03/2016

Elternsein

Fritz + Fränzi

Fr. 7.50 3/März 2016

Sexualkunde

Aufklärung in Zeiten von

Internet und Pornografie

Hochsensible Kinder

Wie sie fühlen, was sie

so besonders macht

Inklusion

Kinder mit und ohne Handicap in der

gleichen Klasse – wie geht das?


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Editorial

Bild: Geri Born

Nik Niethammer

Chefredaktor

Liebe Leserin, lieber Leser

Neulich erzählte mir eine Primarlehrerin, sie bringe im Herbst vier Schüler ins

Gymi. Bemerkenswert sei das, weil sie in ihrer Klasse 17 Jugendliche mit

Migrationshintergrund unterrichte. Ob das anstrengend sei, wollte ich wissen.

Nun, richtig anstrengend sei der Schweizer Junge mit ADHS, der sich selbst

den Mund zuklebe, damit er im Unterricht nicht störe, sagte die Lehrerin. Aber

die wahre Herausforderung sei das Mädchen mit Downsyndrom. Ihm gerecht

zu werden, bringe sie oft zur Verzweiflung. «Das Mädchen ist auf dem Stand

einer Fünfjährigen, möchte, dass man ihm den ‹Schellen-Ursli› vorliest, während

ich mit der Klasse englische Vokabeln übe.» Trotzdem liebe sie ihre Schüler,

jeden einzelnen. «Ich würde sofort wieder Lehrerin werden», sagte sie.

Ich erzähle Ihnen dieses beeindruckende Beispiel von gelebter Inklusion –

also dem gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Handicap –,

weil wir uns in der Redaktion seit Wochen mit diesem Thema beschäftigen.

Welche Erfahrungen machen Lehrpersonen und Eltern in inklusiven Schulen?

Wie kann die Integration von behinderten Menschen in die Regelschule gelingen?

Und wo liegen die Grenzen?

«Es ist normal,

verschieden zu sein.»

Richard von Weizsäcker

deutscher Politiker (1920–2015)

Tauchen Sie ein in die Welt der 13-jährigen Sophie, ein Mädchen mit Down -

syndrom, das in Basel die Sekundarschule besucht. Sophies Welt – ab Seite 10.

***

Immer wenn Herr Müller den schwarzen Knopf drückte, wussten wir: Es gibt

Nacktes zu sehen. Herr Müller war unser Zeichenlehrer. Und dazu bestimmt,

uns Sekschüler aufzuklären. Immer freitags drückte Herr Müller den schwarzen

Knopf. Sekunden später schossen die Rollläden im Zeichenunterrichtszimmer

mit Getöse herunter, und Herr Müller warf den

Diaprojektor an. Was wir zu sehen bekamen, war faszinierend wie

verstörend zugleich: Bilder von Herrn und Frau Müller, füdliblutt

am Strand, splitterfasernackt auf der Blumenwiese. Während uns

Herr Müller auf die offensichtlichen Unterschiede zwischen einer

männlichen und einer weiblichen Brust hinwies, starrten wir angestrengt nach

vorn, um uns jedes noch so kleine anatomische Detail einzuprägen. Später,

wenn Herr Müller – angezogen, versteht sich – perspektivisches Zeichnen

referierte, hatten wir immer etwas Mühe, uns zu konzentrieren.

Das war vor über 40 Jahren. Heute, im Zeitalter von Internet und allzeit verfügbarer

Pornografie, geht Sexualkunde anders: Schulen holen sich Hilfe von

aussen, junge Medizinstudenten reden mit den Schülern über Selbstbefriedigung,

Orgasmus und Analsex – Lehrpersonen haben keinen Zutritt. «Das ist

gut so», sagt ein Lehrer in der Reportage meiner Kollegin Bianca Fritz. «Ich

bin über 60 und zucke noch jedes Mal zusammen, wenn ein Schüler ‹geil›

sagt.» Wenn Schwengel und Mumu Liebe machen – ab Seite 44.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre. Gefällt Ihnen ein Thema? Was

können wir besser machen? Schreiben Sie mir. Ich freue mich, von Ihnen

zu lesen.

Herzlichst, Ihr Nik Niethammer

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 20163


Fr. 7.50 3/März 2016

Inhalt

Ausgabe 3 / März 2016

Viele nützliche Informationen finden Sie auch auf

fritzundfraenzi.ch und

facebook.com/fritzundfraenzi.

Augmented Reality

Überall, wo Sie dieses Zeichen sehen, erhalten Sie digitalen

Mehrwert im Heft. Hinter dem ar-Logo verbergen sich Videos

und Zusatzinformationen zu den Artikeln.

Psychologie & Gesellschaft

38 Von Helikoptereltern und Tigermüttern

Eltern wollen für ihr Kind stets nur das Beste.

Doch das ist manchmal nicht das Richtige.

Wenn Eltern zu viel wollen – und Kinder

daran zerbrechen.

62 Hochsensible Kinder verstehen

Sie sind zurückhaltend, ängstlich und

kontaktscheu und werden dafür oft

verunglimpft: die hochsensiblen Kinder. Erst

beim näheren Hinschauen erkennt man ihr

grosses Potenzial. Plus: Testen Sie Ihr Kind.

10

Dossier: Inklusion

Bild: Christian Aeberhard / 13 Photo

10 Sophies Welt

Kinder mit einer Behinderung haben in der

Schweiz Anrecht auf Unterricht in einer

Regelklasse. Eine grosse Herausforderung.

22 «Ich will dranbleiben»

Wie die dreizehnjährige Sophie mit

Downsyndrom den Alltag in der Regelschule

meistert.

26 «Der Lehrer sollte auch hinter dem

schwächsten Kind stehen»

Der Pädagoge Dieter Rütimann im Interview.

29 Inklusion in Zahlen, Bildern und Fakten

Wie viele Kinder mit Behinderung gibt es

in der Schweiz?

Sexualkunde

Aufklärung in Zeiten von

Internet und Pornografie

Hochsensible Kinder

Wie sie fühlen, was sie

so besonders macht

Inklusion

Kinder mit und ohne Handicap in der

gleichen Klasse – wie geht das?

Cover

Einen ganzen Tag lang

haben wir die 13-jährige

Sophie aus Basel in der

Schule begleiten dürfen.

Das Coverbild hat sie

selbst ausgewählt.

Bilder: Christian Aeberhard / 13 Photo, Hans Schürmann / 13 Photo, Simon Habegger / 13 Photo, Alamy Stockphoto

4


32

44

62

Frau Eser Davolio, was treibt junge

Menschen in die Arme des Jihadismus?

Wenn Medizinstudenten Teenies aufklären.

Eine Reportage.

Ist Ihr Sohn oder Ihre Tochter ein

hochsensibles Kind? Ein Test.

Erziehung & Schule

44 Sexualkundeunterricht in der Schule

Wie klärt man Jugendliche auf, die im

Netz schon alles erfahren haben, was

sie wissen sollten? Manche Schulen

gehen da neue Wege.

52 ADHS-Serie, Teil 6

Immer mehr Kinder mit ADHS nehmen

Ritalin, liest man. Wie vertrauenswürdig

sind die Zahlen? Und wie sinnvoll ist die

Medikalisierung bei ADHS?

56 Kinder machen lassen!

Das eigene Taschengeld zu verwalten,

müssen Kinder erst lernen. Wie Eltern

entspannt bleiben, wenn die Kids ihr

ganzes Geld verprassen.

Ernährung & Gesundheit

66 Alternativmedizin Akupunktur

Welche Risiken bestehen – und worauf

man achten muss.

68 Allergien und Unverträglichkeiten

Mehr als 20 Prozent der Schweizer

Bevölkerung leidet unter Allergien.

Warum? Und was ist der Unterschied

zu einer Unverträglichkeit?

Digital & Medial

70 Lesen und lesen lassen

Drittliebste Medientätigkeit bei

Kindern zwischen 6 und 12 ist ein

Buch lesen – digitale Konkurrenz

hin oder her.

74 Ana und Mia

Wie digitale Medien den Essstörungen

eine neue Dynamik verleihen.

75 Mixed Media

Rubriken

03 Editorial

06 Entdecken

32 Monatsinterview

Extremismusforscherin Miryam Eser

Davolio weiss, warum Jugendliche sich

von IS-Propaganda angezogen fühlen.

40 Jesper Juul

Familientherapeut Jesper Juul erklärt,

warum Kinder es mögen, wenn ihre

Eltern besonders authentisch sind.

42 Abgedruckt

Was wird aus Eltern, wenn das Kind

in die Pubertät kommt?

50 Fabian Grolimund

Wie Eltern die Ängste ihrer Kinder

unbewusst verstärken.

57 Mikael Krogerus

«Das rechnet sich (nicht)!»

58 Stiftung Elternsein

Ellen Ringier über humanistische Werte

und eigenständiges Denken.

60 Leserbriefe

82 Eine Frage – drei Meinungen

Manchmal mögen Eltern ein Kind mehr

als das andere. Soll man das für sich

behalten?

Service

39 Verlosung

59 1001 Adressen

78 Unser Wochenende …

… in Arosa.

80 Impressum

81 Buchtipps

Die nächste Ausgabe erscheint

am 6. April 2016.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 20165


Entdecken

Kind 1 zu mir: «Warum räumst du nur die eine Zimmerecke auf?

Skypen wir gleich mit deiner Mutter?»

Bloggerin Patricia Cammerata auf Twitter

Die Krux der Väter

mit Kind und Karriere

Die Debatte um Vereinbarkeit und Beruf dürfte mit der neuen

Untersuchung unter der Leitung der Erziehungswissenschaftlerin

Margrit Stamm neu befeuert werden. Im Zentrum stehen nämlich

die Väter. Das Team um Margrit Stamm hat errechnet, dass die

sogenannt neuen Väter über 88 Stunden pro Woche direkt oder

indirekt für Frau, Kind und Beruf im Einsatz sind. Sie übernehmen

einen steigenden Betreuungsanteil, sind für den Grossteil des Familieneinkommens

verantwortlich und versuchen dem herrschenden

Bild des modernen Vaters zu entsprechen, der alles können muss:

Karriere machen, Windeln wechseln und das Klo putzen. Genau

diese Vorstellung nun kritisiert Stamm. Sie sei mit der realen

Arbeitswelt wenig kompatibel. Mehr Präsenz sei nicht immer besser

für die Entwicklung der Kinder, wichtiger sei die Qualität der Fürsorge

bei Anwesenheit. Auch sei die Mutter nicht von Natur aus die

bessere Erzieherin. Probleme der Vereinbarkeit von Familie und

Beruf beträfen auch Väter; diese hätten zusehends ähnliche Konflikte

wie die Frauen. Möchte ein Elternpaar die Lasten in Haus und

Büro besser untereinander verteilen, müsse die Mutter ihr «Revierverhalten»

aufgeben.

Das Dossier «Väter – wer sie sind, was sie tun und wie sie wirken»

ist auf www.margritstamm.ch als Download verfügbar.

Die geheimnisvolle Fotografin

Vivian Maier (1926–2009) gehört zu den geheimnisumwitterten

amerikanischen Fotografinnen des

20. Jahrhunderts. Dies, obwohl sie zeitlebens

niemandem ihre auf über 150 000 geschätzten

Aufnahmen gezeigt hatte. Maier arbeitete als

Kinderfrau und Haushaltsangestellte. Daneben

fotografierte sie auf den Strassen von New York und

Chicago, oft begleitet von den Kindern, die sie

betreute. Eine Auswahl in der Zürcher Photobastei

zeigt nun ihr Werk. Ein eigens für Kinder kuratierter

und entsprechend auf Augenhöhe installierter

Ausstellungsteil soll besonders Familien zu einem

Besuch inspirieren.

Vivian Maier – Taking the Long Way Home.

Photobastei, Sihlquai 125, Zürich, bis

3. April 2016. Infos: www. photobastei.ch

Henri Dunant für den

Schulunterricht

Das Schweizerische Rote Kreuz ist seit

dem 1. März mit einem grossen

Schulportal online. Es bietet für die

Sekundarschule I und II nicht nur

pfannenfertiges Unterrichtsmaterial,

sondern auch interaktive Reisen und

Geschichten, eine Zeitmaschine

sowie verschiedene Ideen für den

Projekt unterricht. Ziel ist, die

Schülerinnen und Schüler für

humanitäre Werte zu sensibilisieren.

So gibt es unter anderem Materialien

zum internationalen Völkerrecht

oder eine Reise durch Raum und Zeit

bis ins Jahr 2066.

Mehr Infos: schulen.redcross.ch

Bild: iStockphoto, Vivian Maier/Maloof Collection

6 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


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Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

* Insofern die Franchise erreicht wurde und unter

Berück sichtigung des Selbstbehaltes von 10%, gemäss

März 20167

Allgemeinen Vertragsbedingungen der Krankenkasse.


Entdecken

«Papa, schnaufst du bitte leiser beim Joggen? Und könntest du nicht mal eine

andere Strecke laufen? Durch den Wald statt durch den Park, dann lachen nur die Rehe!»

Kolumnistin Katja Schnitzler in der «Süddeutschen Zeitung» über ihre pubertierende Tochter

3 FRAGEN

an Hannah Frösch,

klinische Kinder- und

Jugendpsychologin

Und plötzlich haben wir eine

kleine Schwester

Geschwisterbeziehungen sind die längsten unseres Lebens, und

oft auch die schwierigsten, sagen Geschwisterforscher. Der neue

Film «Unsere kleine Schwester» des japanischen Regisseurs

Hirokazu Kore-eda («Like father, like son») erzählt von drei bereits

erwachsenen Schwestern, die am Begräbnis ihres

Vaters ihre erst 13-jährige Halbschwester kennenlernen

und sie bei sich aufnehmen. Ein berührender

Film, der die Frage nach Familienbanden stellt – und

ob der Tod solche Bindungen womöglich fördert.

Ab 3. März in den Schweizer Kinos

«Den Kindern die Schuldgefühle nehmen»

Die Trennung oder Scheidung der Eltern ist für Kinder eine grosse

seelische Belastung und verunsichert die Kinder emotional sehr stark.

Deshalb bietet das Psychotherapeutische Zentrum der Universität Zürich

Gruppenkurse für betroffene Kinder an.

Frau Frösch, an welche Kinder richtet sich Ihr Kurs?

Alle Kinder zwischen 8 und 12 Jahren aus dem Kanton Zürich, deren Eltern

getrennt oder geschieden sind. Die Gruppengrösse variiert zwischen 3

und 8 Kindern. Der Kurs beinhaltet ein Vorgespräch und ein Nachgespräch

sowie 10 Nachmittage à 1,5 Stunden. Er kostet 200 Franken.

Was ist das Ziel des Kurses?

Die Kinder werden darin unterstützt, mit der Scheidungssituation

umzugehen. Denn Kinder meinen ja oft, sie seien Schuld an der Trennung

ihrer Eltern. Die eigenen Ressourcen der Kinder sollen gestärkt werden,

sie sollen lernen, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und auszudrücken,

ihre Rolle und Position im Scheidungsgeschehen zu definieren.

Warum eine Gruppentherapie?

Kinder erfahren da unmittelbar, dass sie mit ihren Problemen und

Gefühlen nicht alleine sind und es anderen Kindern ähnlich geht wie ihnen.

Das ist sehr entlastend und verbindend. Der Austausch mit Gleichaltrigen

in vergleichbaren Situationen fördert den Bewältigungsprozess und trägt

zur Entstigmatisierung und Normalisierung der Scheidungssituation bei.

Der nächste Kursblock beginnt am 16. März und dauert bis 8. Juni 2016.

Für den Herbst ist ein weiterer Block geplant. Mehr Informationen über die

Scheidungsgruppen beim Sekretariat: Loretta Koch, Tel. 044 634 52 54

oder loretta.koch@psychologie.uzh.ch. Weitere Infos auf

www.psychologie.uzh.ch/de/scheidungsgruppe

Jedes Kind ein kleiner Künstler

Malen, Zeichnen, Gestalten und Experimentieren: Das und vieles

mehr ist für Kinder im offenen Kunstlabor des Kunstmuseums

St. Gallen nun möglich. An jedem ersten Sonntag im Monat von

10 bis 14 Uhr gehören die frisch renovierten Räumlichkeiten des

Kirchhoferhauses den kleinen Museumsgästen. Im Zentrum steht

jedes Mal eine neue Aufgabe, passend zu den wechselnden

Ausstellungen am Kunstmuseum. Kosten: 5 Franken zusätzlich

zum Museumseintritt.

Bilder: ZVG, www.trigon-film.org, Kunstmuseum St. Gallen

8 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


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Dossier

Sophies Welt

Jedes Kind mit einer Behinderung oder Lernstörung hat in der Schweiz

grundsätzlich Anspruch auf Unterricht in einer Regelschule. Auch die

13-jährige Sophie. Wie gelingt Inklusion? Und warum profitieren alle vom

gemeinsamen Unterricht? Text: Bianca Fritz Bilder: Christian Aeberhard / 13 Photo

10 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Dossier

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 201611


Dossier

Wenn Sophie in

die Schule

kommt, kümmern

sich

gleich mehrere

Betreuungspersonen um sie. Da ist

natürlich die Lehrperson, der sie

Fragen stellen kann. Zusätzlich sitzt

aber meist auch ein Heilpädagoge

oder eine Heilpädagogin neben

Sophie. Er oder sie erinnert sie daran,

bei der Sache zu bleiben, oder

erklärt ihr Sachen noch einmal, die

sie nicht verstanden hat (siehe

Reportage S. 22). Diese spezielle

Betreuung steht Sophie zu. Sie hat

einen ausgewiesenen «besonderen

Bildungsbedarf». Weil Sophie ein

Downsyndrom hat, fällt es ihr

schwerer als den meisten anderen

Schülerinnen und Schülern, Inhalte

zu verstehen und sich über längere

Zeit zu konzentrieren .

In integrativen Schulklassen werden

Schüler mit bestimmten «funktionellen

Störungen» gemeinsam

mit normalbegabten Regelschülern

unterrichtet. Das sind beispielsweise

Kinder mit einer Behinderung, mit

einer Lernschwäche, einem niedrigen

IQ, mit Autismus, ADHS oder

einer Verhaltensstörung. Bis vor

einigen Jahren wurden diese Schüler

in der Schweiz vor allem in Sonderschulen

oder in speziellen Kleinklassen

in der Regelschule unterrichtet.

Während Sonderschulen weiterbestehen,

sind die Kleinklassen inzwischen

in fast allen Kantonen abgeschafft

worden. Das ist ein Schritt

weg vom separierten hin zu einem

integrierten Schulmodell.

Ein Grund dafür sind die rechtlichen

Bestimmungen in der Schweiz.

Zwar können Eltern noch keinen

Platz in einer Regelschule einklagen,

aber mehrere Gesetzestexte belegen,

dass der Integration, wann immer

möglich, Vorrang zu geben ist.

Seit 2004 sind die Kantone durch

das Behindertengleichstellungsgesetz

verpflichtet, die Integration von

Schülern mit «besonderem Bildungsbedarf»

zu fördern. Auch die

Volksschulgesetze der Kantone, die

jeweils vom Stimmvolk verabschiedet

wurden, sehen Integration vor.

Im vergangenen Mai ratifizierte

die Schweiz als 144. von 193 UNO-

Staaten die Behindertenrechtskonvention.

Diese besagt, dass Behinderte

einen gleichberechtigten

Zugang zu einem inklusiven hochwertigen

Schulsystem haben müssen.

Das Lernen soll gemeinsam

erfolgen, wenn auch zum Teil mit

unterschiedlichen Lernzielen. Wie

gut die UN-Konvention bisher

umgesetzt wurde, soll dieses Jahr

untersucht werden. «Die Beweislast

hat sich umgekehrt», fasst Professor

Peter Lienhard von der Interkantonalen

Hochschule für Heilpädagogik

Zürich die Lage in der Schweiz

zusammen. «Haben früher die

Eltern nachweisen müssen, dass ihr

Kind für den Unterricht in einer

Regelschule in Frage kommt, so

muss heute die Schule nachweisen,

dass dies nicht möglich ist.»

Die Vielfalt als Stärke

Hinter der UN-Konvention steht die

Ideologie der Inklusion: Demnach

sollen nicht mehr die Kinder dahingehend

geprüft werden, ob sie für

das normierte Schulsystem geeignet

sind, sondern es sind die

Inklusion heisst: Nicht das Kind

muss sich der Schule anpassen,

sondern die Schule den

Bedürfnissen der Kinder. >>>

12 März 2016


«Hast du das

verstanden, Sophie?»

Heilpädagogin Elena

Jennrich begleitet die

Schülerin.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 201613


Dossier

>>> Schulen, die sich auf die Vielfalt

der Kinder einstellen müssen.

Inklusion sieht alle Schüler als Wesen

mit eigenen Lernbedürfnissen und

Stärken an. Der Schüler mit Einschränkung

sticht nicht mehr heraus,

er hat lediglich ein anderes Stärkenprofil.

Inklusion geht damit einen

ganzen Schritt weiter als Integration.

Bei der Integration ist noch klar festgelegt

– meist durch die Diagnose

einer Funktionsstörung –, wer die

Norm ist und wer der zu Integrierende.

Für die Inklusion ist also ein

anderes Denken nötig, das Vielfalt

als Stärke, nicht als Problem ansieht.

Nur ändert sich ein Schulsystem,

ja eine ganze Gesellschaft nicht von

heute auf morgen. Daher wird in der

Schweizer Schulpraxis heutzutage

hauptsächlich die Integration geübt

– sozusagen als Vorstufe für die

Inklusion. Das heisst, Kinder mit

einer bestimmten Diagnose vom

schulpsychologischen Dienst erhalten

Massnahmen, die ihren Nachteil

ausgleichen sollen. Zum Beispiel

technische Hilfsmittel, Förderstunden,

leichtere Aufgabenstellungen,

die Möglichkeit, eine Prüfung

mündlich abzulegen, oder eben die

Unterstützung durch einen Heiloder

Sonderpädagogen. In den

meisten Kantonen haben alle Klassen

Anspruch auf einen Grundstock

an heilpädagogischer Betreuung –

und dieser wird grösser, je mehr

Integrationskinder die jeweilige

Klasse besuchen.

Weg vom Stigma Kleinklasse

Inzwischen gibt es zahlreiche Studien,

die zeigen, dass die Lernfortschritte

bei den lern- und leistungs-

14 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Dossier

Beim Deutschtest

hat Sophie dieselben

Fragen wie die

Schüler auf A-Niveau.

schwachen Kindern in integrativen

Klassen grösser sind als in separativen

Settings. Das ist aber nicht der

einzige Grund, warum es heute in

den meisten Kantonen keine Kleinklassen

mehr gibt. Es hat auch mit

dem mit ihnen verbundenen Stigma

zu tun. Urs Haeberlin, ehemaliger

Direktor des Heilpädagogischen In ­

stituts der Universität Freiburg und

Leiter vieler Integrations-Forschungsprojekte,

hat beobachtet,

dass in den Kleinklassen seit 1990

immer weniger Schweizer Kinder

geschult wurden. Sie wurden vielerorts

zum Auffangbecken für Kinder

aus bildungsfernen Migrantenhaushalten

sowie Schüler mit Verhaltensproblemen

und Kinder aus schwierigen

Familienverhältnissen.

Daraus entstanden auch die Probleme,

mit denen viele Kinder nach

dem Schulabschluss zu kämpfen

hatten. Eine Schweizer Längsschnittstudie

aus dem Jahr 2011

zeigte: Viele schwache Schüler besuchen

nach dem Schulabschluss Brückenangebote.

Im zweiten und im

dritten Jahr nach dem Abschluss

finden allerdings viel mehr schwache

Schüler aus integrativen Regelklassen

einen Zugang zu einer Ausbildung.

Die Schüler aus den

Kleinklassen bleiben hingegen häufiger

auf der Strecke – ihr Ruf in den

Ausbildungsbetrieben ist schlecht.

Immer mehr Sonderschüler?

Was aber passiert mit schwierigen

Schülern ohne Diagnose? Wohin

kommen sie, wenn Kleinklassen aufgelöst

werden? Die Medien berichteten

vergangenen Herbst von einer

«explosionsartigen Steigerung der

Zahl von Sonderschülern» – es seien

so viele wie nie zuvor. Die Vermutung

wurde aufgestellt, dass einfach

besonders viel diagnostiziert werde,

damit Schulen mehr Mittel und Personal

erhalten würden.

Beat Zemp, Präsident des Dachverbands

der Schweizer Lehrerinnen

und Lehrer (LCH), relativierte

in einem Interview mit dem Inter­

Lern- und leistungsschwache

Kinder machen in Regelklassen

grössere Fortschritte.

netportal «Watson», die Zahlen liessen

sich nicht ohne Weiteres vergleichen:

«Dadurch, dass diese

Kleinklassen abgeschafft worden

sind und die meisten der betroffenen

Schüler in die Regelklassen integriert

wurden, steigt in der Statistik

automatisch die Zahl der sogenannten

integrierten Sonderschüler.»

Ausserdem gebe es erst seit 2014 ein

standardisiertes und kantonsübergreifendes

Abklärungsverfahren des

Schweizerischen Erziehungsdepartements.

Darin werden Kriterien

festgelegt, die zeigen, wer ein Sonderschüler

ist und welche Massnahmen

sinnvoll sind.

Prinzipiell gelte heute aber das

«Bildungsprinzip», nicht mehr das

«Versicherungsprinzip», das noch

vor dem Rückzug der IV aus der

Finanzierung der Sonderschulpädagogik

gegolten habe, so Peter Lienhard.

Das bedeutet: «Es wird ge ­

schaut, was das Kind braucht, damit

es sein Bildungsziel erreichen kann.

Nicht mehr so sehr, welche Störung

es hat.» Und da kommen wieder die

leistungsschwachen Kinder ohne

klar diagnostizierte Behinderung ins

Spiel. Auch einige von ihnen brauchen

Hilfe, um ihr Potenzial entfalten

zu können.

Ein Beispiel aus der Praxis: In der

4i der Sekundarschule Leonhard in

Basel haben die Heilpädagogen im

Schulalltag auch ein Auge auf die

schwachen oder verhaltensauffälligen

Schüler, die kein medizinisches

oder psychologisches Zeugnis mitbringen.

Zum Beispiel auf ein Mädchen

aus Japan, das erst vor wenigen

Wochen in die Schweiz gezogen ist.

Es scheint normal begabt zu sein,

spricht aber nur Englisch. Oder auf

ein Mädchen mit Migrations­ >>>

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 201615


Dossier

>>> hintergrund, das sehr unsicher

ist und sich nicht traut, Fehler

zu machen. Auch ihnen wenden sich

die Heilpädagogen zu und verfassen

zusammen mit ihnen persönliche

Lernziele und Förderpläne. Das

Mädchen aus Japan erhält zudem

Förderstunden in «Deutsch als

Zweitsprache».

Dass die Heilpädagogen nicht

nur für die Schüler mit Integrationsstatus

wie Sophie da sind, sondern

auch für diese Fälle Zeit haben, liegt

laut Peter Lienhard daran, dass die

Lehrpersonen und Heilpädagogen

der Sek Leonhard die Klassen und

Fächer intelligent zusammenführen

und damit auch ihre eigenen Ressourcen

bündeln. «Das ist sehr clever

– genau so muss man es eigentlich

machen, damit Integration

funktioniert», so Lienhard. Denn

eines ist klar: Integration fordert

Sprachunterricht, individuelle

Förderpläne, grössere Schrift –

die Hilfsmittel sind vielfältig.

nicht nur von den Heilpädagogen,

sondern auch von den Lehrpersonen

und Eltern viel.

«Bei vielen herrscht Unsicherheit

– die Inklusion ist ein Angstthema»,

sagt Bettina Ledergerber, Kommunikationsverantwortliche

von Pro

Infirmis. Die Fachorganisation berät

vor allem Eltern von Kindern mit

Behinderung, aber auch Lehrpersonen

und Behörden. Sie übernimmt

eine Übersetzerrolle für das Fachchinesisch

und hilft beim Einfordern

von Ansprüchen. Ledergerber be ­

zeichnet das Schweizer Schulsystem

als «im Umbruch». Die Vision der

Inklusion, die Vielfalt der Menschen

als Stärke zu sehen, sei ein hoher

Anspruch. Und die Umsetzung sei

zudem der ständigen Beobachtung

der Medien ausgeliefert.

Fehlende Ausbildung, knappe Mittel

Und die Medien finden immer wieder

Lehrpersonen, die darüber klagen,

dass ein normaler Unterricht

mit so unterschiedlichen Schülern

kaum möglich sei. Vielen Lehrern

fehlt die entsprechende Ausbildung

im Umgang mit Integrations­ >>>

«Mia half mir, meine

Scheu zu verlieren»

Eine Lehrerin berichtet von

ihrer Arbeit in einer integrativen

Klasse. Text: Ursi Steiner

Vor vier Jahren erhielt ich von einer ehemaligen

Schülerin einen Brief. Mia* hatte

sich an der ETH Zürich als Studentin für

Architektur eingeschrieben und bedankte

sich schriftlich bei all den Menschen, die

sie während ihrer Schulzeit unterstützt

hatten. Das beiliegende Foto zeigte eine

junge Frau im Elektro-Rollstuhl, lachend,

mit Beatmungsgerät, sichtlich stolz und

zufrieden.

Mia kam mit einer spinalen Muskelatrophie

zur Welt. Ich lernte Mia vor 18

Jahren kennen. Blitzgescheit, witzig,

eine ganz normale Sechsjährige im

Elektro-Rollstuhl. Damit Mia überhaupt

in mein Klassenzimmer gelangen konnte,

brauchte es nicht nur einen Treppenlift,

sondern die Zustimmung der Stadt für

dieses unübliche Schulmodell. Da Mia

nur die Finger und die Gesichtsmuskeln

bewegen konnte, besuchte auch immer

eine Betreuungsperson von Pro Infirmis

den Unterricht und unterstützte Mia –

nicht im Denken, sondern lediglich im

Ausführen von Tätigkeiten. Bereits damals

arbeitete Mia mit einem speziellen Computer.

Für die anderen Kinder der Klasse

war Mia eine Mitschülerin, die einfach

nicht gut sprechen und nicht laufen

konnte. Und der Umstand des «Nichtlaufen-Könnens»

öffnete den Mitschülerinnen

und Mitschülern die Augen für eine

barrierefreie Umwelt: «Da gehen wir nicht

hin, da kommt Mia ja nie durch.»

Nicht nur die Zusammenarbeit mit Pro

Infirmis war für mich entlastend, sondern

auch das Engagement der Eltern erlaubte

es mir, immer mehr loszulassen und unverkrampft

und ohne die Angst, etwas falsch

16 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Sauber die Folie von

den Gummiecken

lösen: Textiles

Werken ist Sophies

Lieblingsfach.

zu machen, einfach Neues auszuprobieren.

Improvisationstalent war nicht nur bei der

Schulreise gefragt, sondern tagtäglich,

wenn es darum ging, etwas so zu gestalten,

dass Mia auch mitmachen konnte, denn sie

wollte alles, sie liess sich nicht behindern.

Ich habe viel gelernt von Mia. Einerseits

für mich persönlich, indem ich meine

Scheu vor Menschen mit Handicap verloren

habe, und andererseits für meine

Arbeit als Lehrerin. Ich habe später wieder

Kinder mit besonderen Bedürfnissen mitunterrichtet.

Mal ein Kind mit Trisomie 21,

mal ein gehörloses Mädchen mit geistiger

Behinderung. Mein Arbeitsaufwand mag

zwar jeweils grösser ausgefallen sein, aber

bemerkenswert ist doch die Tatsache, dass

in diesen jeweiligen Klassenverbänden ein

ganz anderes soziales Miteinander und

ein respektvollerer Umgang miteinander

spürbar waren.

«Es ist normal, verschieden zu sein.»

Dieses Zitat von Richard von Weizsäcker

beschreibt, was mir wichtig ist. Die Schule

ist das Entwicklungsfeld der Gesellschaft

und der Ort, an dem aktives Miteinander,

gegenseitige Rücksichtnahme und interessiertes

Aufeinander-Eingehen passieren

und gelernt werden. Alle Kinder haben

das Recht, dabei mitzumachen. Klar, es

braucht dazu gute Rahmenbedingungen

(finanziell und strukturell) und fachliche

Begleitung der Lehrpersonen: Schulsysteme,

die Heterogenität als Chance

für alle nutzen. Die wichtigsten Erfolgsfaktoren

für Inklusion aber sind und bleiben

unsere ganz persönlichen Haltungen und

Werte, als Mensch und als Gesellschaft.

