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De:Bug 181

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50 — 181 — MANIFEST TEXT MARKUS BECKEDAHL Es ist unser Netz / Arsch hoch, Nutzer Dezentral und Spaß dabei Schön, dass es Facebook, Google, Twitter und Co gibt und sie uns einfache Kommunikationsmöglichkeiten geben. Aber wir bezahlen dafür mit jedem Klick, der irgendwo gespeichert wird. Unsere Kommunikation findet immer mehr in privatisierten Öffentlichkeiten statt, wo nur die AGB des jeweiligen Anbieters gelten und nicht unser Grundgesetz. Damit sollten wir uns nicht abfinden, sonst haben wir zukünftig nur noch mehr Probleme. Her mit den dezentralen, offenen und Datenschutz-freundlichen Services, die zudem einfach zu nutzen sind! Bei der Entwicklung von neuen Kommunikationstechniken muss Verschlüsselung von Anfang an mitgedacht werden. Hätte man auch früher machen können, hat man meist leider nicht. Eine flächendeckende Überwachung wird damit teuer und dezentrale Lösungen bieten weniger Einfallstore sowohl für kriminelle Geheimdienste wie auch monopolisierte Infrastrukturen. Mein Smartphone ist immer dabei, sendet leider ständig meinen Standort und zudem kann ich ihm nicht vertrauen. Natürlich kann ich es wegschmeißen und zum Kommunizieren in den Wald gehen, aber das ist auch keine Lösung. Was fehlt sind Smartphones, bei denen wir sicher sein können, dass sie nicht zugleich Wanze sind und ständig Informationen nach Hause telefonieren. »August 1984« Erscheinungsdatum laut Cover August 2001 De:Bug 50 Netzpolitik-Aktivist Markus Beckedahl liest uns die Überwachungsleviten und erklärt, was getan werden muss, damit das digitale Leben nicht zum repressiven AlbTAUM wird. Bald ein Jahr ist es jetzt her, dass die ersten, durch Edward Snowden ausgelösten Enthüllungen die Öffentlichkeit erreichten. Seitdem vergeht kaum ein Tag, an dem kein weiterer Mosaikstein einer allumfassenden anlasslosen Überwachung unserer digitalen Kommunikationswelt bekannt wird. Dank Snowden kann die Frage, ob wir überwacht werden, mit einem klaren Ja beantwortet werden. Offen bleibt, wie oft, durch wen und wo überall, ob die gesammelten Daten auch für immer gespeichert und auch gegen uns verwendet werden. Wollen wir uns damit abfinden, dass unsere gesamte digitale Kommunikation überwacht, gerastert und gespeichert wird? Leben wir noch in einer Demokratie, wenn wir unser Leben und unsere Kommunikation an die potentielle Rundumüberwachung anpassen und bewusst oder unbewusst aufpassen, was wir wie und wo kommunizieren und manchmal vielleicht einfach darauf verzichten, unsere Meinung zu sagen? Wenn wir einen solchen Zustand akzeptieren, verlieren wir unsere Grundrechte. Auf unsere Bundesregierung können wir uns leider nicht verlassen, zu sehr möchte sie mit unseren eigenen Geheimdiensten mitspielen und sich nicht die Freundschaft mit den USA verbauen. Aber das kann doch nicht das Ende sein! Digitale Selbstverteidigung wagen Die eigenen Datenspuren im Netz können mit Anonymisierungs- Werkzeugen verwischt werden. Das Internet wird damit zwar langsamer, aber es hilft, sich in der anonymen Masse zu verstecken. Verschlüsselung ist zwar häufig immer noch kompliziert, unpraktisch und unbequem, aber damit sollten wir uns nicht abfinden. Das muss einfacher werden, damit wir auch verschlüsselt mit unseren Eltern kommunizieren können. Wo sind die öffentlichen Förderungen, um diese Werkzeuge nutzerfreundlicher