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kalbenser Fliegenklatsche

Bd.02 "das Untergrundmagazin für von innen Tätowierte"

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fliegenklatsche<br />

Ausgabe 02<br />

Winter 2015/16<br />

das Untergrundmagazin für von innen Tätowierte<br />

Auf<br />

in die<br />

Abgründe!<br />

ein seltsamer gast Der Balkon Notizen einer Flucht<br />

First sight amy Generalverdacht Das Begeisterhaus<br />

Das Berlin ABC Eiskristallnacht Kaffee se pätschwörk<br />

storri Artübergreifende Tierpartnerschaft Collage<br />

Zeichnungen Fotografie Papierflieger und allerhand<br />

Abgründiges Darauf können sie Gift nehmen


Liebe Leserinnen und Leser,<br />

ist ganz schön ungemütlich geworden, vor der Tür.<br />

Da zieht man sich doch lieber zurück ins Kämmerlein<br />

und geht seinen Hobbys nach. Das müssen die anderen<br />

auch nicht immer wissen, womit man sich so<br />

beschäftigt, oder?!<br />

Als mir neulich in meinem geheimen Keller die Forschungsobjekte<br />

ausgingen, dachte ich so bei mir:<br />

„Schreib doch ein paar Freunden und gib ihnen eine<br />

sinnvolle Aufgabe. Dann haben wenigstens DIE keine<br />

Langeweile mehr.“<br />

Einige Zeit danach erreichten mich diverse merkwürdige<br />

Beiträge, die mir zum Teil erschreckende Einblicke<br />

in das Seelenleben meiner Bekanntschaft gewährten.<br />

Da diese intimen Bekenntnisse mich ja nun<br />

eigentlich gar nichts angehen, habe ich beschlossen,<br />

die gesammelten Werke in einem Heft der Öffentlichkeit<br />

zugänglich zu machen. Weiß ich doch selbst am<br />

besten, wie spannend es ist, in der schmutzigen Wäsche<br />

anderer Leute herumzuwühlen. Und da bin ich<br />

auch gleich auf Sie gekommen. Denn durch einige<br />

kleinen Recherchen im Netz, wusste ich bereits ziemlich<br />

genau, wie Sie so ticken. Es ist ja höchst erstaunlich,<br />

wie leicht man ihre Adresse, ihr Kaufverhalten<br />

und ihre anderen kleinen Geheimnisse heraus bekommen<br />

kann. Alter Schwede, bin ja fast rot geworden<br />

und ganz sicher, dass Sie die vorliegende Lektüre<br />

auch interessieren wird. Denn obwohl meine Freunde<br />

natürlich keinen Cent für ihre Arbeit kriegen, haben<br />

sie sich wie besessen in das Projekt gekniet und ganz<br />

wunderbare Beiträge abgeliefert.<br />

Es macht schon Spaß, Sie hier so ein bisschen vollzutexten,<br />

hat doch meine Geltungssucht schon wieder<br />

die Tastatur übernommen. Sie wünscht sich dass<br />

Sie dann später sagen, wie toll das Heft gelungen ist.<br />

Ich würden dann nur milde abwinken: „Ach, ist doch<br />

nichts besonders.“ Und Sie so: „Und bescheiden sind<br />

Sie auch noch!“ Und ich wieder: „Ja wissen Sie, ich<br />

war schon immer so bescheiden. Und das, obwohl<br />

ich so gut aussehe. Ich weiß auch nicht woher das<br />

kommt.“<br />

Natürlich könnte ich noch ganz viele Weisheiten in<br />

diesem Text hier niederschreiben, das wäre gar kein<br />

Problem für mich, aber langsam hab ich keine Lust<br />

mehr. Vielleicht tu ich stattdessen so, als würde ich am<br />

Rechner was ganz wichtiges nachschlagen und schau<br />

mir derweil ein noch paar Schmuddelbildchen an.<br />

Sie können ja dann auch langsam weiter blättern,<br />

hier gibt es nämlich nichts mehr zu sehen.<br />

Neue Erkenntnisse wünscht<br />

Marko Kühnel


Alisa Tretau<br />

first sight Amy<br />

4<br />

4


Ich war nie sonderlich an Popmusik interessiert,<br />

ich hatte immer Besseres zu tun, und zu hören.<br />

Wahrscheinlich war die erste Begegnung deshalb<br />

so intensiv. Als wäre etwas vom Himmel gefallen,<br />

direkt auf meinen Kopf, und die Zeit blieb stehen.<br />

Vielleicht nicht so first sight, aber immerhin first<br />

night. War das wirklich die einzige Nacht, die wir<br />

zusammen verbrachten?<br />

Wir haben die ganze Zeit geredet, und in den Lücken<br />

zwischen den Wörtern stand noch viel mehr,<br />

unsagbares, unheimliches. Kennst Du das auch?<br />

Hast du das schon mal gehört? Unglaublich.<br />

Ich konnte es danach nie verstehen, dieses Bild,<br />

das sie von sich gezeichnet hat in der Öffentlichkeit.<br />

Können Äußeres und Inneres wirklich so weit<br />

auseinander klaffen? Was ist dazwischen? Wie weit<br />

müssen die Organe sich strecken, damit Schale<br />

und Kern noch zusammenhalten?<br />

Vielleicht hat sie doch überlegt bei mir zu bleiben.<br />

Aber nein, es wussten immer schon andere, die<br />

Typen im Hintergrund, was besser für sie wäre.<br />

Besser als was? Als Saft an der Nordsee, ein ruhiges<br />

Leben, vielleicht ab und zu ein Konzert auf<br />

einem Butterschiff?<br />

So ein Leben wollte sie nicht, aber ich bin mir bis<br />

heute nicht klar darüber, warum sie nicht einfach<br />

mal nein! gesagt hat, aufgestanden ist, die Show<br />

unterbrochen hat, ab ins Rehab.<br />

So einfach ist das nicht, hat sie gesagt, und dass<br />

sie auch gerne darüber lachen würde.<br />

Aber die unsichtbaren Fesseln tun auch weh, und<br />

die Ordnung am Tisch ist fixer, als Du glaubst.<br />

Ich bin aufgestanden, habe den Strandkorb<br />

verlassen: „Guck, so einfach ist das!“.<br />

Auch darüber hat sie nicht gelacht, nein, sie hat<br />

geschrien. Richtig beschimpft hat sie mich:<br />

„Du gefühllose Zwiebel, verstehst Du nicht, dass<br />

ich mich nicht einfach so schälen kann wie du? Das<br />

ist kein Faschingskostüm, das ich ablegen kann,<br />

und mich dann unter die glücklichen Partycocktails<br />

mischen! Natürlich geht es allen anderen mieser<br />

als mir, und meine Songs machen auch keine Hoffnung,<br />

aber das Schlimme daran ist, dass die Zeit<br />

so schnell vergeht!<br />

Und ich habe kein Land in Sicht, keinen Rückzugsraum.<br />

Safe Space, was soll das sein? Hast Du die<br />

letzte Folge gesehen?“<br />

Und als sie dann über den Strand wegrannte,<br />

musste ich trotzdem darüber lachen, dass sie ihre<br />

Stöckelschuhe nicht ausgezogen hatte, die ganze<br />

Zeit nicht, und jetzt im graunassen Sand versank.<br />

„So fix kann deine Rolle doch gar nicht sein!, rief<br />

ich ihr hinterher, Arnold Schwarzenegger hat sein<br />

Image auch geändert bekommen!“<br />

„Ich bin aber kein weißer reicher Österreicher, der<br />

alle für dumm verkauft, du Arschloch!“, brüllte sie<br />

aus der nebeligen Ferne. „Mein Image ist keine<br />

CD-Hülle zum Wegschmeißen!, ich hab das in mir<br />

Drinnen.“<br />

Und dann war sie verschwunden,<br />

in der Nacht oder im Meer.<br />

Ich habe mir ihre CD gekauft, und wäre gerne zu<br />

ihrer Beerdigung gegangen, um irgend jemandem<br />

eine runterzuhauen. Stattdessen habe ich einen<br />

Song geschrieben:<br />

Beate Körner<br />

Medienkünstlerin, *1987 in Weimar<br />

lebt und arbeitet in Reykjavík<br />

www.beatekoerner.de<br />

you. me. we. us. they. them. no.<br />

du ich wir uns, die euch? nein.<br />

Wenn ich nach Bindelücken suche<br />

finde ich nur Grenzen<br />

Ich versteh es nicht, dass schon ein Blick genügt,<br />

ein Verweis, das ist nicht mein Gebiet.<br />

Da sitzt schon du, und du bist euch, nicht ich und wir und uns.<br />

Lieber mal die Klappe halten, nicht wissen, was das soll.<br />

Der Weg zusammen endet hier, auch wenn er weiter rollt.<br />

5<br />

5


6


Der Balkon<br />

von Lisa Wiedemuth<br />

„miner earthquake“ von Adrian Kenyon<br />

Als Kind taumelte ich nicht, als Kind war Tollen angesagt.<br />

Es gab kein zu hoch, kein zu tief, keine Dimension des<br />

Fallens, nur die Neugier. Wenn ich früher in der Neubauwohnung<br />

meiner Oma am niedrigen Balkongeländer<br />

stand und aus dem 10. Stock in das Unten schaute, dann<br />

war das Unten ziemlich interessant, aber weniger angsteinflößend.<br />

Wenn ich heute, jetzt an diesem Geländer<br />

stehe, dann schaue ich lieber geradeaus. Ich glaube, so<br />

funktioniert das Erwachsenwerden. Ja, bloß nicht nach<br />

unten schauen, lieber geradeaus, in kühnen Momenten<br />

vielleicht sogar nach oben. Aber bloß nicht nach unten<br />

schauen und wenn doch, dann beginnt das Taumeln. Die<br />

Dimensionen haben sich verschoben, ich bin vielleicht<br />

größer geworden, aber vielmehr hat sich die Wahrnehmung<br />

des Fallens verändert. Ich stehe am Geländer und<br />

habe das Gefühl, ich ziehe mich selbst in die Tiefe, doch<br />

mein Oberkörper stemmt sich dagegen. Diese Mischung<br />

aus ungewollter Versunkenheit und kaltem Schweiß verursacht<br />

meistens Schwindel. Spätestens dann trete ich einen<br />

Schritt zurück oder schaue wieder geradeaus. Man kann<br />

das sicherlich Höhenangst nennen. Aber ich nenne es das<br />

Erwachsenwerden. Das Fallen wird real, weil man es kennengelernt<br />

hat. Während ich am Geländer im 10. Stock in<br />

der Neubauwohnung meiner Oma stehe und geradeaus<br />

schaue, beginnt diese hinter mir vom Absturz der Welt zu<br />

sprechen. Die fortdauernde Geschichte ist einen Schritt zu<br />

weit in die falsche Richtung gegangen und nun beginnen<br />

wir zu taumeln, derzeit noch schwer merklich, aber bald<br />

beginnt der Fall. Meiner Meinung nach haben wir zu viel<br />

geradeaus geschaut. Aber das behalte ich für mich. Ich<br />

wage vieles noch nicht auszusprechen, weil es noch nicht<br />

zu Ende gedacht ist. Also lieber von Anfang denken...<br />

Das Kindsein, das Erwachsenwerden. Laut Allgemeinplätzen<br />

besteht der Übergang aus dem Anstieg täglich wachsender<br />

Verantwortung. Aber wer berücksichtigt den Anstieg<br />

der Summe von Denkzetteln, die dich so richtig vom<br />

Geländer geschubst haben? Sie haben geschubst, während<br />

du geglotzt hast. Du lernst das Fallen kennen und sie<br />

springen mit einem Lachen hinterher. Unten angekommen<br />

versuchst du dich aufzurappeln und kurioserweise schaffst<br />

du es. Wenn du dann aber beim nächsten Mal im 10.<br />

Stock am Geländer stehst, dann schaust du lieber nicht<br />

nach unten. Denn da unten liegen die Denkzettel wie Laub<br />

auf dem Asphalt verstreut und sobald du sie siehst, beginnst<br />

du zu taumeln. Also lieber geradeaus schauen. Wir<br />

schützen uns und lösen uns damit auf. Die Geschichte ist<br />

ganz besonders schnell erwachsen geworden, ein Denkzettel<br />

nach dem anderen, aber sie wagt es nicht hinab zu<br />

schauen. Während der Mensch sich - seit er sein erstes<br />

Werkzeug in die Hand genommen hat - exponentiell weiterentwickelt,<br />

indem er nämlich ein Werkzeug auf dem anderen<br />

aufbaut, findet ein entscheidender Faktor nicht die<br />

gleichen Ausmaße in der Entwicklung: Der Humanismus.<br />

Aber genau den findet man nicht am Horizont. Er liegt in<br />

dem Laub herabgefallener Denkzettel. Und deswegen sind<br />

wir mit unserem eigenem Geradeaussichtschutz für ziemlich<br />

viel verantwortlich. Das fängt bei uns an und hört in<br />

der Geschichte auf. Wenn wir tagsüber nach unten schauen,<br />

dann ist das maximal ein Blick auf unser Smartphone,<br />

nachts wagen wir ungewollt in unseren Träumen einen<br />

Blick in die Tiefe. Wir machen uns selbst Angst, denn wir<br />

wollen funktionieren, besser werden, sicher sein, aber keinesfalls<br />

einen Schritt zu viel wagen. Und bloß nicht fallen.<br />

Meine Oma spricht vom Absturz der Welt. Sie hätte den<br />

Kommunismus erlebt. Bringt nichts. Der Kapitalismus?<br />

Bringt uns maximal unser Grab. Eine Alternative? Gibt es<br />

nicht! Ich stehe im 10. Stock der Neubauwohnung meiner<br />

Oma am Geländer und zwinge mich herabzuschauen,<br />

das Taumeln zu genießen. Und falls mich ein Denkzettel<br />

aus dem 10. Stock schubst, dann steh ich halt wieder auf.<br />

Damit denke ich zu Ende.<br />

7


8


Tja, hmmm... der Abgrund also, wie? Puh! Ähm. Naja, so ein Abgrund... naja, der ist... der hat schon etwas recht Abgründiges, so ein Abgrund.<br />

Womit ich ihm natürlich keineswegs zu nahe treten möchte. Oh man! Puh! Ääh... Ääh-hähähä... Tatsache ist jedenfalls, dass so ein Abgrund einen<br />

‚Ab‘ und einen ‚Grund‘ hat. Das wäre ja schon mal was... was man dann hat! Was gibt es darüber hinaus noch zu sagen? Ähm, naja vielleicht<br />

noch... Vielleicht könnte man noch sagen, dass es was mit Oben und... und mit ziemlich weit Unten zu tun hat. Und vielleicht noch, dass man davor<br />

besser Warnschilder aufstellen sollte, da ja ziemlich weit Unten eher schlecht für die Gesundheit ist, wenn man von Oben kommt, also sozusagen<br />

in Fallgeschwindigkeit... Wenn man zu Fuß gehen kann ist das natürlich umgekehrt. Ich habe nämlich gehört, müssen Sie wissen, Klettern und<br />

Treppensteigen soll ja sehr gesund sein. Ähm... Sagt auch mein Arzt. Tja, das wäre dann schon so ziemlich Alles, was es darüber zu sagen gibt,<br />

beziehungsweise, was ich darüber zu sagen wüsste...<br />

Naja... Hmmm... Ähm...<br />

Hübsch hier!<br />

Ähm... äh!<br />

Oh mein Gott! Was zur Hölle ist denn das für ein riesen Ding, da hinter Ihnen...<br />