* Name von der Redaktion geändert

Ursi Steiner

ist Primarschullehrerin, Kommunikationsexpertin

und Autorin. Sie ist Mutter von zweierwachsenen

Kindern und lebt in Hünenberg See ZG.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 201617


Dossier

18 März 2016


Dossier

Die Vorurteile von Eltern sind

oft sehr gross – bis sie

Inklusion selbst erlebt haben.

An der

Nähmaschine

fühlt sich Sophie

besonders wohl.

>>> schülern. Erst seit einigen

Jahren gehören Module für Integration

und Sonderpädagogik zur Lehrerausbildung

an den Pädagogischen

Hochschulen. Gerade ältere Lehrkräfte

aber müssen nachschulen –

wenn denn Geld und Zeit dafür da

sind. Als der «Tages-Anzeiger» vergangenen

Herbst überforderte Lehrer

in einem Artikel zu Wort kommen

liess, verneinten dann auch 73,6

Prozent der Online-Leser die Frage:

«Gehören Sonderschüler in die

Regelklasse?».

Es sind besonders die Eltern der

normalbegabten Regelschüler, die

befürchten, dass Kinder in der Entwicklung

gebremst werden, wenn

schwache Schüler und Sonderschüler

in derselben Klasse unterrichtet

werden. Urs Strasser zeigt in der

«Schweizerischen Zeitschrift für

Heilpädagogik» die Wirkung von

integrativen Settings auf Regelschüler

auf: Sie entwickelten bessere

soziale Kompetenzen, würden nicht

gebremst und machten sogar, entgegen

den Befürchtungen, besonders

grosse Fortschritte.

In Deutschland hat die Bertelsmann-Stiftung

im Jahr 2015 Eltern

befragt und zeigte auf: Sie geben

inklusiven Schulen durch die Bank

weg gute Noten (siehe Box S. 20).

Auch Heilpädagoge Martin Gürtler

von der Sek Leonhard ist überzeugt,

dass gerade die stärkeren Kinder

vom integrativen System profitieren,

weil sie zum einen die Vielfalt der

Gesellschaft wirklich erfahren würden,

zum anderen aber auch eine

intensivere Betreuung genössen.

Wenn Integration beziehungsweise

das Fernziel Inklusion also

Vorteile für alle bringt – warum

stos sen sie dann so oft auf Wider-

stand? «Die Schulen haben zum Teil

zu wenig Ressourcen, die Politiker

haben oft Panik vor dieser komplexen

Thematik, und für die Eltern

ist der Schulerfolg ihres Kindes so

zentral, dass sie sich nicht auf Experimente

einlassen wollen», fasst

Lienhard zusammen. Gerade der

Widerstand der Eltern aber löse sich

häufig auf, wenn sie den Schritt erst

einmal wagten. Auch das zeigte die

Studie der Bertelsmann-Stiftung:

Wer Erfahrung mit Inklusions- und

Integrationsklassen gemacht hat,

beurteilt sie viel positiver.

Integration um jeden Preis?

Trotzdem sei eine Integration beziehungsweise

Inklusion «nicht nur

nicht mehrheitsfähig, sondern auch

nicht immer sinnvoll», betont Lienhard.

Wichtig ist, den Einzelfall zu

prüfen. Das stark autistische Kind

zum Beispiel, welches in grossen

Gruppen in Panik gerät, ist in einer

Sonderschule mit kleinen Gruppen,

1-zu-1-Betreuung und Psychiatern

wohl besser aufgehoben als in einer

Regelschule. Und es gibt Schülerinnen

und Schüler, deren Verhaltensstörung

den Unterricht für alle anderen

unmöglich macht. Auch kann es

vorkommen, dass Schüler mit einer

starken Hör- oder Sehbehinderung

in der Regelschule Strategien entwickeln,

damit niemand merkt, dass

sie nichts verstehen.

Aber: «Es hängt nicht nur vom

Kind ab, ob Integration gelingt»,

betont Lienhard. Er werde oft gefragt,

bei welchen Behinderungen Integration

sinnvoll sei, und antworte dann

mit einem Mindmap. Dieses zeigt:

Der Schüler ist nur ein Puzzleteil.

Damit Integration und Inklusion an

Schulen gelingen, müssen Eltern,

Lehrpersonen, Schulleitung und

-behörde zusammenspielen, Räume

und Hilfsmittel müssen gegeben sein

und Beratung und Ausbildung von

aussen hinzukommen. «Wenn zum

Beispiel die Eltern aller anderen

Schüler dagegen sind, dass ein Kind

mit Behinderung in die Klasse >>>

19


Dossier

>>> kommt, wird es dieses Kind

sehr schwer haben», sagt Lienhard.

Inklusion bedeutet nicht zwangsläufig,

dass alles gemeinsam gemacht

und mit denselben Massstäben

gemessen wird. So bekommen die

Sonderschüler in integrativen Settings

nur dann Noten, wenn ihre

Leistung wirklich mit der der Regelschüler

vergleichbar ist. Im Zeugnisbericht

stehen dann ihre individuellen

Lernziele – zum Beispiel

«Addieren im Zehnerraum» – und

eine Beschreibung, wie gut diese

erreicht wurden.

Es ist auch nirgends festgelegt,

dass die Schüler stets in einem Raum

unterrichtet werden müssen. Wenn

zum Beispiel Sophie und die anderen

Kinder mit Integrationsstatus

der 4i an der Sek Leonhard ein Referat

vorbereiten sollen, gehen die

Heilpädagogen mit ihnen in den

Heilpädagogikraum. Hier dürfen sie

auch mal laut werden, hier kann die

Aufgabe wieder und wieder erklärt

werden, ohne dass man die anderen

Schüler stört. Das Ergebnis wird

dann wieder vor der ganzen Klasse

vorgetragen.

Ausserdem lässt der Stundenplan

der 4i genug Raum für den

persönlichen Wochenplan der

Schülerinnen und Schüler – und da

kann es passieren, dass eine Schülerin

am Rechenschieber 5 und 7

zusammenzählt, während ihre Mitschülerin

am Nebentisch die Entfernung

von zwei Städten anhand

einer Landkarte berechnet.

Für Christian Liesen, Professor

an der Interkantonalen Hochschule

für Heilpädagogik, geht es bei

Inklusion darum, «sich vorzustellen,

wie Bildungs- und Erziehungsziele

erreicht werden können, ohne

seine Vorstellungskraft einzuschränken».

Entscheidend sei die

Erkenntnis, so Liesen, «dass stets

mehrere vernünftige Wege ins Ziel

führen».

Redaktionelle Mitarbeit:

Martina Proprenter

>>>

Weiterlesen

www.proinfirmis.ch

Fachorganisation für behinderte

Menschen mit Beratungsangebot

peterlienhard.ch/blog

Blog des Professors der

Hochschule für Heilpädagogik

mit vielen informativen Texten

und Videopräsentationen

www.hfh.ch

www.integrationundschule.ch

www.myhandicap.ch

Bertelsmann-Studie

Mitte 2015 ergab eine repräsentative

Umfrage von Infratest dimap für die

Bertelsmann-Stiftung in Deutschland, dass

Eltern mit inklusiven Schulmodellen sehr

zufrieden sind, zufriedener als jene, deren

Kinder eine Schule ohne gemeinsamen

Unterricht mit Kindern mit Behinderung

besuchen, unabhängig davon, ob das eigene

Kind einen speziellen Förderbedarf hat oder

nicht. 73 Prozent gaben an, ihre Erfahrungen

mit Inklusion seien positiv oder sehr positiv.

Sie schätzten den sozialen Zusammenhalt

und dass ihre Kinder im eigenen Tempo

lernen könnten. Auch die Lehrer empfanden

die Eltern an inklusiven Schulen als

engagierter. Die Umfrage zeigte aber auch:

Erst die Erfahrung mit Inklusion verringert

die Skepsis. 58 Prozent der Eltern ohne

Inklusionserfahrung meinen, sie gehe auf

Kosten des fachlichen Wissens, nur noch

44 Prozent meinen das

bei den Eltern mit

Inklusionserfahrung.

Bianca Fritz

hat in ihrer Schullaufbahn Kinder mit

Behinderung nur aus der Ferne gesehen und

war immer ein wenig neidisch, dass die

Sonderschule eine Rutsche vom Fenster auf

den Pausenplatz hatte. Heute wünscht sie

sich, sie hätte weniger Berührungsängste.

Starten Sie

die aktuelle

Fritz+Fränzi-App,

scannen Sie diese Seite

und lesen Sie die

gesamte Studie.

20


Dossier

Damit sie die

anderen nicht stören,

sitzen Sophie und

Heilpädagogik-

Praktikantin

Maryam Ahmadi ganz

eng beieinander und

flüstern.

21


Dossier

«Ich will dranbleiben!»

Wie funktioniert das, wenn ein Mädchen mit Downsyndrom dieselbe Klasse besucht

wie angehende Gymnasiasten? Wir haben die 13-jährige Sophie einen Tag lang

beim Unterricht begleitet. Text: Bianca Fritz Bilder: Christian Aeberhard / 13 Photos

22 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Zwei Kinder steigen die

Stufen eines Wohnhauses

in einem Basler

Stadtteil herunter und

winken ihrer Mutter

zum Abschied, bevor sie sich im

Winterdunkel allein auf den Weg

zur Schule machen.

Sophie verabschiedet auch ihren

kleinen Bruder, der in die andere

Richtung geht. Dann schwingt sie

sich auf ihr Trottinett. Sie hat einen

weiten Schulweg vor sich, eine halbe

Stunde wird sie viele Strassen in

Basel kreuzen. Es tröpfelt, so dass sie

ihre Kapuze tief ins Gesicht zieht.

Manchmal trifft sie unterwegs ihre

Schulfreunde. Heute aber macht sie

den Weg ganz allein. «Das stimmt

nicht», berichtigt Sophie. «Ich habe

meine Fantasie dabei.»

Wer sie beobachtet, ahnt, was sie

meint: Sophie redet fast die ganze

Zeit. Sie ermahnt sich, dass man am

Strassenrand nicht einfach loslaufen

darf, sondern auf Grün warten

muss. Dann schimpft sie mit

jemand, der sich offenbar nicht daran

hält. Allerdings sieht diesen

Rebellen niemand ausser Sophie

selbst. Schliesslich erzählt sie glücklich,

dass sie eine 5,5 in einem

Musiktest gemacht hat und nuschelt

etwas vor sich hin.

Nur wenn Klassenkollegen auf

dem Velo vorbeidüsen, wird Sophie

aus ihrer Fantasie herausgerissen,

ruft fröhlich ihre Namen, wird

zurückgegrüsst. Wenn Sophie aber

fremden Kindern zuwinkt, erntet sie

verwirrte Blicke. Das ist dann doch

nicht üblich in der Stadt. Und das

Mädchen, das die Schüler da am

Strassenrand sehen, ist ziemlich laut

und lacht mit weit geöffnetem

Mund. So mancher Teenager weiss

nicht genau, wie er darauf reagieren

soll – und guckt lieber weg. Der

Mutter von Sophie ist die Selbständigkeit

ihrer Kinder sehr wichtig –

und der Schulweg gehört dazu. Die

Kinder mit dem Auto zur Schule zu

fahren, sei ihr gar nicht erst in den

Sinn gekommen, erzählt sie. Weder

bei Sophie, die mit einem Downsyndrom

geboren wurde und daher

eingeschränkte kognitive Fähigkeiten

hat, noch bei ihrem kleinen Bruder,

der ohne Einschränkungen zur

Welt kam.

Sophie bewältigt den Schulweg

nicht nur mit dem Trottinett allein.

Sie fährt auch ohne fremde Hilfe mit

dem Tram. In der ersten Schulwoche

haben ihr Vater und Mutter genau

gezeigt, wo sie durchfahren und vor

allem wo sie anhalten und warten

muss.

«Das ist eben Sophie»

Als Sophie ihr Trottinett abgeschlossen

hat und das Schulhaus der

Sekundarschule Leonhard betritt,

wird schnell klar: Hier kennt sie fast

jeder – und das, obwohl sie erst seit

einigen Monaten die weiterführende

Schule besucht. «Das ist eben

Sophie» ist der Satz, den man von

Mitschülern, Lehr- und anderen

Betreuungspersonen am häufigsten

hört. Sophie, die lieber wartet, bis

der Ansturm auf der Treppe vorbei

ist. Sophie, die mal ganz schnell und

mal absichtlich im Schneckentempo

die Stufen zu ihrem Klassenzimmer

hinaufsteigt. Und dabei schon mal

ihren Schuh verliert. Sophie, die «gut

integriert» ist, wie jeder versichert,

aber in der Pause lieber alleine ihr

Brot isst und den Überblick über den

Schulplatz geniesst.

Die 13-Jährige steuert zielsicher

das gelbe Klassenzimmer der

Stammgruppe 4i an. Hier lernen

Schüler der Progymnasiumsstufe,

des E-Zugs und die schwächeren

Schülerinnen und Schüler des

A-Zugs gemeinsam. Ausserdem

haben vier Kinder den sogenannten

Integrationsklassen-Status (IK), das

heisst, sie haben eine diagnostizierte

Lernschwäche oder Behinderung

und Anspruch auf die Betreuung

durch Heilpädagogen. Dazu gehört

auch Sophie.

Für die Regelschüler steht gleich

ein Deutschtest an. «Die Tests sind

für die IK-Schüler freiwillig – wenn

sie es versuchen möchten, unterstützen

wir», sagt Heilpädagoge Martin

Gürtler. Wer mitmacht, bekommt

natürlich auch eine Bewertung –

allerdings gemessen an den individuellen

Lernzielen. «Falls das Kind

eine gute Note erreicht, heisst das

also nicht, dass es bald aufs Gymnasium

kann», so der Heilpädagoge.

Im Zeugnis stehen dann im Normalfall

auch keine Endnoten, sondern

die Lernziele und inwieweit diese

erreicht wurden.

Für Sophie gilt vor allem, sie im

Lesen, Schreiben und Rechnen so fit

zu machen, dass sie selbständig

durchs Leben gehen kann. «Kleingeld

zählen, Fahrpläne lesen und

soziale Kompetenzen», sagt Gürtler.

Momentan stehe Sophie in Deutsch

und Mathe etwa auf dem Niveau der

zweiten Primarstufe.

Das mit den individuellen Lernzielen

fällt in einer Klasse, in der

verschiedene Niveaus zusammen

lernen, gar nicht weiter auf. Der

heutige Test sieht ohnehin für jeden

Zug etwas anders aus. Die Schüler

des A-Zugs haben eine grössere

Schrift und dürfen die meisten Fragen

einfach durch Ankreuzen >>>

Der Deutschtest sieht immer

anders aus – je nachdem,

wer ihn schreibt.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 201623


«Sophie, komm, lies noch

ein Stück.» «Sophie, wo waren

wir?» «Sophie, hier!»

>>> beantworten. Die Schüler des

E-Zugs haben den gleichen Ausdruck

wie die des Progymnasiums

vor sich liegen, aber mehr Zeit zum

schriftlichen Beantworten der Fragen.

Die Schüler, die Richtung Gymnasium

steuern, stöhnen über den

Zeitdruck und die Menge. «Das

schafft man ja nie», ruft einer. Von

Unterforderung keine Spur.

Sophie und die anderen IK-Schüler

haben den Test des A-Zugs

bekommen – und zusätzlich Hilfe

neben sich sitzen. Heilpädagogik-

Praktikantin Maryam Ahmadi hilft

Sophie. Sie erinnert die Schülerin

daran, den Text Zeile für Zeile zu

lesen – langsam schiebt Sophie das

Lineal im Text immer weiter nach

unten. Bei den Fragen gibt Ahmadi

Tipps, in welchem Abschnitt die

Antworten zu finden sind. Vor allem

aber holt sie Sophies Aufmerksamkeit

wieder und wieder zur Aufgabe

zurück. «Sophie, hier.» «Komm, lies

noch ein Stück.» «Sophie, wo waren

wir?» Denn sobald etwas knackt,

schaut Sophie sofort auf, grinst,

schaukelt auf ihrem Stuhl herum.

Fast alles scheint spannender zu sein

als der Deutschtest. Und das obwohl

Sophie selbst versichert: «Ich lese

sehr, sehr gerne!»

Neben Sophie an der Wand hängt

ihr persönliches Ziel: «Ich will dranbleiben

und schaue nur auf meine

Arbeit!» Gleich darunter hat Sophie

mit den Heilpädagogen aufgelistet,

wie sie das erreichen will: «Ich spiele

an nichts herum.» «Ich konzentriere

mich.» «Ich setze mir kleine

Ziele.» Und schliesslich taucht auch

die Fantasie wieder auf: «Meine Fantasiefamilie

lässt mich in Ruhe.»

Ein ungewöhnliches Schulkonzept

Nach der Pause arbeiten die Schüler

der 4i an ihren individuellen

Wochenplänen weiter. Sophie rechnet

im Zahlenbereich von 10 bis 20

– oft nimmt sie den Rechenschieber

zu Hilfe. Anders als in den meisten

Schweizer Klassenzimmern wird hier

nicht Fach für Fach gelernt, sondern

es gibt sogenannte Epochenfächer,

die zwei Wochen lang vertieft werden.

So ist es einfacher, den unterschiedlichen

Lerntempi der Schüler

gerecht zu werden. Diese Woche sind

das Mathe und Deutsch. Ausserdem

wird ein Fach wiederholt – diese

Woche ist das Französisch.

Die Lehrer, die «Inputs» geben –

das, was herkömmlichem Frontalunterricht

am nächsten kommt –,

gehen von Zimmer zu Zimmer.

Wenn kein Input ist, sind die individuellen

Wochenpläne dran, über die

jeder Schüler auch ein Lernjournal

führt. Die Lehrer und Heilpädagogen

sind immer da, um zu helfen

und zu kontrollieren. Auch sind die

Klassen etwas kleiner als im Rest des

Schulhauses. Jeweils 20 statt 25 oder

mehr Kinder lernen gemeinsam.

Das Konzept für diese ungewöhnliche

Art des Unterrichtens

haben einige Lehrpersonen 2010

24 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Dossier

entworfen – und seither arbeiten sie

kontinuierlich daran. «Wir wollten

Schule für die Schülerinnen und

Schüler machen», erinnert sich der

heutige Co-Stammgruppenleiter

Christian Elsässer. Dem Wunsch der

Lehrergruppe, anders unterrichten

zu können, damit schwache Schüler

nicht auf der Strecke bleiben, kam

die Schulleitung nach – und verband

ihn mit der Bitte, Integrationsklassen

zu machen, die auch von IK-

Schülern besucht werden können.

Im 8. und 9. Schuljahr läuft das

jetzt schon seit fünf Jahren so, im

7. Schuljahr, welches Sophie besucht,

wurde das neue Unterrichten erst

2015 eingeführt. Anfangs gab es viel

Widerstand von den Eltern, erinnert

sich Elsässer: «Alles, was neu ist,

wird erst einmal sehr kritisch

betrachtet. Aber niemand hinterfragt,

ob das, was seit 100 Jahren

gemacht wird, eigentlich gut ist. Für

mich gehört das zu meinem Selbstverständnis

als Lehrer.» Inzwischen

ist die Sek Leonhard auch Projektschule

und erhält Gelder vom Kanton.

Trotzdem bleiben die Lehrpersonen

selbstkritisch. Überstunden

und unbezahlte Lektionen gehören

momentan genauso zu ihrem Unterrichtssystem

wie die wöchentlichen

Teammeetings, in denen besprochen

wird, was funktioniert und wo

es zu unruhig wird.

Denn das Unterrichten mit

gemischten Niveaus und Epochenfächern

bringt auch eine ganze Menge

Bewegung und damit natürlich

auch Unruhe in die Klassenzimmer.

Nicht jeder Input macht für jeden

Schüler Sinn. Und so gehen nicht

nur die Lehrpersonen und Heilpädagogen

von Zimmer zu Zimmer,

sondern auch die Schüler. Gerade

wechseln die der höheren Niveaus

Sophie schaut sich viel von

anderen ab. Deshalb ist eine

integrative Klasse ideal für sie.

in andere Zimmer und alle A-Zugund

IK-Schüler kommen in das

Zimmer Gelb, in dem auch Sophie

sitzt. Ein Mathe-Input ist dran. Lehrer

Christian Elsässer erklärt, wie

man Umfang und Fläche von Rechtecken

und Dreiecken berechnen

kann. Dafür bekommen die Schüler

das Rechteck in die Hand, zerschneiden

es in Dreiecke, legen es

neu zusammen – das Haptische hilft

beim Verständnis. Bastel- und Zeichenvorgänge

können die Schüler

hinterher auch immer wieder auf

Lernvideos in ihrem Tempo ansehen.

Zwei Heilpädagogen sitzen bei

den IK-Schülern. Sophie und die

anderen sind zwar mit am Tisch,

melden sich aber nicht zu Wort –

viel zu sehr sind sie damit beschäftigt,

die Informationen sauber ins

Heft zu zeichnen. Alles geht ein

wenig langsamer und die Heilpädagogen

versuchen die Aufmerksamkeit

beim Geschehen zu halten:

«Hörst du zu, Sophie? Bist du noch

dabei?», fragt Heilpädagogin Elena

Jennrich, und plötzlich sieht sie

überrascht aus, weil Sophie ihr

selbstverständlich erklärt, wie man

den Umfang eines Rechtecks berechnet.

«Das da plus das, plus das, plus

das», sagt sie stolz. Damit ist immerhin

ein Teil des Lernstoffs hängengeblieben.

Auch das ist ein Ziel des

integrativen Unterrichts.

Realität und Fantasie

«Ich kenne Sophie als jemanden, der

sich extrem viel von anderen

abschaut», sagt ihre Mutter. Genau

deshalb hat sie sich gewünscht, dass

ihre Tochter keine Sonderschule,

sondern eine integrative Klasse

besucht, in der auch stärkere Schüler

sitzen. Schon im Kindergarten und

in der Primarschule habe das gut

funktioniert. «Mir ist aber wichtig,

dass es die richtige Schulform für

Sophie ist – wenn das so nicht mehr

funktionieren sollte, sind wir auch

für einen Wechsel offen», sagt die

Mutter. Zwei Mitschülerinnen aus

Sophies Primarschulzeit, Polina und

Livia, sind auch jetzt wieder in ihrer

Klasse und werden sich im Skilager

ein Zimmer mit ihr teilen. «Sophie

gehört voll dazu und wir finden es

toll, dass sich hier alle helfen», sagen

die beiden Mädchen.

Trotzdem verbringt Sophie die

Mittagspause wieder nicht mit ihren

Freundinnen, sondern geht mit der

Gruppe von Heilpädagogen in die

Kantine. Sie sind da, um Sophie

wenn nötig zu unterstützen, und

kennen auch Sophies Kantinen-

Angewohnheiten: Die Suppe isst

Sophie erst ganz zum Schluss – am

liebsten richtig schön kalt. Und hier,

in der Pause, darf auch ihre Fantasiefamilie

wieder mit dabei sein.

«Mein Kind und mein Onkel – aber

die sind nur in meiner Fantasie da»,

erklärt Sophie ganz selbstverständlich.

«Wir haben das mit den Eltern

abgesprochen – Sophie kann Realität

und Fantasie gut auseinanderhalten.

Im Unterricht hat die Fantasiefamilie

nichts verloren, aber in der

Pause und der Freizeit ist das in

Ordnung», sagt Heilpädagoge Martin

Gürtler.

Am Nachmittag steht noch

Sophies Lieblingsfach an: Textiles

Werken. Sophie kniet vor der Nähmaschine

und kriecht fast mit dem

Kopf hinein, um einzufädeln.

Irgendwann klappt es, Sophie jubelt

und hüpft. Praktikantin Maryam

Ahmadi schiebt langsam den Stoff

unter den Nähfuss, während Sophie

das Fusspedal bedient. Danach

wechseln die beiden die Rollen.

Dank diesem Teamwork ist Sophies

Turnbeutel schon viel weiter als der

ihrer Freundin Polina, die nebenan

schimpft, dass dieses Fach doch

auch wirklich unnötig sei. Turnbeutel

könne man doch auch kaufen.

«Ganz ruhig, Polina», ruft Sophie

herüber. «Du musst dich auch konzentrieren.»

Und keiner scheint es

ungewöhnlich zu finden, dass jetzt

plötzlich Sophie diejenige ist, die

die anderen ermahnt, dranzubleiben.

>>>

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 201625


Dossier

«Der Lehrer sollte auch hinter

dem schwächsten Kind stehen»

Inklusion und Chancengerechtigkeit sind für Dieter Rüttimann nicht einfach Worthülsen.

Der erfahrene Pädagoge und Gründer einer Zürcher Gesamtschule weiss, dass ein

inklusiver Unterricht mit Schülern unterschiedlichster Begabungsprofile und Herkunft

eine Bereicherung ist. Interview: Eveline von Arx Bild: Hans Schürmann / 13 Photo

Beim kurzen Rundgang durchs

Schulhaus Unterstrass in Zürich trifft

Dieter Rüttimann auf Kinder, die er

an diesem Tag zum ersten Mal sieht:

«Wir haben uns heute noch gar nicht

Hallo gesagt!» Der Schulleiter grüsst

herzlich zurück. Alle sind hier ganz

selbstverständlich per Du.

«Kinder mit Handicap lernen

in inklusiven Klassen oft

besser als in Sonderschulen.»

Herr Rüttimann, unter «Inklusion»

versteht man, dass alle Menschen an

der Gesellschaft teilhaben können.

Was heisst das für die Schule?

Das bedeutet, dass Kinder, die systematisch

benachteiligt werden, und

die, die wir als «beeinträchtigt» oder

«behindert» bezeichnen, auch die

Regelschule besuchen können. Wissenschaftlich

ist belegt, dass diese

Kinder dann deutlich bessere Leistungsergebnisse

zeigen, als wenn sie

eine Sonderschule besuchen. Die

Idee der Inklusion ist, dass auch in

der Schule alle an allem teilhaben

– was immer sie mitbringen.

Sie sprechen von «systematisch

benachteiligt». Was verstehen Sie

darunter?

Dass Kinder aus ungünstigen sozioökonomischen

Verhältnissen – also

aus bildungsfernen, einkommensschwachen

Schichten – viel weniger

Chancen haben, zu einem hohen

Bildungsabschluss zu kommen. Sie

sind die Bildungsverlierer, denn in

der Schweiz entscheidet bedauerlicherweise

nach wie vor die soziale

Herkunft über den Bildungserfolg.

Im Zusammenhang mit Inklusion

muss unbedingt auch über diese Kinder

gesprochen werden. Inklusion

bedeutet, dass wir in den nächsten

zehn bis zwanzig Jahren etwas mehr

Chancengerechtigkeit realisieren

können.

Sie sagten, an der Gesamtschule, die

Sie leiten, hätten mindestens 25 Prozent

der Kinder sogenannte «besondere

Bedürfnisse».

Damit sind Kinder mit einer Behinderung

gemeint, solche, die von

ADHS betroffen sind, Verhaltensauffälligkeiten

zeigen oder eine Störung

aus dem Autismus-Spektrum

aufweisen. Diese Kinder wurden im

Kanton Zürich bis vor Kurzem noch

in Sonderschulen und -klassen

unterrichtet. Das heisst, die Kinder

mit Körperbehinderung oder diejenigen

mit Verhaltensauffälligkeiten

waren ganz unter sich. Es ist jedoch

nicht zielführend, etwa ausschliesslich

Kinder mit Autismus, also Kinder,

die Schwierigkeiten haben,

Beziehungen aufzunehmen, gemeinsam

zu unterrichten. Diese Kinder

gehören zur Gesellschaft und sollten

die gleichen Bildungschancen

haben.

Die Mutter eines Kindes mit Downsyndrom

erzählte, ihr Kind habe sich

an der Regelschule einsam gefühlt,

und sie hat es deshalb in eine Sonderschule

geschickt.

Es kann tatsächlich problematisch

sein, wenn etwa nur ein Kind mit

Downsyndrom, quasi als Exempel,

eine Regeschule besucht. Bei uns an

der Gesamtschule haben wir zurzeit

zwei Kinder mit Downsyndrom. Die

beiden Buben verstehen sich sehr

gut, sie suchen sich in der Pause

jeweils auf, und es ist rührend zu

sehen, wie gern sie sich haben. Gerade

bei Kindern mit Downsyndrom

wissen wir oft nicht, wozu sie fähig

sind. Einer dieser Buben verfügt

über ein sehr gutes räumliches Vorstellungsvermögen.

Wenn er nicht

mit allen anderen am Geometrieunterricht

teilnehmen würde, hätte

man dies wahrscheinlich nie entdeckt.

Und früher hatten wir einmal

ein Kind mit Downsyndrom, das

sehr gerne und gut Theater spielen

konnte. Die ganze Klasse freute sich

mit ihm darüber. In Sonderschulen

hingegen sind solche Kinder in sehr

spezialisierten Umgebungen und

können nicht wirklich an der Gesellschaft

teilhaben.

Worauf kommt es bei einer gelungenen

Integration von Kindern mit einer

Behinderung an?

Ein ganz wesentliches Kriterium ist,

dass diese Kinder von ihren Klassenkameraden

an Geburtstagsfeste ein-

26 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Dossier

geladen werden, dass sie auf dem

Pausenplatz nicht alleine sind und

auch bei Gruppenarbeiten nicht ausgeschlossen

werden. Das heisst, im

Alltag tragen die Mitschüler viel zur

Inklusion bei. Die Lehrer müssen der

Klasse aber die Möglichkeit geben,

dieses Kind zu integrieren. Wie die

Lehrperson mit dem Kind umgeht,

ist entscheidend – sie ist auch hierin

ein Vorbild. Wenn ein Lehrer ein

Kind nicht so akzeptiert, wie es ist,

tun dies die Mitschüler oft auch

nicht. Steht der Lehrer aber hinter

dem schwächsten Kind, gehört dieses

selbstverständlich mit zur Klasse.

Kinder gehen mit Vielfalt grundsätzlich

gut um. Wenn wir Erwachsene

aber Ausschluss tradieren,

übernehmen das die Kinder auch.

Wie gestaltet sich denn der Unterricht,

wenn Kinder mit Downsyndrom,

normal begabte und sehr leistungsstarke

Schüler zusammen in der gleichen

Klasse sind?

Unter anderem ist dabei der Unterricht

am gemeinsamen Gegenstand

zentral. Als Beispiel: Wenn in der

Grammatik der Satzbau unterrichtet

wird, dann können alle mitmachen

– jedoch auf unterschiedlichen

Levels. Und alle merken, dass z. B.

der Bub mit dem Downsyndrom

auch dabei ist.

Und dann wenden skeptische Eltern

ein, ihr leistungsstarkes Kind komme

zu kurz, würde weniger gefördert und

beachtet als die schwächeren Mitschüler

...

Genau deshalb spielen die Unterrichtsqualität

und vor allem auch die

Aufgabenqualität eine entscheidende

Rolle. Es müssen offene, interessante,

herausfordernde Aufgaben

gestellt werden, die den unterschiedlichen

Kindern verschiedene Zugänge

erlauben, so dass die Leistungsstarken

die Möglichkeit haben, eine

andere Verstehungstiefe zu erreichen.

Können Sie uns ein Beispiel für eine

solche Aufgabe nennen?

Wenn sich Fünft- oder Sechstklässler

acht Fussballmannschaften vorstellen

müssen und dabei jede gegen

jede spielen sollte. Diese Aufgabe

kann man handelnd lösen. Mit Figuren,

verschiedenen Pfeilen. Oder

man kann sie mathematisch bearbeiten:

Dann geht es darum, herauszufinden,

wie man vorgehen soll, wie

viele Spiele es bei einer Mannschaft,

bei zwei Mannschaften gibt. Es entsteht

eine erste Tabelle. Die Stärkeren

können dann versuchen, sich einen

Graphen vorzustellen: auf der einen

Achse die Anzahl Mannschaften, auf

der anderen die Anzahl Spiele. Wie

gestaltet sich die Kurve? Und auf

einer noch höheren Stufe können die

Schüler dann versuchen, Zusammenhänge

zu erkennen, wiederkehrende

Muster, so dass sie schliesslich

ein Prinzip, also eine Funktion,

da hinter sehen. Wenn die Kinder

dann ihre Ergebnisse den anderen

präsentieren, profitieren alle voneinander.

