Das Geheimnis der Burg - Eine märchenhafte Erzählung

Maruschya

„Weißt du was? Ich drehe noch mal eine Runde durch das

Zeltdorf und schaue ein bisschen den Feuerspuckern und

Gauklern zu. Die haben mich vorhin wirklich fasziniert!“,

sagte mein Mann und stapfte den gewundenen Weg vom

Burgtor hinab zum Mittelaltermarkt.

Na gut, dann hatte ich ja reichlich Zeit, die imposante

alte Burg zu erkunden! Hoch ragten ihre mächtigen Mauern

in den blauen Aprilhimmel. Welch ein Glück, dass gerade

heute, zum Walpurgisfest, das regnerische Wetter von

herrlich warmem Sonnenschein abgelöst worden war! Vor

dem Hintergrund der grauen Steine leuchtete das junge

Grün der Bäume mit den flirrenden Sonnensprenkeln umso

kräftiger.

Als ich meine Schritte voller Neugier auf das schwere

äußere Tor zu und über die Zugbrücke hinweg zur Burg

lenkte, verblassten allmählich die Rhythmen der

Tamburine, Schellen und Saiteninstrumente und es wurde

stiller. Hier oben waren nur vereinzelte Menschen

unterwegs, die meisten tummelten sich unten auf dem

malerischen Marktplatz. Plötzlich gellte ein unheimlicher

Schrei über den von dicken Mauern umgebenen Vorplatz.

Mir stellten sich unwillkürlich die Härchen auf den Armen

auf. Was mochte das sein? Klang fast so wie ein Warnruf,

aber wovor und von wem? Wachsam sah ich mich um. Hm,

niemand zu sehen! Da, auf dem Dach über dem Burgtor!

Aus den Augenwinkeln hatte ich dort eine huschende

Bewegung wahrgenommen. Gespannt blieb ich stehen und

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wartete. Ach, dort kam der Schreihals: ein Pfau erklomm

den Dachfirst und schüttelte sein blaugrün schimmerndes

Gefieder, wobei er erneut einen dieser schrillen Schreie

ausstieß. Dann drehte er den Kopf zu mir herum und starrte

mich mit seinen schwarzen Knopfaugen unverwandt an.

Merkwürdig!

Aber ich hatte keine Lust, länger darüber

nachzugrübeln und wandte mich dem wild wuchernden

Grün auf dem Vorplatz zu, das die dicken grauen Steine der

Mauer fast vollkommen verdeckt hatte. Das schier

undurchdringbare Dickicht zog mich magisch an und ich

wühlte mich immer tiefer in die verwachsenen Büsche und

dornigen Ranken hinein, bis sie sich plötzlich wieder

lichteten und ich auf der anderen Seite einen Bachlauf sah.

Das stetige Plätschern und Murmeln des Wassers lullte

mich ein, und so folgte ich einfach seinem Lauf, ohne weiter

nachzudenken. Es kam mir hier vor wie in einer

verzauberten Welt! Die Luft schien zu vibrieren, und es war

völlig menschenleer, nur der gluckernde Bach und ich.

Dachte ich zumindest! Bis ich auf einmal hinter einer

Biegung einem knorrigen braungrauen Wesen

gegenüberstand, das mich herausfordernd, aber freundlich

angrinste. Was war denn das für einer? Sollte ich etwa

einem Waldgeist begegnet sein? Schweigsam staunend

hielt ich im Schritt inne. Er sagt auch nichts, sah mich nur

an. Dann jedoch schien er es sich überlegt zu haben, legte

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seinen knubbeligen Kopf schief und sprach mich mit rauer,

irgendwie borkiger Stimme an:

»Menschenfrau, ich habe schon gedacht, du findest den

Weg hierher nicht! Nun, ich habe dich offensichtlich

unterschätzt! Und du bist sogar passend gewandet, das ist

gut, ist sehr gut ...«

Nachdenklich kratze er sich am Kinn und folgte nun mit

den Blicken wieder schweigend dem Bach, der in einiger

Entfernung durch ein kleines spitzes Tor in der wuchtigen

Mauer verschwand.

