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Leseprobe_100161

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Reisgen ∙ Stein<br />

Grundlagen<br />

der Fügetechnik<br />

Schweißen, Löten und Kleben


Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek<br />

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen<br />

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über<br />

htttp://dnb.dnb.de abrufbar.<br />

Fachbuchreihe Schweißtechnik<br />

Band 161<br />

ISBN 978-3-945023-49-5<br />

Alle Rechte vorbehalten.<br />

© DVS Media GmbH, Düsseldorf · 2016<br />

Herstellung: Kraft Druck GmbH, Ettlingen


Vorwort<br />

In fast jeder industriellen oder handwerklichen Produktion stellt das Zusammenfügen<br />

von Einzelteilen den entscheidenden Schritt zur Herstellung von Unterbaugruppen,<br />

Baugruppen und fertigen Produkten dar. Neben kraft- und formschlüssigen<br />

Fügeverfahren kommen hier aufgrund ihrer spezifischen Vorteile<br />

sowohl auf technologischem als auch auf wirtschaftlichem Gebiet häufig stoffschlüssige<br />

Fügeverfahren wie das Schweißen, Kleben oder Löten zur<br />

Anwendung. Möglichkeiten, Grenzen und notwendige Randbedingungen der zur<br />

Verfügung stehenden Verfahren, die Wechselwirkungen der verwendeten<br />

Werkstoffe mit den Prozessen und deren Auswirkungen auf das Bauteil, aber<br />

auch die Fertigungsaspekte wie die Mechanisierung und Automatisierung der<br />

Produktionsabläufe sowie auch der Arbeitsschutz sind schon in der Konzept- und<br />

Konstruktionsphase zu berücksichtigen. Auch die Qualitätssicherung dieser<br />

vergleichsweise komplexen Prozesse sollte möglichst früh bedacht werden.<br />

Die nach dem Berufsabschluss zu absolvierende Ausbildung zu Schweiß-, Lötoder<br />

auch Klebfachleuten, welche sowohl auf der Ingenieursebene als auch<br />

im Technikerbereich angeboten wird, generiert und qualifiziert Spezialisten,<br />

die dann hauptsächlich in der Fertigung beschäftigt werden. In allen anderen<br />

Bereichen werden meist Generalisten oder spezialisierte Konstrukteure, Arbeitsplaner<br />

oder Qualitätssicherer eingesetzt. Die Erfahrung der Autoren lehrt, dass<br />

gerade bei diesen Berufsgruppen die grundlegenden Kenntnisse rund um das<br />

stoffschlüssige Fügen oft nicht ausreichend sind.<br />

Konsequenterweise wendet sich dieses Fachbuch an Ingenieure und Techniker<br />

mit Aufgaben in Konstruktion, Arbeitsplanung, Fertigung oder Qualitätssicherung<br />

aus Industrie und Handwerk in Unternehmen jeglicher Größe, denen es als<br />

Einstieg in das Thema „Fügetechnik“ dienen soll. Aber auch den Studenten der<br />

Ingenieurwissenschaften soll es zur Vertiefung des Vorlesungsstoffs dienen.<br />

Neben dem Schweißen werden auch die verwandten Verfahren Löten und<br />

Kleben als Exkurs berücksichtigt. Der Leser soll so in die Lage versetzt werden,<br />

technologisch und wirtschaftlich geeignete Fügeprozesse auszuwählen und sein<br />

Produkt im Fertigungsumfeld möglichst fügegerecht zu gestalten.<br />

Den Autoren ist es wichtig, das Spannungsfeld aus Fertigung, Werkstoff, konstruktiver<br />

Ausgestaltung, Qualitätssicherung und wirtschaftlichen Randbedingungen<br />

zu beleuchten. Das Fachbuch folgt in seinem Aufbau diesem<br />

Gedanken und stellt neben den Fügeverfahren und deren technologischen und<br />

wirtschaftlichen Möglichkeiten sowie Grenzen auch die Einbindung in Fertigungsabläufe,<br />

Qualitätssicherung und den Arbeitsschutz dar. Dem Werkstoffverhalten<br />

beim Fügen ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Daraus abgeleitet werden<br />

grundlegende Regeln zur konstruktiven Gestaltung behandelt. Aus Gründen der<br />

Übersichtlichkeit und des einfacheren Verständnisses wird dabei in vielen Fällen<br />

auf eine hohe Detailtiefe verzichtet und stattdessen auf weiterführende Literatur<br />

und Normung verwiesen.


