines Bergdorfes, und versicherte uns:

„Morgen geht es weiter“. Doch scheinbar merkten die

Nachbarn, das in dem Haus etwas nicht stimmte. Die

Polizei kam und nahm uns alle fest. Vernehmungen,

Fingerabdrücke anfertigen usw. Nach einer Woche

Gefängnis bekamen wir einen Zettel, der uns zu 15 Tagen

Aufenthalt in der Türkei berechtigte. Sie zeigten uns

die Haltestelle und wir fuhren mit dem Bus zurück nach

Istanbul. Level failed.

attempt 2 to achieve Level 3

Über den Fluss nach Griechenland: Der gleiche Mann

in Istanbul, den Ajmal schon zuvor aufgesucht hatte,

organisierte den nächsten Versuch: In einer kleinen

Gruppe vom 11 Personen (4 Männer, 3 Frauen, 4 Kinder)

ging es eines Nachts mit einem kleinen Transporter

zur nahen griechischen Grenze. Wir mussten geduckt

einen kleinen Pfad bis zu einem ca. 300 Meter breiten

Flussabschnitt laufen, welcher die beiden Länder trennt.

Die Männer machten das mitgebrachte Schlauchboot

klar. Shakila verstaute derweil die wichtigsten

Sachen in einem Plastiksack. Schwimmwesten gab

es nicht. Es war stockdunkel, sonst wäre die Gefahr

auch zu groß, von Grenzpatrouillen entdeckt zu

werden. Ca. 50 Meter vor dem gegenüberliegenden

Ufer blieb das Boot an einer Wurzel hängen.

Durch die Strömung schaukelte es gefährlich

und ließ sich nicht lösen. Ajmal und ein weite -

rer Mann sprangen ins Wasser, kämpften es

frei und schoben es schwimmend weiter in

Richtung Ufer. Das war steil und unzugänglich,

doch wir fanden einen

Baum, der wie eine Brücke

in das Wasser ragte.

Dubai

Kabul

15


16

Der Stamm war glatt. Die Männer bildeten eine Kette

und hoben die Kinder an Land. Bevor die Frauen das

Boot verlassen konnten, kenterte es. Sie konnten sich

jedoch daran festklammern und wurden von den Männern

an Land gezogen. Es war Dezember, mitten in der

Nacht, ein paar Grad über Null. Alle waren nass und

völlig am Ende. Dank Shakilas Idee mit dem Plastiksack,

gab es zumindest noch einige trockene Sachen.

Wir gingen noch ca. 3 Km landeinwärts, suchten und

fanden die Autobahnbrücke, von der der Mann aus

Istanbul gesprochen hatte. Dort sollten wir auf einen

Transporter warten, der uns abholen würde. Wir hielten

uns in der Nähe versteckt, machten uns ein keines

Feuer.

Wir verharrten zwei Tage dort ohne Essen. Niemand

kam zum Treffpunkt. Dann gingen Ajmal und Tanwir

auf die Autobahn um irgendein Auto anzuhalten. Dort

trafen die beiden direkt auf Polizei und wurden auch

sofort und ohne Anhörung mitgenommen. Erst nach ca.

3 Stunden konnten sie den Beamten klar machen, dass

ihre Familie noch in dem Versteck auf sie wartete. Der

Rest der Gruppe wurde daraufhin ebenfalls geholt und

zu ihnen in die Zelle gesperrt.

Die darauf folgende Begebenheit kam unserer kleinen

Fluchtgemeinschaft sehr ominös vor:

Als es wieder dunkel wurde, brachten uns die Beamten

mit ihren Wagen zu einer Stelle des Flusses, den wir

überquert hatten. Es gab dort ein Boot. Sie beobachteten

eine Weile mit Ferngläsern das gegenüberliegende

Ufer. Als sie dort niemanden sahen, wurden wir von ihnen

in zwei Gruppen wieder zurück auf die türkische

Seite gebracht. Die Griechen hatten ihr kleines Problem

ganz unbürokratisch gelöst.

Übrigens bekamen wir während unseres Aufenthaltes in

der Zelle sogar eine Kleinigkeit zu essen, natürlich nur

gegen Bezahlung.

Dort abgesetzt, gingen wir ohne Plan, in der Hoffnung

ein Dorf zu erreichen, eine kleine Straße entlang - und

wurden von der türkischen Polizei aufgegriffen.

Man brachte uns ins Gefängnis im nahen Edirna.

Shakila und die Kinder kamen in eine große Sammelzelle

für Frauen, ich in eine für Männer. Es waren viele

Menschen dort. Wir erfuhren, dass der Fluss Teil einer

bekannten Fluchtroute war. Ich durfte meine Familie

nur morgens 5 Minuten sehen. Wir bekamen kaum Informationen

und erst nach ca. einem Monat wurden

wir freigelassen, weil viele neue Flüchtlinge eintrafen.

Wieder bekamen wir ein Dokument - 2 Monate Aufenthaltsrecht.

Besten Dank.

attempt 3 to achieve Level 3

Es sollte noch einmal über den Fluss versucht werden.

Dieses mal würde ein LKW an einem Sammelpunkt

eintreffen und viele Leute zu einem Schiff Richtung EU

bringen. Wir sagten zu, da wir zuvor schon einige noch

abenteuerlichere Vorschläge abgelehnt hatten, z.B. von

Izmir aus, mit einem kleinen Boot über eine große Distanz

nach Griechenland zu gelangen. Hier überwog

ein schlechtes Gefühl und die Sorge um die Kinder.

Auch Bulgarien kam in dieser Zeit für uns nicht in Frage,

da wir gehört hatten, dass man dort besonders brutal

gegenüber Flüchtlingen sein sollte. Nun mussten wir

einfach wieder etwas wagen.

Es war bereits Februar 2014, da setzten wir ein zweites

mal nachts mit Schlauchbooten über den Fluss.

Diesmal waren wir mehr Leute und es kamen später

noch mehr dazu, sodass wir letztendlich eine Gruppe

von ca. 80 Personen wurden. Die Überfahrt klappte

ohne ernste Probleme. Einer unserer Begleiter hatte Instruktionen

über die Route bekommen. Es ging schmale,

unbefestigte Pfade entlang - über Stunden, von ca. 5

Uhr abends bis 7 Uhr am nächsten Morgen. Einmal

fiel Shakila in ein tiefes Loch am Rand des Weges und

musste wieder heraus gezogen werden. Als wir endlich

am Treffpunkt ankamen, war natürlich kein LKW zu

sehen. Der Mann mit den Instruktionen, sagte: “Alles

ok, wir müssen in den Bergen warten - bis morgen.“

Dort gab es eine Art Betonverschlag, wohl um landwirtschaftliches

Gerät zu lagern. Es war sehr kalt und zugig.

Wir wickelten uns in Plastiktüten ein. Am nächsten Tag

war wieder kein LKW da. Der Typ wurde kleinlaut.

Wir harrten tagelang an dem Ort aus. So gut wie niemand

hatte Essen, und wer noch etwas in der Tasche

hatte, gab es den Kids. Wir schöpften Wasser aus dreckigen

Pfützen um zu trinken. In ihrer Sorge um die Kinder,

mischte Shakila etwas „Ibuprofen“ in das Pfützenwasser,

um es zu desinfizieren.

Tanwir war zu der Zeit 4, Maazullah gerade 1,5 Jahre

alt. Er sagte: „ Mami, der Saft schmeckt gut.“

Am 5. Tag gaben wir auf und gingen auf die Straße.

Wieder wurden wir von der Polizei aufgegriffen. Wieder

schaffte man uns über den Fluss zurück in die Türkei.

Wieder kamen wir ins Gefängnis nach Edirna. Einer

der Wärter begrüßte uns mit den Worten: „Na, wieder

da?!“ Es fühlte sich an wie ein Stich ins Herz.

Aus der Erfahrung vom letzten Aufenthalt, schmuggelten

wir das Handy in zwei Teilen ins Gefängnis : Ajmal

nahm das Handy und Maazullah hatte den Akku in der

Windel. Aufladen konnte Ajmal es nachts an den Kabeln

der Deckenlampe. Das Handy war sehr wichtig für

uns. Es war die einzige Möglichkeit, heimlich Kontakt

mit unseren Angehörigen aufzunehmen, sie zu beruhigen

und an Informationen zu gelangen.

attempt 4 to achieve Level 3

Wir kamen schon nach einer Woche wieder frei. Dieses

Mal waren wir soweit, es doch mit einem kleinen Boot

übers Meer nach Griechenland zu versuchen. Doch

schon auf der Fahrt dorthin wurden wir von der Polizei

aufgegriffen. Der Fahrer floh und wir wurden mit weiteren

10 Leuten festgenommen.

Wieder Edirna. Wir hatten keine Hoffnung mehr.

Nach einem Monat wurden wir in ein anderes Gefängnis

nach Izmir verlegt. Die Zeiten hatten sich geändert.

In Afhanistan bahnte sich ein Machtwechsel an. Angeblich

würde sich die Lage dort durch Ashraf Ghani bald

stabilisieren. Es hieß, dass man die Menschen nun wieder

nach Afghanistan zurück schicken könne.

attempt 5 to achieve Level 3

Wir wurden aber nicht ausgewiesen, sondern wieder

mit einer kurzen Aufenthaltsgenehmigung entlassen.

Wir fuhren erneut mit dem Bus nach Istanbul. Es gab

einem Plan, mit einem Schiff nach Italien zu gelangen.

Verschiedene kleine Gruppen trafen sich an einem Ort

an der Küste, wir wussten selbst nicht genau, wo das

war. Mit ca. 90 Leuten gingen wir an Bord eines kleinen,

vielleicht 11 Meter langen Schiffes. Es gab drei Kajüten,

keine Toilette. Und wenn doch, hätten wir sie eh nicht

erreichen können, weil alles voller Leute war. Es ging los

aufs Meer mit dem Ziel, Griechenland zu umschiffen

und direkt nach Italien zu gelangen. Der Seegang war

beachtlich und das Boot schaukelte. Im Bootsinneren

stank es wegen der vielen Menschen. Maazullah wurde

seekrank und übergab sich. Es wurde immer schlimmer

und wir waren sicher, einen großen Fehler gemacht zu

haben. Nach ca. einer Stunde Fahrt, wurde unser Schiff

jedoch von der türkischen Wasserpolizei aufgebracht

und zurück an Land eskortiert. Vielleicht war es diesmal

unser Glück.

Es war Mai 2014. Dieses Mal kamen wir in ein Gefängnis

nach Balakesir. Als wir den Beamten dort nach

5 Tagen Haft eher zufällig unser Dokument mit der Aufenthaltsgenehmigung

aus Izmir zeigten, ließen sie uns

spontan frei. Wir fuhren wieder nach Istanbul.

attempt 6 to achieve Level 3

Der nächste Plan lautete, erst in Richtung Griechenland

aber dann doch nach Norden über die bulgarische

Grenze zu gelangen.


Wir waren 12 Leute und gerade beim Aufpumpen der

Schlauchboote, als die Polizei kam. Sie hatten Hunde

dabei. Die Kinder hatten Angst und weinten. Wieder

Edirna - 5 Tage Gefängnis.

attempt 7 to achieve Level 3

Shakila hatte die Idee: „Warum versucht niemand über

das Schwarze Meer nach Bulgarien zu gelangen?!“ Zu

gefährlich. Wegen Wellen und Wetter taten wir die Sache

mit einigen Gefährten zuerst ab.

Kurz darauf haben wir uns dann doch dazu entschlossen.

Wir waren eine Gruppe von 34 Leuten und bestachen

einen Skipper in der Nähe von Istanbul uns zu

fahren. Nach außen hin gaben wir uns wie Touristen,

keine Ahnung, ob man uns das abnahm.

Gleich nach dem Auslaufen begann der Skipper sich

zu betrinken und zu kiffen. Er meinte, es wäre seine

Ausrede, falls die Polizei käme. Wir nahmen erst einmal

Kurs aufs offene Meer um in internationale Gewässer

zu gelangen. Der Skipper war mittlerweile kaum noch

ansprechbar und wollte auch nicht mehr nach Bulgarien,

da er plötzlich Angst hatte, dort als Schlepper festgenommen

zu werden. Er wurde immer panischer und

drohte uns. Irgendwann haben Ajmal und ein weiterer

Begleiter mit Gewalt das Steuer und damit die Führung

des Schiffes übernommen. Wir wollten eigentlich nach

Varna, erreichten aber nach ca. 17 Stunden den Hafen

von Burgas. Als wir nicht mehr weit entfernt waren

kamen 6 Motorboote der Küstenwache auf uns zu. Die

Besatzungen hatten Maschinengewehre. Man bedrohte

uns und schrie uns über ein Megafon zu: „Dreht um, in

internationale Gewässer, das ist bulgarisches Gebiet.“

Wir haben daraufhin unsere Kinder hochgehalten und

gerufen „Wir sind nur Flüchtlinge, wir können nicht

mehr umkehren. Macht was ihr wollt, aber wir werden

nicht mehr umkehren!“ Also wurden wir dann doch an

Land gebracht.

