zds#30

mpvogel

DIE ZEITSCHRIFT

DER STRASSE

Das Bremer Straßenmagazin

nr. 30 – August 2015

www.zeitschrift-der-strasse.de

Preis: 2 Euro

Davon 1 Euro für

den verkäufer

WESER

STADION

LETZTER

AUFSCHLAG

POST VOM

DFB

DIE

FLUT

EINFACH IST

PERFEKT

Ein Tennisclub

kämpft gegen sein

Ende

Ein Bremer Ultra

wehrt sich gegen

sein Stadionverbot

Dein Freund und

Helfer? Unterwegs

mit Kontaktpolizisten

Kochen mit Stern für

die Stars von Werder

Bremen


EDITORIAL | 3

Grün,

weiß, bunt

Liebe Leserinnen

und Leser,

Werder – das ist für viele BremerInnen ein Heiligtum. Es gibt wohl niemanden

in dieser Stadt, der nichts mit dem Weserstadion und seiner

Mannschaft verbindet. Ein guter Ort also für unsere Autorinnen und Autoren,

nach Themen zu graben. Und eine Herausforderung: Galt es doch,

Menschen und Geschichten zu finden, die eben noch nicht stadtbekannt

sind, keine Promis und Stars – und dennoch eine große Rolle spielen.

Tatsächlich wurden wir auch diesmal fündig und präsentieren Ihnen

fünf Geschichten, in denen es meist nur am Rande um Fussball geht –

aber immer um Begeisterung und Leidenschaft. Björn Struß beschreibt

eine moderne Geschichte von David gegen Goliath: die des Tennisclubs

Rot-Gelb direkt neben dem Stadion, der aus Sicherheitsgründen weichen

soll – und dies nicht will. Unsere Autorin June Koch traf den Mann, der

sich um das leibliche Wohl der Werder-Spieler kümmert. Sie sprach mit

ihm bei flambiertem Steak über Fußball, Genuss und Kochen als Mannschaftssport.

Katja Hoffmann war unterdessen bei einem Training der

besonderen Art: dem der Bremer Blindenfußballmannschaft, bei der es

besonders laut zugeht.

Bunt wird es in unserer Fotostrecke: Hartmut Müller thematisiert mit

einem Fotoprojekt den Kampf für Toleranz und Miteinander – und gegen

die Homophobie. Wir finden: Das Weserstadion ist ein guter Ort für

solche Geschichten. Und was sagen Sie? Wenn Ihnen diese Ausgabe gefallen

hat, Sie Kritik haben oder gern eine Straße vorschlagen möchten,

über die wir in einem der nächsten Hefte berichten sollen, melden Sie

sich unter redaktion@zeitschrift-der-strasse.de. Wir freuen uns.

Viel Vergnügen wünschen

Tanja Krämer, Philipp Jarke

und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

Die Zeitschrift der Straße

Fotos Titelseite & Seite 2:

Benjamin Eichler

ist das Bremer Straßenmagazin – ein gemeinsames Projekt

von Studierenden, JournalistInnen, sozial Engagierten, StreetworkerInnen,

HochschullehrerInnen und von Menschen, die

von Wohnungslosigkeit und Armut bedroht oder betroffen

sind. Die Zeitschrift der Straße wird auf der Straße verkauft, die

Hälfte des Verkaufserlöses geht an die VerkäuferInnen. Jede

Ausgabe widmet sich einem anderen Ort in Bremen und erzählt

Geschichten von der Straße.


Inhalt

08 Letzter Aufschlag

Sie sollen weg, wollen aber nicht weichen:

die Tennisspieler von Rot-Gelb

12 Post vom DFB

Ein Bremer Ultra wehrt sich gegen

sein Stadionverbot

14 Toleranz im Fußball

Fotostrecke

12

24

08

22

Die Liga

der außergewöhnlichen Drucker

UWE VANDREIER DIETMAR KOLLOSCHÉ ALEXANDRA WILKE UND ANDRÉ APPEL

BERLINDRUCK UND GSG BERLIN PRÄSENTIEREN IN ZUSAMMENARBEIT MIT A1/BREMER KREUZ/A27

OSKAR-SCHULZE-STR. 12 EINE CO-PRODUKTION MIT 28832 ACHIM EINE BERLINDRUCK PRODUKTION

18 Hör auf den Ball

Bei diesem Training wird es laut:

zu Gast bei der Bremer

Blindenfußballmanschaft

22 Einfach ist perfekt

Kochen mit Stern für die Stars von

Werder Bremen

24 Die Flut

Dein Freund und Helfer? Am Spieltag unterwegs

mit zwei Kontaktpolizisten

18

EIN FILM VON REINHARD BERLIN FRANK RÜTER CASTING HEDDA BERLIN ANKE HOLSTE HERSTELLUNGSLEITER WALTER SCHWENN KOSTÜMDESIGNER BJÖRN GERLACH

VOLKER KAHLERT MARCUS LATTERMANN RONALD MICHALAK ANDREAS MINDERMANN MIKE REIMERS JOCHEN RUSTEDT THOMAS VIERKE ERHARD VOSSMEYER

DIRK LELLINGER IN ZUSAMMENARBEIT MIT CHRISTIAN EWERT MARIAN KACYNA MAKE-UP IRIS KAISER-BANDMANN SCHNITT JÖRG WORTMANN PRODUKTIONSDESIGNER

STEPHAN HARMS MELAHAT HALTERMANN THOMAS HARTUNG RANDERS KÄRBER OLE BRÜNS ILKA KÖNIG MONIKA PLOTTKE DENNY QUEDNAU

MARLIES WELLBROCK FOTOGRAFIE-DIREKTOR CARSTEN HEIDMANN AUSFÜHRENDE PRODUZENTEN DAGMAR BAUMGARTEN SONJA CORDES KATRIN HARJES

MARVIN RÖNISCH PRODUKTIONSLEITUNG KATJA LINDEMANN BEST GIRLS/BOYS TESSA WARNECKE CHEVY ORLANDO FRITSCH PRODUZENTEN KIRSTEN HINRICHS

ROLF MAMMEN ANNE SWIERCZYNSKI DREHBUCH HENRIKE OTT NACH EINER IDEE VON PATRICK CALANDRUCCIO PETRA GRASHOFF REGIE ECKARD CHRISTIANI

www.berlindruck.de

28 Unterstützen

29 Neuigkeiten

30 Ein Schnack mit … Toma

31 Impressum & Vorschau

Illustration:

Anna-Lena Klütz ist freie Künstlerin und freut

sich, wenn aus einer scheinbar nichtssagenden

Straße ein Bild voller spannender Einblicke wird.


6 | zahlEN

1930

WESER

STADION

Sportstätte im Ortsteil Peterswerder, gelegen zwischen

Weser und dem Straßendreieck Osterdeich, Auf dem

Peterswerder und Franz-Böhmert-Straße

2015

Recherche & Text: Philipp Jarke, Thomas Waschnewski

Foto (2015): Philipp Jarke

Tribünenkapazität im Jahr 1909: 1.000

Tribünenkapazität im Jahr 1926: 7.000

Tribünenkapazität im Jahr 1965: 45.000

Tribünenkapazität im Jahr 2015: 42.500

Kosten des Umbaus 2008–2011, in Euro:

