Upmeier - 1981 - Der Agrarwirtschaftsraum der Poebene Eignung, Ag

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Upmeier - 1981 - Der Agrarwirtschaftsraum der Poebene Eignung, Ag

TÜBINGER GEOGRAPHISCHE STUDIEN

Herausgegeben von

H, Blume • K. H . Schröder • A. Karger • G. Kolilhepp • H. Grees

Schriftleitung: A. Borsdorf und R. Schwarz

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Helga Upmeier

- PAf Agranvirtschaftsraum der Poebene

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jr-, Ein geographischer Beitrag zur

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TÜBINGER GEOGRAPHISCHE STUDIEN

Herausgegeben von

H. Blume ■K. H. Schröder • A. Karger • G. Kohlhepp ■H. Grees

Schriftleitung: A. Borsdorf und R. Schwarz

Heft 82

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VORWORT

Die Anregung zur Untersuchung der Agrarwirtschaft der Poebene

erhielt ich von meinem verehrten Lehrer, Herrn Prof.

Dr. H. Blume. Ihm gilt mein verbindlicher Dank für die gewissenhafte

Betreuung der Arbeit, für seine stets konstruktive

Kritik und für seine wertvollen Hinweise auf interessante

Fragestellungen. Herrn Prof. Dr. G. Kohlhepp danke

ich für die freundliche Übernahme des Korreferates.

Eine Untersuchungsgrundlage dieser Arbeit bildeten zahlreiche

Bereisungen und zwei mehrwöchige Forschungsaufenthalte

in der Poebene (1976-78). Eine andere stellte die Auswertung

agrarstatistischer Daten im EDV-Zentrum Tübingen dar. Mein

Dank gebürt den vielen Fachleuten und Kollegen an den italienischen

Geographischen Instituten für die hilfreiche Betreuung,

besonders Herrn Prof. A. Pécora (Turin). Gedankt sei

auch den italienischen Behörden, die wertvolle, teils unveröffentlichte

Unterlagen und Arbeitsmaterialien zur Verfügung

stellten; zu nennen sind hier die Gemeindeverwaltungen, die

Landwirtschafts- und Planungsämter, die Bewässerungsgesellschaften,

der nationale Reisverband (ENTE NATIONALE RISI) und

das Zentralinstitut für Statistik (ISTAT). Mein aufrichtiger

Dank gilt auch den zahlreichen Landwirten und Agrarunternehmern,

die mir in mündlicher Aussprache und Korresponden viele

Anregungen und Ratschläge gegeben haben.

Am Geographischen Institut Tübingen bin ich vor allem Herrn

Privatdozent Dr. R. Schwarz zu Dank verpflichtet, der mich

durch Diskussionen und Hinweise unterstützt hat. Herrn Kartograph

G. Koch gilt mein besonderer Dank für die meisterhafte

Kartentechnik und die stete Mühe. Den Herausgebern der Tübinger

Geographischen Studien danke ich für die Aufnahme der Arbeit

in die Schriftenreihe und dem Ministerium für Wissenschaft

und Kunst Baden-Württemberg für die finanzielle Hilfe

bei der Drucklegung.


INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT .................................................

INHALTSVERZEICHNIS ..................................

Verzeichnis der Abbildungen ............................

Seite

V

Verzeichnis der Tabellen ............................... XII

Verzeichnis der Karten ...............................

Verzeichnis der Übersichten .. ...............

1. EINLEITUNG .................. 1

1.1. Fragestellung und methodische Grundlagen ....... 3

1.2 Agrarpolitische Zielvorstellungen als Grundlage

zur Bewertung der padanischen Agrarstruktur .... 5

2. DER NATURRAUM IN SEINER EIGNUNG ZUR LANDNUTZUNG 11

2.1. Agrarische Eignungsgebiete und ihre Standortbedingungen

.................................... 11

2.1.1. Die naturräumlichen Haupteinheiten ......... 13

2.1.2. Die Alta Pianura der Moränen und Pianalti (AI)... 15

2.1.2.1. Die Endmoränen (AI a)

2.1.2.2, Die ferrettisierten Pianalti (AI b) ............ 17

2.1.3. Die Alta Pianura der Schwemmfächer (A2) ........

2.1.3.1. Die piemontesisch-iombardische Alta Pianura (A2a)

23

26

2.1.3.2. Die lombardische Alta Pianura (A2b) .............

2.1.3.3. Die venetische Alta Pianura (A2c) ...............

27

28

2.1.3.4. Die emilianisch-romagnolische Alta Pianura (A2d)..

2.1.3.5. Die alessandrische Alta Pianura (A2e) ...........

29

30

2.1.3.6. Die oberpiemontesische Alta Pianura (A2£) ........ 31

2.1.4. Grenze zwischen Alta und Bassa Pianura: die

Fontanili-Zone ...... 32

2.1.5. Die Bassa Pianura der feinkörnigen Schwemmfächerzungen

(61) ............. 35

2.1.6. Der Schwemmlandstreifen der Bassa Pianura (B2) ... 42

2.1.7. Das ostpadanische Tieflandsdreieck (C) .......... 47

2.1.7.1. Das Gebiet der ehemaligen Süßwassersümpfe (CI) ...

2.1.7.2. Die Terre Vecchie (C2) .......................

48

52

2.1.7.3. Das Gebiet der ehemaligen Küstensümpfe (C3) ..... 53

2.1.7.4. Die Strandwallzone (C4) ......................... 56

2.1.7.5. Das Delta und der Lagunenbereich (C5) ........... 57

2.2. Klimatische Faktoren als Determinanten landwirtschaftlicher

Nutzungsmöglichkeiten .............. 58

2.2.1. Zur Typisierung des Klimas der Poebene ........... 59

2.2.2. Temperaturmittel und Niederschlagssummen ........ 59

2.2.3. Das thermisch und hygrisch bestimmte Agrarklima .. 61

2.2.4. Agrarklimatische Regionaltypen .................. 65

VII

XI

Xli

XII


3.

3.1 .4.1 . Region intensiver Flußwasserbewässerung (I) .... 88

3.1 .4.2. Region traditioneller Brunnenbewässerung und

-moderner Grundwasserförderung—(XL)— 90

Region organisierter.Be- und Entwässerung (III).. 92

Region sporadischer Bewässerung (IV) ........... 94

3.3.2.4.

3.3.3.

3.3.3.1 .

3.3.3.2.

3.4.

3.4.1.

3.4.2.

- VIII -

SOZIO-ÖKONOMISCHE PRODUKTIONSGRUNDLAGEN ALS Seite

BESTANDTEILE DER AGRARSTRUKTUR ................. 70

Die Bewässerungswirtschaft .................... 71

Die Entwicklung des Bewässerungswesens ...... 71

Bestimmende Naturfaktoren ...................... 73

Traditionelle und moderne Bewässerungsmethoden .. 82

Die padanischen Bewässerungsregionen .... ...... 87

Historisch bedingte Strukturen der Landwirtschaft 95

Das Zenturiat-System der Römer ................ 95

Mittelalterliche Siedlungen .................... 96

Der hochmittelalterliche Landesausbau .......... 98

Ausbreitung der Teilpacht und Mischkultur ...... 99

Entwicklung des Großgrundbesitzes .............. 102

Entstehung kapitalintensiver Großbetriebe ....... 105

Bildung bäuerlichen Kleineigentums ............. 107

Die Hauptphase der Meliorierung ................. 108

Die Bonifica Integrale des Faschismus ........... 110

Die Bodenreform der Nachkriegszeit ............. 111

Siedlungsstruktur und Flurbild ................. 113

Zur Abgrenzung des ländlichen Raumes ........... 114

Abgrenzungsmethode ............................. 115

Abgrenzungsergebnis ...................... 117

Streusiedlungstypen im ländlichen Raum ......... 118

Einzelhofsiedlungen des Altsiedellandes ........

Die Corti der westpadanischen Ebene .............

118

122

Gehöfttypen im ostpadanischen Tieflandsdreieck ..

Die Kolonistenhöfe der Bodenreformzone .........

126

129

Dörfliche und städtische Siedlungen ............ 130

Kleinbauern- und Arbeiterbauerngemeinden

des Altsiedellandes ........ 130

Kleinbauerndörfer und Arbeiterbauerngemeinden

der zentralen Tiefebene ........................ 133

Industrie-, Gewerbe- und Arbeiterwohngemeinden...

Ehemalige Landarbeitersiedlungen ...............

134

135

Die ländlichen Klein- und Mittelzentren ........ 136

Die Bodenbesitzverhältnisse als Grundlage

der landwirtschaftlichen Betriebsstruktur ....... 137

Zur personalen Verteilung des Grundeigentums .... 138

Betriebsgrößenspezifische und regionale Differenzierung

von Eigentum und Pachtbesitz ........... 141


- IX -

3.5. Sozialökonomische Organisationsformen: Betriebsverfassungstypen

........................ 144

3.5.1. Eigen- oder Direktbewirtschaftung ............. 145

3.5.2. Lohnarbeiterbewirtschaftung und vergleichbare

Organisationsformen ........................... 148

3.5.3. Die Mezzadria als wichtigste Teilpachtform .... 153

3.6. Regionale Differenziertheit und Funktionsfähigkeit

der Betriebsgrößenstruktur .......... 157

3.6.1. Zur Typisierung landwirtschaftlicher Betriebsgrößenverhältnisse

............................ 158

3.6.2. Gebiete vorherrschender Kleinbetriebsstruktur .. 160

3.6.3. Strukturzonen mit Klein- und Mittelbetrieben ... 165

3.6.4. Strukturzonen mit ausgeprägter Mittelbetriebsstruktur

............................ 167

3.6.5. Gebiete vorherrschender Großbetriebsstruktur ... 169

4. BODENNUTZUNG UND VIEHHALTUNG: RÄUMLICHE

DIFFERENZIERUNG UND ENTWICKLUNGSTENDENZEN ..... 176

4.1. Zur Anwendbarkeit der WEAVER'schen

Typisierungsmethode .................. 179

4.2. Weizenanbau: von der Leit- zur Begleitkultur ... 181

4.2.1. Naturgeographische und ökonomische Standortfaktoren 181

4.2.2. Das Weizen-Futterbauareal um Alessandria ....... 186

4.2.3, Die Anbauareale der Ostpadania..... ....... 187

4.3, Neuere Entwicklungstendenzen beim Maisbau ..... 189

4.3.1. ökologische und wirtschaftliche Standortfaktoren 189

4.3.2. Das Maisbauareal der venetischen Küstenzone .... 193

4.3.3. Die Getreideanbauareale im Mailänder

Verdichtungsbereich ........................... 193

4.4. Standortverlagerung und Rationalisierung beim

Zuckerrübenanbau ........................ 194

4.4.1. Zur Standortorientierung des padanischen

Zuckerrübenanbaus ................ 195

4.4.2. Die Zuckerrübenanbauareale der Emilia-Romagna .. 199

4.5. Subtropischer Reisbau am Rande seiner

natürlichen Anbaumöglichkeiten ................ 200

4.5.1. Standortprobleme der padanischen Reiskultur .... 201

4.5.2. Das Reismonokultur-Areal im Vercellese ........ 208

4.5.3. Die vom Reisbau geprägten Anbauareale zwischen

Sesia und Lambro ..................... ........

Das RWZ-Anbauareal des Ferrarese ......... .

Seite


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- X -

Seite

4.6. Die Futterbau und Viehhaltungsareale ........... 214

4.6.1. Naturgeographische Standortfaktoren des

padanischen Futterbaus ................ 215

4.6.2. ökonomische Standortfaktoren der Viehhaltung ... 217

4.6.3. Die FMW- und FWM-Anbauareale und ihre Viehhaltung 220

4.6.4. Das Milchviehhaltungsareal der westlichen Emilia 224

4.6.5. Das Milchviehhaltungsareal um Mailand ......... 225

4.6.6. Die Anbauareale im Bereich der Alta Pianura .... 226

4.7. Expansion der Obsterzeugung und Probleme

---- ----- deT~0berSchußproduktion ... rr ;;.. r, 226

4.7.1. Klimafaktor, Innovation und Konjunkturkrise 227

4.7.2. Das ferraresisch-romagnolische Obstbauareal .... 232

4.7.3. Isolierte Obstbauzentren ............... 233

4.8. Gemüsebau und sein wirtschaftlicher Stellenwert 234

4.8.1. Zur Standortorientierung padanischer Gemüse-

Spezialkulturen .................... 235

4.8.2. Das Tomatenanbaugebiet des Piacentino-Parmense 238

4.8.3. Gemüsebauzentren auf fluviatilen Sandböden .... 240

4.8.4. Die Gartenbaugebiete der Strandwallzone ....... 242

4.9. Traditionelle Weinbaugebiete und ihre Erzeugnisse 243

4.9.1, Standortbedingungen ........ 243

4.9.2, Die Weinbaugebiete Piemonts .................. 245

4.9.3, Die Weinbaugebiete der Lombardei und der

Emilia-Romagna ................................. 246

4.9.4, Venetians berühmteste Weinbaugegenden ......... 247

5. AGRARREGIONEN UND IHRE BEWERTUNG ......... 249

5.1. Konstituierung von Agrarregionen .............. 249

5.2. Merkmalsdiskussion ...................... 250

5.3, Agrarregionen und die zugehörigen Problemund

Vorranggebiete ...................... 252

5.4, Der wirtschaftliche Stellenwert der

padanischen Landwirtschaft ............. 256

ZUSAMMENFASSUNG ........................................ 258

SUMMARY ....................................... 263

RIASSUNTO .... 268

LITERATURVERZEICHNIS ......................... 273

KARTENANHANG .... .......................................


- XI

Verzeichnis der Abbildungen

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

Eignungsräumliche Standorteinheiten

und ihre Nutzung (Alto Novarese) 18

Biochemische Profildifferenzierung

bei überfluteten Reisfeldern 41

Landnutzung, Hochwasserschutz und Betriebsstruktur im

Schwemmlandbereich des Po (Castelnuovo Bocca d'Adda) 46

Vegetationsdauer und Vegetationsbeginn 63

Klimadiagramme nach der Methode von JÄTZOLD (1962) 67

Abflußtypen padanischer Flüsse 77

Überflutungssystem der Marcite 84

Infiltration bei konventioneller Furchen- und

moderner Rohr-Sickerbewässerung 85

EinzelhofSiedlungen und Weinmischkultur-Restflächen

(Ausschnitt aus der Gemarkung von Montecchio/EMILIA) 120

Flur- und Besitzzersplitterung in der Alta Pianura Novarese

(Ausschnitt aus der Gemarkung von Divignano/NOVARA) 121

Corti und Nuclei in Oberpiemont

(Ausschnitt aus der Gemarkung von Vigone/TORINO) 124

Siedlungsstruktur in den Valli der Terre Vecchie

(Ausschnitt aus der Gemarkung von Lendinara/ROVIGO) 127

Nutzflächendifferenzierung nach den Besitzverhältnissen

verschiedener Betriebsgrößenklassen 141

Häufigkeit der Betriebsorganisationsformen 147

Flächen- und Häufigkeitsverteilung landwirtschaftlicher

Betriebsgrößenklassen 159

Maschinenausstattung und Maschinenverwendung

nach Betriebsgrößenklassen (1970) 165

Anbauflächenentwicklung bei Weizen und Mais

und italienischer Maisimport 185

Entwicklung der Zuckerrübenanbauflächen 198

Wachstumsphasen und wachstumsbestimmende Einflüsse

beim Reisbau 203

Anbauflächen-, Produktions- und Exportentwicklung b.Reis 206

Agrarstruktur und Landnutzung in der Lomellina

(Ausschnitt aus der Gemarkung von Mede/PAVIA)

Die Landwirtschaft in der küstennahen Bodenreformzone

(Ausschnitt aus der Gemarkung von lolanda di Savoia/

Veränderung der Rinderbestände

FERRARA)

Veränderung der Schweinebestände

Großbetrieblich strukturierte lombardische Futterbauund

Viehhaltungsregion (Paderno Ponchielli/CREMONA)

Produktionsentwicklung wichtiger Obstarten

211

213

219

219

222

230


- XII

12

Verzeichnis der Tabellen

Bodenanalysen verschiedener Eignungsgebiete

Klimadaten und agrarklimatische Bewertung

Effektivität der Bewässerung nach Kulturarten

Positive und negative Wirkungen schwebführenden

Irrigationswassers auf Böden und Nutzpflanzen

Wasserverbrauch unterschiedlicher Bewässerungsmethoden

in Abhängigkeit von den Bodenarten

-6^— Ve-rb-nel-t.ung— der Mi schku 1 tur— (-co-^Ltura-_pxomi.s-Cua-)_

um die Jahrhundertwende und im Jahre 1970

Rückgang der Mezzadria-Betriebe (1961-1970)

Altersaufbau landwirtschaftlicher Betriebsleiter

nach Betriebsgrößenklassen

Veränderung der Betriebsflächen (1961-1970)

Flächenanspruch einzelner Kulturen (1970)

Wirtschaftliche Bedeutung einzelner Agrarerzeugnisse

nach ihrem Beitrag zum Bruttoproduktionswert (1969)

Weizenproduktivität in Abhängigkeit

von natürlichen Eignungsgebieten

13 Italienische Obstbaugebiete im Vergleich

Seite

22

69

75

80

83

102

156

174

175

177

178

183

228

Verzeichnis der Übersichten

Agrarpolitisches Ziel-Mittel-System Norditaliens

Schema der von den Besitzverhältnissen und der Betriebsverfassung

induzierten Agrarsozialstruktur

10

152

Verzeichnis der Karten (im Anhang)

Agrarische Eignungsgebiete der Poebene

Bewässerungs-Regionen der Poebene

Ländlicher Raum und Industrieregionen der Poebene

Landwirtschaftliche Besitzverhältnisse der Poebene

Landwirtschaftliche Betriebsgrößen-Strukturtypen der Poebene

Anbauareale der Poebene

(nach der Methode von WEAVER 1954)

Viehhaltungsareale der Poebene

Agrarregionen der Poebene


- 1 -

1. EINLEITUNG

Innerhalb der Europäischen Gemeinschaft stellt die Poebene eine

in vieler Hinsicht bevorzugte, strukturell gut ausgestattete und

marktwirtschaftlich führende Agrarregion dar. Diese Bewertung gewinnt

jedoch eine etwas andere Perspektive, wenn vom großräumigen

europäischen Vergleich abgesehen und ein kleinräumlicher Betrachtungsmaßstab

zugrunde gelegt wird. Dann ist festzustellen,

daß der Agrarwirtschaftsraum der Poebene beachtliche naturgeographische

Standortunterschiede, ganz erhebliche strukturelle

Ungleichgewichte und bedeutsame agrarwirtschaftliche Fehlentwicklungen

aufweist.

Zur Untermauerung dieser These seien einführend einige grundlegende

Strukturgegensätze, sogenannte innere Disparitäten, und

Strukturprobleme herausgestellt. Da ist zunächst auf die Inhomogenität

der ländlichen Siedlungs- und Betriebsstruktur hinzuweisen,

die sich etwa in der extremen Flurzersplitterung des Altsiedellandes

und der großzügigen Fluraufteilung der zentralen

Tiefebene ebenso dokumentiert wie im engen räumlichen Nebeneinander

von einkommensschwachen Zwergbetrieben und leistungsstarken,

oft Hunderte von Hektar umfassenden Großbetrieben. Weiter

sind die zonalen Unterschiede der Agrarerzeugungs- und Bewässerungsmöglichkeiten

und die Produktivitätsdifferenzen zu nennen,

die vornehmlich auf Gegensätzlichkeiten in der Naturausstattung

zurückzuführen sind.

Neben diesen regionalen sind auch einige intrasektorale Strukturprobleme

hervorzuheben. Im Bereich des Siedlungswesens ist

es die beim Großteil aller Höfe anzutreffende Überalterung der

Bausubstanz, die den wirtschaftlichen Fortschritt hemmt und der

Agrarbevölkerung keine angemessenen Lebensverhältnisse bietet.

Auch das Fortbestehen altüberkommener sozialökonomischer Betriebsorganisationsformen

(z.B. Mezzadria) steht der Einführung

moderner Produktionsmethoden und der heute angestrebten Rationalisierung

der Agrarerzeugung entgegen. Und schließlich sind es

agrarsoziale Spannungen und innerlandwirtschaftliche Einkommens-


disparitäten, die in ganz Italien aus der ungleichgewichtigen

Verteilung des Grundeigentums resultieren.

Unter den Fehlentwicklungen hat in der Poebene die Überschußproduktion

bei gewissen Agrargütern heute ein beängstigendes

Ausmaß erreicht. So hat in den letzten beiden Jahrzehnten die

Obsterzeugung und Milchproduktion schneller zugenommen als der

nationale und BG-Verbrauch (vgl. BARBERO 1973, S. 122). Andererseits

ist (Nord-)Italien auf hohe Maisimporte angewiesen, obwohl

die Poebene außerordentlich günstige natürliche Produktiorisvoraussetzungen

für den Maisbau besitzt.

Durch diese hier kurz skizzierten agrarstrukturellen Disparitäten

und agrarwirtschaftlichen Fehlentwicklungen trägt die Poebene

nicht unwesentlich zum gegenwärtigen Agrarproblem der Europäischen

Gemeinschaft bei.

"Das Agrarproblem besteht:

für Laien in Form von Überschüssen, über deren steigende

Größe und Kosten regelmäßig berichtet wird;

für Ökonomen in einer unbefriedigenden Verteilung der

Produktionsfaktoren;

für Bauern hauptsächlich in niedrigen und ungleichmäßigen

Einkommen, trotz harter Arbeit, sorgfältiger Betriebsführung

und oft großen Kapitalinvestitionen;

für Parlamentarier in einem Milliardenloch im Etat ..."

HATHAWAY 1963, S. 81

i-

Diese These des bekannten amerikanischen Agrarökonomen D.E.

HATHAWAY, verfaßt am Ende der jahrzehntelangen Entwicklungsprobleme

und Strukturwandlungen der US-amerikanischen Landwirtschaft

(vgl. dazu BLUME 1975, S. 215-243, HARRIS 1957, S. 175

-193, DE VRIBS 1974, S. 133-141) hat in den 70er Jahren auch

für die Landwirtschaft der Europäischen Gemeinschaft große'

Aktualität erlangt. Sie bringt klar die Dimension agrarer Strukturprobleme

und die Vielseitigkeit ihrer Betrachtungsweise zum

Ausdruck. Zugleich weist sie die Richtung für problemorientierte

agrarökonomische und agrargeographische Strukturforschung, in-


3 -

dem sie in der Verteilung der Produktionsfaktoren den Ansatzpunkt

zur Lösung agrarischer Strukturprobleme sieht.

1.1. Fragestellung und methodische Grundlagen

Die vorliegende Arbeit versucht, den Agrarwirtschaftsraum der

Poebene in seiner Gesamtheit, d.h. in seiner natürlich bestimmten

agrarischen Eignung und agrarstrukturellen Ausstattung zu

erfassen, indem sie die für die Landwirtschaft relevanten Produktionsfaktoren

und ihre regionale Verteilung analysiert. Ihr

Erkenntnisinteresse liegt in der Aufdeckung der vielfältigen

natur-, wirtschafts- und sozialräumlichen Bindungen und Ordnungsbeziehungen

und der sich hieraus ergebenden Gesetzlichkeiten.

Sie versteht sich als geographischer Beitrag zur agraren

Strukturforschung eines industriell geprägten Agrarwirtschaftsraumes.

Ihre Hauptzielsetzungen sind:

1. Die kleinräumliche Erfassung der natürlichen und sozioökonomisehen

Produktionsgrundlagen;

2. Die Erklärung des agraren Strukturmusters und der Strukturprobleme

anhand spezifischer Standortfaktoren;

3. Die Analyse der zeitlich-räumlichen Anbauflächen- und Produktionsentwicklung;

.

4. Die Bewertung der heutigen Agrarstruktur nach modernen agrarpolitischen

Zielvorstellungen.

Im Rahmen der ersten Zielsetzung wurden zunächst die natürlichen

Produktionsgrundlagen im Hinblick auf ihre Standortwertigkeit

untersucht, da sie die landwirtschaftlichen Nutzungsmöglichkeiten

weitgehend determinieren. Im Mittelpunkt stand dabei die systematische

He'rausarbeitung natürlicher Standortbedingungen und

die Konstituierung verschiedener agrarischer Bignungsgebiete und

agrarklimatischer Regionaltypen (Karte 1 und Abb.S ). Zur Erfassung

der sozioökonomischen Produktionsgrundlagen (Bewässerungseinrichtungen,

ländliche Siedlungen, Besitzverhältnisse, Betriebsgrößengefüge,

Bodennutzungszweige) war ein kleinräumlicher Bezugsrahmen

erforderlich, um Abhängigkeiten, Interdependenzen und

Kausalzusammenhänge zwischen den landwirtschaftlichen Produktions­


faktoren aufzuspüren und herauszustellen. Eine detaillierte

Bestandsaufnahme der wichtigsten landwirtschaftlichen Erscheinungsformen

ist in den Karten 2 - 7 festgehalten, in denen die

Inhomogenität des Agrarwirtschaftsraumes der Poebene in Bezug

auf die Agrarstruktur deutlich zum Ausdruck kommt. Besonderer

Wert wurde auf die Untersuchung der Anbauverhältnisse gelegt

(Karte 6), anhand derer Anbauareale ausgegliedert und eine

agrargeographische Abgrenzung der Poebene gegen die Gebirgsumrahmung

durchgeführt wurde.

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NI

Zur Erklärung des agraren Strukturmusters und zur Analyse der

räumlich-zeitlichen Anbauflächen- und Produktionsentwicklung

sind sowohl naturgeographische als auch sozioökonomische Standortfaktoren

betrachtet worden. Im Hinblich auf die landwirtschaftliche

Betriebsstruktur und ihre regionalen Abstufungen

muß in Oberitalien der agrarhistorischen Entwicklung besondere

Bedeutung zuerkannt werden. Für die räumliche Ordnung der Anbauverhältnisse

wird den natürlichen Standortbedingungen (Hydrographie,

Bodenbeschaffenheit, Regionalklima, Bewässerungsmöglichkeiten)

ein hoher Brklärungswert beigemessen, während der

Analyse der räumlich-zeitlichen Entwicklung der Bodennutzung

die Hypothese zugrundeliegt, daß die wirtschaftlich-marktmäßigen

Einflüsse die bestimmenden Steuerungsfaktoren sind.

Die Notwendigkeit einer Bewertung der Agrarstruktur im Hinblick

auf ihre Leistungs- und Funktionsfähigkeit ergibt sich

aus der Tatsache, daß viele Teilbereiche der Agrarstruktur in

Widerspruch zu den heutigen Wertvorstellungen von einer modernen

Landwirtschaft geraten sind. Als Bewertungsmaßstab kann

das Zielsystem der EG-Agrarpolitik dienen, das im Rahmen der

Koordinierung seit 1962 auch die Basis der italienischen Agrarpolitik

bildet.

Unter diesen Aspekten wurde der Agrarwirtschaftsraum der Poebene

meines Wissens noch nicht wissenschaftlich erforscht.

Doch fehlt es nicht an agrargeographischen, agrar- und wirtschaftswissenschaftlichen

Studien über Teilgebiete der Poebene

und an landeskundlich orientierten Untersuchungen. Von der

deutschsprachigen Literatur seien die Arbeiten von LEHMANN


- 5 -

(1961), DONGUS (1966) und NELZ (1960) genannt. An neuerem italienischenSchrifttum

sind die Erläuterungen zur Bodennutzungskarte

von CANDIDA (1972), GRIBAUDI (1971), PECORA (1970> und

TOSGHI (1969) hervorzuheben, ferner die Studien von SAIBENE

(1976) und die Veröffentlichungen des Agrarmarkt-Forschungsinstituts

IRVAM (1974/75).

Die vorliegende Untersuchung basiert auf der Auswertung der

amtlichen italienischen Agrarstatistik (ISTAT). Der für die

knapp 4000 Gemeinden der Poebene vorliegende Datenkörper wurde

vom Verfasser im Rechenzentrum Tübingen auf der CD 3300 ausgewertet.

Zur Überprüfung der auf quantitativem Wege erzielten

Ergebnisse diente eine eingehende Feldforschung, die in den

Jahren 1976 - 78 in verschiedenen Teilen der Poebene erfolgt

ist. Die Geländestudien fanden in etwa 20 ausgewählten Ortschaften

statt. Neben Nutzflächenkartierungen in repräsentativen Gemeindegemarkungen

wurden umfangreiche Befragungen in zahlreichen

Agrarbetrieben, in Landwirtschaftsämtern (Ispettorati provinciali,

Assessorati all'Agricoltura), bei Planungs- und Entwicklungsämtern,

bei landwirtschaftlichen Genossenschaften und

bei einer Reihe von Bewässerungsgesellschaften durchgeführt.

Voraussetzung für eine sachgerechte Bearbeitung der auf quantitativem

Wege und durch Feldforschung gewonnenen Informationen

war das Studium der italienischen und deutschen Literaturquellen

zum Komplex der padanischen Landwirtschaft sowie die Durchsicht

moderner Abhandlungen über Agrartechnik, Agrarökonomie

und Agrarpolitik.

1.2. Agrarpolitische Zielvorstellungen als Grundlage zur

Bewertung der padanischen Agrarstruktur

Ausgangspunkt für die heutigen Zielvorstellungen von der Funktion

und der Struktur der europäischen Landwirtschaft, wie sie

der gemeinsamen europäischen und italienischen Agrarpolitik zugrunde

liegen und als Bewertungsmaßstab zur Beurteilung der padanischen

Agrarstruktur in dieser Arbeit Verwendung finden,


ilden die in Artikel 39 des BWG-Gründungsvertrages festgelegten

fünf allgemeinen Grundsätze :

Steigerung der Produktivität der Landwirtschaft

Gewährleistung angemessener Einkommens- und Lebensverhältnisse

für die landwirtschaftliche Bevölkerung

Stabilisierung der Märkte

Brnährungssicherung im Krisenfalle

Gewährleistung angemessener Verbraucherpreise.

“Zur Realisierung dieser wirtschafte- und sozialpöTitischen Grundsätze

dient bis heute und diente lange Zeit fast ausschließlich

das 1962 eingesetzte und nach 1967 ständig weiter ausgebaute Instrument

der gemeinsamen Marktordnung, das durch die sogenannte

Marktstützung (Ankauf, Lagerhaltung, Vernichtung und Export von

Agrarüberschüssen) drei Viertel der Haushaltsmittel der EG verschlingt

(vgl. KÖHLBR/SCHARRER 1974, S. 130). Aufgrund des Anwachsens

von Agrarüberschüssen, der sich vergrößernden innerlandwirtschaftlichen

Binkommensdisparitäten^^ und der systemimmanenten

Erhöhung der Verbraucherpreise zeichnete sich gegen Ende der

60er Jahre der Übergang von der reinen Marktstützungs- zur Agrarstrukturpolitik

ab. Diesen Übergang markiert der 1968 bekannt gewordene

Mansholt-Plan^^, der erstmals konkrete Ziele und Maßnahmen

zur Verbesserung der Agrarstruktur enthält und der, wenn auch

nur ansatzweise in die Tat umgesetzt (EG-Richtlinien von 1972) 4)

richtungsweisend für die agrarpolitischen Zielsysteme der EG-Mit-

gliedstaaten wurde. Die seither entwickelten Zielvorstellungen

und konkreten Zielsetzungen, der EG- und italienischen Agrarpolitik

zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktions- und

Sozialstruktur (vgl. Übersicht 1), die als Bewertungskriterien

für die padanische Agrarstruktur dienen, können in folgende

Zielkomplexe eingeteilt werden;

1) Zusammengestellt nach dem authentischen Text des Vertrages zur

Gründung der EWG vom 25. 3. 1957, Artikel 39, Absatz 1.

2) Großbetriebe verstehen nämlich die Vorteile der Marktstützung

in der Regel besser auszunützen als Kleinbetriebe.

3) KOMMISSION DER EG: Memorandum zur Reform der Landwirtschaft in

der Europäischen Gemeinschaft. KOM(68) 1000, Teil A, Brüssel

196 8.

4) Richtlinien Nr. 72/159/EWG, 72/160/EWG u. 72/161/EWG. Veröffentlicht

in: Amtsblatt der EG Nr. L 96 vom 23. 4. 1972


7 -

1. Ausscheidung landwirtschaftlicher Nutzflächen aus der Produktion

Die Stillegung landwirtschaftlicher Nutzflächen mit unzureichenden

Ertragsverhältnissen (Ungunstgebiete, Grenzertragsböden), die zur

Verminderung von Agrarüberschüssen beitragen soll (vgl. THIEDE

1971, S. 99), ist auf europäischer und nationalstaatlicher Ebene

eine erst in geringem Umfange verwirklichte Zielvorstellung. Das

liegt einerseits in den damit verbundenen Problemen der Erhaltung

der Landschaft, andererseits in sozialpolitischen Schwierigkeiten

begründet. In der Poebene scheiden landwirtschaftliche Nutzflächen,

darunter auch Grenzertragsböden, hauptsächlich auf Kosten der Urbanisierung

aus der Produktion aus (jährlich 0,31 in Italien; vgl.

BARBERO 1973, S. 128).

2. Verlagerung der Agrarproduktion zu den günstigsten Standorten

Zur Steigerung der Produktivität und der sich hieraus ergebenden

Verbesserung im Wirtschafts- und Sozialbereich ist die Verlagerung

der Agrarproduktion zu den günstigsten Standorten eine wesentliche

Voraussetzung. Günstig sind dabei die in ökologischer

und ökonomischer Hinsicht zur Erzeugung bestimmter Agrargüter am

besten geeigneten, kostengünstigsten Produktionsstandorte. Solche

Standorte zu ermitteln und auszuweisen liegt im Aufgabengebiet

der Agrargeographie und Agrarökonomie. Vertreter der EG-Agrarmarktpolitik

gehen davon aus, daß innerhalb der Europäischen Gemeinschaft

ein zunehmend sich verschärfender interregionaler Wettbewerb

zu einer Verlagerung und Konzentration der landwirtschaftlichen

Erzeugung auf die günstigsten Standorte führen wird (THIEDE

1971, Vorwort und S. 98).

3. Verbesserung der Siedlungs- und Flurstruktur

Da zur Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktivität und zur Sicherstellung

angemessener Einkommens- und Lebensverhältnisse für

die Agrarbevölkerung die Verbesserung der Siedlungs- und Flurstruktur

notwendig ist, gehören die Gebäudesanierung, der Ausbau

der Infrastruktur und die Flurbereinigung seit langem zum erklärten

agrarpolitischen Ziel aller EG-Länder. AlthofSanierung, Hofneubau,

Straßen- und Wegebau, Kanalisation, Schaffung sanitärer

Einrichtungen, Entwicklung des Bildungswesens und Neuaufteilung


- 8 -

der Flur sind dabei die wesentlichsten Teilziele (vgl. Übersicht

1). Große quadratisch oder rechteckig geformte Besitzblök-

ke gelten als die arbeitswirtschaftlich zweckmäßigste Feldeinteilung

(vgl. SPITZER 1975, S. 101). Flurstücksgrößen von 10-20

ha, künftig sogar von 25-30 ha (WEINSCHENCK 1973, S. 365) sind

für eine ökonomische Landbewirtschaftung erstrebenswert. Solche

Feldeinheiten sind für viele Teilgebiete der Poebene reine Utopie,

für andere hingegen bewundernswerte Realisation.

4. Verbesserung der ländlichen Sozial- undTIhnerbetrieb'lieben

Produktions Struktur

Um die Einkommens- und Lebensverhältnisse und die innerbetriebliche

Produktionsstruktur zu verbessern, bedarf es der Änderung

der ländlichen Sozialstruktur, Als agrarpolitische Ziele und Maßnahmen

sind

die Förderung des Ausscheidens landwirtschaftlicher Betriebsführer

aus dem Erwerbsleben oder aus dem primären, Wirtschaftssektor,

die technische und wirtschaftliche Ausbildung junger Landwirte

und

die Abschaffung fortschrittshemmender Betriebsorganisationsformen

(z.B. Teilpacht)

vorgesehen. Da diese Maßnahmen zum Teil mit beträchtlichen finanziellen

Aufwendungen (für Altersruhegeld, Schulung usw.) und mit

der Sicherung außerlandwirtschaftlicher Arbeitsplätze (v.a. in

industriefernen Gebieten) verbunden sind, kann die italienische

Agrarpolitik hier bisher nur regionale Erfolge verbuchen.

5. Verbesserung der Betriebsgrößenstruktur

Die Schaffung größerer Agrarbetriebe und die Verbesserung der Betriebsgrößenstruktur

sind seit über einem Jahtzehnt zum wichtigsten

Gegenstand der Agrarpolitik und Agrarwissenschaft erhoben.

Zielvorstellungen zur Betriebsgrößenstruktur wurden schon 1968

im Mansholt-Plan konkretisiert. Für einen optimalen Einsatz landwirtschaftlicher

Produktionsfaktoren werden darin je nach Pro-,

duktionsausrichtung folgende Größenordnungen für "moderne landwirtschaftliche

Unternehmen" (KOMMISSION DER EG 1968, Teil A,


9

S. 55) zugrunde gelegt:

Ackerbaubetriebe

MiIchviehhaltungs-Betriebe

Rindviehhaltungs-Betriebe

Schweinemastbetriebe

Geflügelmastbetriebe

80 - 120 ha

40 - 60 Kühe

150 - 200 Rinder

450 - 600 Tiere

ca. 100 000 Tiere.

Die von Agrarökonomen angestellten Betrifebskalkulationeh für die

1980er Jahre kommen bei Annahme einer fortschreitenden technologischen

Entwicklung und Produktivität zu dem Ergebnis, daß die

optimale Betriebsgröße künftig für

Ackerbaubetriebe bei

230 - 280 ha

liegen müsse (JOHNSTON/BISCHÖPF 1971, S. 117-125).

Obwohl die ökonomische Notwendigkeit einer Betriebsvergrößerung

von agrarpolitischer und von wissenschaftlicher Seite seit langem,

anerkannt ist, konnten die im Mansholt-Plan enthaltenen Vorschläge

zur Verbesserung der Betriebsgrößenstruktur aus sozialen

und finanzpolitischen Gründen nicht mit einer Verwirklichung rechnen.

Sie lösten Unruhe und Empörung aus, da 90-951 der Agrarbetriebe

in der EG diesen Zielvorstellungen nicht entsprachen. Was

unter den italienischen Landwirten im allgemeinen besseren Anklang

gefunden hat, ist die Bildung rentabler "Produktionseinhelten"

durch partielle Betriebsfusion und überbetriebliche Kooperation.

So unerreichbar die Zielvorstellungen von der künftigen

Größe der Agrarbetriebe erscheinen mögen, in gewissen Teilgebieten

der Poebene gibt es heute Unternehmen, die diese Dimension

erreichen: "Das ist italienische Realisation" (PERREITER

1973, Titel).


10 -

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11 ~

2. DER NATURRAUM IN SEINER EIGNUNG ZUR LANDNUTZUNG

Im Gegensatz zu industriell-gewerblichen Wirtschaftszweigen ist

die Landwirtschaft an Produktionsgrundlagen gebunden, die entscheidend

von der Naturausstattung abhängen. Während die klimatischen

Faktoren die Bandbreite agrarischer Nutzungsmöglichkeiten

insgesamt gesehen determinieren, kommt der ökologisch-naturräumlichen

Ausstattung zumeist ein kleinräumlich differenzierender

Einfluß zu. Ein solcher Einfluß spiegelt sich in der Poebene

nich nur unmittelbar in den Anbauverhältnissen wider, sondern

auch mittelbar, über die Standortswahl, in der Verbreitung bestimmter

sozio-ökonomischer Produktionsfaktoren (v.a. Siedlungsstruktur,

Betriebsgrößenstruktur).

Die Besonderheit landwirtschaftlicher Produktionsgrundlagen berücksichtigend,

verfolgt das vorliegende Kapitel zwei Ziele:

Agrarische Eignungsgebiete hinsichtlich ihrer natürlichen

Standortbedingungen abzugrenzen (Karte 1), zu analysieren

und zu bewerten (Kap. 2.1.).

Agrarklimatische Regionaltypen zu konstituieren (Abb. 5)

und in ihrem Einfluß auf die Anbaumöglichkeiten zu untersuchen

und zu beurteilen (Kap. 2.2.).

2.1. Agrarische Eignungsgebiete und ihre Standortbedingungen

Naturräumliche Einheiten, deren ökologische Standortbedingungen

die vorgegebenen Produktionsfaktoren der Landwirtschaft sind,

d.h. die in ihrer physisch-geographischen Grundausstattung im

Hinblick auf die landwirtschaftliche Bodennutzung bewertet werden,

stellen natürlich bestimmte agrarische Eignungsräume dar

(vgl. BOUSTEDT 1975, Teil I, S. 231), Aufgrund der in der Poebene

nicht sehr ausgeprägten klimatischen Differenzierung seien in

diesem Untersuchungsabschnitt agrarische Eignungsgebiete betrachtet,

die primär durch pedologische und morphologisch-hydrographische

Faktoren bestimmt bzw. konstituiert werden.


- 12 -

Agrarische Eignungsgebiete sind jedoch gerade im Falle der Poebe-

ne nicht ausschließlich von der physisch-geographischen Grundausstattung

bestimmt, da dort einschneidende agrar- und kulturtechnische

Maßnahmen die natürliche Standortqualität teilweise entscheidend

verändert haben. Dies gilt ganz besonders für die zentrale

Tiefebene, die durch umfangreiche Kultivierung und Bodenmelioration

(Entwässerung, Bewässerung, Bodenbearbeitung, Düngung) i-

so verändert wurde, daß bei Zugrundelegung der heutigen, haupt-

sächlich an der Produktivität orientierten Wertvorstellungen eine__

Umkehrung der Gunstverhältnisse eingetreten ist. So stellen die

früher ausgedehnten Sumpfgegenden am Po und im östlichen Tiefland,

die bis zu den großangelegten Meliorierungsarbeiten des 19. und

20. Jhs. (Kap. 3.2.8.) agrarisch nur sehr extensiv genutzt werden

konnten (Weideland, Reisbau), heute keine landwirtschaftlichen Ungunstgebiete

mehr dar, sondern haben sich teilweise zu Vorrangge- -H

bieten entwickelt.

n

Zur Konstituierung und Abgrenzung agrarischer Eignungsgebiete

(Karte 1) sind wenige aussagekräftige Merkmale herangezogen worden,

nämlich

die Geländeformen,

die Beschaffenheit des Untergrundes und

die Bodenarten und Bodentypen.

I

Neben den Geländeformen (v.a. Neigungs- und Gefällsverhältnisse)

vermag die physikalisch-chemische Beschaffenheit des Untergrundes

(u.a. Durchlässigkeit) in der Poebene am ehesten den Grundcharakter

der Eignungsgebiete zu erfassen, welcher weniger vom Relief

als von der Hydrographie geprägt wird. Da die hydrographischen

Verhältnisse weitgehend die Art und Intensität der Bodennutzung

beeinflussen, kommt der Untergrundbeschaffenheit ein hoher Aussagewert

hinsichtlich der agrarischen Eignung verschiedener Gebietseinheiten

zu. Die Bodenarten und Bodentypen, die zum Teil

von der Untergrundbeschaffenheit abhängig und in der Poebene sehr

differenziert sind, stellen einen für die Bodennutzungsmöglichkeiten

maßgebenden Ökofaktor dar, auch dann, wenn das Gefüge und der

Chemismus der Böden durch Bewässerung und Düngung verändert sind.


- 13 -

Unter Berücksichtigung der drei genannten Gliederungsmerkmale wurden

in Karte 1 insgesamt 15 agrarische Eignungsgebiete ausgewiesen.

Der zugrundeliegende großräumliche Betrachtungsmaßstab zwang

dazu, hierbei keine naturräumlichen Grundeinheiten (Physiotope),

sondern Haupteinheiten und durch annähernd gleichartige Standortbedingungen

gekennzeichnete Untereinheiten als Eignungsgebiete zu

konstituieren. Diese mit einer speziellen Symbolik versehenen Eignungsgebiete,

die für den Fortgang der Arbeit grundlegend sind,

werden im folgenden in Bezug auf ihre Standortbedingungen und

Standortwertigkeit untersucht.

2.1.1. Die Naturräumlichen Haupteinheiten

In der Poebene, der Pianura Padana^^, lassen sich drei naturräumliche

Haupteinheiten unterscheiden:

1. Die Alta Pianura (A), die in einem wechselnd breiten Streifen

der Gebirgsumrahmung folgt und die sich am alpinen Gebirgsrand

in zwei Teilzonen (AI und A2) gliedert, am Apenninenrand jedoch

nur aus einer Teilzone (A2) besteht.

2. Die Bassa Pianura (B), die den tieferliegenden Bereich der Aufschüttungsebene

(Bl) bildet und die in der Westpadania^^ auch

die Schwemmlandzone am Po (B2) miteinschließt.

3. Das ostpadanische Tieflandsdreieck (C), das als die östliche

Fortsetzung dieser Schwemmlandzone anzusehen ist und das sich

mit seinen Teilgebieten (C1-C5) trichterförmig zur Adria hin

verbreitert.

Die beiden Haupteinheiten Alta und Bassa Pianura lassen in groben

Zügen eine der Gebirgsumrahmung angepaßte Zonierung erkennen, die

besonders in der westlichen Poebene klar ausgeprägt ist (vgl. Karte

1). Diese Zonierung erklärt sich aus der Lage im Vorland der

alpinen und apenninischen Gebirgsvergletscherung, wo in regelhafter

Abfolge Endmoränen (Alpenrand) und ausgedehnte Schmelzwasser-

5) lat. Padus = Po

6) Padania ist ein vielverwendetes Kunstwort für Poebene (vgl.

LEHMANN 1961, Titel); davon abgeleitet ist das Adjektiv "padanisch".


T

- 14 -

aufschüttungen entstanden sind. Nur am Po hat sich ein schmaler

alluvialer Schwemmlandstreifen (B2) ausgebildet. Anders als im

uordalpinen Vereisungsgebiet sind am Alpensüdrand alt- und jungpleistozäne

Endmoränen, ebenso wie die entsprechenden Schmelzwasseraufschüttungen

auf viel engerem Raume abgelagert, weil die

Gletscher dort schneller und stets mit annähernd gleichen Stillstandslagen

abschmolzen.

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In Bezug auf die natürliche Standortwertigkeit bilden die trockene,

aus groben pleistozänen Schottern und Sanden aufgebaute höhergelegene

Ebene und die feuchte, weil aus feinkörnigen und undurchlässigen

Ablagerungen bestehende tiefergelegene Ebene einen ausgesprochenen

Gegensatz. Als Naturräume verschiedenartiger Ausstattung

und Nutzungsmöglichkeit sind sie von ältersher vom Volksmund

als Alta und Bassa Pianura ■’ unterschieden worden, weniger wegen

der Höhenlage als wegen der völlig verschiedenen hydrographischen

Situation. Die ursprünglich in weitaus stärkerem Maße vorhandenen

ökologischen Unterschiede sind der Grund dafür, daß die Alta und

Bassa Pianura keine zeitgleiche Besiedlung und Inwertsetzung erfahren

haben. Dies spiegelt sich auch augenfällig in der heutigen

Agrarstruktur wider.

Das auf der Höhe von Mantova am Po einsetzende und sich nach Ravenna

und Venedig hin weit öffnende ostpadaniche Tieflandsdreick

weist nicht wie die Alta und Bassa Pianura eine nord-südliche, ‘

sondern eine west-östliche Abfolge der naturräumlichen Untereinheiten

auf. Dies hängt im wesentlichen mit den zum Meere hin extrem

sich verringernden Gefällsverhältnisseh der östlichen Poebene

zusammen. Morphologisch stellt das ostpadanische Tieflandsdreieck

ein in nur geringer Meereshöhe (unter 20m) ausgebreitetes Schwemmlandgebiet

dar, das von einem Netz weitverzweigter Flußdämme und

Schwemmfächerzungen in zahlreiche Feuchtebecken gegliedert wird

und das meerwärts mit einer vorgeschichtlichen Strandwallzone und

dem jungen Delta- und Lagunenbereich abschließt. Die sehr wechselvollen

naturökologischen Bedingungen schlagen sich auffällig

in einer recht kleinräumigen kulturlandschaftlichen Differenzierung

nieder.

7) Hoch- und Tiefebene


- 15 -

2.1.2. Die Alta Pianura der Moränen und Pianalti

(Eignungsgebiet AI)

Die ausschließlich am Nordrand der Poebene ausgebildete, dem Alpenbogen

folgende Gebirgsfußzone (zona pedemontana) setzt sich

aus zerschnittenen altpleistozänen Schotterhochflächen (pianalti)

und aus jüngeren Endmoränen zusammen. Da der Apenninenrand keinen

ausgeprägten glazigenen Formenstil besitzt, weil die eiszeitlichen

Talgletscher nie das Vorland ereichten, und da dort ferrettisierte

Pleistozänschotter weitgehend fehlen, ist die subapenninische

nicht mit der subalpinen Gebirgsfußzone, sondern eher

mit der Alta Pianura der Schwemmfächer (A2) vergleichbar.

2.1.2.1. Die Endmoränen (Ala)

Kennzeichnend für die Alpenrandzone sind hohe Endmoränenwälle,

.die Würm- und rißeiszeitliche®^ Gletscher durch ihr rasches Absehmelzen

an den Ausgangspforten der größten Alpentäler hinterlassen

haben. Sie werden ihrer Physiognomie nach treffend als

Moränenamphitheater bezeichnet, weil sie wie die Sitzreihen eines

römischen Amphitheaters eine von innen nach außen gerichtete

Staffelung aufweisen.

Besonders eindrucksvoll sind die hoch aufgetürmten, tatsächlich

amphitheatralisch erscheinenden Endmoränenwälle von Ivrea und Rivoli,

in Piemont, deren Stirnmoränen 50-100m und deren Seitenmoränen

bis zu 300m (Serra d'Ivrea) über die Ebene aufragen. Ihre

Zungenbecken, die von spät- und postglazialem Aufschüttungsmaterial

erfüllt sind, liegen heute trocken und werden vornehmlich

ackerbaulich genutzt.

Flächenmäßig die größten Moränenamphitheater besitzen jedoch der

Gardasee (500km ohne Seefläche), der Lago Maggiore und der Lago

di Como. Die Wälle sind hier über viel breiteren Raum gestaffelt,

stärker in Einzelzüge aufgelöst und auch niedriger als im Falle

8) Die Altersgliederung der Moränen und zugehörigen Schotterfelder

ist seit A. PENCK (1909) im einzelnen umstritten. Vgl.

hierzu HABBE 1969, S. 106ff.


1

- 16

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von Ivrea und Rivoli. Aufgrund der zwischengelagerten Schotterfelder

und glazifluvialen Talrinnen erwecken sie gebietsweise den

Eindruck einer kuppigen Grundmoränenlandschaft. Dabei stellen die

durchschnittlich 2-3km breiten Talrinnen ökologisch feuchte und

örtlich leicht vermoorte Senken dar. In diese, und in die Stauchendmoränen

selbst, sind teilweise Moore und von Schilfgürteln um-

91

gebene kleine Seen ’ eingelagert.

Standortbedingungen und agrarische Eignung

Die Moränenwälle der Amphitheater tragen in hängiger Lage ein

recht flachgründiges, 0,5-1m mächtiges Verwitterungsprofil, eine

Folge heftiger Hangdenudation, die sich nachweislich seit der

prähistorischen Entwaldung eingestellt hat (HABBE 1969, S. 112f.).

Demgegenüber haben sich in den Senken der glazifluvialen Talrinnen

2-3m mächtige Auelehme angesammelt. Die Bodenarten und Bodentypen

sind also innerhalb der Endmoränengebiete in Abhängigkeit

von Reliefgestalt, Exposition, petrographischer Zusammensetzung

des Moränenmaterials und Lökalklima durchaus unterschiedlich.

Die Endmoränenwälle der Brianza (zwischen Como und Lecco) und des

Varesotto (Lago Maggiore), wie auch diejenigen von Ivrea und Rivoli,

tragen bei vorwiegend quarzitisch-silikatischem Ausgangsmaterial

und bei ganzjährig humidem Klima bis zu Im mächtige

Braunerden unter Laubwäldern (FRÄNZLE 1959, S. 289ff.). Als natürliche

Waldformation ist ein submediterraner Mischwald aus

Flaumeichen (Quercus pubescens) und Kastanien (Castanea sativa

und aesculus) anzusehen, der ursprünglich auch in der -gesamten

Alta Pianura verbreitet war (KNAPP 1953, S. 50-53). Die heutigen

Laubwaldbestände der Wallmoränen setzen sich hauptsächlich aus

Kastanien und Robinien zusammen. In den glazifluvialen Talsenken

werden sie von Auewäldem (Eschen, Erlen, Pappel) und von Dauerwiesen

abgelöst. - Auf den südwestexponierten Hängen der Endmoränen

von Ivrea und Rivoli spielt bis heute der spezialisierte

9) Derartige durch neolithische und bronzezeitliehe Funde bekannt

gewordene Seen sind: Lago di Varese (Pfahlbauten), Lago di Comabbio,

Laghi di Monate (Pfahlbauten), Lago di Annone, Lago di

Pusiano (Moore), Lago di Alserio, Lago di Viverone, Lago di

Candia, Laghetto del Frassino. Vgl. HABBE 1969, S. 113 und

PRACCHI 1960, S. 111-113.


Weinbau eine Rolle. Seine ehemalige Verbreitung in den Moränengebieten

der Brianza und des Varesotto bezeugen zahlreiche, im Zuge

der Sozialbrache aufgelassene Kulturterrassen.

Auf den karbonathaltigexen Gardasee-Wallmoränen haben sich unter

semiariden Klimabedingungen (vgl. Kap. 2.2.4., Regionaltyp III)

zu Trockenheit neigende Pararendzinen entwickelt, die durchweg

geringmächtig (unter 0,5m) und wegen ihres lockeren Gefüges gut

durchlüftet sind. Da das darunterliegende Moränenmaterial von

tiefwurzelnden Weinreben und Obstbäumen leicht zu durchdringen

ist, findet der Wein- und Obstbau auf den strahlungs- und wärmebegünstigten

Wallmoränen zusagende Anbaubedingungen. Deshalb hat

der Weinbau auf den trockenen Moränenstandorten eine alte Tradition,

wird aber heute, wie die Obstbaumkulturen, in großem Umfange

künstlich beregnet. - Auf den nicht mehr landwirtschaftlich

genutzten Wallmoränen haben sich stellenweise Gras-Steppenheiden

eingestellt, vor allem auf steilen und schwierig zu bewässernden

Hängen (z.B. Volta Mantovana und Solferino). Dagegen sind die

Senken der glazifluvialen Talrinnen, mit ihren grundwasserfeuchten

Lehmböden, dem Mais- und Futterbau Vorbehalten, der heute

größtenteils bewässert wird.

- 17 -

2.1.2.2. Die ferrettisierten Pianalti (Alb)

Die sehr tiefgründig verwitterten (ferrettisierten) altpleistozänen

Ablagerungen, die vorwiegend am Alpenrand auftreten und unmittelbar

am Gebirgsfuß oder am Außensaum der jüngeren Endmoränen

ansetzen, sind im Hinblick auf die natürlichen Fruchtbarkeitsbedingungen

zu den größten Ungunstgebieten der Poebene zu rechnen.

Wie die Deckenschotter des nordalpinen Gletschervorlandes sind

diese orographisch hochgelegenen, günz- oder mindeleiszeitlichen

Schmelzwasserablagerungen als Restflächen bei der mehrphasigen

pleistozänen Zertalung erhalten geblieben. Morphologisch treten

sie zumeist als Hochflächen scharf akzentuierter langgestreckter

Riedel in Erscheinung, die sich zwischen den bis zu lOOm tief eingeschnittenen

Flußtälern erheben und die seitlich von pleistozänen

Terrassen begleitet werden (Abh. 1). Diese Riedel werden gewöhnlich

als "pianalti terrazzati" (terrassierte Hochebene) oder


- 19 -

N

XI

als "ripiani diluviali" (diluviale Rücken) bezeichnetSie sind

mit ihren ferrettisierten Verwitterungsdecken seinerzeit auch von

A, PENCK (1909, S. 784£.) beschrieben und kartographisch festgehalten

worden.

Ferrettisierung

Kennzeichnend für die Pianalti ist ihre tiefgründige Verwitterungsdecke,

die wegen der intensiven Rotfärbung unter dem Namen Ferretto

bekannt geworden ist.

Der Begriff Ferretto wurde von A. PENCK in die wissenschaftliche

Terminologie aufgenommen, als Bezeichnung für die "gänzlich

verwitterten Geröllablagerungen, in denen aller Kalk gelöst

ist, aller Feldspat kaolinisiert ist und alles Hydratisierbare

hydratisiert ist" (PENCK 1909, S. 767).

Später ist der Ferretto im Zusammenhang mit Datierungsfragen

von FRÄNZLE (1959 und 1965) untersucht worden. FRÄNZLE (1959,

S, 289ff.) erblickt in ihm stratigraphisch eine Verwitterungsschicht

des großen Interglazials Mindel-Riß, deren Zersetzungsgrad

und Zersetzungstiefe wegen der verschiedenartigen

Gesteinszusammensetzung der Glazialschotter regional sehr unterschiedlich

ist (westliche Lombardei: 30m, Gardasee Gebiet:

5m, Veneto: Im; vgl. HABBE 1969, S. 108 und CANDIDA 1972,

S. 33).

Bodentypologisch stellt der Ferretto einen Reliktboden dar,

der die "Eigenschaften der terrae calcis und der Plastosole

in sich vereinigt" (FRÄNZLE 1969, S. 289ff.). Mit diesen Eigenschaften

sind der hohe Ton- und Schluffgehalt (35-401 Ton

und Schluff, 50-60^ Feinsand, 1-5% Grobsand), die hohe Plastizität,

die mäßig bis stark saure Reaktion (pH 4-5) und die intensive

Rotfärbung des Ferretto gemeint (Zahlenwerte nach

TINARELLI 1973, S. 50). Die leuchtend rote Farbe erklärt sich

aus Beimengungen des Fe(III)-Oxides Hämatit (Fe203), das am

Alpensüdrand unter trockenheißen Klimabedingungen entstanden

ist (vgl. auch FEZER 1969, S. 120).

Der oftmals an den Hangkanten der Pianalti aufgeschlossene Ferretto,

ein Verwitterungshorizont des Mindel-Riß Interglazials, wird gewöhnlich

von dem in tieferen Flußtälern (Adda, Brembo) angeschnit-

tenen "ceppo"

-^unterschieden, der die ältesten Schmelzwasseraufschüttungen

bezeichnet. Der Ceppo, der teils ein durch CaCO^ verbackenes

Konglomerat, teils eine lockere Geröllschicht darstellt.

10) Von GRIBAUDI 1960, S. 66f£., PRACCHI 1960, S. 92, SESTINI 1963,

S. 48 u.a. - Mit dem von LEHMANN (1961, S. 95 u, 111) verwendeten

Begriff "altipiani" werden in der italienischen Literatur

in der Regel die Karsthochflächen Istriens und der Prealpi

Venete bezeichnet (vgl. SESTINI 1963, S. 41 u. 48£. und Eintragungen

topographischer Karten).

11) ital. ceppo = Block, Klotz


- 20

1

iMli'

spielt zwar als Aquifer im Gebiet zwischen Dora Riparia und Tessin'

eine Rolle (IAH 1976, S. 13 u. 20), hat aber für den Landbau keine

Bedeutung, da er nirgends den oberflächennahen Untergrund bildet.

Verbreitung

MÍ-;

Die Pianalti sind nicht überall so klassisch ausgebildet wie in

der Alta Pianura Piemonts und der Lombardei. Dort sind sie inten- |

siv und tiefgründig ferrettisiert und reihen sich zwischen Dora !

Riparia und Adda zu einer fast lückenlosen Gebirgsfußzone zusammen

:

Pianalto von Cirie-San Maurizio-Lombardore, Pianalto von Candelo-Benna,

Pianalto von Santa Maria, Pianalto von Rovasenda |

-Lenta, Pianalto von Divignano-Mezzomerico, Brughiera Grande

bei Gallarate und Groane von Seveso-Saronno.

I

östlich der Adda sind die altpleistozänen Ablagerungen größtenteils

von jüngeren Schmelzwasserablagerungen überschüttet worden

12) Isolierte Reste ferrettisierter Altschotter, die sich auch

äußerlich durch einen Nutzungswechsel zu erkennen geben, ragen

südlich von Brescia auf,

bei Poncarele (Monte Netto),

bei Castenedolo und

bei Montichiari (linkes Chieseufer),

ebenso in der Bassa Pianura von Crema, Vercelli und Novara,

zwischen Casirate d'Adda und Montodine (Creraonese),

bei Trino (Vercellese) und

zwischen dem Stadtkern von Novara und Vespolate.

In der Ebene südlich von Turin, der sogenannten oberpiemontesi-

schen Ebene (PENCK 1909, S. 775), sind die älteren Pleistozänschotter

durch die dichtere Zertalung des radial angelegten Flußsystems

in stärkerem Maße der Abtragung zum Opfer gefallen. Kleinflächig

sind sie jedoch auch hier erhalten geblieben, und dies besonders

am Fuß des Hügellandes Monferrato und Le Langhe:

Pianalto von Poirino, Pianalto von Ceresoie d'Alba, Pianalto

von Sanfrê, Pianalto von Cherasco, Pianalto von Trinità-Salmour

und Pianalto von Fossano.

12) Der Grund liegt wahrscheinlich in der quartären Absenkung

der östlichen Poebene (vgl. HABBE 1969, S. 227).


Standortbedingungen und agrarische Eignung

Die ferrettisierten Pianalti waren mit ihren nährstoffarmen Böden

ursprünglich unfruchtbare und weithin siedlungsleere, von Heiden

bedeckte Gebiete.

- 21 -

Der als Bodentyp zu den Rot- und Braunlehmen (Plastosolen) zu stellende

Ferretto besitzt von Natur aus einen sehr geringen agrarischen

Nutzwert. Sein hoher Ton- und Schluffgehalt (40%) macht ihn

im feuchten Zustand kompakt und undurchlässig, so daß es in flachen

Senken zu anhaltender Staunässe kommt. Da die völlig entkalkten

Ferretto-Böden ausgesprochen sauer (pH 4-5) und nährstoffarm

sind, ließen sie in der Alta Pianura vormals ausgedehnte Heidegebiete

entstehen. Als charakteristische Heidevegetation waren ursprünglich

Ericaceen, insbesonueie Calluna vulgaris, verbreitet.

Letztere wurde sogar namengebend für die lombardischen Heidelandschaften,

die nach dem vulgärsprachlichen Wort "brugo" als Brughiere

bezeichnet werden^

Noch im vorigen Jahrhundert erschienen die Heiden mit ihren sauren

Ferretto-Böden als unkultivierbares Ödland. Heute sind sie jedoch

bis auf kleine Restflächen (bei Rovasenda, Cándelo und Cirie-San

Maurizio) verschwunden. Teilweise hat man sie für militärisclie

Zwecke oder als Flughafengelände (Aéroporté Malpensa, Gallarate)

genutzt. Teilweise hat man sie mit Kiefern (Pinus silvestris) und

Robinien (Robina pseudacacia) aufgeforstet. Größtenteils hat man

sie aber durch Kalk- und Stickstoff-Düngung und durch Bewässerung

in kulturfähiges Ackerland umgewandelt. So sind beispielsweise die

ertragsarmen Böden der Heiden des Alto Vercellese (ßaraggia Ver-

cellese) erst in den 50er Jahren dieses Jahrhunderts vollständig

kultiviert worden (MONTI 1978, S. 53). Sie sind dort in großem Umfange

dem Reisbau erschlossen worden, der an die Bodengütc weniger

Ansprüche stellt und der vor allem innerhalb eines weiten pH-Be-

reichs (4-8) gedeiht (TINARELLI 1973, S. 52).

13) Weitere Regionalbezeichnungen sind: "baragge" (Biellese, Vercellese)

,"vaude" (Canavese), "gerbidi" (Piemont), "groane"

(Milanese), "strepade" (Bergamasco), "campagne" (Bresciano).

Vgl. GRIBAUDI 1971, S. 40 und SESTINI 1973, S. 48.


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- 23 -

2.1.3. Die Alta Pianura der Schwemmfächer

(Eignungsgebiet A2)

Als naturräumliche Einheit zerfällt die Alta Pianura der Schwemmfächer

in eine nördliche, den Alpenbogen begleitende und in eine

südliche, den apenninischen Gebirgsfuß bildende Zone.

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Die nördliche Alta Pianura, die sich zwischen den Alpenflüssen

Dora Riparia (Piemont) und Brenta (Veneto) erstreckt, ist vergleichsweise

breit entwickelt und umfaßt, südlich an die Endmoränen

und Pianalti (Ala und Alb) anschließend, einen 10-30km breiten

Streifen. Größtenteils geht sie ohne merklichen Relief- und

Gefällsunterschied in die Bassa Pianura über. Ihre Begrenzung zur

Bassa Pianura hin ist hydrographisch bestimmt: sie verläuft dort,

wo die ersten Schichtquellen, sogenannte Fontanili, aus dem Grundwasserkörper

der Alta Pianura auf die tieferliegenden, feinkörnigen

Ablagerungen der Bassa Pianura austreten (vgl. Kap. 2.1.4.).