(Es war der erste Versuch dieser Fluchtroute. Später

erfuhren wir, dass ein paar Monate später der zweite

Versuch scheiterte: Das Boot sank und alle 65 Leute,

größtenteils Afghanen, sind dabei ertrunken)

Der betrunkene Skipper behauptete sofort, Ajmal sei

der Captain des Schiffes gewesen. Mein Mann wurde

daraufhin erst einmal ausgiebig vernommen, konnte

dann aber doch durch diverse Dokumente glaubhaft

machen, dass er zu uns gehört und nur ein Flüchtling

war. Wir wurden in eine Art Gefängnis gebracht und

mussten alle unsere Fingerabdrücke abgeben. (Bis heute

ein Problem für uns, da wir noch kein Bleiberecht in

Deutschland haben und laut Dublin-Verfahren in das

Land abgeschoben werden können, über dessen Grenze

wir Europa zuerst betreten haben)

Trotzdem waren wir überglücklich, das Level geschafft

zu haben. Wir hatten nicht mehr damit gerechnet.

Level 3: Bulgarien.

Nach drei Tagen kamen wir dann in eine große Flüchtlingsunterkunft.

Dort bekamen unsere Kinder erst einmal

die Windpocken und unsere ganze Familie kam ein

paar Tage in Quarantäne.

Irgendwann kam ein Mann auf uns zu und bot an, uns

mit seinem Auto nach Sofia zu bringen, gegen Geld

natürlich. Wir willigten ein. Von dort aus ging es in einer

kleinen Gruppe von 13 Leuten zu Fuss weiter. Nach ca.

ca. 5 Stunden erreichten wir gegen 23 Uhr die serbische

Grenze.

Level 4: Serbien.

Im Laderaum eines kleinen Transporters ging es weiter.

Gegen 4 Uhr Ankunft in Belgrad Der Fahrer erklärte,

dass er nun umkehren müsse. Er gab uns ein Handy

mit SIM-Card und die Auskunft, dass wir uns von einem

Taxi an den nördlichen Stadtrand, bringen lassen sollten.

Dort gab es ein verwildertes Brachland, dass man

„Dschungel“ nannte. Dem Müll nach zu urteilen, diente

er schon vielen Flüchtlingen als geheime Zwischenstation.

Wir warteten dort wie geheißen. Dort wurde es

nicht langweilig: Im Laufe des Tages kam ein Radfahrer

und brachte uns Essen: 2 Hähnchen, Brot und Milch.

Die Freude war groß. Er verschwand wie er gekommen

war. Später kamen zwei Typen und bedrohten uns, wollten

unser Geld. Als sie aber merkten dass sie mit Gegenwehr

rechnen müssten, zogen sie wieder ab. Nun

hatten wir Angst, dass sie wieder kommen würden. Am

Abend kam dann noch ein Polizist mit einem Rad. Nach

Zahlung von Schmiergeld verschwand auch er wieder.

Es gab noch einen Versuch, mit einem PKW weiter

zu kommen. Wir wurden festgenommen: Eine Nacht

Gefängnis, Verhöre, Fingerabdrücke... Wieder in den

„Dschungel“. In der folgenden Nacht brachen wir zu

Fuß in Richtung Ungarische Grenze auf. Nach einem

endlosen Marsch kamen wir zu einem leeren Haus, wo

wir den Rest der Nacht verbrachten und den nächsten

Tag über abwarteten Mit Einbruch der Dunkelheit ging

es weiter. In dieser Nacht quälten uns unzählige Mosquitos,

wir alle hatten leichte Kleidung an, es gab kein

Spray. Ohne es zu merken, überquerten wir irgendwann

die ungarische Grenze und kamen gegen Morgen in

ein Dorf.

Level 5: Ungarn.

In einem geschlossenen Van ging es für unsere 9 köpfige

Gruppe weiter. Wir wurden aufgefordert, uns während

der Fahrt umzuziehen und uns mit Feuchttüchern

notdürftig zu waschen. Man kann sich vorstellen wie wir

nach all den Strapazen mittlerweile aussahen.

Einige Stunden später, an einer verlassenen Tankstelle,

wurden die Fahrzeuge getauscht. Wir stiegen um in einen

normalen offenen PKW. Aus dem Grund also die

verordnete Katzenwäsche: Wir waren ab jetzt wieder

sichtbar.

In diesem Fahrzeug war unsere Familie vereint und es

ging über Stunden durch verschiedene Landschaften.

Wir wussten einen größten Teil der Strecke über nicht,

wo wir waren. Wahrscheinlich sind wir über Österreich

nach Deutschland gekommen.

Am 24. Juni 2014 gegen 18.00 Uhr

erreichten wir Frankfurt.

Level 6: Deutschland.

Die Kinder waren krank und brauchten einen Arzt. Wir

alle waren total kaputt, aber als wir dort ausstiegen,

war das alles egal und wir die glücklichsten Menschen

der Welt. Unsere Flucht hatte anstatt 3 Tage rund 9 Monate

gedauert und uns so oft fast das Leben gekostet.

Ein ein indischer Taxifahrer, den wir um Rat fragten,

brachte uns in ein Flüchtlingscamp in Gießen, nördlich

von Frankfurt. Am nächsten Tag wurden wir mit einem

Taxi von Gießen nach Halberstadt in die Zentrale Anlaufstelle

für Asylbewerber gebracht. Dort verbrachten

wir 17 Tage. Dann entschied man, dass wir im Zuge der

weiteren Verteilung nach Gardelegen gebracht werden.

Nach ein Paar Tagen dort im Heim, wies man uns eine

Wohnung in Kalbe/Milde zu. Es hätte uns genau so gut

nach Schweden oder Frankreich oder ein anderes europäisches

Land treiben können, wir mussten nur weg.

Nun sind wir Kalbenser und es ist gut so.

Die Geschichte ist stark gekürzt und hat beim

Erzählen schmerzhafte Wunden aufgerissen.

Vieles davon wollten wir einfach nur vergessen.

Nun, in Kalbe angekommen, haben wir für uns

und unsere Kinder erstmals so etwas wie Frieden

und wieder eine neue Heimat gefunden.

17


Jens Eichenberg

Schnecke und Esel

Da hatte sich der Esel halt

Hals über Kopf und Ecke

In eine süße, Zuckerschnecke

Ganz fürchterlich verknallt.

Die andern Tiere meinten bloß,

Das geht doch nicht, nun bitte!

Das passt nicht in der Mitte,

Die Schnecke klein, der Esel groß!

Muss nicht ein Esel Esel lieben,

Die störrisch sind und grau?

Die Schnecke, schön und schlau,

Wie kann die sich mit dem begnügen?

Die Schnecke hörte gar nicht hin,

Gab nichts auf das Gekicher.

Die Liebe, das ist sicher,

Ist‘s Beste und mein Eselchen!

18


CATs

BERLIN-ABC

Berlin ist eine DER angesagtesten Städte der Welt. Tausende von Touristen

strömen jeden Tag in die Stadt und rennen orientierungslos mit einer Karte

in der Hand umher, lassen sich von komischen Touristen-Fallen in ominöse

Etablissements locken und verschenken kostbare Urlaubszeit.

Mit dem Berlin-ABC möchte ich ein paar Insider-Tipps an alle zukünftigen

Berlin-Besucher weitergeben. Die Stadt ist so groß, dass man leicht meinen

könnte, es würde eigentlich für 5 oder 6 Städte reichen. Da die Übersicht

zu behalten ist schwer. Ich wohne seit 2008 in Berlin, momentan im spießigen

Prenzlauer Berg, (mit Kind macht man solche Dummheiten…) und

finde Berlin echt dufte! Meine Auswahl hier ist eine rein Subjektive, eine

Selektion meiner schönsten Momente in und um Berlin und garantiert keine

Touristen-Fallen.

(Teil 1/3)

Achtundvierzig Stunden Neukölln:

Ein kunterbuntes Kunstfestival das sich über zwei Tage

zieht und Seinesgleichen sucht. Dieses Jahr findet es vom

24. bis 26. Juni 2016 statt. Es erstreckt sich über ganz

Neukölln und man hat das Gefühl mitten in einer kulturellen

Schnitzeljagd zu sein, weil man nie weiß, was sich

im nächsten Hinterhof verbirgt.

Berliner Dom: Wer hier abends um 18 Uhr hingeht

und sagt er möchte zur Abendandacht gehen, spart

sich den Eintritt und kann während der Abendmesse die

einmalige Atmosphäre des Doms auf sich wirken lassen.

Wer noch Geld übrig hat sollte für wenige Euro auf die

Domkuppel gehen, da sind kaum Touristen und die Aussicht

ist phänomenal!

Crêperie Suzette: Hier gibt es die aller, allerbesten

Crêpe in der Stadt. Mittags haben Sie ein kostengünstiges

Menü und es wird immer eine Crêpe des

Tages angeboten. Bewirtschaftet wird der Laden von Damien

und Olivier zwei Pariser Jungs die super nett sind.

Ihr findet die Crêperie Suzette in der Pappelallee 15 und

kommt dort am besten mit der U2 (Station Eberswalder Straße) oder der

Tramlinie 12 (Station Raumerstraße) hin.

Dong Xuan Center: Vietnam in Berlin, einfach

der krasse Wahnsinn, das muss man gesehen haben!

Man steigt aus der Tram (Linie M8 oder 21) an der

Herzbergstraße aus, durchschreitet das Tor zum Dong

Xuan Center und sieht mehrere große Hallen und viele,

viele Vietnamesen. In jeder Halle findet man eine kleine

vietnamesische Welt vor, mit Krimskrams-Geschäften, asiatischem Supermarkt,

Friseur, Spa- und sogar Tattoo-Studios. Es macht Spaß durch die

Hallen zu schlendern und die Kuriositäten zu bestaunen. Abschließen sollte

man seinen Besuch im Dong Xuan Center unbedingt in einem der Restaurants,

da gibt es neben den europäisierten Gerichten auch für Mutige

Hahnhoden, Hühnerfüße oder Frosch. Ich bin Vegetarier und kann leider

nur die Tofu-Gerichte beurteilen. Die waren bisher alle lecker!

Einhundert: Wenn Du Lust auf eine Stadtrundfahrt

hast, aber nicht die Wucherpreise der Sightseeing-Busse

bezahlen möchtest, dann ist die Buslinie 100 genau richtig!

Du steigst am Alexanderplatz ein und fährst von dort

alle Highlights bis zum Zoo ab: Unter den Linden, Brandenburger

Tor, Reichstag, Tiergarten und den Berliner

Zoo. Für 2,70 EUR hat man zwar keinen Audio-Kommentar, aber mit einem

Reiseführer in der Hand eine kostengünstige Alternative.

Falafel: Falafel gehören zu Berlin, wie die Berliner

Weiße! Aber wo gibt es die besten? Ganz klar beim King

of Falafel in Kreuzberg. Am besten zu erreichen mit der

U7 (Station Hermannplatz) und dann findet ihr den King

of Falafel in der Urbanstraße 68. Leider hat sich dieses

kulinarische Highlight schon herumgesprochen und man

muss mit längeren Wartezeiten rechnen.

Gärten der Welt: Hier findet man Gartenkunst

aus aller Welt und das im krassen Kontrast zu den Marzahner

Plattenbauten. Besonders empfehlenswert ist der

chinesische Garten mit seinem Teehaus. Dort gibt es 30

verschiedene Sorten Grünen Tee und man wird in die

chinesische Teekunst eingewiesen. Zu erreichen sind die

Gärten der Welt am besten von der S-Bahnstation Marzahn mit der Buslinie

195 (Station: Eisenacher Straße).

Heimathafen Neukölln: Eine kulturelles

Highlight mitten in Neukölln. Der Heimathafen lockt mit

einem vielfältigen Programm aus Theater, Konzerten,

Lesungen und anderen Formaten. Er ist verkehrsgünstig

direkt an der U7 (Station Karl Marx Straße) gelegen. Aber

auch das angegliederte Café Rix ist tagsüber einen Besuch

wert, ein echter Hingucker ist die goldene Decke mit Stuck. Kulinarisch

ist das Rix auch ein Leckerbissen.