76.500.000

Anteil der Stadt am Stadion, in Prozent: 50

Preis eines Stehplatztickets in der Ostkurve für ein

Topspiel der Saison 2015/2016, in Euro: 16

Preis eines Sitzplatztickets auf der Nordtribüne für

ein Topspiel der Saison 2015/2016, in Euro: 70

Preis eines Tagestickets in der Eventloge für ein

Topspiel 2015/2016, pro Person in Euro: 416,50

Schiffshörner nach einem Werder-Tor: 2

Schiffshörner in der Saison 2014/2015, gesamt: 50

Gesamtlänge der Rohre der Rasenheizung, in

Kilometern: 27

Höchsttemperatur des Wassers in den Rohren, in

Grad Celsius: 35

Zahl der Flutlichtmasten: 4

Höhe der Flutlichtmasten, in Metern: 61

Zahl der Strahler pro Mast: 51

Gesamtleistung der Flutlichtanlage, in kW: 408

Beleuchtungsstärke während eines Flutlichtspiels

auf dem Rasen, in Lux: 1.900

Natürliche Helligkeit an einem bedeckten

Sommertag, in Lux: 20.000

Geschätzte Schäden am Stadion bei Überflutung,

in Euro: 20.000.000

Von der Versicherung gedeckte Schäden am

Stadion durch Sturmflut, in Euro: 0

Höhe des Deiches am Weserstadion, in Metern

über Normalnull: 5,5

Höhe der Sturmflut am Weserstadion im Dezember

2013, in Metern über Normalnull: 5,28

Höhe der geplanten Flutschutzmauer um das Stadion,

in Metern über Normalnull: 6,5

Überwachungskameras im Weserstadion: 58

Hundehaufen: 0

Wo heute das raumschiffgleiche Weserstadion seine

Flutlichtmasten in den Himmel streckt, umdribbelten

Anfang des 20. Jahrhunderts die Jungs und

Männer (Frauenfußball war damals noch weniger

denkbar als das Frauenwahlrecht) noch mehr Kuhfladen

als Gegenspieler. Das änderte sich im Jahr

1909, als das erste Stadion angelegt wurde. Der

Tribünenplatz Peterswerder, wie es damals hieß,

hatte eine Holztribüne an der Südseite, die 1.000

Zuschauern Platz und ein Dach über dem Kopf bot.

Hier fanden neben Sportveranstaltungen auch politische

Kundgebungen und Aufmärsche statt.

Als Fußball in Bremen populärer wurde, musste

ein größeres Stadion her. Drei Sportvereine

schlossen sich zum Allgemeinen Bremer Turnund

Sportverein von 1860 zusammen und bauten

die ABTS-Kampfbahn, die am 17. Oktober 1926

eingeweiht wurde. Unter der großen Tribüne gab

es Umkleidekabinen und ein Restaurant. Ab 1930

trug der SV Werder Bremen seine Spiele im Weserstadion

aus, wie es zwischenzeitlich hieß.

Die Nazizeit rückte näher, das Stadion wurde

zur „Bremer Kampfbahn“, in der Sport Nebensache

war. Die Anlage diente der NSDAP zum Aufwiegeln

und Einschwören der Massen. Im Zweiten

Weltkrieg standen auf dem Stadion drei Flugabwehrkanonen.

Nach Kriegsende bekam das Weserstadion seinen

Namen zurück, den es bis heute trägt. Während

der 1960er- und 1970er-Jahre wurde es schrittweise

ausgebaut, 1978 wurden die markanten Flutlichtmasten

errichtet.

2002 senkte man das Spielfeld um 2,10 Meter

ab, um 8.000 zusätzliche Plätze auf mobilen Tribünen

zu schaffen. Die Kapazität des Weserstadions

stieg auf 43.500 Sitz- und Stehplätze. Die Leichtathleten

konnten das Stadion zunächst weiter nutzen.

Doch nur sechs Jahre später wurden die Tribünen

dauerhaft bis direkt an das Spielfeld erweitert.

Schade für die Leichtathleten, wunderbar für die

Fußballer und ihre Zuschauer.

Auch das Dach und die Fassade wurden komplett

erneuert und mit Fotovoltaikmodulen bestückt,

die Strom für etwa 300 Haushalte liefern.

Historisches Foto: Landesinstitut für Schule (LIS)


Letzter

Aufschlag

Sie sind im Weg. Und wollen doch nicht

weichen. Eine Geschichte von David gegen Goliath

Text: Björn Struß

Fotos: Jan Zier

Lange existierten sie nebeneinander. Doch nun soll der Tennisclub Rot-Gelb weg:

Er ist eine Sicherheitsgefahr.

„Schauen Sie sich doch mal um. Das ist so schön

hier“, sagt Bernd van Leyen. Er steht auf der

Dachterrasse des Tennisclubs Rot-Gelb und breitet

seine Arme weit aus, als wolle er das Vereinsgelände

anpreisen wie frisches Obst. Zu seiner Rechten

passiert gerade ein kleines Containerschiff den

großen Bogen der Weser. Es ist ein guter Ort, um

Schiffe zu beobachten. Doch Van Leyen interessiert

sich mehr für die vier Tennisplätze auf der

gegenüberliegenden Seite des Vereinsheims.

„Das sah aber auch schon mal dynamischer

aus“, kommentiert van Leyen einen eher schlaffen

Aufschlag auf Platz eins. Dann stopft er Tabak

in seine Pfeife und schiebt sie sich unter seinen

buschigen Schnurrbart. Neben ihm steht sein

Tennispartner Klaus Hennecke, dessen drahtiger

Statur man ansieht, dass er immer noch zupacken

kann. Es sind die älteren Vereinsmitglieder, die

an diesem Mittwoch die vier Tennisplätze bespielen.

Während unten die ersten Partien im Doppel

ausgetragen werden, sitzen oben ungefähr ein Dutzend

Menschen, trinken Kaffee und warten darauf,

dass ihr eigenes Spiel beginnt.

Es ist noch Zeit für eine zweite Tasse. Hennecke

schenkt van Leyen und den anderen Spielern

ein. Das ist keine Bedienung, sondern die Routine

gewachsener Freundschaften. Alle kennen sich

beim Vornamen; viele schlagen sich hier bereits

seit Jahrzehnten die Bälle zu.

Klaus Hennecke ist seit 25 Jahren bei Rot-Gelb.

Als Sportwart hält er die Plätze in Schuss und

sorgt auch ansonsten für ein intaktes Vereinsleben.

„Er ist der wichtigste Mann bei uns. Ohne ihn

läuft hier nichts“, sagt van Leyen. Auch an diesem

sonnigen Vormittag war Hennecke, der früher als

Tischler gearbeitet hat, wieder vor allen anderen

da: die Ascheplätze duschen, damit es beim Spiel

nicht staubt. „Meine Freunde fragen mich manchmal:

Warst du im Urlaub? Dabei war ich nur wieder

lange auf dem Tennisplatz.“ Und tatsächlich:

Schon im Mai hat der Rentner das, was man wohl

eine „gesunde Farbe“ nennt.

Aber Klaus Hennecke ist mehr als nur Sportwart.

Seit fünfzehn Jahren beteiligt er sich an der

Vorstandsarbeit des Tennisclubs. Eine Aufgabe,

die in diesem Verein gerade viele Nerven kostet.

Denn für die Stadt, vertreten durch das öffentliche

Unternehmen Immobilien Bremen und den

Stadionbetreiber Bremer Weser-Stadion GmbH

(BWS), ist der Tennisverein ein Sicherheitsproblem.

Die meterhohen Zäune der Anlage schaffen

eine Engstelle zwischen Stadion und Tennisplätzen.

Bei einer Evakuierung des Stadions oder gar

Massenpanik könnte es hier gefährlich werden.

Außerdem schränkt der Platz die Möglichkeiten

der Polizei ein, Gästefans von grün-weißen Anhängern

zu trennen.

Das Problem ist lange bekannt. Während der

Umbauarbeiten des Stadions zu einer reinen Fußballarena

wurde das Vereinsgelände darum 2008

um vier Meter versetzt. Zusätzlich erhielt der

Zaun zwei Jahre darauf vier große Pforten, damit

die Fußballfans im Ernstfall auf die Tennisplätze

strömen können. „Uns wurde danach gesagt: Das

reicht“, sagt Hennecke.

Wohin mit den Fans im

Katastrophenfall?

Reportage | 9

Es geht aber weiter: 2011 simuliert Sport- und

Innensenator Ulrich Mäurer im Stadion eine Bombenexplosion

mit Todesopfern und zahlreichen

Verletzten. Die Katastrophenübung zeigt, dass den

Rettungskräften im Westen des Stadions freie Flächen

für Einsatzfahrzeuge und die Versorgung von

Verletzten fehlen würden. Mäurer ordnet daraufhin

an, die BWS müsse Freiflächen für Rettungskräfte

schaffen.

Der Tennisclub Rot-Gelb zeigt sich kompromissbereit.

