De:Bug 181

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04.2014

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181 — 3

IND€X

16

"Seitdem van Gogh 1886 Arbeitsschuhe

malte, über die Heidegger, Schapiro

und schließlich auch Derrida schrieben,

hoffen wir in und an Arbeitsschuhen nicht

nur Dreck, sondern auch Wahrheiten zu

finden."

Mercedes Bunz

de:bug 181

04.2014

MANIFEST

Hallo Masse: Fazit Masterplan — 06

Selfies: Die überwältigende Schönheit der Autoren — 08

Dietmar Dath: Battleship Literatur — 12

Alexandra Dröner: Hype & Hate — 14

Mercedes Bunz: Arbeit & Hosen — 16

Anton Waldt: Vom Paläolithikum raven lernen — 20

Jan Joswig: Abzweig Ausstieg — 22

Diedrich Diederichsen: Der blinde Fleck — 24

Stefan Heidenreich: Was nach dem Geld kommt — 26

Leif Randt: Postpragmatischer Spaß — 28

Hendrik Lakeberg: Work, don't cry — 30

Timo Feldhaus: Her majestys smarte Hose — 22

Felix Knoke: Nacht macht Vergessen — 34

12

"Ich denke manchmal: Warum sind die

Schriftstellerinnen und Schriftsteller nicht

viel arroganter? Warum sagen sie nicht

Sachen wie: "Schön, dass ihr auch endlich

kommt!" zu den Sounds, Bildern und

Videos, die jetzt Dank allerlei Digitalkram

endlich auch embedded, shared, remixed

werden, was es doch bei Texten seit lange

vor Jesu Beschneidung gibt."

Dietmar Dath

34

36

"Es ist ja nicht Wut,

es ist Hass. Aber auch

die Wut wird immer

scheußlicher. Es ist nicht

mehr kommunizierbar. Bei

jungen Menschen ist Wut

eine schöne Sache, später

eigentlich nicht mehr."

Rainald Goetz

68

"Ihr kennt sicher das Gefühl, Menschen,

die ihr noch nie gesehen oder getroffen

habt, näher zu sein als euch selbst.

Sich verbunden zu fühlen mit ihren

berauschenden Gedanken, ihre Euphorie

zu teilen über Dinge, die uns wenig

später ebenfalls erreichen."

Michael Horn

SPREAD

Rainald Goetz: Spekulativer Authentizismus — 36

Wolfgang Tillmans: Printing Press Kardiogram — 42

NOCH MEHR MANIFEST

Markus Beckedahl: User aller Länder, vereinigt euch — 50

Johannes Grenzfurtner: Teledildo rein — 51

Ji-Hun Kim: Ben kommt runter — 52

Sascha Lobo: Tschüss, elektronische Lebensaspekte — 54

Mario Sixtus: Upworthyisms — 56

Und jetzt alle: Rewind! — 58

Benjamin Weiss: Digital ist auch nicht schlecht — 62

Manifeste RELOADED

Bruce LaBruce: Purple Resistance Army — 64

Weise7: Critical Engineering — 65

BEKENNTNISSE

Michael Horn: Lieblingsausgabe? 182! — 68

Jan Wehn: Zimtreis mit dem Technohochstapler — 70

Reisende Redakteure: Mission De:Bug — 72

REVIEWS

Plattenbesprecher: Konzeptalben für die Insel — 76

Reviewmönch: Am Nullpunkt der Reviews — 80

FINALE

A Better Tomorrow: Neu! Jetzt auch als Poster — 82

42

"Wenn dieser beschauliche Garten

gänzlich gejätet und umgegraben ist und

nichts mehr wächst - dann kann man

endlich wieder darauf tanzen und auf den

Morgen scheißen. Denn der wird niemals

kommen, wenn immer Nacht sein kann."

Felix Knoke

"Bestes Beispiel Sascha,

der mir bewies, dass Promo-

Stapel auch dann noch

einsturzsicher sind, wenn

sie höher als einen Meter

gen Bürodecke ragen."

Jan Wehn


DE:BUG


Q.E.D.

B.U.G.

WE DIDN'T ALWAYS SHARE

THE SAME OPINION,

BUT AT LEAST WE ALL HAD AN OPINION.

WE WILL GREATLY MISS YOURS, DE:BUG.

WORDANDSOUND AND THEIR LABELS

PROLOGUE/SUPDUB/ORNAMENTS/STIL VOR TALENT/

MINIBAR/CUT MISTAKE/FUTURE CLASSIC/MO’S FERRY/

FLOPPY FUNK/DIRT CREW/S P I E L/SOUVENIR/BURLESQUE/

ART OF MEMORY/HERAKLES/CADENZA/ARMS & LEGS/UPON.YOU/

DEEP VIBES/FULL PUPP/INTERNASJONAL/ RUNNING BACK/

SMALLVILLE/ COCOON/CIRCUS COMPANY/WATERGATE/

MACRO/DER DRITTE RAUM


6 — 181 — LETZTE WORTE

Fazit

Masterplan

Hallo Masse, Wir freuen uns wie

Bolle! Weil De:Bug viel länger

funktioniert hat, als es nie geplant

war. Natürlich auch weil jetzt jede

Menge neue Knusperecken locken. Und

nicht zuletzt weil der Tanz auf dem

eigenen Grab eine richtig gute Party

sein kann, wenn die richtigen Leute

auflegen und schlaue, bewegende

und überhaupt hörenswerte

Leichenschmausreden geschwungen

werden, wie in dieser letzten Ausgabe.

Wenn wir geahnt hätten, wie fluffig sich so eine eigene Beerdigung

anlässt, hätten wir uns schon vor Jahren spektakulär in Luft

gesprengt, oder doch erst vor ein paar Monaten? Nein, hätten

wir nicht, denn in Wirklichkeit bricht uns das Magazin-Ende

natürlich das Herz. Aber eben nur einerseits und ein ewiges

Basisparameter auf diesen Seiten ist ja, dass es immer auch

Andererseitiges gibt. Ständig scharf auf neue Zukunft, aber ein

Faible für Ultralangstrecken. Es ist wie immer wie Techno, die

hohe Schule der Kreisquadratur.

Neue Anfänge

Wollten wir immer, haben wir inhaltlich auch öfters hingekriegt.

Sonst gerne mal nicht, vieles musste über Jahre durchgemogelt

werden. Aber das ist wohl die Schattenseite des Gegegenteilauch-geil

immer auf Tasche haben. Oder, wie Sascha Lobo es in

seinem Text (Seite 54) feinfühlig formuliert: Janusköpfig ist nur

einen Buchstaben entfernt von anusköpfig. Wir waren zu radikal

um ernsthaft radikal sein zu können, zu albern um an die Strenge

einer Linie zu glauben, zu normal um prompt vor die Wand zu

fahren. Eine Zeitung machen ist aber wohl im besten Fall sowieso

wie ein Schwebezustand. Etwas aushalten, das eigentlich nicht

auszuhalten ist und das auch noch gerne. Seit wie vielen Jahren

wollten wir schon rein digital werden? Und dann doch wieder Tüte

aus Zeitung gebaut, rührende Treue zum Papier bewiesen, nur um

es mit cellulosezersetzenden Unerhörtheiten vollzudrucken.

Ein besseres Morgen

De:Bug wollte immer nach vorne blicken. Haben wir auch reichlich,

trotzdem das Orakel frisch von der Leber oft genug zum Piepen

war, oder wenigstens zum Kichern. Wozu es natürlich auch prompt

wieder ein Andererseits gibt: Manche Dinge muss man halt ein paar

Jahre sacken lassen, bevor man weiß, ob sie wirklich so stattfinden.

Beim Schreiben galt aber trotzdem die Notwendigkeit total, Dingen

immer jetzt sofort auf den Grund zu gehen. Wer über ein Phänomen

stolpert, hat umgehend rauszufinden, was sich damit machen lässt,

welche Aus- und Nebenwirkungen es entfalten könnte und dann:

Lass es raus. Und rein in den Text. Eben den Text als "Medium

des Möglichen, Erwünschten und Erträumten", dessen Potentiale

Dietmar Dath erklärt (Seite 12).

Neusprechen

Kommt man nicht drumherum, beim Hantieren mit Zukünften,

beim Sondieren des jetzt plötzlich doch möglichen, oder auch

beim Neuformatieren des Archivs. Also an flottierenden Worten

rumfrickeln bis es passt oder - Schwamm drüber - neues Wort in

die Versuchswelt droppen. Oder alte Worte recyclen, zum Beispiel

Lebensaspekte, das früher immer mit "c" geschrieben wurde,

damit es ja niemand mit Lifestyle verwechselt. Alte Worte, neue

Worte, viele Worte um Nichts, vor allem weil sie sein müssen: Das

Printmagazin als offenes Feld, in dem man driften und tasten darf,

in dem niemand gleich kommentiert (Leif Randt, Seite 28).

Perfektionismus

Haben wir das perfekte Magazin gemacht? Haben wir eine einzige

perfekte Ausgabe produziert, in der wirklich alles stimmt? Ersteres


FOTO BROX + 1

180 — 7

vielleicht manchmal, letzteres eindeutig nicht, allein schon wegen

des hartnäckigen Perfektionismus-Trolls, der sich 1997 prompt im

Büro eingenistet hat, wo er sich bis heute mit dem Fünfe-grade-

Zwerg epische Battles liefert. Denn Scheitern muss dabei sein, weil

Fehler oft lustig sind und manchmal auch nur einfach schön, aber

auch weil ohne Einsatz alles nichts wert ist. Debuggen ohne Fehler?

Was bliebe einem dann noch zu tun? Geflügeltes Wort der De:Bug

Beauty Operators: Es muss auch mal richtig Scheiße aussehen!

Bauchklatscher mit Ansage, die zu Klassikern wurden: "Die Zukuft

ist das neue Ding!" Dabei hat Scheitern eine merkwürdige Nähe

zum hirnlosen Optimismus, den es zu pflegen gilt, trotz und wegen

allem, was in den letzten zwei Jahrzehnten so richtig schief gelaufen

ist. Scheitern als Chance eben.

Fan sein

Statt Fanzine. Wir waren gelegentlich gerne zu nah dran.

Objektivität, Distanz, diese Regeln des guten Journalismus, die

man aller Orten so oft versagen sieht, vor allem wenn es um

kulturelle Dinge geht, in denen die Distanz selbst zum objektiv

zu beleuchtenden Ding werden müsste, statt hinter ihrem zu

wahrenden Gesicht einfach nur als blasse Meinung in der

Verkleidung der Macht aufzuscheinen. Wir waren dabei, als Leser,

Hörer, Partygänger, Labelmacher, DJs, Drogenschlucker, letzter

auf der Afterhour. Und wenn wir auf Abstand waren, wollten wir

meistens einfach auch nicht hin.

Haltung

Programm? Philosophie? Lieber nicht. Aber es gibt eine Haltung,

einen Kern. Eine Grenze, die man nicht überschreitet, auch wenn

man sie nie genau ziehen kann. Wenn wir uns irgendwelchen

Zwängen beugen mussten, dann mussten wir die Zwänge auch ein

wenig zurück beugen. Selbstbeherrschung stand immer schon auf

dem Titel. Auch das eine Folge merkwürdiger Bedingungen. Naiv

wie wir waren, dachten wir am Anfang von De:Bug, so eine Zeitung,

die braucht einen Dreisatz von Themen: Musik, Medien, Kultur.

Allgemeiner und platter ging es nicht. Das war nicht auszuhalten.

Da fehlte was. Und wenn einem was fehlt, dann springt diese

Haltung an und sagt so Dinge wie: Selbstbeherrschung.

Wir hatten doch noch was vor.

Kennt ihr die Platte Wir hatten doch noch was vor von classless

Kulla & istari Lasterfaher auf Sozialistischer Plattenbau? Am

Cover prangt eine Todo-Liste:

Wäsche waschen

Müll runter

Kommunismus

Weltraum

Dermaßen straight waren unsere Prioritäten allerdings nie. Und

natürlich haben wir völlig vergessen diese Platte, die eigentlich

Platte des Monats hätte werden MÜSSEN, zu besprechen, ohne

dass wir gewusst hätten warum. "Wir hatten doch noch was vor"

wird für immer diese Leerstelle bleiben, an der wir uns bei allen

entschuldigen, die nicht ihren gebührenden Platz erhalten haben.

Schnittstelle zum Glück

Ihr wisst schon, Grenzen überschreiben, oder richtiger:

überschreiten, Zusammenhänge finden, wo keine waren, weil früher

oder später läuft eh alles zusammen. Ästhetik, Technik, Drogen,

Musik, Theorie, Politik, Absurditäten, Geld, kein Geld … Wenn es

eine Welt der Zukunft geben soll, dann sicherlich eine, in der nichts

mehr nicht zusammenhängt. Gelegentlich ist das die Schönheit der

Kontingenz, manchmal treten sich aber alle auch nur auf die Füße

und wenn man Pech hat, ist Krieg der Knöpfe.

für ein besseres morgen,

de:bug


Michael Aniser

Ann-Kathrin

Obermeyer &

Adrian Crispin

Ingrid Arnold Lea Becker Benedikt Bentler Christian Blumberg Tim Caspar Böhme

Dea Dantas

Verena Dauerer Rachel de Joode Fabian Dietrich Michael Döringer Alexandra Dröner Friedemann Dupelius

Andreas Gehrke

Elisabeth Giesemann Gene Glover Johanna Grabsch Lars Hammerschmidt Marcus Hauer Thaddeus Herrmann

Jan Joswig

Jan-Ole Jöhnck Julia Kausch Jin-Hun Kim Christian Kinkel Peter Kirn Tobi Kirsch

Sulgi Lie

Jonas Lindstroem Aram Lintzel Aram Lintzel Mari Lippok Lotta Sebastian Mayer

Philipp Rhensius Janko Röttgers Andreas Sachwitz Bjørn Schaeffner Kerstin Schäfer Viviana Tapia Oliver Tepel


Brox +1 Andreas Brüning Mercedes Bunz Claudia Burger Wenzel Burmeier Andreas Chudowski Martin Conrads

Feed Eberhard Bassdee Eberhard Jonas Eickhoff Phillipp Ekardt Andreas Ernst Timo Feldhaus Nina Franz

Renko Heuer Bianca Heuser Jan Rikus Hillmann Sebastian Hinz Christoph Jacke Julian Jochmaring Rene Josquin

Nils Knoblich Felix Knoke Malte Kobel Sascha Kösch Chris Köver Leon Krenz Philipp Laier

Me Raabenstein Natalie Meinert Moritz Metz Multipara Tim Nagel Kito Nedo Anne Pascual

Bastian Thüne Anton Waldt Alexis Waltz Jan Wehn Benjamin Weiss Sebastian Weiß Christian Werner


12 — 181 — MANIFEST

»In vier Wochen

hatten durch Spam

nicht weniger als 6.000

Personen pimmelblähende

Pastillen geordert.«

Mario Sixtus

Januar 2004

De:Bug 78

PFUI TEUFEL! KARL KRAUS, 12. JUNI 1936

Pick

your

battles /

Veteran

Wort


TEXT DIETMAR DATH

Dietmar Dath ist Deutschlands

bester SciFi-Autor. Seine

Erzählung "Der Minkowski

Baumfrosch" erschien als

Fortsetzungsgeschichte in

den De:Bug-Ausgaben 19 bis

27. Hier entschuldigt sich

der Medien- und Revolutions-

Cheftheoretiker noch einmal

ausführlich nicht für den Text

als Medium des Möglichen,

Erwünschten und Erträumten.

In meinem Büro bei der mittelgroßen Zeitung klebt ein,

mit dem Handy selbstgeknipstes Schaumbadfoto der

lesbischen Porno-Regisseurin Lily Cade auf einem Bild des

nachdenklich lächelnden Schriftstellers H.G. Wells. Neben

Ms. Cade guckt Joanna Russ ein bisschen skeptisch,

die beste Science-Fiction-Autorin aller Zeiten, die mit

Mr. Wells die Themen gemeinsam hat und mit Ms. Cade

die Liebesorientierung. Diese drei, und ein paar andere,

umgeben mich auf Bildern und mit Büchern, wenn ich das

schreibe, was sich am übernächsten Tag schon wieder

erledigt hat, damit ich nicht vergesse, es ihnen gleichzutun:

Mach das, was du wichtig findest, bleib dran, wenn es

anfängt, zu ruckeln, und pick your battles, wie der alte

Bratzelkopp Robert De Niro neulich dem etwas jüngeren

Weltordnerstreber Barack Obama hat ausrichten lassen.

Der Minkowski Baumfrosch

Man kann sich nicht mit allen anlegen, die dem Wahren,

Schönen und Guten im Weg stehen. Aber man soll sie

auch nicht alle laufen lassen. Mein Job ist Literatur,

auch als Journalismus – das soll gar kein Maßstab für

andere sein die schreiben, es gibt ja auch Leute, deren

Job umgekehrt Journalismus ist, selbst als Literatur, und

einige von denen haben jedenfalls mehr Wertvolles und

Nützliches hingestellt als ich. Aber Literatur, was soll ich

sagen, it’s the battle I picked, und der Rest ist dann die

Frage, an welchem Frontabschnitt gerade was genau

passiert, für was, gegen wen.

180 — 13

anhören. Die Tugend guter Zeitschriften und anderer

regelmäßig erscheinender Wortmeldungen zu aktuellem,

heißem Scheiß ist doch in Wirklichkeit immer die über

diesen heißen Scheiß vermittelte Welterschaffung

statt irgendeiner braven Welterschließung, also die

Kommunikation von Haltungen, nicht die Mitteilung von

Kennziffern und Eigennamen der Produktzirkulation.

Angebrachte Arroganz

Neuerdings popeln wieder allerlei mehr oder weniger

Zuständige und Unzuständige, darunter behämmerterweise

dann leider auch ich, in der deutschen Gegenwartsliteratur

herum, im Sinne einer Debatte (oh good lord, can we

please kill this word now?) darüber, ob in besagter

deutscher Gegenwartsliteratur nicht dringend mal eine

ganz irre Überraschung untergebracht gehört, oder ob

da nicht wenigstens irgendwo ein Widerspruch klebt, mit

dem man sich die Sterbensödnis bis zum nächsten Zeitjob

verkürzen kann. Diese deutsche Gegenwartsliteratur

wundert sich dann mit Recht, dass man ihr immer nur

auf den Bauch guckt, also in die eigentlich ja eh nur als

Zwischenschritt interessanten Ideen der Autorinnen und

Autoren, statt direkt ins Gesicht, also dahin, wo zum

Beispiel gerade Netz und Zeitschrift und Zeitung und Buch,

lauter grundverschiedene Gesichtsmuskelstränge, ganz

komische Grimassen schneiden. Ich denke manchmal:

Warum sind die Schriftstellerinnen und Schriftsteller

nicht viel arroganter? Warum sagen sie nicht Sachen wie:

"Schön, dass ihr auch endlich kommt!" zu den Sounds,

Bildern und Videos, die jetzt Dank allerlei Digitalkram

endlich auch embedded, shared, remixed werden, was es

doch bei Texten seit lange vor Jesu Beschneidung gibt.

Stattdessen entschuldigen sich dauernd alle für alles:

Die Buchmenschen, weil man sie noch nicht anklicken

kann, die Netzleute, weil sie noch nicht rausgefunden

haben, wie man für anständige Arbeit anständig bezahlt

wird, die Journalistinnen und Journalisten, weil sie beim

Reader-Scan schlecht abschneiden.

Zum Heulen.

ELECTRONIC BEATS

FESTIVAL

23.05.2014

KÖLN E-WERK

GOLDFRAPP

MILKY CHANCE

JON HOPKINS

MAC DEMARCO

VIMES

Als mich vor, was weiß denn ich, sagen wir:

dreiundvierzig Millionen Jahren die Einladung aus dem

Hause Mercedes und Sascha erreichte, für De:Bug

einen Fortsetzungsroman zu bauen, dachte ich, das ist

ja unfassbar super, da sind doch tatsächlich mal Leute

einerseits ganz nah dran an dem, was nachrichtlich in der

Kultur gerade neu zündet – elektronische Lebensaspekte,

Freunde und Nachbarn – und bringen dann andererseits

wohl gerade deshalb die Souveränität auf, auch solche

Menschen mitmachen zu lassen, die das Schreiben in

Gattungen wie News, Interview, Rezension nur in Notwehr

ausüben und am liebsten einfach erzählen würden.

Schädelquetscher

Mir hat das bei Spex damals echt den Schädel

zusammengedrückt, dass es da diese, seinerzeit immer

noch sehr lautstarke, dabei immer schnell beleidigte und

ansonsten unangenehm eifrig ihre komischen Positionen

mit immer neuen Offensiven gegen sogenannte "Spinnerei"

vertretende Fraktion der organisierten Abdeckerei von

Szene-Geschehnissen gab, dieses ewige, schlimme

"Wir müssen abbilden, was passiert, und dürfen nicht

erfinden, was wir gerne hätten". Ausgerechnet dort - in

einer Redaktion, die doch hätte wissen können, dass

das, was sie da monatlich ins Leben verabschiedete,

für ganz viele Menschen zuallererst Literatur war statt

(auch wenn das als Stoff unbedingt dazugehörte) Service

oder Info - musste man sich diesen Nachfragequatsch

Als Sascha mir gemailt hatte, dass die De:Bug aufhört

und man diese Gelegenheit dazu wahrnehmen wird, sich

noch mal ausführlich NICHT zu entschuldigen, fand ich

das genau richtig.

In alten Büchern steht einiges, was man nur ganz

sachte updaten muss, schon stimmt es wieder – Brecht

zum Beispiel:

Die Schwachen kämpfen nicht.

Die Stärkeren kämpfen vielleicht eine Stunde lang.

Die noch stärker sind, kämpfen viele Jahre.

Aber die Stärksten kämpfen ihr Leben lang.

Diese sind unentbehrlich.

Das ist nicht übel, vorausgesetzt, man kapiert, dass

es auf "stark" und "schwach" nicht mehr so arg ankommt,

seit die Dampfmaschine die Körperkraft ersetzt und das

Internet das "gusseiserne Gedächtnis" (Arno Schmidt) für

trivialen Scheiß aller Art überflüssig gemacht hat. Was

Brecht gemeint haben wird, wenn wir dann irgendwann

(= nie) mal fertig sind mit all den Kämpfen, wird einfach

dies gewesen sein: Man muss die Kämpfe nicht alleine

kämpfen, man muss sie nicht alleine sortieren, man muss

sie nicht alleine gewinnen und verlieren, es sind immer

andere in der Nähe, kurz-, mittel- und langfristig.

Schau dich bloß mal um.

ELECTRONICBEATS.NET


14 — 181 — MANIFEST TEXT ALEXANDRA DROENER

Hype

macht

Hate /

Die

kleinen

ekstatischen

Britzel

Alexandra Dröner schrieb seit

Ausgabe 93 regelmäßig für De:Bug,

2013 war sie ein sehr gutes Jahr lang

Redakteurin und Hype-Expertin. Für sie

sind ES die Nuancen der Wellen- und

Weltbewegungen, die an Bedeutung

gewinnen und die großen revolutionären

Ideen ersetzen. Hyper, hyper.

Wenn nur der schale Nachgeschmack

verpasster Zukunft nicht wäre.

»Taptaptaptatap

oder Taptaptaptatap?«

Felix Denk

September 2001

De:Bug 51

Wenn der Hype in Form eines mittelalten Hipster-

Playboys den Supermarktgang hinuntertänzelt oder

entschieden zu niedliche Fremde beim ersten Kuss

beglotzt, wissen wir natürlich sofort was los ist:

Da will uns jemand mit unserer eigenen Coolness

ködern, unsere Ahs und Ohs antriggern und unsere

Finger auf den Teilen-Button zwingen. Wir werden zu

braven, billigen Hypesoldaten im Auftrag gewiefter

Marketingstrategen. Die drängelige Hysterie der

Hypemaschinisten quillt aus allen Ecken, jedes

Katzenvideo will dir mindestens den Verstand

wegsprengen, jede Meldung die beste deines

Lebens sein, während ein Hologramm von Kanye

West an deiner Haustür klingelt, um dir ganz

persönlich seine neue CD mit den Brüsten seiner

Kindesmutter in die Hand zu drücken. Soviel Hype

war nie. Da wäre der Rückzug in einen katatonisch

verkrampften Kulturpessimismus verständlich, wenn

nicht sogar angeraten, würden wir nicht immer noch

und immer wieder diesen kleinen, ekstatischen

Britzel verspüren, wenn uns in all dem Summen und

Rauschen doch etwas unterkommt, das wir genau

so noch nicht gesehen oder gehört haben. Unsere

Antennen ragen steil nach oben, wenn uns plötzlich

von irgendwoher dieses seltsam photogeshopt

wirkende Alien-Gesicht von FKA twigs ansingt, oder

alle Welt nach dem beatlosen Track eines, wie man

hört, minderjährigen Typen namens Sophie tanzen

will. Wir schmelzen dahin und haben das untrügliche

Gefühl: Es geht weiter!

Denn das ist es, was wir wollen - wir wollen Zukunft.

Auch, und gerade weil wir genau wissen, dass wir

uns schon seit den ausgehenden 199ern in einer

zweifelhaften Zeitschleife befinden, in der Neu immer

nur als eine Neuformulierung von allem was war und

ist zusammengepuzzelt wird, sind es die Nuancen der

Wellenbewegungen, die an Bedeutung gewinnen und

die großen revolutionären Ideen ersetzen.

Enttäuschung

Das Ritual des Hype ist uns eingeschrieben. Als

Public Enemy Ende der 198er Jahre den Kampfesruf

"Don’t Believe The Hype" in unsere vom Punk noch

anarchisch gestimmten Genome meißelten, war es

längst zu spät. Wir hatten dem Hype bereits geglaubt

und waren belohnt worden: mit den Beatles, mit den

Sex Pistols, mit Public Enemy. Lebensverändernde

Musikrevolten mit immensem Distinktionspotential

für ihre Anhänger. Der Hype als eingelöstes

Versprechen mit jeder Menge positiven Learnings,

für die Presse, die Plattenfirmen und die Fans.

Diese inzwischen anachronistische, aber immer

präsente Hoffnung auf das große Neue führt in

der gegenwärtigen, stakkatohaften Gleichzeitigkeit

von Mikrohypes aber auch dazu, dass wir immer

schneller und eindringlicher enttäuscht werden. Der

Hater tritt auf den Plan. Wir, die wir gerade noch

elektrisiert waren vom aufregenden Jetzt, werden

von der Leere der Überdosis Hype übermannt wie

Phantasien vom Nichts. Die Erde hat nicht gebebt,

der Beat hat keinen neuen Takt und wir wenden uns

von der vermeintlichen Sensation genauso schnell

wieder ab, wie wir ihr gerade noch auf Soundcloud

gefolgt sind.

Hass

Natürlich, der Hass ist kein neues Symptom. Der

Leserbrief an die Bravo, wie doof Modern Talking

sind oder wie scheiße man das dritte Soft-Cell-

Album findet, wird nun übereffektiv ersetzt von

unseren ständig funkenden sozialen Kanälen,

über die wir unsere Erhabenheit über dieses oder

jenes hippe Phänomen weithin sichtbar machen

können. Gerne übrigens auch direkt beim Künstler

selbst, was dann, wie gerade im Fall von Sky

Ferreira und ihrer flammenden Rede gegen die ihr

zugeschriebene Internettrolle geschehen, gleich

wieder den Hype füttert. Hype und Hate folgen ganz

ähnlichen menschlichen Bedürfnissen: Abgrenzung,

der Herauskehrung vom überlegenen Spezial- und

Geheimwissen oder Gruppenbildung - der Mob

glücklich vereint in seinem Hass gegen Skrillex

zum Beispiel (wobei es im Übrigen, wie uns eines der

vielen Hype-Medien versichert, inzwischen wieder

"out" sei, ihn zu hassen, pünktlich zum Release-Date

seines neuen Albums). Egal wie hohl, gekauft und

leer sich die allermeisten Hypes auch herausstellen,

wir machen weiter mit unserer Suche nach dem

nächsten Trend, der nächsten Jugendbewegung,

dem heißen Scheiß. In einer Popkultur ohne

Leitmotiv, einem Underground ohne verbindlichem

Feindbild, sind es die vielen kleinen Regungen, die

uns die Welt und das was kommt verständlicher

machen. Unsere eigene Roadmap, auf der wir die

Punkte zwischen Seapunk, gestohlenen R&B-

Schnipseln, der Glorifizierung des Normalen und

einer plündernden Fashion-Meute bei einer Chanel-

Show verbinden können und plötzlich wissen, was

wir morgen gerne zu Mittag essen wollen.


16 — 181 — MANIFEST

Arbeit,

Jeans und

ganz viel

Entfremdung

NICHT SCHIESSEN! ROSA LUXEMBURG, 15. JANUAR 1919

»Keine Frage:

Wir sind Schmarotzer.

Content-Mörder.

Allesamt.«

Janko Roettgers

Januar 2003

De:Bug 67


TEXT MERCEDES BUNZ 181 — 17

Mercedes Bunz ist

Mitgründerin und strenger

Aufsichtsrat der De:bug

GmbH. mit Dutt, Foucault

unter dem Arm und Hackney-

Akzent, arbeitet SIE als

Projektleiterin an der

Universität Lüneburg an

neueR Medienforschung

im Jetset zwischen

Vorträgen und ihrer

englischen Wahlheimat.

Arbeit, was kann das noch

sein?, fragt sie zu Recht

in ihrem Abschiedstext

und sucht nach den

Resten des Widerstands

in der Entfremdung.

Probier das mal: Wenn du das nächste Mal sehr früh aufwachst,

Morgengrauen und so, öffnest du die Augen nur ein ganz klein

wenig. Bewegst dich nicht. Genau, nicht rekeln. Einfach so tun,

als ob man noch schläft und gut die Ohren spitzen, während

sich die Gedanken anstelle der Träume im Gehirn versammeln.

Was hörst du?

Genau, es knirscht. Kontinuierlich. Das ist der grummelnde

Grundton, der seit einiger Zeit dein Leben begleitet. Die Balken

der Diskurse biegen sich, das ganze System wird umgewuchtet,

gleich einem Schiff, das nach einer Halse sein Gewicht auf die

andere Seite verlagert. Wir haben die Bewegung kaum gemerkt,

und doch kann man die Veränderungen nicht mehr ignorieren:

Die Logiken, in denen wir leben, sind nicht mehr modern. Für

Theoretiker und Theoretikerinnen ist das natürlich toll. Es

gibt Arbeit für sie. Bei diesem Wendemanöver ist jede Menge

durcheinander geraten. Das Gleichgewicht der Begriffe hat sich

verschoben. Bezugspunkte liegen wie umgekippte Schränke im

Weg und behindern ein Weiterkommen. Lieb gewonnene Begriffe,

einst strahlende Blickpunkte, hängen jetzt, nassen Lappen

gleich, mutlos herab und verstellen die Sicht – die menschliche

Perspektive kommt auch im digitalen Zeitalter nur langsam

hinterher. Macht nichts. Wir haben Zeit, ein ganzes nächstes

Jahrhundert.

Ich will erstens über Arbeit reden, dabei zweitens aufzeigen,

was sich verändert hat, auf welche Weise der Begriff Arbeit in der

Welt sitzt und drittens beobachten, was uns diese Veränderung

über den Diskurs sagt, dem wir beiwohnen. Selbstbestimmung

und Kreativität gehörten dabei zu den ersten Begriffen, an

denen das neue Monster – das derzeit herrschende System

– seine Narration erfolgreich ausprobierte. Selbstbestimmung

und Kreativität wurden – einst deutlich emanzipativ konnotiert

– semantisch enteignet. Dass hier tatsächlich eine neue

Diskurslogik am Werk ist, merkt man auch daran, dass Negation

auf einmal keine Option mehr ist. "Selbstbestimmung – nein

Danke" wurde natürlich kein Slogan. Die alte Technik der Dialektik

– Negation – läuft im neuen System ins Leere, was aber nicht

gleich heißt, dass wir im Zeitalter der Postdialektik gelandet sind.

Gelandet sind wir jedoch irgendwo anders, denn die diskursiven

Waffen des alten Systems funktionieren nicht mehr. Und man

kann sogar eine Erklärung dafür finden, wie so eine Veränderung

passieren konnte, ohne dass wir gefragt wurden oder das

Bundesverfassungsgericht darüber beriet.

Es scheint, als hat man jenen Trick angewendet, den

der Philosoph Giorgio Agamben als "Signatur" beschreibt:

"Signatures move and displace concepts and signs from one

field to another without redifining them semantically." Anders als

der Poststrukturalismus, der Begriffe geradezu frontal angriff

und unwiderruflich aufbohrte, Autoren für tot erklärte und für

jede Menge Diskurswirbel sorgte, passierte nach vorne heraus

semantisch gesehen eher wenig. Niemand schrieb aufgeregte

Feuilletondebatten. Dennoch merken wir, dass sich das gesamte

System verschoben hat. Konzepte wie Selbstbestimmung und

Kreativität finden sich versetzt, aber semantisch nicht neu

definiert. Thus we are displaced, no doubt, wir sind verschleppt

worden, und befinden uns in der Hand, beziehungsweise der

Logik eines neuen Diskurses, dessen Eckpunkte wir grob

folgendermaßen abstecken können.

Wirtschaft ist die neue Politik.

Effizienz ist die neue Ideologie.

Globalisierung ist die neue Geschichte.

Innovation ist der neue Fortschritt.

Und Arbeit ist die neue Identität.

Arbeit steht im Zentrum des neuen Systems, in dem wir

uns jetzt befinden, was man schon daran bemerkt, dass es zu

ihr kein Außerhalb gibt. Das Ich wird zu einem Unternehmen,

das sich durch andere Logiken, Liebe etwa, nicht mehr mitreißen

lässt. Die Literatur kommt nicht mehr als Rettung infrage.

Das Dachgeschoss ist ausgebaut. Die Liebe kann vielleicht

Klassenschranken sprengen, gegenüber der Arbeit ist sie

machtlos. Um dem Agieren der Macht und der Bewegung des

Diskurses auf die Spur zu kommen, machen wir einen Umweg

über eine Arbeitshose, die Jeans. Oft ist es ja so, dass sich im

Zentrum alles verknäult, weshalb man am Rande besser sehen

kann. Deshalb blicken wir nicht auf die Arbeit selbst, sondern

versuchen das, was mit der Arbeit geschieht, von der Arbeitshose

abzulesen. Ausgangspunkt dafür soll ihr Auftauchen in einem

Film sein, in dem es keine Arbeit gibt, zumindest keine gute,

selbstbestimmte: "Out of the Blue" von Dennis Hopper.

Arbeitshosen-Erkenntnisse

Hellblau wie ein Bergsee ist die Jacke, welche die junge Cebe

quer durch den Film "Out of the Blue" trägt. Man könnte auch

sagen: ausgewaschen, doch Dennis Hoppers drastischer Film ist

eine Hommage an die Jeans. Wir schreiben das Jahr 198, das

Ende der Welt und der Hoffnung ist nahe, und die Jeans ist überall

dabei. Während ihr von Schuld und Unfähigkeit verbeulter Vater

die Hose noch zum Arbeiten anzieht, trägt Cebe ihre bergseeblaue

Jeanskluft androgyn angreifend als Aussage durch eine feindliche

Welt: Disco sucks, kill all Hippies. Die Welt ist in Unordnung, und

mit ihr die Jeans. Schon seit Längerem hatte das Jeansmaterial

begonnen, sich von seinem Gebrauchswert unabhängig zu

machen und keine Arbeitshose mehr zu sein, sondern Mode zu

werden, was der Film "Out of the Blue" spielerisch aufnimmt.

Beispielsweise dann, wenn der Film die Daumen lutschende

Raucherin Cebe für das Familienleben herausputzt und dazu in

eine Art Trachtenkleid steckt, jeansblau natürlich. Und so zeigt

sich an der Jeans, wie die einstige Ordnung endet und sich die

Welt auf den Kopf stellt: Out of the blue and into the black. Mit

der Jeans beginnt Arbeit, Mode zu werden, und sie tut das so

ernsthaft, wie die Mode selbst geworden ist – schon lange zieht

man ja Sachen nicht an, sondern "ist" sie – man ist von seinen

Sachen nicht zu trennen, genauso wie man von seiner Arbeit

nicht mehr zu trennen ist. Und hier stoßen wir auf unsere erste

Hosenerkenntnis: Damit ist uns etwas abhanden gekommen, was

wir eigentlich nie haben wollten, jetzt aber schmerzlich vermissen:

die Entfremdung.

Wir reden über Kreativität und Selbstbestimmung, denn wir

sind schockiert, diese alten Werte jetzt wirkmächtig auch auf der

fiesen Seite zu finden. Aber die Entfremdung, jenes Moment,

das die Arbeit bislang immer begleitete, vermissen wir nicht,

und das ist ein Fehler. Schon Hegel wusste, man entkommt ihr

nicht: "Alles, was im Himmel und auf Erden geschieht – ewig

geschieht –, das Leben Gottes und alles, was zeitlich getan wird,

strebt nur danach hin, dass der Geist sich erkenne, sich selber

gegenständlich mache, sich finde, für sich selber werde, sich mit

sich zusammenschließe. Er ist Verdoppelung, Entfremdung…"

Alles, was geschieht, ist von Entfremdung begleitet, muss von

Entfremdung heimgesucht werden, auch die selbstbestimmte

Arbeit; und in der Tat, so, wie sie seit einiger Zeit an uns

herangetragen wird, erscheint sie uns durchaus befremdend.

Zweite Hosenerkenntnis: Zuerst Arbeitshose, machte

sich die Jeans eines Tages von ihrem alten Arbeitsgebrauch

unabhängig. Sie rebellierte und wurde zur Uniform des Rock ’n’

Roll. Nachdem sie sich als Modewert schick gemacht hatte und

der Stoff nun auch in Form von Jacke oder Hosenanzug ausging,

folgte – einmal zur Aussage geworden – umgehend der nächste

Schritt: Die Jeans wurde Design. Zur Designer Jeans geworden,

verließ sie dann nach der Arbeit auch den angestammten Kontext,

die Körper der sich gegen das Establishment Auflehnenden.

Stattdessen erschien sie an Models und wurde über die

blitzlichtbeleuchteten Laufstege der Modewelt getragen. Dank

doppelter Entfremdung wurde sie zum radical chic. Nicht, dass

sie hier ihren Weg beendet hätte. Mit einer dritten Verschiebung


18 — 181 — MANIFEST

verließ die Jeans schließlich auch ihre

Form und zum Teil sogar ihr Material, den

Jeansstoff. Eine Freundin von mir, Katharina

Tietze, Direktorin für Style und Design

an der Zürcher Hochschule der Künste,

beherbergt gleich eine ganze Sammlung

dieser "Jeansdinge" – darunter finden

sich Jeans-Gummistiefel, also ehemalige

Arbeitsschuhe. Die sind für die theoretische

Arbeit natürlich vielversprechend: Seitdem

van Gogh 1886 Arbeitsschuhe malte, über

die Heidegger, Schapiro und schließlich

auch Derrida schrieben, hoffen wir in und

an Arbeitsschuhen nicht nur Dreck, sondern

auch Wahrheiten zu finden. Allerdings muss

man das Hinsehen erneut lernen, um die

neue Konzeption der Macht zu erkennen.

Slavoj Žižek hat als einer der Ersten auf

das neue Agieren der Macht hingewiesen.

Er hatte, nie faul, einmal wieder die

Verhältnisse verschoben: Während früher

Konsum und Ethik sowie Wirtschaft und

Soziales handlich binäre Oppositionspaare

bildeten, scheinen neuere Erscheinungen

einen verwirrenden Zusammenfall solcher

Gegensätze zu zeigen. Žižeks Beispiel:

Mit dem Kauf eines Starbucks-Kaffees

vergrößert man jetzt nicht mehr nur das

Imperium dieser globalen Kaffeekette.

Dank des verwendeten Fair-Trade-

Kaffees tut man nun auch noch etwas für

die Umwelt und verbessert das Leben von

hungernden Kindern in Guatemala. Žižek

schließt daraus: Der Kapitalismus hat

die Opposition zweier vormals getrennter

Dimensionen zum Einstürzen gebracht.

Er ist in einen postdialektischen Status

eingetreten: Widerspruch zwecklos,

Opposition bereits mit inbegriffen. Doch ist

Žižek dabei ebenso wenig wohl, wie vielen

anderen Linken.

Aber stimmt das wirklich? Sind wir in

eine postdialektische Phase eingetreten?

Als ob sie in alter Tradition gegen die Macht

rebellieren, zeigen einem Jeansdinge auf,

was hier Sache ist. Denn wie viel Jeans

hat man in Jeansdingen vor sich? Wie

die Macht hat auch die Jeans ihre Form

geändert. Doch anders als die Macht

behaupten Jeansdinge nicht, dass sie

dabei eine Jeanshose geblieben sind.

Das zeigt sich uns als nichts anders als

ein jeanshaft angemalter Gummistiefel;

und damit ist sie, die alte Arbeiterhose,

einem dabei behilflich, sich in der neuen

fundamentalen Umordnung zu orientieren

und den Dreck bezeichnen zu können.

Am Starbucks-Beispiel wird sichtbar,

dass der Kapitalismus keineswegs in eine

postdialektische Phase eingetreten ist.

Die gute Absicht wird eingesetzt, um alle

"Der Kapitalismus

hat die Opposition

nicht inkorporiert,

sondern sie nur

außen draufgeklebt,

als schicke Oberfläche"

weiteren Verhältnisse zu verschleiern: vorne

raus Selbstbestimmung, hinten raus ganz

viel Entfremdung.

Umweltschutz, Fair Trade,

Selbstbestimmung und Kreativität sind

allesamt aus der Kritik am Kapitalismus

hervorgegangen. Lange haben sie

den Kapitalismus nicht gestört, bis

sie zu laut geworden sind. Da begann

der Kapitalismus, sich gezielt mit dem

Widerstand aufzubrezeln und dafür die Kritik

fragmentiert zu inkorporieren. Das Ergebnis:

Kritische Kräfte stehen mit einer nun hilflos

ins Leere baumelnden Argumentation

vor der neuen semantischen Aneignung,

finden sie doch den eigenen Widerstand

nunmehr scheinbar auf der Gegenseite

wieder. Ich würde Žižek an dieser Stelle

auch widersprechen: Der Kapitalismus hat

die Opposition nicht inkorporiert, sondern

sie nur außen draufgeklebt, als schicke

Oberfläche: Du lebst im Fortschritt. Es

entsteht ein postdialektisches Konstrukt,

das nicht viel mehr ist als schöner Schein.

Lange hatte sich emanzipative Kritik

als Widerstand verstanden, der gegen

die Macht gerichtet war – und nicht als

eigene Macht, basierend auf eigenen

Grundsätzen, Werten und Idealen. Es gibt

ein Problem, wenn politische Positionen

electronic music

on vacation.

light

house

festival

Porec / Croatia

2014

PRATERSAUNA & FRIENDS PRESENT

lighthousefestival.tv

THE FESTIVAL SEASON OPENER FOR CENTRAL EUROPE & ADRIATIC COAST


181 — 19

sich ausschließlich als Gegner verstehen:

Sie geraten in Gefahr, mit der Aneignung

des Widerstands ins Leere zu laufen.

Oppositionelles Agieren heißt nicht nur

gegen, sondern auch für etwas zu sein

– "politics of prescription" nennt das

der britische Philosoph Peter Hallward,

dessen Essay zu diesem Thema dringend

zu empfehlen ist – in Zeiten wie diesen muss

man sich mit neuen Sichtweisen bewaffnen.

Denn wir haben es hier mit einem

neuen diskursiven Monster zu tun. Es

zwingt uns, binäres Denken von Macht – für

oder gegen – zugunsten eines vermeintlich

komplexeren Konzepts aufzugeben. Das

braucht neue Ansätze. Einen hilfreichen

Ansatz, das zu meistern, findet man in der

Figur der Diffraktion, wie sie die Philosophin

Karen Barad in ihrem Buch "Meeting the

Universe Halfway" skizziert hat.