Ein interaktiver Text<br />

zum Thema ‚Abgrund‘<br />

Einleitung: Ungeachtet des Umstandes,<br />

dass der Trick wirklich uralt<br />

ist, ist es doch immer wieder erstaunlich,<br />

wie oft er trotzdem funktioniert.<br />

Fangen wir also noch mal ganz von<br />

Vorn an. Dieses mal hübsch geordnet.<br />

Zunächst einmal die Definition. Sie<br />

lautet wie folgt: was in die Tiefe hinab<br />

führt / was ohne Grund ist.<br />

Soweit zur Definition. Sie haben es<br />

sicher alle bemerkt. Da hat der Definator<br />

aber mal einen schwungvollen<br />

Tritt in den schönsten Haufen Hundeexkremente<br />

getan. Denn, wie mein<br />

Vorredner so eloquent zu verdeutlichen<br />

wusste, das Wort selbst enthält<br />

den Terminus ‚Grund‘, und es dann<br />

als Etwas zu definieren, das ohne<br />

Grund ist, lässt einen doch sehr am<br />

Erkenntnisvermögen der betreffenden<br />

Person zweifeln. Es sei denn, er oder<br />

sie meinte Etwas, das ohne einen triftigen<br />

Grund existiert.<br />

Aber das wäre doch wohl sehr weit<br />

hergeholt und zu abstrakt, für eine<br />

so popelige Definition. Oder ich irre<br />

mich total und der Grund wird im<br />

Wort verwendet, um ausdrücklich auf<br />

sein Fehlen hinzudeuten. Ich gehe jedoch<br />

nicht... ähm, sehr davon aus*.<br />

Lassen Sie mich dem oben genannten<br />

missglückten Versuch einer Definition,<br />

meine Eigene entgegenstellen.<br />

Sie ist etwas umfänglicher, aber dafür<br />

ist das Thema danach erschöpfend<br />

behandelt oder verfehlt. Das bleibt<br />

ganz Ihrem wohlmeinenden Urteil<br />

überlassen, werter Leser. Sie sehen<br />

heute übrigens hinreißend gut aus.<br />

Haben sie abgenommen? Oh ja, das<br />

sieht man. Wussten Sie eigentlich,<br />

dass ich Sie schon immer für sehr intelligent<br />

gehalten habe?<br />

*Andererseits muss man die Möglichkeit, dass man sich irren<br />

könnte, selbstverständlich jederzeit und unbedingt in Erwägung<br />

ziehen. Sonst braucht man sein Gehirn gar nicht erst zu bemü<br />

hen. Dann reicht es, es einfach auf BIOS laufen zu lassen.<br />

Es gibt sogar Leute, die kommen wunderbar ganz ohne aus.<br />

Der ‚Abgrund‘ ist im eigentlichen<br />

Sinne eine philosophische Metapher.<br />

Etwas, auf dessen vertikalen Verlauf<br />

eine horizontale Endgültigkeit folgt,<br />

die in jedem Fall negativ besetzt ist.<br />

Er wird im Allgemeinen, nach einem<br />

entsprechend langen Fall aus unbestimmter<br />

Höhe, mit der Aussicht auf<br />

einen sehr harten bis sehr tödlichen<br />

Aufschlag assoziiert.<br />

Soll heißen: Wenn sich vor einem ein<br />

Abgrund auftut, ob im Leben oder<br />

der mentalen Verarbeitung eines lebensbezogenen<br />

Themas, ist man nur<br />

selten geneigt „Jippie!“ oder „Juchu!“<br />

zu rufen. Es sei denn, die Überlegung<br />

oder das Leben halten den Abgrund<br />

für Jemanden bereit, den man gar<br />

nicht oder sehr gut kennt... und der es<br />

echt verdient hat. Dann wäre „Jippie!“<br />

und „Juchu!“ natürlich durchaus eine<br />

Option.<br />

Ich glaube, ein Bergsteiger wird sich<br />

höchstwahrscheinlich nie in folgender<br />

Weise äußern „Dort vorn, an des<br />

klaffenden Abgrunds Schlund, nehmwa<br />

die überhängende Steigung zum<br />

Basislager zwee und kieken ma, ob<br />

uns die Andan wat zu futtern übrich<br />

jelassen ham!“ Und ganz sicher würde<br />

er auch darauf verzichten, dabei<br />

eine theatralische Geste zu machen<br />

– ungefähr so – und den Abgrund unheilschwanger<br />

zu betonen. Und auch<br />

das Wetter unterließe es, an diesem<br />

Punkt einen grollenden Donner rumoren<br />

zu lassen. (Schade!) Ich glaube<br />

Bergsteiger unterscheiden in erster Linie<br />

Schluchten, Felsgrate, Steigungen,<br />

Spalten, abfallendes Gelände, Steilhänge,<br />

Berge und Täler voneinander.<br />

Zum Abgrund werden diese erst,<br />

wenn man über der Tiefe hängt und<br />

derjenige, der die Sicherungsleine<br />

hält, Aussagen formuliert wie „Was<br />

passiert wohl, wenn ich diesen Splint<br />

hier entferne!“ oder „Was ist das eigentlich,<br />

wenn ich so ein heftiges<br />

Stechen in der Brust habe, das so<br />

ein bisschen in den linken Arm ausstrahlt?“<br />

Nur so wird ein kleiner Kletterausflug<br />

an der frischen Luft, zum<br />

dramatischen Überlebenskampf über<br />

dem Abgrund. Kurz gesagt: der Abgrund<br />

findet in unser Psyche statt.<br />

Denn Dinge sind nur Dinge. Aber<br />

unser Denken kann sie zu etwas anderem<br />

machen, zu unserer ganz persönlichen<br />

Hölle der Angst. Dennoch<br />

ist es der einzige Abgrund mit einem<br />

tatsächlich physikalischen Bezug.<br />

Das ist nämlich der Knackpunkt.<br />

Komplizierter werden die Sachen erst,<br />

wenn es um die inneren Abgründe<br />

eines Jeden von uns geht.<br />

9


Welche Abgründe so ein Zombie hat, das weiß ich nicht.<br />

Aber vielleicht ist er selbst Einer, für die, die ihm in einer<br />

dunklen Seitenstraße begegnen<br />

Denn genau genommen gibt es gar<br />

keine Anderen. Aber immer mit der<br />

Ruhe! In solchen Fällen helfen die<br />

ordnenden Eigenschaften von Kategorien.<br />

Jetzt mag der Eine oder Andere<br />

einwenden, das sei eine vornehme<br />

Umschreibung für ganz banales<br />

Schubladendenken. Darauf kann ich<br />

nur folgendes erwidern: Das mag tatsächlich<br />

so sein. Ich mag Schubladen<br />

eben. Es gibt nichts auszusetzen an<br />

Schubladen. Man kann seine Socken<br />

und Unterhosen darin aufbewahren.<br />

Wie dem auch sei... Meine Lieblingskategorie<br />

in dieser Hinsicht ist<br />

natürlich die künstlerische Gestaltungsform.<br />

In der Literatur, im Film<br />

und im Theater ist der Abgrund allgegenwärtig.<br />

Das hängt vor allem mit<br />

der Notwendigkeit zusammen, die<br />

Geschichten, die dort erzählt werden,<br />

dramaturgisch aufzuwerten. Denn<br />

was macht einen Roman, eine Komödie<br />

oder ein Drama überhaupt erst<br />

interessant? Eigentlich immer nur ein<br />

simples Prinzip – Der Konflikt. Ohne<br />

Konflikt ist alles nur eine zufällige Abfolge<br />

von Ereignissen, ein endloser<br />

Strom gleichförmig eintöniger Vorkommnisse.<br />

Der Abgrund in uns, macht unsere<br />

Geschichten erzählenswert. Ohne<br />

unsere Abgründe sind wir einfach<br />

nur langweilige Personen, die langweilige<br />

Tatsachenberichte abliefern.<br />

Nicht umsonst lügen die meisten Leute<br />

nicht, um Schwierigkeiten aus dem<br />

Weg zu gehen, sondern sie erfinden<br />

Geschichten, um als interessant zu<br />

gelten.<br />

Friedrich Nietzsche hat zum Abgrund<br />

wohl den denkwürdigsten Satz verfasst<br />

und ihm damit sozusagen ein<br />

Denkmal geschaffen. „Wenn du lange<br />

genug in den Abgrund blickst, blickt<br />

der Abgrund auch in dich hinein.“<br />

Jeder, der mal deprimiert war, kann<br />

etwas mit diesem Satz anfangen.<br />

Und, mal ehrlich, wer von uns war<br />

noch nie deprimiert?<br />

Dieser Satz allein kann eine seichte<br />

Melancholie in eine ausgewachsene<br />

depressive Phase ausarten lassen.<br />

Womit wir schon wieder beim Seelenleben<br />

des Menschen wären. Denn<br />

dessen psychische Entsprechung eines<br />

Abgrundes, ist natürlich die Depression.<br />

Jeder der schon mal eine<br />

hatte, wird sich wünschen, das nicht<br />

noch mal durchmachen zu müssen.<br />

Nicht alle haben das Glück, dass<br />

dieser Wunsch in Erfüllung geht. Aber<br />

abgesehen von all ihren unangenehmen<br />

Eigenschaften fand ich doch einen<br />

Effekt, den sie mit sich brachte,<br />

sehr interessant. So eine Depression<br />

nimmt dir sehr Viel. Zum Beispiel die<br />

Lust zu leben, Freude, den Hunger,<br />

den Antrieb für Dich selbst zu sorgen,<br />

oder auch nur das Bett zu verlassen-<br />

Aber sie gibt dir auch Etwas. Eine<br />

einzige Sache -<br />

und zwar Erkenntnis.<br />

Die Erkenntnis von der Sinnlosigkeit<br />

aller Dinge. Das mag sich für Sie<br />

extrem deprimierend anhören. Ist es<br />

aber eigentlich nicht. Es ist so befreiend,<br />

wie eine letzte Gewissheit. Wie<br />

eine Ahnung von ultimativer Freiheit.<br />

Selbst der eigene Tod wäre sinnlos.<br />

Warum sich also umbringen? Hat ja<br />

doch keinen Sinn... Und dann, wenn<br />

man sich aus dem Sumpf der Depression<br />

und Selbstzerfleischung wieder<br />

heraus gearbeitet hat, ist es diese<br />

Erkenntnis, die bleibt. Sie war mir im<br />

Leben immer ein nützlicher Begleiter.<br />

Sie rückt die Dinge in ein geordnetes,<br />

emotionsloses Licht, so das man,<br />

ohne von Chaoshormonen gesteuert<br />

zu werden, Entscheidungen treffen<br />

kann, die getroffen werden müssen.<br />

Außerdem hilft sie in Unterhaltungen<br />

mit lästigen Klugscheißern, den besten<br />

aller Gesichtsausdrücke aufzusetzen,<br />

den man in einer Unterhaltung<br />

mit Klugscheißern aufsetzen kann.<br />

Ein Gesichtsausdruck, der jede dieser<br />

selbstgefälligen, kleinen Pappnasen<br />

aus der Haut fahren lässt<br />

Queen. Eine der schrecklichsten Rockgruppen der Welt.<br />

In der Weite des Alls liegt der Abgrund egal in welche Richtung. Die gute Nachricht ist, egal welche<br />

Richtung, führt auch von ihm weg.<br />

10<br />

Von unten betrachtet kann ein Abgrund auch sehr hübsch sein, um nicht zu sagen pittoresk.


oder sie zumindest sehr nervt, was ja<br />

auch seinen Reiz hat. Glauben Sie<br />

mir, ich weiß wovon ich rede; ich bin<br />

selber so Einer. Dieser mimische Zaubertrick<br />

ist einer meiner persönlichen<br />

Favoriten und rangiert gleich hinter<br />

„Ach! Ist das so?!“ (mit einem herablassenden<br />

Halblächeln vorgetragen)<br />

und heißt: Ich weiß mal was, was du<br />

nicht weißt! (Nur nonverbal anwendbar.)<br />

Das ist die ins Gesicht gestanzte<br />

Versinnbildlichung dieser Erkenntnis.<br />

Wenn Sie wissen wollen, wie Sie diesen<br />

Gesichtsausdruck hinkriegen können,<br />

erkläre ich es Ihnen kurz: Stellen<br />

Sie sich vor einen Spiegel! Und jetzt<br />

denken Sie ganz fest an folgenden<br />

Satz: Haltet alle mal die Klappe –<br />

Ich habe recht!!! ... Nun ziehen Sie<br />

eine Augenbraue leicht nach oben,<br />

lassen Ihren Mund ein schmales, sarkastisches<br />

Lächeln umschmeicheln,<br />

kneifen die Augenbrauen zusammen<br />

und ziehen die Lider spöttisch nach<br />

oben. Und dann nicken Sie langsam<br />

und ein wenig zu melodramatisch mit<br />

dem Kopf, wie es nur ein echter Besserwisser<br />

kann. Est voila! Sehen Sie?<br />

So einfach geht`s. In Verbindung mit<br />

„Ach, ist das so?!“ ist er sogar noch<br />

viel wirkungsvoller.<br />

Städtischer Abgrund aus der Perspektive eines Selbstmordkandidaten.<br />

Kapitel 1<br />

Da wir jetzt gemeinsam und in groben<br />

Zügen geklärt haben, was es mit so<br />

einem Abgrund auf sich hat, können<br />

wir nun haarklein auseinanderklamüsern,<br />

was denn nun die Unterkategorien<br />

der Abgründe unserer Psyche für<br />

Variablen haben.<br />

Da hätten wir z.B. die abgrundtiefe<br />

Enttäuschung gegenüber allem was<br />

existiert, den abgründigen Humor; die<br />

Abgründe menschlicher Dummheit;<br />

grottenschlechte Musik; Angst vor<br />

Abgründen; abgründiges Schweigen;<br />

nah am Abgrund gebaute Häuser;<br />

immer nah am Abgrund balancieren;<br />

ein abgründiger Mensch sein; vor einem<br />

finanziellen Abgrund stehen usw.<br />

Sie merken: Bei genauerer Betrachtung,<br />

sind das alles nur Metaphern.<br />

Und noch genauer betrachtet ist mit<br />

der Einleitung schon alles gesagt, was<br />

es darüber zu sagen gibt.<br />

Kommen wir deshalb nun zum<br />

interaktiven Teil des Textes:<br />

Ihre Aufgabe ist es jetzt, sich hinzusetzen<br />

und einhundert Seiten darüber<br />

zu schreiben, warum man mit Metaphern<br />

sparsam umgehen sollte.<br />

Dieses Bild spricht wohl für sich selbst.<br />

Die Abgründe mangelnder Empathie in Verbindung mit der total bescheuerten menschlichen Eigenschaft,<br />

absolut dämliche Dinge weiter zu tun, nur weil vor ihnen schon sehr viele Andere dieselben<br />

dämlichen Dinge getan haben. Deswegen ist es auch ein Bild abgrundtiefer Dummheit, da sie für<br />

sich so, die Sache mit der Sache selbst rechtfertigen.<br />

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.<br />

P.S.: Sie sehen übrigens blendend aus!<br />

Michael Körner<br />

Der Autor hängt in den Seilen, über einem Abgrund von mindestens 2,50 m Höhe, um sich auf die<br />

Thematik vorzubereiten. Sehen Sie die Panik, die langsam von ihm Besitz ergreift?<br />

11


Se Pätschwörk-Storri<br />

Zwei kranke Federn teilen sich ein Tintenfass<br />

An einem Freitagabend verließ der Kanalreiniger-Geselle Ortwin S. die<br />

Videothek. Er hatte sich den Heimatfilm „Im Tal der nickenden Fichten“<br />

für das eingeläutete Wochenende ausgeliehen und freute sich schon mal<br />

vor. Ortwin S. bestieg seinem „SsangYong – Shoguna“, rödelte noch kurz<br />

beim örtlichen Bier-Anästhesisten vorbei und machte sich anschließend<br />

auf den Heimweg. Als er zu Hause ankam bemerkte er zunächst nichts,<br />

machte dann aber eine ziemlich unschöne Entdeckung…<br />

Als durch fortwährendes Herannahen die Dioptrinaten Ortwins ausgeglichen<br />

wurden und die Konturen des Anti-Rainers immer deutlicher erkennbar<br />

waren, hielt er plötzlich inne. Nun war der Fall klar! Es konnte<br />

sich hierbei nur um ein riesiges, nusskastensüchtiges OBI-Hörnchen handeln!<br />

Welches offenbar gerade voller Inbrunst seinen zusammengeramschten<br />

Billigkram aus dem Hagebau vertilgte. Diese Unterart des gemeinen<br />

Hornbach-Gophers war mit Vorsicht zu genießen! Dennoch durfte diese<br />

Missetat nicht ungesühnt bleiben! Der Hausherr nahm allen Mut zusammen<br />

und wog sekundenschnell ab, wie dem ungebetenen Werkzeugfresser<br />

mit dem 18er Maul am besten beizukommen wäre. Sollte er ihn martialisch<br />

mit dem Helden-Schwerte enthaupten oder ihm doch lieber tarantinomäßig<br />

langsam ein 8 Zoll-Rohr von hinten in die Muffe schrauben?!<br />

Starr vor Ehrfurcht blickten sich beide Antagonisten ins Auge. Plötzlich<br />

betrat die längst überfällige Dagmar die halb leer gefressene Werkelbude<br />

und sprach mit erhobener Stimme…<br />

Eigentlich hätte Dagmar S. schon längst Zuhause sein müssen. Eigentlich.<br />

Doch es war Freitagabend, der letzte in diesem Monat. Sicherlich befand<br />

sich die 53 jährige Lederhosenträgerin wieder in der extra angemieteten<br />

Sporthalle, um für die große Skateboard-Meisterschaft in Bielefeld zu trainieren.<br />

Es wurmte sie immer noch, dass sie von der Russin Ivanka T. in<br />

Ihrer Königinnendisziplin, dem 500m Blind-Rückwärts-Bergauf-Rollen<br />

auf einer Achse, eiskalt besiegt wurde.<br />

Das hatte sie nie verkraftet...<br />

„Verf*ckte H*renscheiße! Wo bleibt die Tante schon wieder?!“ dachte sich<br />

der Strohwitwer wider Willen unterdessen. Er schien zu ahnen, dass er sich<br />

wegen des zerfressenen Ehrgeizes seines Skater-Weibs, selbst die Bärchenwurst<br />

aufs Graubrot wummern musste. Mit einer Flasche „Södner-Pils“ in<br />

der Hand begab sich der angesäuerte Gatte auf den Weg in die Hobby-Garage,<br />

um etwas Trost beim Akkuschrauber-Streicheln zu erlangen. Doch<br />

es kam Alles ganz anders. Denn statt sich den surrenden Liebkosungen<br />

seines grünen „Bosch AK-74“ hinzugeben, sollte er Bekanntschaft mit einer<br />

fremdartigen Spezies machen, die sich unbemerkt in seinem Chrom-<br />

Vanadium-Habitat eingenistet hatte…<br />

„Rainer? Rainer, bist du es?“ fragte Ortwin mit angesäuselter Stimme.<br />

„Lang nich gesehn! Wie geht’s so?“ Keine Antwort. Das unidentifizierte<br />

Wesen mampfte scheinbar halbzollangetriebene Nüsse in sich hinein.<br />

Ortwin S. schaute nochmals genauer hin, denn er hatte seine Lesebrille,<br />

welche er bei einem Preisausschreiben des Magazins „Schau-Schau“ als<br />

Trostpreis erhielt, wiedermal auf dem Küchentisch liegen gelassen. Es war<br />

nicht Rainer!<br />

Erschrocken sprang er zurück auf den ausrangierten Autospielteppich seiner<br />

Frau Dagmar.<br />

Er schnappte sich das Erstbeste was er greifen konnte um sich damit zu<br />

verteidigen, sollte es doch zu Handgreiflichkeiten kommen. Ortwin S.<br />

hielt nun das Schwert von „He-Man“ in der Hand.<br />

Es war ein Original, welches er auf einer Comic-Convention 1994 in Tansania<br />

für schlappe 18,- Westmark erworben hatte. Dagmar hielt es für herausgeworfenes<br />

Geld und meinte stets, dass es niemals ein Original sein<br />

könne, da das echte Schwert im Besitz von Volkswagen wäre. Das hätte<br />

sie mal in „Rasant!“ gelesen, das Magazin für die extreme Dame der 90er.<br />

Ortwin S. glaubte an sein Original und lies seine Finger den glänzenden<br />

Kunststoffgriff fest umgreifen.<br />

Er wandelte nun sanft auf das Geschöpf zu...<br />

„Drück sofort auf PLAY!“ Ortwin drehte sich um und versuchte die Stimme<br />

zu orten. Er kalibrierte seinen Blick in Richtung geöffnetes Garagentor,<br />

welches komplett im Nebel stand. Schritte.<br />

Die Silhouette, die sich im Dunst ergab, wirkte stark, riesig und furchtlos.<br />

Das konnte nur Dagmar sein, das erkannte er ganz klar an ihrer Wrestler-<br />

Figur. „Du sollst SOFORT auf PLAY drücken!“ Brüllte ihn Dagmar an<br />

und deutete mit ihrem rechten Zeigefinger, welcher durch einen Surfunfall<br />

im Toten Meer leicht nach hinten gekrümmt war, auf den alten „Stern“-<br />

Kassettenrekorder. Ortwin trat einen Schritt beiseite und folgte Ihrer Anweisung.<br />

Es ertönte SANTA MARIA von Roland Kaiser. Dagmar S. war<br />

12


leidenschaftliche Leserin von Lifestyle-Magazinen, aber auch Roland Kaiser-Fan.<br />

Daher wusste sie auch, dass man ein gefräßiges OBI-Hörnchen<br />

mit Chrom-Vanadium-Sucht und einer leichten Nuss-Intoleranz nur mit<br />

Roland Kaiser für einen kurzen Moment kampfunfähig stellen kann. Der<br />

nimmersatte Hartstahl-Nager erstarrte, als hätte er Uschi Glas am FKK<br />

Strand getroffen. Doch was war das? Bandsalat! Das Lied stoppte. Aber<br />

der Allround-Sammler Ortwin hatte wie immer einen IKEA Bleistift dabei.<br />

Denn auch er litt an der weitverbreiteten IKEA-Duftkerzen-Sucht und<br />

verbrachte täglich seinen Vormittag im Einrichtungshaus. Außerdem waren<br />

jene Stifte gratis...<br />

Gelang es wohl Ortwin blitzartig die rettende Kassette aus dem ollen Sterni<br />

zu befreien und schnellstmöglich, mittels Bleistift, wieder auf Spur zu<br />

bringen? Nein, unmöglich! Das könnte in der gebotenen Eile nicht mal<br />

der Eine von Marvel schaffen! Der sichtlich unter Zugzwang geratene<br />

Ortwin brauchte einen Plan B. Seine Augen blieben aufmerksam auf den<br />

mittlerweile schwer atmenden und übelnehmenden Schädling gerichtet.<br />

Da schoss ihm ein mit Dagmar einstudiertes Ablenkungsmanöver in den<br />

Sinn. Natürlich, dass war die Lösung! Die Nummer hatten sie doch damals<br />

in Vietnam, bei der großen Eisbärenplage, bis zu Perfektion drauf gehabt!<br />

Bei diesen kleinen Kommando-Unternehmungen waren die Beiden damals<br />

stets sehr erfolgreich. Ortwin musste es versuchen. Er gab Dagmar<br />

Zeichen und routiniert verstand sie sofort. Er zählte von 3 an rückwärts,<br />

um dann den entscheidenden Angriffsbefehl zu geben. Flintenweib Dagmar<br />

war gefechtsbereit.<br />

Die Aktion lief an. „3-2-1…DAGGI, SCHLÜBBAA RUNTAA!!!“<br />

In Sekundenbruchteilen schoss das gesamte, voluminöse Beinkleid Dagmars<br />

an ihren rustikalen Sauerkraut-Stampfern herab. Als Ortwin darauf,<br />

den Überraschungsmoment nutzend, zu Holzpflock und Hammer<br />

greifen wollte, passierte etwas unerwartet Seltsames mit dem buschigen<br />

Werkbankkiller. Vollkommen Schach Matt gesetzt von Dagmars Anblick,<br />

machte das OBI-Hörnchen auf einmal Schnute, bekam starkes Bauchweh<br />

und vibrierte zusehends heftig. In der nächsten Phase blähte sich der Nager<br />

wahnsinnig stark und rasch auf. Zusätzlich fing er an furchtbar zu stinken<br />

und zu pfeifen und jede Menge Qualm stieg aus seinem Fell auf. In<br />

einer finalen Mutations-Ausbaustufe sprühten dann Funken aus seinem<br />

Hintern und die haselnussbraunen Knopfaugen wandelten sich in zwei<br />

gleißende Xenon-Klüsen, heller als die olle Brutzelfunzel.<br />

Das sah nun wirklich nicht mehr nach normalem Durchfall aus! Verhaltensbiologische<br />

