MEDIAkompakt 19: I have a Dream

mediapublishing07

DIE ZEITUNG DES STUDIENGANGS MEDIAPUBLISHING

DER HOCHSCHULE DER MEDIEN STUTTGART AUSGABE 01/2016 28.01.2016

media

kompakt

SCIENCE

VS. FICTION

WISSENSCHAFT

DEUTSCHLAND –

LAND DER TRÄUME

ODER TRAUMLAND?

VON TRÄUMEN & LEBEN

„MEIN LEBEN

IST HIER IM GALAO”

KULTUR & GESELLSCHAFT

I HAVE A DREAM


2

EDITORIAL

mediakompakt

3 Science vs. Fiction

Können wir die Zukunft lesen?

Liebe Leserinnen,

liebe Leser,

„Wer aufhört zu träumen, ist entweder am Ende oder am Ziel“(Wolfgang Schulze). Dieses Zitat passt

in wunderbarer Weise zu dem Oberthema der 19. Ausgabe der MEDIAkompakt: „I have a dream“.

Die Diskussionen in der Themenfindung waren selten so kontovers wie für diese Ausgabe. Was ist

unter dem Begriff „Traum“ zu verstehen? Die bloße Wunschvorstellung eines (noch) nicht erreichten

Zustandes würde dem Verständnis der AutorInnen nicht gerecht werden. Träume können Angst machen,

können laut sein, Zustände anprangern oder Fragen aufwerfen. Manche Träume geben Motivation,

um sich auf den Weg zu machen, ein Ziel erreichen zu wollen. Ohne Träume jedenfalls, wäre

die Welt und unser Leben sicherlich trister und monotoner.

Aus diesem Grund haben wir auch in der aktuellen Ausgabe wieder ein breites Spektrum an lesenswerten

Artikeln zusammengestellt, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Thema

„Träume“ auseinandersetzen.

Die MEDIAkompakt ein studentisches Projekt am Ende des Mediapublishing-Studiums an der Hochschule

der Medien mit dem Ziel, das Erlernte aus dem Studium einmal konkret anzuwenden. Dabei

sollen möglichst viele Prozesse und Aufgaben aus einem Presseverlag Anwendung finden: Neben der

redaktionellen Arbeit ist dies die Akquise von Anzeigenkunden, die Gestaltung und technische Realisation

der gedruckten und elektronischen Ausgabe, sowie die Präsentation an der Medianight, dem

Erscheinungstag der MEDIAkompakt.

4 Let’s Settle Down

Auf zum Mars!

6 Luzider Traum

Oneironaut

7 Faszination Kornkreise

Forschung zwischen Grenz- und

Naturwissenschaften

8 Bananen schmecken himmelblau

Im Wahrnehmungsstrudel der Sinne

9 „ … widewide wie sie mir gefällt.“

Pippi Langstrumpf als Vorbild

einer neuen Generation

10 Wegwerfgesellschaft

Geht’s auch anders?

11 Häkeln ist nichts für Jungs? Von wegen!

Die erstaunliche Geschichte von myboshi

12 Deutschland – Land der Träume oder Traumland?

Wenn Träume Namen haben

14 Wunschtraum Multitasking

Mehr, schneller, besser?

16 Traumreiseländer 2016

Welche Länder muss man 2016 besuchen?

18 Same same but different

Von Indivdualisten und Kollektiven

20 Durchstarten

Der Traum vom perfekten Karriereeinstieg

Prof. Christof Seeger

Herausgeber

21 Bee like you

Ein Traum aus süßem Gold

22 „Mein Leben ist hier im GALAO”

Reiner Bocka und sein Weg zum

angesagten Stuttgarter Gastronom

IMPRESSUM

24 Going Under

Weit weg von allem und ganz bei sich

mediakompakt

Zeitung aus dem Studiengang Mediapublishing

Hochschule der Medien Stuttgart

HERAUSGEBER

Prof. Christof Seeger

Studiengang Mediapublishing

Postanschrift: Nobelstraße 10

70569 Stuttgart

REDAKTION

Prof. Christof Seeger (V.I.S.d.P.)

E-Mail: seeger(at)hdm-stuttgart.de

CHEF VOM DIENST

Paul Gilius, Sabrina Sethaler

ANZEIGENVERKAUF

Siona Bechler, Sandra Guggemos, Jana Hahn,

Vivien Hentschel, Miriam Madlindl, Regina Reinecke,

Louise Richter, Ophelia Schlegel, Oliver Steinhäuser,

Miriam Thome

PRODUKTION

Anita Langer, Anna Morich,

Kimberley-Vanessa Reutter, Katja Settgast

BILDREDAKTION

Daniela Bez, Sabrina Parks, Lina Schedlbauer

GRAFIK TITELSEITE

Daniela Bez

MEDIANIGHT-TEAM

Vanessa Görz, Patricia Kobel,

Moana Müller, Sebastian Wibbe

DRUCK

Z-Druck Zentrale Zeitungsgesellschaft GmbH & Co. KG

Böblingerstraße 70

71065 Sindelfingen

ERSCHEINUNGSWEISE

Einmal im Semester zur Medianight

25 Der Traum vom Bestseller

Die Arbeit in der Manuskriptverwaltung

eines Verlages

26 Trial & Error – Vom Scheitern

Wenn der Traum nicht in Erfüllung geht

28 Andere Welten, andere Sitten

Wie Rollenspieler andere

Welten zum Leben erwecken

30 Nach den Sternen greifen

Ausflug in die Spitzengastronomie

31 I Have A Dream – Umfrage

Wovon träumen wir?


1/2016 WISSENSCHAFT

3

Science

vs. Fiction

2016? Das klang früher

nach Science-Fiction. Doch

Filmemacher und Autoren

spinnen nicht nur herum,

sondern haben erstaunlich

oft visionäre Ideen, die zur

Realität werden. Können

wir die Zukunft lesen?

Nicht immer bewahrheiten

sich Zukunftsvorhersagen.

VON KATJA SETTGAST

Bild: Lina Schedlbauer

Wer kennt nicht die Szene aus

„Zurück in die Zukunft 2“, in der

Marty McFly auf seinem schwebenden

Hoverboard vor Biff und seiner

Gang flieht? Im zweiten Teil der

„Zurück in die Zukunft“-Trilogie reist der Held

vom Jahr 1985 in das Jahr 2015. Aber wie sieht die

Realität heute aus? Der Autobauer Lexus hat diesen

Science-Fiction-Traum nun wahr werden lassen.

Das Projekt „Slide“ beruht auf der Technik

von Magnetschwebebahnen. Mit dem Board ist es

tatsächlich möglich über dem Boden zu schweben

und wie im Film über Wasser zu gleiten. Allerdings

kann das „Slide” nicht gesteuert werden, sondern

wird von einer unterirdisch verlegten Magnetbahn

geleitet. Zur Enttäuschung aller „Zurück in

die Zukunft“-Fans muss leider gesagt werden, dass

„Slide“ laut Lexus nicht in Serie gehen soll. Aber

wer von uns kennt schon die Zukunft?

Manche Zukunftsvisionen in Science-Fiction-

Filmen sind erstaunlich prophetisch. Andere dagegen

klingen unmöglich, fast schon albern. 2012

ging bekanntlich die Welt unter („2012“). In

„Postman“, 1997 gedreht, zeichnet Kevin Costner

mit einem von Atom- und Bürgerkrieg verwüsteten

Amerika ein düsteres Bild von der Zukunft. Im

Jahr 2015 jagen Cyborg-Polizisten Verbrecher wie

in „Robocop“ (1987) und das Klonen ist alltäglich

wie in „The 6th Day“ (2000). Werden im Jahr 2017

wirklich verurteilte Kriminelle in TV-Shows um ihr

Leben laufen wie Arnold Schwarzenegger in „Running

Man“ (1987) oder Teenager in Gladiatorenkämpfen

gegeneinander antreten wie in „Die Tribute

von Panem“ (2012)? Produzieren wir 2022

Nahrung aus Menschenfleisch wie in „Soylent

Green“ (1972)? Eher unwahrscheinlich. Die Apokalypse

ist auch wieder verschoben worden. Die

TV-Show „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“

erinnert vielleicht manchmal an die Hungerspiele,

aber hier kämpfen die Teilnehmer nicht ums

Überleben, sondern nur um ihre Würde. Da liegen

Strafzettel fürs Fluchen im Jahr 2032 wie in

„Demolition Man“ (1993) noch am ehesten im

Bereich des Möglichen.

Je weiter die Filme in der Zukunft spielen, desto

hypothetischer, aber auch spannender werden

die Visionen der Filmemacher. In „Waterworld“

(1995) steht demnach nicht nur den Eisbären das

Wasser bis zum Hals. 2084 werden wir den Mars

besiedelt haben wie in „Total Recall“ (1990). In

„Interstellar“ (2014) werden wir auf der Suche

nach einem neuen Heimatplaneten sein. Im Jahr

2092 werden Maschinen die Herrschaft über die

Welt übernommen haben wie in „Terminator“

(1984). „Alien“ (1979) zufolge werden wir 2122 im

Weltall nach Bodenschätzen suchen und 2199 alle

Teil der „Matrix“ (1999) sein.

Der Zukunftsforscher Bernd Flessner, der an

der Universität Erlangen-Nürnberg arbeitet,

glaubt an die Prophezeiungen der Science-Fiction-

Autoren. Wenn er untersucht, welche Technologien

die Welt im dritten Jahrtausend erobern

könnten, liest er Zukunftsromane, anstatt einem

anerkannten Experten zu vertrauen. „Science-

Fiction-Autoren treffen mit ihren Visionen oft die

Realität“, meint Flessner. Das hätten Autoren wie

Forster, Wells und andere mit ihren Werken bewiesen.

Den Grund kennt er auch: „Schriftsteller

haben den Blick fürs große Ganze. Experten hingegen

leiden häufig unter einem starken Tunnelblick.“

Autoren müssten in sich stimmige Welten

entwerfen. Dagegen seien Fachleute zu nah am

Problem und stolperten über Details. Autoren

transportierten die Möglichkeiten der Gegenwart

in die Zukunft und dürften dabei auch Entwicklungsschritte

überspringen. Ihre Ideen würden

nicht nur von Wissen beflügelt, sondern auch von

Phantasie.

Es gibt viele Beispiele, dass Science-Fiction-

Träume wahr werden können. In seinem Roman

„The Fountains of Paradise“ von 1979 beschreibt

der US-Autor Arthur C. Clarke eine Weltraum -

station, die wie ein Satellit im Weltall kreist. Mit

einem Aufzug erreicht man die Station und startet

von dort Reisen in den Weltraum. Die NASA testet

nun diese Idee, die Raketen überflüssig machen

könnte. Vielleicht heißt es dann irgendwann

nicht „Dritter Stock, bitte.“, sondern „In den

Weltraum!“. Überhaupt: „Die Idee für die gesamte

Raumfahrt kommt nicht aus der Wissenschaft,

sondern aus der Science-Fiction-Literatur“, behauptet

Flessner. Die Raketenkonstrukteure, die

die Mondlandung ermöglicht hatten, wollten

wahr machen, was sie bei dem Schriftsteller Jules

Verne und anderen gelesen hätten. Verne beschrieb

in seinem Roman „Von der Erde zum

Mond“ ein Jahrhundert vor der Mondlandung der

Apollo 11 die Landung des Menschen auf dem

Mond. In George Lucas „Star Wars: Episode IV –

Eine neue Hoffnung“ von 1977 sieht man im Film

wie Prinzessin Leia einen Hologramm-Hilferuf absetzt,

bevor sie von dem bösen Sith-Lord Darth

Vader gefangengenommen wird. Heutzutage ist

die Hologramm-Technologie schon so weit fortgeschritten,

dass sogar verstorbene Künstler wie der

Rapper 2Pac als Hologramm realitätsnah wieder

zum Leben erweckt werden können, wovon sich

beispielsweise die Besucher des Coachella Festivals

2012 selbst ein Bild machen konnten.

Wer also nicht die phantastischen Innovationen

von Morgen verpassen möchte, sollte sich mit

Büchern und Filmen aus dem Science-Fiction-

Genre beschäftigen. Denn nicht selten wird aus

Fiction Science.


4 WISSENSCHAFT

mediakompakt

Bild: NASA

Let’s Settle Down

Der Mensch ist seit jeher

neugierig. Diese Neugier

gepaart mit Visionen lassen

viele Wissenschaftler an ein

Leben außerhalb unseres

Heimatplaneten Erde denken.

Vor Kurzem verkündete die

NASA, dass es Wasser

auf dem Mars gibt. Ist ein

Leben auf dem roten Planeten

in ferner Zukunft doch

möglich?

VON LINA SCHEDLBAUER

Er ist kahl, blutrot und sieht aus wie eine

Steinwüste übersät mit Geröll und kantigen

Felsen. Der Mars. Der rote Planet, wie

er auch genannt wird, erhielt seinen Namen

aufgrund des Eisenoxid-Staubs

(= Rost), der sich auf der Marsoberfläche und in

der dünnen CO 2

-Atmosphäre verteilt hat. An seinen

Polkappen befinden sich schätzungsweise

drei Millionen Kubikmeter Eis. Wäre der Mars

flach, würde das geschmolzene Eis einen Ozean

von 200 Metern Tiefe ergeben. Und wo Eis ist, ist

auch Wasser? Es wäre eine Grundvoraussetzung

für mögliches Leben.

Laut neuesten Erkenntnissen der NASA

(= National Aeronautics and Space Administration)

konnten an mehreren Steilhängen dunkle

Rinnen gesichtet werden, die durch Schmelzwasser

hervorgerufen wurden. Doch fließendes Wasser

wurde (noch) nicht gefunden. Dennoch ist der

Mars ein sehr erdähnlicher Planet. Er ist halb so

groß wie die Erde und die Schwerkraft ist ein Drittel

so stark. Ein Tag auf dem Mars (= Sol) dauert

24 Stunden und 37 Minuten. Ein Marsjahr dauert

ungefähr 687 Tage. Außerdem besitzt der rote Planet

Jahreszeiten wie die Erde. An Sommertagen

kann die Temperatur in Äquatornähe kurzzeitig

auf mehr als +10 °C steigen. In der Nacht fällt sie

aber wieder auf unter –60 °C. Der Mars-Winter ist

mit unter –100 °C auch nicht gerade geeignet fürs

Skifahren auf den Polkappen. Was in Druckanzügen,

durch die sehr dünne Atmosphäre, womöglich

auch nicht besonders einfach zu bewerkstelligen

wäre. Doch es gibt Hoffnung. Anscheinend

herrschen auf dem Mars immer noch geologische

Aktivitäten, die jederzeit zu einem Ausbruch der

erloschenen Vulkane führen könnten so wie vor

ca. 4 Milliarden Jahren. Damals herrschten Bedingungen

auf dem Mars, die durchaus Leben hätten

hervorbringen können. Aus unbekannten Ursachen

kühlte der Planet jedoch ab, die Vulkantätigkeit

und der Treibhauseffekt kamen zum Erliegen.

Doch all diese Vermutungen und Spekulationen,

sowie deren Hindernisse halten Wissenschaftler

nicht davon ab, unseren Nachbarplaneten

zu besuchen. Nach dem Stand der heutigen

Technik würde der Hinflug etwa 250 Tage dauern.

Dies gilt aber nur unter optimalen Bedingungen.

Die ESA (= European Space Agency) plant einen

bemannten Marsflug für das Jahr 2033. Die NASA

will über eine Zwischenstation auf dem Mond zum


1/2016 WISSENSCHAFT

5

Mars fliegen, auch in den 2030er Jahren. Es gibt

zwar fiktive, aber dennoch realistische Visionen

den Mars zu erreichen und zu besiedeln. Doch wie

könnte solch eine erste Marskolonisation aussehen?

Und welche Entdeckungen und Erkenntnisse

müssen zu Beginn erbracht werden, um an eine

Besiedlung zu denken?

Ready for take-off. Nächster Halt: Mars. Eine

realisierbare Möglichkeit wäre einige Jahre vor

dem Start der Astronauten eine unbemannte Rakete

loszuschicken. So könnten, ähnlich wie bei

einem Umzug, die benötigten Materialien, Geräte

und eine Trägerrakete für die Heimreise vorausgesandt

werden. Bei der Ankunft auf der Mars -

oberfläche würde daraufhin sofort Treibstoff und

Sauer stoff produziert. So wäre alles für die ersten

Menschen auf dem Mars bereitgestellt.

Für diese komplizierte Mission ist allerdings eine

lange Vorbereitungszeit der Marspioniere notwendig,

denn die psychische und physischen Anforderungen

sind enorm. Auch die technischen

und spezifischen Fähigkeiten für so ein Projekt

müssen vorhanden sein. Durch die Erfahrungen

auf der Raumstation „Mir“ haben Wissenschaftler

schon viel gelernt und können das erworbene

Wissen für einen Flug zum Mars mit einbringen.

Ist der Tag gekommen und die Mannschaft begibt

sich auf die Reise zum Mars, würden sie ihn

nach ungefähr neun Monaten erreichen. Kurz vor

der Marsoberfläche zünden die Landeraketen, damit

die Landefähre langsam und sicher auf dem

Mars aufsetzen könnte. Sobald die Astronauten

aussteigen, haben sie bereits alle notwendigen

Mittel und Materialien, um 500 Tage auf dem

Mars zu forschen und nach Ressourcen, wie Wasser,

zu suchen, die für eine Marskolonie lebensnotwendig

wären.

Wurden diese Ressourcen gefunden und haben

wir gelernt sie zu nutzen, könnten wir den

Mars auch besiedeln. Außerdem sucht man nach

Spuren von ehemaligem Leben oder noch lebenden

Mikroben, die sich tiefer unter der Mars -

oberfläche aufhalten könnten. In der Antarktis

beispielsweise, wo es ebenso kein flüssiges Wasser

gibt, sondern nur Eis, leben Mikroorganismen

in Steinen.

Damit eine erste Marssiedlung aufgebaut werden

könnte, müssen Wohnmodule von der Erde

zum Mars geschickt werden. Diese werden dann

nach und nach zusammengebaut. Um die Fortbewegung

von mehreren Kolonien zu erleichtern,

sinniert man beispielsweise über eine Magnetschwebebahn,

die die Kolonien über weite Strecken

miteinander verbinden. Für die technische

Umsetzung benötigte man Bauarbeiter und große

Maschinen. Baustoffe, wie Beton, könnte man mit

einem speziellen, schon existierenden Pulver herstellen,

das mit Wasser vermischt wird. Stahl herzustellen

wäre durch das riesige Vorkommen von

Eisen auf dem Mars realisierbar.

Des Weiteren müsste man auch Pflanzen anbauen

und Wasser aus der Tiefe nach oben fördern.

Erste Versuche mit marsähnlicher Erde, Getreide

und Kartoffeln anzubauen, brachten schon

vielversprechende Erfolge. Dafür müsste man Gewächshäuser

auf dem Planeten bauen, damit die

Pflanzen direkt im Marsboden wachsen könnten.

Die benötigte Energie kann man durch Windparks

gewinnen, die durchaus auf dem Mars funktionieren

würden. Um der gefährlichen ultravioletten

Strahlung der Sonne zu entgehen, könnte man

Wohntunnel mit Marserde bedecken. Eine weitere

Möglichkeit sich vor der Strahlung zu schützen,

wären die Vielzahl von Höhlen, die sich durch die

Vulkantätigkeit im Laufe der Zeit gebildet haben.

Mit überdachten Durchbrüchen kann man die

Höhleninnenräume beleuchten. Entdeckungen

von Wasserreservoirs in den Höhlensystemen wären

ebenfalls denkbar.

Ein weiterer Schritt wäre das Terraforming.

Dabei würde der Mars immer weiter umgeformt

werden, bis er zu einer zweiten Erde geworden ist.

Allerdings würde es gut Hunderttausend Jahre benötigen,

bis man auf dem Mars frei atmen könnte.

Auch die Zeitrechnung ist auf dem Mars eine andere.