Il Due Forni, Il Casolare & Il Ritrovo:

Diese drei Pizzerien sind „Schwestern“ und haben sich in

Berlin breit gemacht. Das Il Due Forni findest Du in Prenzlauer

Berg direkt an der U2 (Station Senefelder Straße),

das il Casolare ist in Kreuzberg. Es ist am besten mit der

U8 (Station Schönleinstraße) zu erreichen und dann gehst

Du noch etwa 5 Minuten zu Fuß. Das il Ritrovo erreichst Du mit der Tram

M13 (Station Simplonstraße). Die Pizzen dort sind wirklich Spitzenklasse.

Leider sind Service und Wartezeiten genau das Gegenteil...

Jugendherberge/Hostel:

Jugendherbergen

bzw. Hostels sind kostengünstige Alternativen zum Hotel.

Aber auch hier hat Berlin etwas Besonderes zu bieten,

das Eastern Comfort & Western Comfort. Diese beiden

Hostel Schiffe (!) liegen direkt an der Oberbaumbrücke,

der wohl schönsten Brücke Berlins. Durch die unschlagbare

Lage im Herzen Kreuzbergs und nur 10 Minuten vom Ostbahnhof sind

die Schiffshostels perfekt für einen Berlin- Kurztrip. Die Übernachtung kostet

zwischen 15 Euro (Mehrbett-Kabine) und 78 Euro (1. Klasse Doppelbettkabine

mit eigenem Bad). Da es sich um ein Hostel handelt kann es nachts

etwas lauter werden und ist daher für Familien ungeeignet.

Kiessee: Der See ist ein Natursee und liegt am Rande

von Berlin/Pankow,. Der See ist mit der S8 (Mühlenbeck-Mönchmühle)

zu erreichen. Der Eintritt kostet drei

Euro. Hier werden Kindheitserinnerungen wach, der See,

die Pommes-Bude, das Flair vergangener Tage.... Das

Gelände ist sehr weitläufig und man kann sich ein ruhiges

Plätzchen suchen. Der Kiessee ist perfekt für Kinder, da das Ufer flach abfallend

ist und das Wasser sehr sauber.

Leckermäulchen: So heißen die Fische beim

Fußfetifisch die einem die Füße anknabbern und so eine

Pediküre der besonderen Art durchführen. Den Fußfetifisch

findest Du in der Danziger Straße 26 und Du erreichst

ihn am besten mit der Tram M10 (Station Husemannstraße).

Einen Termin sollte man unbedingt vorher

vereinbaren, da es dort immer recht voll ist. 20 Minuten kosten 12 Euro, 30

Minuten kosten 15 Euro.

Na, habt ihr Lust auf einen Berlin-Besuch bekommen? Dann Sachen packen

und ab in die Hauptstadt! Von Stendal fahren fast stündlich Züge dorthin.

Das Auto würde ich mir sparen Stau, chronisch rote Ampeln und akuter

Parkplatzmangel vermiesen einem das Autofahren und drücken schnell auf

die gute Laune. Wir sehen uns - in Berlin!

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GENERALVERDACHT

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Lena Teresa Flohrschütz


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Lena Teresa Flohrschütz


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LTF

Patrick Amelie Becker

Das Begeisterhaus

“Wo sind meine Spaghetti-Bolognese!?”

Ich mein das ganz im Ernst: Wo sind meine verfickten

Spaghetti-Bolognese!? Die Geschichte beginnt

ein paar Stunden vorher.

Ich habe mir vor zwei Monaten dieses Haus im Wald

gekauft. Es ist ein sehr großes Haus, viel zu groß

für einen einsamen Banker. Ohne Frau, ohne Kids.

Nicht mal ein verficktes Haustier.

Nur quietschende Dielen. Trotzdem, für den Preis,

geiles Haus. Noch geiler, wenn man nach einer

durchzechten Nacht im Club irgendsone Olle mit

herschleppen kann. Nach schlappen 74 Euros Taxikosten.

So, denk ich mir, wirds Zeit, mal endlich

irgendsone Olle herzukriegen...

Die Jungs in der Etage lachen mich schon aus, ey...

Egal, heute ist Sonntag, ich mach nichts mehr. Die

halbe Welt hasst mich, warum also rausgehen?

Wobei mich eh keiner sehen würde. Wie gesagt, 74

Eus. Ich rede nur mit Eichhörnchen und meinem

Haus. Die Eichhörnchen haben Wahnsinnsargumente.

Mir fällt nie was ein, wenn wir streiten.

Das Haus hat mit dem Keller drei Stockwerke, mein

Ego liegt irgendwo im Grundwasser. Manchmal,

wenn ich ganz fest zur Musik hüpfe, hab ich das Gefühl,

als könnte ich so etwas wie ein Ego spüren.

Und manchmal sehe ich in einen der 15 Spiegel in

diesem riesigen Haus und erkenne einen Typen, der

stolz ist auf seinen Rekord. Ich habe mir mal aus Langeweile

sechsmal in einer Stunde einen runtergeholt.

Und das trotz beschissenem WLAN. Ich hoffe, dass

das ein Rekord ist. Wenn nicht, sehe ich einen Typen,

der die Taschen voller Geld hat. Aber der sieht aus

wie Alfred E. Neumann. In Boss halt.

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Diese Scheiß Eichhörnchen. Ich kann nicht kochen,

stehe aber gerade in der Küche. Mit meinem Hitzeblick

koche ich Wasser. Ich brauche sone gute Stunde.

Um erniedrigt festzustellen, dass mein Hitzeblick kacke

ist. Dann drehe ich immer vorsichtig den Herd auf. Genauso,

wie ich vorsichtig den Wasserhahn aufdrehe, um

meinen Topf zu füllen. Heute gibt es Spaghetti-Bolognese!

Ich zähle: Nummer sechzehn (Miracoli) ist damit

weg. Noch 84, und bald ist schon wieder Wochenende.

Ich sollte einkaufen.

Ich salze das kalte Wasser und schmeiße die Spaghetti

hinterher. Der Kochtopf wird auf Stufe 3 von meinem

Herd erhitzt. Gott sei dank, dass ich Zeit habe. Nach

dem Aufstehen war ich duschen, hab mir einen runtergeholt,

die Hitzeblick Aktion... Jetzt ist es achtzehn

Uhr. Verdammt, ich muss auch noch Oma anrufen.

Aber nicht, während das Wasser kocht. Und später läuft

auch noch “Das Supertalent”. Die Wiederholung von

Samstag, die ich mit meinem Gigabytespeicher DVD-

Recorder aufgenommen habe. Die läuft aber um 20:15

Uhr. So hab ich mir das gestern Abend, als ich “Das Supertalent”

geschaut habe, vorgenommen. Und ich bin

als einer bekannt, der keine Sprüche reißt.

Ich stehe also nackt mit nichts als Fanschal um den Hals

vor meinem Herd und feuere ihn an. Die Kakerlaken

machen mit. Neues Haus und so, die sind aber erst hier,

seitdem ich hier wohne. Ich hab extra den Makler gefragt.

Sind wohl Waldkakerlaken, zirka doppelt so groß

wie die NewYorker. Ich schmiere einen Popel in meine

Unterhose. Die neben den Gewürzen liegt.

Kakerlaken: Der linken wird immer langweilig und

stellt dann den Herd auf neun. NEUN!? Die linke hat

wohl den Arsch offen, viel zu gefährlich und so. Ich hol

dann immer den Flammenwerfer und kill sie.

Die Kakerlaken werden trotzdem nicht weniger.

Nach ner Dreiviertelstunde ist dann der Topf so leicht

am dampfen, die Nudeln weich und so richtig fertig.

Also fertig. Mit den Fingern hol ich mir eine raus und

probiere. Die nächste Viertelstunde bin ich am Wasserhahn,

Wasser saufen. Das mit dem Salz ist ne Kunst,

glaub ich.

Immer zu dieser Zeit bin ich enttäuscht von meinen

Kakerlaken, die von alleine wieder nicht erkennen, wo

es Arbeit gibt. Ich stelle den Herd also auf neun und

kümmere mich um die Miracoli Sauce. Nach jahrelangem

Spaghetti-Bolognese kochen bin ich mittlerweile

soweit, dass ich den Saucenbeutel mit Wasser fülle,

wenn die Sauce noch drin ist. Spart Zeit, Zeit ist Geld.

Die Gewürze schmeiße ich in den Mülleimer, den ich

gerade erst geputzt habe, was ein eindeutiges Zeichen

für mich ist, den Mülleimer mal wieder zu putzen.

Nach zehn Minuten sind die Kakerlaken und ich eingeschlafen,

ich erwache durch einen Spritzer heißer

Bolognese-Sauce, der mein Gesicht trifft.

Die Sauce ist also fertig, ich gieße sie vorsichtig auf

meinen Teller, den ich vorher mit den kalten, weichen,

versalzenen Spaghetti gefüllt habe. Köstlich.

Der Teller bringt mich und sich zum Esszimmertisch,

ich löffle die Sauce von den Nudeln. Meine Zunge tut

weh.

Das Telefon klingelt, man, es ist schon schon halb acht!

Ich renne Richtung Telefon, rutsche auf einer Kakerlake

aus und schlage mir die Schläfe am Telefontisch auf.

Als ich mich aufrichte, ist das Telefon wieder still. Ich

checke nach, unterdrückte Nummer. Leicht schwindlig

torkele ich zu meinem Essen zurück und beuge den

Kopf darüber, um zu essen. Die Spaghetti werden rot,

obwohl ich die Scheiß-Sauce schon gegessen habe.

Deswegen wohl Miracoli, mich wunderts halt. Mir wird

langsam schwindeliger, mein Kopf kracht auf den Teller.

Die Nudeln trocknen meine Stirn aus.

Als ich aufwache, frage ich mich, wer die scheiß Bolgnese-Sauce

durch das ganze Esszimmer verteilt hat.

Dann frage ich mich, wo die linke Kakerlake von vorhin

hin ist, beim Stirnrunzeln fallen Hautbrocken von

meiner Stirn. Aber sie fallen nicht auf meinen Teller!

Ich schreie meine Katze an: “Wo zum Fick sind meine

Spaghetti-Bolognese!?” Die Katze sagt: “Ich bin ein

Stuhl.”

Der Stuhl wird sich sein Essen in Zukunft wohl selber

fangen müssen, grinse ich in mich hinein.

Leise hoffe ich, dass er sich nicht mit den Eichhörnchen

anlegt.

Aber wo sind jetzt meine Spaghetti-Bolognese? Es ist

auch schon halb neun. Gott sei dank habe ich die Wiederholung

vorsichtshalber aufgenommen, ich kann

mich also in aller Ruhe um mein Spaghetti-Bolognese-Problem

kümmern, und die Wiederholung meiner

Wiederholung um halb zehn sehen.

Ich hole also meine Taschentaschenlampe aus meiner

Bauchtasche und stehe auf. Ich rutsche auf einer Kakerlake

aus und verletze mich am Daumen. Zur Strafe

schreie ich die Kakerlake an: “Du Mistkörper!”

Je weiter ich laufe und meinen Teller suche, desto länger

wird die Bolognese-Spur, die ich hinter mir herziehe.

Was ein Faktor in dieser Geschichte wäre, den ich

nicht verstehe. Meine Suche ist mühsam, ich öffne also

eine Kakerlake wie eine Dose und trinke mich satt.

Mein Haus ist groß, ich war noch nie im ersten Stock.

Heute trau ich mich auch nicht, viel zu gruselig.

Die Spaghetti-Bolognese müssen also im Erdgeschoss

sein. Ich bücke mich nach einer Kakerlake und benutze

sie als Navi. Mit meinem Kuli tippe ich meinen Zielort

ein. Noch ziemlich weit....

Ich baue mir aus 10 000 Kakerlaken einen VW Golf

GTI und fahre zum Zielort. Das Navi hat eine Frauenstimme.

Ich hole mir einen runter.

Als ich am Wohnzimmer vorbeifahre, sage ich dem

Busfahrer, dass er kurz halten soll. Ich mache meinen

Gigabyte DVD-Recorder an und höre Bruce Darnell,

wie er Mario Barth, der auf der Bühne steht, sagt: “Das

die schlechteste, wo ich gesehen mochte. Mir ist Kotze

hochgekommen. Ulala.” (alle klatschen).

Ich sage dem Busfahrer, dass er weiterfahren kann und

flätsche mich auf meine Matratze. Ich habe wieder

Durst, pfeife meine Kuh herbei und trinke sie aus. Sie

stirbt.