Interessen hin oder her, die Lage war ernst! Ortwin und<br />

Dagmar brachten sich in Sicherheit indem sie zeitgleich und in Slow Motion<br />

hinter die „Privileg“-Gefrierkombination sprangen. GERONIMO! In<br />

derselben Sekunde folgte dann dem ganzen Getöse ein schallender, dumpfer<br />

Soundeffekt. PFOOFFF! Dann kehrte Stille ein. Hustend und wedelnd<br />

kamen Dagmar und Ortwin, im total verqualmten Hobbyraume, aus ihrer<br />

Deckung. Was war nur geschehen? Ha, der blöde Pummel-Biber war<br />

umweltfreundlich implodiert! Der Feind war besiegt! „Da haben wir aber<br />

nochmal Glück gehabt, was?!“ schnaufte Ortwin durch. „Das hätte auch<br />

einen ganz hässlichen Brandfleck in der Dachpappe geben können.“<br />

Als sich der Qualm langsam legte, sahen sie vollends was passiert war. An<br />

der Stelle wo der doofe Werkzeugmampfer devitalisiert wurde, stationierte<br />

sich nun eine wunderschöne, tschechische Standbohrmaschine aus den<br />

50‘ern. „Ja geil!“ staunte Fachmann Ortwin. Von der „Czèchloch T35“ gab<br />

es doch eigentlich nur noch zwei Exemplare auf der Welt! Eine verrichtete<br />

noch ihren Dienst in der Paco-Paco-Hinterhofschmiede „Töff “ in Peru<br />

und die andere befand sich, gut eingefettet, im Buntmetall-Mausoleum<br />

Omsk. Welch überraschende und glückliche Wendung dieser Abend doch<br />

genommen hatte. Erleichtert schloss Ortwin die immer noch stark entkleidete<br />

Dagmar in den Arm.<br />

Nachdem sich die Aufregung aller Beteiligten komplett verzogen hatte,<br />

war es Familie S. ein Bedürfnis die mehrgängige, außerordentlich sympathische<br />

„35’er“ zum gemeinsamen Bohrfuttern einzuladen.<br />

Kurze Zeit später saßen sie zusammen am Küchentisch und Ortwin korkte<br />

drei wohlverdiente „Södner“ auf. Im Anschluss kauten sie dann genüsslich<br />

ihre, von Dagmar geschmierten, Bärchen-Kniften, bohrten lachend<br />

Löcher in den Käse und fragten sich gegenseitig aus, wie denn ihr Tag so<br />

gewesen war…<br />

GESCHICHTE VERENDET<br />

Ergänzende Schlussworte, die nachdenklich stimmen:<br />

„Auch ohne unterstützende Produktplatzierung findet<br />

man in der Dunkelheit einen Lichtschalter!“<br />

oder: „Destruktive Hektik ersetzt geistige Windstille.“<br />

Eine Gemeinschaftsproduktion der Gebrüder Grins<br />

Buch, Schnitt und Regie:<br />

Feldherr von Tutaania & Blubberio de Janeiro<br />

Großspurige Vorankündigung: „Se Pätschwörk-Storri - Tuh“<br />

(Zwei Nasen schreiben Super)*nur in diesem Printmedium erhältlich<br />

13


Kalbe<br />

Halberstadt<br />

Gießen<br />

Frankfurt<br />

Tanwir Ajmal Maazullah<br />

Shakila<br />

Belgrad<br />

Sofia<br />

Burgas<br />

Edirne<br />

Istanbul<br />

Izmir<br />

Mersin<br />

14


Notizen einer Flucht<br />

von Shakila und Ajmal Sahak<br />

Als ich eines Abends an einer Kreuzung nahe meines<br />

Hauses halten musste, hielt mir jemand eine Pistole<br />

an den Kopf, um mich davon überzeugen, ab jetzt<br />

doch lieber für die Taliban zu arbeiten. Da wusste<br />

ich, wir müssen jetzt weg. Einige Tage zuvor waren<br />

meine Reifen zerstochen worden, aber erst jetzt wurde<br />

mir klar: Sie hatten meine neue Adresse herausgefunden.<br />

Ich ahnte zwar, dass ich gewissen Leuten<br />

nicht unbekannt war, weil ich früher in Bagram, im<br />

Süden Afghanistans für das US-Militär als Dolmetscher<br />

gearbeitet hatte, trotzdem war es ein Schock,<br />

da wir aus diesem Grund umgezogen waren - in die<br />

Nähe der Hauptstadt Kabul - in ein vermeidlich sicheres<br />

Gebiet.<br />

„In drei Tagen seid ihr in Deutschland“ versprach<br />

mir ein „Agent“, so nennt man die Fluchthelfer in<br />

der Region. Der Preis war hoch, 78.500$ sollte die<br />

Flucht kosten. Wir hatten keine Alternative, also verkauften<br />

wir alles: Haus, Grundstück, Auto, Schmuck<br />

und sammelten noch Geld in der Familie. Auch sie<br />

war der Meinung wir sollten ausreisen, weil wir sie<br />

ebenfalls in Gefahr brachten. Als wir das Geld einem<br />

Mittelsmann gaben bekamen wir Flugtickets nach<br />

Dubai und diverse Telefonnummern von irgendwelchen<br />

Kontaktpersonen. Wir packten ein paar Sachen,<br />

holten unsere Kinder und brachen auf...<br />

Es war Oktober 2013.<br />

Später, während der Reise, in der Türkei, prägte sich<br />

für unsere Flucht ein Begriff: „The Game“, so nannten<br />

die Behörden zynisch unsere vielen erfolglosen Versuche<br />

über eine Grenze weiter in Richtung Europa zu gelangen:<br />

Manchmal kommt man weiter, manchmal halt<br />

nicht. Ein Spiel um Leben und Tod. Darum werden wir<br />

die einzelnen Etappen unserer Flucht nun im Folgenden<br />

als Level bezeichnen.<br />

Level 1: Dubai.<br />

Als wir dort am Flughafen ankamen, trafen wir einen<br />

Kontaktmann: Babu. Komischerweise mussten wir unsere<br />

afghanischen Pässe abgeben, und bekamen von<br />

ihm türkische Visa. Dann mussten wir das erste Mal<br />

warten. Eine Woche. Deutschland in drei Tagen?! - Das<br />

hatte sich damit schon mal erledigt. Dann bekamen wir<br />

neue Tickets nach Istanbul, und Instruktionen, wie wir<br />

uns dort den Behörden gegenüber verhalten sollten:<br />

So tun, als wären wir Touristen, weltgewandt und cool.<br />

Dass unsere lieben Eltern uns früher eine Ausbildung<br />

ermöglicht hatten und wir beide dadurch ganz gut Englisch<br />

sprachen, erwies sich als sehr vorteilhaft.<br />

Level 2: Istanbul.<br />

Gegen 5 Uhr morgens kamen wir an und versuchten,<br />

unseren neuen Kontaktmann zu erreichen. Er nahm<br />

nicht ab. Wir fuhren mit dem Taxi zur angegebenen<br />

Adresse. Die Hotelreservierung stellte sich ebenfalls als<br />

Fake heraus. Wir waren das erste Mal sehr ratlos - illegal<br />

in einem fremden Land, zwei keine Kinder dabei<br />

,keinen Plan und keine gültigen Pässe. Nach endlosen<br />

Versuchen hatten wir irgendwann doch noch unseren<br />

ominösen Helfer am Telefon: „Alles ok“, meinte er, wir<br />

sollten im Hotel bleiben und abwarten...<br />

Danach herrschte Funkstille. Wir wurden nur ab und<br />

an telefonisch beruhigt. Dann - nach fast einem Monat<br />

Aufenthalt und mit den Nerven am Ende, wurde uns<br />

von unserem Fluchthelfer ein Plan eröffnet: Wir sollten<br />

zum Flughafen, dort so tun als wollten wir zurück nach<br />

Afghanistan. Auf der Boarding Stage kurz vor dem Eingang<br />

in den Flieger sollte ein Mann auf uns warten und<br />

uns dort Tickets nach Europa in die Hand drücken. Wir<br />

müssten dann nur noch zu einem anderen Gate gehen,<br />

einsteigen und fertig. Doch kurz vor dem Termin war<br />

der Kontaktmann verschwunden. Level gescheitert.<br />

I<br />

attempt 1 to achieve Level 3<br />

Schiff in EU, mit Land unserer Wahl: Unsere falschen<br />

Visa waren abgelaufen und wir saßen weiter illegal in<br />

Istanbul fest. Ajmal durchstreifte die Stadt nach Leuten<br />

die uns helfen konnten. Er traf einen Mann<br />

der uns anbot, uns für 28.000$ per Schiff über<br />

Italien in ein Land unserer Wahl zu bringen. Da<br />

die Kosten der Flucht über einen sogenannten<br />

Moneychanger (ei- nen Mann mit einer Funktion,<br />

ähnlich wie PayPal, nur illegal und ohne Garantie)<br />

organisiert war, hatten wir noch Zugriff aus<br />

unser Geld. In unserer Not sagten wir zu.<br />

Uns wurden ein Treffpunkt und eine nächtliche Zeit<br />

genannt. Viele warteten dort. Transpor- ter, ähnlich<br />

den VW-Sprintern trafen ein. Wir beide und unsere<br />

Kinder zwängten sich mit weiteren 34 Perso- nen<br />

in einen dunklen geschlossenen Laderaum. Selbst die<br />

Fahrer hatten keine Ahnung wohin es ging und<br />

wurden telefonisch instruiert. Insgesamt dauerte die<br />

Fahrt dann 14 Stunden - zusammengedrängt und ohne<br />

Halt. Zum Urinieren wurde eine 5 Liter Flasche herumgereicht<br />

und an der Türkante ausgeleert.<br />

Ankunft in Mersin. Das versprochene Schiff ist nicht da.<br />

Man brachte uns mit weiteren 80 Leuten in ein kleines<br />

Haus am Rande eines Bergdorfes, und versicherte uns:<br />

„Morgen geht es weiter“. Doch scheinbar merkten die<br />

Nachbarn, das in dem Haus etwas nicht stimmte. Die<br />

Polizei kam und nahm uns alle fest. Vernehmungen,<br />

Fingerabdrücke anfertigen usw. Nach einer Woche<br />

Gefängnis bekamen wir einen Zettel, der uns zu 15 Tagen<br />

Aufenthalt in der Türkei berechtigte. Sie zeigten uns<br />

die Haltestelle und wir fuhren mit dem Bus zurück nach<br />

Istanbul. Level failed.<br />

attempt 2 to achieve Level 3<br />

Über den Fluss nach Griechenland: Der gleiche Mann<br />

in Istanbul, den Ajmal schon zuvor aufgesucht hatte,<br />

organisierte den nächsten Versuch: In einer kleinen<br />

Gruppe vom 11 Personen (4 Männer, 3 Frauen, 4 Kinder)<br />

ging es eines Nachts mit einem kleinen Transporter<br />

zur nahen griechischen Grenze. Wir mussten geduckt<br />

einen kleinen Pfad bis zu einem ca. 300 Meter breiten<br />

Flussabschnitt laufen, welcher die beiden Länder trennt.<br />

Die Männer machten das mitgebrachte Schlauchboot<br />

klar. Shakila verstaute derweil die wichtigsten<br />

Sachen in einem Plastiksack. Schwimmwesten gab<br />

es nicht. Es war stockdunkel, sonst wäre die Gefahr<br />

auch zu groß, von Grenzpatrouillen entdeckt zu<br />

werden. Ca. 50 Meter vor dem gegenüberliegenden<br />

Ufer blieb das Boot an einer Wurzel hängen.<br />

Durch die Strömung schaukelte es gefährlich<br />

und ließ sich nicht lösen. Ajmal und ein weite -<br />

rer Mann sprangen ins Wasser, kämpften es<br />

frei und schoben es schwimmend weiter in<br />

Richtung Ufer. Das war steil und unzugänglich,<br />

doch wir fanden einen<br />

Baum, der wie eine Brücke<br />

in das Wasser ragte.<br />

Dubai<br />

Kabul<br />

15


16<br />

Der Stamm war glatt. Die Männer bildeten eine Kette<br />

und hoben die Kinder an Land. Bevor die Frauen das<br />

Boot verlassen konnten, kenterte es. Sie konnten sich<br />

jedoch daran festklammern und wurden von den Männern<br />

an Land gezogen. Es war Dezember, mitten in der<br />

Nacht, ein paar Grad über Null. Alle waren nass und<br />

völlig am Ende. Dank Shakilas Idee mit dem Plastiksack,<br />

gab es zumindest noch einige trockene Sachen.<br />

Wir gingen noch ca. 3 Km landeinwärts, suchten und<br />

fanden die Autobahnbrücke, von der der Mann aus<br />

Istanbul gesprochen hatte. Dort sollten wir auf einen<br />

Transporter warten, der uns abholen würde. Wir hielten<br />

uns in der Nähe versteckt, machten uns ein keines<br />

Feuer.<br />

Wir verharrten zwei Tage dort ohne Essen. Niemand<br />

kam zum Treffpunkt. Dann gingen Ajmal und Tanwir<br />

auf die Autobahn um irgendein Auto anzuhalten. Dort<br />

trafen die beiden direkt auf Polizei und wurden auch<br />

sofort und ohne Anhörung mitgenommen. Erst nach ca.<br />

3 Stunden konnten sie den Beamten klar machen, dass<br />

ihre Familie noch in dem Versteck auf sie wartete. Der<br />

Rest der Gruppe wurde daraufhin ebenfalls geholt und<br />

zu ihnen in die Zelle gesperrt.<br />

Die darauf folgende Begebenheit kam unserer kleinen<br />

Fluchtgemeinschaft sehr ominös vor:<br />

Als es wieder dunkel wurde, brachten uns die Beamten<br />

mit ihren Wagen zu einer Stelle des Flusses, den wir<br />

überquert hatten. Es gab dort ein Boot. Sie beobachteten<br />

eine Weile mit Ferngläsern das gegenüberliegende<br />

Ufer. Als sie dort niemanden sahen, wurden wir von ihnen<br />

in zwei Gruppen wieder zurück auf die türkische<br />

Seite gebracht. Die Griechen hatten ihr kleines Problem<br />

ganz unbürokratisch gelöst.<br />

Übrigens bekamen wir während unseres Aufenthaltes in<br />

der Zelle sogar eine Kleinigkeit zu essen, natürlich nur<br />

gegen Bezahlung.<br />

Dort abgesetzt, gingen wir ohne Plan, in der Hoffnung<br />

ein Dorf zu erreichen, eine kleine Straße entlang - und<br />

wurden von der türkischen Polizei aufgegriffen.<br />

Man brachte uns ins Gefängnis im nahen Edirna.<br />

Shakila und die Kinder kamen in eine große Sammelzelle<br />

für Frauen, ich in eine für Männer. Es waren viele<br />

Menschen dort. Wir erfuhren, dass der Fluss Teil einer<br />

bekannten Fluchtroute war. Ich durfte meine Familie<br />

nur morgens 5 Minuten sehen. Wir bekamen kaum Informationen<br />

und erst nach ca. einem Monat wurden<br />

wir freigelassen, weil viele neue Flüchtlinge eintrafen.<br />

Wieder bekamen wir ein Dokument - 2 Monate Aufenthaltsrecht.<br />

Besten Dank.<br />

attempt 3 to achieve Level 3<br />

Es sollte noch einmal über den Fluss versucht werden.<br />

Dieses mal würde ein LKW an einem Sammelpunkt<br />

eintreffen und viele Leute zu einem Schiff Richtung EU<br />

bringen. Wir sagten zu, da wir zuvor schon einige noch<br />

abenteuerlichere Vorschläge abgelehnt hatten, z.B. von<br />

Izmir aus, mit einem kleinen Boot über eine große Distanz<br />

nach Griechenland zu gelangen. Hier überwog<br />

ein schlechtes Gefühl und die Sorge um die Kinder.<br />

Auch Bulgarien kam in dieser Zeit für uns nicht in Frage,<br />

da wir gehört hatten, dass man dort besonders brutal<br />

gegenüber Flüchtlingen sein sollte. Nun mussten wir<br />

einfach wieder etwas wagen.<br />

Es war bereits Februar 2014, da setzten wir ein zweites<br />

mal nachts mit Schlauchbooten über den Fluss.<br />

Diesmal waren wir mehr Leute und es kamen später<br />

noch mehr dazu, sodass wir letztendlich eine Gruppe<br />

von ca. 80 Personen wurden. Die Überfahrt klappte<br />

ohne ernste Probleme. Einer unserer Begleiter hatte Instruktionen<br />

über die Route bekommen. Es ging schmale,<br />

unbefestigte Pfade entlang - über Stunden, von ca. 5<br />

Uhr abends bis 7 Uhr am nächsten Morgen. Einmal<br />

fiel Shakila in ein tiefes Loch am Rand des Weges und<br />

musste wieder heraus gezogen werden. Als wir endlich<br />

am Treffpunkt ankamen, war natürlich kein LKW zu<br />

sehen. Der Mann mit den Instruktionen, sagte: “Alles<br />

ok, wir müssen in den Bergen warten - bis morgen.“<br />

Dort gab es eine Art Betonverschlag, wohl um landwirtschaftliches<br />

Gerät zu lagern. Es war sehr kalt und zugig.<br />

Wir wickelten uns in Plastiktüten ein. Am nächsten Tag<br />

war wieder kein LKW da. Der Typ wurde kleinlaut.<br />

Wir harrten tagelang an dem Ort aus. So gut wie niemand<br />

hatte Essen, und wer noch etwas in der Tasche<br />

hatte, gab es den Kids. Wir schöpften Wasser aus dreckigen<br />

Pfützen um zu trinken. In ihrer Sorge um die Kinder,<br />

mischte Shakila etwas „Ibuprofen“ in das Pfützenwasser,<br />

um es zu desinfizieren.<br />

Tanwir war zu der Zeit 4, Maazullah gerade 1,5 Jahre<br />

alt. Er sagte: „ Mami, der Saft schmeckt gut.“<br />

Am 5. Tag gaben wir auf und gingen auf die Straße.<br />

Wieder wurden wir von der Polizei aufgegriffen. Wieder<br />

schaffte man uns über den Fluss zurück in die Türkei.<br />

Wieder kamen wir ins Gefängnis nach Edirna. Einer<br />

der Wärter begrüßte uns mit den Worten: „Na, wieder<br />

da?!“ Es fühlte sich an wie ein Stich ins Herz.<br />

Aus der Erfahrung vom letzten Aufenthalt, schmuggelten<br />

wir das Handy in zwei Teilen ins Gefängnis : Ajmal<br />

nahm das Handy und Maazullah hatte den Akku in der<br />

Windel. Aufladen konnte Ajmal es nachts an den Kabeln<br />

der Deckenlampe. Das Handy war sehr wichtig für<br />

uns. Es war die einzige Möglichkeit, heimlich Kontakt<br />

mit unseren Angehörigen aufzunehmen, sie zu beruhigen<br />

und an Informationen zu gelangen.<br />

attempt 4 to achieve Level 3<br />

Wir kamen schon nach einer Woche wieder frei. Dieses<br />

Mal waren wir soweit, es doch mit einem kleinen Boot<br />

übers Meer nach Griechenland zu versuchen. Doch<br />

schon auf der Fahrt dorthin wurden wir von der Polizei<br />

aufgegriffen. Der Fahrer floh und wir wurden mit weiteren<br />

10 Leuten festgenommen.<br />

Wieder Edirna. Wir hatten keine Hoffnung mehr.<br />

Nach einem Monat wurden wir in ein anderes Gefängnis<br />

nach Izmir verlegt. Die Zeiten hatten sich geändert.<br />

In Afhanistan bahnte sich ein Machtwechsel an. Angeblich<br />

würde sich die Lage dort durch Ashraf Ghani bald<br />

stabilisieren. Es hieß, dass man die Menschen nun wieder<br />

nach Afghanistan zurück schicken könne.<br />

attempt 5 to achieve Level 3<br />

Wir wurden aber nicht ausgewiesen, sondern wieder<br />

mit einer kurzen Aufenthaltsgenehmigung entlassen.<br />

Wir fuhren erneut mit dem Bus nach Istanbul. Es gab<br />

einem Plan, mit einem Schiff nach Italien zu gelangen.<br />

Verschiedene kleine Gruppen trafen sich an einem Ort<br />

an der Küste, wir wussten selbst nicht genau, wo das<br />

war. Mit ca. 90 Leuten gingen wir an Bord eines kleinen,<br />

vielleicht 11 Meter langen Schiffes. Es gab drei Kajüten,<br />

keine Toilette. Und wenn doch, hätten wir sie eh nicht<br />

erreichen können, weil alles voller Leute war. Es ging los<br />

aufs Meer mit dem Ziel, Griechenland zu umschiffen<br />

und direkt nach Italien zu gelangen. Der Seegang war<br />

beachtlich und das Boot schaukelte. Im Bootsinneren<br />

stank es wegen der vielen Menschen. Maazullah wurde<br />

seekrank und übergab sich. Es wurde immer schlimmer<br />

und wir waren sicher, einen großen Fehler gemacht zu<br />

haben. Nach ca. einer Stunde Fahrt, wurde unser Schiff<br />

jedoch von der türkischen Wasserpolizei aufgebracht<br />

und zurück an Land eskortiert. Vielleicht war es diesmal<br />

unser Glück.<br />

Es war Mai 2014. Dieses Mal kamen wir in ein Gefängnis<br />

nach Balakesir. Als wir den Beamten dort nach<br />

5 Tagen Haft eher zufällig unser Dokument mit der Aufenthaltsgenehmigung<br />

aus Izmir zeigten, ließen sie uns<br />

spontan frei. Wir fuhren wieder nach Istanbul.<br />

attempt 6 to achieve Level 3<br />

Der nächste Plan lautete, erst in Richtung Griechenland<br />

aber dann doch nach Norden über die bulgarische<br />

Grenze zu gelangen.