Es gibt schon Konzepte für eigene Mars -

kalender und Uhren, die für die Marssiedler erforderlich

wären.

So ähnlich könnte die erfolgreiche Mars -

kolonisation in den nächsten Jahrzehnten bis

Jahrtausenden aussehen. Die Forschungen und

Entwicklungen schreiten immer weiter voran.

Doch es werden noch Jahrzehnte vergehen, bis

der erste Mensch seinen Fuß auf den roten Planeten

setzen kann. Bis dahin bleiben die Roboter die

Ersten, die den Mars erfolgreich besiedelt haben.

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WISSENSCHAFT

mediakompakt

Luzider

Traum –

Oneironaut

Wir träumen in jeder Nacht.

Kaum jedoch sind wir

erwacht, entfliehen diese

in unbekannte Sphären.

Ein Fünftel unserer schlafenden

Zeit verbringen wir mit

Träumen. Warum diese Zeit

also nicht kreativ nutzen und

sich Wünsche erfüllen? Im

Klartraum werden die Grenzen

nur durch die eigene Phantasie

gesetzt. Der Name Oneironaut

kommt vom griechischen

Wort oneiros (Traum) und

nautes (Seefahrer), bedeutet

also Traumreisender.

VON JANA HAHN

Einige Merkmale des (Trüb-)Träumens

sind, dass man sich nicht an sie erinnern

kann und zwischen Logischem und Unlogischem

nicht unterscheiden kann.

Der Klarträumer lernt durch Reality-

Checks (RC) sein kritisches Bewusstsein sowie sein

Logikzentrum während des Träumens zu steuern.

Im Traumverlauf sind wir völlig davon überzeugt,

dass wir uns in der Realität befinden. Durch die

Ausschüttung von Endorphinen und Adrenalin,

haben Träume eine enorme Auswirkung auf unseren

Körper.

Ist man Klarträumer, sind einem keine Grenzen

mehr gesetzt: Was ist alles möglich? Fliegen,

Essen, Leidenschaften ausleben, Gesetze brechen,

Ängste und Wünsche erforschen und daran wachsen.

All dies benötigt etwas Übung. Die Wahrnehmungen

im Klartraum sind absolut identisch zur

Realität, sie entstehen nicht wie im Wachleben

aus den Reizen, sondern aus Erinnerungen. Veränderungen

in der Traumwelt sind jederzeit möglich,

zum Beispiel in der Umgebung, klar sichtbar

oder unbemerkt. Durch die eigene Vorstellungskraft

kann dies eingeleitet werden. Die Wahrnehmung

ist stärker mit den Gefühlen verbunden. Ein

Klartraum dauert zwischen einer Sekunde und einer

Stunde, dennoch kann der Traum dem Träumenden

gefühlt länger vorkommen. Der Körper

regeneriert sich im Klartraum genau gleich und

Gefahren sind nicht bekannt. Auch Klarträumer

träumen weiterhin Trübträume.

In einem Klartraum ist man sich bewusst, dass

man träumt. Dadurch fühlt sich der Traum völlig

real an, untersteht der eigenen Kontrolle und man

kann sich im Nachhinein detailreich an ihn erinnern.

Ein Klarträumer besitzt die volle motorische

Kontrolle über seinen Körper und alle Sinne sind

voll ausgeprägt. Auch der Geist ist klar und man

kann auf vorher festgelegte Ziele zugreifen. Ein

Klartraum wird auch luzider Traum genannt und

ist dementsprechend das Gegenteil vom Trübtraum

(TT), dem normalen Traum ohne Kontrolle.

Mit folgenden Techniken lernt man Oneironaut

zu werden, also bewusst zu träumen.

Reality-Checks (RC) müssen tagsüber immer

wieder durchgeführt werden, am besten verschiedene

hintereinander. Auf diesem Weg werden die

RC zur Gewohnheit, die in die Träume übergeht.

Jedoch ähnelt das Ergebnis nicht dem im Wachleben.

Ein Beispiel ist der Nasen-RC, Nase zuhalten

und versuchen zu atmen. Weiter gibt es den

Finger -RC, indem man versucht mit dem Finger

durch die andere Handfläche zu drücken. Im

Bild: Jana Hahn

Traum funktioniert alles wunderbar. Man kann

auch die Finger einer Hand (Hand-RC) zählen,

kurz wegschauen und erneut zählen. In Träumen

sind sechs Finger an einer Hand keine Seltenheit.

Oder wie wär es mit dem Lese-RC? Verändert sich

der Text beim erneuten Lesen? Beim Uhren-RC erkennt

man ob die Uhrzeit einen Sinn ergibt.

Wenn man sich im Traum dreht (Dreh-RC) sollte

man beobachten, ob man sich danach noch am

selben Ort befindet oder ob sich die Umgebung

einfach weiterdreht. Mit dieser Technik kann man

später auch den Klartraum stabilisieren. Durch

den Sprung-RC kann man testen ob die Sprung -

höhe realistisch ist. Auch das Erinnerungs -

vermögen kann eine Aussage darüber geben, ob

man sich im Traum befindet, da in einem Traum

kaum Erinnerungsvermögen besteht. Die Reality-

Checks sprechen jeden Menschen individuell an

und lassen sich vorher nicht bestimmen. Die

Checks müssen immer bewusst ausgeführt werden.

Sobald man den RC beherrscht, kann man

bewusst träumen, bzw. weiß im Traum, dass man

nur träumt, das löst Glücksgefühle aus. Man hat

im Traum also einen positiven RC gemacht, um

dieses Bewusstsein zu erlangen. Im Wachleben

nennt man die RCs negativ.

Vor der Phase des luziden Träumens gibt es zuerst

einen kritischen Moment. Es folgt ein Prä -

luzider Traum, in dem man den aktuellen Zustand

hinterfragt und das Logikzentrum aktiviert. Nach

der Erkenntnis, dass man träumt, beginnt der

Klartraum. Aber vorsicht, es gibt jedoch auch den

geträumten Klartraum, in dem unlogisches Handeln

vorkommt, allerdings merkt man dies meistens

erst nach dem Aufwachen. Der geträumte

Klartraum lässt sich oft nur schwer vom richtigen

Klartraum unterscheiden. Es gibt zwei Möglichkeiten

in den Klartraum einzutauchen. Entweder

über den Trübtraum oder der Träumer nimmt die

Bewusstheit mit in den Traum und erreicht diesen

sofort. Untersuchungen der Schlafphasen der

Klarträumer haben ergeben, dass sie nach Uhr

schlafen. Das bedeutet, dass sie so viele Klar -

träume wie nur möglich erreichen. Es gibt verschiedene

Klartraum-Techniken, um diese zu

steuern. Generell gilt, je länger man schläft, desto

wahrscheinlicher ist es, einen Luziden Traum zu

haben.

Falsches Erwachen ist, wenn der Träumer

glaubt aus seinem Traum erwacht zu sein, jedoch

ist dies nur ein Trugbild. Deswegen kann man sich

angewöhnen nach jedem Erwachen einen RC

durchzuführen. Jeder Mensch kann das Klar -

träumen lernen. Es dauert zwischen einem Tag

und mehreren Monaten. Zuerst muss man die

Traumerinnerung lernen, danach folgt der Klartraum.

Traumtagebücher können hierbei helfen.

Ich kann mich zum Beispiel im Nachhinein erinnern,

dass ich als Kind oft schon Klarträume hatte,

um mich in Alpträumen vor Feinden und bösen

Monstern zu schützen und dadurch keine Angst

mehr haben zu müssen.

Der Film „Inception“ basiert zwar auf der Thematik

des Klarträumens, man kann dies jedoch

nicht eins zu eins aufs Klarträumen übertragen,

denn im echten Klartraum gibt es keine Ebenen

und gefangen sein kann man in ihm auch nicht.

Na dann, los geht’s …


1/2016 WISSENSCHAFT

7

Bild: Jabberocky

Faszination Kornkreise

In regelmäßigen Abständen tauchen irgendwo auf der Welt

Kornkreise auf. Erst im Juli 2015 wurde beispielsweise

in Bayern eine riesige komplexe Kornkreisformation in einem

Feld entdeckt. Für viele Besucher dort war klar, dass dies

eine Botschaft von Außerirdischen ist. Ist da etwas dran oder

sind das nur Wunschträume der Esoterik-Anhänger?

VON SANDRA GUGGEMOS

Dass die Ursache auch eine ganz andere

sein kann, davon ist Kornkreisforscher

und Sachbuchautor Andreas Müller

überzeugt. Er argumentiert, dass die Erforschung

der Kornkreise keine Teil -

disziplin der UFO-Forschung sei und auch nichts

mit einem Glauben an irgendetwas zu tun habe.

Müller schrieb schon 1993 seine erste Fach -

arbeit zum Thema Kornkreise und ist mittlerweile

auch als Berater für den Rundfunk, das Fernsehen

oder internationale Zeitschriften tätig. Er untersucht

und dokumentiert seit über 20 Jahren die

mysteriösen Spuren im Korn.

Schon seit Jahrhunderten gibt es zahlreiche

glaubhafte Berichte über geometrische Korn-

Formationen aus allen möglichen Teilen der Erde,

ob England, Schweden oder Afrika. Auch in

manch altem Märchen finden sich Beschreibungen

des Phänomens. Die Entstehung der teilweise

hoch komplexen, sich in kürzester Zeit bildenden

geometrischen Muster in Kornfeldern ist bislang

rätselhaft. Neben zahlreichen Kornkreisen, die

von Menschen angelegt wurden, sprechen viele

Indizien und Beweise aber auch eindeutig für die

Existenz eines „echten“ und noch unerklärten

Kornkreisphänomens. Nur weil Kornkreise nicht

von Menschen gefertigt sind, müssen sie jedoch

nicht automatisch von Außerirdischen stammen.

Viele internationale Kornkreis-Forscher, darunter

auch Andreas Müller, sind der Meinung, dass

solch komplexe Formationen nicht innerhalb einer

Nacht zu konstruieren sind.

Biophysikalische Analysen stützen die Hypothese

der Forscher, dass viele Kreise gar nicht

menschen gemacht sein können: An Pflanzenund

Bodenproben verschiedener Korn-Formationen

fanden mehrere Forscher in Studien unabhängig

voneinander signifikante Veränderungen,

welche nur unter großem Hitzeeinfluss oder

enorm hohen geologischen Druck entstehen.

Letzteres kann laut den Forschern wohl ausgeschlossen

werden, daher kommt nur die Einwirkung

großer Hitze in Betracht. Da es aber unwahrscheinlich

ist, dass in der Natur über mehrere

Stunden unbemerkt so hohe Temperaturen auftreten,

vermuten die Forscher eine deutlich intensivere

Hitzekomponente, welche nur sehr kurz

wirkt (wenige Nanosekunden). Dabei wird angenommen,

dass es sich um so etwas wie einen geheimnisvollen

Plasma-Wirbel handelt, welcher

elektrisch geladen ist. Dieses Modell würde auch

erklären, warum so oft Lichtphänomene über

Kornkreisen beobachtet werden: durch einen chemischen

Effekt wird die wirbelnde Luftmasse

ionisiert, lädt sich also auf, und wird dadurch als

Leuchten über den Kreisen sichtbar.

Bisher sind in über 60 Ländern mehr als 6.000

Kornkreise dokumentiert worden und jährlich

kommen circa 150 bis 300 neue Formationen

weltweit hinzu. Das Phänomen Kornkreis wird

uns also weiterhin kontroverse Diskussionen bescheren

und von so ambitionierten Forschern wie

Andreas Müller nach wie vor untersucht werden.

Dieser wird sich auch in Zukunft mit den geometrischen

Mustern im Kornfeld beschäftigen

und ist der Meinung, dass die Kornkreise selbst

keine Glaubensfrage sind. Jeder kann sie sehen,

begehen, untersuchen und erleben. Sie sind Teil

unserer physisch realen – und somit objektiv für

jeden – erfahrbaren Welt. Somit nehmen die

Kornkreise für Andreas Müller eine wichtige Sonderstellung

unter den so genannten Para- und PSI-

Phänomenen ein. Obwohl sie für einige sicherlich

eine Provokation darstellen, sind sie eine faszinierende

und zugleich herausfordernde Einladung an

und für uns alle. Dies versteht er als Chance für

eine Verbindung von Grenz- und Naturwissenschaften.


8 WISSENSCHAFT

mediakompakt

Bananen schmecken

himmelblau

Die Wochentage in bunten Farben sehen? Den Marmorkuchen

kegelförmig schmecken? Zitronen zwitschern hören? Was

nach einer sehr lebhaften Phantasie oder einem verrückten

Traum klingt, ist für manche Menschen ganz selbstverständlich.

Synästhetiker können Worte und Buchstaben farbig sehen,

Gerüche hören oder Töne schmecken.

VON OPHELIA SCHLEGEL

schmäcken, Berührungen mit Klängen oder

Buchstaben mit Farben. 60 verschiedene Varianten

von Synästhesie sind der Wissenschaft inzwischen

bekannt.

Die synästhetische Wahrnehmung ist

genetisch bedingt und erblich, 43 Prozent

der Synästhetiker haben mindestens einen

weiteren Synästhetiker unter ihren

Verwandten. Professor Dr.

Wolf-Rüdiger Schäbitz vom

Evangelischen Krankenhaus

in Bielefeld, einer der wenigen

Experten auf diesem

Gebiet, bezeichnet Synästhesie

als eine verbesserte

Sinneswahrnehmung, die durch

die Vernetzung von benachbarten

Gehirnarealen entsteht.

Synästhetiker sind häufig überdurchschnittlich

intelligent und künstlerisch begabt.

Untersuchungen des Psychologischen Instituts

der Universität Bern zeigten, dass fast ein

Viertel der Schüler einer Kunsthochschule Synästhetiker

waren. Berühmte Beispiele für Synästhetiker

sind der Maler Kandinsky, der Schriftsteller

Nabokov oder der Physiker Tesla. Auch Goethe, Jimi

Hendrix und Lady Gaga wird Synästhesie

nachgesagt.

Synästhesie ist angeboren und kann nicht unterdrückt

werden. Aber kann sie vielleicht erlernt

werden? Philipp Brandstädter, Autor für das Reportagemagazin

GEO, wollte wissen, wie sich diese

ungewöhnliche Sinneswahrnehmung anfühlt.

Über einen Zeitraum von neun Wochen versuchte

er mit Hilfe von Gedächtnis- und Leseübungen

bunte Assoziationen bei sich zu wecken. Begleitet

von einem Team Wissenschaftler von der University

of Sussex wollte Philipp als Nicht-Synästhetiker

Zugang zu der Welt der übersinnlich Begabten

erhalten. Neuropsychologen des Sackler Centre in

Sussex, einem Zentrum für Synästhesie-Forschung,

haben für diese Art von Wünschen ein

spezielles Training entwickelt.

Vor Beginn des Trainingsprogramms konnte

Philipp höchstens sagen, der Buchstabe T sehe für

ihn irgendwie Magenta aus. Nach dem Training,

Wenn Elisabeth dem Regen vor ihrem

Fenster beim Fallen zusieht, hört sie

die Tropfen auf den Ton G fallen

und sieht die Farbe blau in ihrem

Kopf. Wenn sie eine Melodie auf

der Blockflöte spielt, kann sie die einzelnen Tonintervalle

salzig, bitter oder süß auf der Zunge

schmecken.

Dieses Vermischen von Sinnesebenen ist ein

neurologisches Phänomen und wird als Synästhesie

bezeichnet. Der Begriff Synästhesie kommt aus

dem Griechischen und kann mit zugleich wahrnehmen

oder mitempfinden übersetzt werden.

Elisabeth Sulser, die ihr synästhetisches Wahrnehmungsempfinden

im Alter von 16 Jahren bemerkte,

ist heute dank ihres außergewöhnlichen

musikalischen Talents Preisträgerin mehrerer

namhafter Auszeichnungen.

Synästhesie kommt weitaus häufiger vor als

gedacht: Studien ergaben, dass etwa fünf Prozent

der Bevölkerung Synästhetiker sind. Doch viele

Synästhetiker sind sich der Besonderheit ihrer

Wahrnehmung nicht bewusst und erkennen ihre

Synästhesie erst, wenn man sie darauf aufmerksam

macht. Wie etwa bei Kristin Zurmühlen. Als

die heutige Studentin in der Schule bei der Frage,

ob die Zahl vier auch bei anderen grün sei, nur unverständliche

Blicke erntete, merkte sie, dass farbige

Zahlen wohl nicht für jeden alltäglich sind. Genauso

bei Joel Kanzleiter. Der 11-jährige Schüler

merkte erst im Gesangsunterricht, dass er Töne

und Melodien anders wahrnimmt als seine Freunde.

Darüber hinaus kann Joel Farben schmecken;

bei der grünen Färbung seiner Knete habe er beispielsweise

immer einen bitteren Geschmack auf

der Zunge.

Für einen Menschen mit einfachen Sinnesempfindungen

ist Synästhesie nur schwer nachvollziehbar.

Es ist beinahe so, als würde man einem

Blinden versuchen, das Sehen zu erklären.

Synästhetiker nehmen die gewöhnliche Welt auf

eine ungewöhnliche Weise wahr. Bei ihnen sind

die fünf Sinne Sehen, Hören, Fühlen, Riechen und

Schmecken unterschiedlich sensorisch oder kognitiv

gekoppelt. Demnach entstehen Verbindungen

von Tönen mit Gefühlen, Formen mit Gebei

dem ihm ein Computerprogramm verschiedene

Buchstaben-Farb-Kombinationen vorgab und

immer wieder abfragte, war das schon anders:

Plötzlich sah Philipp beim Lesen die Buchstaben

farbig in seinem Kopf, ein lila Q, ein blaues B,

ein gelbes Y.

Den Wissenschaftlern aus Sussex zufolge haben

nach dem Training bisher alle Probanden von

Farbwahrnehmungen berichtet, die denen echter

Synästhetiker ähneln. Als Nebeneffekt des

Wort-Farb-Trainings konnten die Wissenschaftler

zudem einen Anstieg des IQ der Testpersonen

feststellen.

Philipp Brandstädter ist somit ein Autor mit

mühsam erlernter Synästhesie. Der Übergang zwischen

tatsächlicher und einstudierter Synästhesie

sei kontinuierlich, sagt Beat Meier, Psychologe an

der Universität Bern. Die Fähigkeit, mehrere Sinneseindrücke

gleichzeitig wahrzunehmen, ist in

jedem von uns angelegt. Dies merkt man an Formulierungen

wie knallige Farbe, weicher Klang,

beißender Geruch oder bittere Erfahrung. Möglicherweise

sind wir doch alle Synästhetiker, zumindest

ein kleines bisschen.

Bild: Lina Schedlbauer


1/2016 VON TRÄUMEN & LEBEN

9

Bild: Pixabay, Grafik: Daniela Bez

„ … widewide wie sie mir gefällt.“

„Zwei mal drei macht vier, widewidewitt und drei macht neune, ich mach mir die Welt, wide -

wide wie sie mir gefällt.“ Das sind die Anfangszeilen des Liedes, welches Pippi Langstrumpf seit

den 90er Jahren auf dem Rücken ihres Pferdes „kleiner Onkel“ singt.

VON PATRICIA KOBEL

Für viele Vertreter der nach 1980 geborenen

Generation ist Pippi Langstrumpf

die Heldin ihrer Kindheit. Sie können ihren

gesamten Namen „Pippilotta Viktualia

Rollgardina Pfefferminza Efraimstochter

Langstrumpf“ und ihre vielen lustigen

Streiche auswendig. Die Autorin Astrid Lindgren

hat mit diesem Mädchen eine Person erfunden,

die sich in der Welt zu behaupten weiß. Pippi

macht, was sie will und was sie für richtig hält.

Wichtig ist für sie dabei nur, dass der Spaß nicht zu

kurz kommt.

