Cruiser im April 216

cruisermagazin

Das grosse Musik-Speical: Alles über den ESC in Stockholm. Zumdem: die schönsten CH ESC Flops. Mit grossem Tipp-Poster in der Heftmittel.

april 2016 CHF 7.50

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cruiser

DAS

GRÖSSTE

SCHWEIZER

GAY-MAGAZIN

Pet Shop Boys

Alles super?

Pink Apple

Alles über das Film-Festival

CH-Fiaskos

Die ESC-Katastrophen

CRUISER APRIL 2016

Grosses

ESC-Special

inkl. Tipp-

Poster!


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CRUISER APRIL 2016


3

Editorial

Liebe Leser

Wie vielfältig die LGBT-Community ist, sieht die Cruiser-Redaktion beinahe täglich: Denn wir bekommen

so ziemlich jede Veranstaltung mitgeteilt und staunen manchmal selbst, was es für uns alles gibt.

In dieser Ausgabe präsentieren wir gleich zwei kulturelle Highlights, wie sie unterschiedlicher kaum sein

könnten: Pink Apple, das Filmfestival schlechthin – präsentiert auch dieses Jahr wieder Filme der absoluten

Spitzenklasse. Wir durften schon mal vorvisionieren: Unsere Empfehlungen findest du ab Seite 14.

Ebenfalls viel Auswahl (an musikalischem Trash, Kunst & Kultur) bietet der ESC: Warum wir eine Kanadierin an den Start schicken

und wie das aktuelle Politgeschehen die Wahlen beeinflusst, hat Dani Diriwächter sauber in der Titelgeschichte recherchiert. Weil

der ESC Spass macht, haben wir auch dieses Jahr wieder unser grosses ESC-Tipp-Poster beigelegt, und wer dieses genauer anschaut,

wird feststellen dass wir das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden haben. Aber seht selbst …

Viel Spass mit dem neuen Cruiser!

Haymo Empl, Chefredaktor

inhalt

4 Thema Eurovision Song Contest

8 Kolumne Weissbergs Weissheiten

9 News National & International

10 Kolumne Bötschi klatscht

11 Special Homophobie in der Musik

14 Pink Apple Filmfestival

16 Serie Schwul auf dem Lande

18 News National & International

20 Serie Mannsbild – Berufsbild

22 Kolumne Michi Rüegg

24 Reportage Baselworld

26 Kolumne Thommen meint

27 Special CH-Eurovisions-Flops

29 Kolumne Pia Spatz

30 Ratgeber Dr. Gay

impressum

CRUISER MAGAZIN PRINT

Herausgeber & Verleger Haymo Empl, empl.media

Infos an die Redaktion redaktion@cruisermagazin.ch

Chefredaktor Haymo Empl

Bildredaktion Haymo Empl, Nicole Senn

Bilder Bilddatenbank. Alle Bilder, soweit nicht anders vermerkt, mit Genehmigung der Urheber.

Art Direktion Nicole Senn

Redaktion Print Vinicio Albani, Thomas Borgmann, Bruno Bötschi, Daniel Diriwächter,

Andreas Empl, Martin Ender, Andreas Faessler, René Gerber, Moel Maphy, Michi Rüegg,

Alain Sorel, Pia Spatz, Tanja & Jenny, Peter Thommen, Marianne Weissberg

Korrektorat Julie Montblanc

Anzeigen anzeigen@cruisermagazin.ch

Auflage 12 000 Exemplare,

WEMF beglaubigte Auflage: 11 539 Exemplare

Druck Druckerei Konstanz GmbH

Wasserloses Druckverfahren

REDAKTION UND VERLAGSADRESSE

empl.media, Haymo Empl

Winterthurerstrasse 76, 8006 Zürich

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CRUISER APRIL 2016


4

thema

Eurovision Song Contest

Ne partez pas

sans moi!

Die Schweiz und der Eurovision Song Contest –

eine Hass-Liebe par excellence. Und noch immer

spannend: Warum Rykka in Stockholm Chancen

auf Punkte hat, und weshalb gerade in diesem

Jahr die Politik eine wichtige Rolle spielt.

CRUISER APRIL 2016


thema

Eurovision Song Contest

5

Der 61. Eurovision Song Contest findet in der schwedischen Hauptstadt Stockholm statt, nachdem im letzten Jahr Måns Zelmerlöw für das Land

gewonnen hat. Der Sänger wird zusammen mit der Moderatorin Petra Mede in der Ericsson Globe-Arena die drei Live-Shows präsentieren; alle

werden vom SRF übertragen.

VON Daniel Diriwächter

W

ährend die hiesige schwule

Fan-Gemeinde den Eurovision

Song Contest (ESC) als «ihre»

fünfte Jahreszeit feiert, wird spätestens

beim Blick in die sozialen Medien klar: Der

Musikwettbewerb ist in der breiten Bevölkerung

eher unbeliebt. Wasser auf die

Mühlen der Kritiker ist reichlich vorhanden.

So werden immer wieder die Finanzen

ins Feld geführt, insbesondere von zahlungsunwilligen

Billag-Kunden. Dabei ist

der ESC ein «Schnäppchen»: Das Schweizer

Fernsehen (SRF) bezifferte die Kosten im

letzten Oktober im Schnitt auf 96 000 Franken

(Shows wie «Happy Day» verbrauchen

hingegen regelmässig über 800 000 Franken

pro Folge). Die Absenz der Crème de la

Crème der helvetischen Musikszene – mit

wenigen löblichen (wie gescheiterten)

Ausnahmen – wird ebenfalls als Qualitätsmangel

empfunden.

Die vielen Nullnummern sollen zudem

beweisen: Die Schweiz ist beim ESC das dicke

Kind, das im Turnunterricht immer zuletzt

in die Gruppe gewählt wird (was durchaus

wieder Sympathien mit sich bringt).

Zumal die Schweiz als Nicht-EU-Mitglied

politisch abgestraft wird, doch dazu später.

Und schliesslich ist da noch das konfuse

Auswahlverfahren bei SRF selbst: Unzählige

Bewerber per Video-Clip auf der Webseite

ins Rennen zu schicken ist mutig. Die Mobilmachung

vieler der Musiker ist jedoch beängstigend,

und die finale Show verlangt

dank unsinniger Coversong-Runde viel Tapferkeit

von Zuschauer und Jury.

Am Ende ist das nur Futter für Miesepeter.

Der ESC besitzt eine unwiderstehliche

Strahlkraft. Wenn jedes Jahr fast alle

Länder Europas ihre Abgesandten singen

lassen, ist das spannend, spassig und teilweise

schmerzhaft – aber auch ein Fenster in

des Nachbars Leben. Ein willkommener Voyeurismus,

getarnt mit Glitzer, Pomp und

Schadenfreude. Nicht zuletzt ist die finale

Punktevergabe das Kult-Element schlechthin.

Dieses Abstimmungsverfahren wird im

Übrigen radikal erneuert, um die Spannung

zu erweitern. Jury- und Zuschauerwertungen

sind nun voneinander getrennt. Jedes

Land kann einem Teilnehmer maximal 24

Punkte geben – zwölf durch die Jury, zwölf

durch die Zuschauer; diese werden separat

bekanntgegeben. ➔

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6 thema

Eurovision Song Contest

Rykka überzeugte sowohl Publikum als auch Jury und wird für uns nach Stockholm reisen.

Erfolgreiche Bilanz für die Schweiz

Man liebt oder hasst den ESC und darf aber

eingestehen, dass der «Grand Prix Eurovision

de la Chanson», wie er hierzulande

noch liebevoll genannt wird, seit seinem

Bestehen im Jahre 1956 der Schweiz doch

einige Erfolge brachte. Gleich der erste Triumph

gelang – hinreichend bekannt – der

Rupperswilerin Lys Assia, beziehungsweise

den Komponisten Géo Voumard und Emile

Gardaz. Noch heute geistert die scharfzüngige

Assia an vielen ESC-Veranstaltungen

als Ikone der Vergangenheit umher.

Es sollte 32 Jahre dauern, bis wieder

ein Sieg gefeiert werden konnte, wobei die

Schweiz sich in der Zwischenzeit meist auf

den vorderen Plätzen wiederfand. Etwa mit

Esther Ofarim 1963 auf Platz 2 oder Paola

1980 auf Platz 4. 1988 dann, mit nur einem

Punkt Abstand (!), eroberte Céline Dion

mit «Ne partez pas sans moi», geschrieben

von Nella Martinetti und Atilla Sereftug,

die Herzen Europas. Auch wenn Dion das

Lied in ihrer Autobiographie später als

«hochtrabend» bezeichnete, startete sie

damit ihre Weltkarriere. Als Kanadierin

damals quasi «eingekauft», sorgte das für

CRUISER APRIL 2016

einigen Unmut, dies ist heute beim ESC

aber gang und gäbe. Da die Schweiz und

Kanada ein erfolgreiches Paar abgeben,

wurde bereits 1993 der nächste Import ins

Rampenlicht gestellt: Annie Cotton aus

Montreal erreichte mit «Moi, tout simplement»

den dritten Platz. Danach begann

die bis heute anhaltende Durststrecke, in

welcher nur die estnische Girl-Group «Vanilla

Ninja», Anna Rossinelli und Sebalter

so etwas wie Erfolge erleben durften.

Das Positive an der im Februar gesendeten

ESC-Entscheidungs-Show auf SRF

war, dass sich Jury und Publikum für die Erfolgsformel

mit Kanada ausgesprochen haben.

Sängerin Rykka aus Vancouver reist für

uns nach Stockholm. Sie hat aber Schweizer

Wurzeln, wohnt heute in Meilen und hat mit

ihren 29 Jahren Erfahrung in der Musikbranche.

Und ihre Chancen stehen nicht

schlecht, auch wenn sie ab und an hauchdünn

den Ton verfehlt (so geschehen in der

SRF-Entscheidungs-Show). Punkte könnte

der Song «The Last of Our Kind», welchen

Rykka selbst zusammen mit Mike James, Jeff

Dawson und Warne Livesey geschrieben hat,

durchaus erhalten: eine nicht zu pompös

aufgetragene Ballade mit einnehmendem

Refrain. Bei der Komposition standen zudem

eindeutig Sia und Lorde Pate.

Und weil das Auge gerade am ESC

bekanntlich mithört, gibt Rykka dabei die

süsse Comic-Version einer Marilyn Monroe.

Passend im weissen Kleidchen und mit

platinblondem Haar; nicht zu freizügig, versteht

sich, aber auch kein Mauerblümchen.

Ein Erfolgsmodell, das schon Kylie Minogue

anwendete: Mädchen möchten sie neu anziehen,

Hetero-Jungs möchten sie gerne ausziehen

– alle haben Freude daran. So könnte es

Rykka durchaus schaffen, im zweiten Semifinale

zu punkten und ins Finale in Stockholm

einzuziehen.

Die Konkurrenz

Rykka kann es auf alle Fälle mit der Konkurrenz

im zweiten Semi-Finale aufnehmen. Sie

tritt etwa gegen Australien an. Tatsächlich

scheint Down Under nun fester Bestandteil

der Eurovision zu sein und schickt mit

Sängerin Dami Im – eine X-Factor-

Gewinnerin und Chart-Stürmerin-ins

Rennen. Auch Agnete aus Norwegen gehört

zu den weiblichen Favoriten – ihr Song


thema

Eurovision Song Contest

7

Dami Im wird als Konkurenz zu Rykka angesehen. Sie singt für Australien (ja, die dürfen auch wieder mitmachen!)

«Icebreaker» steht musikalisch in direkter

Konkurrenz zu Rykka – die Natürlichkeit

lässt Agnete aber nicht nur an ihrem Auftritt

vermissen. Daneben gibt es beispielsweise

leicht überwindbaren Indie-Rock aus

Georgien von Nika Kocharow oder austauschbaren

Pop des Polen Michal Szpak.