Hennecke: „Unseren fünften Tennisplatz

stellen wir bei Werder-Spielen der Polizei zur

Verfügung.“ Sein Verein zahle die Pacht, würde

den Platz zurzeit aber nicht für den Spielbetrieb

benötigen. Ein guter Kompromiss, findet Hennecke.

Der Stadt aber reicht der nicht. 2013 wird dem

Tennisclub Rot-Gelb durch Immobilien Bremen

der Pachtvertrag gekündigt.

„Kein Mensch versteht, dass wir hier weg sollen.

Über 60 Jahre haut das schon hin“, beschwert

sich Hennecke. Die 140 Tennisspieler haben gegen

die Kündigung geklagt. Ein Schlichtungsverfahren

vor dem Bremer Landgericht wurde eingeleitet.

Nur so konnten Hennecke und seine Mitstreiter

den Abriss des Vereinsheims bislang verhindern.

„Dass der Verein die Kündigung nicht klaglos

hinnimmt, ist verständlich“, sagt Wilfried Rehling

von der BWS. Er ist Ingenieur und als Ansprechpartner

für die Projektsteuerung so etwas wie


10 | Reportage

Reportage | 11

Die Entscheidung vor dem Landgericht ist noch

nicht gefallen. Dennoch steht das Vereinsgelände

schon jetzt auf verlorenem Posten. Die Interessen

von 140 Tennisspielern wiegen nicht viel gegen die

Sicherheit von 40.000 Menschen und den Hochwasserschutz

des Weserstadions, das für über 70

Millionen Euro jüngst unter anderem einen stromerzeugenden

Glasmantel erhielt.

Als Hennecke und van Leyen später den Tennisplatz

betreten, halten sie sich die Hände vor die

Augen. Die Sonne spiegelt sich in der Fotovoltaikanlage

und blendet die Spieler. „Vor dem Umbau

wurde uns eine Glasfläche versprochen, die das

Sonnenlicht nicht reflektieren würde“, sagt Klaus

Hennecke und holt zum Aufschlag aus. Neben ihm

erstreckt sich, 27 Meter hoch, die schwarze Front

des Weserstadions. Durch die perfekte Rundung

wirkt sie fast endlos. Wie eine nahende Gewitterfront,

die sich bald entladen wird.

Björn Struß studiert Journalistik an der Hochschule

Bremen. Seine Westkurven-Dauerkarte

hat er vor zwei Jahren abgegeben.

Jan Zier ist Fotograf und Bildredakteur der

Zeitschrift der Straße. An diesem Thema faszinieren

ihn die optischen Gegensätze.

die Stimme von Goliath. Sein Büro liegt nur einige

Meter von der Tennisanlage entfernt, im westlichsten

der vier Bürotürme des Weserstadions.

Rehling trägt Hemd und Sakko, die Krawatte hat

er weggelassen. Die Büroarbeit hat einen Bauchansatz

geformt. Als Leiter für die großen Bauprojekte

des Stadions befindet sich Rehling auf dem Höhepunkt

seiner Karriere. Sein Schreibtisch ist zum

Osterdeich ausgerichtet; dem Tennisclub wendet

er den Rücken zu.

An den grauen Schränken hängen große Bauskizzen

und Computeranimationen. Darauf zu

sehen: das nächste große Projekt der BWS. Ein

grünes U mit Anbindung an den Osterdeich soll

die Arena in Zukunft vor Hochwasser von bis zu

6,50 Meter über Normalnull schützen. „Wenn

eine Sturmflut das Weserstadion unter Wasser

setzt, entsteht ein Schaden von bis zu 20 Millionen

Euro,“ sagt Rehling. Dieses Szenario will er durch

die neuen Schutzmaßnahmen abwenden. Gebaut

wird aber erst, wenn über den Umzug der Tennisspieler

entschieden worden ist.

Sein Hauptinteresse sei der Wasserschutz, sagt

Rehling: „Durch das Gerichtsverfahren wird der

dringend notwendige Hochwasserschutz immer

weiter nach hinten vertagt.“ Seine Stimme klingt

mahnend, wie die eines Vaters, der sein Kind zur

Vernunft bringen will. Man habe eine Freifläche

auf dem Vereinsgelände von Rot-Gelb in das Bauprojekt

integriert, um das Sicherheitskonzept des

Innensenators umzusetzen. Die Genehmigung

Die Interessen von 140

Tennisspielern wiegen wenig

gegen die Sicherheit von

Tausenden

für sein sieben Millionen teures „grünes U“ soll

im Herbst 2015 stehen. Im Frühjahr 2016 könnten

dann die Bagger rollen.

Auch Hennecke und van Leyen stellen sich

auf diese Zukunft ein. „Unter gewissen Voraussetzungen

sind wir bereit umzuziehen“, sagt Klaus

Hennecke. Im zweiten Schlichtungsgespräch war

dem Verein die Nutzung dreier Plätze beim Jürgenshof

angeboten worden. Diese werden aber

derzeit von einer Privatperson gepachtet, sodass

für den Spielbetrieb Kompromisse mit Rot-Gelb

gefunden werden müssten. „Unsere Mitglieder haben

sich gegen diese Variante ausgesprochen“, sagt

Hennecke. Als wolle er mit einer Steinschleuder

ausholen, sagt er: „Zur Not gehen wir auch in Berufung.

Unsere Vereinskasse ist gut gefüllt.“ Wilfried

Rehling von der BWS sieht diese Haltung skeptisch:

„Je länger der Verein pokert, desto weniger

kriegt er am Ende.“

Vom Aufenthaltsraum hat man einen guten Blick auf Tennisplätze (oben links).

Die meisten Spieler kennen sich schon seit Jahren (unten).


12 | PORTRAIT

portrait | 13

Post vom DFB

Für Matthias Schütze ist Fußball sein Leben. Nach

einer Schlägerei wird seine Liebe zu Werder eine

Fernbeziehung: Er hat drei Jahre Stadionverbot

Matthias Schütze darf dem Weserstadion an Spieltagen nicht näher kommen als bis

zum Osterdeich.

An einem viel zu warmen Wintertag Ende Februar

2014 öffnet Matthias Schütze*, brennender Anhänger

des SV Werder Bremen, seinen Briefkasten

vor dem Haus. Zwischen Rechnungen und Reklame

liegt ein Abholschein für ein Einschreiben. Absender:

Deutscher Fußball-Bund. Schützes Magen

zieht sich zusammen. Post vom DFB, das kann

nichts Gutes bedeuten.

Schütze erinnert sich, wie er das Einschreiben

in der Postfiliale abholt, es aber erst zu Hause öffnet.

Er liest die Betreffzeile, fett gedruckt: „Bundesweit

wirksames Stadionverbot.“ Er muss sich

setzen. „Gegen Sie wurde ein Ermittlungsverfahren

wegen des besonders schweren Falls des Landfriedensbruchs

eingeleitet.“ – Absatz – „Deswegen

erteilen wir Ihnen […] für Fußballveranstaltungen

von Vereinen und Kapitalgesellschaften der

Fußball-Lizenzligen (Bundesliga, 2. Bundesliga),

der 3. Liga, der vierten Spielklassenebene, des Ligaverbandes

und des DFB in sämtlichen Stadien

und Hallen Deutschlands ein Betretungsverbot.“

Schütze hat drei Jahre Stadionverbot. Heute sagt

er: „Da musste ich heulen.“

Matthias Schütze, 25, ist Werder-Fan, seit er

mit elf Jahren erstmals in der Ostkurve stand. Das

Spiel, Werder gegen Lautern, war stinklangweilig

und endete 0:0. Aber die Sprechchöre und Lieder

der Fans wirkten wie eine Droge, die ihn seitdem

nicht mehr loslässt. In 13 Jahren hat Schütze kein

Werder-Spiel verpasst. Als Schüler war er Schlagzeuger

in einer Band. Freunde fragten ihn, was er

mache, wenn Auftritt sei und zeitgleich Werder

spiele. Die Antwort fiel ihm leicht. Fan zu sein

wurde sein Leben. Tom Hofmann*, damals Bassist

der Band, versteht, dass Schütze den Kick braucht.