Die neue Generation hat viele Namen. Bei den

einen werden sie als die Digital Natives bezeichnet,

andere nennen sie die Generation Maybe. Am

weitesten verbreitet ist jedoch der Name Generation

Y. Aber auch die Bezeichnung Generation Pippi

Langstrumpf, kurz Generation Pippi, wurde bereits

verwendet. Der Name ist darauf zurück zu

führen, dass sich viele Vertreter der Generation Y

offenbar ein Beispiel an der Figur Pippi Langstrumpf

nehmen und sich die Welt machen wollen,

wie sie Ihnen gefällt. Ganz nach dem Motto

“I have a dream and I will make it come true”. Sie

wollen Spaß am Leben haben, eine schnelle

Karriere und dabei eine ausgewogene Work-Life-

Balance.

Eigentlich ist es auch gar keine dumme Idee,

sich Pippi als Vorbild zu nehmen, denn sie ist

stark, reich, mutig, freundlich, kreativ und sehr

selbstbewusst. Alles Eigenschaften, die definitiv

nicht negativ behaftet sind und in der heutigen

Berufswelt von großem Nutzen sein können. Zum

Beispiel den Mut zu haben, sich gegenüber seinen

Kollegen oder seinem Chef zu behaupten oder

kreative Ideen für Präsentationen und Meetings

zu haben. Selbstbewusst in Vorstellungsgespräche

zu gehen oder ganz einfach so selbstsicher und

mutig zu sein, etwas aus seinem Leben zu machen:

Die Welt zu entdecken. Ein Haus zu bauen. Den

Master anzufangen. Dem Partner zu sagen, dass

man ihn liebt …

Außerdem, wer hätte nicht gerne einen Koffer

volle Goldmünzen oder die Kraft ein Pferd in die

Luft zu stemmen? Selbst der Besitz eines Hauses ist

für viele Vertreter der Generation Y noch in weiter

Ferne, wohingegen Pippi sich über die Villa Kunterbunt

freuen kann.

Oliver Jeges beschreibt in seinem Buch „Generation

Maybe“ eine Generation, die unfähig ist,

sich zu entscheiden. Die neue Generation habe

ein Problem damit, Entscheidungen zu treffen,

weil sie jeden Tag zu viele Auswahlmöglichkeiten

aufgezeigt bekommt. Auch Klaus Hurrelmann

und Erik Albrecht beschreiben in Ihrem Buch „Die

heimlichen Revolutionäre – Wie die Generation Y

unsere Welt verändert“ eine Generation der es

schwer fällt, Entscheidungen zu treffen, vor allem

was die Berufswahl betrifft. Sie will sich ihre Zukunft

auf keinen Fall verbauen und hat Angst,

durch eine falsche Entscheidung könnte genau

das passieren.

Mit Mut und Selbstsicherheit wie Pippi Langstrumpf

sie verkörpert, wären diese Existenzängste

kein Problem. Wir könnten sogar viel entspannter

durch das Leben gehen, wenn wir uns alle eine

Scheibe von Pippi abschneiden und mit mehr

Spaß und Humor an die alltäglichen Dinge gehen

würden.

Klar ist, dass sich niemand die Welt genauso

machen kann, wie sie ihm gefällt. Es gibt bestimmte

Grenzen und Regeln, die eingehalten

werden müssen. Auch ist Respekt eine wichtige Eigenschaft,

die bei Pippi meistens etwas zu kurz

kommt. Aber wenn „sich an Pippi Langstrumpf

ein Beispiel nehmen“ heißt, dass eine ganze Generation

mit neuen Ideen, Spaß und voller Motivation

den Arbeitsalltag etwas mehr nach ihren Vorstellungen

gestalten möchte, ist das etwas, was

nicht auf taube Ohren stoßen sollte. Denn sobald

diese Generation in einer Umgebung arbeitet, die

sie schätzt und als angenehm empfindet, in der sie

unterstützt wird und Feedback erhält und in der

sie einen Sinn hinter ihrer Arbeit sieht, dann blüht

sie zu Höchstleistungen auf.

So könnten die Vertreter der Generation Y zur

Pippi Langstrumpf für die Unternehmen werden,

in denen sie gerne beschäftigt sind. Denn sie werden

diese selbstbewusst unterstützen, mit Spaß bei

der Arbeit sein und die Begeisterung über ihren

Arbeitsplatz gerne mit der Außenwelt teilen.

Günstiges Employer Branding also und das alles

dank Pippi Langstrumpf.


10

VON TRÄUMEN & LEBEN

mediakompakt

Wegwerfgesellschaft –

Geht’s auch anders?

Bild: Sabrina Parks

Wir leben im Überfluss, überall werden wir dazu aufgefordert immer weiter zu konsumieren und

zu kaufen – im Fernsehen, im Internet, in Zeitschriften, auf der Straße. Doch was bedeutet

ständiger Konsum für uns und die Umwelt? Kann sich ein Mensch in einem reichen Land wie

Deutschland im Jahr 2016 überhaupt dem ständigen Kaufen und Konsumieren widersetzen?

VON SABRINA SETHALER

Heute machen sich jedoch immer mehr

Menschen Gedanken über ihre soziale

Verantwortung. Denn was einem

häufig nicht bewusst ist, in deutschen

Haushalten fallen pro Jahr über

600 kg Müll an. Vieles davon kann inzwischen

durch das umfangreiche, aber auch komplizierte

Recycling system in Deutschland wiederverwertet

werden. Zwar steigt die Recyclingquote in

Deutschland stetig, momentan liegt sie bei etwa

62 %, aber die Müllmenge wird einfach nicht weniger.

Gründe gibt es einige dafür. In Deutschland

leben wir im Wohlstand und wo es Menschen finanziell

gut geht, wird auch kräftig konsumiert

und weggeworfen.

Heutzutage weiß jeder, wie sehr nicht oder

kaum abbaubare Abfälle die Umwelt und zum Teil

auch unsere Gesundheit belasten. Chemische

Stoffe wie zum Beispiel der Weichmacher Bisphenol-A,

haben eine schädigende Wirkung auf den

Organismus von Mensch und Tier.

Recycling ist ein guter Ansatz. Jedoch werden

auch hier Ressourcen angegriffen, um aus altem

Plastik, Papier oder Metall wieder neue Produkte

zu fertigen. Noch besser als konsequentes Recycling,

ist die Vermeidung von Abfällen. Natürlich

gibt es Produkte, die eine Verpackung benötigen,

z. B. wenn sie besonderen Hygienestandards entsprechen

müssen. Muss allerdings eine Zahncremetube

aus Plastik noch in einer Umverpackung

aus Karton stecken? Wohl kaum.

Inzwischen gibt es jedoch viele Möglichkeiten,

nicht ständig Neues kaufen zu müssen. So lässt

sich auch jede Menge Müll und Geld sparen. Ein

schönes Beispiel sind die immer populärer werdenden

Repair-Cafés. Dort bekommt man fachkundige

Hilfe von Freiwilligen beim Reparieren

von beispielsweise defekten Elektrogeräten, Fahrrädern,

ja sogar Kleidung. Auch in Stuttgart gibt es

nun seit etwa zwei Jahren ein solches Café, das

sich großer Beliebtheit erfreut.

„Mir ging es darum, in meiner Freizeit mit einer

Art Ehrenamt zu zeigen, dass mir eine nachhaltige

Gesellschaft wichtig ist, dass es für jeden

möglich ist sich einzubringen, auf verschiedenste

Weise.“ sagt Tobias Koßbiel, einer der Gründer des

Stuttgarter Repair-Cafés. „Durch meinen handwerklichen

Background lag für mich das Reparieren

von Dingen nahe, wobei dies noch gar nicht

der Grund für den Start unseres Repair Cafes war,

sondern vielmehr der Wunsch, etwas sinnvolles

hinsichtlich dem Thema Nachhaltigkeit zu unternehmen”.

Zudem entstehen immer größere Tausch-,

Leih- und Verschenkcommunities, insbesondere

in größeren Städten. Viele Menschen organisieren

sich unkompliziert und kostenlos über Gruppen

in sozialen Netzwerken. In diesem Punkt ist der

Übergang zur sogenannten „Shareconomy“ fließend,

da auch immer mehr Unternehmen dieses

Thema aufgreifen. Eines der bekanntesten in diesem

Bereich ist „Kleiderkreisel“. Hier kann gebrauchte

Mode gegen Provision verkauft oder kostenlos

getauscht beziehungsweise verschenkt

werden. Gerade in der Modebranche machen sich

immer mehr Menschen Gedanken darüber, wie

aus „fast fashion“ nachhaltige und faire Mode

werden kann. Kleidung ein zweites Leben durch

den Verkauf oder Tausch zu geben ist hier nur ein

Ansatz. Nicht jeder möchte jahrelang in ein und

demselben Kleidungsstück herumlaufen, aber

auch nicht ständig Neues kaufen, das sehr häufig

unter widrigsten Bedingungen produziert wurde.

Unternehmen wie „Kleiderlei“ möchten hier Abhilfe

schaffen und bieten Mode im Abo zum

Mieten an.

Aber nicht nur in der Modebranche wird

schnell viel weggeworfen. Wir Deutschen sind

leider sehr gut darin, Lebensmittel zu verschwenden;

Lebensmittel, die auch häufig weite Wege

hinter sich hatten, was das Wegwerfen umso

schlimmer macht. Mit Foodsharing, sowie mehr

regionalen und saisonalen Produkten kann jeder

gegen Verschwendung kämpfen und so für eine


1/2016 VON TRÄUMEN & LEBEN

11

bessere Ökobilanz sorgen. Der gemeinschaftlich

betrieben Nutzgarten “El Palito e. V.” in Stuttgart

zeigt, wie sich diese Aspekte verbinden lassen. Wer

Nahrungsmittel selbst anbaut, weiß, welche Arbeit

dahinter steckt und geht verantwortungs -

voller damit um. Auch Außenstehende können

gegen eine kleine Spende in den Genuss des selbstangebauten

Bioobstes und -gemüses kommen. Die

Spenden dienen dazu, die Ausgaben für den Garten

zu decken. Nicht nur das Gärtnern ist nun

schon seit einigen Jahren ein anhaltender Trend,

sondern auch der gesamte Do-it-yourself-Bereich.

So kam zudem das Thema Upcycling auf. Hier

werden kaputte oder alte Dinge mit viel Kreativität

in neue, aufgewertete Stücke verwandelt. Auch

auf diese Weise kann Müll vermieden werden und

zusätzlich noch einen neuen Zweck erfüllen. So

gut die genannten Ansätze sein mögen, um unnötiger

Verschwendung und Müllbergen den Kampf

anzusagen, auch hier gibt es Schattenseiten. Ein

Beispiel ist die ineffektive Mülltrennung wie es leider

häufig bei gelben Tonnen und Säcken der Fall

ist. Zu unklar wird den Bürgern gegenüber formuliert

was in die Tonnen bzw. Säcke gehört und aus

welchem Grund manche Wertstoffe nicht auf diese

Weise entsorgt werden dürfen.

Häufiger als vermutet, wird der Inhalt dieser

Säcke und Tonnen einfach der „energetischen

Verwertung“ zugeführt – also schlicht und ergreifend

verbrannt. Metalle lassen sich recht einfach

aussortieren und wiederverwerten, beim Plastikmüll

jedoch wird nur etwa die Hälfte wirklich recycelt.

Hier sollten Lösungen gefunden werden,

die die Recyclingquote von Plastik erhöhen. Auch

der Tausch- und Do-it-yourself-Gedanke kann

von einem funktionierenden Staat nur zu einem

gewissen Teil verkraftet werden. Durch Tauschgeschäfte

und fehlenden Konsum würden dem

Fiskus Milliarden an Steuereinnahmen wegbrechen,

die der Staat jedoch benötigt, um seine Aufgaben

wahrzunehmen. Da es jedoch unwahrscheinlich

ist, dass unsere Gesellschaft zurück

zum reinen Tauschhandel geht, kann jeder auf

diese Weise ab und an ein wenig Abfall vermeiden,

in dem er ungenutzte Dinge weitergibt, statt

sie einfach wegzuwerfen. Durch viele kleine

Schritte wie eine mitgebrachte Einkaufstasche

oder das Trennen von Müll, kann jeder von uns

ein wenig dazu beitragen, dass unser Planet etwas

weniger vermüllt ist und wertvolle Ressourcen geschont

werden.

Häkeln ist

nichts für

Jungs?

Von

wegen!

Ob selbst gehäkelt oder im

Mützenkonfigurator zusammengestellt.

Egal ob Mütze,

Schal, Handyhülle oder Kaktus.

Wer kennt sie nicht, die

Häkelprodukte von myboshi?

VON MIRIAM THOME

Nie hätten sich die beiden Gründer

von myboshi, Thomas Jaenisch

(Jahrgang 1984) und Felix Rohland

(Jahrgang 1985) aus Oberfranken,

vorstellen können, ein Geschäft für

Häkelmützen zu gründen. Felix studierte Realschullehramt

und Thomas Wirtschaftsingenieurwesen,

als die beiden 2009 an einem Austauschprogramm

für Skilehrer in Japan teilnahmen. Sie

waren mit Kollegen aus aller Welt in einer Sporthalle

untergebracht und die Abende kamen ihnen

nach einigen Wochen immer länger vor.

Durch eine spanische Kollegin herausgefordert,

ließen sich die Freunde das Häkeln erklären

und begannen Mützen zu häkeln, um sich die

Zeit zu vertreiben. Es entstanden so täglich neue

Mützenvarianten. Durch den Verkauf ihrer Mützen

an zwei Australier in Tokio nahm ihre Geschäftsidee

erste Formen an. Am selben Abend

noch reservierten sich die beiden die Internet Domain

www.myboshi.net. Myboshi setzt sich aus

dem englischen Wort „my“ = „mein(e)“ und dem

japanischen Wort „boshi“ = „Mütze“ zusammen.

Wieder in Deutschland angekommen, häkelten

sie bei jeder Gelegenheit und die Wolle türmte

sich in allen Räumen. „Am Anfang wurden wir

belächelt, das muss man ganz klar sagen, aber

trotzdem wollte jeder eine Boshi haben.“, gesteht

Thomas. Die Homepage wurde um einen professionellen

Mützenkonfigurator erweitert, so dass

sich jeder seine Wunschboshi nach Modell, Farbe

und Größe zusammenstellen kann. „Heute kennt

uns jeder“, sagt Thomas, „und wir sind immer

wieder stolz, wenn wir im Restaurant, am Strand,

im Kindergarten oder auf der Skipiste eine selbstgehäkelte

Boshi entdecken.“

Finanziell ist myboshi aus sich selbst heraus

gewachsen. Wenn eine Boshi verkauft wurde,

konnte Wolle gekauft und zwei neue Boshis produziert

werden. Als die Nachfrage nicht mehr zu

bewältigen war, haben sich Thomas und Felix

nach Möglichkeiten und Hilfe umgesehen. Mittlerweile

werden die beiden von bis zu 30 „Häkel-

omis“ aus der Region unterstützt, um die Bestellungen

bewältigen zu können. „Wir bekommen

in der Woche zwischen 100 und 300 Bestellungen.

300 pro Woche sind die Grenze, die Häklerinnen

müssen ja auch betreut werden. Wir

müssen Wolle ausliefern und Mützen abholen“,

gibt Thomas Auskunft. Der Firmensitz befindet

sich in Konradsreuth und beinhaltet neben den

Büros auch einen kleinen Laden. Zusammen mit

einem Unternehmen aus Pegnitz entwickelten sie

schließlich ihre eigene Wolle, da sich ihre

Anleitungen an einer bestimmten Wollstärke

orientieren.

Die Anleitungen finden sich mittlerweile in

sechs Häkelbüchern und fast 20 Häkelguides wieder.

Die Bücher wurden in fünf Sprachen übersetzt

und sind sogar in Australien erhältlich. Zu

Beginn haben Thomas und Felix nach neuen

Häkel maschen gesucht und dabei weltweit

recherchiert. Sie haben viel mit Farben experimentiert

und sich schließlich überlegt, was man

alles häkeln kann. Heute haben sie professionelle

Unterstützung durch ein Team von Textildesignern.

Allerdings häkeln Thomas und Felix auch

noch viel selbst, „wir müssen ja schließlich alle

Anleitungen verstehen und häkeln können“,

meint Thomas. Zurzeit erweitern sie ihre Homepage,

damit myboshi die größte Plattform im

Bereich der DIY Häkel- und Strickanleitungen

wird, auch für fremde Designer.

2014 belegten Thomas und Felix den zweiten

Platz beim deutschen Gründerpreis in der Kategorie

„Aufsteiger“. Der deutsche Gründerpreis ist

eine Initiative von Stern, Sparkasse, ZDF und Porsche

und möchte die Kultur der Selbstständigkeit

in Deutschland stärker fördern. Das Geschäftsmodell

von myboshi ist nicht beliebig skalierbar,

da Thomas und Felix keine Massenproduktion ihrer

Mützen wollen. Sie beweisen mit ihrer Arbeit,

dass Nachhaltigkeit, die Integration von älteren

Mitarbeitern und die Produktion in Deutschland

möglich ist und zu einem Erfolg führen kann.

„ Damit ist ein Traum für uns wahr geworden.

Wir haben in den letzten Jahren so viele unglaublich

schöne und erfolgreiche Momente erlebt.

Wir sind froh und dankbar, wenn alles so bleibt

wie es ist.“


12 VON TRÄUMEN & LEBEN

mediakompakt

Deutschland –

Land der Träume oder

Traumland?

Deutschland ist für viele Flüchtlinge das Land der Träume.

Doch was genau macht Deutschland so attraktiv und kann es

den Erwartungen standhalten?

VON MIRIAM MADLINDL

Zahir H. ist 18 Jahre alt. Die Kugel eines

Maschinengewehrs verpasste seine

Wirbel säule um nur fünf Zentimeter,

noch heute finden sich Reste von

Bomben splittern in seinem Kopf. Mit

14 Jahren musste Zahir kriegsbedingt sein

Heimat land Afghanistan verlassen. Seine Flucht

führte ihn in die Gemeinde Salzweg, nahe der

Stadt Passau. Salzweg ist eine ruhige Gemeinde,

deren Ilztal bundesweit zu den schönsten Flusslandschaften

gehört. Zahir ist aus anderen Grün-

den hierher gekommen – er wollte sein Leben retten.

Mit zwei Freunden trat er den beschwerlichen

Weg nach Deutschland an, der insgesamt drei

Monate dauerte. Wochenlang musste die kleine

Gruppe in Verstecken ausharren, ohne zu wissen

wie die Reise weitergehen kann und wann sie endlich

in ihrem Zielland ankommen würden.

Deutschland als Ort für ein nahezu perfektes Leben

Natürlich sind dies keine Einzelschicksale. Krieg

und Terror haben weltweit 60 Millionen Menschen

in die Flucht getrieben – so viele wie seit

dem zweiten Weltkrieg nicht mehr. Bis zu 100.000

Afghanen verlassen derzeit monatlich ihre Heimat,

wovon dieses Jahr circa 70.000 nach Europa,

und davon wiederum 16.000 nach Deutschland

einreisten. Schon seit mehr als fünf Jahren strömen

vorrangig junge Männer aus Osteuropa und

den Krisenstaaten Südeuropas in die Bundesrepublik

um der ständigen Bedrohung durch Gewalt,

Angriffe und Bombardierungen im eigenen Land

zu entkommen. Besonders alarmierend: die Hälfte

Bild: Sabrina Parks


1/2016 VON TRÄUMEN & LEBEN

13

aller Flüchtlinge sind Kinder und Jugendliche. Die

Ungewissheit um die eigene Zukunft macht diesen

jungen Flüchtlingen häufig sehr zu schaffen.

Alle hoffen auf ein besseres Leben. Doch in der

Flüchtlingsdebatte geht es schon lange nicht

mehr nur um die Frage, warum und wie viele Menschen

aus Syrien, Afghanistan oder vom Balkan

flüchten. Es geht auch vor allem darum, wohin sie

flüchten und warum gerade so viele Deutschland

als Ziel auserwählen.