Sollte es Rykka ins Finale schaffen,

steht sie dort den sechs bereits gesetzten

Teilnehmern gegenüber – jene Glücklichen,

deren Land den Löwenanteil der Kosten am

Wettbewerb übernimmt. Deutschland setzt

auf die blutjunge Veganerin Jamie Lee Kriewitz,

deren Liedchen «Ghost» Xavier Naidoo

schmerzlich vermissen lassen wird. Das Vereinigte

Königreich präsentiert das Duo

Joe & Jake mit «You’re not Alone» und bietet

wenig Neues, ausser dem kläglichen Versuch,

Mädchenherzen zu brechen. La France

setzt auf den schönen Amir, der mit «J’ai

cherché» beinahe schamlos an unseren Sebalter

erinnert, während Italien ganz der

Geheimwaffe «San Remo» mit der Sängerin

Francesca Michielin vertraut. Spaniens Beitrag

hingegen fällt ab: Deren Solistin namens

Barei dürfte mit dem lauen Dancefloor-

Song «Say Yay!» gnadenlos durchfallen.

Das alte politische Lied

Doch ob Trash oder Perle, ob peinlich oder

grandios – es kann der Frömmste nicht in

Frieden singen, wenn es der bösen Politik

nicht gefällt. In diesem Jahr dürfte der ESC

wie noch nie unter dem aktuellen Weltgeschehen

leiden. Die Schweiz kann davon

buchstäblich ein Lied singen. Als Insel in

Europa galt sie lange als absolutes No-Go,

egal welche Qualität die eingereichten Songs

hatten. Neid und Missgunst über die Sonderstellung

in Europa schrieben sämtliche

Noten regelmässig um. Heuer wird das die

Flüchtlingskrise tun. Grenzen und Mauern

könnten den unbeschwerten Hörgenuss zunichte

machen.

Liest man im Kaffeesatz, so dürfte

Deutschland mit seiner «Willkommens-

Kultur» keinen einzigen Punkt einfahren.

Ebenfalls könnte es beängstigend sein zu

verfolgen, wie sich die Länder der Balkanroute

gegenseitig bewerten. Wie und ob das

musikalische Europa auf «Grexit» und

«Brexit» reagiert, wird ebenfalls eine Rolle

spielen. Und wie gewohnt polterte bereits

Russland, das den Beitrag der Ukraine verbieten

wollte – umsonst. Der Song von Jamala

thematisiert die Deportation der

Krimtataren 1944 auf Befehl von Stalin. Zu

guter Letzt die unerhörte Frage: Wie wirkt

sich der jüngste Terror auf die Punktevergabe

bei Frankreich und Belgien aus?

Die Schweiz dürfte in dieser mit Spannung

aufgeladenen Situation für einmal

Oberwasser gewinnen – die vermeintlich

friedliche Insel mit ihrer weissen Fee namens

Rykka, die wie einst Nicole vom Frieden

und von den letzten ihrer Art singt. Das

könnte Erfolg bringen, so verstörend sich das

anhören mag. Aber schliesslich greifen wir

nach jedem Strohhalm, der sich uns bietet,

um am ESC wieder brillieren zu können.

Denn unser Schlachtruf ist der von Céline

Dion: Ne partez sans moi!

Der 61. ESC

1. Semi-Finale Dienstag, 10. Mai

2. Semi-Finale Donnerstag, 12. Mai – mit Rykka

Finale 14. Mai

Ausführliche Informationen über den ESC sind

unter www.eurovision.tv zu finden.

CRUISER APRIL 2016


8

KOLUMNE

Weissbergs Weissheiten

Empfehlungen von der

Kasse des Lebens!

Kolumnistin Marianne Weissberg wurde kürzlich an

der Kasse als Radiesli-Köpferin geoutet. Doch was

ist sonst noch passiert, bevor es zu diesem Verbrechen

kam? Bitte setzen und mitessen!

VON Marianne Weissberg

«

Stell dir vor!!», klagte ich meinem besten

schwulen Freund, mit dem ich

mich zu heiss & fettig traf, im munzigsten

Züri-China-Restaurant in dem man

quasi im Wok i(s)st. «Eine alte Freundin

rechnete mir detailliert vor, dass ich immer

undankbar gewesen sei. Dies in einem so gehässigen

Ton, dass es mich grad umhaute.»

Da wurde auch schon unser Frittiertes und

Vernudeltes serviert, und wir stäbelten erst

mal gierig. «Hm, ich erinnere mich, dass sie

mir ihre ausufernde Grosszügigkeit stets

aufdrängte, und es kam mir seltsam vor,

dass sie alles obsessiv betrieb: Diät, Sport,

Reisen», fügte ich an. «Und wie hast du auf

die Vorwürfe reagiert?», fragte mein BSCHF,

dessen riesiger Gebratenenudelnberg fix

kleiner wurde. Ich biss krachend in meinen

Currykrapfen. «Ich schickte ihr einen Link

zu einer Beratungsline für seelische Störungen

und kündigte die falsche Freundschaft.

Sie hat prompt mich für meschugge erklärt.»

«Man muss solche Gutmenschen

einfach hassen, darf

es aber ja nicht offen tun.»

Da kam ein Hipster-Frölein herein,

spargeldünn und trenddoof gestylt, und bestellte

Take-Away. Wir musterten sie unverhohlen.

«Unappetitlich», lästerte ich. Die

Magere ging zum Warten raus. «Sie steht

lieber in der Eiseskälte rum, weil man da bekanntlich

abnimmt», erklärte ich. «Tschuldigung,

was hat das Frölein bestellt?», erkundigte

sich mein BSCHF vorwitzig. «Nur

Tofu», sagte der China-Koch. «Aha, vegan

und magersüchtig!», rief ich erfreut. Also

gut, ich gebe es zu, damit habe ich meine

unfeine Seite gezeigt. Erfrischend fand ich

jedoch, dass sich mein BSCHF so offen erkundigte,

während die Spargelfrau im Regen,

notabene ausser Hörweite, noch schnell

drei Gramm verlor. Meine gefeuerte BHF

(beste Heuchel-Freundin) hatte mit mir

nämlich nie offen geredet, sodass sie

schliesslich von ihren Ressentiments (niemand

liebt mich, obwohl ich sooo eine Gute

bin!) innerlich aufgefressen wurde. Das erinnert

mich an jene Mütter, die in der Familie

und als Freiwillige die heilige Madonna

geben (also die biblische, leider nicht die

poppige) und alle damit ins Land des

schlechten Gewissens und der Undankbarkeit

treiben. Man muss solche Gutmenschen,

jaja, darunter hats auch Männer, einfach

hassen, darf es aber ja nicht offen tun!

Es ist also Heuchelei hoch zwei!

Anderntags ging ich in den Türkenladen

posten. Leider merkte ich erst beim

Zahlen, dass ich zu wenig Bargeld dabei hatte.

Es war für heiss & fettig draufgegangen.

«Sie können was zurücklegen», sagte die

Kassen-Frau. Also zeigte ich auf die Radiesli.

«STOP, Radiesli geköpft und drum kaputt,

muss bezahlen!», kam die Replik der Kassen-Königin.

Oh, ich hatte bereits automatisch

das Grünzeug abgerissen. Diskussion

zwecklos und zeitsparend unnötig. Fazit:

Das Foto der geköpften Radiesli beweist,

dass Frau Weissberg ihre Weis(s)heiten live

erlebt!

Wieso können nicht alle so fix und klar sagen,

was geht und was nicht? Dann weiss

man gleich, woran man ist, kriegt dann zwar

keine intakten Radiesli, aber trotzdem ein

gutes Gefühl. Das nenne ich eine optimale

Lektion an der Kasse des Lebens!

Marianne Weissberg

ist Buchautorin, Kolumnistin und Scheffin

ihres eigenen Literaturlabels EditionVOLLREIF

www.marianneweissberg.ch

www.vollreif.ch

Bild: M. Weissberg

CRUISER APRIL 2016


NEWS

National & International

9

DAS GRÖSSTE

SCHWEIZER

cruiser

märz 2016 CHF 7.50

GAY-MAGAZIN

BTC – Die Kampagne ist

im vollen Gange

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NEWS

Peter Anderegg ist der neue Mr. Gay Switzerland

Break The

Chains 2016

CRUISER MÄRZ 2016

Die jährlich wiederkehrende Kampagne

«Break The Chains» für Männer, die Sex mit

Männern haben, will die Anzahl der Neuinfektionen

mit HIV senken. Jeweils im Monat

April heisst die Devise: Kein Risiko eingehen,

Safer Sex praktizieren und im Mai gemeinsam

mit dem Sexpartner zum Test.

Laut den Berechnungen eines mathematischen

Modells der HIV-Epidemie unter

MSM in der Schweiz muss die Kampagne

einmal im Jahr wiederholt werden, um einen

messbaren Einfluss auf die HIV-Epidemie zu

erzielen. Die jährliche Wiederholung dieser

Aktion ermöglicht es auch, die Zahl der

nicht diagnostizierten Primo-Infektionen

möglichst tief zu halten. Damit das mit dem

Test nicht vergessen geht, weist der aktuelle

«Cruiser» mit dem ESC-Tipp-Poster in dieser

Ausgabe sanft darauf hin …

Was früher noch eine grosse Sache war, fand

dieses Jahr eher im Stillen statt. Ohne grosse

Vorankündigung wurde letzten Monat in St.

Gallen in der News Bar Mister Gay 2016 gewählt.

Da der Titel nicht geschützt ist, kann

eine solche Wahl im Prinzip jeder durchführen.

Dennoch war gemäss Veranstalter die

News Bar «brechend voll».

Die Anforderungen (die ebenfalls im

Vorfeld nicht gross kommuniziert wurden)

an einen Mister Gay erfüllt Peter Anderegg

offenbar: Nebst einer tollen Figur und einem

charmanten Lächeln bringt Peter auch

das benötigte Engagement für die Community

und deren Themen mit. Die Reihenfolge

dieser «Anforderungen» ist natürlich

beliebig und rein zufällig … Ein Gesamtpaket,

das die Jury (bestehend aus mehr oder

minder bekannten Szenegrössen) offenbar

überzeugt hat. Als Mr. Gay Switzerland

2016 reist Peter bereits diesen April nach

Malta, um an der Wahl zum Mister Gay

World 2016 teilzunehmen. Wie es sich für

eine solche Wahl gehört, gibt es auch einen

Vize-Mister: Auf dem zweiten Platz und

somit Stellvertreter und Community-

Botschafter ist Timon (Cruiser kennt

Timons Nachnamen nicht).

Die Party war gemäss Veranstalter ein voller

Erfolg, dazu beigetragen hat auch das DH

Duo Glitzerhaus, welches auf und abseits der

Bühne für Stimmung sorgte.

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10

KOLUMNE

Bötschi klatscht

Sex auf Crystal Meth –

Höher, schneller,

geiler

Der deutsche Grünen-Politiker Volker Beck

wurde mit einer Droge erwischt, deren Image

besonders schillernd ist: Crystal Meth.

Die User-Zahlen steigen – vor allem bei Schwulen

in Zürich.

VON BRUNO BÖTSCHI

A

le Welt fragt sich, warum Keith

Richards, Gitarrist der «Rolling Stones»,

so lange überlebt hat. Antwort:

Er hatte das nötige Geld für sauberen Stoff.

Keine Ahnung, ob Volker Beck genug

Geld für sauberen Stoff hat. Was ich weiss: Er

wurde mit Drogen erwischt. Der deutsche

Grünen-Politiker hatte in Berlin die Wohnung

eines von der Polizei überwachten Dealers

betreten und sie mit 0,6 Gramm Rauschgift

wieder verlassen, vermutlich Crystal

Meth.

Crystal Meth? Die Droge ist Symbol

für die US-amerikanische TV-Serie «Breaking

Bad». Um seine Familie ernähren zu

können, stellt der an Krebs erkrankte Chemielehrer

Walter White Meth her. Saubermann

wird Drogenkönig.

Beck ist kein Saubermann, er ist ein

Kämpfer. Nur wenige haben in Deutschland

ähnlich viel für die Gleichstellung von

Schwulen und Lesben getan. Warum pfeift

sich ausgerechnet so ein starker Typ was rein?

Ist der Tod seines Ehemannes (2009) schuld?

Wollte er leistungsfähiger werden, weil ihm

die Aussortierung aus dem Politbetrieb drohte?

Plante er eine Sexparty? Nette Fragen –

aber die Antworten darauf gehen nur Beck

etwas an. Jede Droge hat ihr eigenes Image.

Das von Meth ist besonders schillernd. Es

putscht auf, spiegelt Grösse vor – der Konsument

fühlt sich wie ein Übermensch. Passt zu

Managern, zu Politikern sowieso.