Mir blieben die Worte im Mund stecken, so verblüfft war

ich. Dabei gab es so viel, das ich ihn unbedingt fragen

musste! Wer war er? Wieso hatte er mich erwartet? Was

zum Kuckuck wollte er von mir? Wo war ich hier überhaupt

gelandet? Passend gekleidet war ich? Nun ja, ich trug das

wunderschöne grünweiße Mittelaltergewand, das mein

Mann mir vorhin auf dem Markt geschenkt hatte. Aber

wieso war das besonders passend? Meine Gedanken

überschlugen sich förmlich. Aber ich brachte kein Wort

heraus.

Da drehte der kleine Wurzelgnom unvermittelt seinen

Kopf zu mir herum und fuhr fort. Als ob er meine Gedanken

hatte lesen können, erklärte er mir nun:

»Als du dich durch das stachelige Dickicht geschlagen

hast, ohne Angst vor Kratzern und ohne zu wissen, was auf

dich zukommt, hast du unmerklich die Schwelle von deiner

Wirklichkeit in die magische Welt überschritten. Und hier

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wartet eine Aufgabe auf dich, die ich, der Erste Wächter, dir

übermitteln soll! Du bist die Auserwählte, die das magische

Buch finden muss! Es wurde viele Zeitalter lang hier in der

Burg aufbewahrt, aber vor einiger Zeit ist es

verschwunden.« Dann rief er mir mit gebieterisch

dröhnender Stimme zu: »Suche und finde es!«

Wie, was? Ich? Wieso gerade ich? Wo sollte ich denn

suchen? Musste ich mich etwa mit Dieben

auseinandersetzen, gar noch mit magisch begabten

Dieben? Oh je, oh je, was hatte ich mir da bloß eingebrockt

mit meiner Neugier!

Stotternd begann ich, ihn auszufragen. So erfuhr ich

wenigstens, dass das geheimnisvolle Buch im Grunde nur

hier in der Burganlage versteckt sein konnte. Wie der

Zwerg mir sagte, würde es zu Staub zerfallen, wenn jemand

versuchen sollte, es über die magische Grenze der

äußeren Burgmauern fortzuschaffen.

Ich wollte noch mehr wissen. »Nun verrate mir doch

auch noch, warum mein Kleid so besonders bedeutsam ist.

Und dann dieses Buch! Weshalb muss ich es finden? Was

steht denn so Wichtiges darin, dass ihr es unbedingt

wiederhaben wollt - wer auch immer ihr seid!«, begehrte ich

auf. Aber der knorzige kleine Wicht hielt dicht. Wenigstens,

was das merkwürdige Buch betraf. Kein Sterbenswörtchen

wollte er mir enthüllen. Ich würde schon Schritt für Schritt

mehr über das Geheimnis erfahren, meinte er nur sehr

vage und zuckte mit den Schultern. Über mein Kleid

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murmelte er ein paar schwer verständliche Worte, denen

ich nur entnahm, dass ich so besser in die magische Welt

passe. Die Hüterinnen würden leichter Vertrauen zu mir

fassen, wenn sie mich so wahrnahmen, denn meine

Schwingungen würden den ihren ähneln. Dann hieß er

mich mit einer unmissverständlichen Geste,

loszumarschieren und mit meiner Suche zu beginnen.

Na, das konnte ja heiter werden!

Was blieb mir übrig? Ich drehte mich um und überlegte,

wo ich anfangen sollte. Da ich dem Rinnsal durch die Mauer

nicht weiter folgen konnte, sprang ich kurz entschlossen

über den kleinen Bach und ging auf den dichten Wald zu,

der sich auf der anderen Seite erstreckte.

Das Zeitgefühl war mir abhandengekommen, und so

schritt ich einfach planlos unter den mächtigen Bäumen

dahin. Worauf um alles in der Welt galt es denn zu achten?

Wie würde ich auf etwas Bedeutsames, auf ein Zeichen

aufmerksam werden, wenn ich doch gar nicht wusste, was

als ungewöhnlich galt? Je länger ich ging, desto mehr

stiegen Niedergeschlagenheit und Verzweiflung in mir

hoch. Nicht einmal der würzige Duft nach Grün, Erde und

Blüten, den ich sonst so liebte, konnte mich aufheitern. Wie

sollte ich denn je zurückfinden in meine eigene Welt, wo

mein Mann sicher schon beunruhigt auf mich wartete! Bald

achtete ich gar nicht mehr auf die Umgebung, trottete nur

noch mit bodenwärts gerichtetem Blick über den moosigen,

weichen Waldboden.