Wir waren 12 Leute und gerade beim Aufpumpen der<br />

Schlauchboote, als die Polizei kam. Sie hatten Hunde<br />

dabei. Die Kinder hatten Angst und weinten. Wieder<br />

Edirna - 5 Tage Gefängnis.<br />

attempt 7 to achieve Level 3<br />

Shakila hatte die Idee: „Warum versucht niemand über<br />

das Schwarze Meer nach Bulgarien zu gelangen?!“ Zu<br />

gefährlich. Wegen Wellen und Wetter taten wir die Sache<br />

mit einigen Gefährten zuerst ab.<br />

Kurz darauf haben wir uns dann doch dazu entschlossen.<br />

Wir waren eine Gruppe von 34 Leuten und bestachen<br />

einen Skipper in der Nähe von Istanbul uns zu<br />

fahren. Nach außen hin gaben wir uns wie Touristen,<br />

keine Ahnung, ob man uns das abnahm.<br />

Gleich nach dem Auslaufen begann der Skipper sich<br />

zu betrinken und zu kiffen. Er meinte, es wäre seine<br />

Ausrede, falls die Polizei käme. Wir nahmen erst einmal<br />

Kurs aufs offene Meer um in internationale Gewässer<br />

zu gelangen. Der Skipper war mittlerweile kaum noch<br />

ansprechbar und wollte auch nicht mehr nach Bulgarien,<br />

da er plötzlich Angst hatte, dort als Schlepper festgenommen<br />

zu werden. Er wurde immer panischer und<br />

drohte uns. Irgendwann haben Ajmal und ein weiterer<br />

Begleiter mit Gewalt das Steuer und damit die Führung<br />

des Schiffes übernommen. Wir wollten eigentlich nach<br />

Varna, erreichten aber nach ca. 17 Stunden den Hafen<br />

von Burgas. Als wir nicht mehr weit entfernt waren<br />

kamen 6 Motorboote der Küstenwache auf uns zu. Die<br />

Besatzungen hatten Maschinengewehre. Man bedrohte<br />

uns und schrie uns über ein Megafon zu: „Dreht um, in<br />

internationale Gewässer, das ist bulgarisches Gebiet.“<br />

Wir haben daraufhin unsere Kinder hochgehalten und<br />

gerufen „Wir sind nur Flüchtlinge, wir können nicht<br />

mehr umkehren. Macht was ihr wollt, aber wir werden<br />

nicht mehr umkehren!“ Also wurden wir dann doch an<br />

Land gebracht.<br />

(Es war der erste Versuch dieser Fluchtroute. Später<br />

erfuhren wir, dass ein paar Monate später der zweite<br />

Versuch scheiterte: Das Boot sank und alle 65 Leute,<br />

größtenteils Afghanen, sind dabei ertrunken)<br />

Der betrunkene Skipper behauptete sofort, Ajmal sei<br />

der Captain des Schiffes gewesen. Mein Mann wurde<br />

daraufhin erst einmal ausgiebig vernommen, konnte<br />

dann aber doch durch diverse Dokumente glaubhaft<br />

machen, dass er zu uns gehört und nur ein Flüchtling<br />

war. Wir wurden in eine Art Gefängnis gebracht und<br />

mussten alle unsere Fingerabdrücke abgeben. (Bis heute<br />

ein Problem für uns, da wir noch kein Bleiberecht in<br />

Deutschland haben und laut Dublin-Verfahren in das<br />

Land abgeschoben werden können, über dessen Grenze<br />

wir Europa zuerst betreten haben)<br />

Trotzdem waren wir überglücklich, das Level geschafft<br />

zu haben. Wir hatten nicht mehr damit gerechnet.<br />

Level 3: Bulgarien.<br />

Nach drei Tagen kamen wir dann in eine große Flüchtlingsunterkunft.<br />

Dort bekamen unsere Kinder erst einmal<br />

die Windpocken und unsere ganze Familie kam ein<br />

paar Tage in Quarantäne.<br />

Irgendwann kam ein Mann auf uns zu und bot an, uns<br />

mit seinem Auto nach Sofia zu bringen, gegen Geld<br />

natürlich. Wir willigten ein. Von dort aus ging es in einer<br />

kleinen Gruppe von 13 Leuten zu Fuss weiter. Nach ca.<br />

ca. 5 Stunden erreichten wir gegen 23 Uhr die serbische<br />

Grenze.<br />

Level 4: Serbien.<br />

Im Laderaum eines kleinen Transporters ging es weiter.<br />

Gegen 4 Uhr Ankunft in Belgrad Der Fahrer erklärte,<br />

dass er nun umkehren müsse. Er gab uns ein Handy<br />

mit SIM-Card und die Auskunft, dass wir uns von einem<br />

Taxi an den nördlichen Stadtrand, bringen lassen sollten.<br />

Dort gab es ein verwildertes Brachland, dass man<br />

„Dschungel“ nannte. Dem Müll nach zu urteilen, diente<br />

er schon vielen Flüchtlingen als geheime Zwischenstation.<br />

Wir warteten dort wie geheißen. Dort wurde es<br />

nicht langweilig: Im Laufe des Tages kam ein Radfahrer<br />

und brachte uns Essen: 2 Hähnchen, Brot und Milch.<br />

Die Freude war groß. Er verschwand wie er gekommen<br />

war. Später kamen zwei Typen und bedrohten uns, wollten<br />

unser Geld. Als sie aber merkten dass sie mit Gegenwehr<br />

rechnen müssten, zogen sie wieder ab. Nun<br />

hatten wir Angst, dass sie wieder kommen würden. Am<br />

Abend kam dann noch ein Polizist mit einem Rad. Nach<br />

Zahlung von Schmiergeld verschwand auch er wieder.<br />

Es gab noch einen Versuch, mit einem PKW weiter<br />

zu kommen. Wir wurden festgenommen: Eine Nacht<br />

Gefängnis, Verhöre, Fingerabdrücke... Wieder in den<br />

„Dschungel“. In der folgenden Nacht brachen wir zu<br />

Fuß in Richtung Ungarische Grenze auf. Nach einem<br />

endlosen Marsch kamen wir zu einem leeren Haus, wo<br />

wir den Rest der Nacht verbrachten und den nächsten<br />

Tag über abwarteten Mit Einbruch der Dunkelheit ging<br />

es weiter. In dieser Nacht quälten uns unzählige Mosquitos,<br />

wir alle hatten leichte Kleidung an, es gab kein<br />

Spray. Ohne es zu merken, überquerten wir irgendwann<br />

die ungarische Grenze und kamen gegen Morgen in<br />

ein Dorf.<br />

Level 5: Ungarn.<br />

In einem geschlossenen Van ging es für unsere 9 köpfige<br />

Gruppe weiter. Wir wurden aufgefordert, uns während<br />

der Fahrt umzuziehen und uns mit Feuchttüchern<br />

notdürftig zu waschen. Man kann sich vorstellen wie wir<br />

nach all den Strapazen mittlerweile aussahen.<br />

Einige Stunden später, an einer verlassenen Tankstelle,<br />

wurden die Fahrzeuge getauscht. Wir stiegen um in einen<br />

normalen offenen PKW. Aus dem Grund also die<br />

verordnete Katzenwäsche: Wir waren ab jetzt wieder<br />

sichtbar.<br />

In diesem Fahrzeug war unsere Familie vereint und es<br />

ging über Stunden durch verschiedene Landschaften.<br />

Wir wussten einen größten Teil der Strecke über nicht,<br />

wo wir waren. Wahrscheinlich sind wir über Österreich<br />

nach Deutschland gekommen.<br />

Am 24. Juni 2014 gegen 18.00 Uhr<br />

erreichten wir Frankfurt.<br />

Level 6: Deutschland.<br />

Die Kinder waren krank und brauchten einen Arzt. Wir<br />

alle waren total kaputt, aber als wir dort ausstiegen,<br />

war das alles egal und wir die glücklichsten Menschen<br />

der Welt. Unsere Flucht hatte anstatt 3 Tage rund 9 Monate<br />

gedauert und uns so oft fast das Leben gekostet.<br />

Ein ein indischer Taxifahrer, den wir um Rat fragten,<br />

brachte uns in ein Flüchtlingscamp in Gießen, nördlich<br />

von Frankfurt. Am nächsten Tag wurden wir mit einem<br />

Taxi von Gießen nach Halberstadt in die Zentrale Anlaufstelle<br />

für Asylbewerber gebracht. Dort verbrachten<br />

wir 17 Tage. Dann entschied man, dass wir im Zuge der<br />

weiteren Verteilung nach Gardelegen gebracht werden.<br />

Nach ein Paar Tagen dort im Heim, wies man uns eine<br />

Wohnung in Kalbe/Milde zu. Es hätte uns genau so gut<br />

nach Schweden oder Frankreich oder ein anderes europäisches<br />

Land treiben können, wir mussten nur weg.<br />

Nun sind wir Kalbenser und es ist gut so.<br />

Die Geschichte ist stark gekürzt und hat beim<br />

Erzählen schmerzhafte Wunden aufgerissen.<br />

Vieles davon wollten wir einfach nur vergessen.<br />

Nun, in Kalbe angekommen, haben wir für uns<br />

und unsere Kinder erstmals so etwas wie Frieden<br />

und wieder eine neue Heimat gefunden.<br />

17


Jens Eichenberg<br />

Schnecke und Esel<br />

Da hatte sich der Esel halt<br />

Hals über Kopf und Ecke<br />

In eine süße, Zuckerschnecke<br />

Ganz fürchterlich verknallt.<br />

Die andern Tiere meinten bloß,<br />

Das geht doch nicht, nun bitte!<br />

Das passt nicht in der Mitte,<br />

Die Schnecke klein, der Esel groß!<br />

Muss nicht ein Esel Esel lieben,<br />

Die störrisch sind und grau?<br />

Die Schnecke, schön und schlau,<br />

Wie kann die sich mit dem begnügen?<br />

Die Schnecke hörte gar nicht hin,<br />

Gab nichts auf das Gekicher.<br />

Die Liebe, das ist sicher,<br />

Ist‘s Beste und mein Eselchen!<br />

18


CATs<br />

BERLIN-ABC<br />

Berlin ist eine DER angesagtesten Städte der Welt. Tausende von Touristen<br />

strömen jeden Tag in die Stadt und rennen orientierungslos mit einer Karte<br />

in der Hand umher, lassen sich von komischen Touristen-Fallen in ominöse<br />

Etablissements locken und verschenken kostbare Urlaubszeit.<br />

Mit dem Berlin-ABC möchte ich ein paar Insider-Tipps an alle zukünftigen<br />

Berlin-Besucher weitergeben. Die Stadt ist so groß, dass man leicht meinen<br />

könnte, es würde eigentlich für 5 oder 6 Städte reichen. Da die Übersicht<br />

zu behalten ist schwer. Ich wohne seit 2008 in Berlin, momentan im spießigen<br />

Prenzlauer Berg, (mit Kind macht man solche Dummheiten…) und<br />

finde Berlin echt dufte! Meine Auswahl hier ist eine rein Subjektive, eine<br />

Selektion meiner schönsten Momente in und um Berlin und garantiert keine<br />

Touristen-Fallen.<br />

(Teil 1/3)<br />

Achtundvierzig Stunden Neukölln:<br />

Ein kunterbuntes Kunstfestival das sich über zwei Tage<br />

zieht und Seinesgleichen sucht. Dieses Jahr findet es vom<br />

24. bis 26. Juni 2016 statt. Es erstreckt sich über ganz<br />

Neukölln und man hat das Gefühl mitten in einer kulturellen<br />

Schnitzeljagd zu sein, weil man nie weiß, was sich<br />

im nächsten Hinterhof verbirgt.<br />

Berliner Dom: Wer hier abends um 18 Uhr hingeht<br />

und sagt er möchte zur Abendandacht gehen, spart<br />

sich den Eintritt und kann während der Abendmesse die<br />

einmalige Atmosphäre des Doms auf sich wirken lassen.<br />

Wer noch Geld übrig hat sollte für wenige Euro auf die<br />

Domkuppel gehen, da sind kaum Touristen und die Aussicht<br />

ist phänomenal!<br />

Crêperie Suzette: Hier gibt es die aller, allerbesten<br />

Crêpe in der Stadt. Mittags haben Sie ein kostengünstiges<br />

Menü und es wird immer eine Crêpe des<br />

Tages angeboten. Bewirtschaftet wird der Laden von Damien<br />

und Olivier zwei Pariser Jungs die super nett sind.<br />

Ihr findet die Crêperie Suzette in der Pappelallee 15 und<br />

kommt dort am besten mit der U2 (Station Eberswalder Straße) oder der<br />

Tramlinie 12 (Station Raumerstraße) hin.<br />

Dong Xuan Center: Vietnam in Berlin, einfach<br />

der krasse Wahnsinn, das muss man gesehen haben!<br />

Man steigt aus der Tram (Linie M8 oder 21) an der<br />

Herzbergstraße aus, durchschreitet das Tor zum Dong<br />

Xuan Center und sieht mehrere große Hallen und viele,<br />

viele Vietnamesen. In jeder Halle findet man eine kleine<br />

vietnamesische Welt vor, mit Krimskrams-Geschäften, asiatischem Supermarkt,<br />

Friseur, Spa- und sogar Tattoo-Studios. Es macht Spaß durch die<br />

Hallen zu schlendern und die Kuriositäten zu bestaunen. Abschließen sollte<br />

man seinen Besuch im Dong Xuan Center unbedingt in einem der Restaurants,<br />

da gibt es neben den europäisierten Gerichten auch für Mutige<br />

Hahnhoden, Hühnerfüße oder Frosch. Ich bin Vegetarier und kann leider<br />

nur die Tofu-Gerichte beurteilen. Die waren bisher alle lecker!<br />

Einhundert: Wenn Du Lust auf eine Stadtrundfahrt<br />

hast, aber nicht die Wucherpreise der Sightseeing-Busse<br />

bezahlen möchtest, dann ist die Buslinie 100 genau richtig!<br />

Du steigst am Alexanderplatz ein und fährst von dort<br />

alle Highlights bis zum Zoo ab: Unter den Linden, Brandenburger<br />

Tor, Reichstag, Tiergarten und den Berliner<br />

Zoo. Für 2,70 EUR hat man zwar keinen Audio-Kommentar, aber mit einem<br />

Reiseführer in der Hand eine kostengünstige Alternative.<br />

Falafel: Falafel gehören zu Berlin, wie die Berliner<br />

Weiße! Aber wo gibt es die besten? Ganz klar beim King<br />

of Falafel in Kreuzberg. Am besten zu erreichen mit der<br />

U7 (Station Hermannplatz) und dann findet ihr den King<br />

of Falafel in der Urbanstraße 68. Leider hat sich dieses<br />

kulinarische Highlight schon herumgesprochen und man<br />

muss mit längeren Wartezeiten rechnen.<br />

Gärten der Welt: Hier findet man Gartenkunst<br />

aus aller Welt und das im krassen Kontrast zu den Marzahner<br />

Plattenbauten. Besonders empfehlenswert ist der<br />

chinesische Garten mit seinem Teehaus. Dort gibt es 30<br />

verschiedene Sorten Grünen Tee und man wird in die<br />

chinesische Teekunst eingewiesen. Zu erreichen sind die<br />

Gärten der Welt am besten von der S-Bahnstation Marzahn mit der Buslinie<br />

195 (Station: Eisenacher Straße).<br />

Heimathafen Neukölln: Eine kulturelles<br />

Highlight mitten in Neukölln. Der Heimathafen lockt mit<br />

einem vielfältigen Programm aus Theater, Konzerten,<br />

Lesungen und anderen Formaten. Er ist verkehrsgünstig<br />

direkt an der U7 (Station Karl Marx Straße) gelegen. Aber<br />

auch das angegliederte Café Rix ist tagsüber einen Besuch<br />

wert, ein echter Hingucker ist die goldene Decke mit Stuck. Kulinarisch<br />

ist das Rix auch ein Leckerbissen.<br />

Il Due Forni, Il Casolare & Il Ritrovo:<br />

Diese drei Pizzerien sind „Schwestern“ und haben sich in<br />

Berlin breit gemacht. Das Il Due Forni findest Du in Prenzlauer<br />

Berg direkt an der U2 (Station Senefelder Straße),<br />

das il Casolare ist in Kreuzberg. Es ist am besten mit der<br />

U8 (Station Schönleinstraße) zu erreichen und dann gehst<br />

Du noch etwa 5 Minuten zu Fuß. Das il Ritrovo erreichst Du mit der Tram<br />

M13 (Station Simplonstraße). Die Pizzen dort sind wirklich Spitzenklasse.<br />

Leider sind Service und Wartezeiten genau das Gegenteil...<br />

Jugendherberge/Hostel:<br />

Jugendherbergen<br />

bzw. Hostels sind kostengünstige Alternativen zum Hotel.<br />

Aber auch hier hat Berlin etwas Besonderes zu bieten,<br />

das Eastern Comfort & Western Comfort. Diese beiden<br />

Hostel Schiffe (!) liegen direkt an der Oberbaumbrücke,<br />

der wohl schönsten Brücke Berlins. Durch die unschlagbare<br />

Lage im Herzen Kreuzbergs und nur 10 Minuten vom Ostbahnhof sind<br />

die Schiffshostels perfekt für einen Berlin- Kurztrip. Die Übernachtung kostet<br />

zwischen 15 Euro (Mehrbett-Kabine) und 78 Euro (1. Klasse Doppelbettkabine<br />

mit eigenem Bad). Da es sich um ein Hostel handelt kann es nachts<br />

etwas lauter werden und ist daher für Familien ungeeignet.<br />

Kiessee: Der See ist ein Natursee und liegt am Rande<br />

von Berlin/Pankow,. Der See ist mit der S8 (Mühlenbeck-Mönchmühle)<br />

zu erreichen. Der Eintritt kostet drei<br />

Euro. Hier werden Kindheitserinnerungen wach, der See,<br />

die Pommes-Bude, das Flair vergangener Tage.... Das<br />

Gelände ist sehr weitläufig und man kann sich ein ruhiges<br />

Plätzchen suchen. Der Kiessee ist perfekt für Kinder, da das Ufer flach abfallend<br />

ist und das Wasser sehr sauber.<br />

Leckermäulchen: So heißen die Fische beim<br />

Fußfetifisch die einem die Füße anknabbern und so eine<br />

Pediküre der besonderen Art durchführen. Den Fußfetifisch<br />

findest Du in der Danziger Straße 26 und Du erreichst<br />

ihn am besten mit der Tram M10 (Station Husemannstraße).<br />

Einen Termin sollte man unbedingt vorher<br />

vereinbaren, da es dort immer recht voll ist. 20 Minuten kosten 12 Euro, 30<br />