Zahir hatte klare Erwartungen an seine neue Heimat:

„Friede, Arbeit und Sicherheit“

Deutschland – ein Traumland. Doch kann

Deutschland den Erwartungen wirklich standhalten

oder ist es einfach nur eine Illusion, die den

Asylsuchenden Hoffnung und die Kraft für die

lange Reise gibt? Viele Jugendliche haben schlechte

Erfahrungen auf dem langen Weg nach Europa

gemacht, was sie als Teil ihrer Flucht verarbeiten.

Auch Zahir hoffte: „Es war schlimm, aber in

Deutschland wird es gut, und dann wird es sich gelohnt

haben, das durchzustehen.“ Wenn sich die

Lage hier dann als schwierig gestaltet, ist die Enttäuschung

oft groß. Dies liegt vor allem auch daran,

dass viele schlichtweg mit unerfüllbaren Erwartungen

einreisen, welche durch Gerüchte von

Schleppern in den Sozialen Medien befeuert werden.

Den Flüchtlingen wird ein Leben im Wohlstand

versprochen, nicht im Flüchtlingsheim. Die

meisten wollen schnell Geld verdienen, um ihre

Familien zuhause unterstützen zu können. Jedoch

ist es in Deutschland ohne jeglichen Schul -

abschluss oder eine Ausbildung kaum möglich,

Geld zu verdienen. Doch nicht nur die Schlepper

wecken hohe Erwartungen bei den Flüchtlingen,

sondern auch die Bundesregierung selbst. Sie ließ

vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

ein Werbevideo für das deutsche Asylverfahren

produzieren. Es existiert in neun Sprachen und ist

seit Ende 2014 im Internet zu sehen. Der Film ist

ein wahres Musterbeispiel für die deutsche Willkommenskultur.

Er schildert in 17 Minuten die

fiktive Fluchtgeschichte eines jungen Asylsuchenden

aus dem Irak und wird überall in Deutschland

zur Beratung von Asylsuchenden eingesetzt. Im

weltweiten Netz wird er zum Werbefilm für das gelobte

Deutschland. Soweit die Theorie, hoch -

aufgelöst dargestellt in einem Werbefilm. Den

asylsuchenden Menschen wird dadurch eine heile

Welt vermittelt.

Monaten nach ihrer Ankunft der Fall ist, erhalten

sie Lebensmittel und Kleidung in Form von Sachleistungen.

Alleinstehende Erwachsene erhalten

darüber hinaus monatlich 143 Euro Bargeld, um

weitere Bedürfnisse des täglichen Lebens decken

zu können. Wenn Asylbewerber die Gemeinschaftsunterkunft

verlassen können, werden ihnen

weiterhin die Kosten für Wohnung und

Heizung erstattet. Weil sie keine Lebensmittel und

Kleidung mehr erhalten, erhalten sie zusätzlich

finanzielle Unterstützung: bei alleinstehenden

Erwachsenen sind es monatlich 216 Euro, bei Paaren

194 Euro je Person, bei Kindern bewegt sich

die Summe zwischen 133 und 198 Euro im Monat.

Doch ist dies das Leben, das sich diese Menschen

erhofft hatten? Ohne einen Job gestaltet sich,

trotz dieser Zuschüsse, ein Leben in Deutschland

schwierig.

Die Flüchtlinge stehen vor immensen Herausforderungen.

Das Wichtigste für eine erfolgreiche

und rasche Integration – da sind sich alle Experten

einig – ist der Spracherwerb. Doch die meisten der

Flüchtlinge und Asylbewerber, die langfristig in

Deutschland bleiben werden, kommen aus

Krisen ländern in denen Krieg oder politische Verfolgung

herrscht. Gerade sie haben oft keinerlei

deutsche Sprachkenntnisse. Allgemein mangelt es

an den meisten Schulen an Lehrern, um Kinder

genügend zu fördern. Hinzu kommt, dass der

Sprachunterricht oft erst nach Monaten beginnt,

da verpflichtende Kurse erst greifen, wenn die

Asylverfahren abgeschlossen sind. Ohne gute

Deutschkenntnisse tendieren die Aussichten, eine

Ausbildung oder Arbeit zu finden, aber gegen

Null. Die Probleme sind absehbar. Mit einem hohen

Anteil an arbeitslosen Asylbewerbern, kann es

schnell zu einer „Ghettobildung“ kommen,

beispiel haft dafür ist Berlin-Neukölln.

Obwohl die derzeitige Lage eher düster aussieht,

zieht der Historiker Ulrich Herbert von der

Universität Freiburg einen wichtigen Aspekt zur

zukünftigen Entwicklung in Betracht: „Wenn

man bedenkt, dass 20 Prozent der Bevölkerung in

Deutschland einen Migrationshintergrund haben,

gibt es ja erstaunlich wenige Konflikte, auch

im Vergleich zu anderen Ländern.“

Zahir H. hat in seinen eigenen Augen großes

Glück. Seine Hoffnung auf Frieden, Arbeit und Sicherheit

wurde erfüllt. Nach dem bestandenen

Hauptschulabschluss absolvierte er diverse Praktika

und war als Ferienarbeiter tätig. Momentan ist

er im zweiten Lehrjahr seiner Ausbildung zum Anlagenmechaniker

bei der Firma Höber in Passau.

Die Arbeit macht ihm großen Spaß. „Ich bin begeistert.

Kollegen und Vorgesetzte sind super“,

sagt er. Mittlerweile fühlt sich der 18-Jährige auch

in die Gesellschaft integriert. Die Anfangszeiten

waren nicht leicht für ihn, da er sich nie sicher

sein konnte, ob er in seiner neuen Heimat bleiben

darf. Vor kurzem wurde seine Aufenthaltsgenehmigung

für drei weitere Jahre verlängert. Danach

hofft er auf die Anerkennung der deutschen

Staatsbürgerschaft. Für Zahir ist Deutschland das

Land der Träume: „Die vielen Grünflächen, die

Mentalität und auch die unterschiedlichen Regelungen,

wie beispielsweise der Führerschein, sind

toll! Ich habe ein Dach über dem Kopf, eine Arbeit

und keine Angst mehr.“

Deutschland als Ort für ein nahezu perfektes Leben

Aus einem Interview mit syrischen Flüchtlingen

geht klar hervor, welche Vorstellungen diese Menschen

von Deutschland haben. Demnach ist es ein

Land, in dem man nur fünf bis sechs Stunden am

Tag arbeiten muss, wobei es auch keine harten,

sondern eher bequemere Tätigkeiten sind. Ein

Land, in dem man kostenlos Essen und eine Unterkunft

bekommt. Generell ein starkes Land mit

einer stabilen Wirtschaft, das Arbeiter, Angestellte

und Akademiker braucht und für Neuankömmlinge

alle lebensnotwendigen Güter sowie ein ordentliches

Taschengeld bereithält.

Doch die Realität ist eine andere. Solange Asylbewerber

sich in Gemeinschaftsunterkünften aufhalten,

was in der Regel in den ersten drei bis sechs

Bild: Pixabay


14

VON TRÄUMEN & LEBEN

mediakompakt

Bild: Sabrina Parks, Grafik: Designed by Freepik.com

Wunschtraum Multitasking

Multitasking gilt als die

Methode zur schnelleren und

produktiveren Arbeit. Allerdings

haben Hirnforscher

schon vor Jahren bewiesen,

dass wir so nicht besser arbeiten

– im Gegenteil. Wieso wir

trotzdem der Versuchung

erliegen? Ein Selbstversuch

soll es zeigen: zwei Tage ganz

ohne Multitasking.

VON VANESSA GÖRZ

Beim Essen checke ich mal kurz meine

Facebooknachrichten. Gabel rein, nebenher

weiterscrollen. Das Lied aus

dem Radio nervt, also suche ich

schnell einen anderen Sender. Und am

Abend vor dem Fernseher muss ich neben dem

Zeitunglesen noch dringend meiner Mutter per

Whatsapp von meinem stressigen Tag berichten.

So könnte ein typischer Tagesabschnitt eines

Multitaskers aussehen. Seit Jahren ist Multitasking

ein Schlüsselwort für zukunftsorientiertes Arbeiten.

Laut Definition ist das „die Fähigkeit eines

Menschen, mehrere Tätigkeiten zur gleichen

Zeit oder abwechselnd in kurzen Zeitabschnitten

durchzuführen“, was uns mehr Zeit verschaffen

soll.

Vom modernen Arbeitnehmer wird erwartet,

sogar vorausgesetzt, ein einwandfreier Multitasker

zu sein, aber auch in der Freizeit können und wollen

viele ihre Zeit nicht nur mit einer Tätigkeit verbringen,

mindestens das Smartphone muss immer

parat liegen und dauernd überprüft werden. Obwohl

Hirnforscher Multitasking seit Langem stark

kritisieren, ist es allgegenwärtig. Moderne Kommunikation

via Smartphone und Social Networks

verführt dazu, ständig Nachrichten zu verschicken

oder auch nur „kurz mal reinzuschauen“.

Diverse Studien haben längst bewiesen, dass

das Gehirn maximal zwei Aufgaben gleichzeitig

erledigen kann. Macht man sogar mehr als zwei

Dinge gleichzeitig, geht es zulasten der Qualität

der Aufgabe. Der Kommunikationsforscher Clifford

Nass der Stanford University bewies im Jahr

2010, dass Menschen, die häufig mehrere Dinge

gleichzeitig tun, unkonzentrierter bei den einzelnen

Aufgaben sind: „Sie denken immer darüber

nach, was sie zuvor getan haben oder in Zukunft

machen werden, und verschlechtern damit ihre

Denkleistung.“

Der Gegensatz von Multitasking ist das Singletasking:

eine Aktivität nach der anderen ausführen.

Dazu Informationen zu finden, ist gar nicht so


1/2016 VON TRÄUMEN & LEBEN

15

einfach. Googelt man Multitasking, erscheinen 18

Millionen Ergebnisse. Singletasking hat „nur“

122.000, und das erste, was Google fragt, ist: Meinen

Sie Multitasking? Aber warum machen wir

Multitasking? Aus Gewohnheit, Langeweile oder

tatsächlich aus dem Grund, weil unser Arbeitsund

Freizeitpensum es uns vorgibt?

Durch einen Selbstversuch will ich es herausfinden:

zwei Tage lang kein Multitasking. Ein bisschen

Angst habe ich schon vor meinem Experiment.

Ich befürchte Zeiten großer Langeweile,

insbesondere beim Essen und unterwegs.

An Tag eins bin ich erstaunt, wie schnell ich

frühstücke. Sonst esse ich nie ohne Morgenlektüre,

aber heute konzentriere ich mich nur aufs Essen,

und plötzlich ist das Müsli weg und ich habe

nur halb so lange gebraucht wie sonst. Schon mal

gar nicht schlecht für den Anfang. Trotzdem bin

ich irgendwie unruhig, es war komisch, nicht wie

sonst zu lesen.

Auf der Fahrt zur Uni fehlt mir das Lesen auch

sehr. Sonst fahre ich nie ohne spannende Lektüre

mit der Bahn. Jetzt weiß ich auch wieder warum.

Gähnende Langeweile verfolgt mich bis zur Uni.

In der Vorlesung schreibe ich fleißig mit – damit

ich der Versuchung nicht nachgebe, parallel

Whatsapp-Nachrichten zu schicken. Nach anfänglicher

Anstrengung fällt es mir immer leichter,

das Handy neben mir zu vergessen, trotzdem

bin ich unerklärlich angespannt, irgendetwas

fehlt mir. Auf dem Heimweg bin ich erneut extrem

gelangweilt: ich fahre Bahn und bestaune die

Landschaft. Und wünsche mir ein Buch herbei.

Daheim bereite ich die Vorlesungen des Tages

nach. Dabei fühle ich mich nach wie vor gelangweilt

und das nervt. Am Abend bin ich immerhin

recht entspannt und das Singletasking fällt mir

wieder leichter. Fazit von Tag eins: wenn man sich

überwunden hat, ist Singletasking leichter. Nur

bei langweiligen Tätigkeiten wie Bahnfahren oder

Warten muss ich wirklich an mich halten, um

nichts parallel zu machen.

An Tag zwei bemerke ich die Auswirkungen

meines Experiments deutlich. Der Vormittag in

der Uni läuft noch gut; genau wie am Tag zuvor

halte ich mich an die selbst auferlegte Regel, betreibe

stur Singletasking und bin halbwegs entspannt

dabei. Da ich abgelenkt bin, denke ich

nicht oft ans Multitasking.

Der freie Nachmittag ist es, der mich verrückt

macht: Ich will Youtubevideos schauen, kann

mich aber auf keines konzentrieren. Ich werde das

störende Verlangen nicht los, irgendwas nebenher

zu tun. Ständig muss ich mich mühsam an

mein Projekt erinnern, am liebsten will ich zehn

Dinge gleichzeitig tun und das sofort. Ich bin genervt,

denn eigentlich interessiert mich der Inhalt

der Videos ja! Trotzdem klicke ich hektisch von

einem Video zum anderen, bin gelangweilt und

genervt in einem. Frustriert schalte ich irgendwann

den Computer aus, weil ich mich sowieso

nicht mehr konzentrieren kann. Den ganzen restlichen

Tag sitze ich grundlos wie auf glühenden

Kohlen, kann mich mit nichts mehr befassen und

gehe schließlich früh ins Bett.

Der Selbstversuch hat gezeigt, wie oft ich tagtäglich

Multitasking betreibe. Meine Ahnung wurde

bestätigt, dass mir oft langweilig war, doch in

anderen Situationen fiel mir der Versuch erstaunlich

leicht.

Mein Fazit: insgesamt wird alles produktiver,

wenn man es nacheinander abarbeitet. Ein großer

Faktor ist die Gewohnheit: macht man bei einer

Tätigkeit immer etwas nebenher, fällt es extrem

schwer, es plötzlich sein zu lassen. Ich konnte

mich durch das Singletasking oft nicht entspannen,

weil meine Gedanken bei einer möglichen

Nebenaktivität waren und ich so doch wieder mit

mehreren Dingen beschäftigt war. Wenn man diesen

Punkt aber überschritten hat, ist man aber

wesentlich entspannter als beim Multitasking –

man kann sich die Gewohnheit also auch wieder

abtrainieren.

In Zukunft werde ich wohl öfter mal essen, ohne

nebenher meine Facebooknachrichten zu lesen

oder zu beantworten. Weniger ist manchmal

eben doch mehr.

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VON TRÄUMEN & LEBEN

mediakompakt

Traumreiseländer 2016

Welche Länder muss man 2016 besuchen? Hier findet ihr die von Lonely Planet zusammengestellten

Top 10 Traumreiseziele, die man unbedingt erleben muss!

GRAFIK: ANITA LANGER UND DANIELA BEZ


1/2016 VON TRÄUMEN & LEBEN

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VON TRÄUMEN & LEBEN

mediakompakt

Bild: Pixabay

Same same but different

Asiatische Kulturen betonen die Gemeinschaft, der Westen dagegen die Individualität. 25 Jahre

alt, Deutsch und eigentlich genau wie jeder andere – eine Beschreibung, die wir vermutlich

auf einem deutschen Facebook-Profil nicht finden werden. Wir haben zwei Studenten zu ihren

Auslandsaufenthalten und Erfahrungen mit Individualismus in Asien befragt.

VON KIMBERLEY-VANESSA REUTTER

Einen Traum zu haben, bedeutet, sich zu

entwickeln, sich selbst zu verwirklichen

in jedwede Richtung. In Deutschland

scheinen die Möglichkeiten für junge

Menschen fast grenzenlos. Natürlich

spielen Bildung und finanzielle Mittel immer eine

Rolle. Aber dennoch, Reisen ins Ausland nach der

Schule oder während des Studiums sind vielfältig

möglich. Doch wie ist es für junge Menschen in

Fernost? Welche Unterschiede in der Selbstverwirklichung

gibt es zwischen westlichen Kulturen

und dem fernen Osten?

Johanna ist 24 Jahre alt, hat Freizeitwissenschaften

studiert und Selbstverwirklichung bedeutet

für sie, genau das tun zu können, was sie liebt.

Eine hohe Identifikation mit ihrer Arbeitsstelle ist

ihr wichtiger als ein hohes Gehalt. Während ihres

Studiums lebte sie ein Jahr lang in Bangkok, Thailand.

Ein halbes Jahr arbeitete sie dort, ein halbes

Jahr studierte sie. Eines stellt Johanna sofort klar:

Asien ist nicht gleich Asien. Ihre Aussagen beziehen

sich auf Südostasien und die weibliche Mittelbis

Oberschicht. Auffallen, sagt sie, will in Thailand

niemand. Aus der Masse herausstechen?

Nein. Thailänder betonen das Kollektiv, es ist ihnen

an vielen Stellen wichtiger als ihre persönlichen

Bedürfnisse. An erster Stelle stehen Familie

und Religion, sie bilden das Wertesystem der Thailänder.

In dieser Wertordnung herrscht durch die

buddhistische Religion jedoch eine Kultur des „Leben

und leben lassen“. Forscher der Universität

Virginia geben Johanna recht: Asiaten zeigten in

einer Studie weniger Neigungen, Freunde für

schlechtes Verhalten zu bestrafen, was das hohe

Maß an Loyalität unterstreicht, welches in kollektiven

Gesellschaften stark ausgeprägt ist.

Individualität wird demnach akzeptiert, solange

sie sich nicht über das Wertesystem erhebt. Dies

gerade reize auch viele Ausländer, deren Maß an

Individualität im Westen seine Grenzen findet. Sie

genössen im Gegensatz dazu in Thailand fast

„Narrenfreiheit“. Die Veränderung des Körpers

wie bei Ladyboys, erzählt Johanna, und das Ausleben

der eigenen Sexualität sind vollkommen regelkonform,

solange der Ladyboy auch in den

Tempel geht und Schwule und Lesben bis zur Findung

eines Partners traditionell bei den Eltern

leben. Natürlich, meint sie, gilt das für Bangkok

und vielleicht weniger für ländliche Gegenden.

Thailänder reden leise, Johanna empfand sie

als sehr zuvorkommend und ungemein höflich. Es

wird alles getan, um das Zusammenleben des Kollektivs

zu sichern. Für Europäer, noch mehr für

Deutsche und ihre negativen historischen Erfahrungen

mit der Konformität der Massen, ist das oft

irritierend. Zum Regierungsputsch 2014 befragt,

schwiegen die Thailänder lieber, sagt Johanna. Politik

ist kein Thema, welches in der Öffentlichkeit

diskutiert wird. Allein die Tatsache, dass man in

Deutschland über Politikverdrossenheit lamentiert,

widerspricht der thailändischen Kultur.

Als Johanna schockiert feststellte, dass ihre

Kolleginnen mit einem höheren Bildungsgrad die

gleichen Aufgaben erledigten wie sie, schienen

diese weit weniger pikiert. Die Selbstverwirklichung

in Form der Identifikation mit der eigenen

Arbeit war ihnen weit weniger wichtig als die finanzielle

Sicherheit ihres Arbeitsplatzes. Während

Johanna viele Schranken, besonders für Frauen,


1/2016 VON TRÄUMEN & LEBEN

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sah, erlebte sie bei ihren thailändischen Mitarbeiterinnen

ein hohes Maß an Zufriedenheit und Akzeptanz,

eben auch für solche Grenzen.

Im Kollektivismus wird somit das Gruppen -

verständnis im Gegensatz zum Einzelnen bevorzugt.

Hierbei stehen soziale Verantwortung,

Kooperationen oder harmonische Beziehungen

im Vordergrund. Ähnlich wie Johanna beschreibt

Daniel, 22 Jahre, diese Akzeptanz der eigenen

Grenzen zum Wohle des Kollektivs.

Daniel studiert Wirtschaftsingenieurwesen

und lebte und arbeitete während dieser Zeit für

drei Monate in Wuhan, Zentralchina. Er sagt, es ist

schwer zu sagen, ob die Leute systemkonform

sind, weil sie es müssen oder gar wollen. Viele,

meint er, akzeptieren diese Art zu leben einfach.