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Da hörte ich plötzlich ein Käuzchen rufen. Das war

merkwürdig. Käuzchen rufen doch eigentlich nur nachts,

sagte mir eine innere Stimme. Und sie galten als

Unglücksboten ... Hoffentlich war das kein schlechtes

Zeichen! Nun hieß es wohl wachsam sein!

Besorgt hob ich meinen Kopf - und sah mit

Verwunderung, dass ich vor einer Brücke stand, die einen

geheimnisvoll grün schimmernden See überspannte.

Brücken sind immer Wegmarken, führen im wahrsten Sinne

des Wortes auf die andere Seite, so viel war mir klar. Also

musste ich sie überqueren! Was auch immer mich drüben

erwartete.

Vorsichtig setzte ich einen Fuß vor den anderen, bis ich

ungefähr in der Mitte der alten hölzernen Brücke war.

Irgendetwas ließ mich anhalten, es war, als ob ich durch

eine unsichtbare Wand in einen Bereich aus

energiegeladener, frischer, prickelnder Luft getreten war.

Aufatmend breitete ich die Arme aus und sog die Luft tief in

mich ein. Das tat gut, gab mir neue Kraft!

Erfüllt von tiefem Glück ließ ich meinen Blick

schweifen, denn auf einmal kam mir hier alles ganz

wundervoll vor! Fast unmerklich hatte sich ein funkelndes

weiches Licht auf mich herabgesenkt und ich stand in

einem strahlend hellen Kegel. Erstaunt entdeckte ich, dass

von meinen Fingerspitzen ein weißes Blitzen ausströmte.

Wie sonderbar! War ich etwa mit magischen Kräften

aufgeladen worden? Ich, ein einfacher Mensch? Als ich mit

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den Händen weite Kreise in die Luft malte, hinterließen sie

geschwungene glitzernde Linien.

Dann war ja an der ganzen merkwürdigen Geschichte

um das magische Buch und mein Eintauchen in die

Zauberwelt wohl doch etwas Wahres! Voller Mut und

Zuversicht reckte und streckte ich mich und beschloss,

mich nun mit all meinen Kräften und allem Wissen, das ich

hatte oder noch erwerben würde, meiner Aufgabe zu

widmen. Der Gnom hatte anscheinend recht gehabt: Das

Geheimnis und die Kenntnis dessen, was notwendig war,

offenbarte sich mir tatsächlich Stück für Stück. Und ich

wurde offenbar mit allem ausgestattet, das mir dabei half,

meiner Weisung zu entsprechen.

Die Brücke mündete auf einen schmalen Weg durch

einen ausgedehnten duftenden Teppich aus lila Blumen, die

sich im streichelweichen Wind wiegten. Als ich freudig

hindurchschritt, schien es mir, als ob von dem leuchtenden

Feld rund um mich herum eine kaum hörbare melodische

Weise aufstieg. Wer mochte da so wunderschön und

lieblich singen? Unwillkürlich lächelnd kniete ich mich hin

und sah genauer hin. Es schwirrte und sirrte über den lila

Blüten, aber Bienen konnten das nicht sein, denn das

zauberhafte Singen kam von diesen winzigen Fliegern.

Während ich reglos da hockte und staunte, kitzelte es

auf einmal auf meinem Arm: Eins von den zarten kleinen

Wesen hatte dort Platz genommen und schlug mit

hauchdünnen Flügelchen. Eine Elfe, es war tatsächlich eine

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Elfe, die da auf meinem Arm saß! Nein, es verblüffte mich

nicht wirklich, denn ich hatte es inzwischen akzeptiert, dass

ich in einer magischen Welt unterwegs war, aber es freute

mich unsagbar! Ein warmes Glücksgefühl durchströmte

mich. Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass ich so

etwas Schönes erleben dürfte!

Nachdem das zartflügelige hellviolette Elfenwesen mit

leisem Stimmchen etwas zu mir gesagt hatte, was ich nicht

richtig hören konnte, hob ich meinen Arm ganz vorsichtig

höher, um sie dichter an mein Ohr zu bringen..

Als sie wieder ihre Stimme erhob, war es, als ob ein

silberhelles Glöckchen erklang.