Minuten kosten 15 Euro.<br />

Na, habt ihr Lust auf einen Berlin-Besuch bekommen? Dann Sachen packen<br />

und ab in die Hauptstadt! Von Stendal fahren fast stündlich Züge dorthin.<br />

Das Auto würde ich mir sparen Stau, chronisch rote Ampeln und akuter<br />

Parkplatzmangel vermiesen einem das Autofahren und drücken schnell auf<br />

die gute Laune. Wir sehen uns - in Berlin!<br />

19


GENERALVERDACHT<br />

20<br />

Lena Teresa Flohrschütz


21


22<br />

Lena Teresa Flohrschütz


23


LTF<br />

Patrick Amelie Becker<br />

Das Begeisterhaus<br />

“Wo sind meine Spaghetti-Bolognese!?”<br />

Ich mein das ganz im Ernst: Wo sind meine verfickten<br />

Spaghetti-Bolognese!? Die Geschichte beginnt<br />

ein paar Stunden vorher.<br />

Ich habe mir vor zwei Monaten dieses Haus im Wald<br />

gekauft. Es ist ein sehr großes Haus, viel zu groß<br />

für einen einsamen Banker. Ohne Frau, ohne Kids.<br />

Nicht mal ein verficktes Haustier.<br />

Nur quietschende Dielen. Trotzdem, für den Preis,<br />

geiles Haus. Noch geiler, wenn man nach einer<br />

durchzechten Nacht im Club irgendsone Olle mit<br />

herschleppen kann. Nach schlappen 74 Euros Taxikosten.<br />

So, denk ich mir, wirds Zeit, mal endlich<br />

irgendsone Olle herzukriegen...<br />

Die Jungs in der Etage lachen mich schon aus, ey...<br />

Egal, heute ist Sonntag, ich mach nichts mehr. Die<br />

halbe Welt hasst mich, warum also rausgehen?<br />

Wobei mich eh keiner sehen würde. Wie gesagt, 74<br />

Eus. Ich rede nur mit Eichhörnchen und meinem<br />

Haus. Die Eichhörnchen haben Wahnsinnsargumente.<br />

Mir fällt nie was ein, wenn wir streiten.<br />

Das Haus hat mit dem Keller drei Stockwerke, mein<br />

Ego liegt irgendwo im Grundwasser. Manchmal,<br />

wenn ich ganz fest zur Musik hüpfe, hab ich das Gefühl,<br />

als könnte ich so etwas wie ein Ego spüren.<br />

Und manchmal sehe ich in einen der 15 Spiegel in<br />

diesem riesigen Haus und erkenne einen Typen, der<br />

stolz ist auf seinen Rekord. Ich habe mir mal aus Langeweile<br />

sechsmal in einer Stunde einen runtergeholt.<br />

Und das trotz beschissenem WLAN. Ich hoffe, dass<br />

das ein Rekord ist. Wenn nicht, sehe ich einen Typen,<br />

der die Taschen voller Geld hat. Aber der sieht aus<br />

wie Alfred E. Neumann. In Boss halt.<br />

24


Diese Scheiß Eichhörnchen. Ich kann nicht kochen,<br />

stehe aber gerade in der Küche. Mit meinem Hitzeblick<br />

koche ich Wasser. Ich brauche sone gute Stunde.<br />

Um erniedrigt festzustellen, dass mein Hitzeblick kacke<br />

ist. Dann drehe ich immer vorsichtig den Herd auf. Genauso,<br />

wie ich vorsichtig den Wasserhahn aufdrehe, um<br />

meinen Topf zu füllen. Heute gibt es Spaghetti-Bolognese!<br />

Ich zähle: Nummer sechzehn (Miracoli) ist damit<br />

weg. Noch 84, und bald ist schon wieder Wochenende.<br />

Ich sollte einkaufen.<br />

Ich salze das kalte Wasser und schmeiße die Spaghetti<br />

hinterher. Der Kochtopf wird auf Stufe 3 von meinem<br />

Herd erhitzt. Gott sei dank, dass ich Zeit habe. Nach<br />

dem Aufstehen war ich duschen, hab mir einen runtergeholt,<br />

die Hitzeblick Aktion... Jetzt ist es achtzehn<br />

Uhr. Verdammt, ich muss auch noch Oma anrufen.<br />

Aber nicht, während das Wasser kocht. Und später läuft<br />

auch noch “Das Supertalent”. Die Wiederholung von<br />

Samstag, die ich mit meinem Gigabytespeicher DVD-<br />

Recorder aufgenommen habe. Die läuft aber um 20:15<br />

Uhr. So hab ich mir das gestern Abend, als ich “Das Supertalent”<br />

geschaut habe, vorgenommen. Und ich bin<br />

als einer bekannt, der keine Sprüche reißt.<br />

Ich stehe also nackt mit nichts als Fanschal um den Hals<br />

vor meinem Herd und feuere ihn an. Die Kakerlaken<br />

machen mit. Neues Haus und so, die sind aber erst hier,<br />

seitdem ich hier wohne. Ich hab extra den Makler gefragt.<br />

Sind wohl Waldkakerlaken, zirka doppelt so groß<br />

wie die NewYorker. Ich schmiere einen Popel in meine<br />

Unterhose. Die neben den Gewürzen liegt.<br />

Kakerlaken: Der linken wird immer langweilig und<br />

stellt dann den Herd auf neun. NEUN!? Die linke hat<br />

wohl den Arsch offen, viel zu gefährlich und so. Ich hol<br />

dann immer den Flammenwerfer und kill sie.<br />

Die Kakerlaken werden trotzdem nicht weniger.<br />

Nach ner Dreiviertelstunde ist dann der Topf so leicht<br />

am dampfen, die Nudeln weich und so richtig fertig.<br />

Also fertig. Mit den Fingern hol ich mir eine raus und<br />

probiere. Die nächste Viertelstunde bin ich am Wasserhahn,<br />

Wasser saufen. Das mit dem Salz ist ne Kunst,<br />

glaub ich.<br />

Immer zu dieser Zeit bin ich enttäuscht von meinen<br />

Kakerlaken, die von alleine wieder nicht erkennen, wo<br />

es Arbeit gibt. Ich stelle den Herd also auf neun und<br />

kümmere mich um die Miracoli Sauce. Nach jahrelangem<br />

Spaghetti-Bolognese kochen bin ich mittlerweile<br />

soweit, dass ich den Saucenbeutel mit Wasser fülle,<br />

wenn die Sauce noch drin ist. Spart Zeit, Zeit ist Geld.<br />

Die Gewürze schmeiße ich in den Mülleimer, den ich<br />

gerade erst geputzt habe, was ein eindeutiges Zeichen<br />

für mich ist, den Mülleimer mal wieder zu putzen.<br />

Nach zehn Minuten sind die Kakerlaken und ich eingeschlafen,<br />

ich erwache durch einen Spritzer heißer<br />

Bolognese-Sauce, der mein Gesicht trifft.<br />

Die Sauce ist also fertig, ich gieße sie vorsichtig auf<br />

meinen Teller, den ich vorher mit den kalten, weichen,<br />

versalzenen Spaghetti gefüllt habe. Köstlich.<br />

Der Teller bringt mich und sich zum Esszimmertisch,<br />

ich löffle die Sauce von den Nudeln. Meine Zunge tut<br />

weh.<br />

Das Telefon klingelt, man, es ist schon schon halb acht!<br />

Ich renne Richtung Telefon, rutsche auf einer Kakerlake<br />

aus und schlage mir die Schläfe am Telefontisch auf.<br />

Als ich mich aufrichte, ist das Telefon wieder still. Ich<br />

checke nach, unterdrückte Nummer. Leicht schwindlig<br />

torkele ich zu meinem Essen zurück und beuge den<br />

Kopf darüber, um zu essen. Die Spaghetti werden rot,<br />

obwohl ich die Scheiß-Sauce schon gegessen habe.<br />

Deswegen wohl Miracoli, mich wunderts halt. Mir wird<br />

langsam schwindeliger, mein Kopf kracht auf den Teller.<br />

Die Nudeln trocknen meine Stirn aus.<br />

Als ich aufwache, frage ich mich, wer die scheiß Bolgnese-Sauce<br />

durch das ganze Esszimmer verteilt hat.<br />

Dann frage ich mich, wo die linke Kakerlake von vorhin<br />

hin ist, beim Stirnrunzeln fallen Hautbrocken von<br />

meiner Stirn. Aber sie fallen nicht auf meinen Teller!<br />

Ich schreie meine Katze an: “Wo zum Fick sind meine<br />

Spaghetti-Bolognese!?” Die Katze sagt: “Ich bin ein<br />

Stuhl.”<br />

Der Stuhl wird sich sein Essen in Zukunft wohl selber<br />

fangen müssen, grinse ich in mich hinein.<br />

Leise hoffe ich, dass er sich nicht mit den Eichhörnchen<br />

anlegt.<br />

Aber wo sind jetzt meine Spaghetti-Bolognese? Es ist<br />

auch schon halb neun. Gott sei dank habe ich die Wiederholung<br />

vorsichtshalber aufgenommen, ich kann<br />

mich also in aller Ruhe um mein Spaghetti-Bolognese-Problem<br />

kümmern, und die Wiederholung meiner<br />

Wiederholung um halb zehn sehen.<br />

Ich hole also meine Taschentaschenlampe aus meiner<br />

Bauchtasche und stehe auf. Ich rutsche auf einer Kakerlake<br />

aus und verletze mich am Daumen. Zur Strafe<br />

schreie ich die Kakerlake an: “Du Mistkörper!”<br />

Je weiter ich laufe und meinen Teller suche, desto länger<br />

wird die Bolognese-Spur, die ich hinter mir herziehe.<br />

Was ein Faktor in dieser Geschichte wäre, den ich<br />

nicht verstehe. Meine Suche ist mühsam, ich öffne also<br />

eine Kakerlake wie eine Dose und trinke mich satt.<br />

Mein Haus ist groß, ich war noch nie im ersten Stock.<br />

Heute trau ich mich auch nicht, viel zu gruselig.<br />

Die Spaghetti-Bolognese müssen also im Erdgeschoss<br />

sein. Ich bücke mich nach einer Kakerlake und benutze<br />

sie als Navi. Mit meinem Kuli tippe ich meinen Zielort<br />

ein. Noch ziemlich weit....<br />

Ich baue mir aus 10 000 Kakerlaken einen VW Golf<br />

GTI und fahre zum Zielort. Das Navi hat eine Frauenstimme.<br />

Ich hole mir einen runter.<br />

Als ich am Wohnzimmer vorbeifahre, sage ich dem<br />

Busfahrer, dass er kurz halten soll. Ich mache meinen<br />

Gigabyte DVD-Recorder an und höre Bruce Darnell,<br />

wie er Mario Barth, der auf der Bühne steht, sagt: “Das<br />

die schlechteste, wo ich gesehen mochte. Mir ist Kotze<br />

hochgekommen. Ulala.” (alle klatschen).<br />

Ich sage dem Busfahrer, dass er weiterfahren kann und<br />

flätsche mich auf meine Matratze. Ich habe wieder<br />

Durst, pfeife meine Kuh herbei und trinke sie aus. Sie<br />

stirbt.<br />

Ein kleines Mädchen singt “Angel” von Robbie Williams<br />

und ich fange an zu weinen. Ich hole mir einen<br />

runter.<br />

Ich rufe den Makler an: “Wo sind meine verfickten<br />

Spaghetti-Bolognese!?”, er lacht und legt auf.<br />

Ich hole mir einen runter, decke mich mit Kakerlaken<br />

zu und gehe schlafen.<br />

Ich mag mein Haus. Vielleicht gehe ich morgen Abend<br />

in den Club und reiß mir eine auf.<br />

Aus „Das Buch Wasteland - Band 1.5 - Proxyserver“<br />

Foto: Lena Teresa Flohrschütz<br />

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RATGEBER SCHÖNES LEBEN:<br />

Sie haben das Heft nun also bis zur Seite 27 durchgeblättert. Falls Sie sich immer noch fragen, was<br />

das alles soll, oder wo der praktische Nutzen versteckt ist, reißen sie doch einfach ein Paar Blätter<br />