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Die südliche Alta Pianura, die den Gebirgsfußbereich der Emilia

-Romagna, des Alessandrino und Oberpiemonts bildet, nimmt in mehrfacher

Hinsicht eine Sonderstellung ein. Zum einen weist sie eine

sehr viel geringere Breitenentwicklung auf, und dies ganz ausgeprägt

in der Emilia-Romagna (Emilia S-IOkm, Romagna 3-5km). Außerdem

ist der Ferrettisierungsgrad der älteren Pleistozänschotter

am Apenninenrand sehr viel geringer, so daß nicht in dem Ausmaße

wie in der Lombardei agrarische Ungunstgebiete entstanden sind.

Schließlich trägt auch das Fehlen von Schichtquellen (Fontanili)

zur Individualität der apenninischen Alta Pianura bei. Dort gehen

nämlich Alta und Bassa Pianura ohne hydrographische Grenze ineinander

über. Da auch keine Reliefunterschiede zur Grenzziehung

herangezogen werden können, wurde die Grenzlinie zwischen diesen

beiden Naturräumen dort gezogen (Karte 1), wo in der geologischen

Karte die sandig-kiesigen Ablagerungen (alluvioni sabbiosighiaiosi-ciottolosi)

unter den jüngeren, feinkörnigen Alluvionen

141

untertauchen ^.

14) In der Carta Geológica d'Italia 1:100 000 ist dies die Grenze

zwischen dem mittel- bis jungpleistozänen Terrazziano

und dem spät- bis postpleistozänen Recente.


- 24 -

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Standortbedingungen und agrarische Eignung

Am Aufbau der Alta Pianura sind vormehmlich grobschottrige mittel,

bis jungpleistozäne Schwemmfächer beteiligt. Nach Art der TROLL'

sehen Trompetentälchen sind sie im gebirgsnahen Abschnitt der Täler

zunächst noch als schmale Schotterterrassen in die jeweils

älteren Schmelzwasseraufschüttungen eingesenkt, um dann zunehmend

sich verbreiternd eine flach geneigte Ebene, die eigentliche Alta

Pianura, aufzubauen, und um schließlich in typischer Reliefumkehr

-un-te-r—den jüngeren,—fe-tn-kö-rnd-ge-n—Ab-l-agerun-g&n— der -Bassa Pianura -

unterzutauchen. Diese Ineinanderschachtelung und Verzahnung pleistozäner

Schwemmfächergenerationen ist in gleicher Weise für den

Nordteil wie für den Südteil der Poebene charakteristisch.

Insgesamt gesehen sind die natürlichen Standortbedingungen der

Alta Pianura der Schwemmfächer durch

151

hohe Durchlässigkeit des Untergrundes

ungünstige Reliefverhältnisse und

grobkörnige Bodenarten

gekennzeichnet. Die Beschaffenheit des Untergrundes und die der

Böden wird nun weniger von der geschilderten genetischen Zusammengehörigkeit

der Schwemmfächer als von der Korngrößenstruktur

des Aufschüttungsmaterials bestimmt. Entscheidend ist dabei der

hohe Anteil an Kiesen (10-301) und Sanden (30-501), der für die

Durchlässigkeit und edaphische Trockenheit der Schwemmfächer verantwortlich

ist. Besonders hoher Grobgeröll-Anteil kommt in der

Alta Pianura regelhaft dort vor, wo gefällsreiche Alpenflüsse

nicht aus Seen, sondern unmittelbar in die Ebene austreten (Stura

di Lanzo, Dora Baltea, Sesia, Brembo, Serio, Mella, Guä, Astico,

Brenta, Piave)Die edaphisch trockenen Standorte der Alta

Pianura der Schwemmfächer waren naturgemäß altbesiedelt und von

altersher landwirtschaftlich genutzt. Im Anbau spielt traditionsgemäß

der Getreidebau (heute Weizen, früher Dinkel und Gerste)

15) Durchlässigkeitsbeiwert (Permeabilität); 10 - 10 m/s (IAH

1976, S. 26 u. 35).

16) Grobgerölle mit Durchmessern von 10-20cm finden sich im Gebirgsfußbereich

beispielsweise beim Schwemmfächer der ßtura

di Lanzo (Eigene Beobachtung in der Kiesgrube bei Robassomero,

ca. 15km nordwestlich von Turin).


25

eine Hauptrolle; er war früher mit anderen, ebenfalls trockenheitsunempfindlichen

Kulturarten wie Weinrebe, Obst- und Maulbeerbaum

in klassischer Mischkultur vergesellschaftet. Wenn in ausreichendem

Maße bewässert wird, sind die trockenen Schwemmfächer jedoch

auch zum rentablen Mais- und Futterbau (Luzerne, Wiesenkulturen)

geeignet und bei entsprechender Bodenbearbeitung (Verschlämmung)

sogar zum Anbau von Reis.

Ungünstige Reliefverhältnisse für eine Flußwasserbewässerung besitzt

die Alta Pianura der Schwemmfächer aufgrund der gebietsweise

tief eingeschnittenen Täler (vgl. Kap. 2.1.3.1.). Außerdem

stellt die Undurchlässigkeit des Untergrundes ein weiteres Hemmnis

für die Bewässerungswirtschaft dar (vgl. Kap. 3.1.2.).

Die Böden, die sich auf dem Lockergestein der Alta Pianura entwickelt

haben, gehören durchweg den sandig-lehmigen Bodenarten an.

Ihrer Körnung nach, die von Grobsand bis Schluff und Ton reicht,

werden sie gewöhnlich als Terreni sciolti oder dolci (sandige

Lehm- bis lehmige Sandböden mit 20% Grobsand, SOI Feinsand, 20-301

Schluff und bis zu 101 Ton) bezeichnet, bei höherem Anteil an

Feinbestandteilen als Terreni di medio impasto (sandig-tonige

Lehmböden mit 101 Grobsand, 20-301 Feinsand, 30-501 Schluff und

10-201 Ton). (Vgl. Tab. 1). Was die Gründigkeit angeht, so sind

die Böden der Alta Pianura nicht nur in hängiger, sondern auch in

ebener Lage meist nur zwischen 0,3 und 0,7m, seltener bis zu Im

mächtig. Dadurch erschweren sie die maschinelle Bodenbearbeitung

und, weil sie sehr skelettreich sind, auch den Einsatz moderner

Saat- und Erntemaschinen. Trotz ihrer Flachgründigkeit können sie

jedoch noch gut über den Wein- und Obstbau genutzt werden, weil

für die tiefwurzelnden Gehölz- und Baumkulturen (5m und mehr; vgl.

VOGT 1967, S. 50) auch der geröllreiche C-Horizont noch leicht zu

durchdringen ist. Da die Terreni sciolti von Hand leicht bearbeitbar

und locker (sciolto) sind, werden sie bis heute vornehmlich

ackerbaulich genutzt. Bei stärkerer Verlehmung, die nach der Bassa

Pianura hin auftritt, sind sie auch für Dauerwiesen und Futterpflanzen

geeignet. Als Bodentypen treten bei den gemäßigt humiden

bis semiariden Klimaverhältnissen vornehmlich Parabraunerden (Lessivés)

auf, besonders an den stärker beregneten Gebirgsrändern.

In der Bodenkarte von MANCINI (1960) sind sie als Terre brune lis-


26 -

civiate (lessivierte Braunerden) ausgewiesen. Im einzelnen handelt’

es sich jedoch um ein breiteres, von der Herkunft (Westalpen, Ostalpen,

Apennin) und damit von der petrographisch-mineralischen Zusammensetzung

des Ausgangsgesteins beeinflußtes Bodentypenspektrum,

, a -

Auf die regionalen Besonderheiten der Geländegestalt, Untergrund- ,

und Bodenbeschaffenheit wird bei den in den nachfolgenden Kapiteln

2.1.3.1. - 2.1.3.6. untersuchten Eignungsgebieten ausführlicher

_e.ingegaiigen, ______

2.1.3.1. Die piemontesisch-lombardische Alta Pianura

(Eignungsgebiet A2a)

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Die piemontesisch-lombardische Alta Pianura, die von der Dora Riparia

bis zur Adda reicht, unterscheidet sich von den übrigen

Eignungsgebieten der Alta Pianura hauptsächlich durch Geländegestalt

und Bodenbeschaffenheit.

Was die Geländegestalt betrifft, so ist die piemontesisch-lombardische

Schwemmfächerzone vergleichsweise stark geneigt (5-8Ü) und

stark reliefiert, was Flußwasserbewässerung nur in beschränktem

Umfange ermöglicht. Anders als in der Alta Pianura östlich der

Adda (A2b) und am apenninischen Gebirgsfußbereich ist hier die

pleistozäne und postpleistozäne Zertalung der Schwemmfächer (bis

zu 100m) wegen des größeren Gefälles der aus den Westalpen kommenden

wasserreichen Flüsse (Dora Riparia, Stura di Lanzo, Dora

Baltea, Sesia, Tessin) sehr viel intensiver gewesen. Daher ist

das Eignungsgebiet A2a morphologisch keine Ebenheit, sondern ein

stark zertaltes Riedel- und Terrassenland, mit einem zwei- oder

sogar dreigliedrigen Terrassensystem (Tessin bei Varallo Pombia,

Adda bei Paderno). Da die Riedelhochflächen, die Terrassen und die|

grundwasserfeuchten Talauen recht verschiedenartige ökotope darstellen,

läßt sich das kleinräumige Muster der auftretenden Boden

nutzungszweige (Abb. 1 und Karte 6) zum gut Teil auf eben dieses

kleinräumige Fliesengefüge zurückführen; freilich spielen dabei

auch historische Einflüsse und wirtschaftliche Innovationen, wie

etwa beim Reisbau, eine Rolle.

Die Böden gehören ihrer Körnung nach den Terreni sciolti an. Erstaunlicherweise

sind fast nirgendwo Lösse oder Lößlehme zu fin-


- 27 -

den (vgl. Kap. 2.1.3.6.). Die aus Hoch- und Niederterrassenschottern

aufgebauten flachen Riedel tragen vorwiegend Parabraunerden.

Wegen des Ca-armen, quarzitisch-silikatischen Ausgangsmaterials

(Serpentine, Gneise, Granite, Porphyre) und wegen des feuchteren

Regionalklimas (1000-1500mm Jahresniederschlag) sind die Böden

stärker ausgewaschen und lessiviert. Ihre BodenaziditUt schwankt

zwischen pH 4,& und 5,5 (TINARELLI 1973, S. 50). Von Natur aus besitzen

sie daher ein nur geringes pflanzenverfügbares Nährstoffangebot.

Ihre bescheidene natürliche Ertragsleistung macht hohe

Düngergaben erforderlich, wenn anspruchsvollere Kulturarten wie

Weizen und Mais gute Flächenerträge liefern sollen. Selbst der

Reisbau im Alto Vercellese und Novarese, der auf Nährstoffgehalt

und Versauerung der Böden weniger empfindlich reagiert, setzt

starke Düngung voraus, wenn Spitzenerträge erzielt werden sollen.

Grenzertragsböden auf serpentinreichem Ausgangsgestein, die als

Weideland dienen oder nicht mehr der agrarischen Nutzung unterliegen,

finden sich im Turiner Gebiet auf dem Schwemmfächer der

Stura di Lanzo (GRIBAUDI 1971, S. 40); das Ausscheiden derartiger

Böden aus der Produktion hat aber nicht nur naturgeographische

Hintergründe, sondern ist auch mit der starken Expansion des

Turiner Verdichtungsbereichs (Industrie- und Fluggelände, Verkehrsbauten,

Sozialbrache) in Verbindung zu bringen. Dies trifft

in gleicher Weise auch für die Alta Pianura im nördlichen Einzugsbereich

von Mailand zu, wo in dem 10-1Skm von der Kernstadt

entfernten Verdichtungsrandbereich (Karte 3) das Phänomen der Sozialbrache

nicht nur auf schlechteren, teils ferrettisierten Böden

stark um sich gegriffen hat.

2.1.3.2. Die lombardische Alta Pianura (Eignungsgebiet A2b)

Die Alta Pianura zwischen Adda und Mincio besitzt von den Reliefverhältnissen,

vom Bewässerungssystem und, wie in den Kapiteln 3

und 4 aufgezeigt wird, auch von der Agrarstruktur her schon weitaus

mehr den Charakter der Bassa Pianura. Jedoch sind am Aufbau

des Untergrundes örtlich recht grobe Schotter beteiligt, namentlich

zwischen Brembo und Serie und in der Alta Pianura Bresciana

(Campagne Bresciane bei Ghedi, Montichiari und Castenedolo).


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- 28 -

Die pleistozänen Schwemmfächer sind in der lombardischen Alta Pia»-^

nura ausgesprochen flächenhaft ausgebreitet und viel flacher geneigt

(3-5%i) als in Piemont. Sie werden von den nur wenige Meter

eingetieften Flußbetten in einzelne, sanft zum Po hin einfallende

Schotterplatten gegliedert.

Die sanfte Neigung des Geländes und die geringe Eintiefung der |

Flüsse waren ausschlaggebend für die frühzeitige Anlage eines Ka- i

nalbewässerungssystems. Im Unterschied zur piemontesisch-lombar- '

dischen Alta Pianura, die von tiefen Taleinschnitten gegliedert

wird (Dora Baltea 60-70m, Sesia 40-60m, Tessin 60-IOOm, Adda 30 -

80m ), und deshalb nur mit hohem technischen Aufwand (Pumpwerke)

bewässert werden kann, lassen sich die östlich der Adda nur wenige

Meter eingetieften Alpenflüsse (Serio 5-15m, Oglio 5-lOm,

Chiese 5-lOm, Mincio 8-15m) verhältnismäßig einfach für Bewässerungszwecke

ausnutzen, denn unmittelbar nach Ableitung der Hauptkanäle

können diese quer über die Ebene geführt werden. Da kleinere

Flüsse ganz zu Bewässerungskanälen ausgebaut sind, werden

sie nach dem gleichnamigen Fluß lokal als "serióle" bezeichnet

(SESTINI 1963, S. 57).

Dem Untergrund entsprechend sind sandig-lehmige Bodenarten vorherrschend

(Terreni sciolti) , die gebietsweise stark steindurchsetzt

sind. Bodentypologisch handelt es sich um Parabraunerden,

die aber insgesamt höhere Karbonatgehalte besitzen als in Piemont,

was auf die Herkunft des Aufschüttungsmaterials und auf

das trockenere Regionalklima zurückzuführen ist. Die geringe bis

mittelmäßige natürliche Fruchtbarkeit der Böden wird heute durch

Düngung und Bewässerung weitgehend kompensiert.

2.1.3.3. Die venetische Alta Pianura (Eignungsgebiet A2c)

Zwischen Mincio und Piave ist die Alta Pianura kaum mehr als 10 -

15 km breit. Aus ihr erheben sich südlich von Vicenza, bis zu 400n|

über die Ebene aufragend, die kalkigen und vulkanischen Monti Be-

rici (Monte Alto 444m), die zusammen mit den trachytischen Vulkankuppen

der Colli Euganei (Monte Venda 602m), südwestlich von Pa-

dova, eine natürliche Abriegelung zum venetisch-friaulischdn Teil

der Poebene bilden.


- 29 -

Am Aufbau der schwach geneigten (2-4%») venetischen Alta Pianura

sind vornehmlich grobe, häufig durch CaCO^ zu Konglomeraten verbackene

Schotter und Sande beteiligt. Zu der edaphischen Trockenheit

der Schwemmfächer kommt hier ein stark sommertrockenes Regionalklima

(vgl. Kap. 2.2.4.), so daß für den Wein- und Obstbau

in der heißen Jahreszeit fast schon zu trockene, aber wegen der

milden Winter insgesamt recht günstige Anbaubedingungen herrschen.

Hinsichtlich der natürlichen Bewässerungsmöglichkeiten ist entscheidend,

daß die Flüsse (Etsch, Guä, Orolo, Astico, Brenta,

Piave), die bei Eintritt in die Ebene mit ihren breiten Schottersohlen

nur 10-15m eingetieft sind, aus den Ostalpen kommend im

Sommer wenig Wasser führen, also Torrentencharakter besitzen (z.B.

T. Guä, T. Astico). Da die Flüsse auf ihrem 10-20km langen Lauf in

durchlässigen Schotterbetten außerdem mit beträchtlichen Wassermengen

' den Grundwasserkörper speisen, ist die Flußwasserbewässerung

nur in beschränktem Umfange möglich.

Die Böden gehören auch hier dem Typus der Terreni sciolti an. Aufgrund

des kalkreichen Untergrundes und des semiariden Klimas sind

hauptsächlich Geröll-Pararendzinen und schwach entkalkte Parabraunerden

verbreitet, die beide gut wein- und obstbaulich genutzt

werden können; ertragreiche Mais- und Futterbaustandorte geben sie

jedoch nur bei zusätzlicher Bewässerung ab.

2.1.3.4. Die emilianisch-romagnolische Alta Pianura

(Eignungsgebiet A2d)

Der Apenninenrand wird vom Hügelland des Oltrepö Pavese, westlich

von Piacenza, bis zu den Gebirgsausläufern bei Forli und Cesena

von einer schmalen, 3-10km breiten Schwemmfächerzone begleitet. In

der Romagna läßt sich diese annähernd durch den V^erlauf der Via

Emilia zur Bassa Pianura hin abgrenzen, während sie in der Emilia

schon 4-5km südlich der genannten ehemaligen Römerstraße unter den

jüngeren, feinkörnigeren Ablagerungen der Bassa Pianura untertaucht

.

17) Brenta mit 1/3 ihrer Gesamtabflußmenge (30-60 m^/s), kleinere

Flüsse mit nahezu ihrer gesamten Wassermenge (IAH 1976, S. 37)


- 30

Die Standortverhältnisse der stark geneigten (10-15%i) emilianisch

-romagnolischen Alta Pianura, die 10-20m tief von Torrenten (Trebbia,

Taro, Enza, Secchia, Panaro, Reno, Idice, Sillaro, Lamone)

zerschnitten ist, werden von einem vorwiegend aus Sanden und mittleren

bis feinen Geröllen aufgebauten Untergrund bestimmt. Da dieser

lokal (Mantovano-Reggiano) Zwischenlagen aus abdichtenden Tonen

und Ton-Mudden besitzt (IAH 1976, S. 40), die bei der Entstehung

artesischen Grundwassers eine Rolle spielen, stellt er ein

für die Grundwasserförderung wichtiges Aquifer dar (vgl. Kap. _

3.1.4.).

Aufgrund der geringen Wasserführung der im Sommer mit verwilderten

Stromrinnen austrocknenden Apenninentorrenten sind die Bewässerungsraöglichkeiten

mit Flußwasser stark eingeschränkt. Da die Flut

Wasserbewässerung den ganzen Sommer über in Frage gestellt ist

(vgl. Abb. 6), sind Grundwasserentnahmen, selbst aus tiefliegenden

Aquiferen der Quartär- und Pliozänablagerungen, für die Bewässerung

von großer Bedeutung.

Die sandig-lehmigen Terreni sciolti sind im Gebirgsfußbereich geröllreich.

Bodentypologisch handelt es sich um Parabraunerden, die

dem Ausgangsmaterial entsprechend sehr kalkreich, aber wegen des

semiariden Regionalklimas äußerst trocken sind. Dementsprechend

konzentrierte sich die Bodennutzung jahrhundertelang auf den Getreide-

und Weinbau, der teilweise noch in Mischkultur vergesellschaftet

ist (vgl. 3.2.4.). Bei Bewässerung ist auch der Mais- und

Futterbau sowie der Anbau von Spezialkulturen möglich (Tomate im

Alto Piacentino, Tafelobst in der Alta Pianura Reggiana und Romagnola).

2.1.3.5. Die alessandrische Alta Pianura (Eignungsgebiet A2e)

In der Bucht von Alessandria wird nur der südliche und westliche

Teil von grobschottrigen Schwemmfächern eingenommen.

Bemerkenswert ist das Fehlen eines breiteren Schwemmkegelsaumei

zwischen Tortona und Stradella, also am rechten Talhang, dem

Prallhang der Scrivia. Auch am Fuß der Turiner Hügel, zwischen

der Tanaromündung und Turin, fehlt eine Alta Pianura, denn dort

hat der weit nach Süden abgedrängte Po die Bildung eines zu-


Die von den Torrenten Scrivia, Orba, Bormida und Tanaro aufgeschütteten

Schwemmfächer werden in der alessandrischen Alta Pianura von

einem radial angelegten Flußsystem in einzelne niedrige Riedel zerlegt,

die ökologisch klar gegen die Talauen der Flüsse abgesetzt

sind.

Im Gegensatz zu den feuchten und nährstoffreichen Alluvialböden

der Talauen finden sich auf den Schwemmfächerrücken eigenartig rötlich

bis rotbraun gefärbte Lehmböden. Es handelt sich dabei trotz

des kalkig-mergeligen Ausgangsmaterials nicht um eine typische

Terra rossa, sondern um einen Bodentyp, der zu den Kalksteinbraunlehmen

(Terrae fuscae) oder nach MANCINI (1960) zu den Parabraun-

erden zu stellen ist

- 31 -

. Die tonreichen dichten Lehmböden der

Schwemmfächerrücken sind agrarisch über den Weizenanbau und bei Bewässerung

auch über den Mais- und Zuckerrübenanbau gut nutzbar. In

hängiger Lage, wo sie überwiegend dem Weinbau Vorbehalten sind,

werden sie jedoch leicht erodiert und neigen aufgrund ihrer Plastizität

schon bei mittlerer Hangneigung zu Abschwemmung und Franebildung,

wie es sich in katastrophalem Ausmaße im Herbst 1977 nach

191

den heftigen Oktoberregen gezeigt hat \

2.1.3.6. Die oberpiemontesische Alta Pianura

(Eignungsgebiet A2f)

In dem engen Aufschüttungsbecken Oberpiemonts nimmt die Alta Pianura

einen verhältnismäßig breiten Raum ein. Schwemmfächer verschiedener

Schüttungsrichtung bauen hier eine 10-15km breite, sanft

geneigte (5-12%i) Schotterebene auf, die hufeisenförmig der Gebirgsumrahmung

folgt.

18) Die rote Farbe ist wie bei der Terra rossa auf Beimengungen der

bei der Verwitterung kalkig-mergeliger Aufschüttungen entstehenden,

rot- und braunfärbenden Fe(III)-Oxide Hämatit (Fe203)

und Goethit (FeOOH) zurückzuführen.

19) Im ligurisch-piemontesischen Apennin fielen in der Zeit vom 6.

bis 8. Oktober 1977 durchschnittlich 224mm Niederschläge pro

Tag, wodurch heftige, mit erheblichen Ernteverlusten verbundene

Frane ausgelöst wurden, die in der Landwirtschaft einen Schaden

von 5-6 Mrd. Lire angerichtet haben (Pressebericht in La

Stampa vom 11. 10, 1977).


- 32 -

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Dem Liefergebiet entsprechend lassen sich Aufschüttungen apenninischer

und alpiner Herkunft unterscheiden:

1 Die vorwiegend aus Sanden, Schluffen und Tonen bestehenden Aufschüttungen

im Ostteil Oberpiemonts, zwischen dem tertiären Hü-1

gelland Monferrato-Langhe und dem Po. Sie tragen kalkreiche,

lehmige Böden, auf denen Getreide und Hülsenfrüchte bevorzugt

angebaut werden.

Die aus groben und feinen Gerollen und Sanden zusammengesetzten

-Ab-La-gerungen im w-es-tli-ch.eji_Qherpiemont, welche die Alta Pianuxa.

zwischen dem Alpenrand und den Flüssen Maira-Po und Dora Riparia

aufbauen. Auf ihnen haben sich sandige und geröllreiche

Lehmböden entwickelt, die für den Weinbau und bei Bewässerung

auch für Obstkulturen (Kirsche, Pfirsich^ geeignet sind. Die

ertragreichsten Böden der oberpiemontesischen Ebene finden sicli

im Pinerolese, weil dort das Ausgangsgestein neben quarzitisch

-silikatischen auch karbonatische Komponenten enthält (GRIBAIJDI

1971, S. 40).

Eine Besonderheit stellt westlich von Turin das Lößvorkommen dar.

Es umfaßt das Gebiet zwischen dem Fluß Sangone und der Staatsstras/

se Nr. 25 von Turin nach Rivoli, wo die fruchtbaren Lößböden über

den Ackerfutterbau genutzt werden. Nach MENSCHING (1954, S, 29)

ist es das einzige größere Lößvorkommen des südlichen alpinen Glet

schervorlandes. Erstaunlicherweise sind heute die höhergelegenen

Terrassen und Riedelhochflächen der Poebene durchweg lößfrei. Die

lückige Verbreitung von Lössen und Lößlehmen in der Poebene ist

nur durch heftige postglaziale Denudationsprozesse zu erklären

(HABBE 1969, S. 113f.). Diese sind, wie bei der Auelehm-Sedimentation

Mitteleuropas (vgl. ZEESE 1971, S. 60f.), als eine Folge vorgeschichtlicher

Entwaldung anzusehen.

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2.1.4. Grenze zwischen Alta und Bassa Pianura; Fontanili-Zone

Für die Abgrenzung der Alta gegen die Bassa Pianura kann eine hydrographische

Erscheinung herangezogen werden, die geeignet ist,

die Hauptunterschiede in der Untergrundbeschaffenheit und damit

die wesentlichsten Standortunterschiede anzuzeigen: die Quellenzone

der sogenannten Fontanili. Da es sieh beim Übergang vop der

Alta zur Bassa Pianura in Wirklichkeit um einen typischen Grenz­

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- 33 -

säum handelt, wird gewöhnlich die durch die obersten Quellaustritte

der Fontanili markierte Linie als Grenzlinie zwischen den beiden

Naturräumen festgesetzt (GRIBAUDI 1960, S, 67£., LEHMANN 1961,

S. 95, PRACCHI 1960, S. 93, SESTINI 1963, S. 56).

Die Fontanili sind ihrer Art nach Schichtquellen, die aus dem

Grundwasserkörper der Alta Pianura auf den lehmig-tonigen Ablagerungen

der Bassa Pianura zutage treten. Sie werden vornehmlich von

Niederschlägen gespeist, die in den durchlässigen Schottern der

Alta Pianura versickern und Grundwasserströme zur Bassa Pianura hin

bilden. Daneben spielt bei der Grundwasserneubildung auch das von

durchlässigen Flußbetten und Bewässerungskanälen her infiltrierende

Flußwasser eine Rolle, besonders östlich des Tessin (IAH 1976,

S. 29 u. 37) .

Die Fontanili-Zone, welche die nördliche Alta Pianura von Oberpiemont

bis Friaul begleitet, ist sehr unterschiedlich breit entwickelt

:

- In der oberpiemontesischen Ebene ist sie recht schmal und dazuhin

nicht kontinuierlich ausgebildet, und die in kleineren

Quellzonen austretenden Fontanili sind nur im Bereich der groben

Schotter alpiner Schwemmfächer verbreitet (vgl. GRIBAUDI

1960, S. 88 u. 107f.).

- Zwischen Dora Baltea und Adda erreicht sie mit 15-30km Breite

ihre größte Ausdehnung, und die zahlreichen Quellen sind dort

sehr ergiebig (im Gebiet zwischen Dora Baltea und Sesia 3621

Liter pro Sekunde; MONTI 1978, S. 86).

- östlich der Adda wird sie zunehmend schmaler (Milanese: 13km,

Mantovano/Goito: 3km) und setzt in der Nähe der Monti Bdrici

und Colli Euganei sogar ganz aus, um dann erst wieder in der

venetisch-friaulischen Ebene als breiteres Quellenband zu erscheinen

(PRACCHI 1960, S. 134).

- Entlang des gesamten Apenninenrandes, in der Emilia-Romagna,

in der Ebene von Alessandria und im östlichen Piemont, streichen

dagegen die grundwasserführenden Schichten nicht mehr

oberflächlich aus, und es treten dort nur sehr vereinzelt

Schichtquellen zutage (TOSCHI 1961, S. 96). Da aber dort abdichtende

Tonschichten zur Bildung von gespanntem Grundwasser

führen, welches in der Emilia (Modenese) ursprünglich schon in


- 34 -

!

geringer Tiefe zu finden war, konnte dieses durch artesische

Brunnen leicht erschlossen werden (vgl. Kap. 3.1.4.).

Daß die Fontanili-Zone so wechselnd breit und auf der apenninischei

Seite überhaupt nicht entwickelt ist, hat lithostratigraphische Ui'

Sachen, die primär mit der Herkunft des Aufschüttungsmaterials unj;

nur lokal mit der Tiefenfaltung (Ferrara-Antikline) in der Poebenep

in Zusammenhang stehen. |

Profile von Brunnenbohrungen haben gezeigt, daß die Schwemm£ä'|

eher hydrologisch bedeutsame fazielle Differenzierungen auf-_

---- wersem.“ Bers^ie^lsweise slnd’^ t e apenninischen Schwemmfäeher

sehr heterogen aufgebaut, und in den bis zu 2000m (Romagna)

mächtigen Pleistozänablagerungen sind aufgrund zwischengelaget

ter Tonschichten mehrere, lokal in sehr verschiedener Tiefe

auftretende Grundwasserstockwerke ausgebildet, die aber nicht

oberflächlich ausstreichen.

Bei Bergamo sollen Grundwasserstockwerke in 41m, 56m und 100m

Tiefe vorhanden sein (LEHMANN 1961, S. 109 u. IAH 1976, S. 23)

Jedoch sind meist nur die obersten Stockwerke an der Speisung

der Fontanili beteiligt. Aquifere, die in der Alta Pianura in

mehr als 30m Tiefe liegen, streichen in der Regel nicht aus

und können nur durch Bohrbrunnen zur Trink- und Brauchwasserversorgung

genutzt werden.

Agrarische Nutzung der Fontanili

Die Grundwasseraustritte der Fontanili werden in der Lombardei und

in Piemont seit Jahrhunderten in kleinen rundlichen Quellteichen

(teste di fontanile) gefaßt und zur Bewässerung genutzt. Die Fassung

der Quellen geschieht seit jeher mit Hilfe von tiefeingesenk

ten Röhren, was neben der Bewässerung auch der Absenkung des Grund

Wasserspiegels und damit der Drainage dient (vgl. Kap. 2.1.5.).

Die Bezeichnung der Fontanili ist regional verschieden. Dem

Landvolk sind die Quellen meist unter Lokalnamen bekannt, wie

"resorgive" oder "risorgive" (Lombardei), "resultive" (Veneto)

"fontane" oder "fontanone" (Cremonese) und "fontanazz"(Emilia)

Seit ’der Nachkriegszeit ist ein beachtlicher Rückgang in der Anzahl

wasserspendender Fontanili eingetreten. Das signifikanteste

Beispiel hierfür ist die Provinz Mailand, in der seit 1945 ein

Rückgang von rund 501 zu verzeichnen ist 20) Der Grund für das

20) Im Zeitraum 1920-1942 versiegten 750 Fontanili, in den Jahren

nach 1970 etwa 400 Quellen (Amministrazione provinciale di

Milano: Indagine sulle zone umide in provincia di Milano.

I Fontanili, o.J.).


- 35 -

Versiegen zahlreicher Fontanili ist zum einen in der flächenhaften

Bebauung der stark Industrialisierten lombardischen Alta Pianura

zu suchen, zum andern in den enormen Grundwasserentnahmen der Verdichtungsräume

(150 000 m^ pro Hektar im Jahr innerhalb der Stadtgemeinde

Mailand; IAH 1976, S, 29). Die beängstigende Absenkung

des Grundwasserspiegels (0,1-1m pro Jahr), die mit dem Verschwinden

zahlreicher Fontanili verbunden ist, gefährdet zusammen mit dem

chemisch verunreinigten Flußwasser (Lambro, Seveso, Lura, Olona)

die Bewässerung des traditionellen Reis- und Futterbaugebietes im

Basso Milanese und im Lodigiano.

2.1.5. Die Bassa Pianura der feinkörnigen Schwemmfächerzungen

(Eignungsgebiet Bl)

An die nördliche und südliche Alta Pianura (A2a-A2f) schließen zum

Po hin die immer feinkörniger werden Ablagerungen der Bassa Pianura

an. Sie sind so flach ausgebreitet, daß sie morphologisch eine

vollkommene Ebenheit bilden.

In Piemont nehmen die feinkörnigen Schwemmfächerzungen der Bassa

Pianura den gesamten tiefergelegenen Zentralteil ein. Anders in der

Lombardei und der Emilia, wo entlang des Po ein alluvialer Schwemmlandstreifen

(B2) entwickelt ist, der die eigentliche Bassa Pianura

(Bl) in zwei 25-30km breite Teilzonen gliedert. Diese Teilzonen

laufen in der östlichen Poebene weit auseinander, und die feinkörnigen

Schwemmfächerzungen der Bassa Pianura, die das ostpadanische

Tieflandsdreieck umrahmen, verlieren sich allmählich in dessen

nördlicher und südlicher Randzone (CI), die von DONGUS (1966, S.

16ff. u. 29f.) als "Feuchte Ebene von Padua-Verona" und "Feuchte

Romagna" bezeichnet werden.

Morphogenetisch betrachtet können die feinkörnigen Ablagerungen der

Bassa Pianura als die "auslaufenden. Schleppen" (LEHMANN 1961. S.95)

spät- bis postglazialer Schwemmfächer aufgefaßt werden. Da s. ausgedehnte,

von Flüssen zerschnittene Niederterrassenfelder aufbauen,

wird die Ebene der feinkörnigen Schwemmfächerzungen von SESTINI

(1963, S. 59) als "piano generale terrazzato" bezeichnet; die den

Po begleitende Schwemmlandzone junger Flußlaufverlegungen, die eine

Standortseinheit (B2) für sich bildet, wird "piano di divagazione"

genannt.


- 36 -

j ■; : i

Da die Bassa Pianura der feinkörnigen Schwemnifächerzungen in Bezug

auf Untergrundbeschaffenheit und Böden weitgehend homogen ist,

macht die Untersuchung der Standortbedingungen und agrarischen

Eignung keine weitere regionale Differenzierung erforderlich, wie;

im Falle der Alta Pianura (A2a-A2f).

Standortbedingungen

In der Bassa Pianura ist die ursprüngliche Natur durch den gestal«

-ten de n— E in fl u ß_des Menschen sehr na c h h^J;_i g ve r^ 4 ® ^ t worden. D i w

gilt ganz besonders für die eigenartige hydrographische Situation,

die bestimmend für die größtenteils recht späte kulturlandschaftliche

Entwicklung der Bassa Pianura gewesen ist (vgl. Kap. 3.2.3.)

und die in früherer Zeit die agrarischen Nutzungsmöglichkeiten ei«,

geschränkt hat.

■S|

Drei Faktoren sind es, welche die hydrographische Situation der

Bassa Pianura von Natur aus beeinflussen:

1. Das stagnierende Niederschlagswasser, das bei dem insgesamt undurchlässigen,

vorwiegend aus Schluffen und Lehmen bestehenden

Untergrund jahreszeitlich zu starker Staunässebildung führt.

2. Die Grundwasseraustritte der Fontanili, die in der Bassa Pianura

vormals kleinere Versumpfungszonen entstehen ließen, welche

heute zwar kultiviert sind, aber etwa in der südlichen Ebene

von Bergamo und Brescia noch bis in unsere Zeit hinein bestanden

(Martinengo-Crema, Lograto-Capriano und Ghedi-Calvisano).

3. Der ungleichmäßige und schwer unter Kontrolle zu haltende Abfluß

des Oberflächenwassers in den äußerst gefällsarmen (1-3%o),

zeitweilig zu unbändigen Strömen anschwellenden Alpenflüssen

und Apenninentorrenten.

Die während der Frühjahrs- und Herbstregen auftretende Staunässe

macht sich bei feinkörnigen Böden, die der ackerbaulichen Nutzung

unterliegen, sehr nachteilig bemerkbar. Man begegnet der Staunässebildung

heute durch ein oberirdisches Drainage-System, Furchen,

die vor Beginn der Regenperiode angelegt werden.

■ü II

.¡¡n

Die Meliorierung der Fontanili-Zone hat man durch Grundwasserabsenkung

mit Hilfe von Drainage-Röhren erreicht. Dadurch wurden die

Böden der Grundwasserbeeinflussung entzogen und können heute sogar

ackerbaulich genutzt werden.


- 37 -

Ein Hauptproblem stellt bis heute der Abfluß des Oberflächenwassers

dar, besonders in der venetischen und emilianisch-romagnolischen

Bassa Pianura, weil dort die Flüsse bald nach Eintritt in die Ebene

Dammflußcharakter annehmen (Etsch, Brenta, Reno, Panaro u.a.) und

früher häufig zu Laufverlegungen neigten.

Flußlaufverlegungen sind vor allem von Mincio, Etsch, Brenta

und Piave bekannt. So floß die Etsch noch in römischer Zeit

von Ronco all'Adige (20km südöstlich von Verona) zum Südrand

der Colli Euganei und mündete bei Brondolo-Chioggia, also im

Bereich des heutigen Brenta-Deltas, in die Adria; der kanalisierte

Frassine folgt teilweise diesem alten Etsch-Lauf (CAN­

DIDA 1972, S, 55).

Durch Deichbrüche (950 bei Radia Polesine und 1438 bei Malopera

und Castagnaro) verlegte die Etsch ihre Hauptabflußadern

zeitweilig sehr weit nach Süden; alte Abflußadern der Etsch

werden heute vom Naviglio Adigetto und vom Canal Bianco (kanalisierter

Tartaro-Unterlauf) benutzt (CANDIDA 1972, S. 55 und

DONGUS 1966, S. 96).

Die mit den Flußlaufverlegungen verbundenen Hochwasserüberschwemmungen

erfaßten oftmals das schon in Kultur genommene Land, ausgedehnte

Rückstausümpfe und Sandaufschüttungen hinterlassend. Die

Sümpfe (acquitrini, paludi, valli), die in Resten bis in das 20.

Jh. hinein existierten, waren in größerer Ausdehnung in der Ost-

padania (Valli dolci;

Bignungsgebietes CI), in kleinerem Umfange

aber auch in der Bassa Pianura der Lombardei anzutreffen. Letzteres

beispielsweise im Aufschüttungsbereich von Adda, Brembo und Serio,

wo der Lago Gerundo

von Rivolta bis Castiglione d'Adda gereicht

und bis ins 13. oder 14. Jh. bestanden haben soll. Ein weiteres

Beispiel sind die Seen von Mantova (Lago Inferiore, Lago

Superiore). (Vgl. PRACCHI 1960, S. 421f. u. S. 522).

Agrarische Eignung

Die großräumige Inkulturnahme der bis in die Neuzeit hinein lückenhaft

besiedelten und in Wert gesetzten Bassa Pianura setzte umfangreiche

Meliorierungsmaßnahmen voraus: Drainage, Einrichtung eines

Be- und Entwässerungssystems, Fassung der Fontanili, Abflußregulierung

durch Flußlaufbegradigungen, Befestigung und Erhöhung der

Dammufer und in neuerer Zeit auch die chemische und mechanische

Bodenmelioration. Durch diese Maßnahmen wurden die ehemaligen Ungunstgebiete

in jahrhundertelanger Arbeit zu wertvollem Kulturland

uragewandelt, das heute vorzüglich zur Grünlandnutzung und zum


ni

- 38

Ackerfutterbau geeignet ist. Demgegenüber konnten bis ins 16. ung

17. Jh. hinein große Teile der Bassa Pianura nur sehr extensiv 5,

nutzt werden, über Dauerwiesen und über den Dauerreisbau, der in

den Sumpfgebieten seine anfängliche Verbreitung fand.

;-1 :

Heute stellt die Bassa Pianura ein landwirtschaftliches Vorrangjj!

biet dar 21) welches überragende Bedeutung für Italien besitzt u|

welches zweifellos zu den fortschrittlichsten Agrarregionen der]

gehört. Was die Bassa Pianura als Vorranggebiet auszeichnet, sini

-S-tando-r-t-f ak-to-ren-r-d'i-e— fü-r— e-i-ne—mo demeT— r en"tab-l-e-L andb ew i r t s chiTfl

tung geeignet sind. Gemeint sind hier zunächst noch nicht die gU'

ten sozio-ökonomischen Produktionsbedingungen, sondern die sehr

günstigen physisch-geographischen Standortfaktoren. Sie sollen i

Nachfolgenden analysiert werden:

a) Relief- und Neigungsverhältnisse

Das nahezu unbewegte Relief der aus flachen Schwemmfächerzungen

aufgebauten Bassa Pianura und die sehr geringe Neigung (1-3fe) bii

ten von Natur aus eine ausgezeichnete Grundlage für eine gänzlicl

mechanisierte Bodennutzung und für moderne Produktionstechniken,

Es ist einleuchtend, daß derartige Geländeverhältnisse auch für

eine großzügige Flur- und Besitzaufteilung (Kap. 3.3.2. u. 3.4.1,|

sowie für die Errichtung eines weiträumigen Kanalbewässerungssy

Sterns (Kap. 3.1.2.) sehr vorteilhaft waren.

b) Hydrographie

So nachteilig sich in der Zeit vor den großangelegten Urbarmachungsarbeiten

die hydrographische Situation der Bassa Pianura

die Agrar- und Kulturlandschaft ausgewirkt hat, so vorteilhaft li

sich heute der große Wasserreichtum für die Bewässerung ausnutzei

Fontanili und das günstige Abflußregime der aus den Westalpen koi

menden Flüsse, mit reichlichem Wasserangebot im Sommer, eröffnen

die für eine gewinnorientiertfe Agrarproduktion wichtigen Bewässe

rungsmöglichkeiten.

c) Böden

Die von ihrer Korngrößenstruktur her ertragsfähigen Böden der Bas

sa Pianura sind sehr vielseitig nutzbar, vor allem wenn bewässert

21) Zum Begriff siehe Akademie f.Raumf.u.Landesplanung 1976,S,68


- 39 -

und gegebenenfalls drainiert wird. Sie werden von MANCINI (1960)

lediglich nach ihrem geologischen Alter, ohne Berücksichtigung weiterer

Bodeneigenschaften, als Alluvialböden eingestuft. Zur Beurteilung

der agrarischen Eignung sollen sie jedoch hier auch nach

Körnungsklassen und Chemismus untersucht werden (vgl. Tab. 1).

Sandige Böden, die als Terreni sciolti und bei höherem Sandanteil

als Terreni sabbiosi bezeichnet werden, treten nur isoliert im Bereich

rezenter bis subrezenter Flußaufschüttungen auf. Sie sind bei

ausgiebiger Bewässerung und Düngung durchaus ertragsfähig und eignen

sich hervorragend zum Feldgemüsebau und zur gärtnerischen Nutzung

(Bassa Pianura Piacentina und Pármense).

Sandig-tonige Lehmböden (terreni di medio impasto) sind die typischen

Böden der Bassa Pianura. Ihr ausgewogener Sand- und Schluffanteil

(jeweils etwa 501; Tab. 1) ist der Grund dafür, daß sie

recht gute chemische und physikalische Eigenschaften in sich vereinen.

Die dichtere Körnung ist namentlich für die Überflutung von

Reisfeldern bedeutsam. Der feinkörnigen Bodenstruktur verdanken die

Terreni di medio impasto außerdem ihre hohe natürliche Fruchtbarkeit

und ihre ausgeglichenen Feuchtigkeitsverhältnisse. Von Natur

aus sind sie als Grünlandstandorte am besten geeignet, doch lassen

sie sich recht vielseitig nutzen, so etwa über den Mais-, Weizenund

Zuckerrübenanbau.

Die sogenannten Reiskulturböden oder Paddy Solls der padanischen

Reisbaugebiete verdienen besonderes Interesse. Es sind durch die

Dauer-Intensivnutzung stark anthropogen beeinflußte Böden. Zum einen

betrifft dies die Gefügeänderung durch die spezielle Bodenbearbeitung,

die Verschlämmung. Zum andern treten aufgrund der monatelangen

Wasserüberstauung spezifische Veränderungen im Chemismus

dieser Böden ein, ähnlich wie bei grundwasserbeeinflußten Gleyböden

(vgl. Abb. 2).

Was die bio-chemischen Veränderungen angeht, so stellen sich bei

den Reiskulturböden schon kurze Zeit nach der Wasserüberstauung

anaerobe und damit reduzierende Bedingungen ein. Lediglich bei den

obersten 2-3mm des Bodenprofils handelt es sich wegen des sauerstoffreichen

Irrigationswassers um einen Oxydationshorizont (strato


40 -

ossidato; TINARELLI 1973, S. 47). Darunter werden in dem bis

0,6m mächtigen Reduktionshorizont (strato ridotto) Eisen- (Fe )

und Mangan- (Mn^^) Verbindungen und die im Hinblick auf die Nähr«

Stoffversorgung der Pflanzen wichtigen Nitrat- (NO^ ) und Sulfat«i

(SO. ) Ionen bakteriell reduziert. Dabei entstehen hohe und des- f

^ 2 + 2 + IS

halb pflanzenschädliche Fe - und Mn -Konzentrationen in der B|

denlösung, toxisch wirkendes Stickstoffdioxid (NO^) und giftiger

Schwefelwasserstoff (H2S), der schon in geringer Konzentration

(0,1mg H2S pro Liter) gefährlich für die Reispflanzen ist. Bei dej

"R'Müktibh von Sulfaten und Eisenoxiden bilden sich neben Schwefel

Wasserstoff, der zum Teil gasförmig entweicht, schwerlösliche Eisen-

und Mangansulfide (FeS, MnS), die den Boden blaugrau bis

schwarzgrau färben.

Da bei der unter Luftabschluß bakteriell erfolgenden Nitratreduktion

(Denitrifizierung)^^^ elementarer Stickstoff (N2) gasförmig

entweicht, verarmen die Reiskulturböden schon kurze Zeit nach der

Überflutung an pflanzenverfügbarem Stickstoff (Nitrat-(NOj )Ionen

was ihre Ertragsfähigkeit erheblich mindert. Der Stickstoffverlust

kann jedoch im reduzierenden Milieu nicht allein durch stick

stoffhaltige Düngemittel (Kalkammonsalpeter NH4NO3 + CaCO^ ; Kalk

Stickstoff Ca(N03)2 ; Stallmist u.a. organische Stickstoffdünger)

ausgeglichen werden. Vielmehr muß mit speziellen Chemikalien (Nitrifizierungsverzögerern)

schon die Nitrifizierung der im Boden

vorhandenen bzw. zugeführten Stickstoffsubstanz (NH^^) verzögert

werden (TINARELLI 1973, S. 71). Davon abgesehen kann der Stickstoffverlust

der überfluteten Reiskulturböden auch durch Rotation

mit Trockenkulturen (v.a. Leguminosen) wieder aufgebessert werden

Keine nachteilige pflanzenphysiologische Wirkung hat der durch diel

Überflutung bedingte pH-Anstieg der Böden, zumal die Reispflanzenp

innerhalb eines weiten pH-Bereiches (4-8) gedeihen. Auch wirken

sich

die unter anaeroben Verhältnissen erhöhte Löslichkeit dei

Phosphate und Karbonate und die ansteigende Kieselsäurekonzentra- I

tion (1128104) sogar günstig auf die Nährstoffversorgung der Reispflanzen

aus (TINARELLI 1973, S. 72).

22) Zur Stickstoff-Umwandlung unter anaeroben Verhältnissen (Denitrifizierung)

siehe SCHEFFER-SCHACHTSCHABEL 1976, S. 228f.


- 41


- 42 -

2.1.6. Der Schwemmlandstreifen der Bassa Pianura

(Eignungsgebiet B2)

Entlang des Po, aber auch am Unterlauf seiner Hauptzuflüsse (Tes'¡

i

sin, Adda, Oglio, Mincio) erstreckt sich eine Schwemmlandzone (piaj

no di divagazione; vgl. Kap. 2.1.5.), die nur 8-10m tiefer als di«

eigentliche Bassa Pianura (Bl) liegt und gegen diese durch eine

deutlich Geländestufe abgesetzt ist. In Piemont, wo sich der

Schwemmlandstreifen der Bassa Pianura mit dem Zustrom der wasser-

-reichen Dora Baltea und^es-ta—und— des— s-ta-nk— sehweb führenden Tanarj

allmählich einzustellen beginnt, ist er kaum 2km breit. In der

Lombardei verbreitert er sich dann auf etwa 10km und geht im Basso

Mantovano in das ostpadanische Tieflandsdreieck über, wo ihm das

Eignungsgebiet CI naturökologisch am ehesten entspricht.

Standortbedingungen

Der Schwemmlandstreifen der Bassa Pianura ist der ursprüngliche

Aufschlickungs- und Oberflutungsbereich des Po und seiner Zuflüsse

Als mäandrierender, gefällsarmer Tieflandsstrom lagert der Po

ständig Schwebstoffe und Sand ab, erhöht dadurch sein Bett und

schlickt breite Uferdämme auf, über die er bei jedem Hochwasser

auszubrechen droht. Dammflußcharakter besitzen im Unterlauf

auch seine Hauptnebenflüsse, die aufgrund der starken Akkumulation

eine typische Verschleppung ihrer Mündungen aufweisen

(Adda, Oglio, Mincio; Parma, Enza, Secchia). Etsch und Reno

erreichen sogar den heutigen Hauptarm des Po nicht mehr und

münden direkt ins Meer.

Die Standortverhältnisse werden von rezenten bis subrezenten

Schwemmlandbildungen bestimmt, von sandig-lehmigen Flußdämmen einerseits

und von tiefergelegenem Schwemmland andererseits.

Die sandig-lehmigen Flußdämme, die das Schwemmland um 5-10m überragen

und die ihre Entstehung den wiederholten Verlagerungen der

Stromrinnen verdanken, sind seit alters die Siedlungs- und Verkehrsträger

und waren früher die einzigen hochwassersicheren Nutzflächen.

Da das tieferliegende Schwemmland in römischer Zeit noch

weithin unkultiviert und versumpft war (SERENI 1974, S. 49 und

llOff.), begünstigten die Flußdämme den Durchgangsverkehr und die

Anlage von Flußuferstädten (Pavia, Piacenza, Cremona).

Das eigentliche Schwemmland war vor seiner Meliorierung von zahllosen

Hochwasserüberschwemmungen betroffen, die Schlammabsätze und


- 43 -

Sandaufschüttungen und wegen des schlechten Abflusses des Grundwassers

weite Sumpfgebiete hinterließen. Daneben existierten zahlreiche

kleinere Dammuferseen (z.B. bis 1935 der Lago di Meleti im

Basso Lodigiano) sowie Altwasserarme (raortizze, lanche), deren

Verlauf vom heutigen Netz der älteren Be- und Entwässerungskanäle

deutlich nachgezeichnet wird. Die vollständige Inkulturnahme des

Schwemmlandes erfolgte erst in diesem Jahrhundert. Vorbedingung

für die Meliorierung war natürlich der Hochwasserschutz durch verbesserte

Deichbautechnik (vgl. Kap. 3.2.8,),

Obwohl schon im 11, Jh, mit den ersten Deichbauten am Po begonnen

wurde (SERENI 1974, S, 113), war die Schwemmlandzone

bis in unsere Zeit hinein von Überschwemmungen und Flußlaufverlegungen

bedroht, weil Deiche und Schleusen nicht standhielten.

Das neuzeitliche Deichsystem sieht so aus (Abb. 3), daß an den

Prallufern (sponde di erosione), wo Hochwassereinbrüche befürchtet

werden, in den meisten Fällen zwei Deiche vorhanden

sind, und zwar ein niedriger, 2-5m hoher IJferdeich (arginello)

und ein in 1-2km Abstand davon errichteter 8-15m hoher Hauptdeich

(argine maestro), Die dazwischenliegenden Flächen (aree

di allagamento) sind als Oberlauf- und Ausgleichzone von Bedeutung,

denn sie vermögen den Hochwasserabfluß so zu regulieren,

daß anderswo gefährliche Überschwemmungen verhindert werden,

Wenn sich Siedlungen unmittelbar hinter den heutigen

Dammufern befinden, bietet nur ein einziger stabiler, mit vorgelagertem

Steinwerk zusätzlich befestigter Hauptdeich Schutz

vor Hochwasserüberschwemmungen.

Die Festlegung der Dammflüsse zwischen hohen Deichen war durch die

nachfolgende stärkere Aufhöhung der Flußbetten naturgemäß mit einem

Anstieg der Grundwasserstände verbunden, was die Meliorierung

des Schwemmlandes sehr erschwerte. Andererseits führten Flußregelungen,

wie die Begradigung von Flußschlingen und der Bau von Mündungskanälen

und Staustufen, örtlich ebenfalls zur Grundwasserabsenkung.

Den jahreszeitlich schwankenden Grundwasserstand und den von Natur

aus zögernden Abfluß des Grund- und Stauwassers kontrolliert heute

ein weitreichendes Entwässerungssystem. Problematisch ist jedoch

das während der Hochwasserzeiten (Herbst) auftretende Druckwasser,

das von den Flußbetten unter den Deichen her in den teils sandigen

Untergrund infiltriert und das Kulturland in einem weiten Druckwasserbereich

überstaut 23) Diesem Problem will man in Zukunft

23) Information: Consortio Bonifica Bassa Lodigiana, Codogno.


44 -

durch verstärkte Abdichtung der Deiche mit Beton und Kunststoff

-Folien begegnen.

Die Entwässerung der Schwemmlandzone geschieht durch ein Kanalsystem,

das im Sommer auch zur Bewässerung dient. Da aber der Wasserspiegel

des Po bei Niedrigwasser kaum tiefer und bei Hochwasser

bis zu 12m höher als die Umgebung liegt (Cremona 5-6m, Ferrara

12-15m), ist eine Gefällsentwässerung nur bei Niedrigwasserständen

durch tiefliegende Schleusen möglich. Daher sorgen heute

“überall Pumpwefke "(iifpia^nti idrovori) für die zusätzliche EntwäS

serung der einzelnen Grundwassersammelbecken (bacini idraulici).

ii!" .'S -;

li''i.i:'

Agrarische Eignung

Im Hinblick auf die Bodennutzungsmöglichkeiten lassen sich innerhalb

des Schwemmlandstreifens zwei Standortseinheiten gegenüberstellen:

1. Die sandig-lehmigen Flußdämme (dossi)

Die das eigentliche Schwemmland überragenden, älteren Flußdämme

waren seit langem begehrte Siedlungsstandorte, und dies hauptsäck

lieh wegen der fruchtbaren Schwemmlandböden. Die Flußdämme selbst

tragen weniger ertragsstarke sandige Böden. Teilweise sind reine

Sandböden (terreni sabbiosi) mit bis zu 90% Anteil der Sandfraktion

vertreten, die ohne künstliche Düngung steril sind. Angesichts

der lockeren sandigen Böden sind die Flußdämme geeignete

Standorte für den Wein- und den Feldgemüsebau. Jedoch ist der

Weinbau, der im agraren Wirtschaftssystem der vergangenen Jahrhunderte

auf den Flußdämmen eine Rolle gespielt hat, heute bedeutungslos,

weil aufgrund der häufigen Nebel (Kap. 2.2.3.) keine

Qualitätsweine erzielt werden können. Stärkeres Gewicht besitzt

dagegen der Obst- und Feldgemüsebau, der auf der emilianischen

Seite besonders verbreitet ist (vgl. Karte 6). Von den Flußdämmen

aus ist der Feldgemüsebau in den letzten Jahren auch auf die

fruchtbareren Schwemmlandböden vorgedrungen, die sich bei Bewässerung

ebenfalls gut dazu eignen.

2. Das fruchtbare Schwemmland

Das von gelegentlichen Hochwasserüberflutungen heimgesuchtq

Schwemmland war bereits vor seiner endgültigen Meliorierung, die

größtenteils während der Bonifica Integrale erfolgte (Kap. 3.2.9.)


- 45 -

aufgrund der fruchtbaren Böden landwirtschaftlich genutzt. Den

Flußaufschüttungen entsprechend, wechseln die Böden auf kurze

Entfernungen von schweren tonigen Schwemmlandböden bis hin zu

lockeren Sandböden; letztere treten zumeist nur inselhaft im Bereich

früherer Deichbrüche auf. Bei den lehmig-tonigen Schwemmland-

bzw. Aueböden handelt es sich um Terreni di medio impasto

und um schwere Terreni argillosi bzw. compatti (1-5^ Grobsand,

55-601 Feinsand, 30-40% Schluff und 5-10% Ton; vgl. Tab. 1).

-Durch den stockenden Abfluß des Grundwassers sind sie, wie die

Böden der ostpadanischen Meliorierungsgebiete (CI und C3; vgl.

Kap. 2.1.7.), der Hydromorphierung ausgesetzt. Aufgrund der künstlichen

Grundwasserabsenkung ist dies erst in mehr als 0,5m Bodentiefe

der Fall. Die Böden bedürfen also der Drainage, andererseits

aber auch der sommerlichen Bewässerung, weil sie bei Grundwassertiefständen

(Sommer/Herbst) stark austrocknen. Da ihnen

häufig fruchtbare Schlammabsätze zugute gekommen sind, besitzen

sie eine hohe natürliche Fruchtbarkeit. Sie werden deshalb vorwiegend

ackerbaulich genutzt, meist über den Getreide- und Zuckerrübenbau

(vgl. Abb. 3). Selbst jenseits der Hauptdeiche, in der

für Hochwasserüberschwemmungen geschaffenen Ausgleichszone (area

di allagamento), wird auf den nährstoffreichen Böden Getreide angebaut,

dessen Ernte aber vor Einsetzen der herbstlichen Hochwasserperiode

(Oktober, November) erfolgt sein muß. örtlich bleibt

die Ausgleichszone wie der rezente Oberflutungsbereich des Po und

seiner Zuflüsse der Pappelwirtschaft Vorbehalten, zumal die Pappel

auf grundwasserfeuchten Böden gut gedeiht und gelegentliche

Überschwemmungen und Schlammabsätze verträgt (PROVAGLIO 1960,

S. 34ff.).

Abschließend ist in Bezug auf die Standortwertigkeit des Eignungsgebietes

B2 festzuhalten, daß diese von positiven und negativen

Standortfaktoren bestimmt wird. Als positiv zu bewerten sind die

ertragsstarken Schwemmlandböden und das ebene Relief, das die

Mechanisierung begünstigt. Negativ müssen jedoch die trotz moderner

Deichbautechnik episodisch drohenden Hochwasserüberschwemmungen

(1951, 1977) und die ganzjährige Entwässerung (Irrigationswasser

und Grundwasser) eingeschätzt werden, weil sie die so empfindliche

ökonomische Seite der Landbewirtschaftung berühren.


Abb. 3; Landnutzung, Hochwasserschutz und Betriebsstruktur im Schwemmiandbereich des Po

(Castei Nuovo Bocca d’Adda/MILANO)

- - - V i V Ä

l l O

i % 'V-

ÖÄliiii

Haupt- oder Nebenstraße

(strada provinclala o viclnale) Bodennutzung (1978)

'i£------ --------

I H

ISi

Feld- und Zufahrtsweg

Parzellengrenze


Welzen

Entwässerungskanal M

Mals

Zuckerrübe

[ I Wohnbebauung

0 so 100 160 2^0 2^0m

Damm, Deich, Böschung,

Futterbau

Entwurf und Zeichnung;' H. Maier


47 -

2.1.7. Das ostpadanische Tieflandsdreieck

(Eignungsgebiet C)

Auf der Höhe von Mantova geht der Schwemmlandstreifen der Bassa

Pianura (B2) in das ostpadanische Tieflandsdreieck (C) über, ein

ostwärts fächerförmig sich verbreiterndes, heute weitgehend melioriertes

Schwemmlandgebiet, das vormals ausgedehnte Sumpflandschaften

besaß. Diese Sumpflandschaften erstreckten sich auf den venetischen

Küstenbereich und in großer Ausdehnung im Gebiet zwischen

dem Unterlauf der Etsch und dem kanalisierten Reno (Po di Primaro),

Sie wurden ursprünglich als Polfesinen bezeichnet (z.B. Polesine

di San Giorgio, östlich von Ferrara), ein bis heute für die Meliorierungsgebiete

nördlich des Po Grande gebräuchlicher Landschaftsbegriff,

der verschiedentlich für den gesamten, zwischen Etsch

und Reno liegenden Kernraum des ostpadanischen Schwemmlandes verwendet

wird (von LEHMANN 1961, S. 118 und DONGUS 1966, S. 20)^"*^

Die Grenzen des von DONGUS (1966) im Bereich von Ravenna, Ferrara,

Rovigo und Padova eingehend untersuchten ostpadanischen Tieflandsdreiecks

sind durch die Verbreitung der ehemaligen Sumpfgebiete

bestimmt. Die Nordgrenze wird etwa durch die Orte Ostiglia (Po),

Legnago, Montagnana, Monselice, Mira, Mestre und Portogruaro markiert,

während die Südgrenze von Ostiglia über Cento, Budrio, Medicina

und Lugo nach Cervia (Adria) verläuft (vgl. Karte 1 und

DONGUS 1966, S. 13).

Standortbedingungen

Das ostpadanische Tieflandsdreieck ist ein außerordentlich gefällsarmes

(unter 1%i) Schwemmland, das von langgestreckten Schwemmfächerzungen

und von weitverzweigten Flußdämmen in Feuchtebecken

großer Flächenausdehnung gegliedert wird. Im Küstengebiet wird das

innere Schwemmland von einer breiten Strandwallzone vom meerwärts

sich anschließenden jungen Delta- und Lagunenbereich getrennt.

Insgesamt gesehen werden die Standortverhältnisse des ostpadanischen

Tieflandsdreiecks von dem naturökologischen Gegensatz zwischen

den sandig-lehmigen Flußaufschüttungen und den ursprünglich

24) Zur Etymologie und Verwendung des Begriffes Polesine siehe

DONGUS 1966, S. 14 u. 20 und MIGLIORINI 1962, S. 353.


- 48 -

versumpften, tonig-torfigen Feuchtebecken geprägt. Die sandig

-lehmigen Schwemmfächerzungen und Flußdämme sind altbesiedelte

Gebiete und von alters her Acker- und Weinbaustandorte. Demgegen

über stellen die nur wenige Meter tieferliegenden, vormals versumpften

Feuchtebecken ein sehr junges Kulturland dar, das erst

im 19. und 20. Jh. durch Meliorierung (bonifica) aus den Sümpfen

hervorgegangen ist und das ebenfalls als Bonifica oder Bonifiche

bezeichnet wird (z.B. Grande Bonifica Ferrarese).

Wenn im einzelnen Standortfaktoren wie die Untergrundbeschaffen'

heit, der Einwirkungsbereich des Grundwassers und spezielle Bodeneigenschaften

wie Körnung, Nährstoffangebot, Versalzung und

Torfgehalt berücksichtigt werden, lassen sich fünf physisch-geographische

Eignungsgebiete ausweisen (CI-CS; vgl. Karte 1j, die

im nachfolgenden auf ihre Standortwertigkeit hin untersucht werden.

2.1.7.1. Das Gebiet der ehemaligen Süßwassersümpfe

(Eignungsgebiet CI)

Das bei Ostiglia einsetzende Eignungsgebiet CI, das den Westteil

und den nördlichen und südlichen Randbereich des ostpadanischen

Tieflandsdreiecks einnimmt, wurde vor seiner erstmaligen Meliorierung

(16.-17. Jh.) von ausgedehnten Süßwassersümpfen (valli dolci)

eingenommen. Morphologisch stellt es den weiten Oberschwemmungsbereich

des Po, der Etsch, des Reno und anderer Dammflüsse dar.

Die größte Ausdehnung besitzen die beiderseits des Po sich erstreckenden

Feuchtebecken zwischen Ostiglia und Ficarolo, die

erst im 20. Jh. vollständig meliorierten Valli Grandi Veronesi ed

Ostigliesi und Valli Bondesane. Zum nördlichen Randbereich gehören

einzelne Feuchtebecken in der südlichen Ebene von Padova-Verona

(Sümpfe von Legnago, Valli Mocenighe, Agno-Guä-Sümpfe und Sümpfe

von Anguillara-Pontelongo). Den Südrand des ostpadanischen

Schwemmlandes bildet die nahezu geschlossene Valli-Zone der östlichen

Emilia und der Romagna: Valli di Cento, Valli di Finale

-San Agostino, Valli di Galliera-Malalbergo-San Pietro u.a.; vgl.

DONGUS 1966, Karte 1).


- 49 -

Naturökologisch ist das Gebiet der ehemaligen Süßwassersümpfe als

die östliche Fortsetzung des den Po schon in der Lombardei begleitenden

Schwemmlandstreifens (B2) anzusehen. Die im Vergleich dazu

sehr viel größere Flächenausdehnung der ostpadanischen Süßwassersümpfe

hing primär nicht mit ihrer geringen absoluten Höhenlage

(6-15m über Meeresspiegel), sondern mit den extrem geringen Gefällsverhältnissen

zusammen. Diese erklären den langsamen Abfluß

des Grund- und Oberflächenwassers und wegen der höhergelegenen

Dammflüsse die Bildung versumpfter Rückstaubecken.

Charakteristisch für das Eignungsgebiet CI ist ein oftmals auf

engem Raum sich vollziehender Wechsel zwischen schwach erhöhten

(2-5m), sandig-lehmigen Flußaufschüttungen und jungmeliorierten

Feuchtebecken. Erstere bilden als langgestreckte Schwemmfächerzungen

und als die Valli querende ältere Dammrücken (dossi) die

Siedlungs- und Verkehrsleitlinien und geben ihrer lockeren Böden

wegen vorzügliche Standorte für den Wein- und Obstbau ab (vgl.