Indem sie sich gemeinsam

über die Aufgabe austauschen,

geschieht Inklusion. >>>

«Wenn in einer

Schule niemand

ausgeschlossen

wird, profitieren

letztlich alle»,

sagt Dieter

Rüttimann.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 201627


Worauf kommt es in einem

inklusiven Unterricht noch an?

Auf die Beziehungsqualität zwischen

Lehrperson und Schüler. Sie ist absolut

entscheidend. Wir müssen uns

stets fragen, wie wir eine Umgebung

schaffen, in der wir das Potenzial

aller Kinder auf der Basis sehr guter

und tragfähiger Beziehungen zur

Entfaltung bringen können. Die gute

Beziehungsqualität wirkt sich auf die

ganze Schule aus.

Wenn ein wesentlicher Faktor für

erfolgreiches inklusives Lernen die

Beziehung zwischen Lehrperson und

Schüler ist, was bedeutet dies denn

für die Ausbildung der Lehrkräfte?

Ich erachte es als Grundvoraussetzung

für den Lehrberuf, alles Lebendige

zu lieben und ein tiefes Interesse

am Individuum zu haben. Es ist

wichtig, mit einer positiven Haltung

auf Kinder zuzugehen. Das geht über

Sympathie hinaus. Lehrer sollten

herüberbringen, dass die Kinder so

«richtig» sind, wie sie sind. Es bedeutet

aber auch, dass Lehrer in ihrer

Ausbildung dafür sensibilisiert werden,

welche Bedeutung ihre Erwartungen

an die Schüler haben.

Was heisst das?

Bekommt ein Kind stets einfache

Fragen oder Aufgaben gestellt, übernimmt

es dieses Fremdbild des Lehrers

– und wird zu seinem Selbstbild.

Es leistet dann weniger. Kürzlich

sagte mir ein Schüler, ich würde ihn

oft für Dinge loben, die für ihn sehr

einfach wären. Das gäbe ihm das

Gefühl, dass ich ihm schwierigere

Aufgaben nicht zutrauen würde. Ein

solch differenziertes Urteil eines

Schülers ist für den Lehrer Gold wert

– es kann aber nur auf der Basis einer

tragfähigen Beziehung geäussert

werden. Und es bedeutet auch, dass

Lehrer immer wieder bereit sind,

sich selbst kritisch zu hinterfragen.

Wie können Rückmeldungen der

Schüler über den Unterricht und den

Lehrer gezielt abgeholt werden?

Es gibt da verschiedene Methoden.

Bei uns an der Gesamtschule führen

wir mit jedem Kind viermal im Jahr

eine Art Standortgespräch über dessen

Lernprozess durch. Im Fokus

steht dabei, wie es dem Kind geht,

was es braucht. Das ist bereits mit

Erstklässlern möglich, auch wenn

sich diese noch nicht selber einschätzen

müssen, da es in dem Alter noch

völlig normal ist, dass sie sich tendenziell

überschätzen. Das gibt

ihnen die Freiheit, aus eigenem

Antrieb etwas zu lernen: Selbst wenn

sie hundertmal vom Einrad fallen,

üben sie weiter, bis sie es können,

während Erwachsene schon längst

aufgegeben hätten. Es geht also vor

allem darum, die Kinder zu fragen,

was sie denn gerne noch lernen würden,

wozu sie Lust hätten.

Schulen, an denen inklusiv unterrichtet

wird, verfügen meist über mehr

Lehrpersonen pro Klasse. Das generiert

auch Kosten.

Ja, aber wenn Kinder in Kleinklassen

an Sonderschulen unterrichtet werden,

kostet dies viel mehr! Wichtig

ist auf jeden Fall, dass Lehrer an

inklusiven Schulen über eine entsprechende

Weiterbildung verfügen.

Zentrale Grundlagen liessen sich

aber auch in der Ausbildung für

angehende Lehrer vermitteln. Es ist

heute sowieso unumgänglich, dass

sich Lehrpersonen weiterbilden.

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung

zeigt, dass Eltern, die Erfahrungen mit

inklusiven Schulen haben, diese besser

beurteilen als Mütter und Väter,

deren Kinder nicht in solche Schulen

gehen. Letztere stehen der Inklusion

oft skeptischer gegenüber. Wie erklären

Sie sich das?

Das ist wie mit dem Thema Migration:

An den Schulen, die seit vielen

Jahren einen hohen Anteil an Kindern

mit Migrationshintergrund

aufweisen, stellt die Integration

meistens kaum ein Problem dar.

Doch ich merke auch, dass Eltern

sich verändern, wenn ihr Kind in

einer inklusiven Schule ist. Eltern,

die Vorbehalte gegenüber einem

Kind mit Downsyndrom hatten,

änderten ihre Einstellung, nachdem

sie ins Schullager mitgekommen

«Für erfolgreiche Inklusion ist

die Beziehung zwischen Schüler

und Lehrperson entscheidend.»

waren. Das Kind verbrachte viel Zeit

in der Küche, lobte die Kochkünste,

und sie merkten, dass der Bub ein

richtiger Sonnenschein ist!

Der inklusive Unterricht wird also

sowohl der ganzen Klasse als auch

dem Individuum besser gerecht?

Ja – weil niemand ausgeschlossen

und viel ungenutztes Potenzial

genutzt wird. Davon profitieren alle.

Unser duales Berufsbildungssystem

hierzulande fängt sehr viel auf, was

die Schule versäumt hat. Das ist zwar

ein grosses Plus. Es gibt jedoch

immer noch zu viele Kinder, die

intelligent sind, aber aufgrund ihres

bildungsfernen Hintergrundes kaum

Chancen haben, zu reüssieren.

Mit Vielfalt in der Schule umgehen

heisst also …

… den Kindern zu vermitteln, dass

wir alle verschieden sind. Dass das

aber auch sehr interessant ist. Wie

langweilig, wenn alle gleich wären!

Oder wie es ein ehemaliger Schüler

und Mitglied des Theaters HORA

(ein Theaterensemble mit Schauspielern

mit einer geistigen Behinderung,

Anm. der Redaktion) in einem

Interview auf die Frage, wie es für

ihn denn als Kind gewesen sei,

anders zu sein, treffend formulierte:

«Ja, ich war anders. Aber die anderen

waren es auch.»

>>>

Zur Person

Dieter Rüttimann, Professor, 60, ist

Erziehungswissenschaftler lic. phil.,

Primarlehrer und Leiter der inklusiven Gesamtschule

Unterstrass in Zürich, die er 1981

gründete. Er ist Vater zweier erwachsener

Kinder und hat ein dreijähriges Enkelkind.

www.gesamtschule-unterstrass.ch

28 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Dossier

Inklusion in Zahlen und Bildern

Menschen mit Behinderung in der Schweiz

Rund 1,6 Millionen Menschen mit einer Behinderung

lebten laut Schätzung des Bundesamts für Statistik im Jahr 2013 in

der Schweiz. Das sind die bisher aktuellsten Zahlen. Dies entspricht

fast 20 Prozent der Gesamtbevölkerung. Von den

1,6 Millionen sind 132 000 Kinder bis 14 Jahre.

Rund 29 Prozent aller Menschen mit Behinderung sind so stark

beeinträchtigt, dass sie nicht selbständig in einem Haushalt leben

können. Das entspricht etwa 2 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Quelle: Bundesamt für Statistik

Und nach der Schule?

Mehr als 50 Prozent der leistungsschwachen

Schüler aus Regelklassen

haben drei Jahre nach Schulabschluss

den Weg in eine mittel- bis

hochquali fizierende Ausbildung

gefunden. Das trifft nur auf etwa

20 Prozent der leistungsschwachen

Schüler aus Sonderklassen zu.

Quelle: Bildungsbericht 2014

Was bedeutet Inklusion?

Exklusion Separation Integration Inklusion

Im nächsten Heft:

Tagesschulen

Bild: Salvatore Vinci / 13 Photo

«Es ist keine Frage mehr, ob wir Tagesschulen

wollen oder nicht», sagt Kinderarzt Remo Largo. «Sie

sind schlicht eine Notwendigkeit.» Was kann, was soll

die Tagesschule bieten? Welche Erfahrungen machen

Eltern, Schüler, Lehrer? Antworten im April-Dossier.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 201629


Dossier

Fahrspass und Familie –

in den BMW 2er Gran Tourer passen beide rein

Keine Kompromisse: Der BMW 2er Gran Tourer mit Allrad-

Antrieb bietet Platz für Kind und Kegel, ist aber trotzdem

ein waschechter BMW. Schon ab 36’700 Franken.

Auch als Familienoberhaupt kann einem

das Lachen vergehen. Wenn man

in die Ferien fahren will, zum Beispiel.

Dann steht man nur allzu schnell vor

einer Wagenladung voller Gepäck und

wundert sich, wie man das bloss alles

in ein einziges Auto bringen soll. Selbst

einem Vorzeigevater steht dabei

schnell einmal die Verzweiflung ins Gesicht

geschrieben. Es sei denn, man hat

einen familientauglichen Wagen zur

Verfügung. Doch auch da kann einem

das Lachen vergehen – weil damit oft

der Fahrspass auf der Strecke bleibt.

Das muss nicht sein. Der neue

BMW 2er Gran Tourer bietet das Beste

aus beiden Welten, und das zu einem

äusserst fairen Preis. Schon ab 36’700

Franken bietet der Alleskönner aus

München viel Platz für Kind und Kegel,

ist aber dennoch ein waschechter

BMW. Das heisst: Die Freude am Fahren

ist bei diesem Auto mehr als nur ein

Werbeversprechen. Mit seinem kraft-

Der BMW 2er Gran

Tourer bietet

das Beste aus beiden

Welten – und das

zu einem äusserst

fairen Preis.

30 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Dossier

Publireportage

Der BMW 2er Gran

Tourer ist ein

echter Familien van,

der die Eleganz

nicht vermissen lässt.

sagieren für gute Laune. Zumal Extras

wie Leichtmetallräder, Klimaanlage,

USB-Anschluss, Start/Stop-Automatik,

intelligenter Notruf (mit dem einem

auch im Ausland gezielt geholfen werden

kann), DAB-Radio, Farbbildschirm

und vieles mehr Serie sind. Mit Optionen

wie BMW ConnectedDrive, Head-

Up Display sowie dem intelligenten

Allradsystem xDrive verwandelt sich

der Gran Tourer erst recht in ein modernes

Familienauto. Sicherheit, Komfort

und Alltagstauglichkeit beruhigen

die Nerven der Eltern. Zumal sein Verbrauch

im umweltfreundlichen ECO

PRO-Modus (rund 5 Liter auf 100 Kilometer)

das Portemonnaie und das grüne

Gewissen schont.

Aber eben: Was wäre das alles

ohne den berühmten BMW-Fahrspass?

Am besten Sie machen sich selbst ein

Bild und melden sich noch heute für

eine Testfahrt an. Eines ist sicher: Ihr

Lachen werden Sie im BMW 2er Gran

Tourer sogar bei anstehenden Familienferien

ganz schnell wiederfinden.

www.bmw.ch

BMW 220d xDrive Gran Tourer

vollen Zweilitermotor und den 190 PS

fährt sich der BMW 2er Gran Tourer

sportlich, frech und agil. Vor allem im

Sportmodus und in anspruchsvollen

Kurven kann er mit seinem dynamischen

Fahrverhalten so richtig auftrumpfen.

Eine Eigenschaft, die dem

Kind im Manne ein Lächeln ins Gesicht

zaubert und auch die sportlich fahrende

Frau begeistert. Und die Kleinen hinten

sind erst recht froh, wenn es in den

Kurven nicht ruckelt.

Der 2er Gran Tourer hat aber noch

ein anderes Gesicht. Denn dieser BMW

ist vor allem ein Familienauto. Grosse

Fächer, eine längs verschiebbare Bank,

ein Kofferraum mit bis zu 1905 Litern

Volumen sowie bei Bedarf eine dritte

Sitzreihe, mit der zum Beispiel nach einem

Fussballturnier mit den Kleinen

bis zu 7 Personen Platz haben – der

BMW 2er Gran Tourer entpuppt sich als

echter Familienvan. Einer, der auch die

Eleganz nicht vermissen lässt. Praktisch

ist er sowieso: Einzeln umklappbare

Rücksitze und verstellbare Klapptische

an den Rücklehnen sorgen bei den Pas-

Antrieb

2,0-Liter-Vierzylindermotor,

190 PS,

8-Stufen-Automatik,

intelligentes Allradsystem

xDrive

Fahrwerte

0 – 100 km/h

in 7,6 Sekunden,

Höchst geschwindigkeit

218 km/h

Masse

4556 Mm (L), 1800 Mm

(B), 1608 Mm (H)

Gewicht

1640 kg

Laderaum

645 bis 1905 Liter

Verbrauch

5,1 – 4,9 l/100 km,

133 – 128g CO2/km

Energieeffizienz

Klasse C

Preis

ab 36’700 Franken

(Basismodell 216i)

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 201631


«Die Radikalisierung betrifft

auch Schweizer Jugendliche»

Warum radikalisieren sich Jugendliche? Und was können Eltern tun, wenn sie merken, ihr Kind

gerät auf Abwege? Ein Gespräch mit der Radikalismusforscherin Miryam Eser Davolio über

Jihadismus, den Wunsch vieler junger Männer nach Orientierung und die Frage, ob Menschen

mit Migrationshintergrund besonders gefährdet sind. Text: Claudia Landolt Bilder: Hans Schürmann / 13 Photo

32 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Monatsinterview

Miryam Eser Davolio

untersucht die

Hintergründe von

Radikalismus.

Es schneit, und selbst das urbane

Toni-Areal in Zürich-West, wo sich

das Büro der Radikalismusforscherin

befindet, strahlt eine friedvolle Ruhe

aus. Der Kontrast zum Thema, mit

dem sich die Psychologin Miryam

Eser Davolio beschäftigt, könnte

nicht grösser sein.

Frau Eser, wie kommt man auf die

Idee, Jihadist(in) zu werden?

Sich zu radikalisieren, hat meist vielfältige

Ursachen. Grundsätzlich

kann es sowohl politische als auch

religiöse Beweggründe geben. Meist

besteht aber kein profundes religiöses

Vorwissen, deshalb können die

Betroffenen die religiösen Botschaften

weniger gut einordnen und sind

einfacher zu manipulieren.

Stammen Jihadisten nicht zwingend

aus religiösen Familien?

Nein. Die Aussagen des Nachrichtendienstes

und des Fedpol zeigen,

dass Jihadisten in der Regel nicht aus

streng religiösen, sondern aus säkularisierten

Familien stammen. Ausserdem

gibt es einige Konvertiten in

der Schweiz, die sich radikalisiert

haben. Insgesamt machen sie einen

Fünftel der jihadistisch motivierten

Reisenden in Konfliktgebiete aus.

Am Anfang steht also nicht das religiöse

Bedürfnis im Vordergrund?

Genau. Es geht vielmehr um Orientierungslosigkeit

und die damit verbundene

Sinnsuche. In der Pubertät

sind Jugendliche ja in einem sensiblen

Alter, sie sind auf Identitätssuche.

Der Jihadismus befriedigt diese

Suche mit Idealismus und der Utopie,

einen neuen Staat mit einer klaren

Weltordnung aufzubauen.

Und zementiert alte Rollenbilder.

Jihadismus bedeutet immer auch

Inszenierung. Der IS weiss sehr

genau, dass junge Männer sich von

klassischen Heldenbildern, von in ­

szenierter Männlichkeit und von

klaren Feindbildern angezogen fühlen.

Rausgehen und gemeinsam

einen Kampf gegen einen Feind führen

– das ist ein uralter Topos.

Gibt es Zahlen über Jugendliche, die

jihadistisch motiviert in Kriegsgebiete

reisen?

Die Zahl von jihadistisch motivierten

Reisenden in Konfliktgebiete ist

in der Schweiz gemessen an der Landesbevölkerung

im Vergleich zu

unseren europäischen Nachbarländern

weniger hoch. Insbesondere

Belgien und die skandinavischen

Länder als auch die Niederlande,

Grossbritannien, Frankreich, Österreich

und Deutschland weisen höhere

Zahlen auf, doch sind solche Vergleiche

mit Vorsicht anzustellen,

bilden sie doch nur das ab, was die

nachrichtendienstlichen Ermittlungen

ergeben, und nicht alle Länder

«Jihadisten

stammen in der

Regel nicht aus

besonders religiösen

Familien.»

erfassen diese nach denselben Kriterien.

Von den Zahlen des Nachrichtendienstes

wissen wir aber, dass

es sich hierzulande um ein vorwiegend

männliches Phänomen handelt,

das heisst um Männer zwischen

20 und 35 Jahren. Von den 66 Fällen

sind 12 Konvertiten – Letztere haben

alle einen Schweizer oder einen EU-

Pass. Was Bildung, soziale >>>

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 201633


Herkunft und ökonomische

Verhältnisse angeht, gibt es aber kein

typisches Profil.

Wie steht es mit den jungen Frauen?

Auch diese werden mit einem klaren

Rollenverständnis und dem damit

verbundenen Rückzug auf das Weibliche

angelockt. Dies ist zusammen

mit der romantischen Vorstellung,

mit einem Helden und Kämpfer

zusammenzuleben, für viele junge

Frauen attraktiv. Hinzu kommt – und

das gilt für beide Geschlechter – das

Bild der egalitären, also gleichwertigen

Bruder- und Schwesternschaft.

Beides deckt das Bedürfnis nach

Gemeinschaft, aber auch nach Anerkennung

und Solidarität ab.

Social Media spielen bei der Rekrutierung

eine grosse Rolle. Welches sind da

Ihre Erfahrungen?

Wir haben drei Fake-Profile auf

Facebook gestellt, um zu sehen, welche

Reaktionen diese auslösen. Zwei

waren weiblich. Das Profilbild zeigte

je eine verschleierte Frau, der eine

Name deutete auf eine nordafrikanische

Herkunft hin, der andere war

ein Schweizer Name. Wir unterlegten

das Profil mit einer Koransure.

Innert weniger Stunden bekam das

eine Profil 341 Freundschaftsanfragen

und mehrere Heiratsanträge.

Auch das andere weibliche Profil

fand viel Anklang. Das männliche

Profil fand eher wenig Beachtung.

Wie läuft eine IS-Anwerbung genau ab?

Die IS-Propaganda richtet sich an

unterschiedlichste Zielgruppen, und

die Anwerbung läuft psychologisch

sehr raffiniert. Indem man gewisse

Messages liked, gerät man auf weitere

Websites mit immer eindeutigerem

Inhalt. Dann wird man zum

Beispiel auf Facebook angesprochen

und beginnt einen Chat, der sich sehr

lange hinziehen kann und durch den

man weitere Freunde gewinnt und

sich so weiter vernetzt. Zentrales

Thema in der Kommunikation sind

meist die Ungerechtigkeiten gegenüber

Muslimen in Syrien und anderswo

sowie die Aussicht auf eine neue,

gerechte Gesellschaftsordnung, die

alle herrschenden Probleme zu lösen

vermag. Bis es aber dazu kommt,

dass der oder die Jugendliche sich

schliesslich ein Flugticket kauft, ist

meist ein längerer Weg.

Soziologen betonen, dass gerade der

islamische Extremismus sehr

geschickt manipuliert.

Die Hinwendung zu salafistischen

Gruppierungen operiert mit alternativen

Sinn- und Glaubenswelten und

propagiert ein Schwarz-Weiss-Weltbild.

Zum Beispiel: Die USA und der

Westen seien die Bösen, welche die

Araber unterdrückten und zum

Opfer machten. Dieses Schwarz-

Weiss-Denken wird auch auf die

Beurteilung internationaler Konflikte

übertragen und mündet in eine

Opferideologie, welche mit einem

starken Antiamerikanismus sowie

Antisemitismus verbunden ist. In

der Folge sehen sich solche radikalisierten

jungen Menschen als Avantgarde

einer religiösen Revolution mit

strenger sozialer und moralischer

Verpflichtung – bis hin, das eigene

Der IS propagiert

eine gerechte

Gesellschaft. Das

wirkt laut Frau

Eser Davolio sehr

attraktiv.

34 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Monatsinterview

Leben für diese Ideale aufs Spiel zu

setzen.

Welche Rolle spielen Videos, in denen

Gewalt gegen Muslime gezeigt wird?

Eine grosse. Die Gewalt wird oft sehr

explizit dargestellt. Es werden Bilder

aus Syrien von Kinderleichen oder

Vergewaltigungen durch US-Soldaten

gezeigt, die zur Gegenwehr und

«Hinter plötzlichem

Radikalismus kann

allenfalls auch nur

Protestpotenzial

stecken.»

in der Folge zum Kampf auffordern.

Das hat eine grosse Anziehungskraft

und löst starke Emotionen aus.

Was kann die Motivation eines gut

ausgebildeten jungen Menschen sein,

sein Leben hier für die Existenz in

einem Kriegsgebiet aufzugeben?

Vielleicht hilft ein Beispiel. Ein

Rückkehrer aus Syrien stellte in

Interviews seine Motivation dar, in

den Krieg zu ziehen. Als einen

Beweggrund nannte er den Willen,

gegen die Massaker, welche Baschar

al-Assad gegen sein eigenes Volk

beging, in den Krieg zu ziehen. Er

wollte aber auch ein persönliches

Projekt, eine Fotoreportage über die

Situation vor Ort im Sinne eines

Augenzeugenberichts, realisieren,

und er hatte den Wunsch, einen

Gleitschirmflug in Syrien zu machen.

Diese drei Motivationen illustrieren

humanitäre Ziele, das Bedürfnis

nach sozialer Anerkennung und den

Drang nach dem Erleben starker

Emotionen. Als er aber vor Ort war,

realisierte er sehr schnell, dass sich

seine Absichten nicht mit denen der

anderen Personen deckten. Er weigerte

sich zum Beispiel, Waffen zu

tragen. Die Heimreise wurde ihm

verweigert, stattdessen wurde er ins

Gefängnis gesteckt und dort sehr

schlecht behandelt.

Jugendliche befinden sich in der

Pubertät – eine Phase im Leben, in

der man das Extreme sucht. Wie

erkennen Eltern, dass die Faszination

für Radikalismus mehr ist als bloss

pubertäres Gehabe?

Das ist wirklich nicht einfach. Denn

die Pubertät ist ja die Epoche der

Sinnkrise schlechthin. Wir kennen

das aus unserem eigenen Leben, dass

wir uns als Teenager für Ideale und

gegen Unrecht einsetzen wollten.

Diese Hinwendung zu etwas ganz

Radikalem hat auch mit der Tendenz

zu Schwarz-Weiss-Denken und mit

dem Wunsch, Ideen in die Tat umzusetzen,

zu tun. Doch es kann auch

nur ein Protestpotenzial dahinterstecken.

Selbst salafistische Kleidung

kann ein Ausdruck sein, die grösstmögliche

Distanz zu den Eltern und

ihrem Lebensentwurf zu schaffen.

Sie sagen, dass die Eltern oft als Letzte

vom neuen Leben ihres Kindes

erfahren.

Eltern merken es oft tatsächlich erst

spät. Zuerst erfahren Freunde oder

Geschwister davon, auch, weil sie

zum Teil über soziale Netzwerke

miteinander verbunden sind. Man

verändert sein Profilbild, postet

etwas Religiöses oder Ähnliches.

Wer damit nicht vertraut ist – und

das sind viele Eltern –, bekommt das

gar nicht mit. Die muslimischen

Eltern, welche meist einen gemässigten

Islam leben, merken zwar, dass

ihr Sohn oder ihre Tochter plötzlich

fundamentalistische Ansichten vertritt

und sie beschuldigt, keine richtigen

Muslime zu sein, doch vermuten

die wenigsten, dass dies zum

Entschluss, den IS zu unterstützen,

führen kann. Wir haben in der

Schweiz rund 400 000 Muslime. Sie

stellen die grösste nicht anerkannte

religiöse Minderheit dar. Trotzdem

schätzen sie den Extremismus als

genauso abwegig und gefährlich ein

wie der Rest der Gesellschaft.

Was kann man denn als Eltern eines

Kindes, das auf Abwege gerät, tun?

Darauf gibt es keine allgemeingültige

Antwort. Sicher sollten sie sich

«Eltern erfahren

meist zuletzt von der

Radikalisierung

ihres Kindes.»

Rat und Unterstützung holen, denn

alleine sind sie mit dieser schwierigen

Situation meist überfordert und

erreichen ihren Sohn oder ihre Tochter

nicht. Sie können auch die Notbremse

ziehen, indem sie selber eine

Gefährdungsmeldung machen,

damit die Behörden aktiv werden

und auf den Jugendlichen Druck

ausgeübt werden kann, damit er sich

an einen Tisch setzt und offen für ein

Gespräch ist.

Welche Rolle spielen die Moscheen in

der Schweiz?

Die meisten muslimischen Gemeinschaften

in der Schweiz sind moderat

und diskret. Sie möchten in der

Öffentlichkeit nicht negativ auffallen

und verschliessen deshalb sich radikalisierenden

Jugendlichen oft die

Türe. Dabei hätten sie unter Umständen

noch die Möglichkeit, sich auf

religiöser Ebene mit den Jugendlichen

auseinanderzusetzen und ein

Korrektiv zu sein. Die Angst vor den

Medien mag da eine Rolle spielen.

Auch haben einige muslimische

Gemeinschaften wenig Kontakt zu

ihren Jugendlichen und machen keine

Jugendarbeit. Diese wäre aber

wichtig, damit sich Jugendliche auseinandersetzen

können und auch ein

Korrektiv erhalten, zum Beispiel in

Bezug auf gewisse Prediger im Internet,

welche als gefährlich einzustufen

sind. Wir befürworten zudem Beratungsstellen,

an die sich Hilfe

suchende Eltern, Imame und auch

Lehrer wenden können. Auch Rückkehrer,

also ehemalige Jihadisten,

könnten wichtige Präventionsarbeit

leisten, wenn sie von ihren Erfahrungen

zum Beispiel im Irak >>>

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 201635


Monatsinterview

«Frustration und

Resignation machen

empfänglich

für radikale

Positionen.»

>>> berichten und aufzeigen würden,

dass die Propadanda des IS

wenig mit der Realität zu tun hat.

Sind Junge mit Migrationshintergrund

besonders gefährdet?

Ja, denn sie befinden sich in einer

doppelt anspruchsvollen Situation.

Zur Pubertät kommt die Ausgrenzung,

bedingt durch ihre Nationalität

oder ihren fremdländisch klingenden

Namen, hinzu. Viele erleben

tagtäglich Ausgrenzung, obwohl sie

gut integriert und ausgebildet sind.

Aber ihr Hintergrund macht sie zu

Parias der Gesellschaft.

Zuwandererkinder in der Schweiz sind

also benachteiligt?

Ja, das belegen zahlreiche Studien.

Zu erwähnen gilt es zum Beispiel die

vielen Versuche der erleichterten

Einbürgerung oder die Anti-Minarett-Initiative.

Es gibt aber auch

andere Beispiele. So haben es Jugendliche

mit Migrationshintergrund

hierzulande bei der Lehrstellen- und

Arbeitssuche schwerer. Das kann zu

grosser Frustration führen.

Fördert Frustration Radikalismus?

Nicht zwingend. Aber die Verwehrung

von Zugehörigkeit und die

erlebte Ausgrenzung tun es. Und

sowohl Frustration als auch Resignation

machen einen womöglich

empfänglich für radikale Positionen.

Sie erwähnten die Anti-Minarett-

Initiative. Welche Rolle spielt sie bei

Radikalisierungsprozessen?

Benachteiligung und politische Diskussionen

im Sinne ausgrenzender

Debatten spielen nebst internationalen

Konflikten eine wichtige Rolle

bei der Hinwendung zu gewaltorientierten

islamistischen Positionen.

Dennoch möchte ich betonen: Die

Radikalisierung betrifft nicht nur

Secondos, sie betrifft genauso auch

Schweizer Jugendliche.

Inwiefern?

In der Schweiz hat spätestens mit

dem Minarettverbot ein Polarisierungsprozess

in der Gesellschaft

begonnen, der auch politische Di -

mensionen hat. Diesem sollte man

entschieden entgegentreten – so wie

es in der pluralistischen Schweiz

eigentlich Tradition ist. Denn sonst

spielen wir der IS-Propaganda in die

Hände, welche behauptet, dass Muslime

hier unerwünscht seien.

Spätestens seit den Anschlägen in

Paris ist die Schweiz auch in den

Fokus gerückt. Was kann man tun?

Wir sind derzeit daran, Ansätze zu

formulieren, wie die Schweiz Präventionsarbeit

leisten kann. Das sollte

auf verschiedenen Ebenen geschehen,

wie wir es hier schon besprochen

haben. Es ist mir aber ein Anliegen,

zu betonen, dass in der Schweiz

traditionsgemäss viele verschiedene

Gruppierungen und Nationen friedlich

koexistieren und es relativ wenig

räumliche Segregation gibt, verglichen

zum Beispiel mit den französischen

Banlieues. Das ist ein grosses

Plus, und ich glaube auch, dass wir

deswegen eine ganz andere Ausgangslage

haben als andere europäische

Länder. Das sollten wir nicht

aus den Augen verlieren.

>>>

Miryam Eser Davolio

im Gespräch mit

Fritz+Fränzi-Autorin

Claudia Landolt.

Zur Person

Dr. Miryam Eser Davolio lehrt an der

ZHAW für Soziale Arbeit in Zürich. Ihre

Forschungsschwerpunkte sind

Extremismus und Radikalisierung. Sie ist

leitende Autorin der vom Bund finanzierten

explorativen Studie mit Empfehlungen

für Prävention und Intervention.

Weitere Infos: www.zhaw.ch > Departemente

> Soziale Arbeit > Forschung > Delinquenz

und Kriminalprävention

36 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Monatsinterview

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 201637


Psychologie & Gesellschaft

Von Helikoptereltern

und Tigermüttern

Eltern wollen nur das Beste für ihr Kind. Manchmal ist das Beste aber nicht

das Richtige. Wenn Eltern zu viel wollen – und Kinder daran zerbrechen.

Text: Susan Edthofer

Kinder sollen ihre Bedürfnisse äussern und

sich frei entfalten dürfen. Doch viele

Eltern setzen Leistung und Disziplin vor

Spiel, Spass und persönliche Interessen

ihrer Kinder. Berufliche Karriere, Familie,

Lebensstil, Freizeit – alles wird geplant. Wer Dinge dem

Zufall überlasse, gehe leicht unter, ist die Sorge vieler.

Weil sich Kinder Anerkennung und Lob sichern und

gefallen möchten, strengen sie sich an. Nicht nur in der

Schule, auch in der Freizeit wird gelernt, Sport getrieben,

ein Instrument geübt. Kinder sind von Natur aus neugierig

und wissbegierig. Lernen sie nur, um zu genügen,

bleibt die Freude am Lernen schnell aus. Braucht Erziehung

um des Erfolgs willen wirklich so viel Disziplin?

Kontroverse um eine Erziehungsmethode

Vor fünf Jahren hat die in Amerika lebende Juristin und

Dozentin Amy Chua mit ihrem Buch «Battle Hymn of

the Tiger Mother», zu Deutsch mit dem vergleichsweise

harmlosen Titel «Die Mutter des Erfolgs», eine heftige

Kontroverse ausgelöst. Die Autorin mit philippinisch-chinesischen

Wurzeln beschreibt, wie sie ihre

beiden Töchter mit einem bedingungslosen Erziehungsstil

zum Erfolg trieb. Als sich die jüngere Tochter mit

etwa dreizehn Jahren widersetzte, musste die ehrgeizige

Mutter – im wahrsten Sinne des Wortes – kleinbeigeben.