CRUISER APRIL 2016

Crystal Meth wirkt sexuell stimulierend,

weshalb die Droge bei Schwulen beliebt ist.

«Tina» wird Meth genannt und gerne … injiziert.

«Geslammt» – ja, gespritzt! – wird auf

Sex-Partys in London und Berlin schon länger.

Wer in Chat-Foren wie Scruff und Grindr ein

grosses «T» schreibt, sagen Insider, muss heute

aber auch in Zürich nicht lange auf Antwort

warten. Zum Feiern von tagelangen Sexpartys

ist Crystal Meth für eine zahlenmässig starke

«Wir müssen endlich akzeptieren,

dass eine drogenfreie

Welt eine Illusion ist.»

Minderheit zu einem essenziellen Bestandteil

geworden. Berüchtigt ist die Droge, weil sich

viele unter ihrem Einfluss mit HIV oder Hepatitis

C infizieren – die künstlich verstärkte Hypergeilheit

überlagert das Bewusstsein für Safer

Sex. Wer tagelang Sex hat mit wechselnden

Partnern, dem gehen irgendwann die Kondome

aus – die Spritzen auch.

Ewiggestrige werden jetzt schreien:

Wusst ich’s doch, Schwule haben sowieso

nur Sex und Drogen im Kopf! Dankeschön

für diese Stigmatisierung, aber sogar

Ex-Uno-Generalsekretär Kofi Annan weiss

längst: «Wir müssen endlich akzeptieren,

dass eine drogenfreie Welt eine Illusion ist.»

Und noch was, ihr Ewiggestrigen:

«Hinter der Drogenprohibition steckt, wie

hinter dem Verbot der Homosexualität einst,

ein zutiefst menschenfeindliches und autoritäres

Weltbild», schreibt Dirk Ludwig im

Magazin «Siegessäule».

Drogenbenutzung ist kein Verbrechen,

sie ist nicht einmal per se eine Krankheit.

Millionen Menschen nehmen sporadisch

Drogen und leben dabei ein fröhliches, unbeschadetes

Leben. Stimmt, einige haben ein

Problem damit. Sucht ist aber nicht auf

Meth, Kokain und Co. beschränkt. Verbieten

wir deshalb Alkohol, Schoggi oder Computer?

Und weshalb gelten Drogensüchtige

bis heute als kriminell?

Mit Meth kann man seine Arbeit

schneller machen, man hat mehr Ideen.

Tönt verlockend – und wenn sogar gestandene

Männer wie Volker Beck darauf Lust

bekommen, muss uns das Angst machen.

Kürzlich erzählte mir ein Freund, er

wundere sich nicht über die Beliebtheit von

Meth. «Die Droge verspricht die Erfüllung

all dessen, was gesellschaftlich als erstrebenswert

gilt. Leistungsfähig und erfolgreich

sollen wir sein – und zugleich Spass

haben. Erst dann gilt ein Leben als geil.»

Mein Freund hat recht, leider.

www.brunoboetschi.ch


Special

Homophobie in der Musik

11

Diffamierung als

Pop-Phänomen

Lange Zeit galten Hip-Hop und Homophobie als eine unausweichliche Kombination.

Schwulen- und frauenfeindliche sexistische Texte gehörten im Rap

und Reggae quasi zum «guten Ton». Beispiele dafür zeigten wir in der letzten

Ausgabe. Im zweiten Teil schauen wir auf die Ursachen des Schwulenhasses

in dieser Szene und auf die ersten offen schwulen «Homo-Hopper», die jetzt

eine andere Tonlage in den Hip-Hop bringen.

VON Thomas Borgmann

P

rovokation und Tabubrüche sind ein

wesentlicher Bestandteil des Rap, der

die Sprache der Strasse zu Gehör

bringen will. Doch mit seinem 2007 angeblich

unfreiwillig im Internet veröffentlichten

Track «Keine Toleranz» hatte es der Rapper

G-Hot selbst für diese Szene zu weit getrieben.

Mit Textzeilen wie «Was ist bloss passiert,

sie werden akzeptiert, es gab Zeiten, da

wurden sie mit der Axt halbiert» rief er offen

zu Gewalt gegen Homosexuelle auf, was ihm

nicht nur den Rauswurf von seinem ansonsten

nicht zimperlichen Label «Aggro Berlin»

«Was ist bloss passiert, sie

werden akzeptiert, es gab

Zeiten, da wurden sie mit der

Axt halbiert.»

einbrachte, sondern auch eine Strafanzeige.

Immerhin hat dieser an Widerlichkeit kaum

zu überbietende Text die Kritik gegen homophobe

und sexistische Inhalte im Hip-Hop

noch lauter werden lassen. Schon 2004 bildete

sich die weltweite Kampagne «Stop Murder

Music», nachdem der jamaikanische

Reggae-Star Elephant Man in Songs die Ermordung

von Schwulen und Lesben forderte,

was angesichts der homophoben und gewaltbereiten

Stimmung gegen Homosexuelle

in Jamaika, wo gleichgeschlechtliche Liebe

unter Strafe steht, besonders gefährlich ist. ➔

Homophobie gehört in der Rap Musik zum guten Ton. Gut, gibt es neuerdings auch Ausnahmen.

CRUISER APRIL 2016


12

Special

Homophobie in der Musik

Rapper G-Hot nennt sich auch Jihad. Der Name ist Programm.

Das Cover von (hetero) Rapper Bass Sultan Hengzt sorgte für

einen Shitstorm.

Die Kampagne «Stop Murder Music» engagiert

sich unter anderem für den Boykott

von Konzerttourneen von Künstlern, die

solche Inhalte propagieren.

Mit dem «Reggae Compassionate Act»

hatte sie eine Erklärung aufgesetzt, in der

sich entsprechende Interpreten von ihren

Songs gegen Schwule und Lesben distanzieren

können. Viele der kontroversen Künstler

haben diese Erklärung tatsächlich unterzeichnet

und sich für ihre homophoben Texte

entschuldigt. Das ist nicht nur ein Zeichen

dafür ist, dass die Stimmung in den letzten

Jahren zugunsten der Kritiker, Skeptiker

und Mahner gekippt ist, sondern es steht

auch für eine gewisse Haltungsänderung in

der Szene selbst. Während sich in den ersten

Jahren nur vereinzelt Protest gegen diese

agressiven homophoben Inhalte geregt hatte,

führte 2014 die Ankündigung einer

Tournee von Elephant Man in der Schweiz

und in Deutschland sogar die Politik und die

Presse auf den Plan, die sich für einen Boykott,

beziehungsweise die Verhinderung der

Konzerte stark machte. In Bern konnten

Schwulenverbände einen Auftritt verhindern,

andere Konzerte in der Schweiz fanden

CRUISER APRIL 2016

statt, nachdem der Reggae-Star zusicherte,

keine Lieder mit homophobem Inhalt zu singen.

Noch um die Jahrtausendwende wurden

eindeutig sexistische, rassistische und

homophobe Songäusserungen eher lächelnd

ignoriert, doch heute kommen die Interpreten

ausserhalb ihrer Heimatländer mit solchen

Lyrics immer seltener durch.

«um die Jahrtausendwende

wurden eindeutig sexistische,

rassistische und homophobe

Songäusserungen eher

lächelnd ignoriert.»

Dass sich die Rap-Szene mit der Akzeptanz

von Schwulen und Lesben so

schwer tut, wurzelt nicht zuletzt in der

Heimat des Rap, den Schwarzen-Ghettos

der USA. Dort war die Musik immer auch

stark von der Kirche beeinflusst, für die

Homosexualität bis heute als Sünde gilt.

Auch sind schwule sexuelle Praktiken für

viele Rastas ein Symbol und Instrument

der Unterwerfung und ein Werkzeug des

Rassismus, das männliche Sklaven häufig

durch sexuelle Gewalt durch den weissen

Mann erleiden mussten. Selbst heute noch

sehen viele afroamerikanische Bürgerrechtler

in den USA Homosexualität als ein

Instrument weisser Unterwerfung, das in

Afrika angeblich nicht existiert. Ein amerikanischer

Konzertmanager sieht schliesslich

noch eine eher pragmatische Ursache

für die Homophobie im Rap: Viele

Rap-Musiker seien durch ihren Lebensstil

immer wieder im Gefängnis gelandet,

erläutert er, wo sie sich besonders machohaft

geben mussten, um der Gefahr des

sexuellen Missbrauchs und der Gewalt zu

entgehen. Delroy Constantine-Simms, der

Herausgeber einer Essay-Sammlung mit

dem Titel «The Greatest Taboo» zum Thema

Homophobie in der afroamerikanischen

und karibischen Musik, berichtete,

wie die Insassen von jamaikanischen

Gefängnissen 1997 sechzehn Mithäftlinge

allein wegen des Verdachts der Homosexualität

umgebracht hätten.


Special

Homophobie in der Musik

13

Einer der charismatischen und bekanntesten

Homo Rapper: Deadlee aus Los Angeles

Homo-Hopper auf dem Vormarsch

Ist Homophobie also eine reine Präventivmassnahme

vor Gewalt und sexuellem

Missbrauch und Heterosexualität demzufolge

quasi eine Berufsanforderung für

Rapper? Dass ein schwuler Rapper mit einem

Outing nicht zwangsläufig einen kommerziellen

Suizid begeht, beweist eine mittlerweile

ständig wachsende Szene, die noch

vor wenigen Jahren undenkbar gewesen

wäre. Internetnetzwerke und das jahrelange

Engagement der homosexuellen Gemeinden

haben schwule und lesbische

Rap-Ikonen hervorgebracht, die sich unter

dem Genre-Namen Homo-Hop einer zunehmender

Popularität erfreuen und in

San Francisco, Oakland oder London jährliche

Homo-Hop-Festivals veranstalten.

Dass queere Rap-Parties mittlerweile auch

in Europa auf dem Vormarsch sind, beweist

einmal mehr, dass nichts mit dem Musikgenre

Hip-Hop falsch läuft, sondern höchstens

mit einigen ihrer bisherigen Protagonisten.

Einer der charismatischen und bekanntesten

Homo-Hopper zurzeit ist der

muskelbepackte und tätowierte Sänger

Deadlee aus Los Angeles, dessen Songs als

Underground-Bestseller gelten und bereits

auf Soundtracks von Filmen zu hören

waren. Er kämpft gegen Angriffe auf

Schwule durch Hip-Hop-Stars wie Eminem

oder 50 Cent und bekennt sich offen

zu seiner Homosexualität. Die Helden seiner

Songs sind schwul, und er dreht die

«Zumindest im Untergrund

erobert schwuler

Rap bereits ein loyales

Publikum.»

Bedeutung des Wortes so ins Positive um,

wie es die Ur-Rapper einst mit dem Wort

«Nigga» gemacht haben, um dessen rassistische

Bedeutung ad absurdum zu führen.

Auch der offen schwule New Yorker Rapper

Lelf mischt mit seinem schrillen Outfit

und Video-Clips, die kaum ein schwules

Klischee auslassen, den Hip-Hop

gründlich auf. In einigen seiner Lieder

reiht er Schmähworte für Schwule wie

Faggot, Swisher oder Banjee boy wie persönliche

Auszeichnungen aneinander und

kehrt sie dadurch ins Positive.

Zumindest im Untergrund erobert

schwuler Rap bereits ein loyales Publikum,

aber auch erste Hip-Hop-Kollegen aus dem

Mainstream schickten Respekt- und

Solidaritätsbekundungen. So hatte der einst

mit schwulenfeindlichen Verunglimpfungen

nicht sparende Rapper Common in dem

Song «Between Me, You & Liberation» beispielsweise

vom Coming-Out eines Freundes

gerappt. Im letzten Jahr sorgte der Berliner

Rapper Bass Sultan Hengzt mit dem

Plattencover seines Albums «Musik wegen

Weibaz» für Schlagzeilen und Aufruhr in

der Szene. Es zeigt zwei Männer, die ihre

Hände zärtlich an den Kopf des Gegenübers

halten und kurz davor sind sich zu küssen.

Nachdem das Cover auf Twitter die Runde

machte, entlud sich erwartungsgemäss ein

Shitstorm unter den homophoben Rap-Fans.

Von der Presse aber wurde Bass Sultan

Hengzt als Kämpfer gegen Schwulenfeindlichkeit

gefeiert. Natürlich war der Tabubruch

in der Szene und die Aufmerksamkeit, die er

damit erntete, auch eine gute Promotion für

die Platte – ob kalkuliert oder nicht, sei dahingestellt.