Sie sind immer noch gute Freunde, obwohl Hofmann

mit Fußball nichts am Hut hat.

Mit 16 trat Schütze einer Ultra-Gruppe bei – jenen

Fans, die ihren Verein mit Bannern, Gesängen

und Choreografien unterstützen und nicht zuletzt

sich selbst feiern. 2008 gründete er mit 14 Freunden

seine eigene Ultra-Gruppe: L’Intesa Verde,

grüner Zusammenhalt. Er schwört auf das Motto:

zusammenstehen und sich verteidigen.

In der Ostkurve des Weserstadions gibt Schütze

während der Spiele als Trommler den Rhythmus

vor. Er spürt, wie die Gesänge die Mannschaft

nach vorn peitschen. Er ist glücklich, wenn die

Spieler nach einem Sieg mit ihm und den Fans in

der Kurve jubeln. Für ihn ist es gegenseitige Liebe.

Am späten Abend des 7. September 2013, nach

dem sportlich bedeutungslosen Abschiedsspiel von

Text: Thomas Waschnewski

Foto: Dominik Jaeck

Torsten Frings, bekommt das Motto von L’Intesa

Verde, zusammenstehen und sich verteidigen, eine

dramatische Bedeutung. Ultras und Hooligans aus

Werders Fanszene geraten vor dem Stadion aneinander.

Zwei Ultras verpassen zwei Hooligans ein

paar Schläge. So habe Schütze das erzählt bekommen.

Er selbst sei gar nicht in der Nähe gewesen

und somit unschuldig. Im Nachhinein erfährt

Schütze, sein Spitzname („Matze“) sei der Polizei

gesteckt worden, anonym.

Er und 19 weitere Ultras werden angezeigt.

Schütze findet: auf Verdacht. Werder habe das ähnlich

gesehen und sich geweigert, die Anzeigen an

die Fans weiterzuleiten. Daraufhin habe die Polizei

alle Daten an den DFB gemeldet. Monate später bekommt

Schütze Post aus Frankfurt.

Mit den Spielern den

Sieg zu bejubeln, ist für

ihn gegenseitige Liebe

Als Schütze den Brief des DFB durchgelesen

hat, ruft er seinen Anwalt an. Der legt Berufung

gegen den Stadionbann ein. Seine Strategie: Die

Weitergabe von Schützes Daten an DFB, UEFA

und FIFA durch die Polizei sei rechtswidrig und

damit auch das Stadionverbot.

Seit bald eineinhalb Jahren läuft das Verfahren,

das Stadionverbot ist weiterhin in Kraft. Aber

Schützes Liebe zu Werder ist ungebrochen. Obwohl

er inzwischen in Berlin lebt, fährt er zu jedem Werder-Heimspiel

nach Bremen, um die Übertragung

in seiner Stammkneipe anzuschauen. Mit dabei

sind seine engsten Freunde, vor allem Ultras, die

auch Stadionverbot haben.

An diesem Wochenende läuft das letzte Heimspiel

der Saison 2014/2015: Werder gegen Gladbach.

Schütze nimmt das Spiel kaum wahr, er achtet vor

allem auf die Fanchoreografie. Er freut sich, wenn

die Kamera zur Ostkurve schwenkt. Dann ist die

Fahne von L’Intesa Verde im Bild. Grüne Schrift

auf weißem Grund: „Kein Mensch, kein Gesetz,

kein Verbot kann uns trennen!“

Thomas Waschnewski studiert Journalistik. Er

ist seit zwölf Jahren Werder-Fan, war aber erst

einmal im Weserstadion.

* Name geändert


Toleranz im

Fußball


FOTOSTRECKE | 17

Toleranz im Fußball

Mit Vielfalt und Toleranz haben viele Fußballfans ein Problem.

Grund genug für den Fotografen Hartmut Müller, mit Werder

Bremen genau dafür zu werben. Müller machte Bilder wie das

der Regenbogeneckfahne im Weserstadion. Anschließend entstand

der Plan, ein „Match der Vielfalt“ durchzuführen. Werder

Bremen ist seit April 2014 Mitglied der Charta für Vielfalt

und hat diese Idee der Deutschen Fußballliga vorgestellt. Die

DFL startete daraufhin eine bundesweite Initiative für Integration

und Vielfalt. Am 4. April 2015 war es so weit. Das Heimspiel

des SV Werder gegen Mainz 05 stand unter dem Motto

„Wir sind Werder – wir sind bunt“. Alle vier Eckfahnen waren

regenbogenbunt, in und vor dem Stadion gab es Aktionen und

auch die Werder-Fans warben mit Choreografien für Toleranz.

Und das ursprüngliche Projekt? Mit den Aufnahmen des Aktionstages

konnte der Fotograf seine Fotoserie erweitern. Und

ein großes Exemplar des Bildes der Regenbogeneckfahne hat

seinen Weg ins Stadion gefunden.

Fotos: Hartmut Müller

Hartmut Müller hat Luft- und Raumfahrt studiert und

fotografiert seit seiner Kindheit Landschaften und Personen.

Den Autodidakten reizt die Zusammenarbeit mit

Menschen, die er in seine Projekte einbezieht.

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Hör auf

reportage | 19

den Ball

Es rasselt, pfeift und scheppert: Wenn Nele, Ole und die

anderen Fußball spielen, wird es laut

Text: Katja Hoffmann

Fotos: Benjamin Eichler

Mit vollem Einsatz jagen zwei Jungs dem Ball hinterher. Gut sehen können sie

ihn nicht. Aber hören.


eportage | 21

Ole steht am liebsten im Tor (oben). Marvin (rechts, im hellen Shirt) spielte schon

bei einem Probetraining der Blindenmannschaft des FC St. Pauli mit.

Lautes Gelächter hallt über das kleine Fußballfeld

am Weserstadion. Bälle und Rufe fliegen durch die

Luft. Eine Gruppe von Mädchen und Jungen ist auf

dem Platz, mittendrin Nele, neun Jahre. Mit voller

Wucht tritt sie den Ball. Es rasselt laut. Nele dribbelt

sich durch eine Reihe Hütchen, auf einen anderen

Spieler zu. „Voy“, ruft sie: Ich komme. „Voy.

Voy!“ Das Rasseln, die Rufe – das alles ist Teil des

Spiels. Nele trainiert in der Blindenfußballgruppe

des SV Werder Bremen, der einzigen dieser Stadt.

Kurze Trinkpause. Nele sitzt im verschwitzten

Werder-Trikot auf den Stufen eines kleinen Gebäudes

am Rand des Feldes. Ihr blondes Haar ist

Der Trainer klopft an die

Pfosten. So weiß Ole, wo

das Tor zu Ende ist

durcheinander, die Wangen sind vom Aufwärmen

gerötet. Sie zeigt auf ein ausrangiertes Tor neben

dem Fußballplatz, ein paar Meter von ihr entfernt.

„Das kann ich ohne meine Brille nur ganz verschwommen

sehen.“ Sie rückt die dicken Gläsern

zurecht. „Als ich 4 Jahre alt war, konnte ich meine

Mama auf einmal nicht mehr richtig erkennen“,

sagt sie. Manchmal hört sie, wie andere Kinder

über sie reden: Sie sei anders als die anderen. Da

ist Nele anderer Meinung. Sie findet nicht, dass

sie eingeschränkt ist. Trotzdem – wenn sie wählen

könnte, hätte sie lieber Kontaktlinsen, sagt sie.

Fußball hat sie schon immer gern gespielt.

Mittlerweile geht es ihr jedoch um mehr. Sie will

ihre Technik verbessern: „Vor allem das Dribbeln

fällt mir noch total schwer.“ Wie viele aus ihrer

Mannschaft geht Nele auf die Georg-Droste-Schule,

das Förderzentrum für Sehen und visuelle

Wahrnehmung. Ein Werder-Bus holt die Gruppe

von der Schule ab und fährt sie zum Weserstadion.

„Da haben sogar mal die Profis dringesessen!“,

sagt Nele. In ihrem Blick liegt Stolz.

„Willst du wieder mitspielen oder bist du jetzt

schon ein großer Zeitungsstar?“, ruft Michael

Arends Nele vom Platz aus zu. Er ist einer der vier

Trainer und hat Werders Blindenfußballgruppe

mitbegründet. Nele läuft zurück zur Mannschaft.

