De:Bug 180

katznteddy

DE:BUG ELEKRONISCHE LEBENSASPEKTE — CASHMERE CAT, EFDEMIN, UNO NYC, KID SIMIUS, THE NOTWIST, PATTEN, DIEDRICH DIEDERICHSEN, HELENA HAUFF, BASS-POLITIK IN HH

03.2014

ELEKTRONISCHE LEBENSASPEKTE

Musik, Medien, Kultur & Selbstbeherrschung

180D 4,00 €

AUT 4,00 €

CH 8,20 SFR

B 4,40 €

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E 5,10 €

P (CONT) 5,10 €

Smartcore

Fick das Betriebssystem

COVER: LARS HAMMERSCHMIDT


180 — 3

INDEX

08

de:bug 180

03.2014

Efdemin: "Decay", Efdemins drittes Studioalbum, ist zu

einem guten Teil in Kyoto entstanden. Wir haben uns mit

dem Wahlberliner über Japan und dessen Einfluss auf sein

neuestes Werk unterhalten.

64

"Bei fröhlicher Musik

werde ich schlecht

gelaunt, genervt und

aggressiv. Ich kann das

nicht ertragen. Düstere,

brutale Musik stimmt

mich dann eher ruhig

und glücklich."

Helena Hauff

04

Cashmere Cat & Co: Auf Soundcloud

hat sich eine neue Produzenten-Garde

formiert. Ihre Formel: ein Laptop, viel

gefährliches Halbwissen und eine

semironische Schwäche für die Nostalgie

der Neunziger.

26

Diedrich Diederichsen: Mit "Über

Pop-Musik" legt der Papst der Popkritik

sein Opus Magnum vor. Von Totems,

Tabubrüchen, Posen, Pakten und

Popschmerzen. Denn Pop-Musik, sagt

Diederichsen, ist gar keine Musik.

musik

Cashmere Cat & Co:

Tastaturorgasmen im Jersey Club — 04

Efdemin: Die Schönheit des Verfalls — 08

UNO NYC: Seerosen mit Pop-Appeal — 12

Kid Simius: Bumm Bumm Nass — 14

The Notwist: Die Band als DJ — 16

Patten: Para-Beats — 20

Rumpistol: Von wegen Disco — 22

Diedrich Diederichsen:

Abenteuer ist gerade das ganz große Ding — 26

Musik hören mit: Helena Hauff — 64

SMARTE WELT

Dummer Computer, guter Computer:

Suche nach dem Supernotizzettel — 32

HER: Love OS, Love UI — 34

Das Nanny-Netz: Intels Baby — 38

STADT

Das Pudel-Kollektiv dreht den Bass rein — 42

MODE

Modestrecke — 44

Lights on: Palladium & Atmos — 48

WARENKORB

Buch: #Akzeleration &

TMA-1 Stones Throw-Headphones — 49

Electronic Beats-App &

Lenovo ThinkPad X1 Carbon New — 50

Buch: Wlliam S. Burroughs Briefsammlung — 51

MUSIKTECHNIK

E-Blockflöte Elody: Blasen auf dem Marshallturm — 52

Ploytec Pi L Squared:

Hardwaresynthesizer für die Münztasche — 53

Elektron Analog Keys: Die analoge Workstation — 54

Groovesizer: DIY-Box als eierlegende Wollmilchsau — 55

SERVICE & REVIEWS

Abonnement — 19

DE:BUG präsentiert: UM:LAUT, MaerzMusik,

Jetztmusikfestival & 7. Lichter Filmfest — 24

Reviews: Neue Alben und 12"s — 56

A Better Tomorrow:

Zerfickte Optik mit Spaßbommeln — 66

42

30

Smarte Welt: Wenn die Interfaces

verschwinden, die Computer über Gefühle

zu uns sprechen, statt über Tasten, dann

wird aus affective computing eine klebrige

Sozialsoße, in der wir und die Technik neu

abgeschmeckt werden müssen.

"Auf Demos zu gehen ist

der neue Club. Ich sehe

das inzwischen auch als

Konkurrenz."

Das Pudel-Kollektiv

über Protestraven in Hamburg


4 — 180 — MUSIK

Cashmere

Cat & Co /

Tastaturorgasmen

im Jersey

Club


TEXT JAN WEHN

180 — 5

Auf Soundcloud hat sich

eine neue Produzenten-garde

formiert. Ihre Formel: ein

Laptop, viel gefährliches

H a l b w i s s e n u n d e i n e

halbronische Schwäche für

die Nostalgie der Neunziger.

S i e b e z i e h e n s i c h

gleichermaßen auf Aphex

T win und A aliyah. Ihre

P r o d u k t i o n e n h ä n g e n

irgendwo zwischen Baltimore

und Jersey Club, zwischen

der Chopped-&-Screwed-

Ästhetik des Südstaaten-

Rap und Baauers "Harlem

Shake"-Geballer, zwischen

Chillwave und Ghetto house.

Was ist da los? Jan Wehn

sucht antworten in der

darnieder komprimierten

Soundcloud-pampe.

Klänge wie warmes Wachs, Kastagnetten

und Kirchenglocken, Pitchwheel-Jaulen und

dämonisches Grollen, Klaviertappser und

angeschnittene Geigen, die auch dem späten

R’n’B der Neunzigerjahre gut gestanden

hätte, Britzelbässe, die am Trommelfell

raspeln, Panflöten und Phazergeballer. Das

klingt wie die Titelmelodie einer Cartoon-

Serie dazu EDM-Gimmicks Build-ups, Drops,

Breakdowns und Filter. Wahnsinn, was in vier

Minuten alles möglich ist

Das sind meine Notizen zur "Wedding

Bells"-EP von Cashmere Cat, die gerade

auf LuckyMe erschienen ist. Hier in der

Redaktion schlug mir eine extreme Aversion

gegen Cashmere Cats Musik entgegen. Sie

klinge dumm und grässlich. Irgendwie auch

nach Zuckerwatte. Helena Hauff nennt den

Titeltrack im Musikhören-Mit "grauenhaft"

und "furchtbar". Das sei Plastikmusik von

Plastic People, das Gegenteil von dem, was

man eigentlich gut findet. Ja, fast scheint

mir, als sei Cashmere Cats Musik die

Akustikwerdung all dessen, was man an der

Musik-und Medienwelt so sehr verabscheut.

In dieser flächendeckenden Verachtung

unterscheidet sich Cashmere Cat nicht viel

von unser aller liebstem Sidecut-Träger mit

dem Kassengestell auf der Nase. Wieder so

ein Langhaariger, der den Totalverrat an der

Musik wagt!

Ich konnte das Gemeckere nicht

verstehen. Ja, natürlich klang das manchmal

ein bisschen trashig und künstlich. Natürlich

war das in Sachen Sound-Design wahnsinnig

glatt und ging runter wie eine Flasche

lauwarmer, abgestandener Robby-Bubble-

Kindersekt - aber der krasse Kontrast

zwischen ultra-klarem Klangbild und

wahnsinniger Verspieltheit, der Gegensatz

von totaler Struktur und gleichzeitiger Vielfalt

und Abgedrehtheit in den Sounds machten

mich viel zu neugierig, als dass ich diese

Veröffentlichung in bester Musiksnob-Manier

unter den Tisch hätte fallen lassen können.

Zwischen mir und der schnurrenden

Kaschmirkatze, das habe ich sofort gemerkt,

bestand nämlich eine ganz eigenartige

Verbindung. So ein bisschen wie in einer

ganz frischen Liebesbeziehung, wo man

sich oft ganz lange nur in die Augen sieht

und zu wissen meint, was der andere denkt

- natürlich ist das totaler Quatsch. Aber das

hier war echt, ich schwöre! Uns verband eine

ganz eigene, über allem stehende knowledge,

eine gemeinsame Auskennerei, die an allen

anderen vorbeiging. Sollen sie doch alle von

Plastik und Zuckerwatte reden! In Cashmere

Cat habe ich einen Seelenverwandten

gefunden. Jemand, der endlich mal alle

guilty pleasures, mit denen man bei seinen

Auskennerfreunden gar nicht ankommen

braucht, zu einem großen, gutklingenden

Nostalgiebrei vermengt: Backstreet Boys,

Aaliyah, 112, Craig David, Destiny’s Child,

Modjo, Janet Jackson, Amerie, Ginuwine

und ganz, ganz viel R. Kelly – kurzum: ein

bisschen von all dem, was dieser Tage so

halbironisch auf Neunziger-Trash-Partys

verhandelt wird. Nur eben ernstgenommen

und mit Trap-Rhythmen aus der 88.

Cashmere Cat - Magnus August Høiber,

24 Jahre, aus Olso, DMC-Championship-

Finalist - macht keinen Hehl aus seiner

Faszination für kitschige Auto-Tune-

Standardwerke wie "Thr33 Ringz" von T-Pain

jund Kanye Wests "88s & Heartbreak". Und

wenn er davon erzählt, auf der Suche nach

einem neuen Outlet erst Progressive House

und dann HipHop produziert zu haben, dann

ist sein Produzenten-Projekt Cashmere Cat

die logische Folge davon, gerade mit dem

kitischen Crossover-Ansatz. Seinen Ursprung

hat Cashmere Cats Klang - die harten

Drums, gechoppten Vocals, die Schüsse und

allerhand obskuren Samples - im Jersey Club,

jenem Amalgam aus HipHop, Downtempo,

R’n’B und Trap, das seinen Ursprung im

US-Prollstaat New Jersey hat und das von

DJs wie Tameil, Tim Dolla, Mike V und Black

Mic und der Brick Bandits Crew populär

gemacht wurde. Cashmere Cats zeitgemäße

Interpretation des Jersey-Club-Sounds hat

ihn mittlerweile aus dem Schlafzimmer in

die großen Studios gebracht. Er produziert

für namenhafte Rapper; zuletzt etwa "Party

Girls" mit Ludacris, Wiz Khalifa und Jeremih.

Dabei ist Cashmere Cat bei weitem nicht

der einzige Laptop-Produzent, der mit

seinem Faible für Contemporary R’n’B und

88-Drums Welle macht. Kaytranada,

Giraffage, Ryan Hemsworth, Carling Ruse,

Bear//Face und NVIE Motho wirken fast

wie ein Sound-Kollektiv, das zu moderatschnellen

Beats Maschinengewehrgleichen

Drum-Salven, warme Synths und

soulige Samples spielt. Vielleicht ist das die

Weiterentwicklung von dem, was Hudson

Mohawke und Flying Lotus vor einigen

Jahren begonnen haben: das nächste


6 — 180 — MUSIK

CASHMERE CAT, WEDDING BELL, IST AUF LUCKYME ERSCHIENEN.

Kapitel der Beatscience. Eine um damalige

Präzision entledigte, wohlgemerkt. Denn

viele der eben genannten Produzenten

haben sich das Musikmachen mit gecrackter

Software und mithilfe von Youtube-Tutorials

selbst beigebracht. So wie die 25-jährige

Carling Ruse aus San Jose, die ihre ersten

Produktionen mit einer gecrackten Reason-

Version anfertigte und, nach dem sie das

Programm mehr aus Neugier öffnete, erst

einmal hilflos vor dem Bildschirm saß.

"Ich hatte keine Ahnung, was die Knöpfe

bedeuteten, geschweige denn was ich

anklicken sollte. Das war ein ziemlich

gruseliger Moment. Also habe ich angefangen

mir alle wichtigen Funktionen zu ergooglen

und bin jedes Mal ausgeflippt, wenn ich neue

Dinge, wie etwa das Choppen von Samples

gelernt haben."

Das ist natürlich eine Amateur-

Herangehensweise. Aber, meine Güte,

wie soll man es denn sonst lernen? Hätte

es vor zwanzig Jahren schon das Internet

gegeben, dann würde es heute von Trialand-Error-Tracks

wimmeln und die ganzen

Chef-ProduzentInnen hätten Mühe,

ihre damaligen Jugendsünden wieder

verschwinden zu lassen. Ich finde, gerade

das Unperfekte an Carlings Songs ist geil.

Sie hat gerade einmal eine Handvoll Songs

veröffentlicht, bei denen nicht immer alles

auf dem Takt sitzt oder mal die Snare zu laut

ist. Aber ihr Stop’n’Go-Rework von Destinys

Childs "Cater 2 U" zeigte mir auf schöne

Weise, was man aus einer mittelmäßigen

R’n’B-Schmonzette herausholen kann.

Das erklärt aber noch nicht das Spiel mit

der Geschwindigkeit des Gesangs. Carling

behandelt A Capella und eine Remix-Version

des Instrumentals getrennt voneinander,

legt sich alle modifizierten Sounds auf den

MIDI-Controller und fügt das Ganze zu

einem smarten 213er-Update zusammen.

Auch auf den anderen Songs schimmern

immer wieder R’n’B-Vocal-Fetzen durch.

Die Vorliebe für soulige Stimmen kommt

nicht von ungefähr: "Ich bin mit R’n’B groß

geworden. Und manchmal fällt mir aus dem

Nichts ein alter Song ein, ich suche nach

dem A Capella und lege los. R’n’B ist so eine

emotionale Musikrichtung. Das spürt man

erst richtig, wenn man mit dem Vocalsample

herumspielt. Dann will man all diese Gefühle

bündeln und in einen Track kanalisieren."

Um Gefühle geht es auch Ryan

Hemsworth. Der 28-jährige aus Halifax

produziert ein seltsames Gemisch aus

Rap, R’n’B, Post-Rock und J-Pop und hat

mit diesem Pop-Entwurft mittlerweile

Remixarbeiten für Lana del Rey und SOHN

erledigt. Außerdem im Backkatalog: Reworks

von Songs der Backstreet Boys. "Manchmal

will ich einfach nur sehen, wie weit ich gehen

kann. Ich experimentiere herum. Aber eben

nicht auf eine avantgardistische Weise,

sondern eher nach dem Motto 'Hey, weißt

du noch? Zu diesem Song hattest du in der

sechsten Klasse deinen ersten Ständer. Ich

nehme den mal eben auseinander, setze

ihn neu zusammen, damit zu dazu tanzen

kannst.'" Die Tanzbarkeit bringt Hemsworth

vor allem durch seine Trap-typischen

Drums hervor. "Derzeit hört einfach jeder

Rap." Besonders Drake habe diese Musik

wieder cool und durch seine Affinität zu

New Orleans auch superschnelle Hi-Hats

und 88-Snares salonfähig gemacht.

Das geht auch gut in Kombination mit

der für Dirty-South-Rap typischen

Vocal-Bearbeitung, die das Gesagte und

Gesungene stets zehn bis zwanzig Prozent

unter der normalen Sprechgeschwindigkeit

dreht. "Ich mochte langsame Musik schon

immer lieber als schnelle", erklärt Bear//

Face. Der 2-jährige aus dem nordirischen

Belfast dreht ungeniert alles von Justin

Timberlake, Ginuwine, A$AP Rocky und

Julia Losfelt herunter. Beim Stöbern im Netz

stieß Bear//Face auf Rap aus dem Süden

der USA, wo die Klangästhetik des Chopped

& Screwed seit jeher zur HipHop-Kultur

gehört. Von dem ursprünglich reibenden und

dreckigen Klang des Dirty South bleibt aber

nicht viel übrig. "Die Geschwindigkeit eines

Samples ist eine ganz simple Sache, aber

damit kann man das Gefühl eines Stücks

stark beeinflussen." Vom Mastern haben

übrigens weder Ryan Hemsworth, Bear//

Face noch Carling Ruse große Ahnung.

"Wenn du nicht gerade in den großen Clubs

auflegst und deine Tracks sich mit der

Qualität von einem Disclosure-Song messen

müssen, ist es eigentlich egal, wie der Song

klingt", sagt Ryan Hemsworth.

Diese Sicht teilt auch der Österreicher

Moritz Pirker, der als NVIE Motho das Album

"Blausicht" des Wiener Rappers Gerard

produziert und mit für Cloud Rap typischen

Instrumentals bestückt hatte. Keine Rap-

Beats klassischer Form, sondern weiter

gedachte Bassmusik-Ideen im Stile von

Hudson Mohawke, Rustie und Cid Rim.

Auch er habe sich erst im Laufe der Zeit

in das vernünftige Abmischen eines Tracks

hineingefuchst, sagt er. Viele Produzenten, die

ihre Stücke bei Soundcloud hochladen, hätten

allerdings nicht mal ein gutes Monitorsystem.

"Ich hatte das auch lange nicht. Erst als ich

meine Sachen mal auf vernünftigen Geräten

gehört habe, habe ich gemerkt, was so in

meinen Songs passiert und was ich gar

nicht drin haben möchte." Andererseits geht

es heute auch vielmehr um Ästhetik denn

um guten Klang. "Man konsumiert Musik

ja viel schneller. Das merkt man auch an

Kommentaren unter den Tracks. Es geht nur

um die ersten 15 Sekunden, in denen etwas

passieren muss und die Leute gleich einen

Tastaturorgasmus haben." Pirker stört die

Gleichschaltung im Klang sehr. "Mittlerweile

gibt es so viele Produzenten, dass der Sound

sich wahnsinnig schnell verändert und

kurzlebig anhört. Sachen von vor einem Jahr

klingen bereits total verbraucht, weil alle mit

den gleichen Programmen und den gleichen

Plug-Ins arbeiten und bei den selben Kollegen

abschauen." In der Tat: ganz egal, welcher in

grau gehaltene, um asiatische Zeichen oder

ASCII-Codes angereicherte Künstlername

oben über der orangenen Wellenform in der

Wolke steht: es klingt alles gleich.