Ob dieser radikalen Haltung sträubten sich bei einer

grossen Leserschaft sämtliche Nackenhaare. Dass die

Kinder nach den Hausaufgaben stundenlang Klavier

spielen und Geige üben mussten, klang nach Folter. Bei

aller Ablehnung schien die Radikalität dieser Erziehungsmethode

doch eine gewisse Faszination auszuüben.

Denn das Beispiel von Amy Chuas Töchtern

machte deutlich, dass dieser unbarmherzige Drill tatsächlich

Wirkung zeigte. Disziplin und Ausdauer als

Schlüssel zum Erfolg?

Leistung bringt Erfolg

Stimmt der Eindruck, dass Eltern, die beruflich und

finanziell Karriere machen, bei ihren Kindern eher auf

Leistung pochen? Ist eine Familie nur dann perfekt, wenn

die Kinder mit guten Noten punkten? Wir

leben in einer Leistungsgesellschaft und

definieren uns über das Erreichte. Um

erfolgreich zu sein, nehmen wir immer wieder

Opfer auf uns. Im Gegenzug erhalten

wir soziale Sicherheit und gesellschaftliches

Ansehen. Es ist nicht bloss die Schule, die

Leistung verlangt, der Leistungsdruck stammt oft von

den Eltern selbst.

Doch was geschieht, wenn dieser Druck zu gross

wird? Nicht alle Kinder sind stark und rebellisch, viele

zerbrechen an zu hohen Erwartungen. Die Fachleute

der Beratung + Hilfe 147 und auch die Elternberatung

von Pro Juventute sind immer wieder mit solchen Fällen

konfrontiert.

«Lassen Sie zu,

dass Ihr Kind seinen

Weg geht und

den eigenen

Interessen folgt.»

Susan Edthofer ist Redaktorin

im Bereich Kommunikation

von Pro Juventute.

Was Eltern tun können – vier Tipps

Kinder sind eigenständige Wesen und nicht dazu da, die

Erwartungen der Eltern zu erfüllen.

Respektieren Sie die Persönlichkeit Ihres Kindes. Lassen Sie zu,

dass Ihre Tochter, Ihr Sohn einen eigenen Weg findet und

persönlichen Interessen nachgehen kann.

Machen Sie Motivation nicht durch übertriebenen Ehrgeiz zunichte

und setzen Sie Ihr Kind nicht einem überhöhten Leistungsdruck aus.

Orientieren Sie sich nicht bloss an messbaren Leistungen, sondern

gewichten Sie auch die Sensibilität, die Fantasie und die Kreativität

Ihres Kindes hoch. Werten Sie diese Tugenden als Stärken und nicht

als Zeichen von Schwäche.

Pro Juventute Elternberatung und Beratung + Hilfe 147

Bei der Elternberatung von Pro Juventute können Fragen zum Familienalltag,

zur Erziehung jederzeit telefonisch (058 261 61 61) oder per Mail

(www.projuventute-elternberatung.ch) gestellt werden. Ausser den normalen

Telefongebühren fallen keine Kosten an. Mit allem, was sie bewegt, können

sich Kinder und Jugendliche vertraulich, kostenlos und rund um die Uhr an

das Beratungsangebot von Pro Juventute Beratung + Hilfe 147 wenden.

38 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


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März-Verlosung

Sprachcamps von fRilingue

fRilingue organisiert im Frühling, Sommer und Herbst Sprachcamps (D, E, F)

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1 Woche Sprachcamp enthält: Unterricht in 6er-Gruppen, Kost und Logis,

Freizeitprogramm und viel Fun.

Bild: ZVG

CAMP 1: Leysin (Frühling/Sommer)

Ab 1500 Franken, 6–17 Jahre, in noblem Hotel

CAMP 2: Cudrefin (Frühling/Sommer)

Ab 1250 Franken, 10–18 Jahre, in einer alten

Mühle

Mehr Infos: www.frilingue.ch

CAMP 3: Estavayer

Ab 1300 Franken, 9–18 Jahre, Beachcamp

für Wasserratten

CAMP 4: Schwarzsee

Ab 950 Franken, 10–20 Jahre,

für Bergluftliebhaber

Wettbewerbsteilnahme auf www.fritzundfraenzi.ch/verlosung

Teilnahmeschluss: 3. April 2016. Teilnahme per SMS: Stichwort FF CAMP1, FF CAMP2, FF CAMP3,

FF CAMP4 an 959 senden (30 Rp./SMS)

So erklären Sie Ihren Kindern Geld.

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finden Sie unter:

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Wir machen den Weg frei


Kolumne

Nehmen Sie sich selber ernst!

Kinder mögen es nicht, wenn ihre Eltern ihnen etwas vorspielen. Sie wollen die Eltern «in echt».

Jesper Juul

ist Familientherapeut und Autor

zahlreicher internationaler Bestseller

zum Thema Erziehung und Familien.

1948 in Dänemark geboren, fuhr er

nach dem Schulabschluss zur See, war

später Betonarbeiter, Tellerwäscher

und Barkeeper. Nach der

Lehrerausbildung arbeitete er als

Heimerzieher und Sozialarbeiter

und bildete sich in den Niederlanden

und den USA bei Walter Kempler zum

Familientherapeuten weiter. Seit 2012

leidet Juul an einer Entzündung der

Rückenmarksflüssigkeit und sitzt im

Rollstuhl.

Jesper Juul hat einen erwachsenen

Sohn aus erster Ehe und ist in zweiter

Ehe geschieden.

Wir alle werden

mit einem ho ­

hen Mass an

persönlicher

Autorität geboren.

Von Anfang an drücken wir mit

grosser Selbstverständlichkeit unsere

Wünsche, Bedürfnisse und auch

Grenzen im Zusammensein mit

anderen aus – und das schon ab

einem Alter von vier Monaten. Erst

später lernen wir uns selbst infrage

zu stellen und uns schuldig für unsere

Wünsche zu fühlen.

Um persönliche Autorität zu entwickeln,

braucht es ein Mindestmass

an Selbstwert. Deshalb möchte ich

kurz den Begriff Selbstwert definieren,

der aus zwei Komponenten

besteht:

1. Wie gut kenne ich mich selbst?

Mein inneres und äusseres Verhalten,

meine Gefühle, Werte und

persönlichen Grenzen? Diese

Komponente entwickelt sich das

ganze Leben lang. Das Tempo

hängt davon ab, wie mein Umfeld

mit mir interagiert.

2. Wie stehe ich in moralischer und

gefühlsmässiger Hinsicht zu mir,

mit dem, was ich über mich selbst

weiss? Diese Komponente hängt

gänzlich davon ab, wie meine

Eltern und Bezugspersonen mit

mir interagieren.

Wir müssen nicht perfekt

oder besonders nett sein,

um unsere Existenz zu

rechtfertigen – nur wir selbst.

Kinder kooperieren mit der vollen

Überzeugung, dass ihre Eltern sie

lieben, und übernehmen die elterliche

Haltung ihnen gegenüber, egal

ob diese von Anerkennung (die optimale

Voraussetzung), Lob und Tadel,

Moralisierung, Verurteilung, physischer

oder psychischer Gewalt

geprägt ist. Ein gesunder Selbstwert

ist dadurch zu erkennen, dass man

ein nüchternes, nuanciertes und

akzeptierendes Verhältnis zu sich

selbst hat – sowohl im Guten als auch

Bösen.

Es liegt in der Geschichte der

Erziehung, dass die meisten Menschen

über 30 Jahre lang wenig

Selbstwert und dadurch auch wenig

Selbstrespekt oder die Fähigkeit,

sich selbst ernst zu nehmen, entwickelt

haben. Auf dieser Basis ist es

schwierig, den Respekt anderer zu

bekommen und von anderen ernst

genommen zu werden.

In früheren Zeiten stellten Rollen

eine wichtige Art der Kompensation

dar, und damit verbunden war auch

das Recht, andere, weniger mächtige

Menschen (sowohl Kinder als auch

Erwachsene) zu bestrafen und zu

demütigen. Das war ein selbstverständlicher

Teil der patriarchischen

Machtstruktur. Ihre Opfer waren in

erster Linie natürlich Frauen und

Kinder, die zwar gesehen, aber nicht

gehört wurden.

Immer noch haben insbesondere

Frauen Schwierigkeiten damit, sich

selbst ernst zu nehmen – vor allem

in Liebesbeziehungen. Obwohl in

vielen Familien und pädagogischen

Einrichtungen längst die Frauen die

Macht übernommen haben.

Nach einem meiner Vorträge

wurde ich von einer Mutter gefragt:

Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren

40 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


«Ich habe drei Kinder – eine Tochter

von vier Jahren und zwei Söhne,

sechs und neun Jahre alt. Ständig

wetteifern sie um meine Aufmerksamkeit

und streiten sich deswegen

oft. Mein Mann reist viel, und ich

arbeite halbtags. Ich bin so erschöpft,

dass ich nicht mehr weiterweiss.

Wie bringe ich meine Kinder dazu,

dass sie mit Streiten aufhören und

ich endlich ein bisschen Luft habe?»

Meine Antwort darauf war, dass

sie damit anfangen sollte, sich selbst

ernst zu nehmen, nämlich ihre persönlichen

Bedürfnisse und Grenzen.

Sie schüttelte den Kopf, wohingegen

ihre Freundin eifrig nickte. «Was

würden Sie denn vorschlagen?»,

fragte mich die Mutter.

Ich gab ihr folgende Antwort:

«Wenn Sie heute nach Hause kommen,

ist es womöglich 23 Uhr.

Wecken Sie Ihre Kinder auf und

sagen Sie ihnen, sie sollen bitte ins

Wohnzimmer kommen. Dann

schauen Sie Ihren Kindern in die

Augen und sagen: Meine Liebe

gehört mir, und ich verteile sie so,

wie ich will. Meine Aufmerksamkeit

gehört mir, und ich verteile sie so,

wie ich will. Meine Energie gehört

mir, und ich nutze sie so, wie ich

will. Gute Nacht und schlaft gut!»

Die Frau war schockiert. Sie könne

ihre Kinder doch nicht mitten in

der Nacht aufwecken. Was, wenn sie

sich dann abgewiesen fühlen? Was

ist, wenn sie mich hassen? Und kann

ich so egoistisch sein?

Es war mir völlig klar, dass ich

mit meinem Vorschlag gegen die

Unterdrückung, Selbstunterdrückung

und ein über Generationen

geprägtes falsches Verständnis von

wirklicher Mutterliebe kämpfte. Ich

konnte ihr also nur anbieten, über

meinen Vorschlag nachzudenken.

Zwei Wochen später bekam ich

eine E-Mail: «Ich wusste, dass Ihr

Vorschlag richtig war, aber ich hatte

sehr viele Bedenken. Es hat deswegen

eine ganze Woche gedauert, bis

ich mich traute. Allerdings weckte

ich die Kinder nicht auf. Ich rief sie

Eine Mutter, die 24 Stunden zur

Verfügung steht und darunter

leidet, ist nicht glaubwürdig.

vor dem Schlafengehen des jüngsten

Kindes zusammen und sagte, was

Sie mir vorgeschlagen hatten. Zuerst

waren die Kinder still, dann aber

kam der älteste Sohn und umarmte

mich ganz lange und fest. Die zwei

anderen Kinder kamen nach, und

wir waren alle erleichtert und glücklich.

Seitdem sind sie viel rücksichtsvoller

und lassen mich nachmittags

sogar für eine halbe Stunde in Ruhe,

damit ich zum Beispiel lesen kann.»

Eine Mutter, die 24 Stunden zur

Verfügung steht und darunter leidet,

ist nicht glaubwürdig. Sie hat sich

einer archetypischen Rolle unterworfen,

mit der niemand Freude hat.

Nun hat sie die Freiheit, mehr über

sich zu erfahren und das auch ihren

Kindern zu ermöglichen. Nun kann

sie Charakter zeigen. Wenn sie dies

nicht macht oder es wieder vergisst,

werden ihre Kinder sie mit ihrem

Verhalten daran erinnern.

Viele von uns erleben diese Krisen

in Beziehungen mit unseren

Kindern, Partner, Eltern. Oder wir

fühlen uns im Job ausgebrannt,

bevor wir den Mut haben, wieder zu

uns und zu dem zu finden, was uns

wirklich wichtig ist.

Wenn uns das gelingt, ändert sich

unsere Ausstrahlung, und andere

Menschen verhalten sich uns gegenüber

plötzlich ganz anders. Nun ist

das erste Stockwerk der persönlichen

Autorität gebaut, und alles

andere werden wir mit weniger

Schmerz und weniger moralischem

Skrupel erfahren.

Ich habe diesen Prozess bei

unzähligen Menschen immer wieder

beobachtet und begleitet, die

sich als Opfer dominanter Kinder,

anspruchsvoller Eltern, kränkender

Kollegen oder kontrollierender

Mütter gesehen haben. Unsere eigenen

Kinder sind die Ersten, die uns herausfordern

und darauf aufmerksam

machen, uns selbst ernst zu nehmen.

Wir müssen nicht perfekt oder

besonders nett sein, um unsere Existenz

zu rechtfertigen – nur wir selbst.

Das ist es, was unsere Kinder und auch

andere uns zu sagen versuchen, wenn

wir sie als extrem unmöglich, total lästig

und extrem provokativ erleben.

«Wir wollen nicht, dass du uns etwas

vorspielst!», meinen sie damit: «Wir

wollen dich in echt!»

Niemand sollte eine Kränkung einfach

hinnehmen, auch nicht von Kindern

oder Jugendlichen – aber die Idee,

sie würden damit aufhören, ohne dass

wir Erwachsene uns als Menschen entwickeln,

ist eine Illusion. Die Zeit, in

der wir unsere Führung allein auf

Macht aufbauen konnten, ist vorbei.

Genauso verhält es sich mit der Macht

zu bestrafen oder zu belohnen.

Ihr Kind braucht persönliche Autorität

– womöglich viel mehr, als Sie

glauben, dass Sie diese brauchen. Es ist

die beste Prävention der Welt, aber

auch ein sehr wichtiger Faktor in Ihrer

Beziehung, wenn eine Krise auftritt.

Ausserdem wird es Ihre anderen Beziehungen

bereichern, wenn sie wächst.

Es hat mich in etwa 50 Jahre gekostet,

um meine zu entwickeln. Zum Glück

sind nicht alle so dickköpfig wie ich!

Die Kolumnen von Jesper Juul entstehen

in Zusammenarbeit mit

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 201641


Himmel und Hölle

Was wird aus Erwachsenen, wenn sie Eltern werden? Wie verändern sich Lebenseinstellungen,

Ehe, Arbeitsleben? Journalistin Jennifer Senior analysiert dies in ihrem

ersten Buch schonungslos. Ein Ausschnitt aus dem Kapitel Pubertät.

42 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Abgedruckt

Illustration: Partner&Partner / 123RF Bild: Laura Rose

Wenn werdende

Mütter und

Väter sich die

Freuden der

Elternschaft

vorstellen, denken sie dabei nur

selten an die Jahre der Pubertät –

bekanntlich der unangenehme Teil

der Kindererziehung. Der amerikanischen

Drehbuchautorin Nora

Ephron zufolge kann nur überleben,

wer sich einen Hund zulegt

(«damit sich wenigstens einer im

Haus freut, einen zu sehen»).

Vorbei ist das erste Lächeln, das

gemütliche Zusammensein, das

fröhliche Fangenspielen. Ersetzt

wurde es durch Hockeytraining

morgens um fünf, das Comeback

der Trigonometrie (Sekans?

Ko sekans?) und mitternächtliche

Ansprüche, irgendwo abgeholt zu

werden. Das sind aber nur die

Unannehmlichkeiten, wenn man

wohlgeratene Kinder hat. Und das

haben viele der Eltern, die ich

interviewt habe. Dennoch werden

diese Eltern halb verrückt. Ihr

Verhalten wirft eine wichtige Frage

auf: Kann es sein, dass Erwachsene

die Pubertät anders erleben als

Kinder? Dass der Begriff eigentlich

eher den Zustand der Eltern

beschreibt? Aus der Sicht von Laurence

Steinberg, Psychologe an der

Temple University, zurzeit vielleicht

der führende Pubertätsforscher

in den USA, spricht vieles für

diese Sicht. «Ich habe nicht den

Eindruck, dass die Pubertät für die

Kinder eine schwierige Zeit ist»,

sagt er zu mir. «Die meisten von

ihnen scheinen in einer sehr angenehmen

Wolke durchs Leben zu

gehen. Erst wenn ich mit den

Eltern spreche, fällt mir etwas auf.

Da heisst es dann: ‹Mein Teenager

macht mich verrückt.›» In der

2014 erschienenen Ausgabe seines

wohl bekanntesten Lehrbuchs

Adolescence deckt Steinberg den

Mythos des missmutigen Jugendlichen

mit noch mehr Nachdruck

auf. «Die hormonellen Verände­

rungen der Pubertät», schreibt er, «üben nur einen

geringen direkten Einfluss auf das Verhalten Heranwachsender

aus, Rebellion während der Pubertät ist

atypisch, nicht normal, und eine heftige Identitätskrise

erleben nur wenige Pubertierende.»

Bei Eltern scheint sich die Situation jedoch um

einiges komplizierter darzustellen. Steinberg veröffentlichte

1994 Crossing Paths, das auf einer Längsschnittstudie

über mehr als zweihundert Familien

basiert und eines der wenigen Bücher darüber ist, wie

Eltern mit dem Eintritt ihrer Erstgeborenen in die

Pubertät fertigwerden. 40 Prozent der Teilnehmenden

sprachen von einer Verschlechterung ihrer psychischen

Verfassung – nahezu die Hälfte der Mütter und

ein Drittel der Väter. Die Befragten gaben an, dass sie

sich zurückgewiesen fühlten und ein geringes Selbstwertgefühl

hatten, dass ihre Sexualfrequenz zurückging

und sie vermehrt unter körperlichen Belastungssymptomen

wie Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und

Magenbeschwerden litten.

Man mag versucht sein, die genannten Beschwerden

eher als Nebenprodukte der Midlife-Crisis denn

als Folge der Anwesenheit von Teenagern im Haus

abzutun. Darauf scheinen die Ergebnisse von Steinbergs

Untersuchung jedoch nicht hinzudeuten. Unter

psychologischen Gesichtspunkten betrachtet, haben

eine Mutter mit dreiundvierzig und eine Mutter mit

dreiundfünfzig Jahren, die beide vierzehnjährige Kinder

haben, mehr gemeinsam als zwei gleichaltrige

Mütter mit Kindern von sieben und vierzehn. Und die

Mütter der Heranwachsenden sind, wie Steinbergs

Forschungen zeigen, mit grösserer Wahrscheinlichkeit

überlastet. Pubertierende Jugendliche, so Steinbergs

Theorie, sind das menschliche Äquivalent für Salz, sie

intensivieren andere Nuancen, verstärken bereits

bestehende Konflikte, vor allem im Beruf oder in der

Ehe ihrer Eltern.

Zuweilen decken sie Probleme auf, die die Eltern

jahrelang nicht erkannt oder sich nicht bewusst eingestanden

haben. Vielleicht würde Steinberg sogar

sagen, dass die sogenannte Midlife-Crisis ohne Heranwachsende

im Haus um einiges weniger beschwerlich

verliefe. Teenager haben jedoch das verblüffende

Talent, Probleme, gleich welcher Natur, deutlich zum

Vorschein zu bringen. Bis zu einem gewissen Grad

tun das natürlich Kinder jeden Alters. Warum haben

Heranwachsende also diese Wirkung in höherem

Masse als, sagen wir, Siebenjährige?

Eine historische Erklärung ist hier hilfreich, und

die lautet etwa so: Von allen Phasen der Kindererziehung

manifestieren sich die Widersprüchlichkeiten

der modernen Kindheit am lebhaftesten in der Pubertät.

In dieser Zeit ist es für ein Kind besonders problematisch,

«ökonomisch wertlos» zu sein, wie Viviana

Zelizer es ausdrücken würde.

Pubertät ist eine moderne Vorstellung.

«Entdeckt» wurde sie von

dem Psychologen und Pädagogen

Stanley Hall im Jahr 1904. Es ist

kein Zufall, dass Hall die Pubertät

genau in dem Moment «entdeckte»,

als die Einstellung gegenüber

jungen Menschen sentimental wurde,

man ihnen besonderen Schutz

gewährte und sie zu Hause behielt,

statt sie zur Arbeit zu schicken.

Zum ersten Mal in der

Geschichte beschützten und versorgten

Eltern viel ältere Kinder.

Und nachdem sie sich diese Kinder

während der Teenagerjahre aus

nächster Nähe angeschaut hatten,

lautete ihre Schlussfolgerung, dass

sie eine schreckliche Sturm-und-

Drang-Phase durchlebten, wie Hall

es formulierte. Wie sonst konnten

Eltern sich das Chaos erklären,

dessen Zeugen sie waren? Dennoch

könnte es auch einfach sein, dass

für ältere Kinder die Fürsorge, die

mit der modernen Kindheit aufkam,

zu viel ist.

Jennifer Senior:

Himmel und Hölle.

Das Dilemma moderner

Elternschaft. Kein & Aber,

2014, 352 Seiten, Fr. 31.90,

E-Book Fr. 23.90

Jennifer Senior

ist Anthropologin, mehrfach ausgezeichnete

Journalistin des «New York Magazine»

und Mutter. Für ihr Buch hat sie sich durch

Hunderte Studien aller Wissenschaften

gelesen und viele Eltern in den USA besucht

und beobachtet.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 201643


44 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Erziehung & Schule

Wenn Schwengel und

Mumu Liebe machen

Sexuelle Aufklärung ist auch Aufgabe der Schule. Aber wie will man

Jugendliche aufklären, die im Internet schon alles gesehen haben?

Immer mehr Schulen lassen sich Hilfe von aussen kommen – zum Beispiel

von jungen Medizinstudenten. Und dann fallen plötzlich Worte, die man im

Unterricht sonst nie hört. Text: Bianca Fritz Bilder: Simon Habegger / 13 Photo

Eigentlich wird

das Kondom

ja nur an der

«angezogenen»

Banane getestet.

Essen wollte sie

hinterher

trotzdem keiner

der Schüler mehr.

Bisher dachten die Mädchen

der Sek A in Richterswil,

dass sie ihre

Mitschüler ganz gut

kennen. Aber als jetzt

die Tafel umgeklappt wird, sind sie

schockiert. Einige reissen ungläubig

den Mund auf. Ein Mädchen dreht

den Kopf weg und versteckt sich

hinter seiner blonden Haarmähne.

«Schwanz», «Schwengel», «Fickstengel»,

«Ferrari», «Fredi» … die Synonyme,

welche die Jungen für das

Wort «Penis» gefunden haben, sind

schmutzig, kreativ, zuweilen skurril.

19 Namen sind es insgesamt. Die

Mädchen haben auf der anderen

Tafelseite gerade einmal 5 gefunden

– und zwar so brave wie «Pimmel»

oder «Glied».

Gut, vielleicht war das Spiel ein

bisschen unfair: Vermutlich setzt

man sich mehr mit dem Penis auseinander,

wenn man selbst einen

hat. «Die Frauen bekommen noch

eine Chance», sagt Frederic Thiele

auch prompt, und ergänzt augenzwinkernd:

«Jetzt wisst ihr ja, wie

die Jungs so ticken.» Er klappt die

Tafel wieder so um, dass Mädchen

und Jungen sich nicht sehen können.

«Und jetzt schreibt alle Syn ­

onyme auf, die euch für ‹Sex haben›

einfallen.»

Wieder herrscht aufgeregtes

Kreide-Quietschen – bei den Jungs

nur übertönt von lautem Lachen, die

Mädchen beraten sich flüsternd.

Und obwohl sie die einzigen sind,

die auf den schönen – und naheliegenden

– Begriff «Liebe machen»

gekommen sind, sind sie doch wieder

hinter den Jungs: 9 zu 22 Begriffe

sind es diesmal. Seltsame Stellungsbeschreibungen

wie «diagonal»

und «vertikal» wurden dabei schon

abgezogen. «Jungs, was soll das

überhaupt heissen?», hakt Frederic

Thiele nach. «Vertikal ist im Handstand

und diagonal, wenn die Beine

so scherenmässig ineinander sind»,

erklärt ein Schüler.

«Wie wollen wir uns ausdrücken?»

Die Spiele zu Beginn des Aufklärungsworkshops

der Organisation

«Achtung Liebe» sind lustig, aber

kein Selbstzweck. Die beiden Medizinstudenten

Frederic Thiele und

Anna Schmidt wollen erst ein­ >>>

45


Erziehung & Schule

«Haben die das

gerade echt

gesagt?» Die

Mädchen

entdecken neue

Seiten an ihren

Mitschülern.

>>> mal herausfinden, wo die nen und -Schüler winken ab: Das gesagt noch immer zusammen,

Schülerinnen und Schüler stehen.

Was wissen sie? Wie drücken sie sich

kennen sie alles. Aber als dann Anna

Schmidt noch einmal genau erklärt,

wenn Schüler mal ‹geil› sagen, obwohl

das heute ganz normal ist.»

aus? Thieles Urteil steht dabei ziemlich

schnell fest: «Die Jungs haben warum Frauen theoretisch immer wie der Zyklus funktioniert und

Lehrer haben keinen Zutritt

vermutlich alle schon Pornos gesehen.»

Und nachdem die schlimmsten

Worte ohnehin schon an der

Tafel stehen, legt man fest, wie man

sich im Workshop ausdrücken will.

«Also Möseflutsche ist nicht so angebracht,

oder? Das nehmen lieber wir

nicht», entscheidet Anna Schmidt.

Aber die medizinischen Begriffe

gefallen den Schülern dann auch

nicht. Man einigt sich auf «Schwengel»,

«Mumu» und «Liebe machen».

Und dann geht es erst einmal an

den trockenen Teil – die Anatomie.

Die 13-jährigen Sek-A-Schülerin-

schwanger werden können, ist es

plötzlich doch mucksmäuschenstill.

Ganz so einfach ist das eben nicht

– dafür aber ganz schön wichtig.

In der Pause schaut Klassenlehrer

Thomas Truog kurz vorbei, fragt, ob

alles in Ordnung ist. Dann verschwindet

er wieder. Wenn das

Team von «Achtung Liebe» im Klassenzimmer

ist, haben Lehrpersonen

keinen Zutritt. «Das ist gut so», sagt

der Lehrer. Und zwar nicht nur, weil

die Medizinstudierenden ein besseres

Fachwissen haben als er selbst:

«Ich bin über 60 und zucke ehrlich

Anna Schmidt, die auch Präsidentin

der Organisation «Achtung Liebe»

Schweiz ist, ergänzt: «Wenn die Lehrer

mit ihm Raum sind, kommen

keine so offenen Fragen. Uns sehen

sie einmal und dann nie wieder –

ausserdem sprechen wir noch eine

ähnliche Sprache wie die Jugendlichen.»

Das Prinzip der Peer Education

kommt gut an im Sexualkundeunterricht.

«Achtung Liebe» existiert

schon seit 2001, ist aber erst in den

vergangenen Jahren stark gewachsen.

Es gibt Einsätze rund um

Zürich, Bern und Basel und erste

Versuche im Tessin. Insgesamt besuchen

die ehrenamtlich arbeitenden

Studierenden zwischen 150 und 200

Schulklassen pro Jahr. Auf ihre Einsätze

werden sie in mehrtägigen

Workshops mit Ärzten und Sexualpädagogen

vorbereitet. Und «Ach-

Der Lehrer zuckt selbst beim

Wörtchen «geil» zusammen. Er

überlässt gerne anderen das Feld.

46 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Erziehung & Schule

tung Liebe» sind nicht die einzigen,

die Aufklärungsstunden in Schulen

anbieten. So kommen zum Beispiel

auch Mitarbeitende der Fachstelle

«Lust und Frust» in die Klassen. In

der Romandie findet Sexualkunde

nur mit externen Fachpersonen der

sexuellen Gesundheit statt.

Woran liegt es, dass Schulen gerne

aufklären lassen? Lehrpersonen

ist es oft unangenehm, mit Schülern

über Sexualität zu sprechen – das

war eigentlich schon immer so.

Zudem vertraut man gerne auf das

Fachwissen von aussen, weil die

Lehrerausbildung nicht auf den

Sexualkundeunterricht vorbereitet.

Es darf über Lust gesprochen

werden

Und vielen ist ausserdem nicht klar,

was über Sexualität in der Schule

gelehrt werden muss. «Nach den

heutigen Schulgesetzen kann es passieren,

dass Schülerinnen und Schüler

in ihrer ganzen Schulzeit nur mit

dem anatomischen Wissen konfrontiert

werden – und nie darüber diskutieren,

was eigentlich normal ist»,

sagt Arabel Mettler von «Sexuelle

Ge sundheit Schweiz» – dem Dachverband,

zu dem auch «Achtung

Liebe» gehört. «Viele werden nie

dazu angeregt, darüber nachzudenken,

welche Sexualität sie sich

wünschen.»

Ihre Organisation möchte einen

Sexualkundeunterricht, der über die

Vermittlung von Anatomie, Ge ­

schlechtskrankheiten und Gewaltprävention

hinausgeht und einen

positiven Ansatz hat. Das heisst, es

darf auch einmal über Lust gesprochen

werden. Denn gerade seit

Jugendliche so leicht mit harter Pornografie

in Kontakt kommen, hätten

sie viele Fragen, suchten Orientierungshilfen.

Und genau deshalb spart auch

«Achtung Liebe» das Thema Pornos

nicht aus. Frederic Thiele malt eine

Strich-Frau mit riesigen Brüsten

und einen Strich-Mann mit Riesenpenis

an die Tafel. Die Frau bückt

sich, der Mann kommt von hinten.

«Was ist das? Richtig, ein Porno!

Wobei? Fehlt da nicht noch was?»

Die Jungs nicken eifrig. «Was fehlt?»

«Licht!», «Kamera», «Regie», «Nahaufnahmen»,

die Schüler geben

Stichworte, Thiele zeichnet und die

Tafel wird immer voller. Und spätestens

als dann auch noch die Frage

mit ins Spiel kommt, wer damit wie

viel Geld verdient, ist den Schülerinnen

und Schülern klar: «Die wollen

nicht zeigen, wie Sex geht – die zeigen

etwas ganz anderes. Die machen

eben einen Film, der Geld und

Klicks bringen soll.» >>>

Manche Schüler lernen nur

etwas über Anatomie in der

Schule und sprechen nie

wirklich über Sex.

«Und was ist

das?» Anna

Schmidt nimmt

den weiblichen

Unterleib

auseinander.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 201647


Erziehung & Schule

«Für die Mädchen

ist Onanie ganz

häufig noch ein

richtiges

Tabuthema.»

Anna Schmidt, Medizinstudentin im letzten

Semester und Präsidentin der Organisation

«Achtung Liebe» Schweiz.

>>> Solche Worte löschen die Bilder

im Kopf der 13-jährigen Jungen

natürlich nicht aus. Das zeigt sich,

als sich Jungen und Mädchen

anschliessend anonym gegenseitig

Fragen stellen und beantworten dürfen.

Während die Mädchen brave

Fragen formulieren wie: «Worüber

redet ihr eigentlich in der Umkleide?

Ihr lacht immer so», wollen die Jungen

wissen: «Stöhnt ihr?», «Seid ihr

gerade spitz?», «Was macht euch

an?». Die Antworten der Mädchen

lauten «Nein!», «Quatsch!», und ein

Junge solle vor allem «lieb, lustig

und aufmerksam» sein. Und dann

«Die meisten

Jungen haben

längst harte

Pornos im Netz

gesehen.»

Frederic Thiele, Medizinstudent im 10. Semester.

Er gibt seit drei Jahren Aufklärungsworkshops an

Schulen für «Achtung Liebe» Schweiz.

kommt auch noch der Schock hinzu,

dass offenbar gar nicht alle Frauen

im Winter ihre Beine rasieren.

«Was?», ruft ein Junge mit angeekeltem

Gesichtsausdruck, und seine

Mitschülerin antwortet herablassend:

«Ja, warum sollten wir denn?

Sieht doch keiner.» Überhaupt fänden

sie das ganze Sex-Getue der

Jungs kindisch, verraten die Mädchen

in der Frauenrunde. Sie selbst

jedenfalls hätten noch nie Pornos

gesehen und würden sich auch nicht

selbst befriedigen.