zu bauen? Wo ist die große Aufklärungsaktion nach dem Muster der AIDS-Kampagne: "Gib Überwachung keine Chance"! Aber nur zu verschlüsseln und zu anonymisieren, reicht alleine nicht aus. Dazu gehören auch die notwendigen politischen Maßnahmen, um aus dem NSA-Überwachungsskandal zu lernen und unsere Privatsphäre zu schützen. Und die goldene Regel dabei ist: Schluss mit aller anlasslosen Speicherung unseres Lebens, denn die Daten können eh nicht geschützt werden. Weg mit der Vorratsdatenspeicherung, die demnächst wieder speichern soll, wo wir in den vergangenen Monaten waren, wen wir getroffen und mit wem wir kommuniziert haben. Mehr ziviler Ungehorsam Wie werden wir genau überwacht, wer wusste davon und wie können wir technisch und politisch Antworten finden, um unsere Grundrechte zurückzuerobern? Im Moment scheint für Geheimdienste alles erlaubt, was möglich ist, solange wir nicht als Bürger auf die Barrikaden gehen. Doch genau das müssen wir tun, um dieses Überwachungsmonster zurückzudrängen. Vor allem müssen wir verhindern, dass die Enthüllungen als Machbarkeitsstudie für mehr Überwachung angesehen werden. Edward Snowden hat uns eine Warnung geschickt. Wir sollten uns für den Tritt in den Hintern bedanken. Es ist auch unser Netz. Erkämpfen wir es uns zurück.

TEXT JOHANNES GRENZFURTHNER OH WOW. OH WOW. OH WOW. STEVE JOBS, 05. OKTOBER 2011 181 — 51 Sex & Werkzeug / Teledildonik Tausendsassa Johannes Grenzfurthner klärt das Spannungsfeld zwischen Sexualität & Technologie auf und entdeckt Widerstandspotenzial. Von den tausende Jahre alten Höhlenzeichnungen einer Vulva bis zum neuesten Gonzo-Google-Glass-Porno-Live-Stream waren Technologie und Sexualität schon immer eng miteinander verbunden. Die Zukunft mag ungewiss sein, aber der bisherige Lauf der Geschichte legt nahe, dass Sex auch in Zukunft eine essentielle Rolle in der technologischen Entwicklung spielen wird und dass Technologie und deren Anwendung die menschliche Sexualität beeinflusst und gestaltet. Stammtischgerede zum Thema sind alltäglich aber übertrieben (Das Internet ist 9 Prozent Sex!) und auch irgendwie kulturpessimistisch-lustlos. Die Gespräche laufen immer nach denselben Mustern ab: Technologie würde uns entfremden, wo blieben denn die wahren Gefühle, die richtige Kommunikation der beseelten Körper! Technologie habe in der Sinnlichkeit der zarten und heiligen Zwischenmenschlichkeit nichts verloren. Aber zäumt euer Gejammer! Die Wirklichkeit ist nicht Neil Postmans Wichsvorlage! Wir dürfen nämlich die beiden fundamentalen Wahrheiten der menschlichen Spezies nicht vergessen: Wir sind sexuelle Wesen. Und wir verwenden Werkzeug. Und das war's eigentlich auch schon. Der Rest ist davon abgeleitet, ist Spekulation oder simple Selbstüberschätzung. Messerscharf KinkY Wenn es um Sex geht, sind Menschen zu kreativen Höchstleistungen fähig. Wir haben unsere Vorlieben und Kinks, und wir tun alles, damit sie wahr werden können. Dass wir in einem patriarchalen Machtgefüge feststecken, macht das ganze natürlich einseitig und verzerrt, denn der männliche Blick hat sich tief in die Fundamente unserer Zivilisation gegraben. Mainstream-Porn zeigt dies sehr deutlich. Aber unser Umgang mit Technologie kann dabei helfen, dies zu verändern. Sind Menschen bereit für (sexuelle) Freiheit? Marx kategorischer Imperativ lautet, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. Und das gilt natürlich auch (und wird leider immer wieder