Für Daniel bedeutet Selbstverwirklichung, dass er

sich mit Fleiß und Intelligenz eigentlich alles erarbeiten

kann, was er möchte. In China wäre dies

nicht möglich. Wenn man in China wirklich machen

will, was man will, sagt er, braucht man vor

allem eines: Geld. Besonders die Ein-Kind-Politik

und die Sanktionen des Staates gegenüber den

Bürgern schockierten ihn. Nach der Geburt ihres

zweiten Kindes, erzählt er, wurde ein Paar, mit

dem er zusammen arbeitete, entlassen. Im Gegensatz

zu Johanna bekam er auf politische Fragen

Antworten, konnte jedoch oft spüren, dass sein

Gegenüber nicht aussprach, was er wirklich dachte.

Besonders deutlich wurde dies für ihn dadurch,

dass viele seiner Gesprächspartner wie „vorprogrammiert“

wirkten. Auf die meisten Fragen bekam

er immer wieder ähnliche oder gleiche Erwiderungen.

In der Kulturforschung gibt es zur Darstellung

zwischen individualistischen und kollekti -

vistischen Kulturen den so genannten Individualismus-Index.

Es handelt sich um eine Skala, die

bei Null (starke kollektivistische Ausprägung) beginnt

und bei Einhundert (starke individualistische

Ausprägung) endet. Personen aus stark individualistischen

Kulturen verfügen meist über

größere finanzielle Mittel. Die persönliche Freiheit,

die eigene Entfaltung, Menschenrechte oder

Wettbewerb stehen hier im Vordergrund. Der

Zusammenhalt ist sehr lose. Von der Gesellschaft

wird erwartet, dass die Menschen sich um sich

selbst und ihre Kernfamilie kümmern. Und wie

Daniels Bild von Selbstverwirklichung zeigt, können

sie dies oftmals auch tun.

Das Forscherteam der Universität Virginia

führt diese unterschiedlichen Ausprägungen in

der westlichen und der östlichen Kultur übrigens

nicht nur auf Klima, Religion und Sprache zurück.

Es könnte auch damit zu tun haben, was unsere

Vorfahren anpflanzten. Während Johanna und

Daniels Vorfahren Getreide anbauten, wurde in

Asien Reis kultiviert. Und Reis birgt ökonomische

Anreize zur Zusammenarbeit, die dazu führen,

dass sich solche Kulturen über viele Generationen

hinweg stärker verflechten. Nach der Einschätzung

ihres eigenen Individualismus-Index gefragt,

antworteten die beiden Studenten auf die Frage,

wie wichtig es ihnen ist, genau das zu tun, was sie

tun möchten, mit einem Wert von 80 für Johanna

und 83 für Daniel. Der deutsche Durchschnitt

liegt bei 67, der Durchschnitt in Thailand und

China misst hingegen jeweils 20 von 100 Punkten.

Bild: Pixabay


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KULTUR & GESELLSCHAFT

mediakompakt

Durchstarten – Der Traum vom

perfekten Karriereeinstieg

Nach dem Studium möchten viele in der Berufswelt steil durchstarten – endlich das Erlernte

zeigen, anwenden und dabei Geld verdienen. Doch wie kann die Umstellung vom Campus in die

Arbeitswelt möglichst souverän gemeistert werden? VON ANNA MORICH

Mit jedem Semester rückt das Ende

des Studiums für viele Studierende

näher und damit auch der Beginn

des Berufslebens. Während manche

noch etwas sorgenvoll und ängstlich

auf diesen Übergang blicken, können es andere

kaum erwarten, sich endlich in der Praxis zu beweisen.

Viele Studierende entwickeln schon

während des Studiums eine klare Vorstellung davon,

welchen Beruf sie im Anschluss wählen werden.

Je nach Praxis bezug der Hochschule und des

Studiengangs gelingt dieses mehr oder weniger

leicht. Sehr hilfreich dabei sind in den meisten

Fällen praktische Studiensemester, Werkstudententätigkeiten

oder ähnliche praktische Erfahrungen,

die bereits klare Vorstellungen vom späteren

Job vermittelt haben.

Dann gilt es nur noch, den Arbeitgeber von

seinen eigenen Qualitäten zu überzeugen. Nach

der Suche von Jobs im Internet ist der erste Berührungspunkt

meist die Bewerbung. Das Anschreiben

sollte individuell auf eine Stelle zugeschnitten

sein. Nach einer Einleitung, in der direkt beschrieben

wird, warum der Bewerber sich genau auf die

Stelle bewirbt, folgen die persönlichen Fähigkeiten,

die einen direkten Bezug zu den Aufgaben

und Anforderungen aus der Stellenanzeige herstellen

sollten. Falls die schriftliche Bewerbung

überzeugt hat, folgt anschließend eine Einladung

zum Bewerbungsgespräch. Dabei gilt es genauso

zu überzeugen, wie bereits in der Bewerbung.

Um dies zu erreichen, ist eine gute Vorbereitung

unerlässlich. Senior Recruiter im Recruiting

und Personalmarketing Team von Telefónica Germany

Andreas Deuring sagt: „Bevor es ernst wird,

sollte man sich (...) zu einigen Fragen schon vor einem

Gespräch Gedanken machen und Taktiken

hierzu überlegen. (...) Je besser die Vorarbeit, desto

bessere Chancen auf ein erfolgreiches Gespräch

gibt es.“ Ein sicheres Auftreten kann dadurch

gewährleistet werden, dass vorab das Unternehmen,

die Abteilung und die Produkte bzw. Services

auf der Website erkundet werden.

Denn die Frage, was über das Unternehmen

bekannt ist, ist eine sehr beliebte Frage bei Bewerbungsgesprächen.

Auch auf andere Standard -

fragen, wie nach den persönlichen Stärken und

Schwächen, sollte man sich schon im Vorfeld Antworten

überlegen.

„Lassen Sie nie außer Acht, dass die Fragen im

Interview – so unschuldig und einfach sie auch

scheinen mögen – gestellt werden, um Sie zu

testen“, so Deuring. Ein weiterer wichtiger Teil der

Vorbereitung des Gespräches sind Argumente, die

für den Bewerber sprechen könnten. Die Drei-

Punkt-Regel ist eine Technik, die beschreibt „was

war, was ist, was wird“. Damit kann der Anwärter

der Stelle dem Vorgesetzten darstellen, was er bis-

Bild: Daniela Bez

her geleistet hat, womit er sich momentan beschäftigt

und welche Ziele er verfolgt. Wenn diese

Punkte mit Selbstvertrauen vorgetragen werden,

wird der Bewerber einen guten Eindruck hinterlassen.

Wenige Tage nach dem persönlichen Gespräch

folgt die sehnlichst erwartete Antwort.

Falls diese jedoch, hingegen der guten Erwartungen,

negativ ausfallen sollte, muss dieses Ergebnis

trotz Enttäuschung nicht nur als Absage betrachtet

werden. In diesem Fall sollte die Niederlage als

Chance gesehen werden, da sie eine gute Übung

für ein nächstes Bewerbungsgespräch war.

Beim Einstieg in den neuen Job ist ein gutes

Netzwerk der Schlüssel zum Erfolg. Doch um dieses

Netzwerk zu errichten, muss viel Smalltalk, aus

dem sich neue Kontakte ergeben, geführt werden.

Da stellt sich die Frage, worüber mit dem Gegenüber

am besten geredet werden sollte, um dort positiv

im Gedächtnis zu bleiben. Es ist wichtig, den

ersten Schritt zu wagen und den Mut zu haben, eine

Person anzusprechen und in ein Gespräch zu

verwickeln, ohne sich vor einer peinlichen Stille

zu fürchten. Es empfiehlt sich, gut zuzuhören und

passende Fragen zum Erzählten zu stellen. Möglicherweise

können währenddessen Gemeinsamkeiten

festgestellt und somit schnell neue Gesprächsthemen

gefunden werden.

Für den Berufsstart und die bevorstehende Karriere

ist eine ausgeprägte Persönlichkeit von unschätzbarer

Bedeutung. Zwar hilft es, sich an den

ersten Tagen im Büro am Verhalten der Kollegen

zu orientieren und sich mit gutem Networking einen

gewissen Status bei den Kollegen zu erarbeiten.

Gleichzeitig sollte man sich allerdings nie zu

sehr mit seinen Kollegen vergleichen, denn der

sich daraus entwickelnde Konkurrenzkampf schadet

dem Selbstbewusstsein und somit der Persönlichkeit.

Modeschöpfer Karl Lagerfeld sagte einmal:

„Persönlichkeit fängt dort an, wo das

Vergleichen aufhört.“ Denn fällt der Vergleich negativ

aus, könnte sich daraus eine Demotivation

und schlechte Laune abzeichnen. Sieht eine Person

sich im Vergleich jedoch positiver, so könnte

ein Höhenflug folgen, der sich wiederum negativ

auf die Persönlichkeit auswirkt. Stattdessen sollte

sich der Berufsanfänger der eigenen Persönlichkeit

widmen, diese stärken und weiterentwickeln,

indem eigene Vorstellungen und Wünsche verfolgt

und umgesetzt werden. Mit diesen Hinweisen

sollte der Start auf der Karrierelaufbahn gelingen

und der Traumberuf verwandelt sich von

einer bloßen Vorstellung in die Realität.


1/2016 KULTUR & GESELLSCHAFT

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Bee like you!

Zucker eröffnet seit Jahrzehnten das Tor zu einer Welt aus

Träumen, Wünschen und Verlangen. Dem Wunsch nach

der süßen Verführung sind auch Deutschlands Imker verfallen.

Mit ihren Bienenhäuschen und -stöcken versüßen sie das

Leben der Republik mit der entzückenden Ware. Ein Traum

aus süßem Gold.

VON OLIVER STEINHÄUSER

Pulsierendes Summen dröhnt in seinen

Ohren, denn es ist Blütezeit im rheinland-pfälzischen

Dienethal. Mit geschlossenen

Augen steht der 85-jährige

Felix Thannheiser in seinem Bienenschlag

und atmet die sein Häuschen umgebende,

von goldener Süße erfüllte Luft auf. Seinen ganz

persönlichen Traum hat Felix sich mit seinem

kleinen Holzhaus erfüllt, als er vor dreißig Jahren

die ersten Bretter lasiert und somit den Grundstein

seiner Hütte gelegt hat.

Seither unterliegt das Waldstück einem

geschäftigen Treiben, denn seine Sammlerbienen

arbeiten an warmen Sommertagen unter Zeitdruck.

Sie müssen bis zum Ende des Herbstes ihren

Nahrungsvorrat eingeflogen und in den Waben

ihrer Insektenkästen eingelagert haben, um im

kalten Winter davon zehren zu können. Die frühere

Angst vor schmerzenden Stichen ist seit Jahrzenten

seiner Leidenschaft für Süße und Natur gewichen.

Behutsam betritt er seinen Tempel aus

goldenem Schein und waberndem Duft.

„Im Gegensatz zu Charles Darwins Theorie

vom Kampf ums Dasein, geben die Bienen eines

Bienenstaats ihr Recht auf Fortpflanzung auf, um

im kollektiven Altruismus ausschließlich der Königin

dieses Heiligtum zu überlassen“, berichtet

der erfahrende Imker. „Und um ihr zu dienen.“

Denn nur sie darf Eier legen und somit den Grundstock

ihres Volkes herstellen. Jedes Insekt hat in

Bild: Pixabay

seinem Volk eine klar zugeordnete Aufgabe der

es sich annehmen muss: Honig sammeln,

Brutpflege, Stockpflege, Begattung. Um dieses

totalitäre Machtgefüge hocheffizient zu halten,

sind Abweichungen von der Norm nicht tragbar.

Missbildungen werden getötet, individuelle Fähigkeiten

missachtet und unterdrückt. Selbst -

verwirklichung sucht man in einem Bienenstaat

vergebens. Repressalien dominieren die Tages -

ordnung.

In Deutschland sorgen ungefähr 110.000

Imker mit insgesamt über 750.000 Bienenvölkern

für das süße Vergnügen. Die deutschen Bienen gehören

zu den effektivsten auf der Welt, denn jedes

Volk produziert eine durchschnittliche Honigmenge

von 25 – 30 kg pro Jahr. Gesamt ergibt das

in Deutschland eine jährliche Summe von

15.000 – 25.000 t. 20 Prozent des gesamtdeutschen

Verbrauchs decken die deutschen Imker damit

ab. Der Rest wird importiert.

Das Leben mit den Bienen basiert auf einer

Symbiose, in der die Imker die Unterkunft, die

ärztliche Versorgung sowie die Verpflegung in

Notzeiten stellen. Und die Bienen den Honig. Um

diesen erfolgreich aufzuspüren hilft ein besonders

ausgeprägter Geruchssinn.

Bienen riechen 1.000-Mal besser als Hunde

und registrieren jeden noch so schwachen, aber

vielversprechenden Duft. Die genaue Flugrichtung

und die Entfernung zur Futterkrippe

kommunizieren sie mit Hilfe des sogenannten

Schwänzeltanzes an ihre Sammlerkolleginnen. So

reicht eine einzelne Kundschafterin aus, um eine

neu erschlossene Nahrungsquelle dem gesamten

Volk zu offerieren. Das Sammelgebiet eines

Bienen staates liegt bis zu 15 Kilometer vom Standort

entfernt. Im knapp fünfwöchigen Leben einer

Sammlerbiene häuft sie gerade einmal die Menge

Honig, die einem Teelöffel entspricht, an.

Nachdem der Imker Felix Thannheiser im

späten Herbst die letzte Ernte aus den Waben

schleudert, endet die Honigsaison. Zuckerwasser

füllt er als Honigersatz in den Bienenstock und sichert

somit die lebenswichtige Verpflegung der

Bienen in den kalten Wintermonaten. „Jedes meiner

Bienenvölker formatiert sich beim Kälte -

einbruch zu einer sogenannten Wintertraube, in

dessen geschütztem Inneren sich die Königin eines

jeden Volkes befindet.“ Durch pulsierende

Bewegungen produzieren die am äußersten Rand

der kugelähnlichen Bienenformation sitzenden

Bienen Wärme, die das Innere der Wintertraube

bei konstanten 25 °C hält. Geschützt von ihren

Untertanen, überwintert die Königin in wohliger

Wärme. Zu dieser Zeit sitzt der Imker bereits vor

seinem knisternden Kamin und träumt vom kommenden

Frühling. Bis dahin möchte er seiner Enkelin

die Theorie im Umgang mit Bienen vermitteln,

denn sie wird eines Tages seinen Traum

weiterleben. Auch für sie sind die Bienen ein Teil

ihrer Familie. Ein Teil ihrer Geschichte.

Am Ende seines Besuches steht die rituelle Honigverkostung

an. Felix Thannheiser öffnet einen

Wabenkasten, kehrt die darauf arbeitenden Bienen

ab und bricht sich ein Stück der Wabe heraus.

Den Honig, den er aus den hexagonalen Wabenkammern

saugt, ist unglaublich. Der Geschmack

der Süße aus einer Vielfalt von Blüten. Eine feine

Note aus Tannen rundet das Erlebnis ab. Es ist dieser

Moment, der das Bewusstsein schärft, warum

Honig zu Recht als flüssiges Gold bezeichnet wird.

Nicht nur seine schimmernde Farbe, sondern

auch der erhebliche Aufwand und die Geduld, die

es braucht, um einen guten Bienenhonig zu erlangen,

spielen eine wichtige Rolle.

„Hoffentlich klappt das Anlernen meiner Enkelin

gut“, hofft Felix Thannheiser. Die Weitergabe

seiner Kenntnisse liegt ihm besonders am Herzen,

denn „das Fortgeben meiner Völker an

Fremde gliche einer Adoption, bei der beide Seiten

in Mitleidenschaft gezogen würden“.

Fakten

Das Sammelgebiet eines Bienenvolkes erstreckt

sich auf annähernd 50 m². Das entspricht

circa dem Innenstadtgebiet von Köln.

Für 500 g Honig müssen Sammlerbienen rund

40.000-Mal ausfliegen und dabei eine Flugstrecke

von rund 120.000 km zurücklegen.

1 bis 20 Völker: 80 % der Imker

21 bis 50 Völker: 18 % der Imker

über 50 Völker: 2 % der Imker

Der Preis pro Volk ist in den letzten Jahren

um mehr als das Dreifache gestiegen.

Quelle: Deutscher Imkerbund e. V. – Stand: 2014


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KULTUR & GESELLSCHAFT

mediakompakt

„Mein Leben ist hier im GALAO”

„Gemütlich, lecker und musikalisch wertvoll”– so beschreibt ein Stammgast das beliebte Café

GALAO im Stuttgarter Süden. Reiner Bocka (50) führt zusammen mit Marcel Brucker (38) das

Szenecafé in der Tübinger Straße. Dort stieg er 2009 mit der Organisation von Konzerten ein –

heute ist Reiner Bocka der Besitzer.

VON MOANA MÜLLER

Bild: Moana Müller

Im Interview spricht der gebürtige Giengener

(Brenz) über seine magischen sieben Jahre,

von seinem Traum, der mit dem Café GALAO

in Erfüllung ging, die rettende Spendenaktion,

seine Wünsche und seine Lebensphilosophie.

Außerdem verrät er, was man braucht, um in der

Selbstständigkeit zu bestehen.

Mediakompakt: Du bist 2009 in das Café GALAO

miteingestiegen. Ist damit ein Traum für Dich in

Erfüllung gegangen?

Reiner Bocka: Ja, total. Mein Traum war aber nicht,

etwas selbst zu veranstalten, sondern eher einen

Ort für andere zu schaffen. Deshalb ist auch die

Architektur damit verbunden. Das Einrichten, etwas

umzubauen, zu werkeln, das macht mir ganz

viel Spaß, weil ich dann sehe, was ich geleistet habe.

Für mich ist das GALAO keine Arbeit, obwohl

ich jeden Tag dort bin und keine Freizeit habe. Ich

brauche keine Auszeit nach der Arbeit. Bei mir

geht das Leben nicht erst nach der Arbeit los: Mein

Leben ist hier im GALAO.

Mediakompakt: Hast du dir das handwerkliche Geschick

selbst angeeignet?

Reiner Bocka: Ja, das habe ich. Ich wollte eigentlich

nach der Schule eine Schreinerlehre machen oder

Architektur studieren. Damals war ich leider zu

unreif und habe mich von meinen Eltern zum

Theologie-Studium verführen lassen.

Mediakompakt: Wie würdest du deine Besucher beschreiben?

Reiner Bocka: Sehr aufgeschlossen, sehr „easy going”

und sehr respektvoll. Es sind viele Studies

hier. Es gibt aber auch Oma-Gruppen und Muttis,

Bänker und Architekten. Inzwischen zum Glück

auch eine große Zahl an Gästen ausländischer

Herkunft. Manchmal komme ich in den Laden

und verstehe kein Wort – das finde ich super.

Mediakompakt: Das Café GALAO hat viele Stammgäste.

Was ist dein Geheimrezept bzw. was macht

das GALAO besonders?

Reiner Bocka: Die Leute kommen aus verschiedenen

Anlässen. Manche wollen etwas Gutes essen,

andere gute Musik hören. Aber die meisten wollen

einfach gemütlich sitzen. Witzigerweise kommen

die alten Stammgäste nicht zu den Konzerten,

weil es ihnen zu voll ist. Sie wollen eher die Atmosphäre

erleben, das ist das Besondere. Der Stil, mit

dem man miteinander umgeht. Wie die Einrichtung

aussieht, ist glaube ich zweitrangig, auch

wenn ich viel Wert darauf lege.


1/2016 KULTUR & GESELLSCHAFT

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Mediakompakt: Im GALAO finden regelmäßig Konzerte

statt. Wie finanziert sich das? Reichen die

Spenden nach den Auftritten dafür aus?

Reiner Bocka: Es finanziert sich kaum. Die Spenden

reichen zu 90% nicht aus. Die Bands bekommen

alle eine Garantiegage und wenn mehr im Hut sein

sollte, bekommen sie den kompletten Betrag. Das

passiert aber nur bei wirklich guten Bands, die

richtig mitreißen. Dann können es am Ende schon

auch mal 500 Euro sein. Finanziell lohnt es sich

leider nicht, aber Konzerte sind meine große Leidenschaft

– quasi mein kleiner Luxus. Dass hier

Menschen aus aller Welt herkommen, die ihre eigene

Musik und Kunst präsentieren, macht einen

großen Anteil am Charakter vom GALAO aus. Das

darf man nicht unterschätzen.