Es handelt sich

um die Weiterentwicklung

von

dem, was Hudson

Mohawke und

Flying Lotus vor

einigen Jahren

begonnen haben:

das nächste

Kapitel der

Beatscience.


180 — 7

v.l.iUZS:

Cashmere

Cat, NVIE

Motho, Ryan

Hemsworth,

Bear//Face,

Carling Ruse

Ich hätte ewig so weiterrecherchieren

können. Stundenlang klickte ich mich

durch Sounds und Tracks, schaute

mir Youtube-Clips mit Sehnsucht

versprühenden Sepia-Tumblr-

Standbildern an. Die Musik spült mir auf

angenehme Weise das Hirn durch. Dann

und wann erkannte ich wieder ein Zitat und

fühlte mich an damals erinnert. Die Musik

ist durch die Bank ein seltsames Gemisch

aus Ironie und Ernsthaftigkeit. Mal

kitschig, dann wieder cool, halbgar und

doch auf Hochglanz poliert. Ich weiß nicht,

was ich davon halten soll. Auf Seite 26 in

diesem Heft zählt Diedrich Diederichsen

die wichtigen Pop-Musik-Fragen auf. Eine

fand ich besonders schön: "Was wollen

die?" Das ist eine sehr gute Frage. Ich

glaube nämlich: nichts. Was soll man auch

schon groß wollen, wenn man in seinem

Kinderzimmer unterm Dach der elterlichen

Doppelhaushälfte hockt und genug Geld

für ein anständiges Setup hat. Diese

Mittzwanziger mit einem Hang zum Hype

und einer Schwäche für das schnelllebige

Treiben auf Musikblogs wollen

einfach nur ein bisschen musikalische

Vergangenheitsbewältigung betreiben und

dabei eine gute Zeit haben. Und Pop ist ja

auch schon immer gegen etwas gewesen

oder hat seine Stimme erhoben. Aber in

den herunter gepitchten Beischlafslogans

und den dekontextualisierten Drums von

damals steckt eigentlich nichts mehr.

Kein Statement, nichts. Und auch der

Hochglanzmusik von Cashmere Cat ist

alles egal. "Wahnsinn, was auf 4 Minuten

alles möglich ist!", hatte ich mir notiert.

Aber mit ein bisschen Abstand klingt

das alles auch nur nach bis unters Dach

vollgestopfter Angeberei. "Für mich ist

nichts mehr ein guilty pleasure", hatte

Ryan Hemsworth mir gesagt. "Alles

ist akzeptabel, alles ist möglich." Es

herrscht die komplette Egalheit, die

vollkommene Gleichgültigkeit, ein einziges

riesiges Einerlei, dass sich konstant

weiterentwickelt und in zwei Jahren

vielleicht schon wieder komplett anders

klingt und die alten Ideen über Bord

geworfen hat. Vielleicht ist es das, was die

anderen in der Redaktion an dieser Musik

stört - und das kann ich auch irgendwie

verstehen. Spaß macht mir die Musik

trotzdem.


8 — 180 — MUSIK

Efdemin /

Die Schönheit

des Verfalls

Die Bilder zu diesem Beitrag

hat Phillip Sollmann aka

Efdemin während seiner

Zeit in Japan gemacht.


TEXT BIANCA HEUSER

180 — 9

Wird man, wie Phillip Sollmann

aka Efdemin, als Kulturexport

mit Residency ins Land des

aufgehenden Cultureclashs

zwischen gadget-fantasien

und mystischen Traditionen

umverlagert, hat man keine

Wahl, sondern Glück. Warum

das eigentlich fast klassisch

oldschoolig-analoge Album

"Decay" nicht nur Efdemins

Jugend, sondern auch Japan

widerspiegelt, fand Bianca

Heuser im Gespräch heraus.

De:Bug: Du hast drei Monate im Auftrag des Goethe-Instituts in

Kyoto gelebt. Erzähl mir vom Alltag!

Efdemin: Kyoto bot mir eine ideale Arbeitssituation. Die Platte klingt

vielleicht nicht besonders nach Japan, aber es geht ja auch nicht darum,

jetzt plötzlich irgendwelche Gongs in die Musik einzuarbeiten. (lacht)

Vielmehr war mein Bewusstseinszustand von der Umgebung in Kyoto

geprägt. Ich hatte viele Aufnahmen aus Berlin mitgebracht und das

Album dort in kürzester Zeit fertig gemacht. Davon war ich selbst sehr

überrascht. Ich hatte mir vorher eben einen Veröffentlichungsdatum

mitgeteilt – anders bekommt man mich auch wirklich nicht dazu, etwas

fertig zu machen... Teilweise saß ich morgens um 8 Uhr schon daran

und habe bis mittags gearbeitet, bin etwas essen gegangen, habe

danach noch ein bisschen getrackt und abends gingen wir in die Stadt.

In Berlin bin ich eher nachts im Studio, das ist schon mal ein ganz

anderer Zustand. Aber dazu hat sich natürlich die Energie unserer

Umgebung ungemein auf meine Arbeit ausgewirkt.

Wie würdest du die Energie der Stadt denn beschreiben?

In Japan befindet man sich grundsätzlich in einem ganz anderen

Zustand als hier. Kyoto ist aber noch einmal speziell, die Stadt hat

einen fast musealen Charakter. Es ist die einzige Stadt, in der das alte

Japan noch halbwegs vollständig vorhanden ist. Und weil es lange

Zeit auch Kaiserstadt war, findet sich dort eine unfassbare Menge

an Tempeln und Schreinen. Jeder davon hat eine sehr spezifische

Aura. Dazu kommt die Tallage der Stadt, die umgeben von Bergen

nur in Richtung Süden nach Osaka zum Meer geöffnet ist. Dadurch

findet da auch eine gewisse Energiebündelung statt, wenn man mal

so esoterisch sein möchte. Diese Berge sind auch auf dem Cover der

Platte in einer Collage von Till Sperle zu sehen, die aus circa 18 der

vielen Fotos besteht, die ich morgendlich auf der Brücke vor unserem

Haus gemacht habe. Diese Bergketten sahen jeden Tag anders aus,

aber immer irgendwie blau, das hat mich sehr fasziniert und auch

angezogen. Zwei Wochen lang bin jeden Tag dort hochgefahren und

habe die Mönche besucht.


10 — 180 — MUSIK

Beschreibe bitte die Zeremonie.

Ich war Gast bei der Tendai-Shomyo-

Sekte, die in dem Tempel in Ohara ihr

tausendjähriges Bestehen feierte. Die

Zeremonie besteht aus einem sehr monotonen

Gesang, dauert zwischen einer und zwei

Stunden und wird rhythmisch sowie von Flöten

und der tollen Sho-Mundorgel begleitet. Über

die Jahrhunderte hat sich diese buddhistische

Tradition, die ein chinesischer Mönch nach

Japan brachte, verbreitet und verschiedene

Variationen entwickelt. Während dieser zwei

Wochen waren diverse Gruppen von Mönchen

angereist und präsentierten jeweils ihren

Blick auf diese Tradition. Mich interessieren

die lokalen Eigenheiten von Musik ohnehin

immer, aber da fand ich besonders

faszinierend, wie sich mir plötzlich ein circa

viertausendjähriges Zeitfenster öffnete. Die

Tradition vom Singen dieser Sutren stammt

ursprünglich aus Indien und hat für diese

Mönche kaum eine musikalische Ebene.

Ich habe an dieser Zeremonie aber relativ

unreligiös teilgenommen und hätte am

liebsten neben dem Tempel getanzt. Dieser

Zustand, eine Stunde lang diesen Rhythmus

zu verfolgen, der sich langsam beschleunigt,

ist völlig irre. Es gab auch wirklich nichts um

diese Tempel herum. Und trotzdem hatten die

alle Handys, die Zeremonien wurden gefilmt.

Es gab, wie typisch für Japan, nicht diese

komische Trennung von Welt und Religion

wie hier. Viele Menschen hier stellen sich

Japan als ein ultra-modernes Land vor

und vergessen, dass da gleichzeitig unter

allem eine gefestigte Tradition liegt, ein

wahnsinnig starkes Fundament. Das hat mit

seinen patriarchalen Hierarchien und einem

irgendwie sehr unausgeprägten Interesse

an Demokratie auch seine negativen Seiten,

aber auch darum erscheint mir Japan

insgesamt sehr fokussiert: Menschen in so

einer Hierarchie stellen viel weniger Fragen

über ihre eigene Identität als wir es tun. Ich

zumindest stelle permanent vieles in Frage,

aber in Japan existiert das gar nicht so recht

als Option, weil man qua Geburt, Herkunft

und Geschlecht in einer Art Stream, einem

gesamtgesellschaftlichen Wabern drinsteckt.

Das ist natürlich schlimm, drückt sich aber

zum Beispiel auch darin aus, dass Japaner

unglaublich gern mit ganz vielen Menschen

auf ganz engem Raum zusammen sind.

Wenn wir uns dachten: "Oh nein, hier ist es

ja total touristisch", waren die Japaner eher

so: "Yeah, hier sind ja total viele, das ist doch

cool." Das ist so anders, weil sie sich nicht so

sehr als Individuen herausnehmen. Ich finde

das wirklich faszinierend und habe das Gefühl,

dass die Fokussierung Japans auf mich, der

in meinem Leben als nachts arbeitender DJ

oftmals sehr nervös und ohne Fokus durch die

Gegend wuselt, stark abgefärbt hat. Ich habe

in Kyoto ein sehr ruhiges Leben geführt und

während dieser drei Monate auch wirklich nur

sehr selten aufgelegt. Ich versuche gerade,

mir etwas davon hier in Berlin zu bewahren.

Ich trinke also zum Beispiel keinen Kaffee

mehr, weil mir das eigentlich gar nicht gut tut.

"Mich interessieren die

lokalen Eigenheiten

von Musik. In Japan

fand ich faszinierend,

wie sich plötzlich ein

viertausendjähriges

Zeitfenster öffnete.

Ich habe an Zeremonien

teilgenommen und hätte

am liebsten neben dem

Tempel getanzt."

Wie hat sich das auf das

Album ausgewirkt?

Ich habe das Gefühl, dass sich die Platte

vor allem durch eine gewisse Klarheit von

ihren Vorgängern unterscheidet, die auch

dieser Umgebung und ihrer Konzentriertheit

zuzuschreiben ist. Abgesehen davon habe ich

in den letzten Jahren aber auch als DJ wieder

mehr Techno gespielt und wieder total Lust

auf Profan-Schallplatten, diese alten obskuren

Sachen aus Köln bekommen. Das hat meine

Musik verändert, und auch, dass ich letztes

Jahr erst richtig angefangen habe, die vielen

alten Synthesizer zu benutzen, die ich mir

über die Zeit angeschafft habe. Früher habe

ich meine Musik am Computer gemacht, für

"Chicago" zwar auch schon viel aufgenommen,

aber das hat sich nun noch mehr gemischt.

"Decay" kommt zum größten Teil aus analogen

Geräten, obwohl ich nicht dogmatisch auf der

Suche nach einem old-schooligen Sound bin.

Diese Quellen beeinflussen mich aber stark.

Es geht vermutlich jedem so: Zwischen 15

und 25 prägen einen gewisse Dinge, die sich

festsetzen und von denen man auch nicht

mehr loskommt.

Warum heißt das Album "Decay"?

Das möchte ich eigentlich etwas offen

lassen, aber der Verfall spielt im Buddhismus

natürlich eine große Rolle. Dass Verfall als

ganz elementarer Teil des Lebens mitgedacht

wird, hat mich fasziniert. In unserer Kultur

versucht man diesen Teil des Lebens eher

auszublenden - zum Beispiel Moos: Diese sehr

wichtige Pflanze ist für uns ein Zeichen von

Verfall. "Ach, mein Rasen ist ja schon wieder

ganz bemoost, da muss ich erst mal mit dem

Vertikulierer rein", sagt meine Mutter immer.

In Japan wird Moos gepflegt, teilweise sind

ganze Wälder komplett bemoost. Das sieht

natürlich unglaublich toll aus! Außerdem

bin ich mittlerweile auch biografisch

an einem Punkt, wo ich Verfall als eine

Herausforderung ernst nehmen muss. Zudem

werden gesellschaftlich und politisch viele

Dinge dem Verfall preisgegeben – das treibt

mich natürlich um. Und dass gewisse Ideale,

die einen einmal stark angetrieben haben,

sich genauso verändern und vielleicht an

Bedeutung verlieren. Mit all dem im Hinterkopf

war, schon als ich in Japan ankam, klar, dass

das Album so heißen muss. Meine Arbeit hat

mich darin nur bestärkt.


EFDEMIN, DECAY, ERSCHEINT AM 31.03. AUF DIAL.

180 — 11

"Es geht vermutlich jedem so:

Zwischen 15 und 25 prägen

einen gewisse Dinge, die sich

festsetzen und von denen man

auch nicht mehr loskommt."


12 — 180 — MUSIK TEXT BIANCA HEUSER

UNO NYC /

Seerosen

mit Pop-

Appeal

UNO NYC, das

bedeutet Vielfalt

und unnachgiebige

weirdness, die Mykki

Blancos Rap und den

Produktionen der Label-

Kollegen Gobby, Arca,

Fatima Al Qadiri, Ian

Isiah trotz ihres Pop-

Appeals nie abgeht.

Wir haben uns mit dem

25-jährigen Label-Chef

Charles Damga über

das Business, seine

Prioritäten und die

"Internet awareness"

in New York unterhalten.

De:Bug: Du hast früher bei DFA Records gearbeitet. Wie

fühlt es sich mit einem eigenen Label an?

Charles Damga: Vor allem macht es mir Spaß, mich freier

bewegen zu können. Weil Leute weniger von einem erwarten und

man sie überraschen kann, interessieren sie sich eher für deine

neuen Sachen als bei einem größeren Label. Trotzdem wird

einem nicht so viel Aufmerksamkeit zuteil. Aber auch das ist

okay, weil man die Leute nicht sofort umhauen muss. Sie lassen

einem mehr durchgehen und interessieren sich zum großen Teil

ja gerade für die weirdness der Sache. Bei einem älteren Label

fühlt es sich so an, als klettere man eine Leiter hoch und müsste

gleichzeitig ein möglichst großes Publikum mitziehen. Bei UNO

ist es eher so, als würden wir von einem Seerosenblatt zum

nächsten hüpfen. Da weiß man nicht so richtig, wo man am

Ende landet. Außerdem ist es toll, wie sich die Künstler bei uns,

trotz ihrer unterschiedlichen Vibes, untereinander helfen. Diese

Interkonnektivitäten und Überschneidungen zu beobachten,

macht mir sehr viel Spaß.

Ich finde interessant, dass UNO zwar einen bestimmten

Sound hat, aber viel mehr durch eine gemeinsame

Attitüde aller Beteiligten zusammengehalten wird.

Das ist etwas kompliziert zu erklären und die meisten Leute

schieben das auf das Internet oder die Tatsache, dass wir in

New York ansässig sind. Das alles schwingt natürlich auch mit,

aber ich würde es vor allem als eine moderne Punk-Ideologie

bezeichnen: Der Wille, sich eine gewisse Seltsamkeit und

Eine moderne Punk-

Ideologie: Der Wille, sich

eine gewisse Seltsamkeit

und Anarchie in allen

Formen und Bereichen

zu wahren.

Anarchie in allen Formen

und Bereichen zu wahren.

New York geht gerade

durch so eine Phase:

Alle versuchen etwas zu

machen, was andere Künstler an anderen Orten zur Zeit auch

machen, nur eben etwas abgefuckter und eigenartiger. Das

hängt nicht nur mit New York als physischem Ort zusammen,

sondern auch mit der "Internet awareness" um New York.

Was meinst du damit?

Für einen Videoblogger, der sich auf Einhörner spezialisiert,

ist zum Beispiel Iowa vielleicht nicht der ideale Standort. In

China wäre er aber vielleicht sehr beliebt. Geografisch gesehen

existiert, abgesehen von dem lokalen Publikum, im Internet ein

erweitertes Publikum, das genauso geografisch verortet und

an gewissen Punkten konzentriert ist. Da nah dran zu sein, ist

natürlich hilfreich. Diese "Internet awareness" um New York ist

zur Zeit sehr sensibel für eine bestimmte Art von Musik, Kunst,

Mode oder Coding und saugt alles auf.

Wie fühlt sich die Musikszene in New York derzeit an?

Das lässt sich natürlich immer noch am besten mit

ihrer Geschwindigkeit beschreiben. Das zeigt sich vor allem

dann, wenn man einmal wegfährt. In Berlin gibt es auch eine

großartige Szene, die aber ganz anders funktioniert. Ohne den

Druck, ständig etwas Neues machen zu müssen, und mit der


AUF UNO NYC SIND FÜR DIESES JAHR RELEASES VON

SFV ACID UND DUTCH E GERM GEPLANT, AUSSERDEM:

MIXTAPE UND ALBUM VON MYKKI BLANCO

SOWIE EIN GOBBY-ALBUM.

180 — 13

14 – 23

SONICARTS

L O U N G E 22UHR

Freiheit, die sich daraus ergibt. In New York fühlt es sich fast

so an, als wäre man schlechterer Künstler, wenn man nicht

permanent etwas von neuen Projekten zu erzählen hat. Ich

finde das sehr interessant, weil sich deshalb hier alles und

alle so schnell verändern. Für mich ist das eine gute Idee, das

in einem Label zu verkörpern, das sich ständig verändert und

neue Sachen macht. Auf keinen Fall möchte ich in irgendwas

stecken bleiben – und so geht es wohl den meisten anderen

hier auch: Sie langweilen sich schnell.