Die wird gerade aufgeteilt: Ein Teil soll heute im

Sand spielen. Kreischend rennt Nele mit den Kindern

durch eine Rasensprenganlage zum anderen

Platz. Nur ein Kind bewegt sich ein wenig unsicher:

Jason ist sieben Jahre alt und der einzige im

Team, der gar nichts sehen kann. Hin und wieder

spielt die Mannschaft darum „blind“. Dann haben

alle eine Brille auf, mit der man nichts mehr sieht.

Zurück auf dem Fußballfeld. Einzeltraining.

Ole steht wie immer im Tor. Er ist einer der Größten

in der Mannschaft. Also gute Voraussetzungen.

Hinter dem Tor klopft Trainer Thomas Vorberger

abwechselnd gegen die Metallpfosten. So weiß Ole,

wo das Tor zu Ende ist. Wumm. Das Leder landet

im Netz und Ole, der auf die andere Seite gehechtet

ist, auf dem Boden. „Verdammt“, ruft er. Der Torschütze

streckt die Faust in die Luft und jubelt.

Marvin ist mit seinen 18 Jahren der Älteste in

der Mannschaft. Als er noch ein Baby war, fanden

die Ärzte einen Tumor, der ihm einen großen Teil

des Augenlichts nahm. Die Ausbreitung wurde

gestoppt; entfernen konnte man ihn nicht. Marvin

sagt: „Das ist ein Tumor, mit dem ich mich abfinden

muss und auch kann.“ Obwohl er eigentlich

nicht einmal Fahrrad fahren dürfte, verbringt er

viel Zeit mit Sport. Seine große Leidenschaft ist

das Freestyle-Parkour. Das erzählt er ganz beiläufig.

Er springt nun schon, seitdem er dreizehn ist,

von Mauer zu Mauer. Das hielt er für lange Zeit

geheim. „Irgendwann hab ich mir dann den Fuß

bei einem Stunt gebrochen, da ist mir dann keine

Ausrede mehr eingefallen“, erzählt er. Vor Kurzem

wurde er zu einem Probetraining der Blindenmannschaft

des FC St. Pauli eingeladen. Das Besondere:

Die Mannschaft spielt in der Blindenfußballliga

mit. „Das wäre natürlich cool, wenn ich da

mitspielen könnte“, sagt Marvin.

Die Gruppe vom Sandplatz stürmt durchnässt

aufs Feld. Zwei Teams werden gewählt. Die Kinder

kicken ohne viele Regeln. Es rasselt, pfeift und

scheppert. Die ersten Eltern feuern vom Spielfeldrand

an. Jedes Tor wird mit einem ohrenbetäubenden

Jubel gefeiert. Dann gellt der Schlusspfiff.

Ein bisschen Ruhe – bis zum nächsten Spiel.

Katja Hoffmann studiert Journalistik an der

Hochschule Bremen. Sie hat gut zugehört und

deshalb keine Bälle an den Kopf bekommen.

Benjamin Eichler hat Journalistik studiert und

arbeitet als freier Fotojournalist. Beim Training

kam er ordentlich ins Schwitzen.

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ist auch da, wenn’s

hart auf hart kommt.

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Einfach ist perfekt

PORTRAIT | 23

Obwohl sich Dietrich Sandermann früher kaum für Fußball

interessierte, kocht er heute für die Profis von Werder Bremen.

Unsere Autorin durfte probieren

Text: June Koch

Foto: Cord Gode

Ein dreirädriger Kleinlaster hält knatternd auf

dem Parkplatz des Restaurants Cavana in Horn-Lehe.

Ein korpulenter Mann mit weißer Kochjacke

wuchtet sich heraus: Dietrich Sandermann, genannt

„Dixi“. Der Sternekoch von Werder Bremen.

Das ist Ihr Auto? „Klar“, sagt Sandermann,

„damit komm ich überall durch, ist viel einfacher!

Ab in die Küche, wir machen mal was zu essen.“

Das Restaurant gehört einem Freund Sandermanns,

die Küche nutzt er gelegentlich, um Speisen

für die Werder-Spieler vorzubereiten. Aus

dem erstbesten Kühlfach hievt Sandermann ein

mächtiges Stück Rinderrücken. „Ich schneid mir

mal was ab, ne?“, ruft Sandermann. Wenig später

zischt ein Rib-Eye-Steak in der Pfanne. „Habt

ihr keinen Sprit zum Flambieren?“ Schnaufend

durchsucht er die Regale, Flaschen klirren. „Ah,

da haben wir doch was.“ Er spritzt eine bräunliche

Flüssigkeit in die Pfanne, Flammen schießen empor.

Grinsend sieht er mich an. „Noch ein bisschen

Sahne, dann können wir essen.“

Während ich das perfekte Steak probiere, saftig,

blutig und von Fett durchzogen, erzählt Sandermann,

worauf es ankommt, wenn er für Werders

Fußballer kocht.

Die Spieler brauchen Energie: Es gibt es vor

allem Kohlenhydrate, meist Nudeln mit Soße.

Schwer Verdauliches kommt nicht infrage. „Besonders

schlimm sind Pilze“, sagt er, „der Körper

braucht 24 Stunden, bis er die verwertet hat.“

Sandermann kochte schon zu Otto Rehhagels

Zeiten für die Mannschaft. Damals gab es oft Deftiges,

und nach dem Spiel wurde ordentlich Bier

getrunken. Aber Fußball ist jetzt viel athletischer,

die Spieler müssen ihre Ernährung anpassen,

auch wenn es gerade den Jüngeren schwerfällt.

„Ich habe selbst zwei Jungs in dem Alter, ich weiß,

wie das bei denen mit der Ernährung läuft.“

Nach den Spielen darf aber schon mal zugeschlagen

werden. Leibspeise der Mannschaft: Köttbullar!

Und Fisch! Privates über einzelne Spieler

verrät Sandermann nicht. „Das ist Ehrensache“,

sagt er, „wir sind schließlich wie eine Familie.“

Für die Spieler gibt er gelegentlich Kochkurse,

als teambildende Maßnahme. „Kochen ist

ein Mannschaftssport, genau wie Fußball. Man

braucht einen Stürmer für die Hauptgänge, einen

Mittelfeldspieler für die Strategie und einen Verteidiger

fürs Dessert, der am Schluss noch alles

retten kann. Wenn einer versagt, versagen alle.“

Sandermann ist seit 16 Jahren verheiratet, seine

drei Kinder hat er sehr frei erzogen. „Man muss

die Menschen nehmen, wie sie sind. Wenn du deine

Kinder lenken willst, marschieren sie genau in

die andere Richtung davon.“ Sandermann wirkt so

friedlich, dass es ansteckend ist.

Zum Kochen kam er schon als kleiner Junge.

„Wir waren fünf Kinder und mussten unsere Eltern

unterstützen. Wer als Erster aus der Schule

kam, war für das Essen zuständig.“

Aus Pflicht wurde Hobby, aus Hobby Beruf. Er

hat es nie bereut. Er kochte im Hilton in Istanbul,

im Ritz-Charlton in Palm Springs und in seinem

eigenen Restaurant in Düsseldorf. 1992 wurde er

Chefkoch in der Villa Verde im Weserstadion, das

bald mit dem Stern des Guide Michelin ausgezeichnet

wurde. Wenn Sandermann davon erzählt,

wirkt er sehr gelassen. „Wir wollten gar keinen

Stern, dann kam er halt doch. Klar freut man sich.“

Fußball war lange Zeit nichts für ihn, mit dem

Virus Werder hat er sich erst allmählich infiziert.

„Die Jungs sind immer im Restaurant gewesen, irgendwann

fieberst du halt für deine Freunde mit.“

In seiner Freizeit widmet er sich seiner zweitgrößten

Leidenschaft: der Kunst. Er kombiniert

Aquarell- und Lackfarben zu bunten, kräftigen Bildern,

seine Werke hat er unter anderem im Kontorhaus

ausgestellt. Hat er ein Erfolgsgeheimnis?