«Läuft ja richtig mit Homophobie»,

kommentierte er das grosse Echo auf

sein Cover. Gleichwohl hat der Rapper damit

eine konstruktive Diskussion um Schwulenfeindlichkeit

in der Szene angestossen, die

den öffentlichen Druck gegen Ausgrenzung

und Diskriminierung in Texten des Hip-Hop

und Rap wachsen lässt. Vielleicht etablieren

sich die Lyrics der Homo-Hopper ja irgendwann

so weit im Mainstream des Rap, dass

«schwul» in diesem Musikgenre mal zu einem

Synonym für «cool» wird. Schön reimen

würde es sich auf jeden Fall.

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CRUISER APRIL 2016


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Pink Apple

Filmefestival

Gays und

Games

Das diesjährige Pink Apple Filmfestival wirft einen

Blick über den Tellerrand hin zu einem anderen

Massenmedium: dem Videospiel. Mit dabei ist auch

die Tunte als solche.

eigene Geschlecht herrscht auch kein Mangel.

Das Pink Apple Festival nimmt das

Shakespeare-Jubiläum zum Anlass, die Umsetzung

seiner Stoffe auf Celluloid unter die

Lupe zu nehmen. Ein Vortrag in Zusammenarbeit

mit dem Englischen Seminar der

Universität Zürich rundet dieses Thema ab.

Die Ausnahme bestätigt die Regel: Schwule Charaktere sind in Videogames Mangelware.

VON Michi Rüegg

W

as hat er bloss für eine Karriere

hingelegt, der schwule Mann in

Film und Fernsehen. Noch vor

Jahren war er ein verschupftes Wesen, das

zwischen Selbsthass seiner Abartigkeit wegen

und Sehnsucht nach Anerkennung pendelte.

Das mit der Liebe ging in die Hose,

und manch ein schwuler Charakter brachte

nicht mal den eigenen Suizid auf die Reihe.

Probleme haben Gays in Filmen heute

noch, doch unterscheiden die sich immer

seltener von denjenigen ihrer heterosexuellen

Mit-Charaktere. Das Universum an

Gay-Rollen hat über die Jahre enormen Zuwachs

erfahren. Umso erstaunlicher, dass

Schwule (und Lesben) in einem anderen

wahnsinnig populären Medium noch kaum

existieren: dem Videospiel. Seit Mario – der

spätere Supermario – Anfang der Achtziger

seine Prinzessin aus den Klauen von Gorilla

Donkey Kong befreien musste, hat sich dort

nämlich in Sachen Diversity nicht sonderlich

viel getan.

Uns gibt es praktisch nicht

Damit wären wir bereits bei einem der

Schwerpunkte des diesjährigen Pink Apple

Festivals, das wie immer Ende April und

Anfang Mai in Zürich stattfindet und danach

nach Frauenfeld übersiedelt. Zusammen

mit der Zürcher Hochschule der Künste

(ZHdK), die Lehrgänge für Videospiel-Designer

anbietet. Die Gamedesigner haben eine

Ausstellung konzipiert, die am Pink Apple

auf unsereins in Videospielen eingeht. Und

ja, man darf selber mitspielen. Anlass bildet

unter anderem der Film «Gaming in Color»

von Matt Conn, der am Festival gezeigt

wird. Er wirft einen Blick auf die milliardenschwere

Videospielindustrie – aus schwuler

und lesbischer Sicht.

Was heute ernste Hochkultur ist, war

zu Lebzeiten William Shakespeares gute Unterhaltung.

Die Werke des Königs der Theaterautoren

strotzen nur so von zweideutigen

Wortspielen. Männer in Frauenkleidern waren

die Norm und an Liebeserklärungen ans

Frauen und Tunten zuerst!

Von den Männern in Frauenkleidern ist es

nur ein kurzer Hüpfer zum Thema Tunten.

Was einst eine mit Stolz vorgetragene Selbstdefinition

vieler schwuler Männer war, ist

etwas aus der Mode geraten. Das Tuntentum

fristet dieser Tage ein Mauerblümchendasein.

Umso verdienstvoller macht sich Pink

Apple, indem es dieses Jahr laut und schrill

«Rettet die Tunten!» ruft. Mit «Herr von

Bohlen» steht auch ein nagelneuer Streifen

parat, der sich dem teiltragischen Leben eines

Vertreters dieser Gattung widmet.

Dass Film nicht, dasselbe wie Kino ist,

wissen wir allerspätestens seit jeder Depp

den roten Knopf auf seinem iPhone drücken

kann. Film war schon immer ein Mittel, um

das Private festzuhalten. Bereits vor Jahrzehnten

wurde schwuler und lesbischer Alltag

auf Heimkameras festgehalten. Die entsprechenden

Rollen verschwanden auf dem

Dachboden oder auf tragische Weise im

Mülleimer. Nun hat ein Teil solcher Materialien

doch noch den Sprung auf die grosse

Leinwand geschafft. Im Film «Reel in the

Closet» von Stu Maddox (siehe Box).

Pink Apple Filmefestival

Das 19. Pink Apple Filmfestival findet vom

27. April bis 5. Mai in Zürich und vom 6. bis

8. Mai in Frauenfeld statt. Infos zu Programm

und Tickets auf www.pinkapple.ch

CRUISER APRIL 2016


Pink Apple

Filmefestival

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Die junge Liebe wird gestört: «Akron».

Amsterdam während der Pride-Party: «Chez Nous».

Pink Apple: die Filmhighlights

Fast schon zufällig schwul ist die Geschichte

zwischen Benny und Christopher, die sich beim

Footballspiel am College kennenlernen. In

«Akron» erzählen Sasha King und Brian O’Donnel

eine emotionsgeladene Geschichte zweier

Familien, die mit ihrer Vergangenheit ins Reine

kommen müssen. Zur Kategorie «schwuler

Kostümfilm» zählt hingegen «Chez Nous», der

in Amsterdam spielt. Weil ihre Stammbar vor

der Pleite steht, planen Besitzer Berti und seine

Stammgäste, im Gewühl der Pride-Feierlichkeiten

die Kronjuwelen zu klauen. Die Geschichte

wird zur grandiosen Komödie mit Mission-Impossible-Momenten.

Spektakulär sind

die Bilder in Stu Maddox’ Dokfilm «Reel in the

Closet». Der Streifen zeigt nie veröffentlichte

private Filmaufnahmen aus verschiedenen

Jahrzehnten. Und dokumentiert auf diese Weise

ein reges schwules und lesbisches Leben,

von dem bislang keine oder kaum Aufzeichnungen

existierten.

CRUISER APRIL 2016


16

Serie

Schwul auf dem Land

Schwul

auf dem

land

In unserer Serie «Schwul

auf dem Land» portraitieren

wir spannende

Menschen abseits der

grossen Ballungszentren.

«Wir würden Luzern

nur ungern verlassen.»

VON Martin Ender

Nico Planzer:

«Ich bleibe Luzern treu.»

Nico Planzer, in Luzern geboren und aufgewachsen,

ist Gärtner, 20 Jahre alt und leistet

derzeit Zivildienst in der Alters- und Betagtenpflege.

Nico ist ein äusserst engagierter,

politischer Mensch. Dies war schon früh in

seiner Jugend so, obwohl ihm die Politik

nicht in die Wiege gelegt wurde. Weder im

Elternhaus, noch von Schulfreunden wurde

er dahingehend angeschubst. Er war selber

neugierig darauf. Seit 2010 ist er im Luzerner

Jugendparlament dabei. 2014 und 2015 war

er CO-Präsident vom «Jugendparlament

Kanton Luzern».

Er politisierte erst bei den Jusos, bis er

nun seine Heimat bei der BDP gefunden hat.

Er formuliert es so: «Ich bin vor rund zwei

Jahren über Kontakte zur BDP gestossen und

fand die kleine gelbe Partei, ihre Positionen

und ihre Mitglieder auf Anhieb sehr ansprechend.

Schon bald war der Wunsch bei mir

vorhanden, aktiv ein Teil dieser Partei zu werden.

Kurz darauf wurde ich zum Parteisekretär

Kanton Luzern und neu auch zum Präsidenten

BDP-Stadt Luzern gewählt.»

Nach einigen kürzeren und längeren

Beziehungen lebt Nico «aktuell glücklich als

Single». Im vergangenen Herbst, im Zusammenhang

mit den Nationalratswahlen, standen

er als Parteisekretär und Denis Kläfiger,

Präsident der BDP Kanton Luzern, offen zu

ihrem Schwulsein. Da stellt sich doch die

Frage, wie war das ein paar Jahre früher mit

Nicos Coming-out? Dazu meint er: «Das ist

eine lange Geschichte. Ein sehr enger Freund

und Vertrauter outete sich eines Tages unverhofft

bei mir. Ich war total fasziniert und

empfand für diese Entscheidung tiefen Respekt.

Von diesem Ereignis aber überrascht

und total überfordert, outete ich mich nicht

gleichzeitig bei ihm – erst am darauffolgenden

Tag. Wie ich zuvor, war auch er völlig

überrascht.»

«Nach und nach outete ich mich bei

Freunden und Bekannten, erst später dann

CRUISER APRIL 2016


Serie

Schwul auf dem Land

17

bei der Familie. Ich habe glücklicherweise

nur positive Feedbacks erhalten und kann

ein Outing jedem nur empfehlen!» Dennoch

beurteilt Nico die Offenheit der Bevölkerung

skeptisch: «Luzern ist ein katholischer Fleck,

und dies merkt man teilweise sehr gut.

Denis Kläfiger: der zugezogene

«Lozärner»

Auf die Frage, wie es sich in Luzern leben

lässt, meint Denis Kläfiger: «Es ist ein katholisch

geprägter Kanton, das spürt man

schon. Es herrscht eine andere Atmosphäre

als in Zürich, wo man sich lockerer geben

kann auf der Strasse. In Luzern sind die Leute

verschlossener. Luzern ist mit rund 80 000

Einwohnern halt eine kleine Stadt. Aber es

ist eine schöne kleine Stadt. Es lebt sich gut

hier als Schwuler. Wer jedoch gerne und öfters

in den Ausgang gehen will, na ja …»

Denis betont, dass er nicht so der Szene-

Ausgangstyp ist. Er ist einfach gerne mit

Kollegen mal unterwegs und die sind teils

hetero, teils schwul. Klar gab es die Zeit, in

der man nach Zürich gefahren sei, um einen

Abend im T & M zu verbringen, da in Luzern

ja nur einmal im Monat die Frigay-

Night-Party stattfinde. Oder man besuchte

eine Purplemoon-Party.

Denis war zuerst im klösterlichen

Internat

Der 24-Jährige Denis ist gelernter Kaufmann,

und wie es sich beim Gespräch im

«Café de Ville» unschwer heraushören lässt,

kein gebürtiger «Lozärner». Seine Jugendzeit

verbrachte er in Rapperswil. Danach kam er

nach Engelberg für ein Jahr ins klösterliche

Internat. Ein Haus mit alten Strukturen, will

heissen, man kam nur in den Ferien nach

Hause. Ausgerechnet in dieser Zeit, in der er

mit Schulkollegen und den Ordensmännern

unter einem Dach lebte, startete seine

Coming-out-Phase. Nach einem Jahr zog er

zur Weiterbildung ins Welsche, zu Nonnen.

Zu seinem Coming-out befragt, und wie er

heute in seinem auch politischen Umfeld

wahrgenommen werde, meint Denis: «In

Luzern hatte ich ein «unproblematisches»

Coming-out. Das lag wohl auch an meinen

KV-Kollegen. Ich wurde gut aufgenommen

und habe heute noch gute Kontakte zu ehemaligen

Klassenkameraden, darunter etliche

Heteros. Alle wissen es. Ich bin da offen.

«Die Nachbarn wissen es, der Vermieter

auch, innerhalb der BDP weiss man es,

ich gehe offen damit um, auch bei Vorstellungsgesprächen,

das ist mir wichtig.» Die

Offenheit der Luzerner Bevölkerung müsse

man differenziert anschauen, meint Denis:

«Der Unterschied ist gross zwischen Stadt

und Land. Auf dem Land sind die Leute

nach wie vor recht konservativ. Die Parteienlandschaft

ist das entsprechende Abbild.