»Sei gegrüßt, Gesandte! Wir Elfen entbieten dir ein

herzliches Willkommen und versichern dich all unserer

Hilfe! Du darfst alle Fragen stellen, die dir wichtig sind. Wir

werden dir nach bestem Wissen antworten.«

Mit gesenkter Stimme, damit das Elfchen sich nicht

erschreckte, bedankte ich mich bei ihr und erklärte ihr, dass

ich als Erstes gern wissen wollte, wohin ich jetzt gehen

musste, um keine Zeit zu verschwenden.

Die kleine Elfe bedeutete mir, dass sie und ihre

Schwestern mir vorausfliegen würden, so lange, bis die

uralten Ruinen vor uns lägen. Von dort aus müsste ich allein

weitergehen. Als ich jedoch fragte, auf wen ich denn in den

Ruinen treffen würde, konnte sie mir keine Antwort geben:

»Wir Elfen dürfen nicht in das Gebiet der Ruinen

fliegen, dort herrscht eine mir unbekannte dunkle Macht,

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und wir würden unser Leben riskieren!«, wisperte sie nur

traurig.

Nun gut, später würde ich weitersehen. Zunächst

einmal genoß ich den Weg durch die duftenden Blüten und

freute mich über den entzückenden Gesang der Elfen, die

Sonnenwärme und die fröhlichen Grüße der vielen Vögel,

die uns auf dem Weg begleiteten.

Nach einer Weile mussten wir voneinander Abschied

nehmen, denn die dunklen, schroffen Konturen der Ruinen

zeichneten sich vor uns in wuchernden Gräsern ab. Hohe,

halb zerfallene Türme und Wände erhoben sich zwischen

verstreuten Bruchstücken in einer unwirtlichen, wilden

Landschaft. Nachdem die heiteren Elfen mich verlassen

hatten, stieg ein mulmiges Gefühl in mir hoch. Die

zerbrochenen, flechtenbedeckten Mauerreste, die vielen

abgestorbenen, mit schwarzen Pilzen überwachsenen

Baumstümpfe, der muffige Geruch der Jahrhunderte, die

dumpfe Stille, die über allem hing, schufen eine

bedrückende, unheimliche Atmosphäre! Was sich dort wohl

verborgen halten mochte ...

Aber es half nichts, ich musste weiter. Als ich mich

vorsichtig und angstvoll den düsteren Trümmern näherte,

war mir so, als ob ich ein glockenhelles Stimmchen an mein

Ohr flüstern hörte: »Denk an deine magischen Kräfte!

Nutze deine Hände!«

Ja, da war irgendeine Kraft, die in meinen Händen

steckte, aber ich wußte doch gar nicht, was für eine! Wofür

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konnte ich sie einsetzen? Ich musste wohl darauf

vertrauen, dass es mir im richtigen Augenblick einfach klar

sein würde!

Zunächst durchstreifte ich wachsam das Gelände, um

mir einen Überblick zu verschaffen. Es gab halb

eingestürzte, von Büschen und Schlingpflanzen verdeckte

Eingänge, die zum Teil in unterirdische Gewölbe, zum Teil

in höher gelegene Geschosse zu führen schienen. Da mir

dunkle, enge Keller schon immer Unbehagen verursacht

hatten, beschloss ich, erst einmal den Aufstieg zu

versuchen.

Mühsam drückte ich die dornigen Ranken eines

dichten Brombeergestrüpps beiseite und schob mich durch

einen niedrigen Eingang in ein düsteres Treppenhaus. Die

uralten Stufen waren bröckelig. Sie sahen nicht sehr

vertrauenerweckend aus, und es waberte ein feuchter,

modriger Geruch durch den Turm. Kein Wunder, denn

unten schimmerte das Innenrund grünlich-gelb von all dem

Schimmel, den Algen und Flechten, die sich dort im Laufe

der Zeit festgesetzt hatten.

Es knirschte und rieselte unter meinen Füßen, als ich

vorsichtig Stufe für Stufe emporstieg. Ab und zu löste sich

ein Stein und polterte nach unten. Jeder Aufschlag hallte in

dem leeren Turm und jedes Geräusch wurde von den

Wänden zurückgeworfen. Mir war unheimlich zumute.

Würde mir in irgendeiner Nische ein schauerliches Wesen

auflauern? Aus den Mauerritzen ragten mir allerlei

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fremdartige Pflanzen entgegen, die zu streifen mir

Gänsehaut machten, so kühl und klamm, wie sie sich

anfühlten. Einige sahen fast aus wie grün schillernde

Schlangen. Hoffentlich werden sie nicht lebendig und

fangen an, sich zu winden und zu zischen, dachte ich bang.