Kap. 2.1.7.2.) . Die ursprünglich versumpften Feuchtebecken dagegen,

die durch die Urbarmachungsarbeiten der Jahre 1830-1925

trockengelegt wurden, sind relativ neu besiedelte Gebiete und

stellen heute wertvolles Agrarland dar.

Für die Standortwertigkeit der Feuchtebecken sind folgende Faktoren

ausschlaggebend:

a) Der jahreszeitlich hohe Grundwasserstand

Der durch das hohe Vorfluterniveau bedingte stockende Abfluß des

Grundwassers führt nach den Hauptniederschlagszeiten (v.a. Spätherbst)

zu einem Ansteigen des Grundwasserspiegels auf weniger

als 0,5m Tiefe, so daß die Feuchtebecken jahreszeitlich entwässert

werden müssen. Zur Trockenhaltung dient ein weitreichendes

Kanalsystem, das zwar auf Gefällsentwässerung basiert, das aber

durch Pumpwerke (impianti idrovori) in die höhergelegenen Dammflüsse

und Hauptkanäle entleert werden muß.

25) Ostiglia(Po)-Pontelagoscuro(Po): 0,18%»

Corticella(BOL)-Pontelagoscuro : 0,56%'o

Legnago(Etsch)- Pontelagoscuro : 0,38%»


50 -

b) Das salz- und mineralhaltige Grundwasser

Einige der südlich des Po gelegenen Feuchtebecken sind von versalztem

Grundwasser betroffen, das in vielen Fällen außerdem eine

hohe Fe-Konzentration aufweist und mit Methan (CH^) angereichert

ist. Es handelt sich dabei - im Gegensatz zum Küstengebiet - um

fossiles Grundwasser mariner Tertiärschichten, das bedingt durch

die padanische Tiefenfaltung im Bereich von Antiklinen oberflächlich

auftritt (IAH 1976, S. 45f.). Namentlich in den Valli Bondesane

und Valli di Cento— also— i-m~Bere-i-eh— der— Fepr^r-a-Antikline—

zwischen Modena und Ferrara wurden örtlich (San Possidonio, Miran>

dola, San Felice, Finale Emilia, Camposanto) Chlorid-Konzentrationen

von 200-600mg Cl” pro Liter nachgewiesen (PELLEGRINI/COLOM-

BETTI/ZAVATTI 1976, S. 230). Die Versalzung des Grundwassers in

Oberflächennähe ist für die Landwirtschaft deshalb so nachteilig,

weil innerhalb des Kapillarbereiches die Gefahr der Bodenversal-„

zung besteht (vgl. DONGUS 1966, S. 18). Außerdem kann das salzreiche

Grundwasser nicht zur Bewässerung und aufgrund der Eisen-

und Methanverunreinigung auch nicht als Brauchwasser genutzt

werden.

c) Die hydromorphen Schwemmlandböden

■iJilii'' '

Auf den feinkörnigen Ablagerungen der Feuchtebecken finden sich

überwiegend dichte Schluff- und Lehmböden (terreni argillosi bzw,

compatti) . Daß nur örtlich, in den Valli Bondesane und Valli Gran'

di Veronesi, tonig-torfige Böden Vorkommen (DONGUS 1966, S. 18),

liegt darin begründet, daß die schlammigen Hochflutabsätze der

früher oftmals in die Valli ausbrechenden Dammflüsse eine Torfbil

düng in den Süßwassersümpfen verhinderten.

Als Bodentypen haben sich ursprünglich grund- und stauwasserbeein

flußte Gleyböden entwickelt, die aber heute durch Grundwasserabsenkung

der Vergleyung bis in größere Bodentiefe (Im) entzogen

sind. Wenn sie tiefgründig umgepflügt und feucht sind, läßt ihre

durch Fe(II)- und Mn(II)-Sulfide graublaue bis schwarzgraue Färbung

auf ein reduzierendes Bodenmilieu unterhalb der Pflugtiefe

(0,6m) schließen. Die Drainage der Valli-Böden ist bei den Jahres

zeitlich hohen Grundwasserständen also die Vorraussetzung für eine

ackerbauliche Nutzung. Sie erfolgt durch ein offenes und all

:-i!’!};!■i


51 -

jährlich neu ausgepflügtes Grabensystem. Wegen des fehlenden Gefälles

ist eine unterirdische Rohrdrainung nicht möglich. Die

Drainagegräben werden im Herbst in 10-20m Abstand und mit einer

Tiefe von 0,4-0,6m eingerichtet. Im Sommer sind sie größtenteils

zugepflügt, denn in dieser Jahreszeit muß nicht drainiert, sondern

bewässert werden, auch um die Schrumpfung der Böden zu verhindern.

Die Gefügeeigenschaften der an sich fruchtbaren Schluff- und Tonböden

sind insofern ungünstig zu nennen, als die Böden im Sommer

unter Bildung von bis zu 2m tiefen Trockenrissen austrocknen und

schrumpfen, bei Durchfeuchtung leicht zu Quellung und Staunässe

neigen und schlecht durchlüftet sind. Ihre Bearbeitbarkeit, die

noch in relativ trockenem Zustand erfolgen muß, ist durch den modernen

Maschineneinsatz erleichtert bzw, überhaupt erst ermöglicht

worden. Durch Tiefpflügen (scasso) wird die zementierte Bodenkrume

in der Regel 60cm tief bearbeitet. Das Tiefpflügen der

Schluff- und Tonböden dient zur mechanischen Lockerung des Bodens,

zur besseren Durchlüftung der sauerstoffarmen Bodenhorizonte und

zur Regulierung des Wasserhaushaltes, indem die Bodenkrume zur

Aufnahme von Niederschlägen geöffnet wird.

Die Nutzung der Valli-Böden, die ursprünglich ganz auf Dauergrünland

beschränkt war, konzentrierte sich unmittelbar nach der

Meliorierung auf den Weizen- und Futterbau (Luzerne). Seitdem die

Mechanisierung das Tiefpflügen ermöglicht hat, lassen sich die

Valli-Böden als ertragreiche Ackerbaustandorte auch für den Anbau

von Zuckerrübe und Mais nützen und bei Beregnung sogar für den Anbau

von Spezialkulturen (Wassermelone, Tomate, Gemüse).

Insgesamt stellt das Eignungsgebiet CI mit seinen ausgedehnten

Feuchtebecken ein sehr intensiv genutztes Agrarland dar, das vielseitige

und gewinnbringende Bodennutzungsmöglichkeiten bietet. Dabei

darf allerdings nicht übersehen werden, daß kostspielige

agrar- und kulturtechnische Maßnahmen nötig sind und während der

Meliorierung notwendig waren, um die Standortqualität der ehemals

versumpften Feuchtebecken zu verbessern.


- 52 -

2.1.7.2. Die Terre Vecchie f

(Eignungsgebiet C2)

Die in 4-12m Meereshöhe gelegenen Terre Vecchie bilden sozusagen

das Innere des ostpadanischen Tieflandsdreiecks. Sie werden im

Westen halbkreisförmig von den Feuchtebecken der ehemaligen Süßwassersümpfe

(CI) umgeben, die randlich auch auf sie übergreifei^l

Ostwärts gehen sie mit weit vorspringenden Flußdämmen in das Ge^l

biet der ehemaligen Küstensümpfe (C3) über. Morphologisch stell|||

-sl-e^e-i-n al-tesr—in~g&s&h4ch-tJ.iche-r_Z-e.Lt_-j.ejdo_ch„ größtent-eils .ni-chllj

mehr versumpftes Schwemmland dar, das breite sandig-lehmige

Schwemmfächerzungen und weitverzweigte Flußdämme besitzt.

Die Flußdämme und älteren Dammrücken geben sich durch ihren

gewundenen Verlauf, dem viele Straßen und Kanäle folgen, Ini:“

Landschaftsbild meist gut zu erkennen. Dies gilt beispiels-i|

weise für die Dammrücken, die von den früheren MündungsarmeiS?

des Po (Po di Primaro, Po di Ferrara, Po di Volano),und de^

Reno (Reno Vecchio zwischen San Agostino und San Martino)

aufgehöht wurden; sie sind von BARTOLOMEI u;a. (1975, S. 173-

u. Tav. I) in den Terre Vecchie von Ferrara untersucht wor-.

den. Nördlich des Po Grande, des heutigen Hauptmündungsarmeij

haben die früheren Abflußadern der Etsch (Canal Bianco, Nav,i

Adigetto) ein ähnlich dichtes Netz von Flußdämmen hinterlas-^

sen.

l! ■ I

Zwischen die Schwemmfächerzungen und Flußdämme, welche sich als

3-4m hohe Rücken über ihre Umgebung herauswölben, sind flache S|i

ken eingelagert (Valli der Terre Vecchie; vgl. DONGUS 1966, S.2|

u. Karte 1). Sie besitzen wie die Feuchtebecken der ehemaligen

Süßwassersümpfe einen aus feinkörnigen Hochflutabsätzen aufgebaiiten

lehmig-tonigen Untergrund (vgl. BARTOLOMEI u.a. 1975, S. 179.

u. Tav. III). Da zu ihrer Meliorierung der Bau von Gefällskanälen

und Schleusen zur Abflußverbesserung ausreichte, konnten die

Valli der Terre Vecchie schon sehr viel früher (15.-16. Jh.) als;

die Feuchtebecken der Eignungsgebiete CI und C3 (19.-20. Jh.)

siedelt und in Kultur genommen werden. Bei Deichbrüchen sind sie

jedoch auch heute noch von Hochwasserüberschwemmungen bedroht

(1951 Polesine di Rovigo).

Obwohl die in den tiefsten Teilen noch 3-6m über dem Meeresspie';

gel liegenden Valli der Terre Vecchie einen natürlichen Abfluß,

besitzen, müssen sie in den feuchten Jahreszeiten durch ein Kanalnetz

entwässert werden. Die unzureichenden Abflußverhältnisse


- 53

erklären sich durch die geringe Neigung des Geländes (unter 1"si),

also durch das zu langsame Abfließen des Grundwassers und durch

die als Vorfluter für die Terre Vecchie viel zu hoch gelegenen

Dammflüsse, deren Hochwasserspiegel die Umgebung um 10-15m überragt.

Als ökotope lassen sich innerhalb der Terre Vecchie die trockenen,

sandig-lehmigen Flußaufschüttungen deutlich von den lehmig-tonigen

Senken der Valli unterscheiden. Erstere besitzen sandige und

Tändig-tonige Lehmböden (terreni sciolti und di medio impasto),

die beispielsweise im Ferrarese einen Kalkgehalt von 8-16^ (CaCO^)

und alkalische Reaktion (pH 7,0-8,2) aufweisen (BARTOLOMEI u.a.

1975, S. 182f.). Sie geben daher gute Standorte für den Wein- und

Obstbau ab. Optimale Standortbedingungen findet der Obstbau auf

den lockeren und gut durchlüfteten Terreni di medio impasto mit

neutralem bis alkalischem Bodenmilieu und mit Anteilen von etwa

50^ Quarzsand (silice) , 25% Ton, 15? Kalk und bis zu 10? Humus

(MBRLINI 1954, S. 18f.). Da Obstbäume weniger an das Nährstoffangebot

der Böden als an deren Körnung und an deren Ca-Gehalt (wegen

Stippigkeit, d.h. wegen Auftretens rostbrauner Flecken bei

Äpfeln infolge Kalkmangels) Ansprüche stellen, sind sie in spezialisiertem

Anbau hauptsächlich auf den Flußdämmen und Schwemmfächerzungen

der Terre Vecchie verbreitet. Jedoch dringt der Obstbau

randlich auch in die Valli hinein vor, die ihrer schweren

Lehm- und Tonböden wegen für den Getreide-, Hackfrucht- und Futterbau

besser geeignet sind.

2.1.7.3. Das Gebiet der ehemaligen Küstensümpfe

(Eignungsgebiet C3)

Zum Meere hin verzahnen sich die Flußdämme der Terre Vecchie mit

einer 10-30km breiten, nord-südlich sich erstreckenden Beckenzone,

die von der venezianischen Lagune bis Ravenna reicht und die im

Osten an das Strandwallbündel (C4) grenzt. Bei dieser Beckenzone

handelt es sich um ein junges, teilweise erst während der Bonifica

Integrale der Jahre 1920-1945, teilweise auch erst nach 1945

(Valli di Gomacchio) vollständig melioriertes Gebiet, das aus den

Sümpfen des ostpadanischen Küstenbereiches hervorgegangen ist.


- 54

Die Standortverhältnisse werden bis heute durch die jahrhundert^i

lange Versumpfung geprägt. Sie sind in den Grundzügen gut mit j$,

nen der Feuchtebecken des Eignungsgebietes CI vergleichbar und

lassen sich daher durch ähnliche Standortfaktoren beschreiben: |

a) Der ganzjährig hohe Grundwasserstand

Bestimmend für die heutige hydrographische Situation der jungen

Meliorierungsgebiete im Küstenbereich ist deren Lage zum Meeres«

Spiegelniveau, die zwischen +4m und -4m beträgt und einen natüii^

liehen Abfluß nicht mehr gewährleistet. Unter dem Meeresspiegel

liegende Gebiete sind die Becken der Polesine di Ferrara, also

Bereich zwischen Po Grande bzw. Po di Goro und Reno. Sie müssen

das ganze Jahr über durch ein weitverzweigtes Netz von Gefällska«

nälen und durch zahlreiche Pumpwerke trockengehalten werden. Das

gilt auch für die Becken der Polesine di Rovigo, die zwar grüßtet

teils knapp über dem Meeresspiegel liegen, die aber ebenfalls auf

mechanischem Wege entwässert werden müssen.

bj Die salzbeeinflußten Böden

Natürliche Bodenversalzung kommt ausschließlich in jenen Becken

der ehemaligen Küstensumpfzone vor, die aus lagunenähnlichen Sah

wassersümpfen oder -seen (valli salse) hervorgegangen sind. Solche

salzwasserführende Küstenseen waren die Valli di Comacchio,

2

die heute bis auf eine Restfläche von etwa 100km melioriert sind

(1954: 285km^, 1872: 425km^, vor 1872 ca. 490km^; vgl. ORTOLANI

1956, S. 172). Dazu gehörten auch die zwischen Po di Volano und

Reno in die Strandwallzone eingelagerten Küstenseen, die Valli

Bertuzzi und Valli Basse (DONGUS 1966, S. 23).

1 'Hi

Obwohl es sich bei den Valli sälse morphogenetisch nicht um nach

klassischem Schema abgeschnürte und verlandete Strandseen, sogenannte

Lagune morte, handelt, sondern wahrscheinlich um die bei

einer römerzeitlichen Meerestransgression überfluteten Synklinalen

(DONGUS 1966 , S. 23 u. 31), hatten sie vor ihrer Meliorierunj;

ökologisch den Charakter echter Lagunen. Sie standen nämlich über-

Kanäle mit dem Meer in Verbindung und besaßen als Fischseen (vall;

da pesca) wie die echten Lagunen des Po-Deltas und der venezianischen

Küste salziges bis brackiges Wasser. Aus diesem Grunde sinJ,

ihre Beckensedimente stark mit Salzen angereichert.


- 55

Die Böden der Valli salse weisen trotz Entsalzungsmaßnahmen immer

noch Salzgehalte von 0,3-0,6^, örtlich sogar bis zu 8fe (DONGUS

1966, S. 23) auf. Da sich bereits ein Salzgehalt von 0,3*» schädigend

auf das Wachstum vieler Kulturpflanzen auswirkt, bleiben die

landwirtschaftlichen Nutzungsmöglichkeiten der Valli-Böden auf

salztolerante Kulturen wie Gerste, Beta-Rüben und Reis beschränkt.

Die Entsalzung der Böden kann am besten über den Reisbau erfolgen,

der im ostpadanischen Küstenbereich deshalb weit verbreitet ist.

Das aus den Flüssen stammende, salzarme Irrigationswasser vermag

nämlich das im Oberboden angereicherte Salz auszuwaschen, so daß

allmählich eine Bodenverbesserung eintritt. Außerdem kann durch

die ständige Überflutung der Reisfelder verhindert werden, daß es

bei sommerlicher Trockenheit durch Kapillarwirkung zu einer oberflächlichen

Salzanreicherung und Salzkrustenbildung kommt.

c) Die organischen Böden

Anmoorige Böden und Mudden finden sich überall dort, wo die Küstensumpfzone

vormals von Flachmooren und Schilfrohrsümpfen

(valli di canna) bedeckt war. Zum Typus der Valli di canna gehörte

der Großteil der ostpadanischen Küstensümpfe: Valli von Ravenna,

Teile des Meliorierungsgebietes zwischen Reno und Po di Vo-

lano, Valli von Ambrogio-Iolanda, Valli von Cavarzere, Valli von

Cona-Chioggia.

Da die Moore und Rohrsümpfe keine Verbindung zum Salzwasser des

Meeres hatten, also süßes bis leicht verbracktes Wasser besaßen,

bildeten sich 2-3m mächtige Niedermoortorfe und Mudden aus (DON-

GUS 1966, S. 24). Die nach der Kultivierung daraus hervorgegangenen

Böden werden in der italienischen Literatur als Torfböden

(terreni torbosi; vgl. Tab. 1) bezeichnet. DONGUS (1966, S. 23)

stuft sie als Torf-Mudden und Torf-Gyttjen ein. Aufgrund der geringen

Torfmächtigkeiten und Humusgehalte können sie aber auch zu

den Moor- und Anmoorgleyen (bis 30*o Humusgehalt) gestellt werden.

Ihr Gehalt an organischer Substanz variiert zwischen 30% (TINA-

RELLI 1973, S. 50) und 801 (DONGUS 1966, S. 23). Da sie mäßig bis

stark versauert sind (pH 3-5), besitzen sie eine geringe natürliche

Fruchtbarkeit. An solche Böden vermochten sich ursprünglich


- 56 -

nur Wiesenkulturen und Reispflanzen anzupassen. Sie spielten daher

bei der Meliorierung als Pionierpflanzen eine wichtige Rolle,

sind aber auch heute noch stark verbreitet.

'I' ,(

-Ijr'n t

Problematisch für das von hohen Dammflüssen überragte Agrarland

sind Absenkungen des Untergrundes (1897-1966: Codigoro 41,4cm,

Mezzogoro 42,2cm, Ariano 156,8cm, Adria 130,8cm; BERNINI/SGAVETTl

1968, S. 11). Sie werden in den Valli di canna primär auf die Aus«

trocknung der Torflager und Mudden zurückgeführt (vgl. Kap.

2.1.7.5.). Da der instabile Untergrund bis heute Säckurigserschelt

nungen an Gebäuden und Straßen sowie an Kanälen und Deichen verursacht,

kann das System der Entwässerungsanlagen so empfindlich

gestört werden, daß Überschwemmungen nicht mehr zu verhindern

sind.

2.1.7.4. Die Strandwallzone (Eignungsgebiet C4)

,1

Zwischen das Meliorierungsgebiet C3 und das Po-Delta (C5) schiebt

sich eine 4-10kra breite alte Strandwallzone, die sich von Ravenna

bis nach Chioggia erstreckt und die sich weiter über die Lidi dei

venezianischen Lagune bis zur Nehrung von Grado verfolgen läßt.

Auf der Strandwallzone verläuft die heutige Küstenstraße, die einem

mittelalterlichen Handelsweg, der Via Romea, folgt.

Die Strandwallzone besteht aus mehreren, in vorrömischer, teils

auch in voretruskischer Zeit entstandenen Strandwällen (cordoni

litoranei). Diese alten Strandwälle bilden heute mehrere hundert

Meter breite Sandzonen, denen 3-5m hohe bewachsene Dünen aufsitzen

(vgl. BONDESAN/BUCCI 1970/71, S. 6f., DONGUS 1966, S. 25 und

PELLEGRINI 1968, S. 45).

Die Standortverhältnisse werden von trockenen Sandaufschüttungen

und von salzig bis brackigem Grundwasser bestimmt, dessen Spiegel

jahreszeitlich konstant bei 1,5-2m Tiefe liegt und über dem

sich nach den Hauptniederschlagszeiten Süßwasser sammelt, das ei'

ne agrarische Nutzung ermöglicht (DONGUS 1966, S. 26). Auf den

trockenen Sandplatten und Dünen hatte sich als natürliche Vegetationsformation

ein immergrüner Laubwald mit Steineichen (Quercus

ilex) eingestellt, der jedoch nur noch in Landschaftsschutz-


57 -

gebieten (Gran Bosco della Mesóla, Bosco Nordio) erhalten ist.

Die hauptsächlich auf dem ravennatischen Strandwall anzutreffenden

Strand- und Schirmkiefern (Pinus pilaster und Pinus pinea)

sind dagegen junge Aufforstungen.

Die agrarische Eignung der Strandwallzone ist den ökologischen

Gegebenheiten entsprechend beschränkt. Die von Natur aus wenig

ertragsfähigen, humusarmen, trockenen Sandböden lassen sich über

den Rebenanbau und bei guter Düngung und Bewässerung auch über

den Garten- und Gemüsebau nutzen (vgl. Kap. 4.8.4.).

2.1.7.5. Das Delta und der Lagunenbereich

(Eignungsgebiet C5)

Der Strandwallzone ist zwischen der Brenta- und der Po di Volano

-Mündung das weitverzweigte Po-Etsch-Brenta-Delta vorgelagert.

Das eigentliche Po-Delta wird von den Flußdämmen des in sechs

Hauptmündungsarme aufgespaltenen Po gebildet: Po di Goro, Po della

Donzella, Po delle Tolle, Po della Pila, Po di Maestra, Po di Levante^^^.

Dazwischen erstreckt sich echtes Marschland mit einem

Tidenhub von etwa Im (CANDIDA 1972, S. 36).

Das größtenteils unter dem Meeresspiegel liegende Polderland muß

wie die innere Polesine (C3) ganzjährig entwässert werden. Nicht

zu unterschätzende Probleme bringen in diesem Gebiet die hohen

Absenkungsbeträge mit sich, die in den letzten Jahrzehnten registriert

wurden (1957-1966: Sacca di Scardovari 74,2cm, Gnocca 70

-83,1cm; BERNINI/SGAVETTI 1968, S. 13). Für die Absenkung werden

Methanförderung und Sedimentsetzung verantwortlich gemacht.

Die im Vergleich zum Eignungsgebiet C3 bessere Standortqualität

des Marschlandes beruht auf dem noch frischen Mineralbestand der

Böden. Die nährstoffhaltigen Marschböden geben daher ertragreiche

Standorte für den Getreide- und Zuckerrübenanbau ab. Weil die

jungmeliorierten Marschböden anfänglich noch hohe Salzgehalte und

dichtes Gefüge besitzen, können sie im äußeren Deltabereich zweck-

26) Übersichtliche Abbildungen des Po-Deltas finden sich bei

MIGLIORINI 1962, S. 110, 113 u. 114.


| p 'i

- 58 -

mäßig nur über bodenverbessernde und salzresistente Kulturen

(Reis Zuckerrübe) genutzt werden.

Der Übergang vom Marschland zum Meer wird von zahlreichen ringsum

eingedeichten und durch Kanäle mit Salzwasser versorgten Fisch-

Seen (valli da pesca) markiert. Sie sind im Bereich echter Lagunen

(lagune) und in den Buchten zwischen den Mündungsloben (sacche)

angelegt. Wie die venezianische Lagune und die Valli di Comacchio

dienen sie der Fischzucht und einer besonderen Art des

Fischfangs (pesca da valli), bei der die Fische auf ihrer Wände-' j

rung zum Meer in den Kanälen mit Reusen gefangen werden (vgl.

DONGUS 1966, S. 28, MIGLIORINI 1962, S. 289 u. 361 und SESTINI

1963, S. 71).

2.2. Klimatische Faktoren als Determinanten

landwirtschaftlicher Nutzungsmöglichkeiten

Die klimatischen Gegebenheiten sind bis heute als die unabänderlichen

Produktionsfaktoren der Landwirtschaft anzusehen, obwohl

das klimatisch bestimmte Anbaupotential durch menschliche Einflußnahme

(Bewässerung, biologische Resistenzzüchtung) beträchtlich

erweitert werden kann.

1;,

Als Determinanten agrarischer Nutzungsmöglichkeiten verdienen die

für das Pflanzenwachstum entscheidenden Klimaelemente Temperatur

und Niederschlag, die die Vegetationsperiode bzw. die Strahlungsverhältnisse

bestimmende Frost- und Nebelhäufigkeit sowie die

Dauer der ariden und humiden Jahreszeit besonderes agrargeographisches

Interesse (vgl. Kap. 2.2.2. u. 2.2.3. und Tab. 2). Die

Konstituierung und Bewertung agrarklimatischer Regionaltypen im

Hinblick auf Anbaumöglichkeiten, Anbaugunst und Bewässerungsnotwendigkeit

sind die wichtigsten Ziele des Untersuchungsabschnittes

2.2.4.. Als Merkmale zur agrarklimatischen Typisierung wurden

die Aridität und Humidität benutzt, ein Klimafaktor, der es

ermöglichte, drei agrarklimatische Regionaltypen aufzustellen

(Abb. 5).

iliii

h '!|l;


- 59 -

2.2.1. Zur Typisierung des Klimas der Poebene

Charakteristisch für das Klima der Poebene ist seine Mittelstellung

zwischen dem sommertrockenen Mediterranklima, dem KOEPPENschen

Cs-Typ, und den kühl gemäßigten mitteleuropäischen C£-Klimaten.

Dabei tendieren der vornehmlich kontinentale Jahresgang der Temperatur

mit Maximum im Sommer und das Fehlen einer ausgesprochenen

winterlichen Regenperiode eindeutig zu den Klimaten Mitteleuropas,

während die geringen jährlichen Niederschlagssummen und

die recht hohen Temperaturmittel mehr mit dem mediterranen Klima

gemeinsam haben.

KOEPPEN hat das subtropisch getönte Übergangsklima der Poebene

zum "Maisklima" (Cfx bzw. Cxj gestellt, jenem durch Frühsommerregen

geprägten Cf-Klima, dem etwa auch das pannonische Becken angehört.

Ob man dieser Einstufung KOEPPENs zustimmen will oder

nicht, ist in agrargeographischer Hinsicht jedoch unerheblich^^\

Bedeutend ist dabei nur, daß es sich bei dem padanischen Klimatyp

um ein wärmebegünstigtes und sommertrockenes Klima handelt,

mit einem bedingt durch die günstigen Temperaturverhältnisse recht

breiten Nutzungsspielraum für die Landwirtschaft.

2.2.2. Temperaturmittel und Niederschlagssummen

Im Hinblick auf die Jahresmitteltemperaturen stehen sich das mehr

ozeanisch bestimmte Klima der Ostpadania und das kontinentaler

beeinflußte Klima der westlichen Poebene gegenüber. Die Jahresniederschlagsmengen

zeigen hingegen eine stärkere regionale Abstufung,

die im wesentlichen mit den orographischen Verhältnissen

zusammenhängt.

Jahresmitteltemperaturen

Am meisten wärmebegünstigt ist das ganze Jahr über die Ostpadania

mit Jahresmitteln zwischen +13 und +14 °C. In der Landwirtschaft

macht sich dies in einer Hinwendung zum Sonderkulturanbau bemerk-

27) DONGUS (1966, S. 34) lehnt diese Zuordnung KOEPPENs wegen des

zweigipfligen Niederschlagsmaximums ab und bezeichnet den padanischen

Klimatyp in Anlehnung an KANTER (1931, S. 307) als

winterkühles Übergangsklima.


- 60 -

i ’

bar. In der westlichen Poebene betragen die Jahresmittel dagegen

nur zwischen +11 °C und +12,5 °C (vgl. Tab. 2). Daher bleibt dort

der spezialisierte Weinbau auf wenige strahlungsbegünstigte Talhänge

(Agogna, Sesia) und auf den Gebirgsrand (Gattinara-Massera- ‘

1-

no) beschränkt (Abb. 1). Geringere, aber beispielsweise beim

Reisbau schon deutlich spürbare Temperaturunterschiede treten

zwischen der tiefergelegenen Bassa Pianura (Pavia +12,2 C) und

der Alta Pianura (Biella +11,5 °C) auf.

Insgesamt gesehen liegen jedoch die Jahresmitteltemperaturen der

Poebene vergleichsweise sehr viel höher als die entsprechenden

Jahresmittel nördlich der Alpen, wo Gebiete bereits dann als wärmebegünstigt

gelten, wenn der Schwellenwert für den Weinbau, ein

Jahresmittel von +9 °C, erreicht wird (z.B. Oberrheingraben). Bei

diesem Temperaturvergleich ist auch interessant, daß die polare

Körnermaisbaugrenze in Europa noch bis Mitte der 1960er Jahre am

Nordrand der Poebene verlief (ANDREAS 1977, S. 50, Abb. 7); erst

die Einführung kälteresistenter Züchtungen und schnellreifender

Varietäten (Hybridmais) erlaubte eine Verschiebung dieser Grenze

von den Gebieten warm temperierter Klimate Südeuropas weiter nach

Norden, bis etwa zum 50. Breitengrad, im europäischen Teil der

Sowjetunion sogar bis 56° nördlicher Breite.

Jahresniederschläge

Dem Beckencharakter der Poebene entsprechend sind hinsichtlich

der regionalen Verteilung der Niederschläge neben west-östlichen

vor allem zentral-periphere Unterschiede festzustellen (vgl.

Carta delle precipitazioni medie annue in Italia 1964). Erstere

hängen hauptsächlich mit den in der Ostpadania niederschlagsbestimmenden

Vb-Wetterlagen zusammen. Die zentral-peripheren Unterschiede

sind dagegen dem Staueffekt der Gebirgsränder (v.a. Alpenrand)

bei den zyklonal beherrschten Niederschlägen zuzuschreiben.

Die Abnahme der jährlichen Niederschlagsmengen von Westen nach

Osten spiegelt sich etwa im Vergleich der Stationen Turin (779 mra

und Ferrara (576 mm) wider. Die höheren Regenmengen der westlichen

Poebene begünstigen naturgemäß die Grünlandnutzung, während


- 61 -

sich in der Ostpadania der Getreide- und Weinbau besser an die

hygrischen Gegebenheiten anzupassen vermag (Tab. 2).

Bedeutender als die west-östlichen sind die zentral-peripheren

Unterschiede der Niederschlagsverteilung. So fallen in der zentralen

Tiefebene nur 550-800 mm Jahresniederschläge, die aber mit

Annäherung an den Alpenrand rasch bis auf mehr als 1000 mm zunehmen

(Biella 1560 mm, Bergamo 1243 mm, Vicenza 1037 mm). Trotz des

Regenreichtums ist aber der alpine Gebirgsfußbereich wegen des

durchlässigen Schotteruntergrundes durch starke edaphische Trokkenheit

geprägt (Ala, A2a, A2b und A2c), Weniger stark beregnet

und annähernd so trocken wie die zentrale Tiefebene ist die apenninische

Gebirgsfußzone (A2d und A2e), die zwischen 600 und 800

mm Jahresniederschlag erhält. Das Niederschlagsdefizit macht wie

in der zentralen Tiefebene für einige Kulturpflanzen die künstliche

Bewässerung notwendig (vgl. Kap. 2.2.4.).

2.2.3. Das thermisch und hygrisch bestimmte Agrarklima

Aussagekräftiger als Jahresdurchschnittswerte sind der Temperaturund

Niederschlagsgang, weil dieser über die Anbaumöglichkeiten

und die Gunst der Wachstumsbedingungen einzelner Nutzpflanzen entscheidet.

Letztlich läßt aber erst eine kombinatorische Betrachtung

thermischer und hygrischer Monatsmittel erkennen, welcher

Nutzwert den Wärmemengen und welche biologische Wirksamkeit den

Niederschlägen für das Pflanzenwachstum zukommen.

Temperaturgang

Betrachtet man zunächst den Verlauf der Temperaturkurven einiger

ausgewählter Stationen (Abb. 5), so zeigt es sich, daß überall

ein ausgeprägtes Maximum im Hochsommer (Juli) auftritt. Die hohen

Temperaturgipfel sind an die sommerlichen subtropischen Hochdrucklagen

geknüpft. Sie variieren jedoch gebietsweise zwischen +21 °C

und +24 °C. Die höchsten Temperaturgipfel treten im Juli in der

Ostpadania auf, und zwar im landeinwärts gelegenen mittleren und

südlichen Teil (Rovigo: +24,5 °C, Ferrara: +24,1 °G, Bologna:

+ 25,8 C, Forli: +25,3 C) . Die winterlichen Temperaturminima liegen

im Januar zwischen 0 °C und +4 °C. Die niedrigsten Monatsmittel

hat die mehr kontinental bestimmte westliche Poebene, wo im


- 62 -

Januar Werte zwischen 0 °C (Vercelli) und +0,8 °C (Mantova) zu

verzeichnen sind. Jedoch bietet das milde winterliche Klima noch

recht günstige Voraussetzungen für den Futterbau (Piemont, Lombardei)

. Auch die maritim beeinflußte Ostpadania besitzt ein ausgesprochen

wintermildes Klima, mit Januarteraperaturen von +2 °C

bis +4 °C (Venedig: +3,8 °C), was dem Wein- und Obstbau zusagende

Standortbedingungen gewährt. Wärmebegünstigt sind im Winterhalbjahr

auch die Gebirgsränder, die Januarmittel von +2 °C bis

-+■3— au fwe i s en.

Trotz der relativ milden Wintertemperaturen ist es in der Poebene

jedoch zu winterkalt, als daß mediterrane Kulturgewächse gedeihen

könnten. Diese bleiben in Oberitalien fast ausschließlich auf die

klimatischen Oasen beschränkt, vor allem auf die insubrischen

Seen, die naturgemäß einen so ausgeglichenen Temperaturgang aufweisen,

daß dort der Ölbaum anzutreffen ist (v.a. am östlichen

Gardasee-Ufer), dessen Verbreitung durch die +4 °C bis +5 °C -

Januarisotherme bestimmt wird.

Frost- und Vegetationsperiode

Die gemittelten Temperaturwerte dürfen natürlich nicht darüber

hinwegtäuschen, daß im Winter die Temperaturen manchmal unter den

Gefrierpunkt sinken und Frosttage bei den häufig auftretenden

Temperaturinversionen nicht selten sind. So werden für Mailand im

langjährigen Mittel 61, für die Bassa Pianura der Lombardei etwa

70 und für Oberpiemont 50-60 Frosttage im Jahr verzeichnet (GRI-

BAUDI 1960, S. 133 und PRACCHI 1960, S. 145); in der venetischen

Ebene zählt man dagegen nur 25-30 Frosttage im Jahr (MIGLIORINI

1962, S. 145). Für frostempfindliche Kulturen wie Obstbäume,

Weinrebe und Zuckerrübe ist jedoch nicht nur die Anzahl der Frosttage,

sondern vielmehr deren jahreszeitliches Auftreten von Bedeutung.

Selbst in der thermisch weniger begünstigten Westpadania

bleibt jedoch die winterliche Frostperiode auf die Zeit von Mitte

November bis Ende Februar beschränkt (Abb. 4). Da außerhalb dieses

Zeitraums die Frostwahrscheinlichkeit gering ist, besteht in

der Poebene weder im Frühjahr noch im Herbst die Gefahr einer

Frostschädigung der Kulturen (Ausnahme: 1928/29).


- T *

63 -

A b b . 4: Vegetaiionsdauer und Vegetationsbeginn

( Tem peraturw erte der S ta tio n V e r c e lli)

Entwurf und Zeichnung: H. Maier


64 -

!

Die Dauer der Vegetationsperiode, die im gemäßigten Klimabereich

hauptsächlich von der winterlichen Frostzeit bestimmt wird, umfaßt

in der Poebene mindestens 245 Tage (1. März - 31. Oktober).

Dieser Wert wurde für eine ausgewählte Station (Vercelli, mit einer

der niedrigsten Temperaturkurven der Poebene) ermittelt (Abb,

4), und zwar mit Hilfe einer Temperaturkurve, die aus den Wertepaaren

der Monatsdurchschnittstemperaturen und der monatlichen

Minimaltemperaturen konstruiert ist. Für einige Kulturpflanzen

unterschiedlicher Wärmeansprüche ist in Abb. 4 jeweils der Tempej-^

raturschwellenwert des Vegetationsbeginns angegeben, der an der

Temperaturkurve den Zeitpunkt der Keimung markiert. In der Praxis

des Landbaus sind jedoch für Aussaat und Keimung neben den angegebenen

Schwellenwerten auch witterungsbedingte, aus Tages- und

Nachttemperaturen sich zusammensetzende Wärmesummen ausschlaggebend.

Verglichen mit dem übrigen EG-Agrarraum gehjirt die Poebene mit

einer Vegetationsdauer von mindestens 245 Tagen (Nordrhein-Westfalen:

durchschnittlich 220 Tage; vgl. Akademie f. Raumf. und

Landesplanung 1976, S. 92-93) zweifellos zu den klimatisch begünstigten

Agrarregionen.

Nebelhäufigkeit

I 'í '! í-í

IM'l

Strahlungs- und Mischungsnebel, die sich oft den ganzen Tag über

nicht lichten, treten im padanischen Tieflandsbecken im Herbst

und Winter relativ häufig auf: Torino-Caselle verzeichnet für

diese Jahreszeit 79, Milano-Malpensa 90, Parma 94 und Verona 97

Nebeltage^^\ Doch kommt es auch im Frühjahr noch häufig zur Nebelbildung

(15-20 Tage), wenn sich feuchte mediterrane Luftmassen

mit der in der Poebene angesammelten Kaltluft mischen. Selbst im

Sommer sind gelegentlich Frühnebel über der feuchten bewässerten

Tiefebene zu beobachten.

Die häufigen Nebel, die dem Futterbau sehr zuträglich sind, wirken

sich aufgrund des durch die Nebeldecke verursachten Insolationsverlustes

auf andere, besonders lichtbedürftige Kulturpflanzen

nachteilig aus (z.B. Reis, Tomate, Zuckerrübe).

28) ISTAT: Annuario di statistica agraria (1971) 1972, S. 37,


Im Gegensatz zur jahreszeitlichen Verteilung der Niederschläge in

Mitteleuropa (Sommermaximum) und im Mittelmeergebiet (Wintermaximum)

zeichnet sich der padanische Niederschlagsgang durch zwei

Regenmaxima aus (Abb. 5). Ihr Auftreten ist an die im Frühjahr

und Herbst wirksamen Vb-Wetterlagen geknüpft, bei denen feuchte

mediterrane Luftmassen über die Adria nach Norditalien gelangen.

Der erste Niederschlagsgipfel tritt im Frühsommer (Mai) auf. Er

ist in Anbetracht des erhöhten Wasserbedarfs der Pflanzen zu Beginn

der Vegetationszeit von großer Bedeutung, aber auch zur Niederschlagsspeicherung

im Boden für die trockenen Sommermonate.

Der zweite Niederschlagsgipfel fällt auf den späten Herbst (Oktober/November)

und ist ein wichtiger Termin für die Zuckerrübenernte

(vgl. Kap. 4.4.1.) und für die Öffnung der Bodenkrume zur

Feuchtigkeitsaufnahme (vgl. Kap. 2.1.7.).

Regionale Unterschiede in der Ausprägung der Regenmaxima betreffen

zum einen das Auftreten des Hauptmaximums im Frühjahr oder im

Herbst und zum andern die absoluten Regenmengen in den Hauptniederschlagszeiten.

Was die Lage des Hauptmaximums angeht, so ist

in der westlichen Poebene (Cuneo, Vercelli) und am alpinen Gebirgsfuß

(Biella, Bergamo) das Frühjahr die niederschlagsreichste

Zeit. Die hier selbst noch ira Sommer relativ hohen Niederschlagssummen

deuten eine Verwandtschaft des padanischen mit dem mitteleuropäischen

Niederschlagsgang an. Demgegenüber ist in der östlichen

Poebene der Hochsommer (Juli, August) außerordentlich niederschlagsarm.

Auch verlagert sich dort die Regenperiode deutlich

auf den Herbst und Winter (Parma, Ferrara) und nimmt damit schon

mediterrane Züge an.

2.2.4. Agrarklimatische Regionaltypen

Die Zahl der ariden und semiariden, durch Niederschlagsdefizit

geprägten Monate und die Dauer der humiden und semihumiden, durch

überschüssigen Niederschlag gekennzeichneten Jahreszeit sind für

den Landbau entscheidende Klimafaktoren mit einer in der Poebene

hinreichend ausgeprägten regionalen Differenzierung. Sie werden

daher zu einer agrarklimatischen Typisierung herangezogen.


66

Um die Monate mit Niederschlagsdefizit oder Niederschlagsüber»

schuß zu ermitteln, wurden für eine größere Anzahl von Klimastationen

(Tab. 2) nach der Methode von JÄTZOLD (1959) Grenzniederschlagswerte’errechnet.

Dazu diente die Trockengrenzformel n(12n-20(t+7)) = 3000 von

WANG-WISSMANN. Sie liefert für eine gegebene Monatsmitteltemperatur

t den Grenzniederschlagswert n, der angibt, wieviel

Niederschlag fallen muß, damit weder semiaride noch semihumide

Verhältnisse herrschen. Liegen nun die tatsächlich gemessenen

Niederschlagswerte um mehr als 50% bzw. um 0-504 über

^ e m Grenznledersch"l“agswert-r~so—is-t—der-betreffende Monat naclr—

JÄTZOLD als humid bzw. semihumid zu bezeichnen. Liegen sie

dagegen um mehr als 504 bzw. um 0-504 unter dem Grenzniederschlagswert,

so ist der jeweilige Monat arid bzw. semiarid,

I'..':,"

Nach der Dauer der humiden, semihumiden und semiariden Jahreszeiten

lassen sich für die Poebene drei agrarklimatische Regionaltypen

konstituieren, für die in Abb. 5 einige repräsentative Klimadiagramme

zusammengestellt sind und die in Tab. 2 im Hinblick auf

die landwirtschaftliche Bodennutzung bewertet werden.

1. Der ganzjährig feuchte Klimatyp der alpinen Gebirgsfußzone

(Regionaltyp I)

Die aufgrund von Stauniederschlägen verhältnismäßig regenreiche

alpine Gebirgsfußzone ist im Westen das ganze Jahr über vollhumid

(Biella), während sie im Osten bei abnehmenden Niederschlagsmengen

und höheren Sommertemperaturen bis zu vier semihumide Monate

aufweist (Vicenza). Trotz des Regenreichtums bleibt jedoch der

Nutzeffekt der Niederschläge in der gesamten Gebirgsfußzone wegen

der geringen Speicherkapazität der Böden und der hohen Versickerungsraten

im durchlässigen Schotteruntergrund in Wirklichkeit

gering (vgl. Kap. 2.1.2. und 2.1,3.). Daher hat sich dort, wo

nicht künstlich bewässert wird, jahrhundertelang nur der Getreideund

Weinbau behaupten können. Die heutige Verbreitung des Weinbaus

zeigt jedoch eine deutliche Konzentration auf den östlichen

Alpenrand zwischen Brescia und Vicenza, denn dort eignet sich das

trockenere, wärmebegünstigte und nahezu frostfreie Regionalklima

ganz ausgezeichnet für den Wein- und Obstbau.


67 -

Abb. 5: Klimadiagramme nach der Methode von

JÄTZOLD (1962)

J FMAM

Vercelli

135 m

f T \

III

i

J FMAMJ J ASÖND

J FMAMJ JAS

■ i vollhumid H Niederschlagsüberschuß

^ semihumid L'J NiederscHogsdefizil

c a semiarid ....... Grenzniederschlag

I. Ganzjährig feuchter Klimatyp des alpinen Gebirgsfußbereiches

II. Semihumider Klimatyp der Westpadania

III. Ostpadanischer Klimatyp mit Sommerdürre

Entwurf und Zeichnung: H. Maier


- 68 -

2. Der semihumide Klimatyp der Westpadania (Regionaltyp II)

I ■:!

Ili:

Die im Vergleich zur östlichen Poebene etwas feuchtere und kühlere

Westpadania weist, bedingt durch höhere Niederschläge und niedrigere

Temperaturen, keine ausgeprägte Sommertrockenheit auf.

Zum semihumiden Klimatyp der Westpadania gehören Ober- und Unterpiemont

und die zentrallomb.ardische Tiefebene westlich der Adda,

nicht aber die trockene Ebene von Alessandria. Der westpadanische

Regionaltyp ist durch vier bis sechs semihumide Monate und durch

^höchs tens^einen— s-em-i~a-r-i-d&n--S0mme-r-mona-t.,— der— ab-e.r— nur .s.chw-ac.h -S.etii|.

arid ist, gekennzeichnet. Das relativ feuchte Frühjahrs- und

Herbstklima erlaubt einen intensiven Futterbau auf der Basis von

Wiesenkulturen und Leguminosen, sofern das sommerliche Niederschlagsdefizit

durch künstliche Bewässerung überbrückt wird. Zur

Ertragssteigerung werden auch andere Kulturen (v.a. Mais) bewässert,

obwohl sie angesichts der ergiebigen Prühjahrsniederschlä-,

ge, die ihnen noch während ihrer Wachstumszeit zugute kommen,

klimatisch nicht unbedingt darauf angewiesen sind.

3. Der ostpadanische Typ mit Sommerdürre (Regionaltyp III)

i;

lil:

Der sommertrockene ostpadanische Klimatyp, dem nicht nur die ostlombardische

Tiefebene und die gesamte Ostpadania (C) zuzurechnen

sind, sondern auch der emilianisch-romagnolische Gebirgsfußbereicl

und die Bucht von Alessandria, besitzt eine zwei bis drei Monate

anhaltende Dürreperiode mit beträchtlichem Niederschlagsdefizit

für die Pflanzenwelt. Aufgrund der geringen Niederschläge in der

heißen Jahreszeit und der hohen Verdunstung sind der Juli und August

schon annähernd vollarid (Ferrara). Die im Hochsommer eintr«'

tende Aridität ist dem mediterranen Süden Italiens vergleichbar

(DONGUS 1966, S. 40). Das sommerliche Niederschlagsdefizit macht

sich bei der gleichzeitig hohen Evapotranspiration der Pflanzen

auch deshalb so nachteilig bemerkbar, weil von den geringen Frühjahrsniederschlägen

her kaum pflanzenverfügbares Bodenwasser gespeichert

ist. Wenn Dürreschädigungen oder eine verminderte WuchS'

leistung der Nutzpflanzen ausgeschlossen werden sollen, ist die

Bewässerung in der Ostpadania eine notwendige Voraussetzung für

eine befriedigende Ertragslage und gewinnbringende Bodennutzung.


- 69 -

Tab. 2: Klimadaten und agrarklimatische Bewertung

(Quelle: ALMAGIA 1961, Bde. 1,2,4 u. 7, Tabellenanhang

ISTAT, Annuario di statistica agraria 1971)

Station

(Höhe ü.d.M.)

Temperaturen (

Jahres- Kält. Wärm,

mittel Monat Monat

Jahres- Agrarklimanieder-

tische Bewertung

schlag(mm)

I. GANZJÄHRIG FEUCHTER KLIMATYP DES ALPINEN GEBIRGSFUSSBEREICHS

Westliche Alpen-

-randzone

Ivrea (267m) 12,5 1,3 23,4 958

Biella (412m) 11,5 2,0 21 ,3 1560

Asso (427m) 11,7 2,3 21,1 1653

östliche Alpenrandzone

Bergamo (366m) 12,7 2,2 23,0 1243

Desenzano ( 70m) 13,9 3,5 24,0 815

Vicenza ( 54m) 13,2 2,8 23,8 1037

II. SEMIHUMIDER KLIMATYP DER WESTPADANIA

Strahlungsbegünstigtes

,

wintermildes

Wein- und

Getreidebauklima

- regenreich

Cuneo (536m) 11,2 1,0 21,8 986

Saluzzo (395m) 11,7 1,5 22,4 1092

Fossano (376m) 11,7 0.9 22,5 786

Torino (238m) 12,4 0,6 23,6 779

Westpadanische

Tiefebene

Vercelli (135m) 11,2 0,0 23,8 783

Milano (122m) 13,0 1,2 24,3 1007

Pavia ( 77m) 12,2 0,1 23,2 784

III. OSTPADANISCHER KLIMATYP MIT SOMMERDORRE

Ostlombardische

Tiefebene

Cremona ( 45m) 13,0 0,7 24,5 641

Mantova ( 20m) 13,2 0,8 24,8 685

Apenninenfuß

Alessandria( 95m) 12,6 0,4 24,6 556

Piacenza ( 72m) 12,5 0,2 24,0 661

Parma ( 57m) 13,0 0,5 24,8 767

Modena ( 64m) 13,5 1,3 25,1 631

Bologna ( 52m) 14,2 2,0 25,8 601

Forli ( 34m) 14,2 2,1 25,3 755

Ostpadanische

Tieflandsdreieck

Ferrara ( l5m) 13,2 1,3 24,1 576

Rovigo ( 23m) 13,3 1,8 24,5 645

Padova ( 14m) 13,1 2,5 23,7 846

Venezia ( 3m) 13,7 3,8 23,6 757

Codigoro ( 2m) 13,1 1,3 24,1 603

Feuchtes,

sommerwarmes

Futter- und

Getreidebauklima

- häufige Nebel

- futterwüchsig

Subtropisch

getöntes,

sommertrockenes

Wein- und

Getreidebauklima

- wintermild

- nahezu frostfrei


- 70

3. SOZIO-ÖKONOMISCHE PRODUKTIONSGRUNDLAGEN ALS BESTANDTEILE

DER AGRARSTRUKTUR

Unter dem umfassenden und in der Literatur nicht immer mit demselben

Inhalt belegten Begriff der Agrarstruktur soll hier der Z«.

stand der sozio-ökonomischen Produktionsgrundlagen der Landwirtschaft

verstanden werden^^^ . Sozio-ökonomische Produktionsgrundlagen

sind dabei alle die vom Menschen im Rahmen des vorgegebenen

Naturpotentials zum Zwecke der Landnutzung geschaffenen Einrichtungen

(z.B. Bewässerungsanlagen, Siedlungsplätze, Fluraufteilun- j

gen, Agrarbetriebe, Vermarktungsstellen). Sie bilden neben den

durch Meliorationsmaßnahmen (Entsumpfung, Drainage, Bodengefügeverbesserungen;

vgl. Kap. 2.1.) beeinflußten und veränderten natürlichen

Produktionsbedingungen die Basis landwirtschaftlicher

Erzeugung.

Als Bestandteile der padanischen Agrarstruktur werden in den nach'

folgenden Kapiteln 3.1. - 3.6. die Bewässerungswirtschaft, die

agrargeschichtlich begründeten Strukturen der Landwirtschaft, das

Siedlungs- und Flurgefüge, die Bodeneigentums- und Bodenbesitzverhältnisse,

die Organisationsformen der Agrarbetriebe und die

für sozialökonomische Fragen wichtige Betriebsgrößenstruktur auf

ihren Zustand, ihre Funktionsfähigkeit und auf ihre räumliche

Differenzierung hin untersucht. Da sie in ihrer heutigen Formenund

Erscheinungsvielfalt das Ergebnis natürlicher Standorteinflüsse,

agrarhistorischer Entwicklungen, agrarpolitischer Steuerungsprozesse

(z.B. Bodenreform; vgl. Kap. 3.2.10) und ökonomischer

Gesetzlichkeiten sind, wird derartigen strukturbestimmenden

Faktoren die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt.

I-1 i 29) Mit dieser Begriffsdefinition wird die Agrarstruktur im engeren

Sinne erfaßt. Sie unterscheidet sich von der konkret

durch Strukturelemente angegebenen Begriffsbestimmung der

BG-Kommission nur dadurch, daß sie die natürlichen Produktionsfaktoren

nicht impliziert. (Vgl. Handwörterouch der

Raumforschung und Raumordnung 1970, Sp. 58-72 und SCHMITTBR

1965, S. 64).


- 71 -

3.1. Die Bewässerungswirtschaft

Die Poebene besitzt mit 1,6 Mill. ha (1970) bewässertem Kulturland

das größte zusammenhängende Bewässerungsgebiet Europas und

darf auch als namhaftes Beispiel eines Gebietes mit technologisch

fortgeschrittenem Bewässerungssystem gelten. Aufgrund ihrer klimatischen

Verhältnisse gehört sie zweifellos nicht zu den ausgesprochen

bewässerungsbedürftigen Gebieten, wie dies etwa bei den

subtropischen Trockenräumen der Erde der Fall ist. Doch stellt die

künstliche Bewässerung auch in der Poebene eine notwendige Produktionsvoraussetzung

für eine intensive Bodennutzung dar. Das unerschöpfliche

Wasserangebot der Alpenflüsse und die günstigen Reliefverhältnisse

haben dabei schon frühzeitig den Ausschlag für

die Einrichtung eines Kanalsystems gegeben (vgl. Kap. 3.1.1.).

Neben der Untersuchung der für die Bewässerung entscheidenden Naturfaktoren

(Kap. 3.1.2.) und der meistverbreiteten Bewässerungsmethoden

(Kap. 3.1.3.) zielt dieses Kapitel darauf ab, anhand einiger

signifikanter Merkmale homogene Bewässerungsregionen als

Grundlage zur Erfassung charakteristischer Bewässerungssysteme

auszugliedern (Kap. 3.1.4. und Karte 2).

3.1.1. Entwicklung des Bewässerungswesens

In der Poebene hat die Bewässerung eine alte Tradition, namentlich

in der Bassa Pianura der Lombardei und Piemonts. Dort haben die

günstigen Gefällsverhältnisse und das enorme Wasserangebot der Alpenflüsse

schon seit dem 12. Jh. zur Ableitung von Kanälen und zur

Bewässerung Anlaß gegeben. Die Großgrundbesitzstruktur hat dabei

den Ausbau der Bewässerungswirtschaft stets vorteilhaft beeinflußt.

Da aber die Verwirklichung eines weiträumigen Kanalbewässerungssystems

staatliche Initiative und Koordinierung voraussetzt,

sind es angesichts der in Mittelalter und Neuzeit sehr wechselvollen

politischen Machtverhältnisse in Oberitalien (vgl, Kap. 3.2.)

lediglich zwei Zeitabschnitte, die als Hauptphasen des Kanalbaus

und der Entwicklung der Bewässerungswirtschaft herausragen.

Die erste Phase des Kanalbaus (12.-15. Jh.)

Die Anfänge des Bewässerungswesens gehen auf das Hochmittelalter

zurück, als Feudalherren die ersten Flußableitungen vornehmen


- 72

ließen, tatkräftig unterstützt von Mönchsorden (Zisterzienser, Be

nediktiner), die nachweislich viele Bewässerungseinrichtungen ge«

schaffen haben (vgl. GRIBAUDI 1960, S, 283 u. 327, PECORA 1970,

S. 237, MONTI 1978, S. 7 und Kap. 3.2.3.).

.1:1:

Die ersten bedeutenden, heute noch existierenden Kanäle wurden je.

doch erst angelegt, nachdem die freien Stadtrepubliken 1175 über

Barbarossa gesiegt (Legnano) und 1183 (Konstanzen Friede) die Re.

galienrechte und damit das Recht zur Flußwassernutzung erlangt

hatten (MONTI 1978, S. 9 und PRACCfnTTMÜT^S. 2S9)“ "Be k änh t “isT^

der aus dieser Zeit stammende Naviglio Grande (1179-1271), der

Mailand über Abbiategrasso mit dem Tessin verbindet. Auf das 12,

-13. Jh. gehen auch der vom Chiese abgeleitete Naviglio Grande

Bresciano und der im Zusammenhang mit Flußregulierungen des Bac"

chiglione angelegte Canale della Battaglia (1189-1201) zurück

(vgl. CANDIDA 1972, S. 56).

Im Zeitalter der Dynastien (14.-16. Jh.) wurde der von den Stadt«

Staaten begonnene Kanalbau fortgesetzt. Die Kanäle dienten damals

nicht ausschließlich der Bewässerung, sondern auch der Schiffahrt,

vor allem dem Transport von Baumaterial und Agrargütern in die

Städte. Die Kanäle, die diese Funktion bis ins 19. Jh. hinein beibehielten

(JACINI 1857, S. 62f.), führen heute noch die Bezeichnung

"Naviglio" (vgl. Karte 2). Sie sind so angelegt, daß sie von

größeren Flüssen ausgehend quer über die Ebene verlaufen und in

Städten enden (z.B. Nav. Grande in Mailand, Nav. d'Ivrea in Vercelli).

: i;

Aus der ersten Phase des Kanalbaus stammen jedoch auch kleinere ui

größere, rein zu Bewässerungszwecken angelegte Kanäle, beispielsweise

der 40km lange Canale Muzza (1230), der das rechte Adda-Ufei

begleitet. Diese Bewässerungskanäle weisen zumeist ein anderes Anlageprinzip

auf: sie werden, nachdem sie in engen Taleinschnitten

der Flüsse gefaßt sind, annähernd parallel zur Flußrichtung geführt,

um dann wieder in den Unterlauf des Flusses zurückzukehren,

Im 16. Jh. (erste Meliorierungsphase; Kap. 3.2.8.) wurden auch in

der Ostpadania Kanäle gebaut, die aber ursprünglich der Entwässerung

dienten, beispielsweise der Adigetto, der einem alten Etschlauf

folgt, der Canal Bianco, der Canale Gorzone u.a..


Die zweite Phase des Kanalbaus (19.-20. Jh.)

Nach der Einigung Italiens (1861), als in der Ostpadania in einer

zweiten Meliorierungsphase die ausgedehnten Schwemmlandbereiche

trockengelegt wurden (Kap. 3.2.8.), erfuhr auch die Bewässerungswirtschaft

unter Aufsicht und Kontrolle des Staates eine entscheidende

Ausweitung. So nahm in der Lombardei der Anteil des Bewässerungslandes

von 1847 bis 1865 (1,1 Mill. ha; vgl. SERENI 1974,

S. 387-395) um 61,5% zu. Ab 1861 wurden von staatlicher Seite auch

'die Bildung von Bewässerungsgesellschaften gefördert und leistungsfähige

Kanäle angelegt.

- 73 -

Die zweite Phase des Kanalbaus wurde durch die Anlage des 82km

langen, nach dem piemontesischen Staatsmann benannten Canale Ca-

vour eingeleitet, der von Chivasso (Po) bis Galliate (Tessin) verläuft

und der als Staatskanal erbaut wurde (1863-1866); zum Canale

Cavour-System gehört heute ein Bewässerungsgebiet von rund 500 000

Hektar und ein 1500km langes Netz von Zuleiter- und Verteilerkanälen

(MONTI 1978, S. 40). In der Lombardei entstand 1892 der 86km

lange Villoresikanal zwischen Somma Lombardo (Tessin) und Fara

Gera d'Adda, der von der gleichnamigen Genossenschaft angelegt wurde

und heute ein Bewässerungsgebiet von 58 000 Hektar umfaßt (NELZ

1960, S. 82). An der Dora Baltea wurden 1876 ein mechanisches (Ci-

gliano) und 1927 ein elektrisches (Mazzd) Pumpwerk errichtet, wodurch

eine Bewässerung oberhalb des Canale Cavour ermöglicht wurde.

In der Ostpadania diente das im Zuge der zweiten Meliorierungsphase

(19. Jh.) erbaute Kanal- und Pumpwerkesystem anfangs ausschließlich

der Entwässerung (vgl. Kap. 3.1.4.).

3.1.2. Bestimmende Naturfaktoren

Angesichts der mehr oder weniger ausgeprägten Sommertrockenheit

der agrarklimatischen Regionaltypen der Poebene (Abb. 5) ist die

künstliche Bewässerung durch ihre ertragsfördernde und qualitätsverbessernde

Wirkung eine wichtige Produktionsvoraussetzung der

padanischen Landwirtschaft. Den Anreiz für die frühzeitige Entfaltung

einer Bewässerungswirtschaft boten zweifellos die günstigen

Neigungs- und Bodenverhältnisse sowie die gute Verfügungsmöglichkeit

über hinreichend große Wassermassen (Piemont, Lombardei).


74 -

Sommertrockenheit, Relief und Böden, Abflußverhältnisse und die

physische Beschaffenheit des Irrigationswassers stellen also die

bestimmenden Naturfaktoren der padanischen Bewässerungswirtschaft

dar.

a) Die Sommertrockenheit

Für die meisten der in Mitteleuropa beheimateten bzw. heute verbreiteten

Kulturpflanzen macht sich eine Sommertrockenheit von ein

bis zwei semiariden Monaten, wie sie in der west- und ostpadani- .

sehen Tiefebene auftritt (Abb. 5), bereits so nachteilig auf die

Wachstumsbedingungen und die Ertragsleistung bemerkbar, daß küiist.

lieh bewässert werden muß, wenn eine hohe Flächenproduktivität erreicht

(Tab. 3) und Qualitätserzeugnisse produziert werden solleiii

Bei dem humiden Klima der alpinen Gebirgsfußzone (Typ I) ist die

Bewässerung weniger aus klimatischen als aus edaphischen Gründen'

angezeigt, aufgrund der ungünstigen Reliefverhältnisse jedoch

nicht überall verwirklicht (vgl. Karte 2).

In der westpadanischen Tiefebene (Typ II), wo die Niederschläge

bei guter Speicherkapazität der Böden auch im Sommer zur natürlichen

Wasserversorgung der Nutzpflanzen ausreichten und wo in feud

ten Jahren sogar ganz auf Bewässerung verzichtet werden kann (z.B,

1977), lassen sich durch zusätzliche Bewässerung beträchtliche Ertragssteigerungen

beim Futter- und Maisbau erzielen (vgl. Tab. 3).

Aufgrund des in der Ostpadania drei bis vier Monate anhaltenden

Niederschlagsdefizits (Typ III) ist dort die sommerliche Bewässerung

aus Gründen der Ertragssicherheit (Dürreschädigung) besonders

beim Obst- und Feldgemüsebau erforderlich. Bei anderen Kulturen

(Mais, Futterpflanzen, Zuckerrübe) ist sie zwar zur Steigerung der

Flächenproduktivität notwendig (vgl. Tab. 3), für die Landnutzung

an sich aber keineswegs unabdingbar. Mais, Luzerne und Zuckerrübe

werden nämlich in der Ostpadania erst in letzter Zeit bewässert.

In Venetien (Verona) ist heute sogar die Beregnung von Weinreben

üblich, weil dadurch die Qualität der (Tafel-)Trauben verbessert

und der Alkoholgrad der Weine erhöht werden können (eigene Beobachtung

SW von Verona; CANDIDA 1972, S. 61).

■Wi,


- 75 -

Tab. 3: Effektivität der Bewässerung nach Kulturarten

(Quelle: ISTAT, Annuario di statistica agraria (1971),1972)

Kulturen

Flächenerträge in dz/ha (nach Provinzen)

ohne Bewässerung

mit Bewässerung

Dauerwiesen 35,9

60.4

26.4

(Cuneo)

(Milano)

(Padova)

88,9

125.7

119.7

(Cuneo)

(Milano)

(Padova)

Luzerne 56,9 (Como) 97,5

71,8 (Milano)

(Padova)

Rotklee 31,5 (Como) 63,9

82,6 (Padova)

(Milano)

Hybrid-Mais 48,0 (Como) 59,1

59,6

(Milano)

(Padova)

Zuckerrübe 285,0 (Alto Veronese)* 359,6

394,0 (Ferrara)

(Bologna)

Reis

ökologisch

nicht möglich

* nach Angaben bei CANDIDA 1972, S. 110

49,7

56,1 (Vercelli)

(Ferrara)

b) Die Neigungs- und Bodenverhältnisse

Optimale Relief- und Neigungsverhältnisse für die Flußwasser- bzw.

Gefällsbewässerung bietet die 1-3%Sgeneigte zentrale Tiefebene

(Bl). Dort besteht nicht nur ein günstiges natürliches Gefälle in

die Bewässerungsgebiete hinein, sondern die Geländeverhältnisse

gestatten auch eine Mehrfachnutzung und sichern den Abfluß des

Irrigationswassers. Dagegen bereiten Neigungswinkel von weniger

als 0,5 ° , wie sie für das ostpadanische Tieflandsdreieck weithin

kennzeichnend sind (vgl. Kap. 2.1.7.), bereits große technische

Schwierigkeiten bei der Herleitung und Zurückleitung des

Irrigationswassers über die gefällsarmen Kanäle und über die hohen

Deiche der Dammflüsse hinweg (vgl. Kap. 3.1.4.).