„Sich selbst nicht so wichtig nehmen, es geht doch

darum, glücklich zu sein. Steht man nicht unter

Druck, kommt der Erfolg von ganz allein.“

Und warum gibt sich ein Sternekoch damit

zufrieden, Köttbullar und Nudeln zuzubereiten?

„Einfaches ist perfekt. Beim Kochen kann das

simpelste Gericht das schwierigste sein. Ich kriege

die Frikadellen meiner Frau bis heute nicht so hin

wie sie.“

June Koch studiert Journalistik an der Hochschule

Bremen. Kochen ist ihre Leidenschaft

und ihr Steak isst sie am liebsten blutig.

Cord Gode arbeitet freiberuflich als Fotograf.

Sein Sujet sind vorzugsweise Lebensmittel und

was damit in Beziehung steht.


24 | Reportage

Die

Flut

Polizisten zum Anfassen sollen sie sein,

Gräben überwinden. Eine Geschichte vom Dialog

und seinen Grenzen

Einlass am Weserstadion: Die Kontaktpolizisten delegieren die Fans

und stehen für Fragen bereit. Ihr Einsatz soll Vertrauen schaffen.

Text: Jan Menzner

Fotos: Dominik Jaeck

Eine grün-weiß-schwarze Welle schiebt sich durch

den Bahnhof, nähert sich unaufhaltsam dem Ausgang

und ergießt sich auf den Willy-Brandt-Platz,

wo einsam zwei Männer stehen. In Sekunden hat

die Brandung sie umschlossen. Nur hin und wieder

sieht man ihre blauen Stoffwesten noch aufleuchten,

mal hier, mal dort.

Der Strom fließt derweil weiter, gebändigt nur

von zwei langen Barrikaden an den Seiten. Wieder

und wieder brechen die Wellen an diesen Absperrungen,

hinter denen sich Dutzende vermummte

Gestalten verschanzt haben, bewaffnet und gepanzert,

bereit zu reagieren, falls eine der Wogen

überschwappt. Doch diese schieben sich vorwärts,

immer weiter vorwärts, in die einzige mögliche

Richtung. Bis sich plötzlich das künstliches Flussbett

verschmälert, die Dämme enger zusammenrücken

und im Farben-Wirrwarr langsam einzelne

Menschen mit bunten T-Shirts, Fahnen und

Schals erkennbar werden.

Mindestens 17 Mal im Jahr kann man am Bremer

Bahnhof dieses Naturspektakel verfolgen. In

der Bevölkerung ist es bekannt unter der Bezeichnung

„Gästefans“, die heutige Ausprägung bestimmen

Fachleute als „Gladbacher“. Mittendrin: Erwin

Stahl und sein Kollege Thomas Boehm (Name

geändert). Sie sind Fankontaktbeamte der Polizei.

Ihre Aufgabe: Konflikten vorzubeugen und die Angereisten

in die richtige „Fließrichtung“ zu lotsen.

Das heißt heute: vom Zug direkt in den Shuttlebus,

der die Borussen-Fans zum Weserstadion fährt.

Am Bahnhof ist die Stimmung überwältigend.

Es wird lauter und lauter. Grund zum Feiern gibt

es genug: Ein Sieg heute garantiert den Gästen

direkten Einzug in die Königsklasse des europäischen

Fußballs. Der süßliche Geruch von Bier liegt

in der Luft und eine elektrisierende Vorfreude auf

die kommenden 90 Minuten.

Stahl und Boehm dirigieren die Fans, rufen ihnen

die immer gleichen Sätze entgegen, ein Man-

Die Fans tanzen um ihn

herum, wedeln mit ihren

Schals und grölen

tra der Kontaktbeamten:

„Nein, im Bus sind keine Glasflaschen erlaubt!“

„Geht doch bitte weiter, damit die Leute hier

durchkommen!“

„Ja, auch zurück wird mit dem Bus gefahren!“

„Der Eingang zum Gästeblock ist bei Tor 10!“

Anders als ihre Kollegen an den Barrikaden

tragen die beiden keinen Helm, keine Panzerung.

Nur die blauen Westen und ein Namensschild auf

der Brust. Das soll Vertrauen schaffen.

Plötzlich beginnen etwa zehn Gladbacher, um

Stahl herumzutanzen. „Und nach jedem Sieg singen

wir das Lied: Auf, auf, auf in die Champions

League“, grölen sie immer wieder, während sie,

mit ihren Schals wedelnd, auf und ab springen. Erwin

Stahl steht ruhig in ihrer Mitte. Er überragt sie

alle. Kurz schätzt er die Lage ein. Dann beginnt er,

mit beständiger, nachdrücklicher Stimme auf die

Feierwütigen einzureden. Tatsächlich schafft er es,

sie in Richtung Shuttlebus bewegen.

Boehm lässt seinen Kollegen währenddessen

nicht aus den Augen. Schließlich befindet sich

unter den unzähligen Borussen auch eine große

Gruppe sogenannter Problem-Fans. In der Einsatzbesprechung

noch vor wenigen Stunden erhielten

die Fankontakter einen Tipp durch „szenekundige

Beamte“: Etwa 250 Gladbach-Anhänger der Kategorien

B und C wurden heute in Bremen erwartet.

So klassifiziert die Polizei grundsätzlich gewaltbereite

(B) und aktiv Gewalt und Schlägereien suchende

Fans (C). Bundesligaweit zählen sie dabei

etwa 6.000 Anhänger zu diesen Gruppierungen.

Wie schnell die Stimmung der ausgelassenen,

mehr oder weniger angetrunkenen Fans umschlagen

kann, erleben wir Reporter am eigenen Leib:

Unser Fotograf wird plötzlich von etwa zehn Gladbach-Fans

umringt. Blitzschnell brechen sie den

Fotoapparat auf, stehlen die Speicherkarte, entwenden

seinen Presseausweis. Als die Bundes-


eportage | 27

Erwin Stahl im Gespräch mit einem Werder-Fan. Solche kurzen

Momente empfindet er als Lohn für seinen Job.

polizei dazukommt, sind sie bereits in der Menge

verschwunden.

Stahl wundert der Vorfall nicht. Das Vertrauen

der Fans gegenüber Polizei und anderen „Offiziellen“

ist gering. Den ganzen Tag über hören er

und sein Kollege Beleidigungen. „Blöde Bullen“,

„Scheiß-Faschos“: gerade laut genug gezischt, dass

es die Polizisten vielleicht, aber eben nur vielleicht

mitbekommen. Boehm hat sogar Verständnis für

solche Pöbeleien: „Wenn man im Zug stundenlang

eingeengt ist, braucht man eben ein Ventil – das

heißt dann: feiern oder provozieren.“

Den ganzen Tag hört er

Beleidigungen. Und

meldet sich freiwillig

Stress, Ablehnung, Beleidigungen: Was bewegt

einen Menschen dazu, den Job eines Fankontaktbeamten

zu machen? Es gibt, auch innerhalb der

Polizei, sicherlich einfachere, angenehmere Aufgaben.

Für Erwin Stahl ist die Antwort simpel: Er

wollte noch einmal etwas Neues erleben, eine Veränderung

zum „normalen Dienst“.

Sein eigentliches Einsatzgebiet hat der Polizeioberkommissar

in Osterholz. Besuche im Kindergarten,

bei denen er „Polizist zum Anfassen“ ist,

gehören da genauso dazu wie Vorträge im Seniorenheim.

Die Wände seines Büros zieren unzählige

Grußkarten und Fotos von Verkehrserziehungstagen.

Der Raum duftet nach frischem Kaffee.

Beamtengemütlichkeit. „Wenn ich in die Schule

komme, werde ich dort begrüßt wie ein Star“, sagt

er. Sich selbst beschreibt er als „Dorfsheriff“, als

ersten Ansprechpartner vor Ort.

Zusätzlich zu seinem Dienst muss der 53-Jährige

wie jeder Polizist eine Zweitfunktion belegen.

Diese kann von Papierarbeit bis zu Sonderdiensten

bei Veranstaltungen alles sein. Stahl ist eigentlich

für die Verkehrsregelung eingeteilt. „Ich muss immer

bitten und betteln: „Lasst mich zum Fußball“,

sagt er. Der Fankontakt ist bisher nicht offiziell als

Zweitfunktion anerkannt.

