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De:Bug 181

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40 — 181 — WORD angeboten worden ist. Ich bin nicht genügend selbstdistanziert und zu wenig Pop-Musiksozialisiert, um mit Freude irgendwas darstellen zu können, ich kann das nicht. Meine Idee ist immer, wie eigentlich bei allen anderen Sachen auch: Unsichtbarkeit. Dann wird es schön. Ich denke jetzt gerade an Sascha Kösch, wie der mir im Zusammenhang mit dem Interview, das wir zuletzt mit Dietrich Diederichsen führten, beiläufig erklärte, was dessen und seine Pop-Musik-Auffassung absolut unterscheidet. Und zwar die Subjektorientiertheit von Diederichsen, der seine ganze Popmusiktheorie letztlich davon ableitet, dass ich als Rezipient immer wissen will, was das da für einer ist, was ist der Sänger für ein Typ, wie sieht der aus, will ich auch so, bin ich schon so? Und die DNA oder der Ausgangspunkt der De:Bug und Techno ja auch generell, ist eher vom Sound her gedacht, also DJ-Kultur, Gesichtslosigkeit. Bei Diederichsen wird dann logischerweise Performance ein ganz entscheidender Punkt. Das habe ich in diesem Moment erst richtig kapiert. Das ist ein total guter Punkt. Und deswegen bin ich auch so ein großer Diedrich-Fan, weil er gerade diese extreme Subjektivität vertritt. Weil er ein Ich sozusagen gigantischen Ausmaßes hat und ist. Das ist bei mir natürlich auch der Ansatz. Man macht nicht zwanzig Jahre Bücher über einen Gegenstand, den man unwichtig findet. Aber diese Ich-Begeisterung, -Faszination und -Ausbeutung für die Arbeit ist etwas anderes als die Stilisierung. Also wieder: Körper! Ja, aber immer aus Beobachterperspektive gesehen, nicht für mich selbst. Was signalisieren die Leute, die mir auf der Straße entgegenkommen, mit ihrem Outfit und Auftritt: wer sie sind, zu welcher Gruppe sie gehören. Das wird ja extrem eindeutig übermittelt, was eigentlich erstaunlich ist. Wieso will das jeder so deutlich zeigen, welcher Gruppe er zugehört? Wo doch jeder die Freiheit hätte anzuziehen, was er will. Aber dann würden falsche Erwartungen an ihn gerichtet im Kontakt unter Fremden, das würde Stress bedeuten, also dieser Effekt, dass man beim ersten Blick sofort weiß, im Straßenverkehr zum Beispiel, mit wem man es da zu tun hat. Und jeder weiß das, jeder kann jeden so einschätzen. Man schaut durch das Seitenfenster beim Überholen in den anderen Wagen und denkt sich nur: ah ja, ist klar. Ich warte immer darauf, dass jemand so ein Buch wie "Tableau de Paris" für das Berlin der Gegenwart schreibt, also die ganzen Sartorialists und Streetwear- Blogs ausgedehnt auf alle Styles, auch die total normalen und uncoolen, und das dann nicht in Bildern, sondern in Worten beschrieben und erklärt. Vielleicht gibt es das auch irgendwo im Netz. Aber das wären mehr Fragen von Style, nicht so sehr von Körper. Okay. Bei dem Interesse für Körper meine ich vor allem interaktionstheoretische Probleme, die vom Körper verursacht sind. Wenn zwei Körper sich gegenüberstehen, also Menschenkörper, was dann an Interaktivität stattfindet, an Gucken und Nicht-Gucken und Abchecken, was dabei passiert. Diese elementare Frage: "Was guckst du?" Genau. Die Diskretion, das zarte Miteinander, was daraus folgen kann. Und dann geht es eben um Ethik. Will man das, was man da erkennt, was der andere sich wünscht, ernst nehmen, oder will man darüber hinweggehen. Und unter großem Druck, vom Fernsehen und dann auch vom Internet, sind diese Dinge in ihrer Bedeutsamkeit