vergessen) für die privaten und sexuellen Beziehungen, in denen wir uns befinden. Dies gilt für die heteronormative Durchschnitts-Tristesse genau so wie für andere Konstellationen. Auch im BDSM muss wirklich darauf geachtet werden, dass die gespielten Verhältnisse nicht in reale Unterdrückungsmomente umknicken. Das Messer des Kink ist scharf, und reale Machtverhältnisse entstehen schneller als wir es uns eingestehen wollen. Technologie ermöglicht uns auch, uns neu zu erfinden. Nicht im Sinne eines konsumistischen Zugriffs nach Luxus-Tools, sondern in der Frage nach den persönlichen und gesellschaftlichen Bedürfnissen, die unterrepräsentiert sind und gestärkt werden sollten. Teledildonik Sex-Technologien bieten breite Fronten des (kommunikativen) Widerstands. Teledildonik und Sex Machines, Bio- Hacking und Screw-It-Yourself, Körper mit erweiterten sexuellen Möglichkeiten, erotisch-genetische Utopien und die Vielfalt der Sichtweisen auf Gender und Geschlecht sind schon lange im Fokus der Literatur, der Science Fiction, der Pornographie. Zeit genug, sich diesen Träumen und Wünschen sowohl analytisch, als auch sinnlich zu widmen. Gejammert wird eh zu viel darüber, von den Konservativen bis zu den Liberalen und Linken. Facebook ist Fuckbook Und dennoch liegen diese distinktionsgewinnlerischen NaserümpferInnen falsch. Sie spielen auf Abgrenzung zur sogenannten "wirklichen Politik" (was auch immer das sein möge) und verkennen deswegen die gewitterwolkenfarbige Gegenwart des globalen Kapitals. Mit dem Postfordismus hat sich die Logik des Produktionsprozesses verändert. Inzwischen ist eine widerständische, subversive Politik der Zeichen eine handfeste Intervention im Zentrum der Gesellschaft. Sex und Technologie ist nicht nur eine Debatte um die Zukunft der Vibratoren, Sex-in-Videogames, der Fucking-Machines, des Google-Calendarsfür-Polyamoröse, sondern eine Frage zu Identität und wie wir unsere Körper definieren. Und vergessen wir nicht, dass auch die Pille und Viagra sexuelle (Bio-) Technologien sind, die unsere Welt radikal verändert haben. Mustererkennung Der Brite David Levy prognostiziert, dass wir uns bis zum Jahr 25 in Roboter verlieben und sie sogar heiraten werden. Meine erste Reaktion ist sarkastisch: "Klasse, können wir dann Homosexuelle kurzum zu Robotern erklären, damit sich diese Diskussion endlich erledigt hat?" Meine zweite Reaktion ist realistisch: "Das passiert doch sowieso jeden Tag." Wir lieben Muster und unsere Mustererkennungssysteme suchen sie überall. Wir wollen uns in der Welt wiederentdecken. Wir sehen Gesichter in jedem Haufen Laub. Wir sprechen mit Verkehrsampeln, als wäre es ein magisches Ritual. Wir glauben, dass unser WinWord uns hasst, wenn es wieder einmal abschmiert. Es gibt Leute, die sind in ihren Hund verliebter als in ihre/n menschliche PartnerIn. Und es gibt Leute, aus dem Bereich der Objektsexualität, die den Eifelturm geheiratet haben oder die Reste der Berliner Mauer. Die Bandbreite menschlicher Empfindungen und Sexualitäten (sic!) ist unendlich groß. Deswegen halte ich es mit Foucault. Es ist nicht wichtig "Was" wir wissen wollen, sondern "Warum" wir etwas wissen wollen. »Es beginnt nun die Zeit, in der Handys nicht mehr nur Anrufer mit Angerufenem verbinden, sondern ihre eigenen großen Netze entwickeln, in denen Spiele, Bewegung, Umgebung und gehörnte Tiere eine neue, unerwartet mobile Definition erfahren.« Anne Pascual Oktober 2001 De:Bug 52