Nach etwa drei Stunden Einsatz am Bahnhof

sind endlich alle Fans in die Busse gestiegen und

auf dem Weg zum Weserstadion. Stahl und Boehm

müssen sich beeilen: Am Osterdeich sollen sie die

Leute wieder in Empfang nehmen. Am Stadion

selbst läuft dann zunächst alles wie geplant: Fans

rein. Anpfiff. Halbzeit. Abpfiff. Die beiden haben

sogar die Zeit, selbst einen großen Teil des Spiels

zu sehen. Die letzten Minuten verpassen sie trotzdem.

Als Raffael Gladbach mit dem zweiten Tor

des Abends in die Champions-League schießt, stehen

sie bereits vor Tor 10. Bereit, die Borussen wieder

in Empfang zu nehmen.

Deren Freude über den Sieg mischt sich

schnell mit Ärger über die massive Polizeipräsenz.

Außer Stahl und Boehm hat sich auch eine Hundertschaft

Bundespolizisten um Tor 10 verteilt und

beobachtet die Menge. „Als wären wir alle Schwerverbrecher“,

ruft ein älterer Mann, als er sie sieht.

Andere stimmen lautstark in seinen Protest ein.

Wieder wird neues Konfliktpotenzial geschürt.

Die wenigsten unterscheiden zwischen blauen

Stoffwesten und schwarzem Kevlar-Panzer. Polizei

bleibt Polizei.

Stahl weiß, wie tief der Graben ist. In der abgelaufenen

Saison sprach er mit einem Leverkusener

Fan, der sich den Arm gebrochen hatte und offensichtlich

unsägliche Schmerzen litt. Doch helfen

konnte er ihm nicht. Denn die mitgereisten Kumpels

stellten den Mann vor die Wahl: Hilfe suchen

bei der Polizei und den Arm in Bremen verarzten

lassen hätte den Ausschluss aus der Fangemeinschaft

bedeutet. Also fuhr er mit gebrochenen

Knochen die knapp 300 Kilometer nach Leverkusen

im Bus zurück.

Solche Situationen soll es in Zukunft seltener

geben – das war die Hoffnung, als die Idee der Fankontaktbeamten

ins Leben gerufen wurde. Noch

sind die Erfolge augenscheinlich gering. Aber

Stahl ist ein geduldiger Mensch. Ein im Vorbeigehen

gerufenes „Schönen Tag noch“, ein Handschlag

nach dem Spiel, ein gut gemeintes Schulterklopfen

durch einen jungen Gladbacher und ein

gemurmeltes „Dankeschön“ nach einer Auskunft

– diese kurzen Momente empfindet er als Lohn

für seine Mühe. Und sie sind der Grund, weshalb

Stahl und Boehm auch in der nächsten Saison wieder

die blauen Westen überstreifen werden.

LEKTORAT

®

Textgärtnerei

Jan Menzner studiert Journalistik an der

Hochschule Bremen. Er war fasziniert davon,

wie geduldig die Kontaktpolizisten während

ihrer Arbeit blieben.

Dominik Jaeck studiert Journalistik an der

Hochschule Bremen und ist freier Fotograf.

Der Diebstahl seines Fotochips hat ihn zum

Glück nicht entmutigt.

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28 | UNTERSTÜTZEN

Neuer

Look

Die ZdS-Verkäufer gehören zum Stadtbild, am

Hauptbahnhof, in Bremen-Nord, der Innenstadt,

im Viertel und anderen Stadtteilen in Bremen.

Dank vieler Spenden ist es gelungen, die Sichtbarkeit

der Zeitschrift der Straße und ihrer Verkäufer

durch ein neues Outfit zu verbessern. Seit einigen

Wochen können Sie viele unserer Verkäufer durch

rote Kappen und Westen oder eine ZdS-Tasche

leichter erkennen. Verkäufer, die über einen längeren

Zeitraum aktiv dabei sind, werden nach und

nach mit der neuen Kollektion ausgestattet.

Das Besondere an der Zeitschrift der Straße sind

die selbstständige Arbeit der Verkäufer, ihre freie

Zeiteinteilung und die sozialen Kontakte auf gleicher

Ebene, die die Menschenwürde wahren. Unser

Projekt soll nicht Symptome lindern, sondern

den Betroffenen helfen, aus eigener Kraft ihre

schwierige Situation zu überwinden.

Da unsere Mittel knapp sind, möchten wir Sie bitten,

für weitere Ausstattungen unserer Verkäufer

zu spenden. Demnächst werden Schlafsäcke benötigt,

wir müssen schon an den Winter denken. Vielen

Dank im Namen des gesamten Verkaufsteams!

Reinhard Spöring, Vertriebskoordinator

Verein für Innere Mission,

IBAN DE22 2905 0101 0001 0777 00

Konto-Nr. 1 077 700

Sparkasse Bremen, BLZ 290 501 01

Verwendungszweck: Zeitschrift der Straße

Spenden sind steuerlich absetzbar.

Fotos: Philipp Jarke (S. 28), Cornelia Pittner (S. 29 oben), Benjamin Eichler (S. 29 unten)

Mitarbeiter des Monats

Nach Bremen kam er einst der

Liebe wegen und weil er seiner

Heimatstadt Ansbach entfliehen

wollte. Inzwischen lebt Jan

Zier fast 15 Jahre im Norden; zunächst

in Bremen, mittlerweile

gegenüber, in der Wesermarsch.

Seit 2004 beschäftigt ihn die tageszeitung

taz in Bremen, wo er

heute Redakteur, Fotograf und

Chef vom Dienst ist.

Seit dieser Ausgabe unterstützt

er die Zeitschrift der Straße als

Bildredakteur. Er arbeitet mit all

den Fotos, die die Geschichten

bebildern und von den Straßen

und Plätzen erzählen, an denen

Fotograf

sie spielen. Manchmal fotografiert

er auch selbst für die ZdS,

wie im Tennisclub Rot-Gelb.

Das Projekt Zeitschrift der Straße

überzeugt Zier, weil es einem guten

Zweck dient und wunderbare

journalistische Möglichkeiten

bietet. Deswegen freut er sich,

im Hintergrund Teil des Teams

zu sein. Wobei: Geschrieben hat

er auch schon für die ZdS: ein

Interview mit Element-of-Crime-Sänger

und Schriftsteller

Sven Regener. Worum es ging?

Um den Müggelsee! (Und die

Neue Vahr, natürlich.)

Jan Zier, 41, www.janzier.de

„Wo sind denn all die bunten

Farben?“, war seine erste Reaktion

auf das neue Layout der

Zeitschrift der Straße. Benjamin

Eichler, 26, ist seit Ausgabe 4

Mitarbeiter der ZdS, wodurch

er Menschen kennenlernte, die

sonst im Alltag übersehen werden,

und an Orte kam, die ihm

sonst verschlossen geblieben

wären. Für die Zeitschrift der

Straße verbrachte er vier Tage

in einem Flüchtlingsheim,

sprach mit Menschen über ihren

Tod, pöbelte gegen Städtebauplanung

oder suchte nach

intimen Liebesgeschichten im

Bürgerpark.

Benjamin Eichler hat Journalistik

an der Hochschule Bremen

studiert und veröffentlicht

u.a. in der jungen Welt und bei

Amnesty International.

Für die ZdS tauschte er nun das

Notizbuch gegen seine Kamera.

Seitdem fotografiert er spannende

Geschichten, wie in dieser

und der kommenden Ausgabe.

Nicht in Farbe, sondern

monochrom.

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30 | Protokoll

Protokoll und Foto:

Philipp Jarke

Ein Schnack

mit Toma

Von seinem Stammplatz im

Viertel wurde er vertrieben,

aber er gibt nicht auf

Torsten Martens, 50, zählt seit Ende 2014 zum

Verkaufsteam der Zeitschrift der Straße. Aus Walle,

wo er wohnt, läuft er täglich eine Stunde zum

ZdS-Vertriebsbüro und besorgt sich neue Hefte.