Die Stadt Luzern ist Mitte-Links geprägt,

ähnlich wie Zürich. Und somit auch offener

als auf dem Land. Der Kanton ist bürgerlich,

eine Hochburg der CVP. Man denke an das

Entlebuch.»

Denis kämpft für die Ehe für alle

Ob die «Ehe für alle» in diesem Kanton ein

Chance habe, wagt Denis nicht mit eim Ja zu

beantworten: «Das ist ist schwierig zu sagen.

Ich hoffe natürlich, dass sich mit der Zeit

auch Bürgerliche mit dem Gedanken anfreunden,

Homosexualität als normal zu

empfinden.» Der derzeitige Single kämpft

für die Ehe für alle. Auf die Frage, ob denn

die eingetragene Partnerschaft nicht genüge,

sagt er sehr schnell: «Auf keinen Fall! Dieses

Gesetz war damals eine Notlösung und zur

damaligen Zeit das überhaupt Machbare.»

Denis lebt gerne in Luzern, dennoch

gesteht er ein: «Ich liebäugle seit jeher mit

zwei Destinationen und könnte mir vorstellen

dort zu leben. Da ist einerseits Brasilien,

wo meine Mutter herkommt. Und andererseits

Neuseeland, da war ich ein halbes Jahr,

um mein Englisch aufzufrischen.»

Interview

Denis, seit wann politisierst du?

Ich bin seit vier Jahren Mitglied der BDP. Bereits

während der KV-Zeit wurde ich politisch

aktiv. Ab 2014 teilte ich das Präsidium

der Kantonalpartei mit Lea Fuchs. Mittlerweile

bin ich Präsident.

Du hast auch für ein Nationalratsmandat

kandidiert. War das bei nur zehn Luzerner

Nationalräten aussichtsreich?

Die BDP hatte beschlossen, in allen Kantonen,

in denen sie vertreten ist, anzutreten.

Natürlich war es im Kanton Luzern etwas

schwierig, weil er CVP-dominiert ist. Aber

es war uns wichtig, die aktiven Personen

aufzuzeigen. Strategisch war es auch sinnvoll,

weil wir ja auch mit den Wahlen für den

Stadtrat liebäugeln. Da braucht es schon vorher

einen Bekanntheitsgrad, den haben wir

nun gut ein Jahr lang aufgebaut. Bereits bei

den Kantonsratswahlen im Frühjahr 2015

machten wir uns bemerkbar.

Ist die BDP im Kantonsrat vertreten?

Leider nein, noch nicht. Im Kanton Luzern

gibt es die BDP erst rund sechs Jahre. Die

vorherige Leitung hat es nicht geschafft, die

notwendige Aufbauarbeit zu leisten. Heute

jedoch ist die BDP in aller Munde. Wir sind

in den Zeitungen vertreten, haben mehrere

Petitionen eingereicht und eine Stadt-

Sektion gegründet.

Die BDP ist ja als Absplitterung von der SVP

eine bürgerliche Partei. Ist da ein Schwuler

gut aufgehoben?

Ganz klar, ja. Es ist ja nur teilweise eine Absplitterung

von der SVP. Das war der Anfang.

Ehemalige SVP-Mitglieder stammten

eher aus dem linken, liberalen Flügel der

SVP, und die sitzen nun wirklich nicht im

gleichen Boot wie Christoph Blocher und

seine Gefolgsleute. Die Sektionen wie Zürich,

Aargau, Luzern sind Neugründungen

und haben gar nichts zu tun mit der SVP.

Nun willst du für den Stadtrat Luzern

kandidieren. Wir gross ist der Stadtrat?

Luzern kennt den Grossen Stadtrat und den

Stadtrat. Ersterer ist das Stadt-Parlament mit

48 Mitgliedern. Der Stadtrat ist die Exekutive

mit fünf Mitgliedern. Ich kandidiere für

beide!

Warum kandidierst du am 1. Mai für beide?

Es gibt zwei Gründe. Einmal ist dies eine

Werbeplattform für die Partei. Zum andern

aber wollen wir den Wählern auch eine Alternative

bieten zu den alt eingesessenen

Parteien. Wir sprechen Themen an, welche

die grösseren Parteien gerne unter den Teppich

kehren. Ausserdem sollte auch die Jugend

im Sinne der Widerspiegelung der Bevölkerung

mit einem Mitglied im Stadtrat

vertreten sein. Als Vertreter einer noch kleinen

Partei mache ich mir aber keine Illusionen

für den Stadtrat, aber für den Grossen

Stadtrat stehen die Karten gut.

Lebst auch du eher «ländlich»?

Gerne würden wir dich portraitieren!

Wir freuen uns auf ein kurzes Mail an

redaktion@cruisermagazin.ch

CRUISER APRIL 2016


18

NEWS

National & International

NEWS

Plötzlich schwul?

Chris J. Birch machte auf dem Sportplatz

ein paar Rollen vorwärts. Dann sackte

er weg – und war schwul. Gar Unglaubliches

ist in der «Süddeutschen» zu lesen: Chris J.

Birchs Story klingt wie ein schlechter Witz;

wie einer dieser modernen Mythen, mit denen

die Erzähler erst einen Effekt erzielen,

aber dann als Quelle nur den Cousin eines

Freundes ihrer Nachbarin nennen können.

Mit dem Unterschied, dass dies weder Mythos

noch Witz ist, sondern Chris J. Birchs

neues Leben.

Es ist die Geschichte eines 21-Jährigen

aus Ystrad Mynach in Südwales, der an einem

lauen Juliabend auf einem Sportplatz

übermütig wurde, im weichen Rasen zwei,

drei Rollen vorwärts machte, wieder aufstand

– und plötzlich auf Männer stand.

Durch den Überschlag war eine Arterie abgeklemmt

worden, eine Ablagerung an der

Gefässwand hatte sich gelöst und eine Blutbahn

im Gehirn verstopft, der Sauerstoffmangel

liess Nervenzellen absterben.

Sexuelle Neuorientierung infolge

einer Neuvernetzung der Nervenbahnen,

lautete die Diagnose seiner Ärzte. Mit

anderen Worten: schwul durch Schlaganfall.

Es gibt andere Patienten, bei denen eine

Neuvernetzung nach Gerinnseln im Gehirn

ähnlich untypische Folgen hatte. Am

bekanntesten ist das Foreign Accent Syndrome

(FAS), von dem weltweit etwa 150 Fälle

dokumentiert sind. Die Betroffenen leiden

dabei unter einem Sprachfehler, den Aussenstehende

jeweils als Akzent eines bestimmten

Landes identifizieren. Um das Leiden auszulösen,

reichte bei manchem der Besuch

seines Chiropraktikers.

Daneben gibt es Patienten, die durch

ein Hirntrauma offenbar besondere Fähigkeiten

erlangten. Der australische Teenager

Ben McMahon etwa fiel nach einem Autounfall

ins Koma, und als er aufwachte,

sprach er Mandarin, fast fliessend, obwohl er

zuvor nur Grundkenntnisse erworben hatte.

Und Tommy McHugh, ein Maurer aus Liverpool,

hatte nach einer Hirnblutung extreme

kreative Schübe, konnte nun malen und ist

heute Künstler.

All diese Fälle sind unterschiedlich gelagert

und schwer vergleichbar. Alle gelten

als spektakulär. Doch keiner weckte ein so

dauerhaftes Interesse wie der von Christopher

J. Birch aus Wales. Fast 30 ist Birch heute,

neun Jahre ist der Schlaganfall her, vor

drei Jahren gab er die Geschichte mal an ein

Boulevardblatt, ganz naiv, weil Kundinnen

im Friseurladen meinten: «Das ist aber interessant,

das müsste man veröffentlichen!»

Seitdem gilt seine Geschichte als einzigartig.

Sie bediente amerikanische Wissenschaftscolloquien

ebenso wie irische Saturday

Night Shows, indische Radiosender, Londons

Klatsch-Presse und demnächst vielleicht

auch das US-Kino, offenbar existiert

bereits ein Drehbuch, und zwar von den

Machern von der Kult-BBC-Comedy-

Serien-Machern «Little Britain».

CRUISER APRIL 2016


NEWS

National & International

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Pet Shop Boys – Neues Album «Super»

Die Musik der Pet Shop Boys … naja,

eigentlich haben sie seit Jahren immer wieder

dasselbe Album gemacht. Aber es klang

immer wieder anders, neu und aufregend.

Und jetzt kommt Super», das 14. Album in

30 Jahren.

«Happiness», der erste Track, erinnert

an den wunderbaren Justus Köhncke: minimalistisch,

beweglich, hoffnungsvoll. Beim

zweiten Song, bei der Single «The Pop Kids»,

kriecht dann auch schon die Popkatze aus

dem Sack. Es ist eine Pophymne an sich

selbst, an die eigene Biografie mit viel Nostalgie

und Emotions – es ist auch eine Liebeserklärung

von Neil Tennant an Chris

Lowe und alle Menschen, welche die Pet

Shop Boys mögen: «They called us the pop

kids/ Cause we loved the pop hits/ And quoted

the best bits/ So we were the pop kids/ I

loved you/ I loved you». Am Ende werden

sogar noch die Kuhglocken aus Barry Manilows

«Copacabana», Extended-Mix eingebaut:

«Ding, Ding, Ding, Düng, Düng, Ding,

Ding, Ding Düng Düng – Ding, Ding, Ding,

Düng, Düng, Ding, Ding, Ding Düng

Düng.»

Danach wird die Platte mit «Groovy»

fast schon ein wenig Erasure-haft, bevor

sie dann komplett in einen

Club-Soundtrack umbricht, deep

und trancig.

«Sad Robot World» bremst

die Platte mit einem an Falcos

«Jeannie» erinnernden Beat und

Konsolen-Geräuschen im Hintergrund

sachte ab, der Mood so

eher 10cc, «I’m not in love».

Eighties-housig, man denke:

«Theme from S Express», wird›s

dann zum Abschluss der Platte mit

«Into thin Air». Dünne Luft. Was allerdings

definitiv nicht für die Platte

gilt. Fans werden das neue Album lieben,

die anderen werden den Albumrelease

wohl gar nicht mitbekommen. Das Album

ist seit 1. April erhältlich.

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CRUISER APRIL 2016


20

Serie

Mannsbild – Berufsbild

Einst wollte er

Pfarrer werden

Christoph Stuehn ist ein Macher auf der ganzen Linie. Wirtschaftliches

Denken vereint er mit seiner Liebe zu Kunst, Kultur und Geist. Der 41-Jährige

wirft einen Blick auf seine Karriere, spricht über Begegnungen, Hobbys

und vermeintliche Klischees.

VON andreas Faessler

E

s gibt Berufsleute, die scheinen ein

Händchen dafür zu haben, stets zum

richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort

zu sein. Oder vielleicht tun sie einfach intuitiv

das Richtige. Manche haben hingegen

einfach auch Glück. Was auch immer bei

Christoph Stuehn mitgespielt hat in seiner

Karriere – irgendwie lief es fast immer rund.

Aktuell ist der 41-Jährige quasi Herr über

das audiovisuelle Kulturerbe der Schweiz:

als Direktor von Memoriav. Der 1995 gegründete

Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht,

den unermesslichen Schatz aus historischem

Filmmaterial, Fotografien und

Tondokumenten unseres Landes zu erschliessen,

zu erhalten und zugänglich zu machen.

Mit Herzblut und Leidenschaft hat Stuehn

die Arbeit von Memoriav in den letzten Jahren

vorangetrieben. «Denn erstens ist die

nachhaltige Arbeit, welche Memoriav leistet,

von grosser Bedeutung, auch wenn sie eher

im Stillen geschieht. Und zweitens verbirgt

sich hier ein Teil unserer Kulturgeschichte.»

Dass diese von grossem öffentlichen Interesse

ist, zeigte sich auf eindrucksvolle Weise,

als Stuehn auf dem Berner Bundesplatz drei

alte Schweizer Filme von 1964 neu aufführen

liess. Die Resonanz war riesig.