Die vom Bodengefüge, also vom Durchlässigkeitsgrad und Wasserhaltevermögen

der Böden abhängige Infiltration des Irrigationswassers

ist bei sandig-tonigen Lehmböden (Terreni di medio impasto;

vgl. Tab. 1) am günstigsten, weil sich bei derartigem Bodengefüge

die horizontale und vertikale Infiltrationskomponente

die Waage halten (Abb. 8). Bei sandigen Böden muß wegen der ra-


76

sehen senkrechten Infiltration mit hohen Versickerungsverlusten

gerechnet werden. Auch bei Tonböden können die Wasserverluste er.

heblich sein, wenn bei Trockenheit tiefgründige Schrumpfungsrisse

auftreten. Diese von strukturellen Bodeneigenschaften abhängigen

Versickerungsverluste können jedoch bei Anwendung der Beregnung

(vgl. Kap. 3.1.3.) weitgehend ausgeschaltet werden.

c) Die Abflußverhältnisse

■ %

Die Grundvoraussetzung der Bewässerung, die Verfügbarkeit^be.r-ej

ausreichendes Wasserangebot im Sommerhalbjahr, ist in der Poebene

nirgends günstiger als in Piemont und in der Lombardei. Dort ste»

hen nämlich während der gesamten Vegetationsperiode (1. März bis

31. Oktober; vgl. Kap. 2.2.3.) die hohen Abflußmengen aus den Al«

penflüssen zur Verfügung, darüber hinaus noch das Quellwasser der

Fontanili. Anders verhält es sich in der Emilia-Romagna, wo die_

periodisch abkommenden Apenninentorrenten und das Fehlen einer

Quellenzone im Hochsommer zu einem so starken oberflächlichen Was»

sermangel führen, daß man auf Grundwasserförderung zu Irrigations»

zwecken angewiesen ist (vgl. Kap. 3.1.4.).

-ii ■:

Vergegenwärtigt man sich zur Beurteilung der sommerlichen Wasserverfügbarkeit

die Abflußkurven einiger padanischer Flüsse, so

sind bedeutende Unterschiede im Abflußregime festzustellen (Abb. l

Sie können am besten dadurch vergleichbar gemacht werden, daß keine

absoluten, sondern relative Abflußwerte (Abflußkoeffizienten

bezogen auf die mittleren monatlichen Abflußmengen) herangezogen

werden. Als Ergebnis eines Vergleichs der in Abb. 6 dargestellten

Abflußkurven kann festgehalten werden, daß die glazial und pluvio

-glazial bestimmten Abflußtypen (I und II) der aus den Westalpen

kommenden Flüsse vom Zeitpunkt der Schneeschmelze und vom mitteleuropäischen

Niederschlagsgang beeinflußt werden; diese Abflußtypen

bieten geradezu ideale Bedingungen für die Flußwasserbewässerung,

da die Abflußgipfel zu Beginn und während der Wachstumszeit

der Pflanzen auftreten. In dieser Hinsicht ist auch der pluvio

-nival bestimmte ostalpine Abflußtyp (III) für die Bewässerung

stig. Dagegen weist der vom mediterranen und submediterranen Niederschlagsgang

geprägte Abflußtyp IV den ganzen Sommer über die g«'

ringsten Wassermengen auf; im Juli und August trocknen einige Apeii'


Abb. 6: Abflußtypen padanischer Flüsse

1 G l a z i a l e r A b f lu O t y p

D o r a B a l t e a

( T a v a g n a s c o )

II P l u v i o - g l a z i a l b e s t i m m t e r A b f l u ß t y p

SesiQ

( P o n t e A r a n c o )

Tessin

( S e s t o C a l e n d e )

A d d a

(Lgcco )

III P l u v i o - n i v a l b e s t i m m t e r A b f lu ß t y p

- E t s c h

( B o a r a )

- B r e n t a

( S a r s o n )

• P i a v e

( S e g u s i n o )

IV P l u v i a l b e s t i m m t e r o p e n n i n i s c h e r A b f l u ß t y p

• T r e b b ia

{ S S q Iv a lo re )

- P a r m a

( B a g a n z o l a )

• R e n o

( C a s a l e c c h i o )

V T n t e r m e d i ä r e r A b f l u ß t y p

P o

( P o n t e l a g o -

s c u r o )

Entwurf und Zeichnung:

H. Maier

wobei n = i ...12 und a„ die mittlere monatiicheAbfiußmenge(m^/sec) ist


- 78 -

ninentorrenten zeitweilig sogar völlig aus (Taro, Parma, Secchia

T

und Panaro mit Tagesminima von 0 m /sec). Dementsprechend ist in

der Emilia-Romagna die Flußwasserbewässerung von Juni bis September

in Frage gestellt und im Hochsommer de facto unmöglich. Der

vom Abflußcharakter der Alpen- wie der Apenninenflüsse beeinflußte

und in Abb. 6 als intermediär bezeichnete Abflußtyp des Po (V)

erscheint in relativer Sicht sehr ausgeglichen, weist jedoch aufgrund

seiner hohen Gesamtwasserführung absolut gesehen enorme

Jtasjsfi.Tist.andssr.hwankiingen auf, die zu Verheerenden Überschwemmun-

gen führen können, wenn eine witterungsbedingte Interferenz der

Abflußmaxima der Typen I-IV eintritt (vgl. DONGUS 1966, S. 42-47),

Was die Bewässerungswirtschaft anbelangt, so sind die Abflußschwankungen

des Po weniger eine Frage der Wasserverfügbarkeit

als der Bewässerungstechnik (vgl. Kap. 3.1,4.).

d) Die Beschaffenheit des Irrigationswassers

Die pflanzenphysiologische Wirkung der Bewässerung hängt ganz wesentlich

von drei Eigenschaften des Irrigationswassers ab, nämlich

der Temperatur, dem Sinkstoff-Gehalt und der biologisch-chemischen

Beschaffenheit.

Temperatur

Die thermische Qualität des Irrigationswassers, die von der Herkunft

des zur Bewässerung verwendeten Wassers bestimmt wird, ist

ein Faktor, der das Pflanzenwachstum und den Wärmehaushalt des Bodens

je nach Jahreszeit vorteilhaft oder nachteilig zu be'^'influs-

sen vermag. So eignet sich beispielsweise das Quellwasser der Fon-

tanili mit seiner jahreszeitlich ziemlich konstanten Wassertempera

tur von 10-13 °C im Winter zur Überflutung von Dauerwiesen, mit

dem Zweck, den Boden zu erwärmen und das Wachstum der Grasnarbe

auch im Winterhalbjahr aufrechtzuerhalten (Marcite; vgl. Abb. 7).

Im Sommer gehört es dagegen ebenso wie Grundwasser und Flußwasser

der Schneeschmelze zum Typus kühlen Irrigationswassers (weniger

als 16 °C). Für Bewässerungszwecke zu kühles Irrigationswasser

stammt im Frühjahr und Sommer aus den Westalpenflüssen (Dora Balten,

Sesia u.a.), ist aber auch vom kalifornischen Central Valley

(Sacramento-Fluß) bekannt.


'TB

- 79 -

Die negative Eigenschaft zu niedriger Wassertemperaturen macht sich

von allen Bewässerungskulturen beim Reisbau am nachhaltigsten bemerkbar.

Da die Reispflanze hohe Temperaturen zur Keimung und zum

Wachstum benötigt (vgl, Kap. 4.5.1. und Abb. 19), äußert sich die

Verwendung zu kühlen Überflutungswassers in einem bis zu 5®o betragenden

Ernteverlust, der dadurch verursacht wird, daß die Reispflanzen

in der Nähe der Zustromöffnungen steril bleiben.

Für die Zeit des Hochsommers pflegt man daher gerade im Hinblick

auf die Erfordernisse beim Reisbau

kühles, von der Schneeschmelze und aus dem Grundwasserkörper

herrührendes Irrigationswasser von +16 °C,

temperiertes, aus Flüssen mit pluvialem Einzugsbereich und aus

Seen stammendes Irrigationswasser von +16 - +18 “c und

warmes, bereits auf Feldern, in Kanälen oder als Brauchwasser

vorgewärmtes Irrigationswasser von +19 C

zu unterscheiden (Mitteilung der Associazione d'Irrigazione Ovest

Sesia und TINARELLI 1973, S. 55). In Anbetracht der negativen

pflanzenphysiologischen Wirkung eines zu kühlen Irrigationswassers

ist die Notwendigkeit offensichtlich, verschieden temperierte Irrigationswässer

in den Kanälen zu vermischen und vorzuwärmen.

Sinkstoff-Gehalt

Die im Irrigationswasser enthaltenen Schwebsubstanzen, die als

Sinkstoffe auf Feldern und in Kanälen abgelagert werden, haben je

nach Menge und Art der Schwebführung positive oder negative Auswirkungen

auf die Böden, die Kulturpflanzen und die Reinhaltung

der Kanäle (Tab. 4). Was die Gefügeänderung der Böden betrifft, so

können beispielsweise lockere Sandböden durch Irrigationswasser

mit hohem Anteil an aufgeschlämmten Tonen und Schluffen in ihrer

Struktur verbessert, lehmig-tonige Böden jedoch zusätzlich verdichtet

werden. Umgekehrt tritt bei schlecht durchlüfteten Tonböden

eine Gefügemelioration ein, wenn Irrigationswasser mit hohem Gehalt

an suspendiertem Sand zugeführt wird. Vorteilhaft wirkt sich

in jedem Falle die mit schluffig-tonigen Sinkstoff-Absätzen verbundene

Nährstoffanreicherung im Boden aus. Eine negative Begleiterscheinung

der Schwebführung ist die Verschlämmung des Blattwerks,


Tab. 4: Positive und negative Wirkungen schwebführenden

80

Irrigationswassers auf Böden und Nutzpflanzen

(Information der Bewässerungsgesellschaft Associazione

d'Irrigazione Ovest Sesia)

B o d e n g e f ü g e Boden­

Schweb-

Nutzfrucht-

Substanz

sandig

...

lehmig

^

tonig torfig

^ i;*“}'"!'!

barkeit

pflanzen

^

Grobsand

Feinsand

Schluff +

Ton +

+

+

+

o

o

Verschlämmung

des

Blattwerks

(-)

Organische ^

Substanz

Anreicherung von

pflanzenverfügbaren

Nährstoffen (+)

+ positiv

negativ

o indifferent

besonders bei Futterpflanzen, sowie die Sedimentation in den KanS

len, die jeden Herbst kostspielige Säuberungsmaßnahmen erforderlicl

machen.

!.

Dem Einzugsgebiet entsprechend weisen der Po und seine Apenninenzuflüsse

und das davon abgeleitete Irrigationswasser einen hohen

Gehalt an suspendiertem Schluff- und Feinsand auf (Po bei Chivasso:

75 mg/1 im Sommer). Demgegenüber haben die meisten Alpe'nflüsse,

sofern sie nicht geklärt aus Seen austreten (Tessin, Adda, Mincio

u.a,), einen relativ hohen Grob- und Feinsandanteil (z.B. Dora

Balten bei Ivrea; 273 mg/1 im Sommer). (Vgl. TINARELLI 1973, S.56),

Nährstoff-Konzentration und Verunreinigung

Die im Irrigationswasser gelösten Stoffe sind für den Landbau insofern

von Interesse, als es sich dabei sowohl um Nährstoffe als

auch um anthropogen bedingte Schad- und Giftstoffe handeln kann.

Der Nährstoffgehalt des Irrigationswassers, der durch die Konzentration

der sogenannten Makronährstoffe, d.h, durch Stickstoff(N)'

Phosphat(P045")-, Kalium(K-")-, Calcium(Ca2-^)-, Sulfat(S042r)- und


- 81 -

Chlorid(Cl")-Anteil erfaßt wird, variiert je nach Herkunft, vorheriger

Nutzung und Temperatur des Wassers. Ausgesprochen nährstoffreich

(N-Gehalt von mehr als 1,5 mg/1, PO^-Gehalt von mehr

als 1-1,5 mg/1 und K-Gehalt von über 2 mg/1; TINARELLI 1973,

S. 57) ist das mehrfach genutzte Irrigationswasser (acque colatizie),

das aus dem Oberboden die durch Düngung zugeführten Nährstoffe

teilweise aufnimmt. Mit Nährstoffen angereichert sind auch

das Quellwasser der Fontanili und das in zunehmendem Maße zur Bewässerung

verwendete Grundwasser. Nährstoffarm ist hingegen das

im Frühjahr und Sommer aus den Alpenflüssen stammende Schmelzwasser

(z.B. Dora Baltea), selbst wenn es in Seen mit Niederschlagswasser

vermischt wird (Tessin, Adda, Oglio und Mincio; vgl. SAM-

PIETRO 1953).

Da von den Verdichtungsbereichen Turin, Biella und Mailand (vgl.

Karte 3) in großem Umfange Brauchwasser (Industrieabwässer) ohne

vorherige mechanisch-chemische Aufbereitung über die Flüsse (Po,

Blvo, Cervo, Sesia, Lambro, Seveso, Lura, Olona) in das Kanalnetz

gelangt, sind das Vercellese, Novarese, Basso Milanese und Lodigiano

bisher am häufigsten von verschmutztem Irrigationswasser betroffen

gewesen (vgl. Assoc. Irrigazione Est Sesia 1973, S. 70f.).

Gefahren für die Bewässerungskulturen gehen dabei von zu hohen

Konzentrationen an Bor, Arsen, Lithium, Ammoniak und Schwermetallen

(Eisen, Blei, Chrom, Cadmium, Zink) aus (vgl. LEONIZIO 1968,

S. 10 und TINARELLI 1973, S. 58).

Die mit organischer Substanz angereicherten Abwässer der privaten

Haushalte, die in weiten Teilen der Poebene mangels Kläranlagen

ohne Aufbereitung in die Flüsse und Bewässerungskanäle geleitet

werden, sind ihres Nährstoffreichtums wegen bisher noch zur Bewässerung

von Dauerwiesen sehr geschätzt.

Methanhaltiges und versalztes Grundwasser, wie es etwa in den

Valli Bondesane oberflächlich vorkommt und gelegentlich in Brunnen

zu Tage tritt (vgl. Kap. 2.1.7.) , kann aufgrund seiner pflanzenschädigenden

Wirkung natürlich nicht zur Bewässerung verwendet

werden.


- 82

3.1.3. Traditionelle und moderne Bewässerungsmethoden

Da die Art der Wasserverteilung auf den Feldern von den morphologisch-pedologischen

und hydrologischen Verhältnissen und auch vom

Wasserbedarf der Kulturen (z.B. Reisbau) abhängig ist, zielt man

heute darauf ab, die Bewässerungsmethoden den gegebenen Naturfaktoren

so anzupassen, daß sich eine gute Wasserausnutzung mit minimalern

Infiltrationsverlust und ein optimaler Pflanzenertrag bei

geringstmöglichem Wasserverbrauch erreichen lassen (vgl. CANTOR

1967, TAYLÖR7ASHCR0FT“ 19727tmd-ZIMMERMANN -1966) .- Diesem Ziel ste---

hen angesichts der hohen Investitionskosten bei Anwendung hochtechnisierter

Bewässerungsmethoden (Berieselung, unterirdische

Rohr-Sickerbewässerung) oftmals die finanziellen Möglichkeiten der

Agrarbetriebe entgegen.

Überflutung oder Flächenüberstauung

Eine speziell beim Reisbau angewandte Bewässerungsmethode ist die

Überflutung oder Flächenüberstauung (sommersione), die in der Poebene

auf ca. 180 000 ha Reisbaufläche (1976) verbreitet ist. Sie

geschieht durch kontinuierliches langsames Überfluten der von niedrigen

Dämmen umgebenen Reisfelder. Für eine gleichmäßige Überflutung

müssen die Feldstücke eben und horizontal eingerichtet sein

(unter 0, IVo geneigt; TINARELLI 1973, S. 91). In stärker reliefiertem

Gelände (Alto Vercellese), wo die Reiskammern klein und treppenförmig

angelegt sind (sistemazione ad anfiteatro und sistemazione

a mammellone; PIACCO 1971, S. 11), erfolgt die Überflutung

nach dem Prinzip det Überlaufbewässerung, wobei das Irrigationswasser

über Auslässe auf die nächstniedrigen Felder geleitet wird.

Dagegen ist in nahezu ebenem Gelände (Basso Vercellese, Ferrarese)

wo die Reisfelder aus planimetrischen Gründen bis zu 4 ha groß angelegt

werden können, ein dichtes Netz von Zuleiterkanälen (adacquatori)

und Sararaelkanälen (scoline, fossi di scolo) in jedem

Feldstück erforderlich (vgl. PIACCO 1971, S. 6-16 und TINARELLI

1973, S. 81-101).

Grundvoraussetzung für die Anwendung der Überflutung sind ein ausreichendes

Wasserangebot und ein lehmig-toniges Bodengefüge mit g«

ringen Infiltrationsraten (vgl. Tab. 5). Um die Versickerungsverluste

gering zu halten, wird beim Reisbau im Frühjahr das Bodenge-


- 83 -

Tab. 5: Wasserverbrauch unterschiedlicher Bewässerungsmethoden

in Abhängigkeit von den Bodenarten

(Information der Bewässerungsgesellschaft Associazione

d'Irrigazione Ovest Sesia)

Bodenart W a s s e r v e r b r a u c h ( 1/ha • sec)

1 ntiin o Sicker und Berieselung

Tonböden

(terreni argillosi) 1,2 0,1 - 0,3 0,3 - 0,5

Sandig-tonige

Lehmböden

(terreni di medio

impasto)

Sandige Lehm- bis

lehmige Sandböden

(terreni sciolti)

3,0 0,5 - 1,0 0,3 - 0,5

6,0 1,5 - 2,5 0,3 - 0,5

füge auf mechanischem Wege zusätzlich verdichtet (Scheibeneggen),

ein Arbeitsgang, den man Schlammbereitung oder Verschlämmung

(slottamento) nennt (vgl. PIACCO 1971, S. 71).

Obwohl die Überflutung beim Reisbau aus physiologischen Gründen

erfolgt, eignet sie sich in subtropischen Klimaten gleichzeitig

auch zur Wärmeregulierung (vgl. Kap 4.5.1.). Da die Überflutung

auch im Winter zur Wärmeregulierung ausgenutzt werden kann, wird

sie in der Lombardei schon seit Jahrhunderten auch bei Dauerwiesen,

bei den sogenannten Marcite, angewandt. Die winterliche Überflutung

der Marcite geschieht anders als beim Reisbau durch ein

System von Zuleiter- und Sammelkanälchen in unterschiedlichem Niveau

(Abb. 7). Da das in Fluß gehaltene Wasser die Grasnarbe durch

einen dünnen Wasserfilra vor Frost schützt, wird das Wachstum der

Futterpflanzen auch im Winter aufrechterhalten, so daß bereits im

Februar der erste Schnitt (bei 6-10 Schnitten im Jahr) erfolgen

kann (NELZ 1960, S. 84, SESTINI 1963, S. 60). Wegen des hohen Wasserverbrauchs

für die Marcite-Oberflutung (30-35 1/ha • sec;

MEDICI 1940, S. 60) und wegen der zunehmenden Verschmutzung der

Abwässer sind Marcite heute nur noch sehr selten anzutreffen.


- 84 -

Abb.7;

Überflutungssystem der Marcite (sistemazione ad ali)

Hauptzuleiterkanal

'\

\

(adaquatore primaro)

Feldkanal

(canaletto aduttore)

Hauptsammelkanal

(scolatolo)

(canaletto

oolatore)

: r ,1

ir

Entwurf und Zeichnung: H. Maier

Sickerbewässerung

In der Poebene sind heute drei verschiedene Formen der Sickerbewässerung

(scorrimento, infiltrazione) üblich:

1'Fi- v ü '

i J,

a) Die eigentliche Sickerbewässerung

Sie wird heute vorzugsweise bei Dauerwiesen und Grünland angewandt

(Oberpiemont) und ist bei Bestehen eines Kanalnetzes eine mit verhältnismäßig

geringem technischen und finanziellen Aufwand verbundene

Bewässerungsmethode. Zur periodischen Wasserzufuhr müssen

lediglich die Auslässe zu den Feldstücken stundenweise geöffnet

werden.

b) Die Furchen-Bewässerung

Die hauptsächlich beim Mais- und Hackfruchtbau angewandte Furchenbewässerung

beruht auf der guten horizontalen Infiltration des

Irrigationswassers. Hierfür werden in engem Abstand Furchen ausgepflügt,

von denen das periodisch hindurchgeleitete Wasser seitlid

in die dazwischenliegenden Beete infiltrieren kann. Im Hinblick

auf Infiltration und Versickerungsverlust ist bei der herkömmlichen

Furchen- und Sickerbewässerung eine mittlere bis feine Körnung

der Böden optimal. Auf durchlässigem Sandboden führt die

schnelle vertikale Infiltration zu einem vergleichsweise hohen

Wasserverbrauch (vgl. Abb. 8 und Tab. 5), obwohl eine gute Ausnutzung

des Irrigationswassers bei schwach geneigtem Gelände mög-


- 85 -

lieh ist. Außer den hohen Versickerungsveri^usten ist als weiterer

Nachteil die ständig erforderliche Überwachung der Schleusen und

Kanäle, die auch die Befahrbarkeit der Felder behindern, zu nennen.

c) Die unterirdische Rohr-Sickerbewässerung

Eine neuzeitliche Art der Sickerbewässerung stellt die unterirdische

Rohr-Sickerbewässerung dar, bei der im Wurzelbereich der Bäume

perforierte Rohre verlegt sind (Abb. 8)» mit deren Hilfe eine

gute Dosierung der Wasserzufuhr erfolgen kann. Wegen des fest im

Boden verlegten Rohrnetzes kommt jedoch diese Bewässerungstechnik

nur bei Dauerkultursystemen in Frage. Sie wird in der Poebene

(z.B. Polesine di Rovigo) beim Obstbau mit Erfolg angewandt. Der

große Vorteil der unterirdischen Rohr-Sickerbewässerung liegt darin,

daß die Versickerungsverluste nur gering sind und daß kein

Irrigationswasser verdunstet wie bei der Berieselung. Als Bewässerungstechnik

mit sparsamster Wasserverwendung (HARTKE 1978,

S. 311), bei der die Bewässerungsgaben gut auf den Wasserbedarf

der Kulturen abgestimmt werden können, erfordert sie jedoch hohe

Investitions- und Unterhaltskosten.

Abb.8: Infiltration bei konventioneller Furchenund

moderner Rohr-Sickerbewässerung

Infiltrationskurven bei

------------ Sandböden

---------- Lehmböden

■ Tonböden

Entwurf und Zeichnung: H, Maler


86

Künstliche Beregnung

Eine außerordentlich effektive Wasserausnutzung bietet die neuzei),

liehe Beregnungs- oder Berieselungs-Technik (irrigazione a pioggij

aspersione), bei der das Irrigationswasser über rotierende Sprint

1er oder perforierte Röhren in die Luft versprüht wird. Am meist?!

verbreitet sind in der Poebene zur Zeit noch mobile Sprinkler-Ah'

lagen (impianti mobili, impianti semifissi), die das Irrigations

Wasser über oberirdisch verlegte Rohre und Schläuche von den teil)

mehrere hundert Meter entfernt liegenden Kanälen beziehen.jpie.

mobilen Sprinkler, die eine Reichweite von 15-20m haben, werden 1|

der Ostpadania seit Jahrzehnten beim Feldgemüsebau verwandt, set

zen sich in letzter Zeit aber auch zunehmend beim Futter- und

Zuckerrübenanbau durch (vgl. Manuale del Bieticoltore 1974, S. 5)

In Zukunft sollen sie durch automatisch arbeitende Groß-Beregnunji

anlagen (impianti fissi) ersetzt werden, die im Umkreis von 90m

wirksam sind und die durch Hydranten an ein unterirdisches Rohn

Stern angeschlossen werden (Information: Consorzio Interprovincialt

per la Bonifica di Burana).

1 ■i

I■

Die Anwendbarkeit der Beregnungs-Technik ist im Gegensatz zur Ok)

flutung und Sickerbewässerung nicht an besondere Naturvoraussetzui'

gen gebunden (Wasserreichtum, Geländeneigung, Böden) . Wegen des ff

ringen Wasserverbrauchs (0,5 1/sec • ha) ist sie gerade in Gebie«

ten anwendbar, wo das Wasserangebot der Flüsse gering ist (Emilia

-Romagna) oder wo das Irrigationswasser auf kostspieligem Wege übi

Siphonanlagen und Pumpwerke hergeleitet werden muß (Ostpadania),

Da Sprinkler-Anlagen auch bei größerer Geländeneigung installiert

werden können, ist die Berieselung die gegebene Bewässerungsteeh

nik in stärker reliefiertem und hängigem Gelände (Moränengebiete

Alta Pianura). Der Einfluß des Bodengefüges auf die Infiltration

und den Versickerungsverlust ist bei der Berieselung vernachlässiS

bar gering, da eine Bemessung der Wasserzufuhr möglich ist, und

die Feuchtigkeit bereits vom Blattwerk aufgenommen wird.

Der große Vorteil der künstlichen Beregnung liegt also einmal in

der selbst auf durchlässigen Böden sehr effizienten Wasserausnutzung,

trotz Verdunstungsverlust. Zum anderen können die Bewässe

rungsgaben genau auf den Durchfeuchtungsgrad der Böden und auf


ns

- 87 -

Wasserbedarf der Pflanzen in den einzelnen Vegetationsstadien abgestimmt

werden. Dies ist insofern bedeutend, als die Evapotranspiration

der Pflanzen bei bemessener Wasserzufuhr geringer ist,

ohne daß der Ertrag beeinträchtigt wird (vgl. HARTKE 1978, S.310)

Ferner ist durch die Berieselungs-Technik eine gleichmäßige Verteilung

des Irrigationswassers gewährleistet. Ein Nachteil, besser

gesagt eine Rentabilitätsfrage, sind bei der Berieselung die

vergleichsweise hohen Anschaffungs- und Installierungskosten und

der laufende Energieverbrauch durch die Sprinkler.

3.1.4. Die padanischen Bewässerungsregionen

Das Bewässerungsgebiet der Poebene weist eine deutliche regionale

Differenzierung auf, wenn als Kriterien

der Anteil des bewässerten Kulturlandes an der LF (0),

die Organisation des Bewässerungswesens (1) und

die vorherrschende Bewässerungsmethode (2)

zugrundegelegt werden. Mit dem ersten Merkmal werden die Verbreitung

und die Intensität der Bewässerung erfaßt, die in der Poebene

hauptsächlich eine Funktion der Naturvoraussetzungen und Betriebsstruktur

sind. Die wirtschaftlich-rechtliche Organisation des Bewässerungswesens

(1) ist ein signifikantes Merkmal zur Kennzeichnung

typischer Bewässerungssysteme (Flußwasser-Gefällsbewässerung,

Flußwasser-Pumpenbewässerung, Fontanili-Bewässerung, Brunnenbewässerung,

Grundwasserförderung). Das dritte Merkmal, dessen Ausprägung

mitunter von der kulturartspezifischen Bodennutzung abhängt,

läßt in der Regel sichere Aussagen über die Wasserverfügbarkeit

zu (vgl. Kap. 3.1.3.).

Die genannten Merkmale sind in der Statistik nicht gemeindeweise,

sondern für größere Provinzialbezirke als kleinste Erhebungseinheiten

erfaßt^^^. Die zur Bildung homogener Bewässerungsgebiete

notwendige Typisierung ist zuerst nach dem Merkmal (0) erfolgt.

30) ISTAT, das amtliche italienische Zentralinstitut für Statistik,

hat bei den Erhebungen zur Bewässerungswirtschaft (1969/70) für

jede Provinz Erhebungseinheiten zugrundegelegt (Provinzialbezirke)

, die alle Gemeinden des Gebirges (montagna), der Alta

Pianura und des Hügellandes (collina) und der Tiefebene (pianura)

umfassen.


- 88 -

Eine weitere wesentliche Differenzierung ergab sich unter Berück-

sichtigung der Merkmale (1) und (2), mit Hilfe derer die Provin- ’

zialbezirke in Bewässerungstypen eingeteilt wurden (vgl. Figur in,

Karte 2).

Die Bewässerungstypen sind nach der sich für die Provinzialb^.

zirke ergebenden Merkmalsverteilung festgelegt, d.h. es wurden

nach Feststehen der Verteilung vier Schwerpunkte ausgewählt,

die auch unter geographischen Gesichtspunkten als repräsentativ

gelten dürfen. Zur Distanzmessung erwies sich aufgrund d«

Merkmalsverteilung die sogenannte Maximumsmetrik

d (x,y)

max

k=1 ,2 ^kals

besonders geeignet, wobei x = (x^,X2) und y = (y^,y2) die

jeweilige Merkmalsausprägung der Provinzialbezirke x und y bo'

züglich der Merkmale (1) und (2) bezeichnet. Die zu jedem

Schwerpunkt gehörige Gruppe (Bewässerungstyp) umfaßt jeweils

diejenigen Punkte (Provinzialbezirke), deren Abstand zum

Schwerpunkt weniger als 251 beträgt.

Das Ergebnis ist in Karte 2 festgehalten, in der auch wichtige Be

Wässerungseinrichtungen (Kanäle, Pumpwerke) eingetragen sind. Die

Bewässerungstypen (Provinzialbezirke) sind aus Gründen der Übersichtlichkeit

zu vier Bewässerungsregionen zusammengefaßt wordem

3.1.4.1. Region intensiver Flußwasserbewässerung (I)

iiJ

Die Bewässerungsregion I, zu der fast die gesamte piemontesisph

-lombardische Ebene gehört (vgl. Karte 2), ist durch drei Abgrem

Zungskriterien bestimmt: durch einen sehr hohen Bewässerungsanteil

an der LF (70-90t), durch einen hohen Organisationsgrad der Betrit

be (70-100%) und durch das Vorherrschen der Sickerbewässerung (bei

60-100% der Betriebe). Die Verbreitung der Bewässerung auf gut

drei Viertel der LF hängt mit den in Piemont und der Lombardei

außerordentlich günstigen Naturvoraussetzungen zusammen (v.a. Was*

serverfügbarkeit, vgl. Kap. 3.1.2.). Der hohe Organisationsgrad

der Bewässerungswirtschaft ist bedingt durch die Notwendigkeit gc

meinschaftlicher Planung bei dem auf Flußwassernutzung basierendei

Bewässerungssystem, welche großräumige Koordinierung (Kanalbautel)

und wirtschaftliche Kooperation erfordert. Er erklärt sich zum

Großteil aus der vorherrschenden Großbetriebsstruktur (Karte 5)i

die die Einrichtung eines Kanalsystems (Wasserverteilung) erleicli'


- 89

terte und die im 19. Jh. Voraussetzung für die Bildung von Bewässerungskonsortien

war. Seit mehr als einem Jahrhundert liegt nämlich

die Organisation des piemontesisch-lombardischen Bewässerungswesens

in Händen großer gewinnorientierter Gesellschaften (Associazione

d'Irrigazione Ovest Sesia, Associazione d*Irrigazione Est

Sesia, Consorzio dl Bonifica "E.Vllloresi" u.a. Diese Gesellschaften

sind einem Staatsorgan, dem Magistrate delle Acque, unterstellt.

Ihre Mitglieder (ca. 50 000) sind vorwiegend mittlere und

..größere Landeigentümer, die nach ihrer Betriebsfläche besteuert

werden. Die Gesellschaften haben in ihren Bewässerungsbezirken

(comprensori) das Netz der vorwiegend im 19. Jh. erbauten Staatskanäle

in Verwaltung übernommen, verfügen aber auch über eine mehr

oder weniger große Anzahl eigener, meist kleinerer Kanäle. In den

bis zu 200 000 ha großen Bewässerungsbezirken obliegt ihnen der

Unterhalt, die Sanierung und die Neuanlage von Kanälen. Darüber

hinaus haben sie die technische und organisatorische Leitung des

Flußwasserbewässerungssystems in allen Fragen der Wasserverteilung

und des Finanzwesens.

Das Vorherrschen der Sickerbewässerung als einer Bewässerungsmethode

mit relativ hohem Wasserverbrauch (vgl. Tab. 5) beruht auf

der guten Wasserverfügbarkeit und auf den günstigen Gefällsverhältnissen

der piemontesisch-lombardischen Ebene. Diese haben dort eine

frühzeitige Entfaltung der Bewässerung ermöglicht (vgl. Kap.

3.1.1. und 3.1.2.). Als Bewässerungsmethoden sind außer der eigentlichen

Sickerbewässerung (Dauerwiesen, Grünland) auch die Furchenbewässerung

(Mais) und im Vercellese, Novarese und in der Lomellina

die Überflutung (Reisbau) verbreitet.

Als Bewässerungssystem herrscht in Piemont und in der Lombardei

die Flußwasser-Gefällsbewässerung vor (irrigazione per gravitä),

während die Fontanili-Bewässerung heute nur noch eine ergänzende

Funktion hat. Die Entnahme des Flußwassers erfolgt in den Talengen

des Gebirgsfußbereichs, und zwar mit Hilfe von Staustufen, in die

häufig Kraftwerke eingebaut sind (Tessin: bei Somma Lombarde;

Adda; oberhalb von Paderno).

Nach der Ableitung verlaufen die Hauptkanäle (canali principali,

canali maestri) über eine längere Strecke hinweg mit den Flüssen


- 90 -

ih1 V

in den Talniederungen parallel, um dann bei entsprechenden Neigungsverhältnissen

quer über die Ebene geführt zu werden (z.B.

Villoresi-Kanal). Von den größtenteils ausbetonierten Hauptkanälejl

zweigen in Flußrichtung mehrere Zweigkanäle (diramatori, canali j

secondari) ab, die fast ausschließlich dem Wassertransport dienen

und die ihr Wasser wiederum an kleinere Zweig- und Verteilerkanä»

le abgeben. Ein Verteilerkanal (canale terzaro; Regionalbezeichnungen:

cavo, fossa, roggia u.a.), der je nach Länge und Leistungs.

—fäh-i-g^keA-t—eine^grJÖfteLr,e_AnzahL-Von Gemeinden versorgt, steht über—

Schleusen und Auslässe mit den Feldkanälen in Verbindung. Überschüssiges

Irrigationswasser wird in Sammel- und Abflußkanälen

(colatori, scoli, collettori) abgeführt und wieder zur Bewässerung

genutzt,

3.1.4.2. Region traditioneller Brunnenbewässerung und

moderner Grundwasserförderung (II)

In der emilianischen Ebene und im Alessandrino spielt neben der

traditionellen Brunnenbewässerung, die auf privatwirtschaftlicher

Grundlage betrieben wird, die genossenschaftlich organisierte

Grundwasserförderung eine Rolle, vor allem im Reggiano-Modenese.

Kennzeichnend für diese Bewässerungsregion sind ein vergleichsweise

geringer Anteil des bewässerten Kulturlandes an der LF (10-251)

ein mittlerer Organisationsgrad (40-60i) und das Oberwiegen der

Sickerbewässerung bei 65-90’» der bewässernden Betriebe.

Dem Torrentencharakter der Flüsse und der begrenzten Verfügbarkeit

von Grundwasser entsprechend ist der Anteil des bewässerten Kultui'

landes insgesamt gering, vor allem im Vergleich zur piemontesisch

-lombardischen Bewässerungsregion. Die Organisation des Bewässerungswesens

lag vormals ausschließlich in Händen des einzelnen

Agrarbetriebes, der eigene Bewässerungsbrunnen unterhielt. Heute

wird jedoch etwa die Hälfte der bewässernden Betriebe von genossenschaftlichen

Vereinigungen oder von kommunalen Verbänden mit

Irrigationswasser versorgt. Im Unterschied zu den Bewässerungsgesellschaften

der Lombardei und Piemonts handelt es sich um kleinei

durchschnittlich nur über 5000-10000.ha Bewässerungsland verfügende

Konsortien. Da diese meist nur das Nutzungsrecht über das Was­


_ 91 „

ser eines einzigen Torrente innehaben, besitzen sie zum Teil auch

einige Tiefbrunnen zur Grundwasserförderung. Das Überwiegen der

Sickerbewässerung ist traditionsbedingt, hängt also nicht mit der

Wasserverfügbarkeit zusammen. Von daher wäre eine effizientere

Wasserausnutzung angezeigt, wie sie die neuzeitliche Beregnung

bietet. In der Bewässerungsregion II kommt diese Bewässerungsme-

thode bisher erst in bescheidenem Umfang zur Anwendung, besonders

beim Gemüsebau. Dies liegt vor allem darin begründet, daß die An-

-schaffung von Beregnungsanlagen recht kostspielig ist und daß sie

sich zur Bewässerung des Grünlandes für den kleinen Agrarbetrieb

kaum amortisiert.

Von den Bewässerungssystemen ist die im Sommer ohnehin in Frage

gestellte Flußwasser-Gefällsbewässerung wirtschaftlich und technisch

weniger interessant. Wenn die Torrenten im Hochsommer in ihrem

eigenen Schotterkörper versiegen, ist man auf die traditionelle

Brunnenbewässerung und auf die Grundwasserförderung angewiesen.

Die Brunnenbewässerung wird im Alessandrino und in der Emilia

-Romagna, wo etwa 90 000 Brunnen vorhanden sind (IAH 1976, S. 39),

schon seit Jahrhunderten praktiziert. Da vormals schon in 10-20m

Tiefe ergiebige Aquifere lagen, förderten die Betriebe das Wasser

in privaten Brunnen.

Artesische Brunnen, die als hydrologische Erscheinung im Modenese

früher als im Artois bekannt gewesen sein sollen (TOSCHI

1961, S. 242), sind die sogenannten pozzi modenesi. Sie sind

im Bereich der apenninischen Schwemmfächer an das Auftreten

toniger Zwischenlagen geknüpft (teils undurchlässige marine

Sedimente des Holozäns; IAH 1976, S, 40f.). Artesische Grundwasserschichten,

die noch bis vor 20 Jahren ein hohes piezometrisches

Potential aufwiesen (7-8m bezogen auf den Grundwasserspiegel;

IAH 1976, S. 44), sind jedoch heute aufgrund der

starken Grundwasserentnahmen vollkommen erschöpft.

Starke und unkontrollierte Grundwasserentnahmen haben das Versiegen

der meisten häuslichen Brunnen verursacht, welche bis heute

jedem Bauernhof der Emilia-Romagna und des Alessandrino das Charakteristische

verleihen.

Die mit großem Kostenaufwand verbundene Grundwasserförderung zu

Bewässerungszwecken hat sich vor allem beim Sonderkulturanbau der

Emilia-Romagna durchgesetzt. Die Tiefbrunnen, die im Besitz von

Bewässerungsgenossenschaften sind, fördern aufgrund der geringen


- 92 -

Ausbeute der einzelnen Schichten meist Grundwasser aus mehreren

Aquiferen. Im Parmense und Modenese reichen sie 60-150 m in die

Tiefe. Wegen des Auftretens von salz-, brom- und methanhaltigem

Grundwasser in der Emilia-Romagna (vgl. Kap. 3.1.3.) ist die

Tiefenstruktur für die Errichtung von Tiefbrunnen maßgeblich

(vgl. IAH 1976, S. 45-48).

3.1.4.3. Region organisierter Be- und Entwässerung (III)

i:!

n‘"tr

Mit Sommerniederschlägen von weniger als 150 mm (Juni-August) ge^

hört die Bewässerungsregion III, die das gesamte ostpadanische

Tieflandsdreieck umfaßt, zu den am meisten bewässerun.gsbedürftigen

Agrargebieten der Poebene (vgl. Kap. 3.1.2.). Bedingt durch die

Lage zum Meeresspiegel und durch die extrem geringen Gefällsverhältnisse

(vgl. Kap. 2.1.7.) ist sie bei dem jahreszeitlich oder

ganzjährig hohen Grundwasserstand gleichzeitig auch eine Region^

der Entwässerung. Die zur Abgrenzung dieser Be- uiid Entwässerungsregion

verwendeten Bestimmungsmerkmale sind: die bisher noch sehr

geringe Verbreitung der Bewässerung (20-301 LF), der bezogen auf

die bewässernden Betriebe hohe Organisationsgrad (60-901) sowie

das Vorherrschen der künstlichen Beregnung bei 50-80% der Bewässerung

praktizierenden Betriebe.

Die seit der Meliorierung langsame Entwicklung und Ausbreitung

des Bewässerungswesens ist in erster Linie auf die technischen

Schwierigkeiten der Wasserbeschaffung und der Wasserverteilung

zurückzuführen, also auf Schwierigkeiten, die erst in den letzten

Jahrzehnten befriedigend zu lösen sind. So muß in dem von hohen

Dammflüssen überragten ostpadanischen Tiefland das gesamte Irrigationswasser

über die 10-15 m hohen Flußdeiche gepumpt und über

gefällsarme Kanäle verteilt werden.

Die Notwendigkeit einer Organisation der Bewässerung liegt angesichts

der geschilderten Schwierigkeiten auf der Hand. Der Organisationsgrad

ist deshalb ähnlich hoch wie in Piemont und in

der Lombardei, aber mit dem Unterschied, daß in der ostpadanischen

Bewässerungsregion absolut gesehen sehr viel weniger Bewässerungs

-Betriebe vorhanden sind. Die Bewässerungsorganisation obliegt

zum Teil Konsortien, die seit der Meliorierung für die Entwässe­


- 93 -

rung eingesetzt sind. Das größte derartige Unternehmen ist das

"Consorzio Generale di Bonifica nella Provincia di Ferrara", das

aus der Fusion von fünf Konsortien hervorgegangen ist. Es besitzt

ein Bewässerungsgebiet von insgesamt 226 000 ha zwischen Po Grande,

Cavo Napoleónico und dem Meer. Das Konsortium verfügt über

ein weitverzweigtes Netz gesellschaftseigener Be- und Entwässerungskanäle,

über 20-25 größere Pumpwerke (Leistung über 5m /sec)

und über zahlreiche Siphon-Anlagen zur Wasserentnahme (Karte 2).

Das Dominieren der künstlichen Beregnung als einer effektiven und

besonders wassersparenden Bewässerungsmethode (Tab. 5) erklärt

sich durch den Kostenaufwand bei der Wasserbeschaffung und Wasserverteilung

einerseits und durch die Bodenstruktur und Bodennutzung

andererseits. Entscheidend ist sicherlich der Kostenfaktor,

doch ist auch das zu Schrumpfung und Quellung neigende Bodengefüge

der Feuchtebecken ein Grund für die Bevorzugung der Beregnung,

ebenso wie die vom Sonderkulturanbau bestimmte Bodennutzung.

Das vorherrschende Bewässerungssystem ist die Flußwasser-Pumpenbewässerung,

die am ausgeprägtesten im östlichen Ferrarese auftritt.

Dieses Bewässerungssystem hat sich erst nach Abschluß der

Meliorierung entwickelt (ab 1900) und ist derzeit stark im Ausbau

begriffen. Da von der ersten und zweiten Meliorierungsphase (15.

-16. Jh. bzw. 19. Jh.) bereits ein dichtes Netz von Entwässerungskanälen

(z.T. kanalisiertes Gewässernetz) mit Schleusen und Pumpwerken

vorhanden war, konnten diese Entwässerungseinrichtungen

größtenteils auch für die Bewässerung genutzt werden. Heute geht

man jedoch dazu über, das Kanalsystem der Be- und Entwässerung zu

trennen, um für Wasser im unterschiedlichen Niveau (acque alte

und basse) jeweils ein optimales Gefälle zu erzielen. Das Irrigationswasser

stammt größtenteils aus dem Po bzw. aus dessen Hauptmündungsarmen.

Obwohl der Wasserspiegel des Po selbst bei Niedrigwasser

(August) einige Meter höher als die Umgebung ist (4-5m in

den Valli di Ambrogio-Iolanda), ist eine normale Gefällsbewässerung

nicht möglich. Der Grund liegt darin, daß die 10-15 m hohen

Po-Deiche durch Schleusen und Durchbruchsrohre in ihrer Statik so

gestört würden, daß bei jedem Hochwasser die Gefahr von Deichbrüchen

bestünde (Information des Consorzio Generale di .Bonifica nella

Provincia di Ferrara). Daher erfolgt die Wasserentnahme vom Po


- 94 -

heute überall mittels siphonartiger Röhren. Die ältesten Siphon

-Installationen (sifoni) wurden 1905 am Po Grande angelegt (bei

Guarda, Cologna, Berra, Ariano). Heute sind am Po Grande 10-15

größere Anlagen installiert. Wegen des geringen Gefälles muß jedoch

das Irrigationswasser an geeigneten Stellen über Pumpwerke

(impianti idrovori) in ein um 2-5m höherliegendes Kanalsystera befördert

werden, um die Fließgeschwindigkeit des Wassers aufrechtzuerhalten.

3.1.4.4. Region sporadischer Bewässerung (IV)

Von der Merkmalsausprägung her sind unter der Bewässerungsregion

IV diejenigen Randgebiete der Poebene zusammengefaßt, in denen

die Bewässerungswirtschaft nur sehr vereinzelt und in beschränktem

Umfange, zumeist auf weniger als 5t der LF verwirklicht ist.

Dementsprechend ist auch der Organisationsgrad durchweg gering

(5-351 organisierte Bewässerungs-Betriebe) und ist die Sickerbewässerung

von untergeordneter Bedeutung (0-45% der Bewässerungs

-Betriebe) gegenüber der Beregnung.

rlil'i

Zu dieser Region sporadischer Bewässerung gehört die stark industrialisierte

Alta Pianura Milanese, wo insgesamt nur 15 Bewässerungsbetriebe

auftreten (1969/70). Ferner zählen dazu die schon

zum Verdichtungsrandbereich zu rechnenden Provinzen Como und Varese,

in denen die Bewässerungsmöglichkeiten naturbedingt ungünstig

sind (vgl. Kap. 2.1.3.), sowie die trockene, klimatisch besonders

bewässerungsbedürftige bolognesisch-roraagnolische Ebene.

Die geringe Verbreitung der Bewässerung in der Romagna hat ähnlich

wie in der Emilia ihre Hauptursache in der mangelnden sommerlichen

Wasserverfügbarkeit, da auch die romagnolischen Torrenten

ein sehr ausgeprägtes Abflußminimum aufweisen (vgl. Abb. 6).

Daher wird auch hier Grundwasser zu Irrigationszwecken gefördert,

aber dies erfolgt überwiegend aus privaten Brunnen.

Als Bewässerungsmethode bzw. Bewässerungssystem dominiert in den

Gebieten der Region IV, bedingt durch die ungünstigen Naturvoraussetzungen

in Bezug auf Relief, Untergrund und Hydrologie, die

künstliche Beregnung und traditionelle Brunnenbewässerung auf

privatwirtschaftlicher Grundlage.


■’I

- 95 -

3.2. Historisch bedingte Strukturen der Landwirtschaft

Der kulturlandschaftliche Werdegang der Poebene^ sofern er sich

im Bild der Agrarlandschaft, etwa in den Flurformen, im Siedlungswesen

oder in der Betriebsstruktur dokumentiert, begann um 191 v.

Chr. mit der römischen Eroberung der Gallia Cisalpina. Aufgrund

der einschneidenden Veränderungen der Kulturlandschaft durch die

römische Kolonisation sind in der Poebene von der Ansiedlung keltischer,

etruskischer, umbrischer und ligurischer Stämme heute so

gut wie keine Strukturreste erhalten 31)

3.2.1. Das Zenturiat-System der Römer

Spuren römischer Kolonisation finden sich in Oberitalien nicht

nur im Castrum-Grundriß einiger alter Stadtkerne (Turin, Novara,

Como, Pavia, Piacenza, Verona). Eine Hinterlassenschaft der Römer

ist auch die quadratische Flureinteilung vieler Dorfsiedlungen,

die nachweislich auf die Zenturiation zurückgeht. Es ist dies die

großräumig durchgeführte Landvermessung der Römer, bei der die

Flur regelmäßig in Quadrate (Zenturien) aufgeteilt wurde. Diese

sind in den meisten Fällen nach dem Verlauf der großen Römerstrassen

ausgerichtet 32)

In Resten ist in der Poebene die römische Flureinteilung bis heute

erhalten geblieben. Man erkennt sie am quadratischen Wegenetz

und auch daran, daß mit ihr ein regelmäßiger Streusiedlungstypus

verbunden ist (vgl. LEHMANN 1961, S. 130 u. Fig. 19). Ein Gebiet

besterhaltener Zenturiation ist die Emilia-Romagna, wo beiderseits

der Via Emilia quadratische Flurformen verkommen (Cesena, Forli,

Imola, Bologna, Parma). Aber auch entlang der ehemaligen Via

Postumia sind römische Flurreste bei Tortona (Alessandria), Pavia

und Cremona erhalten, ebenso bei Padova (Campodarsego, Mirano,

Cittadella, Castelfranco Veneto). (Vgl. KONZLER-BEHNCKE 1961,

S. 161 u. Karte 1).

31)

32)

Die Siedlungsendung "asca" soll ein Hinweis für ligurische

und umbrische Gründungen sein (JACINI 1857, S. 25).

Bei der Centuratio oder Limitatio wurden Quadrate von 710m

Seitenlange und etwa 50ha Größe geschaffen (KONZLER-BEHNCKE

1961, S. 159 und SERENI 1974, S. 44-46).


96 -

Ob in der Poebene andere als die erwähnten Gebiete von der

Zenturiation erfaßt wurden, ist ungewiß. Nicht zenturiert wa^

ren sicherlich die von ihrer Naturausstattung dazu ungünstigen

Gebiete (Ala, A1b, B2, CI, C3). Jedoch hat sich die KolO'

nisation der Römer damals auch auf Gebiete erstreckt, die im

Mittelalter der Versumpfung anheim fielen (CI und C3), was

Funde römischer Siedlungen im ostpadanischen Tiefland bezeugen

(DONGUS 1966, S. 79f. u. 84).

Nach KÜNZLER-BEHNCKE (1961, S. 167) ist die Zenturiation besonders

dort gut erhalten, wo Betriebsdrgajiisationsformen

(Teilpachtwesen) und Mischkultur (Baumreihen) zur Konservie*

rung der römischen Flureinteilung beigetragen haben. Es ist

natürlich kaum daran zu zweifeln, daß durch jiit Barbar-enein-^

fälle (5.-6. Jh. Ostgoten, 568 n. Chr. Langobarden, 9.und 10

Jh. Ungarn und Sarazenen) die römischen Fluren teilweise zer

stört wurden und auch Flurwüstungen eingetreten sind.

;

Von der Zenturiation abgesehen hat die unter straffer Organisation

durchgeführte Kolonisation der Römer ein besonderes agrares Wirtschafts-

und Betriebssystem zur Ausbildung gebracht: Latifundien

-Wirtschaft und Kolonat. Zur Bewirtschaftung der Großgüter, mit—

dem Gutshof (villa rustica) als Mittelpunkt, wurden Sklaven und -

persönlich freie, wirtschaftlich aber abhängige Landleute (Kolonen)

herangezogen (vgl. v.FRAUENDORFER 1942, S. 20 und SERENI

1974, S. 49). In modifizierter Form leben Latifundium und Kolonat

bis in die Gegenwart fort, insbesondere in der Betriebsorganisationsform

der Mezzadria (vgl. Kap. 3.5.3.).

3.2.2. Mittelalterliche Siedlungen

Entwicklungsgeschichtlich gehen die geschlossenen Dorfsiedlungen

und die zahlreichen Kleinstädte der Poebene größtenteils auf das

Mittelalter zurück. Dies geben sie nicht selten noch heute deutlich

zu erkennen.

t: V

li'i'l'i- i

Die Anlage dieser Siedlungen ist vermutlich oftmals römerzeit”

lieh, wie die der größeren oberitalienischen Städte. Jedoch

scheint bei den ländlichen Siedlungen generell keine Siedlunjikontinuität

bestanden zu haben, zumal Teile der römischen Kulturlandschaft

im 5.-6. Jh. durch die Barbaren- und Langobardeneinfälle

zerstört wurden (vgl, SERENI 1974, S. 78). Auch

DONGUS (1966, S. 84) vertritt die Auffassung, daß das Nebeneinander

von römischen und germanischen Ortsnamenformen darauf

hindeute, daß römische Siedlungen von den Langobarden und

Franken unter Beibehaltung der Namen zum Teil übernommen worden

seien. Tatsächlich existieren neben eindeutig germanischen

Ortsnamenformen (BorgO“Burg, Sala=Fronhof) sehr viele Siedlungsnamen,

die etymologisch lateinischer Herkunft sind, beispielsweise

die Namen mit den Endungen -ano (lat. -anum) und

i!


- 97 -

-ate (lat. -acum) sowie die Zusammensetzungen aus Corte (lat.

Curtis) und Villa (röm. Gutshof, mdl. Grundherrschaft).

Frühmittelalterliche Militär- und Agrarsiedlungen stammen aus der

Zeit des Langobardenreiches (6.-8. Jh.; ab 626 mit Hauptstadt

Pavia). Hervorzuheben sind die bekannte Langobardenfestung Sibrium,

das heutige Castelseprio (Várese), sowie das Reichskloster Non-

antola (Modena).

Befestigte Dörfer, sogenanm.te Borghi fortificati, entstanden unter

^éf späteren Vorherrschaft der Franken (ab 774) , wurden zum Teil

aber auch erst im 12.-15. Jh. angelegt. Nach SERENI (1974, S. 103)

entwickelten sich die Borghi fortificati der fränkischen Zeit um

eine Feudalburg (rocca, castello), die den Keim für die von Grundherrenbeherrschte

Dörfer bildete. Zur fränkischen Siedlungsschicht

gehören vor allem Orte, deren Namen noch an die feudale Grundherrschaft

und an die Feudalburg erinnern. Ortsnamenzusammensetzungen

aus Borgo (Borgofranco, Borgoforte, Borgomanero) und Sala (Sala

Biellese, Sala Baganza, Sala Bolognese) sind also größtenteils

fränkischen Ursprungs, ebenso wie die Namen bestimmter Kirchenheiliger

(San Martine, San Giorgo) . Namensverbindungen aus Castel

(Castelfranco, Castelnuovo, Castellamonte u.a.), aus Rocca (Rocca-

franca, Rocca Canavese) und aus Villa (Villafranca, Villanuova,

Villa Córtese, Villasanta) sind hingegen nicht eindeutig datierbar,

da sie auch für Neugründungen des Hochmittelalters typisch

sind.

In der Zeit des Kampfes der oberitalienischen Städte gegen die

Vormacht der deutschen Kaiser (951-1268) hatte die Anlage von Borghi

fortificati hohe strategische Bedeutung. Zur militärischen

Verteidigung wurden damals im Umland aller Städte Borghi fortificati

errichtet oder bestehende Siedlungen festungsmäßig ausgebaut

(Ummauerung, Wehrtürme;vgl. GADDONI-SCHIASSI 1977). Aus dieser

Zeit stammen auch die ersten oberitalienischen Festungsstädte

(z.B. Castelfranco Veneto, Cittadella, Castelfranco Emilia und das

von Barbarossa wiedererbaute Lodi), Von den zahlreichen, in strategisch

günstiger Lage auf Hügeln und entlang von Flußläufen und

Straßen erbauten Borghi fortificati haben einige ihren Festungscharakter,

zumindest im Grundriß, bis heute bewahrt: Cándelo, Pon-


98 -

derano, Magnano, Rovasenda (Vercellese) ; San Colombano al Lambri

Trezzo sull'Adda, Rivolta d'Adda, Cologne al Serio, Moniga del

Garda; Castel San Giovanni, Sàrmato, Castel Guelfo, Cento (Emin.

y;'

i •

3,2.3. Der hochraittelalterliche Landesausbau

Im 12.-13. Jh. zwang das Wachstum der Bevölkerung dazu, den inne^

ren Landesausbau voranzutreiben, nicht zuletzt auch im Wirtschaft',

liehen und politischen Interesse der Grundherren und Stadtrepubli«

’ken. D^r^Landesausbau konzentrierte stcïTim" wesent 1Îcheh“auf dier

Bassa Pianura, und dort besonders auf die versumpfte Fontanili’;

-Zone und den Schwemmlandbereich der Flüsse (B2) ; am Po und sei*,

nen Zuflüssen entstanden seit dem 11. Jh. die ersten Deichbauten

(vgl. GANSHOF 1963, S. 398). Dem damaligen Stand der Kulturtech*

nik entsprechend konnten die ausgedehnten Sumpflandschaften der

Ostpadania (CI, C3, C5) und die Heidegebiete der Alta Pianura'^

(Alb) noch nicht urbar gemacht werden.

Im Zusammenhang mit der Gewinnung neuen Kulturlandes durch Trokkenlegung

und Rodung ist die planmäßige Neugründung von Siedlun*

gen zu nennen, deren Anlage von Grundherren und von Städten ausging

(z.B. Villafranca di Verona). Für die Rodesiedlungen sind

Ortsnamensverbindungen aus Ronco bzw. Ronchi typisch (Ronco all'

Adige, Ronco ßiellese, Roncadelle/Piave, Roncade/Treviso; vgl.

GRIBAUDI 1960, S. 25 u. 283). Die Flur der neugegründeten Siedlungen

wurde in Feldeinheiten (lat. mansus, ital. manso, dtsch.

Hufe, Hofstelle) aufgeteilt und an Pächter vergeben, wie es iia ;

Mittelalter für die grundherrlichen Domänen üblich war. Im Gegensatz

zu den Hufendörfern Deutschlands war die Flur in unregelmäßige

Blöcke und Streifen aufgeteilt (SERENl 1974, S. 110-114).

Die Initiative zur Neulandgewinnung ging von Feudalherren und

Städten und nicht selten auch von Mönchsorden aus (Zisterzienseri

Benediktiner), deren Tätigkeit auf dem Gebiet der Urbarmachung

und Wasserbautechnik besonders hervorzuheben ist. Nachweislich

sind die ersten Be- und Entwässerungsversuche in der Fontanili

-Zone von den Klosterbauhöfen (Grangien) der Zisterzienser durchgeführt

worden. Da sich die Zisterzienser um die Entwicklung der

Landwirtschaft bereits in Frankreich und Deutschland verdient ge-


99

macht hatten, wurde die Ausbreitung ihrer Klöster in Oberitalien

von den Feudalherren sehr begünstigt (SERENI 1974, S. 111) 33)

3.2.4. Ausbreitung der Teilpacht und Mischkultur (11.-13. Jh.)

Das Teilpachtwesen (Mezzadria) und der damit verbundene Streusiedlungstyp

sowie die ehemals weitverbreitete Mischkultur lassen sich

in der Poebene bis auf die Epoche der freien Stadtstaaten (11.-13.

Jh.) zurückverfolgen, d.h. auf die Zeit, als die oberitalienischen

“Städte im Kampf gegen die kaiserliche Vormacht ihre Selbständigkeit

und die Herrschaft über ihr territoriales Umland, den sogenannten

Contado, erlangt hatten. Mit dem Aufblühen der Städte

setzte ein tiefgreifender agrarstruktureller Wandel ein, der in

Teilen der Alta Pianura der Emilia-Romagna, des Veneto und der

östlichen Lombardei bis zur Gegenwart strukturbestimmend geblieben

-ist. Von diesem Strukturwandel wurden damals drei Bereiche erfaßt:

1. Die Agrarverfassung

Neue rechtliche Formen der Landbewirtschaftung wurden eingeführt,

als im Contado der Städte das Feudalsystem im 12. und 13, Jh. zerschlagen

wurde. Durch die Auflösung der alten feudalrechtlichen

Bindungen verlor der Adel seine Macht, veräußerte teilweise den

ihm noch verbliebenen Eigenbesitz und wurde vielfach von einer

großbürgerlichen Grundbesitzerschicht abgelöst. Als agrares Wirtschaftssystem

breitete sich, seitdem die städtische Aristokratie

die Herrschaft über Grund und Boden gewonnen hatte, die im römischen

Kolonat wurzelnde Teilpacht aus. Mit der Wirtschaftsweise

wandelten sich damals auch die sozialen Verhältnisse auf dem Lande,

denn aus den Leibeigenen und Halbfreien wurden Halbpächter,

die persönlich frei waren und bei Interessenbeteiligung Natural

-Abgaben zu entrichten hatten. Von den Teilpachtsystemen hat die

Halbpacht (Mezzadria) bis in unsere Zeit hinein fortbestanden

(vgl. Kap. 3.5.3.; DÖRRENHAUS 1976, S. 56 und DONGUS 1966, S. 85).

33) Bekannt geworden ist die Zisterzienserabtei Chiaravalle Milanese

(SO V . Mailand), weil dort einer der ersten Bewässerungskanäle

Oberitaliens, die Roggia Vettabbia angelegt wurde. Aus

Piemont ist die Abbazia di Staffarda (Saluzzo) bekannt (vgl.

GRIBAUDI 1960, S. 25).


- 100 -

2. Siedlungsstruktur

Die Abschaffung der alten Feudalordnung und die Einführung der

Teilpacht waren im 13. Jh. mit einer Vereinödung verbunden. Sie

wurde dadurch ausgelöst, daß jeder größere Landbesitz zur intensiveren

Bewirtschaftung in kleine selbständige Betriebseinheiten

aufgeteilt und mit Pachthöfen (poderi) besetzt wurde. Durch diese

Aufteilung entstanden Einzelhöfe mit regelmäßiger oder reiner

Blockflur, sogenannte Gase sparse, die in der Poebene weit ver«

-bxei-te-t_warjen^und^die_he-U-te^ nur, noch in den eingangs, erwähnten— ^

Gebieten der Alta Pianura vertreten sind (vgl. Kap. 3.3.2.).

•If'!...

Da zum Siedlungsbild des ländlichen Raumes der Poebene zahlreich«

Villen gehören, die in ihren Ursprüngen eng an die Ausbildung der

Teilpacht und die Vereinödungsbewegung geknüpft sind, soll hier

das Phänomen der Villen in Kürze gestreift werden. Die heute noch

existierenden Villen auf dem Lande^^^waren das agrarwirtschaftliche

Zentrum eines größeren Landbesitzes und daher die zeitweilig«

Residenz eines Villenherrn. Die rustikale Villa (villa rustica),

die seit dem Spätmittelalter auftauchte, war ursprünglich rein

agrarisch bestimmt und hatte mehr mit einem Gutshof als mit den

prunkvollen Villen des 15.-18. Jhs. (ville suburbane) gemeinsam,

die Adel und Aristokratie erbauen ließen. Jedoch sind auch die

suburbanen Villen, sofern es sich nicht um Lust- und Residenzschlösser

handelt, noch im vorigen Jahrhundert Mittelpunkte landwirtschaftlicher

Großbetriebe gewesen. In unmittelbarer Nähe vieler

Villen findet sich bis heute das Verwaltungsgebäude (fattoria)

das der Verarbeitung der erzeugten Agrargüter und der Vorratshaltung

diente und das einem Verwalter (seit dem 17. Jh. auch Geldpächter)

anvertraut war, der die Teilpächter in ihren Arbeiten au

überwachen und bei der Ernteteilung zu kontrollieren hatte (Einzelheiten

zur Villen-Fattorien-Wirtschaft siehe DÖRRENHAUS 1976,

SABELBERG 1975 und SERENI 1974, S. 121 u. 287-292).

34) Erwähnenswert ist, daß im Veneto vom 11.-19. Jh. etwa 1200 gri

ßere Villen erbaut wurden (SERENI 1975, S. 288), denen in def

Lombardei eine mindestens ebenso hohe Anzahl entspricht. Aus

der Provinz Mailand sind auch reine Villen-Orte (luoghi di

villégiatura) bekannt, z.B. Robecco sull'Naviglio, Mainate/

Olona u.a.

i:li


101 -

3. Bodennutzung

Mit der Ausbildung der Teilpacht erfuhr auch die Bodennutzung eine

Umgestaltung. Um eine möglichst vielseitige, auf Selbstversorgung

ausgerichtete Agrarproduktion auf kleinen Betriebseinheiten

verwirklichen zu können, wurde eine Anbauform eingeführt, die sich

vom 12. Jh. an in ganz Oberitalien ausbreitete: die Mischkultur,

die sogenannte Coltura promiscua oder Coltura mista. Sie ist eine

für Nord- und Mittelitalien typische und zumeist in Verbindung mit

de^r Mezzadria auftretende Anbauform. Kennzeichnend ist das Nebeneinander

von Bodenkulturen und spalierartig angelegten Baum- und

Rebkulturen auf ein und derselben Feldeinheit. In Oberitalien bilden

neben dem Getreide auch Dauerwiesen und Futterpflanzen häufig

die Bodenkulturen. Damit vergesellschaftet Sind die entlang von

Parzellengrenzen oder von Be- und Entwässerungsgräben in Reihen

gepflanzten Obstbäume und Weinreben. Beim padanischen Typ der

Mischkultur wachsen die Reben in der Regel nicht an den Bäumen

direkt empor, wie in Umbrien und der Toskana, sondern werden an

Pfählen und an Drähten, die zwischen die Stützbäume gespannt sind,

erzogen. Im einzelnen besitzt aber auch die padanische Pflanzweise

(piantata padana) eine Vielzahl regionaler Varianten (z.B.

piantata alla bolognese, piantata emiliano-romagnolo, sistemazione

a cavini; vgl. DESPLANQUES 1959, S. 29-61, DONGUS 1966, S. 184-192

und SERENI 1974, S. 128-131, 177-180 u. 379-382).

Die Mischkultur, die im Prinzip schon den Römern und Etruskern bekannt

war (SERENI 1974, S. 40), stellt in einer Zeit, in der Arbeitskräfte

reichlich zur Verfügung standen und in der es weder

chemische Düngemittel noch Pestizide gab, eine recht effektive Anbauform

dar. Es ließen sich nämlich dadurch ein hoher Selbstversorgungsgrad

und zugleich eine Flächenintensivierung erreichen.

Darüber hinaus gewährte die Mischkultur einen gewissen Schutz gegen

Schädlingsbefall (v.a. bei Reben) und gegen witterungsbedingte

Mißernten, von denen meist nur eine Anbaufrucht betroffen war.

Heute ist die Mischkultur in Oberitalien weitgehend verschwunden,

selbst in ihrem ehemaligen Hauptverbreitungsgebiet, der Emilia

-Romagna, dem Veneto und der östlichen Lombardei (vgl. Tab. 6).