Das Fachbuch entstand unter Mithilfe von Mitarbeitern des Institutes für Schweißtechnik<br />

und Fügetechnik der RWTH Aachen. Die Autoren bedanken sich hier<br />

insbesondere bei Herrn Dipl.-Ing. Jens Schoene für die Erstellung des Kapitels<br />

„Kleben“ und bei allen anderen Kollegen für die kritische Durchsicht des Textes.<br />

Aachen, im Februar 2016<br />

Uwe Reisgen und Lars Stein


1 Einführung<br />

Produktion, das heißt die Be- und Verarbeitung von Rohstoffen und Halbzeugen<br />

zu nutzbaren Produkten, ist fast so alt wie die Menschheit selber. Faustkeile als<br />

sehr frühe bekannte Werkzeuge sind schon bei den Frühmenschen nachgewiesen<br />

und stellen sowohl ein bearbeitetes Produkt wie auch ein Werkzeug, z. B. für<br />

die Gewinnung und Herstellung von Nahrung, dar.<br />

Diese monolithischen ersten „Produkte“ kamen noch ohne Fügetechnik aus.<br />

Doch schon die Weiterentwicklung dieser noch sehr primitiven Werkzeuge zu<br />

effektiveren Waffen oder Bearbeitungswerkzeugen (zum Beispiel durch Montage<br />

einer Steinklinge auf einen hölzernen Schaft zur Herstellung eines Beiles als<br />

Werkzeug zur Holzbearbeitung) machte die Entwicklung von Fügeverfahren notwendig.<br />

Bei der im September 1991 in den Ötztaler Alpen aufgefundenen und<br />

später als „Ötzi“ bekannt gewordenen Mumie eines aus der beginnenden Kupferzeit<br />

stammenden Menschen fanden sich neben der erhaltenen und durchaus<br />

recht komplex gearbeiteten Bekleidung auch zahlreiche Ausrüstungsgegenstände<br />

und Waffen, Abbildung 1. Hervorzuheben ist das Beil, bei dem eine gegossene<br />

und durch kaltes Hämmern hergestellte Klinge aus reinem Kupfer mit Birkenholzteer<br />

in eine sorgfältig bearbeitete Schäftung aus Holz eingeklebt und die Fügestelle<br />

durch Umwickeln mit schmalen Lederstreifen verstärkt wurde. Dieselbe<br />

Technik fand sich auch bei den in einem aus Gamsfell genähten Köcher gefundenen<br />

Pfeilen [1].<br />

Abbildung 1. Beil und Pfeile aus der beginnenden Kupferzeit<br />

(© Südtiroler Archäologiemuseum – www.iceman.it).<br />

Ein anderes Beispiel aus der Antike stellt das rund 2500 vor Christus in Sumer<br />

entdeckte Feuerschweißen von Gold dar [2], welches es den Metallhandwerkern<br />

ermöglichte, dauerhaft gefügte Produkte aus mehreren Einzelteilen zu fertigen.<br />

Funde aus vielen frühen Kulturen belegen die Verwendung von Feuerschweißund<br />

Lötprozessen, meist zur Fertigung von Schmuck und Kultgegenständen.<br />

1


Mitte bis Ende des 18. Jahrhunderts wird von den ersten Nachweisen der Autogentechnik<br />

und auch den ersten elektrischen Schweißverfahren berichtet. Meilensteine<br />

auf dem Weg zur modernen Schweißtechnik waren sicherlich auch die<br />

Erfindung des Luftzerlegeverfahrens durch Carl von Linde 1902 sowie 1905 der<br />

Acetylen-Sauerstoff-Brenner von Messer. Bereits 1906 wurden die ersten Punktschweißmaschinen<br />

von AEG an die Blechwarenindustrie ausgeliefert. 1907/1908<br />

erhielt Kjellberg Patente für umhüllte Stabelektroden, die später dem Schweißen<br />

mit der Stabelektrode zum Durchbruch verhelfen sollten. Frühe Varianten des<br />

Lichtbogenschweißens mit abschmelzender Elektrode finden sich ab 1922, die<br />

dann später zum Metall-Schutzgasschweißen (1926) und Unterpulverschweißen<br />

(etwa 1934) weiterentwickelt wurden. Parallel dazu wurden viele Entwicklungen<br />

angestoßen, die schlussendlich zu der Vielzahl von Schweißverfahren geführt<br />

haben, die heute für die handwerkliche und industrielle Fertigung zur Verfügung<br />

stehen.<br />

Bei der Produktion eines modernen Kraftfahrzeuges werden heute in allen Bereichen<br />