«Der Unterschied ist typisch für

Jugendliche in dem Alter», sagt

Anna Schmidt. Allerdings nehme

sie den Mädchen ihre Unschuld

auch nicht so ganz ab. Sie würden

ihre ersten Erfahrungen wohl lieber

für sich behalten. «Selbstbefriedigung

ist bei den Mädchen einfach

mit einem ganz anderen Tabu belegt

als bei den Jungen.»

Anatomisch oder ganzheitlich?

«Sexuelle Gesundheit Schweiz»

strebt eine ganzheitliche Sexualaufklärung

an. Die Jugendlichen sollen

dazu befähigt werden, ihre eigenen

Wünsche und auch Grenzen zu kennen

und zu respektieren – was letztendlich

dazu führt, dass jeder selbst

entscheidet, wie er seine Sexualität

leben möchte – auch abseits der üblichen

Rollenbilder. Dieses Verständnis

bedeutet auch, dass Homosexualität

nicht abgewertet wird. Als die

Sprache im Workshop von «Achtung

Liebe» allerdings auf die gleichgeschlechtliche

Liebe kommt, prusten

die Jungen laut los. Und die Idee,

dass Homosexuelle Kinder haben

könnten, stösst allgemein auf Ablehnung.

«Weil die es sicher schwer

haben, ihren Freunden zu erklären,

warum sie zwei Mütter haben»,

Sexualkunde in der Deutschschweiz

Die Sexualbildung in der Deutschschweiz

ist laut der Organisation «Sexuelle

Gesundheit Schweiz» in drei Zyklen aufgeteilt:

Im Kindergarten soll Kindern

ab vier Jahren ein basales Körperwissen

vermittelt werden – also zum Beispiel

der Unterschied zwischen Jungen und

Mädchen sowie der Umgang mit Emotionen.

Ausserdem findet eine erste

Gewaltprävention statt, indem man

den Kindern vermittelt, dass sie selbst

bestimmen, wann und wie sie angefasst

werden.

Im dritten bis neunten Schuljahr

werden im Biologieunterricht Körper und

Pubertät behandelt sowie das gesellschaftlich

verschiedene Verhalten von

Mann und Frau angesprochen.

Ab der zehnten Klasse steht der

Sexualkundeunterricht, wie ihn die

meisten kennen, auf dem Lehrplan. Dieser

bleibt in vielen Kantonen und Schulen

auf anatomisches Wissen begrenzt. Also

beispielsweise: Wie wird man schwanger?

Wie funktionieren die Sexualorgane?

Gesetzlich sind die Schulen zudem dazu

verpflichtet, präventiv über die Themen

Gewalt und Geschlechtskrankheiten zu

informieren. Ein Schwerpunkt liegt auf der

HIV/Aids-Prävention.

Im Juli 2015 ist ein Volksbegehren von

den Initianten zurückgezogen worden,

das Sexualkundeunterricht unter neun

Jahren verbieten und bis zu zwölf Jahren

freiwillig machen wollte. Anlass für das

Volksbegehren war eine «Sexbox» mit

Plüsch-Vaginas und -Penissen, die an

Basler Schulen für Aufregung sorgte.

Während in der Deutschschweiz der Sexualkundeunterricht

sehr unterschiedlich

gestaltet ist, gibt es in der Romandie klare

Standards und grundsätzlich Unterricht

durch externe Fachpersonen der sexuellen

Gesundheit.

48 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


meint ein Mädchen. «Das ist einfach

unnatürlich – unsere Körper sind

dafür gemacht, dass Männer und

Frauen Sex haben», ergänzt ihr Mitschüler.

«Wirklich?», hakt Anna

Schmidt nach. «Und was, wenn ich

dir sage, dass es schon immer Homosexualität

gegeben hat und dass sie

auch bei vielen Tierarten normal

ist?» Der Junge zuckt unwirsch mit

den Schultern.

An das Mädchen gewandt, schlagen

die zwei Medizinstudierenden

vor, dass sie ja etwas daran ändern

können, wie sich Kinder von Homosexuellen

fühlen – indem sie es

ihnen eben nicht so schwer machen.

«Dass Homosexualität eine solche

Reaktion auslöst, erleben wir in

dem Alter häufig», sagt Anna

Schmidt. Das ändere sich oft erst,

wenn die Jugendlichen älter sind –

und etwa Homosexualität im Freundeskreis

erlebt haben. Wie sich

überhaupt vieles ändert, wenn

Sexua lität nicht mehr nur in der

Theorie und in Pornovideos existiert,

sondern erste Erfahrungen

hinzukommen. Dann fällt vielleicht

auch den Jungs der Begriff «Liebe

machen» für «Sex haben» ein.


Elterncoaching

Wie Eltern die Ängste ihrer Kinder

unbewusst verstärken

Im Umgang mit den Ängsten ihrer Kinder können Eltern einiges falsch

machen – und vieles richtig. Wie Ihr Kind gestärkt wird – und wann

Sie ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen sollten.

Fabian Grolimund

ist Psychologe und Autor («Mit

Kindern lernen»). In der Rubrik

«Elterncoaching» beantwortet

er Fragen aus dem Familienalltag.

Der 36-Jährige ist verheiratet

und Vater eines Sohnes, 3,

und einer Tochter, 1. Er lebt

mit seiner Familie in Freiburg.

www.mit-kindern-lernen.ch

www.biber-blog.com

Der Hund knurrt, der

Junge zittert, die

Mutter beschwichtigt:

«Der beisst doch

nicht! Willst du ihn

nicht mal streicheln? Du brauchst

doch keine Angst zu haben!»

Die meisten Kinder entwickeln

im Laufe ihres Lebens Ängste. Fast

jedes Kind hat während der Kindheit

Angst vor der Dunkelheit, vor

Monstern oder bestimmten Tieren.

Als Eltern können Sie in diesem Fall

ganz entspannt bleiben, das Nachtlämpchen

brennen und die Schlafzimmertüre

offen lassen, die Monster

unter dem Bett lautstark

vertreiben oder das Kind nach

einem Albtraum auch mal in Ihrem

Bett schlafen lassen. Meist verschwinden

diese Ängste genauso

plötzlich, wie sie gekommen sind.

Anders ist es, wenn ein Kind

Ängste entwickelt, die es einschränken

und unter denen es leidet. Sie

sollten als Eltern reagieren, wenn Ihr

Kind oft schlaflose Nächte vor Prüfungen

hat, unter sozialen Ängsten

leidet, die es ihm sehr schwer

machen, auf andere Kinder zuzugehen,

oder wenn die Angst vor

Die meisten Kinder entwicklen im

Laufe ihres Lebens Ängste. Das ist

völlig normal und geht vorbei.

bestimmten Tieren so gross wird,

dass sich das Kind kaum mehr nach

draussen getraut.

Im Umgang mit Ängsten kann

man als Eltern in einige Fallen tappen

und damit die Ängste des Kindes

unbewusst noch verstärken. In

diesem Artikel möchte ich Sie dafür

sensibilisieren. Im nächsten Heft –

sowie im in der rechten Spalte

erwähnten Film – erfahren Sie, wie

Sie Ihrem Kind helfen können, seine

Angst zu überwinden.

«Davor brauchst du doch keine

Angst zu haben!»

Diesen Satz bekommen Kinder bei

Ängsten von Erwachsenen oft zu

hören. Er verstärkt die Unsicherheit

des Kindes, weil er dem Kind nicht

dabei hilft, seine Gefühle «abzustellen»,

sondern sie als unangemessen

bezeichnet. Eine häufige Folge ist,

dass das Kind zwar nicht weniger

Angst hat, sich aber für seine Ängste

zusätzlich zu schämen beginnt.

Toms Vater meinte stattdessen:

«Weisst du, als Kind hat mir das

zuerst auch Angst gemacht.» Sofort

wurde Tom hellhörig und neugierig:

«Und was hast du dann gemacht?»

«Du schaffst das ganz bestimmt!»

Oft möchten Eltern Kindern versichern,

dass ihre Sorgen unbegründet

sind. Gerade bei Prüfungsängsten

begegnen mir oft Versicherungen

der Art «Du kannst das!», «Du

Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren

50 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


schaffst das bestimmt!». Kurzzeitig

mögen diese Parolen das Kind beruhigen

– aber immer rascher kommt

der Zweifel: «Und wenn nicht? ...»

Komischerweise werden Kinder

durch solche beruhigenden Versicherungen

zusätzlich verunsichert.

Selina, eine Jugendliche, die vor der

Lehrabschlussprüfung stand, meinte

zu mir: «Für meine Eltern existiert

die Möglichkeit, dass ich

durchfalle, gar nicht! Die sagen

immer, dass ich es ganz bestimmt

schaffe! Die wären sicher super enttäuscht,

wenn es bei den Prüfungen

nicht so rund läuft!»

Hilfreicher war das anschliessende

Gespräch mit ihren Eltern, bei

dem ernsthaft darüber gesprochen

wurde, was passiert, wenn Selina es

«nicht schafft». Die Eltern konnten

ihr glaubhaft darlegen, dass für sie

als Eltern keine Welt zusammenbrechen

würde und es für Selina ebenfalls

nicht so tragisch wäre, wenn sie

ein Jahr länger braucht. Kinder mit

Ängsten denken oft darüber nach,

was passieren würde, wenn …» Sie

denken diesen Gedanken aber nicht

zu Ende. Wenn wir ihnen genau

dabei helfen, erkennen sie oft: Erstens

wäre es nicht so tragisch und

zweitens gibt es einen Plan B!

«Sie konnte sich nicht konzentrieren,

weil sie solche Angst hatte!»

Wie wir mit der Angst umgehen,

wirkt sich oft entscheidender auf das

Ergebnis aus als die Angst selbst. So

gibt es fast keinen Zusammenhang

zwischen der Leistung in Prüfungen

und der körperlichen Aufgeregtheit.

Negative Auswirkungen auf die Leistung

kommen meist daher, dass Sorgen

von der Prüfung ablenken. Um

ein Beispiel zu machen:

Schauspieler Georg denkt: «Ohne

Lampenfieber bringe ich einfach

nicht die volle Leistung!» Wenn sein

Herz kurz vor dem Auftritt zu klopfen

beginnt, heisst er dies willkommen.

Er hat das Gefühl, voll da zu

sein, und profitiert von seinem

«Adrenalinschub».

Schauspieler Oliver denkt: «Hoffentlich

werde ich nicht nervös!» Als sein

Herz zu klopfen beginnt, denkt er:

«Oh nein! Mein Herz rast! Jetzt fängt

das wieder an! Sicher sehen alle, wie

nervös ich bin! Sicher vergesse ich

den Text!» Vor lauter Sorgen steigt

seine Angst weiter an, und sein Herz

klopft noch heftiger. Abgelenkt von

all den negativen Gedanken über

seine Angstsymptome kommt er tatsächlich

ins Stocken.

Nehmen Sie bei gravierenden

Ängsten Hilfe in Anspruch

Wenn Eltern sehr besorgt reagieren,

wenn ihr Kind von Ängsten berichtet,

können sie die «Angst vor der

Angst» verstärken und beim Kind

das Gefühl wecken: «Wenn ich Angst

bekomme, bin ich geliefert! Dann

geht gar nichts mehr!»

Als Eltern können Sie Ihr Kind

stärken, indem Sie ihm vermitteln,

dass Nervosität in solchen Situationen

dazugehört und es diese Gefühle

zulassen und annehmen darf.

Vielleicht überlegen Sie sich mit

dem Kind sogar einen Satz wie: «Ich

habe Angst … das ist o.k. – ich konzentriere

mich jetzt wieder auf die

Aufgabe … eins nach dem anderen.»

Oder: «Wenn ich ein Blackout habe,

dann drehe ich die Prüfung um und

sage zu mir: Du hast gerade ein

Blackout – das kann vorkommen.

Atme langsam und tief ein und aus

und lies die Aufgabe dann nochmals

durch.»

Falls Ihr Kind unter seinen Ängsten

leidet, sollten Sie unbedingt Hilfe

in Anspruch nehmen. Ängste

lassen sich in einer Therapie meist

sehr gut behandeln – und der Zugewinn

an Lebensqualität ist so hoch,

dass sich der Aufwand mehr als

lohnt! Auf der Webseite der FSP

(Föderation der Schweizer Psychologinnen

und Psychologen) finden

Sie Hilfe: www.psychologie.ch.

Kurztipps

So können Eltern ihrem Kind helfen, seine Ängste

zu bewältigen.

Nehmen Sie seine Gefühle ernst. Sprechen Sie

mit ihm darüber, wie es mit seinen Ängsten

umgehen kann.

Zeigen Sie Ihrem Kind, dass Ängste zum Leben

dazugehören und überwunden werden können.

Räumen Sie der Angst nicht zu viel Macht ein.

Verdeutlichen Sie Ihrem Kind: Du kannst trotz

Angst einen Vortrag halten, eine Prüfung

schreiben oder auf andere Kinder zugehen.

Erklären Sie Ihrem Kind, dass man im Leben

immer eine zweite Chance erhält und man auch

ein glückliches Leben führen kann, wenn die eine

oder andere «Katastrophe» eintritt.

Ängste bewältigen: Mit dem kleinen Biber

Der kleine Biber fürchtet sich vor dem Vortrag.

Zum Glück ist seine Tante Biber-Beraterin.

Erfahren Sie in diesem Kurzfilm, wie Sie Ihr Kind

bei Ängsten unterstützen können.

www.fritzundfraenzi.ch > Eltern-Info > Videos

«Starkes Kind» > Teil 4: Kleine Angstmonster-

Kunde

Aussagen wie «Du kannst das,

du schaffst das» beruhigen

ein Kind nur kurzfristig.

Laden und starten

Sie die Fritz+Fränzi-App.

Scannen Sie diese Seite

und sehen Sie im Video,

wie der Biber seine

Angst überwindet.

In der nächsten Ausgabe:

Warum es wichtig ist, dass Kinder den Mut finden,

sich auf Ängste einzulassen.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 201651


Seit Jahren lesen wir Berichte über die stetig wachsende Zahl

von Kindern, die das Medikament Ritalin einnehmen. Leiden

heute tatsächlich mehr Jugendliche an ADHS? Oder werden

einfach nur mehr Diagnosen gestellt? Eine Analyse. Text: Peter Rüesch

52 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Serie

Das Phänomen des

unruhigen Kindes

ist nicht neu. Daran

erinnert die

Geschichte der

Begriffe, welche das Phänomen

beschreiben: Sie verläuft vom

bekannten «Zappelphilipp» aus

dem späten 19. Jahrhundert über

das POS (Psycho-Organisches Syndrom)

aus den 60er/70er-Jahren

des 20. Jahrhundert zum heutigen

Begriff ADHS. Es wird immer das

gleiche Phänomen beschrieben,

aber jeweils unterschiedlich erklärt

und behandelt. Neu ist der verbreitete

Einsatz von Medikamenten,

von sogenannten Methylphenidaten

(MPH, z. B. Ritalin) zur

Behandlung der Zappeligkeit. Aber

selbst diese Entwicklung ist in die

Jahre gekommen: Die medikamentöse

Behandlung von ADHS erlebte

ihren ersten Boom bereits in den

1980er-Jahren in den USA und

erreichte Europa wenig später.

Zur Diagnose und Behandlung

von ADHS

Die Abkürzung ADHS steht für den

Begriff der Aufmerksamkeitsdefizit-

Hyperaktivitätsstörung und stammt

aus der psychiatrischen Diagnostik.

Die Bezeichnung ADHS hat ihren

Ursprung im Englischen, im deutschen

Sprachraum wird oft von der

sogenannten Hyperkinetischen Störung

gesprochen. Beide Definitionen

beschreiben eine Störung der Aufmerksamkeit

und der Aktivität der

betroffenen Person.

Wichtig ist dabei, dass heute in

der Kinder- und Jugendpsychiatrie

der Grundsatz der multimodalen

Behandlung von ADHS gilt, das

heisst: ADHS-Kinder sollen immer

eine Kombination verschiedener

Massnahmen und Behandlungen

erhalten. Dazu zählen neben der

Psychotherapie auch Beratung und

Erziehungstrainingsprogramme für

die Eltern. Die medikamentöse

Behandlung wird nur bei starker

Ausprägung von ADHS und auch

dann nicht als alleinige Therapie

empfohlen.

Vor diesem Hintergrund stellt

sich die Frage, wie es in den letzten

Jahren trotzdem zu einer starken

Zunahme von Ritalin-Behandlungen

gekommen ist.

Ritalin, eine Volksdroge?

In der Tat wird auch für die

Schweiz über eine besorgniserregende

Zunahme an Ritalin-Behandlungen

berichtet. Doch auf

welche Zahlen können wir uns

dabei tatsächlich abstützen? Verfügbar

sind nur Studien, die zeitlich

und geografisch begrenzt sind.

So zeigt etwa eine Studie aus dem

Kanton Zürich, dass bei Kindern

im Schulalter die MPH-Verschreibungen

von 1,5 Prozent in 2006

auf 2,6 Prozent in 2012 zugenommen

haben [1]. Dafür sind folgende

Gründe theoretisch denkbar:

A) Mehr Kinder sind belastet:

Die Häufigkeit von belasteten

Kindern insgesamt hat in

der Schweiz zugenommen.

B) Mehr Kinder werden diagnostiziert:

Die Häufigkeit

von erkannten bzw. diagnostizierten

Fällen hat zugenommen.

C) Mehr Kinder erhalten Medikamente:

Die Häufigkeit von

Kindern, welche MPH verschrieben

erhalten, hat zugenommen.

Der Erklärungsansatz A (mehr

Kinder sind «krank») scheint


wenig wahrscheinlich, da

eine Verdoppelung belasteter Kinder

innerhalb von vier Jahren aufgrund

von Daten aus anderen Ländern

kaum zu erwarten ist.

Plausibler sind die Erklärungen B

und C: Es erhielten in den letzten

Jahren mehr Schulkinder, z. B.

durch häufigere Abklärungen, eine

ADHS-Diagnose und/oder ein

zunehmender Anteil von diagnostizierten

Kindern wurde medikamentös

behandelt. Die Variante C2

scheint wenig wahrscheinlich, weil

die Verschreibung des Medikaments

in der Mehrheit der Fälle

durch einen Facharzt erfolgt.

Wichtig ist: Die Zunahme der

MPH-Behandlungen muss nicht

zwingend durch eine Veränderung

der Behandlungspräferenzen in

Richtung «mehr Medikamente»

bedingt sein, sie ist auch allein

durch vermehrte Abklärungen

bzw. mehr diagnostizierte Fälle

erklärbar.

ADHS und Medikalisierung

Die Ergebnisse dieses kurzen

Exkurses deuten darauf hin, dass

die wachsende Bedeutung von

ADHS unter Schulkindern nicht

allein auf die grössere Belastung

der Kinder zurückzuführen ist. Es

scheint vielmehr, dass die Umgebung

der Kinder, also Eltern und

Lehrpersonen, heute anders auf ein

schon immer existierendes Phänomen

reagiert. Heutzutage wird oft

«therapeutisch» oder «medizinisch»

auf ein Verhalten reagiert,

das in seiner Ausprägung als nicht

mehr akzeptabel bewertet wird.

Hier setzt die soziologische

Theo rie der «Medikalisierung» an.

Dieser Begriff steht für die These,

dass auffälliges Verhalten und Erleben

als Ausdruck einer gesundheitlichen

Störung erklärt und

medizinisch behandelt wird. Dabei

spielt die historische Perspektive

eine wichtige Rolle: Es geht um

Verhaltensweisen, die früher nicht

als Gesundheitsproblem oder

Krankheit, sondern als ein disziplinarisches,

erzieherisches Problem

oder auch als Lebensschicksal

betrachtet wurden.

Nun werden diese Phänomene der

Medizin zugänglich gemacht und

durch eine spezifische Dia gnose

kategorisiert. Die Schweizerische

Akademie der Medizinischen Wissenschaften

beschrieb Medikalisierung

treffend wie folgt: «Von

Medikalisierung spricht man,

wenn etwa Stress am Arbeitsplatz

Diagnose von ADHS

Gemäss der DSM-5 müssen für die Diagnose

einer ADHS mindestens sechs

Symptome aus den Schwerpunktphänomenen

der Unaufmerksamkeit oder

der Hyperaktivität/Impulsivität festgestellt

werden (Kriterium I).

Die Symptome sollten in den letzten

sechs Monaten aufgetreten sein und in

einem Ausmass, das mit dem Entwicklungsstand

des Kindes nicht zu vereinbaren

ist. Zusätzlich müssen bei der

Diagnosestellung von ADHS vier weitere

Hauptkriterien erfüllt werden.

Beeinträchtigende Symptome sind

schon vor dem zwölften Lebensjahr aufgetreten

(Kriterium II) und mindestens

zwei Lebensbereiche sind durch die

Symptome gestört (Kriterium III):

Zusätzlich müssen klare Indizien für die

Beeinträchtigung im schulischen,

oder Überforderung durch Kinderbetreuung

zu Symptomen führen,

die medizinisch behandelt

werden; wenn also, statt die gesellschaftlichen

Ursachen anzugehen,

die Problemlösung in die Verantwortung

von Ärztinnen und Ärzten

ausgelagert wird» [2].

Die These der Medikalisierung

wurde vom amerikanischen Soziologen

Peter Conrad entwickelt. Er

beschrieb folgende Triebfedern der

Medikalisierung: Erstens die Entwicklung

der psychiatrischen Diagnostik.

Diese zeigt sich etwa beim

amerikanischen Diagnostikmanual

für die Psychiatrie, wo sich die

Zahl der Diagnosen zwischen 1952

und 1994 von 102 auf 297 annähernd

verdreifacht hat.

Zweitens tauchten parallel dazu

ab den 50er Jahren die ersten Psychopharmaka

auf dem Markt auf,

welche für die Behandlung psychischer

Leiden eingesetzt werden

konnten. Drittens schliesslich veränderte

sich auch das Verhalten

sozialen oder beruflichen Bereich vorliegen

(Kriterium IV).

Ausserdem sind die Symptome nicht

durch eine Entwicklungsstörung, Schizophrenie

oder andere psychotische

Störung erklärbar oder werden nicht

durch eine andere psychische

Erkrankung ausgelöst (Kriterium V).

Die ICD-10 definiert die Hyperkinetische

Störung «durch einen frühen Beginn

(meist in den ersten fünf Lebensjahren),

einen Mangel an Ausdauer bei Beschäftigungen,

die kognitiven Einsatz verlangen,

und eine Tendenz, von einer Tätigkeit zu

einer anderen zu wechseln, ohne etwas zu

Ende zu bringen; hinzu kommt eine desorganisierte,

mangelhaft regulierte und

überschiessende Aktivität».

54 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Serie

der potenziellen Patienten: Diese

sind heute auch Konsumenteninnen

auf dem Gesundheitsmarkt,

sie sind informiert und wollen

möglichst autonom entscheiden.

Fachleute berichten unter diesem

Hintergrund über eine nicht

immer solide erfolgende Diagnostizierung

von ADHS unter dem

Druck der Eltern, die eine rasche

Hilfe für die Probleme ihres Kindes

erwarten.

Konsequenzen

Medikalisierung ist nicht per se

etwas Negatives. Gerade im Bereich

psychischer Krankheiten ist auch das

quasi umgekehrte Phänomen be ­

kannt, indem psychische Probleme

lange unbehandelt bleiben – mit

manchmal schwerwiegenden Folgen

für die betroffenen Menschen. Dennoch

bringt die Medikalisierung

nicht zu unterschätzende Risiken mit

sich:

• Die Pathologisierung von Leidenszuständen,

die früher als

schwerwiegend, aber letztlich

alltäglich bewertet wurden. Die

Gefahr besteht dabei, dass wir

immer weniger schwierige Situationen

ohne den Beizug von

Experten bewältigen können.

• Die Individualisierung von Verhaltensproblemen.

Der Fokus

der Aufmerksamkeit liegt auf

dem Verhalten und weniger auf

den Verhältnissen, welche die

Probleme mitverursachen. In

Bezug auf ADHS etwa fällt auf,

dass vergleichsweise wenig darüber

diskutiert wird, inwieweit

die Anforderungen der Schule

an die Aufmerksamkeit der Kinder

die ADHS-Diagnose mitbegünstigen.

• Die Veränderung der gesellschaftlichen

Norm, was als «normales»

oder «gesundes» Verhalten

bewertet wird. Die WHO hat

Gesundheit als Zustand des vollständigen

körperlichen, geistigen

und sozialen Wohlergehens definiert,

das mehr umfasst als die

blosse Abwesenheit von Krankheit

oder Gebrechen. Ausgehend

von dieser Messlatte befinden

wir uns nicht immer im Zustand

maximalen Wohlergehens, gelten

aber deshalb nicht gleich als

krank.

So betrachtet kann man nun den

Prozess der Medikalisierung auch

als Verschiebung der Grenze der

medizinischen Behandlungsbedürftigkeit

eines Problems in Richtung

Gesundheit beschreiben. Als

Folge dieser Verschiebung wird

das Spektrum an Zuständen und

Verhaltensweisen, die noch als

gesund gelten, generell schmaler.

Je schmaler aber dieses Spektrum

ist, desto mehr Menschen benötigen

Behandlung und desto mehr

Massnahmen sind erforderlich.

Fazit

Die Entwicklung der ADHS-Diagnosen

und die Behandlung der

betroffenen Kinder sollten weiterhin

kritisch beobachtet werden.

Dabei ist dem oftmals grossen Leidensdruck

der Eltern und Kinder

Rechnung zu tragen: Es wäre

falsch, die medikamentöse

Behandlung von ADHS grundsätzlich

zu verteufeln und so zur weiteren

Stigmatisierung der Eltern

beizutragen.

Vermehrt in den Blick zu nehmen

ist jedoch die Problemlösekompetenz

vor Ort, jenseits des

Griffes zu medizinischen oder

anderen therapeutischen Interventionen.

Dabei sollte besonders das

Zusammenspiel von Elternhaus

und Schule betrachtet werden. Beide

Bereiche sind so stark voneinander

abhängig, dass Interventionen,

die nur am einen Ort

ansetzen, auch nur begrenzten

Erfolg haben dürften. Es stellt sich

die Frage, wie sowohl Eltern als

auch Lehrpersonen besser unterstützt

werden können, Kinder mit

Aufmerksamkeitsproblemen

erfolgreich im Alltag zu begleiten –

ohne den Rückgriff auf Medikamente.

Es ist auch zu prüfen, wie

die Anforderungen des schulischen

Lehrplanes toleranter und flexibler

auf das Lerntempo und die Lernbedürfnisse

dieser Kinder ausgerichtet

werden können.

>>>

Referenzen.

1. Rüesch, P.; Altwicker-Hámori,

S.; Juvalta, S.; Robin, D. (2014).

Behandlung von ADHS bei Kindern

und Jugendlichen im Kanton Zürich

(Forschungsbericht z. Hd. der

Zürcher Gesundheitsdirektion). Winterthur:

Forschungsstelle Gesundheitswissenschaften.

2. Pilgrim, U. (2012). Medikalisierung

– ist immer mehr immer besser?

bulletin SAMW, 4/12, 1–4.

Peter Rüesch

Prof. Dr., Psychologe FSP, leitet die Forschungsstelle

Gesundheitswissenschaften an der Zürcher

Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Er

führte mehrere Studien zur psychischen Gesundheit

von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz durch.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 201655


In Zusammenarbeit mit PostFinance

Erziehung & Schule

Kinder machen lassen!

Der 12-jährige Noah hat heute einen grossen «Batzen» von seinem Grossvater bekommen. Mit seinem

Freund und der 50er-Note in der Tasche marschiert er schnurstracks ins Einkaufszentrum. Wieder zu

Hause präsentiert er der Mutter seine Beute: ein ferngesteuertes Rennauto! Die Mutter schluckt leer.

Text: Pamela Aeschlimann

MoneyFit-Tipp

Wie Eltern ihre Kinder schrittweise auf die

finanzielle Eigenständigkeit vorbereiten können:

Bis Schuleintritt: «Sparkässeli»; Ausgeben

von Erspartem begleiten

Schuleintritt bis 12 Jahre: Verantwortung

für einige persönliche Ausgaben übergeben

Ab 12 Jahren: Verantwortung für bestimmte

Lebenskosten, Kontoführung sowie Einsatz

von Zahlungskarten übergeben

Natürlich will die Mutter

ihrem Sohn die Freude nicht

verderben. Schliesslich soll

er mit seinem Geld kaufen

dürfen, was er möchte. Doch sie

zweifelt auch, ob sie ihren Sohn

wirklich schon selber über sein

Erspartes entscheiden lassen soll.

Wie Noahs Mutter stellen sich

viele Eltern irgendwann die Frage, wie

viel Verantwortung im Umgang mit

Geld sie ihrem Kind zutrauen können.

Ab welchem Alter sollen Kinder überhaupt

über eigenes Geld verfügen?

Wie weit sollen die Eltern über den

Einsatz des Geldes mitbestimmen?

Wann sind Kinder alt genug, um

Aufgaben im Umgang mit Geld selbständig

zu übernehmen?

Damit der Einstieg in die Eigenständigkeit

gelingt, müssen Kinder

einiges über Geld lernen und wissen.

Dies geht am effektivsten und

nachhaltigsten, wenn Kinder und

Jugendliche den Umgang mit Geld

in Alltagssituationen üben und dabei

nach und nach mehr Verantwortung

übernehmen (dürfen). Als Eltern

haben Sie die Möglichkeit, auf den

verschiedenen Altersstufen solche

Lerngelegenheiten zu schaffen:

• Lassen Sie die Kinder bereits im

Vorschulalter kleine Geldbeträge,

die sie von den Grosseltern oder

dem Götti zugesteckt bekommen,

in einem eigenen Sparkässeli

aufbewahren. Nachdem sich das

Kässeli ausreichend gefüllt hat,

kann das Kind unter Ihrer Aufsicht

etwas Besonderes mit dem

Ersparten kaufen.

• Nach dem Schuleintritt sind

Kinder in der Regel bereit,

ein regelmässig ausbezahltes

Taschengeld selber zu verwalten.

Klären Sie zuerst mit Ihren

Kindern, für welche Dinge das

Taschengeld bestimmt ist. Lassen

Sie ihnen danach aber möglichst

freie Hand. Kinder lernen am

besten aus eigener Erfahrung –

dazu gehören auch Fehlkäufe.

Sie werden zum Beispiel bald

erkennen, dass sie sich länger

nichts mehr kaufen können, wenn

sie das ganze Taschengeld bereits

am ersten Tag ausgeben.

• Kinder ab etwa 12 Jahren können

mehr finanzielle Verantwortung

tragen. Legen Sie mit den

Jugendlichen fest, für welche

Lebenskosten (z. B. Kleider, Mittagsverpflegung)

sie mit einem

«erweiterten Taschengeld»

von nun an selbst aufkommen

müssen.

• Als weitere Möglichkeit bietet

sich an, den Betrag direkt auf

das Konto der Jugendlichen einzuzahlen.

So haben Ihre Kinder

zugleich Gelegenheit, die Handhabung

von E-Banking, Debitkarten

und eventuell Prepaid-Kreditkarten

zu üben. Dabei lernen

sie auch, verantwortungsbewusst

mit den vielseitigen Möglichkeiten

des Geldausgebens umzugehen.

Pamela Aeschlimann

ist ausgebildete Lehrperson Sek I und Leiterin

des Projektteams MoneyFit bei der LerNetz.

Seit über zehn Jahren setzt sich

PostFinance mit kostenlosen

Angeboten für die Steigerung der

Finanzkompetenz der Jugend ein.

Die professionell aufbereiteten

Lernmedien unterstützen

Lehrpersonen und Eltern bei der

Erziehungsarbeit ums Thema Geld.

moneyfit.postfinance.ch

postfinance.ch

56 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Kolumne

Das rechnet sich

(nicht)!

Mikael Krogerus

ist Autor und Journalist.

Der Finne ist Vater einer Tochter

und eines Sohnes, lebt in Biel

und schreibt regelmässig für

das Schweizer ElternMagazin

Fritz+Fränzi und andere

Schweizer Medien.