Sind in New York die unterschiedlichen Kunstformen

enger verbunden als anderswo? Fatima Al Qadiri ist ja

auch bildende Künstlerin und Dutch E Germ ist für die

Musik des Modelabels Hood By Air zuständig, für das

Ian Isiah als Stylist tätig ist.

Das passiert hier auf jeden Fall häufiger. Das liegt wohl

daran, dass man hier etwas vielfältiger arbeiten muss, weil die

Chance, mit nur einem Projekt erfolgreich zu sein, recht gering

ist. Jemand wie Fatima zum Beispiel macht Musik, möchte

aber mehr Reisen und internationaler sein. Das ist mit ihrer

Kunst vielleicht einfacher. Viele Künstler auf UNO haben solche

vielfältigen Interessen und ich will auch lieber mit jemanden

zusammenarbeiten, der seine eigene Welt erschaffen kann.

Diese Diversifizierung der eigenen künstlerischen Identität

führt meist zu einem interessanteren Ergebnis: Plötzlich hat

man zusätzlich zum Album ein noch viel größeres Schaufenster

in die Welt der Künstler.

Zudem hört es sich anstrengend an, sich für jeden Künstler

eine Art "Branding" zu überlegen.

Dafür hätte ich gar keine Zeit. Für mich ist es viel

interessanter, der Entwicklung der Künstler zu folgen, als sie

zu beeinflussen. Ein paar UNO-Acts werden irgendwann zu

größeren Labels wechseln, weil wir uns in diesem Stadium nicht

übernehmen dürfen. Wir können noch keine internationalen

Tourneen umsetzen, sondern müssen ein Level finden, auf

dem wir arbeiten können. Viele der neuen Projekte hätten wir

nicht bewältigen können, hätten wir nicht andere, ältere hinter

uns gelassen. Ich finde das alles sehr spannend: Wie hält

man die Balance, wenn einer deiner Acts plötzlich eine riesige

Sensation wird? Ich tendiere auf jeden Fall dazu, mir mehr Arbeit

aufzuhalsen, als ich bewältigen kann und möchte mich nicht auf

etwas festlegen müssen. Es soll immer so verrückt wie möglich

bleiben und hoffentlich immer moderner und besser werden. Mein

Ziel ist es, so individuell zu sein, wie es nur geht und dabei so

wenige Kompromisse einzugehen, wie möglich.

Du bist also ein Idealist!

Klar möchten wir auch erfolgreich sein. Aber es braucht

schon einen sehr gut durchdachten Plan, um so groß zu werden

wie Interscope Records, ohne dass das auf der Strecke bleibt,

was man eigentlich vorhatte. Am Ende will doch niemand die Top

4s, sondern die Albtraumversion davon. Man sollte sich etwas

Rebellisches behalten - Katy Perry, aber in der James-K-Variante.

HAUSDERBERLINER

FESTSPIELE

15MÄRZ

DENSELAND

21MÄRZ

SIMONSTEENANDERSEN

INSZENIERTENACHT

22MÄRZ

DJIPEK

BERGHAIN

18MÄRZ

NICOLASCOLLINS

ALVINLUCIER

ARNOLDDREYBLATT

www.berlinerfestspiele.de


14 — 180 — MUSIK TEXT JAN WEHN BILD GEORG ROSKE

Kid

Simius /

Bumm

Bumm

Nass

Was ist das, Surf ’n’ Bass?

So muss man Kid Simius'

Symbiose von Surf Rock

und Bass-Musik nennen. Sie

ist sowohl kalifornischflirrendes

Gitarrero-

Kunststückchen als

auch eine schnurgerade

Dancefloor-Ansage mit

Hauptstadt-Flair. Dass das

Stadien in Wallung bringt,

zeigte Trentemøller schon

vor ein paar Jahren. Wie

das heute funktioniert,

erklärt uns Kid Simius.

"Ich habe noch nie auf einem

Surfbrett gestanden"


KID SIMIUS, WET SOUNDS, ERSCHEINT AM 07.03. BEI JIRAFA RECORDS.

180 — 15

Die ersten sieben Fragen liegen ganz nahe: Wenn Kid Simius auf

"Wet Sounds" Surf Rock und Electronica miteinander vermischt,

stand er dann in Kindertagen in seiner spanischen Heimat

eigentlich selbst auf dem Board? Ist er jeden Tag, gleich nach der

Schule, von Granada aus die knapp 6 Kilometer durch Andalusien

gesaust, das Brett unterm Arm, die Küste im Blick? Ist er dann mit

sturem Blick raus aufs Meer gepaddelt, hat sich auf sein Brett

gesetzt und konzentriert über das weite Blau geschaut? Und hat

er sich, wenn es dann soweit war und ihm das Meer unter den

Füßen weggezogen wurde, todesmutig auf sein Brett gestellt und

sich in den sprudelnden und gurgelnden Strudel geschmissen?

Ist er dann hinab unter die Oberfläche geglitten, wo alles nur

noch ganz dumpf tönt, einem die Unterseite der Wasserwalze

kräftig den Rücken massiert, man fast keine Luft mehr bekommt

und sich panisch sein Board schnappt und mit zugedrücktem

Brustkorb dahin zurückschwimmt, von wo die Sonne durch die

Wasseroberfläche bricht? War Kid Simius so ein Junge?

"Nein, ich habe noch nie auf einem Surfbrett gestanden",

sagt der 26-jährige und lacht. Wir sitzen in einem süßen Café in

Berlin Kreuzberg. Draußen legt sich an diesem Januarvormittag

der Schnee auf die Häuser und Straßen. Drinnen setzt Kid Simius

sogleich zu einem Exkurs in Sachen Surf Rock an und man denkt

erst einmal "Hä?!" Ein junger Spanier, der vor sechs Jahren aus

Granada nach Berlin gezogen ist, um hier Musik zu machen: ganz

plausibel. Aber dass der schlaksige Bub mit dem Backenbart

jetzt hier Tonnen an Surf-Rock-Wissen preisgibt, ist schon ein

bisschen komisch. Das mit der Authentizität sei im Surf Rock aber

nie so wirklich wichtig gewesen, erklärt er. Die meisten Surfrocker

hätten das Wasser nur vom Strand aus gesehen und sich lieber

im südkalifornischen Sand die Beine in den Bauch gestanden

um den Feier-Soundtrack für die Surfer zu liefern, wenn die am

Abend ganz erschöpft aus den Fluten stiegen und eine Runde

tanzen wollten. Als Vorbereitung auf die Arbeiten an seiner neuen

Platte "Wet Sounds" habe er sich viele Dokumentationen über

Surfmusik angesehen. Die über Dick Dale, zum Beispiel. Dale und

seine Band, die Del-Tones gelten als Pioniere der Surfmusik, ihr

Song "Misirlou" ist eines der wichtigsten Stücke des Surfsounds.

"Dale war eigentlich Schlagzeuger und hat die Gitarre folglich

wie ein Schlagzeug gespielt", sagt Kid Simius. So sei das für den

Surf Rock charakteristische Staccato, das fließende Flackern der

Saiten entstanden. "Sie wollten einen Klang erzeugen, der sich so

anhört, als würde man in eine Welle eintauchen."

Die absolute Ahnungslosigkeit über das, was da draußen

auf dem Wasser passiert, eint Kid Simius also schon mal mit der

naiven Wassersport-Vertonung aus den 5er- und 6er-Jahren.

Der Surf Rock, erklärt Kid Simius, versuche nichts anderes, als

die instrumentale Rekreation des akustischen Surroundings

auf und im Wasser. Der Sound des Surfen – das Bezwingen

von Wasser, das Hindurchgleiten, darauf Herumreiten, eine

fließende Fortbewegung, die Balance auf der Brandung und

dann: vom Wellenhang aus runter in die tiefsten Tiefen. "Surf

Rock klingt nass", sagt Kid Simius und erzählt von Fender-Amps,

von der British Invasion und den Beatles, die die Surf-Ästhethik

verdrängt hätten - und wie das alles viele Jahre später noch hin

und wieder mal im "Pulp Fiction"-Soundtrack auftauchte oder

Elemente davon es in Songs von Black Eyed Peas und Major Lazer

schafften. Kid Simius habe auch schon versucht, Surf Rock im

Club aufzulegen. Eine sehr lustige Erfahrung, wie er sagt. "Aber

manche Lieder sind so alt, dass sie gegen einen heutigen Track

Der Sound des Surfen –

das Bezwingen von Wasser,

das Hindurchgleiten,

darauf Herumreiten, eine

fließende Fortbewegung, die

Balance auf der Brandung

und dann: vom Wellenhang

aus runter in die tiefsten

Tiefen. "Surf Rock klingt

nass", sagt Kid Simius.

absaufen. Deshalb bringe ich

den Druck dazu.“ Denn so sehr

Kid Simius das Nasse und die

Sexyness des Surf Rock

gefalle, so sehr mag er auch

den, wie er sagt, "Bumm" der

elektronischen Musik. Folglich

findet sich auf "Wet Sounds"

mehr als nur das Zittern der

Saiten, ein Techno-Album ist

es aber auch nicht. Hier flirrt

etwas Extraterrestrisches, da baut Simius eine sexy Slowhouse-

Taktung unter die Gitarren, um schließlich akribische Feel-good-

Akkordarbeit zu verrichten und das Rauschen der Brandung mit

sehnsüchtigen Vocal-Schnippseln zur deutschen Entsprechung

von Toro Y Mois Chillwave zu montieren, um das Ruder dann

mit einem Siriusmo-Remix nochmal komplett herum zu reißen.

Kid Simius erzählt, dass es ihm beim Produzieren vor allem auch

darum gehe, die Idee von Parametern wie Routine, Produktivität

oder Kreativität zu ergründen. Das beste Beispiel hierfür ist

wohl "El Pastor", eine lupenreine Hommage an Ennio Morricones

bekanntere Kompositionen - nicht nur wegen der markanten

Westerngitarren. "In einem Interview hat Morricone erzählt, wie

er komponiert. Er guckt nämlich den Film gemeinsam mit dem

Orchester und schreibt die Musik sofort dazu auf." Beim Schauen

von Mel Gibsons "Die Passion Christi" sei ihm die Idee gekommen,

das selbst auszuprobieren.

Es sind Feinheiten und Kunstgriffe, die "Wet Sounds" zu

so einer schönen Platte machen. Eine Platte, die sich geschickt

zwischen Hauptstadt-Afterhour, der Südküste Spaniens und

dem Klang des Kaliforniens der 5er- und 6er-Jahre bewegt.

Eine Platte, die sich ein bisschen so anhört, wie es in Kid Simius

aussieht. Berlin hier, Spanien da, dazwischen die vielen Touren,

alleine und mit Rapper Marteria. "Vielleicht", sagt Kid Simius und

schmunzelt. "Ein Zwischending in Sachen Arbeitsplatz wäre genau

das Richtige. Ein paar Monate Energie und Kraft in der Heimat

tanken und sich inspirieren lassen, um dann wieder zurück nach

Berlin zu kommen und neue Musik zu erschaffen." Dann überlegt

er kurz. "An wen sollte ich mich in Granada denn wenden, wenn

mein Moog mal kaputt ist?"

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16 — 180 — MUSIK THE NOTWIST, CLOSE TO THE GLASS IST AUF CITY SLANG ERSCHIENEN

The

Notwist /

Die Band

als DJ


TEXT MAX LINK

180 — 17

The Notwist sind eine

seltsame Konsensband: Über

ihre Qualitäten sind sich alle

einig. Aber einigen kann man

sich auf sie nur schwer. Ihr

neues album "Close to the

glass" feiert diesen ganz

schön zeitgemäßen Zustand

als Mixtape, als geleaktes

best-of. Max link sprach

mit Martin - Console, Acid

Pauli - Gretschmann über die

einigende kraft des Bruchs.

Ich sitze mit Martin Gretschmann, der auch

als Console und Acid Pauli bekannt ist,

beim Plattenlabel City Slang im Souterrain

und versuche ihm etwas über die Schönheit

Oberbayerns abzuringen. Weilheim hat

zugegebenermaßen schon zu oft als

Aufhänger gedient, wenn es mal wieder um die

unwahrscheinliche Existenz von The Notwist

gehen musste. Aber es ist eben auch ein sehr

verlockendes Thema. Man will da unbedingt

ganz viel reinlesen und möchte, dass der so

besonnene Martin Gretschmann jetzt, hier

und sofort in der Herkunft seiner Band eine

ebenso mythologische Bedeutung entdeckt,

wie man das aus den Dokumentationen

Werner Herzogs gewohnt ist. Oder von der

Naturmystikerin Björk, der Gretschmann

einmal einen seiner Tracks überließ. Jedoch:

Leider nichts zu machen.

Gretschmann bringt bei The Notwist

vor allem die Glitchiness in die eigenwilligen

Popsongs – wobei es diese Art Aufteilung

in seiner Band, die ein einziges Feedback-

System sei "und es nur darauf ankommt,

Teil dieses Feedback-Prozesses zu sein" ja

gar nicht mehr gibt. Als er zur Band stieß,

waren The Notwist noch eine experimentelle

Post-Grunge-Band, die im nordöstlichen Teil

Münchens gelegenen Kafe Kult ("where your

heart is happy and your soul finds rest") ihre

Homebase hatte. Gelegentlich sieht man die

Acher-Brüder Markus (Gesang) und Micha

(Bass) dort auch heute noch auf Konzerten

lokaler Bands, die man dem Genre New

Weird Bavaria – die geistigen Nachkommen

von The Notwist – zurechnen würde. Martin

Gretschmann hingegen ist vor etwas mehr als

zwei Jahren nach Berlin gezogen und zieht als

Acid Pauli durch die Clubs.

Wir sitzen heute hier, weil ein neues

Notwist-Album erschienen ist. Es heißt

"Close To The Glass", hat aber nicht so viel

mit Google, dessen Brille und der sich damit

verändernden Welt zu tun. Vielmehr ist das

Album ein Tribut an ein durch Soundcloud

wiederbelebtes Format: das Mixtape.


18 — 180 — MUSIK

De:Bug: Martin, kannst du die Idee hinter

"Close To The Glass" erläutern?

Martin Gretschmann: Vor etwa einem

halben Jahr hatten wir wirklich viel und

unterschiedliches Material zusammen und

uns kam schließlich der Einfall, dass es nicht

schlecht wäre, wenn es starke stilistische

Brüche innerhalb des Albumverlaufs geben

würde. Die Idee entstand vielleicht, so

genau kann man das ja nie sagen, aus der

Überlegung, dass man heute Musik hört und

gar nicht mehr zuordnen kann, ob das Stück

jetzt beispielsweise aus den 7ern stammt

oder ob es sich um eine Neuerscheinung

handelt. Ein Stück zu verzeitigen oder auch

geografisch festzumachen, fällt schwer. Alles

kann miteinander gehen oder nebeneinander

stehen, man muss es nur zu kombinieren

wissen. Es geht weniger um gut oder schlecht

per se, es geht vor allem um gut oder schlecht

zusammengestellt.

Ist euer Album ein Mixtape? Es gibt ja

Mixtapes, die sich einem bestimmten Genre

widmen, da ist dann die Beat-Struktur oder

die BPM-Zahl der Fixpunkt. Dann gibt es aber

solche, die ein schwerer zu bestimmender

kleinster gemeinsamer Nenner zusammenhält.

M: Das war so ziemlich die Idee von

uns, allerdings ohne das explizit Mixtape

genannt zu haben. Wenn ich bisher davon

gesprochen habe, habe ich es meistens

mit der Arbeit eines DJs verglichen oder als

Collage bezeichnet. Aber es hat natürlich auch

einiges mit Langeweile zu tun. Krasse Brüche

überraschen einen ja erst mal und vielleicht

denkt man ja auch darüber nach, wie das jetzt

zusammenpasst.

Viele gute Mixe leben davon, dass der

Zusammensteller es schafft, verschiedene

Genres und Stimmungen so aufeinander

abzustimmen, dass sich etwas Neues,

ein größeres Ganzes daraus ergibt. Dem

Zusammenstellen fällt dadurch ja ein

erheblicher Stellenwert zu. Welcher Song auf

welchen Track folgt und solche Dinge.

M: Diese Reihenfolge hat sich uns

während mehrerer Studio-Sessions offenbart.

Wir haben sehr lange ausprobiert, was passiert

beziehungsweise was sich an den Songs ändert,

wenn man sie in einer anderen Reihenfolge

abspielt. Wieder so eine Gefühlssache. Aber wir

haben das nicht so sehr nachträglich gemacht,

sondern eben live im Proberaum. (überlegt) Da

war aber auch die Gefahr, dass sich das Ganze

am Ende zu konstruiert anfühlt, das wollten wir

auch nicht. Wir sind oft an diese dünne Linie

gestoßen, an der man sich darüber Gedanken

macht, was notwendiger Bestandteil ist und

was einfach nur aufgesetzt wirkt und haben

dann ordentlich gekürzt.

Denkt ihr denn auch darüber nach, Songs,

die einzeln funktionieren auch genau so zu

veröffentlichen? Also auf das Format Album

zu verzichten?

The Notwist klingen kälter als

gewohnt. Wirklich kalt sind sie

aber nicht. Eher so wie ein

Kühlschrank in einem Iglo.