Ein kleines Mädchen singt “Angel” von Robbie Williams

und ich fange an zu weinen. Ich hole mir einen

runter.

Ich rufe den Makler an: “Wo sind meine verfickten

Spaghetti-Bolognese!?”, er lacht und legt auf.

Ich hole mir einen runter, decke mich mit Kakerlaken

zu und gehe schlafen.

Ich mag mein Haus. Vielleicht gehe ich morgen Abend

in den Club und reiß mir eine auf.

Aus „Das Buch Wasteland - Band 1.5 - Proxyserver“

Foto: Lena Teresa Flohrschütz

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RATGEBER SCHÖNES LEBEN:

Sie haben das Heft nun also bis zur Seite 27 durchgeblättert. Falls Sie sich immer noch fragen, was

das alles soll, oder wo der praktische Nutzen versteckt ist, reißen sie doch einfach ein Paar Blätter

heraus und basteln Sie sich tolle Papierflieger:

Funktioniert auch ganz wunderbar mit

Rechnungen, Mahnungen, Einberufungsbescheiden,

Lottoscheinen, Flyern, Bastelanleitungen,

Bausparverträgen, Klimaabkommen,

Gehwegplatten, AfD-Plakaten,

Spickzetteln, Drohbriefen, Mieterhöhungsschreiben,

Antragsformularen, Spinatrezepten

und Berliner Flughafenbauplänen.

Sie sehen: Möglichkeiten gibt es viele!

Aber Vorsicht!

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Mein liebes Kalbe!

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Mit 6 Wochen kam ich damals mit meiner Mutter zu Dir, wo

schon mein Vater auf uns beide wartete. Glückliche Kindheit,

keineswegs langweilige Jugend... so bin ich aufgewachsen,

mir fehlte es wirklich an nichts. Doch dann, irgendwann, wurdest

Du mir zu einem Käfig, in dem ich mich gefangen fühlte.

Deine Enge, Dein vertrauter Schutz und die Sicherheit, die Du

mir gabst, Deine „Piefigkeit“ schienen mich erdrücken zu wollen.

So entschied ich mich, Dich sehr bald gen Norden des

Landes zu verlassen, um mein Studium in Rostock an der Ostsee

zu beginnen und Dir zu entfliehen. Du tatest Dich inzwischen

wie ein Abgrund vor mir auf. Ich wollte mich ausleben

können (Ich dachte damals jedenfalls, dass es mir hier nicht

möglich wäre). Inzwischen sind Jahre vergangen und ich verbrachte

weit mehr meiner Lebensjahre außerhalb und konnte

mich wirklich in Vielem ausleben. Mein mir inzwischen sehr

lieb gewordenes Hamburg, in dem ich nun schon seit 23 Jahren

sehr gern lebe, wurde nach und nach zu „meiner“ Stadt.

Ich war mir sicher, hier alt zu werden. Aber erstens kommt

es anders und zweitens als man denkt. Eines schönen Tages

weilte ich mal wieder zu Besuch in Dir (Inzwischen nahm ich

Dich als malerisch ruhiges und etwas verschlafenes Städtchen

wahr, das ich sehr gern besuchte). Dieses mal „rief“ mich ein

wunderschönes, kleines und niedliches Häuschen in Deiner

allerschönsten Straße und ich brauchte nicht lange, um es zu

erhören.

Doch nun hab ich den „Salat“. So wie das mit der Liebe auf

den ersten Blick nun mal ist, setzt der Verstand schlichtweg aus

und man macht einfach. So auch ich. Jetzt hab ich ein Haus

in der besten Nachbarschaft, die ich mir vorstellen kann und

lebe und arbeite doch in Hamburg! ...

So werde ich wohl zur Meisterin des Lebens in zwei Welten

werden müssen. Denn, bin ich in Dir, genieße ich die Ruhe,

die Beschaulichkeit, die zwischenmenschliche Nähe und Herzlichkeit

der hier lebenden Menschen, die Einsamkeit in der

Weite der Natur, die Dich umgibt und in die ich mit wenigen

Schritten eintauchen kann, in der ich dann so gern versinken

mag. Ich bin angetan von dem Treiben in der Künstlerstadt,

von der Begegnung mit interessanten Menschen (u.a. aus Afghanistan),

all dem, was die Menschen hier alles auf die Beine

stellen. Und dann möchte ich gar nicht mehr weg von Dir.

Doch wieder in Hamburg, wird mir sehr schnell bewusst, auf

was ich alles verzichten müsste und was ich sehr vermissen

würde. Dinge, die hier bereits selbstverständlich sind und fest

zu meinem Leben gehören: Meine sehr gut bezahlte 3-Tage-

Arbeitswoche, mein BioSupermarkt um die Ecke, mein homöopathischer

Arzt aus der HafenbesetzerSzene der 80er,

die mit dem Rad erreichbaren lauschigen Programmkinos, in

denen auch Filme gezeigt werden, die man sonst nicht zu sehen

bekäme, meine Osteopathin und Freundin, die gekonnt

jedes meiner kleinen Leiden wegzaubert, all meine mir liebgewordenen

Freunde, die Konzerte auf der „Hedi“, auf der wir

zusammen feiernd durch den Hamburger Hafen schippern,

die Industrieromantik des Hafens, der immer Fernweh in mir

auslöst, weil es dort schon nach Nordsee riecht, in die die Elbe

fließen wird, die Konzerte und Partys auf der Stubnitz, die vielen

Hausprojekte, Wagenplätze, Volxküchen, das KubbSpielen

und Biertrinken an der Elbe und das Grillen im Park mit Freunden,

das Kickern im „Onkel Otto“, das Millerntor, kurz das

ganze Großstadttreiben, all das, was Du mir nicht bieten

konntest...

Und doch werden dann genauso schnell all die unangenehmen

Seiten einer Großstadt in mir laut, die mich seit längerem

wirklich mehr und mehr nerven: Der ständige Straßenlärm

(nicht nur durch den Verkehr, sondern auch der Sirenen der

Rettungswagen und

den Bullenwannen),

die täglich grölenden

und feiernden Menschen,

der Lärm der

U-und S-Bahnen und

der ihnen eigene Geruch

nach allem, was Menschen

in einer Großstadt ausmacht, der Lärm der startenden und

landenden Flugzeuge und Airbusse, der Lärm der überall

mehr und mehr auftauchenden Baustellen, den stinkenden

und lauten Laubpustern, Motorsägen, Rasenmähern und

Presslufthämmern, das Tuten der unglaublich vielen und riesigen

Containerschiffe auf der Elbe und die Kreuzfahrtschiffe,

die sich wie riesige Häuserblöcke auf der Elbe vorwärts schieben

und von denen Menschen herunter winken, die vergeblich

auf ein Winken von mir warten, die verstopften Straßen, die

unglaublich hohe Feinstaubbelastung, die aggressiven Bulleneinsätze

bei Demos, all die „Druffis“, Verrückten, Obdachlosen

und zahllosen Flüchtlinge, die verzweifelt am Hauptbahnhof

warten, die vielen traurigen und einsamen Menschen, die

überfüllten öffentlichen Verkehrsmittel, die fürchterliche Dichte

von Menschen auf engstem Raum bei größter Anonymität...

...so anonym, dass die Menschen, die gemeinsam in einem

Haus wohnen, nicht miteinander reden, sondern sich Luft machen,

in dem sie ihre Anliegen mit an Computern geschriebenen

Zetteln an der Eingangstür, ohne ihren Namen zu nennen,

anbringen:

Wo tun sich denn nun eigentlich die wirklichen Abgründe vor

mir auf? Wo ist es enger und piefiger?

„Es ist kein Anzeichen von seelischer Gesundheit,

sich an eine zutiefst gestörte Gesellschaft

anpassen zu können.“ Jiddu Krishnamurti

Und deshalb werde ich täglich demütiger Dir gegenüber und

hoffe, Du verzeihst mir, dass ich erst meine eigenen Erfahrungen

sammeln musste, um zu verstehen. Die Heimat, wenn

man solch ein Gefühl überhaupt einmal kennenlernen durfte,

verlässt einen ohnehin nie im Leben. Manche unter uns sehnen

sich nach ihr, ohne dass sie jemals (wieder) erreichbar zu

sein scheint.

Ich kann mir immer besser vorstellen, meinen Lebensmittelpunkt

nach und nach wieder zurück zu verlegen. Hier sind

meine Wurzeln, hier ist meine Familie, zu Dir kann ich zurück

kehren, um „ARTgerecht“ als Mensch leben zu können. Ich

bekomme mehr und mehr das Gefühl, hier in Dir, vor allem

endlich auch ANKOMMEN zu können.

Und die kleine weise Pippi Langstrumpf sagte bereits: „Wer

nicht weggeht, der kann auch nicht wiederkommen.“ ICH

KANN wiederkommen und danke Dir, mein kleines, ruhiges

und „zartes“ Kalbe dafür, dass es Dich für mich mal gab und

jetzt auch wieder gibt, dafür dass Du mir nicht böse bist, sondern

mich wieder mit offenen Armen empfängst!

Ich danke aber auch allen, die mich hier in diesem traumhaft

schönen Städtchen, in dem es mir so gut gefällt, so herzlich

willkommen heißen. Das weiß ich sehr zu schätzen und freue

mich auf ein beidseitig bereicherndes Zusammenleben und

einige schöne und spannende neue Projekte mit Euch allen,

vorerst wohl eher noch an den Wochenenden, aber sicher

schon ganz bald auch in meinem Alltag.

Deine, Dir wieder (oder immer noch?)

sehr verbundene,

Ilka


Ein seltsamer Gast

„Bis nachher“ wisperte SIE noch, bevor einen Augenblick später

die Tür hinter ihr ins Schloss fiel. Fröstelnd zog ER sich die Decke

über den nackten Oberkörper und schloss noch einmal für einen

kurzen Moment die Augen. Dann streckte er sich und drehte den

Temperatur-Regler der Heizung voll auf . Es knackte und blubberte

ohrenbetäubend. Wie erwartet nahmen die uralten Heizkörper

ihren Dienst nur sehr langsam und widerwillig auf, und das kleine

Dachgeschoss-Zimmer blieb wie immer kalt. „Wohl die Rache

dafür, dass wir die Scheiß-Heizung seit Tagen nicht entlüftet haben...“

murmelte er verstimmt und schwang sich dann ziemlich

ungraziös aus dem zerwühlten Bett, das noch immer aufregend

nach IHR roch. Die Erinnerung an die vergangene Nacht jagte ihm

trotz der Kälte einen wohlig-warmen Schauer durch den Körper

und zauberte ihm ein verträumtes Lächeln ins Gesicht. Seufzend

durchwühlte ER den Stapel Wäsche auf dem Stuhl in der Ecke des

Zimmers und zog sein zerknittertes rotes Shirt und die zerschlissene

Jeans daraus hervor. Obwohl es bereits fast 10 Uhr war, lag

die Stadt noch immer seltsam verschlafen unter ihm, als ER kurz

darauf aus dem Fenster schaute. Nahezu das gesamte herbstliche

Göttingen war vom obersten Stockwerk des alten Fachwerkhauses

zu überblicken. In der Ferne verloren sich die letzten Nebelfetzen

langsam im Licht der aufgehenden Sonne.

Als ER den mit allerhand Kram vollgestellten Flur betrat und das

Badezimmer ansteuerte, fiel ihm ein schwarzer, ziemlich teuer aussehender

Aktenkoffer auf, der so gar nicht ins symphatisch-unaufgeräumte

Chaos der 4-Zimmer-Studenten-WG passen wollte, in

der SIE lebte. Im Bad wusch ER sich das Gesicht und ärgerte sich

dabei über das immer wieder heiß und kalt werdende Wasser. Als

ER sich anzog, hatte ER den Koffer schon fast vergessen. Nach den

Ereignissen der vergangenen 2 Wochen, genauer: seit dem Tag,

an dem er SIE auf diesem kleinen Festival mitten im Nirgendwo

der sachsen-anhaltinischen Provinz kennengelernt hatte, brachte

ihn so leicht nichts mehr aus der Fassung. Auch nicht das Bild,

welches sich ihm bot, als ER kurz darauf nur mit einem Handtuch

um die Hüften die Küche betrat. Am Tisch saß, eine komplett weiße

und übermäßig lange und dünne Zigarette rauchend, ein fast

mannsgroßer Frosch. Er trug einen - allem Anschein nach - maßgeschneiderten

dunkelgrauen Anzug und hatte sich in Siegerpose

mit verschränkten Armen und übereinandergeschlagenen Beinen

auf einem Stuhl am Küchentisch niedergelassen. Lässig schnippte

er seine Asche auf den ausgetretenen und vergilbten Linoleumbelag

des Fußbodens.