heraus und basteln Sie sich tolle Papierflieger:<br />

Funktioniert auch ganz wunderbar mit<br />

Rechnungen, Mahnungen, Einberufungsbescheiden,<br />

Lottoscheinen, Flyern, Bastelanleitungen,<br />

Bausparverträgen, Klimaabkommen,<br />

Gehwegplatten, AfD-Plakaten,<br />

Spickzetteln, Drohbriefen, Mieterhöhungsschreiben,<br />

Antragsformularen, Spinatrezepten<br />

und Berliner Flughafenbauplänen.<br />

Sie sehen: Möglichkeiten gibt es viele!<br />

Aber Vorsicht!<br />

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28


29


Mein liebes Kalbe!<br />

30<br />

Mit 6 Wochen kam ich damals mit meiner Mutter zu Dir, wo<br />

schon mein Vater auf uns beide wartete. Glückliche Kindheit,<br />

keineswegs langweilige Jugend... so bin ich aufgewachsen,<br />

mir fehlte es wirklich an nichts. Doch dann, irgendwann, wurdest<br />

Du mir zu einem Käfig, in dem ich mich gefangen fühlte.<br />

Deine Enge, Dein vertrauter Schutz und die Sicherheit, die Du<br />

mir gabst, Deine „Piefigkeit“ schienen mich erdrücken zu wollen.<br />

So entschied ich mich, Dich sehr bald gen Norden des<br />

Landes zu verlassen, um mein Studium in Rostock an der Ostsee<br />

zu beginnen und Dir zu entfliehen. Du tatest Dich inzwischen<br />

wie ein Abgrund vor mir auf. Ich wollte mich ausleben<br />

können (Ich dachte damals jedenfalls, dass es mir hier nicht<br />

möglich wäre). Inzwischen sind Jahre vergangen und ich verbrachte<br />

weit mehr meiner Lebensjahre außerhalb und konnte<br />

mich wirklich in Vielem ausleben. Mein mir inzwischen sehr<br />

lieb gewordenes Hamburg, in dem ich nun schon seit 23 Jahren<br />

sehr gern lebe, wurde nach und nach zu „meiner“ Stadt.<br />

Ich war mir sicher, hier alt zu werden. Aber erstens kommt<br />

es anders und zweitens als man denkt. Eines schönen Tages<br />

weilte ich mal wieder zu Besuch in Dir (Inzwischen nahm ich<br />

Dich als malerisch ruhiges und etwas verschlafenes Städtchen<br />

wahr, das ich sehr gern besuchte). Dieses mal „rief“ mich ein<br />

wunderschönes, kleines und niedliches Häuschen in Deiner<br />

allerschönsten Straße und ich brauchte nicht lange, um es zu<br />

erhören.<br />

Doch nun hab ich den „Salat“. So wie das mit der Liebe auf<br />

den ersten Blick nun mal ist, setzt der Verstand schlichtweg aus<br />

und man macht einfach. So auch ich. Jetzt hab ich ein Haus<br />

in der besten Nachbarschaft, die ich mir vorstellen kann und<br />

lebe und arbeite doch in Hamburg! ...<br />

So werde ich wohl zur Meisterin des Lebens in zwei Welten<br />

werden müssen. Denn, bin ich in Dir, genieße ich die Ruhe,<br />

die Beschaulichkeit, die zwischenmenschliche Nähe und Herzlichkeit<br />

der hier lebenden Menschen, die Einsamkeit in der<br />

Weite der Natur, die Dich umgibt und in die ich mit wenigen<br />

Schritten eintauchen kann, in der ich dann so gern versinken<br />

mag. Ich bin angetan von dem Treiben in der Künstlerstadt,<br />

von der Begegnung mit interessanten Menschen (u.a. aus Afghanistan),<br />

all dem, was die Menschen hier alles auf die Beine<br />

stellen. Und dann möchte ich gar nicht mehr weg von Dir.<br />

Doch wieder in Hamburg, wird mir sehr schnell bewusst, auf<br />

was ich alles verzichten müsste und was ich sehr vermissen<br />

würde. Dinge, die hier bereits selbstverständlich sind und fest<br />

zu meinem Leben gehören: Meine sehr gut bezahlte 3-Tage-<br />

Arbeitswoche, mein BioSupermarkt um die Ecke, mein homöopathischer<br />

Arzt aus der HafenbesetzerSzene der 80er,<br />

die mit dem Rad erreichbaren lauschigen Programmkinos, in<br />

denen auch Filme gezeigt werden, die man sonst nicht zu sehen<br />

bekäme, meine Osteopathin und Freundin, die gekonnt<br />

jedes meiner kleinen Leiden wegzaubert, all meine mir liebgewordenen<br />

Freunde, die Konzerte auf der „Hedi“, auf der wir<br />

zusammen feiernd durch den Hamburger Hafen schippern,<br />

die Industrieromantik des Hafens, der immer Fernweh in mir<br />

auslöst, weil es dort schon nach Nordsee riecht, in die die Elbe<br />

fließen wird, die Konzerte und Partys auf der Stubnitz, die vielen<br />

Hausprojekte, Wagenplätze, Volxküchen, das KubbSpielen<br />

und Biertrinken an der Elbe und das Grillen im Park mit Freunden,<br />

das Kickern im „Onkel Otto“, das Millerntor, kurz das<br />

ganze Großstadttreiben, all das, was Du mir nicht bieten<br />

konntest...<br />

Und doch werden dann genauso schnell all die unangenehmen<br />

Seiten einer Großstadt in mir laut, die mich seit längerem<br />

wirklich mehr und mehr nerven: Der ständige Straßenlärm<br />

(nicht nur durch den Verkehr, sondern auch der Sirenen der<br />

Rettungswagen und<br />

den Bullenwannen),<br />

die täglich grölenden<br />

und feiernden Menschen,<br />

der Lärm der<br />

U-und S-Bahnen und<br />

der ihnen eigene Geruch<br />

nach allem, was Menschen<br />

in einer Großstadt ausmacht, der Lärm der startenden und<br />

landenden Flugzeuge und Airbusse, der Lärm der überall<br />

mehr und mehr auftauchenden Baustellen, den stinkenden<br />

und lauten Laubpustern, Motorsägen, Rasenmähern und<br />

Presslufthämmern, das Tuten der unglaublich vielen und riesigen<br />

Containerschiffe auf der Elbe und die Kreuzfahrtschiffe,<br />

die sich wie riesige Häuserblöcke auf der Elbe vorwärts schieben<br />

und von denen Menschen herunter winken, die vergeblich<br />

auf ein Winken von mir warten, die verstopften Straßen, die<br />

unglaublich hohe Feinstaubbelastung, die aggressiven Bulleneinsätze<br />

bei Demos, all die „Druffis“, Verrückten, Obdachlosen<br />

und zahllosen Flüchtlinge, die verzweifelt am Hauptbahnhof<br />

warten, die vielen traurigen und einsamen Menschen, die<br />

überfüllten öffentlichen Verkehrsmittel, die fürchterliche Dichte<br />

von Menschen auf engstem Raum bei größter Anonymität...<br />

...so anonym, dass die Menschen, die gemeinsam in einem<br />

Haus wohnen, nicht miteinander reden, sondern sich Luft machen,<br />

in dem sie ihre Anliegen mit an Computern geschriebenen<br />

Zetteln an der Eingangstür, ohne ihren Namen zu nennen,<br />

anbringen:<br />

Wo tun sich denn nun eigentlich die wirklichen Abgründe vor<br />

mir auf? Wo ist es enger und piefiger?<br />

„Es ist kein Anzeichen von seelischer Gesundheit,<br />

sich an eine zutiefst gestörte Gesellschaft<br />

anpassen zu können.“ Jiddu Krishnamurti<br />

Und deshalb werde ich täglich demütiger Dir gegenüber und<br />

hoffe, Du verzeihst mir, dass ich erst meine eigenen Erfahrungen<br />

sammeln musste, um zu verstehen. Die Heimat, wenn<br />

man solch ein Gefühl überhaupt einmal kennenlernen durfte,<br />

verlässt einen ohnehin nie im Leben. Manche unter uns sehnen<br />

sich nach ihr, ohne dass sie jemals (wieder) erreichbar zu<br />

sein scheint.<br />

Ich kann mir immer besser vorstellen, meinen Lebensmittelpunkt<br />

nach und nach wieder zurück zu verlegen. Hier sind<br />

meine Wurzeln, hier ist meine Familie, zu Dir kann ich zurück<br />

kehren, um „ARTgerecht“ als Mensch leben zu können. Ich<br />

bekomme mehr und mehr das Gefühl, hier in Dir, vor allem<br />

endlich auch ANKOMMEN zu können.<br />

Und die kleine weise Pippi Langstrumpf sagte bereits: „Wer<br />

nicht weggeht, der kann auch nicht wiederkommen.“ ICH<br />

KANN wiederkommen und danke Dir, mein kleines, ruhiges<br />

und „zartes“ Kalbe dafür, dass es Dich für mich mal gab und<br />

jetzt auch wieder gibt, dafür dass Du mir nicht böse bist, sondern<br />

mich wieder mit offenen Armen empfängst!<br />

Ich danke aber auch allen, die mich hier in diesem traumhaft<br />

schönen Städtchen, in dem es mir so gut gefällt, so herzlich<br />

willkommen heißen. Das weiß ich sehr zu schätzen und freue<br />

mich auf ein beidseitig bereicherndes Zusammenleben und<br />

einige schöne und spannende neue Projekte mit Euch allen,<br />

vorerst wohl eher noch an den Wochenenden, aber sicher<br />

schon ganz bald auch in meinem Alltag.<br />

Deine, Dir wieder (oder immer noch?)<br />

sehr verbundene,<br />

Ilka


Ein seltsamer Gast<br />

„Bis nachher“ wisperte SIE noch, bevor einen Augenblick später<br />

die Tür hinter ihr ins Schloss fiel. Fröstelnd zog ER sich die Decke<br />

über den nackten Oberkörper und schloss noch einmal für einen<br />

kurzen Moment die Augen. Dann streckte er sich und drehte den<br />

Temperatur-Regler der Heizung voll auf . Es knackte und blubberte<br />

ohrenbetäubend. Wie erwartet nahmen die uralten Heizkörper<br />

ihren Dienst nur sehr langsam und widerwillig auf, und das kleine<br />

Dachgeschoss-Zimmer blieb wie immer kalt. „Wohl die Rache<br />

dafür, dass wir die Scheiß-Heizung seit Tagen nicht entlüftet haben...“<br />

murmelte er verstimmt und schwang sich dann ziemlich<br />

ungraziös aus dem zerwühlten Bett, das noch immer aufregend<br />

nach IHR roch. Die Erinnerung an die vergangene Nacht jagte ihm<br />

trotz der Kälte einen wohlig-warmen Schauer durch den Körper<br />

und zauberte ihm ein verträumtes Lächeln ins Gesicht. Seufzend<br />

durchwühlte ER den Stapel Wäsche auf dem Stuhl in der Ecke des<br />

Zimmers und zog sein zerknittertes rotes Shirt und die zerschlissene<br />

Jeans daraus hervor. Obwohl es bereits fast 10 Uhr war, lag<br />

die Stadt noch immer seltsam verschlafen unter ihm, als ER kurz<br />

darauf aus dem Fenster schaute. Nahezu das gesamte herbstliche<br />

Göttingen war vom obersten Stockwerk des alten Fachwerkhauses<br />

zu überblicken. In der Ferne verloren sich die letzten Nebelfetzen<br />

langsam im Licht der aufgehenden Sonne.<br />

Als ER den mit allerhand Kram vollgestellten Flur betrat und das<br />

Badezimmer ansteuerte, fiel ihm ein schwarzer, ziemlich teuer aussehender<br />

Aktenkoffer auf, der so gar nicht ins symphatisch-unaufgeräumte<br />

Chaos der 4-Zimmer-Studenten-WG passen wollte, in<br />

der SIE lebte. Im Bad wusch ER sich das Gesicht und ärgerte sich<br />

dabei über das immer wieder heiß und kalt werdende Wasser. Als<br />

ER sich anzog, hatte ER den Koffer schon fast vergessen. Nach den<br />

Ereignissen der vergangenen 2 Wochen, genauer: seit dem Tag,<br />

an dem er SIE auf diesem kleinen Festival mitten im Nirgendwo<br />

der sachsen-anhaltinischen Provinz kennengelernt hatte, brachte<br />

ihn so leicht nichts mehr aus der Fassung. Auch nicht das Bild,<br />

welches sich ihm bot, als ER kurz darauf nur mit einem Handtuch<br />

um die Hüften die Küche betrat. Am Tisch saß, eine komplett weiße<br />

und übermäßig lange und dünne Zigarette rauchend, ein fast<br />

mannsgroßer Frosch. Er trug einen - allem Anschein nach - maßgeschneiderten<br />

dunkelgrauen Anzug und hatte sich in Siegerpose<br />

mit verschränkten Armen und übereinandergeschlagenen Beinen<br />

auf einem Stuhl am Küchentisch niedergelassen. Lässig schnippte<br />

er seine Asche auf den ausgetretenen und vergilbten Linoleumbelag<br />

des Fußbodens.<br />

Nach einer kurzen Schrecksekunde hatte ER sich wieder im Griff.<br />

„Kaffee?“ fragte ER den Frosch unbeeindruckt und gespielt freundlich,<br />

aber doch mit genug Ironie in der Stimme, dass die braungrüne,<br />

ölig glänzende Amphibie es unmöglich überhört haben<br />

konnte.<br />

Abfällig nickend nahm der Frosch das Angebot an. ER griff sich<br />

die abgenutzte alte Metalldose mit dem schwarzen Wachmacher<br />

aus dem Regal, schaufelte 6 gehäufte Löffel davon in die Filtertüte<br />

und füllte danach den Wassertank mit der geblümten Kanne vom<br />

Fensterbrett.<br />

„Worum geht’s?“ fragte ER den Frosch ruhig, als die Kaffeemaschine<br />

fauchend ihre Arbeit begann.<br />

„Hinterrücks mein Name, von der Hausverwaltung.“schnarrte der<br />

Frosch verächtlich.<br />

ER blickte den Frosch fragend an.<br />

„Es geht um die bevorstehende Sanierung und die damit verbundene<br />

Mieterhöhung.“<br />

„Soso. Und da schickt die Hausverwaltung mal eben unangekündigt<br />

einen – Pardon –, einen Frosch, um mit den Mietern über<br />

dieses Thema zu sprechen?!“ fragte ER mehr belustigt als beeindruckt.<br />

“Ist das nicht ein etwas seltsamer Beruf für Ihre Gattung?<br />

Ich dachte immer, es wären eher Haie, die derartige Tätigkeiten<br />

versehen? Und überhaupt, wie kommen Sie hier eigentlich rein?<br />

Schon mal was von Privatsphäre gehört?“<br />

Immer mit der Ruhe, junger Mann,“ antwortete der Frosch mit<br />

plötzlich sehr leiser Stimme, die einen bedrohlichen Unterton angenommen<br />

hatte “ auf unsere Briefe haben Sie nicht reagiert, außerdem<br />

liegen uns Beschwerden wegen Ruhestörung, Vernachlässigens<br />

der Putzwoche und diversen anderen Verstößen gegen die<br />

Hausordnung vor. Genug für eine fristlose Kündigung unsererseits.<br />

An Ihrer Stelle wäre ich vorsichtig mit dem, was ich sage.“<br />

31


Jetzt kam ihm die Situation dann doch etwas zu grotesk vor und ihm fehlten<br />

kurz die Worte. Die Gedanken in seinem Kopf schossen kreuz und quer.<br />

Was für ein Film lief hier eigentlich gerade ab? Noch bevor ER sich ordnen<br />

und etwas entgegnen konnte, meldete die Kaffeemaschine piepend, dass<br />

sie ihre Aufgabe erfolgreich erledigt hatte. ER goss dem Frosch schweigend<br />

eine Tasse der schwarzen Flüssigkeit ein, passenderweise in die grüne Tasse<br />

mit dem aufgedruckten Frosch. Dieser sah in diesem Moment wesentlich<br />

freundlicher und unschuldiger aus als sein unsympathischer Artverwandter,<br />

der mittlerweile ziemlich unelegant am Küchentisch flegelte und sich bereits<br />

die dritte Zigarette angezündet hatte.<br />

„Außerdem“ fuhr der Frosch grinsend fort „haben wir Schlüssel zu jeder<br />

unserer Wohnungen und behalten uns vor, diese auch unangemeldet zu<br />

inspizieren. Hier könnte übrigens mal wieder sauber gemacht werden.“<br />

„Ein Frosch als Miet-Hai, ich fass es nicht...“ murmelte ER ungläubig halblaut<br />

vor sich hin.<br />

„Und wenn schon!“ unterbrach ihn der Frosch brüsk. „Der Immobilienmarkt<br />

boomt, ein Job in dieser Branche ist so gut wie jeder andere, außerdem äußerst<br />

gut bezahlt, und irgendwer muss ihn schließlich machen. Davon ganz<br />

abgesehen ist meine Gattung prädestiniert für dieses Business. Glatt, schleimig,<br />

und ein großes Maul, was braucht’s denn mehr um in diesem Bereich<br />

erfolgreich zu sein?“ grinste der Frosch jovial. „Jahrelang dämmerte ich<br />

tagein-tagaus irgendwo am Arsch der Welt vor mich hin, und irgendwann<br />

wollte ich einfach raus aus meinem kleinen, verdreckten Dorfteich, in dem<br />

mein alter Herr immer noch sitzt und den ganzen Tag drauf wartet, dass ihm<br />

eine Fliege vor die Nase summt. Zum Jagen längst zu fett und müde, der<br />

alte Sack. Oder sollte ich enden wie meine Mutter? Hat ihre Beine an ein<br />

französisches Feinschmecker-Restaurant verkauft, um mit dem Geld abzuhauen<br />

und irgendwo neu anzufangen, weit weg vom Tümpel, dem Schilf<br />

und dem Schlamm. Drei Tage später hat sie der Storch geschnappt, war<br />

einfach nicht mehr schnell genug, ohne Beine,“ kicherte der Frosch abfällig.<br />

„Aber nun zur Sache, mein Lieber. Die Sanierung der alten Hütte hier fällt<br />

flach, keine Kohle grade, haben uns verspekuliert. Hat ein ganz schön großes<br />

Loch in unsere Finanzen gerissen. Miete erhöhen müssen wir trotzdem.<br />

Irgendwie muss das Loch ja schließlich gestopft werden, das verstehen Sie<br />

doch sicher?“<br />

„Ähm, also...“ sagt ER, kam jedoch nicht weiter, da ihm der Frosch erneut<br />

ins Wort fiel.<br />

„Wir dachten da so an 170% Mieterhöhung, und selbst damit sind Sie hier<br />

in Göttingen noch ganz gut dran! Ist immer noch erschwinglich, wenn Sie<br />

das mal mit den Mieten in Hamburg vergleichen. Da haben wir neulich<br />

erst die Esso-Häuser abgerissen, mussten zwar vorher das ganze asoziale<br />

Pack, was dort gehaust hat, mit der Staatsgewalt vertreiben, aber es hat sich<br />

gelohnt! Top-Lage, dicke Gewinne!“ schwärmte der Frosch und leckte sich<br />

gierig über die Lippen.<br />

„Scheiß-Kaffee übrigens, schmeckt zum Kotzen, wohl vom Discounter?!“<br />

unterbrach er krächzend seinen Monolog , stellte die leere Tasse auf den<br />

Tisch und lockerte seine Krawatte. Schweißperlen glitzerten auf seiner Stirn,<br />

während der letzten Minuten schien ihm deutlich unwohler geworden zu<br />

sein.<br />

Der schleimige Grünling wirkte plötzlich unsicher und fahrig. ER musterte<br />

den Frosch irritiert. Dann fiel sein Blick auf die geblümte Wasserkanne neben<br />

der Kaffeemaschine... Schlagartig wurde ihm klar, was die Ursache für<br />

das plötzliche Unwohlsein des Miet-Frosches war. In der schönen Kanne mit<br />

dem filigranen Schnörkelmuster,mit deren Inhalt er den Kaffee bereitet hatte,<br />

befand sich entgegen seiner Annahme keineswegs reines Leitungswasser,<br />

sondern das - mit einer ordentlichen Portion Dünger versetzte - Blumenwasser,<br />

welches SIE immer zum Gießen der kleinen Avocado-Bäumchen nahm,<br />

die überall in der Dachwohnung verstreut wuchsen.<br />

Der Nebel, der sich aufgrund der Ereignisse der vergangenen halben Stunde<br />

über seinen Verstand gelegt hatte, verzog sich binnen Sekunden. Bevor<br />

ihm gänzlich klar werden konnte, was das bedeutet, überschlugen sich die<br />

Ereignisse.<br />

„Luft!“ krächzte der Frosch heiser „ ich brauche frische Luft!“ und rüttelte<br />

am Küchenfenster, das völlig verzogen war und sich schon seit einer halben<br />

Ewigkeit nicht mehr öffnen ließ, und stürzte dann würgend und hustend in<br />

Richtung Balkon davon. Der erste Strahl Erbrochenes ergoß sich grünlichbraun<br />

schimmernd über den Stubenteppich, bevor der Frosch es geschafft<br />

hatte, die Balkon-Tür zu öffnen. Dann ging alles ganz schnell. Er torkelte einen<br />

Schritt vorwärts, übersah dabei die Armada der leeren Bier- und Weinflaschen,<br />

die überall kreuz und quer auf dem Boden verteilt lagen und glitt<br />

einen kurzen Moment später wie auf Rollschuhen in Richtung des Balkongeländers.<br />

Dumpf prallte sein Becken gegen die Metallstange des Handlaufs,<br />

sein fetter Oberkörper kippte nach vorn über, und nur Sekundenbruchteile<br />

später hing er in der Luft, sich mit einer glitschigen Froschfingernhand<br />

an die Querstreben der Ballustrade klammernd. „Hilfe !“ fiepte der Frosch<br />

kleinlaut, und während ER noch überlegte, ob es auch nur den geringsten<br />

Grund gäbe, den grünen Unsymphaten wieder nach oben zu hieven, hatte<br />

32<br />

sich dessen Schicksal bereits erfüllt und er fiel mit aufgerissenem Maul und<br />

ungläubig starrenden gelben Augen dem Pflaster entgegen. Gleich darauf<br />

hörte man ein unangenehmes Platschen, fast so als wenn man mit der<br />

flachen Hand auf Wasser schlägt. ER schloss für einen Moment die Augen<br />

und atmete langsam aus. Als ER den Flur betrat fiel sein Blick erneut auf<br />

den ledernen Aktenkoffer, der noch immer dort stand. Zwei Zahlenschlösser<br />

müsste ER knacken, um an den Inhalt zu gelangen. ER setzt sich an den<br />

Küchentisch und startete den ersten Versuch. Sein Kopf fühlte sich leer an.<br />

Alles, was ihm einfiel, war: dreimal die 6. ER musste unwillkürlich schmunzeln,<br />

als ER die Zahlen an den Schlössern einstellte. Linke Seite: 6 – 6 – 6<br />

. Welche Ironie wäre es, wenn ER tatsächlich beim ersten Versuch Glück<br />

hätte, und dann noch mit dieser Nummer. Die Zahlen waren eingestellt, und<br />

ER betätigte den Knopf....nichts. Rechte Seite: 6 – 6 – 6 . Vorsichtig betätigte<br />

er auch den rechten Knopf,. Wieder nichts. ‚Genug herumgespielt’ sagte<br />

ER zu sich selbst, stand auf und ging in Richtung Wohnzimmer, wo sich der<br />

WG-Gemeinschaftsschrank mit Bastelutensilien und Werkzeug befand. Die<br />

Kofferschlösser hatten dem großen Schraubendreher, mit dem eher wenig<br />

später in die Küche zurückkehrte, kaum Widerstand entgegen zu setzen.<br />

ER öffnete den Deckel und erstarrte. Der Inhalt bestand aus einigen Seiten<br />

Papier, aber vor allem aus einem: Geld. Sicher keine Millionen, aber doch<br />

mehr, als ER je zuvor in bar gesehen hatte. Nach dem ersten groben Zählen<br />

der Scheine stand fest: um sich damit nach Mexiko abzusetzen und den Rest<br />

des Lebens in Saus und Braus zu verbringen, hatte der Frosch definitiv nicht<br />

genug Kohle dabei. Für die große Reise mit IHR, von der beide schon vom<br />

Tag ihrer Begegnung an träumten, reichte es aber allemal. Dann blitzte<br />

ein Gedanke in ihm auf, und er ging zielstrebig in ihr Zimmer, griff in die<br />

Schreibtisch-Schublade und hielt gleich darauf den Antrag für den Studien-<br />

Kredit in den Händen, den sie tags zuvor ausgefüllt hatte, und der nötig<br />

war, um für die nächsten 2 Jahre ihr Studium zu finanzieren. Lächelnd zerriss<br />

ER das mehrere Seiten starke Schriftstück. ‚Auch dafür reicht’s noch, selbst<br />

wenn wir das nächste halbe Jahr um die Welt reisen...’ dachte ER, bevor ER<br />

die restlichen Papiere aus dem Koffer in den uralten und seit Ewigkeiten ungenutzten<br />

Kachelofen stopfte und sie mit Hilfe eines Streichholzes zu Asche<br />

und Rauch verwandelte.<br />

Dann ließ ER sich ein heißes Bad ein und lag eine gute halbe Stunde darin,<br />

bis seine Fingerkuppen ganz schrumpelig und das Wasser fast kalt war. Als<br />

ER aus der Wanne stieg, hatte ein Plan in seinem Kopf Form angenommen.<br />

ER trocknete sich ab, steckte den leeren Koffer in eine der blauen Mülltüten,<br />

die ER im Küchenschrank gefunden hatte, trat auf den Flur und zog die<br />

Wohnungstür hinter sich zu.<br />

Als ER wenig später das Haus verließ, um den letzten Beweis der Anwesenheit<br />

des Frosches zu beseitigen, lief ER fast Hauptkommissar Hund und<br />

seinen 2 Helfern Kommissar Wicht und Polizeianwärter Unnütz in die Arme,<br />

die gerade vor dem Haus die überaus unansehnlichen Überreste von dem,<br />

was einst ein äußerst großer und fetter Frosch gewesen war, inspizierten.<br />

„Sollen wir die Ermittlungen aufnehmen und Zeugen befragen, Chef?“ hörte<br />

ER Kommissar Wicht gerade fragen. Belustigt bemerkt ER das ‚A.C.A.B’-<br />

Graffito, das genau auf Kopfhöhe des Hilfs-Sherriffs an der Wand hinter<br />

ihm prangte.<br />

„Zeugen befragen!? Ermittlungen aufnehmen!?“ blaffte Oberkommissar<br />

Hund ungehalten.<br />

„Soweit ich sehen kann, liegt hier ein Frosch. Zwar ein ziemlich großes<br />

und fettes Exemplar, noch dazu im Anzug, was zugegebenmaßen reichlich<br />

seltsam erscheint, aber sei’s drum! Ermittlungen aufnehmen?! Am Freitag<br />

mittag?! Und wegen was, Wicht? Wegen Mordes vielleicht?“ Hund lachte<br />

abfällig in Richtung seiner beiden Untergebenen.<br />

„Na los, Wicht, husch husch, fangen Sie den Froschmörder! Und Sie, Unnütz,<br />

fahren Sie sofort los und nehmen Sie den Besitzer der Schweinemastanlage<br />

und den Hühnerzüchter wegen Massenmordes fest!“ meckerte Hund<br />

sarkastisch. Er gab sich keine Mühe, seine Verachtung für die beiden Helfer<br />

zu verbergen.<br />

„Los, wegräumen!“ fuhr er die 2 Männer von der Stadtreinigung an, die<br />

seit einer Weile gelangweilt in einigen Metern Entfernung gestanden und<br />

gewartet hatten. Schweigend warfen sie den verrenkten Kadaver auf die<br />

Ladefläche des alten VW-Transporters und kratzten die Reste des Frosches<br />

mit Schaufel und Besen vom Bürgersteig.<br />

Kopfschüttelnd ging ER auf den Hinterhof, entsorgte den Plastiksack mit<br />

dem Koffer in einem der großen Müllkübel und schlenderte dann gemächlich<br />

zurück in Richtung Straße. ER winkte den 2 Punks, die gerade mit Eimer,<br />

Pinsel und Plakaten bewaffnet aus dem besetzten Haus gegenüber kamen<br />

und fischte den Schlüsselbund aus seiner Hosentasche.<br />

Gerade als ER den Schlüssel ins Schloss steckte und die Haustür öffnete,<br />

bog SIE um die Ecke, und ließ mit einem einzigen Lächeln alle Ereignisse<br />

der letzten Stunden verblassen...„<br />

Herr Dr. Pirat verfasst sonst eher Reiseberichte, die im piratentagebuch.tumblr.com zu lesen sind, hier<br />

aber ausnahmsweise mal einen Ausflug ins Fantastische: „Gewidmet ist die Story meiner wunderbaren Jule,<br />

in deren Göttinger Dachgeschoss-WG die Geschichte entstanden ist,und die mich dazu inspiriert hat.“