Wenn der Deutsch-Schweizer Doppelbürger

ein Ziel vor Augen hat, dann setzt er

alles daran, dieses zu erreichen. Der gelernte

Bankkaufmann und HSG-Absolvent versteht

es, die beiden auf den ersten Blick völlig

gegensätzlichen Bereiche Kultur und Wirtschaft

geschickt zusammenzuführen. «Ich

sehe mich mehr als Unterstützer der Kultur

und nicht etwa als Künstler», sagt er. «Kultur

braucht Überzeugungsarbeit. Und ich

habe mich schon immer leidenschaftlich für

CRUISER APRIL 2016

das eingesetzt, was mir wichtig ist.» Obwohl

er als Bub am liebsten Bankdirektor – und

eine Zeit lang sogar Pfarrer – werden wollte,

faszinierten ihn Kunst und Kultur schon

früh, er lernte Geige, die er noch heute regelmässig

auf ansehnlichem Niveau spielt. Sein

Instrument ist das wichtigste «Kunstwerk»,

das er bei sich zu Hause stehen hat. «Und

mein Sofa», schiebt er augenzwinkernd

nach. Mit Kunstobjekten zu Hause habe er

etwas Nachholbedarf, spätestens wenn er

sich in absehbarer Zeit eine neue, grössere

Wohnung suche. Angesprochen auf das Klischee,

dass der Kulturbereich per se ein «typisch

schwules» Berufsumfeld sei, winkt

Stuehn ab. «Es gibt schon Bereiche in der

Kultur, wo das zutreffen mag.» Er führt Ballett

und Musical als Beispiele an. Auf dem

Gebiet von Theater und Museum jedoch

eher weniger. «Ich habe meine Jobs jedenfalls

nicht nach dieser ‹Gesetzmässigkeit›

ausgesucht», sagt er lachend.

Vernetzung ist das A und O

Der eloquente Kulturmann, der sich im gepflegten

«smart casual»-Look am wohlsten

fühlt, lässt seine Jobs Revue passieren. Die

erste grosse Weichenstellung erfolgte 2001,

als Stuehn stellvertretender kaufmännischer

Direktor des Schauspielhauses Zürich wurde.

«Das war ein wahrer Glücksfall für mich. Der

direkte Bezug zur Kunst als solche ergänzte

den kaufmännischen Charakter meines Jobs

am Schauspielhaus», sagt er mit einem sichtbaren

Anflug von Nostalgie. Tür und Tor

standen ihm jetzt besonders weit offen für

Vernetzungen und Kontakte, «was in diesem

Berufsfeld von besonderer Bedeutung ist»,

wie er meint. So verhalf ihm nicht zuletzt die

gute Bekanntschaft mit Max Wiener, dem damaligen

Präsidenten der Freunde des Schauspielhauses,

zu wichtigen Begegnungen.

Christoph Stuehn entwickelte schnell

den Riecher, wie er Menschen für die Kunst

erwärmen konnte.. Nicht zuletzt dürfte ihm

hier auch seine einnehmende und sympathische

Art zugespielt haben sowie die persönliche

Ausgeglichenheit, welche er stets ausstrahlt.

Was könnte einen wie ihn überhaupt

aus dem Konzept bringen? «Unzuverlässigkeit

und Illoyalität», sagt er. Damit könnte

man es sich selbst mit ihm verscherzen.

Ein «Befreiungsschlag»

So fruchtbar Stuehns Arbeit am Schauspielhaus

war, so intensiv war sie. Nach einer

kurzen Berufspause erhielt er einen Posten

in der Direktion des Schweizer Nationalmuseums.

Es war die zweite Zusammenarbeit

mit Direktor Andreas Spillmann. Stuehn

fand sich in einer neuen und doch vertrauten

Welt wieder: «Von nun an erzählten nicht

mehr die Menschen auf der Bühne die Geschichten,

sondern die Objekte in den Ausstellungen.»

Auch hier war er sofort in die

Prozesse eingebunden. «Die Mitarbeit bei

der Planung der Erweiterung des Landesmuseums

war eine besonders grosse Herausforderung.»

Ihm fällt spontan eine delikate

Begegnung ein, als er für das «Objekt des

Monats» Roger Federers ersten Grand Slam

Pokal in die Ausstellung holen wollte. Flugs

eine Mail an den Tennisstar geschrieben, da

klingelte auch schon das Telefon: «Grüezi, da

isch der Röbi Federer …» Rogers Vater hat

sich gleich persönlich darum gekümmert.

«Wenige Tage später haben wir uns getroffen,

und er hat mir die Trophäe übergeben –


Serie

Mannsbild – Berufsbild

21

in einer Migrostüte!». Und am Ende von

Stuehns fünfjähriger Tätigkeit am Museum

sollte Micheline Calmy-Rey seinen nächsten

Schritt beeinflussen: Für einen Anlass im

Landesmuseum holte er die damalige Bundesrätin

am Hauptbahnhof ab. «Da merkte

ich schneller als mir lieb war, dass es um

meine Französischkenntnisse nicht besonders

rosig stand.» Die folgende Auszeit nutzte

er drum kurzerhand für einen längeren

Sprachaufenthalt in Paris. «Das war wie ein

Befreiungsschlag für mich.» Habe er doch

seit seiner Jugend praktisch immer gearbeitet,

und sei es lediglich ein Ferienjob gewesen.

«Zum ersten Mal war mein Kopf absolut

frei von Verpflichtungen.»

Zum ersten Mal allein an der Spitze

Wieder zurück im «normalen» Leben, bewarb

sich Christoph Stuehn für die Direktionsstelle

bei Memoriav – und auch das gelang.

Und wie zuvor schafft es der 41-Jährige

auch bei diesen bisher eher im Stillen abgelaufenen

Tätigkeiten des Vereins, aktiv die

Brücke zur Öffentlichkeit zu schlagen. Faktisch

hat er ja seit jeher Vermittlungsarbeit

geleistet, mit viel Empathie. Neu ist für ihn

jetzt, dass er erstmals ganz allein an der Spitze

einer Organisation steht. «Da ist nun halt

keiner mehr, der auffängt, wenn etwas schief

laufen sollte», so Stuehn. «Aber dadurch

lerne ich besonders viel dazu.»

Nach wie vor hängt der Erfolg seiner

Arbeit stark von einem aktiven Networking

ab. «Ohne den Austausch und die nötige

Vermittlungsarbeit funktioniert’s nicht»,

betont Stuehn, dessen Vernetzung zunehmend

bis ins Bundeshaus reicht. «Das ermöglicht

es mir, als eine Art Botschafter für

die Kultur einzutreten.» Und er will dabei

keinesfalls eine elitäre Schiene fahren. Denn

seien es schillernde Berühmtheiten mit Rang

und Namen auf der Bühne oder ein folkloristischer

Landbrauch – für ihn sind alte

Traditionen genauso wichtig und identitätsstiftend

wie etwa eine hochstehende städtische

Kultur- und Kunstszene.

Privat, Beruf – der Unterschied ist

nicht gross

Christoph Stuehn – ein zielstrebiger, leidenschaftlicher

und erfolgreicher Berufsmensch.

Geht das nicht auf Kosten des Privatlebens?

«Ich habe den Vorteil, dass sich

meine persönlichen Interessen sehr stark in

meinem Beruf wiederfinden. Das gibt mir

kaum das Gefühl, dass mein Job zu viel von

meinem Leben einnimmt.» Langeweile ist

ihm ein Fremdwort, und Zeit für private und

ehrenamtliche Tätigkeiten bleiben ihm genug:

Wenn er grad nicht als Vorstand der

Aids-Hilfe Schweiz beschäftigt ist oder Sport

treibt, trifft man ihn ab und zu in Zürcher

Clubs am DJ-Pult auflegend. Oder bei kleineren

privaten Musikprojekten und an Konzerten

wie demnächst wieder in seiner alten

Heimat Baden-Baden, wo er an einem Orchesterkonzert

Geige spielt.

Einzig l’amour hat bei Christoph

Stuehn noch Potenzial. Er hat allerdings nur

selten den Eindruck, dass ihm eine Partnerschaft

fürs Leben fehlt, was nicht heisst, dass

sich das früher oder später nicht ändern

könnte. Und wenn «er» dann doch mal in

sein Leben tritt? «So soll es einer sein, der

damit umgehen kann, dass ich ab und zu

nicht ganz ungern im Mittelpunkt stehe und

ein sehr extrovertierter, sozialer und aktiver

Mensch bin. Ein Mann, der mich immer

wieder inspiriert, überrascht – und der mich

gleichzeitig auch mittel- und langfristig

emotionell aushalten kann.»

Hast auch du einen spannenden

Beruf?

Melde dich bei uns!

redaktion@cruisermagazin.ch

CRUISER APRIL 2016


22

KOLUMNE

MICHI RÜEGG

Gesplittete

Ehegatten

Auch hippe Menschen können den Bund fürs Leben eingehen, ohne

dabei ihren Glamour einzubüssen. Dies beweist das hier transkribierte

Telefongespräch zwischen Michi Rüegg und seinem Freund.

VON Michi Rüegg

Ich: Schatzi, die in Bern wollen die Individualbesteuerung

einführen.

Er: Aha.

Ich: Du weisst schon, das mit dem Ehegattensplitting.

Er: Soso.

Ich: Deshalb dachte ich, also … willst du

mich heiraten?

Er: Du, im Moment bin ich mit den Gedanken

grad ganz woanders.

Ich: Wo denn?

Er: Beim morgigen Abendessen.

Ich: Weil du kochen sollst?

Er: Ja.

Ich: Ich hab wirklich keine Zeit, du weisst,

ich muss die Mieze zu meinen Eltern bringen,

bevor ich in die Skiferien fahre.

Er: Eben.

Ich: Was meinst du mit eben.

Er: Nichts. Schon gut.

Ich: Du weisst, du hättest gern mitkommen

können. Aber du wolltest ja nicht, weil du

Skifahren blöd findest. Winter und Skifahren

gehören nun einmal zusammen.

Er: Hackbraten.

Ich: Wie?

Er: Ich könnte Hackbraten machen.

Ich: Das wär fein, dann machen wir eine Flasche

Bordeaux dazu auf.

CRUISER APRIL 2016

Er: Vielleicht ist das zu viel, Hackbraten.

Ich: Du könntest einen kleinen Hackbraten

machen. Oder einen normalen und den Rest

am Wochenende essen.

Er: Ja.

Ich: Und Kartoffelstock dazu.

Er: Du willst eine Stärkebeilage? Aber meine

Hüften!

Ich: Kartoffelstock und Hackbraten gehören

nun einmal zusammen, die kann man nicht

trennen. Du musst nur Kartoffeln kaufen,

Butter hab ich noch genug.

Er: Um Himmels willen, Butter!?

Ich: Ja, Butter und Kartoffeln gehören im

Kartoffelstock zusammen. Mehlig kochende.

Er: Ich bin aber nicht vor neun bei dir.

Ich: Wir können ja später essen. Hauptsache

wir essen zusammen.

Er: Ich muss ja noch extra einkaufen.

Ich: Ja. Einkaufen und Kochen, das gehört

irgendwie zusammen.

Er: Mir kommt das im Moment alles etwas

ungelegen.

Ich: Das Einkaufen und das Kochen?

Er: Nein, das Heiraten.

Ich: Es muss ja nicht unbedingt heute sein.

Er: Wenn du jetzt auch noch sagst, dass du

Sauce willst, fang ich an zu schreien.

Ich: Sauce und Hackbraten gehören irgendwie

zusammen.

Er:Wenn du unbedingt willst, können wir

heiraten.

Ich: Dann stell noch eine Flasche Champagner

kalt. Heiraten und Champagner gehören

definitiv zusammen!

Er: Ich will aber nicht bei dir einziehen.

Ich: Um Gottes willen, nein! Ich doch auch

nicht. Am Ende benehmen wir uns noch

wie ein altes Ehepaar. Schliesslich sind wir

schwul und müssen nicht auf die ganze

Welt wie die grössten fucking Oberbünzlis

wirken.

Er: Ja, das passt nicht zu uns.

Ich: Nein.

Er: Dann ist ja gut. Heiraten ja, zusammenziehen

nein. Hackbraten und Kartoffelstock

wohnen auch nicht zusammen. Sie teilen sich

nur einen Teller.

Ich: Ich bin froh, dass wir das geklärt haben.

Also nicht vergessen, Champagner

kalt stellen, Fleisch und Kartoffeln kaufen,

Butter ist im Kühlschrank, die Katze geht

zu meinen Eltern, du kannst am Wochenende

die Reste essen. Und bitte vergiss

nicht, deine zwei Paar Unterhosen nach

Hause zu nehmen, ich hab sie gewaschen

und gebügelt.