(Antrieb, Karosserie, Fahrwerk, Elektrik und Elektronik, Innenausstattung,<br />

usw.) Fügeprozesse eingesetzt. Unter Berücksichtigung der jeweiligen Funktion,<br />

der eingesetzten Werkstoffe sowie der geforderten mechanisch-technologischen<br />

Eigenschaften der Verbindung wird eine Vielzahl von Einzelteilen zu Unterbaugruppen<br />

zusammengesetzt, aus denen Baugruppen entstehen, die dann nach<br />

weiteren Fügeprozessen das verkaufsfertige Fahrzeug ergeben, Abbildung 2.<br />

2<br />

Abbildung 2. Multimaterialmix an einer PKW-Leichtbaukarosserie [3].


Ohne Fügeprozesse ist damals wie heute handwerkliche und industrielle Produktion<br />

von Gütern undenkbar. DIN 8580 [4] ordnet das Fügen daher in eine eigene<br />

Hauptgruppe ein, Tabelle 1, deren Zweck es ist, die Form der Werkstücke durch<br />

das Vermehren des Zusammenhaltes (dem Verbinden) zu verändern.<br />

Tabelle 1. Systematik der Produktionsverfahren nach DIN 8580, Tabelle 1 [4].<br />

Schaffen der<br />

Form<br />

Zusammenhalt<br />

schaffen<br />

Hauptgruppe 1<br />

Urformen<br />

Zusammenhalt<br />

beibehalten<br />

Hauptgruppe 2<br />

Umformen<br />

Ändern der Form<br />

Zusammenhalt<br />

vermindern<br />

Hauptgruppe 3<br />

Trennen<br />

Zusammenhalt vermehren<br />

Hauptgruppe<br />

4 gruppe 5<br />

Haupt-<br />

Fügen Beschichten<br />

Ändern der<br />

Stoffeigenschaften<br />

Hauptgruppe 6<br />

Stoffeigenschaft<br />

ändern<br />

1.1 Systematik des Fügens<br />

Nach DIN 8593 bezeichnet der Begriff „Fügen“ das auf Dauer angelegte Verbinden<br />

oder sonstige Zusammenbringen von zwei oder mehr Werkstücken geometrisch<br />

bestimmter Form oder von ebensolchen Werkstücken mit formlosem Stoff.<br />

Dabei wird jeweils der Zusammenhalt örtlich geschaffen und im Ganzen vermehrt<br />

[5]. Die Verbindung kann dabei beweglich oder unbeweglich sein, die für den<br />

Zusammenhalt notwendigen Kräfte werden über die Wirkflächen übertragen.<br />

Systematisch wird nach lösbaren Verbindungen (welche ohne Beschädigung der<br />

gefügten Teile wieder gelöst werden können [5]) und unlösbaren Verbindungen<br />

(welche nur unter Inkaufnahme einer Beschädigung oder Zerstörung der gefügten<br />

Teile wieder gelöst werden können [5]) unterschieden.<br />

Abbildung 3. Grundsätzliche Möglichkeiten des Zusammenhaltes.<br />

Zur Übertragung der für den Zusammenhalt notwendigen Kräfte kann weiterhin<br />

nach drei grundsätzlichen Mechanismen unterschieden werden, Abbildung 3.<br />

– Formschluss überträgt die Verbindungskräfte durch Verhindern einer senkrecht<br />

zur Wirkebene gerichteten Bewegung. Formschlüssige Verbindungen können<br />

lösbar oder unlösbar sein und je nach Konstruktion auch noch lineare oder<br />

3


otatorische Bewegungen in einer oder mehreren Raumachsen zulassen. Beispiele<br />

sind Nut-Passfeder-Verbindungen, Abbildung 4, oder Schwalbenschwanzverbindungen.<br />

Abbildung 4. Formschluss – Passfeder<br />

in einer Welle-Nabe-Verbindung.<br />

Abbildung 5. Kraftschluss – Welle-Nabe-<br />

Schrumpfverbindung, Montage durch<br />

Kühlung der Welle (Quelle: IES GmbH,<br />

Krefeld).<br />

– Kraftschluss nutzt die Reibung zur Übertragung der Verbindungskräfte. Dies<br />

setzt eine senkrecht auf die Wirkebene gerichtete Kraft voraus, die, über den<br />

Haftreibungskoeffizienten verknüpft, die zusammenhaltende Kraft hervorruft.<br />

Die Verbindungen können sowohl lösbar wie auch unlösbar ausgeführt sein,<br />

und sind in der Regel nicht beweglich. Beispiele sind Schrumpf- und Pressverbindungen,<br />

Abbildung 5, auch geklemmte Verbindungen beruhen auf Kraftschluss.<br />

4<br />

Abbildung 6. Stoffschluss – Mehrlagenschweißung mit dem Unterpulververfahren.