Monströse Spinnennetze hingen in den Winkeln der

Treppenstufen und meine tastenden Füße verfingen sich

unweigerlich darin. Jetzt fehlte nur noch, dass riesige fette

Spinnen an meinen Beinen hochkriechen würden!

Schaudernd malte ich mir aus, wie groß wohl Spinnen in

der magischen Welt werden konnten ...

Die lange, verwitterte Treppe schien kein Ende nehmen

zu wollen. Bei jedem Schritt wünschte ich mir mehr, ich

wäre wieder auf dem sonnigen Marktplatz bei meinem

Mann, anstatt hier in den finsteren Gefilden der Zauberwelt

herumkriechen zu müssen.

Plötzlich raschelte es über mir. Ich zuckte zusammen

und sah hoch. Aber da war nur ein weiteres Stück Treppe,

kein Ungeheuer und keine überdimensionalen Ratten

warteten auf mich. Mit einem erleichterten Schnaufen

erklomm ich die nächsten Stufen.

Da, wieder dieses Rascheln! Und dann hörte ich ein

leises Scharren, als ob jemand seine Füße über den

Steinboden schleifte. Wer war dort oben? Kaum traute ich

mich, den Kopf zu heben, um nachzuschauen! Aber

zurückschleichen konnte ich auch nicht. Mit Sicherheit hatte

mich derjenige, der dort lauerte, schon entdeckt und würde

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mir folgen! Auch gemahnte mich die innere Stimme meines

Gewissens, an meinen Auftrag und mein Versprechen zu

denken. Zwar waren mir keine Warnungen offenbart

worden für den Fall, dass ich mein Wort brechen würde,

aber ich stellte mir lieber gar nicht erst vor, was das hier im

Zauberland für Folgen haben mochte. Nein, ich musste

einfach weitergehen, ich hatte das magische Buch zu

finden!

Mit zitternden Beinen folgte ich der Rundung der

Treppe, bis ich sah, wer da geraschelt hatte: Es war kein

Schreckgespenst, wenn auch ein magisches Wesen! Ein

weise und mir anscheinend wohlgesonnener Gnom blickte

mich mit milde lächelnden Augen an. Er sah sonderbar aus,

so als wäre er ganz aus Holz!

Große Erleichterung durchströmte mich. Wenn er so

freundlich war, wie er wirkte, hatte ich zunächst sicher

nichts zu befürchten. Dennoch wartete ich, bis er das Wort

an mich richtete, denn ich wußte nicht genau, wie ich ihn

ansprechen sollte.

»Ich bewundere deine Unerschrockenheit und

Tapferkeit, Gesandte!«, begann er mit tiefer, knarziger

Stimme. »Du hast dich bisher durch nichts abschrecken

lassen und bist dem mühsamen Weg gefolgt, der dich

hierher führte.«

Nervös unterbrach ich ihn, auch wenn das nicht sehr

höflich war:

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»Verzeih, du scheinst mich zu kennen, aber ich weiß

nicht, wer du bist.«

Der Gnom jedoch nahm es mir nicht krumm, sondern

fuhr freundlich fort:

»Du hast sicher bemerkt, dass ich aus Holz bin. Das

hat seinen Grund! Das Papier für Bücher ist aus Holz

gemacht, und deshalb bin ich, Ligneus, der Hölzerne, zum

Hüter des magischen Buches erwählt worden. Ich weise dir

nun den Weg für den letzten Teil deiner Aufgabe. Sieh nach

oben, zum Ende der Treppe. Dort ist der Durchgang

versperrt. Er wurde zugemauert und mit einem toten Baum

getarnt, damit niemand bis zum Versteck des Buches

vordringen kann! Du aber bist in der Lage, die Barrikade zu

durchbrechen, denn du hast besondere magische Kräfte.

Nur ein Mensch kann das Buch befreien, ein Mensch, der

mutig und aufrecht ist, der fähig ist, sich selbst und seine

Ängste und Wünsche zu überwinden. Und er muss das

Vertrauen der Hüterinnen erlangt haben, damit ihm

Zauberkräfte verliehen werden. Du wurdest auserkoren,

weil du die Richtige bist! Nun gehe weiter, tue, was getan

werden muss!«

»A ... aber was hat es denn für eine Bewandtnis mit

diesem Buch? Könntest du mich nicht endlich einweihen in

das Geheimnis? Warum ist es so wichtig?«, wollte ich ihm

entlocken. Ligneus jedoch schmunzelte nur.