Nach einer kurzen Schrecksekunde hatte ER sich wieder im Griff.

„Kaffee?“ fragte ER den Frosch unbeeindruckt und gespielt freundlich,

aber doch mit genug Ironie in der Stimme, dass die braungrüne,

ölig glänzende Amphibie es unmöglich überhört haben

konnte.

Abfällig nickend nahm der Frosch das Angebot an. ER griff sich

die abgenutzte alte Metalldose mit dem schwarzen Wachmacher

aus dem Regal, schaufelte 6 gehäufte Löffel davon in die Filtertüte

und füllte danach den Wassertank mit der geblümten Kanne vom

Fensterbrett.

„Worum geht’s?“ fragte ER den Frosch ruhig, als die Kaffeemaschine

fauchend ihre Arbeit begann.

„Hinterrücks mein Name, von der Hausverwaltung.“schnarrte der

Frosch verächtlich.

ER blickte den Frosch fragend an.

„Es geht um die bevorstehende Sanierung und die damit verbundene

Mieterhöhung.“

„Soso. Und da schickt die Hausverwaltung mal eben unangekündigt

einen – Pardon –, einen Frosch, um mit den Mietern über

dieses Thema zu sprechen?!“ fragte ER mehr belustigt als beeindruckt.

“Ist das nicht ein etwas seltsamer Beruf für Ihre Gattung?

Ich dachte immer, es wären eher Haie, die derartige Tätigkeiten

versehen? Und überhaupt, wie kommen Sie hier eigentlich rein?

Schon mal was von Privatsphäre gehört?“

Immer mit der Ruhe, junger Mann,“ antwortete der Frosch mit

plötzlich sehr leiser Stimme, die einen bedrohlichen Unterton angenommen

hatte “ auf unsere Briefe haben Sie nicht reagiert, außerdem

liegen uns Beschwerden wegen Ruhestörung, Vernachlässigens

der Putzwoche und diversen anderen Verstößen gegen die

Hausordnung vor. Genug für eine fristlose Kündigung unsererseits.

An Ihrer Stelle wäre ich vorsichtig mit dem, was ich sage.“

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Jetzt kam ihm die Situation dann doch etwas zu grotesk vor und ihm fehlten

kurz die Worte. Die Gedanken in seinem Kopf schossen kreuz und quer.

Was für ein Film lief hier eigentlich gerade ab? Noch bevor ER sich ordnen

und etwas entgegnen konnte, meldete die Kaffeemaschine piepend, dass

sie ihre Aufgabe erfolgreich erledigt hatte. ER goss dem Frosch schweigend

eine Tasse der schwarzen Flüssigkeit ein, passenderweise in die grüne Tasse

mit dem aufgedruckten Frosch. Dieser sah in diesem Moment wesentlich

freundlicher und unschuldiger aus als sein unsympathischer Artverwandter,

der mittlerweile ziemlich unelegant am Küchentisch flegelte und sich bereits

die dritte Zigarette angezündet hatte.

„Außerdem“ fuhr der Frosch grinsend fort „haben wir Schlüssel zu jeder

unserer Wohnungen und behalten uns vor, diese auch unangemeldet zu

inspizieren. Hier könnte übrigens mal wieder sauber gemacht werden.“

„Ein Frosch als Miet-Hai, ich fass es nicht...“ murmelte ER ungläubig halblaut

vor sich hin.

„Und wenn schon!“ unterbrach ihn der Frosch brüsk. „Der Immobilienmarkt

boomt, ein Job in dieser Branche ist so gut wie jeder andere, außerdem äußerst

gut bezahlt, und irgendwer muss ihn schließlich machen. Davon ganz

abgesehen ist meine Gattung prädestiniert für dieses Business. Glatt, schleimig,

und ein großes Maul, was braucht’s denn mehr um in diesem Bereich

erfolgreich zu sein?“ grinste der Frosch jovial. „Jahrelang dämmerte ich

tagein-tagaus irgendwo am Arsch der Welt vor mich hin, und irgendwann

wollte ich einfach raus aus meinem kleinen, verdreckten Dorfteich, in dem

mein alter Herr immer noch sitzt und den ganzen Tag drauf wartet, dass ihm

eine Fliege vor die Nase summt. Zum Jagen längst zu fett und müde, der

alte Sack. Oder sollte ich enden wie meine Mutter? Hat ihre Beine an ein

französisches Feinschmecker-Restaurant verkauft, um mit dem Geld abzuhauen

und irgendwo neu anzufangen, weit weg vom Tümpel, dem Schilf

und dem Schlamm. Drei Tage später hat sie der Storch geschnappt, war

einfach nicht mehr schnell genug, ohne Beine,“ kicherte der Frosch abfällig.

„Aber nun zur Sache, mein Lieber. Die Sanierung der alten Hütte hier fällt

flach, keine Kohle grade, haben uns verspekuliert. Hat ein ganz schön großes

Loch in unsere Finanzen gerissen. Miete erhöhen müssen wir trotzdem.

Irgendwie muss das Loch ja schließlich gestopft werden, das verstehen Sie

doch sicher?“

„Ähm, also...“ sagt ER, kam jedoch nicht weiter, da ihm der Frosch erneut

ins Wort fiel.

„Wir dachten da so an 170% Mieterhöhung, und selbst damit sind Sie hier

in Göttingen noch ganz gut dran! Ist immer noch erschwinglich, wenn Sie

das mal mit den Mieten in Hamburg vergleichen. Da haben wir neulich

erst die Esso-Häuser abgerissen, mussten zwar vorher das ganze asoziale

Pack, was dort gehaust hat, mit der Staatsgewalt vertreiben, aber es hat sich

gelohnt! Top-Lage, dicke Gewinne!“ schwärmte der Frosch und leckte sich

gierig über die Lippen.

„Scheiß-Kaffee übrigens, schmeckt zum Kotzen, wohl vom Discounter?!“

unterbrach er krächzend seinen Monolog , stellte die leere Tasse auf den

Tisch und lockerte seine Krawatte. Schweißperlen glitzerten auf seiner Stirn,

während der letzten Minuten schien ihm deutlich unwohler geworden zu

sein.

Der schleimige Grünling wirkte plötzlich unsicher und fahrig. ER musterte

den Frosch irritiert. Dann fiel sein Blick auf die geblümte Wasserkanne neben

der Kaffeemaschine... Schlagartig wurde ihm klar, was die Ursache für

das plötzliche Unwohlsein des Miet-Frosches war. In der schönen Kanne mit

dem filigranen Schnörkelmuster,mit deren Inhalt er den Kaffee bereitet hatte,

befand sich entgegen seiner Annahme keineswegs reines Leitungswasser,

sondern das - mit einer ordentlichen Portion Dünger versetzte - Blumenwasser,

welches SIE immer zum Gießen der kleinen Avocado-Bäumchen nahm,

die überall in der Dachwohnung verstreut wuchsen.

Der Nebel, der sich aufgrund der Ereignisse der vergangenen halben Stunde

über seinen Verstand gelegt hatte, verzog sich binnen Sekunden. Bevor

ihm gänzlich klar werden konnte, was das bedeutet, überschlugen sich die

Ereignisse.

„Luft!“ krächzte der Frosch heiser „ ich brauche frische Luft!“ und rüttelte

am Küchenfenster, das völlig verzogen war und sich schon seit einer halben

Ewigkeit nicht mehr öffnen ließ, und stürzte dann würgend und hustend in

Richtung Balkon davon. Der erste Strahl Erbrochenes ergoß sich grünlichbraun

schimmernd über den Stubenteppich, bevor der Frosch es geschafft

hatte, die Balkon-Tür zu öffnen. Dann ging alles ganz schnell. Er torkelte einen

Schritt vorwärts, übersah dabei die Armada der leeren Bier- und Weinflaschen,

die überall kreuz und quer auf dem Boden verteilt lagen und glitt

einen kurzen Moment später wie auf Rollschuhen in Richtung des Balkongeländers.

Dumpf prallte sein Becken gegen die Metallstange des Handlaufs,

sein fetter Oberkörper kippte nach vorn über, und nur Sekundenbruchteile

später hing er in der Luft, sich mit einer glitschigen Froschfingernhand

an die Querstreben der Ballustrade klammernd. „Hilfe !“ fiepte der Frosch

kleinlaut, und während ER noch überlegte, ob es auch nur den geringsten

Grund gäbe, den grünen Unsymphaten wieder nach oben zu hieven, hatte

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sich dessen Schicksal bereits erfüllt und er fiel mit aufgerissenem Maul und

ungläubig starrenden gelben Augen dem Pflaster entgegen. Gleich darauf

hörte man ein unangenehmes Platschen, fast so als wenn man mit der

flachen Hand auf Wasser schlägt. ER schloss für einen Moment die Augen

und atmete langsam aus. Als ER den Flur betrat fiel sein Blick erneut auf

den ledernen Aktenkoffer, der noch immer dort stand. Zwei Zahlenschlösser

müsste ER knacken, um an den Inhalt zu gelangen. ER setzt sich an den

Küchentisch und startete den ersten Versuch. Sein Kopf fühlte sich leer an.

Alles, was ihm einfiel, war: dreimal die 6. ER musste unwillkürlich schmunzeln,

als ER die Zahlen an den Schlössern einstellte. Linke Seite: 6 – 6 – 6

. Welche Ironie wäre es, wenn ER tatsächlich beim ersten Versuch Glück

hätte, und dann noch mit dieser Nummer. Die Zahlen waren eingestellt, und

ER betätigte den Knopf....nichts. Rechte Seite: 6 – 6 – 6 . Vorsichtig betätigte

er auch den rechten Knopf,. Wieder nichts. ‚Genug herumgespielt’ sagte

ER zu sich selbst, stand auf und ging in Richtung Wohnzimmer, wo sich der

WG-Gemeinschaftsschrank mit Bastelutensilien und Werkzeug befand. Die

Kofferschlösser hatten dem großen Schraubendreher, mit dem eher wenig

später in die Küche zurückkehrte, kaum Widerstand entgegen zu setzen.

ER öffnete den Deckel und erstarrte. Der Inhalt bestand aus einigen Seiten

Papier, aber vor allem aus einem: Geld. Sicher keine Millionen, aber doch

mehr, als ER je zuvor in bar gesehen hatte. Nach dem ersten groben Zählen

der Scheine stand fest: um sich damit nach Mexiko abzusetzen und den Rest

des Lebens in Saus und Braus zu verbringen, hatte der Frosch definitiv nicht

genug Kohle dabei. Für die große Reise mit IHR, von der beide schon vom

Tag ihrer Begegnung an träumten, reichte es aber allemal. Dann blitzte

ein Gedanke in ihm auf, und er ging zielstrebig in ihr Zimmer, griff in die

Schreibtisch-Schublade und hielt gleich darauf den Antrag für den Studien-

Kredit in den Händen, den sie tags zuvor ausgefüllt hatte, und der nötig

war, um für die nächsten 2 Jahre ihr Studium zu finanzieren. Lächelnd zerriss

ER das mehrere Seiten starke Schriftstück. ‚Auch dafür reicht’s noch, selbst

wenn wir das nächste halbe Jahr um die Welt reisen...’ dachte ER, bevor ER

die restlichen Papiere aus dem Koffer in den uralten und seit Ewigkeiten ungenutzten

Kachelofen stopfte und sie mit Hilfe eines Streichholzes zu Asche

und Rauch verwandelte.

Dann ließ ER sich ein heißes Bad ein und lag eine gute halbe Stunde darin,

bis seine Fingerkuppen ganz schrumpelig und das Wasser fast kalt war. Als

ER aus der Wanne stieg, hatte ein Plan in seinem Kopf Form angenommen.

ER trocknete sich ab, steckte den leeren Koffer in eine der blauen Mülltüten,

die ER im Küchenschrank gefunden hatte, trat auf den Flur und zog die

Wohnungstür hinter sich zu.

Als ER wenig später das Haus verließ, um den letzten Beweis der Anwesenheit

des Frosches zu beseitigen, lief ER fast Hauptkommissar Hund und

seinen 2 Helfern Kommissar Wicht und Polizeianwärter Unnütz in die Arme,

die gerade vor dem Haus die überaus unansehnlichen Überreste von dem,

was einst ein äußerst großer und fetter Frosch gewesen war, inspizierten.