– Stoffschluss überträgt die Verbindungskräfte auf atomarer oder molekularer<br />

Ebene. Die Verbindungen sind immer unbeweglich und in der Regel unlösbar.<br />

Beispiele sind Schweißverbindungen, Abbildung 6, Klebverbindungen oder<br />

auch Lötungen.<br />

Daneben existieren auch Verbindungsverfahren, die mehrere dieser Mechanismen<br />

kombinieren:<br />

Abbildung 7 zeigt eine Klemmbefestigung auf einer Werkzeugmaschine. Die Bewegung<br />

des Werkstückes auf dem Maschinentisch wird durch Kraftschluss verhindert,<br />

die dazu notwendige Kraft senkrecht zur Wirkebene wird durch die<br />

Schraube mittels Vorspannung und Formschluss durch Schraubenkopf und Nutenstein<br />

aufgebracht. Die axiale Verschiebung der Mutter wird durch Formschluss<br />

verhindert, das selbstständige Zurückdrehen der Mutter auf dem Gewinde verhindert<br />

die Reibung, hier herrscht Kraftschluss. Ebenfalls durch Formschluss<br />

fixiert ist der Nutenstein in der T-Nut.<br />

Abbildung 7. Kombination von Fügemechanismen Formschluss und Kraftschluss.<br />

Die Hauptgruppe „Fügen“ wird ihrem Wirkprinzip nach weiter in Untergruppen<br />

geteilt, von denen im Rahmen dieses Buches die Gruppen 4.6 „Fügen durch<br />

Schweißen“ und 4.7 „Fügen durch Löten“ sowie als Exkurs 4.8 „Fügen durch<br />

Kleben“ und 4.5 „Fügen durch Umformen“ behandelt werden sollen, Abbildung 8.<br />

5


Abbildung 8. Untergliederung der Hauptgruppe 4 „Fügen“ nach DIN 8580 [4].<br />

Zur vereinfachten internationalen Kommunikation definiert DIN EN ISO 4063 [6]<br />

zusätzlich ein System von Ordnungsnummern, über das die vom Konstrukteur<br />

vorgesehenen Schweißprozesse ohne Sprachbarrieren angegeben werden können.<br />

So steht 141 beispielsweise für das Wolfram-Inertgasschweißen mit Massivdraht<br />

oder -stabzusatz.<br />

1.2 Fügen im Spannungsfeld von Konstruktion, Werkstoff und<br />

Wirtschaftlichkeit<br />

Die Auswahl eines für eine spezifische Aufgabe geeigneten Fügeverfahrens<br />

muss aus verschiedenen Blickwinkeln heraus angegangen werden, Abbildung 9.<br />

6


Abbildung 9. Einflussfaktoren auf die Auswahl eines Fügeverfahrens.<br />

● Die Konstruktion des Bauteiles realisiert zunächst einmal die Funktion des späteren<br />

Produktes und definiert die Anforderungen an den Werkstoff und an die<br />

Verbindung selber. Gleichzeitig definiert sie sowohl die Randbedingungen (die<br />

Zugänglichkeiten zur Verbindungsstelle, die Wärmeableitbedingungen genauso<br />

wie den verfügbaren Platz für notwendige Spann- und Fixiermittel), unter denen<br />

die Verbindung hergestellt werden muss, als auch die Betriebsbedingungen<br />

(Spannungszustände und -niveaus, Temperaturen und Beanspruchungen),<br />

unter denen sie funktionieren muss. Die konstruktive Auslegung bestimmt<br />

somit die Fügesicherheit sowohl im Hinblick auf eine sichere Herstellung als<br />

auch im Hinblick auf sicheren Betrieb der Verbindung beim Gebrauch des fertigen<br />

