Korrespondenz Wasserwirtschaft 4|16

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Editorial

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Tag des Wassers 2016 –

Haben wir die Ziele der Wasserrahmenrichtlinie

unterschätzt?

Der Gewässertyp des Jahres ist eine Aktion

des Umweltbundesamtes zum Internationalen

Weltwassertag, der jedes Jahr

am 22. März begangen wird. Naturnahe

Gewässer beherbergen eine Vielzahl von

Arten und stellen damit äußerst wertvolle

Lebensräume dar. Sie werden nach

Landschaften, Höhenlagen, Größen, Lebensräumen

und Lebensgemeinschaften

50 Typen zugeordnet. Alljährlich am Tag

des Wassers kürt das Umweltbundesamt

einen dieser Typen. In diesem Jahr ist

die Wahl auf die großen, von Kies geprägten

Ströme gefallen, zu denen Vertreter

wie Rhein, Main und Elbe zählen.

Wie kaum ein anderer Gewässertyp illustrieren

diese allseits bekannten Flüsse

die seit Jahrhunderten währende Erschließung

und Kultivierung der Gewässerlandschaften

für Siedlungen, Landwirtschaft,

Stromerzeugung und Gütertransport

sowie die Folgen eines restriktiven

Hochwasserschutzes und stofflicher

Belastungen. Ihr Zustand ist daher

nur selten als gut zu bezeichnen. Der gute

Zustand ist jedoch das Ziel, das sich

der Gewässerschutz bis 2027 auferlegt

hat. Bis dahin liegen noch große Herausforderungen

vor uns!

Mit dem Internationalen Weltwassertag

machen die Vereinten Nationen auf

die Bedeutung des Wassers für das Leben

auf unserem Planeten, auf den nötigen

Schutz der Wasservorkommen und deren

nachhaltiger Nutzung aufmerksam. Eines

der wichtigsten und eingängigsten Ziele

ist es, eine nachhaltige Trinkwasser- und

Sanitärversorgung zu erreichen, die allen

gleichberechtigt und dauerhaft zur Verfügung

steht. Rund 780 Millionen Menschen

haben derzeit keinen Zugang zu

sauberem Trinkwasser und 2,5 Milliarden

Menschen müssen ohne ausreichende sanitäre

Grundversorgung auskommen. Die

Vereinten Nationen erwarten zwar weitere

Verbesserungen, doch das Problem

wird nicht morgen gelöst sein.

Am Weltwassertag sollten auch wir

unseren Umgang mit den Gewässern in

Augenschein nehmen. Flüsse, Seen und

Küstengewässer sind vielfältige und ökologisch

äußerst wertvolle Lebensräume,

die im Naturhaushalt eine zentrale Rolle

spielen. Mit der Aktion „Gewässertyp des

Jahres“ möchte das Umweltbundesamt

zeigen, was in Deutschland für den Schutz

und die Entwicklung unserer Gewässer

getan wird, was erreicht wurde und vor

welchen Herausforderungen wir stehen.

Das wichtigste und umfassendste

Rechtsinstrument, das dem Gewässerschutz

zur Verfügung steht, ist die EG-

Wasserrahmenrichtlinie. Just zum Weltwassertag,

am 22. März 2016 wurden

die Bewirtschaftungspläne an die Europäische

Kommission übermittelt und die

zweite Bewirtschaftungsrunde eingeläutet.

Die Bilanz der ersten Bewirtschaftungsrunde

ist leider ernüchternd. Wir

haben uns dem Bereich, der den guten

Zustand markiert, nicht in dem Maße angenähert,

wie wir es uns vorgenommen

haben. Wie kann das sein?

Neben der Verringerung punktueller

und diffuser Stoffeinträge in unsere Gewässer

wurden die Verbesserungen der

Gewässerstrukturen und die Herstellung

der Durchgängigkeit als wesentlich für

das Erreichen der Ziele der Wasserrahmenrichtlinie

erkannt. Dennoch sind

trotz ambitionierter Förderprogramme

und zahlreicher Aktivitäten der Länder,

Kommunen und Verbände nur ein Bruchteil

der erforderlichen Verbesserungsmaßnahmen

realisiert worden. Als Gründe

sind Schwierigkeiten bei der Bereitstellung

von finanziellen und personellen

Ressourcen, die fehlende Akzeptanz

der Maßnahmen und Schwierigkeiten

bei der Bereitstellung von Flächen zu

nennen.

Haben wir die Schwere unserer vielfältigen

Eingriffe in die Gewässerlandschaften

und die Beharrlichkeit gewachsener

Strukturen und Werte also unterschätzt?

In Bezug auf die Ziele lautet die

Antwort mit Sicherheit: “Nein!“. Es wird

aber notwendig sein, darüber nachzudenken,

die Bewirtschaftungszyklen der

EG-Wasserrahmenrichtlinie über das

Jahr 2027 hinaus zu verlängern. Letztendlich

müssen wir unseren Gewässern

mehr Raum und Zeit für ihre Regeneration

lassen. Dies ist auch im Hinblick auf

eine hohe Maßnahmeneffizienz, den

Hochwasserschutz und die Herausforderungen

des Klimawandels sinnvoll. Darüber

hinaus ist es nötig, unseren Umgang

und unsere Wahrnehmung von Gewässern

zu ändern. Häufig treten Gewässer

nur im seltenen Extremfall von Hochoder

Niedrigwasser in das öffentliche Bewusstsein.

Das alltägliche Gewässer wird

nicht mehr wahrgenommen, weil es im

ausgebauten Trapezprofil nicht mehr erlebbar

ist. Mit der Aktion „Gewässertyp

des Jahres“ möchten wir für lebenswerte

Gewässer und für das Anliegen des Gewässerschutzes

werben. Mit der Bekanntgabe

des „Gewässertyp des Jahres“

werden Informationen zu besonderen Eigenschaften,

Nutzungsaspekten und Gefährdungspotenzialen

des Typs bereitgestellt.

Eine interaktive Karte zum chemischen

und ökologischen Zustand lädt

zum tieferen Abtauchen in die Wasserwelt

ein.

Link: http://www.umweltbundesamt.de/

wasser-und-gewaesserschutz/index.htm

Maria Krautzberger

Präsidentin des Umweltbundesamtes

www.dwa.de/KW w Korrespondenz Wasserwirtschaft · 2016 (9) · Nr. 4

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