Mediakompakt: Was musstest du opfern, um deinen

Traum zu verwirklichen?

Reiner Bocka: Privatsphäre, aber die opfere ich gerne

bzw. es fühlt sich nicht als Opfer an. Selbst

wenn ich mal etwas Zeit habe, dann höre ich mir

die Bookinganfragen an. Außerdem mache ich die

komplette Technik. Da bin ich schon mal zehn

Stunden am Tag beschäftigt durch Soundcheck,

Wäsche waschen, Begrüßung der Bands, Parkplatzzuweisung,

Dinge verstauen und so weiter.

Aber es ist auch toll, von überall Leute zu kennen.

Mediakompakt: Haben sich Deine Träume im Laufe

der Zeit verändert?

Reiner Bocka: Nein, die haben sich nicht verändert.

Nur merke ich, bald sind sieben Jahre vorbei und

ich habe ein bisschen Angst davor. Letztes Jahr

habe ich das GALAO gekauft und es ging alles so

schnell, dass ich jetzt erst bemerke, ich komme

nicht mehr so schnell aus der Sache raus. Ich habe

nicht Angst, dass es nicht gut laufen könnte, sondern

eher persönlich. Ich stürze mich gerne mit

Haut und Haar in eine Sache. Bisher aber immer

wirklich nur sieben Jahre, dann brauche ich wieder

etwas Neues.

Mediakompakt: Während deiner Zeit im GALAO gab

es auch eine kritische Phase: Der Eigentümer hat

das Erdgeschoss, in dem das GALAO ist verkauft.

Glücklicherweise konntet Ihr das GALAO, auch

mit Hilfe von Spendengeldern, weiterhin halten.

Reiner Bocka: Von der Nachricht bis zum Verkauf

hatten wir zehn Wochen Vorkaufsrecht. Wir sind

zur Bank und haben Leute gefragt, ob sie es mitfinanzieren.

Es hat sechs Wochen gedauert, bis wir

überall negative Rückmeldungen bekommen

haben. Alle Hoffnungen das Haus auf die leichte

Art und Weise zu finanzieren, sind fehlgeschlagen.

Anschließend ging unsere Elektrik kaputt und

Marcel sagte zu mir, dass sich die Reparatur nicht

mehr lohnt, da wir in vier Wochen eh draußen

sind. Erst dann wurde mir alles richtig bewusst.

Dann war klar: Wenn wir jetzt nicht öffentlich die

Leute um Hilfe bitten, die das GALAO lieben, ist es

vorbei. Über Facebook ging dann alles rasend

schnell.

Mediakompakt: Durch diese Spendengelder haben

andere geholfen, deinen Traum am Leben zu erhalten.

Wer genau hat dich unterstützt und was

glaubst du war der Grund dafür?

Reiner Bocka: Leute, die herkommen, haben gespendet

und sie haben sich am Crowdfunding

beteiligt. Eltern von Leuten, die hierherkommen,

haben mir Kredite gegeben, weil ihre Kinder

gerne ins GALAO gehen und sie gut finden,

was wir hier machen. Sogar Leute, die früher oft

hier waren, als im GALAO die Elektroszene noch

größer war, haben das GALAO unterstützt und

ihre DJ-Abende in anderen Clubs genutzt, um

Geld für uns zu sammeln. Stuttgarter Musiker haben

sich zusammengetan und Benefizkonzerte

gegeben. Auch ausländische Musiker haben

durch Facebook-Posts nochmal emotional viel

bewirkt.

Mediakompakt: Hattest du einen Plan B, falls die

Spendengelder nicht zusammengekommen wären?

Reiner Bocka: Komischerweise nicht. Ich mache

immer das, was gerade notwendig ist und darum

denke ich nie an einen Plan B. Ich lebe nicht mit

einer Sicherheit. Mir war auch klar, dass wir vielleicht

schon eine andere Location finden, aber

kaum eine mit Livemusik. Das ist nicht das, was

ich will. Ich hatte aber auch keine Existenzängste,

da sich nach sechs Jahren GALAO bestimmt

auch wieder etwas anderes entwickelt hätte. Aber

die unglaubliche Rückmeldung durch die

Spenden aktion hat mir gezeigt, dass wir weiter

machen müssen.

Mediakompakt: Das GALAO ist bei Konzerten

immer gut besucht, sodass es bestimmt schwer

ist, einen Überblick vom Konsum von Speisen

und Getränken aller Gäste zu behalten. Du kassierst

somit auf Vertrauensbasis der Gäste. Was

ist Dir als Besitzer eines Cafés wichtiger: Wirtschaftlichkeit

oder Lebensqualität?

Reiner Bocka: Wir haben das die letzten sechs Jahre

ganz auf Vertrauensbasis gemacht. Marcel hat

letzten Sommer zufällig auf dem Marienplatz ein

Gespräch verfolgt, in dem Leute sich erzählten,

dass sie schon mehrmals ohne zu bezahlen das

GALAO verlassen hätten. Nun kassieren wir bei

Konzerten immer direkt und schauen auch sonst

mehr drauf. Lebensqualität ist mir auf jeden Fall

sehr wichtig, aber überleben müssen wir natürlich

trotzdem.

Mediakompakt: Was ist deine Lebensphilosophie?

Reiner Bocka: Geben und nehmen. Mir geht es

auch um die Menschlichkeit: Wenn man mehr

gibt, dann bekommt man auch mehr. Wenn beispielsweise

ein Gast nicht respektiert, um was es

mir geht, dann bin ich ziemlich eindeutig und

kann ihn auch mal rauswerfen. Respektlosigkeit

in jeder Hinsicht toleriere ich nicht.

Mediakompakt: Was würdest du Dir für die kommenden

Jahre privat und für das GALAO wünschen?

Reiner Bocka: Für das GALAO würde ich mir wünschen,

dass wieder mehr Kunst reinkommt. Malen

oder irgendeine Performance-Art, die nichts

mit Musik zu tun hat. Vielleicht etwas, wobei

man sich gemütlich unterhalten kann. Ich wünsche

mir, dass es weiterhin so vielseitig bleibt

und neue Einflüsse in den Laden kommen. Letzte

Woche hatten wir DJs aus Palästina da, die arabische

Elektro musik gemacht haben. Ich wünsche

mir, dass ich mal zwei Wochen oder länger weg -

fahren kann, um mich wieder neu inspirieren zu

lassen und andere Kulturszenen anschauen

kann. Wohin ist mir eigentlich ganz egal.

Mediakompakt: Was würdest du den heutigen Studenten,

die ihren Träumen nacheifern, mit auf

den Weg geben?

Reiner Bocka: Man sollte sich im Klaren sein, dass

einem der Traum wichtig sein muss. Wichtig

bedeutet, dass einem die Entscheidung nicht

schwer fällt. Sobald man lange Pro und Contra-

Listen aufstellt, würde ich von der Sache abraten.

Und wenn man morgens aufwacht und denkt,

das will ich machen, würde ich „go for it” sagen.

Tue dich am besten mit anderen zusammen,

wenn es zu deinem Traum passt oder sei so mutig

und mach es selbst. Man braucht auf jeden Fall

viel Kraft. Wenn man es aber von ganz innen

möchte, dann sind Tiefpunkte auch leichter zu

meistern. Man braucht den Glauben an sich

selbst und seine Fähigkeiten, damit die anderen

einen verstehen und akzeptieren.

Mediakompakt: Apropos träumen. Träumst du

nachts? Wovon?

Reiner Bocka: Nein, ich träume nicht. Nur wenn

mir etwas ganz arg nachgeht. Ansonsten schlafe

ich tief und fest.

Mediakompakt: Vielen Dank Reiner, dass du dir Zeit

genommen hast für das Interview.

Bild: Moana Müller

Reiner Bocka (r.) und Marcel Brucker mit Tochter (l.)

Reiner Bocka (50) verließ mit 19 Jahren seine

Heimatstadt Giengen an der Brenz und studierte

Theologie und Sozialpädagogik in Tübingen.

Es folgten sieben Jahre als Sozialpädagoge

bei den Pfadfindern, sieben Jahre als

Pädagoge bei der Akademie der Jugendarbeit,

sieben Jahre als Organisator der Veranstaltungsreihe

„Session” und sieben Jahre „Silent

Friday“. Dieses Jahr feiert Reiner Bocka sein

siebenjähriges magisches Jubiläum mit dem

Café GALAO.


Bild: Ansgar Wiesenfarth

24 KULTUR & GESELLSCHAFT

mediakompakt

Going Under

Zuerst ist da Kälte – als Frösteln auf der Haut und als Stechen im Gesicht. Ich ermahne mich, ruhig

zu atmen während ich abtauche. Der Moment geht vorüber, mein Körper gewöhnt sich an die Temperatur

und findet die richtige Haltung. Ich tauche seit 12 Jahren, habe den Blindsee in Österreich

öfter besucht als manch nahen Verwandten. Trotzdem muss ich jedes Mal neu ankommen.

VON VIVIEN HENTSCHEL

Der Blindsee langweilt mich auch bei

diesem Besuch nicht. Es ist wie nach

Hause kommen. Ich habe noch immer

Sorge, auf dem steilen Abstieg zum See

auf Wurzeln und Kies auszurutschen.

Der Einstieg über die Steine ist wackelig.

Wendet man sich unter Wasser nach rechts,

sieht man das Resultat eines Erdrutsches. Baumstämme

stapeln sich als überdimensionales Mikadospiel.

Unter diesem Konstrukt hindurch zu

schwimmen, lässt einen ehrfürchtig werden.

Stellen weise erreicht Licht den Grund. Da vergisst

man das Frieren schon mal. An guten Tagen stehen

Zander zwischen den Hölzern. Die Tiere sind

die Taucher gewöhnt und richten höchstens einmal

die Rückenflosse auf, wenn man ihnen zu

nahe kommt. Der Anblick besitzt eine eigene

Schönheit. Unter wie über Wasser.

„Du tauchst auf und siehst das Bergpanorama.

Das ist immer wieder bombastisch.“ Für den brevetierten

Rescue-Diver Dominik Gebhardt hat der

Besuch am Blindsee Tradition. Die Gemeinschaft

steht im Vordergrund, man kennt sich. „Es ist fast

wie ein Stammtisch.“

Für mich birgt dieses Gewässer Erinnerungen.

Hier habe ich meine ersten Freiwassertauchgänge

absolviert und mich auf den Plattformen durch

Übungen gearbeitet. Meine Scheine habe ich so erreicht.

Und meine Grenzen dabei ab und zu gleich

mit. Bei simulierten Keine-Luft-Situationen gegen

den Atemreflex zu kämpfen oder einen bewusstlosen

Taucher zu bergen flößt einem Respekt vor der

Materie ein.

Dass wir heute tauchen können, wie wir es

tun, haben wir einigen Pionieren zu verdanken,

die sich in eine Welt wagten, für die man eigentlich

Flossen und Kiemen braucht. Taucher wie Eike

Burk fasziniert nicht nur, was es dort alles zu sehen

gibt, sondern, dass man dieses fremde

Element überhaupt so verhältnismäßig einfach

betreten kann. „Mich fasziniert die technische

Seite mehr als die visuelle.“

Von biologischen Gesichtspunkten aus ist der

Mensch für ein Dasein im Wasser nicht gemacht.

Wenn uns die Luft ausgeht, ertrinken wir und unter

zu starken Druckveränderungen werden unsere

Organe in tödliche Mitleidenschaft gezogen.

Ich habe mich anfangs schwer getan mit der Vorstellung,

mein Leben von ein paar Schläuchen

und Pressluft aus der Flasche abhängig zu machen.

Wie bei jeder neuen Bekanntschaft muss

man Vertrauen erst aufbauen. Ursula Halbeisen

arbeitet als Tauchlehrerin und betont die Wichtigkeit

von gut gewartetem Equipment. „Am einfachsten

ist es, mit eigenem Equipment zu tauchen,

da man das am besten kennt.“

Unsere Welt ist bequem geworden. In

seltensten Fällen kommt man an seine physischen

Grenzen. Wenn ich tauche, teste ich ein Stück

weit aus, was mein Körper ertragen kann. Meine

Ausrüstung wiegt etwas über 20 Kilogramm. Das

Gewicht spüre ich noch Tage später. Meine Vorliebe

für kaltes Wasser kollidiert mit der Tatsache,

dass ich bei weniger als 10 °C anfange zu frieren.

Schlotternd aus dem Wasser zu steigen gehört

dazu. Danach weiß man die kleinen Dinge wieder

zu schätzen. Trockene Kleidung, eine Tasse Tee.

Und man legt Geld für einen Trockentauchanzug

zur Seite. Für Daniel Thiele haben Kaltwassertauchgänge

dennoch einen ganz eigenen Reiz –

wenn die Ausrüstung stimmt. Vermeintliche

Hemmnisse wie Kälte seien dabei nebensächlich.

Oft werde man durch klare Sicht und geniale

Lichtspiele entschädigt.

Unter Wasser ist man ganz bei sich. Atmen, tarieren,

schwimmen, schauen. Man konzentriert

sich auf sich und seinen Buddy. Für Wolfgang Rotschek

ist Tauchen eine Möglichkeit abzuschalten.

„Dafür braucht es kein tropisches Meer. Es geht

dabei einfach nur um das Gefühl.“ Es ist eine kleine,

ganz persönliche Alltagsflucht. „Sobald ich

mit dem Kopf unter Wasser bin, vergesse ich die

Welt über mir. Dann bin ich ganz bei mir“, so Stefanie

Neef.

Ich gehe nie allein ins Wasser. Und nicht mit

jedem. Im Zweifelsfall muss man sich nicht nur

auf sich selbst verlassen können. Ich denke mit

Schaudern an ein Erlebnis, bei dem mir die Tiefe

in Kombination mit niedrigen Temperaturen gewaltig

zugesetzt hat. An den Großteil des Tauchgangs

kann ich mich kaum erinnern. Mein Buddy

hat mich zurück zur Oberfläche bugsiert. Das Erlebnis

hat mir zwar keine Angst gemacht. Aber es

hat mich gelehrt auf mich zu hören und Probleme

nicht kleinzureden.

Dominik hat in dieser Hinsicht ganz eigene Erfahrungen.

Ihm ist aufgrund mangelnder Absprache

ein Buddy aus einem 3er-Team abhandengekommen.

„Einer von uns kam nicht runter. Der

Dritte der Gruppe hat das wohl nicht bemerkt und

ist weiter abgetaucht. Ich hatte keine Chance

mehr, mich bei ihm bemerkbar zu machen und

verlor ihn aus der Sicht.“ Betreffender Buddy erlitt

daraufhin selbst einen Notfall. Dass jemand in der

Nähe war, um zu helfen, war Glück, weiter nichts.

„Es ist wichtig, keine Angst zu haben.“, findet

Ursula Halbeisen. „Aber man darf nie den Respekt

verlieren!“ Auch regelmäßiges Üben sei essentiell,

um auf Notfälle richtig zu reagieren. „Taucher in

Panik machen in der Regel alles falsch.“

Noch ein Grund, weiter in heimische „Tümpel“

zu springen. Man kommt nicht so leicht aus

dem Tritt. Bei einem Training im Schwimmbad

begegnete mir zum ersten Mal seit 5 Jahren ein

lange nicht mehr gesehener Mittaucher. Er hatte

bereits erste Gehversuche in seinem alten Lieblingssport

hinter sich. „Es war wie der allererste

Tauchgang zum allerersten Schein.“ Für mich persönlich

eher eine unschöne Aussicht. Ich habe mir

meine Fertigkeiten mit einem gewissen Einsatz

von Zeit und Kraft erarbeitet. Das gebe ich nur ungern

wieder her. Bei 24 °C kann außerdem jeder.

Und frieren war noch nie so schön.


1/2016 KULTUR & GESELLSCHAFT

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Der Traum vom Bestseller

Wer hat nicht schon davon geträumt einen Bestseller zu schreiben? Einmal im Leben den

eigenen Namen ganz oben auf der Bestsellerliste lesen, mit der eigenen Biographie ein literarisches

Meisterwerk schaffen. Gemessen an den E-Mails, Briefen und Anrufen, die einen in der

Manuskriptverwaltung eines Verlages erreichen, träumt fast jeder davon.

VON LOUISE RICHTER

Bild: Daniela Bez

Wie jeden Donnerstag betrete ich

mein Büro im Erdgeschoss des

Verlags hauses, in dem ich für die

Bearbeitung eingehender Manuskripte

zuständig bin. Auf meinem

eigentlich stets aufgeräumten Schreibtisch türmen

sich die Einsendungen der letzten Woche.

Die Arbeit in der Manuskriptbearbeitung kann

manchmal sehr mühsam, manchmal nervig und

manchmal auch sehr lustig sein. Ich setze mich an

meinen Schreibtisch, schiebe den neuen Stapel

mit Manuskripten beiseite und starte meinen

Computer, als das Telefon klingelt. Eine ältere

Dame ruft mich an. Ob ich schon einen Blick in

ihr Manuskript habe werfen können, will sie wissen.

Ich öffne meine Excel-Liste, in der ich alle

Einsendungen erfasse und suche nach ihrem Namen.

Ich kann sie auf meiner Liste nicht finden.

Ebenso will sie wissen, ob ich sie auf der Liste

eintragen könne. Ich muss überlegen, ob ich vielleicht

irgendetwas vergessen habe. Es fällt mir

nichts ein. Also frage ich. „Auf welche Liste soll

ich Sie eintragen?“ „Ja, auf diese Bestsellerliste.“

Sie habe einen Bestseller geschrieben und wolle

sich nun auf DIESE EINE Liste setzen lassen.

Die eine Bestsellerliste. Gibt es die überhaupt?

Welches ist denn DIE Bestsellerliste? Es gibt die

von Spiegel, Focus, Amazon und noch so viele andere.

Wobei eigentlich spielt das ja keine Rolle.

Das wäre eigentlich egal. Hauptsache man steht

auf einer davon.

Ich erkläre ihr, dass man nicht im Voraus

sagen kann, ob der Titel zum Bestseller wird oder

nicht. Kann man das wirklich nicht im Voraus

sagen? Die Positionierung auf der Liste bezieht

sich in der Regel auf die Verkaufszahlen des Titels,

im Vergleich zu den anderen Titeln des Genres.

Aber auch wenn ein Titel zum Bestseller, also zum

»besten Verkäufer« wird, heißt das nicht automatisch,

dass die literarische Qualität auch dementsprechend

hoch ist. Für die spätere Positionierung

eines Titels auf der Bestsellerliste spielen auch

Buchkritiken, Marketingkampagnen und der Name

des Autors eine Rolle. Da denke ich mir, vielleicht

eignet sich das Manuskript der Anruferin ja

doch dazu, ein Bestseller zu werden. „Ich habe Ihnen

mein Manuskript bereits zugeschickt“ sagt

sie. Mit Manuskript, wie sich nach einigem Suchen

herausstellt, ist eine ganze Kiste gemeint.

Drei Aktenordner. Gefüllt mit hunderten von Seiten.

Handgeschrieben.

Schon Tage vorher hatte ich das Paket an der

Zentrale abgeholt und in mein Büro geschleppt,

weil das Paket zu schwer war, um es mit der Tagespost

im Haus zu verteilen.

Bei den Aufschrieben handelt es sich um die

Lebensgeschichte der Dame, die ich am Apparat

habe. Sie habe leider noch keinen Verlag für ihr

Manuskript, aber alle ihre Freunde und Familie

seien sich sicher, das Buch IST ein Bestseller. Familien

und Freunde sind vielleicht nicht die beste

Wahl, um ein Werk zu beurteilen. Schließlich

nehmen auch jedes Jahr unzählige Jugendliche

bei “Deutschland sucht den Superstar” teil und

sind sich sicher, unglaublich schön singen zu

können, weil Familie und Freunde das alle sagen.