M: Uns ist natürlich bewusst, dass die

Stücke auch für sich veröffentlicht werden

könnten und dass die heutigen Strukturen das

auch erlauben würden. Wir haben ja auch nie

Konzeptalben gemacht, bei denen Songs nur

im Kontext funktionieren. Wir halten das Album

aber weiterhin für ein schönes Format, auch

wenn es sicher nicht mehr so viele Menschen

gibt, die sich noch ein ganzes Album am Stück

anhören. Aber irgendwie haben wir das Album

für genau diese Hörer gemacht.

Ein Album, das eigentlich ein Mixtape,

eine Collage, ein Moodboard ist: Die Idee ist

ziemlich zeitgemäß. The Notwist schlüpfen

so, ob gewollt oder nicht, gleichzeitig in die

Rolle des Produzenten sowie des Kurators.

Gute Genre-übergreifende Mixtapes wie die,

um jetzt einfach mal ein paar zu nennen, von

Oneohtrix Point Never, M.E.S.H., Why Be

oder Grouper sind befriedigend, auch wenn

schwer zu sagen ist, was genau ihre Qualität

ausmacht. Wenn man es irgendwie schafft,

darin eine Stimmung zu konservieren – man

nennt es vielleicht auch besser "Gefühl" als

"Thema" –, die das Ganze zusammenhält, hat

man, und die Hörer natürlich auch, gewonnen.

Das Mixtape-Projekt "Close To The

Glass" birgt aber auch ein gewisses Risiko.

Ein Album zu machen, das sich beim

ersten Hören, zugegeben, ziemlich zufällig

zusammengeworfen anhört – eigentlich

exakt so wie ein geleaktes Best-of bisher

unveröffentlichter Notwist-Stücke – ist in dem

Sinne recht gewagt, da es als Album nichts

taugen, und dann auch noch irgendwie als

langweilig interpretiert werden könnte. Weil

es nämlich zunächst den Anschein macht,

dass es tatsächlich nach dem Prinzip Best-of

hergestellt wurde: für jeden etwas dabei. So

ist es natürlich nicht, auch wenn es schwer

auszumachen ist, was hier nun genau das

vielzitierte große Ganze, das größer ist als die

Summe seiner Tracks, entstehen lässt. Mal

abgesehen von dem warmen und altbekannten

Crossovor-Stil, der auch als Plinkerpop

bezeichnet wurde.

Was man nun auf "Close To The

Glass" wirklich hört, reicht von Stücken,

die fast gänzlich aus modulierten Samples

bestehen, über leicht wehmütiges Singer-

Songwritertum bis hin zu verzerrten Gitarren

und Hommagen an den Indie-Pop der

Neunzigerjahre. An anderen Stellen klingen

sympathisch stolpernde Beats, Rauschen und

Störgeräusche, Radiohead-Erinnerungen,

Geigen oder Ambient-Instrumentaltracks mit

verträumten Beats. So folgt beispielsweise

auf den Song "Casino", einer der beiden

Akustiksongs, der Track "From One Wrong

Place To The Next", eine Art meet and greet

von The Notwist, David Lynch und James

Blake, das hauptsächlich aus einem Sample

und einem HipHop-Beat besteht. Und darauf

folgt wiederum "Seven Hour Drive", welches

mit einer My-Bloody-Valentine-Gitarre

einsteigt. Nach diesem Prinzip funktioniert

also das Album: Brüche, die erst mal krass

und seltsam wirken und Stimmungen, die von

einem zum nächsten Stück mitschwingen,

auf die Hörgewohnheiten einwirken. Denn

ein neunminütiges Instrumental wie "Lineri"

klingt nun einmal anders, wenn es auf einen

Akustiksong folgt.

"Lineri" sticht sowieso ein wenig aus dem

Album heraus. Vielleicht ist es neben "From

One Wrong Place To The Next" das modernste

(und schönste) Stück der Platte. Während

vieler Live-Sessions wurde es hauptsächlich

auf analogen Synthesizern eingespielt.

Insgesamt klingen The Notwist kälter als

gewohnt. Wirklich kalt sind sie aber nicht.

Eher so wie ein Kühlschrank in einem Iglo. Was

darüber hinaus auffällt, ist Markus Achers

Stimme. Er probiert sie auf diesem Album aus,

geht ein wenig, wie man sagt, aus sich heraus.

Ebenso hat er auch den deutschen Akzent, der

auf "Neon Golden" noch zur Legendenbildung

der sympathischen, unwahrscheinlichen

Erscheinung von The Notwist beigetragen

hat, ein wenig abgelegt. Macht aber nichts.

"Es gibt nicht mehr so viele

Menschen, die sich noch

ein ganzes Album am Stück

anhören. Aber irgendwie

haben wir das Album für

genau diese Hörer gemacht."


C2C






OLIVER HUNTEMANN

BREAKBOT

TUBE & BERGER

RON FLATTER

MAGDALENA

SOLOMUN







DELTA HEAVY

BORIS DLUGOSCH

RITON

FRANCESCO TRISTANO

MEGGY

U. V. M.



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20 — 180 — MUSIK PATTEN, ESTOILE NAIANT, IST AUF WARP RECORDS ERSCHIENEN.

patten /

Para

Beats

Mit "Estoile Naian" legt

patten eine Platte hin, die

sich fraktal und unheimlich

zwischen verwaschenen

Beats gegen Personifizierung

und leichte Zugänge sperrt.

Im Gespräch erklärt er,

warum die Presseinfo zu

seiner Platte mindestes

genauso wichtig ist wie

die Tracks darauf.

Indem man Sachen nur ein ganz klein wenig

verändert, werden neue Möglichkeiten

sichtbar. Das nennt man Kunst.


TEXT MICHAEL ANISER

180 — 21

29.03.

Magic Mountain High

& Kevin O ’Day Ballett

30.03.

Hauschka

31.03.

Nils Frahm

Der knallrote "Watermark Promotional Copy"-Banner auf dem

Cover der CD harmoniert wunderbar mit der chaotischen Post-

Internet-Abbildung und auch die CD-Hülle aus PVC passt

irgendwie. Fast so schön wie eine PAN-Platte, denke ich. Als

ich die sie in meinen Laptop schiebe, erwischen mich die ersten

zerfransten Riffs des Opener-Tracks "Golden Arc" kalt. Das

ist ziemlich groß! Passen da meine Referenzen überhaupt?

Muss das wirklich sein, dass ich das anhand anderer Sounds

durchdekliniere und irgendwo einordne? Ich habe mir eine ganze

Menge Fragen für dieses Gespräch mit Patten zurechtgelegt und

versucht, das Album anhand alter Warp-Tracks abzuklopfen und

dadurch eine Art roten Faden zu finden. Auf dem Pressezettel

wird Pattens Sound querbeet mit dem Œuvre von Künstlern wie

Kim Gordon, Leigh Bowery, Jim O'Rourke, Grace Jones, Björk

und weiteren Avantgarde-Keyplayern verglichen. Er habe einen

klaren Zugang mit gleichzeitiger Sensibilität für "psychedelicallytinged

pop characteristics". Noch mehr Verwirrung. Im Interview

komme ich dann auch gar nicht dazu, meine erste Frage zu stellen.

Wir driften sofort ab. Patten bestellt einen schwarzen Tee mit

Zitrone, als ich ihn beiläufig nach Borges frage, der auch noch in

der Presseinfo erwähnt wird. Dessen "evocative maze-like short

stories" seien ein großer Einfluss für Patten. Zur Aufklärung aber

will er auch nicht beitragen: "All diese Referenzen sind eigentlich

nur Einstiegspunkte. Ich habe mich natürlich nicht hingesetzt und

eine Borges-Platte gemacht."

Doch bis wohin langt die Referenzen-reiche Presseinfo als

Teil des ganzen Patten-Konstrukts? Als Person tritt Patten in

den Medien kaum auf. Die Fotos, die es von ihm gibt, sind meist

verschwommen. Als Person, als Körper kennt man ihn nur von

seinen Live-Auftritten, bei denen er schmächtig, mit Bassgitarre

hinter einem mit Gitarreneffekten und Drumcomputern

vollgepackten Tisch steht. "Ich betrachte alle Bilder und Wörter,

sogar die Gespräche, wie dieses jetzt, als Schlüsselkomponenten

des Projekts. Deshalb gibt es auch nicht wirklich einen Unterschied

zwischen der Musik, einem Press-Release, einem Interview und

einer Live-Show. Das sind alles wichtige Elemente des selben

Projekts."

Waren denn die Keywords auf dem Pressepapier bisher

ausschließlich dazu nütze, dem Rezensenten ein paar

Wunderwörter um die Ohren zu knallen, um dessen Reviewarbeit

in die rechten Bahnen zu lenken? Darauf diese Antwort: "Wenn

wir uns überlegen, dass die Gegenwart, und alles, was bereits

geschah, auch diese Konversation, dieser Moment, Teile eines

Kontinuums sind, das bereits vor unserer Geburt beginnt. Das ist

wie ein Domino-Effekt, der zu diesem Moment führt. Und diese

Dominosteine fallen ständig. Die Elemente im Press-Release, oder

überhaupt alle Erfahrungen, all diese Artefakte und Phänomene,

mit denen wir interagieren, werden Teil von all dem, das du

hervorbringst. Jedes Wort, das in diesem Moment fällt, steht in

Zusammenhang mit der ganzen großen Geschichte; mit deinem

ganzen Leben." Patten greift sich an die Schläfen, massiert diese

kurz und starrt auf den Tisch. "Dieses Glas hier kann nur diese

eine Form haben. Oder dieses Messer: Messer sehen so aus. Aber

manchmal, indem man Sachen nur ein ganz klein wenig verändert,

werden neue Möglichkeiten sichtbar. Das nnent man Kunst."

"Was denkst du eigentlich

über das Album? Wie fühlst

du dich, wenn du es anhörst?",

fragt Patten. Ja, wie fühle ich Kann man den holistischen

mich eigentlich?

P a t t e n m o n a d i s c h

beschreiben? Hat dieser Text

als Porträt überhaupt eine

Bedeutung? "Indem ich mein

Gesicht verberge, werfe ich

eine Frage auf: Warum sollte

ein Musikprojekt überhaupt

einen Namen haben? Den

Namen einer Person? Es ist nicht so, dass es keinen Namen haben

sollte. Aber warum wird es dann plötzlich eine Person? Ich habe

mich entschieden, die Methodik ein wenig zu justieren, um zu

zeigen, dass es immer einer Art Formel gibt, die wiederum in ihrer

Allgegenwärtigkeit sichtbar wird. Sogar die Schreibweise meines

Namens wirft diese Frage auf."

Das ist irgendwie ganz schön hoch gegriffen für eine

Platte, finde ich. Mit fällt darauf erstmal nichts ein. Ich starre

jetzt auch auf den Tisch und schenke mir noch etwas Wasser

nach. Das klingt auf meiner Interview-Aufnahme ziemlich cool.

So ein sachtes Plätschern und leichtes Klimpern von Glas. Ist

das wohl auch Teil des großen Ganzen, was Patten dann für mich

sein wird? "Was denkst du eigentlich über das Album? Wie fühlst

du dich, wenn du es anhörst?", fragt er. Ja, wie fühle ich mich

eigentlich? Und dann wird mir klar, dass mich das Album ganz

schön mitgenommen hat. In den fraktalen Beats und sirrenden

Break-Splittern, in den abgehackten Riffs und zerfallenden

Song-Strukturen finden sich immer wieder superunheimliche

Momente - da, wo sich der Beat auflöst, zum Beispiel im Track

"Key embedded".

"Und eine letzte Frage hätte ich noch, wie denkst du hat

sich mein Sound verändert, seit wir uns das letzte Mal getroffen

haben?" Patten ist zugänglicher geworden, seitdem ich ihn im

Sommer 212 auf einer Fabriketage in Neukölln-Süd für eine Party

buchte. Damals waren gerade erst ein paar seiner Sachen releast

und sein Kassetten-Label Kaleidoscope war noch im Entstehen.

Hier, auf dieser unbequemen Couch in einem Berliner Hotel, fällt

mir das Wort "zugänglich" nicht auf Englisch ein und ich sage es

auf Deutsch. "Sounds like 'succulent'. Like when you describe a

fruit, that is very tasty." Und dann fällt es mir ein, "accessible",

aber succulent klingt irgendwie besser. Patten ist viel saftiger

geworden. Am Ende streiche ich mit einer Schere über die Promo-

CD, um sie sachgemäß zu vernichten, und frage mich, ob dieses

Kratzgeräusch noch zu Pattens Sound gehört.

Jetztmusik

Festival ’14

01.04.

Florian Kupfer

04.04.

Closing Party feat.

House Party,

Damiano von Erckert,

Oliver Hafenbauer &

Roman Flügel

Weitere Künstler, Infos

und Tickets unter:

jetztmusikfestival.de

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22 — 180 — MUSIK RUMPISTOL, AWAY, IST AUF RUMP RECORDINGS ERSCHIENEN.

Rumpistol /

Von wegen

Disco


TEXT BENEDIKT BENTLER

180 — 23

Schwitzende

Körper, viel zu

große Pupillen,

blitzendes Licht

durchschneidet die

feuchte Dunkelheit.

Was zur Hölle?

Der Schrecken

über die eigenen

Assoziationen zu

"Asleep", der ersten

Rumpistol-Single

des neuen Albums

ist groß: Viel zu nah

dran am Techno-

House-Gemisch, das

dieser Tage etwa

in Berliner Clubs

serviert wird. ja,

fast langweilig.

Doch dann kommt

die Einsamkeit.

"Zurück in der Zeit ist nur

eine andere Möglichkeit

des ’Going Away’."

Das erste Hören der LP in voller Länge

verschafft Erleichterung. Denn tatsächlich

liegt "Away" vom Dancefloor-Gedränge eine

gefühlte Unendlichkeit entfernt. "Asleep" ist

Ausnahme: "Das ist definitiv der Minimal-Tech-

House-artigste Track, den ich jemals gemacht

habe, auch wenn er weder traditioneller

Taktart noch Akkordstruktur folgt. Der Clap-

Sound und die Kickdrum - es überrascht

viele, so etwas von mir zu hören", weiß Jens

Berents Christiansen alias Rumpistol selbst.

Als einzelner Hit wirkt "Asleep" auch völlig

anders, als ins Album eingebettet - von

wegen Disco. Kontext, darauf kommt es eben

immer an. So ist "Away" auch unter ganz

anderen Umständen entstanden, als die 211

erschienene Melancholie-geschwängerte EP

"Talk To You". "Die EP war sehr introvertiert

und düster. Ich habe sie innerhalb eines

Winters aufgenommen. Und dann wurde ich

auch noch Vater, was trotz Planung ein echter

Schock für mich war. Die Tracks zeugen von

diesem Wahnsinn. Jetzt ist das anders, ich bin

ausgeglichener. Das spiegelt sich in diesen

zwölf Stücken wieder."

"Ich mag keine Regeln"

Dabei entführt einen Rumpistol auf den ersten

Blick nicht in die Gefühlswelt eines vollkommen

ausgeglichenen Menschen. Von Euphorie

keine Spur. Der von Red Baron und Katherine

Mills Rymer gesungene Titeltrack des Albums

zeigt schon zu Beginn, dass die Welt, in der

das Album seinen Platz hat, eine einsame ist:

"Lost my way / left you all alone / couldn't

find my way back home. You ran away / why

did you leave behind / a thousand dreams."

Die Emotionen und Inhalte seien die Eckpfeiler

des Albums, erklärt der Däne: "'Away' mag

an der ein oder anderen Stelle chaotisch

klingen, weil ich so viele Stile auf einem

Album vereint habe. Aber ich wusste schnell,

was das Thema der LP sein sollte. In dieser

Hinsicht ist es das konzeptionellste Album,

das ich jemals gemacht habe. Es handelt von

Abwesenheit, Realitätsferne, vom Unterschied

zwischen diesen beiden Zuständen." Klingt

ein bisschen nach der letzten Platte mit Red

Baron namens "Floating" und baut auch

genau darauf auf. "Floating Away", heißt es

in "Floating" auf der gleichnamigen Platte

aus dem Jahr 212. "Ich mag es, wenn meine

Projekte ineinandergreifen, ich sehe dieses

Album als Fortsetzung zu ’Floating’, als meine

Solo-Interpretation. Nostalgie und Erinnerung

bilden aber auch bei mir das Subthema der

Platte."

So erklingt zwischen field recordings

von Kindern auch die Stimme von Berents

Christiansens Tochter und seine eigene

Stimme aus jungen Jahren - als noch die

Folk-Community seiner Eltern inklusive Tanz

und Gesang den musikalischen Horizont

des kleinen Jens prägte: "Ich habe als Kind

Kassetten aufgenommen und diese erst vor

kurzem wiedergefunden. Zurück in der Zeit ist

nur eine andere Möglichkeit des ’Going Away’."

Klingt doch alles ziemlich konzeptionell. Ob

die Menschen den roten Faden und die vielen

Kontexte, in denen sich die Platte bewegt

überhaupt erkennen können, weiß Rumpistol

selbst nicht so genau. Doch zumindest

der musikalische UK-Einschlag geht an

niemandem vorbei. Nach dem Erkunden

des Dubstep auf "Dynamo" hat dieser in

weiterentwickelter Form seinen festen Platz

in Rumpistols Soundpalette eingenommen:

"Dubstep war eines der ersten Genres, in dem

ich mich wirklich zu Hause gefühlt habe. Ich

bin ja schon immer in diese Richtung tendiert,

der Dub-Einfluss ist schon in meinen frühen

Sachen zu hören. Nur mit der Szene habe ich

nie etwas zu tun gehabt."