„Sollen wir die Ermittlungen aufnehmen und Zeugen befragen, Chef?“ hörte

ER Kommissar Wicht gerade fragen. Belustigt bemerkt ER das ‚A.C.A.B’-

Graffito, das genau auf Kopfhöhe des Hilfs-Sherriffs an der Wand hinter

ihm prangte.

„Zeugen befragen!? Ermittlungen aufnehmen!?“ blaffte Oberkommissar

Hund ungehalten.

„Soweit ich sehen kann, liegt hier ein Frosch. Zwar ein ziemlich großes

und fettes Exemplar, noch dazu im Anzug, was zugegebenmaßen reichlich

seltsam erscheint, aber sei’s drum! Ermittlungen aufnehmen?! Am Freitag

mittag?! Und wegen was, Wicht? Wegen Mordes vielleicht?“ Hund lachte

abfällig in Richtung seiner beiden Untergebenen.

„Na los, Wicht, husch husch, fangen Sie den Froschmörder! Und Sie, Unnütz,

fahren Sie sofort los und nehmen Sie den Besitzer der Schweinemastanlage

und den Hühnerzüchter wegen Massenmordes fest!“ meckerte Hund

sarkastisch. Er gab sich keine Mühe, seine Verachtung für die beiden Helfer

zu verbergen.

„Los, wegräumen!“ fuhr er die 2 Männer von der Stadtreinigung an, die

seit einer Weile gelangweilt in einigen Metern Entfernung gestanden und

gewartet hatten. Schweigend warfen sie den verrenkten Kadaver auf die

Ladefläche des alten VW-Transporters und kratzten die Reste des Frosches

mit Schaufel und Besen vom Bürgersteig.

Kopfschüttelnd ging ER auf den Hinterhof, entsorgte den Plastiksack mit

dem Koffer in einem der großen Müllkübel und schlenderte dann gemächlich

zurück in Richtung Straße. ER winkte den 2 Punks, die gerade mit Eimer,

Pinsel und Plakaten bewaffnet aus dem besetzten Haus gegenüber kamen

und fischte den Schlüsselbund aus seiner Hosentasche.

Gerade als ER den Schlüssel ins Schloss steckte und die Haustür öffnete,

bog SIE um die Ecke, und ließ mit einem einzigen Lächeln alle Ereignisse

der letzten Stunden verblassen...„

Herr Dr. Pirat verfasst sonst eher Reiseberichte, die im piratentagebuch.tumblr.com zu lesen sind, hier

aber ausnahmsweise mal einen Ausflug ins Fantastische: „Gewidmet ist die Story meiner wunderbaren Jule,

in deren Göttinger Dachgeschoss-WG die Geschichte entstanden ist,und die mich dazu inspiriert hat.“


33


Auch in der Altmark sind sie ständig im Einsatz, riesige Düngemaschinen,

die ihre Arme weit über die Felder ausbreiten, flächendeckend „Pflanzenschutzmittel“

ausbringen und dabei alles vernichten, was als lästig und

schädlich angesehen wird. Mehrmals im Jahr werden diese Mittel auf Äcker

und Plantagen versprüht, um die angebauten Pflanzen vor Krankheit, „Unkraut“

und „Schädlingen“ zu schützen. Der Pestizideinsatz ermöglicht dabei

Anbauweisen, die ohne ihn kaum möglich wären: Monokulturen, enge

Fruchtfolgen, Anbau standortfremder Feldfrüchte, um nur einige zu nennen.

Rund zwei Drittel des Ackerlandes werden heute von Weizen, Gerste, Mais

und Raps belegt. Der Einsatz von Pestiziden macht es den Landwirten möglich,

diese Hauptfrüchte mit steigenden Erträgen in monotonen Fruchtfolgen

anzubauen.

Über Jahrhunderte hat die Landwirtschaft zur Landschafts- und Artenvielfalt

beigetragen. Durch die zunehmende Intensivierung seit den 1950er- Jahren

hat sich diese positive Entwicklung allerdings umgekehrt.

Darauf können wir Gift nehmen

Folgen der Industrialisierung der Landwirtschaft

Wenn man es genau betrachtet, ist es so als würden wir

mit unserer tollen Zivilisation in ein einem D-Zug sitzen,

der mit immer mehr Tempo auf einen Abgrund zu rast.

Man kann ihn schon deutlich sehen, doch anstatt zu

bremsen, geben wir noch mehr Gas. „Nee, wenn wir die

Bremse ziehen, verschütten wir womöglich noch unseren

Kaffee! Das wäre doch unschön. Da fahren wir lieber

weiter.“ Schließlich sind wir doch die Krone der Schöpfung

und können mit der Erde anstellen was wir wollen.

Doch wenn man sich vor Augen führt, dass wir uns seit

Ewigkeiten aufführen wie größenwahnsinnige Besatzer,

dabei aber so dumm sind, den Ast absägen auf dem wir

sitzen, zeugt es nicht gerade von ungeheurer Weisheit

und Überlegenheit.

„Lehrer sucht Schüler mit ernsthaftem Verlangen, die

Welt zu retten.“ diese Anzeige ist der Beginn einer ungewöhnlichen

Diskussion: Der Leser wird mit auf eine philosophische

Reise genommen, auf der er immer mehr begreift,

wie unsere Kultur funktioniert, wie sich der Mensch

von der Natur entfremdet hat und wie betriebsblind wir

geworden sind. Und wer kann einen Blick von außen auf

unsere menschliche Gesellschaft werfen?

Jemand, der nicht dazu gehört. Jemand, der der menschlichen

Gesellschaft nicht angehört. Wer den verblüffenden

Wechsel der Perspektive verkraften kann und das

Buch trotzdem ernst nimmt, dem werden seine Ansichten

über unser Dasein gehörig durchgeschüttelt.

Ein Buch für alle, die keine Angst haben den Kaffee zu

verschütten und sich noch ein wirklich gutes Leben vorstellen

können:

Die Natur unseres Planeten ist in großer Gefahr: Nicht nur in den „fernen“

Regenwäldern Südamerikas oder den uns fremden Lebensbedingungen des

ewigen Eises. Auch bei uns „zu Hause“ ist ein drastischer Rückgang der

Biodiversität festzustellen. Tiere und Pflanzen, ganze Lebensräume sind vom

Aussterben bedroht oder bereits unwiederbringlich verloren gegangen.

Weltweit geht die Artenvielfalt zurück, die natürliche Aussterberate ist um das

100- bis 1000-fache angestiegen, alleine zwischen 1970 und 2000 ist die

Artenvielfalt um rund 40 Prozent zurückgegangen. In Mitteleuropa ist die

Ackerlandschaft vom Artensterben besonders betroffen, der Mensch zerstört

die natürlichen Lebensgrundlagen in einem unbeschreiblichen Tempo: Zwei

Drittel aller Arten sind in Europa bestandsgefährdet. In Deutschland sind

70 Prozent der natürlichen Lebensräume bestandsgefährdet, zwei Drittel der

Amphibien- und Reptilienarten als gefährdet eingestuft oder vom Aussterben

bedroht, 30 Prozent der Farne und Blütenpflanzen sind bestandsgefährdet.

Ebenso stehen zwei Drittel der Tier- und Pflanzenarten des Offenlandes auf

den Roten Listen der bedrohten Arten.

Besonders betroffen sind Bäuerinnen und Bauern, die regelmäßig mit den

giftigen Stoffen hantieren und so in direkten Kontakt mit ihnen kommen.

Auch wer in unmittelbarer Nachbarschaft von pestizidbehandelten Feldern

lebt, bekommt nicht selten eine gehörige Portion von dem Gift ab, etwa

durch windbedingte Abdrift.

Nachhaltige Landwirtschaft zum Schutz der biologischen Vielfalt

In Deutschland ist für die Erhaltung der biologischen Vielfalt insbesondere

die Art und Weise der praktizierten Landwirtschaft ausschlaggebend, fast die

Hälfte der Landesfläche ist Agrarfläche (Europäische Union: 43 Prozent). Die

nationale Biodiversitätsstrategie trägt dieser Bedeutung Rechnung, Ziele zur

Erhöhung des Anteils an Grünland oder Streuobstwiesen wurden vereinbart.

Die Zusagen aber werden nicht eingehalten.

34

Die Landwirtschaft in der Bundesrepublik muss, um einen signifikanten Beitrag

zur Sicherung der Biodiversität zu leisten, im Rahmen einer Agrarwende

weg von der intensiven Landwirtschaft hin zu einer nachhaltigen extensiven

Landwirtschaft transformiert werden. Dies beinhaltet eine umfassende Veränderung

der Art zu wirtschaften, speziell aber den Stopp des Einsatzes von

chemisch-synthetischen Pestiziden.


„Pflanzenschutzmittel“ mit Nebenwirkungen

Pestizide wirken sich in vielfacher Hinsicht auf Lebensräume, Pflanzen und

Tiere aus. Direkte Folgen sind tödliche Auswirkungen auf vermeintliche

Schädlinge – aber auch „Kollateralschäden“ an anderen Tieren und Pflanzen.

Die Reduktion des Vorkommens einzelner Arten wirkt sich indirekt über

die Nahrungskette auf andere Lebewesen aus und nimmt ihnen die Lebensgrundlage.

Gleichzeitig schaffen Pestizide Formen der Landwirtschaft, die

natürliche Lebensräume zerstören: Monokulturen, enge Fruchtfolgen oder

nicht heimische Früchte zerstören das eingespielte Gleichgewicht.

Es ist nicht einfach, den Einfluss von Pestiziden auf die biologische Vielfalt

aus dem Bündel an Einflussfaktoren herauszufiltern. Dass dieser Einfluss

groß ist, wurde in einer 2010 veröffentlichten, europaweiten Studie deutlich:

Von dreizehn untersuchten Faktoren der landwirtschaftlichen Intensivierung

hatte der Gebrauch von Insektiziden und Fungiziden die schädlichsten Auswirkungen

auf die Biodiversität. Die Artenvielfalt in Europa kann also nur

erhalten werden, wenn die Verwendung von Spritzmitteln in großen Teilen

der Landwirtschaft auf ein Minimum beschränkt wird. (Geiger F. u.a. 2010:

„Persistent negative effects of pesticides on biodiversity and biological control

potential on European farmland“)

Pestizide gefährden die Gesundheit

Pestizide sind giftig – das ist schließlich ihr Zweck. Das ist problematisch für

Umwelt und Natur, aber auch für uns Menschen. Es gibt eine Reihe von Wegen,

auf denen Pestizide zu uns gelangen und unsere Gesundheit gefährden.

Besonders betroffen sind Bäuerinnen und Bauern, die regelmäßig mit den

giftigen Stoffen hantieren und so in direkten Kontakt mit ihnen kommen.

Auch wer in unmittelbarer Nachbarschaft von pestizidbehandelten Feldern

lebt, bekommt nicht selten eine gehörige Portion von dem Gift ab, etwa

durch windbedingte Abdrift.

Aber auch alle anderen, die weit entfernt von den direkten Pestizid-Einsatzorten

leben, sind gefährdet. Immer wieder werden erhöhte Pestizid-Rückstände

und Grenzwertüberschreitungen vor allem in Obst und und Gemüse festgestellt.

Auch über den Umweg des Tierfutters können Pestizide in unsere

Nahrung gelangen.

Pestizide sind fast ohne Ausnahme auch für Menschen gesundheitsschädlich.

Das bestreitet heute niemand mehr. Schon lange ist es etwa üblich, Obst

und Gemüse vor dem Verzehr gründlich abzuwaschen, da es ja „gespritzt“

sein könnte. Da „Pestizid“ nur ein funktionsbezogener Oberbegriff für eine

Vielzahl von Stoffen ist, können die Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit

ganz unterschiedlich sein. Die Liste der möglichen Gefährdungen

ist lang: von akuten und chronischen Hauterkrankungen über Vergiftungserscheinungen

bei direktem Kontakt, Krebs, Fruchtbarkeits- und Erbgutschäden

bis hin zu Missbildungen bei Neugeborenen. Pestizide werden insgesamt

zu den gefährlichsten Umweltgiften der Welt gezählt.

Dass Pestizide keine harmlosen Substanzen sind, wird auch daran deutlich,

dass sie immer wieder in suizidaler Absicht vor allem von verzweifelten BäuerInnen

in ärmeren Ländern eingenommen werden. Über 300.000 Menschen

nehmen sich einer Studie zufolge jährlich mit Pestiziden das Leben.