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»Es ist von großer, ja von immenser Bedeutung. Nicht

nur für die magische Welt, sondern auch oder besonders

für die Menschen. Und es ist wichtig für dich, mein Kind ...«

Mit diesen rätselhaften Worten lösten sich seine

Konturen zu feinem Holzstaub auf und er war

verschwunden. Einzig ein winziger Rest von Holzmehl auf

dem Steinbodenzeugte davon, dass ich nicht geträumt

hatte.

Nun stand ich also vor dem zugemauerten Eingang zu

der Kammer, in der ich das Buch finden würde. Während

ich noch überlegte, wie ich durch die massive Wand

hindurch käme, fühlte ich ein Prickeln und Kribbeln in

meinen Händen. Ja, das war´s! Die merkwürdige magische

Kraft, die ich auf der Brücke erhalten hatte, musste mir jetzt

von Nutzen sein!

Ich erhob die Arme und drehte die Handflächen zur

Mauer. Das Bitzeln nahm zu, feine weiße Funken umgaben

meine Finger und breiteten sich um die Hände und Arme

aus, bis ich spürte, dass es meinen ganzen Körper einhüllte

und durchdrang. Eine knisternde, leuchtende Brücke aus

Licht baute sich zwischen meinen Händen und der Mauer

auf. Das Leuchten floss in den toten, schwarzen Baum und

die großen grauen Steine, das Knistern wurde zu einem

Brausen und Zischen. Steine knackten und brachen,

Holzstücke, Staub und Gesteinsbrocken fielen zu Boden

und ein Riss zeigte sich im Mauerwerk.

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Ich stand nur mit ausgestreckten Armen da, tat nichts

weiter als mit offenem Mund zu staunen über das, was ich

beziehungsweise die Zauberkraft in mir dort bewirkte. Dann

polterte und krachte es gewaltig und die Wand brach in sich

zusammen! Dichte Wolken von Staub wurden aufgewirbelt

und nahmen mir die Sicht und den Atem.

Hustend wartete ich ab, bis die trüben Staubwirbel sich

gesetzt hatten, dann wagte ich den ersten Schritt auf den

Durchbruch zu. Neugierig, aber auch furchtsam spähte ich

hindurch. Sollte das jetzt schon alles gewesen sein? Kam

da nicht noch irgendetwas Böses, Gefährliches auf mich zu,

wenn ich nun einfach das Buch ergriff und mitnahm? Die

Räuber des magischen Buches würden es mir doch sicher

nicht so leicht machen ...

Schon wollte ich den Fuß über den Mauerrest heben

und mich in die Kammer schieben, als von drinnen eine

furchtbare, wie Donner grollende Stimme erklang! Sie

hatten wirklich eine Wache dort eingemauert!

Ich blieb entsetzt stehen und starrte in die kleine dunkle

Kammer. Dann schob sich eine gräßliche Gestalt innen vor

die Öffnung und versperrte mir den Blick und erst recht den

Zugang. Ein Riese mit einem Körper der aussah wie aus

grobem, rissigem Metall, baute sich bedrohlich vor mir auf

und brüllte, dass es mir angst und bange wurde! Er wirkte

so unüberwindlich, als wäre er eine einzige lebende

Eisenrüstung! Nie würde ich an dem vorbei kommen ...

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Wenn ich schnell umdrehen und die Treppe

hinablaufen würde, wäre er wohl beweglich genug, mir

hinterher zu stürzen? Hoffnungslosigkeit überfiel mich. Ich

wußte nicht mehr ein noch aus! Mein Ende schien

gekommen. In Bruchteilen von Sekunden lief mein Leben

vor mir ab, ich dachte voller Sehnsucht und Schmerz an

meinen Mann, den ich nun nie wieder sehen würde. Und

auch Trauer darüber, dass ich den magischen Wesen und

den Menschen nicht helfen konnte, breitete sich in mir aus.

Plötzlich jedoch empfand ich wieder dieses zarte

Kribbeln in den Händen. Ich wußte zwar nicht, wie lange ich

noch Zeit hatte, bis der Unhold über mich herfallen würde,

aber es gab mir einen Funken von Zuversicht!