Anstelle einer Binarität aus klar

voneinander unterschiedenen Gegensätzen

zeigt sie eine Überlagerung: eben

die Diffraktion. Mit ihr sind die Dinge

voneinander unterscheidbar, aber nicht als

"in sich rein" zu denken: In einer dunklen

Ecke kann es helle Flecken geben, doch

erst, wenn die hellen Flecken die dunkle

Ecke übernommen haben, hat sich ihr

Zustand verändert. Grundlegend bleibt

also eine Dialektik, doch ihr Erscheinen in

der Welt gestaltet sich weitaus komplexer

als in einem "Für und Wider". Das

Auftauchen einer Argumentation "für" auf

der Gegenseite bedeutet nicht, dass sie ihre

Logik fundamental geändert hätte. Genauso

wenig wie ein Gummistiefel nicht zu einer

Jeanshose wird, wenn das Jeanshaftige an

ihm auftritt, um spielerisch Modebezüge

und Arbeitsbezüge aufzurufen. Oder eine

Arbeit nicht selbstbestimmt wird, wenn

die Tätigkeit, nicht aber die Bezahlung mir

ein lebenswertes Leben ermöglicht. Sorry

world, es gibt noch Unterschiede.

Man sieht: Es ist dringend an der Zeit

für eine Erneuerung der Ideologiekritik, die

in der Diffraktion eine neue Figur finden

könnte. Oppositionelle Anliegen mögen

sich wie die Jeansdinge aus ihrem Kontext

und ihrer Form bewegt haben, doch wenn

sie sich der Logik des Profits unterordnen,

verlieren sie sich. Bewaffnet mit der Politik

der Diffraktion kann man das aufzeigen

und so verdeutlichen: Die angeblichen,

"postdialektischen" Verhältnisse sind nicht

eingetreten. Kapitalismus ist mit einem Male

nicht ethisch gut, schlecht bezahlte Arbeit

ist mit einem Male nicht selbstbestimmt.

Dennoch glauben wir das viel zu oft, hat

man uns doch den Begriff entwendet. Ein

Beispiel aus der Praxis: Neulich saß ich in

der Akademie der Künste mit einer Freundin,

die ihre Begabung in einem schlecht

bezahlten Designkonferenzplanungsjob mit

angehängter Pressetantefunktion geparkt

hatte. Die Firma ging mal wieder fast in

Konkurs und schuldete ihr 9. Euro, und

sie damit dem Vermieter die Miete. Die

Idee, die ihr darauf kam, spricht Bände für

den Zustand unserer Verblendung: Nach

Jahren der prekären Arbeit nahm sie sich

nicht vor, endlich mal existenzangstfrei zu

leben, sich also zum Beispiel einen besser

bezahlten Job zu suchen und ein anständig

selbsterfülltes Leben nach Dienstschluss zu

führen. Eingezingelt in einem schwierigen

Jobmarkt, vollgestopft mit anderen

"Kreativen" – Berlin – wollte sie sich als

nächstes einen Job suchen, in dem sie sich

wirklich selbst "ausdrücken" könne.

An absurden Überlegungen wie

dieser sieht man: Die Entfremdung für uns

produktiv einzusetzen, diese Technik ist

uns abhanden gekommen. Wir leben ein

"erfülltes Leben", was aber ja gar nicht

sein kann, weil wir ja alle wissen, dass sich

die Revolution eben nicht ereignet hat und

wir nicht in befreiten Verhältnissen leben.

Man sollte von seiner Arbeit leben können.

Aber Arbeit ist nicht Leben. Arbeit ist zu

einer hochkomplizierten Begriffsmaschine

geworden, die aus den Fugen geraten ist.

Zum Beispiel, weil wir bald nicht mehr

zur Arbeit gehen können, wenn sich Dank

Digitalisierung nach der Arbeitszeit auch

der Arbeitsplatz beginnt aufzulösen.

Zum Beispiel, weil die noch

verbliebenen Reste unseres Arbeitsbegriffs

auf den Kopf gestellt sind und "Dienstalter"

keine Auszeichnung, sondern ein Problem

geworden ist.

Zum Beispiel, weil wir in einem System

leben, in dem der Lohn nicht mehr an die

Arbeit gekoppelt ist, sondern ganz einfach

steigt, je näher man am Finanzstrom sitzt.

Zum Beispiel, weil wir Kommunikation

nicht als Arbeit begreifen, obwohl ein Gang

über die Frankfurter Buchmesse deutlich

zeigt, dass es höllenanstrengend ist, sich

auf Menschen und ihre Befindlichkeiten

einstellen zu müssen.

Man sieht, es gibt viel zu tun. Denn

nein, wir leben nicht in postdialektischen

Verhältnissen. Der Begriff der Arbeit wird ein

philosophisch und ideologisch umkämpfter

Begriff bleiben, eine Herausforderung, die

nicht abzuschließen ist. Auch nicht für das

Monster. Dem können wir jetzt zumindest

sagen, wir leben nicht im Fortschritt. Es

sieht nur so aus.

presented by

Limited to

2000 Guests

/////////////

EARLY BIRD

SOLD OUT

May, 23 rd - 25 th 2014

GROOVE


20 — 181 — MANIFEST

LASST MICH IN RUHE! BRECHT, BERTOLT, 14. AUGUST 1956

Barbara Ehrenreich:

Dancing in the Streets:

A History of Collective Joy,

Metropolitan Books 2006

Barbara Ehrenreich:

Blutrituale,

Rowohlt, 1999

»Nutzt euren Körper

als Interface!«

Nils Dittbrenner

September 2003

De:Bug 74

Tanz der

Steinzeithörste /

Benimmregeln

für Raver


TEXT ANTON WALDT

180 — 21

Anton Waldt ist das Tourette unter

den Urgesteinen der DE:BUG-Fraktion.

Ein unnachahmlicheR Geräuschredner

und Wortwolfdreher, der jederzeit

das letzte Schlückchen Jägermeister

mit dir teilt. Den wahren Tanz fand

er 200.000 Jahre vor Christus.

Mit den Tanzflächen stimmt etwas nicht, heutzutage: Die breite

Masse feiert nicht mehr miteinander, sondern nebeneinander her,

jedenfalls immer öfter. Miese Manieren greifen um sich, keinen

Benimm mehr die Feiernasen, keinen Begriff davon, was sich auf dem

Floor gehört und was eben nicht. Rücksichtsloses Durchdrängeln,

hirnloses Geschubse, Ausdruckstanzsperenzchen, breitbeinig

Kumpels vollquatschen, torkelndes Geknutsche, Beiseiteschubsen

und Füßetreten, unschlüssiges Rumgestehe, Ausfallhüpfer

rückwärts, raumgreifendes Mackergehabe und unkontrolliertes

Kippenfuchteln gehören nicht auf den Floor und die ganze Handy-

Scheiße natürlich sowieso nicht. Mit Ungebührlichkeiten wie diesen

wird die Rave-Kultur mit den Füßen getreten und droht zusehends

aus dem Clubleben zu verschwinden, obwohl es eigentlich doch

babyeinfach ist: Miteinander, zusammen, gemeinsam Tanzen

eröffnet Dimensionen von Euphorie und Ekstase, denen man in

der Ego-Abfahrt nicht mal nahe kommt, da kann man "Vollgas

geben" soviel man will. Und auf dieser Party-Binsenweisheit

basiert auch die Rave-Kultur, in der es ja im Kern darum geht,

richtig gute Tanzflächen zu erzeugen, Tanzflächen des kollektiven

High. Gute Tanzflächen erkennt man daher auch ganz einfach

an ihrer Konsistenz: geschmeidig müssen sie sein, fluffig und

klumpenfrei. Ein guter Floor pulst im Idealfall wie leckerer Brei zur

Bassdrum und weist dabei eine gewisse Beständigkeit auf, ohne

hektisches Hin- und Hergerenne und Show-off-Einlagen. Denn

gute Tanzflächen sind sensible Gebilde, fragile Ökosysteme, die

durch Verunreinigungen schnell zur Gröhlpöbelmasse verkommen

können oder ins gymnastische Exerzieren umkippen, zu hirntotem

Massenturnen, bei dem sich die Tanzenden statisch zum DJ/zur

Bühne ausrichten. Ein guter Floor schaut derweil nicht nach vorne

oder außen, er kreist vergnügt um sich selbst.

Tanzschule Waldt

Jenseits verkraftbarer, individueller Spaßabstriche droht mit der

Erosion der Rave-Kultur aber auch ein fundamental wichtiges

Erlebnis zu verschwinden: Die Tanzfläche als freundliche

Erscheinungsform der Menschenmasse, einer Masse, die

den Einzelnen nicht gleichschaltet, weil sie eine freiwillig und

sogar lustvoll eingegangene Gemeinschaft darstellt, eine Art

selbstverliebte Masse. Was dann direkt auf die steinzeitlichen

Ursprünge der Feiertradition verweist, in der Techno nur die letzte

Erscheinungsform in einer langen Reihe darstellt. Der Rausch

im kollektiven Tanz geht nach Stand der Dinge auf unsere noch

reichlich ungehobelten Vorfahren im Mittelpaläolithikum zurück, eine

prähistorische Periode, die sich zäh von etwa 2. bis 4. vor

Christus hinzog, während die menschheitsgeschichtliche Ursuppe

vor sich hinköchelte, in der Kultur und Gesellschaft entstanden, und

damit die Basis des modernen Menschen und seiner Fähigkeit sich

über die Natur zu erheben.

Party bedeutet dabei mehr als primitive Folklore; im

Feiern kulminiert vielmehr ein elementarer Moment der

Menschheitsgeschichte: die Entdeckung des ungeheuren Potentials

menschlicher Zusammenarbeit in großen Gruppen, wobei "groß"

im Verhältnis zur Kernfamilie/sippe zu verstehen ist, in deren

engem Horizont andere (Vor)Menschen im Zweifelsfall nur lästige

Konkurrenten waren. Aber dann entdeckten unsere reichlich

animalischen Vorfahren, dass der Mensch in großen, koordiniert

handelnden Gruppen allen anderen Tieren tendenziell haushoch

überlegen ist, sowohl offensiv wie defensiv. Im Angriff konnte

eine organisierte Menschenmasse mehr Fleisch erbeuten, als sie

benötigte, womit salopp gesagt Effizienz und Skalierbarkeit entdeckt

wurden, wodurch die Menschen plötzlich Zeit übrig hatten, in der

sie sich mit Kram jenseits der Nahrungsbeschaffung beschäftigen

konnten. Gleichzeitig konnten unsere Ahnen im Verein aber sogar

die menschenfressenden Bestien in Schach halten, die den (Vor)-

Menschen seines Lebens nicht froh werden ließen, weil er ständig

damit rechnen musste, als Säbelzahntigermahlzeit zu enden.

Tanz die Erde untertan

Im Wechselspiel mit der frühen Gesellschaftsbildung entstand auch

die Kultur, die Bindemittel und Symbol, Medium und Schule des

Sozialen darstellt. Der Tanz der Steinzeithörste ums Lagerfeuer

war dabei gleichzeitig Übung und Feier des Menschen als soziales

Superraubtier. Insbesondere weil das gemeinsame Handeln vieler

Menschen wie ein großes Wesen fallweise wörtlich zu verstehen

ist, womit die musikalisch synchronisierten Tänze ums Lagerfeuer

gleichzeitig Training und Erzählung von Jagd und Kampf darstellen.

Die Menschen feierten beim Tanz die Überwindung der sozialen

Hemmschwellen ihrer familiären Vergangenheit, die fantastischen

Möglichkeiten der Kooperation in großen Gruppen und nicht

zuletzt die überschäumende Lebensfreude, die aufkommen

muss, wenn man aus eigener Kraft den Status als Beutetier

hinter sich lassen kann. Detaillierter nachzulesen ist das alles im

kurzweiligen Büchlein "Dancing in the Streets", in dem Barbara

Ehrenreich den prähistorischen Wurzeln des Raves nachspürt und

seine Traditionslinien quer durch die überlieferten Jahrtausende

verfolgt, wobei das Muster der Urfeier mit Musik, Verkleidung,

Tanz und kollektiver Ekstase zu bestimmten Anlässen in allen

möglichen Erscheinungsformen auftaucht, von antiken Artemis/

Diana-Fruchtbarkeitsritualen zum Frühlingsbeginn, über römische

Saturnalien und verschiedene Karnevalspielarten in Mittelalter und

Neuzeit.

Tanzverbot

Quer durch die Geschichte findet sich auch ein wenigstens

ambivalentes Verhältnis der Autoritäten zur Feierei, denn natürlich

wittern Obrigkeiten prompt Insubordination und Chaos angesichts

tobender Massen, die sich am Gefühl der gemeinsamen Stärke

berauschen. Und die Steinzeit-Rave-Tradition verleiht den Feiernden

nicht nur verdächtiges Selbstbewusstsein, sie ist obendrein ein

zutiefst egalitäres Ritual, weil an Jagd und Kampf ursprünglich nicht

nur Jäger/Krieger beteiligt waren, sondern auch Frauen, Greise und

Kinder. Man könnte sogar sagen, dass mit der Entstehung der Jäger/

Krieger-Klasse eine Entwicklung ihren Anfang nahm, die in der

ablehnenden Haltung der Autoritäten gegenüber den Rave-Massen

in höher entwickelten Gesellschaften endete (mehr zu diesem

Aspekt findet sich in einem weiteren Buch Barbara Ehrenreichs:

"Blutrituale"). Auf einem guten Techno Floor kommen daher auch

heute noch oft Menschen unterschiedlichster sozialer und kultureller

Herkunft zusammen, die sonst nicht unbedingt viel miteinander

zu tun haben. Denn gerade in der freudigen Überwindung der

Scheu vor der (körperlichen) Nähe Fremder war offensichtlich ein

Grundelement steinzeitlicher Feierei - vom Futterkonkurrenten zu

Menschenfreunden. Zeitgeistig heißt das Phänomen dann "Diversity

Managment".

Pille rein, Kopf auf

Wenn die Relevanz der Rave-Kultur in ihrer Traditionslinie zum

steinzeitlichen Ritual liegt, muss man ihren Wert daran bemessen,

wie verdammt geschmeidig und clever die Ur-Party zu neuem

Leben erweckt und fruchtbar gemacht wird, wie auf der Techno-

Tanzfläche eine eigentlich unmögliche Gleichzeitig von Individualität

und Gemeinschaftsgefühl entsteht. Ohne in esoterisches Klimbim,

Hippie-Gefühlsduseligkeit oder Regelhuberei zu verfallen, erinnert ein

guter Floor daran, was die menschliche Identität im Kern ausmacht:

Zusammenarbeiten, Gemeinschaften erfinden, Gesellschaften

bilden. Die Einforderung angemessener Rave-Manieren wird

somit zur menschheitsgeschichtlichen Traditionspflicht, aber

man kann die Pille auch deutlich flacher halten: Der Exzess nach

Brauch und Weise funktioniert auch einfach besser, es feiert sich

schneller, gründlicher und geiler miteinander, eben in der Tradition

steinzeitlicher Ekstasemassen.


22 — 181 — MANIFEST TEXT JAN JOSWIG

Scheitern

des Aussteigens

/

Die eigene

Grube

Jan Joswig, allererster DE:BUG-Praktikant,

danach 10-jähriger Spitzenredakteur, Afro-

Techno-Auskenner sowie Feingeistspezialist

mit Hang zum locker fliegenden Jackett, wurde

später Berlins Nr.1 Fashion-Guru und genießt seit

ein paar Jahren die Abfahrt als wortreiches

Moto-Cross-Scrabble mit Selbstölung.

DER TYP MUSS ANHALTEN. … ER WIRD UNS SCHON SEHEN. JAMES DEAN, 30. SEPTEMBER 1955

Die Feuilleton-Soziologie hat unlängst

einen neuen Typus Mann aufgespießt: den

Totalverweigerer, der sich im Minimum

einrichtet. Die Maximierer leben volles

Rohr - im Dispo. Die Minimierer köcheln

auf Sparflamme, als soziale Ausharrer in

der Froschperspektive. "Die Zeit" verortet

sie in Neuköllns Rollbergkiez unter den

Geringqualifizierten. Sie hocken aber

auch im gediegenen Kreuzberg als freie

Journalisten. Eine Fallstudie von Innen

(aber kein Lamento, ich jammere nicht ein

Zehntel so viel herum, wie das halsstarrige

Volk Israels beim Auszug aus Ägypten, dass

der HERR nicht meiner zürne und mich mit

seinem Schwert erwürge):

Raus aus der Gesellschaft, rein in die

Höhle: Als Zehnjähriger grub ich mir meine

eigene Grube in unserem Vorortwäldchen,

deckte sie mit Ästen ab und klebte mir einen

Catweazle-Bart an. Nichts als der modrige

Geruch nach Erde und Pilzen und das Ich als

Wurm im Rhizom. Ich zog mich wieder in den

Mutterbauch zurück - einen Mutterbauch,

der dumpf vor sich hin verweste.

Raus aus der Gesellschaft, rein ins Uni-

Vakuum: Beim Studium Generale konnte

man sich hinter Goethe vor den Anrufungen

der Erwerbswelt verstecken, und vor den sich

angerufen fühlenden Mitstudenten. Bei der

obligatorischen Kunstgeschichtsexkursion

saß ich beim Busfahrer vorn - in einer

Sitzreihe ganz für mich allein.

Raus aus der Gesellschaft, rein ins Peter-

Pan-Land: Techno in Berlin um 2 hat mir

den Kopf gewaschen - oder weichgespült?

Im Limbo gibt es weder ein Zurück noch

ein Vorwärts. Selbstvergessenheit und

Geschichtsvergessenheit verwirren sich

zum Identitäts-Irrgarten. De:Bug war mein

Ariadnefaden, zehn Jahre Bildung und

Erbauung als Redakteur.

»Immer mehr

Roboter zählen zu unserem

Freundeskreis.«

Nico Haupt

September 1999

De:Bug 27

Raus aus der Gesellschaft, rauf auf den

Bock: Das Motorrad bietet die perfekte

Ausrede, um nie ankommen zu müssen.

Der Weg ist das Ziel. Icke und meine

Rosinante. Verdreckt und verstunken nach

einem Sieben-Stunden-Ritt gerät man

der Zivilisation gegenüber in die Rolle von

Catweazle - so schließt sich der Kreis zur

Waldhöhle der Kindheit. Als Motorradfahrer

wird man zum räudigen Zentaur, dem sich

die Welt rechts und links der Straße zum

irrealen Kulissenzauber entfremdet.

Jeder Supermarktstop wächst sich

zum Kulturschock aus: Da herrscht ja

Leben hinter den Fassaden. Da stehen ja

Magazine in den Zeitschriftenständern,

die sich auf eine zielgruppenoptimierte

Ansprache konzentrieren. Schnell wieder

rauf auf den Bock. Speeding motorcycle,

the road is ours, speeding motorcycle, let's

speed some more (Daniel Johnston). Ewig

rollen die Räder und rufen die Wälder.

Gegenbewegung Nummer eins - rein in

die Politik: Als Schulsprecher organisierte

ich ein Podium zu Wehrdienst/Zivildienst

mit. Ich lud den Sprecher der Bundeswehr

ein. Als er am Veranstaltungsabend

sah, dass auch ein Vertreter einer

Zivildienstinitiative teilnimmt, entrüstete er

sich: "Wissen Sie denn nicht, dass es mir als

offiziellem Bundeswehrvertreter untersagt

ist, mit dieser nicht-legitimierten Initiative

ein Podium zu teilen?" Und ich dachte,

man könne bei einer zu einem Kerzenhalter

umfunktionierten Weinflasche mit jedem

reden.

Gegenbewegung Nummer zwei -

rein ins Handwerk: In der DDR hatten

sie's gut, Akademiker wurden ermuntert,

eine Ausbildung voranzustellen. Ich

wollte eine Ausbildung hintanstellen.

Zweiradmechaniker statt Mietfeder - mit

Mitte 4. Umschulung im Alter, lebenslanges

Lernen, das muss doch die Arbeitsagentur

unterstützen? Mein Kundenbetreuer

stutzte: "Freier Journalist? Sie sind nicht

versicherungspflichtig beschäftigt? Sie

sind nicht einmal arbeitssuchend gemeldet?

..." Und ich dachte, man könne bei einer

zu einem Kerzenhalter umfunktionierten

Weinflasche über alles reden. Aber meinen

Blaumann von Marquardt+Schulz trage

ich so unermüdlich wie Dr. Kimble auf

der Flucht sein blütenweißes Oberhemd.

Zumindest symbolisch sind wir mittendrin

in der Gesellschaft. So lässt es sich

ausharren.

Ob wir viele sind? Wir werden es

nie in Erfahrung bringen, denn der neben

uns interessiert uns nicht. Aber wenn wir

schließlich als bröckelnder Rand die Mitte der

Gesellschaft erodieren, dann hat Bartlebys

"I would prefer not to" seinen massenhaften

Sieg errungen - in der allerschäbigsten

Lumpenvariante, Marquardt+Schulz-

Blaumann hin oder her.


24 — 181 — MANIFEST TEXT DIEDERICH DIEDERICHSEN

das letzte

Abendmahl /

404, zeitschrift

not

found

O, DAS SCHMECKT GUT. DANKE! JOHANNES BRAHMS, 3. APRIL 1897

Pop-Theoretiker

Diedrich Diederichsen

über Entspannungsmöglichkeiten

in der

Verspannung. Und was

er vermissen wird.

In den 9er Jahren saugte sich im, wie

es damals hieß, "wiedervereinigten"

Deutschland jedes Zeichen mit politischer

Semantik voll. Das war unumgänglich. Die

große Kodierung durch den Kalten Krieg

war weggefallen und man musste erst

wieder lernen oder auch erstreiten, was

eigentlich was heißt (ganz unabhängig

davon, was man sonst erreichen wollte). Die

Hoffnung, Selbstüberschätzung, aber auch

Selbstverpflichtung, dass man mit Pop-

Musik inmitten der Schlacht um kulturelle

Hegemonie stehe und dass diese wiederum

sehr viel mit den neuen Verhältnissen zu

tun haben werde, die Dringlichkeit gegen

Rassismus zu handeln, all das trug dazu

bei, dass eine molekulare Politisierung

einsetzte, die anders als die der 6er

nicht an der (eigenen) Befreiung ansetzte,

sondern an der Rettung (anderer oder auch

der eigenen), die sich oft eher in Imperativen

zeigte als in Sehnsüchten. Dabei übersah

man die anderen neuen Realitäten, die der

neuen Party und die der Digitalität, die dann

im Zentrum von De:Bug stehen sollten.

Ich habe die ersten Jahre dieser Politisierung

allerdings als enorm inspirierend für

Schreiben und Denken in Erinnerung,

auch wenn sie mit reichlich Konflikten und

Verspannungen verbunden war; am Ende

des Jahrzehnts hatte sie in eine Sackgasse

geführt – und zwar erst in eine stilistische

und dann auch in eine argumentative.

Der blinde Fleck der

kritischen Position

Um aus solchen Lagen herauszukommen,

braucht man neue Orte, neue Situationen.

Für mich lieferten die immer Zeitschriften. Die

De:Bug, die ja zum Teil auch eine Sezession

aus der Spex war, war trotz aller Neigung zur

Techno-Neuheit eine Zeitschrift im besten

sozialen Sinne. Ende der Neunziger gab es

drei neue Zeitschriften. Mit der "Jungle World"

entstand ein Blatt, das das Politische wieder

in einen Zusammenhang führte, an dem sein

systematischer und regulativer Ort erstens

klar ersichtlich war (und nicht psychologisch

und molekular durch die Kapillargefäße

zirkulierte); dennoch konnte gerade

dadurch sich zweitens eine entspanntere

Umgebung entwickeln als die traditionelle,

Pop-Musik-feindliche der alten Linken. Die

so genannten "Berliner Seiten" der FAZ

führten ein neues Schreiben als Resultat

der nun nicht mehr rein phantasmatischen,

sondern realen Berliner Republik vor. Das

war nicht alles Ergebnis einer Entfaltung

des Wünschenswerten, aber es war eine

starke Setzung einer neuen kulturellen

Realität über ein neues Schreiben. Und

dann war da die De:Bug, die den traditionell

blinden Fleck der kritischen Position, die

technische Seite der Lebensform, in den

Blick nahm. Das, was in der "Dialektik

der Aufklärung" fehlte und vielleicht

auch fehlen musste: die entscheidende

Vervollständigung der Gesellschaftsund

Kulturbeobachtung. Auch wenn ich

für alle drei Zeitschriften/Zeitungen nicht

sehr viel geschrieben habe (am meisten

noch für die "Jungle World"), sorgten sie in

meinem Leben für neue Bezugspunkte und

Positionsbestimmungsmöglichkeiten.

In den letzten Jahren gab es einmal

im Monat ein Abendessen im Restaurant,

allein mit der neuen De:Bug. Es wird mir

sehr fehlen.

»In zehn Jahren dürfte

die reguläre Rentnerwohnung

mit einem Hybrid-Roboter ausgestattet

sein, der soziale und

medizinische Funktionen

in sich vereint.«

Anton Waldt

Januar 2002

De:Bug 55


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26 — 181 — MANIFEST TEXT STEFAN HEIDENREICH

Das Ende

DES GeldES /

Ist nahe

Geld in seiner aktuellen Form

hat sich überlebt, meint Stefan

Heidenreich, der sich mit dem

Thema bereits im Merve-Bändchen

"Mehr Geld" beschäftigte. Für

De:Bug hat er von Ausgabe 23 bis

Ausgabe 168 die Kolumne

Bilderkritiken verfasst.

Was die Regelung des menschlichen

Zusammenlebens angeht, kann man drei

große Regime unterscheiden. Zusammenleben

soll hier das ganze Geben und

Nehmen von Gütern, Dingen, Handlungen

und vielleicht auch Worten umfassen. Wie

sich das genau mit Worten verhält, ist

schwierig zu sagen. Manche werden ja

gegeben und sogar vergütet, andere laufen

einfach so hin und her. Vielleicht würde die

Unterscheidung zwischen Sprache und

Information hier weiter helfen. Aber viel

Information ist schließlich Geschwätz.

Und viel Sprache wertvoll, aber umsonst.

Abschweifung Ende.

Unterscheiden wir beim Zusammenleben

schlicht in einen Teil, in dem der

Austausch formalisiert ist, und in einen

anderen Teil, für den das nicht zutrifft.

In unserer Gesellschaft lässt sich die

Trennlinie relativ scharf ziehen: für

manches wird bezahlt, für anderes nicht.

Aber da ich ja hier die Formalisierung des

Austausches betrachten will, kann ich sie

nicht voraussetzen - schon gar nicht, um

das Feld, um das es geht, zu bestimmen.

Lassen wir diese Unterscheidung also

fürs erste offen, nehmen aber an, dass

es sie mehr oder weniger unscharf gibt,

die Grenze zwischen einem formalisierten

Teil und einem unformalisierten Teil des

Zusammenlebens.


180 — 27

Zurück zu den drei großen Epochen in der

Organisation dieses Zusammenlebens.

Vermutung ist, dass wir es mit drei

Regimen zu tun haben: das unformaliserte

Zusammen, das geldförmige Zusammen,

und das Zusammen nach dem Geld. Geld

meint dabei weniger eine bestimmte Ware

oder ein Wertmaß, sondern eine zählbare

Formalisierung, in welchem Medium

auch immer - Metall, Papier, Zahlen oder

Datenbanken.

Gedächtnisgeld

Wie's vor dem Geld aussah, hat kürzlich

David Graeber ziemlich brauchbar

dargestellt. Dazu gehört nicht nur, dass

das Zusammen ohne einen starken Begriff

des Eigentums auskam, sondern dass

Dinge vielmehr unter den Leuten dorthin

kamen, wo sie gebraucht wurden. Etwas,

was wir heute in allerlei Sharing-Services

wieder zu implementieren versuchen.

Aber es geht bei der Ökonomie natürlich

um mehr, nämlich generell um die Frage,

wer was tut und wer was bekommt. Diese

Verteilungsfragen zu regeln, war nicht

wie heute Geld überlassen, sondern

lief über stabile soziale und politische

Rollenzuweisungen. Durchaus unschön,

nicht um etwa auf die Idee zu verfallen, wir

könnten nostalgisch auf eine gute Steinzeit

vor dem Geld zurück blicken.

Dann kam das Geld. Und zwar nicht zuerst

als Münze, sondern als Formalismus im

Abzählen und Aufrechnen des Gebens

und Nehmens. Dass es sich später

eingebürgert hat, markierte Tonklumpen

oder Metallstückchen zu geben, anstelle

den Tausch zu notieren, hat wohl mit

Datenkompression zu tun. Die sofortige

Gegengabe erübrigt es, über den Tausch

Buch zu führen. Das Geld tritt an die

Stelle der Erinnerung. (Ein amerikanischer

Zentralbanker, Narayana Kocherlakota,

hat genau das durchgerechnet und kommt

zu dem Schluss, Geld sei eine Art von

primitivem Erinnerungs-Medium.) Geld

bringt all die Formalisierungen mit sich,

mit denen wir heute zu kämpfen haben -

also einen starken Begriff von Eigentum,

das Ware-Werden von Allem. Aber es

sorgt auch dafür, dass die Reichweite des

Zusammenlebens sich beliebig in Zeit und

Raum ausdehnen lässt.

Geld-Horter

Wie komme ich nun drauf, dass diese Geld-

Epoche zu Ende gehen könnte? Dafür gibt

es einen einfachen mathematischen und

graphentheoretischen Hinweis, den ich

hier nicht rechnen, sondern nur skizzieren

will. Das Zusammen hat zwei Dimensionen:

das ist der Umfang und die Zeit. Also wie

viel Leute an einer Gemeinschaft beteiligt

sind, und über welchen Zeitraum sich ihr

Zusammenleben ausdehnt. Dazu kommt

die Kapazität der Datenverarbeitung, also

wie viele Transaktionen zwischen Leuten

man sich merken, notieren oder sonstwie

verwalten kann.

In der imaginären dörflichen Gemeinschaft

passt das ungefähr zusammen.

1 Leute können ungefähr behalten, wer

was von wem genommen hat, wer mehr

gemacht hat und wem was zusteht. Es gibt

da eine Kapazitätsgrenze, die man wohl

berechnen könnte.

Geld hat nun die Eigenschaft, jeden

Tausch so komplett glattzustellen, dass

danach nichts mehr notiert werden muss.

Anstelle eines komplexen Geflechts

zwischen vielen Beteiligten haben wir nun

eine einfache Kontoführung und können

den ganzen Rest vergessen. Geld ist eine

Vergessens-Technik. Die mit einer Menge

von Vorteilen, aber auch nicht zu knapp

mit Nachteilen kommt. Unterm Regime

des Geldes muss alles vergleichbar und

auf einen Wert abgebildet werden. Da

Geld zugleich Tausch abbildet und Wert

speichert, wird es schließlich zum Mittel

des Hortens. Bis wir heute wieder mal bei

einem Zustand angekommen sind, bei dem

die Geld-Horter nicht nur immer mehr für

sich wollen, sondern eigentlich alles.

Wie komme ich drauf, dass sich daran

was ändern könnte? Rechnerisch ist das

einfach. Dankenswerterweise haben

uns ja unsere amerikanischen Freunde

letztens gezeigt, dass wir alles von jedem

speichern und verrechnen können. Wir

haben also ein Erinnerungs-System, das

in der Lage wäre, die durch das Geld

notdürftige komprimierte Formalisierung

des Zusammen wieder auf den ganzen

Reichtum aller Relationen auszudehnen.

Das ist der Schlüssel, um in die nächste

Epoche, das Regime nach dem Geld,

einzutreten.

»Der Computer der Zukunft

ist eine elektronische Wolke,

die ihren Besitzer umgibt.«

Konrad Lischka

März 2001

De:Bug 45

Medienpartner

Media Partner

SMART NEW WORLD

XAVIER CHA, SIMON DENNY, ALEKSANDRA DOMANOVIĆ,

OMER FAST, CHRISTOPH FAULHABER, KENNETH

GOLDSMITH, INTERNATIONAL NECRONAUTICAL SOCIETY,

KORPYS/LÖFFLER, TREVOR PAGLEN, LAURA POITRAS,

TABOR ROBAK, SANTIAGO SIERRA, TARYN SIMON

Ständiger Partner

Permanent Partner

5. APRIL — 10. AUGUST 2014

WWW.KUNSTHALLE-DUESSELDORF.DE

PARALLEL ZEIGT DER KUNSTVEREIN FÜR DIE RHEINLANDE UND WESTFALEN

ZUKUNFTSPERSPEKTIVEN — ZUM BEISPIEL LES IMMATÉRIAUX

Gefördert durch

Funded by


28 — 181 — MANIFEST

Post

Pragmatic

Joy /

Gleichgewichtsübungen

OUT NOW - NEW ALBUM

RELEASED ON ACKER RECORDS

FOR BOOKING REQUESTS PLEASE CONTACT: 3000BOOKING.DE


TEXT LEIF RANDT 180 — 29

Der Roman

"Schimmernder Dunst

über Coby County"

von Leif Randt war

supersofter Normcore

avant la lettre. Daran

schliesst er nun an

und entwirft exklusiv

das Konzept des Post

Pragmatic Joy: Warum

sollte De:Bug eigentlich

kein Energy-Drink-

Magazin werden?

"Ein kleines salziges Popcorn und ein Jever

Fun, bitte." Als ich an der Kinotheke stehe,

sorgt dieser Satz nicht für Aufsehen. Dabei

ist es ein guter, postpragmatischer Satz. Er

fühlt sich fremd an, ist aber völlig ehrlich

gemeint, denn ich freue mich ja aufrichtig

auf den salzigen Snack und das kühle

Jever Fun. Die Kinomitarbeiterin reicht mir

beides ohne zu lächeln, ich zahle mit einem

neuen Fünf-Euro-Schein. Kurz darauf sitze

ich zufrieden im kleinen Kinosaal. Ich bin

einer von ganz wenigen Zuschauern. Der

Film ist nicht wirklich gelungen, aber er

berührt mich trotzdem.

Postpragmatische Zustände lassen

sich, wenn man ein herzloser Theoretiker

ist, leicht als dümmliche Zustände

missverstehen. Tatsächlich ist es nicht

leicht zu definieren, wo die Ohnmacht endet

und die Postpragmatik beginnt. Ohnmacht

ist Networking, Postpragmatik ist Quality

Talk. Ohnmächtig ist das Schweigen aus

Unsicherheit, postpragmatisch ist das

Schweigen als Entscheidung. Im Zentrum

steht das Glückspotential, unsere Chance

auf Joy: Wach sein, aber nicht überspannt.

Mittendrin, aber nicht verloren.

Glorifizieren,

ohne zu lügen

Ich habe den Begriff Post Pragmatic Joy

(PPJ) erstmals im Januar 212 verwendet,

als Titel für eine fiktive Reiseerzählung. In

der Geschichte geht es um zwei Männer,

die im Alter von 28 ihren Sexappeal

verloren haben, und nun als Dozenten für

Neo-Spiritualismus und Post Pragmatic

Joy durch ein fremdes Land fahren. Ihre

Weltanschauungen stehen in Konkurrenz

zueinander, trotzdem sind sie Freunde.

Gegen Ende der Geschichte legen sie

3D-Tarotkarten aus, um etwas über ihre

Zukunft zu erfahren. Ein tastender Text,

eher sanft als streng. Das allermeiste

bleibt offen, aber es öffnen sich ein paar

Räume. Der Neo-Spiritualismus verwies

noch auf "Schimmernder Dunst über

CobyCounty", die Post Pragmatic Joy auf

ein diffuses Später. Momentan verwende

ich PPJ in einer neuen Spaceopera, die

auf verschiedenen Planeten spielt, als

Sammelbegriff für religiös grundierte

Praktiken und Theorien. Die PPJ hilft den

Prosahelden bei der Steigerung ihrer

Lebensqualität. Das klingt vielleicht so, als

wollte ich wieder eine Parabel schreiben.

Aber das ist nicht wahr. Diesmal soll es ein

Ratgeber werden.

Ich halte "Spring Breakers" von

Harmony Korine für einen postpragmatischen

Film. Wegen seines

pointenlosen Humors. Und wegen seines

Blicks auf Jugend, der sowohl verklärend

als auch erbarmungslos ist, und dadurch

einen Zustand magischer Wehmut stiftet.

Das Kunstprojekt "K-Hole" betreibt

postpragmatische Essayistik, weil die

Thesen zwar nicht haltbar sind, aber gut

gelaunt nach vorne blicken. Und meinen

eigenen, ersten postpragmatischen

Text habe ich über einen Ausflug nach

Eurodisneyland geschrieben, 1992.

Auszug:

"Und am nächsten Morgen als ich

aufwachte da war mir übel. Und ich mußte

aufs Kloh, und auf dem Kloh wackelte und

schauckelte es überall. Aber ich hab es

geschafft. Und dann kamen wir in Paris

an. Wir stiegen aus und frühstückten auf

dem Bahnhof Hörnchen. Dann fuhren wir

mit der Metro und der Schnellbahn ins

Euro Disney; dabei hatten wir Probleme

mit unseren Karten. Und dann sah ich das

Disneyland Hotel. Die Rolltreppe brachte

uns hinauf. Ein netter Mann zeigte uns den

Weg zu den Bussen die zu unserem Hotel

führten. Wir durften gleich unser Zimmer

beziehen. Die Tür öffneten wir mit einer

Karte die zuerst nicht funktionierte. Als

wir in unser Zimmer kamen warf ich sofort

den Fehrseher an. Dort gab es sechs

Disneyprogramme. Und Kabelanschluss.

Und internationale Programme. Und durch

die Disney Programme kriegte ich so richtig

Lust auf den Themenpark. Ich fragte Mama

und Papa, ob sie endlich kommen wollten.

Aber sie mußten sich noch waschen. Und

das tat ich dann auch."

An die Schreibregeln, die ich mit neun

Jahren aufgestellt habe, halte ich mich

bis heute. Nicht alles daran ist zwingend

postpragmatisch, aber es ist auf dem Weg.

Aufrichtige Sachlichkeit. Offenherzige

Selbstkontrolle. Ein Programm für gleich

könnte lauten: Glorifizieren, ohne zu

lügen. Trauern, ohne zu weinen. Offen und

freundlich sein, aber trotzdem streng. Die

Dinge im Gleichgewicht halten. Sich nichts

vormachen. Aus den Gegebenheiten den

bestmöglichen Zustand herausdestillieren.

Und immer so weiter. Und immer so weiter.

Flying Horse

Viele meiner Freunde haben momentan ein

schlechtes Gewissen, weil sie in den letzten

Saisons die De:Bug nicht oft genug gekauft

haben. Und das obwohl sie lange Jahre

Fans gewesen sind. Einer der Freunde

fragt via E-Mail: "Wieso hat es De:Bug

eigentlich nicht geschafft, aus seiner

urbanen Kulturkompetenz heraus eine

Agentur zu gründen?" Ein anderer: "Warum

möchte sich kein Konzern mit der De:Bug

dekorieren? Was ist los mit Samsung oder

Nokia? Oder mit Flying Horse? Die könnten

so endlich mal zu Red Bull aufschließen.

"Mir gefällt das mit Flying Horse ziemlich

gut. Ich antworte: "Würde Flying Horse

die De:Bug übernehmen, dann wäre das

eine schöne Verschmelzung."

Ich erinnere mich noch genau an das

Getränk. Meine Grundschulkameraden und

ich teilten es an sonnigen Nachmittagen in

meiner Garage. Nachts lagen wir dann mit

beschleunigt pumpenden Herzen wach.

Heute wird die Dose mit dem fliegenden

Einhorn auf Energy-Drink-Magazin.de als

Urgestein und Dinosaurier bezeichnet.

Sie ist angeblich nur noch an bayrischen

Tankstellen verfügbar. Nostalgische User

schlagen eine Marketingoffensive mit

neuem Dosendesign vor. Ich schlage einen

Kauf des Magazins De:Bug vor.

Neue Diskotheken

Die Idee ist der sonnige Frühlingstag, den

man auf Flying Horse im Park verbringt,

mit einer druckfrischen Ausgabe der

De:Bug unter dem Arm. Zuerst der saure

Geschmack nach Brombeeren, dann

dieses Gefühl des klaren Optimismus,

das vom Koffein erzeugt wird, und sich

dann verlängern lässt, indem man eigene

Überlegungen in den Artikeln der De:Bug

gespiegelt sieht. Das Printmagazin als

offenes Feld, in dem man driften und tasten

darf, in dem niemand gleich kommentiert.

Wünschenswert wären auch neue

Diskotheken. Und neue Sportarten.

Und neue Snacks. Es ist immer schwer

etwas zu sagen. Aber in den guten

postpragmatischen Zuständen geht es

dann doch. Und dann schreibt man es auf.

Und dann steht es erst mal da. Und eines

fernen Tages, wenn alles genauer benannt

worden ist, wenn wir offener und klarer sind,

beginnt die Zeit der Post Pragmatic Joy.

"Und dann wollten wir mit dem

Dampfer fahren. Oder eher Mama, ich nicht

so. Aber das war mir dann eigentlich egal.

Und so standen wir dann an. Das Anstehen

war lange nicht so lang wie das Anstehen

an Phantom Manor. Und deswegen kann

ich mich an die genauen Einzelheiten des

Anstehens nicht mehr erinnern. Und ich

glaube, es gab auch nichts Besonderes

beim Anstehen. Dann stiegen wir ein. Und

fuhren los."

»Blöde Arschlöcher auf

Ecstasy sind auch nur blöde

Arschlöcher.«

Anton Waldt

Dezember 2009

De:Bug 137


30 — 181 — MANIFEST

TEXT HENDRIK LAKEBERG

Don’t

cry,

work /

Formgebung

WIR WOLLTEN ALLES, UND WIR HABEN ES BEKOMMEN, NICHT WAHR? MARLENE DIETRICH, 6. MAI 1992

Vom Praktikum im

Techno-Blättchen über

den Berliner Clubzirkus

zum knallharten

Arbeitsethos: Hendrik

Lakeberg erklärt, wie

das geht, auch wenn

die digitale Utopie dabei

auf der Strecke bleibt.

Lakeberg schreibt seit

2004 regelmäßig für

De:Bug, unter andereM

die Serie "Durch die

Nacht", die von Ausgabe

121 bis 168 erschien.

Ich bin wieder viel zu spät mit diesem Artikel,

aber das war bei der De:Bug immer schon

so. Dieses Mal kam noch erschwerend

hinzu, dass es der letzte Text sein soll. Für

ein Magazin, bei dem ich das Schreiben

oder besser: das Denken in Worten gelernt

habe. Ein trauriger Anlass. Wie stolz

war ich, als in meiner Praktikumszeit ein

Interview mit Drew Daniel von Soft Pink

Truth auf dem Cover gelandet ist oder

als Kollege Thaddeus Herrmann eine

Rezension von mir - irgendeine Cabaret

Voltaire DVD - ins Heft genommen hat, weil

sie von einem "jungen Talent" stammt. Ich

fühlte mich in diesem Momenten in einen

Zirkel aufgenommen, der eine Mission

hatte, mit der ich mich identifizierte. Diese

Mission ist nicht leicht zu beschreiben

und im Endeffekt war sie wahrscheinlich

für jeden ein bisschen anders. Für

mich handelte die De:Bug davon, das

Utopische in die heraufdämmernde

digitale Gegenwart zu retten. Genau das,

wonach ich damals als junger Linker

gesucht hatte: Neue Ideen jenseits der

provinziellen, in sich selber kreisenden

und Autonomenideologie und dem vor sich

hindümpelnden Jugendzentrumsozialismus.

Der Soundtrack dazu knisterte und floss

elegisch in Ambientplatten dahin (Sachen

wie 12k) oder er sprühte in hypnotischen

Grooves Funken (Perlon etc.). Musik, die

nicht an den Gedanken zerrt, sondern ihnen

eine Bühne gibt. Einige meiner Indiefreunde

in der ostwestfälischen Provinz haben

darüber den Kopf geschüttelt, was mir

ganz gut gefallen hat. Ganz vorne an der

Popkulturfront zu sein. Gleichzeitig las ich

die kryptischen Texte von Derrida, Deleuze,

Foucault und Serres, weil das in der De:Bug

zitiert wurde und das Label Mille Plateaux

sich mit ihnen schmückte. Verstanden habe

ich immer nur Bruchteile, was aber nicht

schlimm war, denn ich beschäftigte mich mit

all dem, weil ich hinter den unzumutbaren

Sätzen das Versprechen auf eine bessere,

schönere, sinnlichere Zukunft erahnte.

Die elektronische Musik war ihr Vorbote,

in dem das alles enthalten war. Irgendwie

war das Jahr 24, in dem meine Zeit bei

der De:Bug in etwa angefangen hat, immer

noch ein Aufbruch, auch weil der New

Economy Crash gefühlt gerade erst hinter

uns lag.


Spießer

Mit der Zeit fand ich die Theorie

immer langweiliger und dafür die Orte

interessanter, an denen die Musik, Techno

und House vor allem, wirklich stattfand.