In der Westpadania hat im 18. Jh. die Ausbreitung kapitalintensiver


Pli!

102 -

Großbetriebe (vgl. Kap. 3.2.6.) erstmals zu einem starken Rückgang

dieser klassischen Anbauform geführt. Einen weiteren Rückgang

erlitt sie in ganz Oberitalien in der ersten Hälfte dieses

Jahrhunderts durch den Reblaus-Befall (Phylloxera-Vastatrix),

der besonders in den 30er Jahren weite Rebkulturen vernichtete,

die später nicht mehr im alten System erneuert wurden (CANDIDA

1972, S. 130 und MEDICI 1940, S. 105f.). Zu ihrem derzeitigen

Verschwinden trägt ein anderer Faktor bei: die Mechanisierung,

der die Mischkultur in den letzten Jahren zunehmend zum Opfer g

fallen ist.

Tab. 6: Verbreitung der Mischkultur (coltura promiscua)

um die Jahrhundertwende und im Jahre 1970

(Quellen: ISTAT, Annuario di statistica agraria (1971),

1972, S. 99 und SERENI 1974, S. 374-375) _V_

1

Region

F l ä c h e (ha) Anteil(%)an Rückgang (I) di

um 1900 1970 der LF 1970 Fläche seit ISK

Emilia-Romagna 831 000 172 085 10,82 79,3

Veneto 667 000 97 915 7,96 85,3

Piemonte 230 000 726 0,05 99,7

Lombardia 201 000 17 883 1,27 91,1

3.2.S. Entwicklung des Großgrundbesitzes (14.-18. Jh.)

Die heutige Großgrundbesitzstruktur der Poebene geht in ihrer Anlage

auf das Zeitalter der Dynastien zurück (14.-16, Jh.), bildet)

sich jedoch endgültig erst unter absolutistischer Herrschaft heraus

(17.-18. Jh.). Zum Verständnis der regionalen Differenzierunj

der heutigen Besitz- und Betriebsgrößenverhältnisse (vgl. Kap.

3.4. und 3.6.), die von der Territorialgeschichte Oberitaliens

mitbestimmt wird, sind zwei Abschnitte der Grundbesitzentwicklunj

von Bedeutung:


- 103 -

1, Rifeudalizzazione; Entstehung von Großgütern (14.-16. Jh.)

Nachdem in Oberitalien die freien Stadtstaaten im 13. und 14. Jh.

durch das Erstarken einzelner, mächtiger Herrschergeschlechter,

sogenannter Signorien, von Herzogtümern abgelöst worden waren,

zeichnete sich in der Grundbesitzentwicklung neuerlich die Tendenz

zur Bildung von Großgütern ab. Da die Ansammlung von Grund

und Boden in Händen ständisch Privilegierter und die damit verbundene

Unterdrückung eines Bauernstandes Ähnlichkeit zum alten Feu-

-dalwesen hatten, wird dieser Abschnitt der Grundbesitzentwicklung

als "rifeudalizzazione" bezeichnet (SERENI 1974, S. 247-252).

Während der Refeudalisierungs-Periode konzentrierte sich der Großteil

des kultivierten und teilkultivierten Landes in der Hand des

Hofadels und der venezianischen Aristokratie oder gehörte schon

seit dem Mittelalter zum unveräußerlichen Besitz der Kirche (SE­

RENI 1974, S. 280-282), vor allem in der Romagna, die 756 n. Chr.

dem Kirchenstaat zugefallen war. Adelgut (feudo) und Kirchenbesitz

(beni ecclesiastici) wurden vorwiegend im Teilpachtsystem

bewirtschaftet. Nur auf dem damals unkultivierten Ödland (B2, CI,

C3, C5) hatten sie ausgesprochen latifundialen Charakter, d.h.

Besitzgrößen von mehreren hundert Hektar, Absentismus und rentenkapitalistische

Wirtschaftsgesinnung der Besitzer und extensive

Wirtschaftsweise (vgl. DÖRRENHAUS 1976, S. 44f.). Latifundien entwickelten

sich vom 15. Jh. an im unmittelbaren Herrschaftsbereich

Venedigs (Dogado), der das Küstengebiet zwischen Po Grande und

Tagliamento sowie das Po-Delta umfaßte und der ganz der freien

Besitzentwicklung überlassen blieb (DONGUS 1966, S, 87 u. 101).

Auf dem übrigen festländischen Territorium der venezianischen

Adelsrepublik (Terraferma), das jahrhundertelang vom Isonzo bis

zu den Flußläufen von Adda und Oglio reichte (1454-1796)entstanden

um diese Zeit die im Teilpachtsystem bewirtschafteten

Großgüter venezianischer Aristokraten, welche bis zum Niedergang

des Levantehandels eher politisches als wirtschaftliches Interesse

an ihrem Landbesitz hatten (SAIBENE 1976, S. 56). Großgüter

35) Adda und Oglio bilden daher eine für die heutige Besitz- und

Betriebsstruktur bedeutsame Territorialgrenze (vgl. Karte 5

und Kap. 3.6.4.).


- 104 -

entwickelten sich damals auch in den oberitalienischen Herzoglllmern

Mailand, Mantova, Ferrara, Modena und Parma. Auch im poli« i

tisch selbständigen Herzogtum Savoyen-Piemont, das sich im 15, j),

(1477) bereits bis zur Sesia und später (1 734) bis zum Tessin ais,

gedehnt hatte, verbreiteten sich Adels- und Kirchenbesitz (vgl,

V .FRAUENDORFER 1942, S. 56 und GRIBAUDI 1960, S. 317 u. 412). ’

2, Grundbesitzverschiebung im aufgeklärten Absolutismus

vi:.;:

..

Aufgrund der wechselvollen politischen Lage Oberitaliens untei

fremder Vorherrschaft (Predominio straniero)trat im 18. Jh...

eine Grundbesitzverschiebung zugunsten des Privateigentums ein, ■

die noch bis ins 19. Jh. hinein anhielt (vgl. Kap. 3.2.7.), Zu'

dieser Grundbesitzverschiebung haben vor allem die vom Gedanken»

gut des aufgeklärten Absolutismus getragenen Reformen und Gesetie

beigetragen (1765-1790 Josephinische Reformen; 1804 Code NapoUoii),

Diese Gesetze, die dem oftmals verschuldeten und in Mißwirtschaft

stehenden Adelsbesitz restriktive Auflagen machten und zur SäkU“

larisierung von Kirchengut führten, haben einer Landeigentümer'

Schicht den Weg geebnet: dem Bürgertum, der sogenannten BorghesU,

In der im 18. Jh. unter österreichischer Vorherrschaft stehenden

Lombardei wurde ein Großteil des Adelsbesitzes zum Verkauf und ini

Verpachtung frei, als unter Joseph II die Leibeigenschaft aufgehoben

(1781) und unter Napoleon später auch das Fideikommiß beseh

tigt wurden. Auch die meist extensiv oder im Teilpachtsystem b(

wirtschafteten Kirchengüter kamen in größerem Umfange zum Verkauf,

mußten zur ewigen Verpachtung vergeben oder zur freien Verfügung

der Bewirtschafter gestellt werden, als sich die Kirche dem absolutistischen

österreichischen Staat unterordnen mußte und als unter

Napoleon der Kirchenstaat aufgelöst (1809) und der Kirchenbesitz

in der gesamten cisalpinischen und römischen Republik konfisziert

wurden. Zu einer ähnlichartigen Grundbesitzverschiebung kai

es im 18. Jh. auch im Königreich Savoyen-Piemont, wo unter dem

absolutistischen Herrscher Carlo Emanuele III (1730-1773) und während

der Fremdherrschaft Napoleons ebenfalls Feudal- und Kirchen-

36) Spanien: 1559-1713, Österreich: 1713-1796/97, Frankreich:

1796-1815, Österreich: 1815-1859.

,'Fil

i.'l:


- 105 -

besitz zugunsten des privaten Grundeigentums aufgelöst wurden (vgl.

DONGUS 1966, S. 87-91, v .FRAUENDORFER 1942, GRIBAUDI 1960, S. 328,

JACINI 1857, S. 120, LEICHER 1956u.1960, PECORA 1970, S. 239).

3.2.6. Entstehung kapitalintensiver Großbetriebe (18. Jh.)

Durch die in Kapitel 3.2.5. geschilderte Besitzverschiebung im aufgeklärten

Absolutismus zeichneten sich in der Landwirtschaft des

18. Jhs. fortschrittliche Entwicklungen ab, die sich bis heute in

der Agrarstruktur niedergeschlagen haben. Sie betrafen die wirtschaftliche

Neuorganisation der aufgelösten Adels- und Kirchengüter

und einen hierdurch bedingten Rückgang der Teilpacht einerseits

und Neuerungen auf dem Gebiet der Landbautechnik andererseits.

Ausschlaggebend dafür waren die Machtentfaltung des Kapitals

in der Landwirtschaft sowie agrartechnische Innovationen, die

im 17. Jh. von England ausgingen.

1. Ausbreitung kapitalintensiver Großbetriebe

Um die Mitte des 18. Jhs. tauchten nach dem Niedergang des Levantehaudels

in Venetien die ersten kapitalistisch geführten Großbetriebe

auf, bald darauf auch in der Lombardei, in Piemont und in

der Emilia. Diese Entwicklung, die als "capitalismo nelle campagne"

bezeichnet wird (SERENI 1974, S. 287), entsprach dem damaligen

Zeitgeist, dem Interesse an Grundbesitz als kapitalistischer

Wirtschaftsgrundlage. Somit erwuchsen die Großbetriebe als Investitionen

des Besitzbürgertums auf dem Lande. Dadurch, daß im 18. Jh.

ein kapitalkräftiges Bürgertum in großem Umfange Landbesitz erwarb

und sein Kapital im Landwirtschaftssektor investierte, wurde in

Oberitalien das Aufkommen der Geldpacht sehr begünstigt (vgl. Kap.

3.4.2.; DÖRRENHAUS 1976, S. lOSff., DONGUS 1966, S. 87f. und

SERENI 1974, S. 287-292, 298-304 u. 335-342).

Bei den im 18. Jh. sich entwickelnden kapitalintensiven Großbetrieben

handelte es sich von Anfang an um Lohnarbeiterbetriebe (aziende

contadine), die eine hohe Anzahl Landarbeiter und Tagelöhner beschäftigten,

meist in spekulativer Geldpacht bewirtschaftet wurden

und damals schon in ihrer Produktion auf Reisbau, Viehzucht,oder

Weinbau spezialisiert waren (SERENI 1974, S. 264). - Von ihrer


- 106 -

wirtschaftlichen Konzeption her sind sie als die Vorläufer der heu|

tigen modernen Großbetriebe der zentralen Tiefebene anzusehen (vgi

Kap. 3.6.5.)*

2. Der Niedergang von Teilpacht und Mischkultur

liiiJr:,:

Das Aufkommen kapitalintensiver Großbetriebe und die Ausbreitung

der Geldpacht lösten im 18. Jh. die erste Krise der Mezzadria bzw,

Teilpacht aus, die auch mit einem Rückgang der Mischkultur einhei.

_ging_..(Vgl. Kap. 5.2.4. und SERENI 1974. S. 2951. Für diese-Krlse^

der im 19. und 20. Jh. weitere folgten, waren sowohl wirtschaftU»

che als auch soziale Gründe ausschlaggebend. So erwiesen sich dU

vielen kleinen Mezzadria-Höfe in der Neuzeit den Großbetrieben |

genüber wirtschaftlich unterlegen, weil es ihnen an Kapital für ei*

ne fortschrittliche Landbautechnik und für die Einführung neuer

Kulturen mangelte und sie an der Mischkultur festhielten, die einji

rationellen Bewirtschaftung im Wege stand. Da die Teilpächter mit

ihren unrentabel gewordenen Besitzeinheiten den teils Übertriebenei

Abgabeforderungen nicht nachkommen konnten, welche gewinnsüchtige

Eigentümer oder Großpächter an sie richteten (JACINI 1857, S. 203

u. 236), suchten manche von ihnen freiwillig eine Anstellung als

Landarbeiter oder Tagelöhner in den Großbetrieben, was die Bildung

des italienischen Landarbeiterproletariats beschleunigte (vgl. Kapr

3.2.8. und 3.2.9.).

3. Der Fortschritt der Agrartechnik

I,'

Das Entstehen kapitalistisch geführter Großbetriebe war im 18. Jh.

von einschneidenden Veränderungen auf dem Gebiet der Agrartechnih

begleitet. Hervorzuheben sind folgende Neuerungen:

a) Die Ausbreitung der Fruchtwechselwirtschaft unter Ausschaltung

der Brache und unter Einbeziehung von Futterpflanzen (Klee, Luzei'

ne) und von Mais, einem im 17. Jh. in der Poebene eingeführten

Futter- und Brotgetreide, in die bis dahin zweijährigen Fruchtfol*

gen (vgl. V.FRAUENDORFER 1942, S. 32 und SERENI 1974, S. 233 u.

383).

b) Die Einführung der Stallviehhaltung und der Veredelungswirtschaft

auf der Grundlage einer verbesserten Grünfuttererzeugung

(Ackerfutterbau, bewässerte Dauerwiesen) und eines vermehrten Af'

beitskräfteeinsatzes (vgl. SERENI 1974, S. 196 u. 264).


- 107 -

c) Die Verbesserung der Bodenbearbeitung durch vermehrten Einsatz

von Pflug und Zugpferden (vgl. JACINI 1857, S. 187).

d) Die Einführung der organischen Düngung durch Verwendung von

Stallmist und von Stickstoffreichen Kulturen (Leguminosen, Hackfrüchte)

in die Fruchtfolge (vgl. v.FRAUENDORFER 1942, S. 32).

3.2.7. Bildung bäuerlichen Kleineigentums (19. und 20. Jh.)

Das kleine bäuerliche Familieneigentum, das in Oberitalien noch

zu Anfang des 19. Jhs. so gut wie unbekannt war, entwickelte sich

gegen Ende des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jhs. hauptsächlich

auf Kosten des in dieser Zeit zum Teil veräußerten Großgrundbesitzes

.

Ausschlaggebend für die Bildung bäuerlichen Kleineigentums waren

die in Oberitalien ab 1860 einsetzende Industrialisierung und die

sich gegen Ende des 19. Jhs. abzeichnenden Absatzschwierigkeiten

und verschärfenden Wettbewerbsbedingungen. Diese Faktoren bewirkten,

daß das Besitzbürgertum zum Teil Kapital der Landwirtschaft

entzog, um es im industriellen Wirtschaftssektor zu investieren.

Dadurch eröffnete sich für die landlose und durch Landhunger gekennzeichnete

Bevölkerungsschicht (Naturalpächter. Landarbeiter)

erstmals die Möglichkeit eines kleinen Grunderwerbs (BONATO 1951,

zit. bei PRACCHI 1960, S. 322).

Angesichts der sich im Zuge der Industrialisierung verschärfenden

Wettbewerbsbedingungen in der Landwirtschaft ist es bezeichnend,

daß sich bäuerliches Kleineigentum nur auf den schlechteren und

für eine intensive Getreide-Futterbauwirtschaft ungeeigneten, d.h.

auf edaphisch trockenen, unbewässerten und nicht drainierten Produktionsstandorten

entwickeln konnte (vgl. Kap. 3.6.2. und PECORA

1963, S. 225)

Mit der Bildung bäuerlichen Kleineigentums gingen im 19. und 20.

Jh. eine starke Besitz- und Flurzersplitterung einher (frammentazione,

polverizzazione, vgl. MBDICI/SORB^/CASTRATARO 1962). Sie

war im 19. Jh. hauptsächlich eine Folge des im Altsiedelland herrschenden

Bevölkerungsdrucks, welcher bereits um 1850 zu einer Verknappung

von Grund und Boden führte (vgl. JACINI 1857, S. 188ff.)

und welcher von der in Oberitalien spät einsetzenden Industriali­


- 108

sierung zunächst noch nicht aufgefangen werden konnte. Im 20. Jh,

wurde die Flur- und Besitzzersplitterung durch Erbteilung weiter *

verstärkt. Auch die im Zuge der bevölkerungspolitischen Ziele des

Faschismus geschaffenen Bauernstellen (Kap. 3.2.10.) und die Umver.

teilung von Besitztiteln (z.B. 5ha großes Kollektiveigentum in

0,5ha große Eigentumseinheiten; vgl. PECORA 1963, S. 228) habenbis

1945 zu einer weiteren Flur-, Besitz- und Betriebsverkleine**^

rung geführt (vgl. Kap. 3.3.3. und 3.6.2.).

In der Emilia-Romagna, die bis 1860 unter dem Einfluß des Kirche^'

Staates stand, konnte sich der private Grundbesitz nur zögernd

entfalten. Bedingt durch die Existenz ausgedehnter kirchlicher

Ländereien, Adelsgüter und Latifundien blieb sie von der Bildung

bäuerlichen Kleineigentums weitgehend unberührt. Dies hat die Au$i.

breitung sozialistischen Gedankenguts unter der ländlichen Bevölkerung

gefördert und ist ein Grund für die bis heute starke Bedeutung

linksorientierter Parteien in der "Emilia rossa".

3.2.8. Die Hauptphase der Meliorierung (1860-1920)

Um die Mitte des 19. Jhs. war die Poebene bis auf die ferrettisierten

Heidegebiete der Alta Pianura (Alb), Teile des Schwemmlandstreifens

am Po (B2) und die ausgedehnten Feuchtebecken der

Ostpadania (CI, C3, C5) vollständig in Kultur genommen. Da die

Landwirtschaft in der Zeit nach der Einigung Italiens (1860-1920)

den größten Anteil am Nationaleinkommen hatte und bis zum Zweiten

Welkrieg den Haupterwerbs zweig der Bevölkerung bildete, wandte

sich die Agrarpolitik ab 1860 verstärkt der Meliorierung von Ödland

zu.

Mit der Kultivierung der ferrettisierten Heidegebiete wurde gegen

Ende des 19. Jhs. begonnen, nachdem die Fortschritte der Agrarchemie

die mineralische Düngung ermöglichten und (ab 1860) die

Bewässerungswirtschaft stark ausgeweitet worden war (vgl. Kap.

3.1.2.). Vor 1850 bestanden in Piemont noch ausgedehnte Heideflächen:

Baraggia Novarese und Vercellese, Vauda torinese, Pianalto

di Poirino (GRIBAUDI 1960, S. 332f.). Auch in der Alta Pianura

von Mailand und Como existierten damals rund 15 000ha Brughiera

(225 000 pertiche milanese; vgl. JACINI 1857, S. 56). Zwischen

i:!;


- 109 -

1860 und 1920 wurden diese Ungunstgebiete in kulturfähiges Land

umgewandelt, mit Ausnahme der Baraggia Vercellese, deren Kultivierung

erst 1928 im Zuge des faschistischen Landeskulturwerks in

Angriff genommen (Kap. 3.2.9.) und durch ein genossenschaftlich

organisiertes Bodenverbesserungsprogramm in den SOer Jahren beendet

wurde (MONTI 1978, S. 53-58).

Innerhalb des tiefgelegenen Schwemmlandstreifens am Po war die

Abflußregulierung die Voraussetzung für die Nutzung des zeitweilig

durch Staunässe und Grundwasser beeinträchtigten Oberflutungs-

bereichs (vgl. Kap. 2.1.6.). Sie fällt ebenfalls in die Zeit nach

1860, als ein staatliches Dekret (1865) die Bildung von Bewässe-

rungs- und Meliorierungsgesellschaften förderte. Um diese Zeit

wurden im Basso Lodigiano, im Schwemmlandbereich der Lomellina

und in der Bassa Pianura der Emilia die ersten leistungsfähigen

Entwässerungskanäle angelegt. Schleusen gebaut und Maßnahmen zur

Hochwassersicherung getroffen.

In den ausgedehnten ostpadanischen Sumpfgebieten (CI, C3, C5)

setzte die großflächige Meliorierung (Bonifica) um die Mitte des

19. Jhs. ein, als die reine Gefällsentwässerung (scolo per gravi-

tä) durch mechanische Pumpenentwässerung (scolo meccanico) unterstützt

werden konnte. Zwar wurde bereits im 16. und 17. Jh. mit

der Trockenlegung der inneren Süßwassersümpfe (CI) und äußeren

Küstensümpfe (C3) begonnen, doch waren die teilmeliorierten Gebiete

vor 1860 nur sehr extensiv als Weideland nutzbar. Teilweise

fielen sie auch erneut der Versumpfung anheim, wie die Valli

von Ambrogio-Iolanda (Ferrarese), die auf Initiative der Herzoge

des Hauses Este (v.a. Alfonso II) im 16. Jh. erstmals zu meliorieren

versucht wurden 37)

Für die zwischen 1860 und 1920 erfolgten Entwässerungs- und Entsumpfungsarbeiten

übernahm ab 1870 der italienische Staat, der

1882 das erste Meliorierungsgesetz (Legge Baccarini) erließ, Führung

und Verantwortung. Die praktische Durchführung und Finanzie-

37) Zur sogenannten Bonifica Estense siehe DONGUS 1966, S. 95ff.

und Consorzio della Grande Bonificazione Ferrarese; La Grande

Bonificazione Ferrarese. Ferrara 1967.


- 110

rung der Kultivierungsarbeiten blieb jedoch privaten Großgrundbe«

sitzern sowie in- und ausländischen Meliorierungs- und Kapitalgesellschaften

überlassen, welche das Ödland in großem Umfange

von den ersten Besitznehmern aufkauften (DONGUS 1966, S. 105j .

Der neuentstandene Großgrundbesitz, der durchschnittlich 10 000ha

umfaßte, wurde stets in kleinere Wirtschaftseinheiten (tenute)

von 100-400 ha Größe aufgeteilt und von mehreren Höfen aus im

Boarien-System bewirtschaftet (vgl. Kap. 3.5.2.).

Obwohl die Meliorierung des ostpadanischen Sumpflandes großen

wirtschaftlichen Erfolg mit sich brachte, führte sie sozial gesehen

zur Herausbildung eines Landarbeiterproletariats, das sich

1882 in der Lombardei und 1884 im Mantovano und in der Polesine

erstmals gegen seine Unterdrückung erhob und 1897 die ersten, von

sozialistischer Ideologie getragenen Landarbeiterstreiks unternommen

hatte (vgl. V.FRAUENDORFER 1942, S. 143, ORTOLANI 1956,

S. 96 und SERENI 1974, S. 393).

3.2.9. Die Bonifica Integrale des Faschismus (1922-1945)

Im Rahmen der angestrebten wirtschaftlichen Autarkie bildeten die

Gewinnung neuen Kulturlandes durch Urbarmachung von Ödland (bonifica

meccanica), also die Fortsetzung der Meliorierungstätigkeit

der Jahre 1860-1920, und die bessere agrarische Inwertsetzung des

Kulturlandes auch außerhalb der eigentlichen Meliorierungsgebiete

(bonifica agraria) die beiden Grundsätze der faschistischen Agrarpolitik

in Italien. Sie waren Hauptbestandteil der sogenannten

Bonifica Integrale, des allumfassenden Landeskulturwerks des Faschismus,

das neben rein volkswirtschaftlichen und staatspolitischen

Zielen mit der Binnenkolonisation auch ein bevölkerungspolitisches

Ziel verfolgte.

Den Auftakt zur Bonifica Integrale bildete die Eröffnung der

Weizenschlacht (Battaglia del grano) im Jahre 1925 zur Steigerung

der Flächenproduktivität. Die rechtliche Grundlage für

das Landeskulturwerk stellten das Gesetz vom 30. 12. 1923

über die Urbarmachung von Sumpfgebieten, das Gesetz vom

24. 12. 1928 (Legge Mussolini) über das Programm und die Finanzierung

der Bonifica Integrale und das bedeutende, heute

noch gültige Gesetz vom 13. 2. 1933 (Legge Serpieri) dar,

welches die zweifache Zielsetzung der Bonifica Integrale behandelt

und Bestimmungen für eine ländliche Umstrukturierung

enthält.


- 111 -

Die Träger dieses Reformwerks waren vom Staat als Kapitalgeber

unterstützte halböffentliche Siedlungs- und Meliorierungsgesellschaften

(z.B. Opera Nazionale per i combattenti,

als Nationales Kriegsteilnehmerwerk bekannt) sowie private

Bodeneigentümer und Konsortien, denen die Urbarmachung gesetzlich

vorgeschrieben war.

In der Poebene konzentrierte sich die Bonifica Integrale auf die

sogenannten Urbarmachungsbezirke (comprensori dl bonifica), zu

denen die Baraggia Vercellese (Alb), das Basso Cremonese und Man-

_^ovano (B2) und die gesamten ostpadanischen Meliorierungsbereiche

(CI, C3, C5) gehörten (vgl. Atlante Agricolo dell'Italia Fascista

O .J.,

Tav. I). Auf die Agrarstruktur jener Gebiete wirkte sich

die mit der Bonifica Integrale verbundene Binnenkolonisation in

einer Verdichtung der Siedlungen und einer Vermehrung des Kleinbesitzes

aus. Diese Umstrukturierung verfolgte das Ziel, neue

Bauernstellen durch planmäßige Aufsiedlung von kultiviertem Neuland

und von veräußertem Latifundialland zu schaffen. Durch diese

Aufsiedlung (appoderamento) entstanden zahlreiche Einzelhöfe in

der Größenordnung von 10-20 ha, beispielsweise in der östlichen

Ebene von Ferrara, in der zwischen 1920 und 1940 mehr als 500

Bauernstellen auf etwa 10 000 ha neugewonnenem Kulturland eingerichtet

wurden (Information: Consorzio della Grande Bonificazione

Ferrarese). Die Bauernstellen waren als Mezzadria-Betriebe (case

coloniche) konzipiert, die über eine langfristige Naturalpacht

nach und nach in den Besitz der Betriebsinhaber übergehen sollten.

Als Familienbetreibe sollten sie zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit,

zur Erhöhung der Arbeits- und Flächenproduktivität und zur

Verbäuerlichung (ruralizzazione, sbracciantizzazione) des im 18.

und 19. Jh. gebildeten Landarbeiterproletariats beitragen. Im Unterschied

zur Bodenreform der 50er Jahre blieb bei der Binnenkolonisation

der Großgrundbesitz noch unberührt (vgl. DONGUS 1966,

S. 109f. und VÖCHTING 1941, S. 8-11).

3.2.10. Die Bodenreform der Nachkriegszeit

Die im Zuge der Bonifica Integrale des Faschismus begonnene Binnenkolonisation

wurde in der Nachkriegszeit fortgeführt, und zwar

durch die 1950 für ganz Italien verkündete Bodenreform (Riforma

agraria oder fondiaria). In der Poebene waren von der Bodenreform

lediglich die küstennahen Meliorierungsgebiete (C3) und das Po-


- 112 -

iJ,;'idelta

(C5) erfaßt. Es handelte sich also um diejenigen Agrarge«

biete, die aufgrund ihrer Großbetiebsstruktur (Landarbeitertum)

ihrer Übervölkerung und ihrer vergleichsweise schwachen Industrialisierung

durch besondere wirtschaftliche und soziale Mißstände

gekennzeichnet waren^®^.

Die verfassungsrechtliche Grundlage für die Bodenreform ent-'

hält der Artikel 44 der italienischen Staatsverfassung vom*|

1. 1. 1948, in dem die Sicherstellung einer zweckmäßigen

dennutzung und die Verbesserung der Agrarsozialstruktur ver*>

ankert sind. Als Maßnahmen sind bereits ausdrücklich-die-Be’tf

Schränkung der Betriebsgrößen, die Umgestaltung des Latifundiums

und die Forderung kleiner und mittlerer Eigentumsgrössen

genannt (vgl. VÖCHTING 1953, S. 52). Die gesetzliche Regelung

für die Bodenreform bildete für Norditalien das

Stralcio-Gesetz vom 21. 10. 1950, das für Latifundiengebiete

mit den größten Problemen der Übervölkerung und Teilarbeitslosigkeit

erlassen wurde (vgl. GIORGI 1972, S. 56, TOSCHI

1961, S. 442 und VÖCHTING 1953, S. 54).

In der östlichen Poebene wurde das Reformwerk von der 1951 gegründeten,

öffentlich-rechtlichen Kolonisationsgeseilschaft E.D.P.

(Ente per la colonizzazione del Delta Padano) durchgeführt. Ihr

oblag damals die vom Gesetz vorgeschriebene Enteignung eines Teils,

des oft mehrere tausend Hektar umfassenden Großgrundbesitzes^®^

die Einrichtung von Hofstellen (appoderamento), die Zuteilung des

Landes an Neusiedler (meist Landarbeiter) sowie die kulturtechnische

Verbesserung und infrastrukturelle Ausstattung des Neusiedellandes.

Daneben war die E.D.P. auch für die technische und betriebliche

Beratung und Schulung der Bauern verantwortlich und förderte

von Anfang an genossenschaftliche Zusammenschlüsse zum Zwecke der

Vermarktung und Mechanisierung, Aufgaben, die sie bis heute wahrnimmt.

In den 1951 von der Bodenreform erfaßten 23 Gemeinden des ostpadanischen

Küstenbereichs (vgl. Karte 5) unterlagen insgesamt

44 551 ha Kulturland einer grundlegenden Umstrukturierung, die sich

in der Agrarlandschaft augenfällig dokumentiert (vgl. DONGUS 1966

S. 108, MIGLIORINI 1962, S. 254f. und TOSCHI 1961, S. 442). An die

38) In Mittel- und Süditalien waren es die Maremmen, die Basilikata,

die Sila und Sizilien,

39) Abgabepflichtig waren der Besitz von Agrargesellschaften und

privaten Großgrundeigentümern, aber auch Staats-, Provinzialund

Gemeindeland.

■;!s !i

W:


- 113 -

Stelle der früher 50-100 ha großen Boarien-Gehöfte des einige tausend

Hektar umfassenden Großgrundbesitzes (vgl. Kap. 3.3.2. und

3.4.1.) traten nun Familienbetriebe, deren Größe in Abhängigkeit

von der Bodenqualität zwischen 7-10 und 10-14 ha variiert (DONGUS

1966, S. 108 u. 111f.). Diese Familienbetriebe besitzen im Gegensatz

zu den Boarien-Höfen neuzeitlich eingerichtete Wohnhäuser

(elektrisches Licht, Wasserleitung, sanitäre Anlagen) und davon

abgetrennte Wirtschaftsgebäude.

Im Siedlungsbild hat sich die Bodenreform in einem schematisch

entlang von Straßen und Wegen aufgereihten Streusiedlungstyp niedergeschlagen,

der sich deutlich von dem unregelmäßigen Streusiedlungstyp

der älteren Boarien-Gehöfte abhebt (vgl. Kap. 3.3.2.).

Auch die Betriebsstruktur spiegelt die in der Bodenreformzone erfolgte

Umstrukturierung durch ein sehr heterogenes Betriebsgrössengefüge

wider (vgl. Kap. 3.6.5.).

3.3. Siedlungsstruktur und Flurbild

Wie im mitteleuropäischen Kulturraum lassen sich auch in Oberitalien

Altsiedelland, Jungsiedelland und neuzeitlich besiedelte Gebiete

unterscheiden. Altsiedelgebiete sind - den hydrographischen

Gegebenheiten entsprechend - die seit dem Postglazial besiedlungsfähigen

Moränenhügel und Schwemmfächer der Alta Pianura (Ala, A2).

Eine insgesamt jüngere mehrschichtige Siedlungsregion ist die

Bassa Pianura (Bl), die erstmals punkthaft von den Römern (Kap.

3.2.1.), danach im Rahmen der fränkischen Staatskolonisation

(Kap. 3.2.2.) und im Hochmittelalter und in der Neuzeit im Zuge

eines fortwährend betriebenen Landesausbaus (Kap. 3.2.3.-3.2.6.)

besiedelt wurde. Gebiete recht junger, vorwiegend im 19. und 20.

Jh. erfolgter Besiedlung stellen der Schwemmlandstreifen am Po

(B2) und die ostpadanischen Meliorierungsgebiete (CI, C3, C5)

dar, welche aber trotz ihrer späten Besiedlung zwei oder drei altersmäßig

zusammengehörige Siedlungsschichten aufweisen.

Für die nachfolgende Untersuchung der Siedlungsstruktur erscheint

es zweckmäßig, unabhängig von den genannten genetisch bestimmten

Siedlungsregionen, denen jeweils ein charakteristisches Siedlungs-


114

typengefüge entspricht, eine zielgerichtete Abgrenzung des länd»w

liehen gegen den städtischen Raum durchzuführen (Kap. 3.3,1,),

Innerhalb dieser sich daraus ergebenden Gebietskategorien (vgl,

Karte 3) läßt sich die siedlungsräumliche Grundstruktur der Po»*

ebene, zu der sowohl Streusiedlungen als auch Gruppensiedlungen

gehören, systematisch erfassen (Kap. 3.3.2. und 3.3.3.).

-«5

3.3.1. Zur Abgrenzung des ländlichen Raumes ,

T[n einem schwerpunRtmffßig indusWialis'i^Tteiritp’afraum wieTlef^

Poebene, mit städtischen Ballungen von unterschiedlich großem

.2

Einflußbereich (Mailand 2000km‘, Turin 700-1000km'', I Venedig/

Mestre 300-500km ) erscheint es aus verschiedenen Gründen sinnvoll,

eine grundsätzliche Trennung zwischen ländlichem und stüdtischem

Raum bzw. Verdichtungsbereich vorzunehmen^®^. Erstens

rechtfertigt sich eine solche Trennung aus dem Bemühen um eine"

klare Terminologie, insbesondere um eine regionalspezifisch fundierte

Verwendung der Begriffe "ländlicher Raum" und "ländliche;

Siedlungen". Zweitens schafft sie eine eindeutige räumliche Bezugsbasis

für eine agrargeographische Analyse der Siedlungsstruktur.

In einem Untersuchungsraum wie der Poebene muß nämlich bei

einer solchen Analyse berücksichtigt werden, daß innerhalb der

industrialisierten Regionen auch die ihrer sozial-ökonomischen

Stellung nach landwirtschaftlich gebliebenen Siedlungen ganz andersartigen

Einflüssen unterliegen als im ländlichen Raum. So haben

etwa die Streu- und Gruppensiedlungen innerhalb und am Rande

der padanischen Verdichtungsbereiche in vielen Fällen ihren vormals

rein agrarischen Charakter verloren und Wohnfunktion oder

andere mit der Urbanisierung zusammenhängende Funktionen übernommen

(Streusiedlungen: Gewerbebetriebe,Hobbyzentren; Gruppensiedlungen:

Satelliten- und Trabantenstädte, Industriestandorte),

Hinzu kommen andere Urbanisierungseinflüsse wie die Wohn- und

¡f-

Verkehrsbebauung als ein den räumlichen Zusammenhang der Flur,

die Erreichbarkeit der Grundstücke und die Möglichkeit zur Tierhaltung

beeinträchtigender Faktor.

H l II i:

40) Zu den Begriffen siehe: ISBARY 1971, S. 119, ISENBERG 1974,

S. 395f., OTREMBA 1976, S, 46 und Handwörterbuch der Raumforschung

und Raumordnung 1970, Sp. 1810.


- 115 -

Schließlich erweist sich eine Trennung zwischen ländlichem und

städtischem Raum auch für die Untersuchung anderer Teilbereiche

der Agrarstruktur als vorteilhaft. So wirken sich beispielsweise

innerhalb der Verdichtungsbereiche die Marktnähe, die Nähe zum

Konsumgebiet, die konkurrierenden Nutzungsansprüche auf den noch

vorhandenen Freiräumen (Bodenpreise) ebenso wie die außerlandwirtschaftlichen

Erwerbsmöglichkeiten entscheidend auf die Produktionsausrichtung,

Rentabilität und Rationalisierungsnotwendigkeit der

Agrarbetriebe aus.

3.3,1.1. Abgrenzungsmethode

Überlegungen zur Abgrenzung ländlicher und städtischer Räume gehen

üblicherweise von der Einwohnerdichte als Abgrenzungskriterium aus,

weil damit Bereiche der Bevölkerungsballung und Arbeitsplatzkonzentration

von dünnbesiedelten und in der Regel landwirtschaftlich

genutzten Gebieten unterschieden und klassifiziert werden können.

So sind beispielsweise für die Abgrenzung der Verdichtungsräurae

der BRD von der Ministerkonferenz für Raumordnung (MKRO) Einwohnerdichten

als Abgrenzungsmerkmal vorgeschlagen worden^^^. Auch

SESTINI (1958) legt in einer Untersuchung zur Verstädterung (conurbazione)

in Italien für die Ausweisung von Ballungsgebieten

Einwohnerdichten zugrunde (über 1000 Einwohner pro km^).

Für eine agrargeographische Abgrenzung des ländlichen Raumes besser

geeignet als die Einwohnerdichte ist meines Erachtens die

Agrarquote, d.h. der Prozentsatz der in der Landwirtschaft tätigen

Erwerbsbevölkerung. Hiermit lassen sich ausgesprochen landwirtschaftliche

und mehr oder minder von der industriellen Wirtschaft

geprägte Regionen befriedigend erfassen. Darüber hinaus läßt die

41) Den Empfehlungen und Entschließungen der MKRO des Jahres 1968

gemäß wurden für Ballungskerne mit mindestens 50 km^ durchschnittlich

2000 und für die daran anschließenden Ballungsrandzonen

1000-2000 Einwohner pro Quadratkilometer festgesetzt.

Zur Differenzierung des ländlichen Raumes dienten außer den

Einwohnerdichten auch die Entfernungen zu Groß- und Mittelzentren

(vgl. v.MALCHUS 1976, S. 138f.). - Das Abgrenzungsverfahren

der MKRO wurde inzwischen heftig diskutiert, weil es zur

problemorientierten Erfassung von Verdichtungsräumen (funktionale

Verflechtung, Lebens- und Umweltqualität u.a.) keine aussagekräftigen

Ergebnisse liefert (vgl. Informationen zur Raumentwicklung

1974, H.4.).


- 116 -

Agrarquote bei gleichzeitiger Berücksichtigung der Betriebsgrö^

senstruktur auch interessante Fragestellungen zu den Einkommensund

Lebensverhältnissen der Bevölkerung im ländlichen Raum zu,

Im Gegensatz zur Binwohnerdichte stellt sie außerdem ein flächon-

unabhängiges Abgrenzungsmerkmal dar, was bei der sehr unterschUj

liehen Flächengröße der rund 3500 Verwaltungsgemeinden der Poe'|

durchaus ins Gewicht fällt.

Aus den genannten Gründen ist zur Abgrenzung der ländlichen

die urbanisierten Räume T£e~Xgrarqüdte als” Kriterium herängezc)"

worden. Orientiert an den im Mansholt-Plan (KOMMISSION DER EG ^

1968, Teil A, S. 49f£.) vorgeschlagenen Richtwerten zur KennzetM

nung ländlicher und industrialisierter Räume (Agrarquoten) kon|%'

ten im Rahmen dieser Untersuchung sechs Gebietskategorien aufg®,

stellt werden (Karte 3) :

Industrialisierte Regionen: Agrarquoten unter 10% y,

a) Verdichtungskerne (bis U) ^

b) Verdichtungsbereiche (1-5%) i||

c) Verdichtungsrandbereiche (5-10%)

Ländliche Räume; Agrarquoten über 10%

a) Halblandwirtschaftliche Regionen (10-20%)

b) Überwiegend landwirtschaftliche Regionen (20-40%)

c) Reine Agrargebiete (über 40%)

Wie durch die Punktverteilung des Streuungsdiagramms in Karte i

zum Ausdruck kommt, besteht zwischen der Agrarquote und der Einwohnerdichte

in der Poebene ein enger nichtlinearer Zusammenhangr

Es läßt sich also an Hand der diesen funktionalen Zusammenhang :

veranschaulichenden hyperbolisclien Regressionskurve (Figur in Kin

te 3) für eine bestimmte Agrarquote die Einwohnerdichte mit einçt

gewissen Wahrscheinlichkeit Vorhersagen. Die Merkmale Agrarquote

und Einwohnerdichte lieferten folglich analoge Abgrenzungsergeb-

^

Die Hyperbel des Sreuungsdiagramms in Karte 3 wurde näherungS':

weise graphisch bestimmt, um eine aufwendige Datenaufbereitung , ^

für eine Regressionsanalyse zu vermeiden. Als Grundlage diei)’"

te eine Punktverteilung, die aus einer repräsentativen Stichprobe

einer rund 3500 Daten umfassenden Grundgesamtheit gewonnen

wurde. Um ein möglichst strukturgetreues Abbild der ¿ÿl!/:

Grundgesamtheit zu erhalten, wurde mit einem geschichteten


- 117 -

Stichprobenauswahlverfahren (stratified random sampling) gearbeitet,

bei dem aus zwei hinreichend homogenen Hauptgruppen

(Industrialisierte Regionen unter 101 Agrarquote; Ländliche

Räume über 10S Agrarquote) jedes zehnte Element ausgewählt

wurde (vgl. BAHRENBERG/GIESE 1975, S. 92f. und HASE-

LOFF/HOFFMANN 1970, S. 134).

Damit die funktionale Abhängigkeit der beiden Variablen,

Agrarquote und Einwohnerdichte, auch methodisch abgesichert

ist, wurde zusätzlich eine Parallel-Stichprobe mit der Einwohnerdichte

als Grundgesamtheit durchgeführt.

ESt St I,2. Abgrenzungsergebnis

Die in Karte 3 nach dem Merkmal der Agrarquote konstituierten Ge-

4;bietskategorien lassen schon auf den ersten Blick den differenziefrenden

Einfluß der Industriestandorte (MORI 1976, S. 16) auf die

Struktur der Erwerbstätigenbevölkerung erkennen.

-Ausgesprochene Agrargemeinden (Agrarquote über 40%), in denen die

iändwirtschaft der dominierende Wirtschaftssektor geblieben ist,

finden sich ausschließlich in den industriefernen Gegenden der Poebene:

Oberpiemont, Vercellese, Schwemmlandstreifen der Bassa Piajnura

(B2), Romagna und apenninischer Gebirgsfußbereich. In den

Agrargebieten der Ebene schwanken die Agrarquoten zwischen 40 und

60%, im Apennin betragen sie dagegen 60-90%, allerdings nur weitab

der verkehrsmäßig gut erschlossenen, Pendlerströme bündelnden

Täler (Tanaro, Scrivia, Trebbia u.a.; vgl. Karte 3). Da die reinen

Agrargebiete nur über ein beschränktes außerlandwirtschaftliches

Arbeitsplatzangebot verfügen, sind sie, sofern sie mit einer vom

Zwergbetrieb unter 2 ha geprägten Betriebsgrößenstruktur verbunden

sind (vgl. Karte 5), als agrarstrukturelle Problemgebiete einzustufen

(vgl. Karte 8 und Kap. 5).

Ein überwiegend landwirtschaftlich bestimmtes Gebiet (Agrarquote

von 20-40%) ist die gesamte Bassa Pianura, in der lediglich die

¡Klein- und Mittelstädte lokale Arbeitsmärkte für die ländliche Beivölkerung

sind. Angesichts der in der Bassa Pianura vorherrschenden

Großbetriebsstruktur (vgl. Karte 5) gibt es dort kaum Problemrgemeinden,

weil die Anzahl nicht existenzfähiger Klein- und Zwergibetriebe

in der Regel geringer und die außerlandwirtschaftlichen

iErwerbsmöglichkeiten günstiger sind.


- 118 -

Nachhaltig von der industriellen Wirtschaft geprägt und daher

nicht mehr dem ländlichen Raum zuzurechnen ist die gesamte nörd« [

liehe Alta Pianura, vor allem die alpine Gebirgsfußzone zwischen |

Pinerolo (Turin) und Vittorio Veneto (Treviso). Gerade der Ver« |

dichtungsraum Turin, die Großagglomeration Mailand und die Industrieregionen

um Biella, Como, Lecco, Bergamo, Brescia und Vene,

dig sind Gebiete, in denen nur lückenhaft Raum für die Landnut*

zung bleibt (Agrarquoten um 0,5i).

Streusiedlungstypen im ländlichen Raum

Typische Gestaltelemente der padanischen Agrarlandschaft sind die

in den ländlichen wie in den urbanisierten Regionen der Poebene

(Karte 3) anzutreffenden Streusiedlungen (case sparse), die gebietsweise

sogar vorherrschend sind, also echte Streusiedlungsge>

biete mit verhältnismäßig wenigen dörflichen Agglomerationen ”

bilden. Gebiete vorherrschender Streusiedlung finden sich vor a]>

lern in der östlichen Poebene (Emilia-Romagna, Padovano, ostpadanische

Meliorierungsgebiete), während für die übrigen Agrargebiete

eine stärkere Durchmischung von Streu- und Gruppensiedlungen

kennzeichnend ist. Einen Oberblick über das padanische Siedlungsgefüge

vermittelt die nach formal-genetischen Aspekten entworfene

Karte von LEHMANN (1961, S. 126, Fig. 19), die auf der

etwas älteren Siedlungskarte von BIASUTTI (1932) beruht.

Ungeachtet zahlreicher regionaler Varianten treten in der Poebein

drei grundsätzlich zu unterscheidende Streusiedlungstypen auf;

Einzelhöfe, Corti und Kolonistenhöfe. Sie lassen sich nicht nur

nach Form und Genese (Grundriß, Parzellenmuster, Entstehungszeit),

sondern auch hinsichtlich ihrer intern n Produktionsstruktur,

ihrer inneren und äußeren Verkehrslage sowie der infrastrukturel'

len Ausstattung auseinanderhalten.

3.3.2.1. Einzelhofsiedlungen des Altsiedellandes

Die ursprünglich im Naturalpachtsystem (Mezzadria) bewirtschafte*

ten Einzelhöfe des Altsiedellandes lassen sich als formale Strer

siedlungstypen bis auf das Hochmittelalter zurückverfolgen (vgli

Kap. 3.2.4.), entstanden jedoch überwiegend im 18.-19. Jh. auf


- 119 -

großem aufgegliederten Adels- und Kirchenbesitz (vgl. Kap. 3.2.5.)

Als Siedlungselement und Betriebseinheit werden sie gewöhnlich

"poderi" oder "case coloniche" genannt, mit Bezug auf ihre Streulage

aber auch als "case sparse" bezeichnet. In der Regel sind

die Poderi mit 5-10 ha großen Wirtschaftsflächen ausgestattet,

die arrondiert sind oder im Gemenge liegen. Besitzrechtlich handelt

es sich vorwiegend um Eigentums- oder um Geldpachtbetriebe,

seltener sind es heute noch echte Mezzadriabetriebe.

Unter formalem Aspekt lassen sich zwei grundsätzlich verschiedene

Hoftypen unterscheiden:

1. Der in der Emilia-Romagna und im Padovano vorkommende Hof typ

in ziemlich regelmäßiger Streulage ("Regelhafte Streusiedlung im

Bereich der erhaltenen römischen Zenturiation" nach LEHMANN 1961,

S. 126, Fig. 19), der aber nicht ausschließlich an das Fortbestehen

römischer Flureinteilung geknüpft ist. Er besteht oftmals nur

aus einem einzigen, Wohnräume, Stall und Scheune umfassenden

Hauptgebäude (quergeteilter Einhaustyp). Charakteristisch für diesen

Hoftyp ist, daß dieser eine in kleinere Blöcke und Blockstreifen

aufgeteilte arrondierte Flur besitzt (vgl. Abb. 9).

2. Der im piemontesischen und lombardischen Gebirgsfußbereich auftretende

und insgesamt sehr unregelmäßig gestreute Einzelhoftyp

("Streusiedlungs-Typus mit Dörfern nach LEHMANN 1961, S. 126),

dessen zugehöriger Besitz meist nicht arrondiert ist, sondern in

der Dorfflur der Kleinbauerngemeinden des Altsiedellandes im Gemenge

liegt (vgl. Abb. 10). Bei den Hausformen sind zahlreiche

regionale Varianten zu beobachten, quergeteilte Einhaustypen und

Paarhöfe in der Lombardei und hakenhofähnliche Gebäudeanordnung

in Piemont.

Gemessen an den heutigen agrarpolitischen Zielvorstellungen der

EG und italienischen Regionalpolitik (vgl. Kap. 1.2.) entsprechen

die Einzelhofsiedlungen des Altsiedellandes in vielen Punkten

nicht den an eine moderne Siedlungs- und Flurstruktur gestellten

Anforderungen. So ist die Bausubstanz der Höfe meist völlig überaltert

und kann nur noch von Grund auf erneuert werden. Auch fehlen

in den meisten dieser baufälligen Einzelhöfe jegliche technischen

und sanitären Einrichtungen (Anschluß an das Elektrizitäts-


Abb. 10: Flur- und Besitzzersplitterung In der Alta Planura Novarese (A lb )

(A usschnitt aus der Gemelndegemarkung von Divignano/NOVARA)

Die Flur> und Bdsitzzersplitterung (frammentazione, polverlzzazione) im piemontesisch-lombardlschen Altsiedelland ist eine siedlungsstrukturelle

Folgewirkung der Realerbteilung und des Im vorigen Jahrhundert herrschenden Bevölkerungsdrucks Infolge

später Industrialisierung (ab 1860). Das unregelmäßige Feldwegenetz und die extrem kleingliedrige Block- und Streifenflur, mit

60*100 qm großen cHandtuchparzellen» zeigen, daß bisher keine Flurbereinigung durchgeführt worden ist. Die zu den Einzelhöfen

- gehörenden Besitzparzellen liegen In der Dorfflur Im Gemenge. Bei den größeren Flurkomplexen in Dorfnähe handelt es sich um

für die zukünftige Wohnbebauung und für Grünflächen vorgesehenes und daher in seiner Parzellierung nicht erfaßtes Gelände.

,Äb,b.9:

Die locker entlang von Straßen und Wegen aufgereihten Streusiedlungen und die bis heute In Resten fortbestehende Weinmisch*

'Kultur (coltüra mista) haben die emilianische Landwirtschaft jahrhundertelang geprägt. In einem Gebiet ehemaliger Zenturlation

(Kap. 3.2.1.) ist die unregelmäßig verzahnte Block- und Breitstreifenflur sekundär aus einer schem atischen Fluraufteilung hervorgagangen,

wie sie von DONGUS (1966, Abb. 28) erfaßt wurde. Zu den Elnzelhöfen, frühere Mezzadriahöfe (case colonlche), gehören

größtenteils arrondierte Besitzblöcke. Auf vielen Besitzparzellen sind in den letzten Jahren die charakteristischen Baum-

'und Rebrelhen der Mischkultur und dem spezialisierten Anbau gewichen.


122

. .. !:

und Fernmeldenetz, Trinkwasserversorgung, Abwasserbeseitigung,

u.a. sanitäre Einrichtungen). Wegen der durch die Streulage der

Höfe schwierigen Erschließung ist die infrastrukturelle Versorgungslage

insgesamt schlecht. Ein weiterer strukturbedingter

Nachteil ist die recht kleingliedrige und zum Teil im Gemenge

liegende Flur, die die Bildung rentabler Produktionseinheiten

außerordentlich behindert.

Einer besseren infrastrukturellen Erschließung der Einzelhöfe

und einer Flurzusammenlegung zur"^Be“tTie^bTHu‘fs^tmrkung stehen^je~

doch, von der Finanzierung eines solchen Vorhabens einmal abgesehen,

die Besitzverhältnisse im Wege, insbesondere das starre

Festhalten an Grund und Boden seitens der Landbesitzer (Kap.

3.4.1.) sowie die traditionelle Agrarverfassung der Mezzadria

(Kap. 3.5.3.) . Daher kann eine Erschließung dieser Einzelhöfe,

ein Ausbau des Straßen- und Wegenetzes und eine Neuordnung der

Flur nur durch staatlich gelenkte Reformmaßnahmen herbeigeführt

werden.

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3.3.2.2. Die Corti der westpadanischen Ebene

Hermetisch nach allen Seiten durch Hauswände und Mauern abgeschlossene

Gehöfte, bei denen mehrere Wohn- und Wirtschaftsgebäude

geradlinig aneinandergebaut und um einen quadratischen oder

rechteckigen Innenhof gruppiert sind, kommen als solche ausschließlich

im piemontesisch-lombardischen Teil der Poebene vor.

Es sind die sogenannten Corti, die mit den Gehöftformen der ost-

padanischen Meliorierungsgebiete (Corti di Bonifica; s.u.) nur

den Namen, nicht aber die Form und Genese gemeinsam haben.

Entwicklungsgeschichtlich umstritten ist die Herkunft des

Corte als eines allseits geschlossenen Gehöftes. PECORA (1970,

S. 236ff.), der sich vom siedlungs- und agrargeographischen

Standpunkt aus mit dem padanischen Corte befaßt hat, weist

darauf hin, daß die für die heutige Siedlungsstruktur bedeutsame

Ausbreitungsphase der Corti nachweislich in das 17.-18.

Jh. fällt, also in die Zeit der Bildung kapitalintensiyer

Großbetriebe (Kap. 3.2.6.). Angeblich handelt es sich in vielen

Fällen um ökonomisch begründete bauliche Erweiterungen

(Stallbauten u.a.) und um nachträgliche Umfriedungen ursprünglicher

Paarhöfe. Vom 17. Jh. an wurden dann auch die neuerbauten

Gehöfte als Drei- und Vierseithöfe angelegt.

Aufgrund formaler Kriterien, vor allem wegen des regelmäßigen

und oft quadratischen Grundrisses, hält es hingegen CARACI


w

- 123 -

(1932, S. 54£f.) für wahrscheinlich, daß bei vielen Corti

Siedlungskontinuität seit der Römerzeit bestehe, daß also der

Corte auf den mittelalterlichen Fronhof (Curtis) und dieser

auf die Villa rustica der Römer zurückzuführen sei; dieser

genetischen Deutung ist m.E. entgegenzuhalten, daß der Corte

gerade in Gebieten besterhaltener Zenturiation (vgl. Kap.

3.2.1.) als Gehöftform fehlt (siehe Abbildungen bei PECORA

1970, S. 234 und bei TOSCHI 1961, S. 182). Andere Vorstellungen

von der Genese der Corti gehen aufgrund physiognomischer

Merkmale (hermetische Abgeschlossenheit, Existenz von Kapellen)

davon aus, daß sich die Corti aus den hochmittelalterlichen

Klosterbauhöfen, vor allem aus den Grangien der Zisterzienser

entwickelt hätten (SAIBENE 1955, S. 201).

Als eine typisch padanische Gehöftform kommt der Corte in Piemont

und in der Lombardei sowohl in Gruppensiedlungen (Corti-Dörfer)

als auch in Streulage (isolierte Corti) vor.

Die in dörflicher Agglomeration anzutreffenden Corti, die eng aneinandergebaut

und nur durch Bogentore zur Straße hin geöffnet

sind, unterscheiden sich von den isoliert liegenden Corti hauptsächlich

dadurch, daß ihre zugehörigen Wirtschaftsflächen kleinparzelliert

in der Dorfflur im Gemenge liegen und daß sie betrieblich

keine Einheit bilden, sondern wirtschaftliches Zentrum und

Wohnplatz mehrerer unabhängig voneinander arbeitender Bauernoder

Pächterfamilien sind. Angesichts dieser formalen und funktionalen

Andersartigkeit werden daher die Corti pluriaziendali der

Dörfer^^^("Mehrwirtschafts-Corti" nach LEHMANN 1961, S. 126) von

den kapitalintensiv und nur von einem Betriebsführer bewirtschafteten

Corti monoaziendali in Streulage ("isolierte Corti" nach

LEHMANN 1961, S. 126) unterschieden (vgl. PECORA 1970, S. 221 und

SAIBENE 1955, S. 200).

Bei den isoliert liegenden Corti monoaziendali, die in unregelmäßiger

Streuung und fast ausschließlich in der Bassa Pianura verkommen,

handelt es sich um große geschlossene Gehöfte, die über

eine Tordurchfahrt zugänglich sind (vgl. Abb. 11 und 21). Kennzeichnend

für diesen Corti-Typus ist eine arrondierte großglie-

drige Blockflur mit geradlinig begrenzten Feldeinheiten von

S 20 ha Größe. Dem quadratischen oder rechteckigen Grundrißschema

entsprechend, gruppieren sich alle Bauelemente um einen vier-

42) Typische Corti-Dörfer sind: Castaño Primo (Milano), Casorezzo

(Milano), Cortenuova (Bergamo), Cascine di Stra (Vercelli) u.a


1

- 125 -

eckigen, mehrere Hundert Quadratmeter umfassenden Innenhof: das

herrschaftliche Wohnhaus (casa padronale), das Wohngebäude der

Landarbeiter (abitazioni dei salariati) und je nach Produktionsausrichtung

auch verschiedene Wirtschaftsgebäude wie Stallbauten,

Getreidespeicher u.a. (Grundrißbilder bei PECORA 1970,

S. 225). Größere Einzelgehöfte, in denen vormals 10-20 Landarbeiterfamilien

lebten und saisonal 200-300 Tagelöhner beherbergt

wurden, verfügten auch über zentrale Einrichtungen (Kapellen,

„Schulen, Trattorien, Lebensmittelversorgungsstellen); derartige

Einrichtungen haben jedoch durch das Aufkommen der Motorisierung

und durch die verbesserte Verkehrsanbindung heute ihre Bedeutung

für die Streusiedlungsgebiete verloren.

Bei Zugrundelegung moderner Zielvorstellungen von der ländlichen

Siedlungsstruktur, zeichnen sich die Corti monoaziendali durch

gute innere und äußere Verkehrslage aus. Auch weisen sie betriebswirtschaftlich

geradezu ideale Flurverhältnisse auf. Die Besitzblöcke

sind arrondiert und geometrisch in große Feldstücke aufgeteilt,

so daß ein uneingeschränkter Maschineneinsatz gewährleistet

ist. Strukturelle Mängel resultieren lediglich aus der geschlossenen

Gehöftform selbst und aus dem baulichen Zustand der

Gebäude. Die Geschlossenheit des Corte, auf die bei den wenigen

im 20. Jh. erbauten Gehöften verzichtet wurde, behindert nicht

nur die mechanisierte Hofwirtschaft, sondern steht auch baulichen

Erweiterungen im Wege. Was den baulichen Zustand der Gebäude angeht,

so sind diese zwar architektonisch oftmals prachtvoll ausgestattet^^^,

stellen jedoch heute ein beträchtliches Hindernis

für eine Rationalisierung des innerbetrieblichen Produktionsablaufs

dar. Trotz dieser baulichen Strukturmängel, die sich in den

meisten Fällen aus der rentenkapitalistischen Wirtschaftsgesinnung

vieler Großgrundeigentümer erklären, sind die Corti aufgrund

ihrer günstigen Siedlungsstruktur als moderne landwirtschaftliche

Unternehmen im Sinne der Agrarstrukturpolitik einzustufen.

43) Es finden sich oftmals baulich schöne, mit Säulenreihen und

gewölbten Decken ausgestattete Ställe, in denen die meisten

Stallarbeiten (Fütterung, Entmistung) von Hand ausgeführt

werden müssen, weil aufgrund der Architektonik keine Vollmechanisierung

möglich ist.


~ 126 -

3.3t2.3. Gehöfttypen im ostpadanischen Tieflandsdreieck

Bedingt durch die phasenhafte Kultivierung und Besiedlung der ostpadanischen

Sumpfgebiete sind innerhalb des Tieflandsdreiecks (C)

altersmäßig und formal unterschiedliche Streusiedlungstypen anzu>

treffen, die im nachfolgenden auch begrifflich auseinandergehalten

werden.

Im Bereich der altbesiedelten Terre Vecchie von Ferrara (C2) findet—sieh

der mit 25*30—ha—Bet-rle-bs-f.lä.che_Jte.rbjundens Boa_rl©Ji=Hoi— r-

(boaria; vgl. ORTOLANI 1956, S. 75), welcher einer der Mezzadria

vergleichbaren Bewirtschaftungsform (boaria) seine Lokalbezeich-- v

nung verdankt. Die in unregelmäßiger Streulage vorkommenden

Boarien-Höfe bestehen zumeist aus drei Gebäuden (Wohnhaus, Stallund

Scheunenkomplex, Schuppen). Ihr baulicher Zustand muß als

ähnlich sanierungsbedürftig wie jener der Einzelhöfe im Altsiedel-^

land (Kap. 3.3.2.1.) bezeichnet werden.

Der auf den älteren Flußdämmen der Meliorierungsgebiete noch vereinzelt

vofkommende Boarien-Gutshof, der nach einem besonderen

Bewirtschaftungssystem benannt sei (Boarien-System; vgl. Kap.

3.5.2.) war ursprünglich mit bis zu 1000 ha großen, im Bereich der

versumpften Feuchtebecken liegenden Ländereien verbunden. An den

Boarien-Gutshof schließen in der Regel straßenförmige Siedlungszeilen

an: Tagelöhnersiedlungen (Kap. 3.3.3.4.). Das Hauptverbreitungsgebiet

des Boarien-Gutshofes ist die Polesine nördlich des

Po Grande, doch kommt er auch im Ferrarese, Modenese Und Oltrepö

Mantovano vor. Nördlich des Po Grande wird er auch als Corte di

Bonifica bezeichnet (vgl. MIGLIORINI 1962, S. 208 und Katasterpläne),

obwohl er mit dem klassischen Corte der Lombardei wenig

gemeinsam hat. Seiner Form nach handelt es sich um einen Gehöfttyp,

dessen Wohn- und Wirtschaftsgebäude locker um einen bis zu

ein Hektar großen Hofplatz gruppiert sind (ORTOLANI 1956, S. 76).

Durch die prunkvoll ausgestatteten Herrenhäuser gleichen diese

Boarien-Güter weitaus mehr einem ostelbischen Gutshof oder Gutsweiler

als einem allseits geschlossenen lombardischen Corte. Genetisch

sind die Boarien-Gutshöfe mit der ersten Meliorierungsphase

verknüpft (16.-18. Jh.; Kap. 3.2.8.) und wurden als echte

Latifundien von venezianischen und ferraresischen Patriziern ange-


Abb.12: S ie d lu n g s s tru k tu r in den V a lli d e rT e rre V ecchie

(A u s s c h n itt aus der G em arkung von Lendinara/R O V IG O )

0 100 200 300 400 600m

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Entw urf und Z elohnung;

H, M aler

W IL L A N O V A


- 128 -

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legt (DONGUS 1966, S. 100). Strukturell besitzen die teils heute

noch existierenden Boarien-Gutshöfe alle betriebstechnischen Vorteile

des Einzelgehöftes (arrondierte Flur, kurze Wirtschaftswege),

Daher stellen die ostpadanischen Boarien-Gutshöfe trotz der

oftmals überalterten und sanierungsbedürftigen Bausubstanz teilweise

moderne landwirtschaftliche Unternehmen kapitalistischer :

Prägung dar (vgl. MIGLIORINI 1962, S. 208).

-E-inen-Streusiedlungstvpus für sich bildet das in der ferraresischen

und ravennatischen Küstensumpfzone (C3) vorkommende Boari%

-Gehöft, das früher ebenfalls im Boarien-System (Kap. 3.5.2.) bewirtschaftet

wurde. Diese Gehöfte wurden zwischen 1860 und 1920

im Zuge der zweiten Meliorierungsphase mit dem Kapital der grundbesitzenden

Agrar- und Meliorierungsgesellschaften (vgl. Kap,

3.4.1.) erbaut. Wirtschaftlich gehören sie zu einer mehrere tausend

Hektar umfassenden Eigentumseinheit (tenimento), die in

50-100 ha große Wirtschaftsbezirke (tenute) unterteilt ist und

deren Bewirtschaftung früher von mehreren Boarien-Gehöften aus erfolgte.

Das Wohngebäude des Hofvorstehers (boaro) sowie Ställe

und Scheunen umfassend^^^, sind die Boarien-Gehöfte entlang von;

Kanälen und Wegen aufgereiht ("Regelhafte Streusiedlung im Bereich

der jungen Bonifikationen" nach LEHMANN 1961, S. 126). Da:

technische und sanitäre Anlagen, Straßen oder befestigte Erschließungswege

fehlen und folglich die Versorgungslage der auf

den Höfen lebenden Familien mangelhaft war, besonders im Winter;-

halbjahr, wenn die tonig-torfigen Valli-Böden infolge Regen unbefahrbar

waren, hat bei der in Streulage lebenden Bevölkerung in;

den 50er und 60er Jahren die Landflucht sehr stark um sich gegriffen.

Heute sind die meisten Boarien-Gehöfte verlassen. Sie

stehen leer oder werden als Scheunen und zur Maschinenunterbringung

genutzt, da die großen Betriebseinheiten heute zentral bewirtschaftet

werden (vgl, Kap. 3.6.5.).

■■ ^

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44) Unterkünfte für die auf den Boarien-Gehöften arbeitenden

Landarbeiter fehlen, da diese in geschlossenen Tagelöhnersiedlungen

lebten (vgl. Kap. 3.3.3.4.).


- 129 -

3.3.2.4. Die Kolonistenhöfe der Bodenreformzone

In den von der Bodenreform erfaßten küstennahen Meliorierungsgebleten

(vgl. Karte 5 und TOSCHI 1961, S. 442) wird die ältere

Siedlungsschicht der Boarien-Gehöfte von einer jüngeren Streusiedlungsschicht

überlagert. Diese jüngere, aus der Zeit zwischen

1950 und 1960 stammende Streusiedlungsschicht bilden kleinere, im

Zuge der Bodenreform planmäßig angelegte Einzelhöfe, die als Kolonistenhöfe

bezeichnet seien.