Ich bin Bremer, aufgewachsen in Findorff. Mein

Vater war mal Umweltsenator, noch unter Koschnik

damals. Lange her. 16 Jahre habe ich in Nürnberg

gelebt. Zusammen mit meiner damaligen

Ehefrau habe ich Verkaufsbüros für Waren betrieben,

die von Menschen mit Behinderungen hergestellt

oder verpackt wurden. Das lief eigentlich

ganz gut, doch dann gab es eine Gesetzesänderung:

Plötzlich wurde der Verkauf von Waren, die von

behinderten Menschen lediglich verpackt wurden,

nicht mehr staatlich gefördert. Damit brach unser

Geschäft zusammen, 2005 gingen wir pleite und

mussten die Läden dichtmachen. Die Mitarbeiter

bekamen eine Abfindung, ich selbst war anschließend

privatinsolvent. Auch meine Ehe zerbrach,

2011 ließen wir uns scheiden.

Davor habe ich als Schlosser gearbeitet, war

aber immer nur kurzfristig über Zeitarbeitsfirmen

angestellt. Nach wenigen Monaten war immer

Schluss, so kann man sich nichts aufbauen. Aber

in dem Beruf kann ich jetzt eh nicht mehr arbeiten,

durch meinen kaputten Rücken und meine

Drogenprobleme bin ich arbeitsunfähig.

Gestern war ich an einem meiner Stammplätze,

vor dem Netto-Supermarkt in der Straße Auf

den Häfen. Dort verkaufe ich die Zeitschrift der

Straße schon lange, und noch letzte Woche hat mir

der Marktleiter gesagt, dass er damit einverstanden

ist. Zumal ich immer den Müll wegräume, der dort

liegt. Aber gestern kam der Marktleiter plötzlich

an und schickte mich weg. Er hat sogar die Polizei

gerufen. Ich habe da einen Verdacht: Kurz vorher

war jemand in einem Porsche Cayenne vorgefahren

und in den Laden gegangen, nur zwei Minuten

später kam der Marktleiter an und hat mich vertrieben.

Das ist doch sehr merkwürdig.

Dass der Marktleiter keine Bettler vor der Tür

haben will, kann ich verstehen. Aber ich bettele

doch nicht, ich dränge den Kunden die Zeitschrift

auch nicht auf. Ich wünsche jedem nur freundlich

einen guten Tag. Und das soll verboten sein?

Ich war verzweifelt danach. Ich habe mich

dann vor einen anderen Supermarkt gestellt und

dort mein Glück versucht. Und ein Kunde hat mir

tatsächlich für eine Zeitschrift fünf Euro gegeben.

Das hat mich sehr gefreut und mir neuen Mut gemacht.

Ich habe mich entschlossen, mich nicht

so einfach vertreiben zu lassen. Demnächst stelle

ich mich wieder vor den Netto Auf den Häfen. Der

Gehweg ist schließlich öffentlicher Grund. Darauf

bestehe ich.

Neulich war ich zum Verkaufen vor einem anderen

Supermarkt in Walle, wo ich wohne. Dort

standen Leute mit ZdS-Verkäuferausweisen und

haben Bettelschilder aufgestellt. Das geht natürlich

überhaupt nicht. Wir dürfen Trinkgelder annehmen,

wenn wir sie ungefragt angeboten bekommen,

aber auf keinen Fall Bettelbriefe aufstellen.

Das wirft auf alle Verkäufer ein schlechtes Licht

und führt zu genau solchen Konflikten, wie ich sie

Auf den Häfen gerade erleben musste.

Philipp Jarke leitet die Redaktion der Zeitschrift

der Straße und bittet den Netto-Marktleiter, ZdS-

Verkäufer vor der Tür wieder zu dulden.

Impressum

Herausgeber Verein für Innere Mission in Bremen,

Blumenthalstraße 10, 28209 Bremen

Partner

Hochschule Bremerhaven

Büro

Auf der Brake 10–12, 28195 Bremen,

Mo–Mi 10–16 Uhr, Do und Fr 10–13 Uhr,

Tel. 0421/175 216 27

Kontakt post@zeitschrift-der-strasse.de

Internet www.zeitschrift-der-strasse.de

Anzeigen Preisliste 05, gültig seit 1.12.2014

Kontakt: Michael Vogel,

anzeigen@zeitschrift-der-strasse.de

Abo

nur für Firmen, Institutionen und

Nicht-BremerInnen (40 € / 10 Ausgaben):

abo@zeitschrift-der-strasse.de

Spendenkonto Verein für Innere Mission,

IBAN DE22 2905 0101 0001 0777 00,

Konto-Nr. 1 077 700,

Sparkasse Bremen, BLZ 290 501 01,

Verwendungszweck (wichtig!): Zeitschrift der Straße

Spenden sind steuerlich absetzbar.

Redaktion

Fotografie

Marketing

Vertrieb

Gesamtleitung

Katja Hoffmann, Jan Menzner, Anna-Lena Klütz,

June Koch, Andreas Kuhlmann, Björn Struß,

Thomas Waschnewski

Leitung: Philipp Jarke (pj), Tanja Krämer (tak),

redaktion@zeitschrift-der-strasse.de

Benjamin Eichler, Cord Gode, Dominik Jaeck,

Philipp Jarke, Hartmut Müller, Jan Zier

Bildredaktion: Jan Zier

Katharina Brasch, Lisa Hummel, Marissa Käßhöfer

Leitung: Prof. Dr. Wolfgang Lukas

marketing@zeitschrift-der-strasse.de

Lisa Bäuml, Angelika Biet, Tabbo Hankel, Nils

Heckmann, Wolfgang Henk, Eike Kowalewski,

Georg Kruppa, Lenert Loch, Dorle Martischewsky,

Pawel Mehring, Eva Schade, Eva Schönberger,

Jörg Ziengler,

sowie viele engagierte VerkäuferInnen

Leitung: Rüdiger Mantei, Reinhard „Cäsar“ Spöring

vertrieb@zeitschrift-der-strasse.de

Bertold Reetz, Prof. Dr. Dr. Michael Vogel

Gestaltung Paula Fülleborn (Werbeagentur Brandfisher),

Janina Freistedt, Ottavo Oblimar, Glen Swart

Lektorat Textgärtnerei, Am Dobben 51, 28203 Bremen

V. i. S. d. P. Tanja Krämer / Anzeigen: Michael Vogel

Druck

BerlinDruck GmbH + Co KG, Achim

Papier

Circleoffset White, hergestellt von Arjowiggins,

vertrieben durch Hansa-Papier GmbH & Co. KG,

Bremen, ausgezeichnet mit dem Blauen Umweltengel

und dem EU-Ecolabel

Erscheint zehnmal jährlich

Auflage 7.500

Gerichtsstand

& Erfüllungsort Bremen

ISSN 2192-7324

Mitglied im International Network of Street Papers (INSP).

Gefördert durch den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft.

Die Redaktion übernimmt keine Haftung für unverlangt eingesandte

Manuskripte, Fotos und Illustrationen. Die Zeitschrift der Straße und

alle in ihr enthaltenen Beiträge sind urheberrechtlich geschützt. Mit

Ausnahme der gesetzlich zugelassenen Fälle ist eine Verwertung ohne

Einwilligung des Verlages strafbar. Alle Anbieter von Beiträgen, Fotos

und Illustrationen stimmen der Nutzung in den Ausgaben der

Zeitschrift der Straße im Internet, auf DVD sowie in Datenbanken zu.

WESTERDEICH

Wir messen

Hecken, schnitzen

Holz und schlagen

mal so richtig zu.

Ab 01.09. beim

Straßenverkäufer

Ihres Vertrauens


„ICH ENGAGIERE MICH

FÜR DIE ZEITSCHRIFT DER STRASSE, WEIL

SIE NEUE ANFÄNGE

ERMÖGLICHT.”

TANJA KRÄMER, 36 JAHRE,

IST FREIE JOURNALISTIN UND REDAKTIONSLEITERIN

DER ZEITSCHRIFT DER STRASSE. SIE MÖCHTE

DEMNÄCHST KLAVIERSPIELEN LERNEN.

Unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende.

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