Zuviel Abstraktion erzeugt eine Sehnsucht

nach der Wirklichkeit. Ich glaube das ging

damals vielen so, also schlug ich der

Redaktion die Serie "Durch die Nacht mit…"

vor. Das Ziel war, dahin zu gehen, wo das

Leben spielt, wo es kaputt ist und schön,

wo sich die Leute für ein paar Stunden oder

Tage aus dem Alltag katapultieren. Warum

zur Hölle geht man 2 Stunden am Stück

in einen Club? Was sucht man da? Was

findet man? Den eigenen Abgrund oder eine

bessere Welt auf Zeit? Ich war nie ein echter

Raver, sondern immer eher ein Beobachter,

der selber gesucht hat und den Ravern bei

ihrer Suche zugesehen hat, in der Hoffnung,

dass sie eine Antwort haben. Vielleicht liegt

hier auch ein Grund, warum ich meine Texte

immer so spät abgegeben habe: Sie kamen

von Herzen. Sie hatten immer auch sehr viel

mit mir zu tun, deshalb konnte ich sie nicht

schnell dahinwischen. Es war schwer, sie

zu schreiben.

Nun hat sich in den letzten zehn

Jahren eine Menge verändert. Die De:Bug,

Ich und alles um uns herum. Das Internet

ist keine New Frontier mehr, sondern ein

kolonialisierter Kontinent. Da ist soviel

Musik, dass sie mir fast ein wenig egal

geworden ist. Ich gehe kaum noch in Clubs

und sitze am Wochenende am liebsten am

Kneipentresen. Mit Sicherheit auch weil ich

soviel über das Nachtleben und die Clubwelt

geschrieben habe. Wenn du anfängst

viel zu arbeiten und auch der Ort, wo du

eigentlich die Arbeit vergessen solltest,

Teil deiner Arbeit ist und du ihn immer

nach potentiellen Geschichten scannst,

dann kommt irgendwann der Punkt, an

dem man des Nachtleben und der Musik

überdrüssig wird. Mittlerweile verstehe

ich Ben de Biel von der Maria, als er mal

meinte, er würde es nicht mögen, wenn die

Leute nachmittags mit einer Bierflasche in

der Hand durch die Gegend laufen. Mein

Vater hat mal das gleiche zu mir gesagt,

als er mich in Berlin besucht hat. Ich war

damals erschrocken wie spießig er am

Ende dann doch war. Mittlerweile kann

ich ihn und Ben verstehen. Irgendwann

ist die Jugend vorbei. Du musst arbeiten

und Geld verdienen. Es mag banal klingen,

aber es wird der Hauptgrund sein, warum

viele eine gewisse Zeit Feiern gehen. Aber

irgendwann geht das nicht mehr geht,

weil das Feiern zu viel abverlangt. Einige

schaffen es, weiterhin Raver zu sein und

trotzdem zu arbeiten, viele aber bleiben

hängen, bekommen ein Drogenproblem

und irgendwann wird die Clubwelt

zum Kleingartenverein mit kleinlichen

Grabenkämpfen, meistens irgendwie

und im Endeffekt geht es um Geld und

Anerkennung, von der jemand meint, nicht

genug bekommen zu haben.

Auf dem Sprung

In der De:Bug habe ich meine ersten,

bezahlten journalistischen Texte

veröffentlicht. Im Laufe der folgenden

Jahre wurde die Arbeit immer mehr. Es

ging in meinen Texten nicht mehr nur um

Musik, sondern um Mode, um Autos, was

auch immer in eines der Magazine passte,

für die ich arbeite und schreibe. Ich habe

gearbeitet als mein Vater krebskrank im

Krankenhaus lag und ich war nicht da, als

er gestorben ist. Ich erinnere mich, wie ich

mich zum letzten mal zu ihm umgedreht

habe und er auf dem Krankenbett saß und

anfing zu weinen. Ihm war klar, dass unsere

viel zu kurze Begegnung wahrscheinlich

eine der letzten gewesen sein wird. Aber

ich war auf dem Sprung. Den nächsten

Text schreiben, ein weiteres Magazin in

den Druck bringen und am Wochenende

die neue Kolumne für die De:Bug schreiben.

Übrig geblieben von den hehren

Zielen, von den utopischen Ideen, von der

Mission, die ich in der De:Bug gesehen

habe, ist also im Endeffekt vor allem

Arbeit. Das mag nun ernüchterter klingen

als es gemeint ist: Bei der De:Bug habe

ich gelernt, dass man der Welt eine Form

geben kann. Dass man das Schöne in ihr

hervorheben kann und dass das Spuren

hinterlässt und Menschen inspiriert. Und

das große Ganze, die Weltutopie, was auch

immer, die ist soweit weg, darauf warten wir

seid Anfang der Zeit. Solche Träume sind

für Verlierer. Es geht ums Machen.

Ein Freund, mit dem ich viele Nächte

in Berliner Clubs verbracht habe, ohne den

die meisten Durch-die-Nacht-Texte nicht

entstanden wären, hat sich ein Tattoo

stechen lassen, um das ich ihn beneide:

In der Typografie des Suhrkamp-Verlags,

dem wir die meisten der oben genannten

Autoren und Bücher verdanken, hat er sich

den Klappentext von Rainald Götz "Irre"

auf den Arm tätowieren lassen: "Don’t

cry, work". Während ich das hier schreibe,

überlege ich ernsthaft es mir auch stechen

zu lassen.

»Wer tanzt, humpelt nicht.«

Anett Frank

September 2001

De:Bug 51


32 — 181 — MANIFEST TEXT TIMO FELDHAUS

Mode kann nicht sterben, dafür ist

sie zu klug. Warum es trotzdem noch

keine Smart Fashion auf der Höhe

der Technikzeit gibt, erklärt der

langjährige De:Bug-Moderedakteur

Timo Feldhaus, dessen

Magazinkarriere ganz klassisch

mit einem Praktikum begann.

Theodore sieht aus wie Ken. Jedenfalls ist er so angezogen.

Nicht eigentlich wie Ken, sondern eher wie die kleinen Puppen

aus der Prä-Barbie-Kollektion, die Lego entwickelt hatte, die

komplett floppte und der kurz danach, 1959, Barbie von Mattel

Inc. folgte. Seit Weihnachten besitzt meine Tochter einige dieser

Vintage-Modelle, die noch mehr wie liebe Menschen denn

durchgekörperte Maschinen aussehen. Sie liegen allerdings vor

allem in der Ecke, Töchterlein spielt viel lieber mit "Monster High".

Das sind untote Barbies, noch anorektischer, aber mit Narben

und sie sind Vampire: ganz neu, Megahit, alle Mädchen lieben

die. Tochter kann ganz gut damit umgehen, superreflektierter

Tussi-Begriff. Was ich aber sagen will: Theodore wurde von

den Kostümdesignern in HER zu einem Kleinkind gemacht,

eigentlich einer Puppe. Diese Hose! Der Latz offensiv viel zu

lang geschneidert, nie trägt er einen männlichen Gürtel, das

Material scheint eine Art urzeitlicher Filz, als wäre Joseph Beuys

verantwortlich für diese Zwergenbuxe. Und dann das ulkige,

etwas zu eng sitzende rote Jäckchen. Der eh schon nicht groß

gewachsene Joaquin Phoenix (173 cm) wirkt darin noch süßer.

Unsmart

Fashion /

Nur eine

Frage der

Zeit

Die Physiognomie des Kindes macht es zum idealen

zeitgenössischen Model. Weil die Körper noch kaum

ausdefiniert sind, hängen Kleider an ihnen stets in Perfektion

herab - wie beiläufig übergeworfen, flirrend, fliegend. So

knuffelt Theodore in seinen Filzlatschen über die glatten

High-Definition-Böden der futuristischen Architekturanlagen.

Aber was ich eigentlich sagen will: Wo bleiben in diesem

Jonze’schen Zukunftsszenario eigentlich wegweisende

Textilinnovation, etwa für effiziente Hautkühlung oder partielle

Muskelkompression? Nichts dergleichen. In der nahen Zukunft

trägt der Mensch wieder riesige weiße Boxershorts, die gerade

aus der Heißmangel zu kommen scheinen, oder gleich direkt

aus den 5er Jahren.

Und das überrascht auch niemanden. Denn seit Jahren hat

man sich damit abgefunden, dass innovative, smarte Mode

nur mehr von der Designerin Iris Van Herpen erzählt wird, die

Accessoires oder Schuhe im 3D-Verfahren herstellt und deren

Objekte auf plastische Art noch immer unserem Bild von der

Zukunft entsprechen: weiße, ornamentale, ultraleichte Gotik.

Dabei gibt es durchaus noch andere Dinge da draußen, die

neu aussehen: Bei X-Bionic fragt man sich seit 15 Jahren mit

Blick auf Natur und Technik, wie man Textilien dazu bringt,

smart zu reagieren. Die amerikanische Firma Silic bietet seit

Kurzem ein wasserfestes, selbstreinigendes T-Shirt an. Oder

Fabrican, die bereits 211 Kleidung aus der Spraydose, zum

Aufsprühen entwickelten und direkt als das neue Ding nach

3-D-Mode präsentierten. Aber, welche 3D-Mode überhaupt?

Hat die schon mal jemand irgendwo gesehen? Interessiert sich

noch irgendwer für Wearables? Man muss Benjamin Bratton

zitieren, der kürzlich auf dem TED-Talk den TED-Talk zerlegte.

Dort würden immer so tolle Ideen präsentiert, die sich vor allem

dadurch auszeichnen, dass aus ihnen allen nichts wird.

Es ist zwar so, dass Nike, Adidas und seit zwei Jahren

ganz viele Prêt-à-porter-Labels in Hi-Tech machen. Auch der

japanische No-Logo-Brand Uniqlo, der im April erstmals in

Deutschland ein viele Stockwerke großes Kaufhaus eröffnet,

präsentierte kürzlich mit Heattech eine neuartige Second-

Skin-Unterbekleidung, die Wärme von innen erzeugt. Das

sind zum Teil ganz tolle Sachen, nur floppt der Versuch

»Der Anziehcomputer

erfüllt eine wesentliche Anforderung

an die dritte Welle

der Informationstechnologie:

Der Rechner verschwindet

im Alltag.«

Konrad Lischka

März 2001

De:Bug 45


ICH HABE MICH NIE BESSER GEFÜHLT. DOUGLAS FAIRBANKS SEN., 12. DEZEMBER 1939

180 — 33

beständig, diese hell leuchtenden, oft stark bedruckten

Future-Fasern mit der Normalkleidung zu kombinieren, die

sich ja verblüffenderweise in den vergangenen 1 Jahren

zur parallel laufenden, technologischen Welterneuerung kaum

geändert hat. Kleidung, die symbolisch für die Zukunft steht,

funktioniert in der zeitgenössischen Wirklichkeit nur auf den

Laufstegen von Extremfeldern wie Outdoor, Hochleistungssport,

Super-Unterwäsche. Ganz nah dran (am Körper), oder ganz

weit draußen (in der Umwelt). Außer Jack-Wolfskin-Jacken

und Nike-Free-Sneakern wurde smarte Kleidung nie Post-

Internet (oder sagen wir Post-Idee), sie wurde nie zur so

genannten zweiten Natur, erreichte nie auch nur im Ansatz die

selbstverständliche Weltintegrität technischer Objekte, aus

denen sich in HER Kommunikation produziert. Mode dient in dem

Film im Gegenteil als grundlegender Rahmen aus klassischer,

kindlicher Erinnerung: Wir sehen gute Dinge, mit denen sich

unsere Augen gut auskennen. Und an dieser Stelle ist der Film

reiner Realismus. Denn auch in der wahren Wirklichkeit ist es

eben so: In Zeiten größter technischer Erneuerung in allen

Lebensbereichen übernimmt Mode plötzlich die Rolle der

Konstante. Diejenige kulturelle Ausformung, die ihrer DNA nach

das Neue, den Moment des Forward verspricht, verschleppt den

Zeitgeist und bleibt auf der historischen Strecke.

Die halbwegs positive Erklärung dazu lautet: Es ist

schlichtweg extrem schwierig, ein so flexibles, kompliziertes,

weil sich ständig wild bewegendes Material mit Hardwaretechnisch

lieber statisch Existierendem zu verschränken. Ist

dieser Zustand erst einmal überwunden, dann geht's richtig ab.

Man könnte aber auch konstatieren: Wir wohnen dem Tod des

sich selbst verschlingenden Systems Mode bei, das in immer

neuen Ausprägung an diesem Dead End seiner Geschichte

nurmehr um die eigene Vergangenheit kreist. Das Gros der

Consumer Electronics sowie der Mode wird von Billiglöhnern in

Asien hergestellt. (High Fashion nicht, aber High Fashion war

auch nie irrelevanter als heute). Die einen produzieren aber

High-End-Objekte (und Ramsch), die anderen nur Ramsch für

H&M. So bleibt womöglich an diesem Punkt erst einmal nur die

dümmste aller Ideen zur Revolution smarter Kleidung: Kauft

mehr teure Kleidung! Doch darf man eins nicht vergessen: Mode

kann nicht sterben. Dazu ist sie letztlich an sich zu schlau, denn

sie folgt einer ganz eigenen, scheinbar widersprüchlichen Logik,

die auf zwei Säulen fußt: Der sozialen Paradoxie (Individualität

durch Nachahmung, ich will anders, nämlich genau so wie der

Andere da vorne sein) und der Ordnungsparadoxie (Stabilität

durch Veränderung, kurzer Rock folgt auf langer Rock folgt auf

kurzer Rock).

Das wird sich nie ändern, nur gibt es aktuell so ein

schrecklich langweiliges Bild ab, da sich die Lifestyle-Industrie

im Fegefeuer des Internet-Beschleunigers nur immer weiter

von Scheinerneuerungen zu Mikrounterscheidung hangeln

kann. Dazu kommt: Der einzelne Individualmensch interessiert

heute keinen Mensch mehr, sondern der Cyberkörper, Digital-

Roboter und Facebook-Avatar dient uns als Ort für Utopien.

Die Folge davon auf dem Avantgarde-Bürgersteig: "Normcore",

also das, was eine Trendagentur aus New York zuletzt so luzide

als das vorgebliche Ende des Strebens nach Differenzierung

und Zugehörigkeit auf den Begriff gebracht hat. Daraus

erstarkt das Bedürfnis, auf der echten Identitätsebene etwas

Einfaches, Verständliches, Unaffektiertes und milde Wirhaftes

auszudrücken. Weil der Rest ja schon so kompliziert

ist! Der komplett unsmarte Hoody-Look von Mark Zuckerberg

oder die Uniform von Steve Jobs werden dabei als Gesten

der Überlegenheit entdeckt. Einziger Lichtblick: Das Digitale

befindet sich trendmäßig im Abseits und die Rückeroberung des

Analogen wird in den kommenden 17 Jahren die Oberentdeckung.

Und das wiederum wird Nährboden für: High Fashion, Fashion

Forward und dann auch logischer- weil widersprüchlichsterweise

endlich: Smart Fashion.


34 — 181 — MANIFEST

Zurück in

die Nacht /

Für ein neues

Nichts

Craig Koslofsky:

Evening's Empire:

A History of the Night

in Early Modern Europe,

Cambridge University

Press 2011

Als die Nacht zum Tag gemacht wurde, kam der Menschheit

auch die Erfahrung des Nichts abhanden. Höchste Zeit

neue Nicht-Zustände, eine neue Nacht zu schaffen, meint

Felix Knoke, der 2013 das Prokastinierungs-Grauen der

freien Autorenschaft gegen die Freuden des Büroalltags

als angestellter Redakteur getauscht hat.

»You don't have to go to

extremes ...Just don't talk!

(Wahlspruch für Mitarbeiter-

Innen der National Security

Agency, NSA)«

April 2000

De:Bug 34

VERDAMMT NOCH MAL! WAGEN SIE ES JA NICHT, GOTT ZU BITTEN, MIR ZU HELFEN. JOAN CRAWFORD, 10. MAI 1977


TEXT FELIX KNOKE 180 — 35

Nirgendwo will man den Menschen derzeit so spüren, wie

dort, wo er nicht mehr ist. Die Ideen vom Spekulativen

Realismus, vom Afterglow des Post-Internet, des

Korrelationismus und einer neuen Metaphysik gründen

auf einem Überdruss am Morgen und der Versteifung auf

den menschlichen Blick. Der postmoderne Mensch gebiert

nur Beliebigkeit, also gleich weg mit dem Menschen! Im

Grunde geht es um eine Welt ohne Menschen - und um

neue Formen kühler Transzendenz, ohne sich auf etwas

Göttliches oder Jenseitig-Spirituelles beziehen zu können.

Nicht aus dem Morgen, dem ewigen Gestern, soll geschöpft

werden, sondern aus dem Nichts: Wie kommt das schönste,

interessanteste, neueste Neue in die Welt? Aus dem Nichts!

Die Arbeit am Nichts, dem wirklich kleinsten gemeinsamen

Nenner aller Dinge, hat allerdings vor ein paar Hundert

Jahren einen erheblichen Rückschlag erlitten. Dann nämlich,

als im späten Mittelalter/frühen modernen Europa die Nacht

zum Tag gemacht wurde - und so ein fantastisches Potenzial

an Abgrund erst mit Spiritualität und Ekstase und dann mit

schnöder Bürgerlichkeit gefüllt wurde.

Hello darkness, my old friend

Als die Menschen im frühen Mitteleuropa die Nacht

eroberten, war das noch ein wissenschaftliches,

mystisches, exploratives und ekstatisches Abenteuer: Die

Nacht war die Gefahr, das Unheimliche, der Sammelplatz

für Abweichler, die verbotene Zone. Wer im frühen Europa

nach Sperrstunde das Haus verließ, galt als Krimineller.

Die Nacht gehörte den Sektierern, Hexen und Dieben, den

Prostituierten, Konspiranten und Jugendlichen. Die Nacht

war eine zweite, entkoppelte Welt, in der andere Regeln

galten - oder eben gar keine. Sie war nicht das Gegenteil

von Tag, sondern dessen Abwesenheit.

Die Nacht war schwarz und absolut, eine blendende

Dunkelheit. Sie war Todesgefahr und Gottes-Versprechen,

aber die längste Zeit kein Schauplatz für Spektakel. Sie

war unerforschtes Land, man fürchtete sich vor ihr, verband

sie mit dem Bösen und dem Besser-ungewiss-Bleibenden.

Wenn man sich ihr näherte, dann seltsam passiv und entleibt

in der halbwachen Stunde zwischen den Schlafphasen.

Das war eine Zeit, in der etwa Johannes vom Kreuz halbluzide

über sich, sein Leben, Gott und die Welt nachdachte

und mit seinem Gedicht von der Dunklen Nacht der Seele

die Grundlagen für unsere Nacht, die Nacht, wie wir sie

benutzen und erleben, legte. Sie war ein Ort, zu dem Bilder

und Gefühle gehörten, die von einem undefinierten Außen

kamen. In der Nacht war man allein in der Welt und dieses

Nichts nahm Kontakt auf. Die Nacht war zu groß, als dass

man sie mit etwas anderem hätte füllen können, als mit

Gott und Ekstase. Aber mit der Reformation geschah etwas

Erstaunliches: Die Menschen eroberten die Nacht. Sie trafen

sich im Wald um ihren verbotenen Glauben zu praktizieren

oder um sich gegen die Macht zu verschwören. Und sie

sahen: Die Nacht ist nicht nur Gefahr, sie kann auch Freiheit

bedeuten und Verheißung. Die Nacht war ein subversiver

Spielplatz, eine Ort der Macht, der hegemoniale Zustände

gefährdete. Die Nacht war Reformation und Aufklärung.

Sie wurde kolonisiert und die Gesellschaft nokturnalisiert

- wie das Craig Koslofsky in seinem fantastischen Buch

"Evening's Empire" ausführlich herleitet.

Scheißnacht

Erst im Übergang zum 18. Jahrhundert wurde die europäische

Nacht ein Ort des Vergnügens. Die Nacht, und für was sie

stand, wurde mittels Straßenbeleuchtung zurückgedrängt,

die Bourgeoise traf sich in den Kaffeehäusern und Salons,

um miteinander zu reden. Man flirtete mit der Gefahr,

wagte sich Schritt für Schritt tiefer ins Dunkel. Die Dialektik

von Dunkelheit und Licht wurde aufgebrochen, die Nacht

erhellt und so zum Tag gemacht. Die Nacht war damit

nicht mehr nur ein aristokratisches Vorrecht (Licht am Hof,

Sonnenkaiser), sondern auch ein bürgerliches Projekt. Damit

folgte der transzendentalen Wucht der Nacht eine politische:

In den spärlich erhellten Öffentlichkeiten formierte sich das

Bürgertum gegen die Aristokratie und formte damit die

Nacht, wie wir sie noch heute begehen. Für all diejenigen,

die bislang in der Nacht Schutz suchten, war diese

Entwicklung eine Gefahr: Plötzlich wurde ausgeleuchtet,

was Verborgen bleiben sollte. Jugendliche und Prostituierte,

schreibt Koslofsky, zerstörten die als revolutionär gefeierten

Straßenlaternen, um so die Nacht für sich zurück zu erobern.

Natürlich scheiterten sie. Die Nacht als Ausweitung des

Tages führte zu gesteigerter Produktivität und Kontrolle,

zur Modernisierung der Arbeits- und Lebenswelt. Man

konnte nun haushalten mit dem Tag und dem Schlaf, auch

durch Drogen, Musik und Seife. Die gefährliche Natur, die

dunkle Seite der Menschen war gebändigt und die Nacht

als Nichts für immer verloren. Die Nacht war nun Erholung

vom Tag und damit nur dessen Kehrseite. Anstatt die Nacht

vom Tage zu trennen, wird die vermeintliche Nacht in den

Tag geholt: man feiert in der Sonne und hört Tanzmusik am

Arbeitsplatz. Unsere Nacht ist langweilig. Weil unsere Tagund

Nachtidentitäten zusammenfallen, wir den ekstatischen

Anteil unserer Identität nicht mehr vor dem Tag geheim halten

müssen, ist die Nacht verbraucht. Es ist bezeichnend, dass

nur mehr in den queeren und schwulen Szenen, gerade an

den repressivsten Orten - aber auch ausgesprochen in Berlin

-, das letzte Versprechen einer alten, gefährlichen Nacht

noch erhalten ist. Die Nacht als der große Darkroom, in dem

Identität abgestreift werden kann um aus sich, besser, aus

der repressiven Gesellschaft austreten zu können. Man kann

sich vorstellen, das Sexualität bald die Nacht verlässt. Aber

was dann von der Nacht übrig bleibt, ist die Abwesenheit von

Arbeit. Was für eine Scheißnacht.

Nicht-Zustände

Vielleicht sollte man diese Nacht endlich aufgeben und eine

neue Nacht schaffen. Aber was könnte diese neue Nacht sein?

Eine äußere Nacht, also die Abwesenheit von Licht, gibt es

nicht mehr. Eine neue Nacht könnte ein gesellschaftliches

Dunkel sein: des Repräsentationszwanges, der Identität, der

Verantwortung und der eigenen Geschichtsschreibung. Diese

neue Nacht hieße, die innere Dunkelheit auszuweiten, sich

zum Geheimnis machen und die beherrschte Welt zurück zu

drängen. Also Zustände zu schaffen, die weder für die anderen

noch für einen selbst zugänglich sind. Nicht-Zustände, die

aber eben nicht transzendent oder metaphysisch sind,

sondern einfach nur nicht weiter erklärbar. Wenn wir wieder

zum Geheimnis werden, aufersteht eine neue dunkle Nacht der

Seele. Sie muss gefährlich sein, eine Konfrontation. In dieser

Nacht muss alles möglich sein, ein magischer Ort.

Zum Geheimnis geworden, könnte man eine absolute

Phänomenologie betreiben: nur die Oberflächen betrachten,

nicht die Strukturen und Zusammenhänge, die darunter

verborgen liegen. An die Stelle von Vorbereitung und

Selbstbeherrschung träte Erdulden und Zulassen. Letztlich

geht es darum, die Illusion von Kontrolle aufzugeben und

dadurch paradoxe Souveränität zu gewinnen. Eine Party-

Stoa ohne Logos, Pathos, Ethos. Mit dieser reduzierten

Gesellschaftlichkeit wird die sinnlose Natur - die neue

Nacht? - ihren Platz finden, Gewalt hat sie eh. Und diese

Nacht wäre verstandlos. Warum überhaupt Verstand?

Weg mit dem Verstand! Nacht als Gebiet, das regellos und

deswegen unverständlich ist, weder Natur noch Gesellschaft.

Hier gibt es nichts zu durchdringen oder sich anzueignen,

der reine, leere Moment und ein zielloses Momentum. Man

könnte als Mensch diesen Ort betreten und ihn verlassen

und zwischendurch nichts wollen können.

Diese Nacht würde uns nicht als Uhrzeit entgegentreten

oder als Zustand, sondern etwa in Form von Menschen und

Orten, die nur mehr Hindernis sind und zwar hinterfragt

werden können, aber nicht weiter erklärt. Sie würden

verrückt erscheinen, aber es gäbe nichts zu heilen. Jeder

weitere Erklärungsversuch müsste geahndet werden. Es

müssten Repräsentationszwänge identifiziert und vernichtet,

die Instrumente der Performance zerstört und durch nichts

ersetzt werden. Jedes Nachdenken über sich und seine

Zusammenhänge gehörte unterbunden, jede Erwartung

an den anderen gestört. Wenn dieser beschauliche Garten

gänzlich gejätet und umgegraben ist und nichts mehr wächst

- dann kann man endlich wieder darauf tanzen und auf den

Morgen scheißen. Denn der wird niemals kommen, wenn

immer Nacht sein kann.


36 — 181 — WORD BILD CHRISTIAN WERNER

Großes, feierliches Suhrkamp-

Haus, die Pressechefin flüstert,

es sei ein komplettes Wunder,

dass das jetzt hier geschieht.

Der ist doch am Schreiben!

Goetz holt die gerade akuten

Buchhammer raus und reiht sie

auf den Tisch (Herrndorf, Raddatz,

Diederichsen, Realismus Jetzt,

Klage), legt Zeitungen, sein

eigenes Aufnahmegerät, seine

Notizmappen dazu. Und kommentiert

den Referenzberg direkt:

"Ich weiß, es nervt." Es nervt

natürlich überhaupt nicht, es

ist natürlich im Gegenteil total

toll. Goetz: Positivhysteriker,

Haarewuscheler, Realitätsübersetzer,

Jetztmaschine,

Schnellredner. Vor 3 Jahren

schlitzte er sich in Klagenfurt

beim Vorlesen die Stirn auf.

Vor zwei Jahren hat er ein neues

Textverfahren entwickelt und

einen Roman geschrieben.

Der im Mai 6-jährige Goetz

ist einer der wichtigsten

Schriftsteller in unserem

Universum, seine Art Pop, Politik,

Techno und überhaupt Leben

in Bücher zu verwandeln, hatte

auf alle hier Einfluss. Die

Parole: Weltwirklichkeit wahrnehmen,

Welt weiterschreiben.

Was also denkt Rainald Goetz

in diesem Augenblick?

Rainald

Goetz

"Keiner von uns

will irgendwann

von irgendetwas

nichts mehr

wissen"


INTERVIEW TIMO FELDHAUS

RG: Würden Sie mir wohl zu Beginn die

Ordnung Ihres Diskurses mitteilen?

Debug: Ich habe wirklich im Vorhinein

versucht, das zu Besprechende in

Schlagwörter aufzuteilen. So sieht es aus:

- MENSCHEN

- ARBEIT

- INTERNET

- SCHREIBEN

- TAGEBUCH

- SELBSTBEHERRSCHUNG/ DÄMON

- SPEKULATIVER REALISMUS

- KÖRPER

Wunderbar. Wir haben 8 Begriffe. Wir

wollen auf 8 Minuten kommen. Das heisst

pro Wort nicht länger als 1 Minuten. Gut.

Probieren wir es.

Sie hatten mir am Telefon gesagt,

Sie würden gerade erneut an Ihrem

Buch "Klage" arbeiteten, das im Mai als

Taschenbuch erscheint. "Die Fäden und

Argumentationsketten noch einmal zuziehen,

um es für mich abzuschließen." So wie

Diedrich Diederichsen das mit "Über Pop-

Musik" gemacht hat. Und der will ja jetzt

nichts mehr wissen von Popmusik. Wovon

wollen Sie denn nichts mehr wissen?

folgen, auch wieder ein eigener Text sind.

Zuerst wollte ich auf jeder Buchseite zwei

Begriffe rausziehen, aber es waren dann immer

zehn, zwölf, fünfzehn Begriffe pro Seite, im

Ergebnis weit über 4 Begriffe. Die habe ich

dann auf 2 runtergeholt. Mit der Freude,

die ich selber an solchen Wortlisten habe.

Und immer mit der Frage: Wo ist was gesagt?

Es sind viele für mich wichtige Argumente

in dem Buch drin, über die verschiedenen

Lebensbereiche, über Politik in Berlin, über

Kunst, über Schreiben und Journalismus. Ich

kann sie denkerisch entwickeln, quasi poetisch

komprimiert, aber zu oft sind sie leider auch ein

bisschen zu autistisch dargestellt.

Über Diederichsen sagt man, er wäre

milde geworden. Wie ist es mit Ihnen? Fühlen

Sie weniger Wut?

Es ist ja nicht Wut, es ist Hass. Aber auch

die Wut wird immer scheußlicher. Es ist nicht

mehr kommunizierbar. Wenn, wie Sibylle

Lewitscharoff, ein Mensch Ende 5, seine

individuelle Wut der Welt gegenüber öffentlich

äußert, ist das einfach unschön anzuschauen.

Bei jungen Menschen ist Wut eine schöne

Sache, später eigentlich nicht mehr.

Bei Ihnen hatte man immer den Eindruck,

Wut ist eine große Quelle der Produktivität.

"Ich bin

extrem

uncool.

Meine

Temperatur

ist immer

hoch."

181 — 37

Eigentlich von gar nichts. Ich glaube auch,

dass das für Diedrich gilt. Diedrich hört ja

ununterbrochen Musik. Dass das eben nicht nur

Popmusik ist, macht sein Buch so aufregend. Die

Faszination und Treue für diesen Gegenstand,

die er gerade in dem Moment aufbringt, wo er

eigentlich von ihm enttäuscht ist, das finde ich

den großartigsten Gestus daran. Ich glaube,

keiner von uns will irgendwann von irgendetwas

nichts mehr wissen.

Abschluss ist sowieso nicht möglich?

Abschluss gibt es nicht. Wenn Diedrich

sich mit anderen Dingen beschäftigt,

dann macht er das immer mit diesem ganz

speziellen Pop-Musik-geprägten Mind und

dieser Ausgangspunkt macht alle weiteren

Wortmeldungen zum Film, zur Philosophie,

zur Ästhetik oder Kunst so interessant. Dass

er den nun in dieser Breite ausgearbeitet

und durchargumentiert hat, ist, wie Jens-

Christian Rabe das in der SZ gesagt hat, ein

ideengeschichtliches Ereignis. Dass einem

Theoretiker und mitlebendem Aficionado für

die gegenwärtigen Dinge so ein Hochblüte-

Werk gelingt - da spricht ja eigentlich alles und

alle Beispiele dagegen. Am Samstag mache

ich mit ihm für die Lit-Cologne ein Gespräch

in Köln, das bereite ich gerade vor, deswegen

bin ich so in Panik.

Für "Klage" haben Sie nachträglich ein

Register erstellt, richtig?

Ja, ich wollte die Argumente über die

Begriffe erschließen, auch mit der Idee, dass

die Worte und Begriffe, die da hintereinander

Ist auch so. Es hat nur durch den Wutbürger

eine unangenehme Konnotation bekommen.

Aber es ist schon eine mögliche Art und

Weise, wie Intellektualität verfasst sein kann.

Das hat seine Wurzel bei mir in einer agonalen

Welterfahrung, die sich aus dem Streit mit mir

selbst entwickelt und sich dann eben auch

gegen andere Leute richtet.

Das Gegenüber, der andere Mensch, das

Abarbeiten an und die Auseinandersetzung

mit dem ist elementar. Was sind das für

Menschen, die gerade oder immer wieder

oder seit neuestem wichtig sind für Sie?

Diedrich Diederichsen war ja schon immer

so ein Pol, und ich glaube Christian Kracht

oder Dietmar Dath, das sind auch Leute, die

immer eine Rolle spielen. Von Kracht waren

Sie ja enttäuscht.

Nein! Das bewegt sich immer hin und her

zwischen sehr großer Begeisterung, absoluter

Faszination und Enttäuschung in dem Sinn,

dass man selber es sich anders vorstellt.

Das muss man immer wieder umrechnen,

dass man das nicht ganz aufgibt, dass man

vom anderen das gleiche erwartet wie von

sich. Das ist fundamental falsch, aber es ist

trotzdem ein energieeffizientes Missverständnis

des anderen, das produktive Effekte hat. Dass

man denkt, die Leute, die man irgendwann

mal toll gefunden hat, die müssen doch weiter

toll sein, die müssen sich weiter so ähnlich

entwickeln wie man selbst – was alles falsch

ist! Es ist falsch im Ergebnis, aber es ist nicht

falsch als Ansatz, um sich mit Energie mit

denen auseinanderzusetzen und die passioniert

weiter zu betrachten. Denn das ist nicht

selbstverständlich, das ist nicht üblich. Die

Leute wenden sich ja immer ganz souverän von

dem ab, was sie nervt. Bei mir ist das anders.

Und das einzige, was mich dabei interessiert,

ist, was kommen da geistig für Ergebnisse dabei

raus. Was entstehen dadurch für Texte.

Wenn Sie von Dialog sprechen, geht

es dabei um Texte, die miteinander

kommunizieren?

Ja. Die wichtigen Gespräche des Schreibers

finden in der Stille der Texte statt, da streiten

die Texte in einem gegeneinander. Fürs echte

Leben ist die finale Vorstellung eigentlich

gegenteilig, dass man einfach neben denen

steht, die man für ihre Intellektualität und

Wesensart hochschätzt, ein Bier trinkt, und

dann beobachtet man gemeinsam eine

Szenerie und hat eventuell ähnliche Gedanken,

was man am Gesicht des anderen sieht, wenn

ein Blickkontakt passiert.

Können Sie sagen, wie sich bei Ihnen ein

Interesse für einen Gegenstand entzündet?

Ich liebe einfach die öffentliche Erregung.

Dass irgendeine Debatte mich langweilt, gibt

es praktisch nicht. Sogar der langweiligste

Satz der Welt, dass die Gegenwartsliteratur so

wahnsinnig langweilig wäre, den Maxim Biller

jetzt gerade wieder einmal in die ZEIT gesagt

hat, regt mich sofort so auf, dass ich auch

einen Debattenbeitrag zu schreiben anfange,

"Im Kopf von Maxim Biller". Und wenn die


38 — 181 — WORD

Aufregung abgeebbt ist, höre ich mit dem Text

auch schon wieder auf. Ich muss ihn ja nicht

fertigschreiben. Dann ist schon Edathy dran,

Sibylle Lewitscharoff, noch irrer, noch geiler. Ich

folge da ganz einfach dem, was alle interessiert.

Interessante Intellektualität entsteht nicht

daraus, dass man sich gute Gegenstände

rauspickt und lange bearbeitet. Man muss nur

den allerbanalsten öffentlichen Diskurs nehmen

und davon etwas lernen.

Ich glaube, Sie formulieren da einen

Moment, der viele Menschen auch im

Umfeld der De:Bug über die Jahre aus

der Wissenschaft hinaus in die Poparbeit

getrieben hat. Das Bedürfnis, immer mit

dem umzugehen, was die Wirklichkeit in dem

Augenblick aus sich raus entwickelt.

Das können aber auch ganz abwegige

Sachen sein. Zum Beispiel hatte ich mich vor

einiger Zeit für diese französische Ausstellung

"De l'Allemagne" interessiert, vor allem für die

deutsche Resonanz darauf. Das hatte ich auf

meine Interessen am Roman bezogen, auf die

Frage also, wieso es in Deutschland keinen

Roman gibt in der Mitte des 19. Jahrhunderts.

"Le Sonderweg". Die deutschen Journalisten

hatten sich dann darüber beschwert, dass sie

in dieser Pariser Ausstellung als Deutsche,

mit ihrem ganzen deutschen Schwachsinn

vorkommen. Und ich bin ja wirklich auch ein sehr

deutscher Deutscher. Gerade deswegen bin ich

überhaupt nicht entsetzt, wenn die Franzosen

die Deutschen unter dem Aspekt des deutschen

Irrsinns und Elends und der ganzen deutschen

Scheußlichkeit sehen und dann sagen: diese

verrückten, kranken Deutschen. Denn es stimmt

ja! Das weiß ich als Deutscher.

Das müssen Sie aber jetzt mal erklären mit

dem deutschen Deutschen.

Das hat mit der Sprache zu tun, was ich

dadurch weiß, dass mein Schreiben nicht

aus dem Erzählen kommt, sondern aus der

Sprache, weil ich eben ein Sprachautor

bin, ganz tautologisch, so wie der

behandelnde Arzt im "Holtrop"-Roman als

"Gesundheitsarzt" bezeichnet wird, - und

diese Sprachorientierung führt einen tief ins

Naturell dessen, was von daher, wie nennt man

das eigentlich, gegeben ist.

Soul?

Das wäre jetzt was Schönes, aber ich

meine eigentlich etwas Problematisches, quasi

Nationalcharakterhaftes. Man ist eben kein

Kosmopolit, wenn man sehr sprachfixiert ist. In

den besten Seiten von Maxim Biller sehe ich zum

Beispiel dieses tolle Kosmopolitische. Ich selbst

habe da überhaupt keinen Zugang dazu. Mein

Buch "1989", eine 3-bändige Mitschrift dessen,

was ein Jahr lang im Fernsehen geredet wurde

zu der Zeit - das stellt einfach ein Wortgebirge

dar, aus den Medien heraus extrahiert, in der

Spannung zwischen dem, was nur die Sprache

hergibt und was die öffentlichen Ereignisse

waren. Man selber ist nur Durchgangsstelle.

Also ein viel deutscheres Buch kann man sich

eigentlich nicht vorstellen.

Sie sind fasziniert von ihrer eigenen

Sprache in der sie umgebenden Sprache?

Ja. Das führt dann dazu, dass ich mir

jedes neue Buch von Heidegger kaufe, jetzt

gerade wieder diese Schwarzen Hefte. Und ich

verstehe Heidegger immer. Darüber kann ich

mich wirklich totlachen. Es gibt ein Buch, "Vom

Ereignis", wo es auf hunderten von Seiten nur

darum geht, wie der Faschismus in Heideggers

Gehirn wütet, so um 1936 bis 38 herum, als

Zeitstillstand im Sein.

Sie können nachvollziehen, wie der

Faschismus bei Heidegger Wurzeln schlagen

konnte?

Klar. Und weil es sprachlich so wahnsinnig

durchgeknallt und hilarious ist, muss ich

dann dauernd irre lachen, wobei es natürlich

auch, wenn man es in seinen politischen

Konsequenzen sieht, absolut grausig ist.

Die zentrale Frage, die ich eigentlich an

Sie habe: Wie ist überhaupt die Situation? Wo

stehen Sie gerade? Mit dem Roman "Johann

Holtrop" sind Sie aus einer langjährigen,

jahrzehntelangen Ich-Jetzt-Haftigkeit

ausgebrochen und haben eine andere, neue

Erzählform gewählt. Machen Sie denn da nun

weiter? Und gibt es überhaupt ein Zurück?

Das weiß ich noch nicht. Aber durch

den "Holtrop"-Roman und die kritischen

Resonanzen darauf hat sich im Moment bei

mir so ein besonderes Interesse am Roman

entwickelt. Was im Roman die Probleme

sind, formal, narratologisch, diese uralten

Fragen finde ich gerade extrem interessant.

Das habe ich jetzt in einem Aufsatz, den ich

für die aktuelle Spekulations-Ausgabe der

Texte zur Kunst geschrieben habe, unter dem

Programmtitel "Spekulativer Realismus",

zusammengefasst und mir klar zu machen

versucht. Was für Probleme tauchen in dem

Moment auf, in dem man den Leser als

Steuerungsinstanz wirklich ernst nimmt.

Was meinen Sie genau? Was verändert

das?

Na, der Leser steuert den Text mit! Das

ist extrem untrivial, das verändert alles. Denn

die Spekulation auf den Leser verändert den

Sound. Im Fall von Ich-Literatur war der Sound

meine Sprache, mein Gegenstand, mein Ich,

eine Identität in sich selbst. Ich und Sprache

als Maschine des Ich-Text-Autors.

Und die Welt!

Genau, die Welt! Ich, Welt, Sprache: das ist

im Ich-Text-Autor und im Ich-Text alles eines.

Ganz anders im Roman. Und wenn man jetzt

beim Romanlesen einmal diesen speziellen

Roman-Beam als beglückend, als innerlich

motorisierend erlebt hat, will man dieses

spezielle Erlebnis wiederhaben: Alles passiert im

Inneren, man wird nicht durch Bilder von außen

gestresst, sieht die Vorgänge in sich ablaufen,

ist davon erregt und zugleich auch ganz ruhig.

Und merkt dabei gar nicht, dass man liest, das

ist für mich die Idealvorstellung von realistischer

Literatur, von jeder Literatur eigentlich. Das

habe ich alles erst entdeckt, als ich vor fünf oder

sieben Jahren Tolstoi gelesen habe.

Aber Sie werden ja keine Theorie des

Romans schreiben.

Nein, aber ich werde hoffentlich den einen

oder anderen Roman in Echtheit schreiben. Es

ist schon so lange her, aber als ich erkannt habe,

was ich in "Abfall für alle" und eigentlich auch

immer davor gemacht habe, war es damit auch

vorbei. Das war während der Poetikvorlesung

"Praxis" in Frankfurt im Mai 98, wo ich mein

ganzes bisheriges Schreiben erfasst und auf

den Punkt gebracht habe. Ich hatte dann

am Schluss der letzten Vorlesung noch die

Hoffnung ausgesprochen, dass ich das alles

wieder vergessen würde, das war aber nicht so.

Gegen Ende des ganzen Buches habe ich dann

gemerkt, wie der Würgegriff des "Es ist vorbei"

sich um meinen Hals gelegt hat. Die Depression

war da. Eben aus dieser Feststellung heraus,

dass ich was ich tue, weil ich es verstanden

habe, nicht mehr wiederholen kann. Dass das

vielleicht vorbei ist für immer.

Und wie arbeiten Sie jetzt? Gibt es

Unterschiede in den Jahren, Prozessen,

Strukturierungen Ihrer Bücher. Ausgehend

von dem konkreten Tag? Wo schreiben Sie

zum Beispiel was hin?

Ich notiere ja die ganze Zeit irgendwas,

schreibe die Gedanken auf.

Aber Sie können doch nicht alles da per

Hand reinschreiben in ihre Mappen. Das ist

doch Durcheinander!

"Die Leute

wenden sich

ja immer

ganz souverän

von dem ab,

was sie nervt.

Bei mir ist

das anders."


181 — 39

Das ist auch durcheinander, das ist auch

unauffindbar. Es geht ja auch nur darum,

dass man sich die konkreten Gedanken, die

abweichen von dem, was alle anderen sowieso

schon öffentlich sagen, für sich klar macht und

fest hält und damit einen Sprung weiter kommt

und den Gegenstand besser erfasst. Das ist

die eine Sache. Und die andere Sache ist:

Probieren. Ich probiere die ganze Zeit Text für

das aktuelle Hauptprojekt zu schreiben, um den

richtigen Ton zu finden, durch den alle Probleme

sich dann lösen. Für den Holtrop, was ich da

probiert habe, bis ich endlich diesen irgendwie

harten, speedigen Ton hatte. Endlos, immer

wieder. Das ergibt dann das Gefühl, von der

Zukunft angezogen zu sein, obwohl es in der

aktuellen Arbeit nicht wirklich weitergeht.

Es gibt kein Ordnungssystem? Wie können

Sie denn später nachverfolgen, was gut, was

wichtig und was schlecht war?

Das Ordnungssystem ist fundamental

chaotisch. Wie es die Kreativität des

Gegenstandes vorgibt. Und so ist auch die

Arbeitsweise. Ich gehe dem nach, was mein

Geist will.

Sie halten also nicht verschiedene

Tagebücher in die verschiedene Dinge

reinkommen?