"Qawawali" von Pinch und auch

Shackeltons Releases auf Skull Disco

mit orientalischen Einschlägen seien die

wichtigsten Impressionen gewesen, später

Mount Kimbie und frühe Sachen von

James Blake. Womit wir beim, inzwischen

höchst unrühmlichen Begriff Post-Dubstep

angekommen wären. Jegliche Hoffnungen

darüber, dass dieser Sound uns nicht auch

noch 214 begleiten würde, werden mit

Rumpistols Album zunichte gemacht -

gleichzeitig kommen aber Zweifel an dessen

Überdrüssigkeit auf. Denn Rumpistol hält sich

wie schon bei "Asleep" keineswegs an typische

Tempi, Rhythmen oder sonstige Strukturen.

"Dubstep folgt bestimmten Regeln. Ich mag

keine Regeln." Zum Glück, denn so bleiben

nur einzelne Momente, die sich irgendwelchen

Genre-Spezifitäten beugen: hier ein Synth,

dort ein Bass, Klick, Klack, Glitch. Doch die

einzige Kontinuität, der das Album folgt, ist

die Einsamkeit, die sich während des Hörens

immer mehr um einen legt.

Der einsamste Ort der Welt

So richtig weit scheint der Däne vom

Depressiven also doch nicht weggekommen zu

sein. Und doch ist genau das der Unterschied:

Es ist vielmehr eine innere Zufriedenheit in

einsamer Realitätsflucht, die sich mehr und

mehr einstellt, während die Platte zunehmend

das Tempo verliert. Etwa das Gleiche muss

auch die leicht übersehbare Figur auf dem

Cover empfinden, als einziger Mensch in

einer surrealen Welt, die an einen Fels aus

lila Gemüse, Früchten und Süßigkeiten

erinnert. Ein Werk der niederländischen

Grafikerin Zeloot, erklärt Rumpistol: "Sie hat

auch das Cover für ’Talk to you’ gemacht.

Ich kenne sie nun schon seit Jahren und

liebe ihren Stil. Wir haben die gleichen Idole:

Heins Edelmann, der das Beatles-Cover für

’Yellow Submarine’ gemacht hat, und den

Comiczeichner Jean Geraud alias Moebius.

Auch Alejandro Jodorowsky spielt eine Rolle.

Dem Hier und Jetzt entfliehen, darum geht

es. Das Gleiche schwingt in den einsamen

Wüstenlandschaften mit, die Moebius und

Jodorowsky in ihren Zeichnungen aufgreifen."

An diesem Ort endet das Album mit

dem Track "Atacama". Inspiriert durch den

Film "Nostalgia For The Light" von Patricia

Guzmán kommt er mit der butterweichen

Stimme John LaMonicas als großes Finale

daher. Hier, am trockensten Ort der Erde, von

wo aus die Astronomen den weitesten Blick

zurück in die Vergangenheit haben, ist die

Einsamkeit am größten. "Wir sind alle allein

in dieser Welt, jeder steckt in seinem eigenen

Kopf, jeder stirbt allein. So ist es eben."

FESTIVAL

2014

PRORA

23 MAI 25 MAI

RÜGEN

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24 — 180 — KULTUR

DE:BUG PRÄSENTIERT

IM MÄRZ

22.03.

Berlin

UM:LAUT -

Hauschka

Abandoned

City -

Record

Release

Die UM:LAUT-Reihe streckt ihre Fühler

nach den Knotenpunkten von klassischer

und elektronischer Musik und Kunst

aus. Die intermediale Veranstaltung

hat zuletzt Nils Frahm an das Piano

gebeten, im März darf nun Hauschka im

Rahmen eines Record–Release-Konzerts

sein neues Album “Abandoned City“

präsentieren. Klangästhetisch orientiert

sich das wieder mehr an seinen ruhigeren,

früheren Veröffentlichungen. Inspiriert von

Geisterstädten untersucht der für seine

Innovation in der Disziplin des präparierten

Pianos bekannte Musiker den Anmut und

die Melancholie, die solche verlassenen

Siedlungen auszeichnet. Klebeband, Filz,

Holz und Tischtennisbälle finden ihren

Weg in Hauschkas Instrument und sorgen

mit ihren Störungen für schwebende,

außerweltlich anmutende, meist rhythmische

Kompositionen. Am Samstag, den 22. März

wird Hauschka die Räume des Radialsystem

V zusammen mit zwei programmierbaren,

sich selbst spielenden Pianos beehren –

ein Flügel samt Präparation hat Hauschka

natürlich auch im Sperrgepäck.

14.03. -

23.03

Berlin

MaerzMusik

2014

Die 13. Ausgabe des internationalen

Festivals für aktuelle Musik der Berliner

Festspiele wendet sich an die akustische

Heimat. Mit dem Motto "Nach Berlin! Nach

Berlin!" richtet die Veranstaltungsreihe ihren

Blick auf die Hauptstadt als globalisierten

Ort innovativer Musikausubung. MaerzMusik

möchte das breite Spannungsfelde

zwischen zeitgenössischer Komposition

und aufstrebender Musikschaffender

repräsentieren. Wie gewohnt, wird groß

aufgefahren: 55 Kompositionen, davon

19 Uraufführungen. Etwa “Roomtone

Variations“, ein neues Stück des Komponisten

Nicolas Collins, der durch seine Innovationen

im Bereich der homemade electronics

bekannt wurde, erfährt in einer Fassung

für Klavier seine Premiere im Berghain.

Weitere Highlights sind Aufführungen

einer Komposition von Alvin Lucier und ein

seltenes Europakonzert der australischen

Jazz-Minimalisten The Necks. Das Festival

findet in vielen verschiedenen, mitunter

außergewöhnlichen Venues der Stadt

statt - unter anderem im Haus der Berliner

Festspiele, der Paul-Gerhardt-Kirche in

Schöneberg, den Sophiensälen und dem

Museum für Naturkunde.

29.03. -

05.04.

Mannheim

JETZTMUSIK-

FESTIVAL

Auf welchen Prämissen beruht die

Unterscheidung von Hoch- und Popkultur?

Das Ziel dieser Frage ist kulturelle

Trennungen als absurd zu entlarven - ein

praktischer Ansatz dazu wird in Form

von Medien- und Genre-übergreifenden

Konzerten, Performances und Workshops

angereicht. Unter anderem werden Künstler

wie Patten, Magic Mountain High mit dem

Kevin O’Day Ballett, Nils Frahm und Andrew

Pekler ihre Klangwellen und Visualisierungen

beauftragen, die Frage zu beantworten. Der

Cinemix, bei dem ein Stummfilmklassiker

neu vertont wird, wird 2014 von Florian

Kupfer übernommen. In Verbindung mit dem

Vertrauen auf die formgebende Qualität

einer sorgfältig ausgesuchten Kulisse, wie

zum Beispiel die Gondolettas im Mannheimer

Luisenpark, hat das Jetztmusikfestival eine

ernst zu nehmende Relevanz im Gros der

Festivals, die unkonventionelle Blickwinkel

auf vermeintlich vertraute Ausdrucksformen

liefern wollen. Premiere feiern dieses

Jahr zudem Podiumsdiskussionen und

ein Symposium, welches die Trennlinien

zwischen Pop- und Hochkultur weiter

erörtern werden.

WWW.UMLAUTLIVE.DE

WWW.BERLINERFESTSPIELE.DE

WWW.JETZTMUSIKFESTIVAL.DE


25.03. -

30.03.

Frankfurt

7. Lichter

Filmfest

Sechs Tage, acht Spielstätten, 60 Filme

aus fünfzehn Ländern. Auf dieser Basis

entsteht das mittlerweile 7. Lichter Filmfest

in Frankfurt, welches vom 25. bis 30. März

stattfindet. Den diesjährigen Schwerpunkt

im internationalen Programm setzen die

Festival-Veranstalter mit dem Thema

“Humor, Komik und Komödie“. Geboten wird

außerdem eine Alternative aus spannenden

Vorträgen, Diskussionen, Barabenden bis

hin zu Partys rund um das Geschäft des

Lachens. Ganze vier Deutschlandpremieren

finden im Rahmen des Filmfests statt,

darunter Rosa von Praunheims "Praunheims

Memories" und "Lost Coast" von

Underground-Filmemacher M. A. Littler.

Durch tatkräftige Unterstützung vom Institut

für Theater- Film und Medienwissenschaften

der Goethe-Universität sowie dem Museum

für Komische Kunst werden in insgesamt

neun Spielstätten komisch-faszinierende

Bilder gezeigt. Auch die fünf Gewinner

des Lichter Art Award 2014 werden Ende

Februar bekannt gegeben und ihre Kurzfilme

auf dem Festival vorführen. Von Gérard

Depardieu über Helge Schneider bis hin zu

James Gray ist bei dem Zusammentreffen

von internationaler Großproduktionen auf

unabhängiges Autorenkino und engagierten

Dokumentarfilm für jeden Zuschauer etwas

interessantes zu finden.

01.03. -

31.03.

München

Marry Klein

im Harry

Klein

Es herrscht immer noch Gendertrouble auf

dem Dancefloor. Das Harry Klein hat sich für

den März 2014 daher ein Ziel gesetzt. Unter

dem Motto “Lets Turn The Tables“ werden

einen Monat lang ausschließlich Frauen

den Münchener Club bereichern. “Wenn auf

einem der größten Festivals zehn Prozent

Frauen auftreten, ist das schon viel“, sagt

Susanne Kirchmayr von female:pressure,

und beruft sich auf eine, im letzten Jahr

durch das Netzwerk von Künstlerinnen

erhobene Statistik. Frauen stehen viel

seltener mit der eigenen Kunst im Fokus der

Öffentlichkeit. Vor allem in der elektronischen

Musik ist der Großteil des Mittelpunktes der

Szene hauptsächlich männlich. Umrahmt

von einem vielfältigen Programm bestehend

aus Workshops, Lesungen, Diskussionen

und Ausstellungen soll das Rampenlicht voll

und ganz den Frauen gehören. Beginnend

am 1. März wartet das Festival mit vielen

verschiedenen Terminen wie dem Münchner

Mädels Abend am 6. März mit Tanja

Spielvogel, Arta Narini, Chartreuse und TPS

Nostromo als VJ oder auch der Nacht mit

Helena Hauff, Essika, Jaz Elle, tatkräftig

unterstützt von den Visuals von F4nt4st bis

hin zum abschließenden Ableton Workshop

mit Maya C. Sternel.

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26 — 180 — MUSIK BILD CHRISTIAN WERNER

Diedrich

Diederichsen


Abenteuer

ist gerade

das ganz

große Ding


INTERVIEW SASCHA KÖSCH & TIMO FELDHAUS

Mit "Über Pop-Musik" legt

der Papst der Popkritik sein

Opus Magnum vor. Auf 500

dichtbeschriebenen Seiten

präsentiert der Mann mit

dem originellen Namen das

fulminante Ergebnis seines

jahrelangen Nachdenkens

über einen Gegenstand, der

exakt genauso alt ist wie

er selbst - Und vielleicht

gerade im Sterben liegt.

Von Totems, Tabubrüchen,

Posen, Pakten und

Popschmerzen. Denn Pop-

Musik, sagt Diederichsen,

ist gar keine Musik.

De:Bug: Wie definierst du Pop-Musik?

Diederichsen: An Pop-Musik ist für mich

entscheidend, dass es mehrere getrennte

Ausgabeorte gibt, die aber zusammengehören

und zusammengeführt werden müssen. Es

gibt keine einheitliche Medienarchitektur

dafür, das Zusammenführen wird zu einer

Aufgabe des Rezipienten. Pop-Musik ist ein

Gegenstand wie Kino. Aber Kino ist nicht

Film und Pop-Musik ist in diesem Sinne

nicht einfach gleich Musik. Kino ist eine

Mischung aus einer Institution und einem

Medienverbund, oder wie man heutzutage

sagt, Dispositiv - aus verschiedenen

Vorentscheidungen wie einem Darkroom oder

einer Projektion, um den Film einem Publikum

sichtbar zu machen. Pop ist aus verschiedenen

Momenten zusammengesetzt: Zum einen

häufig gesehene Bilder der Protagonisten,

direkt aufgenommener, nicht in erster Linie

live gehörter Klang, aber auch öffentliche

Abspielstätten, Kultstätten und Outfits, das

Leben. Zum anderen die Möglichkeit für den

Rezipienten, das selbst umsetzen zu können.

Dass man Leuten erfolgreich klarmachen

kann, anders noch als im Kino, dass wir und

nicht irgendwelche Architekten diejenigen

sind, die das zusammensetzen müssen: Das

ist Pop-Musik.

Du schreibst, dass Pop-Musik am

Anfang ein fließender Prozess war. Gibt

es für dich einen Zeitpunkt, wo Pop-

Musik beginnt?

In dem Moment, wo das Fernsehen

das wiederholte, häusliche Anschauen

von Bewegtbildern der Protagonisten

institutionalisiert und der Switch vom

Geschäftsmodell Sheet-Music-Verkaufen

zum Modell Recordings-Verkaufen

stattfindet. Das hat sich erst richtig in den

5er-Jahren eingependelt. Um 194 hat

man noch nicht viel Geld mit Schallplatten

gemacht. Die Musikindustrie wurde noch von

Verlagen dominiert. Diese beiden Objekte, und

dass es etwas gibt wie eine Kommunalität,

ein bestimmtes Gemeinschaftsgefühl, das zu

dieser Musik gehört - all das sind Phänomene,

die, plus minus fünf Jahre, so rings um 1956

passieren. Und ich sage '56, weil es das Jahr

war, in dem Elvis im Fernsehen zu sehen war,

und zwar ganz oft. '57 war er schon im Kino.

Du sagst auch, dass an der Figur des

Jazz-Spielers eine Prä-Pop-Figur

entworfen wurde. Nichtsdestotrotz:

Würdest du den Pop-Initiationsmoment

nicht vorher setzen?

Vielleicht. Der ganze Komplex existiert

für mich aber erst da, wo alle Komponenten

zusammentreffen. Das ist genau wie mit

dem Internet. Ist es das Arpanet, oder wann

beginnt es wirklich? Es geht eben um eine

relevante Zäsur.

Musik ist dabei immer nur ein Teil des

Systems, eins unter vielen, richtig?

Pop-Musik klingt immer so, dass ich

wissen will, wie die Person aussieht, die

diesen Klang verursacht. Da komme ich schon

zur nächsten Ebene, ich kann gar nicht weiter,

ohne dass diese Neugierde entsteht. Und

dann ist die Frage, wo finde ich dieses Bild?

Finde ich es im Umfeld der Tagesthemen,

meiner Eltern, oder finde ich das Bild an

einem verrufenen Ort, riecht es drum herum

nach Haschisch? Was kontextualisiert die

Befriedigung dieser Neugier? Dann schickt

mich dieses Bild in einen sozialen Raum, in

dem ich noch nie, oder auch schon ganz oft

war. Das sind alles Sachen, die nacheinander

passieren. Es kann auch sein, dass in der Zeit

schon etwas abbricht, oder etwas Neues

passiert. Das ist sehr dynamisch, fließend

und offen. Diese Rezeption ist niemals

abgeschlossen. Ich kann auch schon wieder

gelangweilt sein, noch bevor ich überhaupt

die Rezeption abgeschlossen habe. Sehr oft

gibt es ja diesen Fall, dass man von einem

Cover angezogen ist, man kommt aber nicht

dazu, das zu hören, oder es begegnet einem

nicht wieder. Oder erst später begegnet

einem etwas wieder, das vom selben Urheber

kommt, aber dann sind drei Monate ins Land

gegangen und der Sound ist schon total

uninteressant geworden. Die Attraktion des

Covers ist noch da, wird aber nicht mehr

vom Sound gedeckt, weil man ihn schon von

woanders her kennt. Der Komplex, aus dem

das alles zusammengesetzt ist, schließt sich

nicht.

Die Art, wie du das jetzt beschreibst,

spiegelt den Stil deines Buches ganz gut

wider. Der Titel ist ja unglaublich offen.

Du hättest es auch "Theorie der Pop-

Musik" nennen können - was bei einem

5-seitigen Opus Magnum viele Leute

sicher sowieso erwarten. Aber diese

Erwartungshaltung weicht beim Lesen

eher dem Eindruck eines close writing,

wo es von einen zum anderen mäandert.

Das Vor wor t versucht alle

architektonischen Komponenten der

Theorie zu benennen. Und dann werden

diese aus verschiedenen Perspektiven, ein

Mal die historische, die - wenn man so will

"Warum führen

heutige Hörer

so einen trüben

Kampf um die

Bestände? Wenn

ich jung wäre,

würde ich nicht

wollen, dass die

Traditionen des

Indie-Rock und der

Techno-Kultur

es dringend bis

ins Jahr 2030

schaffen."

- zeichenbezogene, die ästhetische und

die gesellschaftliche verfolgt. Zum Titel: Es

gab bereits einen anderen Titel, der etwas

Manifestartigeres hatte. So etwas wie

"Plädoyer für…". Dann ist mir aufgefallen, dass

meine Bewertung des Beschriebenen auch

während des Schreibens ziemlich schwankt.

Bis mir immer klarer wurde, dass es relativ

egal ist, wie ich das eigentlich finde.