33


Auch in der Altmark sind sie ständig im Einsatz, riesige Düngemaschinen,<br />

die ihre Arme weit über die Felder ausbreiten, flächendeckend „Pflanzenschutzmittel“<br />

ausbringen und dabei alles vernichten, was als lästig und<br />

schädlich angesehen wird. Mehrmals im Jahr werden diese Mittel auf Äcker<br />

und Plantagen versprüht, um die angebauten Pflanzen vor Krankheit, „Unkraut“<br />

und „Schädlingen“ zu schützen. Der Pestizideinsatz ermöglicht dabei<br />

Anbauweisen, die ohne ihn kaum möglich wären: Monokulturen, enge<br />

Fruchtfolgen, Anbau standortfremder Feldfrüchte, um nur einige zu nennen.<br />

Rund zwei Drittel des Ackerlandes werden heute von Weizen, Gerste, Mais<br />

und Raps belegt. Der Einsatz von Pestiziden macht es den Landwirten möglich,<br />

diese Hauptfrüchte mit steigenden Erträgen in monotonen Fruchtfolgen<br />

anzubauen.<br />

Über Jahrhunderte hat die Landwirtschaft zur Landschafts- und Artenvielfalt<br />

beigetragen. Durch die zunehmende Intensivierung seit den 1950er- Jahren<br />

hat sich diese positive Entwicklung allerdings umgekehrt.<br />

Darauf können wir Gift nehmen<br />

Folgen der Industrialisierung der Landwirtschaft<br />

Wenn man es genau betrachtet, ist es so als würden wir<br />

mit unserer tollen Zivilisation in ein einem D-Zug sitzen,<br />

der mit immer mehr Tempo auf einen Abgrund zu rast.<br />

Man kann ihn schon deutlich sehen, doch anstatt zu<br />

bremsen, geben wir noch mehr Gas. „Nee, wenn wir die<br />

Bremse ziehen, verschütten wir womöglich noch unseren<br />

Kaffee! Das wäre doch unschön. Da fahren wir lieber<br />

weiter.“ Schließlich sind wir doch die Krone der Schöpfung<br />

und können mit der Erde anstellen was wir wollen.<br />

Doch wenn man sich vor Augen führt, dass wir uns seit<br />

Ewigkeiten aufführen wie größenwahnsinnige Besatzer,<br />

dabei aber so dumm sind, den Ast absägen auf dem wir<br />

sitzen, zeugt es nicht gerade von ungeheurer Weisheit<br />

und Überlegenheit.<br />

„Lehrer sucht Schüler mit ernsthaftem Verlangen, die<br />

Welt zu retten.“ diese Anzeige ist der Beginn einer ungewöhnlichen<br />

Diskussion: Der Leser wird mit auf eine philosophische<br />

Reise genommen, auf der er immer mehr begreift,<br />

wie unsere Kultur funktioniert, wie sich der Mensch<br />

von der Natur entfremdet hat und wie betriebsblind wir<br />

geworden sind. Und wer kann einen Blick von außen auf<br />

unsere menschliche Gesellschaft werfen?<br />

Jemand, der nicht dazu gehört. Jemand, der der menschlichen<br />

Gesellschaft nicht angehört. Wer den verblüffenden<br />

Wechsel der Perspektive verkraften kann und das<br />

Buch trotzdem ernst nimmt, dem werden seine Ansichten<br />

über unser Dasein gehörig durchgeschüttelt.<br />

Ein Buch für alle, die keine Angst haben den Kaffee zu<br />

verschütten und sich noch ein wirklich gutes Leben vorstellen<br />

können:<br />

Die Natur unseres Planeten ist in großer Gefahr: Nicht nur in den „fernen“<br />

Regenwäldern Südamerikas oder den uns fremden Lebensbedingungen des<br />

ewigen Eises. Auch bei uns „zu Hause“ ist ein drastischer Rückgang der<br />

Biodiversität festzustellen. Tiere und Pflanzen, ganze Lebensräume sind vom<br />

Aussterben bedroht oder bereits unwiederbringlich verloren gegangen.<br />

Weltweit geht die Artenvielfalt zurück, die natürliche Aussterberate ist um das<br />

100- bis 1000-fache angestiegen, alleine zwischen 1970 und 2000 ist die<br />

Artenvielfalt um rund 40 Prozent zurückgegangen. In Mitteleuropa ist die<br />

Ackerlandschaft vom Artensterben besonders betroffen, der Mensch zerstört<br />

die natürlichen Lebensgrundlagen in einem unbeschreiblichen Tempo: Zwei<br />

Drittel aller Arten sind in Europa bestandsgefährdet. In Deutschland sind<br />

70 Prozent der natürlichen Lebensräume bestandsgefährdet, zwei Drittel der<br />

Amphibien- und Reptilienarten als gefährdet eingestuft oder vom Aussterben<br />

bedroht, 30 Prozent der Farne und Blütenpflanzen sind bestandsgefährdet.<br />

Ebenso stehen zwei Drittel der Tier- und Pflanzenarten des Offenlandes auf<br />

den Roten Listen der bedrohten Arten.<br />

Besonders betroffen sind Bäuerinnen und Bauern, die regelmäßig mit den<br />

giftigen Stoffen hantieren und so in direkten Kontakt mit ihnen kommen.<br />

Auch wer in unmittelbarer Nachbarschaft von pestizidbehandelten Feldern<br />

lebt, bekommt nicht selten eine gehörige Portion von dem Gift ab, etwa<br />

durch windbedingte Abdrift.<br />

Nachhaltige Landwirtschaft zum Schutz der biologischen Vielfalt<br />

In Deutschland ist für die Erhaltung der biologischen Vielfalt insbesondere<br />

die Art und Weise der praktizierten Landwirtschaft ausschlaggebend, fast die<br />

Hälfte der Landesfläche ist Agrarfläche (Europäische Union: 43 Prozent). Die<br />

nationale Biodiversitätsstrategie trägt dieser Bedeutung Rechnung, Ziele zur<br />

Erhöhung des Anteils an Grünland oder Streuobstwiesen wurden vereinbart.<br />

Die Zusagen aber werden nicht eingehalten.<br />

34<br />

Die Landwirtschaft in der Bundesrepublik muss, um einen signifikanten Beitrag<br />

zur Sicherung der Biodiversität zu leisten, im Rahmen einer Agrarwende<br />

weg von der intensiven Landwirtschaft hin zu einer nachhaltigen extensiven<br />

Landwirtschaft transformiert werden. Dies beinhaltet eine umfassende Veränderung<br />

der Art zu wirtschaften, speziell aber den Stopp des Einsatzes von<br />

chemisch-synthetischen Pestiziden.


„Pflanzenschutzmittel“ mit Nebenwirkungen<br />

Pestizide wirken sich in vielfacher Hinsicht auf Lebensräume, Pflanzen und<br />

Tiere aus. Direkte Folgen sind tödliche Auswirkungen auf vermeintliche<br />

Schädlinge – aber auch „Kollateralschäden“ an anderen Tieren und Pflanzen.<br />

Die Reduktion des Vorkommens einzelner Arten wirkt sich indirekt über<br />

die Nahrungskette auf andere Lebewesen aus und nimmt ihnen die Lebensgrundlage.<br />

Gleichzeitig schaffen Pestizide Formen der Landwirtschaft, die<br />

natürliche Lebensräume zerstören: Monokulturen, enge Fruchtfolgen oder<br />

nicht heimische Früchte zerstören das eingespielte Gleichgewicht.<br />

Es ist nicht einfach, den Einfluss von Pestiziden auf die biologische Vielfalt<br />

aus dem Bündel an Einflussfaktoren herauszufiltern. Dass dieser Einfluss<br />

groß ist, wurde in einer 2010 veröffentlichten, europaweiten Studie deutlich:<br />

Von dreizehn untersuchten Faktoren der landwirtschaftlichen Intensivierung<br />

hatte der Gebrauch von Insektiziden und Fungiziden die schädlichsten Auswirkungen<br />

auf die Biodiversität. Die Artenvielfalt in Europa kann also nur<br />

erhalten werden, wenn die Verwendung von Spritzmitteln in großen Teilen<br />

der Landwirtschaft auf ein Minimum beschränkt wird. (Geiger F. u.a. 2010:<br />

„Persistent negative effects of pesticides on biodiversity and biological control<br />

potential on European farmland“)<br />

Pestizide gefährden die Gesundheit<br />

Pestizide sind giftig – das ist schließlich ihr Zweck. Das ist problematisch für<br />

Umwelt und Natur, aber auch für uns Menschen. Es gibt eine Reihe von Wegen,<br />

auf denen Pestizide zu uns gelangen und unsere Gesundheit gefährden.<br />

Besonders betroffen sind Bäuerinnen und Bauern, die regelmäßig mit den<br />

giftigen Stoffen hantieren und so in direkten Kontakt mit ihnen kommen.<br />

Auch wer in unmittelbarer Nachbarschaft von pestizidbehandelten Feldern<br />

lebt, bekommt nicht selten eine gehörige Portion von dem Gift ab, etwa<br />

durch windbedingte Abdrift.<br />

Aber auch alle anderen, die weit entfernt von den direkten Pestizid-Einsatzorten<br />

leben, sind gefährdet. Immer wieder werden erhöhte Pestizid-Rückstände<br />

und Grenzwertüberschreitungen vor allem in Obst und und Gemüse festgestellt.<br />

Auch über den Umweg des Tierfutters können Pestizide in unsere<br />

Nahrung gelangen.<br />

Pestizide sind fast ohne Ausnahme auch für Menschen gesundheitsschädlich.<br />

Das bestreitet heute niemand mehr. Schon lange ist es etwa üblich, Obst<br />

und Gemüse vor dem Verzehr gründlich abzuwaschen, da es ja „gespritzt“<br />

sein könnte. Da „Pestizid“ nur ein funktionsbezogener Oberbegriff für eine<br />

Vielzahl von Stoffen ist, können die Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit<br />

ganz unterschiedlich sein. Die Liste der möglichen Gefährdungen<br />

ist lang: von akuten und chronischen Hauterkrankungen über Vergiftungserscheinungen<br />

bei direktem Kontakt, Krebs, Fruchtbarkeits- und Erbgutschäden<br />

bis hin zu Missbildungen bei Neugeborenen. Pestizide werden insgesamt<br />

zu den gefährlichsten Umweltgiften der Welt gezählt.<br />

Dass Pestizide keine harmlosen Substanzen sind, wird auch daran deutlich,<br />

dass sie immer wieder in suizidaler Absicht vor allem von verzweifelten BäuerInnen<br />

in ärmeren Ländern eingenommen werden. Über 300.000 Menschen<br />

nehmen sich einer Studie zufolge jährlich mit Pestiziden das Leben.<br />

Quelle: Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND)


36


Kaffee<br />

eine Kurzgeschichte von<br />

Gesa Kolb<br />

„Jetzt ist es also soweit. Ich bin allein. Was ein Wort. Mein Herz fühlt sich<br />

an, als würde es in meiner Brust - explodieren? Nein, nein, wenn dann<br />

implodieren, nach innen, hinein. All der unnötige Stauraum ist weg. Jetzt<br />

ist da nur noch Platz für mich. Alles andere wäre bloße Energieverschwendung.<br />

Kein Platz, kein Platz mehr, verdammt. Dafür bin ich einfach nicht<br />

mehr gebaut. Es würde meine Kapazitäten sprengen, wenn ich neue Dinge,<br />

wenn ich – sind Gefühle Dinge? Okay, falscher Ausdruck. Wenn ich all den<br />

Ballast- ah, gute Metapher- eines anderen in mir zulassen würde. Nein.<br />

Nein, es wäre außerdem viel zu gefährlich, am Ende ist das Ganze doch<br />

nur eine tickende Zeitbombe oder ein Blindgänger, der mir meine ganze<br />

Seele zerfetzt und ich muss sie bloß antippen und sie fällt auseinander. Dann<br />

können die mich einweisen. Wegen - gibt es so was wie Seelenbluten? Ich<br />

meine, wenn die Seele Teil des Körpers wäre? Oh verdammt. Sie fühlt sich<br />

jedenfalls verflucht körperlich an.“<br />

Beth wachte wieder mit verquollenen Augen auf. Das Gewicht ihrer Haare<br />

auf dem Kopfkissen fühlte sich noch immer ungewöhnlich leicht an und sie<br />

befühlte ihre kurzen Haarspitzen während ihr Verstand noch dabei war, aus<br />

dem Dämmerzustand des Traumes zu erwachen. Ach ja, sie hatte ja jetzt<br />

kurze Haare. Mit einer schwankenden Bewegung stand sie auf und torkelte<br />

mit halb wiedergewonnenem Gleichgewicht zur Badezimmertür. Das Licht,<br />

dass durch ihre provisorisch aufgehängten Vorhänge drängte, war noch<br />

ganz grau, nur ganz weit hinten schimmerte es schon leicht rosa.<br />

Beth starrte in die roten Augen ihres Spiegelbildes und hätte sich bei dessen<br />

Anblick am liebsten wieder in den Schlaf geheult. Ihre Haare waren gestern<br />

Abend noch nass gewesen, nun standen sie zu einer Seite ab, ihre Haut<br />

hatte dieselbe Farbe wie das Morgenlicht. Ihre Sommersprossen sahen aus<br />

wie blasse Überbleibsel aus einer Zeit in der die Tage noch Sommersprossen<br />

verdient hatten. Sie stöhnte in ihre Handflächen und rupfte sich mit der<br />

gewissen Aggression durch die Haare, die ihr schon aus schlechteren Tagen<br />

bekannt war.<br />

„Kaffee... Kaffee“, murmelte sie. Stolperte den Flur entlang in ihre Küche<br />

und realisierte erst als sie das Hallen ihrer Füße auf den Fließen hörte, dass<br />

sie ihre Küche ja noch gar nicht eingeräumt hatte.<br />

„Fuck“, entfuhr es ihr. Am liebsten hätte sie die Kartons zu ihren Füßen<br />

zertreten oder sich einfach wieder unter ihre Decke verkrochen. Sie war zu<br />

müde und zu deprimiert um das Haus in angemessener Art zu verlassen,<br />

also griff sie nach dem zerlöcherten Havard-Sweater, den ihr Merle aus<br />

Amerika mit geschmuggelt hatte und wand sich in ihre schmutzige Malerhose.<br />

Sie verließ die Wohnung, immer noch nicht ganz bei sich.<br />

An der nächsten Ecke gab es einen etwas angestaubten Kiosk, den Beth<br />

anpeilte, weil sie sich nicht im Stande fühlte, mehr als 200 Meter zu gehen.<br />

„Was darf´s denn sein?“, der Kiosk-Verkäufer sah aus, wie sie sich fühlte.<br />

„Kaffee.“<br />

„Ist aus. Darf´s auch was anderes sein?<br />

Wir haben jetzt diesen Tschai Latte.“<br />

„Kaffee“, sie schluchzte es fast.<br />

Sie wusste, wo sie immer welchen bekommen könnte. 8 Stunden entfernt<br />

von hier - seine ganze Wohnung hatte danach gerochen, selbst seine Haut<br />

sonderte diesen Duft aus. Er hatte wahrscheinlich nicht aus 80 Prozent<br />

Wasser bestanden, sondern vielleicht eher aus seinem geliebten schwarzen<br />

Gebräu.<br />

Vielleicht sollte sie sich langsam daran gewöhnen, diesem Duft aus dem<br />

Weg zu gehen.<br />

Sie schluckte hörbar und versuchte den Geschmack aus ihrem Mund zu<br />

bekommen, der sich anfühlte wie ein verschimmelter Waschlappen.<br />

Vorsichtig flüsterte sie: „Okay, egal. Der tut‘s auch. Was kriegen sie?“<br />

„5 Euro“<br />

„Wie bitte?“<br />

„5 Euro“<br />

„Okay, ich glaube Sie haben sich im Viertel geirrt, wir sind hier doch nicht<br />

bei den Hackeschen Höfen, verdammt noch mal, oder seh ick aus als wär‘<br />

ick einer von diesen verfluchten...“<br />

„Bezzy, das tust du allerdings, vor allem wenn du versuchst, Berliner Slang<br />

zu reden.“<br />

„Was..?“ Vor ihr stand, in einen roten Fellmantel gehüllt, mit farblich abgestimmtem<br />

Anzug, weinroten Leder-Galloschen und streng gegeltem Seitenscheitel:<br />

„MacKenzie!“, seufzte Beth, das Offensichtliche benennend. Hätte sie den<br />

Becher Chai schon in ihrer Hand gehabt, sie hätte ihn jetzt fallen gelassen.<br />

„Beth!“, er äffte ihre Stimme nach, die bei seinem Anblick gleich zwei Oktaven<br />

höher gestiegen war.<br />

„Oh mein Gott, was zum Teufel machst du hier?“<br />

„Sind das nicht zwei zu krasse Flüche in einem Satz? Mann, scheint, deine<br />

Manieren haben sich seit Cardiff nicht gebessert.“<br />

„Was machst du hier?“<br />

„Ach, ich war nur mal grad eben in der Gegend und...Bullshit! Merle hat<br />

mir erzählt, was passiert ist, und das du gleich ein halbes Land weggezogen<br />

bist, du verzweifelte Heulsuse.“<br />

„Merle? Shit, natürlich. Merle! Hast du was von ihr gehört? Sie ist vorgestern<br />

abgereist.“<br />

„Jap, sie ist natürlich sicher zuhause angekommen. Die WG hat sie wider<br />

Erwarten freudestrahlend aufgenommen. Und ich darf jetzt in ihrer gammligen<br />