Nein! (lacht laut und viel) Das wäre ja

furchtbar. Ich muss dann immer an Arno

Schmidt denken, diese Fotos von dem

Zettelchenwahnsinn.

Mit der Pinzette hat er die einzelnen

Mininotitzzettel hervorgeholt, um sie

aneinanderzuschreiben.

Die Idee ist doch: Am Ende muss es alles

von einem abfallen, die Fragen und Probleme,

Erkenntnisse, Erklärungen, der Versuch, was

man alles probiert hat, denn dann ist es da,

dann spricht es und man nimmt es auf.

Auf welchem Gerät schreiben Sie denn?

Völlig egal, mit allem natürlich. Das ist ja

wie früher die Frage nach der Exquisitheit des

Füllers, mit dem man schreibt, ob das auch mit

dem Montblanc-Füller auf 18-Gramm-Papier

geschrieben ist. Oder eben mit dem Sowieso-

Computer im Irgendwas-Programm. Nee.

Bei Musikern ist das was anderes, da spielt

das eine Rolle, aber bei Autoren ist das völlig

egal. Ich habe neulich gelesen, wie Elfriede

Jelinek beschrieben hat, dass sie sofort, als

es Computer gab, anfing mit irgendeinem

blöden Computer, weil sie dann löschen und

einfügen konnte, und was das alles an ihrem

Schreiben verändert hat. Da hätte sie mal

lieber ein bisschen an ihrem Denken gearbeitet,

das hätte mehr gebracht. Ich bin dagegen, das

zu fetischisieren. Ich musste gerade daran

denken, weil Wolfgang Herrndorf in seinem

Buch "Arbeit und Struktur" dauernd von seinem

"Rechner" redet. Wenn Leute ihren Computer

"Rechner" nennen, kriege ich sofort so eine

Aversion. Mich stößt das ab, diese Welt, in der

diese unwichtigen Dinge so wichtig genommen

werden, der Sound, in dem da geredet wird. Ich

bin da nicht dabei.

Während der Gastprofessur für deutschsprachige

Poetik an der FU vor zwei

Jahren sprachen Sie über die herrschende

"Angebersprache" auf Facebook. Sehen Sie

darin ein Symptom? Da sind ja schon alle

und permanent und alle nehmen konstant die

Sprache dort auf, fangen dann auch an so zu

reden und zu schreiben.

Ich weiß es nicht. Ich verfolge das zur

Zeit auch eher auf Twitter als auf Facebook,

weil man das öffentlich lesen kann, ohne

angemeldet zu sein. Ich bin oft sehr gestresst

davon, verstehe es nicht, es zieht mich an, in

Twitter kann man ja auch richtig versinken,

wenn man von einem zum anderen Account

zu immer fremderen Leuten weitergeht, immer

mit der Frage, wer da redet, wen man da vor

sich hat, wem man zuhört. Zum Teil mit sehr

heftigen Reaktionsgefühlen, oft auch Abscheu,

aber man bleibt dran, will mehr. Es ist für mich

im Moment das interessanteste Medium,

fast so faszinierend wie früher Fernsehen.

Plötzlich sind zwei Stunden vergangen und ich

versuche mich zu erinnern, wo ich jetzt überall

war. So ist man früher durch Fernsehkanäle

gefloatet. Es ist ein Ineinander hochaffektiver

Wertungsexzesse, bezogen auf den Sprecher,

und von Informationen, was einen eventuell

noch interessieren könnte, Links, Bilder

zur Auflockerung, so dass insgesamt nicht

vorgegeben ist, wie es weitergeht, wohin

man sich treiben lässt, und vielleicht ist es

diese Offenheit, die ja primär sprachgeführt

ist, schriftgeführt, die einen daran zusätzlich

so besonders anzieht. Und eben dazu dieses

gigantische Angeberproblem, weil die Leute

sich ja alle so unfassbar toll finden. Aber Leute,

die man selber wirklich toll findet, gibt es halt

überhaupt nicht so viele.

Was ich in diesem Zusammenhang

interessant finde, ist das Konzept Coolness,

das immer wieder auftaucht bzw. Sie

anprangern, was aber wiederum auch in vielen

Ihrer Texte eine Rolle zu spielen scheint. Also

dass da ein bestimmtes Bezugssystem aus

Leuten besteht, ein Kreis von Freunden, in

dem ich mich bewege, für die und aus denen

heraus man da schreibt.

Das stimmt, eine Gruppe von Leuten, aus

der heraus man schreibt. Aber das hat nichts

mit Coolheit zu tun. Ich bin ja extrem uncool.

Meine Temperatur ist immer hoch. Mein bester

Freund in München und ich, wir waren schon

damals die uncoolsten Menschen in der ganzen

Stadt, im Nachtleben jedenfalls.

Aber nicht mehr zu Rave-Zeiten, Herr

Goetz.

Doch! Der Michi Kern und ich, mit dem ich

Tausende von Nächten an der Babalu-Kasse

gestanden bin und zehn Jahre in München

Nachtleben gemacht habe – wir waren

passionierte Aficionados, aber wir waren

komplett uncool, allein weil wir so haltlos

begeistert waren für bestimmte Sachen. Und

außerdem muss ich auch wirklich sagen: Ich

hasse das Konzept der Coolheit.

Von Draußen, auch später dann, bei der

Popliteratur, wirkte das ganz anders. Schaut

man etwa heute ins Internet auf Youtube,

kommt gleich diese TV-Talkshow von 21,

mit dem sehr jungen, sehr gut aussehenden

Moritz von Uslar und Alexa Hennig von

Lange. Sie tragen so eine total coole silberne

Bomberjacke und man hat schwer den

Eindruck, das sind jetzt genau die richtigen

Leute, die und wie die hier übers Fernsehen

reden.

Ja, das ist ein gutes Beispiel. Weil ich

da schon beim dritten Mal, vor der letzten

Sendung gemerkt habe, wie der Druck, sich

dort in dieser Nachtstudio-Sendereihe selber

aufführen zu müssen, für mich nicht gut war.

Ich wollte einfach nur so ausschauen, wie ich

mich fühle und wie ich bin, aber allein das stellt

natürlich sofort einen Verkleidungsanspruch

her, den ich total unangenehm fand. Dass da

eine Drift entsteht in Richtung Performance,

Irgendwas-anhaben, hat mich total angekotzt.

Das war einer der Gründe, warum ich das

nicht weitergemacht habe, wie es mir damals


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angeboten worden ist. Ich bin nicht genügend

selbstdistanziert und zu wenig Pop-Musiksozialisiert,

um mit Freude irgendwas darstellen

zu können, ich kann das nicht. Meine Idee ist

immer, wie eigentlich bei allen anderen Sachen

auch: Unsichtbarkeit. Dann wird es schön.

Ich denke jetzt gerade an Sascha

Kösch, wie der mir im Zusammenhang mit

dem Interview, das wir zuletzt mit Dietrich

Diederichsen führten, beiläufig erklärte, was

dessen und seine Pop-Musik-Auffassung

absolut unterscheidet. Und zwar die

Subjektorientiertheit von Diederichsen, der

seine ganze Popmusiktheorie letztlich davon

ableitet, dass ich als Rezipient immer wissen

will, was das da für einer ist, was ist der

Sänger für ein Typ, wie sieht der aus, will ich

auch so, bin ich schon so? Und die DNA oder

der Ausgangspunkt der De:Bug und Techno

ja auch generell, ist eher vom Sound her

gedacht, also DJ-Kultur, Gesichtslosigkeit.

Bei Diederichsen wird dann logischerweise

Performance ein ganz entscheidender Punkt.

Das habe ich in diesem Moment erst richtig

kapiert.

Das ist ein total guter Punkt. Und deswegen

bin ich auch so ein großer Diedrich-Fan, weil er

gerade diese extreme Subjektivität vertritt. Weil

er ein Ich sozusagen gigantischen Ausmaßes

hat und ist. Das ist bei mir natürlich auch

der Ansatz. Man macht nicht zwanzig Jahre

Bücher über einen Gegenstand, den man

unwichtig findet. Aber diese Ich-Begeisterung,

-Faszination und -Ausbeutung für die Arbeit ist

etwas anderes als die Stilisierung.

Also wieder: Körper!

Ja, aber immer aus Beobachterperspektive

gesehen, nicht für mich selbst. Was

signalisieren die Leute, die mir auf der Straße

entgegenkommen, mit ihrem Outfit und Auftritt:

wer sie sind, zu welcher Gruppe sie gehören.

Das wird ja extrem eindeutig übermittelt, was

eigentlich erstaunlich ist. Wieso will das jeder so

deutlich zeigen, welcher Gruppe er zugehört?

Wo doch jeder die Freiheit hätte anzuziehen,

was er will. Aber dann würden falsche

Erwartungen an ihn gerichtet im Kontakt

unter Fremden, das würde Stress bedeuten,

also dieser Effekt, dass man beim ersten Blick

sofort weiß, im Straßenverkehr zum Beispiel,

mit wem man es da zu tun hat. Und jeder

weiß das, jeder kann jeden so einschätzen.

Man schaut durch das Seitenfenster beim

Überholen in den anderen Wagen und denkt

sich nur: ah ja, ist klar. Ich warte immer darauf,

dass jemand so ein Buch wie "Tableau de

Paris" für das Berlin der Gegenwart schreibt,

also die ganzen Sartorialists und Streetwear-

Blogs ausgedehnt auf alle Styles, auch die total

normalen und uncoolen, und das dann nicht in

Bildern, sondern in Worten beschrieben und

erklärt. Vielleicht gibt es das auch irgendwo

im Netz.

Aber das wären mehr Fragen von Style,

nicht so sehr von Körper.

Okay. Bei dem Interesse für Körper

meine ich vor allem interaktionstheoretische

Probleme, die vom Körper verursacht sind.

Wenn zwei Körper sich gegenüberstehen, also

Menschenkörper, was dann an Interaktivität

stattfindet, an Gucken und Nicht-Gucken und

Abchecken, was dabei passiert.

Diese elementare Frage: "Was guckst du?"

Genau. Die Diskretion, das zarte

Miteinander, was daraus folgen kann. Und dann

geht es eben um Ethik. Will man das, was man

da erkennt, was der andere sich wünscht, ernst

nehmen, oder will man darüber hinweggehen.

Und unter großem Druck, vom Fernsehen und

dann auch vom Internet, sind diese Dinge

in ihrer Bedeutsamkeit zurückgetreten, die

fundamentalen Aspekte des körperlichen

Miteinander. Das spielt eine große Rolle in

der Öffentlichkeit der Stadt, aber auch im

Club, unter Freunden, das sind ja alles ganz

differenzierte Situationen. Deswegen habe

ich das Feiern so geliebt: Weil das für mich

der höchstzivilisierteste Ort der schönsten

Körperexpressivität und -begegnung und

Reflexion bedeutet hat. Wenn das Feiern gut

war, war es zart und gigantisch. Das wurde

damals verfeinert und das kam mir sehr

entgegen, weil ich genau das gespürt habe. Weil

ich gemerkt habe, ich betrete einen Raum, und

die Leute, die da sind, wollen vielleicht gar nicht,

dass ich auch da bin, und dann fange ich an zu

gucken, ob sich das irgendwie öffnet auf die

anderen Leute hin. "Darf ich mit dir da sein?"

Das ist mal nicht so selbstverständlich.

"Es gibt nur cool und uncool und wie man

sich fühlt", heisst es in einer frühen Textparole

von Tocotronic. Und jetzt gerade habe ich

gedacht, was dieser Satz eigentlich für ein

Unsinn darstellt, denn im besten Moment gibt

sowieso immer nur alles in einem.

Ja, Dirk von Lowtzow ist natürlich der

große Parolenweltmeister, und er hat damit

auch die Möglichkeit gehabt – im Gegensatz

zu Jochen Distelmeyer, der als Authentizist

große Fortsetzungsprobleme hatte – , den

Parolenansatz weiter zu bearbeiten und damit

besser weitermachen zu können. Und dabei

auch noch die denkbar schönsten Hemden

immer anzuhaben. Ich habe Dirk mal gefragt,

ob es für ihn nicht auch so furchtbar ist, auf

der Bühne zu stehen. Einfach von mir aus

gesprochen: Ich präsentiere zum Beispiel

meinen Roman "Johann Holtrop", alles irre

aufregend, die Leute denken, man freut sich,

und für mich ist es Hölle pur. Und Dirk von

Lowtzow sagt im Gegenteil: "Ich liebe es." Und

wenn man ihn da auf der Bühne sieht, dann ist

er wirklich ein Intellektueller, aber eben auch

ein echter Bühnen-Man und Show-Typ.

Und Sie sind ja eher ein Authentizitist,

nicht?

Ja, leider. Aber ich erkenne das. Ich

finde es betrüblich und problematisch, und

letztlich ist das auch genau die Frage, die

"Das Feiern

bedeutet

der höchstzivilisierteste

Ort der

schönsten

Körperexpressivität.

Wenn das Feiern

gut war, war

es zart und

gigantisch."

noch nicht geklärt ist, ob sich die Welt für so

einen Authentizitisten noch einmal unter einer

anderen Perspektive neu auftut oder nicht.

Das ist die Fragestellung, an der meine Arbeit

aktuell steht. Davon hängt alles ab. Die Theorie

wird ja tendenziell tatsächlich immer besser,

je länger die Leute sie betreiben. Kant hat

seine großen Kritiken im Alter von um die 6

geschrieben, Luhmann sein Hauptwerk "Soziale

Systeme" mit Mitte 5, Diedrich sein Buch jetzt

auch in genau dem Alter. Aber Künstler haben

die Tendenz, ihre besten Sachen am Anfang

zu machen. Die Reflexion verbessert zwar

das Verstehen, was man macht, das hat aber

nicht unbedingt produktive Wirkungen auf die

kreative, bildende Arbeit, bekanntlich eher im

Gegenteil. Und die Frage für mich ist, ob es mir

gelingt, da auszubrechen und einen anderen

Weg zu gehen.

Ich bilde mir ein, in diesem Moment zu

verstehen, warum Sie bei ihrer eigenen

Romantheorie des Spekulativen Realismus,

das Hauptaugenmerk auf die Spekulation

legen. Weil das nämlich nun für Sie die

Möglichkeit bietet, in einer Art artifiziellen

– Künstlichkeit –

Ja genau! – (lange Pause) – Fertig, oder?

Vielleicht.

Wunderbar. (Gemeinsames freudiges

Lachen) Zeit eingehalten. Man weiß nicht, was

gesagt worden ist. Aber es hat Spaß gemacht.

Das fand ich auch.


50 — 181 — MANIFEST

TEXT MARKUS BECKEDAHL

Es ist

unser

Netz /

Arsch

hoch,

Nutzer

Dezentral und Spaß dabei

Schön, dass es Facebook, Google, Twitter und Co gibt und

sie uns einfache Kommunikationsmöglichkeiten geben. Aber

wir bezahlen dafür mit jedem Klick, der irgendwo gespeichert

wird. Unsere Kommunikation findet immer mehr in privatisierten

Öffentlichkeiten statt, wo nur die AGB des jeweiligen Anbieters

gelten und nicht unser Grundgesetz. Damit sollten wir uns nicht

abfinden, sonst haben wir zukünftig nur noch mehr Probleme.

Her mit den dezentralen, offenen und Datenschutz-freundlichen

Services, die zudem einfach zu nutzen sind! Bei der Entwicklung

von neuen Kommunikationstechniken muss Verschlüsselung von

Anfang an mitgedacht werden. Hätte man auch früher machen

können, hat man meist leider nicht. Eine flächendeckende

Überwachung wird damit teuer und dezentrale Lösungen bieten

weniger Einfallstore sowohl für kriminelle Geheimdienste wie

auch monopolisierte Infrastrukturen. Mein Smartphone ist immer

dabei, sendet leider ständig meinen Standort und zudem kann

ich ihm nicht vertrauen. Natürlich kann ich es wegschmeißen

und zum Kommunizieren in den Wald gehen, aber das ist auch

keine Lösung. Was fehlt sind Smartphones, bei denen wir sicher

sein können, dass sie nicht zugleich Wanze sind und ständig

Informationen nach Hause telefonieren.

»August 1984«

Erscheinungsdatum

laut Cover August 2001

De:Bug 50

Netzpolitik-Aktivist Markus

Beckedahl liest uns die

Überwachungsleviten und erklärt,

was getan werden muss, damit

das digitale Leben nicht zum

repressiven AlbTAUM wird.

Bald ein Jahr ist es jetzt her, dass die ersten, durch Edward

Snowden ausgelösten Enthüllungen die Öffentlichkeit erreichten.

Seitdem vergeht kaum ein Tag, an dem kein weiterer Mosaikstein

einer allumfassenden anlasslosen Überwachung unserer digitalen

Kommunikationswelt bekannt wird. Dank Snowden kann die

Frage, ob wir überwacht werden, mit einem klaren Ja beantwortet

werden. Offen bleibt, wie oft, durch wen und wo überall, ob die

gesammelten Daten auch für immer gespeichert und auch gegen

uns verwendet werden. Wollen wir uns damit abfinden, dass

unsere gesamte digitale Kommunikation überwacht, gerastert

und gespeichert wird? Leben wir noch in einer Demokratie, wenn

wir unser Leben und unsere Kommunikation an die potentielle

Rundumüberwachung anpassen und bewusst oder unbewusst

aufpassen, was wir wie und wo kommunizieren und manchmal

vielleicht einfach darauf verzichten, unsere Meinung zu sagen?

Wenn wir einen solchen Zustand akzeptieren, verlieren wir unsere

Grundrechte. Auf unsere Bundesregierung können wir uns

leider nicht verlassen, zu sehr möchte sie mit unseren eigenen

Geheimdiensten mitspielen und sich nicht die Freundschaft mit

den USA verbauen. Aber das kann doch nicht das Ende sein!

Digitale Selbstverteidigung wagen

Die eigenen Datenspuren im Netz können mit Anonymisierungs-

Werkzeugen verwischt werden. Das Internet wird damit zwar

langsamer, aber es hilft, sich in der anonymen Masse zu

verstecken. Verschlüsselung ist zwar häufig immer noch

kompliziert, unpraktisch und unbequem, aber damit sollten

wir uns nicht abfinden. Das muss einfacher werden, damit wir

auch verschlüsselt mit unseren Eltern kommunizieren können.

Wo sind die öffentlichen Förderungen, um diese Werkzeuge

nutzerfreundlicher zu bauen? Wo ist die große Aufklärungsaktion

nach dem Muster der AIDS-Kampagne: "Gib Überwachung keine

Chance"! Aber nur zu verschlüsseln und zu anonymisieren, reicht

alleine nicht aus. Dazu gehören auch die notwendigen politischen

Maßnahmen, um aus dem NSA-Überwachungsskandal zu lernen

und unsere Privatsphäre zu schützen. Und die goldene Regel

dabei ist: Schluss mit aller anlasslosen Speicherung unseres

Lebens, denn die Daten können eh nicht geschützt werden.

Weg mit der Vorratsdatenspeicherung, die demnächst wieder

speichern soll, wo wir in den vergangenen Monaten waren, wen

wir getroffen und mit wem wir kommuniziert haben.

Mehr ziviler Ungehorsam

Wie werden wir genau überwacht, wer wusste davon und

wie können wir technisch und politisch Antworten finden, um

unsere Grundrechte zurückzuerobern? Im Moment scheint für

Geheimdienste alles erlaubt, was möglich ist, solange wir nicht

als Bürger auf die Barrikaden gehen. Doch genau das müssen

wir tun, um dieses Überwachungsmonster zurückzudrängen.

Vor allem müssen wir verhindern, dass die Enthüllungen

als Machbarkeitsstudie für mehr Überwachung angesehen

werden. Edward Snowden hat uns eine Warnung geschickt. Wir

sollten uns für den Tritt in den Hintern bedanken.

Es ist auch unser Netz. Erkämpfen wir es uns zurück.


TEXT JOHANNES GRENZFURTHNER OH WOW. OH WOW. OH WOW. STEVE JOBS, 05. OKTOBER 2011

181 — 51

Sex &

Werkzeug /

Teledildonik

Tausendsassa

Johannes

Grenzfurthner klärt

das Spannungsfeld

zwischen Sexualität

& Technologie

auf und entdeckt

Widerstandspotenzial.

Von den tausende Jahre alten Höhlenzeichnungen

einer Vulva bis zum neuesten

Gonzo-Google-Glass-Porno-Live-Stream

waren Technologie und Sexualität schon

immer eng miteinander verbunden. Die

Zukunft mag ungewiss sein, aber der

bisherige Lauf der Geschichte legt nahe,

dass Sex auch in Zukunft eine essentielle

Rolle in der technologischen Entwicklung

spielen wird und dass Technologie und

deren Anwendung die menschliche

Sexualität beeinflusst und gestaltet.

Stammtischgerede zum Thema sind

alltäglich aber übertrieben (Das Internet

ist 9 Prozent Sex!) und auch irgendwie

kulturpessimistisch-lustlos. Die Gespräche

laufen immer nach denselben Mustern ab:

Technologie würde uns entfremden, wo

blieben denn die wahren Gefühle, die richtige

Kommunikation der beseelten Körper!

Technologie habe in der Sinnlichkeit der

zarten und heiligen Zwischenmenschlichkeit

nichts verloren. Aber zäumt euer Gejammer!

Die Wirklichkeit ist nicht Neil Postmans

Wichsvorlage! Wir dürfen nämlich die

beiden fundamentalen Wahrheiten der

menschlichen Spezies nicht vergessen:

Wir sind sexuelle Wesen. Und wir

verwenden Werkzeug. Und das war's

eigentlich auch schon. Der Rest ist davon

abgeleitet, ist Spekulation oder simple

Selbstüberschätzung.

Messerscharf KinkY

Wenn es um Sex geht, sind Menschen

zu kreativen Höchstleistungen fähig.

Wir haben unsere Vorlieben und Kinks,

und wir tun alles, damit sie wahr werden

können. Dass wir in einem patriarchalen

Machtgefüge feststecken, macht das

ganze natürlich einseitig und verzerrt,

denn der männliche Blick hat sich tief in die

Fundamente unserer Zivilisation gegraben.

Mainstream-Porn zeigt dies sehr deutlich.

Aber unser Umgang mit Technologie kann

dabei helfen, dies zu verändern. Sind

Menschen bereit für (sexuelle) Freiheit?

Marx kategorischer Imperativ lautet, alle

Verhältnisse umzuwerfen, in denen der

Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes,

ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.

Und das gilt natürlich auch (und wird leider

immer wieder vergessen) für die privaten

und sexuellen Beziehungen, in denen wir uns

befinden. Dies gilt für die heteronormative

Durchschnitts-Tristesse genau so wie für

andere Konstellationen. Auch im BDSM

muss wirklich darauf geachtet werden,

dass die gespielten Verhältnisse nicht in

reale Unterdrückungsmomente umknicken.

Das Messer des Kink ist scharf, und reale

Machtverhältnisse entstehen schneller als

wir es uns eingestehen wollen. Technologie

ermöglicht uns auch, uns neu zu erfinden.

Nicht im Sinne eines konsumistischen

Zugriffs nach Luxus-Tools, sondern in

der Frage nach den persönlichen und

gesellschaftlichen Bedürfnissen, die

unterrepräsentiert sind und gestärkt

werden sollten.

Teledildonik

Sex-Technologien bieten breite Fronten

des (kommunikativen) Widerstands.

Teledildonik und Sex Machines, Bio-

Hacking und Screw-It-Yourself, Körper

mit erweiterten sexuellen Möglichkeiten,

erotisch-genetische Utopien und die Vielfalt

der Sichtweisen auf Gender und Geschlecht

sind schon lange im Fokus der Literatur, der

Science Fiction, der Pornographie. Zeit

genug, sich diesen Träumen und Wünschen

sowohl analytisch, als auch sinnlich zu

widmen. Gejammert wird eh zu viel darüber,

von den Konservativen bis zu den Liberalen

und Linken.

Facebook ist Fuckbook

Und dennoch liegen diese distinktionsgewinnlerischen

NaserümpferInnen falsch.

Sie spielen auf Abgrenzung zur sogenannten

"wirklichen Politik" (was auch immer das

sein möge) und verkennen deswegen die

gewitterwolkenfarbige Gegenwart des

globalen Kapitals. Mit dem Postfordismus

hat sich die Logik des Produktionsprozesses

verändert. Inzwischen ist eine widerständische,

subversive Politik der Zeichen

eine handfeste Intervention im Zentrum

der Gesellschaft. Sex und Technologie

ist nicht nur eine Debatte um die Zukunft

der Vibratoren, Sex-in-Videogames, der

Fucking-Machines, des Google-Calendarsfür-Polyamoröse,

sondern eine Frage

zu Identität und wie wir unsere Körper

definieren. Und vergessen wir nicht, dass

auch die Pille und Viagra sexuelle (Bio-)

Technologien sind, die unsere Welt radikal

verändert haben.

Mustererkennung

Der Brite David Levy prognostiziert, dass wir

uns bis zum Jahr 25 in Roboter verlieben

und sie sogar heiraten werden. Meine erste

Reaktion ist sarkastisch: "Klasse, können

wir dann Homosexuelle kurzum zu Robotern

erklären, damit sich diese Diskussion endlich

erledigt hat?" Meine zweite Reaktion

ist realistisch: "Das passiert doch sowieso

jeden Tag." Wir lieben Muster und unsere

Mustererkennungssysteme suchen

sie überall. Wir wollen uns in der Welt

wiederentdecken. Wir sehen Gesichter

in jedem Haufen Laub. Wir sprechen mit

Verkehrsampeln, als wäre es ein magisches

Ritual. Wir glauben, dass unser

WinWord uns hasst, wenn es wieder einmal

abschmiert. Es gibt Leute, die sind in

ihren Hund verliebter als in ihre/n menschliche

PartnerIn. Und es gibt Leute, aus

dem Bereich der Objektsexualität, die den

Eifelturm geheiratet haben oder die Reste

der Berliner Mauer. Die Bandbreite menschlicher

Empfindungen und Sexualitäten (sic!)

ist unendlich groß. Deswegen halte ich es

mit Foucault. Es ist nicht wichtig "Was" wir

wissen wollen, sondern "Warum" wir etwas

wissen wollen.

»Es beginnt nun die Zeit,

in der Handys nicht mehr

nur Anrufer mit Angerufenem

verbinden, sondern ihre

eigenen großen Netze entwickeln,

in denen Spiele, Bewegung,

Umgebung und gehörnte

Tiere eine neue, unerwartet

mobile Definition erfahren.«

Anne Pascual

Oktober 2001

De:Bug 52


52 — 181 — MANIFEST

„Hey,

ich bin

Ben …“

»Bomberpiloten

zu dumm? Der Oberst

weiß einen Ausweg:

An den Heimcomputern

wächst eine Generation

von Kids heran, die für

den Ernstfall bestens

geübt ist.«

Stefan Heidenreich

April 2001

De:Bug 46

VERSTEHT ES NIEMAND? JAMES JOYCE, 13. JANUAR 1941


TEXT JI-HUN KIM

180 — 53

Ben ist dein Albtraum,

denn Ben ist wie du

- Am Beispiel der

fiktiven Figur Ben

dreht Ji-Hun Kim die

Lebensweltpotentiale

und -Abgründe

des Berliner

Kreativarbeiters

zwischen Musik,

Drogen, Feierei und

Kunst durch den

Textwolf. Als De:Bug-

Redakteur fungierte

Kim von 2008 bis 2012 als

House-Beauftrager und

Digitalschlaumeier.

Ben holt sich nach 28 Stunden Raven und

viel Multitox einen runter. Alleine, mit der

Pornofrau Eva aus Slowenien. Sie schaut

ihm aus dem matten Bildschirm tief in die

Augen, die Schminke trieft vermischt mit

Körpersäften über ihr Gesicht. Kreischen

und Sabbergeräusche gellen aus den

Laptop-Boxen. Ben hört nichts. Eva

Ben auch nicht. Ben wollte sich nach

28 Stunden Raven und viel Multitox

einen runterholen. Aus Langeweile. Es

geht nicht. Eher noch könnte er seine

Brusthaare flechten oder eine Kerze üben.

Macht er beides nicht. "Wir sind doch alle

Opfer des Optionismus", denkt er und dreht

sich eine verkrümelte Zigarette, "dass sich

heute keiner mehr entscheiden kann."

Früher war alles anders. Da waren

After Hours noch After Hours. Nicht so

wie dieses zerschossene Rumgehocke

eben bei Robert. Damals haben DJs

aufgelegt. Heute laufen Videofenster mit

rotem Fortschrittsbalken im Hintergrund.

Höchstens zwei Minuten, bis jemand

eine bessere Idee hat. Da darf jeder mal

ran. Genauso wie die Gangbanger, die

mit ihren Penissen wie Hyänen in Evas

Gesicht rumfuchteln. "Demokratisierung

ist doch beschissen." Heute muss Ben

sich darüber streiten, ob Ritalin, Speed

und Chrystal Meth nicht alle dieselbe

chemische Zusammensetzung haben. Was

also den Unterschied macht? Die Lager

geteilt, kein Chemiker weit und breit, zum

Wikipedia lesen alle zu stulle. Kerstin dreht

liegend auf Ketamin Hamsterradkreise auf

dem Dielenboden. Es knarzt rhythmisch

angenehm dabei. Es sieht dennoch kacke

aus. Christine, Medien-Nerd, rote Haare

und Tumblr-Fotografin, glaubt, dass Speed

und Meth das Gleiche sind. "Breaking Bad

ist die gleiche verschwörerische Scheiße

wie Fox News! Die verarschen uns alle voll.

Huhuuu! Bloß die Finger davon, ist voll

gefährlich und so. Voll überdramatisiert

und so. Ich sag dir, ist das Gleiche wie

Speed." - "Ey, Speed haben die Nazipiloten

schon genommen. Voll krass, oder?“,

grunzt Christine. Die anderen spielen

Quizduell.

Ben hat schon viel gemacht in

seinem Leben. Er weiß auch gar nicht, ob

er elf Berufe oder elf Hobbys hat. Geld

hat er eh keins. Ben hatte mal versucht,

zu studieren, machte dann aber durch

Zufall den Nightmanager in einem Club.

Er fand die job description "Manager"

schon recht fett. Fett wurde aber nur

seine Leber. Seine Freundin hat seine

Vodkafahnen am Morgen nicht mehr

ertragen und verließ ihn. Ben dachte dann,

er müsse was Kreatives machen. Mit paar

Unifreunden hat er ein Label gegründet.

Sie wollten es erst "Ministry of Pound"

nennen. Haben sich dann gestritten. Geld

gab es bei 1. Vinyls und drei Artists

aus dem Freundeskreis auch nicht so viel.

Ben verstand sich schon immer mehr als

DJ denn als Labelmacher.

Ben hing gerne tagsüber im 13 in

der Kastanienallee ab. Frischer Minztee

und rote Gauloises, auf dem Heimweg

holte er sich von den verbliebenen fünf

Euro gestrecktes Gras im Weinbergspark

und musste am nächsten Morgen immer

stark husten. Ben sieht ganz gut aus. Also

machte er auch Model. Eine Kekswerbung,

eine VIVA-Kampagne und ein Plakat

von Berliner Pilsener schmücken seine

Setcard. Seine Schauspielerfreunde

mochten Rockmusik, also spielte er in ihrer

Bands Bass. Sie spielten mal auf einer

Geburtstagsparty. Tim Renner war da. Er

so: "Das war authentisch. Bei euch ist nicht

wichtig, dass angesagte Jungschauspieler

dabei sind. Da kann man was draus

machen." Bens Schauspielerfreunde

bekamen ein helles Glitzern in den Augen.

Ein Album haben sie nie aufgenommen.

Ben ging gerne ins WMF. Eines

Morgens klaute er, es war keiner da,

den Clubstempel. Er und seine Freunde

kamen für lange Zeit umsonst rein. Einmal

hat er dort auf Ecstasy eine Italienerin

geschwängert. Sie wollte ihn zum

Katholizismus konvertieren. Ben aber rief

seine Freunde an und sie gingen feiern.

Am meisten hasste er die verstrahltintellektualisierten

Pseudo-Diskurse im

Club: "Der Dancefloor ist ein dynamischer

Raum. Jeder Tänzer ist ein demokratisches

Partikel. Die Partikel werden alle durch

den Sound zusammengehalten. Das ist

eine Kommunion. Das ist die Nivellierung

von Machtstrukturen! Das Rhizomatische:

Deleuze, Lacan, Mitterrand, verstehst du?"

Ben und seine Freunde liebten es, im Rio

die Runden von oben nach unten durch den

Club zu zählen. Einmal kamen sie auf 39.

Ben ist seither in regelmäßigen

Abständen abwechselnd Freelancer

und Foulancer. Irgendwas geht immer.

Ein Praktikum bei der De:Bug, Booking-

Agentur, PR für ein Start-up. Ab und zu

hat Ben für die taz geschrieben. Über

Popmusik. "Hauptsache geil performen,

Geld ist doch zweitrangig“, argumentiert

er immer. Ben glaubt an Mikroökonomien

und kuratiert heute das Musikprogramm

eines kleinen Ladens in Neukölln. Künstler

aus London, Baristi aus Madrid und

Musiker aus Brooklyn hängen dort ab

und präsentieren ihre kreativen Arbeiten.

Seitdem die Expats alle total scharf auf

alten Deephouse und Berlin Techno sind,

legt er einmal die Woche ein paar Basic-

Channel- und Dance-Mania-Platten aus

seiner Sammlung auf und gibt den alten,

weisen Dancefloor-Don. Kürzlich traf er

seinen Zahnarzt im Golden Gate. Sie haben

über Bens neue Krone gesprochen und

zusammen Speed und Kokain genommen.

Eigentlich wollte er schon längst mit dem

Scheiß aufgehört haben: Musik, Drogen,

Feierei, Kunst. Mit seinen WMF-Kumpels

hat sich Ben mal geschworen, dass sie so

lange weitermachen, wie es die De:Bug

gibt. "Bikini Bridge und Thigh Gap sind

Symptome, keine Ursache. Rhythmus ist

kein Zufall. Das Internet ist nicht schuld.

Liebe ist ausschließlich eine Frage des

Timings. Morgen fange ich ein neues

Leben im alten an."


54 — 181 — MANIFEST TEXT SASCHA LOBO

Mainstream

statt Manifest /

Wen meinen wir,

wenn wir wir

sagen?

Freiheit war nur eine geduldete. Die

alten Abhängigkeiten von alten Mächten

und alten Märkten ließen sich nicht

abschütteln.

Aber nur ein Schulterblick zurück,

wenn überhaupt. Nach vorn und nach

hinten gleichzeitig sehen zu wollen, ist

anmaßend. Janusköpfig ist nur einen

Buchstaben entfernt von anusköpfig;

völlig zurecht. Der Kopf, nach vorne

schaut man mit den Augen, in der Mitte

denkt man mit dem Gehirn, hinten kriegt

man Nackenschläge. Ein Moment der

Wehmut, mehr darf nicht erlaubt sein,

Nostalgie macht aus dem Hirn ein eitles

Verklärwerk.

SIEG, GROSSER SIEG! ICH SEHE ALLES ROSENROT. KARL MAY, 30. MÄRZ 1912

»Der Gedanke ist

verführerisch: Ein Gerät,

mit dem man Musik hören,

Videos schauen, Bilder

machen, telefonieren und ins

Netz kann. Yes, please.

Her damit.«

Thaddeus Herrmann

September 2005

De:Bug 95

Das deutsche Internet

sieht ein wenig so aus

wie Sascha Lobos Kopf:

An den Rändern ganz

wenig, in der Mitte ganz

viel. Vielleicht, weil's

pars pro lobo, so gut

passt, erklärt er in den

Mainstream-Medien erst

das Internet, dann das

Ende des Internet - und

jetzt bei uns, warum die

DE:BUG eben wegen diesem

Internet nichts mehr

sagen braucht. DE:BUG ist

Mainstream, sagt Lobo!

Es gibt keine elektronischen Lebensaspekte

mehr, weil es keine nicht-elektronischen

Lebensaspekte mehr gibt. Da ist dieses

ursprünglich treffende Wort, das schon

Anfang der 9er von Marketing-Mundhupen

entbedeutet und mit schaumigem Nichts

aufgeladen wurde: Lebensgefühl. Als

das Elektronische begann, aus den

Geräten in die Gesellschaft zu wachsen,

als die digitale Vernetzung vorher frei

flottierende Teilbereiche verband,

als das Internet bitsschnell von der

Technologie zur Haltung wurde – da

konnte eine Gruppe Neugieriger tatsächlich

ein elektronisch verbundenes Lebensgefühl

entwickeln. Für Avantgarde zu viele, für

Early Adopter zu kritisch, für Vorkämpfer

zu entspannt. Da waren diese Leute dann,

elektronisch geprägte Lebensentwürfe,

mit Musik als verbindendem, emotionalen

Element, das diffuse Wissen darum, dass

man nicht allein war auf eine Art.

Idealisten irgendwie,

Teilzeitidealisten.

Aber es war nur ein Abschnitt; das ist

heute offensichtlich, war es vielleicht

immer. Für Außenstehende. Die Euphorie

wurde getragen vom Wunsch, das Neue

möge sich manifestieren, ohne allzu viel

stinkenden Ballast von der Restwelt zu

übernehmen. Die Freude, dass andere das

auch dachten, verhinderte die Frage, was

genau sie eigentlich dachten. Den digital

ausgerichteten Neuanfang mit neuen

Leuten, neuen Mitteln, neuen Medien

unbelastet beginnen, beinahe: unschuldig

beginnen.

Es hat nicht geklappt, es konnte

vielleicht gar nicht klappen, vielleicht

war sein Ziel allein die Utopie und sein

Wert letztlich die gütige Ernüchterung.

Da war zu viel Welt um das Elektronische

herum, zu viel zu schwere Welt. Vielleicht

hat man es geahnt von Anfang an, vor

Snowden, nach Snowden, das taugt auch

als Zäsur der Kulturepochen. Denn eine

Begleiterkenntnis hat sich steinschwer

herausgebildet, fast nebenbei: die digitale

Auch die nüchterne Analyse aber sagt,

dass diese Phase eine besondere war und

kein inszenierter Aufbruch. Denn die Dinge

haben sich verändert, und mit ihnen die

Gesellschaft drumherum. Im Detail nur

anders als erhofft. Hoffnung sind große

Pläne ohne Hand und Fuß, immer schon

konnte man Idealisten als die Wegbereiter

derjenigen begreifen, von denen sie

anschließend überrollt werden. Immer

schon ging es aber auch nicht ohne sie, die

Idealisten, das konnten sie sich jedenfalls

immer schon einreden. Hoffentlich stimmt

es, alles andere wäre ohne Drogen ja

kaum zu ertragen. Die Welt ist auf andere

Art anders, als Idealisten sich "anders"

vorstellen.

Wären die letzten anderthalb Dekaden

bloß eine Selbsttäuschung, eine Pseudo-

Ära gewesen, man könnte sie sich wie bei

einer Häutung abstreifen und es bliebe

nichts, kein Schmerz, aber auch keine

Erkenntnis. Wenn es so wäre, wenn also

alles Quatsch mit Soße gewesen wäre,

man bräuchte am dringendsten: ein

neues Manifest. Manifeste im Zeitalter

ihrer technosozialen Reproduzierbarkeit

sind zur PR geronnen, schaumsprühende

Beliebigkeit in Thesenform. Eine

Öffentlichkeit von 1 Millionen Leuten

verträgt eine Manifestfrequenz von

höchstens 1 je Jahrfünft. Ein Manifest

ist ein matterhornhafter Monolith, zwei

Manifeste sind ein splittriger Steinbruch,

drei Manifeste sind ein verdammter,

knirschender Kiesweg in die Sackgasse.

Für die nächsten anderthalb Dekaden

wird es hundert Manifeste geben oder

tausend oder googolplex, die sich in ihrer

bestürzenden Egalheit alle zusammen

zu Nichts ergänzen, eine Sinnimplosion.

Irrelevant wäre geprahlt.

Der Umkehrschluss: Wir brauchen

keine Manifeste. Wir brauchen nicht

einmal ein einzelnes Manifest. Wir müssen

überhaupt erst mal wieder herauskriegen,

wen wir meinen, wenn wir wir sagen. Eine

Zeitlang war das einfach, denn wir teilten

elektronische Lebensaspekte. Aber die gibt

es jetzt nicht mehr.


56 — 181 — MANIFEST

Teaser

Terror /

Zuerst dachte ich "was für

eine dämliche Überschrift",

aber dann las ich den Text

darunter, und meine Augen

wurden immer größer.

Am Ende war ich total

verblüfft!

»Was spricht also

gegen den Loop?

Was spricht also

gegen den Loop?

Was spricht also

gegen den Loop?

Was spricht also

gegen den Loop?

Was spricht also

gegen den Loop?

Genau das.

Loops sind böse.«

Robert Henke

November 2003

De:Bug 76


TEXT MARIO SIXTUS

180 — 57

Mario Sixtus ist nicht

nur Elektrischer

Reporter und

erfolgreicher

Zigaretten-zu-

Marathon-Konvertit,

sondern auch De:Bug-

Autor der ersten

Stunden. Heute schaut

er für uns mit Grauen

in eine Medienzukunft

der viral-optimierten

Upworthy-Maschen

- Optimismus?

Pustekuchen.

Einmal kurz die Facebook-Timeline

heruntergescrollt, schon springen sie einen

an, die brutalstmöglich Klick-lockenden

Headlines: "Dieser Mann hat nur zum Spaß

einen Schwangerschaftstest gemacht.

Was dabei herauskam, hätte er niemals

erwartet." - "Ein Mann klickt Google

Streetview an und entdeckt etwas, das er

nie vergessen wird." - "Ein Großvater hatte

viele Jahre lang ein Geheimnis gehütet. Nun

ist es gelüftet. Und ich liebe es."

Ich weiß nicht, ob es schon einen

Begriff gibt für solcherlei Teaser-Terror,

aber wir brauchen dringend einen! Denn wir

haben es hier nicht mit einer Sprachmode

zu tun, sondern mit der neuesten

Generation des Online-Publizierens, dem

"Upworthy"-Genre. Das Schlagzeilen-

System funktioniert so: Neugier wecken

und Spannung aufbauen: "Da gibt es

etwas, das du bisher noch nicht über

Katzen gewusst hast." - "Es ist ein Ort wie

aus einem Disney-Film aber er existiert

tatsächlich." - "Eben noch ist sie eine

fröhliche 19-Jährige. Nur einen Augenblick

später geschieht ein unvorstellbarer

Albtraum."

Eine schnelle Belohnung in Aussicht

stellen: "Es wird dich umhauen. Ernsthaft,

schon ab dem ersten Bild."

"Was dieser Schimpanse in der 3. Minute

dieses Videos macht, musst du gesehen

haben."

Und damit diese eiskalt kalkulierte

Aufmerksamkeitsansaugmethode nicht

direkt als eiskalt kalkulierte Aufmerksamkeits-Ansaugmethode

zu erkennen

ist, am besten noch ein Ich-Element

einbauen. Das strahlt Menschlichkeit

aus, Authentizität und Persönlichkeit: "Ich

kämpfe mit den Tränen." - "Mir fehlen die

Worte." - "Dann sah ich genauer hin und

war geschockt."

Nicht mit Details aufhalten! Namen?

Egal: "ein Mann", "ein Mädchen", "ein

Hundewelpe" reicht völlig. Ebenso

unwichtig ist der Ort der Handlung. Wenn

die Leser erfahren, dass die Geschichte

auf der anderen Seite der Erdkugel

stattfand, schrauben sie vielleicht ihre

wertvolle Empathie herunter. Weswegen

man das Publikum auch nicht mit solchen

Nebensächlichkeiten wie Daten verwirren

sollte. Denn vielleicht finden sie eine

Geschichte ja gar nicht mehr so spannend,

wenn sie erfahren, dass das Video schon

vor fünf Jahren bei "Pleiten, Pech und

Pannen" lief.

Hundewelpen

für Millionen

Hinter den trickreich gebastelten

Headlines findet man dann in der Regel

leicht verdauliches Prokrastinationsfutter,

inhaltlich so nahrhaft wie billige Bonbons

- und ebenso verlockend. Erfunden

hat dieses Konzept der amerikanische

Viral-Aggregator Upworthy, den das mit

Superlativen selten geizende Magazin Fast

Company "das am schnellsten wachsende

Medienunternehmen aller Zeiten" nannte.