Quelle: Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND)


36


Kaffee

eine Kurzgeschichte von

Gesa Kolb

„Jetzt ist es also soweit. Ich bin allein. Was ein Wort. Mein Herz fühlt sich

an, als würde es in meiner Brust - explodieren? Nein, nein, wenn dann

implodieren, nach innen, hinein. All der unnötige Stauraum ist weg. Jetzt

ist da nur noch Platz für mich. Alles andere wäre bloße Energieverschwendung.

Kein Platz, kein Platz mehr, verdammt. Dafür bin ich einfach nicht

mehr gebaut. Es würde meine Kapazitäten sprengen, wenn ich neue Dinge,

wenn ich – sind Gefühle Dinge? Okay, falscher Ausdruck. Wenn ich all den

Ballast- ah, gute Metapher- eines anderen in mir zulassen würde. Nein.

Nein, es wäre außerdem viel zu gefährlich, am Ende ist das Ganze doch

nur eine tickende Zeitbombe oder ein Blindgänger, der mir meine ganze

Seele zerfetzt und ich muss sie bloß antippen und sie fällt auseinander. Dann

können die mich einweisen. Wegen - gibt es so was wie Seelenbluten? Ich

meine, wenn die Seele Teil des Körpers wäre? Oh verdammt. Sie fühlt sich

jedenfalls verflucht körperlich an.“

Beth wachte wieder mit verquollenen Augen auf. Das Gewicht ihrer Haare

auf dem Kopfkissen fühlte sich noch immer ungewöhnlich leicht an und sie

befühlte ihre kurzen Haarspitzen während ihr Verstand noch dabei war, aus

dem Dämmerzustand des Traumes zu erwachen. Ach ja, sie hatte ja jetzt

kurze Haare. Mit einer schwankenden Bewegung stand sie auf und torkelte

mit halb wiedergewonnenem Gleichgewicht zur Badezimmertür. Das Licht,

dass durch ihre provisorisch aufgehängten Vorhänge drängte, war noch

ganz grau, nur ganz weit hinten schimmerte es schon leicht rosa.

Beth starrte in die roten Augen ihres Spiegelbildes und hätte sich bei dessen

Anblick am liebsten wieder in den Schlaf geheult. Ihre Haare waren gestern

Abend noch nass gewesen, nun standen sie zu einer Seite ab, ihre Haut

hatte dieselbe Farbe wie das Morgenlicht. Ihre Sommersprossen sahen aus

wie blasse Überbleibsel aus einer Zeit in der die Tage noch Sommersprossen

verdient hatten. Sie stöhnte in ihre Handflächen und rupfte sich mit der

gewissen Aggression durch die Haare, die ihr schon aus schlechteren Tagen

bekannt war.

„Kaffee... Kaffee“, murmelte sie. Stolperte den Flur entlang in ihre Küche

und realisierte erst als sie das Hallen ihrer Füße auf den Fließen hörte, dass

sie ihre Küche ja noch gar nicht eingeräumt hatte.

„Fuck“, entfuhr es ihr. Am liebsten hätte sie die Kartons zu ihren Füßen

zertreten oder sich einfach wieder unter ihre Decke verkrochen. Sie war zu

müde und zu deprimiert um das Haus in angemessener Art zu verlassen,

also griff sie nach dem zerlöcherten Havard-Sweater, den ihr Merle aus

Amerika mit geschmuggelt hatte und wand sich in ihre schmutzige Malerhose.

Sie verließ die Wohnung, immer noch nicht ganz bei sich.

An der nächsten Ecke gab es einen etwas angestaubten Kiosk, den Beth

anpeilte, weil sie sich nicht im Stande fühlte, mehr als 200 Meter zu gehen.

„Was darf´s denn sein?“, der Kiosk-Verkäufer sah aus, wie sie sich fühlte.

„Kaffee.“

„Ist aus. Darf´s auch was anderes sein?

Wir haben jetzt diesen Tschai Latte.“

„Kaffee“, sie schluchzte es fast.

Sie wusste, wo sie immer welchen bekommen könnte. 8 Stunden entfernt

von hier - seine ganze Wohnung hatte danach gerochen, selbst seine Haut

sonderte diesen Duft aus. Er hatte wahrscheinlich nicht aus 80 Prozent

Wasser bestanden, sondern vielleicht eher aus seinem geliebten schwarzen

Gebräu.

Vielleicht sollte sie sich langsam daran gewöhnen, diesem Duft aus dem

Weg zu gehen.

Sie schluckte hörbar und versuchte den Geschmack aus ihrem Mund zu

bekommen, der sich anfühlte wie ein verschimmelter Waschlappen.

Vorsichtig flüsterte sie: „Okay, egal. Der tut‘s auch. Was kriegen sie?“

„5 Euro“

„Wie bitte?“

„5 Euro“

„Okay, ich glaube Sie haben sich im Viertel geirrt, wir sind hier doch nicht

bei den Hackeschen Höfen, verdammt noch mal, oder seh ick aus als wär‘

ick einer von diesen verfluchten...“

„Bezzy, das tust du allerdings, vor allem wenn du versuchst, Berliner Slang

zu reden.“

„Was..?“ Vor ihr stand, in einen roten Fellmantel gehüllt, mit farblich abgestimmtem

Anzug, weinroten Leder-Galloschen und streng gegeltem Seitenscheitel:

„MacKenzie!“, seufzte Beth, das Offensichtliche benennend. Hätte sie den

Becher Chai schon in ihrer Hand gehabt, sie hätte ihn jetzt fallen gelassen.

„Beth!“, er äffte ihre Stimme nach, die bei seinem Anblick gleich zwei Oktaven

höher gestiegen war.

„Oh mein Gott, was zum Teufel machst du hier?“

„Sind das nicht zwei zu krasse Flüche in einem Satz? Mann, scheint, deine

Manieren haben sich seit Cardiff nicht gebessert.“

„Was machst du hier?“

„Ach, ich war nur mal grad eben in der Gegend und...Bullshit! Merle hat

mir erzählt, was passiert ist, und das du gleich ein halbes Land weggezogen

bist, du verzweifelte Heulsuse.“

„Merle? Shit, natürlich. Merle! Hast du was von ihr gehört? Sie ist vorgestern

abgereist.“

„Jap, sie ist natürlich sicher zuhause angekommen. Die WG hat sie wider

Erwarten freudestrahlend aufgenommen. Und ich darf jetzt in ihrer gammligen

Wohnung in Kreuzberg pennen.“ Nach kurzem Überlegen meinte Beth:

„Du, wie wärs, wenn du einfach zu mir kommst?“

„Um auf Pappkartons zu pennen?“

„Och komm schon!“, Beth schaute ihn mit, wie sie hoffte, rührseligen

Hundeaugen an, „Bitte, Bitte, Bitte!“

„Also gut. Aber nur, wenn wir erst mal was zu futtern finden. Was hältst du

davon, ich lad dich ein, auf ein Frühstück im Einstein oder so…“

„Hast du irgendwo ‚nen Geldesel geparkt oder was?“

„Nein. Ob du‘s glaubst oder nicht. Ich hab‘ geerbt.

Morgen geh‘ ich zum Notar und lass‘ mir den Rest übertragen.“

„Von wem, wenn man fragen darf?“

„Meinem Großonkel Dicky, stockschwul und halb adelig.

Hat ein hübsches kleines Vermögen mit Mixed Pickles gemacht.“

„Mixed Pickles?“

„Ja, diese sauer eingelegten Bohnen- und Gemüse-Teile.

Gibt‘s die hier nicht?“

„Nie von gehört. Aber wer weiß, die importieren ja heutzutage alles.“

Mit dem dampfenden Tee in der Hand schlenderten Beth und MacKenzie

vor sich her redend die Straße weiter, in Richtung der nächsten Haltestelle

zum Café Einstein, und Beth hätte ein weiteres Mal beinahe den Becher

fallengelassen, als sie über ein Plakat am Boden stolperte.

„Ziggy Stardust Tribute Party“, las MacKenzie

„Oh mein Gott, ich lieebe Ziggy Stardust!“

„Du meinst, die tuntige Persona von Bowie, als die du dich jedes Jahr an

Halloween verkleidest und immer nur die selben Typen mit aufreißt?“

„Ja, genau die! Oh mein Gott, Beth, das ist heute Abend! Komm, lass uns

da hingehen!“

Beth sah MacKenzie mit verdrehten Augen an, als wolle sie sagen „Nicht

dein Ernst“

„Och bitte, bitte!“, mit ironischem Ausdruck warf er sich vor Beth auf den

Boden.

„Okay okay, steh wieder auf, die schauen schon alle!“

„Tun die eh‘ schon, und das, obwohl wir hier in Berlin sind“, er zwinkerte ihr

zu und drückte sie an sich. „Gott, hab ich deine Verklemmtheit vermisst!“

„Gott, wie lange kenne ich Beth jetzt schon? Vielleicht sechs Jahre ist das

jetzt her. Damals hab ich ein Praktikum bei einer Modefirma bei uns drüben

in Cardiff gemacht. Mann, waren die da spießig. Keine meiner Ideen

wurden angenommen. Und mein Alter hat mich natürlich auch bald rausgeschmissen,

weil ich anfing, mich für Jungs zu interessieren und mich wie

Oskar Wilde zu kleiden. Ich suchte dementsprechend dringend eine Bleibe.

Irgendwann war ich abends auf so einer Vernissage von so einem Möchtegern-Warhol,

da saß sie dann. Den Sekt in der Hand, schüchtern und ein

bisschen gelangweilt, kam frisch aus irgend so einem Kaff in Deutschland,

die Haare ungekämmt und die Hände noch voll mit Farbe. Das mit der

Maniküre werde ich ihr wohl nie beibringen. Auf jeden Fall kamen wir bald

ins Gespräch und sie erzählte, dass sie mit einer Freundin, Merle, hier her

gekommen war, um mal rauszukommen. Sie seien eigentlich nur auf der

Durchreise, aber diese Merle habe sich auf der Fahrt so dermaßen in einen

Waliser verknallt, dass sie beschlossen hatten, erst mal bei dem zu bleiben.

Dann stellte sich raus, dass der noch Platz hatte für eine weitere Person, und

ruck zuck hatte ich den Platz in der nun geschaffenen WG. Die ist mittlerweile

schon sehr viel größer und auch internationaler geworden, manchmal bin

ich noch da. Auf jeden Fall war das unser erstes Treffen, und danach sind

wir zwar immer wieder weit weg von einander gewesen, aber den Kontakt

zu einem MacKenzie verliert man nicht so einfach.“

37


„Das ganze Heft durchgeblättert -

hat eigentlich gar nicht weh getan?!“

Als Beth und MacKenzie verschwitzt und schon halb betrunken in ihren

frisch gekauften silbern glänzenden Morphsuits in dem Club ankommen,

ist es schon kurz vor eins. Sie haben ewig gebraucht, sich den roten Blitz

auf die Gesichter zu zeichnen, über Beths Ex zu lästern, ein paar Tränen

zu verdrücken und dabei eine halbe Flasche Eierlikör geleert. Eierlikör ist

laut MacKenzie der letzte Schrei, weil ja alle gerade wieder so auf Retro

machen würden.

Das Dekor des Clubs ist in dunkelrotem Samt gehalten und wirkt wie das

Moulin Rouge in Zeiten von Degas und Toulouse-Lautrec. Die Stimmung

ist schon gut angeheizt. Einige Menschen sehen Beth und Mackenzie sehr

ähnlich, viele haben sich Blitze über die Gesichter gemalt, andere tragen

sogar die so markanten roten Fisselhaare, die damals Bowies Markenzeichen

gewesen sind.

Die ganze Menge tanzt gerade zu Suffragette City und der Schweiß scheint

in Tröpfchen um sie zu fliegen. Es ist so unbeschreiblich warm. Und doch

drängen sich MacKenzie und Beth eilig durch die Menge.

Beth fühlt sich leicht nackt, aber den Zustand der Verklemmtheit und der

Unsicherheit hat sie mit dem letzten Glass Eierlikör irgendwo in den Untiefen

ihres Hinterkopfes verschwinden lassen. Sie grölt schon halb mit, als

sie in der Mitte ankommen. Um sie herum sich schwenkende Leiber im

roten und blauen Licht. MacKenzie und sie grinsen sich dümmlich an und

beginnen den Tanz, den sie schon seit Jahren bei solchen Anlässen tanzen.