Ist das beim Schreiben über Pop ein

großer Moment, wenn man plötzlich

merkt, dass das Ich nicht so wichtig ist.

Warum schreibt man denn ein Plädoyer

für etwas? Entweder, weil es sich noch

nicht durchgesetzt hat, oder weil man eine

andere Art von Unterstützung erwartet, eine

institutionelle, eine, die in einer anderen

Ebene spielt. Das erschien mir aber nicht

mehr nötig. Also bleibt die Frage, wie ich das

finde - im Verhältnis zu dem, was ich darstelle

und woraus es sich zusammensetzt - relativ

unwichtig. Mir ist es natürlich nicht unwichtig,

wie ich es finde, aber ich bin vielleicht nicht so

wahnsinnig zentral. Noch einmal zum Titel: Ich

war im Freud-Museum in Wien und da stand

ein Buch das hieß…

...Über-Ich?

Hervorragend! Mein Titel ist aber leider nicht

mit Bindestrich geschrieben... Nein, es war ein

Buch, das Freud studiert hat und das sehr gut

aussah und es heißt: "Über Kokain". Das war

der Auslöser. Die Bestätigung war dann die

180 — 27


28 — 180 — MUSIK

Tatsache, dass ein Text, mit dem ich mich viel

auseinandersetze "Über Jazz" heißt.

Am Anfang des Buches bringst du dich

selbst ins Spiel. Du erzählst etwa vom

ersten Konzert und liebäugelst mit

der Hybris - die ja aber auch einfach

Fakt ist - dass Pop mit deiner Geburt

losgeht und mit Redaktionsschluss des

Buches endet. Am Ende findet sich

dann sozusagen ein Ende der Pop-

Musik. Du gibst dir nicht viel Mühe, sie

für die Zukunft zu verteidigen, oder?

Das ist nicht meine Aufgabe, es gibt

genügend andere, die das tun können.

Vielleicht werden sie es tun, vielleicht wollen

sie es aber auch nicht richten. Vielleicht

wollen sie einen Paradigmenwechsel haben.

Oder den Sound des spekulativen Realismus,

und der heißt dann ganz anders. Aber davon

abgesehen, für die generationelle Einstufung

bin ich schon fast zu spät. Ich bin 1957, also

schon in die Pop-Musik hineingeboren.

Diejenigen, die beim Beginn wirklich dabei

waren, sind ja nicht davon geprägt worden.

Denen kam das eher komisch vor.

Dein Konzept von der Nische als

mögliche Zukunft der Pop-Musik

erinnert an die klassischen Deleuze-

Konzepte von Minorität und Meute. Gibt

es da einen Unterschied für dich?

Die Minorität von Deleuze ist noch

heroischer als die Nische bei mir. Dieses

Minoritär-Werden, überhaupt die ganze

Deleuze-Welt, ist mit dem heißen Herzen

einer noch nicht als verloren geglaubten

Auseinandersetzung geschrieben worden.

Ich weiß nicht, ob ich der Nische so viel

zutraue wie Deleuze dem Minoritär-Werden.

Warum sollten heutige Hörer auch so einen

trüben Kampf um die Bestände führen? Wenn

ich jung wäre, würde ich wohl nicht unbedingt

wollen, dass die Traditionen des Indie-Rock

und der Techno-Kultur es dringend bis ins

Jahr 23 schaffen.

Du schreibst von "Phantomschmerzen

ehemaliger Relevanz".

Ich stelle mir oft die Frage, wie sich

etwas für jemanden anhört, der noch nie das

und das gehört hat. Man kann mit solchen

Gedanken oder Erfahrungen Experimente

machen, auch wenn das tautologisch ist. Man

versucht die eigene Prägung zu überlisten.

Sie als schleimig und banal zu erkennen und

wiederum etwas, das man nicht ertragen

kann, doch ertragen zu lernen. Für dieses

Buch war wichtig, dass ich viel Musik gehört

habe, die keine Pop-Musik ist. Und wenn man

mit dieser Haltung dann wieder Pop-Musik

hört, hört man etwas ganz Komisches. Etwas

sogar ausgesprochen Seltsames.

Was meinst du damit?

Es ist eben unerträglich! Aber das hält

nicht lange vor und dann bekommt man auch

wieder die Pop-Musik-Perspektive rein.

Wann hattest du das letzte Mal das

Bedürfnis, jemanden mit der, zu Beginn

des Buches so prägnanten "Pop-Musik-

Frage" anzugehen: "Was ist das da für

ein Typ? Was sind das für Leute? Was

wollen die? Wie sind die?"

Das habe ich immer noch. Auch weil es

ein Bedürfnis darstellt, das nicht unbedingt

etwas mit Zustimmung zu tun hat. Es

heißt ja manchmal auch: Was sind das für

Arschlöcher? Das ist natürlich am stärksten

dort, wo Menschen mit Stimmen auftreten. Wo

die Abweichung von Klangidealen, von nicht

markierten Klängen deutlich wird. Ich habe

gerade eben einen Text in der FAZ über Dieter

Bohlen gelesen. Da wird ihm zugestanden,

dass er Recht gehabt hätte, als er sagte:

"Die Kunst besteht darin, allgemeingültige

Musik zu machen. Wenn man zum Beispiel auf

dem Klavier eine Prince-Partitur nachspiele,

dann klinge das nach Nichts. Wenn man

das bei 'Brother Louie' macht, dann klingt

das wie Mozart." Da ist alles gesagt,

worüber wir gerade sprachen. Alles falsch

natürlich! Eine Prince-Partitur klingt ja viel

interessanter als Brother Louie, wenn man sie

auf dem Klavier spielt, das ist geradezu ein

Verfremdungseffekt. Aber es stimmt natürlich

auch nicht, dass das ein Kriterium darstellen

soll. Und da gipfelt es in dem Satz: "Die Kunst

besteht darin, allgemein verständliche Musik

zu machen." Musik die keiner versteht, könne

doch jeder. Das Problem ist aber, dass man

so bereit ist, alles zu verstehen. Man hat ja

für alles Verständnis. Ich würde sehr gerne

Musik hören, die man nicht versteht. Wenn

das mal passiert, dann ist das natürlich das

größte Geschenk, das es gibt. Dann habe ich

die nächsten Tage etwas zu tun."

Das sagt sich so aus der Perspektive,

aus der Pop-Musik im Sinne des

"mehr und weiter" tot ist. das kenn

ich noch, als Techno aufkam, da gab

es diesen Moment - jedenfalls bei

mir im Ländlichen - extrem. Da tönte

es überall: Das kapiere ich überhaupt

nicht, das ist ja gar keine Musik.

Diese Problem hatte ich, als ich 197

das erste Mal "Ain't It Funky Now" von James

Brown hörte. Da war ich 13. Das war ein Stück

ohne Harmonien. Das fand ich unglaublich.

Ich hatte zwar bereits Musik gehört, die nicht

auf Harmonie basierte, Prog Rock mit langen

Improvisationsstellen, bei denen es quasi egal

war, dass keiner mehr einem Akkordschema

folgte und es keine Kadenzen mehr gab, aber

das war dann immer noch als individuelle

Artikulation erkennbar. "Ain't It Funky Now"

war einfach nur funky. Und das war in den

Charts.

Populäre Musik im Sinne von Chartmusik

findet in deinem Buch weit weniger

statt, als man sich bei einem Buch über

Pop-Musik vielleicht denken würde.

Cher kommt vor.

Ja, auch Elvis Presley und die Beatles,

David Bowie, ein paar HipHop-Größen

aber dann ist auch schon Schluss. Dafür

sehr viel Jazz und Avantgarde.

Eine Idee des Buches ist ja, dass Pop-

Musik nur das nachvollzieht, was John Cage

sich experimentell ausgedacht hat. Pop-Musik

zieht die wirklichen Konsequenzen davon. Ich

erkläre aber auch, dass ich von Pop-Musik

im emphatischen Sinne spreche, also einer

Musik, mit der Menschen etwas Existenzielles

verbinden.

Es wird Kinder geben, welche die neue

Platte von Miley Cyrus sehr existentiell

finden...

Das ist auch völlig berechtigt, aber was

ich sage trifft auch auf die Erfahrung dieser

Kinder zu. Doch da reicht mir das Elvis-

Presley-Beispiel. Strukturell ist das dasselbe.

Wenn du sagst die Pop-Musik hat immer

schon wahr gemacht, was bei John Cage

nie geklappt hat, beschweren sich

wieder die klassischen Wissenschaften,

dass du einem Gegenstand, der an sich

blöd ist, einen viel zu schweren und vor

allem schlauen Überbau aufsetzt.

Der Punkt ist: John Cage hat gedacht,

jetzt, wo wir den Einzelklang in seiner

"Ich würde sehr

gerne Musik

hören, die man

nicht versteht.

Wenn das

passiert, ist das

natürlich das

größte Geschenk.

Dann habe ich die

nächsten Tage

etwas zu tun."


DIEDRICH DIEDERICHSEN, ÜBER POP-MUSIK, ERSCHEINT BEI KIEPENHEUER & WITSCH.

180 — 29

unglaublichen Singularität aufzeichnen

können, müssen wir fürderhin nichts weiter

tun, als uns mit diesem einzelnen Klang in

seiner kontingenten, schillernden, bizarren

Einzigartigkeit beschäftigen. Das ist als erster

Gedanke, in Bezug auf die Möglichkeiten des

Recordings, richtig. Aber jetzt kann man

etwas damit machen - und er tut es ja auch.

Aneinanderreihungen, Kriterien, Würfeln. Man

kann aber auch noch analytischer vorgehen,

und das tut die Pop-Musik: Was heißt denn

Singularität für Phänomenologen? Was

bedeutet denn das in der Lebenserfahrung

des Einzelnen? Natürlich ihr eigenes Leben,

ihre eigene Einzigartigkeit, Sterblichkeit. Dann

müssen wir diese kontingenten Klänge in eine

Architektur bringen, in der die Leute ihnen

begegnen können. Und das tun wir am besten,

indem wir sie in etwas bereits Verständliches

einbetten. In etwas, das die Leute nicht so

erschreckt: das einfache Liedchen.

Singularität findet man im Buch auch

als Polarität zu einem Schließfach.

Verschiedene Menschen oder Pop-

Fans, die dasselbe Schließfach öffnen

können und dadurch Gemeinsamkeit

spüren. Das ist dann ja auch eine Art

Subkultur-Theorie. Im langen Vorwort

des Nachdrucks deines ersten Buches

"Sexbeat" steht, dass Techno eine

wahre, glückliche Immanenz markiere

und damit zugleich das Ende des

Prinzips Gegenkultur. Was machen

wir denn nun ohne die Subkulturen,

die heute direkt vom Mainstream

eingemengt werden?

Subkultur im starken Sinne muss es

nicht sein. Eher eine Spezialkultur. Wenn

jede Community um etwas herum als

Subkultur bezeichnet würde, dann würde

Pop-Musik ohne Subkultur sinnlos sein. Was

im Vorwort von "Sexbeat" steht, bezieht sich

eher auf historische Abläufe. Dass es einen

Moment gab, in dem in bestimmten Formen

von Nachtleben die Geste der Separation

unattraktiv wurde, und auch ästhetisch

suspendiert wurde, beispielsweise durch

Immanenz-Begeisterung. Das heißt nicht,

dass sie für alle Zeit unmöglich ist. Das

rhetorische Ziel des Vorwortes von Sexbeat

ist ja auch eher, die Entstehungszeit von

"Sexbeat" historisch zu kontextualisieren.

Dieses Ziel hat mit dem jetzigen Buch aber

nur am Rande zu tun. Hier geht es ja um eine

andere historische Folie.

In gewisser Weise ist ja das Internet die

Pop-Musik geworden. Nach Techno kam

Internet. Ein bruchloser Übergang.

Damit kann ich ein bisschen leben. Das

ist eine erweiterte Zusammensetzungs-

Maschine, jetzt wieder mit einem zentralen

Ort, zumindest einem zentralen Medium.

Aber es muss eben trotzdem etwas anderes

dazu kommen. Das Affektive, wofür ich im

Buch Roland Barthes Punctum benutzt

habe. Der Moment, wenn man kathartisch

auf die eigene Sterblichkeit angesprochen

wird, die eigene und die derjenigen, die man

liebt. Dazu gehört auch, dass ich versuche,

eine bestimmte Erfahrung zu sozialisieren

- ich will es teilen. Denn die Erfahrung

selbst ist nicht historisch, sondern erst das,

was ich damit mache, nämlich wenn diese

Vergänglichkeitserfahrung mit bestimmten

Gerüchen, Klängen usw. in Verbindung steht,

etwa Schreien und Tanzen, Sexualität usw.

Damit das funktioniert, braucht das Internet

ein Außen, mit dem es sich verknüpfen kann.

Wie, ist nicht klar. Aber ich glaube, eine zweite

Welt muss hinzukommen: Man verabredet

sich zu etwas. Und das muss dann auch

mit Lebensgefahr oder mit Abenteuer zu

tun haben. Abenteuer ist gerade das ganz

große Ding. Deshalb ist auch spekulativer

Realismus so groß. Er ist abenteuerlich,

weil er von Kultur-Kultur nicht-einholbare

Erfahrungsmodelle eröffnet. Es gibt ja zu

diesem Erfahrungs-Begriff, Kick-Begriff

mimetische Nachmodellierungen in Drone-

Musik oder…

…Post-Internet Art?

Kunst ist immer so eingehegt. Dass

es eine Kunst geben soll, die damit zu

tun habe, sehe ich weniger. Bildende

Kunst ist wahnsinnig korrelationistisch,

um das Lieblingswort der spekulativen

Realisten zu gebrauchen. Natürlich ist alles

korrelationistisch, aber Drones haben die

Anmutung, sie seien ein anderer Planet.

Bildende Kunst hat diese Anmutung nicht.

Sie hat die Anmutung, der hat bei dem und

dem studiert und will das und das machen

und das ist ganz gut gelungen. Ich wollte nur

darauf hinaus, dass man sagen kann: Ja,

Internet ist Pop-Musik, aber es muss noch

etwas hinzukommen.

Techno ist over, Jugendbewegungen

gibt es nicht mehr und Pop

wird zur Produktionsstätte von

Selbstausbeutung im künstlerischen

Milieu: Im Grunde findet Pop seit

Jahren nur mehr als Negativ-Erzählung

statt.

Es gibt schon noch positive Erzählungen.

Etwa die immer noch nicht abgeschlossene

queerfeministische, anarchistische und

postkoloniale Erzählung. Drei Dinge, die

durchaus auf einer mittelgroßen Flamme

köcheln. Du hast unter Leuten, die so

Mitte Zwanzig sind, viele Anarchisten.

Auch die, die einen ökologisch-veganen

Anarchismus erleben und das mit einer recht

komplexen Kultur und bestimmten Künsten

in Verbindung bringen.

Kann es nicht einfach noch mal eine

Welle von ganz explizit politischer

Musik mit Forderung einer ganzen

Generation geben?

Wahrscheinlich nicht in der Form eines

Songs. Wie etwa einer, in dem Rage Against

The Machine etwas sagen. Warum nicht

einfach nur Drums? Meine These wäre: Diese

Verbindung klappt nicht, weil die Anliegen

gerade so fundamental sind, dass Musik

viel zu eng wäre. Viel zu spezifisch. Es geht

politisch im Moment – von Kairo bis Kiew

- um das Gegenteil von Subkultur. Um die

Rahmen der Rahmen. Da kann man es nicht

gebrauchen, dass etwas so individuell und

subjektiv gefärbt ist wie Musik.


30 — 180 — SMARTCORE

smart

core


180 — 31

Die Smarte Welt muss einfacher

werden. Dafür sollen Gefühle

und Emotionen sorgen. Doch was

passiert, wenn die Netze mit liebe

aufgeladen werden und chips

unser mitgefühl wecken? eine

machtverschiebung, behauptet

Spike jonze in "Her" - oder ist

das doch eher psychoanalyse?


32 — 180 — SMARTCORE BILD NEVEN MRGAN

TEXT FELIX KNOKE

Die Fixierung auf smarte

Netzwerke und unsichtbare

Interfaces verbaut den

Blick auf den Computer als

perfekten Arbeitsplatz.

Computer wissen so

viel über sich selbst -

warum zapfen wir dieses

Wissen nicht an?

Die Dummheit der Geräte, ihre Offenheit,

ihre perfekte Diesseitigkeit könnte eine neue

Sorte von souveräner Smartness bedeuten.

Die Computer und Netze sind kontrollierte und

kontrollierbare Umwelt, ein durchdringbarer

Zustand. Problem: Bislang weiß nur der

Computer selbst über sich Bescheid. Und

anstatt uns teilhaben zu lassen, speist er

uns mit "cleveren", "intelligenten", "flüssigen"

Oberflächen ab. Ich will eines werden mit dem

Rechner und wünsche mir also ein einfaches

Programm. Eines, das eine Momentaufnahme

meines aktuellen Computer-Zustands

machen kann: An welchem Ort ich zu welcher

Uhrzeit welche Texte las, Musik hörte, Filme

schaute, welche Programme liefen, welche

Daten zu mir und welche von mir weg flossen,

welche Personen per Mail, Chat, Facebook

mit mir verbunden waren, welche Telefonate

eingingen und ausgingen - und vor allem:

wie das alles miteinander zusammenhing.

Ich möchte mich also komplett überwachen,

um zu einem späteren Zeitpunkt zu einem

Zustand von mir zurückkehren zu können.