Im englischsprachigen Sektor von

Facebook ist Upworthy mit enormem

Abstand Sieger in Sachen Content-

Sharing. Ein Upworthy-Artikel wird auf

Facebook im Schnitt 75. Mal geteilt,

rund zwölf Mal so häufig wie Artikel des

Zweitplazierten Buzzfeed, dessen Output

Facebook-Nutzer durchschnittlich 6.3

Mal teilen.

Upworthy ist der einsame Sieger

des Newskonsum-Kulturwandels, den

die Social Networks in den letzten

Jahren losgetreten haben: Nicht mehr

Publikationen konkurrieren miteinander,

sondern einzelne Artikel. Nicht mehr die

Startseite eines News-Angebotes ist der

Einfallsort der Netzbewohner, sondern

die direkt verlinkte Artikelseite. Und

schließlich: Es gewinnen die Inhalte, die

eine sofortige Belohnung (Buzzword:

"instant gratification") bereithalten, ein

massenkompatibler Kurz-Emotionskick,

den man gerne weiter gibt.

Facebook ist die natürliche Biosphäre

von Upworthy; auf Twitter findet die Website

kaum statt. Kein Wunder, CEO und Co-

Gründer Eli Pariser verriet dem Business

Insider einmal ein paar seiner Rezepte.

Eines davon: "Focus on Facebook, not

Twitter!" Ein anderes: "Only write something

1.. people would be happy to learn

about!" Das ist auch deswegen interessant,

weil Eli Pariser nicht nur Chef und Mitgründer

von Upworthy, sondern auch der Erfinder

des Begriffs "Filter Bubble" ist. In seinem

gleichnamigen Buch warnt er davor, dass

wir uns im Netz durch Korinthenpickerei im

Medialen und im Zwischenmenschlichen

plüschige Info-Blasen basteln, in denen

allein unsere Meinungen und Ansichten

herrschen. Kritisches muss draußen bleiben.

Ob Eli Pariser nun mit Hundewelpen-

Videos und rührenden Geschichtchen,

die mindestens einer Million Menschen

gefallen sollen, all unsere kleinen Filter

Bubbles aufweichen will - oder direkt

unsere Hirne, das ist nicht ganz klar. Was

man Upworthy zu Gute halten muss: Die

Redakteure versuchen auch Politisches

und gesellschaftlich Relevantes in ihr virales

Glitzerpapier zu wickeln.

Darauf einen Messwein

Allen, die nun diese Erfolgsmethode

kopieren, ist solcherlei Ansinnen allerdings

fremd. Im deutschsprachigen Web sind es

Websites wie Heftig.co, die das Upworthy-

Prinzip eins-zu-eins nachspielen, es

allerdings von sämtlichen gesellschaftlichen

Ansprüchen befreien und auf diese Weise

mit wenig Aufwand auf Facebook recht

erfolgreich sind.

Die nächsten Adepten der Upworthy-

Methode sind vermutlich Focus Online.

Unter dem ehemaligen Axel-Springer-Mann

Daniel Steil hat sich die Publikation bereits

jetzt in einen Wildwuchs aus Fragezeichen-

Journalismus verwandelt. "Warum hatte

der Pilot einen Flugsimulator zu Hause?",

raunt eine Überschrift dort etwa fragend im

Kontext des Fluges MH 37. Fehlt nur noch

ein "Du wirst die Antwort nicht glauben. Sie

hat mir den Atem geraubt."

Auch in der Politik würden Upworthyesque

Slogans funktionieren, und sie wären

sogar ehrlicher als so manche herkömmliche

Zusicherungen: "Wir versprechen ein

Grundeinkommen für jeden Bürger. Wähle

uns, und Du wirst schnell sehen, was Du

wirklich bekommst! Ich kann es gar nicht

abwarten." Oder in der Religion: "Du wirst

es nicht glauben, wie prächtig das Paradies

aussieht. Werde Katholik, und schon direkt

nach deinem Tod wirst du es sehen. Ich

trinke darauf einen Messwein."

Die Methode Upworthy wird die

Medienwelt verändern. Und es wird furchtbar

sein. Ein publizistischer Hundewelpen-

Albtraum. Aber neben 1.372.556 Gründen,

über das Ende der De:Bug tief traurig zu

sein, ist das wahrscheinlich der eine einzige

nichttraurige Grund: hier niemals solchen

Teaser-Terror lesen zu müssen.

11.04.–30.06.2014

NIK NOWAK

ECHO

10.04.2014

ERÖFFNUNG MIT

PERFORMANCE

19h

BERLINISCHE GALERIE

Alte Jakobstraße 124–128, 10969 Berlin

Mi–Mo 10–18h, www.berlinischegalerie.de

www.facebook.com/berlinischegalerie

Nik Nowak, Panzer, 2011, © Nik Nowak, Foto: Nik Nowak


58 — 181 — ALTPAPIER


180 — 59


danke de:bug

(von marco, sascha, Flo und daniel)


62 — 181 — MANIFEST

Klangsynthese

/

Digital ist

auch nicht

schlecht

SCHEISSE AUF DIE GANZE GESELLSCHAFT. SCHEISSE AUF ALLES, WAS UNWICHTIG IST. JOAN MIRÓ, 25. DEZEMBER 1983


TEXT BENJAMIN WEISS 180 — 63

Benjamin Weiss ist

De:Bug-Mitbegründer

und hat sich von

der ersten bis zur

letzten Ausgabe

der sachkundige

Erörterung von

Knöpfchendrehereien

aller Art gewidmet.

Zum Finale plädiert

er angesichts des

grassierenden Analog-

Fetischismus für mehr

originär digitale

Sound-Synthese.

Trotz Touch-Interfaces, dem einen oder

anderen Fuchtel-Controller und zuweilen

auch sehr innovativer Interfaces wie etwa

dem Controller-Ball AlphaSphere waren

die letzten Jahre im Musiktechnikbereich

im Großen und Ganzen geprägt von einer

beispiellosen Retrowelle: kleine kompakte

Desktop-Analogsynthesizer wohin das

Auge reicht und die Rückbesinnung

auf die Ergonomie und bewährten

Bedienkonzepte von vor drei Jahrzehnten

wie XOX-Step-Sequenzer oder die Pad-

Matrix der MPC.

Der Trend zu Desktop-Analogsynthesizern

ist, obwohl kleine

Boutiquehersteller seit Jahrzehnten die

Analogfahne hochhalten, erst mit Korgs

monotron-Serie vor vier Jahren so richtig

hochgekocht, die die Blaupause für das

aktuelle Erfolgsrezept lieferte: klein,

günstig, einfach zu bedienen und mit

der Aura und/oder den Bauteilen eines

berühmten Vorgängers aufgewertet,

der sonst nur für viel Geld auf dem

Gebrauchtmarkt zu haben ist. Klone

von 33 und 88 waren bis dahin die

Domäne von Klein- und Kleinstherstellern

wie Acidlab, MFB oder Jomox, von den

gescheiterten Versuchen von Roland aus

den Neunzigern (MC 33 und Co.) mal

abgesehen, die meistens außer ähnlichen

Namen so gut wie nichts mit dem Original

zu tun hatten.

Nachdem die ersten monotrons draußen

waren und Korg bald mit der monotribe

nachlegte, griffen Arturia, zu dieser Zeit

vor allem für ihre Softwareemulationen

bekannt, das Ganze auf und brachten mit

dem MiniBrute ihren Analogsynthesizer

heraus, der wesentlich erfolgreicher war

als ihr erster Hardwaresynthesizer Origin.

Danach gab es dann in rascher Folge

diverse analoge Desktopsynthesizer wie

Moogs Minitaur, Doepfers Dark Energy,

Waldorfs Rocket, Arturias Microbrute,

Eowaves Domino, Waldorfs Pulse 2 und

mit Novations Basstation 2 auch die

Wiederkehr eines der ersten Synthesizer,

die als 33-Klon angetreten waren.

Hysterie ohnegleichen

Der Analog-Claim in Verbindung mit einem

angeblich oder tatsächlich günstigen Preis

(viele der Boutique-Hersteller bieten ihre

Synths mit den gleichen Features seit

langem zu den gleichen Preisen an, obwohl

sie mit viel kleineren Stückzahlen rechnen

müssen) war auch hier das Mittel zum

Erfolg, obwohl das direkte Klassikervorbild

fehlte.

Mit der volca-Serie kombinierte Korg

letztes Jahr nach der Wiederauferstehung

des MS-2 als MS-2 mini alle Zutaten

nahezu perfekt: extrem günstiger

Preis, klassisches, intuitiv erfassbares

Bedienkonzept, druckvoller Sound und die

zwei begehrtesten Vintage-Vorbilder 88

und 33 zwar nicht direkt emuliert, aber

vom Design und der Namensgebung so

deutlich referenziert, dass allen klar war,

um was es hier geht.

Inzwischen ist es soweit, dass allein die

Ankündigung einer analogen Drummachine

mit analogem Synthesizer auf der

Musikmesse im unteren Preisbereich (wie

Akais Rhythm Wolf) zu einer absurden

Hysterie ohnegleichen führt: jede Menge

Interviews, Hands-Ons und Videos eines

denkbar unspektakulären Prototypen, der

noch dazu eines nicht kann: auch nur einen

Ton von sich geben.

Analogue Circuit

Behaviour

Schöner Nebeneffekt der Analogmanie

ist, dass die Boutique-Hersteller

analoger Hardware mit ihren Klein- und

Kleinstauflagen davon profitieren, wieder

an Stellenwert gewonnen haben und

endlich die verdiente Aufmerksamkeit

bekommen. Ausgerechnet Rolands AIRAs

könnten jetzt aber dafür sorgen, dass

das Image von Digitalsynthesizern wieder

besser wird, denn sie emulieren zwar

mit Analogue Circuit Behaviour analoge

Synthese, sind aber trotz beeindruckendem

Sound komplett digital.

Trotzdem werden sie gerade und

vor allem auch von einstigen absoluten

Verfechtern der Originale in Scharen und

mit großer Begeisterung gekauft, die sich

in den Jahren vorher noch überkritisch zu

jedem noch so kleinen Bauteil äußerten,

dass wesentlich aufwendiger aufgebaute

Klone von den Originalen unterscheidet.

Lustigerweise gab es in der allerersten

De:Bug, die noch Buzz hieß, einen Test

von ReBirth, der ersten Softwareemulation

von 88 und 33. Wenn man sich heute

die iPad-Variante davon neben den AIRAs

anhört, fällt es bei geschlossenen Augen

gar nicht leicht, den Unterschied zwischen

den 33-Emulationen wirklich zu hören.

Digitale Synthese wird grundsätzlich

unterschätzt und versteckt sich in den

meisten Fällen immer noch verschämt

hinter der Emulation der analogen

Verwandtschaft: nach wie vor werden

aktuelle digitale Synthesizer vor allem

damit beworben und daran gemessen,

wie genau sie analogen Sound abbilden

können. Das liegt unter anderem auch

Mangel an berühmten Vorbildern: neben

dem DX-7 gibt es so gut wie keinen digitalen

Synthesizer, der einen ähnlichen Kultstatus

wie die Analogklassiker erworben hat, ohne

diese selbst zu emulieren. Warum nicht all

die DSP- und CPU-Power mal anstatt

für die tausendste aufwendig berechnete

virtuell-analoge Schaltung für etwas

nutzen, das analog einfach nicht geht?

Geht doch

Um die Jahrtausendwende war das

noch anders: Clavia hatte mit dem Nord

Modular gerade einen ausgewiesen

digitalen Modularsynthesizer auf den

Markt gebracht, Pure Data und Max/Msp

erblickten das Licht der Welt und erlaubten

neue Synthesewege und mit Generator/

Reaktor gab es von NI einen wirklich

innovativen Synthesizer-Baukasten, der

zwar auch analog emulieren konnte, aber

nicht darauf reduziert war. Obwohl sich

seitdem nach dem mooreschen Gesetz

die Prozessorleistung äußerst konservativ

gerechnet vervierzehnfacht hat, hat

sich im Bereich der digitalen Synthese

hardwareseitig erschreckend wenig getan,

zumindest bei den großen Herstellern.

Auch hier sind die kleinen Vorreiter und

haben es zumindest ab und zu versucht:

Rozzbox und OP-1, die Monomachine, Oto,

Shruthi und Meeblip sind nur einige wenige,

die aus ihrer digitalen Herkunft keinen Hehl

machen und demnächst steht mit Emphase

auch ein neues digitales Hardware-

Flaggschiff von Reaktor-Mastermind

Stephan Schmitt an. Digital ist zwar nicht

besser, aber auch nicht schlecht.

»Was bleibt, ist

allein die Hoffnung,

dass kein Kopierschutz

perfekt ist. Und die Ahnung,

dass die Hacker dieser Welt

demnächst verdammt viel

zu tun haben werden.«

Janko Roettger

Mai 2001

De:Bug 47


64 — 181 — MANIFESTE VON GESTERN TEXT BRUCE LA BRUCE

manifesto

/ Purple

Resistance

Army

The Purple Resistance Army

is a united and federated

grouping of members who

have, under homosexual

and minority leadership,

formed and joined The

Purple Federated Republic

(PFR) and have agreed to

struggle together on

behalf of all their people

and races and sexes and

political parties' interests

in the gaining of Freedom

and Self Determination

and Independence for

all faggots and others.

The PRA declares

revolutionary war against

the Fascist Capitalist and

Largely Heterosexual

Class and all its agents

of murder, oppression

and exploitation.

WEH MIR, ICH GLAUBE, ICH HABE MICH BESCHISSEN! KAISER TIBERIUS CLAUDIUS, 54 N.CHR.

Never Trust Anyone Under 30!

This neo-axiom of the PRA is designed both as an historical

broadside against the age-ism that has become endemic to society,

and as a reminder that, under the new world order, tender youth

has long since lost its counter-cultural compass and can no longer

be trusted or relied upon to instigate or disseminate revolutionary

ideals a priori. Although voter turnout in the eighteen to twenty-five

year age demographic has dwindled in the past several decades

in western democracies, it is by no means a dependable indication

that the youth of today is anything less than a vast, empty

cadre of reactionary, close-minded clones who will swallow any

sort of predigested pablum that is placed in front of them.

Get To Know Your Asshole!

The Purple Resistance Army entreats all males, but particularly the

self-proclaimed "heterosexuals" to get in touch with their assholes,

by any means necessary. In an industrialized society which has

reached a point of abundance, a certain repression over and above

the one necessary to advance culture is forced on its citizens in

order to exert a particular notion of "normalcy" that is more aligned

with conformist social and institutional attitudes rather than ideas

of individual fulfillment. The redundant, unnecessary work upon

which advanced capitalism is predicated, results in a distraction

from one's own personal and sexual needs. A person who functions

normally in such a sick society is himself sick, while it is only the

"nonadjusted" individual who can achieve a healthy acting out

against the overly strict restraints and demands of the dominant

culture. It is such a society that prevents constitutionally bisexual

men from exploring their homosexuality, and in particular, from

getting to know their assholes. Many men can spend their entire

lives not experiencing the pleasure of the anus. Neglect of this

region leads to poor prostate health, general irritability, spiritual

malaise, or worse. Anal Liberation Now!

Discourse Sucks!

The Purple Resistance Army does not in general support or condone

artists or, in particular, art discourse, although bullshit artists

and their discourses are provisionally accepted. The art world

has become a purely reactive and reactionary institution whose

trends and tendencies are determined and circumscribed by the

broader conservative cultural forces and socio-economic policies

of an exploitative capitalist ruling class. As an alternative to the art

orthodoxy, the PRA promotes finger painting, free range graffiti,

tattooing (although not on pigs), home movies, ad hoc shrines –

or, for conceptualists, practical jokes, pranks, hoaxes, and public

nudity not organized and sanctioned by institutionalized art stars.

Counterintuitivity

The Purple Resistance Army, a militant band of insurgent sissies,

must not succumb to the current cycle of cynicism and apathy that

has infiltrated and destroyed the spirit of resistance, subversion

and highly civil disobedience that was once at the very core of

the homosexual psyche. In today’s topsy-turvy, wrong is right,

revolutionarily reactionary world, the members of the PRA must

learn to use counterintuitivity to fight its enemies.

Death to Celebrity!

Celebrity culture has become the biggest boondoggle of the

modern world, and members of the PRA must do everything in

their power to destroy it. "In the future everyone will be famous for

fifteen minutes" has been wildly misinterpreted as an endorsement

of celebrity for all as a kind of democratic principle in a capitalist

context. Warhol's real prediction for the future was probably more

along the lines of an Orwellian (or perhaps Kafkaesque) dystopic

nightmare in which each individual in society is forced, by means

of an assembly line or factory model, into a limited window of

fame/labour precisely fifteen minutes in duration, none more

significant or important than the next. Celebrity itself has become

a disease that mangles and maims the egos of those who suffer it,

reducing them to delusional paranoiacs who should be at the very

least, not paid very much attention to, at best, deprogrammed.

Down with Overexposure! Up with Anonymity!

Show Business is Politics/

Politics is Show Business.

Awards shows receive their own special category of condemnation

from the PRA for their smug self-congratulatoriness and

crass commercialism, propping up, as they do, the celebrity

infrastructure by lording the wealth and power of the privileged

few over the increasingly impoverished, debt-ridden anonymous

masses. Celebrities now campaign for major awards like

seasoned (read: corrupt) politicians, hiring teams of strategists

and publicists to promote their cause, while politicians are styled

and cosmetically sold to the public like programmatic B-list movie

stars. Death to the Hollywood insect who preys upon the life of

the people!

The Tyranny of Stylists

Modern styling has become particularly offensive to the PRA,

especially considering that it’s an invisible fifth column of our

tragically misguided misogynistic homosexual brothers, from

stylists to designers, who have dictated and enforced the

grotesque style imperatives that now govern the image of women

in the western world. A new model army of faux lap-dancers have

willingly conformed to the style of the hyper-objectified woman,

thereby capitulating to the male gaze. Cruelly, the advent of

high definition media technology only serves to exaggerate and

intensify the monstrosity of these highly engineered viral vixens

on television and, to a lesser degree, in the movies. File sharing

is not only true democracy in action, but it’s also environmentally

friendly! And remember, intellectual property is theft!

The Charm Offensive

Counterintuitively, PRA members must always be kind, courteous,

and polite. The fact that the world is going to hell in a Kate Spade

handbag is no excuse for rudeness.

Down with Revolutionary

Reactionaries!

A relatively recent phenomenon, the term revolutionary

reactionaries refers to formerly radical groups of disenfranchised

minorities and/or oppressed peoples who are now fighting,

sometimes violently, for the right to be conservative, stable, and

inert. From the French riots, during which so-called socialist

youths donned balaclavas and sacked the libraries of the

Sorbonne (the very site of the genesis of May ’68!) to promote

their fight for sedentary, entrenched job security; to angry gays

and lesbians struggling to participate in the military, marriage

and to adopt family values: the oppressed are doing a pretty

good job of oppressing themselves these days without the help

of hegemonic states, bureaucracies and institutions. The Purple

Resistance Army urgently implores you to Wake Up and Smell

the Tear Gas!


TEXT FELIX KNOKE

180 — 65

»Niemand erfriert

hier im Minimaldubecho.«

Rene Margraff

November 2001

De:Bug 53

Das Manifest ist unter der GNU

Free Documentation License v1.3

auf www.criticalengineering.org

erschienen.

Oliver, Savicic und Vasiliev

betreiben mit Weise7 ein Hacklab

und Studio in Berlin. Alle drei

sind Künstler gewordene Hacker,

die sich kritisch gegen eine naive

und unpolitische Medienkunst

richten.

/ CRITICAL

ENGINEERING

In ihrem 2011 vorgestellten Manifest erklären

Julian Oliver, Gordan Savicic und Danja Vasiliev

die IngenieurInnen zur transformativen Kraft des

technologischen Zeitalters. Vor dem Summer of

Snowden galt ihr Typus des "Kritischen Ingenieurs"

nur als Kritik an einer verspielten, naiven (Medien)

Kunst. Für die Zukunft ist es auch ein Appell

an die Konstrukteure der digitalen Welt:

Nutzt euer konstruktives Potenzial

der Zerstörung und Störung!

0.

Der Critical Engineer versteht Technik

als die wirkungsmächtigste Sprache der

Gegenwart, die Denken, Kommunikation

und Mobilität der Menschheit verändert.

Der Critical Engineer studiert diese

Sprache und ihre missbräuchliche

Anwendung.

1.

Der Critical Engineer betrachtet Technik,

die Abhängigkeit und Hörigkeit fördert,

als Bedrohung und Herausforderung, ihr

Innenleben ohne Rücksicht auf gesetzliche

Verbote zu ergründen.

2.

Der Critical Engineer benennt die

politischen Herausforderungen, die

mit jedem technischem Fortschritt

einhergehen.

3.

Der Critical Engineer entlarvt "reichhaltige"

Nutzererlebnisse als Täuschung.

4.

Der Critical Engineer überwindet die

Ehrfurcht vor technischen Implementationen

und benennt ihre Methoden, Einflüsse und

Eigeneffekte.

5.

Der Critical Engineer erkennt, dass jede

Technik ihen Benutzer in proportionaler,

wechselseitiger Abhängigkeit manipuliert.

6.

Der Critical Engineer erweitert den Begriff

"Maschine" auf Wechselbeziehungen

zwischen Geräten, Körpern, Agenten,

Kraft- und Netzwerkstrukturen.

7.

Der Critical Engineer behält die

Diskrepanz zwischen Technikherstellung

und -Nutzung im Blick und prangert

Unregelmäßigkeiten an.

8.

Der Critical Engineer studiert die

Geschichte, um vorbildliche Arbeiten des

"critical engineerings" für die Gegenwart

nutzbar zu machen.

9.

Der Critical Engineer stellt fest, dass

geschriebener Code zunehmend in soziale

und psychologische Bereiche vorstößt und

dabei das Verhalten sowie die Interaktion

von Mensch und Maschine reglementiert.

Mit diesem Verständnis rekonstruiert der

Critical Engineer als digitaler Archäologe

aufgezwängtes Benutzerverhalten und

soziale Prozesse.

10.

Der Critical Engineer betrachtet den

"Exploit" als die erstrebenswerteste Form

von Enthüllung.


66 — 181 — KULTUR

DE:BUG PRÄSENTIERT

IM MÄRZ

© Johannes Paul Raether

25.04.–

03.05.

Krems

Donaufestival

2014

Das Donaufestival feiert Zehnjähriges.

Zum Geburtstagsständchen an den zwei

Wochenenden des 25.4. & 26.4. sowie

des 30.4. – 3.5.2014 hat man wie gewohnt

unter dem Überbau einer Plethora

an Formaten zwischen Konzerten, Clubevents,

Installationen und Performances

hochspannende Künstler gebeten, ihre Visionen

hör-, sicht- und fühlbar zu machen.

Jon Hopkins gibt sich mit Vaporwave-Boss

Oneohtrix Point Never und dem Granularsynthese-Fetischist

Fennesz die Klinke in

die Hand. Ebenso werden L.I.E.S.-Chef

Ron Morelli und Blixa Bargeld in Kollaboration

mit Teho Teardo aufspielen. Außerdem

wird es neben den musikalischen

Hochkarätern zahlreiche Performances

– unter anderem von Santiago Sierra und

Dinos Chapman – geben. Man ist also ein

weiteres Mal herzlich dazu eingeladen auf

utopische Gesellschafts-Gegenentwürfe

jenseits überholter Denk- und Handlungsmodelle

zu treffen und sich in einem Hauch

von Zukunft den Kopf zerbrechen zu dürfen

– oder einfach nur zu tanzen.

© Distruktur

30.04.–

11.05.

köln

Acht

Brücken

Festival

Dieses Jahr widmet sich das Acht Brücken

Festival in Köln unter dem Titel "Im

Puls" der Untersuchung der Antonyme

menschlicher Puls und maschineller Takt.

Mit Ausgangspunkt in der immer weiter

voranschreitenden Technisierung der Gesellschaft

die mit dem ersten Weltkrieg

in Gang kam und sich in allen Bereichen

der Kunst und des Denkens des 20. Jahrhunderts

niederschlug, wird versucht dem

Spannungsfeld zwischen Mensch und

Maschine mit einer breiten Auswahl moderner

Musiker & Komponisten Rechnung

zu tragen. Ein großes Augenmerk wird

folglich auf die Arbeiten des ungarischen

Komponisten György Ligeti gelegt, die oft

stark durch das im Fokus des Interesses

stehenden Gegensatzpaars geprägt sind -

insgesamt 24 Werke aus der Entstehungszeit

von 1948 bis 2001 werden aufgeführt.

Auch weniger akademischen Künstlern

wird nahrhafter Boden für eine Auseinandersetzung

mit dem Thema geboten: Robert

Henke (Monolake) wird das Festival

mit der Uraufführung einer neuen Arbeit

bereichern und die Mülheimer Entschleunigungslegenden

Bohren & der Club of Gore

werden ebenso eines ihrer faszinierenden

Schauspiele zwischen Stillstand, Melancholie

und Sarkasmus zum Besten geben.

23.05.

köln

Electronic

Beats

Die Electronic Beats-Festivals sind seit

einigen Jahren bekannt dafür, Shows mit

einer stilsicheren Mischung aus heißen

Newcomern, bühnenscheuen Kultacts

und etablierten Größen abzuliefern. Das

nächste Electronic Beats-Event wird

am 23. Mai in Köln stattfinden und bietet

genau jenes aufregende Line-Up-

Kaleidoskop, das einen Eyecatcher-Effekt

garantiert: der vielgerühmte Electronica-

Innovator Jon Hopkins steht dieses Mal

Seite an Seite mit "Jizz Jazz"-Erfinder Mac

DeMarco und seinen entrückten Pop-Entwürfen.

Mit Vimes und Milky Chance sind

auch zwei Vertreter der Zukunftsmusik aus

Deutschland dabei, die beide akustische

und elektronische Instrumente ineinanderschmelzen

lassen, mit ihrem ureigenen

Approach. Das Highlight des Billings wird

für viele sicher Goldfrapp darstellen - die

Electropop-Legenden spielen ihr einziges

bisher bestätigtes Deutschland-Konzert

im Rahmen des Electronic Beats Festivals.

Tickets gibt’s auf der Electronic Beats-

Homepage oder ganz bequem über die

beiden EB-Apps zu erstehen.

DONAUFESTIVAL.AT

ACHTBRUECKEN.DE

ELECTRONICBEATS.NET


180 — 67

© VG Bild-Kunst, Bonn 2014

© Robert Mosbach

29.04.–

01.05.

hamburg

Kommt

zusammen

Festival

23.05.–

25.05.

Porec, Kroationen

Lighthouse

Festival

Das Lighthouse Festival, initiiert von der

Wiener Pratersauna mit Unterstützung

zahlreicher Satellitenclubs und anderen

Partnern, feierte letztes Jahr sein Debüt

- mit überwältigender Resonanz. Mit einer

idyllischen Location an der Küste des adriatischen

Meeres in Kroatien und den vielversprechenden

Erstankündigungen des

Line-Ups wird das dieses Jahr wohl auch

nicht anders aussehen. Axel Boman, Joyce

Muniz, Kollektiv Turmstrasse und Dream

Koala sind einige der ersten Garantien für

eine erfolgreiche Wiederholung des letztjährigen

Erfolges. Da das Lighthouse Festival

auch so etwas wie ein Urlaubsersatz

sein will, gibt es natürlich noch reichlich

anderes zu tun als tanzen - die malerische

Kulisse wird dieses Mal auch zum Schauplatz

eines Tischtennis-Wettbewerbs, einer

Rollerdisco in einer Venue aus den 70er

Jahren und auch für die Bespaßung der

Kleinsten wird im "Kids Club" gesorgt. Maiurlaub

mal anders.

23.05.–

25.05.

rügen

Her mit

dem

Schönen

Leben

Festival

Mit Rødhåd, Oskar Offermann & Edward,

Recondite und Blawan an der Ostküste Rügens

feiern – genau diese Möglichkeit bietet

euch das Her mit dem schönen Leben-Festival,

das dieses Jahr zum ersten Mal stattfinden

wird. Umgeben von kilometerlangen

Stränden, Dünen und dichten Wäldern bietet

Prora eine mehr als außergewöhnliche Kulisse

für drei Tage tanzen. Das Line-Up, das

in Zusammenarbeit mit namhaften Clubs,

Crews und Labels des Tanzmusikuniversums

realisiert wurde – unter anderem der

Ritter Butzke-Crew aus Berlin und den Leuten

von Uebel & Gefährlich aus Hamburg

– bedient sich glücklicherweise nicht am

allsommerlichen Einheitsbrei, sondern kann

durchaus mit einigen Acts aufwarten, die

sonst eher zu den Festivalbühnen-Raritäten

zählen. Die Sause findet auf insgesamt fünf

Floors statt – drei davon unter freiem Himmel,

zwei unter bebenden Decken.

© Team Gallery, New York

05.04.–

10.08.

düsseldorf

Smart New

World

Was heißt es, ein Individium in der Informationsgesellschaft

zu sein? Dieser Frage

geht die "Smart New World" betitelte

Ausstellung nach, die vom 5. April bis zum

10. August diesen Jahres in der Kunsthalle

Düsseldorf im Rahmen der Quadriennale

zu sehen sein wird. Eine kleine Armada an

Künstlern, darunter Santiago Sierra, Trevor

Paglen und Xavier Cha, werden sich der

brüchigen Beziehung zwischen Subjektivität

und postindustrieller Gesellschaft

in einer Zeit, in der die Selbstdarstellung

zunehmend von der Omnipräsenz eines

digitalen Voyeurismus übernommen wird,

widmen. Unfassbare Datenmengen, NSA-

Stempel unter der endgültig verstorbenen

Privatsphäre, in hunderte Einzelteile zersplitterte

digitale Spiegelbilder des Gegenwartsmenschen

- auf diesen Pfeilern

ruhend wird ein intimer Ballungsraum für

die künstlerische Auseinandersetzungen

zwischen Zukunftsperspektive und Gegenwartsangst

entstehen.

Das seit einer Dekade in Rostock ansässige

KOMMT ZUSAMMEN-Festival expandiert.

Dieses Jahr findet zum ersten Mal

eine dreitägige Sause in Hamburg statt.

Der KOMMT ZUSAMMEN-Banner stand in

Rostock immer für einen Spielplatz diversester

Facetten der elektronischen Musik,

aber auch die Szenevernetzung und ein

breites Angebot neben den Parties, die ihr

Hauptaugenmerk auf Musik legen, stehen

im Fokus der Macher. Dieses Konzept wird

natürlich auch in Hamburg fortgeführt. Der

diesjährige Auftakt in Hamburg soll nur der

erste Schritt hin zu einer Vielzahl an Spielstätten,

Szeneaktivisten und Musiker aus

dem Hamburger Umfeld sein, die sich beim

KOMMT ZUSAMMEN-Festival künftig versammeln

und ihren Ideen und Wünschen

ein angemessenes Outlet bieten können.

Gestartet wird aber in einem kompakten

Rahmen, der es möglich macht die drei

Tage vom 29.04. bis zum 01.05. durchweg

mit Highlights zu füllen. Eröffnet wird mit

einer Lesung von Tino Hanekamp, unlängst

ist er durch seinen Roman „So was von da“

auch über die Grenzen Hamburgs hinaus

bekannt geworden. Wer dann Lust hat seine

Cluberfahrung ganz dem Beispiel Hanekamps

zu vertiefen, hat dazu mehr als

genug Gelegenheit - im Ballsaal des Uebel

& Gefährlich startet das 3000Grad - Skazka

Orchestra die Nacht. Im Anschluss daran

darf das geneigte Tanzbein zu Techno,

House und Bassmusik geschwungen werden

- mit Douglas Greed, Dapayk, Andreas

Henneberg und The Micronaut uvm. dürfte

für die Befriedigung aller Geschmäcker gesorgt

sein. Falls die Feierlust dann immer

noch nicht gestillt ist - für eine Afterhour

im Tanzcafe HalliGalli wurde auch gesorgt.

LIGHTHOUSEFESTIVAL.TV

HER-DAMIT.INFO

KUNSTHALLE-DUESSELDORF.DE

KOMMTZUSAMMEN-HAMBURG.DE


68 — 181 — LESERBRIEFE TEXT MICHA AUS BLANKENBURG

micha aus

blankenburg

/ Lieblingsausgabe

#182

Micha aus Blankenburg

ruft an! Das war eine

verlässliche GröSSe,

sogar schon als einige

von uns noch bei der

Frontpage waren. Die

Treue schlechthin. Zum

Schluss haben wir den

SpieSS mal umgedreht

und bei Micha angerufen,

um uns seine persönliche

Mensch-Medium-

Geschichte erzählen zu

lassen. Dazu HAT seine

TOCHTER dann noch

dieses grandiose Bild

zum Magazin gemalt.

Der Wert

Diese Zeitschrift hat uns elektronische Welten

eröffnet und Lebenssinn gegeben. Das ist bei

weitem mehr als eine Zeitschrift überhaupt

leisten kann. Neben der formidablen

Themenauswahl, dem exquisiten Layout

(mit jeder Umstellung irgendwie immer noch

besser), den hervorragenden Interviews

und Features, der Vorstellung technischer

Neuerscheinungen und tausenden

Plattenkritiken hatte die De:Bug etwas, was

den meisten anderen fehlt: enorme Dichte und

musikalische Strahlkraft.

Die Übertragung

Ihr kennt sicher das Gefühl, Menschen, die ihr

noch nie gesehen oder getroffen habt, näher

zu sein als euch selbst. Sich verbunden zu

fühlen mit ihren berauschenden Gedanken,

ihre Euphorie zu teilen über Dinge, die uns

wenig später ebenfalls erreichen. Auch

das Vertrauen in ein Team zu haben, das

großen Einfluss auf unzählige unserer

Lebensmomente hatte.

Die Redaktion

Wir haben miteinander geredet, uns

geschrieben, zugehört und gemeinsam auch

getanzt. Danke dafür, allen voran Sascha, aber

natürlich auch Thaddi, Mercedes und Bianca,

Benjamin und Anton für ein besseres Morgen

und den vielen MitstreiterInnen aus den

vergangenen Jahren. Sie waren da - für uns.

An ihrer Kompetenz (Feiern inklusive) besteht

für mich nicht der geringste Zweifel.

Das Ritual

Die De:Bug lag meistens als Abo im

Postkasten, oft auf der Treppe im Hausflur. Sie

wurde sehnsüchtig erwartet, als Zeremoniell

mit feuchten Händen der Schutzfolie entrissen,

quergelesen, studiert, quasi aufgesogen und

anschließend behutsam archiviert. Fünf

Großbuchstaben - wer erinnert sich nicht an

die unverwechselbaren Titelseiten - machten

klar, dass mit Erscheinen immer auch eine

neue Zeit begann (zumindest: ein Warten auf

das nächste Mal).

Der Rhythmus

Nicht immer war es einfach, der regelmäßigen

Informationsflut Herr zu werden, die

monatliche Masse an Zeichen zu lesen,

Reviews zu checken, Charts abzugleichen

und den jährlichen Leserpoll mit auszuwerten.

Wir wussten ja, was uns monatlich erwartet -

eben verlässlich, wie die Basslines von Gerald

Simpson oder Kicks von Modeselektor.

Der Schlusston

Die Nachricht vom Ende schlug ein wie eine

Bombe. Ohne Vorankündigung, mit aller Wucht

und Zerstörung, dann Trümmer überall und die

drängende Frage nach dem Warum?

Das Danach

Darüber lässt sich natürlich nur spekulieren.

Ich könnte mir eine digitale Fortsetzung

genauso gut vorstellen, wie eine Zersplitterung,

ein Auseinanderdriften, ein Suchen und dann

ein Starten von etwas Neuem.

Die Stille

Fragt mich heute jemand nach meiner

Lieblingsausgabe, antworte ich natürlich: die

182. Aber will ich mich mit dem Status Quo

einfach so abfinden und zur Tagesordnung

übergehen? Ich fürchte, ich muss.


180 — 69

»MP3-Player werden zum

Weihnachts-Geschäft neben

jedem Keksregal stehen.«

Anton Waldt

November 1999

De:Bug 29

De:Bug in Blankenburg

Filzstift auf Papier

Hannah Horn, 2014


70 — 181 — MANIFEST TEXT JAN WEHN

BekenntnissE

eines Techno-

Hochstaplers

/ Moritz

Wehn

Vom Praktikant zum Redakteur war

es in der De:Bug oft kein weiter Weg,

zuletzt schlug ihn Jan Wehn ein, der seit

Herbst 2013 zur Redaktion gehört. Zum

dicken Ende outet er sich als dreister

Techno-Hochstapler: Ohne Rave-Ahnung

in die Höhle der Auskenner - Oh Boy!

Was reimt sich auf Moritz? Po-Schlitz. Es ist 1993.

Ich stehe auf dem Pausenhof der Grundschule

Hohenlimburg. Um mich herum zehn, vielleicht

15 Sebastians und Noras, Philipps und Tanjas,

die immer wieder "I like to Moritz Po-Schlitz!"

singen und sich dabei in Sachen Phrasierung,

Rhythmik und Intonation an Real 2 Reals Ragga-

House-Smasher "I Like To Move It" orientieren.

Moritz, das ist mein zweiter Vorname. Meine

Eltern haben ihn mir extra ohne Bindestrich

gegeben - damit ich mir aussuchen kann, wie

ich genannt werden möchte. Moritz, das weiß

ich spätestens jetzt, sicher nicht. Mittags gibt’s

Milchreis mit Zimt.

Danach der Anblick des nässenden Herpes

eines alten Rentners, der mir und meiner

Schwester das Spielen auf der Blockflöte

beibringen soll. Seine krustigen Lippen saugen

das rohrförmige Blasinstrument aus Holz ein.

Immerhin weiß ich jetzt, wie man ein tiefes C

spielt.

Am Samstagmorgen staubsaugt mein

Vater das Wohnzimmer. Unter das Rauschen

der Miele-Maschine mischt sich ein AOR-

Klangteppich erster Güte: Genesis, Chicago,

Manfred Man’s Earth Band, Dieter Falk. Am

Abend schauen 18 Millionen Menschen und ich

Michael Jackson dabei zu, wie er bei "Wetten

dass...?!" in die wackelige Gondel steigt, unters

Dach der Mehrzweckhallen in Duisburg-

Hamborn schwebt und, von der Nebelmaschine

durchgepustet, unseren schönen aber maladen

Planeten besingt.

Adventszeit. Ich backe mit meiner

Mutter Heidesandplätzchen. In unserem alten

Küchenradio steckt das erste Tape von Bushido.

Mama wollte es gern mit mir zusammenhören.

Weil's ja doch was anderes als der heile

Mittelstandsrap von den Beginnern ist. Ich habe

mehr Angst als sie. Nach 6 Minuten "Carlo,

Cokxxx, Nutten" setzen wir uns kritisch mit dem

eben Gehörten auseinander. Vielleicht ging's da

los.

Mit Mama und Papa zu Besuch in der

Hauptstadt. Im Kino in den Hackeschen Höfen

schauen wir gemeinsam "Berlin Calling". Guter

Film.

Studium in Bonn. Mein Mitbewohner trägt

lange Haare und hört Burial. Und µ-Ziq. Und

Fennesz. Und Bohren & Der Club of Gore. Ich

muss das jetzt gut finden. Erst mal ein Spex-Abo

abschließen.

De:Bug-Redaktion, Schwedter Straße 9,

Prenzlauer Berg. Bewerbungsgespräch zum

Praktikum. "Und, wohin gehst du so aus?“. Anton

Waldt quetscht Buchstaben in seine Tastatur und

mich über mein Feierverhalten aus. Gute Frage.

"Hm, eigentlich gar nicht so richtig." - "Gar nicht?

Oh Boy!" Nee, tatsächlich gar nicht. Ich bin ohne

Techno großgeworden. Interessiert mich einfach

auch nicht so richtig. Drei Mal Berghain, am

Wochenende lieber Frau und Hund und BaWü-

Bergstraßenromantik galore. Wie um alles in der

Welt bin ich hier gelandet? Völlig egal. Ich darf

wiederkommen.

»Über jeden französischen Techno- oder

Houseact wird ein Mülleimer voller schlechtgebeugter

Nasale ausgekippt, so dass der Arme sich nach

spätestens zwei Artikeln für ein krosses Baguette

mit Käsefüßen halten muss.«

Sascha Kösch, Mai 1999, De:Bug 23

Thomas German moderiert "Hit Clip" vor

dem Lavalampen-Greenscreen. Meine Mutter

bringt das erste Album von Take That mit

nach Hause. Zum Geburtstag bekomme ich

einen Michael-Jackson-Zweiteiler, mein Vater

hat aus einem alten Kopfhörer das passende,

obligatorische Kopfmikrofon gebastelt. Ich tanze

stundenlang vor dem Spiegel.

Peter Andrés Bauchmuskeln, die

Bravo Hits 1, Ich mit Foto von Nick Carters

Pottschnitt beim Frisör. Das macht 12 Mark,

bitte. Im Konfirmandenunterricht tauschen wir

schlecht kopierte Thunderdome-Kassetten mit

selbstgemalten Covern unterm Tisch. Dann

Bong rütteln und Beats bauen. Später: Baggys

adé. Jeden Tag eine neue The-Band, den Barré-

Griff bekomm ich nach drei Wochen ganz gut hin.

Reicht nicht. NuRave ist doch auch ganz geil:

neonfarbener Heavy Metal für die Hipster, von

denen ich auch so gerne einer wäre.

Paul Kalkbrenner bespielt die Pollerwiesen.

Alles riecht nach Jean Paul Gaultier. In meinem

Nachbericht steht folgender Absatz: "Ich bin

etwas skeptisch, als die dritte Nummer gleich

‚Sky and Sand‘ ist. Aber so, wie die Augustsonne

langsam hinter den Wipfel verschwindet, die

Nebelmaschine dampfende Fabelwesen über

die Menge pustet und auf einmal alle irgendwie

doch gleich aussehen, meint man fast noch das

Rauschen des Rheines und den knirschenden

Sand unter seinen Füßen zu spüren - der

wahrscheinlich größte Moment an diesem Abend.“

Drei Monate später: Alles so schön bunt

hier! Und so kompliziert! Ji-Hun Kim findet

Digitalism gehe gar nicht. Dabei waren das doch

meine Helden! Ich sag’ besser nix. Nächstes

Fettnäpfchen: Erlend Øye in einer Rezension

als Waldschrat bezeichnet. Sieht Thaddeus

Herrmann als großer Kings-of-Convenience-

Fan gar nicht gern. Muss raus. Himmel, war

das anstrengend! Vertuschen, dass man nicht

alles weiß, an den richtigen Stellen nicken, aber

auch mal gekonnt stirnrunzeln. Woher wissen

die eigentlich alles? Die können doch gar nicht...

doch können sie. Bestes Beispiel Sascha, der

mir bewies, dass Promo-Stapel auch dann noch

einsturzsicher sind, wenn sie höher als einen

Meter gen Bürodecke ragen.

Ich darf weiter schreiben. Über Smooth-

Fi, Jersey Club, dreamy-sleazy Water Rap,

Hipster-Horrorcore-Hybridmusik, Zukunfts-

R’n’B zwischen Rapidshare-Eigenvertrieb

und kokainistischen Hedonismus, Porno-Pop,

Supergenres, sexelnde Samplequeens. Wo sonst

geht so was bitteschön?

Meine Freunde hören halt Musik. Weil sie

da ist. Oder weil sie gut klingt. Die haben nie so

recht verstanden was ich da mache: über Musik

schreiben, Platten hören, gut oder schlecht

finden, die richtigen und falschen Fragen stellen.

Damit verdient man Geld? Wenig, aber es reicht.

Das soll ein Job sein? Ja, es ist einer. Der beste,

den ich mir vorstellen kann. Trotz ohne Techno.

Besonders hier bei der De:Bug. Rave on!


72 — 181 — DIENSTREISEN

Dienstreisen

/

Mission

De:Bug

Wenn es nach dem

redaktionellen

Reisebudget gegangen

wäre, hätte sich der

De:Bug-Reportageradius

auf U-Bahn- bzw.

Fahrraddistanz

zum Büro in der

Schwedterstraße

beschränkt. Dem

war aber nicht so,

vielmehr haben unsere

findigen Reporter

zweitverwertet,

aus eigener Tasche

draufgebuttert

oder sich mutig

aufs gefährliche Eis

bezahlter Ausflüge

begeben und trotzdem

unbestechlich

subjektive Texte

verfasst.

Kairo - Universität. Noch zu

Zeiten Mubaraks. Wir präsentieren

die Ergebnisse des Digital Consumer

Culture Workshops des Goethe Instituts.