Produktes.<br />

● Das ausgewählte Verfahren muss unter den vorgegebenen Randbedingungen<br />

die Herstellung der Verbindung ermöglichen und gleichzeitig für den (die) zu<br />

fügenden Werkstoff(e) geeignet sein.<br />

● Der (die) Werkstoffe dagegen müssen sowohl die mechanisch-technologischen<br />

Anforderungen der Konstruktion erfüllen als auch für die Verarbeitung mit dem<br />

entsprechenden Fügeverfahren geeignet sein.<br />

7


Die sorgfältige Abstimmung von Fügesicherheit, Fügeeignung und Fügemöglichkeit<br />

bestimmt definitionsgemäß die Fügbarkeit. Die Darstellung auf der Grundfläche<br />

des Tetraeders soll die gegenseitigen Abhängigkeiten verdeutlichen, Abbildung<br />

9. Dies sind zum Beispiel:<br />

● Die Funktion des Bauteiles bestimmt im Groben seine geometrische Form, dies<br />

bestimmt zusammen mit den Betriebskräften die von der Verbindung zu übertragenden<br />

Kräfte und Spannungszustände, welche zusammen mit den sonstigen<br />

Betriebsbedingungen die Anforderungen an den Werkstoff festlegt. Die<br />

Geometrie des Werkstückes legt auch die Anforderungen an das Fügeverfahren<br />

fest.<br />

● Das Fügeverfahren setzt geometrische Randbedingungen für seine Anwendungen<br />

und schränkt damit die Freiheiten der Konstruktion ein. Gute Zugänglichkeiten<br />

zur Verbindungsstelle lassen sowohl dem Menschen wie auch dem<br />

Automaten mehr Freiheitsgerade bei der Herstellung der Verbindung und haben<br />

letztendlich auch Einfluss auf die Prozesssicherheit und Qualität. Fügeverfahren<br />

sind nicht universell für alle Werkstoffe einsetzbar, da sie in ihrer Anwendung<br />

sowohl von den Werkstoffeigenschaften abhängen als auch diese unter<br />

Umständen negativ verändern können. Sie schränken daher die verfügbare<br />

Werkstoffpallette ein.<br />

● Der Werkstoff setzt zur Einstellung oder zum Erhalt seiner spezifischen Eigenschaften<br />

Randbedingungen voraus (zum Beispiel hinsichtlich der Wärmeführung),<br />

die über die Bauteilgeometrie und das Schweißverfahren eingestellt<br />

werden müssen.<br />

Ausreichende Fügbarkeit, welche oft erst in einem iterativen Prozess herbeigeführt<br />

werden kann, beschreibt in der Folge die Schnittmenge der Möglichkeiten<br />

von Fügesicherheit, Fügeeignung und Fügemöglichkeit und wird häufig für eine<br />

bestimmte Fügeaufgabe zu mehr als einer technischen Lösung führen. Diese rein<br />

technologischen Betrachtungen sind noch zum Finden der optimalen Lösung<br />

zusätzlich einer wirtschaftlichen Betrachtung zu unterziehen. Dabei gehen unter<br />

anderem ein:<br />

● Stückzahlen:<br />

Die geplanten Stückzahlen, in denen das Produkt gefertigt werden soll, bestimmen<br />

im Wesentlichen den Anteil, den die Fixkosten zum Gestehungspreis<br />

einer Produkteinheit beitragen. Hohe Stückzahlen rechtfertigen hohe Investitionen<br />

in Anlagen, Geräte und Vorrichtungen, wenn sich diese durch Reduzierung<br />

der variablen Kosten (bestehend aus den auf eine Verkaufseinheit bezogenen<br />

Material- und Bearbeitungskosten) soweit amortisieren, damit sich insgesamt<br />

ein wirtschaftlicher Vorteil ergibt.<br />

Kleine Stückzahlen (oder gar Einzelanfertigungen) dagegen bieten kaum Potential<br />

zur Amortisierung hoher Investitionen und sind daher oft preiswerter<br />

durch Einsatz universell nutzbarer Anlagen und hohen Personalaufwand herzustellen.<br />

8


● Anlagen- und Gerätekosten:<br />

Die Auswahl eines Verfahrens für eine Fügeaufgabe bestimmt, welche Anlagen,<br />

Geräte und Vorrichtungen für diese benötigt werden. Bei der Auswahl des<br />

Verfahrens sind hier neben rein technologischen Aspekten auch Aspekte wie<br />

die Verfügbarkeit im Unternehmen (können vorhandene Anlagen und Geräte,<br />

mit denen bereits Erfahrungen vorliegen, genutzt werden? Haben diese freie<br />

Kapazitäten?), die Notwendigkeit einer Neuinvestition oder die eventuelle<br />

Fremdvergabe zu berücksichtigen. Bei den variablen Kosten geht vor allem die<br />