Letzte Nacht hatte ich einen Albtraum. Es ist ein wiederkehrendes

Thema, seit 20 Jahren schon: Ich sitze in einem Klassenzimmer, die

Aufgaben im Fach Mathematik werden verteilt – und ich kann keine

einzige lösen. Träume, so heisst es, sind Botschaften aus dem

Unterbewusstsein. Aber was bedeuten sie? Es gibt verschiedene

Theorien, zwei der populärsten gehen so:

a) In Träumen verarbeiten wir unsere Erlebnisse.

b) In Träumen verarbeiten wir unsere unbewussten Ängste.

In meinem Fall haben wir a + b. Wenn mein Kopf schläft, formieren sich in den

Untiefen meines Unterbewusstseins meine grössten Ängste mit meinen

schlimmsten Erlebnissen zu einem Drama. Denn mein Standardtraum beruht

auf wahren Begebenheiten. An kaum etwas in meinem Leben erinnere ich mich

besser als an meine Maturprüfung in Mathematik – eine fünfstündige Klausur

irgendwann im Frühjahr 1995. Unser Lehrer war ein kaltherziger Mann mit

der Ausstrahlung eines Lageraufsehers. Der Prüfungsbogen wurde verteilt, fünf

Aufgaben standen drauf. Einmal Kurvenberechnungen, etwas, das ich eigentlich

konnte, bloss diesmal nicht; dann Vektor – das war eh hoffnungslos; ferner

irgendwas mit Integralrechnungen und Gleichungen, die harmlos wirkten, ich

aber selbst mit der vollständigen Lösung vor Augen nicht verstanden hätte; und

dann die Sternchenaufgabe, eine Zusatzsache für Hochbegabte aus dem

Themenkreis imaginäre Zahlen. Ich drehte das Blatt um in der Hoffnung, auf der

Rückseite die einfacheren Aufgaben zu finden. Nichts. Es war nicht so, dass ich

nicht gelernt hatte, es war mehr so, dass ich nichts konnte. Die folgenden

Stunden hatte ich ausgiebig Zeit, über das Leben nachzudenken – und über das

Sterben. Ich wusste, dass ich die Matur wiederholen müsste und damit auch die

Matheprüfung. Wie der griechische Schalk Sisyphos, der geglaubt hatte, den Tod

überlisten zu können, und dafür mit ewigem Leben bestraft wurde, sah ich mich

den Rest meines Lebens an unlösbaren Matheaufgaben verzweifeln. Die

allegorische Tiefe der Situation war erdrückend. Was dann folgte, ist weder schön

noch ehrenhaft, aber wahr: Vor mir sass Nina T., die bereits die Sternchenaufgabe

gelöst hatte. Wenn ich mich sehr weit nach vorne beugte, konnte ich einen

Blick darauf werfen. Ich begann, ihre Lösung abzuschreiben. Plötzlich bemerkte

sie mich und schob ein Papier über ihre Lösung.

Ich weiss nicht, was aus Nina T. wurde, ich habe sie nach der Matur nie wieder

gesehen, bin mir aber ziemlich sicher, dass die Götter es nicht so gut mit ihr

gemeint haben.

Drei Wochen später erhielt ich kein Verfahren wegen Betrugs, sondern den

Hinweis, dass ich dank der halbfertigen Sternchenaufgabe die erforderliche

Mindestpunktzahl erzielt hatte. Bei der Maturfeier wollte ich den Lageraufseher

vor Glück küssen. Er verabschiedete mich mit den Worten: Ergreifen Sie am

besten einen Beruf, bei dem Sie nicht rechnen müssen.

Hierzu habe ich zwei Anmerkungen. Erstens: Manchmal helfen dir miese

Tricks und üble Finten. Zweitens: Die Aufgaben, denen du dich nicht stellst,

werden dir bis in deine Träume folgen.

Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 201657


Stiftung Elternsein

Alles Dada, gaga oder was?

Ellen Ringier über humanistische Werte und eigenständiges Denken.

Bild: Vera Hartmann / 13 Photo

Dr. Ellen Ringier präsidiert

die Stiftung Elternsein.

Sie ist Mutter zweier Töchter.

Vor 100 Jahren wurde eine so kurzlebige

wie unvergessliche Kunstrichtung

geboren, deren Träger sich als Anti-

Künstler verstanden und von sich

behaupteten, «Vorkämpfer des Dilettantismus»

zu sein: die Dada-Bewegung!

Der höhere Nonsens mit lautmalerischen,

inhaltlich leeren Worthülsen,

die neue Kunst als Zerstörerin des

geschönt Überhöhten und Propagandistin

der realen, kaputten, grausamen und chaotischen

Welt … Dada beleidigt den gesunden Menschenverstand

und fordert ihm gleichzeitig dringende

Antworten ab, regt zwingend zum Nachdenken über

das Selbstverständliche an, weil Selbstverständliches

davon lebt, nicht anders denkbar zu sein!

Mit «gaga» hingegen wurden bereits in meiner

Kindheit Meinungen abqualifiziert, die einfach nur

stumpfsinnig, unsinnig waren, und – ich muss es

gestehen – wer anscheinend an Demenz litt, hatte sich

dieses unschöne Adjektiv auch gefallen zu lassen.

Wie verrückt oder eben gaga muss man beispielsweise

sein, um vorsätzlich am völkerrechtlichen Prinzip

der Gewaltenteilung, an den Menschrechtskonventionen

und sogar der eigenen Verfassung zu

rütteln? So wie die Initianten der Durchsetzungsinitiative,

die in Kauf nahmen, dass bei einer Annahme

Tausende von kleinkriminellen Secondos ihre

Abschiebung am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte

in Strassburg anfechten würden – und

viele Recht bekämen. Wer wohl würde dann behaupten,

die grosse Zahl von europäischen Urteilen gegen

Schweizer Rechtsprechung zeige, wie dringend nötig

die Kündigung der Europäischen Menschenrechtskonvention

(EMRK) sei, wenn man Herr über seine

eigene Rechtsprechung bleiben wolle? Der antihumanistische

Populist!

Oder was geht bei den Menschen ab, die eine der

erfolgreichsten Institutionen zur frühen Anleitung

von jungen Menschen zum akademischen Denken,

das Langzeitgymnasium, abschaffen wollen? Die Welt

um uns herum und auch bei uns radikalisiert sich

immer mehr, sie verabschiedet sich damit zusehends

von den humanistischen Werten!

Der Satz «ich weiss nichts, macht nichts» ist gaga!

Ziel müsste es im Gegenteil sein, auch jungen Menschen,

die in dysfunktionalen Familien aufwachsen

müssen, Vertrauen in ihre Fähigkeiten und in ihr

«Menschsein» aufzubauen, etwas, das ein Langzeitgymnasium

am besten zu leisten vermag.

Manchenorts beginnt man die Integration junger

Ausländern mit Comicstrip-ähnlichen Leporellos und

Heftchen, die einem unweigerlich ein Lachen hervorrufen.

Ziel wäre es aber, Migranten zu lehren, für ihre

Handlungen, auch und insbesondere unerwünschte

sexuelle Handlungen, Verantwortung zu übernehmen.

Glauben wir wirklich, dass junge Männer, die in

einer Machokultur gross geworden sind und Frauen

seit Kindheit von der herrschenden Männerwelt als

«minderwertige Klasse» behandelt erleben, sich von

einer kleinen, harmlosen Zeichnung bekehren lassen?

Was diesen Menschen fehlt, ist eine humanistische

Bildung! Sollen nicht wenigstens möglichst viele

Schweizer Jugendliche eine solche erfahren? Dann

nichts wie ab ins Gymnasium, je länger, desto besser!

Wenn der Dalai-Lama mit seinem Credo, wonach

die Grundlage des Weltfriedens das Mitgefühl sei,

recht hat, so sind wir genau jetzt dabei, den Frieden

sogar im Inland zu verspielen.

Und so hängen die Durchsetzungsinitiative und die

Forderung nach Abschaffung des humanistischen

Langzeitgymnasiums am Ende eng zusammen: Der

Verlust an humanitärem Bewusstsein, der Verlust an

Empathie für den Mitmenschen kostet uns Frieden

und Freiheit! Dada lädt uns ein, darüber ernsthaft

nachzudenken, alles andere ist gaga.

STIFTUNG ELTERNSEIN

«Eltern werden ist nicht schwer,

Eltern sein dagegen sehr.» Frei nach Wilhelm Busch

Oft fühlen sich Eltern alleingelassen in ihren Unsicherheiten,

Fragen, Sorgen. Hier setzt die Stiftung Elternsein an. Sie

richtet sich an Eltern von schulpflichtigen Kindern und

Jugendlichen. Sie fördert den Dialog zwischen Eltern,

Kindern, Lehrern und die Vernetzung der eltern- und

erziehungsrelevanten Organisationen in der deutschsprachigen

Schweiz. Die Stiftung Elternsein gibt das Schweizer

ElternMagazin Fritz+Fränzi heraus. www.elternsein.ch

58 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Service

1001 Adressen

Die wichtigsten Institutionen, Stellen und Vereine, die Eltern informieren

und unterstützen – von Kinderbetreuung über Rechtshilfe bis Suchtberatung.

Noch mehr

Adressen finden Sie auf

www.fritzundfraenzi.ch

> Netzwerk

> 1001 Adressen

Telefonnummern

für den Notfall

143

•Die Dargebotene

Hand

agredis.ch –

gewaltberatung

Unterlachenstrasse 12

6005 Luzern

Tel. 041 362 23 33

Hotline 078 744 88 88

Fax 041 361 20 30

gewaltberatung@agredis.ch

www.agredis.ch

Elternnotruf Aargau

Beratungsstelle bei

Erziehungsfragen,

Überforderung

und Kindsmisshandlung

Tel. 0848 35 45 55

24h@elternnotruf.ch

www.elternnotruf.ch

Elternnotruf

Region Zug

Beratungsstelle bei

Erziehungsfragen,

Überforderung

und Kindsmisshandlung

Tel. 0848 35 45 55

24h@elternnotruf.ch

www.elternnotruf.ch

Elternnotruf +

Beratungsstelle

Region Zürich

Beratungsstelle bei

Erziehungsfragen,

Überforderung

und Kindsmisshandlung

Weinbergstrasse 135

8006 Zürich

Tel. 0848 35 45 55

24h@elternnotruf.ch

www.elternnotruf.ch

Internet- und

SMS-Seelsorge

per SMS an 767

per E-Mail an

seelsorge@seelsorge.net

www.seelsorge.net

Kinder- und Jugendnotruf

St. Gallen

Kinderschutzzentrum

St. Gallen

Tel. 071 243 77 77

www.kjn.ch

Pro Juventute

Beratung

+ Hilfe 147

Telefon, SMS, Chat,

Thurgauerstrasse 39

Postfach, 8050 Zürich

Tel. 147, www.147.ch

Schweizerisches

Toxikologisches

Informationszentrum

Tel. 044 251 51 51

Hotline 145

www.toxi.ch

Sorgentelefon

Tel. 044 261 21 21

Verein

Tele-Hilfe Basel

Bruderholzallee 167

4059 Basel

NOTRUF 143

Tel. 061 367 90 90

Fax 061 367 90 95

basel@143.ch

www.basel.143.ch

Opferhilfestellen

Benefo-Stiftung

•Fachstelle Opferstelle

Thurgau

Zürcherstrasse 149

8500 Frauenfeld

Tel. 052 723 48 26

(Erwachsene)

Tel. 052 723 48 23 (Kinder)

benefo@benefo.ch,

www.benefo.ch

Beratungsstelle

Frauenhaus Region Biel

Für weibliche Opfer von

häuslicher Gewalt

Kontrollstrasse 12

2503 Biel

Tel. 032 322 03 44

info@solfemmes.ch

www.solfemmes.ch

Beratungsstelle

Gewaltbetroffene

Frauen

•Fachstelle der

Stiftung Opferhilfe

SG/AI/AR

Teufenerstrasse 11

9001 St. Gallen

Tel. 071 227 11 44

beratungsstelle.frauen@

opferhilfe-sg.ch

www.opferhilfe-sg.ch

Beratungsstelle

Nottelefon für

Frauen – gegen

sexuelle Gewalt

Postfach, 8026 Zürich

Tel. 044 291 46 46

Fax 044 242 82 14

info@frauenberatung.ch

www.frauenberatung.ch

Beratungsstelle

Opferhilfe

•Fachstelle der

Stiftung Opferhilfe

SG/AI/AR

Teufenerstrasse 11

9001 St. Gallen

Tel. 071 227 11 00

Fax 071 227 11 09

beratungsstelle.

opferhilfe@opferhilfe-sg.ch

www.opferhilfe-sg.ch

Kinderbetreuung –

ein Beruf mit Zukunft!

Der Beruf «Fachperson Betreuung, Fachrichtung Kinderbetreuung»

hat in den vergangenen Jahren einen Riesenaufschwung erlebt.

Obwohl sich die Zahl der Kindertagesstätten dank finanzieller

Unterstützung des Bundes vervielfacht hat, bleibt das Angebot an

offenen Ausbildungsplätzen ungenügend: nicht alle Schulabgängerinnen,

die diesen Weg einschlagen möchten, finden eine Lehrstelle.

Das bke bietet deshalb eine private, schulisch organisierte Ausbildung

mit einem musisch-kreativen Schwerpunkt. Mit Kindern

arbeiten verlangt vielseitige, neugierige und verständnisvolle

Betreuungspersonen, und der Beruf FaBe bietet vielfältige

und interessante Anschlussmöglichkeiten.

Informationen zu Aus- und Weiterbildung finden Sie auf www.bke.ch

Siewerdtstrasse 7

8050 Zürich

T 044 315 15 75

www.bke.ch

Berufs- und Weiterbildung

Kinderbetreuung

• Berufsvorbereitungsjahr

Kinderbetreuung BVJ

• Fachperson Betreuung FaBeK

3-jährige Grundaus bildung zum EFZ

• Nachholbildung FaBeK

Für Erwachsene (nach Art. 32 BBV)

• Berufliche Weiter bildung

für Fach personen

In familien- und

schul ergänzenden

Kinderbetreuungs -

einrichtungen

So lernen wir.

In einem Klima der Wärme.

Wo Leistung zählt, aber nicht nur.

Infoabende

für die 5. und 6. Primarklasse:

29. März 2016, 18 Uhr

info@fesz.ch | www.fesz.ch

Telefon 043 268 84 84

Waldmannstr. 9 | 8001 Zürich


Do sier

Do sier

Text: Nadine Zimet Bilder: Gabi Vogt /13 Photo

Dossier

Do sier

«Danke für den

objektiven Bericht»

«Das Schweizer ElternMagazin –

besser und interessanter»

«Die Situation

spitzt sich zu»

(Dossier Kiffen, Heft 2/16)

Vernebelt

Wie schädlich ist Ki fen wirklich? Experten streiten sich darüber.

Viele fordern ein Verbot, andere die Legalisierung von Cannabis

– oft sogar im Namen des Jugendschutzes. Eltern wünschen sich

vor allem eines: Antworten. Und Aufklärung.

Text: Virginia Nolan Bilder: Herbert Zimmerma n / 13 Photo

10 Februar 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi Februar 2016 1

Seit Ihr Heft nicht mehr Fritz+Fränzi, sondern Das Schweizer

ElternMagazin heisst, ist es sehr viel besser und interessanter

geworden. Wir haben vier Kinder im Alter zwischen 7 und 13 Jahren

und finden das Heft wirklich toll. Es hat viele hilfreiche Artikel, vor

allem über Teenager-Themen wie Handy usw. – Weiter so!

Mit Interesse habe ich Ihre Artikel zum Thema Kiffen bei

Jugendlichen in der Februar-Ausgabe gelesen. Ich will mich

hiermit bestens bedanken für diese objektive Berichterstattung.

Die Medien sind leider, insbesondere dieses Thema betreffend,

meist selten so objektiv und neutral. Es wäre wünschenswert,

wenn es mehr solchen Journalismus in der Schweiz gäbe.

Viele Grüsse

Marianne Casutt (per Mail)

Ich bin Mitglied vom Verein Legalize it!, und wir versuchen seit

25 Jahren, die Legalisierung voranzutreiben. Die Situation in der

Schweiz spitzt sich leider zunehmend zu, und die Repression wird

schleichend immer stärker. Dies wird den meisten erst bewusst,

wenn sie in den Mühlen der Justiz gefangen sind, oft einhergehend

mit Verlust des Führerscheins, Arbeitslosigkeit und sozialer

Ausgrenzung. Deshalb sind wir momentan vor allem mit

Rechtsberatungen beschäftigt und können unser eigentliches

Anliegen kaum mehr verfolgen. Entsprechend freuen wir uns

immer über solche Artikel, die uns helfen, Unsicherheiten aus

dem Weg zu räumen.

Übrigens: Auf unserer Webseite www.hanflegal.ch finden sich

zahlreiche Informationen und Statistiken, insbesondere das

Rechtliche betreffend.

Mit freundlichen Grüssen

Markus Graf (per Mail)

«Das weiss man schon

seit 112 Jahren»

(Dossier «Erziehen ohne Strafe»,

Heft 10/15 1/16)

Sehr geehrte Damen und Herren

Erziehen ohne Strafen –

ja, das geht!

Wie bringen wir Kinder dazu, unerwünschtes Verhalten zu unterlassen?

Indem wir sie bestrafen oder ihnen etwas Positives entziehen.

Doch es geht auch anders. Eine Anleitung zum konstruktiven Umgang

mit Kindern in Konfliktsituationen.

10 Dezember 2015 / Januar 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi Dezember 2015 / Januar 2016 1

Mit nicht wenig Erstaunen habe ich Ihren Artikel über die «Erziehung

ohne Strafe» gelesen. Wussten Sie nicht, dass dieses «neue»

Wissen mittlerweile 112 Jahre alt ist? Seit 1904 weiss man, dass

die strafende Erziehung schädlich ist. Alfred Adler hat mit Sorge

mehrmals darauf hingewiesen, welche Charakterfehler mit Strafen

erreicht werden können.

Wenn aber Dornröschen schon aufgewacht ist, könnte es auch in

den Schulen und in den pädagogischen Hochschulen ein wenig

wirken, denn dort herrscht noch tiefes Mittelalter: Strichli, Lätschli,

Strafzgi, Kreditkarten, Hinausschicken, Drohen, Schimpfen usw.

Mit freundlichen Grüssen

Mária Kenessey-Szuhányi (per Mail)

Institut für Integrative Psychologie und Pädagogik, Zürich

60 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


«Als Mu ter fühlte

ich mich hilflos,

auch schuldig,

da s sich meine

Tochter fast zu

Tode hungerte.»

s ist Herbst 2 09. Unsere

Tochter Lea ist 14 Jahre

alt. Wie andere Mädchen

in diesem Alter hat

sie in den letzten Mona­

wohnten. A les war überschaubar,

nicht so in der Bezirk schule mit Nun ist es offensichtlich: Lea hat

abgenommen, sieht aber noch

über 7 0 Schülern.

Winter 2009/2010

ze s.

Frühling 2010

immer gut aus, schön schlank! Sie

Sommer 2010

und packt zu meiner Beruhigung ein

extragro ses Pausenbrot ein – e sen

tut sie es nicht.

Dort eskaliert die Situation. Lea i st

In den Sommerferien fährt sie

zwei Wochen ins Blauringlager.

37

Leserbriefe

«Solche Texte sind

wertvoll»

(«Lea wog nur noch 30 Kilo»,

Heft 2/16)

Psychologie & Gesellschaft

«Leas Gesicht hat diesen leeren

Ausdruck. Sie wiegt noch 30 Kilo»

E

Lea* ist 14, als sie anfängt, ihr Gewicht zu kontrollieren. Mit 15 kann sie kaum

noch e sen, mit 16 fürchten die Eltern ihren Tod. Ihre Mu ter erzählt von Leas Weg

in die Magersucht, ihrem Kampf gegen die Krankheit und davon, was ihr letztlich

in ein glückliches Leben zurückgeholfen hat.

bi schen aufs E sen schauen», sagt

Lea hat Liebeskummer. Sie möchte

aber nicht darüber sprechen.

ein Kind in diesem Alter langsam

Zimmer verzieht, weg vom Familientisch.

Ein enge Freundin hat

nicht mehr so wie in der Primar­

Text: Leas Mu ter (möchte nicht namentlich gena nt werden) Bilder: Daniel Auf der Mauer / 13 Photo

hat weibliche Formen und Rundun­

kleiner, unser Familienleben wird

immer mehr von den unschönen

bist du noch im Wachstum und Auseinandersetzungen rund ums

E sen belastet. Die gemeinsamen

Wind. Si e se ja! Ich koche viel

gen bekommen, dick ist sie aber Fisch, Reis, Gemüse. Das hat Lea

kiloweise Äpfel, lernt verbi sen in

ihrem Zimmer und scho tet sich

immer mehr von ihrem sozialen

«Ernährungslehre» durchgenommen.

Wir Eltern finden das gut

zur Komplizin meiner Tochter


ten etwas zugenommen. Ihr Körper

Mahlzeiten werden zur Qual. Auch

keineswegs. «Mama, ich möchte ein

sie. In der Biologie wird gerade die bei», sage ich mir. Da s ich mich so

de n je und «rechtfertigen» ihr Verhalten.

bewu st e sen schadet nicht. Zuerst ze, verdränge ich. Da sie krank ist,

lä st Lea die Schokolade weg. Da n da s das Hungern zur Sucht geworden

ist, ist mir zu diesem Zeitpunkt sozialarbeiter Kontakt auf. «Ich wi l

fängt sie an, Dinkelbrötchen für die

Pause zu backen. Ganze Listen von

Am Spor tag bricht Lea zusammen.

Kalorientabe len finde ich später in

ihrem Be t unter der Matratze.

Schlie slich ist es normal, da sich

von den Eltern zurückzieht, sich ins

in die Bezirk schule ist für sie vieles noch nicht bewu st. Der Weg in die

Lea nicht mehr. Nach dem Übertri t

schule. Dort ha te sie zwei Freundinnen,

die auch in der Nachbarschaft

Joghurt mit Früchten oder Su pe.

kleiner! Du mu st e sen, schlie slich

«Lea, deine Portionen werden immer

brauchst eine Menge Energie.» Unsere

Ermahnungen schlägt sie in den

gerne. So i st sie wenigstens etwas.

«Es ist nur eine Phase, es geht vor­

mache, sie in ihrem Wahn unterstüt­

«Die Portionen

werden immer

kleiner, die

Mahlzeiten zur

Qual.»

E störung ist ein schleichender Pro­

schoben, die Portionen werden stetig

unsere zwei Jahre jüngere Tochter

Kathrin leidet. Lea bleibt stur. Sie i st

Umfeld ab. Ihre Noten sind be ser

Zu Haus erzählt sie nichts davon.

Ihre Lehrerin ruft mich an, macht

mich auf die Abmagerung unserer

Tochter aufmerksam. Wie ich erst

später erfahre, machen sich auch ihre

Kla senkameraden Sorgen, versuchen

mit Lea zu sprechen, auf sie

einzuwirken. Kurz vor den Sommerferien

nehmen wir mit dem Schul­

mir Mühe geben», verspricht sie uns

«Ein Genuss»

Guten Tag Herr Niethammer

und die ganze Fritz+Fränzi Crew

36 Februar 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

Werter Herr Niethammer

Lea ist immer strenger zu sich, zum

Nachte sen gönnt sie sich nur noch >>>

bekommt Komplimente. Vermehrt

nichts mehr, nimmt in dieser Zeit

haben wir Streit am E stisch. Die

Sauce wird auf den Te le rand ge­ det sehe – abgemagert, mit

vier Kilo ab. Als ich auf der Lager­

Homepage meine Tochter abgebil­

Leider habe auch ich solch leidvolle Erfahrungen machen müssen

mit einer meiner Töchter, und beim Lesen des Textes habe ich

meine Geschichte ein kleines Stück weiterverarbeiten können.

Ganz vieles ist bei uns ähnlich verlaufen.

Neben dem Magazin des Tages-Anzeigers ist Ihr Elternmagazin die

einzige Zeitung, die ich wirklich ganz regelmässig mit Genuss

verschlinge. Ich möchte mich an dieser Stelle für die wertvollen und

spannenden Beiträge und das ganze Engagement herzlich bedanken.

Katharina Rast-Pupato (per Mail)

Ich finde es sehr wertvoll, dass Sie solche Texte veröffentlichen.

Es ist unvorstellbar, wie schleichend und subtil die Krankheit

daherkommt, und plötzlich ist sie da. Da sind gute Adressen, an

die man sich wenden kann, Gold wert.

Vielen Dank für diesen Beitrag.

Freundliche Grüsse

B. B. (Name der Redaktion bekannt; per Brief)

Schreiben Sie uns!

Ihre Meinung ist uns wichtig. Sie erreichen uns über:

leserbriefe@fritzundfraenzi.ch oder Redaktion Fritz+Fränzi,

Dufourstrasse 97, 8008 Zürich. Und natürlich auch über Facebook:

www.facebook.com/fritzundfraenzi und Twitter: @fritzundfraenzi

Die Leserbriefe bilden die Meinung der jeweiligen Autoren ab,

nicht die der Redaktion. Kürzungen behält sich die Redaktion vor.

Damit Sie Ihr Ziel nicht aus den Augen verlieren:

Wir unterstützen die Zürcher Wanderwege.

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Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 201661


Hochsensible Kinder verstehen

Hochsensible Kinder wirken oft zurückhaltend, ängstlich, kontaktscheu. In ihrem Umfeld

werden sie häufig als Mimose oder Sensibelchen abgestempelt; ihre Potenziale

werden übergangen. Erst bei näherem Kennenlernen wird ersichtlich, wie einfühlsam

und verlässlich sie sind, wie gut sie beobachten können, wie bedacht sie handeln.

Text: Melanie Vita Bild: Tytia Habing / Plainpicture

62 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Erziehung & Schule

Hochsensibilität

betrifft 15 bis

20 Prozent

aller Kinder.

Lena hat sich im Kindergarten

nach einer längeren

Eingewöhnungsphase

gut integriert. Die

Loslösung von der Mutter

fiel ihr schwer. In den ersten

Monaten stand sie meist unsicher,

beobachtend und scheinbar teilnahmslos

im Raum, ohne sich Spielpartner

zu suchen. Erst mit der Zeit

fasste Lena Vertrauen, gesellte sich

zu anderen, meist ruhigen Kindern

und ging den lauten, forschen und

fordernden Kindern aus dem Weg.

Seit klar ist, dass sie in die Schule

soll, klagt sie über Einschlafschwierigkeiten.

Der neue Lebensabschnitt

bereitet dem Mädchen grosses Kopfzerbrechen,

Ängste tauchen auf.

Auch im Alltag beschreibt Lenas

Mutter ihre Tochter als besonders

unsicher in unbekannten Situationen

und mit extrem starkem Rückzugsverhalten,

sobald Stress und

Hektik aufkommen. Über viele Kleinigkeiten

zerbreche sich ihre Tochter

den Kopf. Bezüglich der Einschulung

macht sich die Mutter

inzwischen Sorgen. Wird ihre Tochter

die Umstellung schaffen? Wie

wird sie mit ihren Mitschülern, mit

den Lehrern und den schulischen

Anforderungen zurechtkommen?

So wie Lena geht es vielen Kindern.

Oft wird ihr zurückhaltendes,

vorsichtiges Verhalten missverstanden

und falsch interpretiert. Stossen

Hilfe suchende Eltern beim Ergründen

von Verhaltensweisen ihres

Kindes auf das Thema Hochsensibilität,

fällt ihnen nicht selten ein Stein

vom Herzen. «Jetzt verstehe ich endlich,

warum mein Kind sich so verhält»,

ist einer der meistgehörten

Sätze in der Beratung.

Die Auseinandersetzung mit diesem

Thema lohnt sich. Laut der

amerikanischen Psychologin Elaine

Aron sind 15 bis 20 Prozent aller

Kinder und Erwachsenen hochsensibel.

Hat das eigene Kind eine

hochsensible Persönlichkeitsstruktur,

kann das Wissen darüber helfen,

den Alltag zu meistern und so zu

gestalten, dass das Kind in seiner

Entwicklung optimal gefördert wird

und seine Fähigkeiten ausschöpfen

kann.

Was ist Hochsensibilität?

Laut Elaine Aron ist die Hochsensibilität

ein angeborenes und damit

auch vererbtes Persönlichkeitsmerkmal.

Eine hochsensible Veranlagung

zeigt sich in der Regel bereits im

Säuglingsalter, unter anderem durch

ein intensives und aufmerksames

Beobachten des Umfeldes, durch ein

schnelles Quengeln bei zu vielen

Aktivitäten und durch ein geringeres

Bedürfnis, das Umfeld zu erkunden

– Aron spricht hier von einem Verhaltenshemmsystem,

das bei hochsensiblen

Kindern verstärkt aktiv ist.

Hochsensible Kinder, kurz HSK,

haben von Geburt an ein empfindsameres

Nervensystem. Sie nehmen

Sinneseindrücke viel intensiver

wahr als andere. Kaum etwas prallt

einfach an ihnen ab. Was sie beobachten,

spüren und wahrnehmen,

wollen sie verarbeiten, durchdenken,

verstehen. HSK nehmen dabei

viel mehr Details auf als die Mehrzahl

ihrer Mitmenschen und denken

intensiver über das nach, was sie

erleben.

Verständlich, dass hochsensiblen

Kindern schnell alles zu viel wird.

Die Menge an wahrgenommenen

Informationen, wie etwa Stimmungen

von Mitmenschen, Geräusche,

Gerüche, sorgt dafür, dass diese Kinder

viel Zeit brauchen, um Geschehnisse

zu verarbeiten.

Strömen zu viele Eindrücke auf

diese Kinder ein, kann es zu einer

Reizüberflutung kommen. Sie fühlen

sich in der Folge erschöpft, geraten

unter Stress, möchten sich von

der Aussenwelt abschirmen oder

sind gereizt. Entgegen ihrer sonst so

ruhigen und freundlichen Art

beginnen HSK zu quengeln, zu weinen

oder mittels Wutausbrüchen zu

signalisieren, dass ihnen alles zu viel

ist. Auch Schlafprobleme, Kopf- und

Bauchschmerzen können Warnsignale

für eine Überreizung sein. Neuen

Situationen stehen HSK zunächst

sehr vorsichtig und beobachtend

gegenüber. Sie durchdenken alle

Risiken, und erst wenn sie sich

sicher fühlen und Vertrauen gewinnen,

werden sie aktiv und handeln.

Hochsensibilität ist keine Störung

Meist bemerken Eltern schon sehr

früh, dass ihr Kind sich anders verhält

als andere Kinder, haben dafür

aber keine Erklärung. Nicht selten

stellt sich die Frage: Ist das Verhalten

meines Kindes noch normal oder

zeigt sich eine Störung, die einer

Therapie bedarf?

Die Psychologin Elaine Aron verdeutlicht,

dass Hochsensibilität ein

positiv zu bewertendes Persönlichkeitsmerkmal

und kein Krankheitsbild

ist. Je besser Eltern, Bezugspersonen

und Pädagogen auf die

Eigenart der HSK eingehen, desto

grösser die Chance, dass das Kind

die Herausforderungen des Lebens

meistert. Der Versuch einer Desensibilisierung

oder ein Umfeld, das

der Hochsensibilität keinen Raum

lässt, kann in Folge Störungsbilder

hervorrufen.

Eltern sind in der Entwicklung

ihres hochsensiblen Kindes immer

wieder vor Herausforderungen

gestellt, die unter Umständen alleine

nicht zu bewältigen sind. Was, wenn

die Schlafprobleme überhandnehmen,

wenn das Kind beginnt, jegliche

Kontakte zu meiden? Wenn es

mit seiner Andersartigkeit >>>

Hochsensible Kinder klagen

bei Überreizung über

Kopf- und Bauchschmerzen.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 201663


nicht zurechtkommt? Wenn

es in der Pubertät die notwendige

Ablösung nicht schafft, weil dadurch

Sicherheit und Struktur wegbrechen?

Hier kann es hilfreich sein,

wenn Eltern sich Unterstützung bei

Psychologen oder Therapeuten

suchen, die sich auf das Thema

Hochsensibilität spezialisiert haben.