Der Hörsaal voller Schleier. Vor mir ein

Ägypter der Cybertaskforce, oder der

Geheimpolizei. Konnte man nicht wissen.

War zu geheim. Hackern gehöre die

Hand abgehackt, mindestens, so der

Tenor. Auf Gegenfragen nur Blicke, die

töten können. Von mir dann: Grundkurs

Produkte missbrauchen um Schönheit zu

basteln. Ovals "Post Post" knistert durch

den Hörsaal. Ekkehard Ehlers "Plays John

Cassavetes B" endlose Beatles-Variation.

Alle Ägypterinnen durch die Bank verzückt.

Die werden glücklich im Schleierabteil mit

der U-Bahn nach Hause fahren, dachte

ich mir. Mal nicht über die neuste Fatwa

gegen das Verbrennen von Reisstroh

grübeln müssen. Khaled Said war noch

nicht totgetreten. Die Revolution war noch

weit weg. Aber die Hoffnung war in jeder

Faser des Aufsaugens dieses Knisterns

spürbar. Jahre später hing ich tagelang

halb weinend am Al-Jazeera-Livestream

vom Tahrir Platz. (bleed)

»In Europa soll

derweil die NSA-

Station Menwith Hill

(UK) aufgerüstet werden.

Dort sollen Stimmerkennungsmuster

über Satellit nach

Fort Meade (Maryland)

geschickt werden.«

Nico Haupt

April 2000

De:Bug 34

Tokio - Unsere erste Japan-Club-

Lektion findet im coolen Amate-Raxi statt,

das keinen internationalen Clubvergleich zu

scheuen braucht, wenn es um Anlage, Licht

oder Barpersonal geht. Die Tanzfläche füllt

sich, wir verzweifeln am Bierpreis knapp

unter 8 Euro, der übrigens gleichermaßen

an den Bars wie an den Getränkeautomaten

vor den Klos gilt, eine Einrichtung die

europäische Clubs doch bitte sehr zügig

übernehmen sollen. Jedenfalls wollen

wir oberschlau eine billige Runde Bier

beim Minisupermarkt an der nächsten

Ecke einlegen, um zu lernen, dass es in

japanischen Clubs keine Stempel gibt und

sich der Türsteher nicht an uns erinnern

mag - Aber Langnasen sehen ja auch alle

gleich aus. (waldt)


180 — 73

Warschau - In Berlin, so sagt

man, habe man das Feiern verlernt. In

Städten wie Tel Aviv hingegen trötet sich

die Jugend derart durch die Nächte, als

wäre der nächste Sonnenaufgang das

jüngste Gericht. Jedes Wochenende. Auch

in Warschau kann man feiern. Backstage

eines bekannten Clubs nahe der Wisla.

Ein neonbeleuchteter, ein karger Raum.

Schmierige Sofas an den Wänden. Ein

großer Tisch, ein Kühlschrank. Gegen

Eins füllt sich der Raum beträchtlich. DJs,

Freunde, Residents, eine kleine, charmante

Stehparty. Eine junge Polin stellt sich vor,

fragt, ob man was nehmen wolle. Ja nee,

muss eigentlich nicht. Es plumpst ein

daumengroßer Klumpen Kokain aus

einem Plastiktütchen auf die dunkelweiße

Tischplatte. Das Mädchen ruft sich

Freunde herbei und zu fünft wird mit dem

Eifer eines chinesischen Sweatshops das

Koks zerlegt. Drei Minuten später liegen,

wie eine Dünenverwehung in der Sahara,

fünfzig Lines auf dem Tisch. Die Initiatorin

stellt sich auf einen Stuhl und klatscht in

die Hände: "Meine Damen und Herren, das

Büffet wäre angerichtet …" (ji)

Hollywood - Wir, ich und eine

Truppe von Drum-and-Bass-Kids aus

Berlin, sichtlich bemüht, die Brown Bags

mit Drinks ins erste große Drum-and-

Bass-Rave zu schmuggeln und später

Joints und Zigaretten unterm DJ-Pult zu

rauchen. Finger der anderen Hand immer

festgeklebt an der Nebelmaschine. In der

Eingangshalle auf dem Boden ein großer

Haufen zusammengewürfelter Kids auf E,

anschmiegsam verkuschelt wie ein Wurf

Hundewelpen. Auf dem Floor Breakdance

zu Metalheadz Amen Breaks. Kulturschock

überall. Die Produzenten der Stadt wohnten

in Gated Communities, es fiel ihnen kaum

auf. Der DJ Funk Gig, das handgepickt

einzige Clubevent von Relevanz die Woche,

eine Scratch-Orgie ohne auch nur den

Gedanken eines Dancefloors. Die Stadt

eine Ansammlung von Parkplätzen. Und

die Berliner Exoten auf unbekümmertem

Fußmarsch auf der Suche nach einer Tüte

Milch ohne Vitamin-D-Zusätze waren

immer wieder ein denkwürdiger Anblick.

Wie wollen die einparken, so ganz ohne

Auto? (bleed)

Oslo - "Vier Bier bitte." Das Gesöff

füllt gemächlich die blassen Kneipengläser,

die Kreditkarte ist gezückt, souveränskandinavisch

versteht sich. "5 Euro? Aber

ganz schön happig..." Die Norwegerin, der

ich das Bier überreiche, zeigt sich sichtlich

überrascht.

"Für mich?"

"Ja, macht man doch so."

"Aber nicht hier."

"Verstehe nicht."

"Du glaubst wohl, wir wären alle stinkreich.

Wenn man einer Frau in Norwegen ein Bier

ausgibt, kommt es einem Heiratsantrag

gleich." (ji)

Jena - An einem erfreulich warmen

Karfreitag sitzen wir mit den Wighnomy

Brothers im Gastgarten des "Gruenowski"

in Jena. Die Jungs sind gerade von einer

ausgedehnten Südamerika-Tour zurück und

mental noch nicht wirklich vor Ort, aber die

Sonne und Vodka-Apfelsaft lassen den

Nachmittag im Block entspannt angehen:

Das "Gruenowski" teilt sich nämlich das

Erdgeschoss einer Gründerzeitvilla mit dem

Plattenladen "Fatplastics", in den oberen

Stockwerke findet sich das Freude-am-

Tanzen-Büro und Gabors "Musikzimmer",

sowie eine handvoll Büros aus dem Umfeld

der Grünen, denen das Gebäude gehört.

Auf der sonnigen Wiese vor uns kläfft

sich ein Punkköter seine asthmatische

Seele aus dem räudigen Laib, um eine

Schildkröte zu beeindrucken. Natürlich

völlig zwecklos, das Reptil zieht seine

Extremitäten nicht einmal ganz unter seinen

Panzer zurück, offensichtlich abgehärtet

durchs Stadtleben: "Jena hatte die größte

Schildkrötenzucht des Ostblocks," erläutert

Sören die verwirrenden Eigenheiten der

lokalen Fauna. (waldt)

New Delhi - Wie um alles in der

Welt war ich nach New Delhi geraten?

Richtig. Goethe! Mit den Sonarkollektiv-

Jungs. Der Club war im ehemaligen Staats-

Hotel, in das man mit einem Elefanten

hätte einreiten können. Im Veggie-

Restaurant dieses irren Komplexes gab es

das weltallerbeste Essen für einen Euro.

Das wird eine billige Woche. Der Resident

mochte mich. Ich kam aus Berlin. Ich

musste ein Freund von Westbam sein. Mir

schwante Böses. Erst mal ne Runde Bier für

die Berliner holen. 3 Euro. Wirr. Zwischen

den Tänzern (nur Jugendliche aus bestem

Hause, versteht sich) Bedienstete

mit Besen und Kehrschaufel, die sich

behände durch die Masse groovten und

den Floor blitzblank hielten. Auflegen.

Und alle Schreien und gehen ab wie

verrückt. Ich fühlte mich wider Erwarten

sehr westbammig. Zur Afterhour die

Gegend erkunden. Keine 1 Meter vom

Hotel am Abwasserkanal die Blechhütten-

Slums. Doch lieber wieder zurück, aber erst

mal vorbeimogeln an einer Handvoll höchst

aufmerksamer Tuk-Tuk-Fahrer, deren

Brüder definitiv die besten Teppichläden der

Stadt haben. In der Hoteleinfahrt steht jetzt

wirklich ein Elefant. Die nächsten drei Tage

sollten viele davon anstampfen, Tag und

Nacht: Hochzeit, indische Hochzeit. 3

Gäste im Saal unter mir. Ein konstanter

Trommelwirbel. Sanftes Runterkommen

dann beim Sonarkollektiv-Gig im Goethe-

Saal, wo ich das erste und letzte Mal, aus

mir unerfindlichen Gründen eine Polonaise

auf dem Dancefloor bestaunen durfte.

(bleed)

New York - November 29. Ein

Hersteller vom Smartphones will mit uns

Golf spielen. Downtown. Na gut, eigentlich

im Central Park. Anstatt von Caddys

und Schlägern haben wir nur brandneue

Telefone in der Tasche, bespielt mit einer

Killer-App, die mit Hilfe von Google Maps

und GPS waschechtes Urban Golfing

verspricht. Gleich nach dem Aufstehen

hatten wir uns während eines Helikopter-

Rundflugs die besten Spots im Park

ausgeguckt und dann schlägt der erste

Kollege ab. Funktioniert. Bonus: Man

erschlägt keine Eichhörnchen. Nicht so gut:

Querfeldein ins Gestrüpp, durch ein Rinnsal,

den Hügel hoch, quer über die Eisbahn

geht die Route. Wir sind alles Nieten. Und

plötzlich steht ein Uniformierter vor uns und

weist darauf hin, diese Ecke des Central

Parks, das sei eine Art Wirtschaftshof, wir

hätten hier nichts zu suchen und wer wir

denn seien und was wir denn hier wollen

würden. Golf spielen. No Sir, we kid you not.

Augenverdreher seitens der Uniform. Get

lost. Das Hotelzimmer in New York kostet

pro Nacht so viel wie das De:Bug-Büro im

Monat und ist kleiner als mein Klo zu Hause.

Es lebe der Fortschritt. (thaddi)

Singapur - Ein Gig im Zouk.

In der Clubzone Singapurs. Fast wie ein

kleines Ibiza. Club an Club und nur da.

Sonst nirgends in der Stadt nennenswerte

Jugendkultur. Hier aber alles brechend voll.

Eine Stunde vor dem Gig merke ich endlich,

ich spiele auf dem Drum-and-Bass-Floor.

Nicht dabei das Zeug, wir hatten uns doch

gerade erst getrennt. Minimal hochpitchen

was geht? Wird gehen. Der ganze Floor

voller Mädchen mit Handys in der Hand.

Tippen und Tanzen? Noch nie gesehen.

Scheint aber zu funktionieren. Kameras

hätten damals bei dem Licht nur Grissel

gebracht, so schlecht waren sie noch.

Die Smartphones waren noch lange nicht

erfunden. Drum and Bass oder nicht, war

ihnen dabei auch egal. Das universelle

swingende Freundschafts-Sekretariat im

Nanny-State funktionierte im expliziten

Underground-Club Singapurs auch so.

Vielleicht haben sie sich auch alle konstant

höflichst via SMS über mich lustig gemacht.

Wir hatten trotzdem Spaß. Den wahren

Underground haben wir später auch noch

gefunden. Das einzige abbruchreife Haus

in der Innenstadt. Die DJs: Heavy-Metal-

Lookalikes mit Bärten und langen Haaren

aus der Schwulenszene. Und natürlich mehr

DJs als Gäste. Unschlagbarer Widerstand

an unwiderstehlich unwiderständigen

Orten. Vermutlich wurde der Laden die

Woche drauf abgerissen und durch

verschlungene Gartenwegarchitektur für

Babywägen ersetzt. (bleed)

Ibiza - Mai 211. Im Gran Hotel

Ibiza findet der Ibiza Music Summit (IMS)

statt. Hier treffen sich Jahr für Jahr

Größen der Club- und Tanzszene. Hier

wird Business gemacht. Pete Tong, Paul

Kalkbrenner, alle hängen mit tellergroßen

Sonnenbrillen am Fünfsterne-Hotelpool

herum, tun geschäftig, machen Geschäfte,

von einigen zwielichtigen Gestalten will

DEMDIKE STARE

RYOJI IKEDA

RUSSELL HASWELL

EMPTYSET

THE HAXAN CLOAK

RASHAD BECKER

YURI ANCARANI

W/ LORENZO SENNI

HOLLY HERNDON

WOLF EYES

ROBERT LIPPOK

W/ LILLEVAN

PHILIP JECK

CHRISTOPH FUEGENSCHUH

KEVIN DRUMM

ENSEMBLE ECONOMIQUE

HARD TON

WERNER MOEBIUS

W/ HANS-JOACHIM ROEDELIUS

DALGLISH

LUMISOKEA

RUBEN D’HERS

FESTIVAL & TICKET INFOS: WWW.HEARTOFNOISE.AT


74 — 181 — DIENSTREISEN ICH HATTE HÖLLISCH VIEL SPASS UND ICH HABE JEDEN AUGENBLICK DAVON GENOSSEN. ERROLL FLYNN,14. OKTOBER 1959

man gar nicht wissen, womit und wie

sie dabei mitmischen. Hier geht es um

die Liga Tiesto, David Guetta, Clubs

wie Pacha und Co., bei denen das ://

about blank selbst für die Besenkammer

zu schmuddelig wäre. 211 dreht die

Popwelt allmählich wieder den Kopf

Richtung Dancefloor. Es gibt mit Skrillex

und Deadmau5 neue Superstars, alle

anderen machen mit. Im Konferenzraum

ein Panel. Zwei Engländer, ich kann mich

nicht mehr erinnern wer (wichtig waren

sie bestimmt), diskutieren darüber, dass

es Zeit wird, dem aufkommenden Trend

einen Namen zu geben. "Es reicht nicht

mehr, über Techno, House oder Dubstep

zu reden! Es ist etwas Größeres: USA,

Asien, Südamerika! Nennen wir es EDM.

Electronic Dance Music!" Einige im

Publikum raunen und nicken, andere

fühlen sich peinlich an den Fehler IDM

erinnert. Ich weiß in dem Moment nicht,

ob lachen oder weinen. Meine Sonnenbrille

habe ich vergessen. Heute, drei Jahre

später, hat Las Vegas Ibiza als Mekka der

Gagenperversion abgelöst. Afrojack und

A-Trak haben dort die Jobs von Celine Dion

und Tigerdompteuren übernommen. Daft

Punk gewinnen Grammys. Und EDM? Ja

EDM, dieses verfickte EDM aber auch. (ji)

Tokio - Unser Hotel liegt in

Spukweite der Station Shibuya, in dieser

Gegend gibt sich Stadt jung, hip und

dynamisch, selbst die Angestellten

der umliegenden Bürotürme wirken

ungezwungen im Vergleich zu ihren

verkniffenen Pendant in Ginza. Aber an

der Rezeption weht ein anderer Wind, hier

empfängt uns ein Mittfünfziger alter Schule,

der mit großem Elan ein bürokratisches

Ritual zelebriert, inklusive Formularen,

Durchschlagzetteln und sorgsam

gestempelten Formblättern, in denen sich

aber leider, leider nicht alle reservierten

Zimmer fanden. Das anschließende

Schauspiel zog sich über eine Stunde und

war vom klassischen Kodex bestimmt, der

Europäer um den Verstand bringen kann:

Zuerst wurde den Männern unserer Gruppe

Zimmerschlüsselkarten im Wortsinn auf dem

Tablett serviert, und erst anschließend das

Palaver mit Reiseleiterin Mayuri begonnen.

Als nach einer halben Stunde unversehens

der Zettel mit dem fehlenden Zimmer

auftaucht, ist aber mitnichten alles klar! Im

Gegenteil, jetzt wird aus dem langwierigharmlosen

Gezicke eine ausgewachsene

Staatsaffäre. Unser verstockter Concierge

gehört nämlich einer Generation an, in der

traditionelle Regeln noch ungebrochen


180 — 75

gelten - wohlgemerkt nur Regeln, denn die

Werte aus der Redewendung waren in Japan

immer eher zweitrangig. Dem Mann hinterm

Tresen wurden jedenfalls die überlieferten

Regeln noch so richtig gründlich

eingebimmst und dazu gehört auch, Fehler

im Beruf niemals zuzugeben, weil das die

eigene Ehre beflecken würde. Und Japaner

alter Schule sind extrem ehrpusselig, nicht

zuletzt weil die Wiederherstellung der

beschädigten Ehre ein kompliziertes bis

unmögliches Unterfangen darstellt. Es geht

jetzt also nicht mehr darum, dass unsere

Reisegruppe Zimmer bekommt, es geht in

erster Linie darum, die Ehre des Concierge

zu retten. Verschärfend kommt dazu, dass

ihm mit Mayuri eine Frau gegenübersteht,

denn zu den traditionellen Regeln gehört

auch eine klare Hierarchie, die Frauen

auf Plätze verweist. Das Eheleben alter

Schule wird in Japan beispielsweise nur

halb ironisch mit der Befehlsfolge "Meshi!

Furo! Nero!" beschrieben, frei übersetzt

"Essen! Badewanne! Ruhe!". Um das Drama

am Hoteltresen zu beenden, bleibt Mayuri

schließlich keine andere Wahl, als wieder

besseren Wissens alle Schuld auf sich zu

nehmen und für diese Schuld umgehend

mit einen Preis zu zahlen, indem sie ein

weiteres Zimmer anmietet, für das sie keine

Verwendung hat. (waldt)

Finnland - Eine Vodka-Marke

hatte zur Mitternachtssonne eingeladen.

Ganz weit oben in Finnland. Dort wo die

Propellermaschinen zwischen Rentier-

Geweihen landen. Ein Märchenpark mit

organisierten Schamanen und tanzenden

Feen im Gebüsch, Spießrutenlauf durch

Unterwegsvodka-Tanken, kunstvoll getarnt

als Eiswelt-Skulpturen zur Lichtung. Die

Party ein Schlachtfest zwischen Lachsen

am Feuer, Rentieren auf Spießen und mehr,

viel mehr Vodka. Mal so gemischt, gerne

auch so, oder sonstwie, oder mit Rosmarin

(noch die beste Variante). Ich liebe Vodka.

Vodka, pur, auf Eis. Schwer zu bekommen.

Reinste Schmuggelware. Die Barkeeper

wollten das nur unter Protest unter der Hand

rausrücken. Anders aber war die Masse der

russischen Großgastronomen mit ihren

schönheitsoperierten Kataloghausdamen

weder während der dürftigen musikalischen

Darbietungen noch auf ihrem lautstarken

Weg in die Sauna zu ertragen. Aber die

Mitternachtssonne ging wirklich nie

unter und die Zeit stand wirklich still. Die

Schönheit der Welt ist einfach nicht kaputt

zu kriegen. (bleed)

San Francisco - Location:

kleiner Kellerclub. Publikum: jung,

studentisch. DJ: Traktortyp mit Hang

zum Brostep. Drinks: aus dem Schlauch.

Szenario: Junger Mann mit umgedrehter

Baseballkappe balzt mit ansehnlichadretter

Dame auf der Tanzfläche.

Kennt man noch von The Grind. Nur ein

bisschen derber. Ein bisschen Twerk links,

ein bisschen Twerk rechts. Die Minuten

streichen ins Land. Offensichtlich knistert

es zwischen den beiden. Das Mädchen

flüstert dem Jungen etwas ins Ohr. Er zieht

prompt darauf sein anderthalb Nummern

zu großes T-Shirt über den Kopf und

beide begutachten den akkurat-schlank

trainierten Torso des Jünglings. "Auf

dem Waschbrett kannst du Diamanten

schleifen." Das Mädchen lässt den Blick

noch mal kurz Richtung Gesicht schnellen

und langsam zurück gen Turnschuhe

gleiten. Ein akzeptierendes Nicken.

Gemeinsam verschwinden sie auf der

einzigen Frauentoilette und spielen auf dem

Sixpack Marimba. Nach 2 Minuten wartet

noch immer geduldig ein gutes Dutzend

Mädchen aufs Klo. Wirklich aufregen tut

sich keiner. (ji)

Brasilien - Henrique, da ist ein

Pool, lass uns schwimmen gehen. Rein.

Der beste Moment der Afterhour nach der

Afterhour. Wir kamen aus dem Warung, das

aussieht wie ein Langhaus in Bali (wo ich

nie Langhäuser gesehen hab). Die Crew des

D’Edge Clubs hatte geladen. Renato hat ein

Penthouse, den coolsten Club des Landes,

die sympathischste DJ-Crew, die beste und

irgendwie auch normalste Crowd jenseits

von Berlin, und trotzdem... Am Ende in den

Pool. Simple Pleasures. Die grünäugige

Dame aus Blumenau (liegt irgendwo in der

Gegend, im tiefsten Südbrasilien) musste

sich ausgerechnet jetzt über meinen Freund

bei mir beschweren. Mein Freund war in dem

Moment wiederum Sven Väth. Ich hatte

drei grandiose Sets von ihm hinter mir, in

zwei Tagen. Der wollte sie wohl ins Hotel

mitnehmen. Das geht bei brasilianischen

Mädchen gar nicht durch als guter Stil.

Auch nicht als DJ-Star. Simple Pleasures.

(bleed)

Köln - Ich war lange nicht mehr

in Köln. c/o Pop ist sicher ein Grund. Alte

Freunde auf der Kompakt-Party begrüßen.

Ehrensache. Mehr als genug davon da. Alle

wie immer stolz wie Bolle. Unsere Stadt.

Geregelte Bahnen passten mir gerade,

ich war unglücklich verliebt. Dann traf ich

dieses Mädchen. Entschlossene Raverin

auf Abwegen, das konnte nur gut gehen.

Bande gründen für eine Nacht. Auf einer

Party mal wieder was tun, was man nie tut.

Ehrensache. Wir beschlossen Taschendiebe

zu werden, klauten reihenweise Kleinzeug,

um es direkt wieder zurückzugeben. Du, dir

ist was aus der Tasche gefallen. Knicks. Die

Party war viel zu früh zu Ende. Afterhour

in Köln? Davon hatte ich noch nie gehört.

Sie war sicher, die gibt’s, immer, nur einen

Anruf weit weg. Es gab sie. Mit Ketamin

Flaschenweise. Der Krankenwagen kam

oft. Den wie immer kurzen Fußweg lang,

morgens zurück zur c/o Pop, durfte ich

Ralph Christoph konstant versichern, dass

er wirklich, echt, absolut ganz normal

aussieht. Und ich, völlig am Ende, wurde

zurecht von Mike Ink aus dem Kompakt

Shop geworfen, rauchen ist wirklich

ungesund. (bleed)

»Sie reden!

Sie haben's warm!«

Pan Sonic

März 2001

De:Bug 45


76 — 181 — REVIEWS

DIE

PLATTE

für

danach

Unsere in Bitcoins angelegten

Cultural-Capital-Millionen reichen

locker für einen gemeinsamen

Urlaub aller Reviewautoren

auf der virtuellen Insel. Bleibt eigentlich

nur die obligatorische

Frage, bevor man irgendwo im

Südpazifik eine Scholle mit den

Eisbären teilen muss: Welche

Musik nehmen wir mit? Nicht nur

um eine bessere Akustik auszureizen,

sondern natürlich auch,

um die Diskurse und Streitwerte

der letzten 16 Jahre irgendwie

kompakt in musikalischer Form

zu bewahren. Herausgekommen

ist ein einziger Power-Chord für

Musik ohne Distinktionszwang.

Popgefühl 1999 -

Mouse on Mars,

Pavement, Blumfeld,

Sterolab, Notwist,

Phoenix

Efdemin hat das in der letzten

Ausgabe ganz gut gesagt:

"Zwischen 15 und 25 prägen

einen gewisse Dinge, die sich

festsetzen und von denen man

später nicht mehr loskommt."

Ich glaube mein Popgefühl rahmte sich endgültigerweise 1999,

mit 19. In diesem Jahr releasten Mouse on Mars "Niun Niggung",

Pavement "Terror Twilight", Blumfeld "Old Nobody" und Sterolab

"Cobra And Phases Group Play Voltage In The Milky Night". Im

eigentlichen Sinne muss auch "Shrink" von Notwist dazu zählen,

das ein Jahr davor und "United" von Phoenix, das ein Jahr danach

erschien. Was eint also all die Werke, außer ihre gleichzeitige

Welterblickung und das alle Bands etwa dieselbe "Größe"

haben? Fast alle von ihnen berühren erstmals die Elektronik.

Zwar kannten Mouse on Mars die schon länger, doch gerade deren

Album beginnt irrerweise mit einer Gitarre. Es war eben die

Zeit verschmitzter Annäherungen und folgenreicher Verschmelzungen.

Indietronic war ganz anders, existiert auf keinem dieser

Alben, aber loderte doch irgendwie anwesend drum herum. Diese

Musik, die für mich ja zum Teil wirklich die bis heute meistgehörteste

darstellt, sie tönte zugleich seicht und schlau, alt und

neu. Doch bevor hier nachträglich die heranwachsende Psyche

wiedererweckt wird, fällt ein anderer Gedanke in mein Hirn: Ich

habe ja die Idee, dass seit 20 Jahren keine gute Musik aus Berlin

kommt. Dass in Berlin gute Musik praktisch nicht möglich ist

(Außer To Rococo Rot und Dominique). Die Beispiele sind dafür

Garant: Jochen Distelmeyer, Mouse on Mars - seit dem Umzug

aus Hamburg und Köln machen die nur noch Quatsch. Auch

Stephen Malkmus und Tim Gane von Sterolab haben ja länger

hier gewohnt und produzieren seitdem langweiligere Musik als

vorher. Und ich sage es hiermit voraus: Keins der auf diesen

Seiten rezensierten Alben wird aus Berlin sein! Aber damals,

1999: upliftende Hi-End-Melancholie. Blumfeld entdeckten

Münchener Freiheit, Notwist entdeckte Mouse on Mars, Stereolab

sich selbst. Und Pavement waren einfach Pavement,

nur ruhiger. Für mich bedeuten all diese Alben natürlich der

Soundtrack einer damals schon verlängerten Jugend (Abi mit

21), Kassettenspulen auf nächtlichen Überlandautofahrten,

Kleine-Drogen-große-Gespräche-Musik. Und, wie jede sehr

gute, natürlich auch komplette Mädchenmusik.

Timo Feldhaus

Shackleton -

Fabric 55

(Fabric/2010)

2006 entstand ein Riss in der

Wirklichkeit der durchdesignten

Clubmusik-Landschaft. Ausgelöst

von der subbass-getränkten

Musik eines Produzenten,

der damals seine erste 12inch

aus der "Soundboy's"-Serie auf

dem eigenen Label Skull Disco

veröffentlichte: Shackleton. Seitdem hat sich an der Wirkung

der losen Klanglandschaften aus türkischer Saz-Musik, Dubstep,

Krautrock und hypnotischen Techno-Loops, die vom Echo

und Hall des Dub zusammengehalten werden, nur wenig geändert.

Auch seine aktuellen Alben und EPs enthalten diese

akustischen Parallelwelten, die so fremdartig, aber auch so vereinnahmend

sind wie die Protagonisten in einem David Lynch-

Film. Strange Clubmusik gibt es doch zuhauf, könnte man

einwenden. Klar, aber selten wird eine solche, den Regeln konventioneller

Clubmusik entgegenstehende Musik auch in den

internationalen Szeneclubs gespielt. Das liegt vor allem auch

an seinen ekstatischen Livesets, bei denen sich der aus Bristol

stammende Ableton-Virtuose immer wieder selbst remixt. Der

2010 erschienene Livemix auf der Londoner Fabric Live-Reihe

ist dafür das bisher beeindruckendste Zeugnis. In den ersten

Minuten wird ein Fluss erzeugt, der an die Minimal Music eines

Steve Reich erinnert und ihre hypnotische Kraft vor allem aus

der radikalen Repetition von kurzen Motiven bei gleichzeitiger

Variation verdankt. Dieses Prinzip wird durch komplex verschachtelte

Percussions und ultratiefe Subbässe ergänzt, die

gelegentlich von glasklaren Tamburins und flirrenden HiHats

konterkariert werden. Melodien werden stets nur angedeutet

und stammen oft von stark verfremdeten akustischen Instrumenten

wie Orgeln oder analogen Synthesizern. Es ist nicht

nur die stetige Dialektik aus Erwartung und Erfüllung, die die

Musik so besonders macht. Es ist auch das psychoakustische

Spiel mit den musikalischen Zwischenräumen. Denn die oft nur

vage ausformulierten Beats vermeiden stets den four-to-thefloor-Modus

und bleiben dennoch tanzbar, da die Abwesenheit

eines straighten, tanzbaren Rhythmus’ stets anwesend ist. Die

unterschiedlichen Klangschichten, die gelegentlich durch aufblitzende

Stimmenfragmente oder Sprachfetzen von Vengeance

Tenfold ergänzt werden, sind eine Herausforderung der selektiven

Hörwahrnehmung. Und dennoch wird es nie zu abstrakt.

Denn wenn es etwas gibt, was das Shackletonsche Pendel zwischen

Abstraktion und unmittelbarer Kraft in der Waage hält,

dann ist es die Fähigkeit zur akustischen Überwältigung. Durch

sie wird der Club-Besucher daran erinnert, dass der menschliche

Körper hauptsächlich aus Wasser und Knochen besteht

und damit ein perfekter Resonanzkörper für zukunftsweisende

Körpermusik ist. Diese Erfahrung wird den Riss in der Wahrnehmung

nie mehr kitten.

Philipp Rhensius

OM - Conference

Of The Birds

(Holy Mountain)

Der Flug der Vögel, die in dem

persischen Epos "Die Konferenz

der Vögel“ nach dem Simurgh,

einer mythischen, phönixähnlichen

Kreatur suchen und

am Ende ihrer Reise statt des

Fabelwesens ihre Reflektion in

einem See finden und ganz nach

Sufi-Lehre realisieren, dass der gesuchte Gott in dem einheitlichen

Ganzen, von dem sie Teil sind, verborgen liegt und sich

nicht in einer Führerfigur manifestiert, bietet den perfekten

allegorischen Rahmen für diese Platte. Bass und Schlagzeug,

ein wenig Gesang, mehr Zutaten braucht es nicht - hier wird

die DNA getanzt, daran erinnert, das alles nur Schwingung ist,

der Gegensatz zwischen Stillstand und Bewegung als nichtig

bewiesen. Auch nach unzähligen Durchläufen seit Erscheinen

der Platte empfinde ich bei den zwei Viertelstündern auf "Conference

of the Birds" dieses archaische, warme Kribbeln, das

einem beim Hören das Gefühl gibt, gerade viel mehr zu machen

als eben nur zu hören. Am Ende ist es die Einfachheit der Idee

zwei Rockinstrumente ganz ohne Attitüde oder Showmanship

miteinander zu synchronisieren, die so überwältigend gut funktioniert,

dass man schreien möchte und sich in einen leeren, von

jeglichen Einflüssen des Lebens befreiten Raum zurückgeführt

fühlt. Alles nur endlose Vibration. Wo Cans Repetitions-Messe

"Halleluwah" gleichzeitig nach allen Seiten der Wahrnehmung

greift, beschwören OM mittels Wiederholung ad extremum einen

introspektiven Unendlichkeitsgroove, der dem Hörer eine

Kontemplation über alles und nichts erlaubt. Womit wir wieder

bei Simurgh wären.

Tim Nagel

Hype Williams -

One Nation

(Hippos In Tanks)

Erst drei Jahre alt und schon

historisch. Hype Williams war

wohl von Anfang an nicht mehr

als ein temporärer Kunstraum.

Die "Band" von Inga Copeland

und Dean Blunt ist Geschichte,

vielleicht, erstmal. Aber "One

Nation" wird in die Musikgeschichte

eingehen, da bin ich mir sicher. Nicht in die offizielle,

wie denn auch, wenn Hype Williams selbst immer nur eine

halb inoffizielle Phantomerscheinung waren? Seit Dean Blunts

bizarr-schönem Singspiel-Opus "The Redeemer" hat sich das

geändert. Auch Inga Copeland veröffentlicht im Mai ihr erstes

eigenes Album. Unabhängig davon, was von den beiden noch

alles kommen mag: Über "One Nation" werden ein paar Wenige

in zehn oder zwanzig Jahren reden wie über Captain Beefheart

oder Joe Meek. Wieso? Weil Hype Williams eigentlich aus diesem

lebensgefühligen Generations-Ding Hypnagogic Pop rausfallen

und ihren kleinen Hype vor allem ihrem irren, visionären

Sound verdanken. Ein Sound der so leise und unwahrscheinlich

ist, dass er an denen vorbeigehen muss, die sich nicht die Mühe

machen wollen, hinzuhören. Hypes sind laut, Hype Williams waren

leise. Musik aus der Reihe: "records that set the world on

fire (while nobody was listening)", wie das Wire-Magazin 1997

seine alternativen Ewigkeits-Charts nannte. Wenn diese Liste

ein Update bekommt, wird "One Nation" dabei sein. Es ist immer

noch schwer, diese Musik mit ein paar griffigen Kategorien zu

beschreiben, aber das erscheint auch immer nebensächlicher.

Alles spielt eine Rolle: die billigen Geräte, die verrauschten

Aufnahmen, die Poesie, der Nonsense, die Reverse-Loops,

die Fragmente von HipHop, Dub und Chicago House. Am Ende

kommen alle Teilchen auf eine Weise zusammen, die so magisch

einfach klingt, und trotzdem niemand so rührend und verstörend

erreichen konnte. Hype Williams waren meine erste große

De:Bug-Geschichte. Es hat Nerven gekostet, aber am Ende saß

ich bei den beiden im Wohnzimmer, für - soweit ich das sehe -

das einzige Interview, das man Dean Blunt aus deutscher Sicht

jemals entlocken konnte. Natürlich haben sie mich auch ordentlich

verscheissert, aber was soll’s, ich habe alles geglaubt, sie

beim Tüten bauen geknipst, richtig schön unprofessionell. Wie

ihre Musik, wie De:Bug manchmal, aber immer gut, ernst und

richtig gemeint. Und so sieht’s aus: In keiner anderen deutschen

Zeitschrift hätte man vier Seiten mit schlechten Fotos über

Hype Williams machen können. Never ever. Auch das werden

spätestens in zehn Jahren viele realisieren.

Michael Döringer

Grimes - Visions

(4AD/Beggars Group)

Rumpelbeats, Klimperkeyboard

und turmhohe Vocalschichten,

dazu ein Look, dessen Beschreibung

als Gothicmangahiphopethnoraveballerina

immer

noch verkürzt ist. Mit der Veröffentlichung

ihres dritten Albums

"Visions" bei 4AD wird Grimes

alias Claire Boucher über Nacht

zur Lady Gaga unter den Schlafzimmerproduzenten. Intelligent

ohne zu überfordern, ideenreich aber nicht zusammenhanglos

ist diese von Boucher innerhalb von drei Wochen im Alleingang

mit GarageBand produzierte Platte. Damals, Anfang 2012, diskutiert

alle Welt auf einmal über Grimes‘ pinke Ponyfrisur. Noch

merkwürdiger ist jedoch, dass in vielen der überschwänglichen

Kritiken zu "Visions" der Begriff Witch House auftaucht. Zwei

Jahre später können wir uns nur noch dunkel daran erinnern,

was das eigentlich war. Das Buzzword ist tot, "Visions" aber

lebt. Die Substanz des Albums liegt gerade in der ätherischen

Substanzlosigkeit seiner Soundästhetik. Boucher singt leicht

entrückt, mit hoher Kopfstimme und mit sich selbst im Duett von

sexueller Belästigung und vom Verlassen des Freundes zugunsten

der Karriere. Und so absurd das alles auch klingt: "Visions"

ist und bleibt ein kleines Lehrstück in Sachen Pop.

Lea Katharina Becker

Hot Chip -

Made In The Dark

(EMI)

Neulich im Stadion habe ich mir

das zweite Mal in meinem Leben

"Pommes Weltkrieg" zubereitet,

also Fritten mit Ketchup, Mayo

UND Senf. Soll aus dem Ruhrpott

kommen - auch wenn ich

bis heute keine Person mehr

getroffen habe, die mir das bestätigen

konnte. Ich weiß nicht mehr, wie hungrig ich war, als

ich mir am Stuttgarter Hauptbahnhof dieses übergroße Heft mit

der Pommestüte auf dem Cover gekauft habe, Anfang Januar

2008. Hot Chip prangten auf dem Cover, buchstäblich - kein

Bandgepose, sondern Fast Food Fotografie. Außerdem im Heft:

Pierre Henry und Justus Köhncke, Web 3.0 und Ableton Live 7.

Fand ich gut. Besser als "Made In The Dark", das "dazugehörige"

Album von Hot Chip, das ich mir ungefähr zeitgleich zugelegt

hatte - hauptsächlich wegen Track 8, "One Pure Thought".

Die CD habe ich ziemlich genau zweieinhalbmal gehört, danach

nie wieder. War nicht schlecht, aber eher wie Pommes ohne

Weltkrieg. Ganz zu meiner Welt wurde von da an aber De:Bug

- auch wenn bis heute keine weitere Ausgabe mehr im Großformat

erscheinen sollte. Meine nächsten Pommes salze ich mit

einer Träne.

Friedemann Dupelius


181 — 77

Kylie Minogue - Fever

(Capitol Records)

Simple Euro-Dance-Beats

machten 2002 das große Disco-

Comeback von Minogue perfekt,

die eigentlich nie ganz weg war,

sondern mit – ja, ja, das wissen

wir alle noch zu gut – Nick Cave

und den Manic Street Preachers

kollaborierte. Mit diesem soft

groovendem und eher minimalistisch

gehaltenem Album zeigte sie jedoch, wie Disco-Pop-Musik

für Erwachsene zu klingen hat. Und dies passierte – trotz dünnen

Stimmchens - mit einer Lässigkeit, die die mit Hanteln herumturnende

Madonna noch älter aussehen ließ. Wäre "Slow" von

dem darauffolgenden Album noch auf "Fever" gerutscht, Kylie

hätte getrost ihre Karriere beenden können.

Natalie Meinert

Burial - Untrue

(Hyperdub/Cargo)

"Holdin' you – couldn't be alone.

Lovin' you – couldn't be alone.

Kissin' you – tell me I belong"

so die ersten geisterhaften Vocalfetzen,

die Burial auf seinem

zweiten Album "Untrue" über

seinen merkwürdigen Schnipsel-

Step jagt. Klar, am Ende ist das

Geheule immer groß. Dann, wenn

der Schweiß getrocknet, der Gesichtsfasching vorbei ist und nur

noch weiße Flecken und Zähneknirschen bleiben. Hier hat einer

Rave verstanden. Dass "Untrue" den musikalischen Höhepunkt

im Werk eines der größten Club-Chronisten unser Zeit markiert,

wurde über die vergangenen Jahre hinlänglich diskutiert. Derart

wissend hat sich noch kaum einer durch die dunkelsten Ecken des

Hardcore Continuums gewühlt, ohne darüber besserwisserisch,

altklug oder allzu sophisticated zu klingen. Etwas mehr als 10

Jahre zuvor hat schon einmal einer Wahrheit über die Kaputtheit

dieser Sache namens Rave gesprochen: "Man reißt sich

unglaublich zusammen. Man hat sich brutal gehen lassen. Man

hat nicht erwartet, dass man die Quittung dafür nicht präsentiert

bekommen würde. Man richtet dem Abturn die gesamte Armada

aller inneren Kräfte entgegen. Nicht gerade wenig. Es geht. Man

findet ein Taxi. Ein Augenblick großer Nähe, im wortlosen Elend.

Der Dankbarkeit. Der Freund steigt ins Taxi und sagt zum Abschied

den berühmten letzten Satz." Und dann? Grausam laute

Stille, aufgebissene Lippen und der Geruch des Duftbäumchens

am Rückspiegel. Holdin' you. Lovin' you. Kissin' you. Ich kann jetzt

nicht allein sein. Bitte sag' mir wohin ich gehöre. Burials Platte

endet im watteweichen Endorphinrausch: It's the only way of life.

"Und wir erzählen uns später, wie das der Moment war, der uns

in dieser Stunde der Not und Zerrüttung ein letztes Restchen an

Würde zurückgegeben hat, ja. Nein, wir hören nicht auf, so zu

leben." Niemals. Hardcore will never die – auch wenn das Continuum

wahrscheinlich darauf scheißt, ob wir existieren. Auf Wiedersehen,

De:Bug. Es war mir eine Ehre Dich zu halten, zu lieben

und zu Dir gehören zu dürfen.

Philipp Laier

Crowdpleaser

& St. Plomb - 2006

(Mental Groove)

Voilà, ein Schweizer Superlativ:

Das beste und auch verkannteste

Schweizer House-Album

aller Zeiten ist "2006". Es erschien

auf Mental Groove, auch

so ein ganz wichtiges Schweizer

Label. 2006 fand ich, "2006"

sei eine Hommage an Disco und

den klassischen Sound von Chicago, nie aber eine Anbiederung

an Old School. Frischer Wind aus allen Röhren. Heute würde

ich schreiben, das Album mäandert zwischen Brinkmann'schem

Zukunftsdenken und verkiffter Soul-Attitüde. Dabei funktioniert

dieser quirlige House eben ganz wunderbar im Albumformat. Die

Westschweizer alliance von Crowdpleaser und St. Plomb war ein

Glücksfall. Und vielleicht sogar eine kleine Schulklasse für sich:

Während Luciano als wirbliger Schweizer Sonnyboy Furore machte,

rumpelte es im Keller von Genossen wie Kalabrese oder eben

Crowdpleaser & St. Plomb. Ein Radio-Interview wollte dem verdatterten

Journalisten damals nicht gelingen, blame it on the Early-

Skype-Days. Was bleibt? Das irgendwie visionäre Stück "1er Mai".

Geriet der 1. Mai 2006 doch zum langersehnten Frühlingsbeginn.

Eine große, glücksstrahlende Party war’s. Alpenglühen!

Bjørn Schaeffner

Giuseppe Ielasi -

Stunt

(Schoolmap)

Sicher nicht die beste Veröffentlichung

der vergangenen 16 Jahre,

nicht einmal das auffälligste

Werk von Giuseppe Ielasi selbst.

"Stunt" – erster Teil eines Triptychons,

in dem sich der Mailänder

Musiker mit der Schallplatte als

kompositorisches Ausgangsmaterial

beschäftigt – ist dennoch nicht wenig toll und an dieser

Stelle zu nennen, weil hier exemplifiziert werden kann, was mich

in all den Jahren an (elektronischer) Musik faszinierte und noch

immer fasziniert. Auf "Stunt" geht es Giuseppe Ielasi also zuerst

um den Groove, genauer gesagt um dessen Grenzen, um jene

Bereiche, in denen der Groove bricht, sich umschichtet, darum,

wie sich aus einem simplen oder ach so waghalsigen Loop der

Rhythmus schält. Ein immer auch erlösender Moment. Als einen

Kontrapunkt dazu setzt Giuseppe Ielasi das Unfertige, Störgeräusche

und (vermeintlich) zufällige Klangereignisse (Glitch), das

Fragmentierte. Es werden so keine Geschichten erzählt, sondern

Stimmungen vermittelt. In ihrer wilden und ungebürsteten Form

hat diese Musik das Temperament des Free Jazz. Der Sound

selbst ist bestimmt von kalten Symmetrien (vorzufinden bei Autechre

in den 90s bis Mark Fell heute), zu denen sich teils melodiöse,

beinahe "soulful" zu nennende Klangaspekte gesellen, die

mit dem vom Medium Schallplatte entnommenen Rohmaterial

einerseits auf HipHop, andererseits auf Turntablism in seiner

avantgardistischen Form (Phillip Neck oder Christian Marclay)

verweisen. Hochkultur und Subkultur überlappen sich hier bis zur

Unkenntlichkeit. So sollte es doch auch sein: Kunst als kompromisslose

Abgrenzung vom Kult des Wahren.