Kleine, durchschnittliche Mädchen denken, auch

sie werden “Germanys Next Topmodel”, weil die

Mama findet, sie sind wunderschön. Sind sie bestimmt

auch. Als unabhängiger Betrachter hat

man aber den nötigen Abstand, kann das unvoreingenommen

beurteilen und dabei auf die

nötigen Kriterien achten.

Die liebenswürdige Dame ist 85 Jahre alt und

hatte in Ihrem Leben tatsächlich so einiges erlebt.

Freundlich verabschiede ich mich von ihr und

verspreche, das Buch sorgfältig zu prüfen. Ich

werde ihr eine Absage schicken müssen.

Was aber, wenn dieses Buch am Ende tatsächlich

ein Bestseller wird? Wenn ein anderer Verlag

den Titel in das Verlagsprogramm aufnimmt und

der Titel auf der Bestsellerliste landet? Dann geht

es mir wie der Lektorin, die die Bücher zu Harry

Potter abgelehnt haben soll. Ob ich mich dann

vielleicht darüber ärgern werde?

Den Namen meiner lieben Anruferin werde

ich auf keinen Fall vergessen. Wenn das Buch auf

einer der vielen Bestsellerlisten erscheint, sollte

ich mich nicht ärgern. Ich werde mich freuen, mir

das Buch kaufen und von vorne bis hinten durchlesen.

Dann werde ich das Buch zuklappen und

mir denken. „Irgendwann schreibe ich auch einmal

einen Bestseller!“


26 KULTUR & GESELLSCHAFT

mediakompakt

Bild: Lina Schedlbauer

Trial and Error – Vom Scheitern

Die Hände werden feucht, der Magen zieht sich zusammen und die Gedanken rasen, während

man versucht zu verstehen, was gerade passiert ist. War es das wirklich mit der Beziehung? Ist

man gerade tatsächlich durch die Klausur gerasselt? Da ist was schiefgegangen. Du hast es

vermasselt. Der Traum ist ausgeträumt.

VON DANIELA BEZ

Wenn man im letzten Semester ist

und noch seine Bachelorthesis

schreiben muss, will man da wirklich

ausgerechnet über das Scheitern

schreiben? Hat man da nicht

das Gefühl, furchtbar negativ zu sein? Aber warum

ist „Scheitern“ etwas Negatives? Warum fühlen

wir, wie sich unser Magen zusammenzieht,

wie uns der Schweiß ausbricht, unsere Gedanken

rasen, wenn wir die schreckliche Gewissheit haben:

Das war nichts. Das ist schiefgelaufen. Du bist

wieder Single. Du hast deine Klausur verhauen.

Du hast deine Chance vermasselt. Und dabei hast

du sie so richtig in den Sand gesetzt.

Die trockene Definition des Dudens zum

„Scheitern“ lautet: „Ein angestrebtes Ziel o. Ä.

nicht erreichen, keinen Erfolg haben.“ Damit wäre

der Hauptgrund genannt, warum wir nicht

scheitern wollen. Zu scheitern heißt, nicht erfolgreich

zu sein. Das bedeutet in unserer leistungsorientierten

Gesellschaft – und da besonders in der

deutschen Gesellschaft, im Land der perfektionistischen

Tüftler und Denker – der Verurteilung

durch Dritte ausgesetzt zu sein. Warum hast du

nicht früher angefangen zu lernen? Warum hast

du nicht schon früher gemerkt, dass etwas an eurer

Beziehung nicht mehr stimmt? Hinterher ist

man immer schlauer.

Auf der Buchmesse 2015 erzählte ein Start-up-

Gründer, dass es gerade in Deutschland schwierig

sei, sich mit einem Unternehmen selbstständig zu

machen. Die Banken hätten horrende Anforderungen

bei der Kreditaufnahme, die es vielen

Start-ups schwer machen würden, überhaupt an

finanzielle Mittel zu kommen. Und wer schon einmal

mit einem Unternehmen gescheitert ist,

braucht gar nicht erst vorstellig zu werden. Versagen

wird in Deutschland nicht geschätzt. Weltweit

rangieren wir auf Platz 2 der am wenigsten

fehlertoleranten Länder der Welt. Noch perfektionistischer

als wir Deutschen sind nur noch die Singapurer.

Dies hat der Wirtschaftspsychologe Michael

Frese an der Leuphana-Universität in

Lüneburg bei einer Studie zu Fehlertoleranz in 61

Ländern herausgefunden.

Dabei werden wir durch unsere Fehler klüger,

wenn wir aus ihnen lernen. Der Unternehmer Sascha

Schubert beschloss, nicht mehr über sein

Scheitern als Unternehmer zu schweigen, und rief

2012 die erste deutsche FailCon in Berlin ins

Leben. Die FailCon ist eine Veranstaltung nach

amerikanischem Vorbild, bei der sich Unternehmer

treffen und über ihre größten Fehler und Probleme

berichten. Das Wissen um die Fehler und

die Erfahrungen, die bei der FailCon ausgetauscht

werden, sind für viele wertvoll. Wer offen über seine

Fehler spricht, hilft anderen, sie zu vermeiden.

Es ist auch wichtig, wie man mit seinen eigenen

Fehlern umgeht. Dabei soll man seine eigenen

Schwächen erkennen und die Schuld nicht

nur bei anderen oder den äußeren Umständen zu

suchen. Das tun Menschen allzu gern, um für ihr

Scheitern nicht verantwortlich sein zu müssen.

Der Psychologe Joachim Stoeber an der University

of Kent fand heraus, dass Menschen, die versuchen

ihrem Scheitern etwas Gutes abzugewinnen

und das Gelungene zu sehen, besser mit ihren Niederlagen

umgehen können, als diejenigen, die

sich selbst darüber zerfleischen. Im Endeffekt geht

es vor allem darum, sein Selbstertgefühl zu schützen,

aber auch sich ein realistisches Urteil bilden

zu können. Ich hab’s diesmal nicht geschafft, aber

deshalb bin ich nicht grundsätzlich ein Verlierer.

Welche Chancen das Scheitern bieten kann,

zeigt sich im Umgang mit der Situation. Menschen,

die gescheitert sind, müssen nach Lösungen

suchen, sich auf eine neue Situation einlassen.

Das erfordert Kreativität und Flexibilität. Und

Mut. Das wohl am häufigsten zitierte Ereignis, das

zeigt, wie sich durch Fehler eine völlig neue Chance

bietet, kommt aus der Medizin: Alexander Fleming

hatte den Fehler gemacht, seine Staphylokokken-Kultur

zu vergessen. Dadurch geriet ein

Schimmelpilz in die Probe, der eine keimtötende

Wirkung hatte. Fleming entdeckte die vergessene

Probe erst Wochen später – der Rest ist Geschichte.

Auch wenn man nicht Alexander Fleming ist,

sollte man den Kopf hoch und die Augen offen

halten. Vielleicht war es doch nicht die Liebe deines

Lebens, die dich da sitzen lassen hat. Und auf

die nächste Klausur bist du vorbereiteter denn je –

oder du hast noch andere Lebensentwürfe, die es

wert sind, verfolgt zu werden. Das Scheitern bietet

auf jeden Fall die Möglichkeit, sich selbst mit neuen

Augen zu sehen und zu erkennen, dass man

noch andere Chancen und Träume im Leben hat.


1/2016 KULTUR & GESELLSCHAFT

27

„Die meisten Betroffenen

zeigen schon, dass es ihnen

schlecht geht.”

Es ist schön, wenn man seinen Traum leben kann. Doch nicht jedem gelingt das.

Es wird immer wieder Fälle geben, da scheitern Menschen und geraten in Krisen,

die schwer zu überwinden sind.

VON DANIELA BEZ

Die meisten Menschen rappeln sich

nach einer Krise wieder auf. Aber ein

paar von ihnen wird das Wiederaufstehen

und Weitermachen schwerfallen.

Einige wirft eine Krise so aus der Bahn,

dass der Gedanke, das Leben abzukürzen, attraktiv

erscheint. In Deutschland sterben jedes Jahr rund

10.000 Menschen durch Suizid, rund 100.000 versuchen

es. 10.000 Menschen, das sind mehr als alle

durch Verkehrsunfälle, AIDS, illegale Drogen,

Mord und Totschlag zusammengerechnete Todesfälle.

Dennoch ist das Thema ein Tabu in unserer

Gesellschaft. Der Arbeitskreis Leben (AKL) in

Stuttgart ist ein Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht

hat, Hilfe in Lebenskrisen und bei Selbst -

tötungsgefahr zu bieten. Wir haben ein Gespräch

mit Dolores Wessels, einer Sozialpädagogin des

AKL, geführt.

Mediakompakt: Frau Wessels, kommen zu Ihnen

viele junge Menschen, die meinen, am Leben

„gescheitert” zu sein?

Dolores Wessels: Bei den Menschen, die zu uns

kommen, geht es nicht nur um Lebensträume, die

zerplatzen, sondern es geht auch oft darum, einfach

den Alltag nicht mehr bewältigen zu können.

Da geht es um banale Dinge. Oder es handelt sich

um Personen, die einen Schicksalsschlag nach

dem anderen erlebt haben. Wir arbeiten überwiegend

mit Menschen im mittleren Lebensalter, der

Altersschnitt liegt zwischen 45 und 55 Jahren. Es

sind natürlich auch Jüngere dabei, aber diese sind

nicht die Mehrzahl unserer Klienten, das muss ich

vorausschicken. Das Suizidrisiko steigt mit zunehmenden

Alter. Die Suizid-Rate, die Todesfälle pro

Hunderttausend, ist einfach bei alten und hochbetagten

Menschen am höchsten.

Mediakompakt: Woran könnte das liegen?

Wessels: Zum Beispiel durch gesundheitliche Beeinträchtigungen.

Dass jemand vielleicht merkt:

„Ich werde den Anforderungen nicht mehr gerecht.“

Dass er oder sie die gewünschte Leistung

nicht mehr erbringen kann. Das ist für manche

wie eine persönliche Kränkung, da den Anschluss

nicht mehr zu bekommen. Dazu kommen dann

oft auch finanzielle Einschnitte. Wir definieren

uns häufig über das, was wir beruflich leisten und

wie wir da eingebunden sind. Wenn das brüchig

wird, ist das für viele aus verschiedensten Gründen

eine hohe Belastung. Das hat auch Schamgefühle

zur Folge und ja, es reduziert den Kreis der

Menschen, mit denen man in Kontakt ist. Entweder

zieht der Betroffene sich zurück, oder es gibt

Freunde, die das alles nicht verstehen können.

Manchmal klaffen dann die Lebenswelten zu weit

auseinander. Es sind meist viele Faktoren, die ineinander

spielen und dazu beitragen, dass Menschen

sich den Herausforderungen des Lebens

nicht mehr gewachsen fühlen.

Mediakompakt: Wie kommen die Menschen zu

Ihnen?

Wessels: Der erste Kontakt geht am häufigsten

vom Betroffenen selbst aus, manchmal mit Unterstützung

von Freunden. Vielfach recherchiert jemand

online, sucht Hilfe, und kommt so auf unsere

Homepage. Oft ermutigen aber auch Freunde

und Bekannte, die den AKL kennen und vielleicht

selber schon einmal Hilfe in Anspruch genommen

haben. Der Kontakt läuft auch über aktuelle und

ehemalige AKL-Mitarbeiter, Ärzte, Therapeuten

und über Kliniken, wenn ihnen unsere Arbeit bekannt

ist. Es gibt verschiedene Zugangswege. Am

besten ist es, wenn uns jemand kennt und sagen

kann, dort könne man sich hinwenden, man habe

gute Erfahrungen gemacht. Es sollte eine möglichst

niedrige Schwelle sein.

Mediakompakt: Wenn ein Bekannter eine schwere

Zeit durchmacht, woran kann man dann erkennen,

ob er an Selbstmord denkt?

Wessels: Im Alltag ist es so, dass wir uns gerne daran

orientieren, was positiv ist und vielleicht nicht so

sensibel sind, oder uns auch nicht trauen, es wirklich

ernst zu nehmen, wenn wir Hinweise bekommen.

Denn die meisten Betroffenen zeigen schon,

dass es ihnen schlecht geht. Zum Beispiel, wenn jemand,

der vorher Wert auf sein Äußeres gelegt hat,

nicht mehr so auf sich achtet, sich weniger pflegt.

Dass Sie manchmal bei demjenigen riechen können,

dass die Körperhygiene nachlässt. Das sind

Anzeichen, die man bemerkt. Es gibt auch Äußerungen,

verbale Hinweise, so etwas wie: „Macht eh

alles keinen Sinn. Mir gelingt doch sowieso nix.“

Das zeigt eine gewisse Hoffnungslosigkeit. Doch es

gibt auch durchaus diejenigen, die darauf achten,

die Fassade aufrecht zu erhalten. Nicht zu vergessen

sind die nicht so offensichtlichen Hinweise, z. B.

dass jemand stiller und zurückhaltender wird, dass

er eine pessimistische Haltung einnimmt. Untersuchungen

zeigen, dass es bei etwa 80 bis 85 Prozent

der Betroffenen Hinweise gibt, die man wahrnehmen

kann. Aber dazu gehört ein gewisses Feingefühl

und die Bereitschaft, hinzuschauen. Oft ist

auch eine Angst vor der Verantwortung da: Wenn

ich darauf eingehe, was kommt dann?

Mediakompakt: Was kann man selbst tun, um einem

Betroffenen zu helfen?

Wessels: Wichtig ist erst einmal, dass man in Kontakt

ist, man sich Zeit nimmt und eine Vertrauensbasis

vorliegt. Außerdem sollte man nicht alles allein

händeln, sondern sich Unterstützung holen.

Für einen allein ist das zu viel, vor allem, wenn der

Kontakt nicht so eng ist oder wir uns das nicht zutrauen.

Dann ist es gut, andere miteinzubeziehen.

Die meisten Krisen werden privat bewältigt. Oft

probieren Betroffene das erst einmal allein und

schaffen das häufig auch. Oder eben mithilfe von

Freunden, Bekannten, in einer Familie. Es gibt aber

eben Krisensituationen, da sind auch Nahestehende

überfordert, wenn sie merken, da ändert sich gar

nichts. Ich versuche die Person zu entlasten, aber

ich merke, sie gerät immer weiter hinein. Spätestens

zu diesem Zeitpunkt sollte man sich professionelle

Hilfe von außen holen. Man sollte sich nicht

davor zu scheuen, Betroffene offen anzusprechen,

wenn man glaubt, sie seien suizidgefährdet. Es kostet

Überwindung, aber es wichtig, das Thema direkt

anzusprechen.

Mediakompakt: Vielen Dank für das Gespräch.

Kontaktdaten

Arbeitskreis Leben Stuttgart e.V.

Römerstr. 32, 70180 Stuttgart

Telefon: 0711–600 620

E-Mail: akl-stuttgart@ak-leben.de

Web: www.ak-leben.de


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KULTUR & GESELLSCHAFT

mediakompakt

Bild: Pixabay

Andere

Welten,

andere

Sitten

„Phantasie ist wichtiger

als Wissen, denn Wissen ist

begrenzt.“ (Albert Einstein)

VON REGINA REINECKE

Rollenspiele? Sind das so … Spielchen

mit Politessendress, oder was?“ Wer

auf die Frage, welche Hobbies er habe,

„Rollenspiel“ zur Antwort gibt, wird

diese Art der Reaktion nur allzu gut

kennen. Viele Leute verbinden Rollenspiele mit

sexuellen Klischees, halten Augmented Reality

für Science-Fiction oder befürchten bei Spielen

mit Avataren Realitätsverlust. Doch wieviele verschiedene

Hobbies wirklich hinter dem Begriff

Rollenspiel stecken, wissen sie eigentlich nicht.

Und das obwohl es mehrere tausend aktive Rollenspieler

in Deutschland gibt.

Eine der klassischen Arten des Rollenspieles

ist das sogenannte Pen und Paper (P&P). Das

steht für eine Gruppe Menschen die an einem

Tisch sitzen, mit seltsam geformten Würfeln

spielen, ein oder mehrere Blatt Papier neben

sich, und sich abgedrehte Geschichten erzählen.

Der Wortführer ist bei solchen Spielen stets der

Spielleiter, der das Geschehen überblickt, den

Spielern Gegner auf den Hals hetzt und versucht,

der Geschichte den Verlauf zu geben, den er eigentlich

beabsichtigt hat. In den meisten Fällen

ist das jedoch sehr kompliziert, da auch bei 100

vorher bedachten Reaktionen die Mitspieler mit

großer Sicherheit auf eine 101. Möglichkeit kommen.

Auf den Charakterbögen genannten Papieren,

die jeder Spieler neben sich liegen hat, stehen

Charakterwerte wie Name oder Rasse des

Charakters, Attribute wie Stärke und Geschicklichkeit

oder Fertigkeiten im Kampf und alltäglichen

Leben sowie Ausrüstung. Je nach Spielsystem

kann das stark variieren. Einige der

bekannteren Systeme hierzulande sind Das

schwarze Auge (DSA), Dungeons and Dragons

(D&D), Advanced Dungeons and Dragons

(AD&D), Vampire: The Masquerade und Shadowrun.

Dabei unterscheiden sich sowohl die

Welt, in der alles spielt als auch die Wesen, die

sie bevölkern.

D&D und AD&D zum Beispiel finden überwiegend

in einer typischen Fantasy-Rollenspielumgebung

statt, auf der Welt Oerde, deren vielleicht

bekanntester Teil Faerûn ist. Faerûn war

unter anderem Schauplatz von Computerspielen

wie Baldurs Gate, Icewind Dale und Neverwinter

Nights, sowie der ebenfalls recht bekannten


1/2016 KULTUR & GESELLSCHAFT

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Romane von R. A. Salvatore, der die Abenteuer

des Dunkelelfen Drizzt Do’Urden beschreibt. In

diesem Teil von Oerde gibt es Elfen und Zwerge,

mittelalterlich anmutende Städte, Monster und

Magie, Götter und Dämonen.

Auch DSA spielt in einer vergleichbaren

Welt, genannt Dere, deren bekanntester Kontinent

Aventurien ist. Dabei gibt es auch unterschiedliche

menschliche Völker, von den an Wikinger

erinnernden Thorwalern im Norden bis

zu den dunkelhäutigen Bewohnern Al’Anfas im

Süden. Zur DSA-Welt gibt es zahlreiche Romane,

die sehr zur Bekanntheit der Spielewelt beigetragen

haben.

Vampire: The Masquerade spielt wiederum in

der Gegenwart und in der Welt die wir kennen,

nur dass Vampire unerkannt unter den Menschen

leben und diese zum Teil zu ihresgleichen

machen. Einige Vampirclans tragen erbitterte Rivalitäten

aus, was oft Ausgangspunkt spannender

Abenteuer und Kämpfe ist.

Shadowrun dagegen verbindet Fantasyaspekte

mit Einflüssen von Cyberpunk. Darin gibt es

Elemente der Magie, Elfen und Schamanen, aber

auch von Konzernen beherrschte Großstädte,

Körperfunktionen steigernde Computerhardund

-software sowie die Matrix, in der die Decker

genannten Hacker sich bestens auskennen. Die

Spieler schlüpfen hierbei in die Rollen von Runnern,

von Söldnern die sich am Rande der Legalität

bewegen und die Dinge erledigen, für die sie

bezahlt werden. Auch zur Shadowrun-Welt gibt

es Romane von verschiedenen Autoren sowie einige

Computerspiele, wie zum Beispiel das 2013

erschienene „Shadowrun Returns“.

Dies sind nur einige der populärsten Beispiele

für Pen-und-Paper-Systeme. Es gibt jedoch weit

über 100 verschiedene Rollenspiele, darunter

auch satirische Arten wie Plüsch, Power und

Plunder (PP&P), bei dem die Spieler in die Rolle

eines Stofftiers schlüpfen, oder MEGACHAOS

(Möglichst Einfache Generierung Ansprechender

CHaraktere Aber Ohne Schnickschnack), die

überhaupt nicht darauf abzielen ernst genommen

zu werden.