Fertigungszeit in die Kalkulation ein.<br />

● Kosten der Fügeteile:<br />

Die Kosten für die Fügeteile setzen sich aus den Materialkosten und dem Aufwand<br />

zu deren Fertigung zusammen. Der notwendige Fertigungsaufwand der<br />

Einzelteile hängt wiederum vom eingesetzten Verfahren und dem gewählten<br />

Mechanisierungsgrad ab (Als Faustregel kann festgehalten werden: je wirtschaftlicher<br />

das Verfahren und je höher der Mechanisierungsgrad, umso genauer<br />

müssen die Einzelteile gefertigt und positioniert werden und/oder umso<br />

mehr teurer Vorrichtungs- oder Sensorik-/Überwachungsaufwand muss zur Sicherstellung<br />

eines ausreichenden Ergebnisses betrieben werden). Dabei kann<br />

es in der betriebswirtschaftlichen Analyse durchaus Sinn machen, wenn beispielsweise<br />

durch Verwendung von teurerem Vormaterial Bearbeitungsschritte<br />

vereinfacht oder gar eingespart werden (z. B. durch Verwendung von Normprofilen<br />

statt selbst geschweißter Profile aus Blechen) oder die Nutzung hochfester<br />

statt allgemeiner Baustähle, die dann höhere Schweißkosten verursachen<br />

und einer anschließenden Wärmebehandlung bedürfen, um ähnliche Festigkeiten<br />

zu erreichen.<br />

● Personalkosten:<br />

Die Personalkosten hängen wesentlich von der benötigten Qualifikation, aber<br />

auch vom benötigten Zeitaufwand ab. Außer durch die Auswahl des Fügeverfahrens<br />

werden sie vor allem durch die Zugänglichkeit zur Verbindung und den<br />

Mechanisierungsgrad beeinflusst.<br />

● Prüfkosten:<br />

Der Prüfaufwand hängt außer von den Vorgaben durch Gesetzgeber oder<br />

Kunde in starkem Maße von der Fehlerwahrscheinlichkeit und damit der Prozesssicherheit<br />

des jeweiligen Prozessschrittes ab. Dies lässt sich durch Verfahrensauswahl,<br />

die Qualifikation des Personals, die Genauigkeit der Teilevorbereitung<br />

und der Vorrichtungen, die Zugänglichkeit zur Verbindungsstelle bei<br />

der Herstellung und nicht zuletzt auch von der einfachen Anwendbarkeit des<br />

Prüfverfahrens beeinflussen.<br />

Mögliche Lösungen sind also durch die betriebswirtschaftliche Analyse des gesamten<br />

Fertigungsablaufes zu bewerten. Die optimale Fügelösung (oder der beste<br />

Kompromiss) ist dann diejenige, mit der das zu fertigende Produkt am Ende<br />

mit den geforderten Eigenschaften zum günstigsten Preis hergestellt werden<br />

kann, Abbildung 10.<br />

9


Abbildung 10. Einflussfaktoren auf die Kosten einer Verbindung.<br />

1.3 Auswahl von Fügeverfahren<br />

Fügen ist ein komplexer Prozess, in dem eine Vielzahl ineinander greifender Faktoren<br />

sowohl die technische Qualität als auch den wirtschaftlichen Erfolg des so<br />

hergestellten Produktes ausmachen, Abbildung 11. Erst die sorgfältige Abstimmung<br />

aller Einflussfaktoren aufeinander sowie Funktion und Design des Bauteiles<br />

ergeben ein Produkt, das kostengünstig, prozesssicher und in guter Qualität<br />

gefertigt werden kann.<br />

Die systematische Auswahl eines Fügeverfahrens beginnt deshalb idealerweise<br />

bereits in einem sehr frühen Stadium des Konstruktionsprozesses zu einem Zeitpunkt,<br />

ab dem in einem groben Konzept Materialien, Blechdicken und auch die<br />

mechanisch-technologischen Anforderungen an die jeweilige Verbindung bekannt<br />

sind. Anhand dieser Kriterien werden anhand der Vielzahl möglicher Fügeprozesse<br />

diejenigen vorausgewählt, mit denen die Fügeaufgabe grundsätzlich<br />

erledigt werden kann.<br />

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