Sebastian Hinz

V.A. - DJ-Kicks:

Kruder & Dorfmeister

(Studio !K7)

Leipzig, Mitte der Neunziger: Der

alte Hauptbahnhof wird zu einer

Shopping Mall umgebaut, Helmut

Kohl ist noch Bundeskanzler

und Ulf Poschardt promoviert

an der Berliner Humboldt-Uni

bei Kittler über DJ Culture. Ich

stehe im Schall und Rausch und frage Philipp nach dieser neuen,

aufregenden Musik. Die Worte wollen nicht recht nicht zum

Gesuchten passen. Versetzte Rhythmus-Pattern? Verlängerte

Klangflächen? Irgendwie räumlich? Doch, klar, Meister P weiß

sofort, um was es geht. Auf dem Heimweg steckt der Kruder &

Dorfmeister-Mix in der Tasche: Ausgerechnet die beiden zurückgelehnten

Wiener mit dem Hang zum Simon & Garfunkel-Zitat

weisen die Richtung in die Clubmusik. Obwohl ich mit der Leipziger

DJ-Legende Cora S. auf der Schule war, ging die erste Techno-Welle

völlig an mir vorbei: Keinen blassen Schimmer. Es war

allerdings nicht das 1996er, meilensteinige DJ-Kicks-Album mit

dem schön grünstichigen Duo-Portrait – fotografiert von Ali Kepenek

– das sich mit der Zeit zum Konsens-Tonträger auswuchs,

sondern der kleine Bruder. "Conversions" aus demselben Jahr

ist das obskure DJ-Mix-Album geblieben: kühles retro-futuristisches

Grafikdesign mit Lounge-Musik, die sich heute – klar

– seicht anhört. Wie eine vertonte Sechzigerjahre-Psychedelik-

Liegelandschaft von Verner Panton. Der Vorgeschmack auf die

Schröderjahre. Alles wird Ambient: So sahen die Chill-Out-Räume

damals auch aus. Sofort setzten wir uns ins Auto nach Berlin

um Peter Kruder und Richard Dorfmeister im Delicoius Doghnuts

Club in Berlin-Mitte auflegen zu sehen. Vorher natürlich noch in

den Imbiss International. Die Idee, auf dem vermeintlich wilden

Parkplatz an der Rosenthaler Straße neben dem Eimer zu parken,

bereuten wir ein paar Stunden später bitterlich: In den frühen

Morgenstunden betteln wir beim Eimer-Türsteher vergeblich

um die Freigabe des geliehenen Elternautos.

Kito Nedo

Towa Tei -

Sound Museum

(East West Japan)

Liebe Spekulative Realisten, die

ihr zur Zeit zu denken versucht,

wie es sich denn so aus der Perspektive

anorganischer Materialien

denken würde, die sich zu

Zusammenhängen kombinieren,

in denen das, was wir Technik

und Design nennen, sich selbst

ausführt, und in denen der Mensch nur noch "auch" vorkommt.

Liebe alle anderen. Dieses Album enthält mit "GBI (German Bold

Italic)" das vermutlich erste und bislang einzige Stück der Musikgeschichte,

dessen Lyrics aus der Perspektive einer Schrifttype

geschrieben sind. Es wird von Kylie Minogue gesungen: "Hello,

my name is German Bold Italic, I am a typeface that you have

never heard before, that you have never seen before. I can complement

you well … you will like my sense of style … Gut ja! … I fit

like a glove. Let me adorn you. The bold design of you. High contrast

… It’s cool. " Towa Tei lässt den Track kühnerweise mit demselben

Sample beginnen, mit dem er einst Deee-Lites "Groove

Is in the Heart" anfangen ließ, was in den seltenen Fällen, in

denen dieses Stück beim Ausgehen gespielt wird, zu Verwirrung

führen könnte. Dem Ganzen unterlegt ist ein sehr schneller und

dumpf pochender Bass, just shy of booty, darüber gelegentliche

geschmeidige Klavierabgänge, schneidende Synthesizer-Ausreißer

und wie Blasen aufsteigende, verhallte Klangsequenzen,

pointiert von Snares. Alles durchzogen von einem Hauch HI-

NRG. Eher montiert als integriert verfolgt dieses wirklich ausgezeichnete

Stück dieselbe Politik wie das gesamte Album "Sound

Museum" im Verhältnis zu dessen bekannterem, kommerziell

vermutlich viel erfolgreicheren und mit seiner Japano-Brasiliero-

Ästhetik letztlich auch einfacher zu prozessierendem Vorgänger

"Future Listening": Nicht besser werden, sondern seltsamer, war

hier das Programm des Künstlers. (Die "Enhanced CD" enthält

einen Folder mit German-Bold-Italic-Schriftproben.)

Philipp Ekardt

Edition Kunst -

Edition Kunst plays

(erhältlich bei

A-Musik)

Ich hatte das Gefühl, eine Entdeckung

gemacht zu haben. Die

30 Euro für eine Platte, die auf

der Hülle außer dem Titel "Edition

Kunst plays", den Namen Terre

Thaemlitz, Ekkehard Ehlers,

Thomas Brinkmann, Robin Rimbaud,

Paul D. Miller und Carsten Nicolai sowie in Anführungszeichen

gesetzten Linernotes von Diedrich Diederichsen keine weiteren

Informationen barg, hielt ich im April 2003 für interessant

ausgegeben. Ein Beiblatt ließ keinen Zweifel, dass die sechs

Stücke tatsächlich nichts mit den genannten Musikern zu tun

hatten – und zwar anders nicht als bei Ekkehard Ehlers’ "plays"-

Reihe. Ohne Urheberangabe wurde postuliert: "Sechs Ein-Trick-

Musiker werden in zwei Stunden musikalisch entschlüsselt und

rekonstruiert". Und später: "Vier ’Ehlers plays’-Schallplatten

werden gleichzeitig abgespielt und dabei manuell leicht manipuliert."

Kurz zuvor hatte ich die CD-Veröffentlichung von Ehlers’

"plays"-Reihe für die De:Bug besprochen (Ekkehard Ehlers plays

Albert Ayler, … John Cassavetes, … Hubert Fichte, … Robert

Johnson, … Cornelius Cardew). Prinzip war, "Referenz" und "Reverenz"

so weit auszudehnen, dass alleine die Nennung der Namen

auf dem Cover und die zur Disposition gestellte Idee, Ehlers’

Musik würde dort irgendwie ja gerade doch /nicht klingen wie,

Diskurs schwingen lassen würde. Dass "Edition Kunst plays",

der sehr spezifisch gesetzte, anonyme Generalangriff auf mit

den sechs Namen verbundene "Phänomene und die sie begleitende

Rezeption, insbesondere innerhalb des vielbeschworenen

’Crossover’-Diskurses zwischen Musik und Bildender Kunst" bis

dahin an mir vorbeigegangen war, wunderte mich. Die Rezeption

war doch ich. Wo kam diese Platte her? Das bald darauf erhaltene

absenderlose Rundschreiben bedauerte die ausgebliebene

Resonanz (u.a. der De:Bug) auf das Projekt und legte verteidigend

nach, denn, wie sich später herausstellte, verstanden

zwei der "gespielten" Musiker/Künstler keine Kunst/Musik. Der

bedauerliche Rest eines richtigen Konzepts sind eingestampfte

Exemplare und eine zensierte Restauflage bei A-Musik.

Martin Conrads

Venetian Snares

and Hecate -

Nymphomatriarch

(Hymen Records)

Als sich Hecate aka Rachael

Kozak und Venetian Snares im

Jahr 2002 auf gemeinsamer

Europatour auszogen und mittels

Kontaktmikrophonen sowohl

außen als auch innen via

Einführen beim Sex sampelten

war das eine kleine Sensation. Von Playboy bis Jay Leno reichte

die internationale Medienaufmerksamkeit. Das war natürlich

ein super Gimmick, das war ja damals auch so eine Zeit als

plötzlich alles gesamplet wurde. Stichwort Matmos und ihre

fett klatschende Schönheits-OP-Konzeptplatte. Das schöne

an "Nymphomatriarch" ist aber, bar jeder Sex-Sells Marketing

Strategie, die schlichte Direktheit mit der sich die Tracks zum

vielleicht romantischsten Album der Welt fügen. Eine Platte für

die Ewigkeit, Pop im trivialsten aller Sinne: körperlich, verliebt

und absolut gegenwärtig. Kuschelrock für kurze Aufmerksamkeitsspannen,

Amphetamin Amour. In De:Bug Nummer 78 wurde

die Platte "als aurale Peepshow" besonders "autistisch abstrakt

begabte[n] Hörer[n]" nahegelgt. Auch nach 12 Jahren noch super

fresh. Hecate aka Rachael Kozak arbeitet heute als Domina

in Wien. Aaron Funk ist immer noch als Venetian Snares unterwegs.

Zusammen sind sie schon lange nicht mehr.

Michael Aniser

John Maus -

Love Is Real

(Upset the rhythm)

Alain Badiou erklärte John Maus

unlängst zum Verbündeten seines

philosophischen Neokommunismus.

Und in der Tat klingt das

Badiou-Zitat im Titel des letzten

Maus-Albums selbst schon noch

Maus-Theorie: "we must become

the pitiless censors of ourselves"

(2011). Musikalisch indes zensiert der in Austin, Minnesota, geborene

EGS-Absolvent nicht so streng; die Maus-Genealogie reicht

von Joy Division und den frühen Human League bis zu Ariel Pink.

Im Verein mit Letzterem und Molly Nilsson bildet er das Triumvirat

eines digital abgerüsteten Synthiesounds, der sich nach Techno

und dem Ende des arbeitsteiligen Band-Fordismus endgültig von

allen Indierockufern abgestoßen hat. Doch sobald die unendliche

Zitatschleife des neuen Retro-Jahrtausends einmal Fahrt

aufgenommen hatte, gingen dem digitalen Musikarchiv seine

subjektpolitischen Charaktermasken verloren. Internet kills the

Singer-Songwriter-Star. Mit der Neubestimmung der Koordinaten

von Kalkül und Leidenschaft, Ironie und Innerlichkeit, Pragmatik

und Wahnsinn trat nun ein neues Subjektmodell auf den Plan, das

einmal mehr (Frühromantik!) alles will: brennendes Eis, erstarrtes

Feuer – das Heilig-Nüchterne. Doch nur in John Maus hat das

frühe zweite Jahrtausend so gründlich selbst Hand an sich gelegt,

dass sich die retromanischen Gelüste seiner Zeitgenossen selbst

entwaffnen. Maus bleibt der "Erhabenster aller Hysteriker" – und

"Love is real" (2007) sein Manifest, in dessen Ursuppe und Nachgang

Songs wie "Cop Killer", "My hatred is magnificent" oder "Just

Wait Til Next Year" entstehen konnten – mit oder ohne Badious

textliche Subtraktionsparole: "oh oh I long for you I long for you I

hate you / oh oh I think I'll put a bullet in my head / oh oh I'd cut

off all my fingers just to touch you / oh oh you stupid bitch you

multilate my soul / oh oh I want to put my fingers deep inside you

/ oh oh I wonder if you're thinking of me now."

Sami Khatib

Hudson Mohawke -

Butter

(Warp Records)

Das erste Anhören des Debütalbums

weckt sofort Nostalgie an

die Zeit, in der man liebevoll von

Mikrowelle, Cartoons und Playstation

großgezogen wurde. Euphorische

Synthiewellen, Bleeps

und ordentlich Bass sprechen

direkt den hyperaktiven 12-jährigen

in der Hörerin an. Zu Beginn wird diese Agenda in "Gluetooth"

passenderweise auch von zwei Kids ausgesprochen, man wolle

flüchten in ein entferntes Land, um nicht ins Bett geschickt zu

werden. "Butter" ist mega-fett, jedoch ist das Album, zu welchem

zusätzlich das Online-Game "Butterstar Galactica" erschien,

nicht komplett rund. Es scheint, es musste viel überschüssige

Energie aus dem damals 23-jährigen heraus, was auf Tracks wie

"Joy Fantastic" in leicht infantilen Albernheiten enden kann. Nein,

darf! Denkt man am Anfang der B-Seite noch man hätte langsam

verstanden was abgeht, wird man mit "Zo00OOM" eines besseren

belehrt. Das nimmt eine komplett neue Form an und kommt mit

richtig dicken Eiern daher, die sich dann wiederum in "Acoustic

Lady" in sphärische Synthiewellen entspannen. Die hyper-eklektischen

Formen, welche auf den höheren Frequenzen herumdudeln,

machen hochgradig abhängig, das Album ist ein einziger Zuckerrausch

auf Fruity Loops. Träume von Weed und R’n’B gehen trotz

aller angedeuteten Transzendenz ordentlich nach vorne, es gibt

Diskoanleihen mit der L.A.- Legende DaM-FunK und auch der

Klassiker "Fuse" befindet sich großzügigerweise auf dem Album.

Um jedoch nicht zu viele Party-Tools zu liefern, geht HudMo anschließend

im U-Turn über in das sphärische "Star Crackout", um

dann auf "Allhot" darauf hinzuweisen, dass die ganze Nerdyness

auch einfach nur sexy sein kann. In knappen 50 Minuten macht

Ross Brichard klar, dass in seinem intergalaktischen Universum

alles möglich ist. Solange man wach bleibt, darf man beim Hören

von "Butter" alles sein: Superheld, Tussi, Kiffer, Fan.

Elisabeth Giesemann

Calla - Calla

(Sub Rosa/EFA)

Produktive Retromania in Form

(m)eines Re-Reviews. Original

in Nummer 28 im Oktober 1999.

Zwischen Cash und Cave steht

Cat Power. Eigentlich nichts für

die De:Bug. Fast unauffällig davor

eine ganze Sektion mit Alben

von Calla. Das trifft den Geist

schon eher. "Calla" war das Debüt.

Zugleich eines meiner ersten Reviews hier. Danach Gonzales,

Depth Charge, Matmosphere, Bohren & Der Club of Gore usw.

Vielleicht war Calla zeitlich das erste De:Bug-Album, dessen

Musik ich vollends liebte. Eher irgendwie postrocky, eigentümlich

’un-de:bug’sch’, wenn auch mit verhuschten Dub- und Ambient-

Verweisen. Allerletzte Spurenelemente von Rockistischem. Wenn

Demdike Stare mit Gitarre und gutturalem Stimmrest in der Wüste

stünden. Fast verweht. Deswegen hier nochmals besprochen.

Aufbruch. Letztlich. Ins Dunkle. Kein Spaß. Eigentlich war alles zu

Ende, obwohl alles erst ganz am Anfang schien. Uneigentlich ist

jetzt alles am Beginn, obwohl es vorbei scheint. Calla stehen für

den großen, ergreifenden Trost. Für mich legitimer und packender

als alle Spaß- und Tanzmusiken, die freilich andere Jobs tun und

vollkommen wichtig sind. Aber das hier ist Kunst, Konzentration

statt Ablenkung. Auf sich selbst zurückgeworfen sein. Psychoanalyse

mit den drei Herren aus Texas. Stellvertretend für so viele

große kathartische Sounds und Lyrics. Damals: Elektrifizierter

Geräusch-Come-Down ohne Drogen. Heute: Desolates Labsal in

Isolationsschlaufen des eben einerseits immer einfacher und andererseits

immer komplexer Werdenden. Trotz Drogen. Ein – und

aus – und wieder ein.

Christoph Jacke

Carlos Niño & Miguel

Atwood-Ferguson -

Suite For Ma Dukes

(Mochilla)

Ich stehe also morgens an diesem

See. Die alte Hütte befindet

sich in meinem Rücken, aber ich

nehme sie schon gar nicht mehr

wahr. Ich schaue nur noch vorne,

weit hinaus auf den See. Auf

diese tiefblaue Folie, die sich so

glatt und akkurat über das riesig ausscherende Erdloch spannt,

das erst ganz weit draußen, da hinten am Horizont von den weißgespitzten

Bergen begrenzt wird. Alles sieht aus, als hätte ich

Mutters Sonnenbrille auf. Die mit den bleich-braunen Gläsern,

durch die man alles wie durch einen Filter sieht: Die Farben sind

blasser, von der Sonne geschwächt, irgendwie auch angenehmer.

Nichts macht einem Angst. Alles tut gut. Ich schlendere am Ufer

des Sees entlang und wie ich da so langschlendere, liegen vor mir

plötzlich, hübsch hintereinander aufgereiht, drei kleine Boote. Sie

ruhen mit der offenen Seite auf den Steinen, so dass ihre ausladenden,

knallorangen Bäuche in der Sonne glänzen. Nussschalen,

ja, jetzt erinnere ich mich wieder. Mein Vater hat diese kleinen

Bötchen immer Nussschalen genannt. Dabei haben sie doch so

gar nichts gemein mit so einer Schließfrucht. Ihre Unterseite ist

nicht knorrig, verschrumpelt, braun und ganz und gar hässlich.

Nein, sie sind glatt, schnitt, total sexy und einfach wunderschön.

Ich lege meine Handflächen auf das warme Plastik und schließe

die Augen. Wann ist endlich morgen?

Jan Wehn

Nick Cave &

The Bad Seeds -

Push The Sky Away

(Bad Seeds Ltd.)

Wisst ihr was? Zur Hölle mit der

Bassdrum, geh kacken, synthetische

Deepness, lasst lieber in

Würde gealterte Männer Geschichten

erzählen, die so auch

jenseits des Dancefloors hätten

passieren können und allein so

schon eine nachhaltigere Relevanz haben. Denn die Nacht, die

15 Euro an der Tür kostet, ist flüchtig. Nick Cave war erst rabiat,

dann zerbrechlich. Beides wegen Heroin. Ein Berliner Ex-Pat

mit Westberliner Patina. Dann, dann wurde Cave kitschig. Nicht

wegen Kylie. Sondern einfach deshalb, weil die Stimmung damals

so war. Wunden lecken mit Samt. Und nun ist er so erwachsen

wie noch nie. Natürlich geht es um den Titel. Natürlich muss ich

die Brücke bauen zu diesem Magazin, das es nach diesen Zeilen

nicht mehr geben wird. Der Himmel, den alle, auch ich, immer

versuchten zu erreichen, ist weggedrückt. Verschwunden. Eigentlich

ist das gut. Mission accomplished. Andererseits müssen die

warriors am elektronischen typewriter nun gegen etwas anderes,

neues anrennen, -schreiben. Cave singt im Titeltrack: "I got a feeling

I just can't shake. I got a feeling that just won't go away." Das

habe ich auch. Cave singt jedoch auch: "And some people say it's

just rock'n'roll. Oh but it gets right down to your soul. You've gotta

keep on pushing, keep on pushing, push the sky away." Ein neuer

Himmel findet sich immer. Und diese Platte hier füllt die Suche mit

Klang, mit Hoffnung, mit dem Wissen, dass Dinge einfach passieren.

Das tut weh, aber dann hebt Cave schon wieder an und der

Horizont taucht wieder auf. Ein neuer Himmel findet sich immer.

Thaddeus Herrmann

Morgan Geist -

Super

(Environ)

Eigentlich müsste hier ja ein

Album stehen. Irgendwas von

Aphex Twin oder Boards of Canada

vielleicht. Wenn es denn um

Kanon, Bucketlists, Diskurs oder

ähnliches ginge. Ich habe mich

für eine EP entschieden: "Super"

von Morgan Geist aus Brooklyn,

erschienen im Sommer 2001 auf Morgans eigenem Label Environ.

Eine EP, die mein Verständnis von elektronischer Tanzmusik verändert

hat. Eine EP, die meine Liebe zum Club maßgeblich mitbestimmt

hat. Denn es war auf einmal alles da: Der große Song, die

sehnsüchtige Hoffnung, die präzise in Stein gemeißelte Bassline,

die harmonische Komplexität von Kammermusik, der gewissenhafte

Umgang mit der Gegenwart und diese nostalgische Wärme,

eher utopisch als gemütlich. Metro Area, das gemeinsame Projekt

von Geist und Darshan Jesrani, kennen wahrscheinlich alle und

auch hier ist jeder Release ein Klassiker gewesen. Das 2002 erschienene

Album "Metro Area" sowieso Konsens. "Super" klingt

mit seinen dronigen Percussions aber noch ein bisschen krautiger

und minimaler, irgendwie perfekter. Eine Platte wie ein Erdrutsch.

Die A-Seite "24K" mit seiner unfassbaren Schönheit, der alles sagenden

Orchestrierung und Dynamik, diesen wirklichen Streichern

vom "Kelley Polar Quartet", die kein Mensch mit Emulator oder

Sampler so hinbekommt und je hinbekommen wird. Auch Hans

Zimmer nicht. Historisch gesehen ist diese EP für mich ein Befreiungsschlag.

Sie hat gezeigt, dass es nicht mehr um die Thematisierung

von Produktionstechnologien, neue, generative Sounds,

Maschinendiskurse und politisch diskutierte Organisationsformen

(Rave) gehen muss. Das hier ist einfach nur Musik, besonnen,

klug, gefühlvoll, ehrlich und mit sehr viel Sex. So wie das Leben

eigentlich sein sollte.

Ji-Hun Kim


78 — 181 — REVIEWS

Bo Harwood - Last

Room On The Right

(boharwoodmusic.

com)

Auf dieser Kompilation finden

sich 20 Stücke, die von 1970

bis 1985 aus einer Kollaboration

zwischen Bo Harwood und John

Cassavates entstanden. Sie

finden sich über diverse Filme

wie "Love Streams", "Opening

Night" oder "A Woman Under The Influence" verteilt auf den

Soundtracks des amerikanischen Regisseurs, die offiziell leider

nie erschienen. Mit der Webseite www.boharwoodmusic.com

existiert seit 2013 erstmals eine Plattform, die den Vertrieb dieser

Songs ermöglicht. Sie erschienen dort in Begleitung eines

65-seitigen Booklets, das Bo Harwood, der sich später noch

an Produktionen wie Pee Wee’s Playhouse oder Six Feet Under

beteiligen würde, selbst in seinem lustigen dude-y Tonfall

verfasste: "He loved working late and always managed to lasso

someone into working with him. Being the pup that I was... Hell,

why not?" Harwoods Protokoll der Zusammenarbeit ist besonders

süß, weil seine Sprache einen extremen Gegensatz zu den

Texten der Songs darstellt. Deren Poetik und Witz lässt sich

leichter mit John Cassavetes’ Drehbüchern in Verbindung setzen

und changiert zwischen der herzzerreißender Romantik der

"Love Streams Operetta", in der Gena Rowlands’ Film-Familie

in einem fieberartigen Traum wieder zusammenfindet, und dem

lakonischen Witz von "Tru Luv", wenn dessen Sänger Bobbi

Permanent meint: "When I look into your eyes, and I tell you all

those lies, I know this must be true love".

Bianca Heuser

J Dilla -Donuts

(Stones Throw)

Die ultimative Nachhilfestunde

in Sachen Sampling. Der Legende

nach wird James Dewitt

Yancey, mit einer unheilbaren

Bluterkrankung ans Bett gefesselt,

von seinen Freunden mit

einem Boss SP-303-Sampler

und einem Stapel 45er versorgt.

Daraufhin verbringt er seine

letzten Tage – wie die vorigen 20 Jahre – mit dem musikalischen

Puzzlespiel. Als ginge es um den maßstabsgetreuen Nachbau

der Heimatstadt Detroit, isoliert Dilla Grooves, bis keine 7 Inch

mehr ungeflippt bleibt. In durchschnittlich anderthalb Minuten

langen Tracks verknotet er bis zu sechs Quellen miteinander, die

ihren Weg als Loop so schnell nicht wieder aus dem cerebralen

Cortex finden. Mit seinem Instrumental-Werk emanzipiert Dilla

dabei nicht allein HipHop-Beats von ihrem Dienstleistungs-

Appeal. Vielmehr statuiert er gleich ein doppeltes Exempel für

die medienreflexive Arbeit mit Tonträgern: Im klassischen Sinne

fungieren die Samples als historischer Verweis, etwa auf die

heimische Musikmaschine Motown ("The Twister"). Sie funktionieren

aber genauso als Musik gewordene Reflexion des Materials,

mit dem J Dilla hantiert. Ganz in der Tradition von King

Tubby und seinem Mischpult, verschmelzen der Musiker und

die Kiste, die sie Sampler nannten, hier zu einer untrennbaren

Einheit – "Donuts" trägt ebenso J Dillas Sampling-Handschrift

wie die der Maschine, wie die des Vinyls. Hört man "Donuts",

nimmt man nicht nur alle anderthalb Minuten einen Bissen von

dem runden, geschichtsschwangeren Ding mit dem Loch in der

Mitte, sondern wird ebenso Zeuge einer ästhetischen Dialektik

von Mensch und Maschine, die nicht mehr Soul haben könnte.

Frei nach Kodwo Eshun: ‘Maschinen entfremden uns nicht von

unseren Emotionen, ganz im Gegenteil. Soundmaschinen verstärken

unsere Empfindungen über ein breiteres emotionales

Spektrum als je zuvor.’

Wenzel Burmeier

dwig - Forget

The Pink Elephant

(Giegling)

dwig steht für "die Wiese im

Garten". Das ist bis heute

das Einzige, was ich über den

Giegling-Künstler weiß, dessen

LP mir Thaddi irgendwann Anfang

letzten Jahres in die Hand

drückte, mit dem Kommentar:

"Hör mal rein, ist 'ne schöne

Platte." Seitdem ist "Forget The Pink Elephant" meine Medizin

für Tage, an denen der alltägliche Stress mal wieder zu Kopf

steigt. Ab auf die Couch, Play, Augen zu und abschalten. Von

der ersten Sekunde an, umhüllt einen der Opener "Endtitle" mit

seiner warmen, voluminösen Kick. Wärme und Volumen werden

zu Eckpfeilern des Albums, während einzelne Tracks immer wieder

Ausreißer in unterschiedliche musikalische Gefilde unternehmen.

So wandert man von Vinylknistern und Glitches in (fast)

gerade Housenummern ("Flying Duck"), über völlig verspulte

Entschleunigung ("Superunke") bis zum genialen Finale "Old

Times Good Times". Zwischenzeitlich begegnet einem Hip-Hop,

Jazz und eine gute Portion Downbeat. Die einzelnen Zutaten

dieser Medizin sind schwer zu entschlüsseln, wahrscheinlich

wirkt sie deshalb so unglaublich gut.

Benedikt Bentler

Yves Klein -

Musik Der Leere

/Tanz Der Leere

(Sight & Sound

Production)

Ich dachte, ich kannte seinen

Musikgeschmack. Alex hörte

hauptsächlich alten Elektro-

Funk und Hip-Hop, Afrika Bambaata

und solches Zeug. Aber

als ich diese Platte von 1959

eines Tages im Zimmer meines Mitbewohners entdeckte, war

ich ernsthaft überrascht. Er erklärte, sie sei ein Geschenk gewesen,

das er irgendwann einmal von seinem Onkel erhalten

hatte. Der Onkel, ein sehr unwissender Mensch, hatte meinem

Mitbewohner seine gesamte Sammlung vermacht. Wir waren

20 oder 21 damals und dachten, LPs von Santana oder Sade

wären antiquarische Schätze. Der berühmte Künstler Yves Klein

dagegen sagte uns nichts. Umso erstaunter waren wir, als wir

"Musik der Leere/ Tanz der Leere" in die Hände bekamen. Die

Tracktitel waren ja schon geil genug. "Als die Holländer kamen,

waren die Indianer schon da", "Prince of Space (Outer Space

Philharmonic Orchestra, dirigiert von Charles Wilp)" oder "Gefrorener

Knall". Wir lauschten, und hörten: nichts. Die Platte

enthielt Leere, vollkommene Stille (wenn man vom Knistern der

Nadel absah). Uns überforderte das damals grob. Wir legten

Yves Klein beiseite, rollten einen neuen Joint und machten

wieder Stevie Wonder an. Später versuchte ich, meinem Mitbewohner

die Platte viele Male abzutauschen, doch es gelang mir

nie. Mir waren irgendwann zwei Dinge klar geworden. Erstens:

"Musik der Leere/ Tanz der Leere" wird womöglich auf dem

Kunstmarkt für Summen gehandelt, die mein Jahreseinkommen

übersteigen. Zweitens: "Musik der Leere/ Tanz der Leere" ist

das Gegenstück zum Urknall, das Produkt gewordene Ende der

Musikgeschichte. Etwas Beruhigenderes als diese Schallplatte,

die heute wahrscheinlich in irgendeinem Londoner oder Münchner

Keller vor sich hin gammelt, gibt es nicht.

Fabian Dietrich

Björk - Biophilia

(Nonesuch records)

Egal, was andere jetzt sagen

mögen: "Biophilia" ist Björks

bestes Album. Es klingt wie das

Werk einer Künstlerin, die sich

endgültig von allen kommerziellen

Zwängen losgesagt hat

und macht, was sie die ganze

Zeit gemacht hätte, wäre da

nicht das liebe Geld gewesen.

Und der Drang und der Sturm und das ganze Jugendgesumme.

Egal ist dabei sogar, dass es ein Konzeptalbum ist, die meisten

Instrumente selbstgebaut sind und dass es dazu eigene Apps

gab, und Ausstellungen und Kindermitmachzeugs. Mir ist sogar

das lyrische Element mit Erde, Kosmos, DNA, Silberfüchsen

und Göttern egal. Und das mit Gott ist normalerweise immer

ein Problem. Es ist mutig, Tracks zu machen, die überhaupt keiner

rhythmischen Struktur unterliegen (wie zum Beispiel Dark

Matter) - auch wenn man Björk heißt und immer alles abgesegnet

bekommt, weil man dieses Feenhafte hat und spinnt

und so. Denn wenn der krasse 4/4-Industrial-Breakbeat in die

7/8-Struktur von "Chrystalline" reinballert, ist das Katharsis,

Verzückung und Ekstase. Die rigorose Verdrängung des Gesangs

in hintere Hallräume lässt den experimentierfreudigen

Mund offen stehen. Björk öffnet auf diesem Album Musik auf

allen Ebenen, rhythmisch, klanglich, strukturell und inhaltlich,

mal subtil mal brachial. Vielleicht ist es gerade wenn man Björk

heißt mutig, sich nicht auf dem Fabelwesen-Image auszuruhen

und nach all den Experimenten mit Oper und Medulla, immer

noch weiter zu forschen, wie nah man dem Nichtidentischen

kommen kann wenn man perfekte Songs desintegriert und sich

ihrem Inneren widmet, dem "Mutual Core".

Johanna Grabsch

Sensate Focus -

Sensate Focus 10

(Sensate Focus/

A-Musik)

Es gibt keine Lieblingsplatten.

Aus dem Blütenmeer die eine,

wahre herauszuheben: widersinnig!

Persönliche Schlüsselplatten,

die gibt es. Die fünf

Jahre im Regal schlummern, oft

unverstandene Empfehlungen

waren, deren Potential urplötzlich aufspringt und das eigene

Musikverständnis völlig umkrempelt. Dankbare Sperrigkeit des

Vinyls, davon nur eine Handvoll. Sensate Focus 10, die erste der

Sensate-Focus-Reihe, war keine solche Schlüsselplatte. Mit ihrer

vertrackt ungeraden Rhythmik, projiziert auf den Dancefloor,

rannte sie offene Türen ein. Jedenfalls bei mir. Man kann sich ja

in alles reinhören. Man kann auf alles tanzen. Zu 7/8 sowieso. Die

31/32 auf der Rückseite warfen nur den Mix aus der Bahn. Der

Wahnsinn ging erst auf den Folgeplatten wirklich los. Aber mit

dem Ohrenkrieg eines Venetian Snares hatte die geschmeidige

Eleganz dieses sandgestrahlten House-Entwurfs, sein fast Bossa-Nova-artiges

Fließen, nie etwas zu tun. Von Mark Fell kam

diese EP, irgendwie auch von Terre Thaemlitz, und für Fells Werk

brauchte ich in der Tat lange. Der kulinarische Click-and-Cut-Minimalismus

der ersten Generation seiner SND-Releases mit Mat

Steel, 1998-2002, bleibt mir fad. Die gute Terre schlummert noch

immer. Bei Sensate Focus jedoch fanden zwei auseinander strebende

Elemente in magischer Kompaktheit zusammen: eine irreduzible

persönliche Sound-Prägung, warm, vertraut, nostalgisch,

im zeitentrückten Schwebezustand des Club-Moments, die

unmittelbar einnimmt. Und sich damit nicht zufrieden zu geben.

Man will ja wachsen. Etwas wagen, etwas erschaffen, von dem

man nicht weiß, ob es funktioniert, funktionieren kann. Knüppel

zwischen den Beinen. Oder sei es nur in Bass Music Country auf

den Bass verzichten. Und dann geht es wirklich! Für den Künstler

ein Meilenstein, für uns ein glücklicher, gestochen scharfer Augenblick,

der für ein paar Wochen aus der Zukunft herüber leuchtet,

eine Schneise ins Dunkel schlägt, den Weg fortführt. Bis die

nächste Platte übernimmt. Wann kommt die nächste?

multipara

John Frusciante -

The Empyrean

(Record Collection)

Wäre John Frusciante nicht John

Frusciante, sondern sagen wir

Sufjan Stevens, so hätte es 2009

nach dem Release von "The Empyrean"

eine sensationelle Welt-

Tournee gegeben, von der wir

noch unseren Kindern erzählen

würden. Klarer Fall von Luftschloss,

denn der 44-jährige Multiinstrumentalist und ja, Ex-Gitarrist

der Chili Peppers, hasst die große Bühne. Nach Weltruhm,

Heroinsucht und Wiederauferstehung war 2004 mit insgesamt

fünf(!) Solo-Alben zunächst läuternde Reinigung angesagt, ehe

er fünf Jahre später mit "The Empyrean" all seine Omnipotenz

zu einem Meisterwerk zusammenführte. Benannt nach dem

höchsten Punkt im Himmel (siehe Dante), ficht er ein sakrosanktes

Streitgespräch aus: mit sich selbst, den höheren Mächten, ja

selbst mit dem Herrgott, dessen Rolle er annimmt. Himmel und

Hölle, Gut und Böse, Leben und Tod – der deepe Shit halt. Beginnend

beim Opener, der neunminütigen Funkadelic-Ode "Before

The Beginning", über das Tim-Buckley-Cover "Song To The Siren"

bis hin zu all den wundervoll imperfekten Delays, Reverbs

und Synthie-Experimenten, denen er sich in den letzten Jahren

angenommen hat – freigeistiger und epischer war Frusciante nie

wieder. Ein Streicher-Quartett, zwei Soli von Smiths-Gitarrist

Johnny Marr und selbst der kolossale Chor-Loop geraten leicht

in den Hintergrund, wenn Frusciante sein markerschütterndes

Timbre ausbreitet. Egal, ob Falsett oder Bass. Trip, Konzeptalbum,

Meilenstein – alles in einem. Und es ist anzuraten, der

Packungsbeilage zu folgen, denn diese LP "should be played as

loud as possible and it is suited to dark living rooms late at night."

"The Empyrean" ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Fanal. Free

your mind and your ass will follow!

Sebastian Weiß

D'Angelo - Voodoo

(Virgin / Universal)

Tack ta-dack, tack… tack… tadack.

Ungerade, die Rhythmen.

Meist mechanisch eingespielt,

aber auch in ellenlangen Sequenzen

von J. Dilla programmiert.

Vorbei an Timbalands

R&B-Futurismus, durch den

Spalier aus Nellys und Sisqós

Dauererektionen, schlich

D'Angelos lang erwartetes zweites Album ans Tageslicht. Doch

dort wollte es nicht lange sein, die Platte klang wie eine nächtliche

Session. Viel zu hell hier! Sie sprach in der Stimme alter

Field Recordings, wippte feixend zu Professor Longhairs Pianogrooves,

begegnete James Brown im Apollo, schlenderte mit

Curtis Mayfield durch Wanderdünenlandschaften und lauschte

dem bassigen Stampfen der Tänzer, die in Princes Paisley Park

ihre Schritte einstudierten. Nur ihre Zeit traf sie nie. Nicht dass

D'Angelo vollkommen fern aller Moden tönte, ganz und gar nicht,

er öffnete vielmehr die Einbahnstraße des Retro R&B, mit seinen

trägen HipHop-Beats im Rimshot-Klassizismus. "Voodoo" hatte

wenig vom verkrampften Abarbeiten an kanonisierten Heroen der

Soulhistorie. Es waren die selben Beats, aber auf einmal ging

Questloves Rechnung auf, die Anspannung wich einem ausgedehnten

Schwelgen über nachtfaltergleiche Song-Versatzstücke.

Das war anno 2000 eher keine Musik für die De:Bug, 2-Step

und Cyber R&B, über die ich hier schreiben durfte, passten weit

besser. Doch auch im R&B verhallte "Voodoo". Live blühte diese

Musik, mit Backing-Sängern in hautengen Lederwesten und

Mardi-Gras-Kopfschmuck. Wohin führte sie D’Angelo? In die Depression.

Als ich die Platte gestern Nacht wieder hörte, verwirrte

mich ihre Klarheit nebst unerwarteter Assoziationen an die 80er.

Verblüfft fand ich in ihr gar meine aktuelle Lieblingsmusik, den

rhythmischen Impressionismus von Warpaint, die aquarrellgleich

verlaufenden Songstrukturen Lucrecia Dalts oder die passive

Stille im Gesang FKA Twigs’. "Voodoo" lebt.

Oliver Tepel

TRAUM V173

DOMINIK EULBERG

& GABRIEL ANANDA

TRAUM V174

HANNES RASMUS

MUSIK FÜR FÜNF MASCHINEN

TRAPEZ 153

ALEX UNDER

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181 — 79

Efdemin -

Efdemin

(Dial)

Ich habe Efdemins Produktionen

nie als Tanzmusik wahrgenommen.

Für mich als damaliger

Noch-Techno-Fremdling war

dieses Album, sowieso das ganze

Dial-Umfeld, die bezirzende

Sirene an der Türschwelle zu

einer etwas anderen Musikwelt.

Klänge, Strukturen und Räumlichkeiten, die ich so nicht kannte

und die in der Musik sitzen. Aber auch in der Umwelt, die diese

Musik umgibt, in den Kellern, in denen dazu getanzt wird, in den

Kreisen, in denen über sie geschrieben wird. Da gibt es Basslines

so fantastisch wie auf "Further Back", zerbrechliche Stimmen

aus fern-vergangenen Utopien auf "Stately, Yes". Verhallte

Rimshots. Nicht enden wollende Loops. Und Räume, die nur aus

ein paar Chords gebaut sind und von Hi-Hats wieder vernichtet

werden. Dial ist eine Mutter. Sie hat mir das Laufen beigebracht,

im Vier-Vierteltakt.

Malte Kobel

Christian Blumberg

Britney Spears -

Greatest Hits:

My Prerogative

(Sony BMG / Sony)

2004 via Jive/Sony BMG erschienen.

Echt nur Hits drauf.

Wollte hier erst was von 'Oneohtrix

Point Never' besprechen,

aber hier sind ja viel mehr Stücke

drauf. Spitzen CD. Kann ich

sehr empfehlen. Viele Grüsse,

Lynx & Kemo -

The Raw Truth

(Soul:R/ST Holdings)

Ein Drum&Bass-Album soll

es an dieser Stelle schon sein.

Liegt mein Herz doch dort für

wohl alle Zeit begraben. Warum

dann nicht "Timeless", "Inside

The Machine" oder "Wormhole"?

Nein, in dieses "Goldene

Ära"-Gequatsche möchte ich

mich bei all seiner Berechtigung nicht einreihen. Und schließlich

brach abseits all der Genre-Grabschaufelei der letzten

Dekade, an ihrem Ende dann doch noch eine neue Welle Diskurs-fähiger

Drum-&-Bass-Releases, die auch die "The Raw

Truth"-Debüt-Perle von Lynx & Kemo anschwemmte und dem

Realness-Gepredige eins über die Finger zog. Denn plötzlich

ließ sich wieder zwischen den Beats lesen, plötzlich ließ sich

Rap wieder mit Drum & Bass vereinbaren, plötzlich wurde

wieder mit Konzept und eben nicht nur in Richtung Dancefloor

gearbeitet. Das Sound-Bild ist erhaben, aber nicht arrogant,

technisch kristallklar und auf den Punkt gebracht, ästhetisch

aber immer leicht verschwommen und ausschweifend. Kemos

Rap dabei zurückhaltend, wohltuend ignorant und die rauchige

Stimme verschmilzt so wunderbar wie Melancholie mit Whiskey

mit den schwermütigen Basslines des Produzentenwunderkinds

Steve Lynx. Darüber die kantigen Drum-Patterns, die einen

Kompromiss aus starrer Reduktion und vitaler Verspieltheit

gefunden haben, die den Groove immer wieder neu ausloten,

ihm links auf die Schulter klopfen und rechts vorbei huschen.

Die Tracks gehen nahtlos ineinander über, verknüpfen über das

Sound-Design Soul, Funk, Oldschool-Breakbeat und ein bisschen

burialesken Post-Dubstep. Dazwischen Zitate aus der besagten

"Goldenen Ära" – "Shadow Boxing", "Brown Paper Bag",

"Wormhole" –, die wohl behütet ihre Zeitlosigkeit dokumentiert

bekommen. Simultan schaut "The Raw Truth" zurück und nach

vorne und manövrierte sich so aus dem Spannungsfeld zwischen

Erbe und Innovation und gehört damit in den Kreis der

oben genannten Klassikerwerke.

Christian Kinkel

youAND:

THEMACHINES -

Behind

(Ornaments 029/

WaS)

"No neighbourhood is rough

enough", rappte Genius GZA.

"Weder zur Furcht noch zur

Hoffnung besteht Grund, sondern

nur dazu, neue Waffen zu

suchen", schrieb Gilles Deleuze.

Trotzdem fühlt es sich unwirklich an. Die De:Bug verkörpert für

mich nicht nur den Rückzug in den Underground am Zenit des

Massen-Rave (Stichwort: Frontpage-Abgang) und das Ende

der Eindeutigkeit, sondern auch bis zum Schluss den Versuch,

doch das richtige im falschen Leben zu führen – (musikalische)

Horizonterweiterung, true spirit, Detroit und Selbstbeherrschung

inklusive. Auch wenn es traurig ist, verrät die Inschrift

auf Herbert Marcuses Grab schon alles für die Zukunft: Weitermachen!

Kurz bevor ich im Sommer 2008 als Praktikant zur

Redaktion stieß, erschien die erste Ornaments. Das Label,

das mich zu Dubtechno brachte und untrennbar mit meiner

Zeit bei der De:Bug verbunden ist. Ihm, und als Ausblick, dass

die letzte Bassdrum noch lange nicht aufgelegt ist, widme ich

diese letzte Review. "Sansula", der Ruhepol auf Martin Müllers

Debütalbum wird in den Händen der Basic Soul Unit zum

überdrehten Intro, das nur darauf wartet, in einem Club zu

explodieren. Kosta XDBs "Perception" huldigt der Handclap in

ungewohnt-stampfender Stand-Up-for-Detroit-Manier. Auch

The Analog Roland Orchestra entdeckt eine neue Seite an

sich und schüttelt mal nebenbei ein Boards-of-Canadaeskes

"Desire" in mondscheinschönster Melancholie aus den Geräten.

Herbert setzt zum großen Schlag an und lässt "Uncover"

Dancefloor-zermürbend, Wishmountain-mäßig dahinklappern,

als ob 1997 im Omen nie zu Ende gegangen wäre. Legowelts

"Domain Specific" klingt gewohnt souverän in seiner

mythologisch-verschwörerischen Analog-Art. Weitere Tracks

veredeln youANDme, Boo Williams, Marko Fürstenberg & Luke

Hess, Youandewan, Jamie 3:26 und Carlos Nilmmns. Neben

der handbemalten Triple-12" wird das exzellente Album auch

als Kassette erscheinen – for those who know. Danke für die

schöne Zeit und die grandiose Musik. Rave on.

Bastian Thüne

The Other People

Place - Lifestyles Of

The Laptop Café

(Warp/Rough Trade)

"Something's happening to my

transmitters, starting to overload

/ Sitting here in this cafe

drinking my latte" – eigentlich

hat der macchiatofuturistische

Monolog, mit dem sich Drexciya

bei diesem Nebenprojekt gleich

im ersten Track zu Wort melden, etwas so hoffnungslos Altmodisches,

dass man sich fragt, ob die Sache damals – 2001

– ernst gemeint oder komplett ironisch war. Doch trotz des

Reizworts "Latte" hat das Ganze auch etwas Rührendes, und

um Gefühle geht es auf diesem eindeutig romantischsten aller

Beiträge zur "Storm"-Serie ganz explizit. Zwei Nummern führen

sogar das Wort "love" im Titel, wobei sich die Musik allenfalls

eingeschränkt mimetisch zur Thematik verhält. Drexciya haben

sich bei aller Emotionalität nie zu wirklich schwelgerischen

Klangmalereien hinreißen lassen. Den Rahmen menschlicher

Aktivität bildet immer noch ein staubtrockener Funk aus dem

Drumcomputer, um den sich die Synthesizer diesmal mit stark

zurückgenommenen Basslinien und Staccato-Melodien organisieren.