Die Stärken im Blick behalten

Hochsensible Kinder haben eine

Vielzahl an Fähigkeiten, die sehr

wertvoll sind. Dazu gehören unter

anderem ein gutes Einfühlungsvermögen,

eine ausgeprägte Intuition,

ein starkes Gerechtigkeitsempfinden,

Verlässlichkeit, Kreativität und

eine hoch entwickelte Detailwahrnehmung.

In der Schule zeigen HSK

oft gute Leistungen. Sie möchten ihre

Aufgaben so gut wie möglich lösen,

nehmen schulische Inhalte detailliert

auf und erkennen komplexe Zusammenhänge

schnell. Durch die hohe

Hochsensible Kinder

brauchen Ruhephasen und

die Möglichkeit, aufzutanken.

sensorische Wahrnehmung zeigt

sich oft eine hohe musische oder

künstlerische Begabung. Ebenso

zeigt sich ein feiner Geruchs-, Geschmacks-

und Tastsinn. Damit sich

dieses Potenzial entfalten kann, ist

es notwendig, den Kindern Ruhephasen

zu ermöglichen und ihr Bedürfnis

nach Rückzug ernst zu nehmen.

Auf diese Weise können sie Tagesgeschehnisse

und Informationen in

Ruhe verarbeiten.

Die Schwächen hochsensibler

Kinder

Hochsensible Kinder zeigen meist

dann Schwierigkeiten, wenn sie

durch Stress und Hektik aus dem

Gleichgewicht kommen. Neue Situationen

überfordern sie in der Regel,

und auch schwierige Lebensumstände

verhindern, dass die Potenziale

zum Tragen kommen. Grundsätzlich

kann davon ausgegangen werden,

dass HSK bei jeder neuen Situation,

sei es der Eintritt in den Kindergarten,

die Einschulung, der Start ins

Berufsleben, zunächst vorsichtig,

beobachtend und ängstlich sind.

Risiken gehen HSK ungern ein. Sie

sind darauf bedacht, wenig aufzufallen,

alles recht zu machen und Kon-

flikte weitgehend zu vermeiden. Dies

liegt daran, dass HSK durch ihre

hohe Beobachtungsgabe sehr schnell

merken, wann sie andere enttäuschen,

verletzen oder vor den Kopf

stossen. Um Konflikte zu vermeiden,

zeigen hochsensible Kinder eine

hohe Anpassungsfähigkeit und stellen

eigene Bedürfnisse in den Hintergrund.

Was Eltern tun können

Ob ein Kind seine Hochsensibilität

als Stärke oder Schwäche, Gabe oder

Last empfindet und wie die Entwicklung

bis zum Erwachsenwerden verläuft,

hängt stark von seinen Erfahrungen

ab. Grundsätzlich ist es

wichtig, hochsensiblen Kindern

Verständnis entgegenzubringen,

sie in ihrer Eigenart anzunehmen

und zu akzeptieren. Hochsensible

haben persönliche Grenzen, die

ernst ge nommen werden sollten. Das

Abwägen zwischen den Bedürfnissen

des Kindes und den gesellschaftlichen

Anforderungen kann für

Eltern oft sehr herausfordernd sein.

Neue Situationen sollten mit

hochsensiblen Kindern durch

Gespräche und Rollenspiele vorbereitet

werden. Überraschungen und

Woran erkenne ich ein hochsensibles Kind?

Folgende Aussagen können helfen, ein Kind auf

seine hochsensible Persönlichkeit einzuschätzen:

Mein Kind …

1. erschrickt leicht

2. hat eine empfindliche Haut, verträgt keine

kratzenden Stoffe oder keine Nähte in Socken

oder Etiketten in T-Shirts

3. mag keine Überraschungen

4. profitiert beim Lernen eher durch sanfte

Belehrung als harte Strafe

5. hat einen für sein Alter ungewöhnlich

gehobenen Wortschatz

6. scheint meine Gedanken lesen zu können

7. ist geruchsempfindlich, sogar bei sehr

schwachen Gerüchen

8. hat einen klugen Sinn für Humor

9. scheint sehr einfühlsam zu sein

10. kann nach einem aufregenden Tag schlecht

einschlafen

11. hat Mühe mit grossen Veränderungen

12. findet nasse oder schmutzige Kleidung

unangenehm

13. stellt viele Fragen

14. ist ein Perfektionist

64 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Erziehung & Schule

Spontanaktionen lösen bei HSK

regelrecht Stress aus und belasten

das Kind unnötig. Jedes Gespräch,

jeder Hinweis, jede zusätzliche

Information über das, was die Kinder

erwartet, bedeutet für Hochsensible

mehr Sicherheit und

damit weniger Grund zur Angst.

Das kann heissen, die Menükarte

eines neuen Restaurants im Vorfeld

mit dem Kind schon durchzulesen,

um ihm dann bei der Familienfeier

vor vielen Personen eine Blamage zu

ersparen. Es kann auch heissen, vor

der Einschulung bereits einen Schulbesuch

abzustatten, sich über den

zukünftigen Lehrer zu informieren,

den Ablauf eines Schulvormittags

im Vorfeld durchzuspielen. Je mehr

Zeit hierfür im Vorfeld investiert

wird, umso gelassener kann das

Kind auf die unbekannte Situation

zugehen.

Da hochsensible Kinder sehr

schnell überfordert, gestresst und

reizüberflutet sind, brauchen sie

dringend immer wieder Ruhephasen

und Möglichkeiten, aufzutanken.

Dies kann bedeuten, dass Freizeitaktivitäten

reduziert und immer

wieder Phasen geschaffen werden,

in denen das Kind keiner Aktivität

ausgesetzt ist. Insbesondere hochsensible

Schulkinder brauchen

immer wieder «mentale Gesundheitstage»,

sprich Tage, an denen sie

nicht lernen müssen und sich eine

Auszeit nehmen dürfen. Auch Familienrituale

und ein strukturierter

Alltag sind diesbezüglich förderlich.

Was diese Kinder brauchen, ist

ein Umfeld, das milde und wohlwollend

mit ihnen umgeht. Hochsensible

Kinder gehen mit sich selbst

sehr kritisch um, haben hohe An ­

sprüche, sind damit beschäftigt, es

allen recht zu machen, keine Fehler

zu begehen. Umso wichtiger ist es,

dass Eltern und wichtige Bezugspersonen

Milde walten lassen,

wenn Situationen schiefgehen,

Fehler ge macht werden, Ängste zu

gross sind und die Kinder es nicht

schaffen, über ihren Schatten zu

springen. Damit erfahren hochsensible

Kinder eine Entlastung und

lernen, dass sie genau so, wie sie

sind, geliebt, gewollt und angenommen

sind.

>>>

Link-Tipps

www.hochsensibel-leben.de

www.ifhs.ch

www.hochsensibel.org

www.zartbesaitet.net

Literatur-Tipps

Elaine Aron: Das hochsensible

Kind. mvg, 2012, 350 S., Fr 25.90

Christa und Dirk Lüling: Mit

feinen Sensoren. ASAPH, 2014,

160 S., Fr. 21.90

Brigitte Schorr: Hochsensibilität

– Empfindsamkeit leben und

verstehen. SCM Hänssler, 2015,

79 S., Fr. 11.90

Georg Parlow: Zart besaitet.

Festland, 2015, 248 S., Fr. 32.90

Melanie Vita

40, ist Diplomsozialpädagogin und

Lerntherapeutin. Sie berät seit über fünf

Jahren hochsensible Kinder, Jugendliche,

Eltern und Erwachsene in ihrer Privatpraxis

«Hochsensibel leben» in Ulm.

15. bemerkt, wenn andere unglücklich sind

16. bevorzugt leise Spiele

17. stellt tiefgründige Fragen, die nachdenklich

stimmen

18. ist sehr schmerzempfindlich

19. ist lärmempfindlich

20. registriert Details (Veränderungen in der

Einrichtung oder im Erscheinungsbild

eines Menschen usw.)

21. denkt über mögliche Gefahren nach, bevor

es ein Risiko eingeht

22. erzielt die beste Leistung, wenn keine

Fremden dabei sind

23. hat ein intensives Gefühlsleben

Auswertung: Treffen mindestens 13 Aussagen auf

das Kind zu, kann davon ausgegangen werden,

dass es hochsensibel ist.

Quelle: E. Aron, «Das hochsensible Kind»

Wichtiger Hinweis: Der Fragebogen dient als

Orientierungshilfe für Eltern und Bezugspersonen

und kann nicht mit einer psychologischen

Testdiagnostik verglichen werden. Ziel der

Einschätzung ist es, ein tieferes Verständnis

für das Kind und seine Verhaltensweisen zu

bekommen. Viele Situationen können so

verstanden und neu beurteilt werden.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 201665


Behandlung

mit Stich

Eltern verlangen immer öfter nach alternativen Therapiemethoden für ihre Kinder.

Deshalb wird Akupunktur vermehrt in der Jugendmedizin angewendet. Welche Risiken

bestehen – und was Eltern beachten müssen. Text: Petra Seeburger

Tims Mutter hatte alles probiert. Vom Hausarzt

über den Augenarzt, den Neurologen,

Orthopäden, Endokrinologen bis zum Psychologen.

Tim wurde durch die ganze Diagnostikmühle

gedreht – MRI, CT, zahlreiche

Blutentnahmen und einiges mehr. Laut Ärzten und

Befunden ist Tim gesund. Und doch leidet der 11-Jährige

seit einem Jahr an schweren Kopfwehattacken. Nur

weiss niemand warum. Kommt ein Anfall, muss Tim

ins Bett. Er braucht dann starke Schmerzmittel. Den

Versuch mit Akupunktur hat schliesslich der Kinderarzt

empfohlen. Seit Tim nun akupunktiert wird, werden die

Anfälle weniger und schwächer.

Akupunktur ist eine Therapieform der Traditionellen

Chinesischen Medizin (TCM). In der philosophischen

Vorstellung fliesst dabei eine Art Körperenergie durch

zwölf Leitbahnen, die für bestimmte Körperfunktionen

stehen. Mit Nadeln können diese Energiebahnen beeinflusst

werden. So werden energetische Störungen ausgeglichen

und die Körperfunktionen reguliert. Rund

365 klassische Akupunkturpunkte sind bekannt.

Akupunktur ohne Nadel

Für die Therapie gibt es verschiedene Methoden: die

Nadel akupunktur mit Nadeln aus Stahl, Silber oder Gold

sowie die Laserakupunktur und die Punktstimulation,

bei denen Laserlicht oder Elektrowellen die Nadeln

ersetzen. Shonishin ist eine japanische Form der Akupressur,

bei der mit Streich-, Druck-, Vibrations- und

Klopftechniken behandelt wird. Varianten ohne Nadeln

kommen oft bei der Therapie von Kindern zum Zug.

Barbara Grange, die in Winterthur eine Praxis für

Akupunktur TCM und Naturheilkunde betreibt, behandelt

Kinder und Jugendliche mit Halflaser – einem speziellen

Akupunkturlaser: «Diese Methode ist schmerzlos

und der Behandlung mit Nadeln absolut ebenbürtig.»

Ihrer Meinung nach sollten Kinder und Jugendliche

unbedingt ihrem Alter angepasst behandelt werden. Oft

werden neben der Akupunktur noch andere Naturheilverfahren

wie Homöopathie, Bachblüten oder Kräuter

angewendet. Solche Alternativen empfiehlt Barbara

Grange auch, wenn Kinder eine Behandlung mit Nadeln

ablehnen.

Ein Vorgespräch zum Erklären und fürs Vertrauen

Für Dr. med. Johannes Fleckenstein, Dozent für Traditionelle

Chinesische Medizin/Akupunktur an der Universität

Bern, sind Akupunkturnadeln auch bei Kindern

anwendbar, besonders ab dem Alter der ersten Primarschulklasse.

«Spezielle dünne Akupunkturnadeln mit

Führungsröhrchen reduzieren den Schmerzreiz beim

Einstich», sagt er. «Vorher braucht es aber ein Gespräch,

bei dem das Vorgehen erklärt wird, damit das Kind versteht,

was passiert, und Vertrauen gewinnt.» In der

Behandlung von Säuglingen und Kleinkindern werde

sehr häufig ein Akupunkturlaser verwendet. Studien

lassen darauf schliessen, dass die Nadel- und die Laserstimulation

der blossen Berührung wie bei der Akupressur

überlegen ist – vor allem in der Schmerztherapie.

«Klinische Berichte sind bezüglich der Wirksamkeit sehr

überzeugend», sagt Dr. Fleckenstein.

Kaum Nebenwirkungen

Nach den Indikationen gefragt, betont der Arzt und

TCM-Spezialist, dass Schmerzbehandlungen, beispielsweise

bei Kopfschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden,

Allergien oder bei Neurodermitis, im Vordergrund stehen.

Studien belegen auch eine gute Wirksamkeit bei

Menstruationsproblemen pubertierender Mädchen. Die

Naturheilärztin Barbara Grange behandelt in ihrer Pra-

Bild: Luis Portugal / Getty Images

66 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Ernährung & Gesundheit

xis viele Kinder mit Schulschwierigkeiten, Konzentrationsstörungen

oder Motivationsproblemen. Sie betont,

dass sich eine westliche medizinische Behandlung und

die Akupunktur gut ergänzen lassen.

Diese Erfahrung bestätigt Johannes Fleckenstein. In

seiner Abteilung würden auch junge Krebspatienten

betreut. Dort gehe es darum, die Begleitsymptomatik

von Chemotherapien oder Bestrahlungen zu reduzieren

– also Übelkeit, Erbrechen, Mundtrockenheit und

Antriebslosigkeit. «Davon können viele Patienten profitieren.»

Die Nadelakupunktur gilt als nebenwirkungsarmes

Verfahren. Laut Johannes Fleckenstein werden von gut

ausgebildeten Akupunkteuren kaum Zwischenfälle

berichtet: «Am häufigsten wird der Einstich als schmerzhaft

wahrgenommen.» Verletzungen von Gefässen und

Nerven sind sehr selten (weniger als 1 Fall auf 200 000

Nadelstiche). Es könne blaue Flecken geben, und

manchmal wirke sich die Akupunktur auf den Kreislauf

aus. Dies bestätigt auch Barbara Grange: Manchmal

werde ein Kind durch die Akupunktur etwas müde, das

gehe nach zirka zwei Stunden vor über. «Die Lasermethode

wird aber sehr gut vertragen und von Kindern

gut akzeptiert.» Bei der Shonishin-Methode seien blaue

Flecken häufiger, gelegentlich werde der Druck schmerzhaft

wahrgenommen. Beide Spezialisten raten in Notfallsituationen

von Akupunktur ab. Auch wenn ein Kind

die Behandlung abwehrt und nicht gerne kommt, sei

dies nicht die richtige Methode.

Mit Akupunktur Symptome lindern

Viele Kinder und Jugendliche leiden heutzutage unter

den raschen Veränderungen unserer Gesellschaft. «Diese

Überlastungen zeigen sich als Kopfschmerzen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten

oder Allergien», sagt

Johannes Fleckenstein. Gerade Akupunktur kann dazu

beitragen, diese Symptome zu lindern. Das therapeutische

Setting der Akupunktur schaffe aber auch einen

Rückzugsraum und ermöglicht so einen individuellen

biopsychosozialen Ansatz. «Bevor Eltern ihre Kinder zu

Medikamenten greifen lassen, ist diese sanfte, medikamentenlose

Form der Medizin ein erster Schritt, das

Gleichgewicht wiederherzustellen», sagt Johannes Fleckenstein.

Auch für Barbara Grange ist Akupunktur eine wertvolle

Methode, um Kinder zu behandeln, da ihre

Lebens energie noch wenig blockiert und daher einfach

zu regulieren ist. Sie betont: «Diese Methode hat im

Gegensatz zu einer Medikamententherapie keine

Nebenwirkungen, die den kindlichen Organismus belasten

könnte.»

Wann kann Akupunktur helfen?

Bettnässen

immer wiederkehrende Erkältungen

Heuschnupfen und Asthma bronchiale

Neurodermitis und Psoriasis

Müdigkeit und Schlafstörungen

Nervosität oder Konzentrationsstörungen

Schwindel

Tinnitus (Ohrgeräusche, Ohrensausen, «Lärm der Seele»)

Kopfschmerzen/Migräne

Menstruationsstörungen

Magen- und Darmstörungen

Wie finde ich einen guten Therapeuten?

Ärzte zeichnen sich durch den Fähigkeitsausweis der ASA

aus (www.akupunktur-tcm.ch). Die Berufsorganisation

SBO-TCM ist der Dachverband nichtärztlicher Therapeuten

(www.sbo-tcm.ch). Zudem gibt es den Verband der

anerkannten Naturheilpraktikerinnen und Naturheilpraktiker

(www.svanah.ch) und das ErfahrungsMedizinische Register

EMR (www.emr.ch). Sie alle bieten auf der Website eine

Therapeutensuche an. Im Zweifel wenden Sie sich an Ihren

Haus- oder Kinderarzt und lassen sich beraten.

Wer übernimmt die Kosten?

Akupunktur ist eine Leistung der Grundversorgung, wenn

sie von einem geprüften Arzt (ASA) ausgeführt wird. Wird sie

von TCM-Therapeuten oder Naturheilpraktikern gemacht,

bezahlt die Zusatzversicherung für Komplementärmedizin je

nach Kasse bis zu 80 Prozent, sofern man eine solche

abgeschlossen hat.

Petra Seeburger

ist Intensivpflegefachfrau, Journalistin und

Kommunikationsspezialistin. Sie arbeitet

seit 30 Jahren im Gesundheitswesen.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 201667


Ernährung & Gesundheit

Allergien und Unverträglichkeiten:

ähnliche Symptome, viele Auslöser

Juckreiz, Niesen, Husten, tränende Augen oder Magen-Darm-Beschwerden: Viele Betroffene kennen

die Symptome von Allergien allzu gut. Aber Vorsicht, die Auswahl der möglichen Auslöser ist gross.

Bei Allergieverdacht ist die sorgfältige Abklärung deshalb entscheidend. Text: Regula Thut Borner

Morgens im Stadtcafé:

«Meine

Tochter Nina

verzichtet seit

Kurzem auf die

Milch zum Frühstück. Vermutlich

reagiert sie allergisch auf Milcheiweiss.

Seit Wochen hat Nina tränende

Augen und einen hartnäckigen

Hustenreiz.» Eva – seit ihrer Kindheit

Allergikerin – versteht ihre be ­

sorgte Freundin gut. «Du Arme, ich

kenne diese Situation bestens, warne

dich aber vor voreiligen Selbstdiagnosen.

Mögliche Auslöser für

Ninas Symptome gibt es nämlich

viele.»

Eva hat recht, die Liste der Allergieauslöser

ist lang: Pollen, Milben,

Pilze, Tiere, Insektenstiche,

Kosmetika und Nahrungsmittel.

Aber auch Medikamente sowie

Wasch- und Reinigungsmittel sind

dafür verantwortlich, dass schätzungsweise

20 bis 25 Prozent der

Schweizer Bevölkerung unter Allergien

leiden. Tendenz steigend. Warum

ist das so? Die möglichen

Gründe sind vielschichtig: Umweltbelastungen,

veränderte Lebensstile,

(zu) gute Hygie ne oder zu viele

fremde Nahrungsmittel auf unseren

Tellern.

Viel seltener als gedacht

Es liegt im Trend, Allergien auf Nahrungsmittel

zu vermuten, faktisch

sind sie aber verhältnismässig selten:

Nur vier bis acht Prozent der Schweizer

Bevölkerung sind betroffen. Bis

zu viermal häufiger sind hierzulande

die Pollenallergien. Allergien auf

bestimmte Nahrungsmittel können

auch auftreten, wenn der Körper ein

Allergen mit einem anderen, sehr

ähnlichen verwechselt. Experten

sprechen dann von «Kreuzallergien».

In der Schweiz sind sieben von

zehn Allergikern davon betroffen.

Auch Eva. Sie muss auf Äpfel verzichten,

weil sie auf Birkenpollen

allergisch ist und ihre Immunabwehr

bestimmte Inhaltsstoffe der Äpfel

mit dem Allergen der Birkenpollen

verwechselt. Die Mutter von Nina

liegt mit ihrer Vermutung einer

Milchallergie deshalb möglicherweise

falsch. Das sieht auch Eva so: «Geh

mit Nina zum Arzt. Nach einem

Allergiecheck werdet ihr beide genau

68 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Bescheid wissen und könnt entsprechend

handeln.»

auf Schulstress, Liebeskummer und

hormonelle Veränderungen.

Unverträglichkeiten werden

überschätzt

Deutlich mehr Menschen vermuten,

an einer Unverträglichkeit oder gar

Allergie zu leiden, als es tatsächlich

der Fall ist. Zur Verunsicherung trägt

die im Trend liegende Beschuldigung

bei, dass bestimmte Lebensmittel

wie Getreide oder Milch krank

machen würden. Reisserische Medienberichte

befeuern diesen Trend

zusätzlich.

Unbedingt zur Fachperson gehen

Ohne ärztliche Untersuchung sollte

nie eine Diagnose gestellt werden,

weil die Gefahr einer Falschbehandlung

zu gross ist. Medizinisch kann

eine Allergie relativ einfach bestimmt

werden. Bei einer Unverträglichkeit

sind umfangreichere Abklärungen

nötig, da die Symptome oft unspezifisch

sind und sich trotz verschiedener

Ursachen sehr ähnlich sein

können.

Bilder: Sam Edwards / Plainpicture, Heidi Mayer / Plainpicture

«Vermuten Sie eine

Allergie? Dann gehen

Sie zur Abklärung

zum Arzt.»

Vielleicht hat auch die Pflicht, allergieauslösende

Zutaten zu deklarieren,

zu einer höheren Sensibilisierung

geführt. Immerhin werden im

Gesetz 14 Lebensmittelzutaten aufgelistet,

die Beschwerden machen

können. Dass Gluten, Laktose, Fisch

oder Eier so schnell als bedrohlich

eingestuft werden und jedes Fertigmenü

zum vermeintlichen Gesundheitsrisiko

wird, verwundert nicht.

Selbstdiagnosen sind

problematisch

Da die Laktoseintoleranz die häufigste

und bekannteste Unverträglichkeit

ist, verzichten viele bei Verdauungsbeschwerden

zuerst auf

Milchprodukte. Auch besorgte

Eltern verordnen ihren Kindern eine

milchfreie Diät, wenn sich die Klagen

über Bauchweh, Blähungen oder

Übelkeit häufen. Doch es gibt noch

andere Ursachen, wie zum Beispiel

eine Überempfindlichkeit gegenüber

dem Klebereiweiss im Getreide, eine

Glutensensitivität. Oder eine Reaktion

auf Fruchtzucker, die Fruktosemalabsorption.

Jugendliche reagieren

mit denselben Symptomen auch

Laktoseintoleranz ist keine Allergie

Der Mensch ist ein Allesesser. Das

über Jahrtausende wechselnde Nahrungsangebot

führte dazu, dass sich

seine Organe und sein Stoffwechsel

ständig anpassen mussten. Dass wir

heute Milchzucker so gut vertragen,

verdanken wir demnach einer genialen

genetischen Anpassung unserer

Vorfahren.

Dank dieses Gendefekts können

wir heute Milch auch im Erwachsenenalter

verdauen und ihre gesundheitlichen

Vorzüge für uns nutzen.

Die Milchverträglichkeit ist in Europa

allerdings unterschiedlich verteilt:

In Mitteleuropa liegt sie bei Erwachsenen

bei 60 Prozent, in Südeuropa

sind es 20 Prozent. In vielen Gebieten

mit tiefer Laktoseverträglichkeit

haben die Menschen eine andere

kulturelle Lösung gefunden: fermentierte

Milchprodukte. Jogurt und

gereifter Käse sind für Laktoseintolerante

nämlich gut verträglich.

Regula Thut Borner

ist dipl. Ernährungsberaterin HF und

Projektleiterin Fachbereich Ernährung

bei Swissmilk.

ernaehrungsberatung@swissmilk.ch

www.swissmilk.ch

Allergie oder Unverträglichkeit?

Bei einer Allergie handelt es sich um eine

Reaktion des Immunsystems auf pflanzliche

oder tierische Eiweisse. Bereits

geringe Mengen eines Lebensmittels

können schnelle und heftige Reaktionen

auslösen. Anders bei Intoleranzen wie

der Laktoseintoleranz oder der Fruchtzuckerunverträglichkeit.

Diese sind nicht

allergische Reaktionen auf Nahrungsmittel.

Erst wenn zu viel des auslösenden

Lebensmittels konsumiert wird, kann es

zu mehr oder weniger heftigen Verdauungsbeschwerden

kommen. Die Symptome

sind im Gegensatz zu einer Allergie

nicht zwingend gefährlich, sie können

aber sehr unangenehm sein.

Gut zu wissen

➢Laktoseintoleranz ist keine Krankheit.

Es gehört zum normalen Alterungsprozess,

dass die Laktaseaktivität mit

den Jahren abnimmt.

➢Die Laktoseintoleranz ist keine Allergie.

Betroffen ist lediglich der Milchzucker

und nicht die Milch als Ganzes.

➢Milch ist für Kinder und Erwachsene

eine der wichtigsten Quellen für

Kalzium, Vitamin D, Phosphor

und Magnesium.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 201669


Lesen und lesen lassen

Musik hören, fernsehen und Bücher lesen. Das sind die liebsten Medientätigkeiten von

Kindern im Primarschulalter. Tatsächlich hat das Buch keineswegs an Bedeutung

verloren. Zumindest für die Kinder, deren Eltern auch lesen. Text: Martina Proprenter

Die konzentrierte Stille

in der Basler Bücherbande

weicht einem

ohrenbetäubenden

Gejohle, als Leiterin

Karin Minssen den nächsten Programmpunkt

ankündigt: Leseviertelstunde.

Sie hat das Wort kaum zu

Ende gesprochen, schon rennen die

Kinder zu ihr und reissen ihr die

Bücher aus der Hand. Sie suchen

sich einen ruhigen Platz und fangen

an zu schmökern. Livia bricht in

Gedanken mit den «Fünf Freunden»

zu einer Fahrradtour durchs Katzenmoor

auf, David löst gemeinsam mit

dem «Tiger Team» Rätsel, und Deja

sitzt mit «Ferdinand, der Stier» auf

einer Wiese und schnuppert an

Blumen.

90 Prozent der Kinder lesen Bücher

Sind die lesebegeisterten 8- und

9-Jährigen eine Ausnahme? Mit-

nichten. Die MIKE-Studie hat herausgefunden,

dass rund 70 Prozent

der 6- bis 13-Jährigen mindestens

einmal in der Woche in einem Buch

lesen. Freiwillig und in ihrer Freizeit,

Schulbücher sind davon ausgenommen.

Die Forscher der Zürcher

Hochschule für Angewandte Wissenschaft

(ZHAW) veröffentlichten

mit der MIKE-Studie im September

vergangenen Jahres die erste repräsentative

Studie zur Mediennutzung

der 6- bis 12-Jährigen in der Schweiz.

Rund 1000 Kinder und 600 Eltern

wurden dazu befragt.

Trotz digitaler Konkurrenz liegt

das Lesen an dritter Stelle der liebsten

Medientätigkeiten der Kinder,

hinter Musikhören und Fernsehen,

aber noch vor Gamen und sogar

Handy-Nutzen. 37 Prozent der Kinder

lesen in ihrer Freizeit durchschnittlich

eine halbe Stunde pro

Tag in einem Buch, heisst es im

Detailbericht der Studie, 90 Prozent

lesen mindestens ab und zu ein

Buch in ihrer Freizeit. Damit lesen

die Schweizer Kinder deutlich mehr

als die deutschen Nachbarn, wo die

Mediennutzung schon seit den

90ern regelmässig erhoben wird.

Warum ist es überhaupt wichtig,

dass Kinder nicht nur in der Schule,

sondern auch in ihrer Freizeit

Bilder im Kopf zu erzeugen,

fördert die Kreativität. Wer

liest oder vorgelesen bekommt,

ist daher klar im Vorteil. >>>

70 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Digital & Medial

Bild: Fotolia

Mit Kuscheltiger

die Abenteuer

des «Tiger-

Teams» zu lesen,

macht gleich

doppelt Spass.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 201671


lesen? Bereits mit 18 Monaten

mal pro Woche. Nicht allen Eltern

verfügt das Gehirn über die

Fähigkeit, innere Bilder zu erzeugen.

Wenn Kinder den Geschichten,

Gedichten oder Liedern der Eltern

lauschen, passiert das automatisch.

scheint also der Zusammenhang

zwischen Vorlesen, Lesekompetenz

und der späteren Bildung sowie der

Entwicklung der Kreativität bewusst

zu sein.

Werden Kinder aber durch Filme

oder Spiele mit fertigen Bildern

zugeschüttet, kann sich die Kreativität

nicht vollständig entwickeln.

«Zugang zu eigenen Bildern zu

bekommen, ist Trainingssache», sagt

Karin Minssen. Die Buchhändlerin

und Theaterpädagogin leitet die

Bücherbande der Bibliothek Basel-

West. Spielerisch lernen Kinder bei

ihr eigene Geschichten zu entwickeln,

imaginieren eigene Welten

und bringen diese auch zu Papier.

Bei ihr suchen Eltern oft Rat, wenn

der Nachwuchs kein Interesse an

Büchern zeigt. Minssen: «Meine erste

Frage ist dann immer: Lesen Sie

selbst?» Denn Eltern seien ihren

Kindern die besten Vorbilder und

Leseratten entwickeln sich in der

Grundschulzeit

Die wichtigste Rolle bei der Leseförderung

kommt den Eltern zu. Das ist

auch die Erfahrung von Christine

Tresch, Fachfrau für Kinder- und

Jugendliteratur des Schweizerischen

Instituts für Kinder- und Jugendmedien

(SIKJM). In den ersten Lebensjahren

werden die Grundlagen für

die spätere Entwicklung der Kinder

gelegt: Wenn Eltern Reime und Verse

vortragen oder Geschichten

erzählen, haben Kinder nicht nur viel

Spass daran, sondern lernen quasi

nebenbei, wie Sätze grammatikalisch

richtig aufgebaut sind, lernen neue

Sprachformen und literarische Knifnähmen

grossen Einfluss auf die

Leselust oder eben auch Leseunlust

ihrer Kinder.

Die deutsche repräsentative Studie

zur «Neuvermessung der Vorleselandschaft»

stellte 2013 fest, dass

sich zwar 83 Prozent der Eltern für

ihre Kinder eine gute Bildung wünschen,

aber nur drei Viertel Lesekompetenz

und nur die Hälfte der

Eltern Lesefreude als wichtige Erziehungsziele

ansehen.

Die MIKE-Studie hat Eltern auch

gefragt, wie oft sie ihren Kindern

vorlesen. Rund ein Drittel der

Befragten nutzen Bücher, Heftchen

oder Comics täglich oder fast jeden

Tag gemeinsam mit ihren Kindern,

drei Viertel tun dies mindestens ein-

Kinder lernen schneller

leichter lesen, wenn ihnen

vorgelesen wurde. Und wem

es leichtfällt, der liest gern.

fe wie Spannungsbögen kennen.

«Kinder können das später wieder

abrufen», so Tresch. Haben Kinder

die Erfahrung nicht machen können,

ist es schwierig, dies später «nachzuholen».

Leseratten entwickeln sich in der

Grundschulzeit, lautet das Fazit des

Forschungsberichts des Max-

Planck-Instituts für Bildungsforschung:

Kinder, die viele Kinderbücher

kennen, haben einen grösseren

Wortschatz und lesen flüssiger. Im

Umkehrschluss haben die Forscher

aber auch herausgefunden, dass

Kinder, denen das Lesen schwerfällt,

es entsprechend lieber vermeiden,

wodurch es ihnen immer mehr

schwerfällt und sie es weiter vermeiden.

Ein Teufelskreis. Barbara

Schwarz, Leseanimatorin des

SIKJM, legt bei ihrer Leseförderung

von Vorschulkindern daher besonderen

Wert auf eine Atmosphäre, in

der es kein Richtig oder Falsch gibt.