zurückgetreten, die fundamentalen Aspekte des körperlichen Miteinander. Das spielt eine große Rolle in der Öffentlichkeit der Stadt, aber auch im Club, unter Freunden, das sind ja alles ganz differenzierte Situationen. Deswegen habe ich das Feiern so geliebt: Weil das für mich der höchstzivilisierteste Ort der schönsten Körperexpressivität und -begegnung und Reflexion bedeutet hat. Wenn das Feiern gut war, war es zart und gigantisch. Das wurde damals verfeinert und das kam mir sehr entgegen, weil ich genau das gespürt habe. Weil ich gemerkt habe, ich betrete einen Raum, und die Leute, die da sind, wollen vielleicht gar nicht, dass ich auch da bin, und dann fange ich an zu gucken, ob sich das irgendwie öffnet auf die anderen Leute hin. "Darf ich mit dir da sein?" Das ist mal nicht so selbstverständlich. "Es gibt nur cool und uncool und wie man sich fühlt", heisst es in einer frühen Textparole von Tocotronic. Und jetzt gerade habe ich gedacht, was dieser Satz eigentlich für ein Unsinn darstellt, denn im besten Moment gibt sowieso immer nur alles in einem. Ja, Dirk von Lowtzow ist natürlich der große Parolenweltmeister, und er hat damit auch die Möglichkeit gehabt – im Gegensatz zu Jochen Distelmeyer, der als Authentizist große Fortsetzungsprobleme hatte – , den Parolenansatz weiter zu bearbeiten und damit besser weitermachen zu können. Und dabei auch noch die denkbar schönsten Hemden immer anzuhaben. Ich habe Dirk mal gefragt, ob es für ihn nicht auch so furchtbar ist, auf der Bühne zu stehen. Einfach von mir aus gesprochen: Ich präsentiere zum Beispiel meinen Roman "Johann Holtrop", alles irre aufregend, die Leute denken, man freut sich, und für mich ist es Hölle pur. Und Dirk von Lowtzow sagt im Gegenteil: "Ich liebe es." Und wenn man ihn da auf der Bühne sieht, dann ist er wirklich ein Intellektueller, aber eben auch ein echter Bühnen-Man und Show-Typ. Und Sie sind ja eher ein Authentizitist, nicht? Ja, leider. Aber ich erkenne das. Ich finde es betrüblich und problematisch, und letztlich ist das auch genau die Frage, die "Das Feiern bedeutet der höchstzivilisierteste Ort der schönsten Körperexpressivität. Wenn das Feiern gut war, war es zart und gigantisch." noch nicht geklärt ist, ob sich die Welt für so einen Authentizitisten noch einmal unter einer anderen Perspektive neu auftut oder nicht. Das ist die Fragestellung, an der meine Arbeit aktuell steht. Davon hängt alles ab. Die Theorie wird ja tendenziell tatsächlich immer besser, je länger die Leute sie betreiben. Kant hat seine großen Kritiken im Alter von um die 6 geschrieben, Luhmann sein Hauptwerk "Soziale Systeme" mit Mitte 5, Diedrich sein Buch jetzt auch in genau dem Alter. Aber Künstler haben die Tendenz, ihre besten Sachen am Anfang zu machen. Die Reflexion verbessert zwar das Verstehen, was man macht, das hat aber nicht unbedingt produktive Wirkungen auf die kreative, bildende Arbeit, bekanntlich eher im Gegenteil. Und die Frage für mich ist, ob es mir gelingt, da auszubrechen und einen anderen Weg zu gehen. Ich bilde mir ein, in diesem Moment zu verstehen, warum Sie bei ihrer eigenen Romantheorie des Spekulativen Realismus, das Hauptaugenmerk auf die Spekulation legen. Weil das nämlich nun für Sie die Möglichkeit bietet, in einer Art artifiziellen – Künstlichkeit – Ja genau! – (lange Pause) – Fertig, oder? Vielleicht. Wunderbar. (Gemeinsames freudiges Lachen) Zeit eingehalten. Man weiß nicht, was gesagt worden ist. Aber es hat Spaß gemacht. Das fand ich auch.