Aus Gründen der besseren infrastrukturellen Erschließungsmöglichkeiten

sind die Kolonistenhöfe in Abständen von 20-50 m zweizeilig

entlang von Straßen und Wegen aufgereiht oder schematisch in

Gruppen von 4-6 Höfen an Straßenkreuzungen angelegt (Abb. 22).

Sie bestehen aus einem kleinen, neuzeitlich eingerichteten zweistöckigen

Wohnhaus und einem daran angebauten Wirtschaftsteil.

Ph)Tsiognomisch heben sie sich von den älteren Boarien-Gehöften

durch ihre geringere Größe und moderne Bauart deutlich ab. Äußerlich

sind sie an der einheitlichen Bauweise und auch daran zu erkennen,

daß die Wohnhäuser die Aufschrift der mit der Bodenreform

betrauten Kolonisationsgesellschaft tragen (Ente Delta Padano),

welche von Staats wegen mit der Erstellung der Höfe (appoderamento)

und der Fluraufgliederung der 1951 enteigneten Latifundien

beauftragt wurde (vgl. Kap. 3.2.10).

Bedingt durch die reihenförmige Anlage oder weilerartige Gruppierung

der Höfe vereinigt der Streusiedlungstyp der Bodenreformzone

die betriebswirtschaftlichen Vorteile der EinzelhofSiedlung (arrondierter

Besitz) und die Vorzüge der Gruppensiedlung, welche

sich durch die bessere infrastrukturelle Ausstattung und durch

eine bessere Ausnutzung überbetrieblicher Produktionseinrichtungen

ergeben. Da die Kolonistenhöfe eine relativ kleingliedrige,

am Straßen-, Wege- und Kanalnetz ausgerichtete Blockstreifenflur

mit Feldgrößen von nur 0,3-0,5 ha besitzen und eine je nach Bodengüte

und Produktionsausrichtung gestaffelte Betriebsgröße von

7-14 ha aufweisen, entspricht diese in der Nachkriegszeit nach

sozialen Gesichtspunkten konzipierte Siedlungs- und Betriebsstruktur

heute nicht mehr den am ökonomischen Prinzip ausgerichteten

Wertvorstellungen. Aufgrund der Planmäßigkeit und Gleichartigkeit


130 -

dieses Streusiedlungstyps wären jedoch eine Zusammenlegung und

Umstrukturierung der Fluren und Betriebe leicht durchführbar,

um rentablere Produktionseinheiten zu schaffen.

3.3.3. Dörfliche und städtische Siedlungen

i;"

In das Grundmuster der regional verschiedenartigen StreusiedlungS'

typen mischen sich in der Poebene auch Gruppensiedlungen, die

nicht-nur-iind^er— £ormaljTLgene tischen Aspekten ._sondern-auch_nach,

ihrer funktionalen Orientierung eine mannigfache Differenzierung

aufweisen. Eine funktionale Typisierung der Gruppensiedlungen

nach dem Erwerbscharakter der Bevölkerung ist jedoch aufgrund der

Erhebungen der amtlichen italienischen Bevölkerungs- und Agrar-

Statistik, die nicht nach den einzelnen Siedlungsplätzen aufgeschlüsselt

sind, lediglich nach Verwaltungsgemeinden (comuni)

möglich. Da diese administrativen Grundeinheiten in der Regel

nicht nur aus dem Hauptort (centro), sondern auch aus mehreren,

meist vollbäuerlichen Fraktionsorten (villaggi frazioni) und weilerartigen

Ansiedlungen (nuclei) sowie aus Streusiedlungen (cáse

sparse) bestehen, beziehen sich die Zahlenangaben zur funktionalen

Charakterisierung der im nachfolgenden untersuchten fünf

Gruppensiedlungs-Typen auf die Verwaltungsgemeinden.

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3.3.3.1. Kleinbauern- und Arbeiterbauerngemeinden

des Altsiedellandes

Ausgesprochene Agrargemeinden, in denen mehr als 501 der Erwerbsbevölkerung

hauptberuflich in der Landwirtschaft tätig sind^^\

finden sich heute nur noch sehr vereinzelt. Häufiger sind Agrargemeinden

anzutreffen, die Agrarquoten von über 40Í aufweisen uni

außerdem durch einen hohen Anteil an Kleinbetrieben bis zu 2 ha

(über 50t) gekennzeichnet sind. Derartige Kleinbauerngemeinden

treten vor allem in den schwach industrialisierten Teilgebieten

des Altsiedellandes auf, namentlich in Oberpiemont, im VercelleSs

und im Alessandrino (vgl. Karte 3). In diesen Gebieten haben gerade

die weilerartigen Ansiedlungen (nuclei) und die um eine Kirche

oder Kapelle gruppierten, durchschnittlich 500 Einwohner ur

46) Schwellenwerte der Gemeindetypisierung von LINDE 1952.


- 131 -

fassenden Fraktionsorte (villaggi frazionali) in der Regel ausschließlich

landwirtschaftlichen Charakter. Ländlich geblieben

sind dort auch die 500-2000 Einwohner zählenden und mit zentralörtlichen

Funktionen unterster Stufe ausgestatteten Geineindehauptorte

(centri), in denen die Landwirtschaft für den überwiegenden

Teil der Erwerbsbevölkerung die Haupteinkommensquelle bildet,

zumal außerlandwirtschaftliche Erwerbsmöglichkeiten am Ort

und in der näheren Umgebung weitgehend fehlen. Diese ländlichen

Siedlungen sind vor allem dann als Problemgemeinden zu bezeichnen,

wenn sie bei hohen Agrarquoten gleichzeitig über 501 Kleinstund

Zwergbetriebe von 0,1-2 ha Größe aufweisen (vgl. Karte 8).

Arbeiterbauerngemeinden, die Agrarquoten von 20-401 aufweisen und

in denen die Nebenerwerbslandwirtschaft für 20-50% der Agrarbetriebe

kennzeichnend ist, sind recht zahlreich in der industrialisierten

piemontesischen,ostlombardischen und venetischen Alta

Pianura anzutreffen, während sie in den eigentlichen Industrieregionen

von Arbeiterwohn-, Industrie- und Gewerbegemeinden abgelöst

werden (Kap. 3.3.3.3.). In den Arbeiterbauerngemeinden hat

das seit den 1950er Jahren ständig sich vergrößernde außerlandwirtschaftliche

Arbeitsplatzangebot besonders die jungen Kleinlandwirte

zum Ausscheiden aus dem primären Wirtschaftssektor bewogen,

meist unter Beibehaltung einer Restlandwirtschaft oder zumindest

des Grundeigentums, an dem aus Sicherheitsdenken beharrlich

festgehalten wird. Daher sind die aus Kleinbauerngemeinden

hervorgegangenen Arbeiterbauern- und Arbeiterwohngemeinden heute

zwar in ihrer Sozialstruktur tiefgreifend umgestaltet, haben aber

in ihrer Siedlungs- und Agrarstruktur noch alle Charakterzüge und

Strukturmängel der Kleinbauerngemeinden bewahrt.

Formal gesehen besetzen die Kleinbauern- und Arbeiterbauerngemeinden

des Altsiedellandes unregelmäßige und verwinkelte Grundrißtypen.

Vom Haufendorf südwestdeutscher Prägung unterscheiden

sie sich jedoch trotz gleichartiger Siedlungsgenese (fränkische

Kolonisation; vgl. Kap. 3.2.2.) durch die äußerst dichte Bebauung,

durch den zu jedem Dorf gehörenden Kommunikationsplatz

(piazza), um den sich regelhaft Rathaus, Schule, Kirche, Bars

und Trattorien gruppieren, und durch das Fehlen typischer Gewannfluren.

Ihre Lage, bevorzugt am Rande der zertalten Schwemmfächer


- 132 -

und auf den Höhenzügen der Moränen, erklärt sich nicht nur aus dej

Möglichkeit der Nutzung unterschiedlicher ökotope, sondern hat

hauptsächlich strategische Gründe, da die Poebene im Früh- und

Spätmittelalter eine ausgesprochene Durchgangslandschaft darstell,

te (vgl. Kap. 3.2.2. Borghi fortificati).

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i

Historisch bedingt sind die Dorffluren der Gemeinden des Altsie^

dellandes kleingliedrig und größtenteils extrem zersplittert (vglr

Ahh. 10). Von der Flurzersplitterung (frammentazione, polverizta»

zione), die eine Folge fortwährender Erbteilung von Kleineigen^tS

tum ist, können ein Teil oder die ganze Dorfgemarkung betroffen '

sein, je nachdem, ob diese teilweise oder vollständig aus der _

Hand des Adels oder der Kirche in den Besitz von Kleineigentümem

gelangt ist.

Die Miniaturparzellen, die als Streifen oder unregelmäßig geforu.-

te kleine Blöcke nur wenige Ar umfassen, werden auch im Italienir

schen als "Handtuchparzellen" ("fazzoletti di terra") bezeichnöti

Da sie als zerstückelte Besitzflächen im Gemenge liegen und zum'"'

Großteil nicht voll erschlossen, d.h. über das Feldwegenetz nicht

zu erreichen sind (vgl. Abb. 10), stellen sie ein beträchtliches

Hindernis für eine rationelle Bewirtschaftung dar. Eine Zusammenlegung

dieser bestandunfähigen Splitter zu größeren ökonomischeren

Betriebsflächen setzte jedoch eine umfassende Flurbereinigühg

und eine Umstrukturierung des gesamten Betriebsgefüges voraus.

l'Vipii;

Im Rahmen der von der gemeinsamen europäischen Agrarpolitik ang?*

strebten Strukturverbesserungen zur Schaffung konkurrenzfähiger-

Betriebe (EG-Richtlinien von 1972; vgl. Kap. 1.2.) gehören daher ’

die Flurneuordnung und bei der sehr alten Bausubstanz der Höfe

(z.T. Lesesteinwände) auch die Althofsanierung und die planmäßige-

Aussiedlung von Betrieben zu den wichtigsten Aufgaben der Regionalplanungsämter,

die bisher noch nicht zur konkreten Planung vorgedrungen

sind. Außer der Beseitigung dieser grundlegenden StrUkturmängel,

die bei den finanzschwachen Gemeinden der ländlichen

Gegenden auch eine Kostenfrage ist, stellt auch die Schaffung "

außerlandwirtschaftlicher Arbeitsplätze durch Dezentralisierung,

der Industrie und Ausbau der Verkehrswege eine für die Zukunftsr

;

entwicklung dieser Gemeinden dringliche Notwendigkeit dar.


- 133 -

3.3.3.2. Kleinbauerndörfer und Arbeiterbauerngemeinden

der zentralen Tiefebene

Die geschlossenen Dorfsiedlungen der jünger besiedelten zentralen

Tiefebene stellen neben den größeren, auf Gewerbe- und Dienstleistungen

ausgerichteten ländlichen Klein- und Mittelzentren (Kap.

3.3.3.5.) eine Art Mittelpunktsiedlungen unterster Funktionsstufe

innerhalb der Gehöft-Streusiedlungsgebiete dar. Als solche besitzen

die in größerer Entfernung von Zentren liegenden Kleinbauern-

-gemeinden, die Einwohnerzahlen zwischen 500 und 2000 und Agrarquoten

von 20-401, im Vercellese, Cremonese und Mantovano häufig

auch bis zu 60i aufweisen, ein Minimum an infrastrukturellen Einrichtungen

und Dienstleistungsbetrieben (Schule, Gemeindeverwaltung,

Bank, Postdienststelle u.a.).

Die Ortsformen sind zumeist haufendorfähnlich wie im Altsiedelland,

oder es handelt sich um zweizeilige Reihensiedlungen. Letztere

kommen am häufigsten im Schwemmlandstreifen (B2) und im ostpadanischen

Tieflandsdreieck (C) vor, weil dort Flußdämme und

Deiche die Siedlungsleitlinien bilden. Im Vergleich zum Altsiedelland

ist jedoch das Ortsbild der Dörfer der zentralen Tiefebene

kaum aufgelockerter, was angesichts der Weiträumigkeit des Geländes

erstaunt und durch die italienische Mentalität des Zusammenwohnens

zu erklären ist.

Im Flurbild der Dörfer der zentralen Tiefebene ist unter genetischen

Gesichtspunkten ein regelndes Prinzip zu erkennen. So besitzen

die meisten Grüppensiedlungen eine zweigeteilte Flur, weil

sich die Kleinbauernstellen in den Dörfern (kleinparzellierte

Streifen und Blöcke) und die Großbetriebe in Streulage (Großblöckflur)

im Bereich einer Gemarkungsfläche entwickelten (vgl. Kap.

3.6.2. ). Die Flurentwicklung verlief vermutlich in vielen Fällen

so, daß die kleingliedrigen Gemengfluren und schmalen Streifenkomplexe

in Ortsnähe aus den großgliedrigen Blockfluren herausge-

Ischnitten wurden.

Die Kleinbauerndörfer der zentralen Tiefebene, die Agrarquoten

von mehr als 20'^ aufweisen, haben sich im Pendlereinzugsbereich

von industrialisierten Klein- und Mittelzentren in den letzten

Jahrzehnten oftmals zu Arbeiterbauern- oder Arbeiterwohngemeinden


- 134 -

gewandelt, in denen nur 10-201 der Erwerbspersonen in der Landwirtschaft

tätig sind (Basso Milanese, Lodigiano, Pavese und andere

halblandwirtschaftiiche Regionen; vgl. Karte 3),

['■

Legt man als Bewertungsmaßstab für die Siedlungs- und Agrarstruktur

der zentralen Tiefebene die heutigen agrarpolitischen Zielvorstellungen

zugrunde, so muß festgestellt werden, daß die Kleiii>

betriebe der dörflichen Agglomerationen mit ihren kleinen Parzellen

und verstreut liegenden Grundstücken im Vergleich mit den

Großbetrieben in Streulage (Cortx) und deren GrößblöckflUTejrTvicht

förderungswürdig sind. Ihr Verschwinden setzt jedoch voraus, daß

den in der Landwirtschaft verbliebenen Kleinlandwirten durch ein

industrielles Arbeitsplatzangebot in Ortsnähe das Ausscheiden au$

ihrem bisherigen Erwerbszweig erleichtert wird.

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3.3,3.3. Industrie-, Gewerbe- und Arbeiterwohngemeinden

Bedingt durch die wachsende Industrialisierung hat heute ein Großteil

der ursprünglich ländlichen Siedlungen den ehemaligen Charakter

weitgehend verloren. Dies trifft vor allem für die Siedlungen

in den altindustrialisierten Gebieten am Alpenrand zu (Biellesa,

Varesotto, Comasco, Alto Milanese, Bergamasco, Bresciano), wo

zahlreiche Dorf Siedlungen in den Sog der Industrialisierung geirieten

("Fabrikstandorte" nach KANTER 1933, S. 25) . Heute stellen

sie Industriedörfer 47) Gewerbe- und Arbeiterwohngemeinden dar,

mit durchschnittlich 10 000 Einwohnern und mit einem Anteil der

in der Landwirtschaft verbliebenen Erwerbsbevölkerung von unter

5% (vgl. Karte 3). In den eigentlichen Verdichtungskernen haben

sich die alten Dorfsiedlungen zu Trabanten- und Satellitenstädten

entwickelt (San Donato Milanese, Lambrate, Sesto S. Giovanni)

Crescenzago, Affori, Niguarda; Orbassano-, Mestre, Marghera).

Die landwirtschaftlichen Nutzflächen dieser verstädterten Geweiji'

den werden von wenigen, in die Flur ausgelagerten Vollerwerbsbetrieben

bebaut; daneben spielt teilweise auch die nebenberuflich

47) Typische Industriedörfer sind: Grugliasco/Turin, Orbassano/

Turin, Castellanza/Varese, Seveso/Milano, Brugherio/Milano,

San Lazzaro di Savena/Bologna.


135

betriebene Landwirtschaft eine Rolle (30-50% Nebenerwerbsbetriebe

in den Verdichtungsbereichen). Da die Industrie-^ Gewerbe- und

Arbeiterwohngemeinden, von Ausnahmen abgesehen (z.Bo Retortenstadt

Crespi/Adda) j, aus Kleinbauerndörfern hervorgegangen sindj

weisen sie zumeist noch einen alten Dorfkern auf, der teils noch

Standort kleiner landwirtschaftlicher Betriebe, teils aber auch

physiognomisch und funktional völlig umgestaltet ist. Die historisch

gewachsene Flurstruktur, die den alten Dorftypus in der Zeit

jLorder Industrialisierung kennzeichnete (Zersplitterung im Altsiedelland,

Block- und Blockstreifenfluren im Jungsiedelland), ist

bis heute erhalten geblieben, ein Beweis für die Festigkeit von

Siedlungsstrukturen.

3.3.3.4. Ehemalige Landarbeitersiedlungen

In der zentralen westpadanischen Tiefebene und in den jungen ostpadanischen

Meliorierungsgebieten treten aufgrund der dortigen

Großbetriebsstruktur und der damit verbundenen Betriebsorganisationsformen

(Kap. 3.5.2.) Siedlungen auf, die sich im 18. Jh. als

Wohnstätten von Tagelöhnern und Landarbeitern (giornalieri, braccianti)

entwickelt haben. Diese ehemaligen Landarbeitersiedlungen

(bdrghi di braccianti), die zwischen 100 und 500 Einwohner zählen,

waren noch bis zur Mitte dieses Jahrhunderts reine Agrarsiedlungen,

die außer den Wohngebäuden der Landarbeiter nur wenige zentrale

Einrichtungen besaßen (Kirche, Schule, Wirtshaus, Lebensmittelhändler).

Ihrer sozial-ökonomischen Stellung nach sind sie

heute als Arbeiterwohnsiedlungen von Industriebeschäftigten einzustufen.

In der westpadanischen Tiefebene treten selten reine Landarbeitersiedlungen

auf, sondern vorwiegend Mischtypen aus Landarbeitern,

kleinbäuerlicher und nichtbäuerlicher Bevölkerung (z.T. Tagelöhner).

Ihre Ortsanlage ist haufendorfähnlich und unregelmäßig (vgl.

Abb. 21; Goido), teilweise begegnet man aber auch reihenförmigen

Grundrißtypen (vgi. 3.3.3.2.). Wie bei den Kleinbauerndörfern der

zentralen Tiefebene legt sich ringförmig um die weilerartigen oder

dörflichen Landarbeitersiedlungen eine Gartenzone, die aus Miniaturstreifen-Parzellen

besteht und die in den vergangenen Jahrhunderten

auf Kosten der großgliedrigen Blockfluren ausgedehnt wurde,


- 136 -

I

um den großen Landhunger des Landarbeiterproletariats zu befrigw'"^

digen.

In den Meliorierungsgebieten der Ostpadania entstanden die Land«

arbeitersiedlungen hauptsächlich im 19. Jh., und zwar in Anlehnung

an die großen Boarien-Güter oder als selbständige Siedlungen-

außerhalb der eigentlichen Meliorierungsgebiete (Beispiele sieh6^

DONGUS 1966, S. 56 u. 73 und ORTOLANI 1956, S. 76). Sie liegen:p

vorwiegend auf alten Flußdämmen und Flußdeichen (vgl. Abb. 12, ^

Villanova). Als Wohnsiedlungen besaßen sie nur eilTHinimumTn

frastrukturellen Einrichtungen (ORTOLANI 1956, S. 76) und dienstu^

seit der Bodenreform teilweise als Mittelpunktsiedlungen (Botgh(i

di servizi, vgl. MIGLIORINI 1962, S. 258) für die StreusiedlungV»'

gebiete. Die Wohnhäuser der Landarbeiter, langgestreckte zweistök»

kige Gebäude mit Gärten, die mehrere Familien beherbergen können,

dienen heute noch als Wohnplätze für die unteren sozialen Schich"

ten.

3.3.3.5. Die ländlichen Klein- und Mittelzentren

Als ländliche Klein- und Mittelzentren sollen hier Kleinstädte

und Siedlungen mit bis zu 25 000 Einwohnern und mit Agrarquoten

von weniger als 20i bezeichnet werden. Sie sind Standorte von

Dienstleistungs- und Industriebetrieben, Agrarmarktzentren bestimmter

landwirtschaftlicher Produkte und Versorgungszentren für

die Landbevölkerung.

Seit der Nachkriegszeit haben die ländlichen Klein- und Mitteliefi-

tren in Piemont und in der Lombardei eine starke Bevölkerungszunahme

(um über 50%) zu verzeichnen gehabt, während ihre Einwohnot"

zahlen in der Ostpadania zwischen 1951 und 1971 stark rückläufig

waren (BARTALETTI 1977, S. 19 u. Fig. 1 u. 2). Als zentrale Orte

unterer bis mittlerer Stufe weisen sie eine enge funktionale Verflechtung

mit den umliegenden ländlichen Gebieten auf, die Bezugs'

und Absatzgebiete sind. Sie verfügen über zentralörtliche Einrichv

tungen, die den administrativen, kulturellen und religiösen Be- -

reich betreffen und über zahlreiche Versorgungseinrichtungen im

Gesundheitswesen, Bildungswesen (z.B. landwirtschaftliche Fachschulen)

und Handelswesen. Neben genossenschaftlichen An- und


- 137 -

Verkaufszentralen (z.B. des Consorzio Agrario Provinciale), Lagerhallen

und Büros der zur Marktordnung eingerichteten Interventionsstellen

(z.B. der ENTE NAZIONALE RISI) und dem Landmaschinenhandel

sind die Klein- und Mittelzentren vielfach auch Standorte

der Nahrungs- und Genußmittelindustrie. Zu den bedeutendsten

Industrien dieser Art gehören namhafte Konservenfabriken (z.B.

Mon Jardin S.p.A. in Mirandola/Modena), Zuckerfabriken (z.B.

S.I.I.Z. in Crevalcore und Bologna), bedeutende Groß-Molkereien

-(-Z-.-B-.- Stabilimento Galbani in Certosa di Pavia), Groß-Schlachtereien

(in Melzo/Milano), Reis- und Getreidemühlen (z.B. Riseria

Beretta in Zerbolo/Pavia, Stab. Barilla S.p.A. in Parma), weit

Über Italien hinaus bekannte Likör- und Wermutfabriken (Francesco

Cinzano & Cia. in Turin und Oberpiemont, Martini & Rossi S.p.A.

in Turin) sowie zahlreiche berühmte Weinkellereien.

3.4. Die Bodenbesitzverhältnisse als Grundlage

der landwirtschaftlichen Betriebsstruktur

Im Rahmen der heute angestrebten Agrarstrukturverbesserungen (vgl.

Kap. 1.2.) verdienen die Bodenbesitzverhältnisse, d.h. die rechtlichen

Verfügungsarten Eigentum und Pacht^^^, besonderes agrarpolitisches

und agrargeographisches Interesse, zumal sie den

Schlüssel zum Verständnis vieler Teilbereiche der Agrarstruktur

liefern. So werden etwa die Betriebsverfassung und die soziale

Statusdifferenzierung der Agrarbevölkerung wesentlich von den Besitzverhältnissen

beeinflußt (vgl. Kap. 3.S. und Übersicht 2), da

die Größe des Landeigentums bzw. Pachtbesitzes meist für die Organisationsform

der Agrarbetriebe ausschlaggebend ist und im ländlichen

Raum gemeinhin als wichtigstes Statussymbol angesehen wird.

Unmittelbar von der oftmals seit Jahrhunderten festgefügten Verteilung

des Grundeigentums und Besitzes bestimmt wird auch die

padanische Betriebsgrößenstruktur (Kap. 3.6.), obwohl in Oberitalien

Eigentum, Besitz und Betrieb nicht immer identisch sind.

48) Daß die Begriffe Eigentum und Besitz nicht identisch sind und

in der Landwirtschaft den Unterschied zwischen rechtlichem Gehören

(Eigentum) und faktischer Verfügungsgewalt (z.B. Pachtbesitz)

kennzeichnen, darauf hat besonders UHLIG 0974, S. 22)

hingewiesen.


138

Um einen Einblick in die Bodenbesitzverhältnisse zu gewinnen,

wird einführend die personale Verteilung des Grundeigentwns, die

in Italien etwas undurchsichtig ist, kritisch betrachtet (Kap.

3.4.1.)* Detaillierte Untersuchungen sind den besitzrechtlichen

Verhältnissen gewidmet (Kap. 3.4.2. und Karte 4), vor allem der

betriebsgrößenspezifischen und regionalen Differenzierung von

Eigentum (proprietä) uiid Geldpacht (affittanza, affitto) . Da die

Teilpacht (colonia parziaria, mezzadria), die nach italienischenr

Recht als Pachtform aufgefaßt wird, von altersher mit einer be- _

stimmten sozialökonomischen Organisationsform der Betriebe ver- ;

bunden ist (DONGUS 1966, S, 73), wird sie in Kapitel 3.5. untersucht

• -

3.4.1. Zur personalen Verteilung des Grundeigentums

dir

Ausgeprägter als in anderen westeuropäischen Ländern dominiert in'

Italien das private Grundeigentum bei weitem über das Gemeineigentum

(Staat, Gemeinden). Nach dem von MEDICI (1958) erfaßten Stand

der Eigentumsverhältnisse der 50er Jahre^®^ befinden sich in Norditalien

80-95% der LF in Händen von juristischen und Privatpersonen,

während die restlichen 5-20% im Besitz von Staat, Gemeinden,

Kirche und anderen Körperschaften sind. Von diesem Restanteil entfallen

etwa 10-30% auf Staat und Gemeinden, 10-20% auf kirchliche

(enti ecclesiastici) und rund 50-80% auf öffentlich-rechtliche

Körperschaften(enti di diritto pubblico). Der Staats- und Gemeindebesitz,

der in Norditalien unter Napoleon und Mussolini

stark dezimiert wurde, umfaßt heute hauptsächlich Ödland (incoltl

produttivi), Wald (boschi) und Gebirgsweiden (pascoli, maggenghi).

Auch die Kirche verfügt heute nur noch über extensiv genutzte

Ödländereien, vor allem im Gebirge (Emilia-Romagna). Lediglich

die öffentlich-rechtlichen Körperschaften, zu denen beispielsweise

die Bodenreformgesellschaft E.D.P., die Ente Nazionale Risi

und einige Bewässerungsgesellschaften gehören, besitzen offenes

Kulturland.

49) Mit Ausnahme der Bodenreform von 1951 hat sich in der Poebene

der Besitzstand kaum verändert (vgl. MEDICI 1948 und

TOSCHI 1969, S, 56).


- 139

Das private Grundeigentum, das sich im 18. und 19. Jh. in seinen

Grundzügen herausgebildet hatte (vgl. Kap. 3.2.7.) und das besonders

in den Meliorierungsgebieten weitverbreitete Gemeinschaftseigentum

verschiedener Gesellschaften (société) ist seiner Größe

nach breit gestreut. Während in den altbesiedelten Gebieten der

Poebene das 1-2 ha große bäuerliche Kleineigentum vorherrscht,

überwiegt in der zentralen Tiefebene der Lombardei und Unterpiemonts

das durchschnittlich 100-200 ha, gelegentlich auch bis zu

-1000 ha umfassende private Grundeigentum (vgl. MEDICI 1958,

S. 11-22, insbes. Karte auf S. 12), Dem stehen in den ostpadanischen

Meliorierungsgebieten die heute noch mehrere tausend Hektar

umfassenden Eigentumseinheiten von Agrar-, Kapital- und Meliorierungsgesellschaften

gegenüber, die vornehmlich zwischen 1850 und

1950 entstanden.

Eigenen Befragungen zufolge gehören die privaten Großgrundeigentümer

vornehmlich bürgerlichen Bevölkerungskreisen an und üben

nichtlandwirtschaftliche Berufe aus (Juristen, Ärzte, Professoren,

Bankiers, Handelsunternehmer, Industrielle). Nicht selten sind es

aber auch Angehörige alter Adelsfamilien (nobili) und Nachkommen

ehemaliger Grafengeschlechter (conti). Die riesigen Besitzeinheir

ten der Meliorierungsgebiete sind Gesellschaftseigentum, hinter

dem sich heute italienische Großbanken, Industrielle und andere

Aktionäre verbergen und das früher auch in Händen ausländischer

(v.a. holländischer und britischer) Unternehmen war, da diese das

technische Know-how zur Meliorierung hatten.

Die Beurteilung der personalen Verteilung des Grundeigentums in

Oberitalien, die hier bewußt den rein sozialen zugunsten des ökonomischen

Aspekts ausklammert, ergibt für alle Eigentumsklassen

folgende kritische Schlußfolgerung: Kennzeichnend für das kleine

wie für das große private Landeigentum Norditaliens ist ein sehr

konservatives bodenbezogenes Besitzverhalten, das den Fortschritt

in der Landwirtschaft teilweise außerordentlich behindert. So

wird keineswegs nur am Großgrundbesitz, sondern auch am wirtschaftlich

kaum lebensfähigen Kleineigentum beharrlich festgehalten,

selbst wenn die Eigentümer nicht mehr im Agrarbereich tätig

und nicht mehr in Italien wohnhaft sind. Gerade beim Kleineigentum

steht diese geringe Grundbesitzmobilität dem agrarpolitischen


- 140 -

Ziel der Schaffung leistungsfähiger Agrarunternehmen, insbesondere

der Betriebsaufstockung, sehr hemmend entgegen. Beim privaten

Großgrundeigentum sind es bis heute der traditionsbedingte Absentismus

und die damit nicht selten gekoppelte rentenkapitalistische

Wirtschäftsgesinnung^^^, die der Modernisierung der oftmals seit

Jahrhunderten verpachteten Agrarbetriebe entgegenstehen (v.a. Gebäudesanierung,

Hofneubau; vgl. Kap. 3.3.2.2.). Da Kapitalinvestitionen

in der Landwirtschaft für die verpachtenden Landeigentümer

-heute—nu-i^e-i-ne— geringe-Rend-i-te— abwerfen— (-ca..-^2.-i;- CANDIDA -.19-7-2t - ^

S. 86), besteht ihrerseits kaum Interesse an baulichen Verbesserungen

ihrer Höfe. Um der mangelnden Investitionstätigkeit im

Agrarsektor entgegenzuwirken, sind in den jüngsten Gesetzentwürfen

zur italienischen Agrarverfassung Bestimmungen enthalten,

denen zufolge künftig nicht nur die Grundeigentümer, sondern auch

die Pächter berechtigt sind, betriebliche Veränderungen im Sinne—

der von der Agrarpolitik vorgesehenen Strukturverbesserungen (vgl.

Kap. 1.2.) durchzuführen, und zwar unter Anpassung des Pachtzinses.

Den Gesetzentwürfen zur italienischen Agrarverfassung gemäß

(Disegno di Legge, Legislatura VII 1978, Art. 13) kann von den

einzelnen Landwirtschaftsämtern (ispettorati agrari provinciali)

ein angemessener Pachtzins (equo canone) festgesetzt werden.

Dabei sollen die natürlichen Produktionsbedingungen, der

bauliche Zustand der Gebäude und die Kapitalausstattung der

Betriebe berücksichtigt werden. Auch die Pachtdauer soll in

Zukunft einer gesetzlichen Neuregelung unterliegen (mind. 16

Jahre bei Hofpacht), so daß die Rentabilität der Betriebe

nicht mehr wie bisher durch kurze Pachtverträge oder durch

Erbpacht beeinträchtigt wird.

Was die großen Eigentumseirtheiten der Agrargesellschaften betrifft,

die heute nach modernsten Gesichtspunkten der Agrartechnik bewirtschaftet

werden, so entsprechen sie ökonomisch gesehen zwar der

Realisation agrarpolitischer Zielvorstellungen, so fragwürdig die

sozialen Konsequenzen ihrer Ausbreitung in den letzten hundert

Jahren auch gewesen sind.

50) Aus der Sicht eines bürgerlichen Großgrundeigentümers berichtet

JACINI (1857, S, 96) über den Absentismus im 19. Jh.:

"Die Gutsbesitzer der Lombardie, sobald sie einen gewissen

Wohlstand erreichen, ziehen sie in die Städte".(...)"Daher ist

uns das Vorbild des englischen Landedelmannes, der an dem stillen

Leben auf seinen Besitzungen Wohlgefallen findet, beinahe

ganz unbekannt".


„ 141 -

3.4.2. Betriebsgrößenspezifische und regionale

Differenzierung von Eigentum und Pachtbesitz

Neben dem selbstbewirtschafteten oder vom Verwalter geführten

Grundeigentum, d.h. der direkten Eigentumsnutzung (vgl. UHLIG

1974, S. 37ff.), spielt in der Poebene die Geldpacht (affittanza)

eine überragende Rolle. Sie hat in den letzten beiden Jahrhunderten

die Naturalpacht weitgehend verdrängt, besonders in

der Lombardei und in Piemont. Der wechselvolien agrarhistorischen

Besitzentwicklung entsprechend (vgl. Kap, 3.2.4.-3.2.7.)

ist sie bei den größeren Betriebsgrößenklassen und in den vormals

vom Hofadel und Besitzbürgertum beherrschten Agrargebieten

(Lombardei, Piemont) stärker vertreten als die direkte Eigentumsnutzung.

Hinsichtlich der betriebsgrößenspezifischen Differenzierung

der Eigentums- und Pachtnutzung sei auf Abb. 13 verwiesen,

in der auch die regionale Komponente berücksichtigt ist.

Wie die repräsentativen Regionalbeispiele zeigen, nimmt die Bedeutung

der Pacht mit der Betriebsgröße zu. Eine Ausnahme bildet

Abb. 13;. Nutzflächcndlftairsnzlerung nach d«n Besitzverhällnlszen

verschiedpner BeWiebsgröflenklassen

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- 142 -

die Ebene von Bologna, die als stellvertretend für die dstliche

Emilia-Romagna anzusehen ist. Der auffallend geringe Pachtlandanteil

an der LF, der auch in Karte 4 zum Ausdruck kommt, erklärt

sich durch die Besonderheit der Besitzentwicklung im Gebiet des

ehemaligen Kirchenstaats einerseits (vgl. Kap. 3.2.7.) und durch

die Eigenbewirtschaftung der großen Agrarunternehmen der Meliorierungszonen

andererseits (vgl. Kap. 3.6.5.).

In-der—B^ssa-^Pianur-a_.der Lombardei und PiemojUs entfallen auf die

mittleren und großen Betriebsgrößenklassen die höchsten Pachtlandanteile

an der LF. Dort ist die im 18. Jh. aufgekommene, nach kapitalistischen

Grundsätzen betriebene Großpacht, die sogenannte

Affittanza capitalistica, die typische landwirtschaftliche Unternehmensform.

Sie ist in der Regel mit der Verpachtung eines großen,

Wohn- und Wirtschaftsgebäude umfassenden Agrarbetriebes verbunden,

stellt also eine Hofpacht dar. Da sie seit zwei Jahrhunderten

bei der Bewirtschaftung der Mittel- und Großbetriebe üblich

ist, hat sie zur Erhaltung einer leistungsfähigen Siedlungs- und

Betriebsstruktur in besonderem Maße beigetragen. Die Großpächter,

die von Anfang an Gewinnmaximierung erstrebten und heute zum Kreis

der fachlich geschulten Landwirte gehören, stellen ökonomisch gesehen

größtenteils vorbildliche Betriebsleiterpersönlichkeiten

dar. Wie in Kapitel 3.4.1. dargelegt, hing aber bisher die Modernisierung

der Geldpachtbetriebe in hohem Maße von der Wirtschaftsgesinnung

der Eigentümer ab.

Hat die Großpacht insgesamt zum Fortschritt in der Landwirtschaft

entscheidend beigetragen, so gilt dies nicht auch für die bäuerliche

(Klein-)Pacht, die Affittanza coltivatrice. Diese entstand

im 19. und 20. Jh. auf kleineren bis mittleren Besitzeinheiten.

Sie kommt heute als Hofpacht, als volle Grundstückspacht bei eigenen

Wirtschaftsgebäuden und als Parzellen-Zupacht (affitto pafticellare)

vor. Die mit der bäuerlichen Kleinpacht verbundene soziale

und ökonomische Situation ist jener der Kleinbetriebe vergleichbar

(vgl. Kap. 3.6.2.).

Betrachtet man die regionale Differenzierung der Eigentums- und

Pachtnutzung, so ergibt sich ein sehr kontrastreiches Verteilungsrauster

(Karte 4), das interessante Beziehungen zu den Naturgrund­


- 143 -

lagen , zur territorial-geschichtlichen Entwicklung und zur Betriebsgrößenstruktur

erkennen läßt. Agrargebiete» in denen die

Geldpacht auf 50-100“5 der Betriebsfläche dominiert, sind die Alta

Pianura der Lombardei, die Bassa Pianura Piemonts und die Ebene

vom Parma-Piacenza. Die höchsten Pachtlandquoten weisen das Milanese,

die Brianza und die Ebene von Pavia, Vercelli und Bergamo

auf (75-901), also das unmittelbare Umland der Städte mit seinen

oft seit Jahrhunderten erstarrten Eigentums- und Besitzstrukturen.

Die geringe Grundbesitzmobilität (Kap. 3.5.1.) ist auch der Hauptgrund

für die außergewöhnlich starke Verbreitung der Großpachtbetriebe,

die vornehmlich in Händen alter Adelsfamilien und von

Großbürgern sind . Wie die in Abb. 13 erfaßte Nutzflächendifferenzierung

und die räumliche Koinzidenz hoher Pachtlandquoten und

vorherrschender Großbetriebe zeigen (vgl. Karte 4 und 5), stellt

die Affittanza capitalistica in der piemontesisch-lombardischen

Bassa Pianura den Normalfall der Verpachtung dar.

In der südlichen und in der gesamten östlichen Poebene tritt die

Geldpacht stark zugunsten der direkten Eigentumsnutzung zurück.

Vielfach betragen die Pachtlandquoten weniger als 251, vor allem

in der östlichen Emilia-Romagna, am alpinen Gebirgsrand und im Bereich

der oberitalienischen Weinbäugebiete (Karte 6). Eine wesentliche

Ursache für die geringe Verbreitung der Geldpacht in der

Emilia-Romagna, in der bis heute die Naturalpacht Bedeutung besitzt,

war die Existenz des Kirchenstaates, die vor 1860 die freie

Entfaltung des Grundeigentums verhinderte. Dies giltjedoch nicht

für die ostpadanischen Meliorierungsgebiete, die durch eine besondere

Besitz- und Betriebsstrukturentwicklung gekennzeichnet sind

(vgl. Kap. 3.2.8.). Das Zurücktreten der Geldpacht in den kleinbetrieblich

strukturierten Weinbaugebieten hängt mit dem hohen Arbeitsbedarf

dieses Bodennutzungszweiges zusammen, der eine Verpachtung

schwieriger macht. Die vorherrschende Eigentumsnutzung

der Agrargebiete des alpinen und apenninischen Gebirgsfußbereichs

liegt ohne Zweifel darin begründet, daß die zur Agrarerzeugung

S1) Dies gilt auch für die Ebene von Parma-Piacenza, die eine ähnliche

Betriebsstruktur wie die Lombardei besitzt, da sie nicht

zum Kirchenstaat gehörte, sondern Kernland des gleichnamigen

Herzogtums war.


- 144 -

ungünstigen Produktionsvoraussetzungen des Gebirgsbereichs die

Ausbreitung der Geldpacht verhinderten. Da sich die PachtlandquO'

ten mit Annäherung an den Gebirgsrand meist sprunghaft ändern

(vgl. Karte 4), wäre es aufgrund dieser Regelhaftigkeit denkbar,

neben den Bodennutzungsverhältnissen (Wald- und Weideanteil an

der LN) auch den Pachtlandanteil an der Betriebsfläche als Merkmal

für eine agrargeographische Abgrenzung der Poebene zu benutzen.

3.5. Sozialökonomische Organisationsformen: Betriebsverfassungstypeil

Da die Rentabilität und Entwicklungsfähigkeit eines Agrarbetriebes

von den Fähigkeiten, der sozialrechtlichen Stellung und der wirtschaftlichen

Dispositionsfreiheit des Betriebsleiters ebenso bestimmt

wird wie von der Betriebsgröße (Kap. 3.6.), bildet die sozialökonomische

Organisationsform landwirtschaftlicher Betriebe

ein wichtiges Kriterium zur Beurteilung der Betriebsstruktur. Die

sozialökonomische Organisationsform eines Agrarbetriebes wird ii

Italienischen "forma di conduzione" genannt, worunter nicht nur

die rechtliche soziale Ordnung (Arbeitsverfassung; vgl. UHLIG 1974,

S. 78), sondern auch die untrennbar damit verbundene wirtschaftliche

Organisation zu verstehen ist. Inhaltlich entspricht die italienische

Bezeichnung am ehesten dem von SPITZER (1975, S. 131)

verwendeten Begriff der Betriebsverfassung, der im folgenden als

Terminus technicus verwendet und dem "sehr vielschichtigen und oftmals

vieldeutig angewendeten komplexen" Begriff der Agrarverfassung

(UHLIG 1974, S. 18) vorgezogen wird^^^.

In der Landwirtschaft der Poebene spielen in der Hauptsache drei

Betriebsverfassungstypen eine Rolle: Direktbewirtschaftung, Lohnarbeiterbewirtschaftung

und Mezzadria (Kap. 3.5.1. - 3.5.3.). Wie

aus Abb. 14 zu ersehen ist, zeigen sie mit Ausnahme der Direktbe-

52) Von anderen Autoren wird die Bezeichnung "forma di conduzione"

als Betriebsweise (DONGUS 1966, S. 68 und LEICHER 1962, S. 201)i

agrares Betriebssystem (SABELBERG 1975, u.a. im Titel) oder

nur als Betriebsverhältnisse (LEHMANN 1961, S. 135) wiedergegeben.


- 145 -

wirtschaftung eine klare Abhängigkeit von der Flächengröße der

Agrarbetriebe. Dadurch ist auch ihre ökonomische Situation bis zu

einem gewissen Grade festgelegt. Zusammen mit den Besitzverhältnissen

(Eigentum, Pachtbesitz) induzieren die Betriebsverfassungstypen

die soziale Statusdifferenzierung der Agrarbevölkerung. Dem

von KOHLHEPP (1975, S. 89) gegebenen Beispiel folgend, wurde für

die Poebene ein Schema der Agrärsozialstruktur entworfen (Übersicht

2), das verdeutlicht, in welcher Weise die von den Besitz-

_yerhältnissen bestimmten agrarsozialen Gruppen über die Betriebsverfassungstypen

in Verbindung stehen.

3.5.1. Eigen- oder Direktbewirtschaftung

Die häufigste Art der Betriebsverfassung ist in der Poebene die

Eigen- oder Direktbewirtschaftung (conduzione diretta del coltivatore),

die bei 70-1001 aller Agrarbetriebe vertreten ist. Unter

diesem Begriff faßt die italienische Statistik alle Agrarbetriebe

zusammen, bei denen der Betriebsführer (conduttore), der Eigentümer

oder Pächter sein kann, selbst manuelle Arbeit verrichtet,

sei es allein, unter Mithilfe seiner Familienangehörigen oder unter

Beschäftigung familienfremder, geldentlohnter Arbeitskräfte 53)

Die Eigen- oder Direktbewirtschaftung, die heute den Normalfall

einer Betriebsorgänisation darstellt, wie früher die Teilpacht

(Kap. 3.5.3.), verkörpert in vielen Fällen den Typus des mitteleuropäischen

Familienbetriebes, bei den Eigentum, Besitz und Betrieb

eine Einheit bilden (zur Familienarbeitsverfassung vgl.

UHLIG 1974, S. 79f.). Doch kommt sie in der Lombardei und in Piemont

ab einer Betriebsgröße von 10-20 ha überwiegend in Verbindung

mit der Geldpacht vor, in den Provinzen Mailand, Como, Varese

und Bergamo sogar ab einer Betriebsgröße von 1-2 ha.

53) Nach den Erläuterungen der italienischen Agrarstatistik ist

es das Hauptkriterium für die Direktbewirtschaftung, daß der

Betriebsführer selbst Handarbeit verrichtet (vgl. ISTAT 1972,

2° Censimento Generale dell'Agricoltura 1970, Avvertenze). Der

Betriebsgröße sind hierbei keine Grenzen gesetzt. Auch ist der

Anteil der von Fremdarbeitskräften erbrachten Arbeitsleistung

nicht festgelegt. Nach MEDICI (1958, S. 45) sollte dieser höchstens

20% des Gesaratarbeitsbedarfs eines Betriebes betragen.


146

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Erwartungsgemäß ist die Direktbewirtschaftung die typische Organik

sationsform des kleinen bis mittelgroßen Betriebes. Tatsächlich

ist sie aber in der Poebene bei allen Betriebsgrößenklassen anzutreffen

(Abb. 14). Erstaunlicherweise ist sie sogar bei Großbetrieben

über 100 ha verbreitet. Das liegt zum Teil daran, daß die

Betriebsleiter bei der heutigen Vollmechanisierung und bei dem

derzeit hohen ländlichen Lohnniveau in zunehmendem Maße selbst die

Landarbeit auf sich nehmen, um konkurrenzfähig zu bleiben (v.a.

Pächter) .^in anderer Grund ist der, daß heute viele Großgxundei.-—

gentümer Wert darauf legen, daß ihre Betriebe als selbstbewirtschaftete

Betriebe und nicht als Lohnarbeiterbetriebe erfaßt werden.

Um dies zu verstehen, muß man wissen, daß in Italien viele

Vergünstigungen im Agrarbereich (Kredite zur Mechanisierung, Beihilfen

zur betrieblichen Modernisierung) den Regionalgesetzen der

italienischen Agrarpolitik zufolge (Übersicht 1) nur den Coltivatori

diretti zugute kommen, wie die Landwirte des gleichnamigen

Betriebsverfassungstyps genannt werden. Man muß sich natürlich

auch vor Augen halten, daß in Italien die Furcht vor Enteignung

viele Großgrundeigentümer dazu bewogen haben mag, ihre Agrarbetriebe

besitzrechtlich und organisatorisch so einzurichten, daß sie

unter die Rubrik der Direktbewirtschaftung fallen, zumal diese

1951 von den Bodenreformgesetzen verschont blieb. Daraus erhellt,

daß sich in Oberitalien hinter den Einzellandwirten und Produktionsgemeinschaften

(coltivatori diretti singoli, coltivatori diretti

associati) nicht immer echte Bauern (contadini), sondern

vielfach auch Inhaber großer Lohnarbeiterbetriebe verbergen. Da

mit der Direktbewirtschaftung also eine sehr unterschiedliche soziale

und wirtschaftliche Organisation und Betriebsgröße verbunden

sein kann, läßt dieser Betriebsverfassungstyp keine eindeutigen

Aussagen über den sozialökonomischen Charakter "direkt" bewirtschafteter

Betriebe zu.

Das von der Direktbewirtschaftung induzierte Agrarsozialgefüge umfaßt,

wenn man diesen Betriebsverfassungstyp auf die kleinen bis

mittleren Betriebseinheiten einschränkt, die obere Unterschicht

und untere Mittelschicht (Übersicht 2). Diese beiden Sozialschichten

werden vornehmlich von kleinen Landeigentümern und Geldpächtern

gebildet, die haupt- oder nebenberuflich in der Landwirt-


Abb. 14: Häufigkeit der Betriebsorganisationsfo

rm e n (BetriebsverfassungstypennachBetriebsgrößenklassen)

Prozentsatz

der Betriebe

100

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— MILANO pianura

»— VERONA pianura

— — MODENA pianura

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Betriebsgrößenklassen (ha)

Direktbewirtschaftung

Lohnarbeiterbewirtschaftung

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RAVENNA pianura

TREVISO pianura

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BOLOGNA pianura

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Quelle: 2“ Censimento Generale dell ’ Agriooltura 1970, Roma 1972

Entwurf und Zeichnung: H. Maler


148

Schaft tätig sind. In Ausnahmefällen, nämlich dann, wenn größere

Landeigentümer oder Großpächter ihren Betrieb selbst leiten,

reicht die soziale Schichtung innerhalb eines Betriebes von den

unteren bis zu den oberen Klassen.

3.5.2. Lohnarbeiterbewirtschaftung und vergleichbare

Organisationsformen

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Hinsichtlich der Betriebsverfassung werden in der italienischen

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Stern und die Compartecipazione zu einem Grundtyp zusammengefaßt:

der Betriebsorganisation mit Lohnarbeitern oder Ernteteilpächtern

(conduzione con salaviati o compartecipanti). Diese Zusammenfassung

erklärt sich daraus, daß die beiden letztgenannten Betriebsverfassungstypen

heute fast gänzlich in der reinen Lohnarbeiterbewirtschaftung

aufgegangen sind. Ursprünglich waren aber alle —

drei Betriebsverfassungstypen nur entfernt verwandt, so daß eine

getrennte Darstellung gerechtfertigt erscheint.

Lohnarbeiterbewirtschaftung

Die Lohnarbeiterbewirtschaftung, wie sie in typischer Ausprägung

beim Großbetrieb der Lombardei vorkommt, ist sozusagen die italienische

Variante der mitteleuropäischen Gutswirtschaft. Bestimmendes

Merkmal der Lohnarbeiterbewirtschaftung ist die ausschließlich

wirtschaftlich leitende Stellung des Betriebsführers und die

Beschäftigung von geldentlohnten Landarbeitern (salariati).

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Wie aus Abb. 14 hervorgeht, sind mit der Lohnarbeiterbewirtschaftung

fast nur Betriebsgrößen über 20 ha verknüpft. Wenn dennoch

ein gewisser Prozentsatz kleiner Betriebe mit Lohnarbeitsverfassung

vorkommt, so kann dies durch eine Produktionsausrichtung

mit hohem Arbeitsaufwand erklärt werden. Beispielsweise zeichnet

sich die Provinz Ferrara durch einen relativ hohen Anteil an

kleinen Lohnarbeiterbetrieben aus, weil dort die Gartenbau- und

spezialisierten Obstbaubetriebe umfangreiche Handarbeit zu bewältigen

haben. Da die Lohnarbeiterbewirtschaftung die typische

Organisationsform des über 50 ha großen Agrarbetriebes ist, kommt

sie bei nur 10 i aller Agrarbetriebe vor. Aus den in Kap, 3.5.1.

genannten Gründen ist sie in den letzten beiden Jahrzehnten zu-


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- 149

gunsten der Direktbewirtschaftung zurückgegangen. Ab einer Betriebsgröße

von über SO ha tritt sie verstärkt in Verbindung mit

der Geldpacht auf, besonders in der Bassa Pianura L/nterpiemonts

und der Lombardei. Ihr Hauptverbreitungsgebiet fällt mit den aus

Karte S ersichtlichen Gebieten vorherrschender Großbetriebsstruktur

zusammen (vgl. INEA 1958, Carte regional!).

Einer industriellen Unternehmensführung vergleichbar wird der

Lohnarbeiterbetrieb in der Regel von einem qualifizierten und an

Gewinnmaximierung interessierten Betriebsführer geleitet. Dieser

kann Eigentümer (proprietario) , Geldpächter (affittuario) oder

Verwalter (fattore, agente) sein. In jedem Falle obliegt ihm ausschließlich

die technisch-organisatorische Leitung des Betriebes.

Er selbst und seine Familie, welche bedingt durch die Einzellage

der meisten padanischen Lohnarbeiterbetriebe (Corti, vgl. Kap.

3.3.2.) auch auf dem Hofe wohnt, bleiben von der eigentlichen

Landarbeit verschont. Die gesamte manuelle Arbeitsleistung erbringt

heute ein kleiner Stamm ganzjährig beschäftigter Arbeitskräfte

(vgl. Kap. 3.6.5.). Die festangestellten Lohnarbeiter

(salariati fissi), die mit ihren Familien als eine Art Gesinde

auf dem Hof leben (dipendenti), werden während der saisonalen Arbeitsspitzen

durch teilzeitbeschäftigte Lohnarbeiter (salariati

avventizi) und durch Tagelöhner (giornalieri) ergänzt. Arbeitskräfte

werden heute hauptsächlich zum Bedienen von Traktoren und

Maschinen gebraucht, da in den meisten padanischen Lohnarbeiterbetrieben

die von Hand zu verrichtende Arbeit auf ein Mindestmaß

reduziert ist.

In der Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg, als die Maschinenausstattung

der Betriebe noch sehr unvollkommen war, wurden je

nach Produktionsausrichtung 20-40 Landarbeiter pro 100 ha LF

beschäftigt. Bei Bedarf konnten sie jederzeit durch eine hohe

Anzahl von Tagelöhnern und Saisonarbeitern ergänzt werden.

Namentlich beim Reisbau wurden zur Saat- und Erntezeit 200-

300 Saisonarbeiter angestellt, vorwiegend Frauen, die der Tätigkeit

des Unkrautjätens (monda) ihre Berufsbezeichnung (mondine)

verdanken; sie kamen oft für ein paar Wochen von weit

her (Veneto, Emilia-Romagna, Nordapennin, Südalpentäler; vgl.

JACINI 1857, S. 60 und LEHMANN 1961, S. 146).

Für ihre Unterbringung waren in den Reisbauhöfen Schlafsäle

(dormitori)eingerichtet, die heute noch als Erntespeicher benutzt

werden, wie früher, nachdem die Wanderarbeiter abgereist

waren.


Die Viehhaltungsbetriebe erforderten einen relativ hohen Fest*

arbeiterstamm, der einen hierarchischen Aufbau zeigte: an der

Spitze standen landwirtschaftliche Facharbeitskräfte, die für

die Tierhaltung oder für die Bereitung von Molkereierzeugnis»

sen verantwortlich waren, so Stallknecht (capo bifolcho),

Pferdeknecht (capo cavallente), Ochsenknecht (boaro), Melker

(mungiatore), Käsemacher (casaro) u.a.. Die Festarbeiter wohn»

ten meist mit ihren Familien auf den Höfen, während die eigentlichen

Landarbeiter (braccianti, von ital. braccio=Arm)

als voll- oder teilzeitbeschäftigte Arbeitskräfte in Dörfern

und Tagelöhnersiedlungen lebten (Kap. 3,3.3.). - Über die

damalige soziale Lage und über den wirtschaftlichen Notstand

dieser Bevölkerungsschicht berichtet eindrucksvoll JACINI

-CI-8-5?):^ -----------------------------------------

Die von der Lohnarbeiterbewirtschaftung bewirkte soziale Statusdifferenzierung

der Agrarbevölkerung umfaßt nahezu das gesamte

Schichtungssystem (Übersicht 2). Die agrarsoziale Oberschicht,

die von einzelnen und von assoziierten Großgrundbesitzern gebildet

wird, steht ihrem Berufs- und Besitzstand nach nur selten direkt

mit der Landbewirtschaftung in Verbindung. Als Vermittler

fungieren die heute nicht mehr sehr zahlreichen Gutsverwalter

(agenti) und die Großpächter (affittuari), die von jeher einen

vergleichsweise hohen Sozialstatus innehaben. Gutsverwalter und

Großpächter stehen in Kontakt mit der ländlichen Unterschicht,der

festangestellte und teilzeitbeschäftigte Lohnarbeiter (salariati

fissi e avventizi) und Tagelöhner (giornalieri) angehören. Dieser

Personenkreis genießt kein hohes Sozialprestige, wenn auch ihre

Einkommensverhältnisse im Vergleich zu jenen entsprechender Bevölkerungsgruppen

weitgehend paritätisch sind. Die wirtschaftliche

Gleich- oder sogar Besserstellung der Landarbeiter^^^ trägt

aber nur wenig dazu bei, die Erwerbstätigkeit in der Landwirtschaft

und das Leben auf den Einzelhöfen attraktiver zu machen,

um den derzeit bestehenden Arbeitskräftemangel zu beseitigen,

Boarien-System

- 150 -

Eine in ihren Ursprüngen auf das 16. Jh. zurückgehende Bewirtschaftungsform,

die sich im Laufe der Zeit mehrfach gewandelt und

verändert hat, stellt das vormals ausschließlich in der Ostpada-

nia vorkommende Boarien-System dar. Benannt nach dem Pächter

54) Den Landarbeitern wird in der Regel neben ihrer geldlichen

Entlohnung auch Wohnmöglichkeit geboten und Gartenland zur

privaten Nutzung überlassen.


- 151 ~

(boaro) eines 25-30 ha großen ferraresischen Hofes (boaria; Kap.

3.3.2.), war das Boarien-System bis gegen Ende des 19. Jhs. mehr

der Mezzadria als der Lohnarbeiterbewirtschaftung verwandt. Erst

um die Jahrhundertwende nahm es allmählich Züge der Lohnarbeiterbewirtschaftung

an, wurde jedoch als regionale Besonderheit weiterhin

Boarien-System (sistema a boaria, conduzione in economia)

genannt. Im Unterschied zur echten Lohnarbeiterbewirtschaftung

war das jüngere Boarien-System durch einen kleinen Festarbeiterstamm

und durch eine hohe Anzahl teilzeitbeschäftigter Arbeitskräfte

(braccianti avventizi) gekennzeichnet. Namentlich in den

Meliorierungsgebieten bildete dieses jüngere Boarien-System die

die Grundlage der Betriebsverfassung bei den in kleinere Wirtschaftseinheiten

unterteilten Großbetrieben (vgl. Kap. 3.2.8.

und 3.6.5.).

In der Zeit nach der Bodenreform, als viele Landarbeiter die Gelegenheit

zum Erwerb eines kleinen Eigentumsbetriebes wahrnahmen

und als der Einsatz von Saat- und Erntemaschinen die zentrale

Bewirtschaftung großer Betriebseinheiten ermöglichte, ging das

Boarien-System nach und nach in der Lohnarbeiterbewirtschaftung

auf (Einzelheiten vgl. DONGUS 1966, S. 70-73, ORTOLANI 1956,

S. 95-97 und TOSCHI 1969, S. 57).

Compartecipazione

Eine heute nur noch selten anzutreffende Art der Bewirtschaftung

stellt die Betriebsführung mit Ernteteilhabern bzw. -teilpächtern

dar (conduzione con compartecipanti, compartecipazione). Als eine

der Teilpacht verwandte und das ältere Boarien-System um die Jahrhundertwende

ablösende Betriebsverfassung breitete sich die Compartecipazione

hauptsächlich in den ostpadanischen Meliorierungsgebieten

aus (ORTOLANI 1956, S. 96). Ihre Besonderheit beruht auf

der Vergabe von Wirtschaftsflächen (z.B. Reisfeldern) für eine

einzige Saison oder von Kulturarten (z.B. Reben, Pappeln) über

mehrere Jahre hinweg (PECORA 1963, S. 245). Dafür wird dem Ernteteilhaber

(compartecipante) eine in Naturalien festgelegte Entlohnung

gewährt, die Hälfte, ein Drittel oder ein Viertel der Ernte

(INEA 1958, S. 45). Wie das Boarien-System und die Mezzadria

ist auch die Compartecipazione seit dem Zweiten Weltkrieg stark

zurückgegangen.


- 152 -

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- 153 -

3.5.3. Die Mezzadria als wichtigste Teilpachtform

Ein altüberkommener, durch Naturalabgaben in mittelalterlichen

Traditionen verhaftet gebliebener Betriebsverfassungstyp stellt

in Italien die Mezzadria dar^^^. Sie ist eine Teilpachtform, bei

der die Brnteerträge etwa zur Hälfte geteilt werden, und war früher

in Oberitalien so weitverbreitet wie in der Toskana und im

übrigen Mittelitalien, ist aber in den letzten Jahrzehnten überall

drastisch zurückgegangen (vgl. Tab. 7 und SABELBERG 1975). In der

'Poebene ist sie nur noch in der Emilia-Romagna, im Veneto und in

der Alta Pianura von Bergamo und Brescia vereinzelt anzutreffen

(Karte 4) . Dennoch verdient dieser eigentümliche und kulturlandschaftlich

interessante Betriebsverfassungstyp erwähnt und in

seiner heutigen Problematik erörtert zu werden. Einmal, weil er

in den altbesiedelten Gebieten der Poebene jahrhundertelang strukturbestimmend

gewesen ist. Zum andern, weil sich die italienische

Agrarpolitik derzeit damit befaßt, die Mezzadria abzuschaffen und

über die Geldpacht in eine Form der Direktbewirtschaftung umzuwandeln.

Als sozialökonomisch interessante Betriebsorganisationsformen

sind Teilpacht und Mezzadria verschiedentlich Gegenstand wissenschaftlicher

Diskussionen gewesen, was mancherlei Begriffsbildungen

hervorgebracht hat^^^. Für eine eindeutige Terminologie folgt

man am besten den Erläuterungen der italienischen Agrarstatistik

und des Istituto Nationale di Economia Agraria (INEA 1958, S.45),

Danach werden die verschiedenen Arten der Teilpacht (colonia parziaria)

in zwei Gruppen geordnet, wobei unterschieden wird, ob

eine Besitzeinheit samt Wohn- und Wirtschaftsgebäuden vergeben

(colonia parziaria appoderata) oder ob nur die Betriebsfläche ge-

55) dtsch. Halbpacht (von ital. mezzo=halb). Die Mezzadria ist

außer in Italien auch in Südfrankreich (métayage), in Spanien

und in Lateinamerika verbreitet.

56) Eine der ältesten deutschsprachigen Literaturquellen ist die

Veröffentlichung von DIETZEL (1884) über den "Theilbau". Vom

italienischen Schrifttum sind .die Untersuchungen von SERPIERI

(1947) und TOFANI (1963) hervorzuheben. Eine Monographie hat

SABELBERG (1975), Einzeldarstellungen haben DONGUS (1966),

HETZEL (1957), VÖCHTING (1941) und DÖRRENHAUS (1976) verfaßt.


- 154

V-:|

■J'i

gen Naturalabgaben überlassen wird (colonia parziaria non ap-

p o d e r a t a ) . Die Mezzadria, bei der die Teilung des Naturaler»

träges zwischen Besitzer und Pächter zur Hälfte erfolgt, ist der

häufigste und wichtigste Vertreter der mit einer Hofvergabe verbundenen

Teilpacht (vgl. SABELBERG 1975, S. 76).

In der Regel besteht bei der Mezzadria ein schriftlich fixierter

Arbeitsvertrag zwischen dem Teilpächter (mezzadro,

colono) und dem Verpächter (concedente, padrone), der Eigentümer

oder selbst Geldpächter sein kann. Der Arbeitsvertrag

ist von beiden Part-e-ien—kündbar_und_ej.streckt sich oft über__-

mehrere Generationen hinweg (vgl. VÖCHTING 1941, S. 9). Er

wird nicht nur mit dem Familienoberhaupt (reggitore) geschlossen,

sondern bezieht sich auf die gesamte Pächterfamilie,

die ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellt. Dafür erhält

sie die Hälfte des Ernteertrages in Naturalien, so daß

seitens der Mezzadri Interessenbeteiligung besteht und gleichzeitig

auch das Betriebsrisiko geteilt ist. Der Verpächter,

der Hof und Wirtschaftsflächen überläßt, stellt meist auch

einen Teil des Betriebskapitals und beteiligt sich an den Betriebskosten.

Er bestimmt auch die Produktionsausrichtung,

während dem Mezzadro nur die technische und organisatorische

Leitung des Betriebes obliegt. Dieser hat jedoch ein Einspruchsrecht

gegenüber betrieblichen Veränderungen, die sich

während der Vertragsdauer nachteilig auf sein Einkommen auswirken

könnten. Dieses Einspruchsrecht und die rentenkapitalistische

Gesinnung vieler Besitzer haben bei den Mezzadriabetrieben

die Einführung agrartechnischer Neuerungen und die

Änderung der Produktionsausrichtung stets ungünstig beein?-

flußt.

Die Mezzadria ist von jeher mit kleinen bis mittelgroßen Betrieben

verknüpft. Große Eigentums- oder Besitzeinheiten waren früher

in eine überschaubare Anzahl kleinerer Teilpacht-Betriebe

(poderi) aufgegliedert (Kap. 3.2.4.). Im 19. Jh. schwankte die

Größe eines Podere je nach Bodenqualität und Kulturart zwischen

2 und 5 ha, und bei Anwendung der Pflugtechnik betrug sie 10-13

ha (JACINI 1857, S. 202). Heute kommen die Mezzadria-Betriebe

bei Betriebsgrößenklassen zwischen 5 und 30 ha am häufigsten

vor (Abb. 14). Diese Flächengröße entspricht etwa der Arbeitskraft

einer Kolonenfamilie, je nachdem, ob Weinbau, Getreide-

Wein-Mischkultur oder Futterbau und Viehhaltung betrieben wird.

Mit einem Podere läßt sich in der Regel nur ein bescheidenes Betriebseinkommen

erwirtschaften, weil meist die Betriebsgröße zu

klein, der wirtschaftliche Input seitens der Eigentümer und

57) ital. appoderare • mit Höfen (poderi) besetzen


“U

155 -

Teilpächter zu gering und der Umfang der Handarbeit zu groß

sind.

Im Agrarsozialgefüge spiegelt sich die Betriebsverfassung der

Mezzadria in der oberen Mittelschicht und oberen Unterschicht

wider (Übersicht 2). Bei den Eigentümern von Mezzadria-Betrieben

sind der Absentismus und Rentenkapitalismus besonders ausgeprägt

(vgl. Kap. 3.4.1.), was sich in einer mangelnden Investitionsbereitschaft

zur Betriebsmodernisierung dokumentiert.