Die Härte ist einer bedächtigen Skepsis gewichen, durch

die "Lifestyles Of The Laptop Café" zu einer fast schon klassischen

Sprache findet, die auch dann noch berühren wird, wenn

es längst keine Laptops mehr gibt.

Tim Caspar Böhme

Anne Laplantine /

Angelika

Köhlermann - Care

(Tomlab 17)

Elektronika, diese Kuschelmusik

vom Küchentisch, kann leicht in

selbstgestrickten Nettigkeiten

ersticken. Das Genre beerbte

Anfang der 2000er die Haltung

der britischen Wimp-Bands der

80er um das Creation-Label:

Ich bin klein, mein Herz ist rein. Nur mussten die Elektronika-

MusikerInnen keine Gitarrengriffe pauken, sondern sie guckten

mal, was aus elektronischen Instrumenten, die mit zwei

Minicell-Batterien laufen, herauskommt. Das konnte man lesen

als Verweigerung des Starsystems, des bigger than life, ohne

wie bei Techno den Autoren gleich ganz ausschütten zu wollen.

Mäuschen statt Star. Oder es konnte einem gehörig auf den

Wecker fallen als selbstgenügsames, weltignorantes Vor-sichhin-Träumen,

als akustischer Vorbote des allgegenwärtigen

Neo-Biedermeier. Anne Laplantines Album "Care" streut die

Nettig- und Niedlichkeiten mit großäugiger Geste aus. Aber ihr

geraten dysfunktionale Schrulligkeiten in die Parade, die wie

ein Tourette-Syndrom alles Kleinmädchenhafte sabotieren. Die

Platte wirkt so treuherzig wie Gizmo, aber die Gremlins rumoren

schon im Schrank. Man möchte diese Musik gerne umarmen,

fürchtet aber, dass sie einem dann heimlich irgendwelches verquere

Zeugs auf den Rücken sprüht. Schönste Wiegenmusik,

um auf der Hut zu bleiben. Kein Wunder, dass Anne Laplantine

mit Momus, diesem anderen gemeingefährlichen Eigenbrötler,

zusammengearbeitet hat.

Jan Joswig

Dr. Rockit -

Indoor Fireworks

(Lifelike)

Drinnen oder Draußen? Stubenhocker

oder Sexy Boy? Matthew

Herbert versuchte - und das

nicht nur als Dr. Rockit - das

Minimal-Dogma von innen auszuhöhlen

und an seine Grenzen

zu treiben; naheliegende Exit-

Strategien waren dabei die

Disco und das Geräusch. An die Grenzen der Kommunikation

gerieten Herbert und ich, als wir uns anlässlich dieses Albums

via Standleitung unterhalten wollten. Ich saß allein im De:Bug-

Büro und im Hinterhof war kurz davor ein desolater Mann vor

meinen Augen umgefallen. Ich musste den Notarzt rufen. Aufgewühlt

erzählte ich Matthew Herbert davon, und es entstand

ein metaphysisch angehauchtes Gespräch über DAS ENDE und

DEN UNTERGANG. Erst viel später merkte ich, wie mir Matthew

Herberts Kulturpessimismus und seine unterkomplexen Feindbilder

(Coke, McDonalds, Amerika) auf die Nerven gingen. Das

war nicht die Selbstkontrolle, die ich meinte. Die Platte war

trotzdem ein Knaller.

Aram Lintzel

Christian Naujoks -

True Life/In Flames

(Dial Records)

Dass Christian Naujoks auf dem

pulsierenden Hamburger Techhouse-Label

Dial Records seine

Instrumental-LP "True Life/

In Flames" veröffentlicht hat,

verwundert nicht. Dial war nie

ein reines Label für Tanzmusik,

sondern immer etwas unberechenbar.

Christian Naujoks begeistert in seinem Album allein mit

dem reinen Klang des Flügels, der Marimba und seiner Stimme,

also komplett ohne Einfluss von Elektronik. Dies ist tatsächlich

auch für Dial ein Gehen auf neuen Pfaden gewesen - zwar nicht

gänzlich, aber eben doch in der Konsequenz. Naujoks Stücke

sind geprägt von virtuoser Improvisation, die teilweise in melodische

Muster übergeht, um sich dann ebenso schnell wieder in

einer abstrakten Sehnsucht aufzulösen. Der Hörer kann selbst

sehr tief in diese elegischen Klangbilder eintauchen, sie mit seiner

eigenen Synästhetik füllen. Für die Aufnahme seines Albums

wählte Naujoks einen außergewöhnlichen Ort: die Laeizhalle

Hamburg. Durch diese Räumlichkeit besticht "True Life/In Flames"

nicht nur durch allgemein gute Klanglichkeit - dieser Raum

verschafft den Stücken noch ein wenig mehr Melancholie und

Tiefe, in der Form unerreichbar für digitale Programme. Mit seiner

Zusammenführung von Retrospektive, Moderne und Purismus

lässt sich Naujoks bereits in einem Atemzug mit modernen

Koryphäen populär-avantgardistischer Komponisten wie Glass,

Reich oder Richter nennen. Zumindest erinnert seine Musik recht

stark an die Arrangements dieser modernen Klangmaler. Denn

Naujoks Piano-getränkte Werke haben ihre eigene Kraft, wirken

magisch, gar bewegend. Grade deshalb ist es auch sehr schade,

dass seit dieser LP Ruhe um Naujoks eingekehrt ist.

Jonas Eickhoff

Chemical Brothers -

Dig your own Hole

(Freestyle Dust/

Virgin)

Ich war schon lange ein Fan von

Musik, die vermeintliche Grenzen

überwindet. Im Gegensatz

zu vielen anderen pflegte ich

Freundschaften in der Schulzeit

weniger über den gemeinsamen

Musikgeschmack. Meine beiden

engsten Kumpels hörten Techno und Rap, während ich mit

langen Haaren eher Metal und Grunge zugeneigt war. Durch

sie kam ich aber eben auch in Kontakt mit anderen Szenen inklusive

Raves beziehungsweise Jams und deren Musik, was in

den Neunzigern in Deutschland noch nicht selbstverständlich

war. Ein Zeitlang hatte ich Mitte der Neunziger wenig elektronische

Musik (abgesehen von den Bristol Ikonen des Downbeats

vielleicht) wahrgenommen, dann kam diese Scheibe heraus.

Vor allem der Opener "Block Rockin Beats" mit der prägnanten

Basslinie hat mich weg gehauen. Da kamen diese beiden

Jungs an und kombinierten die für mich besten Elemente aus

Rockmusik, Hiphop und Elektronik. Ich war infiziert und genauso

überrascht über die Reaktionen meines Umfelds, die auch

eher typische Indie- Slacker waren. Das Album hat wirklich alle

halbwegs für Musik offenen Menschen erreicht. Das Titelstück

ging dann schon deutlicher Richtung Rave als der Hit. Bis heute

fasziniert mich das coole Sampling und die Unverfrorenheit,

mit der hier Musikgenres ad acta gelegt worden sind. Natürlich

ist das dicke Hose, was Tom Rowland und Ed Simons hier

abliefern. Der zweite Hit "Setting Sun" treibt es auf die Spitze

mit dem pathetischen Gesang von Noel Gallagher und einem

Sägezahn-ähnlichem Sound als Loop. Erst gegen Ende beweisen

die beiden Produzenten mit "Where do I begin" und Beth

Orton am Mikro, dass sie auch in ruhigen Gefilden reüssieren

können. Und mit "Private psychedelic reel" führen sie den Hörer

auf die große Rave- Abfahrt mit einer wunderbaren Dramaturgie

. Danach stand die Tür weit offen, Genres endgültig hinter

sich zu lassen. Von BigBeat ist insgesamt nicht viel geblieben,

mir hat diese Scheibe erst wieder die Ohren für elektronische

Musik neu geöffnet.

Tobi Kirsch

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Aram Lintzel, Bastian Thüne, Benedikt Bentler, Bianca

Heuser, Bjorn Schaeffner, Bleed, Christian Blumberg,

Christian Kinkel, Christoph Jacke, Elisabeth Giesemann,

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80 — 181 — REVIEWS

UND

DANACH

DANN

MEHR

45.265 Reviews und 32.224.25

Zeichen später (rund 7,3 Bibeln)

konnten wir auf einen Abgesang

zum Abgang nicht verzichten.

Unser hauseigener Review-Mönch

wurde für ein paar Tage eingekerkert

(wie immer), hat sich an die

diffizile Aufgabe der doppelten

Werk-Exegese gemacht, das halbe

Tausend Platten des Monats

durch seine Ohren fließen lassen,

nur um dann brutalstmöglich auf

zwei schlappe Seiten runterzukürzen.

Seine Aufgabe war einfach:

schreib los, wie immer, um dein

Leben, transkribiere was du hörst,

zu hören glaubst, hoffst, denkst,

oder was sonst gerade in deinem

Kopf rumspukt, detailtreu und

schriftgewandt wie immer, notfalls

darf auch geschwurbelt werden,

aber vergiss dabei nur eins,

die Namen der Platten, um die

es wirklich ging. Nur dieses eine

Mal. Gesagt, getan, ausgeblutet.

Unknown - Unknown 1

(White Label)

Wie ist das, wenn jeder Track Abschied feiert. In sich diese Menge

an Referenzen versammelt, die Geschichte ausmachen, die

einen in dieser Schwebe festhalten, die eine Weigerung ist, die

Zeit akzeptieren zu können, weil sie die Zeit in sich aufweicht, zu

einer verschlungenen Geschichte macht, nicht zu dieser Welle

aus unberührt nach vorne preschenden Momenthaftigkeiten.

Wie ist das, wenn die Welt sich nicht dreht, sondern in einem

Blick stillhält, in einem Kick den Weg in eine Sicht freimacht,

die sich nicht von den Belangen der Realität einfangen lässt,

sondern auf etwas verweist, das mit einem bis in die letzten Winkel

der Seele (wir meinten nie Seele, wir meinten immer dieses

ungreifbar unauslöschbar Materielle) verhaftet ist. Wie ist das?

bleed

Unknown - Unknown 2

(White Label)

Strings. Warum sind es immer wieder Strings, die einen dazu

verleiten jemand alles abzunehmen? Sich selbst auch. Stell dir

vor auf der Straße, ein Streichquintett. Geigt dir was vor, das

wäre nie so ein Moment, den man stolz mit "das war dieser Moment

in dem" betiteln würde, sondern voller Kanten, voller Brüche,

unmöglicher Zusammenhänge, die nicht schnurstracks in

diese Ebene führen, in der sich ein Himmel aus surrend, gurrend,

schnurrenden Synths auftut, in den man all seine letzten Gefühle

mit einer Bereitwilligkeit übergibt, die keine Grenze kennt, außer

der der eigenen Fähigkeit, sich begeistern zu können, rückhaltlos,

mit jedem treibenden Rimshot, jedem noch so kleinen

Snarewirbel, jeder noch so beliebig unter der Lupe totgetretenen

Idee von Detroit und Chicago. Näher hinsehen, die bewegt sich

noch, die krabbelt einem unter dem Gewicht der Old School einfach

davon, weil es diese geteilte Begeisterung für den Ursprung

ist, der keiner war, sondern ein Sickern aus allen Poren, das nicht

aufzuhalten ist. Wie ein Patient, der aus jeder Pore blutet, obwohl

es nicht sein kann, nur um als Mysterium zu erscheinen,

sich zu verwandeln, nicht in sein eigenes Ende, sondern in die

endlosen Anfänge auf der Suche nach dem Grund.

bleed

Unknown - Unknown 3

(White Label)

Wisst ihr, der Tunnel. Der Tunnel war immer wieder ein schwieriger

Begleiter. Der Tunnel nimmt einen nicht an die Hand, entführt

einen nicht auf eine Reise, von der man nicht weiß wohin, der

Tunnel sagt da lang und man geht einfach so mit, obwohl man

die Richtung kennt, die Ausweglosigkeit. Sich übergeben. Nicht

konvulsiv, geführt, eingebettet, abgedunkelt. Kein Abenteuer, keine

zerbrechenden Wände, keine Wände an denen man abprallt,

der Tunnel hat keine Grenze, keine Brüche, kein Licht am Ende.

Im Tunnel nimmt man das Licht mit, in den Ohren, die diesen Aal

auskleiden, wie eine Passage in die Zeit dazwischen, die nicht

sein kann, sich aber gut überleben lässt. Ein schwieriger Begleiter,

den man nicht missen kann, weil er nur mit einem selbst zusammen

zu durchschreiten ist. Und das selbst ist bockig.

bleed

Unknown - Unknown 4

(White Label)

Es gibt diesen Moment, an dem man alles gut findet. An dem

man blind wird, weil man soviel sieht, an dem die Gefühle unbeschreibar

zu werden drohen, nicht weil sie Gefühle sind, sondern

weil sie in ihren feinsten Nuancen zu flatterig sind, als dass eine

Schrift auf ihnen noch Platz hätte. Hat man diesen Moment

erreicht, der eigentlich das Gegenteil eines Moments ist, oder

vielleicht sein Sinn, kann man so blöd sein zu sagen, mir fehlen

die Worte. Ist man so blöd, kommen meist andere, das ist dann

die Blindheit, die sich durch die kommenden Worte tasten muss,

um genau das zu erwischen, das sich in dem Geflatter so präsentiert,

als gäbe es gar keinen Zweifel, dass genau dieses Wort

stimmt, jetzt sein muss, jetzt das Wort ist, das man dem Strudel

anvertrauen kann, weil es mit dahin weht, wo man sich glaubt

zu befinden. Es sieht eh keiner mehr nach, ob das stimmig war.

bleed

Unknown - Unknown 5

(White Label)

Rauschen. Es gibt ein unaufhörliches Rauschen. Nicht der

Krach, die Undifferenziertheit als Generve, das nur Unfähigkeit

ist. Eigene. Es gibt dieses Rauschen, das die Überwachung abweist,

weil es zu viel Information ist, aber auch so viel Information

schafft, dass wir die Punkte, um die es wirklich geht, erst sehen

können. Dieser Schleier an Rauschen, der mehr zeigt als er

verdecken wollte. Dieses Rauschen als Duftspur, der man nicht

nachgehen kann, weil sie wie die erste Sommerwärme einfach

alles umgibt, alles tönt, alles mit einer Sicherheit umgibt, die keine

Blase ist, die zerplatzen könnte, sondern die jedes Außen zu

einer fragwürdigen Existenz macht, über die man gerade nicht

nachdenken kann, weil sie unvorstellbar ist, auch wenn man sie

hinschreiben kann. Dieses Rauschen ist eine Gewalt, die Gewalt

des unspürbar Anwesenden in allem, das in ihm sichtbar (wir

meinten nie sichtbar, es gab immer zu hören) wird.

bleed

Unknown - Unknown 6

(White Label)

Was wenn ein Review kürzer ist als die Musik. Verrat. Aber von

wem? Wer hat wen da abgewürgt? Die Musik bleibt trotzdem.

Was immer man damit anfangen kann, soll, will. Die dunkle Seite

der Macht ist überall, das Rettende auch. Brotkrumen aus Referenzen

halten alles zusammen.

bleed

Unknown - Unknown 7

(White Label)

Darkness ist nicht das Gegenteil von Licht. Lasst euch das nicht

erzählen. Darkness sind all die Farben, die etwas schwerer zu

sehen sind. Und gelegentlich können die ganz schön rumalbern.

Ein Track wie ein Stahlträger mitten durchs Gehirn. Ich nehme

zwei davon bitte, to go. Toppings? Echt jetzt? Ok, Erdbeere, was

sonst.

bleed

Unknown - Unknown 8

(White Label)

"Niedertracht", was für ein Titel. Mal im Ernst. Du hast hier so

wenige Worte, warum dann gerade das? Muss das sein, wir hatten

uns doch gerade erst alle so lieb gewonnen, und du weißt

es doch auch, auf dem Floor hört den keiner, nicht mal als

Hintergedanken. Und nein, falls du darauf hinauswolltest, der

reimt sich nicht auf Trachtenberg. Auch nicht auf Achtung. Wie

in Achtung, ich dreh mittendrin die Bassdrum um, versuch erst

gar nicht mich wegzumixen. Oder wie in Achtung, mein Track ist

so schwer, der gießt die Nacht in Blei. Wir wissen doch beide,

beides kann und wird man genießen. Bis zum letzten Atemzug,

und wenn die Nacht zu Blei wird, verwandeln wir - tapsige Alchemisten

- das Blei in Quecksilber, das Quecksilber in Nebel und

den Nebel in Schweiß.

bleed

Unknown - Unknown 9

(White Label)

Wo sind hier die Breaks? Ich frag ja nur. Es gibt wenige Tracks,

denen ein Amen nicht gut tun könnte. Ja, ich nehm' auch eine

Bassline stattdessen. Eine auf der man stehen kann, wie auf

einer Welle, die Balance finden. Warum das "Wax" heißt? Weil

es wachst. Blöde Frage. Auch das Snowboard will gewachst

werden. Wie sonst ginge das mit dem Gleiten? Jeder Track ist

ein Parcours. Jeder Instant Replay. Wir sind die, die dem Wax

vertrauen, das Gleiten da hindurch so arrangiert zu haben, dass

wir am Ende nicht mit Knochenbrüchen - noch schlimmer, einer

Bogengangsdehiszenz - im Krankenhaus landen. Verlassen wir

uns also lieber auf das Wax. Es gibt keine Enttäuschung, nur

Täuschung.

bleed

Unknown - Unknown 10

(White Label)

Das ist genau so ein Track. (Erst mal feststellen.) Da muss

man einfach immer lauter drehen. (Lass uns alle die gleiche

Bewegung machen.) Jede noch so flapsige Bassdrum soll den

Schädel wegpumpen. (Gewalt ist wenn man trotzdem lacht, alles

andere ist Verbrechen.) Nimm mich und zerstäube was du findest

ins All. (Kosmonauten aller Länder…) Und wenn es nicht lauter

geht, glaubt nicht, wir hätten nicht die Möglichkeit selber noch

lauter zu machen, selbst wenn es nur flüstert, wozu sonst gibt

es das wir? (Jetzt sind selbst wir verwirrt.) Gut, dass am Ende

eines solchen Tracks, immer ein sanftes Outro auf einen wartet,

das einen ganz sanft wieder auf den Boden der Tatsachen

zurückführt, der schon viel zu lange keinen Staubsauger mehr

gesehen hat.

bleed

Unknown - Unknown 11

(White Label)

Wenn das Piano nicht mehr hilft, dann ist es Zeit die Notlichter

anzuschalten. Wir stellen uns das so vor. Am unwahrscheinlichen

Ende der Nacht, ganz unverhofft, blicken erst mal alle

verwirrt durch die Gegend, die DJs trudeln durch die letzten

Gefangenen und machen die große Konferenz der Tiere. Was ist

da schief gelaufen? Das konnte doch gar nicht passieren. Das

Piano, Mensch! Verkommen diese Szene, die das Piano nicht

ehrt - ist des Kicks nicht wert. Wir haben sie glücklicherweise nie

erlebt. Ein gutes Ravepiano duftet wie Kastanienholz getränkt in

Ecstasy, hat ein Herz aus Strobo und ist hier so anschmiegsam,

dass wir natürlich alle hier bleiben. Für immer.

bleed

Unknown - Unknown 12

(White Label)

Kein Leben ohne Sample. Soweit sind wir gekommen. Wir lassen

uns immer gerne etwas schenken, gerade weil wir es kennen,

in und auswendig. Wir vergleichen noch den letzten Rest eines

Soundfetzens mit den Trillionen (Der Autor dieser Zeilen hat in

seiner Jugend zu viele Lustige Taschenbücher geschnupft, Anm.

der Setzer) anderen Fetzen. "Ringtone", was für ein Titel für

einen Track, der mit falschen Didgeridoos lockt und zwischen

Ragga und Diven nicht unterscheiden will. Das ist so entschieden

Aphex Twin, dass man es nicht im entferntesten hören kann.

Da können wir gar nicht falsch liegen, weil jeder einzelne Groove

so sprunghaft um die Ecke gekantet kommt, dass unsere Füße

in einem Tempo über dem Boden schweben, dass wir uns selbst

kaum zugetraut hätten. Was obendrein den guten Nebeneffekt

hat, dass wir uns um eine grundlegende Diskussion von Samples

herumdrücken können. Und die sind geschwätzig.

bleed

Unknown - Unknown 13

(White Label)

Nicht jeder der singt, kann singen. Wir sind in den letzten Jahren

nicht müde geworden, das zu betonen, und nicht nur weil wir ich

bin, der findet eine gute Stimme ist so selten wie eine leckere

Tomate, oder weil ich abhängig bin von Tomaten, oder weil Musik

kein Gemüse ist, oder weil es darauf ankommt, was man daraus

macht und wie gemein übrigens, hier der Stimme eine so verbratene

Bassline unterzuschieben, dass man am Ende versucht

sich an Gedanken von akustischer Flatulenz festzuhalten, deren

Odem der Stimme… So. Jetzt ist uns der Satz abgebrochen. Das

hast du nun davon, das so unverschämt gegeneinander laufen

zu lassen. Wie hätten wir darauf vorbereitet sein können. Nein,

auch im Review kann man, wie auf dem Floor, nicht zurückspulen.

Da musst du uns schon abholen. Das kannst du. Wiederholung

ohne ewige Wiederkehr ist doch unsere große Erfindung.

Darauf verlassen wir uns einfach mal. Und streiche bitte verlassen

aus deinem Wortschatz für die nächsten Tage. Das kommt

schon von selbst wieder, keine Sorge.

bleed

Unknown - Unknown 14

(White Label)

Wenn ein Track sich, wie dieser hier (wir wollten immer schon

die Freiheit uns vom Release zu lösen, wir sind weder Romanciers

noch deren Duftküchelchen) stolz "Give Me More" nennt,

dann gehört schon eine Portion Genie (lange nicht mehr gesehen)

dazu, dieses mehr auch zu liefern. Oder - die durchtriebene

Variante - zu ignorieren. Wir sind uns nicht sicher welches von

beiden hier zutrifft. Die Spannung ist so schon kaum auszuhalten.

Aber was, wenn in deinen Adern kein Acid fließt? Bist du

dann kein Alien? Manchmal kann man nicht helfen. Verführung

ist auch nicht gerade die Qualität, die man in einem Alien sucht.

Ein Track, so gut, dass man ruhig jetzt auch mal an die Bar gehen

kann, der nächste muss noch besser werden.

bleed

Unknown - Unknown 15

(White Label)

Versteht uns nicht falsch, das mit der Bassline, damit ihr wisst

wovon ich rede, das ist nicht immer so. Manchmal packt die einen

auch einfach, in den Eingeweiden, an den Fusselhärchen, oder wo

man sonst gerade angreifbar ist, nimmt einen in ihre schmutzig

brummigen Hände, zerrt einen auf den Floor, wirbelt einen herum,

zermalmt einen zu ganz viel Brei, der sich gerade noch halten

kann, als wabernd glücklich glucksendes etwas und spuckt

einen bestenfalls kurz aus, um dann mit dem Wiederkäuen des


181 — 81

Glücks zu beginnen. Beim zweiten Mal ist das erste Mal immer

gleich noch schöner. Das meint man, wenn man die Bassline gelegentlich

als einen alten Bekannten bezeichnet, der einem noch die

letzte Energie rausleiert, weil man gemeinsam schon so verspult

ist, dass man über die Schlingen nicht mehr stolpern kann.

bleed

Unknown - Unknown 16

(White Label)

Funktional ist kein Tool. Ein Tool ist kein Tool. Immer erst mal

alles verneinen. Der Hammer der fällt, ist immer noch ein Hammer,

aber hör' doch, wie der fällt, immer wieder, wie tapfer die

Maschine für uns diese Dinge tut, die das Herz zum Summen

bringt, das die Maschine sofort als ihren Traumpartner erkennt,

Schlag um Schlag. Die blinzeln sich heimlich an, zwinkern sich zu,

sind verliebt, da kann man nichts machen, manchmal, vor allem

da, wenn man der intimen Beziehung von Herz und Maschine in

die Quere kommen wollte, man weder Herr seiner selbst ist, noch

überhaupt weiß was wirklich geschieht, weshalb wir hier den handelsüblichen

Reflex vorschlagen, den beiden einfach zuzusehen,

ein wenig extrakorporale Auszeit im Spannertum hat noch niemand

geschadet. Zumal, am Ende ist immer die Auslaufrille und

die Auslaufrille knisterte immer schon verheißungsvoll.

bleed

Unknown - Unknown 17

(White Label)

Für diese Platte muss man sich Zeit nehmen. Ist mir egal, wo ihr

die herklaubt. Liegt nicht auf der Straße rum? Dann sucht halt

woanders. Und was bekomm ich dafür? Such bitte ganz woanders.

Und wenn ich was besseres vorhabe? Kann gar nicht sein.

Diese Platte ist die Gewissheit, dass ihr nie was besseres hättet

vorhaben, geschweige denn erfinden hättet können. Soviel Demut

muss sein. Soviel Demut. Darauf könnte man sich ausruhen,

für Jahrzehnte.

bleed

Unknown - Unknown 18

(White Label)

Manchmal ist so ein Stück einfach zu schnell vorbei. Wenn es

sein Fehler ist, ist es immer noch das Gegenteil eines Fehlers.

Dass du mehr wollen kannst, auch das ist etwas, dass man nicht

kaufen kann. Wie auch immer dieser Lump das gemacht hat, die

so anzustacheln, dass du nach dem ersten Ton schon so süchtig

warst, dass das Ende voraussehbar eine Qual sein wird, ist

vielleicht kein Geheimnis, aber wir bewahren es dennoch wie eins

auf. Und selbst wenn wir hinter die Karten blicken, da wo die Geheimnisse

noch Kronen tragen dürfen, ist unser Wissen am Ende

nicht mehr als das Wissen, wie sehr wir am Ende dieses Wissen

vermissen werden, weshalb Gott (ja, der mit dem Hipsterbart)

aus diesem Grunde, in seiner weisen Voraussicht dafür gesorgt

hat, dass es kein Ende gibt, nur andere Anfänge.

bleed

Unknown - Unknown 19

(White Label)

Unknown. Pah. Du denkst wohl wir hören nicht wer du bist? Deine

Claps sind doch unverkennbar und den Synth hast du auch

nicht erst seit gestern und du willst dich neu erfinden, was hast

du denn vorher gemacht? Wir ignorieren den Mystizismus, den

Kult um den Nicht-Namen, kommt doch eh raus und am Ende

bleibt der fahle Beigeschmack eines Selfies von der Stange.

Menschen, immer wieder putzig wie sie sich dagegen sträuben,

dass ihnen jemand eine Brechstange aufklebt, um dann damit

sich selber aufzubrechen. In der Welt der Namenlosen ist der

lösbare Name ein Frosch. (Diese Platte wurde - das erste Mal

in der Geschichte dieser Zeitung - ganz und gar ohne Hören der

- zugegeben nicht wirklich existierenden - Platte besprochen).

bleed

Unknown - Unknown 20

(White Label)

Eine schlechte Platte. Mehr gibt es darüber eigentlich nicht zu

sagen. Normalerweise wäre hier ein Punkt. Dann würde ich die

Löschtaste suchen. Ganz Abgegriffen die Arme. Sollte ich mich

wirklich aufgeregt haben über die ganz einzigartig besondere

Schlechtigkeit dieser Platte, nicht nur, weil sie so dahingeworfener

hirnloser Dreckskram ist, gäbe ich mir noch die Mühe irgendwo

im Horrorkabinett von oberfiesestem Fieskram, das die

Menschheit so in Überfülle für uns alle zur Abschreckung (ja, so

ist das gemeint) bereithält, nach etwas Passendem zu suchen,

denn auch böse Menschen brauchen ja nicht einsam zu sterben.

Am Ende aber, hoffe ich auch ohne Druck, das hat wer gehört,

das braucht man nicht als Parade in die Welt schicken, Paraden

der Abscheulichkeit gibt es eh genug und es hilft auch nicht, Gut

und Böse gegenüberzustellen, um eine Perspektive zu bewahren,

denn mit Helden könnt ihr mich jagen.

bleed

Unknown - Unknown 21

(White Label)

Musik wie ein Baustein. Bausteine. Hohe Kunst. Lego-Logo-

Konfitüre. Ausgebreitet in den Rillen. Der Grand Canyon des

Floors. Textbausteine. Was einem immer wieder durchgeht.

Einen Moment nicht achtsam genug gewesen, schon bricht die

Konfitüre aus den Schluchten und zermalmt all das, wofür man

kämpfen wollte. Retro ist kein Problem. Regression schon. Als

Problem aber offen für Lösung, als Lösung ein Bauplan, der

heilige Gral für Bausteine, die was auf sich halten, egal wie Krickelkrakel.

Killer.

bleed

Unknown - Unknown 22

(White Label)

Als ich diesen Typen, dessen wundervolle neue Platte ihr jetzt

mit mir zusammen genießen wollt, das erste Mal traf, dachte ich

- schon das ein Fehler - ihm einen wissenden Blick zuwerfen

zu müssen, wir einigten uns darauf zu zwei Wodka zuviel eine

Acapella-Version von Abbas "Thank You For The Music" zu

trällern. Konnte keiner hören, die Musik war zu laut. Was für ein

Mensch aber. Seine neue Platte hingegen, nicht der Rede wert.

Naja schon gut so, wie die letzte, aber auch nicht besser und

irgendwie sind die doch alle irgendwo gleich, oder etwa nicht?

(Autor nach Diktat in Berufswechselkrise verschwunden.)

bleed

Unknown - Unknown 23

(White Label)

Auch wenn es unkt, die besten Sätze reimen sich auf Punkt.

bleed

Unknown - Unknown 24

(White Label)

Diese Platte ist auch in zehn Jahren noch Kult, wenn sie es nicht

schon vor 20 Jahren war, denn bis ins letzte Detail könnten die

Tracks auch damals entstanden sein, wir haben nur den Waschzettel

mitgewaschen und mal ehrlich, die liest doch wirklich kein

Mensch. Jede 303, 606, 707, 808, 909 und was sonst noch in

unserem akustischen Universum an falschen Flugnummern sicher

gelandet ist, wurde hier verbraten, verraten und nachher

verkauft, um sich einen schönen Lebensabend auf den Bermudas

zu leisten. Ein Lebenswerk sozusagen.

bleed

Unknown - Unknown 25

(White Label)

Wenn man es so macht, dann ist ein Intro die reine Verführungsmaschine.

Das Intro ist die große gnadenlos unterschätzte

Kunst, die das Leben bis zur ersten Bassdrum so lange hinauszögert,

wie es eben geht. Das Zögern ist die große gnadenlos

unterschätzte Kunst, das Abkassieren so lange nicht stattfinden

zu lassen, bis man sich sicher ist, auch die letzten Ohren, die

letzten Winkel des Körpers sind auf nichts anderes mehr ausgerichtet

als diese Erlösung. Die Erlösung ist die große gnadenlos

unterschätzte Kunst Zögern und Intro nicht mit einem falschen

Ton nachträglich zum schlimmsten Betrug zu machen, dem man

je aufgesessen ist. So banal das klingen mag, hier macht jemand

alles richtig und dabei nichts so richtig, dass es verflachen

könnte.

bleed

Unknown - Unknown 26

(White Label)

Eine Plattenbesprechung, in der nicht ein einziges Mal das Wort

deep auftaucht, hat ihren Sinn und Zweck völlig verfehlt. Deeper

noch, das muss uferlose Deepness sein, das darf keine Grenze

kenne, das muss die Nacht ausloten wie nichts zuvor, das muss

in uns übergehen, ganz tief in unsere Welt hineinsinken, bis wir

nicht mehr raus können, geschweige denn wollen. Und erst dann

können wir anfangen, wirklich über die Deepness dieses Tracks

hier nachzudenken, die wie ein Traum ist, der sich nicht mal mehr

selbst träumen kann, so komplex und doch so nah ist man mit

ihm verwoben. Der Feind der Deepness ist der Kitsch, deshalb

gehen sie gelegentlich auch gemeinsam einen trinken, aber nie

alleine, noch gemeinsam nach Hause. Wenn Deephouse die

Kriegsführung der Unerschütterlichen ist, dann ist diese Platte

ihre Waffe.

bleed

Unknown - Unknown 27

(White Label)

Unknown. Wirklich, Hand aufs offene Herz, ich habe keine Ahnung

woher die kommen. Oder der, oder die. Die Musik zählt.

Die Restspuren eines Soundgerüsts, an dem man sich so eben

noch festhalten kann, diese auseinanderberstenden Klänge,

deren Richtung unbestimmbar in eine Atemlosigkeit führt, der

wir hier versuchen hinterherzuhecheln, auch wenn wir daran

zugrunde gehen. Wenigstens hatten wir dann den richtigen

Soundtrack und - Randbemerkung für alle die gelegentlich mal

ins Kino gehen - damit schlägt Unknown Hollywood um Längen

und auf ganzer Breite. Wenn mir irgendein Bild so direkt in den

Kopf schießen könnte, ohne dabei auch nur eine Millisekunde in

Banalität zu verfallen, wäre die Welt wirklich verrückt.

bleed

Unknown - Unknown 28

(White Label)

Was für eine Tiefstapler-Platte. Wirklich. Tuschelt in fast atemberaubender

Stille von einem Glück, das so übernatürlich wahnwitzig

real und greifbar zu sein scheint, auch wenn es einem

immer wieder durch die Finger zu rinnen scheint, dass man am

liebsten mit jeder noch so kleinen Drehung mitwachsen möchte.

Denn genau darum geht es hier. Das ist nicht Musik, das ist ein

Organismus, seine langsame Entfaltung, diese Zeitlupe des Lebens,

das nahtlos magische Pulsieren eines irgendwie zusammenhängenden

Ganzen, das erst mittendrin plötzlich schemenhaft

erkennbar wird, nur um dann ebenso unnachahmlich wieder

ins Nichts zu verschwinden. Die glücklichsten 12 Minuten meines

Lebens. Schon wieder.

bleed

Unknown - Unknown 29

(White Label)

Nach ihren letzten Platten hätte ich das nicht mehr erwartet.

Aber wozu sind Erwartungen gut, wenn nicht dafür, dass man

sie in die Tonne tritt, mit Nachdruck. Was für eine Monster! Die

Hände die man in die Luft reißen möchte, wachsen einfach nicht

schnell genug nach, um der Begeisterung, die einen fast platzen

lässt, irgendwie Ausdruck zu verleihen. Jede Stimme, jeder

Rimshot, jeder langsam aufgeputzte Chord kennt nur eine Richtung

und wenn man denkt, jetzt geht wirklich gar nichts mehr,

dann legen die erst los. Wer diese Platte nicht sofort kauft, sollte

die Finger vom Plattenteller lassen, für immer.

bleed

Unknown - Unknown 30

(White Label)

Ist kaputt jetzt wirklich schon das neue Schwarz? Das Einreißen

noch der letzten Bestände an geraden, einfachen, direkten, irgendwie

gewohnt schönen Sounds, der neue Glitter? Das neue

Neon? Die neue Disco? Wir stellen uns den Floor dazu vor, wie

ein unübersichtliches Gerümpel, Gerumpel, Gerangel und Gedöns.

Wir stellen uns den Floor dazu vor mit umgeschmissenen

Esstischen, Krümeln von Fischresten, eingerissenen Wänden

und Decken, die nicht oben sind wo sie hingehören. Und wenn

nicht so verdammt klar wäre, dass die Begeisterung hinter diesen

Tracks einfach unausweichlich wäre, dann hätten wir jetzt

wirklich ein Problem.

bleed

Unknown - Unknown 31

(White Label)

An die Dekonstruktion von Detroit haben sich schon viele gewagt.

Meist bleibt am Ende nicht viel mehr als ein Abziehbild

zurück und man kehrt geläutert und leicht erschöpft wieder

zurück zu den breiten Flächen, den blubbernd aquanautischen

Sequenzen, den knorrig pulsierenden Grooves. Manchmal aber,

so langsam dämmert uns selbst auch warum wir darüber reden

wollten, wird das Haus so wie hier erneut eingerissen, weil es

immer schon eingerissen war und wir alle nur nicht mehr sehen

konnten, wo die Bruchlinien eigentlich verlaufen müssen, damit

man am Ende auf dem Schutthaufen auch tanzen kann, den

wir in unserer Traumvorstellung von Detroit als mystischen Ort

zementiert haben, der alles überlebt und jeden noch so unwahrscheinlichen

Winkel zu einer puren Emphase des Widerstands

macht.

bleed

Unknown - Unknown 32

(White Label)

Wie bitte? Auf der Oberfläche klingt dieser Track wie eins dieser

absurd zusammengehackten Breakcoremonster nach denen

man sich immer so frisch durchgerüttelt gefühlt hat, wie ein

Gurkensaft kurz vor dem Urknall. Sichtlich gerührt von all dieser

Verwirrung fällt einem dann aber auf, dass irgendetwas mit der

Zeit nicht stimmt. Nein, es ist wirklich nicht so spät, es ist nur so

langsam. Ist euch schon mal das liebste Liebhaberstück aus der

Hand gefallen und ihr habt in Schreckstarre zusehen müssen

wie es ganz langsam aber ohne dass man etwas dagegen unternehmen

könnte, auf dem Boden in tausend Stücke zerschellt?

Oder einen Traum gehabt, in dem man einfach keinen Millimeter

vorwärts kommt, weil man rennt wie irre aber gleichzeitig doch

gelähmt ist? Ja, ja, ja, sag doch endlich! OK. So fühlt sich das im

Vergleich zu oben erwähntem Gurkensaft an. Prost, runter damit,

aber nur auf eigene Gefahr.

bleed

Unknown - Unknown 33

(White Label)

Ernsthaft, ich dachte Konzept-Platten wären langsam ausgestorben.

Wir fordern Artenschutz für Gatefoldsleeves! Aber nicht

nur das Cover will so eindeutig etwas von uns, nein auch die

Tracks haben sich zwanghaft darauf versteift, dass keiner das

tun darf, was er/sie/es sonst am besten kann, oder wir erwarten

würden. Die Idee, das Konzept wenn man so will, runtergebrochen

mal auf den einzigen Punkt der übrig bleibt, wenn man

es sämtlicher sonstiger flapsigen Pseudophilosophien eines

feuchten Kuratorentraums entledigt, ist die: Musik ohne Kicks

für Räume ohne Schwerkraft, in denen ein Takt eh schwer zu

halten ist. Die Musik wäre also schon mal da, nur der Raum ohne

Schwerkraft, den werden wir wohl nicht mehr erleben. Eigentlich

schade, gerade jetzt, wo wir, dass der Weg dahin nur durch den

Vomit Comet führt.

bleed

Unknown - Unknown 34

(White Label)

Und wenn es am Ende nur dieses Fingerschnippen ist, was mir

von dem Track in Erinnerung bleibt, dann weiß ich doch, dass ich

Fingerschnippen nicht nur liebe, sondern es schon einer gewissen

tapferen Lässigkeit bedarf, wenn man Fingerschnippen auf

dem Housefloor mit allem frisch geschnetzelten Jazzsound, der

dazu gehört, so legendär nebensächlich losschnippen lassen

kann. Obendrein, wir sind immer dankbar für eine Steilvorlage

der nächtlichen Kommunikation darüber, welcher Track das nun

verflixt noch mal war, der einen am Ende dann völlig wegtickern

hat lassen. Hier reicht ein (und jetzt alle) Fingerschnippen.

bleed

Unknown - Unknown 35

(White Label)

Träumen androide Schafscherer von Miami Bitches? Wenn ja,

welche Moves machen die dann an ihrem Fließband? Fragen

über Fragen, die diese Platte nicht lösen kann, da sie damit

beschäftigt ist, das frisch gekaufte Plug-In von seiner besten

Seiten vorzuzeigen.

bleed

Unknown - Unknown 36

(White Label)

Ich höre diese Platte jetzt zum 10. Mal und habe immer noch

nicht so wirklich verstanden, wie dieser Groove eigentlich funktioniert.

Ich hab ihn mir aufgemalt, nachgerechnet, nach geheimen

Botschaften oder Algorithmen gesucht, kleine Passagen

versucht nachzutanzen, mir das betörend verwirrende Ballett

dazu vorgestellt, das traumwandlerisch diese Schritte umsetzen

könnte, zwischenzeitlich ein paar Mal davon geträumt, diese

Platte aufzulegen, im genau richtigen Moment, der hier noch

erschütternd flüchtiger ist, als Momente eh schon gewohnheitsmässig

zu sein pflegen, und nein, ich komme einfach nicht

dahinter, aber ich bin bereit glücklich zu erklären, dass genau

das diesen Track auch Morgen noch so gespenstisch gut macht.

bleed

Unknown - Unknown 37

(White Label)

Techno. Wir reden viel zu selten über Techno. Das ist nicht unsere

Schuld. Techno kann aber nun wirklich nichts dafür, wie uns

hier vom ersten Moment an in so spröde wahnsinniger Konsequenz

ins Hirn gehämmert wird. Wie oft kann man noch Wände

zum Einstürzen bringen und das so frisch und unbefangen formellos

klingen lassen wie es hier geschieht? Sagen wir es mal so,

hätte jemand solche Tracks zielgenau in dem Moment erfunden,

als Techno noch die große Wumpe auf Raves war und die Hallen

vor Strobos nur so blitzten, dann hätten wir Szenen gesehen, wie

folgende: eine ganze Halle druffer Raver geht vor Gnade auf die

Knie, der Floor öffnet sich und verschlingt für einen Moment, von

dem man später nicht mehr wissen wird, ob er wirklich geschah,

oder all das nur Massenhysterie war, alles, restlos, zurück bleibt

die Stille und der letzte verhallende Sinuston.

bleed

Unknown - Unknown 38

(White Label)

Wir wünschten diese Platte könnte sich entscheiden zwischen

dem puren knuffig kantig krabbelnd wirren Sound früher Chicago-Erdnuss-Orgien

und dem rabiaten Tottreten schmerzhaft

blinkender Transistoren auf Überdosis. Andererseits, was hätten

wir alles verpasst, und obendrein, unsere Ohren mussten dringendst

wieder freigepustet werden.

bleed

Unknown - Unknown 39

(White Label)

Es gibt zwei Möglichkeiten mit den Verlockungen, die Preacher-

Vocals nun ein Mal sind, umzugehen. Die erste, bei weitem häufigere,

wäre, nimm' das ernst was da gesagt wird, gibt dir mit der

Musik all die Mühe, dich an dieses harte Thema heranzuwagen,

ihm gerecht zu werden und führe so die Gerechtigkeit dieser

Stimme noch näher zu sich selbst, als sie es vielleicht je war.

Die zweite erwähnen wir hier nicht weiter. Die dritte allerdings ist

es, die uns wirklich interessiert und die hier perfekt durchexerziert

wird. Zerpflücke die Stimme wie es dir passt, werf' noch ein

paar mehr ein, die müssen nicht unbedingt passen, die dürfen

sich auch beißen, und vollführe dann trotzdem das Kunststück,

dass am Ende selbst bei genaustem Hinhören alles klingt wie

die Weisheit selbst, die trotzdem über sich selbst noch lachen

kann. Kirche kann so funky, man muss nicht mal dran glauben.

bleed

Unknown - Unknown 40

(White Label)

Und was, wenn dies das letzte Stück wäre, dass du auflegst.

Am letzten Abend deines letzten DJ-Sets, vor - schon wieder

- den letzten Leuten. Müsste es dann nicht genau diese achselzuckende

Lässigkeit haben, diese nebensächlichen Plattitüden,

dieses grundgut Belanglose, so einen echt läppischen Gesang,

den vermutlich irgendjemand aus anderen zusammenkopiert hat

und diese Wandergitarre, die aber unbedingt? Nein, nein, nein.

Wir können gar nicht oft genug Nein sagen. Das muss nicht, das

braucht selbst dann keiner, wenn dich keiner mehr braucht.

bleed

Unknown - Unknown 41

(White Label)

Ich will das auch, was der genommen hat. Ich will auch von dem

geritten werden, was den geritten hat. Ich will das ganze Album

am liebsten gleichzeitig hören, alle Tracks auf einmal. Nur zwei

Ohren, eine der unakzeptabelsten Frechheiten der menschlichen

Allzumenschlichkeit, deren Grundblödheit auf den Prüfstand

gehört. Und wo wir dabei sind, das mit der linearen Zeit, war

auch nicht so der beste Einfall. Können wir das bald mal regeln?

Ihr dürft auch gerne vorher dieses Album ein paar tausend Mal

hören. Währenddessen von mir aus.

bleed

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