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Elvea | Das Magazin, Ausgabe 1/2016

Kurzgeschichten, Humor, Nachdenkliches & ein interessanter , sehr umfangreicher, Sonderteil. Viel Spaß beim Lesen!

»Schon bald wird alles

»Schon bald wird alles hier zu Asche zerfallen«, sprach er mehr zu sich selbst, als zu mir. »Sie werden vergessen, dass sie einmal Menschen waren«, ergänzte er und musterte mich erwartungsvoll. Er glaubte, ich würde mich darüber freuen, doch das tat ich nicht. »Wann werde ich endlich zu Staub?«, hauchte ich. Es war mir egal, ob er mich hörte. Denn selbst wenn er es tat, er würde mich niemals gehen lassen. Ich gehörte ihm! Schon immer! Vor dem flackernden Feuer standen wir uns schweigend gegenüber und warteten. Abril ging immer als Erster. Er war das mächtigste Wesen und machte uns den Weg durch die Unendlichkeit frei. Sobald er auf Cellus, unserem Heimatplaneten, angekommen war, zog er uns mit seiner Energie zu sich. Die Nacht hatte sich bereits wie eine schwarze, sternlose Decke über uns gelegt. Schon bald würde sich die Pforte verschließen und uns für ein Jahr von der Erde abschotten. Aber was war schon ein Jahr im Vergleich zur Ewigkeit. Abril prophezeite das Ende der Menschheit, und dann wäre auch dieser Planet einer der Unseren. Mir allerdings war es vollkommen gleichgültig. Ich wollte nichts mehr als zu sterben. Was für Götter waren wir eigentlich, wenn uns sogar dieser eine kleine Wunsch verwehrt wurde? Mit ihren dunklen, großen Augen blickte Neliana zu mir durch die * © ELVEA VERLAG 2016 Flammen. Ich erwiderte ihren Blick und fragte mich, ob sie es auch spürte: das Verlangen nach der Vergänglichkeit. »Wie ist es wohl, ein Mensch zu sein?« Ich sprach die Worte nicht aus, denn das mussten wir nicht. Wir waren in der Lage, auf einer Ebene zu kommunizieren, die keiner Klänge bedurfte. »Was meinst du?« Abfällig verzog sie ihr Gesicht. »Das sind erbärmliche Kreaturen. Sklaven ihrer selbst.« »Und was sind wir?« Ich sah Neliana nicht mehr an. Stattdessen bohrten sich meine Fingernägel in meine Handflächen, weil ich hoffte, endlich Schmerz empfinden zu können. Doch auch dieses Gefühl war etwas, das unserer Art nicht zustand. »Wir sind Schöpfer«, hörte ich ihre stolze Stimme.»Nicht wir sind es, die den Tod über diesen Planeten bringen.« Kurz dachte ich über Nelianas Worte nach. Die Menschen waren in der Tat die grausamsten Lebewesen, die ich in Anbetracht meines langen Lebens gesehen hatte. Keine andere Spezies, die wir bisher erobert hatten, war so selbstzerstörerisch und manipulierbar. Die Erde war dazu bestimmt unterzugehen und wo, wenn nicht hier, war man dem Tod näher? Die Flammen flackerten blau auf. Dies war das Zeichen. Gleich würden wir den Planeten verlassen und ich könnte endlich dieses seltsame Gefühl, das ich nur auf der Erde empfand, wieder in den Hintergrund drängen. An diesem Ort konnte ich die Vergänglichkeit förmlich spüren, so allgegenwärtig war hier der Tod. Im Grunde wollte ich mich nur noch 8

© ELVEA VERLAG 2016 dem Verlangen hingeben. Vom Leben erschöpft, war ich an einem Punkt angelangt, an dem alles jegliche Bedeutung verloren hatte. Das Lagerfeuer erhob sich zu einer Säule in den Himmel. Mit seiner gierigen, blauen Flammenzunge schlug es nach uns, und während Nelianas Gestalt sich langsam auflöste, widersetzte ich mich Abrils Sog, der uns nach Cellus führen sollte. »Evolet, was machst du?«, drang Nelianas Stimme in mein Bewusstsein. »Ich möchte sterben«, antwortete ich. Und im nächsten Moment stand ich allein vor dem erstickten Lagerfeuer. Die blaue Säule verschwand genauso schnell, wie sie gekommen war. Die Pforte war geschlossen, und ich hatte nun ein Jahr, um auf der Erde den Tod zu überlisten. Treffen Sie Anastasia Braun auf Facebook Strahlender Frühling Achim Stößer Die Luft hier ist kaum zu ertragen. Nicht so sehr die Kälte, meine steifgefrorenen Glieder spüre ich kaum noch. Aber der Gestank. Scheint, als hätten vor mir schon andere in diesem alten Bunker gehaust und darin ihre Notdurft verrichtet. Trotz der geringen Temperatur riecht es wie das Pissoir eines Autobahnparkplatzes. Was tue ich eigentlich hier drinnen? Als ob der Beton auch nur einen Bruchteil der Auswirkungen des Fallouts abhielte. Und draußen blühen die Schneeglöckchen. Strecken ihre Stiele mit den milchigweißen, zarten Kelchen, die sie wie traurig hängen lassen, aus dem tödlichen Weiß. Widerstehen frostigem Wind und Schnee und Eis, lassen sich nicht unterkriegen. Anders als wir. Wenn ich den Kopf recke, kann ich ein paar davon durch ein Mauerloch sehen, direkt vor mir, zum Greifen nah. Erstickender Geruch, stechende Kälte, aber wenigstens Zuflucht vor den brandenden Horden, den Flutwellen der noch Überlebenden, dem tosenden Orkan der Wahnsinnigen. Verborgen in einer Betonruine, kaum mehr als ein Erdloch mitten im Wald. Homo sapiens sapiens. Aus den Höhlen gebrochen, zurück in die Höhlen gekrochen. So unschuldig sehen sie aus, die Schneeglöckchen. Dabei sind sie giftig. Verursachen Erbrechen, Durchfall, Schweißausbrüche, Benommenheit – die Symptome habe ich längst, ohne auch nur in einen Halm gebissen zu haben. Wie viele ihrer Zwiebeln müsste ich wohl aus der hartgefrorenen Erde graben, um … Ein absurder Gedanke: Ich darf sie nicht anrühren, Schneeglöckchen stehen unter Naturschutz. Ich glaube, mein Gelächter erschreckt ein paar Hasen und Rehe. Wenn sie noch leben. Achim Stößer www.achim-stoesser.de 9

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