Die Teilpächter, die etwa den gleichen Sozialstatus wie die

Kleineigentümer innehaben, leben mit ihren Familien ärmlich und

zurückgezogen auf den Einzelhöfen. Sie gehören heute überwiegend

der älteren Generation an (60-65 I sind über 50 Jahre alt).

Ihre Nachkommen verharren heute immer seltener auf den oftmals

seit Generationen von der gleichen Familie bewirtschafteten

Höfen (nur 3-5 % der Teilpächter sind unter 34 Jahre alt).

Seit dem Zweiten Weltkrieg ist bei der Mezzadria ein enormer Betriebs-

und Flächenrückgang eingetreten (Tab. 7). Der Hauptgrund

ist sicherlich die geringe Rentabilität der Mezzadria-Betriebe,

welche durch eine zu geringe Betriebsgröße und durch einen falschen

Einsatz der Produktionsfaktoren bedingt ist. Ein zweiter

Grund ist die Landflucht, die der wirtschaftliche Aufschwung

Norditaliens unter den Teilpächtern angesichts ihrer schlechten

Einkommenslage auslöste. An dritter Stelle ist das von der italienischen

Regierung 1964 erlassene Mezzadria-Verbot zu nennen

(Legge n. 796 v. 15.9.64). Seitdem ist es per Gesetz verboten,

neue Teilpacht- oder Mezzadriaverträge abzuschließen; außerdem

wurde die Teilungsquote (quota di riparto) bei den noch bestehenden

Verträgen von 53 auf 58 I zugunsten der Teilpächter heraufgesetzt.

Auch das 1965 verabschiedete Mezzadria-Gesetz (Legge

n. 590 V . 26.5.65), das dem Teilpächter ein Vorkaufsrecht im Falle

einer Betriebsveräußerung einräumt, sollte zu einer Veränderung

der überkommenen Betriebsverfassung beitragen. Den gleichen

Zweck verfolgt die im November 1978 im italienischen Parlament

eingebrachte Gesetzesvorlage (Disegno di Legge, Legislatura VII,

1978), die vorsieht, daß in Zukunft die Mezzadria-Betriebe in

Geldpachtbetriebe umgewandelt werden können, wenn es eine der

Vertragsparteien verlangt (Abs. II, Art. 21, 25 u. 26).


- 156 -

Tab. 7: Rückgang der Mezzadria-Betriebe (1961-1970)

(Quelle: ISTAT, Annuario statistico italiano 1962 u.1972)

Betriebs - Betriebs- Betriebs- Flächenanzahl

fläche(ha) rückgang rückgang

1961 1961 ( 1961 = 100 1 )

—■

■il

>!■-

PIEMONTE

Cuneo 3963 39 197 60,8 65,9

Torino 1132 12 823 68,4 61 ,0

-Vercelli 200 2 096 79,0 76,6

Novara 19 52,6- -

Alessandria 4150 32 995 70,6 66,8

'i.i*:

I,;!i;

i i; : Í!;

■li'í;

'iLi'

i JL

LOMBARDIA

Varese 64 726 79,7 73,7

Como 29 256 65,5 64,0

Bergamo 4083 20 687 74,0 72,6

Brescia 3142 27 390 67,5 64,4

Milano 45 561 71,1 30,6

Pavia 998 9 822 55,8 52,5

Cremona 383 5 111 83,8 76,4

Mantova 2640 29 035 73,0 66,1

VENETO

Verona 5820 46 345 60,0 57,6

Vicenza 1851 15 094 76,2 75,0

Treviso 7443 64 561 52,3 53,8

Padova 1291 10 271 74,4 72,7

Venezia 4287 52 379 64,3 65,1

Rovigo 584 5 974 83,4 82,6

EMILIA

-ROMAGNA

Piacenza 1839 22 520 74,4 74,4

Parma 5884 75 954 64,7 60,2

Reggio 7336 68 836 73,6 68,3

Modena 11220 92 081 63,5 63,1

Bologna 12556 157 511 58,8 60,5

Ferrara 2764 30 718 67,1 68,1

Ravenna 7855 79 645 52,5 51,3

‘(■r


157 -

3.6. Regionale Differenziertheit und Funktionsfähigkeit

der Betriebsgrößenstruktur

In groben Zügen sind die Betriebsgrößenverhältnisse der Poebene

dadurch gekennzeichnet, daß in der zentralen Tiefebene leistungsstarke

Mittel- und Großbetriebe und in der randlich daran anschließenden

höhergelegenen Ebene einkommensschwache Klein- und

Zwergbetriebe vorherrschen. Dieser große regionale Gegensatz,

auf den schon LEHMANN (1961, S. 128) hingewiesen hat, bestätigt

sich im einzelnen natürlich nur mit Ausnahmen, Abweichungen und

zahlreichen Übergängen. Doch sind es mitunter diese kleinräumlichen

Besonderheiten, die bei der Untersuchung der Betriebsgrößenverhältnisse

interessant erscheinen, weil dadurch räumliche Interdependenzen

und Kausalzusammenhänge aufzuspüren und nachzuweisen

sind.

Die nachfolgende Untersuchung zielt darauf ab, die padanische

Betriebsgrößenstruktur, wgmit hier die Zusammensetzung der Betriebsgrößenklassen

zu verstehen ist, anhand verschiedener

Strukturtypen in ihrer räumlichen Differenziertheit und Funktionsfähigkeit

zu erfassen. Der bei landwirtschaftlichen Betriebsgrößenverhältnissen

etwas schwierigen Strukturtypenbildung

und Merkmalsauswahl wird einführend einige Aufmerksamkeit geschenkt

(Kap. 3.6.1.). Zur Erklärung des in Karte 5 dargestellten

räumlichen Verteilungsmusters der Strukturtypen werden in Kapitel

3.6.2. - 3.6.4. spezifische Einflußfaktoren herangezogen, nämlich

die natürlichen Produktionsvoraussetzungen,

die Eigentums- und Besitzverhältnisse,

die Bodennutzungszweige,

die Industrialisierungseinflüsse und

die agrarpolitischen Reformmaßnahmen.

Die Bewertung einzelner Betriebsgrößenstrukturtypen, die an den

Grundsätzen der italienischen und EG-Agrarpolitik orientiert ist,

erfolgt anhand verschiedener sozio-ökonomischer Kriterien: Produktionsausrichtung,

Mechanisierungsgrad (Abb. 16) und Altersaufbau

der Betriebsleiter (Tab. 9).


- 158

3.6.1. Zur Typisierung landwirtschaftlicher

Betriebsgrößenverhältnisse

Stellt man sich die Aufgabe, die Betriebsgrößenstruktur eines

Agrarraumes zu analysieren, so können für eine solche Analyse

eine Reihe "strukturbestimmender" Merkmale herangezogen werden.

Zur Typisierung der padanischen Betriebsgrößenverhältnisse

(Karte S) wurde als Merkmal die Flächengröße der Agrarbetriebe

gewählt, obwohl sie nicht der einzige Maßstab zur Erfassung der

"Betriebsame“'*, a 1 sm'des~“PTMTrktfonsvol-umens—und~der Leistung—

fähigkeit landwirtschaftlicher Unternehmen ist^^\ Einmal, weil

sie ein gut vergleichbares, e.in für jede padanische Verwaltungsgemeinde

verfügbares^^^ und das in der italienischen Agrarstatistik

am zuverlässigsten erhobene Merkmal darstellt. Zum anderen,

weil die Flächengröße - von Ausnahmefällen besonders flächenintensiv

wirtschaftender Agrarbetriebe abgesehen (z.B. Gemüsebau-

und Weinbaubetriebe) - ein Indiz für die Kapitalausstattung, Ar-

beits- und Flächenproduktivität eines Agrarbetriebes ist.

Merkmalsauswahl

Von der amtlichen italienischen Agrarstatistik ausgehend, kann'

als Untersuchungsmerkmal sowohl die Fläche als auch die Anzahl

der auf einzelne Größenklassen entfallenden Betriebe herangezogen

werden^^^. Wird als Typisierungsmerkmal die auf einzelne Betriebsgrößenklassen

entfallende Fläche zugrunde gelegt, so lassen sich

lediglich die Mittel- und Großbetriebe in hinreichend differenzierter

Weise erfassen, weil sie flächenmäßig dominieren, selbst

wenn daneben zahllose Klein- und Zwergbetriebe vorhanden sind

(vgl. Abb. 15 Pavia). Geht man dagegen von der Anzahl der Betriebe

58) Denkbar sind auch die Kapitel- bzw. Maschinenausstattung der

Betriebe, der Arbeitskräftebesatz, der Betriebsertrag, der

Tierbestand u.a. (vgl. SPITZER 1975, S. 127f.).

59) Mechanisierungsgrad, Arbeitskräftebesatz, Tierbestand und andere

sozio-ökonomische Merkmale sind nur für Provinzen aufgeschlüsselt

nach Betriebsgrößenklassen erfaßt (vgl. ISTAT 1972,

Tab. 13-16).

60) Die weitreichende Skala der in der Poebene auftretenden Betriebsgrößen

wird von der Agrarstatistik auf Gemeindebasis

in 8, für Provinzen in 11 Größenklassen unterteilt.


159 -

Abb. 15: Flächen- und Häufigkeitsverteilung

landwirtschaftlicher Betriebsgrößenklassen

^keS®*

(%)

-------- relative Klassenhäuflgkeit

Vorherrschende

relativer Flächenanteil

Gesamibelrieb3fíaché{i

Kleinbetriebsstruktur

\ P A D O V A planura

Westpadanlsche

Gro^betrlebsstruktur

. M IL A N O / —

X^pianura

'>^

P A V IA planura

0-1 {-2 2-3 a-5 5-10)0-202£)-3030-60SO-100>)00 0-1 Í-2 2-3 3-Ö 5-IO lo l2OZ0-3O3(>ßO6O-t0O MOO

Ostpadanlsche Großbetriebsstruktur

F E R R A R A \ V E N E Z IA

1-2 2-3 3-6 6-1010-Z020-303ol50SO-100>100

Ausgeprägte

M-ittelbetrIebstruktur

Quelle; ALMAGIA, R; Le Reglonld' llalla, Torino 1960-62, Bd. i , 2,4 und 7Tabellenanhang

1 l - i 2^3 M 5-lp 1» 2(l|2ir303l>-SÖ V'l(» >100

Entwurf und Zolciinung; H. Maler

pro Größenklasse aus, so ermöglicht dies eine außerordentlich gute

Differenzierung im Bereich der Betriebsgrößenklassen unter 10 ha.

Da es das Ziel dieser Strukturuntersuchung ist, nicht nur die Gebiete

mit funktionsfähiger Mittel- und Großbetriebsstruktur zu

erfassen, sondern auch die ländlichen Probleragebiete auszuweisen,

die durch eine hohe Zahl existenzunfähiger Klein- und Zwergbetriebe

und durch Unterbeschäftigung gekennzeichnet sind, mußten sowohl

die Fläche als auch die Anzahl der auf die verschiedenen Betriebsgrößenklassen

entfallenden Betriebe berücksichtigt werden.

Für die eigentliche Strukturanalyse wurden als Merkmalsvariable

der Prozentsatz der Zwergbetriebe unter 2 ha (1),

der Prozentsatz der Klein- und Mittelbetriebe mit 2-10 ha (2),

der Prozentsatz der Mittel- und Großbetriebe über 10 ha (3)


- 160 -

und zur Gewichtung der zahlenmäßig unbedeutenden Großbetriebe

der Flächenanteil der Großbetriebe über 50 ha (4)

ausgewählt.

Typisierungsverfahren und Gruppenbildung

iil;..'

Das angewandte Typisierungsverfahxen setzt sich aus zwei Schritten

zusammen. Zunächst wurde für die rund 3000 Verwaltungsgemeinden

-^de-r_P-oe,b_ene eine Typisierung nach den Merkmalen (1)-(3) durchgeführt.

Die zur Ausscheidung homogener Strukturtypen festgelegten

Gruppen (Figur in Karte 5) sind induktiv bestimmt (vgl. BOUSTEDT .

1975, S. 110), d.h. es wurde die Verteilung der Merkmale (1)-(3)

getestet und dann nach Häufungspunkten (Betriebsgrößenschwerpunkten)

und geeigneten Schwellenwerten (Gruppenabgrenzung) gesucht.

Dieses induktive Verfahren gestattet eine optimale Wahl der Gruppen

im Sinne von BAHRENBERG-GIBSB (1975, S. 259f.). Um die Übersichtlichkeit

und Interpretierbarkeit der Karte 5 nicht durch

Wahl zuvieler Gruppen zu beeinträchtigen, erschien es sinnvoll,

die Maximalzahl der zu bildenden Gruppen bzw. Strukturtypen zu

beschränken. Es wurden 7 Klein- und Mittelbetriebsstrukturtypen

(Typen 1-7) aufgestellt. Die Konstituierung der teils heterogenen

Großbetriebsstrukturtypen (Typen G1-G7) erfolgte durch zu'sätzliche

Differenzierung nach dem Merkmal (4). (Vgl. Figur und Erläuterungen

in Karte 5).

3.6.2. Gebiete vorherrschender Kleinbetriebsstruktur

'i'l,

I.

Der alpine Gebirgsrand und die daran anschließende Alta Pianura,

ein großer Teil Venetiens und die Weinbaugebiete (vgl. Kap. 4.9.

und Karte 6) sind in der Poebene die Gebiete vorherrschender

Kleinbetriebsstruktur. Damit seien hier Gebiete bezeichnet, deren

Betriebsgrößengefüge aufgrund der anzahlmäßigen Dominanz von Kleinund

Zwergbetrieben (aziende piccole e piccolissime) den Strukturtypen

7, 6 und 5 zugeordnet sind (Figur in Karte 5).

Den höchsten Anteil an Zwergbetrieben unter 2 ha weisen der Alpenrand

bei Turin und Biella, die Altä Pianura von Mailand, Como und

Varese und die südliche Ebene von Padova auf (Typ 7). Da 70-100’(

aller Agrarbetriebe der Betriebsgrößenklasse unter 2 ha angehören


- 161 -

und Betriebseinheiten von 0,5-1 ha keine Seltenheit sind, liegt

dort, von reinen Weinbau- und Gemüsebaugemeinden abgesehen, eine

insgesamt problematische Betriebsgrößenstruktur vor. Ähnliches

gilt für die ebenfalls sehr stark vom Zwergbetrieb beherrschten

Gebiete, die dem Strukturtyp 6 angehören, also 50-701 Zwergbetriebe

unter 2 ha, 20-50“s Kleinbetriebe von 2-10 ha und weniger

als 10^ Mittel- und Großbetriebe besitzen. Der hauptsächlich im

piemontesischen und venetischen Gebirgsränd auftretende Strukturtyp

5, der eine in gleichem Maße vom Zwerg- wie vom Kleinbetrieb

bestimmte Betriebsgrößenstruktur verkörpert, ist hingegen als

strukturell günstiger einzustufen. Fragt man sich nach dem für

die heutige Verbreitung der Kleinbetriebsstruktur verantwortlichen

Ursachenkomplex, so sind neben naturgeographischen auch besitzrechtliche,

agrarwirtschaftliche und industriewirtschaftliche

Einflußfaktoren von Bedeutung.

Da die natürlichen Produktionsgrundlagen über den Zeitpunkt der

Besiedlung und Inkulturnahme Einfluß auf die Betriebsgrößenstruktur

nehmen, ergeben sich enge räumliche Beziehungen zwischen der

Kleinbetriebsstruktur und bestimmten naturgeographischen Standortseinheiten

(vgl. Karten 1 und 5). Solche Standortseinheiten

sind:

1. Die stärker reliefierten Moränengebiete (Ala] mit Ausnahme des

Gardasee-Moränenamphitheaters•

2. Die unbewässerte piemontesisch-lombardische und venetische

Alta Pianura (A2a und A2c], deren naturräumliche Grenze (vgl.

Kap. 2.1.4. und Karte 1) in der Provinz Mailand recht genau

mit einer markanten Betriebsgrößenstrukturgrenze zusammenfällt

(Typen 5 u. 6 zu Typen Gl u. G2).

3. Der überschwemmungsgefährdete Schwemmlandbereich des Po zwischen

Casale M. und Piacenza (Borgo S.M., Ticineto, Valmacca,

Suardi, Mezzana Bigli, Cornale, Bastida de Dossi, Rea, Verrua

Po, Mezzanino, Albaredo A., Portalbera, S. Zenone al Po, Zerbo,

Pieve P., Morone, Chignolo Po) und in den Talauen (aree para-

fluviali; PECORA 1963, S. 250).

4. Die verschiedenen Flußdammgenerationen der Etsch (Este-San

Elena-Solesino; Minerbe-Montagnana-Saletto-Santa Margherita


- 162

d'Adige-Megliadino S.V.-Stanghella-Anguillara V.; Roverchiara-

Angiari), der Brenta (Carmignano di B.-Grantorto-Piazzola sul

B.-Cadonenghe-Noventa Pad.-Ponte San Nicolo; Saonara-S. Angelo

Piove di S.) und der Piave (Mareno di P.-Vazzola; Cimadolmo-

Ormelle-Ponte di P.-Zenson di P.-Noventa di P.-Musite di P.)*

Die lokalen Sandaufschüttungen der Lomellina, die sog. Dossi,

welche die Kleinbetriebsstrüktur der Gemeinden Cilavegna und

Parona bedingen (vgl. Karte 5, Typ 7 und PECORA 1963, S. 226),

6. Die weinbaulich genutzten Kügelgeb'ieT;"e‘'1rm A7©ir0tö (Colli

nei, Colline di Valpolicella, Colline dell'Alpone), in der

Lombardei (San Colombano, Colline dell'Oltrepö Pavese) und in

Piemont (Monferrato-Langhe).

7. Die Vorhügelzone des Südalpenrandes.

m ;í:

I-;'.

?:|í I

Diese räumlichen Koinzidenzen lassen auf eine Abhängigkeit der

Kleinbetriebsstruktur von den natürlichen Produktionsgrundlagen

schließen. Tatsächlich konnten sich in der Poebene gegen Ende des

19. und im 20. Jh. Klein- und Zwergbetriebe nur auf solchen Standorten

entwickeln, die aus edaphischen Gründen für eine intensive

Futter-Getreidebauwirtschaft ungeeignet, nicht bewässert oder

bewässerbar, überschwemmungsgefährdet, durch Sandböden ertragsarm

oder sonstwie ungünstig waren. Das liegt hauptsächlich daran, daß

am Ende des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jhs. für einen

Kleinbauern der Grundstückserwerb nur auf den von Großgrundbesitzern

als unproduktiv erachteten Produktionsstandorten möglich

war (vgl. GRIBAUDI 1960, S. 316, PECORA 1963, S. 225 und 250f.

und PRACCHI 1960, S. 325) .

Die Grundlage für die regionale Verteilung von Klein- und Zwergbetrieben

bilden die Bodenbesitzverhältnisse (Kap. 3.4.), da bei

den kleineren Betriebsgrößenklassen in der Regel Eigentum, Besitz

und Betrieb eine Einheit darstellen. Eine Hauptursache für die

Existenz der Kleinbetriebsstruktur im Altsiedelland Unterpiemonts,

der Lombardei und Venetiens ist die in Kapitel 3.2.7. geschilderte

Eigentums- und Besitzentwicklung, vor allem die extreme Besitzzersplitterung

(frammentazione, polverizzazione). Diese hat

im 19. und 20. Jh., bedingt durch Übervölkerung und Erbteilung,

zu einer fortwährenden Betriebsverkleinerung geführt. Der Einfluß


- 163 -

der beim Kleineigentum, seltener beim Großgrundbesitz geübten

Realteilung ist dabei ein Hauptgrund für die heutige, vom einkommensschwachen

Zwerg- und Kümmerbetrieb geprägte Betriebsgrößenstruktur

der Typen 6 und 7, die die italienische Agrarpolitik

heute vor schwierig zu lösende Strukturprobleme stellt (v.a. Flurbereinigung,

Althofsanierung).

Entwicklungsgeschichtlich interessant ist die Kleinbesitz- und

Kleinbetriebsstruktur von Cento/FERRARA (Typ 7, vgl. Karte 5).

Sie ist durch die jahrhundertelang bestehende Partecipanza bedingt,

einer allmendeähnlichen Form von Kollektivbesitz, die übrigens

auch von der bei Cento liegenden Gemeinde Pieve di Cento

und von San Giovanni in Persiceto, Sant' Agata Bolognese und Nonantola

(Typ 4) bekannt ist (für Einzelheiten vgl. DONGUS 1966,

S. 1S6f. und FRASSOLDATI 1936, S. 3).

Was den Einfluß der Bodennutzung auf das Betriebsgrößengefüge betrifft,

so sind es vor allem der Wein- und Gartenbau, die in der

Poebene häufig in Verbindung mit Klein- und Zwergbetrieben anzutreffen

sind (vgl. Karten S und 6). Die Weinbaugebiete Piemonts,

der Lombardei und Venetiens sind Beispiele dafür, ebenso wie die

Garten- und Gemüsebaugemeinden an der Peripherie von Turin (Moncalieri,

San Mauro T.}, in der Ebene von Casale M. (Borgo S. Martino,

Ticineto, Valmacca), auf den Flußdämmen der Etsch (Minerbe,

Boschi S. Anna, Lusia) und im Bereich der Strandwallzone (Chioggia,

Rosolina),

Analysiert man schließlich die industriewirtschaftlichen Einflüsse

auf die padanische Betriebsgrößenstruktur, also die außerlandwirtschaftlichen

Arbeitsmarkteinflüsse, so weist ein Vergleich

der Karten 3 und 5 interessante Raumbeziehungen auf. Erstaunlicherweise

läßt sich für den Mailänder Verdichtungsraum ein eindeutiger

räumlicher Zusammenhang zwischen der Kleinbetriebsstruktur

und der außerlandwirtschaftlichen Erwerbstätigkeit bzw. Bevölkerungskonzentration

feststellen. Diese Tatsache, die übrigens

auch von PRACCHI (1960, S. 324) erwähnt wird, ist sowohl auf die

historische Ausgangssituation vor der Industrialisierung zurückzuführen

(Übervölkerung, vgl. Kap. 3.2.7.) als auch auf die seit

Ausgang des 19. Jhs. zunehmend sich bietenden außerlandwirtschaft-


- 164 -

liehen Brwerbsmöglichkeiten, weil diese durch die Nebenerwerbslandwirtschaft

einer wirtschaftlich bedingten Notwendigkeit der

Aufgabe rentabler Kleinbetriebe entgegenwirken. Im Jahrzehnt

1961-70 zeigte sich jedoch auch in den an die Agglomeration Mailand

angrenzenden Provinzen ein starker Rückgang der Agrarbetriebe

bis zu 5 ha (Tab. 8).

Zur Bewertung der Betriebsgrößenverhältnisse in den Gebieten der

Strukturtypen 7, 6 und 5 und zur Beurteilung der sozio-ökonomischen

Situation der Kleihhetri"ebe“ürs"t~dTe“tenntnl-s- der.Produk----

tionsausrichtung entscheidend. So gibt es viele arbeits- und kapitalintensiv

wirtschaftende Klein- und Zwergbetriebe, die sich

auf marktfähige Sonderkulturen (Gemüse, Tabak, Saatgut) verlegt

haben und die in der Regel ein angemessenes Einkommen erzielen,

also rentable Produktionseinheiten sind. Im übrigen handelt es

sich aber, von den Weinbaubetrieben abgesehen, bei den Zwergbe- __

trieben unter 2 ha um einkommensschwache, Subsistenzwirtschaft

betreibende Kümmerbetriebe, die trotz der überbetrieblichen Maschinenorganisation

heute keine Existenzgrundlage mehr bieten

können.

Der Altersaufbau der Betriebsleiter läßt bei den bis zu 5 ha großen

Agrarbetrieben eine Überalterung der Betriebsführer erkennen,

denn rund 701 der Kleinlandwirte sind über 50 Jahre alt (Tab. 9),

Diese ältere Betriebsführergeneration ist offenbar noch bereit

oder sieht sich angesichts örtlich fehlender außerlandwirtschaftlicher

Arbeitsplätze gezwungen, in der Landwirtschaft zu verharren.

I

Bei der Beurteilung der sozialökonomischen Situation der Kleinbetriebe

spielt nicht zuletzt auch der Erwerbscharakter der Betriebe

eine Rolle. Nebenerwerbsbetriebe, die sich oftmals durch eine

bessere Maschinenausstattung als Vollerwerbsbetriebe auszeichnen

(Abb. 16), sind zwar nicht vom ökonomischen, aber vom sozialen

Standpunkt aus gutzuheißen. So bilden die Nebenerwerbsbetriebe,

die in den industrialisierten Regionen der Poebene 10-30% der Betriebe

ausmachen, außer einer zusätzlichen Einkommensquelle auch

eine gewisse Existenzsicherheit gegenüber konjunkturbedingten Arbeitsmarktschwankungen,

was besonders in der Lombardei viele Industriearbeiter

aus Sicherheitsdenken veranlaßt, an ihrem Landbesitz

festzuhalten.


Ti

- 165 -

Abb.16: Maschinenausstattung und Maschinenverwendung

nach Betriebsgrößenklassen

(1970)

S pezialm asch in en

Traktoren Mähdrescher (Ackerbau) (Futterbau) Prozentsatz

CUNEO f 20 41) ß) 8D I 20 40 6Ö 8Ö I ¿ 0 40 ¿ 0 8Ö I 20 4‘o 61) SO I BeWebe

PADOVA Ita

MILANO

'Ihai

emll

M aschinen

im Ailelnbesitz

Oberbelrlebllche

Maschlnannutzuns

(mezzi tornlti da terzi)

c m

Betriebe ohne

Masctilnennutzung

>101

CREMONA

Quelle; ISTAT, 2’ Censimento Generale dell' Agricoltura 1970, Roma 1972

Entwurf und Zeichnung; H. Maler

3.6.3. Strukturzonen mit Klein- und Mittelbetrieben

Strukturzonen mit einem nachhaltig vom kleinen bis mittelgroßen

Agrarbetrieb geprägten Betriebsgrößengefüge finden sich vornehmlich

im Bereich der Alta Pianura (AI und A2), im Schwemmlandstreifen

(B2) und in den Provinzen Alessandria, Rovigo und Vicenza. Es

sind dies die den Strukturtypen 3 und 4 zugeordneten Gebiete (Karte

5), in denen die bis zu SO ha großen Betriebe flächenmäßig und

diejenigen bis zu 10 ha zahlenmäßig dominieren. Da sich die beiden

Strukturtypen lediglich durch den Prozentsatz an Klein- und

Zwergbetrieben unterscheiden, kommen sie nicht selten in enger

räumlicher Vergesellschaftung vor.


- 166 -

Eine noch betont vom Klein- und Zwergbetrieb beherrschte Betriebsgrößenstruktur

(Typ 4) weist der zentrale Schwemmlandstreifen auf,

in dem sich aus denselben Gründen wie in Kapitel 3.6'.2. herausgestellt

vom 19. Jh. an eine Kleinbetriebsstruktur entwickelte, und

zwar auf den vom Großgrundbesitz veräußerten Flächen (vgl. Kap.

3.2.7.). Anders erklärt sich das Vorkommen kleinbetrieblich strukturierter

Agrargebiete im Bereich der Alta Pianura von Oberpiemont,

Alessandria, Brescia, Verona und Vicenza und auf den Terre

Vecchie von Rovigo. Dort spiegelt sich die bis vor kurzem noch

vorherrschende Mezzadria (vgl. Karte"~4J in der'“B'etfiebsgr5ßeh-

Struktur wider, was vor allem in den Strukturzonen des Typs 3 der

Fall ist.

ii

Eine ausgewogene Klein- bis Mittelbetriebsstruktur (Typ 3) besitzen

die östliche Emilia-Romagna und das Veronese, also Gebiete,

in denen das jahrhundertelange Fortbestehen der Mezzadria und

Mischkultur eindeutig die Ursache der festgefügten.Besitz- und

Betriebsgrößenverhältnisse ist (vgl. Karten 4 und 5). Der Einfluß

der Mezzadria auf das heutige Betriebsgrößengefüge, der für die

östliche Lombardei auch von SAIBENE (1976, S. 45) bestätigt wird,

geht schon daraus hervor, daß in der Emilia-Romagna und in Venetien

die 3-30 ha großen Betriebe häufig Mezzadria-Betriebe sind

(Abb. 14).

Eine besondere Ursache hat das Auftreten des Strukturtyps 3 in

der küstennahen Bodenreformzone (Karte 5). Dort hat sich nämlich

die staatlich gelenkte Umstrukturierung der 50er Jahre in der Betriebsgrößenstruktur

niedergeschlagen (vgl. Kap. 3.2.10.). Daher

gehören einige der am stärksten von der Bodenreform betroffenen

Gemeinden, und zwar jene, in denen einheitlich 7-10 ha große Familienbetriebe

geschaffen wurden (Ravenna, Copparo, Mesóla, Massa

Fiscaglia, Migliaro), den Strukturtypen 3 und 4 an. Gemeinden, in

denen aufgrund ungünstiger Standortvoraussetzungen die 10-14 ha

großen Betriebe überwiegen (Comacchio, Argenta, Portomaggiore),

sind hingegen dem Strukturtyp 2 zugeordnet. Da das Großgrundeigentum

in der Regel nur zu einem Teil enteignet wurde, sind innerhalb

der Bodenreformzone auch die Typen G4 (Lago Santo, Goro, Ariano,

Cavarzere, Loreo) und G2 (lolanda, Codigoro, Ostellato) vertreten.


- 167

Als wichtigstes Bewertungskriterium der Typen 3 und 4, d.h. der

strukturbestimmenden bis zu 10 ha großen Betriebe, ist die Produktionsausrichtung

zu nennen. Diese ist vor allem in der östlichen

Emilia-Romagna aufgrund der Wein-Mischkultur durch Vielseitigkeit

gekennzeichnet, so daß eine weitgehende Vollbeschäftigung

im eigenen Betrieb und ein befriedigendes Betriebseinkommen erreichbar

sind. Hinsichtlich des Mechanisierungsgrades hat gerade

in der Emilia-Romagna die genossenschaftlich organisierte Maschinenverwendung

ein bewundernswertes Maß an Vollkommenheit erlangt.

Die Maschinenausstattung der einzelnen Betriebe ist dagegen bis

zu einer Größenklasse von 5 ha relativ gering, was teilweise auf

die Betriebsorganisation (Mezzadria) und auf eine Überalterung

der Betriebsführer (vgl. Tab. 9 Cuneo) zurückzuführen ist.

3.6,4. Strukturzonen mit ausgeprägter Mittelbetriebsstruktur

Vertreter einer ausgeprägten Mittelbetriebsstruktur sind der Strukturtyp

2 und der seltener vorkommende Strukturtyp 1. Sie verkörpern

ein flächen- und anzahlmäßig vom 10-50 ha großen Agrarbetrieb

geprägtes Betriebsgrößengefüge, das einen vergleichsweise geringen

Prozentsatz an Klein- und Zwergbetrieben unter 10 ha aufweist

(Figur in Karte 5).

Gebiete ausgeprägter Mittelbetriebsstruktur sind die Bassa Pianura

von Oberpiemont, Brescia und Mantova, das Piacentino-Parmense und

das Bolognese. Ihre Verbreitung läßt Gesetzmäßigkeiten erkennen,

welche an die natürlichen Standortvoraussetzungen (Bassa Pianura),

an den Ausbau der Bewässerungswirtschaft, an die territorialgeschichtlich

bedingte Besitzentwicklung und an die Aktivität der

faschistischen Binnenkolonisation gebunden sind. So ist eine ausgeprägte

Mittelbetriebsstruktur im Bereich der Bassa Pianura dort

anzutreffen, wo kapitalintensive Großbetriebe aus Gründen der bis

ins vorige Jahrhundert weitgehend fehlenden Bewässerungswirtschaft

nicht Fuß gefaßt hatten (PRACCHI 1960, S. 325) oder wo im Einflußbereich

der venezianischen Republik (u.a. Bergamo, Brescia,

Verona) aristokratischer Besitz jahrhundertelang im Mezzadriasystem

bewirtschaftet wurde (vgl. Kap. 3.2.5.). Daher ist die östliche

Lombardei jenseits der Territorialgrenze Adda-Oglio (Karte 5)

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- 168 -

durch das Vorherrschen von 10-50 ha großen Mittelbetrieben und

durch das weitgehende Fehlen von Großbetrieben gekennzeichnet.

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Der Einfluß der Binnenkolonisation, die in den 30er Jahren auf dii

planmäßige Aufsiedlung von kultiviertem Neuland durch 10-20 ha

große Betriebe abzielte (vgl. Kap. 3.2.9.), auf die Betriebsgrößenstruktur

(Typ 2) ist in verschiedenen Teilbereichen der Poebene

erkennbar: im Torinese (Pralormo-Poirino, Riva presso Chierj)j

in der Baraggia Vercellese (Buronzo, Rovasenda, Lenta) und in vet«

scfiiexlenen ostpadänTschen ÜTbäTrmaühmgKlreztTlc&ir“ (Ä?.^."~VHTi Bonden.'

sane, Valli Grandi Veronesi, Bonifica Reverese). Wenn im emiliaSv ■

nisch-romagnolischen Apennin ebenfalls eine Mittelbetriebsstrukfur-i

auftritt, so sind dies hauptsächlich Forstbetriebeebenso wie im

Falle der Großbetriebsstruktur des alpinen Gebirgsbereichs^^^.

Zur Bewertung des Strukturtyps 2 sind vornehmlich die 10-50

großen Betriebe in Betracht zu ziehen. Ihr wirtschaftlicher Erfolg

hängt sehr von der Bodengüte und der Spezialisierung in der Erzougung

ab. So sind die Getreide-Futterbaubetriebe der oberpiemontO=

sischen und ostlombardischen Bassa Pianura in der Regel durchaus

wettbewerbsfähig. Für diese Betriebsgrößenklasse ist auch bereite

ein recht hoher Mechanisierungsgrad kennzeichnend (vgl. Abb. 16),

Ähnlich wie bei den Großbetrieben über 50 ha werden die heute häufig

in Geldpacht bewirtschafteten Mittelbetriebe zum Großteil von

jungen, beruflich qualifizierten Betriebsführern geleitet (Tab. 9).

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61) In der italienischen Ägrarstatistik werden auf Gemeindebasis.

land- und forstwirtschaftliche Betriebe nicht getrennt ausgOwiesen.

Dies spielt aber nur für den Gebirgsbereich eine Rolle,

da in der Poebene selbst keine Forstbestände vorhanden sind

und die Betriebsfläche (superficie aziendale) mit der LF (SAU)

gut übereinstimmt. Statistisch sind die Betriebe nach dem Betriebsprinzip

erfaßt, d.h. die Betriebsflächen sind derjenigen

Gemeinde zugeordnet, in der sich der Hauptbetrieb befindet

(vgl. BOUSTBDT 1975, Teil IV, S. 92f.).


- 169 -

3,6.5. Gebiete vorherrschender Großbetriebsstruktur

In den Gebieten vorherrschender Großbetriebsstruktur^^^ nehmen

die über 50 ha umfassenden Agrarbetriebe zwischen 40 und 1001 der

Gesamtbetriebsfläche ein. Je nach der Anzahl der Mittel-, Klein-

und Zwergbetriebe treten recht verschiedenartige Großbetriebsstrukturtypen

auf (Karte 5). Völlig vom Groß- und Mittelbetrieb

beherrscht sind die reinen Großbetriebsstrukturtypen Gl und G2,

die hauptsächlich in der zentralen westpadanischen Ebene vorkom-

Tïên. Durch eine heterogene Betriebsgrößenzusammensetzung gekennzeichnet

sind die Strukturtypen G3 und G4, die beispielsweise das

Betriebsgrößengefüge der Lomellina und der Bodenreformzone verkörpern.

Unausgewogene Großbetriebsstrukturtypen, die aber als

Sonderheiten einzustufen sind, stellen die nachhaltig vom Kleinbetrieb

geprägten Typen G5, G6 und G7 dar. Diese drei, vom sozialökonomischen

und agrarplanerischen Standpunkt aus unterschiedlichen

Kategorien von Großbetriebsstrukturtypen konnten nur ausgewiesen

werden, weil als Untersuchungsmerkmale sowohl die Flächenanteile

als auch die relative Häufigkeit der einzelnen Betriebsgrößenklassen

Berücksichtigung fanden (vgl. Kap. 3.6.1.).

Die westpadanische reine Großbetriebsstruktur (Gl, G2)

Typisch für die westpadanische Großbetriebsstruktur, wie sie in

der Bassa Pianura (Bl) von Vercelli, Novara, Mailand, Pavia, Cre-

mona und Piacenza, aber auch im Bereich der Baraggia Vercellese

und Vauda torinese (Alb) zu finden ist, sind das Vorherrschen der

über 50 ha, durchschnittlich 100-200 ha umfassenden Großbetriebe

und das völlige Zurücktreten kleinerer Betriebsgrößenklassen. Die

über so ha großen Betriebe nehmen dabei weit mehr als die Hälfte

62) Großbetrieblich strukturierte Gebiete sind in grobem Umriß

auch von LEHMANN (1961, Fig. 23) erfaßt, dessen Darstellung

sich auf eine Untersuchung von MEDICI (1958) stützt. Nicht

ausgewiesen sind in der Übersichtskarte von LEHMANN die großbetrieblich

strukturierten Gebiete nordwestlich von Turin

(bei Venaria) und südlich von Verona (zw. Isola della Scala

und Roncoferraro). Weitere Abweichungen gegenüber Karte 5

sind hinsichtlich der großbetrieblich strukturierten Gebiete

im südöstlichen Vercellese, im Piacentino, in der Ebene

von Brescia und im Ferrarese festzustellen.


- 170 -

^ . 1,

der Gesamtbetriebsfläche ein^^^. Der Rest entfällt hauptsächlich

auf 10-50 ha große Mittelbetriebe, die zusammen mit den Großbetrieben

anzahlmäßig 60-1001 (Gl) bzw. 30-60^o (G2) der Agrarbetriebe

ausmachen, so daß Klein- und Zwergbetriebe kaum vorhanden sind.

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Die Gründe für das Auftreten einer derartig homogenen Großbetriebsstruktur

sind vor allem ökologischer und besitzrechtlicher

Natur. So sind im Bereich schlechter natürlicher Produktionsvor-

-ausse-t-zun,pren^heLUtn nur noch vereinzelt Großbetriebe anzutreffen.

beispielsweise auf dem ferrettisierten Schwemmfächer der Stura di

Lanzo (Alb) nordwestlich von Turin (vgl. Karte

Demgegenüber

waren die in der Bassa Pianura (Bl) in vieler Hinsicht günstigen

Standortbedingungen ein Anreiz für den Erwerb von Großgrundbesitz

zur Einrichtung kapitalintensiver Großbetriebe im

18, Jh. (vgl. Kap. 3.2.5. und 3.2.6.). Voraussetzung für die Erhaltung

der bis heute funktionsfähigen Großbetriebsstruktur der

westpadanischen Bassa Pianura war natürlich die geschlossene Vererbung

großer Besitz- und Betriebseinheiten, die beim mittleren

und großen Landeigentum stets bevorzugt wurde (vgl. JACINI 1857,

S. 352f.) 65)

Als Betriebseinheiten werden die Mittel- und Großbetriebe der

westpadanischen Ebene Cascine oder Cassine, als Streusiedlungselemente

Corti (Kap. 3.3.2.) genannt. Größtenteils handelt es

sich um Geldpachtbetriebe (Kap. 3.4.2.), die über Generationen

hinweg verpachtet sind. Ihrer Betriebsverfassung nach sind es

Lohnarbeiterbetriebe (aziende contadine; Kap. 3.5.2.), die bei

weitgehender Vollmechanisierung heute nur noch wenige Vollarbeitskräfte

beschäftigen.

Gemessen an den Zielvorstellungen der EG-Agrarpolitik, die bei

Ackerbaubetrieben eine Mindestgröße von 80-100 ha für erstrebens-

63) 80-901 in der südlichen Ebene von Mailand, 70-80% in der Ebene

von Pavia und im Lodigiano, 60-70% in der Ebene von Cremona,

Vercelli und Novara.

64) Dort erstreckt sich über 3800 ha der halbextensiv bewirtschaftete

Besitz "Mandria di Venaria Reale" (vgl. GRIBAUDI

1960, S. 308 und 334).

65) In Oberitalien hat die Freiteilbarkeit des Besitzes keine

regional-, sondern betriebsgrößenspezifische Erbteilungsgewohnheiten

hervorgebracht.

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- 171 -

wert ansehen und bei Viehhaltungsbetrieben von 40-60 Milchkühen

oder 1S0-200 Mastrindern ausgehen (Mansholt-Plan), sind die west-

padanischen Großbetriebe als moderne landwirtschaftliche Unternehmen

einzustufen. Sie stellen durch ihre Größe, Kapitalausstattung

und vorbildliche Betriebsorganisation die "italienische Realisation"

(PERREITER 1973, u.a. im Titel) agrarpolitischer Zielvorstellungen

dar. Ihre Maschinenausstattung ist insgesamt recht

vollkommen (Abb. 16). Im Durchschnitt genügen 1-2 Arbeitskräfte

(Getreidebaubetriebe) bzw. 2-5 Arbeitskräfte pro 100 ha LF. Da

sie größtenteils von jungen, gewinnorientierten Großpächtern oder

Eigentumslandwirten geführt werden (Tab. 9), sind sie genügend

wettbewerbsfähig, um ein im Vergleich zur industriellen Wirtschaft

annähernd paritätisches Einkommen zu erwirtschaften.

Die heterogene Betriebsgrößenstruktur der Lomellina (G4)

Von der reinen Großbetriebsstruktur der Westpadania unterscheidet

sich das Betriebsgrößengefüge der Lomellina und der Ebene von

Alessandria durch eine größere Heterogenität und Unausgewogenheit.

Der in diesen Gebieten hauptsächlich auftretende Strukturtyp G4,

der auch in den ostpadanischen Meliorierungsgebieten vorkommt,

ist durch das Vorherrschen der über 50 ha großen Betriebe (50-80^»

der Fläche) und zugleich durch die Existenz einer bedeutenden Anzahl

von Kleinbetrieben unter 10 ha gekennzeichnet.

Für die Bildung dieser heterogenen Betriebsgrößenstruktur sind in

erster Linie kleinräumliche Standortunterschiede verantwortlich,

die durch Sandinseln, Talauen und Flußdämme bedingt sind (vgl.

PECORA 1963, S. 227ff.). Die Entwicklung kleinerer Besitz- und

Betriebseinheiten, die vornehmlich im 18. und 20. Jh. erfolgte,

blieb dabei räumlich auf die ungünstigen Standorte beschränkt.

Dies ist gerade für viele Gemeinden der Lomellina nachweisbar (z.

B. Vigerano, Confienza, Robbio, Tromello, Valle L., Sartirana,

Gambolo). Da sich die Kleinbetriebe in ihrer Produktionsausrichtung

den Großbetrieben bis heute aus Gründen der Bewässerungsorganisation

und landwirtschaftlichen Infrastruktur anpassen und

unterordnen müssen, sind sie diesen gegenüber kaum konkurrenzfähig.


- 172 -

Die heterogenen Betriebsstrukturtypen der Meliorierungsgebiete

(G2, G4)

Kennzeichnend für die Betriebsgrößenstruktur der küstennahen

Meliorierungsgebiete ist das Nebeneinander mehrere Tausend Hektar

umfassender Agrarunternehmen und durchschnittlich 10 ha zählender

Familienbetriebe. Dieses heterogene Betriebsgrößengefüge wird in

Karte 5 durch die Strukturtypen G2 und G4 wiedergegeben. Es ist

durch einen Anteil der Großbetriebe an der Gesamtbetriebsfläche

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venetischen Küstenzone (Eraclea San Michele) auf 5-20 ha große

Mezzadriabetriebe, die ihre Entstehung größtenteils der faschistischen

Binnenkolonisation verdanken. Innerhalb der Bodenreforrazone

(vgl. Karte 5) sind etwa 50-60% der Betfiebsfläche einheitlich in

7-10 ha bzw. 10-14 ha große Eigentumsbetriebe aufgeteilt, die in

den 50er Jahren planmäßig eingerichtet wurden (vgl. Kap. 3.2.10,). -

Die Herausbildung einer derart heterogenen, vom Klein- und Großbetrieb

geprägten Betriebsgrößenstruktur ist auf verschiedene Einflußfaktoren

zurückzuführen. Erstens spielt die naturgeographisch

begründete Entwicklung von Latifundien in den ausgedehnten Sumpflandschaften

des Küstenbereichs eine Rolle (vgl. Kap. 3.2.5.).

Zweitens ist die durch die Meliorierung bedingte Besitzverschiebung

(Kap. 3.4.1.) der Grund für die Umwandlung der alten Adelslatifundien

in intensiv bewirtschaftete einst bis zu 10 000 ha

umfassende Agrarunternehmen, welche vormals die Betriebsgrößenstruktur

der Meliorierungsgebiete bestimmten. Und drittens sind

es die agrarpolitischen Maßnahmen der 30er und 50er Jahre (Kap.

3.2.9. und 3.2.10.), durch die das Betriebsgrößengefüge eine entscheidende

Umstrukturierung erfuhr.

Die in den ostpadanischen Meliorierungsgebieten derzeit noch 1000-

5000 ha großen Agrarunternehmen unterscheiden sich von den 100-200

ha zählenden Großbetrieben der Westpadania nicht nur durch ihre

Flächengröße, sondern auch hinsichtlich der Besitzverhältnisse

(Kap. 3.4.1.) und der ursprünglichen Betriebsorganisation. So

mußten die riesigen Betriebseinheiten der Meliorierungsgebiete,

die von den Agrargesellschaften nie verpachtet, sondern von jeher

durch fachlich geschultes Personal geleitet werden, vor Aufkommen


- 173 -

der Mechanisierung von vielen, ca. 50-100 ha großen Boarien-

Gehöften (Kap. 3.3.2.) aus bewirtschaftet werden. Dies war mit

einer besonderen sozial-ökonomischen Organisationsform verbunden:

dem Boarien-System (Kap. 3.5.2.). Da heute eine zentrale Bewirtschaftung

großer Betriebsflächen möglich ist, ging das Boarien-

System nach 1950 in der reinen Lohnarbeiterbewirtschaftung auf.

Bewertet man die Betriebsgrößenstruktur der küstennahen Meliorierungsgebiete,

so ist einerseits die Leistungsfähigkeit der großen

Ägrarunternehmen hervorzuheben. Sie beruht auf der vorbildlichen

ökonomischen Organisation und Betriebsführung, auf der Möglichkeit

der Bewirtschaftung großer zusammenhängender Flächeneinheiten

und auf der vorzüglichen Kapital- und Maschinenausstattung

dieser Unternehmen. Bei der heutigen Spezialisierung auf Getreideund

Hackfruchtbau (Reis, Weizen, Zuckerrüben) wird nur ein kleiner

Stamm an Vollarbeitskräften benötigt (der Arbeitskräftebesatz

liegt bei 10-15 Arbeitskräften pro 1000 ha). Hinsichtlich der

Kapitalintensität und Arbeitsproduktivität rangieren diese Agrarunternehmen

zweifellos an der Spitze Europas.

Auf der anderen Seite stehen die vielen kleinen Betriebseinheiten,

die im Zuge der Binnenkolonisation und Bodenreform eingerichtet

wurden. Da ihre Größenbemessung (7-10, 10-14 und 10-20 ha) mehr

nach sozialen als nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten vorgenommen

wurde, sind sie heute als Einzelbetriebe natürlich nicht mehr

wettbewerbsfähig. In der Bodenreformzone wurde daher von Anfang

an die überbetriebliche Zusammenarbeit zur Senkung der Produktionskosten

seitens der E.D.P. gefördert (gemeinsame Maschinennutzung,

Einkauf, Absatz). Versuchsweise wurden sogar Betriebsgemeinschaften

geschaffen (Comunioni risicoli; vgl. Abb. 22 und

DONGUS 1963, S. 201 und 212), in denen sechs bis acht Familien

einen Kollektivbesitz bewirtschaften. Dennoch sind die kleinen

Agrarbetriebe der Bodenreformzone, die den Standortbedingungen

entsprechend vornehmlich auf Getreide- und Hackfruchtbau, teils

auch auf Viehwirtschaft ausgerichtet sind, kaum der Konkurrenz

gewachsen. Trotz ihrer geringen Rentabilität muß man sich jedoch

vor Augen führen, daß sie einer breiten Masse der Landbevölkerung

ausreichende Beschäftigung gewährt und ein annehmbares Einkommen

sichergestellt haben.

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- 174 -

Die unausgewogene Großbetriebsstruktur mit Kleintrieben

(G5, G6, G7)

und Zwergbe-

Sporadisch kommen in der Poebene Großbetriebsstrukturtypen vor

(Alta Pianura Milanese, B2, Etsch-Unterlauf), die hinsichtlich

der Betriebsgrößenzusammensetzung sehr unausgewogen sind (G5, G6

und G7). Das bedeutet, daß neben den flächenmäßig dominierenden

Großbetrieben über 50 ha sehr viele Klein- und Zwergbetriebe vorhanden

sind, daß also innerhalb einer Gerneindegemarkung ein erheblicher

strukturellei^egens^tz Be^teHtT" ---------—

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Dieser strukturelle Gegensatz erklärt sich in der Regel durch das

Bestehen eines oder weniger Großbetriebe in einer sonst kleinbetrieblich

geprägten Strukturzone (Alta Pianura) oder durch die

Entstehung von Klein- und Zwergbetrieben auf ökologisch für spezielle

Bodennutzungszweige (v.a. Gartenbau) geeigneten Standorten

(B2, Etsch, Chioggia-Rosolina), Eine andere Ursache hat das Auftreten

unausgewogener Strukturtypen im Gebirgsbereich, bedingt

durch die Existenz großer Forstbetriebe und kleiner Agrarbetriebe.

Tab. 8: Altersaufbau landwirtschaftlicher Betriebsleiter nach

Betriebsgrößenklassen

Betriebsgrößenklassen

( ha LF )

(Quelle; ISTAT, 2° Censimento Generale dell'Agricoltura

1970, Roma 1972, Tav. 15)

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2-3 4,0 70,4 3,4 65,4 5,7 61 ,0 6,9 64,1

3-5 3,7 67,9 4,2 57,7 5,1 49,7 7,8 61,1

5-10 4,7 64,2 7,0 51 ,3 5,7 45,4 7,3 48,4

10-20 5,3 61 ,4 9 , 7 47,1 6,5 46,0 6,8 45,9

20-30 6,3 60,0 8,7 51 ,8 7,1 47,1 6,9 34,9

30-50 6,8 59,9 8,5 47,5 5,6 43,5 6,7 42,4

50-100 5,5 59,9 10,8 45,9 6,7 46,6 6 ,0 46,8

über 100 10,7 54,5 10,9 34,9 7,5 27,5 8,1 38,1


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- 176 -

4. BODENNUTZUNG UND VIEHHALTUNG; RÄUMLICHE

DIFFERENZIERUNG UND ENTWICKLUNGSTENDENZEN

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Die Agrarerzeugung ist in der Poebene außerordentlich vielgestaltig.

Ihre regionale Differenzierung und zeitlich-räumliche

Entwicklung sind Ausdruck natürlicher Standortvoraussetzungen,

ökonomischer Produktionsgrundlagen und agrarpolitischer Steuerungsprozesse.

Während die naturgeographischen Standortbedingungen

in erster Linie für die regionale Differ^hziefuhg' der Anbauverhältnisse

und der Viehhaltung maßgeblich sind, beeinflussen

die wirtschaftlich-marktmäßigen Standortfaktoren vor allem die

zeitlich-räumliche Entwicklung und die wechselnden Entwicklungstrends

.

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Das vorliegende Kapitel zielt darauf ab, ein detailliertes Momentbild

der padanischen Agrarerzeugung zu zeichnen und in allgemeinem

Rahmen die Anbauflächen-, Viehbestands- und Produktionsentwicklung

aufzuzeigen und zu interpretieren. Dazu wurde die

räumliche Verbreitung der Anbauverhältnisse und der Viehdichte

auf Gemeindebasis erfaßt (Karten 6 und 7). Für die Typisierung

der Anbauverhältnisse erwies sich die von WEAVER (1954) für die

USA erprobte "crop-combination" -Methode als geeignet, mit Hilfe

derer Fruchtartkombinationen in arealer Verbreitung bestimmt

werden können (z.B. FWM; vgl. Erläuterungen in Karte 6). Die Typisierung

der Viehhaltung ist nach der Bestockungsdichte vorgenommen,

um die innerhalb der Poebene sehr unterschiedliche Intensität

der Rinderhaltung herauszustellen (vgl, Karte 7).

Das in den beiden Karten erfaßte räumliche Verbreitungsmuster

des Anbaus und der Viehhaltung bildet die Grundlage für die Erarbeitung

kulturartspezifischer Standortfaktoren und damit für

eine standörtliche Theoriebildung (Kap. 4.2.1. - 4.9.1.). Die

Reihenfolge der im folgenden untersuchten Kulturarten und ihrer

Hauptverbreitungsareale richtet sich nach dem Ordnungsprinzip

betriebswirtschaftlich verwandter Kulturen, entspricht also

nicht unbedingt deren flächenmäßiger oder wirtschaftlicher Bedeutung

(vgl. Tab. 10 und 11).


177 -

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201) sind. Das von WEAVER gebrauchte Streuungsmaß unterscheidet

sich von der in der mathematischen Statistik üblicherweise

verwendeten Standardabweichung dadurch, daß festvorgegebene

Mittelwerte anstatt des arithmetischen Mittels zugrundegelegt

werden.

Die Benennung der Fruchtart-Kombinationstypen erfolgt am besten

durch eine die Anfangsbuchstaben der Nutzpflanzen berücksichtigende

Symbolik. Damit ist ein Kombinationstyp durch

die Anzahl und die Reihenfolge der Anbaufrüchte eindeutig bestimmt.

Um die flächenmäßig meist unbedeutenden Sonderkulturen

gebührend zu erfassen, können diese durch eine zusätzliche

Symbolik gekennzeichnet werden, wie von WEAVER (1954,

S. 177) vorgeschlagen wurde. Vgl. Karte 6.

Ober die Anwendbarkeit der WBAVER-Methode liegen bisher für den

weiträumigen, durch große Einheitlichkeit gekennzeichneten Mittleren

Westen der USA (WEAVER 1954, S. 560f.) und für die vergleichsweise

kleingegliederte Agrarlandschaft Englands (COPPOCK

1964) positive Ergebnisse vor. In einem durch eine größere Anbauvielfalt

geprägten Agrargebiet ist die WBAVER-Methode meines

Wissens bisher noch nicht getestet worden. Von daher schien es

interessant, sie für den padanischen Agrarraum zur Grundlage einer

differenzierten Bodennutzungsuntersuchung zu machen. Wie in

Karte 6 zum Ausdruck kommt, ergeben sich größtenteils räumlich

geschlossene Anbaugebiete, die ihrer inhaltlichen Bestimmung

nach als Anbauareale bezeichnet seien (zum Begriff Areal vgl.

BOUSTBDT, 1975, Teil I, S. 74 und 80). Größere zusammenhängende

Areale kommen erwartungsgemäß in Gebieten vor, deren Anbauverhältnisse

auf wenige Kulturarten beschränkt sind (z.B. Lombardei).

Vielgliedrige Fruchtart-Kombinationstypen und entsprechende Probleme

der Zusammenfassung zu homogenen Arealen und Subarealen

treten vor allem in den mehr oder weniger vom Sonderkulturanbau

geprägten Agrargebieten (Venetien) und in typischen Obergangsbereichen

(Novara, Pavia) auf. Es kann jedoch behauptet werden, daß

die WEAVER-Methode trotz dieses Nachteils auch in kleinräumlich

strukturierten und durch Anbauvielfalt gekennzeichneten Gebieten

zur Anwendung geeignet ist und zufriedenstellende Ergebnisse

liefert.


- 181 -

4.2. Weizenanbau; Von der Leit- zur Begleitkultur

Wie in den fruchtbareren Agrarregionen Mitteleuropas nimmt auch

in der Poebene der als Winterfrucht angebaute Weichweizen den

ersten Platz auf der Getreidebaufläche ein (1970: durchschnittlich

56%). Obwohl sich die padanischen Weizenanbauflächen (1970:

ca. 1 Mill. ha) seit Ende der 60er Jahre beträchtlich verringert

haben (Abb. 17), ist der Umfang der Weizenproduktion wegen der

gestiegenen Plächenproduktivität annähernd konstant geblieben

(1950-75: ca. 3,5 Mill. t). Auf nationaler Ebene hat Oberitalien

hinsichtlich der Weizenerzeugung allerdings keine Vorrangstellung

inne, wie dies etwa noch in den 50er Jahren und heute bei

vielen anderen Agrargütern der Fall ist (z.B. Mais, Reis, Zuckerrübe,

Obst, Milch, Fleisch). Mit einem Produktionsanteil von

55% an der nationalen Weichweizenerzeugung (1970) liefert Oberitalien

aber bedeutende Mengen an Brotgetreide, da im sommertrockenen

Mittel- und Süditalien vorwiegend Hartweizen angebaut

wird (vgl. Kap. 4.2.1.)

Obwohl der Weizen in fast allen Anbauarealen der Poebene eine

Rolle spielt, d.h. als Leit- oder Begleitkultur unmittelbar zur

Kennzeichnung des Anbaukombinationstyps dient (vgl. Karte 6),

gibt es darunter nur wenige, die als ausgesprochene Weizenanbauareale

einzustufen sind. Sie finden sich in der sommertrockenen

alessandrischen und venetischen Ebene, auf den fruchtbaren

Schwemmlandböden der ostpadanischen Feuchtebecken und in der

hochindustrialisierten Alta Pianura Milanese, also in naturökologisch

und wirtschaftlich sehr unterschiedlich geprägten Gebieten.

Fragt man nach den Ursachen einer derartigen, in Karte 6

noch detaillierter zum Ausdruck kommenden regionalen Differenzierung

und nach den Gründen für den aus Abb. 17 ersichtlichen

starken RücKgang der Anbauflächen, so mag die nachfolgende Diskussion

der Standortfaktoren und Standortsorientierung des padanischen

Weizenanbaus einen Erklärungsbeitrag dazu liefern.

4.2.1. Naturgeographische und ökonomische Standortfaktoren

Der im warmgemäßigten bis subtropischen Klimabereich verbreitete

Weizen findet in der wärmebegünstigten Poebene insgesamt zusagen-


- 182 -

de Anbaubedingungen vor. Dies gilt allerdings nur für die Triti-

cum-Art Weichweizen (triticum aestivum, ital. grano tenero), weniger

für den im subtropischen Klima beheimateten Hartweizen (triticum

durum, ital. grano duro). Letzterer wird in der Poebene lediglich

in den betont sommertrockenen Gebieten anzubauen versucht

(Emilia-Romagna, Alessandrino, Oltrepö Pavese), weil das Hartweizenmehl,

das wegen seines Kleberreichtums bei der Teigwarenherstellung

sehr geschätzt ist, derzeit einen guten Preis erzielt

(INEA 1976, S. 151-154) 66)

i l

Beim Weichweizenanbau wirken sich in der Pebene hauptsächlich

zwei Ökofaktoren standortsdifferenzierend aus, nämlich

iiii'

die Bodenfruchtbarkeit und

die klimatisch und edaphische Trockenheit.

Hinsichtlich der bodenmäßigen Standortbedingungen findet der an

den Nährstoff-Gehalt der Böden hohe Ansprüche stellende Weizen

auf den Lehmböden der Bassa Pianura Bl und auf den fruchtbaren

Schwemmlandböden der Bignungsgebiete B2, CI, C3 und C5 die günstigsten

Anbaustandorte vor. Dies spiegelt sich in denjenigen

Provinzen, die an den genannten Bignungsgebieten großen Anteil

haben, in überdurchschnittlich hohen Hektarerträgen wider (über

40dz/ha, vgl. Tab. 12).

I'

'■r

Was die klimatisch und edaphisch bedingte Trockenheit betrifft,

so wirkt sich diese insofern standortsdifferenzierend aus, als

sie vom Weizen als einer Halmfrucht eher als von anderen Nutzpflanzen

(Mais, Klee, Zuckerrübe) ertragen wird. Daher hat der

Weizen nur dort einen festen Platz auf der Anbaufläche inne, wo

eine klimatische Sommerdürre auftritt (südliche und östliche Poebene;

Klimatyp III), eine edaphisch bedingte Trockenheit

herrscht (Ala, A2) und keine ausreichenden Bewässerungsraöglichkeiten

für den Mais- und Futterbau bestehen (Bewässerungsregion

II und IV). In Anbetracht der im Juni einsetzenden Trockenperiode

legt man in der Poebene übrigens nicht nur Wert auf ertragreiche,

66) Ergänzende Informationen zum ital. Hartweizenanbau: CARRANTB/

DAUPHIN 1965, SARNO 1963 und ZANINI 1970.

t'.


- 183 -

Tab. 12: Weizenproduktivität in Abhängigkeit von

natürlichen Eignungsgebieten

(Daten aus: ISTAT, Annuario di statistica agraria

1951 und 1971, Roma 1952 u. 1972)

Provinz

Hektarerträge (dz/ha) Bignungsgebiete für Weizenbau

(1951 1970 ungünstig mäßig günstig

Bologna 25,9 43,1 Bl 01

Ferrara 29,3 43,6 C2 01 03

Ravenna 24,3 43,6 A2 Bl 01 03

Rovigo 23,9 42,2 02 01 03 05

Cremona 29,0 44,6 Bl B2

Brescia 26,6 45,3 A2 Bl

Milano 29,4 37,3 Alb A2 Bl B2

Verona 21 ,9 37,9 Ala A2 Bl 01

Torino 21 ,4 31 ,0 Ala Alb

Como 20,9 29,3 Ala Alb A2

Alessandria 19,7 28,9 Alb A2 Bl

sondern auch auf frühreifende Weizensorten (varietä precoci, vgl.

PRACCHI' 1960, S. 317), die bei normaler Aussaat im Oktober schon

Ende Juni bis Mitte Juli geerntet werden können (z.B. San Pastore,

Gallini, Autonomia, Generoso 7). Auf diese Weise entgehen die

frühreifen Varietäten der spätsommerlichen Dürreperiode (Juli,

August), zumal die Frühjahrsniederschläge während der Wachstumszeit

noch nutzbringend zur Verfügung stehen.

Bewirkten die genannten naturgeographischen Standortfaktoren eine

gewisse regionale Konzentration des Weizenbaus auf die südliche

und östliche Poebene, so sind es im wesentlichen zwei ökonomische

Standorteinflüsse, die für die Standortverlagerung und für die

längerfristige Anbauflächenentwicklung ausschlaggebend sind, nämlich

die Vollmechanisierung und

die Weizenpreisbewegung und Agrarpreisrelationen.


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" j!

- 184 -

Da beim Weizenanbau der Arbeitsaufwand ursprünglich der dominierende

Kostenfaktor war, wirkte sich die beim padanischen Getreidebau

in den 60er Jahren erreichte Vollmechanisierung (mod. Sämaschinen,

Düngerstreuer, Mähdrescher) in bestimmten Gebieten

positiv auf die Anbauflächenentwicklung aus. Sie hatte insgesamt

eine Verlagerung der Weizenproduktion auf die kostengünstigeren

Standorte zur Folge. So zeichnet sich in den Provinzen Mailand,

Mantova, Alessandria und Rovigo in den Jahren 1950-70 eine Ausweitung

der Weizenanbauflächen, also eine Tendenz zur Vergetreidung

infolge Arbeitskräftemangel ab (vgl. Annuario statistico

italiano 1952 und 1972). Demgegenüber gingen in den Provinzen mit

hohem Gebirgsanteil an der LF, also mit teilweise schlechten natürlichen

Produktionsvoraussetzungen und fehlenden Mechanisierungsmöglichkeiten

die Weizenanbaufläche im Zeitraum 1950-70 erheblich

zurück (Cuneo, Turin: ca. 20%, Varese: ca. 65%, Gomo:

20%, Modena, Reggio: ca. 25%). Wenn also die Weizenanbaufläche in

den letzten 30 Jahren insgesamt von einem Rückgang betroffen waren

(Abb. 17), so ging das hauptsächlich auf Kosten unproduktiver

und für die Mechanisierung ungeeigneter Standorte des montanen

und collinen Bereichs (M.A.F. 1971, S. 159f., CANDIDA 1972, S. 99

und TOSCHI 1969, S. 76).