Ich suche nicht irgendwen,

daher suche ich auch nicht irgendwo.

23

CRUISER APRIL 2016


24

Reportage

Baselworld

Viel Bling Bling und

noch mehr Glamour

In Basel herrschte während der Baselworld der Ausnahmezustand. Cruiser

düste hin und checkte, ob an der grössten Uhren- und Schmuckmesse die

LGBT-Community als (kaufkräftige) Zielgruppe wahrgenommen wurde.

Selfie-Time bei Armani.

Installation von Casio.

VON Haymo Empl

D

ie Baselworld ist für die globale Uhren-

und Schmuckindustrie eine unverzichtbare

Messe, auf der alle relevanten

Trends gesetzt werden. 1500 der

weltweit bekanntesten Marken, welche das

gesamte Spektrum der Branche – Uhren,

Schmuck, Diamanten, Edelsteine und Perlen

sowie Maschinen und Zubehör – repräsentieren,

trafen in Basel mit namhaften Käufern

und der Weltpresse zusammen. Gemeinsam

fühlten sie den Puls der Branche,

feierten die Präsentationen neuer Kollektionen

und erlebten live die Markteinführung

zukunftsweisender Innovationen und Entwicklungen.

Soweit so gut. Viel Bling-Bling,

massiv Pomp und Trallalla – gemäss Klischee

müsste es also von Gays an der Messe

nur so wimmeln. Immerhin war der Event

die Bühne für über 145 000 Teilnehmer zu

denen die Aussteller, Käufer und Besucher,

sowie Journalisten aus mehr als 100 Ländern

gehörten. Tatsächlich: Cruiser- Redak-

CRUISER APRIL 2016

tor Andi E. (wohnt in Basel) stellte fest, dass

in den Clubs «erhöhtes Fremdaufkommen»

gesichtet wurde. Aber an der Messe? Fremdaufkommen

ja, aber wenig bis gar nichts aus

der LGBT-Gemeinschaft. Diesbezüglich also

totale Fehlanzeige. Keine LGBT-Spezielles

für entsprechende Trauungen, nichts spezielles

für den Liebsten oder die Liebste. Für

die Heteros gab es immerhin «sie-» und «er-»

Uhren. Wohl war da eine Etage, bzw. Halle

«Stones & Jewellery», diese war auch wunderhübsch

für die Irina Bellers dieser Welt

und den galanten, älteren Herrn, aber irgendetwas

Spezifisches für gleichgeschlechtliche

Paare war nicht zu entdecken. Vielleicht

ist das fantasielos oder gar ignorant,

vielleicht aber auch ein gutes Omen. Denn je

nach Perspektive wird die LGBT-Community

an der Baselworld als «gleichberechtigt»

angesehen oder – was nicht zu hoffen ist –

komplett ignoriert. So oder so: Es war ein

einzigartiges optisches Spektakel, und die

Privatbesucher nutzten die Messe für (nervige)

Selfies. Die Standbauten waren kreativ,

schräg, schön und verblüffend – was notabene

für noch mehr Selfies sorgte.

«Die Baselworld ist essenziell für die

Uhrenbranche», erklärte Philippe Mougenot,

Präsident der Chanel Horlogerie-Joaillerie

an der Pressekonferenz. Und weiter:

«Jahr für Jahr gibt uns dieses Ereignis die

unvergleichliche Gelegenheit, unsere Kreativität

und unser Know-how vor einem qualifizierten

Publikum internationaler Meinungsführer

und bedeutender Uhrenhändler

zu präsentieren.» Nun denn – hoffen wir,

dass Monsieur Philippe Mougenot mit diesem

Statement die LGBT-Community ebenfalls

zu den «internationalen MeinungsführerInnen»

zählt.

DIE NÄCHSTE BASELWORLD

findet vom 23. bis 30. März 2017 statt.


25

Im April Risiken vermeiden,

im Mai zum HIV-Test.

Im April konsequent RISIKEN VERMEIDEN.

Warum? Um die Anzahl der HIV-Neuinfektionen zu senken. Damit der Sex für uns alle sicherer wird.

«Break the Chains» macht’s möglich.

breakthechains.ch

CRUISER APRIL 2016


26

KOLUMNE

Thommen meint

Auferstehen als geschlechtsloses

Wesen?

Ich traf mich kürzlich mit einem jungen Schwulen mit muslimischen Wurzeln in

Zürich im Café auf dem Sechseläuten-Platz. Wir diskutierten über «Bilder in

Köpfen» ( ➔ Du sollst dir kein Bildnis machen …), sogenannten Icons, oder wie

bei den Orthodoxen die Ikonen. Schon immer habe ich die Gleichnisbilder aus

dem Neuen Testament geliebt.

VON PETER THOMMEN

D

er Himmel hatte sich an diesem späten

Nachmittag aufgetan und die

Sonne brach durch, während wir bei

einem Kaffee sassen. Er erzählte von den

Mundschenken im Koran und ich vom Harfenspieler

David, der seinen König Saul aufheitern

musste. Beide Funktionen waren vor

allem an Königshöfen institutionalisiert.

Diese jungen Männer kümmerten sich um

Getränke und den Wein im Keller.

Beide Icons sind in Symbollexikonen

oder gar im Internet nicht näher beschrieben.

Jedenfalls standen diese Jungs in einer

vertraulichen Beziehung zu ihrem Dienstherrn.

Denn von ihrer Sorgfalt hing das Leben

dieser Männer ab. Mundschenken sind

im koranischen Himmel für Muslime vorhanden

und die Harfenspieler nicht nur im

Himmel bayerischer Katholiken, wo sie Halleluja

spielen sollen.

Hinter diesen Bildern gibt es aber noch

andere Projektionen, die ebenso wichtig sind

wie die bisher beschriebenen: Der Mundschenk

leistete oft auch sexuelle oder Liebesdienste,

wie auf antiken Vasen zu sehen ist.

Und der Harfenspieler aus jener Zeit ist auch

als Liebesdiener für Männer im Orient dargestellt

worden. Durch die rosa Brille sichtbar,

sozusagen.

CRUISER APRIL 2016

Vor ein paar Tagen hatte ich abends

im L39 eine intensive Diskussion mit zwei

jungen Schwulen mit baslerischen Wurzeln.

Diese verwendeten dabei ebenfalls

«Bilder»! Diese Icons sind sehr modern

(«gendermässig»), wie «Buchstabenleute»*

sagen würden. Sie sind aber auch uralt,

wenn wir in die Geschichte der Sexualkulturen

hinabsteigen. Ich habe in einem Buch

von 1903/10 die Fotografie eines Männerpaares,

dargestellt als bürgerlicher Mann

und Frau jener Zeit gefunden.

«Der Mundschenk leistete

oft auch sexuelle oder

Liebesdienste, wie auf

antiken Vasen zu sehen ist.»

LondonJames (Lifestyleberater, 30) benutzt

dieses Icon in neuzeitlicher Form: Er

glaubt, «wenn in den Akten steht ‹verheiratet›»

– dann brauche es nirgendwo mehr ein

Coming out – weder am Arbeitsplatz noch

sonstwo. Er hat natürlich ein anderes, vergangenes

Icon nicht mehr kennengelernt:

Die Pflicht für verlobte Paare, dies am Gemeindehaus

offiziell anschreiben zu lassen,

damit jedeR seine Einwände gegen eine Heirat

vorher anmelden konnte.

Die modernen Icons versuchen, Bilder

zu kreieren, die unsere Wünsche auferstehen

lassen, nach Gleichberechtigung und gleichen

Rechten. Aber wo bleiben die Pflichten?

Darüber werden keine Icons herumgeboten

in den Medien. Es sei ja schliesslich egal

(gleich), wer was sei und welche er Organe er

habe. Hauptsache, die Liebe sei in Ordnung.

Amen.

Letztlich flimmert der Traum von Geschlechtslosigkeit

durch den gesellschaftlichen

Nebel. Da wird dann nur umarmt und

geküsst und Händchen gehalten, wie ich das

von Jugendbüchern weiss, die von Frauen

für schwule Jungs geschrieben worden sind.

Wenn ich aber ins Internet gehe und

mich umschaue, dann ist von alledem nicht

die Rede und die Icons sind klare und unvernebelte

Bilder – wenistens was die Männer

betrifft. Und LondonJames vergisst, dass in

den Akten immer auch der Ehepartner angegeben

ist – mit seiner Geschlechtsangabe.

Und öffentlich homosexuell geheiratet wird

auch nicht «ohne Unterleib», um ein anderes

Icon zu gebrauchen.

Der «auferstandene» Jesus ist vorher

auch nicht ohne Leib am Kreuze gehangen.

Und er musste allerhand Diskriminierungen

bis zu seinem coming out über sich ergehen

lassen. Mann, denke darüber nach!

Welche Wünsche und Icons mögen die

Männer haben, welche zwar vom schwulen

Honig naschen, aber alle die Unannehmlichkeiten,

die noch heute damit verknüpft

sind, ins Nirwana verdrängen oder sich ersparen

wollen? Ablegen von Geschlechtlichkeit?

Es gab schon in früheren Jahrhunderten

Geistliche, die sich ihre Glieder

abgeschnitten haben, nur um endlich ihr

Problem loszuwerden. Das geht doch wohl

nicht wieder von neuem los, oder?!

* LGBTIAQQL...


SPECIAL

CH-Eurovisions-Flops

27

Schweizer Käse – die grössten

Eurovisions-Flops

aus Helevetia

Vor allem seit der Ost-Erweiterung des Song

Contests mit deutlich mehr teilnehmenden Ländern,

ist die Schweiz nicht gerade arm an Misserfolgen.

VON Thomas Borgmann

K

onnte sich die Schweiz in den ersten

dreieinhalb Jahrzehnten des Grand

Prix d’Eurovision de la Chanson mit

zwei ersten und jeweils drei zweiten und

dritten Plätzen mehrmals recht erfolgreich

positionieren, lässt die Bilanz seit den 1990er

Jahren eher zu wünschen übrig.

Bis 1994 war die Schweiz neben

Deutschland das einzige Land, das seit dem

ersten ausgetragenen Song Contest im Jahr

1956 an jedem Wettbewerb teilgenommen

hatte. Dann jedoch sorgte das neue Reglement

dafür, dass die Eidgenossen von 1995

bis 2003 wegen schlechter Vorjahresergebnisse

viermal nicht antreten durften. Seit

2004 müssen sich die meisten Länder in einer

Vorrunde für das Finale qualifizieren. In

diesen zwölf Jahren hat die Schweiz die

End-Ausscheidung acht Mal nicht erreicht,

und von den vier Final-Qualifikationen

knackte sie auch nur 2005 einmalig die Top-

Ten auf der Wertungstafel.

Welches Lied führt nun den Spitzenplatz

bei den schlechtesten Schweizer Beiträgen

an? Das ist gar nicht so leicht zu sagen.

Sechs Mal kam die Schweiz im Finale auf

den letzten Platz, davon vier Mal mit null

Punkten. Allerdings ist eine Nullnummer in

den Jahren 1964 (Anita Traversi mit «I miei

pensieri») und 1967 (Géraldine: «Quel coeur

vas-tu briser?») bei nur 16, beziehungsweise

17 Teilnehmern nicht zu vergleichen mit null

Punkten, die Gunvor Guggisberg 1998 mit

ihrem Lied «Lass ihn» bei 25 Konkurrenten

erntete. Bei der Jurywertung in den 60er-Jahren

waren null Punkte keine Seltenheit. Seit

1997 wird in den Ländern, in denen das ➔

Tragischste Teilnehmerin des Jahrgangs 1998. Nach einem vorangegangenen Shitstorm im

heimischen Boulevard landete Gunvor mit «Lass ihn» in Birmingham auf den letzten Platz.

CRUISER APRIL 2016


28

SPECIAL

CH-Eurovisions-Flops

Waren technische Probleme mit den Mikros schuld? Nur zwei Punkte erntete Michael von der

Heide 2010 mit seiner eurovisionstauglichen Pop-Hymne «Il pleut de l’or» in der Vorrunde.

Weniger Punkte gehen nicht. Mit «zero

points» belegte Piero Esteriore 2004 den

letzten Platz des Semifinales.