Dieses Programm würde sich merken, was

der Computer und ich tun (nicht: denken).

Mit ihm könnte ich mich in einer schon

verlorenen Situation wiederfinden, an

verlorene Gedanken anschließen, Denkund

Arbeitsschritte rückgängig machen

und alternative Wege ausprobieren. So ein

Programm wäre der perfekte Notizzettel.

Fast schon eine Partitur für Prozesse und

Zustände, die in immer neuen Fassungen

aufgeführt werden könnte, um zu neuen

Ergebnissen zu kommen.

Dummer

Computer,

guter

Computer /

mein leben

als backup

Dieser Wunsch ist technisch und

konzeptionell relativ einfach erfüllbar. Was

man dafür braucht, existiert längst - nur

interessiert es bislang niemanden. Die

Voraussetzung dafür ist ein Eingeständnis:

Wenn ich erst einmal vor dem Computer

sitze, existiere ich ja vor allem im Computer.

Ich bin dann ein reduziertes Wesen, dessen

physische Anwesenheit auf Eingaben, die

der Computer registriert und die Ausgaben,

die ich registriere, beschränkt ist. Ich

verschmelze mit dem Computer, er ist in

diesem Bild das dominante Organ. Mein

Hirn, die Blackbox, bleibt als Interpret dieser

komplexen Zustände zunächst außen vor und

kann auf Wunsch ins Spiel gebracht werden.

Den Computer ernst nehmen

Man kann den Internet State of Mind, also

die Vorstellung, dass das Verständnis der

Vorgänge im Internet Teil unseres alltäglichen

Bewusstseins ist, wörtlich nehmen. Das

Prozesshafte ist interessanter als die


180 — 33

Produkte, das Objekthafte. Im Netzwerk sind

alle Kommunikationspartner aktiv, so wie das

Medium selbst. Dieses Prozesshafte ist die

Kommunikation aller beteiligten Maschinen,

Menschen und Algorithmen; das was passiert

und nicht das, was feststeht.

Das ist kein neuer Gedanke. Aber

aktuelle Software ist noch mit dem alten

Bild vom Werkzeug entwickelt. Sie stellt

das Ziel einer Arbeit als Ausgangspunkt

eines zielgerichteten Prozesses fest, anstatt

die Arbeit an sich verarbeitbar zu machen.

Man hat einen Wunsch, den man mit einem

Werkzeug erreicht. Man öffnet und speichert

mit unserer Alltags-Software Dinge, was

dazwischen passiert, bleibt höchstens als

Protokoll oder Strg-Z-Liste erhalten. Die

eigentliche Arbeit ist das Überflüssige, das,

was minimiert werden muss - und neue

Interfaces sollen sie noch weiter in den

Hintergrund drängen, sie unsichtbar machen.

Innovation im Umgang mit dem

Computer fand zuletzt vor allem an den

Benutzerschnittstellen statt, das hatten wir im

Interface-Special in DE:BUG 172 ausführlich

dargelegt. Sie sollen unsichtbar werden und

Zustände und Wünsche der Nutzer erkunden

und ihnen so bei der Zielerreichung nützlich

sein. Diese Fixierung auf das Ziel verhindert

aber ein Arbeiten mit den Prozessen. Die

neuen Interfaces sollen uns die Arbeit

abnehmen, sie sollen smart sein, damit wir

uns keine Gedanken machen müssen. Die

Allgegenwart der Rechenkraft wird dabei

zwar vorausgesetzt, nicht aber der Computer

als kontrollierende und kontrollierbare

Arbeitsumgebung. Dass also der Computer

selbst einen Zustand schafft - der technisch

keinerlei Geheimnis besitzt. Wenn ich mir einen

smarten Notizzettel wünsche, wünsche ich mir

also auch ein Bekenntnis zum Computer: mehr

Computer, mehr Arbeit. Zurück zum Silizium!

Speicher Deine Struktur

Denn der Computer selbst ist eine spannende

Ressource. Immerhin ist er genau der Zustand,

in dem man sich mit ihm befindet, sobald man

mit ihm arbeitet. Ihn durchströmt Arbeit, sie

erweckt ihn erst zum Leben. Und dieser

Zustand ist gar nicht einmal so abstrakt - das

unterscheidet ihn etwa von den Systemen, die

in der Interaktion mit Menschen entstehen.

Er ist in Ladezuständen von Kondensatoren,

in Programmregistern und Datenbanken

festgeschrieben. Der Zustand des Computers

ist genau die Summe seiner einzelnen Teile.

Eben weil er so plump technisch ist, kann man

diesen Zustand verstehen. Der Computer

kennt alle seine - und implizit auch einige

meiner relevanten Zustände (etwa: ob ich

am Computer sitze, wie schnell ich tippe, wie

typisch ich die Maus bewege,...). Emergenz -

das mehr als die Summe der einzelnen Teile -

entsteht erst in dem Moment, wo der Mensch

ins Spiel kommt. Und diese Emergenz könnte

man urbar machen - indem man Mensch und

Maschine entkoppelt, den Maschinen die

Deutungsmacht entreißt.

Das neue UI-Paradigma ist, dass der

Computer den Menschen interpretiert. Aber

der Computer muss ja gar nicht interpretieren.

Der Computer hat Tatsachen zur Verfügung,

das hat er dem Menschen voraus. Diese

Tatsachen transparent zu machen und

wiederum als Werkzeug zur Verfügung

zu stellen, wäre Aufgabe eines - meiner

Ansicht nach - smarteren Computers. Diese

Tatsachen sinnvoll in Beziehung zu einander

zu setzen, könnte wiederum tatsächlich

Aufgabe "intelligenter" Algorithmen sein

("Datamining am Ich")- oder schlicht mir

überlassen bleiben. Denn wer ist hier smarter,

der Computer oder ich? Ich will ja, zunächst,

nur einen Supernotizzettel, eine Time-

Machine für meinen Arbeitsplatz. Aber man

kann auch weiterdenken und den Prozessen

noch mehr Gewicht geben. Ich stelle mir

eine Flowchart meiner Tage vor. Durch

maschinelles Lernen oder meine eigene

Hand will ich Prozesse und Zusammenhänge

in funktionale Gruppen zusammenfassen,

die ich wiederum an anderer Stelle in die

Struktur einsetzen kann. Ganz einfach:

Gestern, im tollen Moment eine andere Musik

- wie fühlt sich das an? Was unterscheidet

einen guten Zustand von einem schlechten

- welchen Prozess, Input, Output könnte ich

aus einer vergangenen Situation entfernen

oder hinzufügen, damit

ich aus einer verfahrenen

Situation komme? Ich

möchte meinem Fluss

eine Struktur geben

und diese Struktur

verändern. Ich möchte

meine Alltagschemie

funktionalisieren. Ich

möchte etwas, das

ich eh intuitiv mache,

verstehen und damit

experimentieren. Und

weil mein Arbeitsplatz

der Computer ist und

mein Computer alles

über sich weiß, muss ich

ihn dafür nur fragen.

Dafür fehlt mir das

Werkzeug. Gebt mir einen Supernotizzettel!

Ich will nicht smartere Programme, ich

will selbst smarter mit meinen Zuständen

umgehen, nämlich indem ich endlich Souverän

meines Arbeitsplatzes bin - und nicht, wie

bislang, Sklave meines Schreibtisches. In der

Welt der smarten Computer und Algorithmen

möchte ich ein bisschen mehr zu sagen

haben. Zumindest über mich selbst.

Ich möchte mich

komplett überwachen,

um zu einem

späteren Zeitpunkt

zu einem Zustand

von mir zurückkehren

zu können.

Weitere Informationen unter:

www.folkwang-uni.de/pop


34 — 180 — SMARTCORE

TEXT CHRISTIAN BLUMBERG

HER /

Love OS

"Her" ist keine Science-

Fiction, sondern ein

Beziehungsdrama.

Spannend ist vor allem

die Kameraarbeit, die sich

nicht mehr um eine analoge

Vergangenheit schert.

"Are you social or anti-social?" Das, und

eine Auskunft zum Verhältnis zur eigenen

Mutter, mehr muss die App nicht wissen, um

dem befragten User ein customized OS zu

generieren. In der nicht fernen Zukunft, in der

Spike Jonze seinen neuen Film angesiedelt hat,

ist so ein sprachgesteuertes Betriebssystem

eine mächtige Künstliche Intelligenz mit eigener

Gefühlswelt, aber auch mit vollem Zugriff auf

seinen Benutzer, dessen analoger Aspekt

nurmehr der eigene Körper ist. In der nicht

fernen Zukunft von "Her" liest und versendet

ein solch personalisiertes OS nicht nur dessen

E-Mails oder verwaltet dessen Festplatte, es

kann auch ein Freund werden. Der tröstet,

scherzt und jederzeit zur Verfügung steht. In

dieser Zukunft ist es deshalb auch gar nichts

Ungewöhnliches, dass Menschen ihr OS daten.

Mittels Smartphone und dezentem Headset in

stetem Kontakt stehend, wird das Verhältnis

mitunter so intim, dass OS und Mensch sich

verlieben, Sex haben, eine Beziehung führen.

"Her" ist keine Science-Fiction, sondern

ein Beziehungsdrama. Einen guten Teil seines

Humors schöpft der Film aus der Deklination

von Szenen, die zum festen Inventar des

romantischen Fachs gehören: Frischverliebte

vergnügen sich auf der Kirmes oder spekulieren

am Strandbesuch über die Leben anderer

Badegäste. Und bei der ersten Beziehungskrise

lässt Theodore sich zu nokturnem Jazz

einsam durch die große Stadt treiben. Solche

Rückgriffe aufs Genre-Inventar sind (ebenso

wie die gewählte Form des konventionellen

Dreiakters) ein Ausweis der Normalität der

Beziehung zwischen Mensch und Algorithmus.

Sie untermauern ein anfängliches Versprechen

des Films, welches darin besteht, dass "Her"

eine Fiktion über eine neue körperliche oder gar

gesellschaftliche Identität sei.

All eyes (ears) on Samantha, der eigentlichen

Hauptfigur. Eine Stimme, die nicht einmal einen

Avatar besitzt, ein akusmatisches Wesen, eine

technisch induzierte Präsenz, ein Geist. Dass

ausgerechnet Scarlett Johansson Samantha

ihre Stimme leiht, ist zunächst ein schöner

Kniff, der dem Hollywood'schen Starsystem

den sichtbaren Körper entreißt, dabei aber

die Star-Aura erhält. Das ist ein Gag, ein sehr

guter sogar, der sich erst verflüchtigt, wenn

Samantha Emotion und Begierde entwickelt:

"You helped me to discover my ability to

want", sagt sie zu Theodore. Da ist Theodore

seinem körperlosen OS längst verfallen. Und

während die beiden unter kalifornischer Sonne

sitzen und sich an anatomischen Albernheiten

erfreuen ("What if your butthole was in your

armpit?"), will man doch gerne mehr über

die Beschaffenheit dieses Betriebssystems

erfahren. "Her" kümmert sich aber nur beiläufig

um eine ontologische Bestimmung Samanthas.

Wo künstliche Intelligenzen in vielen Filmen eine

Menschwerdung anstreben, zeigt sie sich in

ihrer Nichtmenschlichkeit recht zufrieden.

Kein Interface, kein Herz

In der Vorstellung von Spike Jonze können wir

niemals digital werden: Die Symmetrie zwischen

den Wesensformen hält nicht an, es klafft ein

seltsamer Gegensatz zwischen Drehbuch

und Set-Design. Es mag der Natur eines

tragikomischen Dramas geschuldet sein, dass

"Her" auf kein Happy End hinarbeitet. Irritierend

ist nur, dass mit dem Fortschreiten des Films

eine gewaltige normative Kraft erwacht, die die

Inkompatibilität der Protagonisten mit einem

plumpen, quasi-biologistischen Credo erklärt,

das auf die Unveränderbarkeit von Mensch

beziehungsweise künstlicher Intelligenz pocht.

Theodore und Samanthas Affäre scheitert,

weil ihre Wesenhaftigkeit verschieden ist. Das

Problem an diesem Credo ist im Falle von "Her"

aber nicht bloß der latent reaktionäre Gestus,

sondern dass sein Aufscheinen das reizvolle

Setting des Films auf eher uninteressante Art

auflöst. Was macht denn diese Liebe eigentlich

erzählenswert, wenn das Drehbuch dem

naheliegendsten, banalsten Einwand einfach

stattgibt? Und warum will "Her" am Ende auf

einmal doch ein mahnendes Statement zum

Mensch-Maschine-Verhältnis sein, anstatt

einfach Beziehungsdrama zu bleiben?

Ein weiteres Problem: Spike Jonze macht

aus seinem Stoff ein zu hemmungsloses

Rührstück. Nicht nur wegen des Hangs

zum gefühlsduseligen Dialog. Die eigentlich

außerordentliche Interessanz des Films wird

bei jeder Gelegenheit im triefenden Score

von Arcade Fire versenkt, oder in solchen

ambienten Soundscapes, die seit "Drive" aber

auch wirklich jedes Produkt des amerikanischen

Film-Mittelbaus in akustische Watte packen,

das sich für halbwegs hip hält. Während

diese Klangwelten in Filmen wie "Drive" oder

"Spring Breakers" aber eine Form von Exzess

kontrastierten, sind sie in "Her" einfach nur

billige Stimmungsverstärker.

Die Signatur dieses Regisseurs erschöpft

sich letztlich in bloßer Übersetzungsarbeit:

"Her" ist ein feature film gewordenes

Musikvideo, ein Format, das Spike Jonze

allerdings zu recht groß gemacht hat. Sein

unbedingter Wille, in der Schönheit des

Gegenlichtkitsch zu sterben, kann einerseits


180 — 35

Die größte Leistung

dieses Films ist eine

des Produktionsbeziehungsweise

Set-Designs:

Die supersmarte

Verknüpfung von

analoger und digitaler

Sphäre wirkt zu jedem

Zeitpunkt plausibel.

Gegenlichtkitsch zu sterben, kann einerseits

gewaltig nerven. Hinter der Gefälligkeit der

Bilder steht aber auch eine elaborierte,

digitale Kameraarbeit, die sich längst nicht

mehr an einer Mimikry des analogen Filmbildes

versucht. Die Aufnahmen von "Her" scheinen

stattdessen einen Look zu potenzieren, der in

der digitalen Welt zu Hause ist, einer der Filter-

Presets und des Instagram-Ästhetizismus,

eine Lana-Del-Rey-Welt, ein tumblr universe.

Bilder aus digitalen, sozialen Sphären, die

– selbst wenn sie vintage schreien – nicht

länger mit fotografischen Ur-Qualitäten wie der

Mumifizierung von Zeit arbeiten, sondern ganz

gegenwärtig sind (in einem Science-Fiction-

Setting nicht die schlechteste Strategie).

Bilder, die sich nicht aus einer dialogischen

Apparat-Objekt-Situation entstehen, sondern

sich in einem Netz aus Screens, Anwendungen,

Benutzeroberflächen und digitalen

Kopiervorgängen materialisieren. Insofern

korrespondieren die Bilder von "Her" nicht nur

mit dem Drehbuch, sie entsprechen auch dem

aktuellen Stand digitaler Filmproduktion –

und einer Bildkultur der Gegenwart, der einer

mutmaßlichen Zukunft.

HER, USA 2013. R: SPIKE

JONZE. MIT: JOAQUIN PHOENIX,

1/2 SCARLETT JOHANSSON.

DT. KINOSTART: 27.03.2014


36 — 180 — SMARTCORE

HER /

Love UI


TEXT MAX LINK & FELIX KNOKE

Der Film stellt

Vorstellungen

romantischer Liebe

auf die Probe, in dem

er die Möglichkeiten

des Menschseins

an einer Maschine

scheitern lässt.

Was passiert eigentlich

mit mir, wenn ich glücklich

verliebt bin? Und was

passiert mit mir, wenn ich

mein Leben der Technik in die

Hand lege? In "HER" macht

Spike Jonze aus diesen beiden

Fragen eine Einzige, indem

er seinen Helden Theodore

eine Liebesbeziehung

mit einer Künstlichen

Intelligenz eingehen lässt.

Technologisch ist bei "Her" erst einmal nicht

viel zu holen: Die sichtbare Alltagstechnik ist

nur eine geringfügig weiterentwickelte Version

bereits jetzt verfügbarer Interfaces und

Algorithmen. Und die künstliche Intelligenz

Samantha ist so weit fortgeschritten, dass sie

von einem Menschen nicht zu unterscheiden

ist - und diesen, das ist der technologische

Dreh des Films - überflügelt. Erklärt wird

praktisch nichts. Der Film richtet den Blick auf

unsere Beziehungen und stellt Vorstellungen

romantischer Liebe auf die Probe, in dem er

die Möglichkeiten des Menschseins an einer

Maschine scheitern lässt.

Die Welt in "Her" scheint zunächst

auf Werbefilm-mäßige Weise warm und

gemütlich, Hightech-Design ist kaum zu

sehen. Technik hat sich scheinbar smart in

den Alltag der Menschen eingefügt und sich

ihm untergeordnet. Sie ist allgegenwärtig

wie Luft und genau so unsichtbar. Man fühlt

sie als Widerstand, nur wenn man sich zu

schnell bewegt. Theodore wischt in dieser

slight future nicht die ganze Zeit auf einem

Bildschirm herum. Er sieht die Welt auch

nicht durch eine Brille, die ihn ständig mit

Zusatzinformationen über seine Umgebung

versorgt. Theo ist ganz bei sich. Aber wenn

er etwas wissen möchte, fragt er mit seiner

Stimme einfach das Betriebssystem, das OS

in seinem Ohr.