Hände vorstrecken und abwarten, das war alles, was

ich tun konnte. Diesmal fühlte ich eine starke Hitze, die mich

durchfloss. Als ich die Augen auf meine Hände richtete,

bemerkte ich, dass feine bläuliche Flammen auf der Haut

tanzten. Sie wurden schnell größer und nahmen eine

intensive rot-gelbe Farbe an. Ich sandte Feuerlanzen aus,

aber ich selbst verbrannte nicht dabei, sondern fühlte mich

sonderbar stark und geschützt.

Wie von selbst richteten sich meine Arme auf das

Monster aus und ich sah fasziniert zu, wie die hell

lodernden Flammen es ergriffen und einschlossen. Unter

schrecklichem Gebrüll und Geheule torkelte und trampelte

der Kerl in der Kammer herum. Und ich konnte sehen, dass

er schmolz! Klar, wenn er wirklich aus Metall war, konnte er

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dieser unglaublichen Hitze nicht standhalten! Ich hielt mir

die Ohren zu, um seine Schreie nicht hören zu müssen und

sah zu, wie der riesenhafte Körper in sich

zusammensackte. Schließlich blieb von ihm nur eine kleine

Lache aus flüssigem Eisen zurück, wie zu Silvester beim

Bleigießen. Dann verdampfte auch dieser Rest unter der

immensen Hitze.

Erleichtert atmete ich durch, auch wenn das Ganze

schrecklich anzusehen gewesen war! Dann fuhr ich

zusammen, weil mich ein fürchterlicher Gedanke

durchzuckte: Was, wenn die Flammen auch das Buch

vernichtet hatten?

Es hielt mich nicht länger auf meinem

Beobachterposten, ich musste hinein in die nach Rauch

stinkende Kammer!

Vorsichtig trat ich über die Stelle hinweg, wo das

Ungeheuer sich aufgelöst hatte, so, als könnte es immer

noch nach meinen Füßen greifen.

Durch die dichten Rauchschwaden erkannte ich ein

schmales Fenster, auf dessen steinernem Sims etwas

Rötliches lag. Das musste das Buch sein!

Sofort hastete ich näher und fühlte eine Wärme in mir

aufsteigen, die wie heilender Balsam war nach all der

Angst, ob das Buch den Feuersturm heil überstanden hätte.

Denn tatsächlich lag auf den Steinen ein wunderschönes

uraltes Buch mit einem reich verzierten Einband, der wie

aus Rotgold leuchtete. Nun gab es kein Halten mehr für

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mich! So viele Gefahren hatte ich auf mich genommen, um

dieses rätselhafte Buch zu finden und es seinen Hütern

zurück zu bringen! Es war wohl nicht verwerflich, wenn ich

es jetzt aufschlagen und nachsehen würde, welch ein

Geheimnis es barg!

Mit allergrößter Ehrfurcht nahm sich es in die Hände,

öffnete ganz behutsam den kostbaren Einband - und

staunte!

Es war leer! Vorsichtig blätterte ich Seite für Seite um,

aber da stand nichts! Schon wollte ich es enttäuscht wieder

schließen, da bemerkte ich, dass anscheinend die erste

und die zweite Seite zusammengeklebt waren. Mit zittrigen

Fingern versuchte ich vorsichtig, die Seiten voneinander zu

lösen, denn wie leicht könnte das alte Papier zerbröseln.

Endlich konnte ich mit einem leichten Pusten die beiden

Seiten trennen.

Und wirklich, dort auf der allerersten Seite konnte ich

etwas lesen. Es war nicht viel, aber es schien sehr kostbar

und von allergrößter Bedeutung zu sein.

Da es dunkel in der Kammer war, und der Rauch mir

immer noch in den Augen brannte, hatte ich Mühe, die

verblichene Schrift zu entziffern. Verwundert las ich:

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Dieses Buch birgt die Wahrheit,

welche die bösen Mächte der Alltäglichkeit

und die dunklen Diener der Banalität

den Menschen vorenthalten wollen:

Ein jeder kann das Zauberland finden.

Es liegt auf dem Grunde der Seele.

Verwurzele dich fest in deiner Fantasie,

trau dich, auf den Flügeln des

Außergewöhnlichen zu fliegen

und lasse dich tragen vom Wind des

Wunderbaren.