Die beliebtesten Kinderbücher in der

Schweiz (Stand Januar 2016)

1. Gregs Tagebuch 10 – So ein Mist (Jeff Kinney)

2. Heidi – Das Buch zum Film (Dorothee Haentjes-

Holländer)

3. Star Wars – Das Erwachen der Macht, illustrierte

Enzyklopädie

4. Schellen-Ursli (Alois Carigiet / Selina Chönz)

5. Ostwind 3 – Aufbruch nach Ora (Lea Schmidbauer

/ Kristina Magdalena Henn)

6. Bibi & Tina – Mädchen gegen Jungs (Bettina

Börgerding / Wenka von Mikulicz)

7. Das Zürich Wimmelbuch (Matthias Vatter)

8. Schellen-Ursli – kleine Ausgabe (Alois Carigiet /

Selina Chönz)

9. Gregs Tagebuch 9 – Böse Falle! (Jeff Kinney)

10. Geissbock Charly findet Heilkräuter – ein

Duftbuch (Roger Rhyner)

Der Schweizer Buchhandel lässt die Hitparadenlisten

von GfK Entertainment erstellen. Aufgenommen werden

Bücher, die in einer gewissen Anzahl von Buchabverkaufsstätten

und Händlern in der Schweiz verkauft

wurden.

72 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Digital & Medial

Durch Spiele oder Bastelarbeiten

sollen die Kinder Techniken der

Illustration ausprobieren und konkretes

Weltwissen sammeln.

Teenies mit Sachbüchern ködern

Je älter die Kinder werden, umso

weniger Einfluss haben die Eltern

darauf, ob in der Freizeit gelesen

wird. Besonders Teenager orientieren

sich eher an Gleichaltrigen als

an den Eltern. Diese können trotzdem

auch Angebote machen: Spielt

die Tochter Fussball, freut sie sich

vielleicht über ein Fussballtechnikbuch,

will der Sohn Rapper werden,

könnte er sich für die Biografie eines

Rappers interessieren.

«Fünf Freunde», «Tiger Team»

und «Ferdinand»: Die Bücherauswahl

von Livia, David und Deja

deckt sich mit Treschs Erfahrung, zu

welchen Büchern Kinder besonders

gerne greifen. Unter den Top 10 der

beliebtesten Kinder- und Jugendbücher,

die etwa die deutsche KIM-

Studie erfragt hat, sind übrigens alle

Titel auch in anderen Medien

zugänglich. Sie wurden beispielsweise

schon verfilmt, es gibt Webseiten

zu ihnen, Blogs oder Fanfiktion.

«Das ist ein Phänomen, das die ältere

Generation so nicht erfahren hat»,

sagt Tresch. Kinder läsen gerne das,

was ihre Freunde lesen, oder eben

auch Geschichten, die sie von anderen

Medien her kennen.

Martina Proprenter

29, ist freie Journalistin für deutsche und

Schweizer Medien und seit ihrer Kindheit

hoffnungslos bibliophil. Mit ihrem Vater

rezitiert sie auch heute noch «Ferdinand der

Stier».

>>>

Tipps für Eltern

Den einen Tipp, der bei allen Kindern zum Erfolg

führt, gibt es nicht. Christine Tresch vom SIKJM

ermuntert Eltern …

... ihren Kindern Bücher zur Verfügung zu stellen, die

ihnen Spass machen: ob eigene Bücher oder aus

der Bibliothek.

... Kindern auch während der Schulzeit weiter vorzulesen

und sie beim Lesenlernen zu unterstützen.

Denn Lesen ist eine äusserst anspruchsvolle

Tätigkeit, die nicht von jedem Kind gleich schnell

erlernt wird.

... Kindern vorlzuesen und sie auch selbst lesen zu

lassen: die Buchreihe «Erst ich ein Stück und dann

du» ist zum Beispiel so aufgebaut, dass anspruchsvolle

Textstellen (für Eltern) und leichtere (für

Kinder) sich abwechseln. Dies sollte lustvoll und

spielerisch geschehen, ohne Schule zu spielen.

Laden und

starten Sie die

Fritz+Fränzi-App,

scannen Sie diese Seite

und lassen Sie sich von Kindern

der Bücherbande Basel

erklären, warum sie so

gerne lesen.

sprachaufenthalte juniors –

bringen sie ihr kind weiter und

ermöglichen sie ihm einen

unvergesslichen sommer!

JETZT

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ZÜRICH, Das Schweizer TEL. 044 ElternMagazin 211 12 Fritz+Fränzi 32

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März 201673


Ana und Mia –

kein Hunger auf Leben

Zahlreiche Blogs und Gruppen in sozialen

Netzwerken verherrlichen und verharmlosen

Essstörungen wie Anorexie – sie werden als

erstrebenswerter Lifestyle präsentiert.

Text: Michael In Albon

In der Schweiz leidet jedes

fünfte Mädchen an einer Essstörung.

Mit Hilfe von digitalen

Medien schliessen sich

viele Betroffene in Pro-Anaoder

Pro-Mia-Gruppen zusammen.

Dabei steht Ana für anorexia nervosa,

Magersucht, Mia für bulimia

nervosa, Ess-Brech-Sucht.

Die Angebote tragen bewusst

freundlich klingende Namen. Sie

werden meist von Menschen mit

Essstörung betrieben, die weder

Heilung noch Therapie wünschen.

Im Gegenteil: Sie erheben Magersucht

zum Lifestyle, betreiben Anorexie

mit Hingabe und begeben sich

immer tiefer in die Sucht hinein.

So bestätigen sich die jungen

Frauen etwa darin, dass es ihnen auf

ihrem Weg zum Traumgewicht

schlecht geht, sich die Tortur aber

lohnt. Dafür stellen sie typischerweise

Gesetze, Glaubensbekenntnisse

oder zehn Gebote auf, die nur

eines predigen: Dünnsein steht über

allem – auch über der Gesundheit.

Gut und böse

Die Regeln in Ana-Gruppen sind

strikt. Lebensmittel werden in gute

und schlechte unterteilt. Die schlechten

dürfen die Teenager gar nicht

essen, die guten nur kontrolliert und

möglichst nicht in Kombination.

Nach jedem Bissen sollen sie einen

Schluck Wasser trinken – das steigere

das Völlegefühl. Kalorien genau

zu zählen und sich mehrmals pro Tag

zu wägen, gehört genauso zu den

Regeln, wie viel Sport zu treiben.

Weiter wird empfohlen, in einem

Ana-Tagebuch alles genau zu dokumentieren.

Als Motivation dienen

sogenannte «Thinspirations», kurz

«Thinspo» genannt. Das sind Bilder

von jungen Frauen, die ihr «Traumgewicht»

bereits erreicht haben und

als Vorbild dienen. Die Bilder zeigen

meist Ausschnitte von Beinen,

Bauch und Po. Es gelten unterschiedliche

Kriterien für die einzelnen

Körperteile: die Oberschenkel

zum Beispiel dürfen sich bei ge -

schlossenen Beinen nicht berühren,

der Abstand soll im Gegenteil möglichst

gross sein – «Thigh Gap»

nennt sich dieser Trend.

In der WhatsApp-Gruppe

gemeinsam hungern

In eine Gruppe aufgenommen zu

werden, etwa bei WhatsApp, ist an

Bedingungen geknüpft. Zuerst muss

man zahlreiche persönliche Daten

preisgeben: seinen BMI, Höchstund

Tiefstgewicht, Leidensweg und

eventuelle Klinikaufenthalte sowie

Therapien. Ist man erst einmal aufgenommen,

muss man meist regelmässig

Bilder posten – von den Füssen

auf der Waage, von sich in

Unterwäsche.

Wer eine persönliche Weggefährtin

sucht, kann in zahlreichen Foren

die sogenannte «Twinbörse» besu-

chen. Hier schalten junge Menschen

Anzeigen und suchen nach Gleichgesinnten,

die in etwa die gleichen

Masse haben und die gleichen Ziele

verfolgen.

Essstörungen im Zeitalter der

Digitalisierung

Magersucht und Bulimie sind nicht

neu. Digitale Medien verpassen den

Krankheiten aber eine neue Dynamik:

Gleichgesinnte finden sich

schneller, fühlen sich verstanden

und ermutigt. Ihr negatives Selbstbild

und die bereits verzerrte Körperwahrnehmung

verstärken sich,

und ein gefährlicher Teufelskreis

entsteht, der die Mädchen immer

weiter in die Krankheit treibt. Denn

als Teil einer Gruppe fällt es ihnen

schwer, die Krankheit als solche zu

erkennen, die Gemeinschaft aufzugeben

und Heilung anzustreben.

Michael In Albon

ist Jugendmedienschutz-Beauftragter

von Swisscom.

Auf Medienstark finden Sie Tipps und interaktive

Lernmodule für den kompetenten Umgang

mit digitalen Medien im Familienalltag.

swisscom.ch/medienstark

74 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Digital & Medial

Von Kindern bekommt man so viel. Ich z. B. habe seit Oktober

die sechste Erkältung von meinem Sohn gekriegt


Digital & Medial

39 %

der 14-jährigen Mädchen in Grossbritannien gaben bei einer Studie des Institute of Child Health

des University College London an, dass sie bereits eine Diät gehalten hätten. Ein Grund sei, dass sie

in den Medien früh mit idealisierten Körperbildern in Kontakt kommen, so die Forscher.

Bilder: Tize, ZVG

«Wir schreiben direkter»

Nils Feigenwinter ist mit seinen 15 Jahren der

wohl jüngste Medienprofi des Landes. Mit

dem Online-Magazin tize.ch erreicht er über

10 000 junge Leserinnen und Leser pro Monat.

Für unser Interview hat er sogar seinen

Skiurlaub kurz unterbrochen.

Interview: Bianca Fritz

Nils, welche Idee steckt hinter dem

Online-Magazin tize.ch?

Wir wollten wirklich ein Magazin von

Jugendlichen und für Jugendliche

machen. Mich hat die Medienwelt

schon immer fasziniert, aber so etwas

hat gefehlt: eine Plattform, wo wirklich

viele junge Leute sich äussern und einbringen

können. Ausserdem fördern

wir junge Musiker und sind auch

Medienpartner der Jugendfilmtage.

Was machen junge Schreiber denn anders

als Erwachsene?

Ich denke, die Themenauswahl ist schon

mal ganz anders. Zum Beispiel haben

wir auf Tize viel über einen Jugendfilm

namens Lydia berichtet, der in einem

Ferienlager spielt und von einem mysti-

schen Wiedersehen von Geschwistern

erzählt. Erst dadurch sind auch die

anderen, klassischen Medien darauf

aufmerksam geworden und haben

berichtet. Wir schreiben einfach über

das, worüber man auch auf dem

Pausenplatz spricht. Die Rechtschreibung

stimmt nicht immer ganz, und

wir schreiben, glaube ich, direkter als

Erwachsene – aber dafür sind wir

kreativ!

Wie wird man Schreiber bei tize.ch?

Braucht es bestimmte Fähigkeiten?

Nein, gar nicht. Einfach bewerben, wir

freuen uns über jede Bewerbung von

Leuten, die Ideen haben und zwischen

15 und 20 Jahre alt sind. Wir sind ein

Team von rund 20 Leuten, viele schreiben

wöchentlich – aber das ist kein

Muss. Die Arbeit ist ehrenamtlich, wir

verdienen kein Geld mit dem Portal

und zahlen die laufenden Kosten über

Werbeeinnahmen und Stiftungsgelder.

Sind das alles Jugendliche, die mal

Journalisten werden wollen?

Nicht nur. Aber ich bin stolz darauf,

dass tatsächlich einige unserer Schreiber

inzwischen auch anderswo untergekommen

sind, z. B. eine Radioshow

übernommen haben. Wir haben aber

zum Beispiel auch Leute, die Computerspiele

testen und mal Grafiker werden

wollen. Ich denke, für viele ist es

spannend, ein bisschen Medienluft zu

schnuppern – dabei eröffnen sich neue

Möglichkeiten, zum Beispiel, dass man

interessante Menschen interviewen

kann.

www.tize.ch

Wenn die lieben Kleinen

gross und unerträglich

werden

Seine Familie diente dem Bestseller-Autor

Jan Weiler schon oft als Inspiration

(«Maria, ihm schmeckts nicht»). Als seine

Tochter Carla in die Pubertät kam,

widmete er ihr ein Buch, in welchem er

den Alltag mit einem Teenager beschreibt

(«Das Pubertier»). Nun, da Sohn Nick

13 Jahre alt ist, legt Weiler nach. In «Im

Reich der Pubertiere» liefert er noch mehr

bissige Einblicke in das Leben mit

Jugendlichen. Nach dem Motto: Eins war

schon hart. Aber jetzt sind sie zu zweit.

«Mein Sohn Nick, wie gesagt 13, wobei

seine Füsse sind 18. Das ist sehr bemerkenswert.

Also, wenn sich das nicht

zurechtruckelt, dann ist mein Sohn ein

Hobbit.» Die Erkenntnisse aus dem

Teenie-Leben seines Sohnes haben bis auf

einige geschlechtertypische Eigenheiten

viel Ähnlichkeit mit denen von Tochter

Carla. Manches ist dadurch wenig

überraschend, aber dennoch lesenswert

und gerade für Teenie-Eltern irgendwie

tröstlich.

Jan Weiler: Im Reich der Pubertiere. Kindler,

2016, 160 Seiten, Fr. 16.50, E-Book Fr. 11.–

76 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Service

SELTENE KRANKHEITEN

concept and design by www.stier.ch

BETREFFEN IN DER SCHWEIZ

350 000 KINDER

Hilfe braucht jedoch die ganze Familie. Unser Förderverein setzt sich

mit Informationsarbeit und Direkthilfe für sie ein. Zudem schaffen wir

Plattformen, um betroffene Familien miteinander zu vernetzen.

www.kmsk.ch

Gemeinsam mit Ihrem Engagement schaffen wir es, den Betroffenen mehr

Lebensqualität zu schenken. Vielen Dank, dass auch Sie ein Herz für

Kinder mit seltenen Krankheiten zeigen

Hauptpartner

AROSA LÄDT IHRE

SPRÖSSLINGE EIN:

SKISCHULE INKLUSIVE IN

DER WINTERSAISON 15/16

Co-Partner

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

Teilnehmende Hotels und

Ferienwohnungen unter www.arosa.ch

Dezember 2015 / Januar 201677


Service

Unser Wochenende …

Text: Leo Truniger

in Arosa

Hörnlihütte

Restaurant Sattelhütte

Bergrestaurant Weisshorngipfel

Indoor-Spielplatz Bärenhöhle

Mountain Lodge

Hotel Streiff

Berggasthaus Heimeli

11 km

sie sind aber zum Beispiel im Wandertagespass inbegriffen.

Betriebszeiten: Hörnli-Express 8.40 bis 16.30, Urdenbahn 9 bis

16.45 Uhr. Preisbeispiel 1-Tages-Wanderpass: Erwachsene 53,

Kinder (6–12 J.) 18, Jugendliche (13–17 J.) 35 Franken.

… Sollte sich das Wetter mal nicht von der Sonnenseite zeigen,

finden Familien ein Freizeitparadies im Indoor-Spielplatz

Bärenhöhle. Mit Bällebad, Funpark zum Klettern, Hüpfburg,

Fahrzeugpark, Fussballfeld und manchem mehr werden Ihre

Kinder hier zum Austoben verlockt.

Indoor-Spielplatz Arosa, Kalkofenstrasse 45. Offen bei schlechtem

Wetter von 14 bis 18 Uhr. Detaillierte Informationen über

081 378 70 20 oder auf www.facebook.com/baerenhoehlearosa.

Eintrittspreise: 1 Kind 12, 2 Kinder 22, 3 Kinder 30 Franken.

Geniessen …

Gut zu wissen …

… Die Winter-Hauptsaison dauert in Arosa offiziell bis am

10. April 2016. Die Betriebe und Bahnen sind voll in Gang.

Infos: www.arosa.ch/de/winter

www.arosabergbahnen.com/winter

Erleben …

… Seit gut zwei Jahren verbindet die Urdenbahn die Skigebiete

von Arosa und Lenzerheide zu einer Arena, die zu den zehn

grössten Wintersportgebieten der Schweiz zählt. Für Sie und

Ihre Familie stehen wohl nicht die 225 Pistenkilometer im

Vordergrund. Aber nur schon die Besichtigung dieser

hochmodernen Bahn ist eindrücklich, und erst recht eine

Fahrt. Lassen Sie sich mit dem Hörnli-Express von Innerarosa

zur Hörnlihütte hinaufgondeln und geniessen Sie dort

die Hüttenbehaglichkeit und die Aussicht. Gleich nebenan

befindet sich die Station der Urdenbahn: Die 1,7 Kilometer

lange Schwebefahrt hinüber auf die Lenzerheider Seite dauert

etwa vier Minuten. Einzelfahrten können nicht gelöst werden,

… Das Weisshorn bietet auf 2653 Metern über Meer eine

faszinierende Rundsicht. Und die kann man auch drinnen im

Bergrestaurant Weisshorngipfel dank 360°-Demoscope-

Fenster geniessen, etwa am Sonntagmorgen beim «Buure

Z’Morga». Und dann ab auf die Piste! – oder möchten Sie mit

Ihren Kindern die gewonnene Energie gleich wieder umsetzen?

Da böte sich ein zehn Kilometer langer Wanderweg an.

Er führt über die bewirtete Sattelhütte in etwa zweieinhalb

Stunden zurück nach Arosa. Weder noch? Dann vielleicht

zurück mit der Bahn bis zur Mittelstation und von dort mit

dem Schlitten hinunter nach Innerarosa. Für einen Schlitten

müssen Sie aber selber besorgt sein.

Bergrestaurant Weisshorngipfel. Jeden Sonntag bis 3. April

2016 von 8.30 bis 11 Uhr. Kosten (mit gültiger Fahrkarte):

Erwachsene 26, Jugendliche 18, Kinder bis 12 Jahre 13 Franken.

Anmeldung nötig: bis am Vortrag um 17 Uhr unter

Tel. 081 378 84 02. Bei jeder Witterung. www.arosabergbahnen.

com > Winter > Aktuell > Winterhits

… Capuns, Mariölins, Pizokel, aber auch Bekanntes wie

Gerstensuppe, Käseschnitte, Älplermakkaroni oder Fondue

finden sich auf der Speisekarte im Berggasthaus Heimeli im

Weiler Sapün. Verwendet werden vorwiegend frische

Produkte, und viele davon sind selbstgemacht. Auf einem

vier Kilometer langen, gut präparierten Schneewanderweg

gelangen Sie von Arosa aus vorbei an gewaltigen Eisgebilden

nach Sapün in malerischer Landschaft. Hier können Sie auch

78 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Ein reiches Angebot

für Familien in Arosa:

eine weite Skiarena

dank der Urdenbahn,

Schneeschuhwandern

mit einem Guide oder

bei schlechtem Wetter

der Indoor-Spielplatz

Bärenhöhle.

Bilder: Arosa Tourismus

im 2- oder 4-Bett-Zimmer übernachten. Falls Sie noch Lust auf

eine Schlittelpartie bekommen, stehen Schlitten gratis zur

Verfügung. Der Schlittelweg führt hinunter nach Langwies.

Berggasthaus Heimeli, Sapün, Telefon 081 374 21 61,

www.heimeli.ch. Öffnungszeiten: ab 10 Uhr, Sa/So ab 9 Uhr.

Preisbeispiel Übernachtung (2 Erwachsene und 2 Kinder bis

12 J.): 244 Franken pro Nacht inkl. Frühstück

.

Übernachten …

… Eine budgetfreundliche Variante für Familien ist die

Mountain Lodge etwas oberhalb vom Dorf mit Ausblick auf

die Bergwelt. Ins Dorfzentrum sind es nur wenige Gehminuten.

Das Haus hat 270 Betten in Einzel-, Zweier- bis Achter-

Zimmern mit fliessend Wasser und Etagendusche/WC,

einzelne mit eigener Dusche/WC. Die Verpflegungsart reicht

von der Selbstversorgung (Küche steht zur Verfügung) bis

zur Vollpension.

Hotel Mountain Lodge, Untere Waldpromenade, Arosa, Telefon

081 378 84 23, www.mountainlodge-arosa.ch. Preisbeispiel

(2 Erwachsene und 2 Kinder unter 12 J.): 432 Franken pro

Nacht inkl. Skitagespass, Frühstück, Abendessen (4-Gang-

Menü), Bettwäsche und Kurtaxe. Bei Kurzaufenthalten (1–2

Nächte) wird ein Zuschlag von 15 Franken, für Kinder und

Jugendliche von 10 Franken pro Nacht erhoben.

… Ideal für Familien ist auch das 3-Sterne-Hotel Streiff an

zentraler, aber ruhiger Lage. Es bietet Familienzimmer mit

separatem Kinderzimmer mit Kajütenbett oder verschiedene

Kombinationsmöglichkeiten wie etwa Zimmer mit Verbindungstür.

Zur Verfügung steht auch ein grosszügig ausgestattetes

Spielzimmer für die Kinder.

Hotel Streiff, Sonnenbergstrasse, Arosa, Telefon 081 378 71 71,

www.streiff.ch. Preisbeispiel Familienzimmer (2 Erwachsene

und 1 Kind bis 15 J.): 464 Franken inkl. Frühstückbuffet und

5-Gang-Abendessen.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 201679


Service

an die Partner und Sponsoren

Vielen Dank der Stiftung Elternsein:

Finanzpartner Hauptsponsoren Heftsponsor

Dr. iur. Ellen Ringier

Walter Haefner Stiftung

Credit Suisse AG

Rozalia Stiftung

UBS AG

Hans Imholz-Stiftung

UBS AG

Impressum

16. Jahrgang. Erscheint 10-mal jährlich

Inhaltspartner

Stiftungspartner

Herausgeber

Stiftung Elternsein,

Seehofstrasse 6, 8008 Zürich

www.elternsein.ch

Präsidentin des Stiftungsrates:

Dr. Ellen Ringier, ellen@ringier.ch,

Tel. 044 400 33 11

(Stiftung Elternsein)

Geschäftsführer: Thomas Schlickenrieder,

ts@fritzundfraenzi.ch, Tel. 044 261 01 01

Verlag

Fritz+Fränzi,

Dufourstrasse 97, 8008 Zürich,

Tel. 044 277 72 62,

info@fritzundfraenzi.ch,

verlag@fritzundfraenzi.ch,

www.fritzundfraenzi.ch

Leiter Business Development & Marketing

(Stv. Verlagsleitung): Tobias Winterberg,

t.winterberg@fritzundfraenzi.ch

Verlagsadministration: Dominique Binder,

d.binder@fritzundfraenzi.ch,

Tel. 044 277 72 62

Verlagsassistentin: Éva Berger,

e.berger@fritzundfraenzi.ch,

Tel. 044 277 72 67

Redaktion

redaktion@fritzundfraenzi.ch

Chefredaktor: Nik Niethammer,

n.niethammer@fritzundfraenzi.ch

Evelin Hartmann (Stv. CR,

z. Zt. im Mutterschutz),

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Bianca Fritz,

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Onlineredaktion:

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Redaktionelle Mitarbeit

Pamela Aeschlimann, Nicole Althaus, Eveline

von Arx, Susan Edthofer, Elisabeth Eggenberger,

Fabian Grolimund, Tonia von Gunten,

Sandra Hotz, Michael In Albon, Jesper Juul,

Mikael Krogerus, Martina Proprenter, Peter

Rüesch, Peter Schneider, Petra Seeburger,

Regula Thut Borner, Melanie Vita

Bildredaktion

13 Photo AG, Zürich, www.13photo.ch

Korrektorat

Brunner AG, Kriens, www.bag.ch

Anzeigen

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Druck

Konradin Heckel,

www.konradinheckel.de

Auflage Ausgabe

(WEMF/SW-beglaubigt 2015)

total verbreitet 103 381

davon verkauft 17 206

Preis

Jahresabonnement Fr. 68.–

Einzelausgabe Fr. 7.50

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Galledia Verlag AG Berneck

Karin Schwarz

Tel. 0800 814 813, Fax 058 344 92 54

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Für Spenden

Stiftung Elternsein, 8008 Zürich

Postkonto 87-447004-3

IBAN: CH40 0900 0000 8744 7004 3

Institut für Familienforschung und -beratung

der Universität Freiburg, www.unifr.ch/iff

Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz,

www.lch.ch

Verband Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz,

www.vslch.ch

Jacobs Foundation,

www.jacobsfoundation.org

Forum Bildung, www.forumbildung.ch

Elternnotruf, www.elternnotruf.ch

Pro Juventute, www.projuventute.ch

Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik Zürich,

www.hfh.ch

Schweizerische Vereinigung der Elternorganisationen,

www.sveo.ch

Marie-Meierhofer-Institut für das Kind,

www.mmizuerich.ch

Schule und Elternhaus Schweiz,

www.schule-elternhaus.ch

Pädagogische Hochschule Zürich, www.phzh.ch

Schweizerischer Verband alleinerziehender Mütter

und Väter SVAMV, www.svamv.ch

Pro Familia Schweiz, www.profamilia.ch

Art Direction/Produktion

Partner & Partner, Winterthur,

www.partner-partner.ch

Schweizerisches Institut für Kinder- und

Jugendmedien, www.sikjm.ch

Kinderlobby Schweiz, www.kinderlobby.ch

80 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


Buchtipps

Ein Zwölfjähriger

rettet in dieser

witzig, ironisch

und mit Tiefgang

geschriebenen

Geschichte seine

Familie und sich.

Superhelden –

das Handbuch

Wer hat das Zeug

zu einem

Superhelden? In

diesem grossartig

aufgemachten

Buch von Sébastien Perez und

Benjamin Lacombe findet sich alles

Wissenswerte für zukünftige Retter

der Galaxien.

Jacoby & Stuart, 2015, Fr. 31.90,

ab 8 Jahren

Bilder: ZVG

Als Superheld die Welt retten: Wovon Kinder

insgeheim träumen, erleben die Protagonisten

in Kinderbüchern tatsächlich. Gerade

Aussenseiter sind in der Kinderliteratur

oft zu Grossem berufen.

Superhelden und Helfer in der Not

Chris, der grösste Retter aller Zeiten

Seit der zwölfjährige Chris

einmal an einem Weihnachtsgottesdienst

in der

Kirche war und ergriffen

zuhörte, als alle «Chris, der

Retter ist da!» sangen, ist seine Berufung

klar: Er rettet pausenlos alles

und jeden. Seine aufopfernde Hilfsbereitschaft

für alte Damen, kleine

Kinder, Schulfreunde und Insekten

macht ihn zum Liebling der Lehrerin

und Vorzeigesohn.

Doch der Neue in Chris’ Klasse,

Titus, will sich einfach nicht helfen

lassen. Dann stellt sich heraus, dass

das Nachbarmädchen Emma nützlicher

ist, als Chris es sich zuerst

eingestehen will. Mit deren Unterstützung

kommt er Titus’ Geheimnis

auf die Schliche und ist gerade rechtzeitig

zur Stelle, als Rettung dringend

nötig ist.

Dem deutschen Autor Salah

Naoura gelingt es auch in diesem

Buch, in eine herrlich ironische und

witzige Geschichte ganz nebenbei

eine psychologische Tiefe zu verpacken.

Denn Chris rettet seine Familie

– die depressive Mutter wie den

in Arbeit vergrabenen Vater – und

vor allem sich selbst: auch dadurch,

dass er nicht immer nur brav und

hilfsbereit ist, sondern die Befriedigung

seiner Bedürfnisse einfordert

und endlich wissen will, was es mit

dem Familiengeheimnis um den

verstorbenen Zwillingsbruder auf

sich hat. Ein wahrer Held!

Salah Naoura:

Chris, der grösste

Retter aller

Zeiten. Beltz &

Gelberg, 2015,

Fr. 17.90,

ab 11 Jahren

Super-Bruno

Nachts wird Bruno

zu Superheld

«Brauno» und

bemalt die

Fahrräder der

Jungs, die seine

Hütte kaputtgemacht

haben. Ein einfühlsames

Kinderbuch über Gewissensbisse

und Freundschaft von Håkon Øvreås.

Hanser, 2016, Fr. 17.90, ab 9 Jahren

Letzten

Donnerstag

habe ich die

Welt gerettet

Eigentlich ist Kurt

mit mit seinen

Bügelfaltenhosen

und der Mütze

gar kein Held. Aber dann rettet er in

diesem witzigen, rasanten Roman

von Antje Herden mal eben die Welt

vor den dunklen Rattenmännern.

Tulipan, 2012, Fr. 17.90, ab 10 Jahren

Verfasst von Elisabeth Eggenberger,

Mitarbeiterin des Schweizerischen

Instituts für Kinder- und

Jugendmedien SIKJM.

Auf www.sikjm.ch sind weitere

Buchempfehlungen zu finden.

Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

März 201681


Eine Frage – drei Meinungen

«Ich habe euch beide gleich lieb», sage ich meinen Kindern, 10 und

13 Jahre alt. Das stimmt aber so nicht ganz. Mein erster Sohn steht

mir in vielen Situationen näher als mein zweiter. Gegen dieses Gefühl

kann ich leider nichts tun. Muss ich zu meinen Kindern ehrlich sein?

Reto, 40, St. Gallen

Nicole Althaus

Das Herz ist eben kein Apfel,

den man einfach halbieren

und ganz gerecht aufteilen

kann. Ihre Söhne wissen das

aus eigener Erfahrung. Auch

ihnen ist in vielen Situationen

der Papa oder die Mama

näher. Und das ist total okay

so. Sagen sie dem Kleinen

und dem Grossen: «Ich hab dich lieb.» Das «beide

gleich» können sie hervorzaubern, wenn es Smarties

zu teilen gibt. Oder einen Apfel.

Tonia von Gunten

Es ist eine Tatsache, dass wir nicht

alle Menschen gleich gern haben,

selbst wenn es sich um unsere

Kinder handelt. Ein Kind steht

uns oft näher als das andere. Denn

sie verhalten sich unterschiedlich,

und nicht alles davon muss uns

gefallen. Den Kindern geht es mit

uns Eltern ja meist genauso.

Nehmen Sie die eigenen Gefühle an, statt dagegen zu

kämpfen, und formulieren Sie es das nächste Mal so: «Ich

habe euch beide gern. Manchmal mehr, manchmal weniger.

In einigen Situationen habe ich das Gefühl, meinen ersten

Sohn besser zu verstehen. Vielleicht sind wir uns einfach

ähnlicher. Liebe Söhne, wie seht ihr das?»

Bilder: Anne Gabriel-Jürgens / 13 Photo, Lea Meienberg / 13 Photo, ZVG

Peter Schneider

Nein, bloss nicht. Es muss

auch unausgesprochene

Dinge zwischen Eltern

und Kindern geben

können. Wahrscheinlich

merken die Kinder

das auch ohne ein solches

Bekenntnis. Vielleicht ist

es bei Ihrer Frau

umgekehrt; dann haben Sie Glück gehabt. Ausserdem

ist Kindern die Situation, dass man auch

jeweils seinen Elternteilen nicht gleich nahe ist,

durchaus vertraut. Sie sollten wenigstens darauf

achten, dass aus den ungleichen Gefühlen keine

reale Benachteiligung oder Bevorzugung erwächst.

Etwas bewusste Kompensation kann nicht schaden.

Nicole Althaus, 47, ist Kolumnistin, Autorin und

Mitglied der Chefredaktion der NZZ am Sonntag.

Zuvor war sie Chefredaktorin von «wir eltern» und

hat den Mamablog auf «Tagesanzeiger.ch» initiiert

und geleitet. Nicole Althaus ist Mutter von zwei

Kindern, 15 und 11.

Tonia von Gunten, 42, ist Elterncoach, Pädagogin

und Buchautorin. Sie leitet elternpower.ch, ein

Programm, das frische Energie in die Familien

bringen und Eltern in ihrer Beziehungskompetenz

stärken möchte. Tonia von Gunten ist verheiratet

und Mutter von zwei Kindern, 9 und 6.

Peter Schneider, 58, ist praktizierender

Psychoanalytiker, Autor und SRF-Satiriker («Die

andere Presseschau»). Er lehrt als Privatdozent

für klinische Psychologie an der Uni Zürich und

ist Professor für Entwicklungspsychologie an

der Uni Bremen. Peter Schneider ist Vater eines

erwachsenen Sohnes.

Haben Sie auch eine Frage?

Schreiben Sie eine E-Mail an:

redaktion@fritzundfraenzi.ch

82 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi


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84 März 2016 Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

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