Weiterhin gehören zum Bereich des Rollenspiels

natürlich auch Tabletop-Spiele, wie das

sehr bekannte Warhammer 40k, bei denen militärisches

Geschick im Führen großer Armeen gegeneinander

im Vordergrund steht. Die Grenzen

zu strategischen Brettspielen wie etwa Risiko

sind hierbei oft fließend.

Ein weiterer Aspekt des Rollenspiels ist das

sogenannte LARP, das Live Action Role Playing,

bei dem sich die Spieler tatsächlich als der von

ihnen gewählte Charakter verkleiden und sich

anschließend treffen, um die geplanten Abenteuer

möglichst realitätsnah nachzuspielen. Für

viele Larper ist dabei essentiell, in einer weitgehend

authentischen Verkleidung aufzutreten.

Von aufwändig hergestellter Kleidung und

Rüstungen über lebensecht wirkende, aber ungefährliche

Waffen bis hin zu kleinsten Details in

Maske, Frisur und Ausstattung, wird viel Zeit,

Fantasie und oft auch Geld in die Charakterentwicklung

gesteckt. Schließlich will man sich in

die Welt hineinfühlen können. Sich Verkleiden

und in der Wirklichkeit so herumlaufen – als Elf,

Barde, Schwertkämpfer oder ähnliches – das bewirkt

oft Verwirrung, Belustigung und leider

auch Misstrauen. Deshalb haben oft auch Cosplayer

mit ähnlichen Problemen zu kämpfen.

Cosplay ist ein aus Japan stammender Trend,

bei dem begeisterte Fans sich weitestgehend

nach der Vorgabe von Charakteren aus favorisierten

Manga- und Animeserien oder aus Computerspielen

verkleiden. Hierbei liegt der

Schwerpunkt weniger auf dem Handlungsrahmen,

in dem sich die dargestellten Charaktere

bewegen, als darum, diese speziellen Charaktere

möglichst detailgetreu nachzuahmen. Da Cosplayer

sich öffentlich zeigen, meist in weit größerem

Rahmen als Larper, zum Beispiel zu Conventions

oder Messen, ist dies für viele ein

sensibles Thema.

Die Akzeptanz gegenüber derlei Verkleidungen

ist in Deutschland weitaus geringer als im

Herkunftsland Japan. Deshalb werden die Anhänger

dieses Trends oft als absonderlich abgetan.

Erschwerend kommt hinzu, dass dem Cosplay

eine erotische Note anhaftet. Zum einen, da

der Begriff in Japan tatsächlich synonym für bestimmte

Etablissements verwendet wird, zum

anderen auch da die Charaktere oft freizügig gekleidet

sind, was für das Genre der japanischen

Manga und Anime absolut nicht ungewöhnlich

ist. Wie viele Cosplayer es in Deutschland wirklich

gibt, ist nur schwer zu sagen. Bei den seit

2007 stattfindenden Deutschen Cosplaymeisterschaften

zumindest traten zuletzt 110 Einzelteilnehmer

(2013) und 61 Paare (also 122 Teilnehmer,

2014) auf.

Eine weitere Variante von Rollenspiel stellt

das Spielen mit sogenannten Avataren dar, welche

nicht erst seit dem Film „Avatar – Aufbruch

nach Pandora“ einen festen Platz unter den

Computerspielen haben. Ursprünglich bezeichnet

das aus dem Sanskrit stammende Wort Avatar

(deutsch: Abstieg) einen in eine sterbliche

Hülle geschlüpften Gott, der sich unter den

Menschen bewegt. In der Spielebranche bezeichnen

Avatare zumeist eine digitale Darstellung

der eigenen Person, wobei diese Darstellung zwischen

sehr realitätsnah und lebensecht einerseits,

und völlig fantastisch und exotisch andererseits

differieren kann. Damit ein Avatar nicht

einfach nur eine Spielfigur ist, muss es möglich

sein, den Avatar eigenen Vorstellungen anzupassen.

Einerseits, was körperliche Merkmale oder

Rasse angeht, andererseits, soweit es Kleidung,

Ausrüstung, Frisuren oder Accessoires betrifft.

Avatare kommen nicht nur in eigentlichen Spielen

wie zum Beispiel Guildwars oder World of

Warcraft vor, sondern auch in diversen Internetplattformen,

in denen sie eher der sozialen Interaktion

dienen. Das geht von schlichten Porträts

in Foren bis zu vollständig ausgearbeiteten Figuren

in virtuellen Welten wie Twinity oder Second

Life.

Als Rollenspiel sind dabei vor allem die sogenannten

MMORPGs, die Massively Multiplayer

Online Role-Playing Games zu bezeichnen. Zu

denen gehören neben den mit sehr ausführlichen

Avataren ausgestatteten Spielen wie World

of Warcraft und Guildwars auch in Echtzeit laufende

Browsergames, in denen Avatare keine Bedeutung

haben. Wie sehr dabei die jeweilige Rollenspielkomponente,

die Darstellung eines

anderen Charakters noch im Vordergrund steht,

hängt nicht nur von den Möglichkeiten ab die

das jeweilige Spiel bietet, sondern oft auch von

den Fähigkeiten oder dem Interesse der Spieler

an der Darstellung.

Ebenfalls überwiegend online findet eine

ganz andere Art des Rollenspieles statt, welches

beinahe völlig ohne bildliche Darstellungen auskommt:

im Schreibrollenspiel bewegen die Charaktere

sich nur mit Hilfe von Texten, in denen

beschrieben wird was man tut, welche Eindrücke

man gewinnt und wie die Interaktion mit der

Umgebung stattfindet. In gewisser Weise ähnelt

diese Art des Spielens dem Pen und Paper in seinem

Mangel an bildlicher Darstellung, nur dass

anstelle des gesprochenen Wortes das geschriebene

Wort tritt. Möglichkeiten des Schreibrollenspieles

bieten Chatportale wie beispielsweise

Seal of Fantasy, ebenso wie manche Foren. Der

Charakter wird darin oft in einem Profil kurz

vorgestellt und die Raumeigner der Chaträume

oder Moderatoren der Foren haben eine definierte

Spielleiter-Position inne. Sie sorgen dafür, dass

Geschehnisse nicht aus dem Ruder laufen oder

greifen gezielt in Handlungen ein, um das Spielerlebnis

zu steuern.

Wie man sieht, ist das Gebiet des Rollenspieles

sehr weitläufig, und ja, tatsächlich ist auch

das erotische Rollenspiel eine Facette, die nicht

wegzudiskutieren ist. Cosplayer begegnen immer

wieder dem Vorwurf, Freaks zu sein, die

nicht in eine ordentliche Gesellschaft passen, so

ähnlich wie Crossdresser oder Transvestiten.

MMORPGs sind oft zeitaufwändig, als Hartz-

4-Spiele verschrien, gelten als Realitätsflucht

oder süchtig machend. Spieler, die Stunden damit

verbringen Zinnfiguren detailliert zu bemalen

oder um einen Tisch zu sitzen, bewaffnet mit

Würfeln, dicken Regelwerken und Fantasie, entsprechen

geradezu musterhaft dem Bild eines

klassischen Nerds. Und dennoch: wenn man all

diese Klischees einmal beiseiteschiebt, was

macht Rollenspiel wirklich aus?

Alle Rollenspieler haben miteinander gemein,

dass ihre Gedanken eine andere Welt zum

Leben erwecken, dass sie Seiten an sich entdecken,

die in einem normalen, geregelten Alltagsleben

untergehen, und dass sie andere an ihren

Fantasien teilhaben lassen. Es gibt Studien, die

belegen, dass die vielfältigen Situationen mit denen

Rollenspieler konfrontiert werden können,

ihre Reaktionsfähigkeiten steigern, Problemlösungen

trainieren oder neue Denkweisen anregen.

Auch gibt es Berichte, dass Videospieler

intensiver träumen, Einfluss auf ihre Träume

nehmen können oder Erlebtes besser verarbeiten

können.

So oder so steht eines ganz sicher fest: Die

Fantasie ist ein untrennbarer Teil der Menschen,

der entscheidend zum Fortschritt beigetragen

hat. Ohne Fantasie hätten wir nie die Lüfte oder

gar den Weltraum erforscht, von zahllosen anderen

Entdeckungen abgesehen. Und jedes Kind,

das spielt, erweckt eine eigene Welt um sich herum

zum Leben. Rollenspiele geben dem Kind in

uns Raum. Wie kann das etwas Schlechtes sein?


30

KULTUR & GESELLSCHAFT

mediakompakt

Nach den Sternen greifen

Für Köche kommt sie einem

Ritterschlag gleich: die Auszeichnung

ihres Restaurants

mit einem MICHELIN-Stern.

Doch erfüllt sich der Traumberuf

Koch erst mit der

Anerkennung durch den renommierten

Gourmetführer

Guide MICHELIN? Bleiben

dennoch bestimmte Wünsche

und Ziele unerfüllt? Drei

Meister ihres Fachs geben

einen Einblick.

VON SEBASTIAN WIBBE

Trotz erfolgreicher Fernseh-Kochshows

hat der Beruf des Kochs in den letzten

Jahren an Attraktivität verloren, was sich

an der sinkenden Anzahl von Kochlehrlingen

messen lässt. Durch falsche Erwartungen

an das körperlich anspruchsvolle

Handwerk sowie Arbeitszeiten, zu denen andere

frei haben, platzt der Traum von dieser Karriere,

sodass viele Koch-Azubis ihre Ausbildung frühzeitig

abbrechen. Diejenigen, die sich durch Fleiß,

Ausdauer und Leidenschaft auszeichnen, erwarten

dagegen gute Karrierechancen wie beispielsweise

Arbeitsmöglichkeiten im Ausland, im Management

oder in der Haute Cuisine. Die leitende Position

in der Sterneküche ist jedoch nicht – wie man

erwarten könnte – für jeden Koch in Ausbildung

das oberste Ziel. Entgegen der allgemeinen Annahme,

dass Sternerestaurants sehr profitabel seien,

haben sie es gegenüber der Systemgastronomie

schwerer, überhaupt wirtschaftlich arbeiten zu

können. Die Produkte sind teuer, die Einrichtung

ist kostenintensiv und ein hoher Personalaufwand

muss bezahlt werden. Daher haben die meisten

deutschen Sternerestaurants ein Hotel oder einen

Mäzen im Rücken, die das Lokal bezuschussen und

am Ende des Tages den finanziellen Erfolg sichern.

Lohnt sich der Griff nach den Sternen?

Kevin Fehling ist davon überzeugt, denn er hat

den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und es

geschafft. Er ist Chefkoch des in der Hamburger

HafenCity gelegenen Restaurants The Table Kevin

Fehling mit der bedeutenden Drei-Sterne-

Auszeichnung. Diese wurde seinem Restaurant direkt

wenige Monate nach der Eröffnung im letzten

Jahr von den Inspektoren des renommierten Gourmetführers

Guide MICHELIN durch die Aufnahme

in die diesjährige deutsche Ausgabe verliehen. Damit

gehört Fehlings Restaurant zu den aktuell zehn

mit drei Sternen ausgezeichneten Adressen

Deutschlands. Insgesamt listet der aktuelle Hotel-

und Gastronomieführer 3359 Hotels und 2303

Restaurants, darunter 290 Restaurants mit MICHE-

LIN-Sternen.

Kevin Fehling begann 1994 seine beispiellose

Karriere mit einer Kochausbildung in Delmenhorst

und trat nach mehreren Stationen in verschiedenen

Küchen als Küchenchef im La Belle

Epoque im Columbia Hotel Casino Travemünde

an, wo er 2008 für seine Arbeit von den Testern

des Guide MICHELIN mit dem ersten Stern belohnt

wurde.

Es sei schon immer sein Ziel gewesen, mindestens

einen MICHELIN-Stern zu erkochen. „Davor

war der Druck sehr hoch, denn ich hatte richtig

herausposaunt, dass ich dieses Ziel erreichen will“,

erklärt Fehling in einem Interview mit dem Hamburger

Abendblatt. Als sich für das La Belle Epoque

die Aussicht auf einen zweiten Stern bestätigte,

habe er seinem Team zu verstehen gegeben:

„Wenn wir das schaffen, schaffen wir auch einen

dritten. Dann ist der zweite Stern nur eine Etappe.“

Schließlich erhielt La Belle Epoque 2011 den

zweiten und 2013 den dritten MICHELIN-Stern.

Jüngster Sternekoch darf sich derzeit Philipp

Stein nennen. Er ist der Küchenchef im Gourmet-

Restaurant des Favorite Parkhotels in Mainz ist.

Stein – mit gerade einmal 24 Jahren – und sein

Team erhielten 2014 erstmals einen Stern sowie

16 von 20 möglichen Punkten im Gault&Millau,

einem weiteren wichtigen Restaurant- und Hotelführer

in der Gastronomie-Szene.

Nach den Auszeichnungen kam ihm seine Situation

zunächst ein wenig irreal vor, da er zu diesem

Zeitpunkt bereits erreicht hatte, was

eigentlich erst für die nächsten Jahre geplant war.

Es werde nicht leicht sein, dieses Niveau zu halten,

erklärte Stein der Allgemeinen Zeitung. Hier sei

der Druck in der Branche sehr groß. Daher will er

zunächst auf keinen zweiten Stern hinarbeiten,

sondern vorrangig den Verdienst für all diese Ehrungen

in seinem Handwerk immer wieder aufs

Neue beweisen – mit Erfolg: das Restaurant des

Bild: Pixabay

Favorite Parkhotels ist in der diesjährigen Ausgabe

des Guide MICHELIN wieder unter den Einsternerestaurants

gelistet.

Völlig andere Schlüsse zieht dagegen der Koch

Marcel Schiefer aus der zeitintensiven Arbeit in

der Gourmetwelt: Er schloss sein Einsternerestaurant

Schorn in Düsseldorf-Unterbilk zum

Ende des letzten Jahres.

Es sei kein leichter Entschluss gewesen, betont

Schiefer, doch er wolle mehr Zeit mit seiner Frau

und seinem zweieinhalbjährigen Sohn verbringen.

Diesen habe er am Tag teilweise gar nicht zu

Gesicht bekommen. „Dafür habe ich kein Kind in

die Welt gesetzt und eine Familie gegründet“, sagte

der Gastronom gegenüber der Allgemeinen

Hotel- und Gastronomie-Zeitung. Er erklärte zudem,

dass die Schließung des Lokals nicht auf

wirtschaftliche Gründe zurückzuführen sei. In

Zukunft möchte sich der Spitzenkoch auf sein

zweites Restaurant Zum Bruderhaus mit gutbürgerlicher

Küche in Düsseldorf-Hamm und andere

Projekte konzentrieren. „Da kann ich mir die Zeit

besser einteilen“, sagt er.

Und Wahl-Hamburger Kevin Fehling? Was

wünscht er sich für seine Zukunft? Hat er noch

Ziele? „Für mich persönlich habe ich noch nicht

alles erreicht“, sagt der 38-jährige Koch. Er habe

die Absicht, sich weiterhin Tag für Tag zu verbessern.

„Mein Ziel ist die Perfektion auf dem Teller

nach dem Motto ‚Immer hungrig bleiben‘.“ Dort

lägen schließlich die Sterne.

Letzten Endes hat die Sterne-Empfehlung im

Guide MICHELIN für jeden Koch ihre ganz eigene

Bedeutung: Ob kreative Freiheit, gesteigerte Aufmerksamkeit

und neue Gäste oder Schulden,

endlose Arbeitstage und Leistungsdruck – sie kann

in einigen Fällen einem Fluch nahekommen, in

anderen wiederum reich an Segen sein. Und doch

verbindet alle Köche der Wunsch, mit Qualität

und Geschmack zu überzeugen. Denn was ist ein

Stern noch wert, wenn es den Gästen nicht mehr

schmeckt?


1/2016 KULTUR & GESELLSCHAFT

31

I Have A Dream

VON OPHELIA SCHLEGEL UND MIRIAM THOME

Claus, 28

„Ich träume davon,

fliegen zu können.“

Melissa, 22 und Jasmin, 20

„Unser größter Traum ist es, für

ein Jahr nach Australien reisen.“

Dominik, 28

„Mein größter Traum wäre es,

selbst zu fliegen, als Pilot in

irgendeiner Form.“

Michael, 27

„Ich träume von einem

riesigen Lottogewinn.“

Albert, 27

„Ich wünsche mir

fliegen zu können

wie ein Vogel!“

Konrad, 87

„Ich wünsche mir noch

viele Feste mit meiner Familie.“

Jürgen, 52

„Ich möchte mit dem Wohnmobil durch

Nordeuropa touren.“

Anne, 28

„Ich wünsche mir einen

Lottogewinn und Gesundheit.“

Micheal, 61

„In meinen Träumen ist es

möglich, die zurzeit so unruhige

und unfriedliche Welt zu einer

friedlicheren und besseren zu

machen.“

Deborah, 28

„Mein größter Traum

ist eine Reise auf die

niederländischen

Antillen.“

Angelika, 53

„Ich möchte mich von Ort zu Ort beamen

können, um ganz schnell bei den Menschen, die weiter weg

wohnen, sein zu können.“

Lara, 20

„Ich möchte gerne für einen Tag

Gedanken lesen können.“

Miriam, 22

„Mein größter Traum ist es, den

Wandschrank mit dem Zugang nach

Narnia oder einer anderen phantastischen

Welt zu finden.“

Alexandra, 28

„Ich möchte gerne einmal

eine Weltreise machen und

wie eine richtige Ballerina auf

Spitzenschuhen tanzen.“

Emily, 8

„Mein größter Traum ist ein eigenes

Pony, mit dem ich dann ausreiten

kann.“

Lukas, 5

„Ich möchte am liebsten jeden Tag

Schokoladeneis essen.“

Bärbel, 57

„Mein größter Traum wäre einmal, ein Jahr in der Südsee zu

leben und die verschiedenen Inseln, wie Gesellschaftsinseln,

Samoa, Fidschi-Inseln, Osterinsel und Hawaii-Inseln zu

besuchen, um dort Sonne, Meer und weißen Strand zu

genießen und viel Zeit zum Lesen und Relaxen zu haben.“

Luise, 23 und Vivien, 22

„Unser Traum ist es, in Island zu tauchen.

Dort, wo man die nordamerikanische

und die eurasischen Kontinentalplatte

gleichzeitig anfassen kann.“

Jonathan, 19

„Ich träume davon, einmal auswärts in

Barcelona beim Europacup meine Mannschaft zu

supporten.“ (Wenn der Alltag dich gefangen hat, dein

Leben läuft nur noch im Minutentakt. Dieser Traum

der dich am Leben hält, einmal Europacup reisen

um die ganze Welt.)

Wolfgang, 51

„Ich träume davon, dass wir auf

wissenschaftlicher Basis endlich beweisen

können, dass es auch außerhalb der

Erde noch Intelligenz gibt. Vielleicht

sogar mit außerirdischer Intelligenz

auf irgendeine Weise Kontakt aufnehmen

können. Mich würde dann interessieren, wie

Politiker, Religionsführer und die ganze

Menschheit darauf reagieren würden.“

Ingeborg, 63

„Mein größter Traum ist, ein drei monatiger

Aufenthalt auf den griechischen Inseln

zum Wandern, Reisen, Einheimische

kennenlernen und das Meer zu erleben.“

Maria, 49

„Mein größter Traum ist, dass sich die

Menschheit wegen Religionen nicht

mehr bekriegt!“

Nadine, 18

„Mein größter Traum ist eine Weltreise.“

Ophelia, 25

„Ich würde gerne eine

Zeitreise ins Viktorianische

England unternehmen, um dort

Jane Austen zu treffen.“

Florian, 27

„Mein größter Traum ist

es, nochmals Neuseeland zu

erkunden.“

Armin, 27

„Mein größter Traum ist eine lange

Weltreise, mit dem Besuch aller

Kontinente.“

Grafik: Daniela Bez


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