Es ist eine Mischung aus allen möglichen Kultfilmen. Der Twist aus Pulp

Fiction, der Zeigefinger aus Saturday Night Fever, das gruselig einstimmige

Händeklatschen von RiffRaff und Magenta aus der Rocky Horror Picture

Show. Beth fühlt sich unglaublich gelöst. Das alles hier hat nichts mehr

zu tun mit dem Trauerzug von heute Morgen. MacKenzie ist nun mal eine

Naturgewalt, deren Ausmaß jegliche Art der Misere in eine riesige Glitzerwolke

aufzulösen vermag. Die Menschen und ihre Bewegungen ziehen

schon lange Schlieren vor Beths Augen und MacKenzie dreht sie und dreht

sie, er brüllt: „Schwing deinen Hintern, Darling!“

Vielleicht liegt es an all dem, dem leichten Schwindelgefühl in ihrem Magen

und der Wärme in ihrer Brust, dass sie diesem Augenblick so viel Bedeutung

beimisst, vielleicht liegt es aber auch an dem einen Gesicht, das so

plötzlich und so erstaunlich scharf aus der Menge heraussticht. Ist es ein

Junge oder ein Mädchen? Das Wesen mit seinen fast außerirdischen Zügen

ist nicht einzuordnen. Genau wie sie trägt es einen Blitz über dem Gesicht

und seine Wimpern umrahmen lang und blau die merkwürdig leuchtenden

Augen. Beth fühlt sich für einen kurzen Moment, als wäre sie einer Katze

im Dunkeln begegnet, so sehr irritieren sie diese Augen. Eine Sekunde

später ist die Erscheinung verschwunden in den Schlieren ihres trunkenen

Verstandes.

„Okay, lass uns raus, ich muuss eine rauchen!“, brüllt Mackenzie ihr überdreht

ins Ohr und sie quetschen sich durch die Menge. Beth atmet kurz

auf, währenddessen Mackenzie Papers, Filter und Tabak aus seiner kleinen

Clutch kramt und sich die erste von vielen Zigaretten in dieser Nacht zu

drehen beginnt. Beths Kopf schwirrt immer noch vom Alkohol und vom

Tanzen. Sie dreht sich kurz von Mackenzie weg, um den Rauch nicht einzuatmen,

der ihr entgegen weht.

Und da steht diese Gestalt. Jetzt erkennt Beth, dass es offensichtlich ein

Mann sein muss, denn auch er trägt einen eng anliegenden Anzug, wenn

auch einen aus rotem Samt mit Chiffon-Einsätzen. Sein Gesicht hat dennoch

sehr weibliche Züge, hohe Wangenknochen, die großen grünen Augen

mit den langen Yves-Klein-blauen Wimpern und weich geschwungene,

feminine Lippen, in Schwarz-blau geschminkt, mit einer Zigarette im Mundwinkel.

Seine Haare sind ungefähr doppelt so lang wie ihre und wehen

leicht um ihn herum wie eine Art rötlicher Heiligenschein. „Mackenzie...“,

sie tippt ihm geistesabwesend auf die Schulter. „Mackenzie, dreh‘ mir bitte

sofort eine Zigarette, ich glaube ich sehe Gespenster. Siehst du den Typen

da vorne?!“. Mackenzie, der seine Zigarette fast fertig geraucht hat, schaut

sie schmunzelnd von der Seite an und meint nur: „Aber nur dieses eine Mal

und auch nur, weil mein Feuer grade leer geworden ist, ansonsten würde

ich dich keinen Meter näher an diesen Typen lassen.“

„Gut, wir verstehen uns. Gott, ich brauche so dringend jemanden, damit

ich mir Ihn aus dem Kopf vögeln kann.“

„You go girl!“, Mackenzie drückt ihr die verkrüppelte Selbstgedrehte in die

ausgestreckte Hand.

Beth atmet noch einmal tief durch, schiebt sich die Zigarette in den rechten

Mundwinkel und schlendert dann betont lässig zu dem Typ am anderen

Ende des Innenhofes.

„Hey, hast du zufällig Feuer?“, raunt sie ihm zu. Sie kann kaum aus seinem

Gesicht schauen, und er lächelt nur und sagt: „Du bist doch diejenige mit

der geilen Rocky Horror Nummer grad eben! Klar hab ich Feuer.“

Und mit dem Glimmen des Papiers am anderen Ende ihrer Zigarette weiß

Beth, dass dieser Tag vielleicht doch noch ein gutes Ende nehmen könnte.

38


In langen Zügen atmet sie den Rauch ein. „Beth“, sagt sie, und streckt die

Hand aus. „Anji.“ Seine Augen scheinen sich in ihren zu verhaken und die

Pupillen weiten sich.

Als Beth am nächsten Morgen aufwacht, klebt ihr Morphsuit wie eine zweite

Haut an ihren Beinen. Der Körper neben ihr strahlt angenehme Wärme

aus und sie hört nur das sanfte Geräusch schlafender Atemzüge. Ihr Hals

ist kratzig vom Rauch und sie spürt, dass der viele Eierlikör sie nicht unbeschadet

gelassen hat. Auf Zehenspitzen steht sie auf und macht sich auf die

Suche nach einem Bad. Die Dielen knarren gefährlich unter ihren Füßen,

doch die Atemzüge vom Bett bleiben im selben gleichmäßigen Rhythmus

wie zuvor. Sie schaut sich unsicher im Raum um. Zu ihrer Linken steht ein

Bücherregal, auf dessen oberen Leiste alte Schallplatten und ein Plattenspieler

platziert wurden. Dahinter ein einfacher Kleiderständer mit einer

bunten Mischung an Klamotten, eine alte Biker-Jacke nachlässig über die

Bügel geworfen, darunter eine Sammlung verschiedenster Herrenschnürschuhe

und ein einziges paar Glitzer-Plateau-Stiefel, die hatte er gestern

Abend an. Auf der anderen Zimmerseite steht links neben der Tür eine

weiße Fender plus Verstärker und Equipment. Daneben auf der anderen

Seite der Tür ein kleiner, wohl selbstgebauter Schreibtisch, auf dem ein mit

Band-Stickern und Sprüchen beklebter Mac Pro, ziemlich verkratzt und aus

irgendeinem Grund angestaubt, summt. Über dem Schreibtisch hängt ein

Plakat von den Doors und eine kleine veraltete Weltkarte auf denen Stecknadeln

Telefonnummern befestigen.

Sie öffnet die Tür und tritt auf einen engen, chaotischen WG-Flur, an den

sie sich von gestern Nacht noch nicht erinnern konnte. Die Wände sind

vollgestellt mit alten Büchern, verdreckten Schuhen und Jacken, die einfach

in irgendeine Ecke geworfen wurden. Zu beiden Seiten flüchten sich Türen,

eine davon müsste das ersehnte Bad sein. Vorsichtig manövriert sich Beth

an den Bücherstapeln (Sie entdeckt Titel wie „Die Pest“ in Originalausgabe

oder „Staatsphilosophie nach Hegel“ und andere Schinken) vorbei. Das

Bad findet sie nach vorsichtigem Lauschen hinter der letzten Tür, es ist nur

ein ganz schmaler ungemütlicher Gang, wie es bei Altbauten manchmal so

üblich ist. Auch hier ist wieder alles sehr chaotisch. Auf dem Waschbeckenrand

stehen noch die Farbtöpfchen und Lippenstifte von vermutlich gestern

Abend. Im Spiegelschrank diverse Männerdüfte und erstaunlicherweise anklebbare

Wimpern und Make-Up, neben einem Nassrasierer, Schaum und

Zahnbürste. Dabei wohnt hier doch gar keine Frau. Beth zuckt die Schultern

und schließt den Schrank wieder.

Ihr entfährt ein Seufzer als sie ihr Gesicht sieht. Die Haare stehen mal wieder

zu allen Seiten ab und zur verschmierten Schminke kommen unzählige

Knutschflecken und Schlafnarben, die sie hilflos versucht, wegzuwaschen.

Sie sieht aus, als ob sie drei Tage nicht geschlafen oder bei illegalen Straßenkämpfen

mitgemacht hätte.

Als sie die letzten Schminkreste entfernt und die Haare mit Wasser zurückgegelt

hat, greift sie zu Anjis Schminkutensilien.

Sie deckt gerade die blau-grünen Knutschflecken an ihrem Hals ab, als

hinter ihr die Tür aufgeht und eine verschlafene Gestalt mit grauser Post-

Koital-Frisur ins Bad tritt. „Guten Morgen, Lady Stardust“, grummelt er, umarmt

sie von hinten und beginnt von neuem blau-grüne Flecken an ihrem

Hals zu erzeugen. „Guten Morgen, Iggy Pop“, erwidert sie und ist für einen

Moment verwundert, wie grauenvoll ihre Stimme doch klingt, so dass sie

ihn nicht daran hindert, weiter zu machen.

Sie verlässt seine Wohnung um 15 Uhr mit einem unbestimmten Schmerz

im Kopf und wunden Füßen. Seine Nummer klebt in verschmiertem rotem

Lippenstift unter der zweiten Haut des Morphsuits auf der Innenseite

ihres linken Beines. Er hat ihr seine Lederjacke geliehen. Das muss wohl

bedeuten, dass sie sich wieder sehen werden. Mit einem Lächeln auf dem

geschwollenen Mund stöpselt sie ihre Kopfhörer in ihren Mp3-Player und

zieht die dicken schwarzen Muscheln über ihre Ohren. Sie spürt den leichten

Muskelkater in der Hüfte, als sie im Takt der Musik nach Hause läuft.

IMPRESSUM

Kalbenser Fliegenklatsche

Herausgeber:

Marko Kühnel

Gardelegener Straße 28

39624 Kalbe Milde

Mail: fliegenklatsche-kalbe@online.de

Web: Fliegenklatsche-Magazin.de

Tel: 039080 40946

Ausgabe 02, Dezember 2015 mit Beiträgen von:

Karola Pfandt - Zeichnungen auf Seite 08, Seite 28, Seite 29, Seite 33 und Seite 36

Adrian Kenyon - Seite 06 - adriankenyon.com (Merci beaucoup!)

Lena Teresa Flohrschütz - cargovalley.com - lenateresaflohrschuetz.com

Ilka Erl - Seite 30 - inklusive einem schönem Regenbogenfoto von Anna Ebeling

Ajmal und Shakila Sahak - ihre Geschichte wurde notiert von M.K.

Herr Doktor Pirat - piratentagebuch.tumblr.com

Jens Eichenberg - eichenberg-naturstein.de

Etzekiel van Blubberich & Herr Tutan

Patrick Amelie Becker - thewasteland.de

Michael Körner - koerner-foto.de

Cathleen Hoffmann - Seite 19

Gesa Kolb - feegesa.tumblr.com

Alisa Tretau - alisatretau.net

Lisa Wiedemuth

Vielen Dank für eure tiefgründigen, scharfsinnigen und mutigen

Beiträge. Ich war echt überwältigt, dass dieses kleine Magazin euch

so viel Zeit und Hirnschmalz wert war. Ja, ihr seid echt großartig und

nein, Gage gibt‘s natürlich wieder nicht. Aber seid nicht traurig. Ihr

wisst doch, wo jederzeit ein schales Bier, eine Magnumflasche Wein

und ein paar tröstende Worte am Feuerchen auf euch warten.

Ebenfalls möchte ich mich bei meiner guten Mutter fürs Korrekturlesen

bedanken. Damit übernimmt sie freiwillig die Schuld an allen

übersehenen Vehlern in diesem Heft. Und natürlich geht noch ein

Dank raus an meine kleine Friseurin, die so viel Geduld mit mir hat.

Hat sie in diesem Heft etwas besonders gefreut oder geärgert. Oder

sie möchten auch gern einen, wie auch immer gearteten Beitrag in

der Fliegenklatsche veröffentlichen - dann schreiben sie bitte einen

Brief oder eine Mail an die oben genannte Adresse.

Ich freue mich auf Post von Ihnen!

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Ich würde gern in einer Solidarität wohnen. In einem

Schrebergarten ohne Hecken, mit eurer großen Liebe.

Und dann will ich nichts mehr kaufen müssen. Ich will

dem Kapital die Zunge in den Hals stecken und es so

tief drinnen kitzeln, bis es schwach wird. Ich würde

gerne den großen Zaun im Meer abreißen und die Zwischensprache

lernen. Ich wäre gerne wirklich farbenblind.

Ich brauche ein Leben, das fließt wie ein Bach

in Schleswig-Holstein. Ich möchte mit Finanzhaien um

die Wette tauchen und ihnen das richtige Maß um die

Ohren hauen. Ich will uns nicht verbrauchen. Ich hätte

wirklich gerne DREAMS ARE MY REALITY selbst komponiert.

Das Wort Identität möchte ich nie wieder hören.

Ich brauche ein Leben, das nur mit euch funktioniert –

könnt ihr mich umarmen, dass es unter die Haut geht?

Alisa Tretau

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