Eine Schlüsselstellung hinsichtlich der Anbauflächenentwicklung,

insbesondere der 70er Jahre, kommt zweifellos der Weizenpreisbewegung

und den Preisrelationen zwischen den Agrarerzeugnissen

zu° , Dies ist verständlich, da innerhalb des von der Natur gesteckten

Rahmens in der Regel die Rentabilität über die Auswahl

der Anbaufrüchte entscheidet. So ist der seit Inkrafttreten des

Gemeinsamen Getreidemarktes (Juli 1967) drastische Rückgang der

ii

67) Das durch die EG-Agrarmarktordnungen zur Verringerung von

Produktionsüberschüssen eingesetzte Agrarpreissystem ist zmn

Schutze der Erzeuger nach unten durch garantierte Mindestpreise

(Interventionspreise) und zur Abschirmung gegen den

Druck der Weltmarktpreise nach oben durch die Abschöpfung

(Schwellenpreise) bestimmt. Es scheint im Falle der norditalienischen

Weizenanbauflächen eine gute Wirksamkeit entfaltet

zu haben. Doch hat die Zunahme der Flächenproduktivität

den Anbauflächenrückgang kompensiert, so daß die Gesamtweizenproduktion

Oberitaliens fast gleichgeblieben ist

und zum Weizenüberschuß der EG beiträgt (vgl. KÖHLER/SCHARRER

1974, S. 130).

iiii


- 185 -

Abb.17: Anbaufläehenentwicklung bei Weizen

und Mais und itaiienischer Maisimport

1

padanischen Weizenanbauflächen (Abb, 17) primär auf die veränderten

Agrarpreisrelationen zurückzuführen, die in Oberitalien

den Weizenanbau benachteiligt und die Futtergetreide- und Veredlungswirtschaft

bevorteilt haben. Dies zeigt etwa die Rentabilitätsdifferenz

zwischen Weizen und Mais. Es läßt sich nämlich

mit Hilfe der BG-Agrarmarktstatistik^^^ berechnen, daß der sich

68) KOMMISSION der EG: Agrarmärkte. Pflanzliche Produkte 1969-77.


- 186 -

aus den geltenden Marktpreisen (RE/dz)^^^ und der Flächenproduktivität

(dz/ha) ergebende Verkaufserlös pro Hektar Anbaufläche

(RE/ha) bei Mais günstiger entwickelt hat als bei Weizen. Obertraf

der Verkaufserlös von Mais 1970 jenen von Weizen um 481, so

lag er 1977 bereits um 651 darüber. Unter Berücksichtigung der

kulturartspezifischen Produktionskosten (zertifiziertes Saatgut,

Düngemittel, Maschinen, Bewässerung) konnte der Maisbau trotz

Bewässerung günstiger gestaltet werden als der Weizenbau. Folglich

muß der vom Preisgefü'geTTid'^en— Pr^duk-t-i-onskoaten bestimmten-

Rentabilität die größte Bedeutung für die längerfristige Weizenanbauflächenentwicklung

zuerkannt werden (vgl. INEA 1976, S. 151),

Kurzfristige Veränderungen der Weizenanbauflächen, wie sie in

der Poebene 1952, 1961 und 1967 auftraten, sind dagegen die Folge

schlimmer Herbstregen und Hochwasserkatastrophen (vgl. DONGUS

1966, S. 42ff.), welche die Aussaat von Winterweizen für das

nächstfolgende Agrarjahr verhinderten (vgl. Abb. 17).

Das Weizen-Futterbauareal um Alessandria

In der Bucht von Alessandria liegt ein nachhaltig vom Weizenanbau

geprägtes Anbauareal (WF-Areal), das im Süden an die Weinbaugebiete

von Asti und Acqui Terrae-Ovada (VW) grenzt. Vom nördlich

gelegenen piemontesisch-lombardischen Reisbaugebiet wird es

durch eine den Po begleitende Pappelzone, orographisch übrigens

auch durch die Hügelausläufer von Valenza getrennt.

W F - K e r n a r e a l . Das Zentrum des Weizenanbaus bildet

die Ebene von Alessandria, das sogenannte Marengo (WF). Mit etwa

501 Anteil an der LF kommt dem Weizen dort der Rang einer Leitkultur

zu. Für die beherrschende Stellung des Weizenanbaus im

Marengo sind in erster Linie die Sommertrockenheit des alessandrischen

Lokalklimas und die durch den Torrentencharakter der

Flüsse bedingten unzureichenden Bewässerungsmöglichkeiten ausschlaggebend

(vgl. Kap. 4.2.1. und GRIBAUDI 1960, S. 314). Diesen

beiden Faktoren ist es 'zuzuschreiben, daß der vorwiegend

im Alluvialbereich der Torrenten betriebene Ackerfutterbau


- 187 -

(10-201 LF) und das Dauergrünland (unter 101 LF) stark zurücktreten

und daß auch der Maisbau (5-101 LF), der auf ausreichende

Feuchtigkeit angewiesen ist, eine verhältnismäßig geringe Rolle

spielt. Angesichts der garezerstörenden Wirkung der Halmfrüchte

ist bei den getreidereichen Pruchtfolgen des Marengo (Weizen-

Mais-Weizen-Weizen-Klee-Klee) auf die Gefahren des monokulturartigen

Anbaus von Weizen besonders hinzuweisen (Ertragsabfall,

Schädlingsbefall, Verunkrautung), die sich bei mangelhafter

Fruchtfolgewirkung trotz künstlicher Düngung einstellen (vgl.

VETTER-SCHÖNEICH 1969, S. 4-19).

W F Z - S u b a r e a l . Die südlich des Po liegende Ebene von

Voghera (Oltrepö Pavese) ist als Subareal des großen alessandrischen

WF-Areals aufzufassen. Der Weizen (40-50% LF) bildet dort

zwar noch weithin die Leitkultur, doch nimmt auf den fruchtbaren

Schwemmlandböden der Ebene von Voghera neben dem Futterbau (20-

301 LF) auch der Zuckerrübenanbau größere Flächen ein (20% LF).

Letzterer hat während der günstigen Konjunkturentwicklung der

'60er Jahre (vgl. Kap. 4.6.1.) auch im Marengo größere Bedeutung

in der Anbauwirtschaft gehabt.

W F V - u n d W F R M P - O b e r g a n g s a r e a l e . Den

Übergang vom Marengo zu den Weinbaugebieten von Acqui Terme - Ovada

und von Tortona bilden die WFV-Subareale des apenninischen Gebirgsfußbereichs.

Dort tritt der Weizenanbau (25-35% LF) schon

merklich zugunsten des Weinbaus (10-30% LF) zurück, welcher vor

allem die Hanglagen der Gemeindegemarkungen einnimmt. - Ein an

seiner vielgliedrigen Anbaukombination erkennbares Übergangsareal

zwischen dem Weizen-Futterbaugebiet des Marengo (WF) und dem

Reisbaugebiet (R, RP) liegt in der Ebene von Casale Monferrato

(WFRMP). Sie ist neben dem Weizen- und Futterbau (ca. 50% LF)

durch das Vordringen des Reisbaus (15-20% LF) und der Pappelviirtschaft

(10% LF) gekennzeichnet.

4.2.3. Die Anbauareale der Ostpadania

Die Weizen-Zuckerrüben-Futterbauareale südlich des Po

Die zur bolognesischen Küstensumpfzone gehörenden Valli bei Medi-

cina und Budrio (WZF), die jungmeliorierten Polder von Ostellato-


188 -

ilil

Comacchio (WZFM) und das Podelta südlich des Po di Levante (WZF)

sind disjunkt liegende Anbauareale, in denen der Weizen (30-401

LF) zusammen mit dem Zuckerrüben- (20-30°« LF) und Futterbau

(20-301 LF) die Bodennutzung bestimmt, örtlich spielt auch der

Anbau von Sonderkulturen eine Rolle, vor allem in den Gemeinden

der Strandwall Zone (Comacchio, Mesóla).

Hinsichtlich der natürlichen Standortbedingungen gehören die im

Einflußbereich des sommertrockenen ostpadanischen Regionalklimas

(Typ III) stehenden Anbauareale den Bighüngsgebieteh CI, C3 und

C5 an, deren ursprünglich hydromorphe und versalzte Lehm- und

Tonböden bei der geübten Bodenmelioration (Drainage, Entsalzung)

für den Weizen- und Zuckerrübenanbau bestens geeignet sind. Da

sich der Zuckerrüben- und Futterbau in den letzten zehn Jahren

auf Kosten des Weizenanbaus ausdehnte, können die genannten Anbauareale

nicht nur ihrer Kleinräumlichkeit wegen auch als Subareale

des emilianisch-romagnolischen Zuckerrübenänbauareals

(ZWF) aufgefaßt werden.

Das Weizen-Futterbau-Mais-Zuckerrüben-Areal nördlich des Po

:l;.í

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Das Gebiet zwischen Verona, Euganeen, Rovigo und Ostiglia/Po ist

ein durch einen viergliedrigen Kombinationstyp gekennzeichnetes

Anbauareal (WFMZ). Von den Gemeinden mit ausgeprägtem Sonderkulturanbau

abgesehen (Karte 6), steht der Weizen- und Futterbau an

erster Stelle in der Anbauskala (je 20-351 LF), gefolgt vom Mais-

(15-25% LF) und Zuckerrübenanbau (10-201 LF).

Die naturökologischen Voraussetzungen sind in den Anbauarealen

nördlich und südlich des Po durchaus vergleichbar. So weist das

venetische WFMZ-Areal nicht nur dieselben Klimabedingungen auf

wie die Anbauareale südlich des Po, sondern umfaßt auch ganz ähnlichartige

Eignungsgebiete: die Valli Grandi Veronesi ed Ostigliesi

(CI), die südlich und westlich des Euganeenfüßes gelegenen

Valli Mocenighe (CI), das Legnago- und Agno-Gud-Becken (CI)

sowie das Alto und Medio Polesine von Rovigo (CI, C3). Aus Gründen

der betont viehwirtschaftlichen regionalen Produktionsausrichtung

des Veneto ist im venetischen WFMZ-Areal der Maisbau

sehr viel stärker verbreitet als in den Anbauarealen südlich des

Po.


- 189 -

4.3. Neuere Entwicklungstendenzen beim Maisbau

Im Vergleich zu den übrigen EG-Agrarregionen zeichnet sich die

Poebene durch ausgedehnte Maisbauflächen (1970; 0,6 Mill. ha)

und durch eine hohe Maisproduktion aus (1970: 3,3 Mill. t), welche

lediglich im französischen Pyrenäenvorland und im Pariser

Becken (Beauce) ein gewisses Gegengewicht findet, wenn sie auch

weit hinter der Erzeugung des Pannonischen Beckens und der Ukrai-

701

ne zurückbleibt ^. Aufgrund der in der Poebene außerordentlich

günstigen Anbaubedingungen beläuft sich die padanische Maiserzeugung

auf knapp 10% der italienischen Gesamtproduktion (1970:

4,4 Mill. t.). Zur Versorgung der italienischen Veredlungswirtschaft

wird allerdings in ähnlich großem Umfange Mais eingeführt

(Abb. 17).

Die Hauptanbaugebiete des Mais liegen in den beiden Staatsregionen

Veneto und Lombardei, welche drei Viertel der padanischen

Maisbauflächen auf sich vereinen. Demgegenüber tritt der Maisbau

in Unterpiemont völlig zugunsten des Reisbaus und in der Emilia-

Romagna auf Kosten des Weizen- und Zuckerrübenanbaus zurück. Diese

Unterschiede in der räumlichen Verbreitung der Maisproduktionsstandorte

ebenso wie der sich in den letzten Jahren abzeichnende

Auswärtstrend in der Anbauflächenentwicklung sind auf einige

spezifische naturgeographische und wirtschaftliche Standortfaktoren

zurückzuführen.

4.3.1. Ökologische und wirtschaftliche Standortfaktoren

Die ökologischen Standortansprüche des in der Poebene seit vier

Jahrhunderten verbreiteten Mais leiten sich primär aus dessen

geographischer Herkunft ab.

Als eine im mexikanischen und peruanischen Hochlandklima beheimatete

Getreideart (Maydeen) wurde der Mais im Zuge der

Entdeckungsreisen von den Spaniern ins Mittelmeergebiet eingeführt.

Da er zunächst hauptsächlich in Kleinasien Verbreitung

fand, erhielt er, von den Venezianern gegen Ende des

16. Jhs. nach Oberitalien gebracht, die Bezeichnung "grano-

70) Vgl. Agro ecological Atlas of Cereal Growing Areas in Europe,

Vol. II, 1969, Oxford Regional Economic Atlas 1971, Western

Europe und THIEDE 1971, S. 36-41.


- 190 -

turco" (türkischer Weizen, Welschkorn), welche in Italien

bis heute gebräuchlicher ist als der aus dem indianischen

Sprachgebrauch stammende Name "mais". Von Venetien aus eroberte

der als Nahrungsmittel verwandte Mais im 17. und 18.

Jh. die gesamte Poebene, trotz wiederholter Pellagra-Epidemien,

welche die einseitige Ernährung der Bevölkerung mit

Polenta (Brei aus Maisgrütze) hervorrief. Damit hatte der

wärme- und feuchtigkeitsliebende Mais seine nördliche Anbaugrenze

in Europa erreicht, über die er bis zur Mitte des

20. Jhs. kaum hinausreichte (vgl. Kap. 2.2.2.). (v.FRAUEN­

DORFER 1942, S. 8, SERBNI 1974, S. 231-233 und TOSCHI 1969,

S. 77).

Obwohl das in den letzten Jahrzehnten erweiterte genetische Potential

die Anbaumöglichkeiten der Maispflanze maßgeblich verbessert

hat, müssen

die Wärmeverhältnisse zur Saat- und Reifezeit und

die Feuchtigkeitsverhältnisse zur Wachstumszeit

als die wichtigsten natürlichen Standortfaktoren des padanischen-

Maisbaus angesehen werden.

Die in den einzelnen Vegetationsstadien herrschenden Wärmeverhältnisse,

die für das Gedeihen der Maispflanze entscheidend

sind, wirken sich in der wärmebegünstigten und für den Maisbau

geradezu prädestinierten Poebene kaum standortsdifferenzierend

aus. So werden die zur Saatzeit benötigten Temperaturen von mindestens

10°C (Abb. 4) in der östlichen und westlichen Poebene

schon im April erreicht, lassen also eine frühere Aussaat als in

Mitteleuropa zu (Mai). Die zur Reifezeit erforderliche warme und

sonnenscheinreiche Witterung ist in der Poebene in den meisten

Jahren so günstig, daß der auf Ausreifung angewiesene Körnermais

einen niedrigen Feuchtigkeitsgehalt und eine gute Qualität erzielt.

Beim Grünfuttermais, den man nicht zur Ausreifung gelangen

läßt, hängt es hauptsächlich von den sortenspezifischen Reifeklassen

ab, wie schnell der im April bis Mai als Hauptfrucht

ausgesäte Frühjahrsmais (maggengo) der Reifeklassen 200-800 bzw.

der nach der Weizen- oder Maisernte angebaute Sommermais (ago-

stanello) der Reifeklassen 200-400 gedeiht.

Einen klaren standortsdifferenzierenden Einfluß üben aufgrund

der Feuchtigkeitsansprüche der Maispflanze in den Wachstumsmonaten

(Mai-Juli bzw. Aug.-Sept.) die regionale Niederschlagsvertei-


- 191 -

lung und die Bewässerungsmöglichkeiten aus. So tritt der Maisbau

in der von sommerlichem Niederschlags- und Wassermangel geprägten

südlichen und südöstlichen Poebene stark zugunsten des Weizenund

Zuckerrübenanbaus zurück (Anbauareale WF, FW, FWV, WZF, ZWF,

ZWOF), während er in der nördlichen Poebene, die zum Gebirgsrand

hin regenreicher und im Zentralteil bewässert ist, überall einen

wichtigen Platz auf den Anbauflächen einnimmt (Anbauareale FMW,

FWM, MWF). Da die Bewässerung und das lehmig-tonige Bodengefüge

der Bassa Pianura die Wuchsleistung de.r Maispflanzen (2-3m) vorteilhaft

beeinflussen, erzielt man in den bewässerten Anbaugebieten

Flächenerträge (1974-75: durchschnittlich 67, 1 dz/ha),

die zu den höchsten der Welt gehören (INEA 1976, S. 157). Ebenso

entscheidend wie die erwähnten naturgeographischen Gunstfaktoren,

speziell im Hinblick auf die Flächenproduktivität, die regionale

Verteilung der Produktionsstandorte und die Entwicklung der Maisbauflächen,

sind

die Verbesserung der Anbautechnik,

der Fruchtfolge und Futterwert und

die Marktpreisentwicklung bei Futtergetreide.

Positiv auf die Ertragslage hat sich beim padanischen Maisbau die

in den letzten Jahren erfolgte Verbesserung der Agrartechnik ausgewirkt,

besonders durch die Sortenwahl. Angeregt durch die von

der US-amerikanischen Landwirtschaft gemachten Fortschritte in

der Maissaatguterzeugung (Hybridisierung),, der Maisbestelltechnik

(u.a. Dammsaat) und der Erntemechanisierung (vgl. BLUME 1975, S.

220 u. 233f. und STANZBL 1974, S. 39 u. 52), wurde in der Poebene

in den 50er Jahren mit der Hybridmais-Saatguterzeugung begonnen

71)

Gegen Ende der 60er Jahre hat dann der Anbau von Hybridmais (granoturco

ibrido) jenen des offen abblühenden einheimischen Mais

(granoturco nostrano) übertroffen. Damit hat sich die Flächenproduktivität

schlagartig verbessert. Erbringt der einheimische

Mais selbst auf den günstigsten Anbaustandorten nur 33-35 dz/ha

(1974-75), so liefern die heute fast ausschließlich verwendeten

Maishybriden verschiedener Reifeklassen und Resistenz gut doppelt

so hohe Hektarerträge (maximal 80 dz/ha).

71) Seitens der staatlichen Versuchsstation in Bergamo (Stazione

Sperimentale di Maiscoltura) und von Tochtergesellschaften

amerikanischer Saatguterzeugerfirmen.


- 192 -

Bin die regionale Verteilung der Produktionsstandorte beeinflussender

Faktor ist der hohe Fruchtfolge- und Futterwert des Mais.

Da der Mais als Blattfrucht die Zuckerrübe und andere Hackfrüchte

in der Rotation ersetzt, tritt er in den meisten Anbauarealen

in Kombination mit Halmfrüchten auf (z.B. MW, MWF, MWD,

WMF, WMD und RWM). Da er andererseits eine wichtige Futtergrundlage

für die heutige Rindermast bildet, kommt er auch regelhaft

in Verbindung mit Ackerfutterbau und Dauergrünland vor (z.B. MF,

-P-MW-_F-WM__DM—und_DMW_l. Aufgrund dieser betriebswirtschaftlich—

günstigen Eigenschaft des Mais, Dünger und Futterausgleich zu

liefern, kommt der Mais als Begleitkultur in fast allen Anbauarealen

vor.

Der bereits in Kapitel 4.2.1. diskutierte Einfluß der Preisentwicklung

und Preisrelationen, der beim Weizenanbau für den anhaltenden

Flächenrückgang verantwortlich ist, hat auch bei Mais die

Anbauflächenentwicklung bestimmt (Abb. 17), obgleich ein Großteil

der Maisproduktion in den Viehhaltungsbetrieben selbst verfüttert

wird. So ist die Stagnation und Rückläufigkeit der Anbauflächen

vor Inkrafttreten der Gemeinsamen Getreidemarktordnung

(1967) auf die verhältnismäßig ungünstige Preisgestaltung

Italiens bei Futtergetreide zurückzuführen. Auch nach 1967 nahmen

die Anbauflächen nur zögernd zu, obwohl Italien und Norditalien

einen ständig steigenden Einfuhrbedarf an Mais haben

(vgl. Abb. 17) und die Poebene die günstigsten natürlichen Produktionsvoraussetzungen

für den Maisbau in Europa besitzt (MEHR-

LE 1960, S. 18 und INEA 1976, S. 157). Der Grund liegt hauptsächlich

darin, daß Italien im Zuge der EG-Getreidemarktordnung

bis Anfang der 70er Jahre eine Abschöpfungsermäßigung für verbilligten

Bezug von ausländischem Futtergetreide zugestanden

wurde, um seine Veredlungsproduktion voranzutreiben (vgl. PLATE

1970 und THIEDE 1971, S. 39). Deshalb war erst nach Wegfall dieser

Zugeständnisse ein Anreiz zur Ausweitung der padanischen Maisbauflächen

gegeben, und 1977 setzte auch eine deutliche Aufwärtsentwicklung

ein. Unter Berücksichtigung der Produktionskosten (v.

a. Saatgut, Bewässerung, Trocknung), ist zwar die Marktpreisbewegung

bei Futtergetreide in den letzten Jahren günstiger als bei

Brotgetreide, doch kommt in der Poebene der Zuckerrübenanbau bis

heute an Rentabilität dem Maisbau gleich (INEA 1976, S. 157).


- 193 -

Das Maisbauareal der venetischen Küstenzone

Die 10-20 km breite venetische Küstenzone zwischen Po di Levante

und Tagliamento ist ein überwiegend vom Getreidebau geprägtes

Anbauareal (MWF-Areal). Das Schwergewicht der Landbewirtschaftung

liegt besonders im Bereich der küstennahen Meliorierungsgebiete

(C3) eindeutig beim Maisbau (30-40% LF). Als Begleitkultur ist

auf den fruchtbaren Schwemmlandböden der Weizenanbau (20-30% LF)

von Bedeutung, und trotz des trockenen Regionalklimas (vgl. Kap.

2.2.4.) auch der Futterbau (10-30% LF). Wegen der im Veneto von

altersher verbreiteten Mischkultur spielt auf den trockeneren

Standorten auch der Weinbau (10-20% LF) eine Rolle. Die gartenbauliche

Nutzung innerhalb des MWF-Areals konzentriert sich im

wesentlichen auf die Strandwallzone (vgl. Kap. 4.8.4.).

Aus einer Reihe von Gründen hat sich der Schwerpunkt der venetischen

Maiserzeugung heute auf die küstennahen Meliorierungsgebiete

bei Cavarzere und auf den trockengelegten Lagunenbereich von

Braclea-Caorle verlagert. Erstens, weil durch den fortschreitenden

Ausbau der Bewässerung in diesen Gebieten die Ertragslage

beim Maisbau zufriedenstellend ist (1973: ca. 70 dz/ha). Zweitens,

weil die Anpassungsfähigkeit des ti/bridmais an die schweren,

aber fruchtbaren Schwemmlandböden einträgliche Nutzungsmöglichkeiten

eröffnet hat (CANDIDA 1972, S. 105). Und nicht zuletzt,

weil bei der vorherrschenden Großbetriebsstruktur die Vollmechanisierung

in der Erzeugung die Produktionsausrichtung der

auf fremde Arbeitskräfte angewiesenen Großbetriebe bestimmt hat.

I

M W V F - S u b a r e a l . Von den Colli Euganei strahlt der

Weinbau noch weit in die Ebene von Padova hinein aus. Neben dem

vorherrschenden Mais- und Weizenbau nimmt der Weinbau im Subareal

MWVF etwa 15-20% der LF ein. Er wird heute nicht mehr nur

in Mischkultur (1970: 50% der Rebfläche), sondern in zunehmendem

Maße in Spezialkultur betrieben.

4.3.3. Die Getreideanbauareale im Mailänder Verdichtungsbereich

In der industrialisierten Alta Pianura Milanese, die bezüglich der

Zusammensetzung der Brwerbstätigenbevölkerung und Einwohnerdichte

dem Verdichtungsbereich angehört (Karte 3), konzentriert sich die


fi'f'i

- 194 -

landwirtschaftliche Bodennutzung einseitig auf den Getreidebau.

Das ist nicht nur eine Folge der natürlichen Eignung, sondern

gleichermaßen durch den dort extremen landwirtschaftlichen Arbeitskräftemangel

bedingt. Deshalb dominiert in der Alta Pianura

Milanese der arbeitsextensive Mais- und Weizenbau auf gut zwei

Dritteln der LF, sofern die zwischen Vorstädten und Industriegelände

verbleibenden Restflächen überhaupt noch landwirtschaftlich

genutzt werden und nicht längst der Sozialbrache anheim gefallen

sind._______ ___________ _______ ______________ —

Im Norden und Nordwesten von Mailand erstrecken sich bis zum Tessin

die überwiegend vom Maisbau (50-701 LF) beherrschten Anbauareale

MF und MW, deren Produktionsschwerpunkte Busto Arsizio und

Desio sind. Sie werden vom bewässerten mailänder Futterbauareal

(DFWM) durch den Villoresikanal getrennt, dessen Verlauf erstaunlich

genau mit der südlichen Grenze der Maisbauareale überein-..

stimmt. Wegen der fehlenden Bewässerung wird auf den leichten und

teils Spuren der Ferrettisierung zeigenden Böden vornehmlich einheimischer

Körnermais gepflanzt (granoturco nostrano). Deshalb

bleiben die Flächenerträge (Varese 1974/75: 28,1 dz/ha) weit hinter

jenen der bewässerten Bassa Pianura zurück (Cremona 1974/75;

80,4 dz/ha).

Das nordöstliche Milanese, die sogenannte Brianza, ist ein vom

Weizen bestimmtes Anbauareal (WMF), das über ;die Adda hinaus, bis

zum Brembo reicht. Auch hier wird durch den Verlauf des Villoresikanals

eine sehr markante Anbaugrenze nach Süden hin bestimmt. Der

Weizenbau (50-75% LF), der in der Alta Pianura Milanese von altersher

bedeutend ist (JACINI 1857), wird im Weichbild von Mailand

und um Vimercate zunehmend von der Sozialbrache abgelöst.

4.4. Standortverlagerung und Rationalisierung beim Zuckerrübenanbau

Als eine typische Kultur des gemäßigten Klimabereichs findet die

Zuckerrübe (Beta vulgaris saccharata) in der Poebene noch Klimabedingungen

vor, die außer einer gelegentlichen Bewässerung keine


- 195 -

besonderen Anbaumaßnahmen^^^ erforderlich machen. Nach Frankreich

und der BRD gehört Italien daher zu den wichtigsten Zuckerrübenanbauländern

der EG, gefolgt von Großbritannien, Dänemark und den

Benelux-Staaten^^^. Klimatisch bedingt konzentriert sich die italienische

Zuckerrübenerzeugung schwerpunktmäßig auf den Norden

des Landes, vor allem auf die beiden Staatsregionen Emilia-Romagna

und Veneto, die zusammen rund 60\ (1970: 171 000 ha) der italienischen

Zuckerrübenanbaufläche auf sich vereinen und etwa 64% (1970:

9,5 Mili, t) der nationalen Rübenerze.ugung hervorbringen.

Die eigentlichen Zentren des Zuckerrübenanbaus (bieticoltura)

sind heute die jungmeliorierten Agrargebiete der südöstlichen Poebene

(Karte 6). Dorthin hat sich die Zuckerrübe aber erst zwischen

1900 und 1945 verlagert. Sie hat in diesem Gebiet den damals

noch wenig ertragreichen einheimischen Mais in der Rotation

ersetzt und in der Nachkriegszeit auch die alte Hanfkultur (canapicoltura)

verdrängt (MEDICI 1940, S. 70, PERDISA 1938 und TOSCHI

1969, S. 83). Da der Zuckerrübe die in der Ostpadania auftretende

Sommertrockenheit nicht sehr zuträglich ist, muß man sich fragen,

ob primär nicht agrarhistorische und ökonomische oder bodenmäßige

Gründe dafür verantwortlich sind, daß das Kerngebiet der padanischen

Zuckerrübenerzeugung im trockenen Ost- und Südostteil und

nicht im feuchteren Westteil der Poebene liegt.

4.4.1. Zur Standortorientierung des padanischen Zuckerrübenanbaus

Die Einführung der Zuckerrübenkultur in Italien war wie im kontinentalen

Europa eine Folge der von Napoleon verhängten Kontinentalsperre

(1806). Sie hing also weniger mit einer ökologischen

Gunst als mit wirtschaftspolitischen Maßnahmen zusammen.

Im Jahre 1811 begann man im Piacentino-Parmense und im damaligen

Arnodepartement, also in Gebieten, in denen die Zuckerrübe

heute kaum mehr verbreitet ist, mit dem ersten, wenig erfolgreichen

Versuch, in Oberitalien Zuckerrüben anzubauen. Als

aber der aus den englischen Kolonialländern stammende Rohrzukker

wieder zur Verfügung stand (1815), ließ man in Italien den

Gedanken einer eigenen Zuckerproduktion schnell wieder fallen

(vgl. GAMBI 1955, S. 35 und MEDICI 1940, S. 63).

72) Herbstaussaat wie in Winterregengebieten

73) Vgl. EUROSTAT 1975, S. 84


- 196 -

s I'' ■ i !

ii*I

Nach der Einigung Italiens (1860) wurden erneut in verschiedenen

Landesteilen Anbauversuche mit der Zuckerrübe unternommen

(Oberpiemont, Lombardei, röm. Campagna). Größere Verbreitung

fand die Kultur aber erst seit der Jahrhundertwende, als

die Errichtung von Zuckerfabriken (bis 1900: 20 Fabriken) die

industrielle Verwertung der Rübe ermöglichte.

Für die rasche Ausweitung der padanischen Rübenanbauflächen und

für die Standortverlagerung auf die östliche Poebene zwischen

1900 und 1945 waren hauptsächlich drei ökonomische Standortfaktoren

ausschlaggebend: a) die Großbetriebsstruktur und das billige

'ÄTbBlT^kräTt eän geb ö t ü.ä^“ iTr“deT'~ Os tpa'dan i a'-iür Tien“ früher" sehr

arbeitsaufwendigen Zuckerrübenanbau (90 Arbeitstage pro Hektar im

Jahr; CANDIDA 1972, S. 108)^^^ zur Verfügung stand, b) die Standorte

der Zuckerfabriken, die wegen des Transportkostenfaktors an

der Rohstoffbasis orientiert waren und zu einer regionalen Verdichtung

der Produktionsstandorte (v.a. in der östlichen Emilia-

Romagna) führten und c) die Autarkiebestrebungen der faschistischen

Wirtschaftspolitik, die den Zuckerbedarf des Landes aus

Rübenzucker zu decken suchte und den billigeren Rohrzucker vom

inländischen Markt fernhielt (DONGUS 1966, S. 222 und v. FRAUEN­

DORFER 1942 , S. 9) .

Für die zeitlich-räumliche Entwicklung der padanischen Zuckerrübenkultur

in den letzten zehn Jahren sind vor allem agrartechnische

und marktwirtschaftliche Einflußfaktoren entscheidend,

die Rationalisierung und

die Absatzlage.

In Bezug auf die Rationalisierung des vormals arbeitsintensiven

Zuckerrübenanbaus seien besonders die biologisch-technischen Fortschritte

' hervorgehoben, die den Handarbeitsbedarf beträchtlich

verringerten: 1) die Einführung von monogermem Saatgut zur maschinellen

Präzisionssaat, welche das Verzupfen der Rüben überflüssig

gemacht hat (vgl. CESARI 1976, S, 31-43 und Manuale del Bieticoltore

1974, S. 34-41 und 69-71), 2) die moderne Unkraut- und Schäd-

74) Der Arbeitsaufwand war damit annähernd so groß wie beim Reisbau

(vgl. Kap. 4.5.1.).

75) Getragen vom Nationalverband der Zuckerrübenpflanzer A.N.B.

(Associazione Nationale Bieticoltori) und von Zuckererzeugervereinigungen

(z.B. Societä Bridania Z.N., Societä Italiana

Ind. degli Zucchere).


- 197 -

lingsbekämpfung sowie 3) die in den 70er Jahren zu großer Perfektion

entwickelte Vollmechanisierung, die heute von der Saat bis

zur Ernte tatsächlich alle Arbeitsgänge einschließt^*^^ .

Die Absatzlage wird beim Zuckerrübenanbau bis heute von der Produktions-

und Preisreglementierung der italienischen und EG-Agrarpolitik

bestimmt. Bis zum Beschluß einer gemeinsamen Zuckermarktordnung

(1967) haben der italienische Preis-Protektionismus und

die günstige Stellung der Zuckerrübenpreise im Agrarpreisgefüge

in der großbetrieblich strukturierten östlichen Emilia-Romagna

mehr als in Venetien zu einer kontinuierlichen Ausweitung der Rübenanbauflächen

geführt (Abb. 18). Nach Inkrafttreten der EG-Zukkermarktordnung

(Juli 1968), als der Zuckerrübenanbau einem Produktions-

und Absatzkontingentierungssystem unterlag^^\ das über

die Zuckerfabriken und über Lieferverträge funktionierte, gingen

die Rübenanbauflächen in Venetien stärker als in der Emilia-Romagna

zurück. Diese räumlich unterschiedliche Entwicklung liegt nicht

nur in der Kontingentierung selbst begründet, sondern hängt mit

der Großbetriebsstruktur und der genossenschaftlichen Betriebsorganisation

in der östlichen Emilia-Romagna zusammen, zumal der

kleine Einzelbetrieb kein Kontingentsinhaber war und die notwendige

Rationalisierung allein nicht bewältigen konnte. Nach der Verabschiedung

einer neuen Grundverordnung "Zucker" (1974) stiegen

die padanischen Rübenanbauflächen innerhalb eines Agrarjahres

(1974-75) um 36% an, die Produktion sogar um 69%. Die Ursachen dafür

waren die der gesamten italienischen Zuckerrübenproduktion zugestandenen

relativ hohen Absatz- und Mindestpreisgarantien (1975:

57% höhet als sonst in der EG) und der damit verbundene Preisanstieg

(1974-75: 5%; vgl. INEA 1976, S. 166ff. und CESARI 1976, S.

48). Angesichts der in der EG erzeugten Zuckerüberschüsse (1978:

3,3 Mill. t) und des in Italien heute annähernd erreichten Selbstversorgungsgrades

(1975: 81%; INEA 1976, S. 167) wird die Drosselung

der Zuckerproduktion auch in Italien zu einem künftigen

Problem.

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76) v.a. Hacken, Rübenernte (Köpfen, Roden, Sammeln, Beladen).

Vgl. Manuale del Bieticoltore 1974.

77) Das Produktionslimit war für die norditalienischen Anbaugebiete

durch ein Grundkontingent von 94,3 Mill, dz Rüben (1967)

festgesetzt worden (INEA 1976, S. 167 und PLATE 1970, S. 82).


- 198 -

Abb.18: Entwicklung der Zuckerrübenanbauflächen

Anbau-

J lä c lM L -

(1000ha)

160

140

■mllla-Romagna

veneto

Beschluß der gemeltisamen

-Zuckermarktordnung___

(1009/67/EWG)

(Produktions- und

Absatzkontingentierung)

.•4‘v.

' Verabschiedüng einer '

neuen Grundverordnung

«Zucker» (Okt, 1974)

(Preisanstieg)

:.W!

I S 1 52 53 54 55 56 57 56 56

Quelle: Annuarlo statlstico Italiano 1950-1978

71 72 73 74 75 76 77

Entwurl und Zeichnung; H. Maier

Abgesehen von ökonomischen Einflußfaktoren ist die Verbreitung

der padanischen Zuckerrübenkultur selbstverständlich auch an ökologische

und betriebswirtschaftliche Standortfaktoren geknüpft.

Erstaunlicherweise wirken sich die Klimaunterschiede innerhalb

der Poebene nicht standortsdifferenzierend aus, obwohl die jahreszeitliche

Verteilung der Niederschläge den Rübenertrag und

den Zuckergehalt bestimmt.

Optimale Klimabedingungen, die die Poebene an sich nicht besitzt,

liegen vor, wenn während der Hauptvegetationsperiode

der Zuckerrübe (Mai-Juli), in der sich das Wurzelwachstum

vollzieht, ausreichende Feuchtigkeit vorhanden ist und während

der Reifezeit trockene, warme und sonnenscheinreiche

Witterung herrscht, welche die Ausbildung des Zuckergehalts

bedingt (CESARI 1976, S. 9 und 32). Angesichts der in der

Ostpadania trockenen Frühsommer- und Sommermonate (Abb. S)


ging man dort in letzter Zeit dazu über, die Zuckerrübe zu

bewässern. Wenn während des Wachstumsstadiums weniger als

140 mm Regen fällt, sind bei den Temperaturverhältnissen der

Poebene zwei bis drei Bewässerungsgaben angezeigt (Manuale

del Bieticoltore 1974, S. 54), um den Rübenertrag zu steigern

(Emilia-Romagna; 1965 364,7 dz/ha, 1975 498,3 dz/ha). Damit

erhöht sich auch der Zuckerertrag (1965: 55,5 dz/ha, 1975:

67,2 dz/ha), der in der Poebene wegen der vorzeitigen Ernte

(vor den Herbstregen) von einem vergleichsweise niedrigen

Saccharosegehalt (13-20^, CESARI 1976, S. 31) bestimmt wird.

Eine klare standortsdifferenzierende Bedeutung haben hingegen

die Textur und der Chemismus der Böden sowie

der Fruchtfolgewert der Hackfrüchte.

Hinsichtlich der Bodenverhältnisse ist zu bemerken, daß die tiefgründigen

Lehmböden (terreni di medio impasto) und bei entsprechender

Bearbeitung auch die schweren Tonböden (terreni argillosi)

in der Poebene für die Zuckerrübenkultur am besten geeignet sind

(CESARI 1976, S. 33 und Manuale del Bieticoltore 1974, S. 24f.).

Dies erklärt das Vorherrschen der Zuckerrübe im Bereich der Bassa

PianUra (B2) und in den ostpadanischen Feuchtebecken (CI, C3, C5).

Wegen der Resistenz der Beta-Rüben gegen Bodenversalzung (vgl.

Tab. 1) hat der Zuckerrübenanbau gerade in den Eignungsgebieten

C3 und C5 schon bald nach der Meliorierung gute Nutzungsmöglichkeiten

eröffnet.

- 199 -

Der Fruchtfolgewert der Zuckerrübe ist in Gebieten mit geringer

Viehhaltung (Karte 7) ein Grund für die Verbreitung der Rübenkultur.

Da die Großbetriebe der Ostpadania größtenteils reine Ackerbaubetriebe

sind, hat sich der rentable Zuckerrübenanbau in der

östlichen Emilia-Romagna bisher gegen den Maisbau behaupten können.

Die günstige Fruchtfolgewirkung erklärt auch die spezifischen

Fruchtartkombinationen in den Zuckerrübenarealen (ZWF, WFZ,

FWZ).

4.4.2. Die Zuckerrübenanbauareale der Emilia-Romagna

Am Rande des ferraresisch-romagnolischen Obstbauareals (OWZF) liegen

die Hauptanbauareale der Zuckerrübe (ZWF, ZWOF, WZF, WZFM, FWZ).

Durch die weitverzweigten Flußdämme und Schwemmfächerzungen ist

das Zuckerrübenanbaugebiet der östlichen Emilia-Romagna in einzelne

Teilareale gegliedert. Außerhalb dieses heute bedeutendsten Anbau-


- 200 -

gebiets finden sich auch im Piacentino (FWZ, FWZP), im Alessandrino-Oltrepö

Pavese (WFZ; vgl. Kap. 4.2.2.) und im Veneto (WFMZ)

Anbauareale mit Zuckerrüben als Begleitkultur.

In den Valli der Terre Vecchie und in den jungen Meliorierungsgebieten

(CI, C3, CS) bieten die drainierten fruchtbaren Schwemmlandböden

gute Standortbedingungen für die Zuckerrübe, selbst bei

der teilweise vorhandenen Bodenversalzung (vgl. Tab. 1).

Il’l

Im Basso~Mbd'eriese^und.'^’oltrgn'es-e— s-ow-i-e-—im—R-a--venn-ate'-n.immt--d©r— Z-uk^

kerrübenanbau gut 30"4 der LF ein (ZWF, ZWOF), gefolgt von Weizen

25-30% LF), Ackerfutter- und Obstbau (je 10-20% LF). Die Einbeziehung

von Futterpflanzen in die Rotation ist aus phytosanitären

Gründen alle drei bis vier Jahre wegen der Gefahr der Vermehrung

von Parasiten (v.a. Nematoden) erforderlich (Manuale del Bieticoltore

1974, S. 23f.). Weizen wird gewöhnlich als Vorfrucht der luk-v

kerrübe angebaut. Daß vielfach Anbaukombinationstypen mit Obstbau

Vorkommen (ZWOF, OWZF), die teils noch durch Garten- und Weinbau

gekennzeichnet sind (z.B. Malalbergo, Baricella, Ravenna), hängt

damit zusammen, daß die großen Gemeindegemarkungen der südöstlichen

Poebene häufig an verschiedenartigen ökotopen Anteil haben.

In diesen Fällen bleibt der Zuckerrüben-, Weizen- und Futterbau

auf das Innere der meliorierten Feuchtebecken beschränkt, während

der Sonderkulturanbau auf den sandig-lehmigen Böden der Terre

Vecchie und der Beckenränder anzutreffen ist.

4.5. Subtropischer Reisbau am Rande seiner natürlichen Anbaumöglichkeiten

Gemessen an der Anbaufläche (1970: 173 000 ha) und an der Gesamtproduktion

(1970: 0,9 Mill. t) besitzt Italien dessen Reisfelder

zu 98% in der Poebene liegen, das bedeutendste Reisbaugebiet Europas,

bleibt jedoch diesbezüglich hinter den meisten reisbauenden

Ländern der Erde zurück. Im Hinblick auf die heute beim Reisbau

erreichte Flächenproduktivität rangiert aber Italien, die Reisbaugebiete

Südostasiens, Schwarzafrikas und Lateinamerikas weit übertreffend,

mit durchschnittlich 55 dz/ha (1970-77) an der Weltspit-

' '-l.


- 2 0 1

.78)

ze'"". Für den padanischen Reisbau bezeichnend ist aber nicht nur

eine hohe und ständig steigende Produktivität. Bemerkenswert sind

auch die kontinuierliche Zunahme der Reisbauflächen und die wachsende

Exportmenge, die Norditalien seit Ende der 60er Jahre zu

verbuchen hat (vgl. Abb. 20).

In der Poebene konzentriert sich die Reiskultur (risicoltura) bedingt

durch die Erfordernisse beim Bewässerungsfeldbau auf einige

klar begrenzte Anbauareale. Die Hauptanbaugebiete liegen in den

Provinzen Vercelli, Novara und Pavia. Ein isoliertes Reisbauareal

findet sich in den Meliorierungsgebieten des östlichen Ferrarese.

Unbedeutendere Anbaugebiete, auf die im einzelnen nicht eingegangen

wird, bestehen in der Ebene von Mantova-Verona (1976: 1500 ha)

und in der Bassa Pianura von Reggio, Modena und Bologna (1976:

1100 ha).

Daß der Reisbau nur in den genannten Gebieten verbreitet ist und

am äußersten Rande der Subtropen überhaupt noch anzutreffen und

in letzter Zeit sogar in Zunahme begriffen ist, läßt eine Diskussion

der Standortverhältnisse und Standortprobleme besonders interessant

erscheinen'^^^.

4.5.1. Standortprobleme der padanischen Reiskultur

Als eine in den feuchten Tropen beheimatete Getreideart hat die

Reispflanze (Oryza sativa) in der Poebene die nördlichste Grenze

ihrer Anbaumöglichkeiten in Europa erreicht.

Zwischen 1500 und 1700 breitete sich die Reispflanze in der

Poebene aus, faßte als Extensivkultur zunächst aber nur in

den Sump’fgebieten Fuß, die keine anderweitigen Nutzungsmöglichkeiten

zuließen (Fontanili-Zone, B2, CI, C3). Noch im

16. Jh. erfuhr die Reiskultur eine Intensivierung durch die

Anlage der ersten Dauerreisfelder in Piemont (GRIBAUDI 1960,

S. 285). Da die Ausweitung der Naßreisfelder nach 1700 mit

verheerenden Seuchen (Malaria) einherging, unterlag der Reisbau

im 18. Jh. einer starken flächenmäßigen Beschränkung seitens

der Regierungen. Mit dem Ausbau des Bewässerungswesens

78) Zusammen mit Japan, Spanien, Nord- und Südkorea, Ägypten,

Australien und den USA (vgl. FAO 1970-77).

79) Hinsichtlich der dazu notwendigen Information sei auf die

hervorragende agronomische Studie von TINARELLI (1973) verwiesen.


- 202 -

und durch die Meliorierung (vgl. Kap. 3.2.8.) vergrößerte sich

die Reisbaufläche Oberitaliens im 19. Jh. auf etwa 100 000 ha

(1911) und nahm im 20. Jh. weiterhin auf Kosten von Ödland zu.

(Vgl. D0N6US 1966, S. 226f., v. FRAUENDORFER 1940, S. 9, MILO-

NE 1955, S. 28 und SERENI 1974, S. 237-240.)

I-J.:'

Obwohl die Reispflanze als das ertragsreichste Getreide an die

Qualität der Böden kaum Ansprüche stellt, auf sauren wie alkalischen,

auf sandigen wie auf tohigen und selbst auf versalzten Böden

gedeiht (TINARELLI 1973, S. 47ff. und Kap. 2.1.7.), sagen ihr

Trar ganz bestimmte Temperatu-r^^— Ee.iichtigkeits- und Lichtverhält-__

nisse zu^^^, die in der Poebene an sich nicht gegeben sind, Um die

ökologischen Voraussetzungen für das Wachstum der Reispflanze zu

schaffen, muß daher, wie in allen subtropischen Reisbaugebieten,

ein aufwendiger Bewässerungsfeldbau betrieben werden. Dieser dient

jedoch in der Poebene nicht ausschließlich der Feuchtigkeitsregulierung,

wie in den meisten tropischen und in allen subtropischen

Reisbaugebieten, sondern aufgrund der niedrigen Frühjahrs- und

Frühsommertemperaturen auch dem Wärmeausgleich. Bezüglich der Temperaturen

findet der Reisbau in Oberitalien, auch im Vergleich zu

den übrigen mediterranen Reisbaulandschaften (Ebro-Becken, Marismas

des Guadalquivir, Küstenebene von Valencia, Camargue), tatsächlich

die extremsten Standortbedingungen vor.

Naturgeographische Standort!aktoren

In Anbetracht der besonderen klimatischen Rahmenbedingungen, denen

der Reisbau in der Poebene unterliegt, sind

die gebietsspezifischen Bewässerungsmöglichkeiten,

das Regional-, Lokal- und Mikroklima' und

die witterungsbedingten Störfaktoren

als die wichtigsten naturgeographischen Standortfaktoren des pa-

danischen Reisbaus anzusehen.

Was die Bewässerungsmöglichkeiten betrifft, so zeigt der auf ein

hohes Wasserangebot für die Überflutung angewiesene Reisbau (6 1/ha

X sec) eine deutliche regionale Konzentration auf die wasserreich-

80) 20-38°C bzw. Wärmesumme von 3000-6000°C während 160-180tägiger

Vegetationsperiode; 160-200 mm Monatsniederschläge bzw.

Bewässerung (vgl. ANGLADETTE 1966, S. 152ff.).


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204 -

sten Agrargebiete der Poebene; Unterpiemont und Lombardei. Dort,

wo der Bewässerungswirtschaft aus naturgeographischen und ökonomischen

Gründen enge Grenzen gesetzt sind, ist der Reisbau trotz

günstiger Temperaturbedingungen kaum verbreitet (Bewässerungsregion

II, III, IV). Nur in den ostpadanischen Meliorierungsgebie-

ten, in denen der Reis als Pionierpflanze diente und wegen des

wärmeren Regionalklimas relativ hohe Flächenerträge abwirft (50-

70 dz/ha), scheint sich die Nutzung der tonig-torfigen und ver-

^sal-z-ten Böden über den Rei-sbau— zu-_l.ahnen, obwohl sich die kom-__

plizierte Wasserbeschaffung und Entwässerung (vgl. Kap. 3.1.4.)

in erhöhten Produktionskosten niederschlägt.

Hinsichtlich des Regional-, Lokal- und Mikroklimas und der Witterungsverhältnisse

kommt den Temperaturen die größte Bedeutung zu.

So werden die zur Keimung der Reissaat benötigten Temperaturwerte

von mindestens 10-12°C (optimal: 28-30°G; TINARELLI 1973, S. 27)^^^

in der östlichen zwar früher als in der westlichen Poebene, nirgends

jedoch vor Mitte April erreicht (vgl. Abb. 19). Konstant

lassen sich günstige Keimtemperaturen ohnehin nur durch eine 20 cm

hohe, wärmeausgleichend wirkende (v.a. Tag/Nacht-Unterschied) Wasserschicht

erzielen, die zur Keimzeit weniger eine hygrische als

eine thermische Funktion hat.

Mit dem Ansteigen der Tages- und Nachttemperaturen kann die

Wasserschicht in den Reisfeldern allmählich abgesenkt werden,

bei durchschnittlichen Tagestemperaturen von 22-24°C sogar

bis auf 5 cm (TINARELLI 1973, S. 211). Aus pflanzenphysiologischen,

phytosanitären und technischen Gründen (Wurzelbildung,

Bodendurchlüftung, Unkrautbekämpfung, Düngung, Ernte)

wird die Wasserschicht mehrmals abgelassen (Abb. 19).

Wenn die Reispflanzen Ende Mai über die Wasserschicht herausgewachsen

sind, welche den ganzen Sommer über ihrer Verdunstungskraft

wegen erhalten bleibt, hängt der Anbauerfolg in hohem Maße

von den Lufttemperaturen und von witterungsbedingten Störfaktoren

ab (Kaltluftvorstöße, Wärmegewitter, Winde, Regenperioden). Während

Kaltlufteinbrüche und Wärmegewitter (Temperaturabfall), wenn

sie während der Blütezeit der Reispflanzen erfolgen, zur Sterili-

81) ANGLADETTEp966, S. 85) gibt, die Anbaugebiete extremster Klimaverhältnisse

vermutlich nicht in Betracht ziehend, Mindesttemperaturen

von 13-14°C und Optimaltemperaturen von 30-34°C

an.


- 20S -

tät und damit zu Ertragseinbußen führen, Winde (Ostpadania) das

Anwurzeln und die Evapotranspiration der Pflanzen beeinträchtigen,

wirken sich regenreiche Sommer (z.B. 1972, 1977} wegen zu

geringer Lichtintensität (Photosynthese) auf die Vegetationsdauer

und Ertragslage aus. Von der Gefahr einer temperaturbedingten

Sterilität ist wegen des Auftretens von Kaltluftvorstößen von den

Alpentälern her die Alta mehr als die Bassa Pianura und wegen des

wärmebegünstigten Regionalklimas die westliche mehr als die östliche

Poebene betroffen (TINARELLI 1973, S. 40)^^^.

Abschließend sei herausgestellt, daß beim padanischen Reisbau die

standortsdifferenzierende Bedeutung der gebietsspezifischen Bewässerungsmöglichkeiten

entscheidender ist als die eines wärmebegünstigten

Regional- und Lokalklimas, und dies, obwohl geringfügige

Temperaturunterschiede bereits die Ertragslage erheblich

beeinträchtigen können. Wie empfindlich der padanische Reisbau

auf schlechte Witterungsverhältnisse reagiert, zeigt die unstetige

Produktionsentwicklung bei kontinuierlicher Flächenzunahme

(Abb. 20).

Wirtschaftliche Standorteinflüsse

Zu den wichtigsten, die zeitlich-räumliche Entwicklung und Konjunktur

der padanischen Reisbauwirtschaft bestimmenden produktions-

und marktwirtschaftlichen Standorteinflüssen gehören

die Rationalisierung der Erzeugung,

die Marktpreisverhältnisse und

die Exportchancen.

82) Eine gewisse Sicherheit vor Sterilität bieten frühreife Varietäten

(z.B. Precocissimo 120 G, Rosa Marchetti, Maratelli,

Vialone nano, Arborio precoce), weil ihre Blütezeit schon im

Juli erfolgt, wenn Wärmegewitter mit anschließendem Temperatursturz

noch seltener sind (TINARELIi 1973, S. 164-166).

Züchtungsversuche erfolgen seit 1908 in der staatlichen Versuchsstation

in Vercelli (Stazione Sperimentale di Risicoltura),

die seit wenigen Jahren dem staatlichen Forschungsinstitut

für Getreide (Istituto Nazionale della Cerealicoltura)

angeschlossen ist, in vielen Privatbetrieben und seit

dem Zweiten Weltkrieg auch im Reisforschungsinstitut der nationalen

Reisbaugesellschaft (Ente Nazionale Risi) in Mortara.


Gesamtproduktion

und Exportanteil

(M lll./d z )

9

8-

- 206 -

Abb.20: Anbauflächen-, Produktions- und

Exportentwicklung bei Reis

5 -

ij» SÏ iä S3 i 55 M n a

Koreakrise I Absatzschwierigkeiten

Preisschwankungen

Piemonte

ti n i? ti n ini ?i ii n n n n ii

Gemeinsame Marktorganisation

tUr Reis (M indestpreise)

Errichtung

inkralttreten

(t.g.67|

\ Lombaidia_

■-----------------

I

15M 51 52 53 H 55 a ¡1 51 55 IH I 51 52 53 H 55 55 57 55 51 1175 71 11 73 74 75 75 77

Quelie; Annuario statistk» itaiiano 1950-1978

Entwurl und Zeichnung; H. Maier

Einen entscheidenden Einfluß auf die zeitlich-räumliche Anbauflächenentwicklung

hat seit Mitte der 60er Jahre die fortschreitende,

vom Kapital der Großbetriebe getragene Rationalisierung der Reiserzeugung.

Hervorzuheben ist der in den 60er Jahren erfolgte Übergang

von der arbeitsintensiven Umpflanzmethode (trapianto), bei

der die Reispflanzen etwa 50 Tage lang in Saatheeten vorgezogen

und danach von Hand in die Reisfelder ausgesetzt wurden (vgl. ME­

DICI 1940, S. 47, PIAGCO 1971, S. 124ff. und TINARELLI 1973, S.

221 ff.), zur maschinellen Direktsaat (seraina diretta). Bedeutend

ist auch das Wegfallen des mit enormer Handarbeit verbundenen Unkrautjätens

(monda) durch Anwendung spezieller Herbizide. Und natürlich

hat auch die Verwendung moderner Saat-, Ernte- und Spezialmaschinen

zur Verringerung des Handarbeitsbedarfs beigetragen.

Erforderte der Reisbau zu Anfang der 70er Jahre etwa 800 Arbeite­


1

- 207

stunden pro Hektar im Jahr (TINARELLI 1973, S. 114), so kommt man

heute mit einem um das zehn- bis zwanzigfache geringeren Arbeitsaufwand

(40-80 Std.) aus. Durch die genannten Rationalisierungsmaßnahmen

wandelte sich also der Reisbau von der arbeitsintensivsten

zur kapitalintensivsten Kultur, die heute mit hohen Produktionskosten

verbunden ist (Düngemittel, Pflanzenschutz, Bewässerung,

Spezialmaschinen). Mit der Rationalisierung ging daher eine

Ausweitung der Reisbaufläche seitens der Großbetriebe einher,

welche ihre Anbauflächen in den Jahren 1955-1965 wegen Arbeitskräftemangel

einerseits und Marktschwierigkeiten andererseits reduziert

hatten (vgl. Abb. 20 und Kap. 4.5.3.).

Was die marktwirtschaftlichen Standorteinflüsse betrifft (Preisverhältnisse)

, so zeigt sich beim Reisbau eine ähnliche Preis-

Anbaureaktion wie beim Weizen- und Maisbau. So ist die Ausdehnung

der Reisbauflächen zu Beginn der 50er Jahre auf einen Preisanstieg

im Zusammenhang mit der Koreakrise zurückzuführen (CANDIDA 1972,

S. 108). Die nachfolgende Rezession ist durch Preisverfall, Arbeitskräftemangel

und Arbeitskräfteverteuerung bedingt. Die seit

Mitte der 60er Jahre anhaltende Zunahme der Reisbauflächen hängt

neben der Rationalisierung auch von der Errichtung und dem Inkrafttreten

der EWG-Reismarktordnung ab (1964 bzw. 1968), die

durch Absatz- und Preisgarantien das Marktrisiko herabsetzte 83)

Schließlich hat auch das Ansteigen der Weltmarktpreise in den Jahren

1974/75 die Preisbildung am italienischen Reismarkt günstig

beeinflußt, was sich nicht nur positiv auf die Anbauflächenentwicklung,

sondern auch auf die Exportmöglichkeiten auswirkte (vgl.

Abb. 20 und INEA 1976, S. 162).

Die Exportchancen, die sich in den 70er Jahren durch die Aufnahmebereitschaft

der EG-Länder und durch das Ansteigen der Weltmarktpreise

(74/75) erhöhten, haben ,die Reiskonjunktur der letzten

Jahre günstig beeinflußt. Während in den 60er Jahren nur 10-

25% der Reiserzeugung exportiert werden konnten, stieg in den

83) Als staatliche Interventionsstelle fungiert die in den 30er

Jahren gegründete halböffentliche Reisbaugesellschaft Ente

Nazionale Risi, die mit dem Aufkauf, der Lagerhaltung und

der Verwertung von unverkäuflichem Reis betraut ist und in

zahlreichen Reisbaugemeinden Annahmestellen, Trocknungsanlagen

und Lagerhallen unterhält.


- 208 -

70er Jahren der Exportanteil auf etwa die Hälfte der italienischen

Reisproduktion an. Auch absolut nahm die Exportmenge an Rohreis

bzw. Paddy (risone) und poliertem Reis (riso) von 0,7 (1964) auf

4,4 (1975) Mill. dz zu. Exportiert werden Reissorten aller Handelsklassen

(comune, semifino, fino, superfino), vor allem aber

die in den BG-Ländern beliebten Langkornvarietäten (INEA 1976, S.

161) 84) Qualitativ hochwertige Reissorten (z.B. Arborio, Roma,

Carnaroli) sind aber weniger für den Export bestimmt als halbfeine

-und— guwöhn-l-iehe -Sorten (Padanoi^Bahia.,__Jlxigi.narip_,_JBal_illa) . Haup_fc_

einfuhrländer sind die EG-Staaten (1975/76: 3,1 Mill. dz), doch

wird italienischer Reis auch von anderen europäischen Ländern importiert,

gelegentlich auch von der U.d.S.S,R., von Cuba, Indonesien

und von anderen reisbauenden Staaten (Indien, Südvietnam,

Zaire, Brasilien u.a.) 85)

Ob die derzeit beim padanischen Reisbau festzustellende günstige

Konjunkturentwicklung anhalten wird, ist vor allem eine Funktion

der Exportmöglichkeiten, die innerhalb Europas noch auszuschöpfen

sind.

4.5.2. Das Reismonokultur-Areal im Vercellese

Aufgrund der exzellenten Bewässerungsmöglichkeiten stellt das

Basso Vercellese, also das Gebiet zwischen Sesia, Canale Cavour

und Po, von altersher das Kerngebiet des italienischen Reisbaus

dar. Es ist das in Karte 6 ausgewiesene Reismonokultur-Areal (R),

zu dem auch das Alto Vercellese gehört, bis hin zu den nördlichsten

Reisbaugemeinden Rovasenda, Buronzo und Salussola, welche

erst in den letzten 50 Jahren der großen Bewässerungskultur erschlossen

wurden (vgl. Kap. 3.2.8.).

Im Reisbauareal des Vercellese werden heute 70-1001 der LF mit

Reis bestellt, der Rest entfällt auf Mais, Weizen, Futterpflanzen

und Pappeln. Bedingt durch die günstige Konjunkturentwicklung der

70er Jahre und durch die heute erreichte Vollmechanisierung ten-

84) Im Unterschied zur FAO-Klassifikation werden die italienischen

Reissorten ihrer geschmacklichen Qualität nach eingeteilt.

85) Mitteilung der Ente Nazionale Risi


1

- 209 -

diert man derzeit verstärkt zur Reismonokultur, auch in anderen

padanischen Reisbaugebieten (vgl. Kap. 4.5.3.). Obwohl der Reis

gegen Monokulturanbau wesentlich toleranter ist als der Weizen

(vgl. Kap. 4.2.2.) und nur in geringem Maße mit Ertragsrückgang

reagiert, ist aus phytosanitären Gründen auch beim Reisbau ein

Fruchtwechsel angezeigt. Dieser erfolgt heute nur alle 5-10 Jahre,

da man der mit der Monokultur verbundenen erhöhten Verunkrautung

und Schädlingsausbreitung mit Chemikalien entgegenwirkt und

durch die Verwendung von Mineraldünger eine schnelle Stickstoff-

Zufuhr bei den Reisbauböden erreicht (vgl. Kap. 2.1.5.). Als

Stickstoffliefernde Fruchtfolgeglieder werden Mais und einjährige

Leguminosen verwandt, als Trockenkulturen auch Weizen und Futtergetreide

(ANDRBAB 1971, S. 207, PIACCO 1971, S. 53 und TINA-

RELLI 1973, S. 76f.).

Ob die intensive Verwendung von Pestiziden das agrarökologische

Gleichgewicht auf lange Sicht in Gefahr bringt, ist schwer vorauszusehen.

Daß in Südostasien jahrzehntelanger Dauerreisbau

("ewiger Reisbau") erfolgreich betrieben wird, ist wegen der dort

weitgehend fehlenden chemischen Unkrautbekämpfung und Mineraldüngung

kein brauchbares Indiz dafür.

D i e R W M - u n d R D W - S u b a r e a l e . Den unzureichenden

Bewässerungsmöglichkeiten oberhalb des Canale Cavour entsprechend,

tritt im Westteil der Prov.inz Vercelli (RWM) der Reisbau

zugunsten des Weizen- und Maisbaus zurück und nimmt im Gebiet

zwischen Livorno Ferraris und Santhia nur noch 40-601 der LF

ein. Auch in der Sesia-Niederung zwischen Gattinara und Ghislaren-

go (RDW), die vom Lokalklima nicht sehr begünstiget ist (Kaltluftvorstöße)

, wird dem Reisbau nur etwa ein Drittel der LF Vorbehalten.

4.5.3. Die vom Reisbau geprägten Anbauareale zwischen Sesia

und Lambro

Die mehr oder weniger vom Reisbau geprägten Anbauareale zwischen

Sesia und Lambro (RFDW, RFMPW, RP, RPW, PRWOM), die im Süden nicht

über den Po hinausreichen, bilden den Übergangsbereich zwischen

dem piemontesischen Reisbau- und dem lombardischen Futterbaugebiet.


- 210 -

i-i


Abb. 21; A grarstruktur unc( Landnutzung In der Lom elllna

(A u ssch n itt aus der G em arkung von M ede/P A V IA )

Haupt- oder Nebenstraße

{strads prav/nc/a/e o vlolnale)

Feld- und Zufahrtsweg

Bewässerungskanäle:

Verteilerkanal (foggia)

Feldkanal {canalettl)

Wohnbebauung

--------- Paizellengrenze

0 60 tOO I M 200 2S0m

Bodennutzung (1978)


Pappel

Sonstiges

(Gärten, Mals u.a

Entwurf und Zeichnung: H. Maler

Die Agrarstruktur der Lomelllna, der B assa Planura zwischen Sesla und Tessin, wird von durchschnittlich 100-200 ha groOen

Besitzeinhelten und großglledriger Blockflur geprägt. Oargestellt Ist ein Teil eines 300 ha umfassenden Famlllenunternehmens

(Socletä F.lll BesostrI), das aus vier, einst getrennt von Qeldpäohtern bewirtschafteten Höfen besteht. Die zu den Cortl gehörende

regelmäßige Qroßblockflur mit 10 -15 ha großen Feldeinheiten steht in auffälligem Gegensatz zu den schmalstrelflgen Parzelien-

Komplexen der ehemaligen Landarbeitersiedlung Goldo^ Oie Spezialisierung der Bodennutzung auf Reis und Pappel ist eine konjunkturbedingte

Entwicklung der letzten 10-20 Jah re (Kap.4.5.3.). Sie hängt also primär nicht mit den ökologischen Gegebenheiten

und den vorzüglichen Bewässerungsmöglichkeiten zusammen.


- 212 -

Im Anbauareal unmittelbar östlich der Sesia (RP) hat die Pappel

(10-301 LF) neben der Reiskultur (40-50% LF) die größte Verbreitung.

Doch ist sie auch in den übrigen Anbauarealen der Lomellina

(RPW, RFMPW), in der Ebene von Pavia (FRWPM) und in der Pianura

Casalese (PW) auf etwa 10% der LF anzutreffen. In diesen Gebieten

hat die Pappelwirtschaft in den 50er und 60er Jahren ihre größte

Ausdehnung erfahren, als der Reisbau infolge Arbeitskräftemangel

und Absatzschwierigkeiten in eine vorübergehende Krise geriet

PBG0-RA-1-9-6-3-,-^S_.__m)_,______ _

Die Pappelkultur (pioppicoltura) ist in der Poebene kein Zweig

der Forstwirtschaft, sondern der Landwirtschaft. Als Flurholzfläche

wird sie von der italienischen Statistik der LP zugerechnet.

Während die in Oberitalien heimischen Arten Schwarz- und Weißpappel

(Populus nigra und alba) und die hochaufragende Pyramidenpappel

(Populus italica) früher nur entlang von Grundstücksgrenzen,

Wegen und Kanälen gepflanzt wurde (pioppicoltura di -ripa), hat

man es heute mit spezialisierten Pappelpflanzungen zu tun (piop-

peti specializzati; vgl. PROVAGLIO 1960, S. 12). Diese sind nicht

nur auf grundwasserfeuchte Flußniederungen beschränkt, sondern

auch im Bereich von Ackerbaustandorten zu finden. Für die Pflanzungen

werden schnellwüchsige kanadische Arten verwendet, die auf

dem Wege der Hybridisierung gewonnen werden (cloni; vgl. PROVAG­

LIO 1960, S. 22) 86)

Das Reis-Futterbauareal des Milanese (RFDW)

■r:

In den 60er Jahren, als die Abwässer von Mailand und die den Mailänder

Verdichtungsbereich querenden Flüsse (Olona, Lambro) noch

bedenkenlos zur Bewässerung von Reisfeldern genutzt wurden, waren

die Anbauverhältnisse des südwestlichen Milanese mit denen des

Novarese vergleichbar, 1970 nahm jedoch der Reisbau nur noch etwa