Wohnung in Kreuzberg pennen.“ Nach kurzem Überlegen meinte Beth:<br />

„Du, wie wärs, wenn du einfach zu mir kommst?“<br />

„Um auf Pappkartons zu pennen?“<br />

„Och komm schon!“, Beth schaute ihn mit, wie sie hoffte, rührseligen<br />

Hundeaugen an, „Bitte, Bitte, Bitte!“<br />

„Also gut. Aber nur, wenn wir erst mal was zu futtern finden. Was hältst du<br />

davon, ich lad dich ein, auf ein Frühstück im Einstein oder so…“<br />

„Hast du irgendwo ‚nen Geldesel geparkt oder was?“<br />

„Nein. Ob du‘s glaubst oder nicht. Ich hab‘ geerbt.<br />

Morgen geh‘ ich zum Notar und lass‘ mir den Rest übertragen.“<br />

„Von wem, wenn man fragen darf?“<br />

„Meinem Großonkel Dicky, stockschwul und halb adelig.<br />

Hat ein hübsches kleines Vermögen mit Mixed Pickles gemacht.“<br />

„Mixed Pickles?“<br />

„Ja, diese sauer eingelegten Bohnen- und Gemüse-Teile.<br />

Gibt‘s die hier nicht?“<br />

„Nie von gehört. Aber wer weiß, die importieren ja heutzutage alles.“<br />

Mit dem dampfenden Tee in der Hand schlenderten Beth und MacKenzie<br />

vor sich her redend die Straße weiter, in Richtung der nächsten Haltestelle<br />

zum Café Einstein, und Beth hätte ein weiteres Mal beinahe den Becher<br />

fallengelassen, als sie über ein Plakat am Boden stolperte.<br />

„Ziggy Stardust Tribute Party“, las MacKenzie<br />

„Oh mein Gott, ich lieebe Ziggy Stardust!“<br />

„Du meinst, die tuntige Persona von Bowie, als die du dich jedes Jahr an<br />

Halloween verkleidest und immer nur die selben Typen mit aufreißt?“<br />

„Ja, genau die! Oh mein Gott, Beth, das ist heute Abend! Komm, lass uns<br />

da hingehen!“<br />

Beth sah MacKenzie mit verdrehten Augen an, als wolle sie sagen „Nicht<br />

dein Ernst“<br />

„Och bitte, bitte!“, mit ironischem Ausdruck warf er sich vor Beth auf den<br />

Boden.<br />

„Okay okay, steh wieder auf, die schauen schon alle!“<br />

„Tun die eh‘ schon, und das, obwohl wir hier in Berlin sind“, er zwinkerte ihr<br />

zu und drückte sie an sich. „Gott, hab ich deine Verklemmtheit vermisst!“<br />

„Gott, wie lange kenne ich Beth jetzt schon? Vielleicht sechs Jahre ist das<br />

jetzt her. Damals hab ich ein Praktikum bei einer Modefirma bei uns drüben<br />

in Cardiff gemacht. Mann, waren die da spießig. Keine meiner Ideen<br />

wurden angenommen. Und mein Alter hat mich natürlich auch bald rausgeschmissen,<br />

weil ich anfing, mich für Jungs zu interessieren und mich wie<br />

Oskar Wilde zu kleiden. Ich suchte dementsprechend dringend eine Bleibe.<br />

Irgendwann war ich abends auf so einer Vernissage von so einem Möchtegern-Warhol,<br />

da saß sie dann. Den Sekt in der Hand, schüchtern und ein<br />

bisschen gelangweilt, kam frisch aus irgend so einem Kaff in Deutschland,<br />

die Haare ungekämmt und die Hände noch voll mit Farbe. Das mit der<br />

Maniküre werde ich ihr wohl nie beibringen. Auf jeden Fall kamen wir bald<br />

ins Gespräch und sie erzählte, dass sie mit einer Freundin, Merle, hier her<br />

gekommen war, um mal rauszukommen. Sie seien eigentlich nur auf der<br />

Durchreise, aber diese Merle habe sich auf der Fahrt so dermaßen in einen<br />

Waliser verknallt, dass sie beschlossen hatten, erst mal bei dem zu bleiben.<br />

Dann stellte sich raus, dass der noch Platz hatte für eine weitere Person, und<br />

ruck zuck hatte ich den Platz in der nun geschaffenen WG. Die ist mittlerweile<br />

schon sehr viel größer und auch internationaler geworden, manchmal bin<br />

ich noch da. Auf jeden Fall war das unser erstes Treffen, und danach sind<br />

wir zwar immer wieder weit weg von einander gewesen, aber den Kontakt<br />

zu einem MacKenzie verliert man nicht so einfach.“<br />

37


„Das ganze Heft durchgeblättert -<br />

hat eigentlich gar nicht weh getan?!“<br />

Als Beth und MacKenzie verschwitzt und schon halb betrunken in ihren<br />

frisch gekauften silbern glänzenden Morphsuits in dem Club ankommen,<br />

ist es schon kurz vor eins. Sie haben ewig gebraucht, sich den roten Blitz<br />

auf die Gesichter zu zeichnen, über Beths Ex zu lästern, ein paar Tränen<br />

zu verdrücken und dabei eine halbe Flasche Eierlikör geleert. Eierlikör ist<br />

laut MacKenzie der letzte Schrei, weil ja alle gerade wieder so auf Retro<br />

machen würden.<br />

Das Dekor des Clubs ist in dunkelrotem Samt gehalten und wirkt wie das<br />

Moulin Rouge in Zeiten von Degas und Toulouse-Lautrec. Die Stimmung<br />

ist schon gut angeheizt. Einige Menschen sehen Beth und Mackenzie sehr<br />

ähnlich, viele haben sich Blitze über die Gesichter gemalt, andere tragen<br />

sogar die so markanten roten Fisselhaare, die damals Bowies Markenzeichen<br />

gewesen sind.<br />

Die ganze Menge tanzt gerade zu Suffragette City und der Schweiß scheint<br />

in Tröpfchen um sie zu fliegen. Es ist so unbeschreiblich warm. Und doch<br />

drängen sich MacKenzie und Beth eilig durch die Menge.<br />

Beth fühlt sich leicht nackt, aber den Zustand der Verklemmtheit und der<br />

Unsicherheit hat sie mit dem letzten Glass Eierlikör irgendwo in den Untiefen<br />

ihres Hinterkopfes verschwinden lassen. Sie grölt schon halb mit, als<br />

sie in der Mitte ankommen. Um sie herum sich schwenkende Leiber im<br />

roten und blauen Licht. MacKenzie und sie grinsen sich dümmlich an und<br />

beginnen den Tanz, den sie schon seit Jahren bei solchen Anlässen tanzen.<br />

Es ist eine Mischung aus allen möglichen Kultfilmen. Der Twist aus Pulp<br />

Fiction, der Zeigefinger aus Saturday Night Fever, das gruselig einstimmige<br />

Händeklatschen von RiffRaff und Magenta aus der Rocky Horror Picture<br />

Show. Beth fühlt sich unglaublich gelöst. Das alles hier hat nichts mehr<br />

zu tun mit dem Trauerzug von heute Morgen. MacKenzie ist nun mal eine<br />

Naturgewalt, deren Ausmaß jegliche Art der Misere in eine riesige Glitzerwolke<br />

aufzulösen vermag. Die Menschen und ihre Bewegungen ziehen<br />

schon lange Schlieren vor Beths Augen und MacKenzie dreht sie und dreht<br />

sie, er brüllt: „Schwing deinen Hintern, Darling!“<br />

Vielleicht liegt es an all dem, dem leichten Schwindelgefühl in ihrem Magen<br />

und der Wärme in ihrer Brust, dass sie diesem Augenblick so viel Bedeutung<br />

beimisst, vielleicht liegt es aber auch an dem einen Gesicht, das so<br />

plötzlich und so erstaunlich scharf aus der Menge heraussticht. Ist es ein<br />

Junge oder ein Mädchen? Das Wesen mit seinen fast außerirdischen Zügen<br />

ist nicht einzuordnen. Genau wie sie trägt es einen Blitz über dem Gesicht<br />

und seine Wimpern umrahmen lang und blau die merkwürdig leuchtenden<br />

Augen. Beth fühlt sich für einen kurzen Moment, als wäre sie einer Katze<br />

im Dunkeln begegnet, so sehr irritieren sie diese Augen. Eine Sekunde<br />

später ist die Erscheinung verschwunden in den Schlieren ihres trunkenen<br />

Verstandes.<br />

„Okay, lass uns raus, ich muuss eine rauchen!“, brüllt Mackenzie ihr überdreht<br />

ins Ohr und sie quetschen sich durch die Menge. Beth atmet kurz<br />

auf, währenddessen Mackenzie Papers, Filter und Tabak aus seiner kleinen<br />

Clutch kramt und sich die erste von vielen Zigaretten in dieser Nacht zu<br />

drehen beginnt. Beths Kopf schwirrt immer noch vom Alkohol und vom<br />

Tanzen. Sie dreht sich kurz von Mackenzie weg, um den Rauch nicht einzuatmen,<br />

der ihr entgegen weht.<br />

Und da steht diese Gestalt. Jetzt erkennt Beth, dass es offensichtlich ein<br />

Mann sein muss, denn auch er trägt einen eng anliegenden Anzug, wenn<br />

auch einen aus rotem Samt mit Chiffon-Einsätzen. Sein Gesicht hat dennoch<br />

sehr weibliche Züge, hohe Wangenknochen, die großen grünen Augen<br />

mit den langen Yves-Klein-blauen Wimpern und weich geschwungene,<br />

feminine Lippen, in Schwarz-blau geschminkt, mit einer Zigarette im Mundwinkel.<br />

Seine Haare sind ungefähr doppelt so lang wie ihre und wehen<br />

leicht um ihn herum wie eine Art rötlicher Heiligenschein. „Mackenzie...“,<br />

sie tippt ihm geistesabwesend auf die Schulter. „Mackenzie, dreh‘ mir bitte<br />

sofort eine Zigarette, ich glaube ich sehe Gespenster. Siehst du den Typen<br />

da vorne?!“. Mackenzie, der seine Zigarette fast fertig geraucht hat, schaut<br />

sie schmunzelnd von der Seite an und meint nur: „Aber nur dieses eine Mal<br />

und auch nur, weil mein Feuer grade leer geworden ist, ansonsten würde<br />

ich dich keinen Meter näher an diesen Typen lassen.“<br />

„Gut, wir verstehen uns. Gott, ich brauche so dringend jemanden, damit<br />

ich mir Ihn aus dem Kopf vögeln kann.“<br />

„You go girl!“, Mackenzie drückt ihr die verkrüppelte Selbstgedrehte in die<br />

ausgestreckte Hand.<br />

Beth atmet noch einmal tief durch, schiebt sich die Zigarette in den rechten<br />

Mundwinkel und schlendert dann betont lässig zu dem Typ am anderen<br />

Ende des Innenhofes.<br />

„Hey, hast du zufällig Feuer?“, raunt sie ihm zu. Sie kann kaum aus seinem<br />

Gesicht schauen, und er lächelt nur und sagt: „Du bist doch diejenige mit<br />

der geilen Rocky Horror Nummer grad eben! Klar hab ich Feuer.“<br />

Und mit dem Glimmen des Papiers am anderen Ende ihrer Zigarette weiß<br />

Beth, dass dieser Tag vielleicht doch noch ein gutes Ende nehmen könnte.<br />

38


In langen Zügen atmet sie den Rauch ein. „Beth“, sagt sie, und streckt die<br />

Hand aus. „Anji.“ Seine Augen scheinen sich in ihren zu verhaken und die<br />

Pupillen weiten sich.<br />

Als Beth am nächsten Morgen aufwacht, klebt ihr Morphsuit wie eine zweite<br />

Haut an ihren Beinen. Der Körper neben ihr strahlt angenehme Wärme<br />

aus und sie hört nur das sanfte Geräusch schlafender Atemzüge. Ihr Hals<br />

ist kratzig vom Rauch und sie spürt, dass der viele Eierlikör sie nicht unbeschadet<br />

gelassen hat. Auf Zehenspitzen steht sie auf und macht sich auf die<br />

Suche nach einem Bad. Die Dielen knarren gefährlich unter ihren Füßen,<br />

doch die Atemzüge vom Bett bleiben im selben gleichmäßigen Rhythmus<br />

wie zuvor. Sie schaut sich unsicher im Raum um. Zu ihrer Linken steht ein<br />

Bücherregal, auf dessen oberen Leiste alte Schallplatten und ein Plattenspieler<br />

platziert wurden. Dahinter ein einfacher Kleiderständer mit einer<br />

bunten Mischung an Klamotten, eine alte Biker-Jacke nachlässig über die<br />

Bügel geworfen, darunter eine Sammlung verschiedenster Herrenschnürschuhe<br />

und ein einziges paar Glitzer-Plateau-Stiefel, die hatte er gestern<br />

Abend an. Auf der anderen Zimmerseite steht links neben der Tür eine<br />

weiße Fender plus Verstärker und Equipment. Daneben auf der anderen<br />

Seite der Tür ein kleiner, wohl selbstgebauter Schreibtisch, auf dem ein mit<br />

Band-Stickern und Sprüchen beklebter Mac Pro, ziemlich verkratzt und aus<br />

irgendeinem Grund angestaubt, summt. Über dem Schreibtisch hängt ein<br />

Plakat von den Doors und eine kleine veraltete Weltkarte auf denen Stecknadeln<br />

Telefonnummern befestigen.<br />

Sie öffnet die Tür und tritt auf einen engen, chaotischen WG-Flur, an den<br />

sie sich von gestern Nacht noch nicht erinnern konnte. Die Wände sind<br />

vollgestellt mit alten Büchern, verdreckten Schuhen und Jacken, die einfach<br />

in irgendeine Ecke geworfen wurden. Zu beiden Seiten flüchten sich Türen,<br />

eine davon müsste das ersehnte Bad sein. Vorsichtig manövriert sich Beth<br />

an den Bücherstapeln (Sie entdeckt Titel wie „Die Pest“ in Originalausgabe<br />

oder „Staatsphilosophie nach Hegel“ und andere Schinken) vorbei. Das<br />

Bad findet sie nach vorsichtigem Lauschen hinter der letzten Tür, es ist nur<br />

ein ganz schmaler ungemütlicher Gang, wie es bei Altbauten manchmal so<br />

üblich ist. Auch hier ist wieder alles sehr chaotisch. Auf dem Waschbeckenrand<br />

stehen noch die Farbtöpfchen und Lippenstifte von vermutlich gestern<br />

Abend. Im Spiegelschrank diverse Männerdüfte und erstaunlicherweise anklebbare<br />

Wimpern und Make-Up, neben einem Nassrasierer, Schaum und<br />

Zahnbürste. Dabei wohnt hier doch gar keine Frau. Beth zuckt die Schultern<br />

und schließt den Schrank wieder.<br />

Ihr entfährt ein Seufzer als sie ihr Gesicht sieht. Die Haare stehen mal wieder<br />

zu allen Seiten ab und zur verschmierten Schminke kommen unzählige<br />

Knutschflecken und Schlafnarben, die sie hilflos versucht, wegzuwaschen.<br />

Sie sieht aus, als ob sie drei Tage nicht geschlafen oder bei illegalen Straßenkämpfen<br />

mitgemacht hätte.<br />

Als sie die letzten Schminkreste entfernt und die Haare mit Wasser zurückgegelt<br />

hat, greift sie zu Anjis Schminkutensilien.<br />

Sie deckt gerade die blau-grünen Knutschflecken an ihrem Hals ab, als<br />

hinter ihr die Tür aufgeht und eine verschlafene Gestalt mit grauser Post-<br />

Koital-Frisur ins Bad tritt. „Guten Morgen, Lady Stardust“, grummelt er, umarmt<br />

sie von hinten und beginnt von neuem blau-grüne Flecken an ihrem<br />

Hals zu erzeugen. „Guten Morgen, Iggy Pop“, erwidert sie und ist für einen<br />

Moment verwundert, wie grauenvoll ihre Stimme doch klingt, so dass sie<br />

ihn nicht daran hindert, weiter zu machen.<br />

Sie verlässt seine Wohnung um 15 Uhr mit einem unbestimmten Schmerz<br />

im Kopf und wunden Füßen. Seine Nummer klebt in verschmiertem rotem<br />

Lippenstift unter der zweiten Haut des Morphsuits auf der Innenseite<br />

ihres linken Beines. Er hat ihr seine Lederjacke geliehen. Das muss wohl<br />

bedeuten, dass sie sich wieder sehen werden. Mit einem Lächeln auf dem<br />

geschwollenen Mund stöpselt sie ihre Kopfhörer in ihren Mp3-Player und<br />

zieht die dicken schwarzen Muscheln über ihre Ohren. Sie spürt den leichten<br />

Muskelkater in der Hüfte, als sie im Takt der Musik nach Hause läuft.<br />

IMPRESSUM<br />

Kalbenser <strong>Fliegenklatsche</strong><br />

Herausgeber:<br />

Marko Kühnel<br />

Gardelegener Straße 28<br />

39624 Kalbe Milde<br />

Mail: fliegenklatsche-kalbe@online.de<br />

Web: <strong>Fliegenklatsche</strong>-Magazin.de<br />

Tel: 039080 40946<br />

Ausgabe 02, Dezember 2015 mit Beiträgen von:<br />

Karola Pfandt - Zeichnungen auf Seite 08, Seite 28, Seite 29, Seite 33 und Seite 36<br />

Adrian Kenyon - Seite 06 - adriankenyon.com (Merci beaucoup!)<br />

Lena Teresa Flohrschütz - cargovalley.com - lenateresaflohrschuetz.com<br />

Ilka Erl - Seite 30 - inklusive einem schönem Regenbogenfoto von Anna Ebeling<br />

Ajmal und Shakila Sahak - ihre Geschichte wurde notiert von M.K.<br />

Herr Doktor Pirat - piratentagebuch.tumblr.com<br />

Jens Eichenberg - eichenberg-naturstein.de<br />

Etzekiel van Blubberich & Herr Tutan<br />

Patrick Amelie Becker - thewasteland.de<br />

Michael Körner - koerner-foto.de<br />

Cathleen Hoffmann - Seite 19<br />

Gesa Kolb - feegesa.tumblr.com<br />

Alisa Tretau - alisatretau.net<br />

Lisa Wiedemuth<br />

Vielen Dank für eure tiefgründigen, scharfsinnigen und mutigen<br />

Beiträge. Ich war echt überwältigt, dass dieses kleine Magazin euch<br />

so viel Zeit und Hirnschmalz wert war. Ja, ihr seid echt großartig und<br />

nein, Gage gibt‘s natürlich wieder nicht. Aber seid nicht traurig. Ihr<br />

wisst doch, wo jederzeit ein schales Bier, eine Magnumflasche Wein<br />

und ein paar tröstende Worte am Feuerchen auf euch warten.<br />

Ebenfalls möchte ich mich bei meiner guten Mutter fürs Korrekturlesen<br />

bedanken. Damit übernimmt sie freiwillig die Schuld an allen<br />

übersehenen Vehlern in diesem Heft. Und natürlich geht noch ein<br />

Dank raus an meine kleine Friseurin, die so viel Geduld mit mir hat.<br />

Hat sie in diesem Heft etwas besonders gefreut oder geärgert. Oder<br />

sie möchten auch gern einen, wie auch immer gearteten Beitrag in<br />

der <strong>Fliegenklatsche</strong> veröffentlichen - dann schreiben sie bitte einen<br />

Brief oder eine Mail an die oben genannte Adresse.<br />

Ich freue mich auf Post von Ihnen!<br />

39<br />

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Ich würde gern in einer Solidarität wohnen. In einem<br />

Schrebergarten ohne Hecken, mit eurer großen Liebe.<br />

Und dann will ich nichts mehr kaufen müssen. Ich will<br />

dem Kapital die Zunge in den Hals stecken und es so<br />

tief drinnen kitzeln, bis es schwach wird. Ich würde<br />

gerne den großen Zaun im Meer abreißen und die Zwischensprache<br />

lernen. Ich wäre gerne wirklich farbenblind.<br />

Ich brauche ein Leben, das fließt wie ein Bach<br />

in Schleswig-Holstein. Ich möchte mit Finanzhaien um<br />

die Wette tauchen und ihnen das richtige Maß um die<br />

Ohren hauen. Ich will uns nicht verbrauchen. Ich hätte<br />

wirklich gerne DREAMS ARE MY REALITY selbst komponiert.<br />

Das Wort Identität möchte ich nie wieder hören.<br />

Ich brauche ein Leben, das nur mit euch funktioniert –<br />

könnt ihr mich umarmen, dass es unter die Haut geht?<br />

Alisa Tretau

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