Telefonnetz das ermöglichte, das Ted-System

mit Zuschauer-Voting genutzt. Damit,

und auch durch die grössere Zahl der teilnehmenden

Länder ist die Wahrscheinlichkeit

deutlich größer geworden, zumindest

einen einzigen Punkt zu ergattern. Und sind

zwei Punkte, die etwa Michael von der Heide

2010 mit seinem Golden-Shower-Song «Il

pleut de l’or» im Halbfinale erreichte, höher

zu bewerten als null Punkte im Finale? Legt

man nur die Punktezahl zugrunde, bilden

Piero Esteriore und seine MusicStars zweifellos

das Schlusslicht aller bisherigen 56

Schweizer Beiträge. Mit seinem «Celebrate»

konnte der gelernte Coiffeur 2004 nicht mal

im Halbfinale einen einzigen Punkt feiern.

Immerhin wurde sein Abschneiden als Slogan

«Switzerland – zero points» in der

Schweiz zum Satz des Jahres gekürt, und

sein Lied konnte gleichwohl Platz 11 der

Schweizer Charts erreichen.

Mit dem damals 95-jährigen Emil Ramsauer brachte Takasa 2013 den ältesten Teilnehmer

aller Zeiten auf die Bühne des ESC. Genutzt hat es der Heilsarmee trotzdem nicht. Ihr Lied

«You and Me» kam nicht über das Halbfinale hinaus.

Polarisierende Heilsbringer

Den kontroversesten Beitrag schickte

die Schweiz 2013 mit der Heilsarmee ins

Rennen, die sich für den Wettbewerb Takasa

nannte. Schwulen- und Lesben-Verbände

riefen zum Stimmenboykott gegen die singenden

Vertreter der als homophob eingestuften

Heilsarmee auf, unter anderem wegen

der Entlassung einer offen lesbischen

Mitarbeiterin der Organisation durch die

evangelikale Missionskirche. Gleichwohl

positionierte das reine Televoting der Zuschauer

die singenden Heilsbringer auf den

fünften Platz der Vorrunde, womit es die

Schweiz leicht ins Finale geschafft hätte. Das

aber wurde durch die Wertungen der Jurys

verhindert, durch die das Lied schließlich

auf Platz 13 im Halbfinale hängenblieb. Gemunkelt

wurde, dass die ungewöhnlich hohe

Bewertung im Televoting durch die Mobilisierung

von Mitgliedern der Heilsarmee in

allen Ländern Europas zustande kam.

Mitunter wird moniert, dass die

Schweiz auch deshalb so schlecht abschneidet,

weil sie als neutrales Land keine Freundschaftspunkte

geschenkt bekommt, wie es

etwa den Skandinaviern, den aus der Sowjetunion

hervorgegangenen Staaten oder Griechenland

und Zypern vergönnt sein soll.

Hier könnte vielleicht eine Teilnahme Liechtensteins

Abhilfe schaffen. Das Fürstentum

ist neben dem Vatikan der einzige unumstrittene

unabhängige europäische Staat, der

noch nie am Eurovision Song Contest teilgenommen

hat. Überlegt wird eine Teilnahme

schon seit Jahrzehnten, 1976 war mit Biggi

Bachmann und dem Lied «My little Cowboy»

sogar schon einmal eine Vertreterin

nominiert. Ihre Teilnahme scheiterte aber

damals wie heute an einer fehlenden Mitgliedschaft

eines Liechtensteiner Senders in

der Europäischen Rundfunkunion (EBU).

So kommen wir vielleicht doch nicht umhin,

mit mehr Mut zum Ungewöhnlichen und

Originellen das bisherige Mittelmass vieler

Schweizer Beiträge einmal zu verlassen.

CRUISER APRIL 2016


KOLUMNE

PIA SPATZ

29

Pia und die

Frühlingsgefühle

Mit Siebenmeilen-Stiefeletten schreitet Pia

frohen Mutes voran, dabei steht sie auf Gummi

und bevorzugt ausschliesslich reale Superkräfte.

VON PIA SPATZ

I

hr Lieben, mitten im April angekommen,

fühle ich mich wie einst Bette Midler – ich

spüre den Wind unter meinen Flügeln.

Oder ist es am Ende der sanfte Hauch des

Frühlings unter meinen Rock? Egal, Hauptsache

es tut sich was! Denn vor einem Monat

sah ich mich mit einem unschönen Rückschritt

in Sachen Gay-Rechte konfrontiert:

Die Ehe nur für «Mann und Frau» im Kleingedruckten

durchzuschummeln, so wie es die

CVP wollte, war ein Affront – und scheiterte

an der Urne. Das knappe Volksmehr bewies,

dass wirklich jede Stimme zählt. Das macht

doch ordentlich Dampf bei faulen Stimmbürgern,

nicht? Logisch, schreite ich nun zusammen

mit einer Armada an Gleichgesinnten in

Siebenmeilen-Stiefeletten voran, um die «Ehe

für Alle» in der Verfassung zu verankern.

Noch gibt es viel zu tun, aber: «Gemeinsam

weiter» zählt auch jetzt! Einsame Schlusslichter

können einpacken.

Eine willkommene Motivation, die

auch für andere Ziele eingesetzt werden

kann. Bei mir etwa dreht sich derzeit alles

um Gummi: Die Kampagne «Break the

Chains» befindet sich in der heissen Phase.

Damit der Kampf gegen HI-Viren auch optisch

was hergibt, fahren ich und meine

Jungs vom Zürcher Checkpoint buntes Geschütz

auf: Wir geben die Superhelden im

entsprechenden Gummi-Outfit und sind mit

Rat und Tat in der Szene unterwegs. Statt

ganze Städte in Trümmerhaufen zu verwandeln,

setzen wir auf gute Taten. Statt Röntgenblick

gibt’s sattes Wissen – die «Avengers»

stellen wir so locker in den Schatten.

Unser Schlachtruf auf dem Weg zur Rettung

der Welt: safe, safe, safe! Stimmt mit ein, ihr

Lieben! Selbstverständlich gibt’s auch wieder

tolle Goodies: Gummibärli, Gummibändeli

und natürlich den Gummi an sich!

«Wird im Frühling von Ernährung

gesprochen, sind

Gedanken an die Sommer-

Figur blitzschnell präsent.»

Und wenn wir schon aufs Gaspedal treten,

können wir den Vogel gleich abschiessen:

Im «Checkpoint im Gespräch»

dreht sich am 21. April alles um «Gut essen

und gesund ernähren». Logo, dass die

schwule Gemeinde bei diesem Thema aufhorcht:

Wird im Frühling von «Ernährung»

gesprochen, sind Gedanken an die Sommer-Figur

blitzschnell präsent. Aber wir

kratzen nicht an der Oberfläche, sondern

machen uns ernsthaft Gedanken über Nahrungsmittel

– oder was sich alles als solches

bezeichnet. Nährstoffarme Füllstoffe liegen

oft auf dem Teller und tatsächlich werden

wir eher überfuttert als richtig ernährt. Und

weil derzeit vermeintlich jeder Grashalm als

Super-Gemüse angepriesen wird, lohnt sich

ein Kompass im hiesigen Schlaraffenland.

Gesundheitstherapeut Geru Pulsinger ist

unser Held der Stunde: Als ganzheitlicher

Ernährungsberater im Gesundheitszentrum

«NuYu» stellt er sich euren Fragen zu Speis

und Trank. Getreu seinem Arbeits-Credo

«pur und ehrlich» könnt ihr von Pulsinger

die nackte Wahrheit über gesunde Ernährung,

Detox und Diäten erfahren.

Also ihr Lieben, lasst uns die Frühlingsgefühle

sorgsam und mit Freude geniessen.

Und das eingangs erwähnte Schwulenmami

Bette Midler weiss aus erster

Hand, was diese Jahreszeit bringt, hat sie

doch den Lebenszyklus einer Rose erfolgreich

vertont und verspricht bei optimalem

Saatgut neues Leben.

Ich wünsch euch was, eure Pia.

Gut zu wissen

Checkpoint im Gespräch, am 21. April im

Restaurant Bubbles, 18 Uhr (ohne Anmeldung)

CRUISER APRIL 2016


30

RATGEBER

Dr. Gay

Dr. Gay

DR. GAY

Dr. Gay ist eine Dienstleistung der Aids-

Hilfe Schweiz. Die Fragen werden online

auf www.drgay.ch gestellt. Die Redaktion

druckt die Fragen genau so ab, wie sie

online gestellt werden.

CRUISER APRIL 2016

Offene oder monogame

Beziehung?

Ich habe seit kurzem einen Freund.

Er ist dreissig, also fünfzehn Jahre

jünger als ich. Er ist ein ganz lieber

Mensch, ich mag ihn wirklich sehr.

Das Problem ist nun, dass er strikt

eine treue Beziehung führen will,

ich aber nicht treu sein kann. Auf

Dauer kann und will ich nicht

monogam leben. Soll ich die

Beziehung deshalb beenden? Oder

soll ich, wenn ich mal untreu bin,

ihm nichts davon sagen? Ich

möchte ihn eigentlich nicht verlieren

oder verletzen. Hintergehen

möchte ich ihn auch nicht. Wie

denkst du darüber? Mario (45)

Hallo Mario

Du möchtest deinen Partner nicht verlieren,

ihn nicht verletzen und auch nicht hintergehen.

Das kann ich gut verstehen. Eigentlich

beantwortest du damit deine Fragen schon

selber. Ich rate dir, mit deinem Freund zu reden.

Die offene und ehrliche Kommunikation

ist eine der wichtigsten Voraussetzungen

in einer gut funktionierenden Partnerschaft.

Es ist sozusagen das Fundament, auf der die

Beziehung aufgebaut wird. Dabei geht es weniger

darum, dass jeder von euch stur auf

seinem Standpunkt beharrt, sondern vielmehr

darum, eine Lösung zu finden, die für

beide stimmt. Eine Beziehung bedeutet immer,

auch Kompromisse einzugehen. Man

trifft sich sozusagen in der Mitte. Wo diese

Mitte ist und was für dich oder deinen

Freund in Frage kommt, gilt es in einem

konstruktiven Gespräch herauszufinden.

Wichtig ist, dass ihr ehrlich und aufrichtig

miteinander umgeht. Teilt euch eure Wünsche

und Bedürfnisse möglichst wertfrei mit

und findet einen gemeinsamen Nenner. Das

ist nicht immer ganz einfach und setzt ge-

genseitiges Vertrauen voraus, aber es ist

machbar. Die abgemachten Regeln für eure

Beziehung müssen übrigens nicht in Stein

gemeisselt sein. Denn mit der Zeit können

sich Bedürfnisse ändern. Auch dann gilt es,

dies dem Partner mitzuteilen, um gemeinsam

einen Weg zu finden.

Alles Gute, Dr. Gay

Ist Blut beim Blasen ein

HIV-Risiko?»

Ich hatte Oralverkehr mit einem

Typen. Plötzlich bemerkte ich einen

blutigen Geschmack im Mund,

worauf ich sofort mit dem Blasen

aufhörte. Auf seinem Schwanz

konnte ich aber kein Blut erkennen.

Ich habe ihn darauf angesprochen,

und er meinte, er sei gesund.

Wie aber wäre in so einem Fall das

Risiko, sich mit HIV anzustecken?

Reto (33)

Hallo Reto

Eine der Faktoren bei einer HIV-Infektion

ist die Menge der infektiösen Flüssigkeit.

Blut spielt beim Oralverkehr dann eine Rolle,

wenn es sich um viel Blut handelt. Das

heisst zum Beispiel bei einem frisch ausgeschlagenen

Zahn. In so einem Fall hätte

man dann aber kaum mehr Lust zum Blasen.

In deinem Fall war die Menge zu klein

für eine HIV-Infektion, denn du konntest

kein Blut erkennen. Der Speichel wirkt hier

zudem als natürliche Barriere gegen alle

möglichen Erreger. Du brauchst dir deshalb

keine Sorgen um eine Ansteckung zu machen.

Am besten du hältst dich an die Safer-

Sex-Regeln, das heisst Analverkehr, nur mit

Gummi und kein Sperma in den Mund nehmen,

dann brauchst du dir über HIV keine

Sorgen zu machen.

Alles Gute, Dr. Gay


XXX

XXX

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