Aufrufe
vor 2 Jahren

De:Bug 181

26 —

26 — 181 — MANIFEST TEXT STEFAN HEIDENREICH Das Ende DES GeldES / Ist nahe Geld in seiner aktuellen Form hat sich überlebt, meint Stefan Heidenreich, der sich mit dem Thema bereits im Merve-Bändchen "Mehr Geld" beschäftigte. Für De:Bug hat er von Ausgabe 23 bis Ausgabe 168 die Kolumne Bilderkritiken verfasst. Was die Regelung des menschlichen Zusammenlebens angeht, kann man drei große Regime unterscheiden. Zusammenleben soll hier das ganze Geben und Nehmen von Gütern, Dingen, Handlungen und vielleicht auch Worten umfassen. Wie sich das genau mit Worten verhält, ist schwierig zu sagen. Manche werden ja gegeben und sogar vergütet, andere laufen einfach so hin und her. Vielleicht würde die Unterscheidung zwischen Sprache und Information hier weiter helfen. Aber viel Information ist schließlich Geschwätz. Und viel Sprache wertvoll, aber umsonst. Abschweifung Ende. Unterscheiden wir beim Zusammenleben schlicht in einen Teil, in dem der Austausch formalisiert ist, und in einen anderen Teil, für den das nicht zutrifft. In unserer Gesellschaft lässt sich die Trennlinie relativ scharf ziehen: für manches wird bezahlt, für anderes nicht. Aber da ich ja hier die Formalisierung des Austausches betrachten will, kann ich sie nicht voraussetzen - schon gar nicht, um das Feld, um das es geht, zu bestimmen. Lassen wir diese Unterscheidung also fürs erste offen, nehmen aber an, dass es sie mehr oder weniger unscharf gibt, die Grenze zwischen einem formalisierten Teil und einem unformalisierten Teil des Zusammenlebens.

180 — 27 Zurück zu den drei großen Epochen in der Organisation dieses Zusammenlebens. Vermutung ist, dass wir es mit drei Regimen zu tun haben: das unformaliserte Zusammen, das geldförmige Zusammen, und das Zusammen nach dem Geld. Geld meint dabei weniger eine bestimmte Ware oder ein Wertmaß, sondern eine zählbare Formalisierung, in welchem Medium auch immer - Metall, Papier, Zahlen oder Datenbanken. Gedächtnisgeld Wie's vor dem Geld aussah, hat kürzlich David Graeber ziemlich brauchbar dargestellt. Dazu gehört nicht nur, dass das Zusammen ohne einen starken Begriff des Eigentums auskam, sondern dass Dinge vielmehr unter den Leuten dorthin kamen, wo sie gebraucht wurden. Etwas, was wir heute in allerlei Sharing-Services wieder zu implementieren versuchen. Aber es geht bei der Ökonomie natürlich um mehr, nämlich generell um die Frage, wer was tut und wer was bekommt. Diese Verteilungsfragen zu regeln, war nicht wie heute Geld überlassen, sondern lief über stabile soziale und politische Rollenzuweisungen. Durchaus unschön, nicht um etwa auf die Idee zu verfallen, wir könnten nostalgisch auf eine gute Steinzeit vor dem Geld zurück blicken. Dann kam das Geld. Und zwar nicht zuerst als Münze, sondern als Formalismus im Abzählen und Aufrechnen des Gebens und Nehmens. Dass es sich später eingebürgert hat, markierte Tonklumpen oder Metallstückchen zu geben, anstelle den Tausch zu notieren, hat wohl mit Datenkompression zu tun. Die sofortige Gegengabe erübrigt es, über den Tausch Buch zu führen. Das Geld tritt an die Stelle der Erinnerung. (Ein amerikanischer Zentralbanker, Narayana Kocherlakota, hat genau das durchgerechnet und kommt zu dem Schluss, Geld sei eine Art von primitivem Erinnerungs-Medium.) Geld bringt all die Formalisierungen mit sich, mit denen wir heute zu kämpfen haben - also einen starken Begriff von Eigentum, das Ware-Werden von Allem. Aber es sorgt auch dafür, dass die Reichweite des Zusammenlebens sich beliebig in Zeit und Raum ausdehnen lässt. Geld-Horter Wie komme ich nun drauf, dass diese Geld- Epoche zu Ende gehen könnte? Dafür gibt es einen einfachen mathematischen und graphentheoretischen Hinweis, den ich hier nicht rechnen, sondern nur skizzieren will. Das Zusammen hat zwei Dimensionen: das ist der Umfang und die Zeit. Also wie viel Leute an einer Gemeinschaft beteiligt sind, und über welchen Zeitraum sich ihr Zusammenleben ausdehnt. Dazu kommt die Kapazität der Datenverarbeitung, also wie viele Transaktionen zwischen Leuten man sich merken, notieren oder sonstwie verwalten kann. In der imaginären dörflichen Gemeinschaft passt das ungefähr zusammen. 1 Leute können ungefähr behalten, wer was von wem genommen hat, wer mehr gemacht hat und wem was zusteht. Es gibt da eine Kapazitätsgrenze, die man wohl berechnen könnte. Geld hat nun die Eigenschaft, jeden Tausch so komplett glattzustellen, dass danach nichts mehr notiert werden muss. Anstelle eines komplexen Geflechts zwischen vielen Beteiligten haben wir nun eine einfache Kontoführung und können den ganzen Rest vergessen. Geld ist eine Vergessens-Technik. Die mit einer Menge von Vorteilen, aber auch nicht zu knapp mit Nachteilen kommt. Unterm Regime des Geldes muss alles vergleichbar und auf einen Wert abgebildet werden. Da Geld zugleich Tausch abbildet und Wert speichert, wird es schließlich zum Mittel des Hortens. Bis wir heute wieder mal bei einem Zustand angekommen sind, bei dem die Geld-Horter nicht nur immer mehr für sich wollen, sondern eigentlich alles. Wie komme ich drauf, dass sich daran was ändern könnte? Rechnerisch ist das einfach. Dankenswerterweise haben uns ja unsere amerikanischen Freunde letztens gezeigt, dass wir alles von jedem speichern und verrechnen können. Wir haben also ein Erinnerungs-System, das in der Lage wäre, die durch das Geld notdürftige komprimierte Formalisierung des Zusammen wieder auf den ganzen Reichtum aller Relationen auszudehnen. Das ist der Schlüssel, um in die nächste Epoche, das Regime nach dem Geld, einzutreten. »Der Computer der Zukunft ist eine elektronische Wolke, die ihren Besitzer umgibt.« Konrad Lischka März 2001 De:Bug 45 Medienpartner Media Partner SMART NEW WORLD XAVIER CHA, SIMON DENNY, ALEKSANDRA DOMANOVIĆ, OMER FAST, CHRISTOPH FAULHABER, KENNETH GOLDSMITH, INTERNATIONAL NECRONAUTICAL SOCIETY, KORPYS/LÖFFLER, TREVOR PAGLEN, LAURA POITRAS, TABOR ROBAK, SANTIAGO SIERRA, TARYN SIMON Ständiger Partner Permanent Partner 5. APRIL — 10. AUGUST 2014 WWW.KUNSTHALLE-DUESSELDORF.DE PARALLEL ZEIGT DER KUNSTVEREIN FÜR DIE RHEINLANDE UND WESTFALEN ZUKUNFTSPERSPEKTIVEN — ZUM BEISPIEL LES IMMATÉRIAUX Gefördert durch Funded by