Trinke aus dem Quell der Unbeirrbarkeit.

Reite auf dem Rücken des Unmöglichen und

zähme es,

erhebe dich über die Kleingläubigkeit

und wage den Weg über die Grenzen des

Greifbaren hinaus.

Atme den Duft der Träume ein, der dich

stärkt und ermutigt.

Dann findest du das Zauberland!

Hütet dieses Buch, bewahrt diese Wahrheit

und gebt sie weiter!

Und nun beginne, das Märchen deines Lebens

zu schreiben.

Die Seiten dieses Buches sind magisch - nur

du wirst es lesen können!

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Es war wahrhaft ein magisches Buch! Einen solchen

Inhalt hätte ich nie und nimmer erwartet ... Es war so

einfach, und doch so bedeutungsschwer!

Bewegt ließ ich mich auf den kalten Steinboden sinken.

Das musste ich erst einmal verarbeiten, bevor ich mich auf

den Rückweg machte! Ligneus hatte recht gehabt, es war

für die Menschen sehr wichtig! Viel zu viele trauen sich

nicht, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen, weil sie Angst

haben, verlacht zu werden. Was gibt es Befreienderes, als

träumen zu können? Nicht den Boden unter den Füßen zu

verlieren, aber sich den Blick auf Mögliches, Schönes,

Fantastisches zu erlauben, das kann so bereichernd sein,

für jeden! Ich nahm mir fest vor, künftig auch diesem Rat zu

folgen. Ja, ich würde das Märchen meines eigenen Lebens

schreiben. Oder viele einzelne Märchen, je nachdem, was

die Stimme meiner Seele mir sagte ...

Nachdenklich und mit Tränen in den Augen erhob ich

mich schließlich und verließ die Kammer, in der die dunklen

Mächte das magische Buch dem Zugriff aller hatten

entziehen wollen. Der Rückweg war leicht, beschwingt

sprang ich die alte Treppe hinab, das kostbare Buch fest

unter den Arm geklemmt.

Unten, am halb eingestürzten Torbogen, der aus dem

Turm herausführte, erwartete mich eine wunderschöne

zartgrüne Fee, der ich das Buch übergeben durfte. Sie

würde es zu den weisen Hütern des Buches und somit der

Wahrheit zurückbringen. Von dort aus konnte seine

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Botschaft nun ungehindert an alle Wesen im Zauberland

und in der Menschenwelt weitergegeben werden. Das war

gut so! Die Fee übermittelte mir den tiefen Dank aller

magischen Wesen und verabschiedete sich von mir, bevor

sie mit sirrendem Flügelschlagen in der Luft entschwand.

Und was tat ich? Nun, ich stiefelte verträumt durch das

Ruinenfeld zurück, wobei meine Füße mich wie von selbst

in die Richtung trugen, wo ich durch das Dornengebüsch

wieder in meine Welt zurück schlüpfen konnte.

Leichten Fußes lief ich zum Burghof, wo ich schon von

weitem meinen Mann stehen sah. Er umarmte mich und

runzelte dann besorgt die Stirn, als er mich ansah:

»Du hast ja lauter Dornen und Blätter auf deinem Kleid!

Was ist dir denn passiert?«

»Ach, mein Herz, das ist eine lange Geschichte! Ich

erzähle sie dir in aller Ruhe, wenn wir daheim sind. Bin

gespannt, was du dazu sagst ...«

Mit einem liebevollen Kuss auf die Nasenspitze ergriff

ich seine Hand und wir schlenderten zu dem bunten,

fröhlichen Treiben auf dem Mittelaltermarkt zurück. Es war

so schön, wieder bei meinem Schatz in unserer Welt zu

sein - und einen inneren Schatz mitzunehmen...

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Das Geheimnis der Burg

Märchenhafte Erzählung von Maruschya Markovic

Text – © 2016 Maruschya Markovic

Cover – www.pixabay.com

Covergestaltung: Maruschya Markovic

Bilder - Alle Hintergründe: www.pixabay.com

Personenfotos – © 2016 Maruschya Markovic

Es ist ausdrücklich untersagt, dieses Werk oder Teile davon

zu vervielfältigen oder kopieren, ohne dass die Autorin

hierfür ihr Einverständnis erteilt hat!

Die Autorin im Netz:

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Markovic/e/B00JIM6ILQ

Email: maruschyamarko@aol.de

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