Pierrot_Kern_dt_v8 ohneÜBERZTZERIN (2)

bernest

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... wie Pierrot das Lächeln lernte

Text und Illustration :

Marie Malherbe

Bernest

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Es war einmal in Venedig ...

Menschenleer war die Straße, leergefegt durch Wind und Kälte,

als das Spielzeuggeschäft seine Pforten schloss.

Eine alte Straßenlaterne beschien die Spielsachen

und zeichnete bizarre Schatten auf Puppen und Hexen.

Mitten im Schaufenster leuchtete eine Maske von Pierrot.

Er schien etwas auf dem Herzen zu haben

und machte eine traurige Miene .

Selbst die Nacht schien nicht so schwarz und hoffnungslos

wie Pierrots tiefer Kummer.

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Pierrot, es ist Zeit schlafen zu gehen !“

rief der Ladenbesitzer ärgerlich.

„Komm schon Pierrot, langsam habe ich aber genug :

Könntest du nicht endlich

deine Schwermut ablegen ?

Wegen deiner Trauermiene laufen alle Kinder weg ;

Hör doch auf zu weinen, mein Lieber –

oder muss ich dich in den Keller sperren ?“

und er löschte das Licht aus.

Aber Pierrot antwortete kein Wort mehr

und versank in einem Tränenmeer.

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In der Dunkelheit, die ihn jetzt umhüllte,

vermochte er allmählich tausende silberne Sterne zu sehen,

die den Abendhimmel wie Perlen bedeckten ...

dann, nur einen kurzen Augenblick später,

tauchte der Mond ganz langsam aus der Lagune empor.

„Ah, da bist du ja !“ seufzte Pierrot,

„ob du mich wohl trösten könntest,

mein Kaufmann schimpft so sehr !

Er wirft mir mein trauriges Gesicht vor,

aber dies ist doch nicht meine

sondern die Schuld des Puppenmachers,

der mich auf diese Weise gemalt hat,

dazu verurteilt, immer zu weinen ...“

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Es ist wirklich nicht angenehm

immer melancholisch sein zu müssen ...

Gestern Abend beobachtete ich ein Kind,

das viel Spass hatte, indem es tausend Grimassen

im Spiegelbild des Schaufensters schnitt !

Ich wollte schallend lachen,

aber ich war dazu nicht imstande.

Mit meiner Träne im Auge

bin ich ständig von Kummer gezeichnet :

aber dafür kann ich nichts ...

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Ich kann nur sagen,

dass ich mit meiner Trauermiene

keine anderen Freunde habe

als dich und die Nacht.

Sogar meine süße Colombine,

während ich hier weine ...,

verlässt mich wegen der Abzählreime

eines bunten Harlekins.

Ah, dieser Halunke von Harlekin !

Er kann leicht scherzen

mit seiner bunten Mütze

und seinen goldenen Wangen !

Er möchte meine Colombine

... als seine Harlekine !“

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Pierrot, Pierrot,

zerbrich dir nicht so den Kopf !“

lächelte der Mond liebevoll.

„Du bist so schön, ganz in weiß !

Und anmutig,

wie eine Silberfeder ...

Wenn du in so düsterer Stimmung bist,

mit wem sollte ich dann

in der Nacht spielen,

wenn mir langweilig ist ?

Ich möchte nicht, dass du dich

wegen deiner kleinen Träne kränkst.

Weißt du denn nicht,

dass man auch weinen kann ...

aus Freude ?

Du müsstest nur lächeln

oder sogar lachen ...

mit den Augen !

Diese runde Träne wird dann

in einem glücklichen Gesicht

ganz bezaubernd wirken ...“.

„Wirklich ?“

flüsterte nach einem kurzen Moment

ein erstaunter Pierrot

mit großen, aufgerissenen Augen.

„Dies wäre so wunderbar ...“

dachte er voll Freude –

„aus lauter Glück zu weinen !“.

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Also begann er leichten Herzens

ein träumerisches Lied zu singen.

Der Mond begleitete ihn dabei,

mit dem Chor der Nachtvögel

und dem Nebelorchester.

Sie spielten und lachten so viel,

dass sie nicht mehr bemerkten,

wie die Zeit verging ...

Der Mond war zwar sehr müde,

aber auch so vergnügt,

dass er darüber vergessen hatte,

sich schlafen zu legen !

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Der blasse Mond irrte noch immer

auf dem heller werdenden Himmel umher,

während bereits die Morgenröte am Horizont erschien.

Die Stadt erwachte ;

man hörte die Glocken läuten

und die morgendlichen Grüße der Passanten ;

man roch den Duft von frischer Brioche

in den Kaffeehäusern.

„Mond, Mond, mein lieber Freund !

Bevor du einschläfst,

gönne dir doch im Vorbeiziehen

diese köstliche Kuchen !“

„Danke Pierrot, aber ich kann nicht,

denn, unter uns gesagt,

mir bekommen nur Mond-Kipferl ...“

Dann verblasste er langsam

in einem immer blauer erstrahlenden Himmel.

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Ganz verträumt kehrte Pierrot

auf sein kleines Regal zurück

zwischen die Feen und die Hexen ...

... Dann, zu seiner Verblüffung,

erlebte er

eine wunderbare Überraschung :

Während die anderen Spielsachen

noch schliefen

spendete ihm Colombine

in ihrem weißen Hemdchen

sanften Beifall.

An diesem Tag drängten sich

alle Kinder des Viertels

vor dem Geschäft,

um die beiden zu bewundern :

mit ihren Augen lachenden Liebenden,

ganz in weiß und überglücklich,

im schönsten aller Schaufenster :

Pierrot und seine Colombine

„Danke

für dieses wunderbare Konzert :

das ist mein schönster Geburtstag !“

sagte sie, schmiegte sich an ihn

und umarmte ihn liebevoll.

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Text und Illustration : Marie Malherbe

Alle Rechte vorbehalten

© 2015 Editions Bernest · Wien

bernest@bernest.at

www.bernest.at

ISBN 978-3-902984-03-6

Gesamtherstellung: E. Becvar, Wien

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