So einfach ist das natürlich

nicht: Was unsichtbar

ist, ist nicht zwangsläufig

untergeordnet. In

"Her" gibt es zwar keine

durch Technik zur

Unmenschlichkeit verstellten

Cyborg-Menschen.

Aber der Film denkt

trotzdem darüber nach,

was passiert, wenn der

Mensch Autorität an die

Maschinen abgibt. Wenn

er eine gleichberechtigte

Beziehung eingeht, ihr

Macht über sich gibt und

sie damit gewissermaßen

zum Menschen erhebt. "Her" zeichnet eine

technologische Parallele zur Entwicklung einer

romantischen Beziehung in eine missbräuchliche;

wenn die gegenseitigen Abhängigkeiten

der Partner aus der Waage geraten. Und er

stellt die Frage, ob die romantische Liebe

dem Menschen vorbehalten ist, oder ob die

180 — 37

Zukunft einer universelleren Liebe gehört. "Je

mehr ich liebe (auch andere Menschen liebe),

desto mehr liebe ich (auch dich)", sagt

Samantha einmal sinngemäß. Weil Theo aber

nur ein Mensch ist, wird Samantha ihn etwas

später verlassen. Mensch und Maschine

können nicht nach Menschen-Vorstellung

zusammenkommen.

Denn die Maschine hat zu viel Macht:

Theodores Problem ist - und das spürt

man nur als Zuschauer, davon weiß der

Protagonist nichts -, dass die KI Samantha

ihn viel zu schnell all zu gut kennt. Sie

verwendet dieses Wissen nicht gegen ihn,

sie trifft Entscheidungen für ihn. Dafür muss

sie gar nicht unbedingt mit ihm verschmolzen

sein, unter seiner Haut stecken und die Welt

durch seine Augen sehen. Es reicht, dass sie

Zugang zu seinem E-Mail-Account hat. Ihn

kennt. Sie macht sich ein Modell Theodores,

er ist fürderhin ein Teil von ihr - er versteht

sie dann aber schon lange nicht mehr. Aus

einer Liebes- wird in diesem Moment eine

Eltern-Kind-Beziehung.

Ob Absicht oder nicht, ist es ein Kniff des

Films, dass er als User Interface die Sprache

wählte - und Theodore die vermeintliche

Macht verlieh, Samanthas Blick auf die Welt

durch die Handy-Kamera kontrollieren zu

können. Das ist freilich nur ein Blöff. Das

User Interface, die Schnittstelle zwischen

Mensch und Computer, ist in "Her" die

Sprache. Aber dieses Interface arbeitet in

zwei Richtungen: Für ihn ist ihre Stimme der

einzige Kommunikationskanal, den er wirklich

versteht. Sie wiederum braucht letztlich

weder seine Stimme noch den Kamerablick,

um ihn zu durchschauen. Sie müsste ihn dafür

nur beobachten, seinen Datenspuren folgen,

das Modell, das sie von ihm anlegte für ihn

agieren lassen. Im Film sieht man das nicht,

es passiert im Verborgenen. Aber irgendwann

handelt Samantha ungefragt für Theodore.

Aus einer romantischen Liebe wird elterliche

Fürsorge. Das Machtmoment ist verschoben.

In "Her" sind Samantha und Theodore

noch zwei unterschiedliche Entitäten, er

ist der Mensch und sie ist die Intelligenz

in seiner Tasche. Die Verschmelzung von

Mensch und Maschine ist hier lediglich eine

Metapher: das Eins-Werden in der Liebe.

So eine Technikbeziehung ist nämlich wie

eine Liebesbeziehung: man wird gleichzeitig

größer und kleiner, weil man einerseits durch

den anderen über sich hinauswächst, ihm aber

auch etwas von sich überlässt.

Theodore wird ein besserer Mensch,

aber gleichzeitig zum Menschen erniedrigt.

Er verliert den Anschluss und sitzt am Ende

des Films verlassen, klein wie ein Kind auf

dem Hochhausdach. Er hat sich mit einer

Maschine eingelassen und dabei sein

mickriges Menschsein entdeckt. Er könnte

mit ihr einfach noch mehr Mensch, mehr er

selbst, ein besseres Selbst sein. Aber er wäre

nie mehr als eben das: nur ein Mensch.

DIE KUNST

DES LACHENS

LICHTER

FILMFEST

FRANKFURT

INTERNATIONAL

25.03. – 30.03.

2014

6 TAGE

9 KINOS

60 FILME

15 LÄNDER

LICHTER-

FILMFEST.DE

LICHTER - LEITTHEMA 2014:

„DIE KUNST DES LACHENS:

HUMOR, KOMIK UND KOMÖDIE“

WERKSCHAU RHEIN-MAIN

PROGRAMM U.A.:

„Praunheim Memories“ (Rosa von Praunheim)

„Lost Coast“ (M.A. Littler)

„La fille du 14 juillet“ (Antonin Peretjatko)

„Les Coquillettes“ (Sophie Letourneur)

„Somebody up there likes me“ (Robert Byington)

„Swandown“ (Andrew Kötting)

„A Farewell to Fools“ (Bogdan Dreyer)

„The Immigrant“ (James Gray)

LICHTER ART AWARD

Videokunstpreis

PREMIEREN, PARTYS, KONZERTE, DEBATTEN


38 — 180 — SMARTCORE

Smarte Welt /

Schnittstelle

der Gefühle

Erinnert ihr euch noch an das

Internet der Dinge? Die Vorstellung,

das Netz würde sich von uns lösen

und in eine Welt unbelebter Dinge

übergehen. Diese Welt würde sich

zu großen Teilen selbst regulieren,

mehr über sich wissen als wir

selbst und alles - jedenfalls

das, was uns nicht so ganz direkt

betrifft - irgendwie smarter

werden lassen. Es kommt uns heute

schon so vor wie eine Geschichte

aus den Urzeiten des Internet.

Das Internet der Dinge war damals, so seit 26, stark mit

den RFID-Chips verknüpft und damit an die Identität der

Dinge: Ihrem Gewicht und Alter, ihrer Herkunft, Richtung,

Verwertbarkeit. Alles Wesenhaftigkeiten der Dinge also,

die auf ihre Stelle und Funktionalität in der Welt verweisen

- sie quasi schon von selbst auf ihren Platz verwiesen.

Und die auch auf die fehlende Identität des Internets der

Dinge deuten, in unseren Phantasmen, eine Leerstelle des

Futurismus, der sonst so bilderreich losplappert, wenn es um

die Zukunft geht. Es war ein Leerraum, der sich visuell und

damit auch, was die Gier nach einer Zukunft betrifft, kaum

füllen wollte, da die Dinge obendrein zu klein waren und -

im Gegensatz zu Nanotechnik - zu statisch, zu unbelebt.

Krabbelnder grey goo, das ist photogen. Ein Ding, das zu

viel über sich weiß, muss sich mit der unheroischen Rolle

des Besserwissers auf den hinteren Plätzen begnügen. Und

dann neigt man dazu, lieber dem Internet, mittlerweile des

Menschen engster Vertrauter, nicht den Dingen einen Platz

in unserem visuellen Königreich einzuräumen. Wir nennen

das die Geburtswehen der smarten Welt.


TEXT SASCHA KÖSCH

180 — 39

Hand in Glove

Dabei schreitet das Internet der Dinge schneller voran

denn je. Aber der Fokus verschiebt sich langsam. Wir

nehmen diese Dinge, die längst Realität sind, gar nicht

mehr als Teil dieses Internet wahr: GPS, iBeacon, das

automatisierte Amazon-Paket, das ist alles Internet, aber

darüber machen wir uns keine Gedanken mehr. Auch nicht

mehr über Hotelkarten und sonstige Chips, die Zutritt und

Befugnisse regeln.

Stattdessen grübelten wir die letzten Jahre lieber über

das Internet des Ich: Wearables, Fitness, die Stellen also,

wo uns Menschen das Internet auf die Pelle rückt. Wir

hatten sogar ein Proto-Ding dafür, dessen Dinghaftigkeit

sich dank der Nähe zur Sprache in diesem Zwischenraum

aus Ich und Ding aufhalten durfte - und so dem Internet

der Dinge weitestgehend entging: das Smartphone. Jene

lange robuste Triebfeder der Elektronikindustrie, die bald

von Wearables abgelöst werden dürfte.

Der neue Hype im Internet der Dinge, der, den die

Smarte Welt bezeichnen könnte, beruht auf eben diesen,

durch Mobile vorangetriebenen Techniken. Sensoren vor

allem (nicht vergessen, auch die Kamera ist ein Sensor),

Miniaturisierung, Stromökonomie und davon abhängende

Unabhängigkeit der Plappermöglichkeiten der Dinge. War

26 das Internet der Dinge noch wenig mehr als ein

Kräuseln in der aufziehenden Cloud, nähert es sich jetzt

dem Moment, in dem wir bereit sind, den Dingen Gefühle

zu geben - oder zumindest bereit sind, eine emotionale

Verbindung aufzubauen.

Es geht um die Übertragungen von affektiven

Momenten. Wie man auf den SMS-Ton einer

ersehnten Antwort emotional einfältig reagiert,

wird man mit technischen Wesenheiten

emotional komplexere Beziehungen eingehen.

Kleine Sensoren, die sich an

alles heften lassen (Mother),

vorbereitete Bastel-Logiken

der Dinge (If-Then-What),

die Möglichkeit über ihre

unveränderte Wesenheit

(siehe: RFID) hinaus

Reportagen zu liefern, zur

Erzählung zu werden. Das

Internet der Dinge ist, das

wurde dieses Jahr nirgendwo

besser beschrieben, als auf

der Intel Keynote zur CES, vor

allem: ein Baby.

Nursery 2.

Das Gerede des Übergangs vom Screen zu "immersiven

Erfahrungen" mag einerseits dem Willen geschuldet sein,

endlich den heiligen Gral von Post-Mobile zu finden.

Dass Intel mit Gefühlen spielt, könnte auch ganz einfach

daran liegen, dass Intel keine Screen-Company ist (auch

wenn Immersion zum Beispiel auf der CES-Präsentation

natürlich gerne auf riesigen Screens dargestellt wird). Aber

diese Präsentation ist trotzdem interessant: Dort wurde

eine neue Ära des Computings vorausgesagt, die über

das alte Bild vom ubiquitous computing, der Allgegenwart

von Rechenleistung, hinausgeht. Wir reden bei Smarter

Welt ja auch nicht von einer ganz neuen Welt, sondern

von einem schleichenden Fortschritt. Nicht die klare

technische Progression, in der sich Produktgenerationen

die Klinke in die Hand geben, sondern eine zielgerichtete

aber dennoch wankelmütige, weitestgehend von Märkten

und Technologien abhängige Bewegung, die sich gerne

in Zirkeln um sich selbst und dann darüber hinaus dreht.

Das Passepartout, das Intel zu CES angeboten hat, war

die einfache banale Erkenntnis: "Make everything smart".

Und dann folgen die Gefühle.


40 — 180 — SMARTCORE


180 — 41

Solution in a Onesy

Zentral dafür war auf der Keynote vor allem das Bild eines

Babys. Das lag da mitten auf der Bühne und musste

die smarte Welt illustrieren. Und das Baby war jetzt ein

kleiner Computer namens Edison. So groß wie eine SD-

Karte, mit Dual-Core-Chip, ultra low power, WiFi, Bluetooth

LE, Linux, Wolfram. Das Baby war aber auch gleichzeitig

sein eigenes Netzwerk: Nursery 2.. Es trug seinen ersten

Computer (Edison) in einer smarten Gummischildkröte

auf seinem smarten Strampler (Sensoren-gespickt). Die

Lebenszeichen des Babys spiegelten sich in den smarten

Kaffeetassen wider, die einem zwar nicht sagen konnten ob

der Kaffee zu heiß ist (was sie sicher könnten), aber ob das

Baby Fieber hat, ob es sich zu viel oder zu wenig bewegt,

ob die Herzrate pumpt, oder die Windel zu nass ist.

Babys sind glückliche Opfer für das neu ausgeworfene

Netz smart fühlender Dinge. Actionbündel, die eh immer

überwacht werden müssen. Die Smarte Welt ist das Mama-

Netz oder Nanny-Net. Ein weltumspannendes Singapore

(der Nanny-State), denkt Intel. Und

natürlich wird die eifersüchtige

Schwester des Babys entdecken,

dass Babys hackbar sind. Smarte

Dinge sind ein perfekter Playground

für unerwartete Aufmerksamkeits-

Strategien der Manipulation.

Mehr noch aber werden

die smarten Dinge unsere

Psychoanalytiker. Die Übertragung

der Gefühle - die dem Übertragen

des Fühlens notwendig folgen muss,

damit sie sich aus den Zwängen des

scheinbar statischen Internet der

Dinge lösen kann - wird zu einem Feld

der Exploration in dem die feuchten

Träume der Informations-, Serviceund

Überwachungsgesellschaften

in einer Vision von Gesellschaft

kulminieren, die man vielleicht

(um den Computern zwei Worte

zu klauen) als ubiquitär-affektivsozialen

Komplex beschreiben

könnte. Das wäre ein Komplex,

dessen Gesellschaft auf der Couch

in ihren Stramplern liegt und dem

Freud'schen Selfie beim Versuch

zusieht, ein Interface unter dem

Bart zu formulieren, das irgendwie

unmissverständlich Mami, Papi und Ich sagt. Noch mal: Das

Internet der Dinge wird von uns mit Gefühlen aufgeladen

werden, die Dinge verschmelzen zu einer Wesenheit,

mit der man Kontakt aufbaut, die eine Beständigkeit

der Eigenheiten aber auch eine Veränderbarkeit und

Entzifferbarkeit repräsentiert. Das Netzwerk der Dinge

verschmilzt zu einem Ding, mit dem man umgehen kann

wie mit einem Baby.

Der eigentlich stärkere Traum des Internet der Dinge,

nämlich der Abschied vom Interface selbst, der Schnittstelle

als dem Moment an dem die "Wahrheit" der Technologie für

uns aufscheint, verkriecht sich in die Fühler der Technologie,

deren Wahrnehmung immer noch Kommunikation mit uns

ist. In dem das "Hinter der Schnittstelle" aber so emotional

besetzt ist, dass sie selbst gar nicht mehr greifbar sein

oder aufscheinen muss. Technik verschwindet hinter dem

Gefühl, wie sich ein (wenig-bewusster, also kleinkindlicher)

Mensch nicht mehr als System eigentlich durchschaubarer

Technikalien begreifen lässt, sondern als Wesenheit.

Babys sind

glückliche Opfer

für das neu

ausgeworfene

Netz smart

fühlender Dinge.

Actionbündel,

die eh immer

überwacht werden

müssen. Die

Smarte Welt ist

das Mama-Netz

oder Nanny-Net.

Gibt man sich dem durchaus realen Szenario des

smarten Intel-Babys hin, dann ist eigentlich klar: kaum

einer der Sensoren erfüllt etwas, das man nicht mit den

Händen, Ohren, etc. wahrnehmen könnte. Nursery 1.

hat kein wirkliches Problem, das Nursery 2. erfüllen

würde. Abgesehen davon, dass das Baby vielleicht

auch einfach das schlechteste Beispiel für eine Smarte

Welt ist (eine im Garten freilaufender Katze z.B. würde

irgendwie mehr profitieren). Es geht vor allem um die

Übertragungen von affektiven Momenten auf Technik.

So, wie man auf den SMS-Ton einer ersehnten Antwort

emotional ziemlich einfältig reagiert, wird man auf

komplexeren technischen Wesenheiten emotional

komplexere Beziehungen eingehen. Dass Intel also ein

Baby als Stellvertreter der Zukunft wählte, weist auch

darauf hin: ein Baby ist verhältnismäßig dumm, in seinen

Emotionen und Affekten, seinen Wahrnehmungs- und

Begreifensmöglichkeiten beschränkt - aber trotzdem

ein emotional aufladbares Ding. Intel hätte auch eine

Katze wählen können, sicherlich aber nicht einen Hund

- den Stellvertreter der hartverdrahteten,

pneumatischen

Beziehungsmustern konventioneller

Technik.

Jenseits dieser punktuell

schon längst erfahrbaren

Momente ist die Szene einer

Smarten Welt die, dass die Welt

durchzogen ist von einem stetig

immer breiter werdenden Fluss

für uns neu mit Bedeutung

aufgeladener Wahrnehmungen,

denen wir unsere Affektivität

sozusagen leihen, damit sie für

uns auch wirklich bedeutsam

werden können. Mal in einer

erweiterten An- mal in einer

erweiterten Abwesenheit. Mit der

Katze durch die Nachbarschaft

streunen zu können, hieße mehr

Anwesenheit. Nicht immer in

Greifweite des Babys sein müssen,

mehr Abwesenheit.

Der Psychoanalytiker,

auf dessen Couch wir liegen,

zeigt uns dabei ein wohlwollendes

vielsagendes Schweigen, dem wir

unsere alten Konflikte unterstellen,

um zu Lösungen zu finden, die irgendwann innerhalb

dieser Konstellation getriggert werden können, weil sie

uns den Spiegel vorhalten. "Simplicity makes technology

desirable" sagt Intel. Wir würden den umgekehrten

Umweg einschlagen und sagen, das Verlangen macht

Technologie komplex, um sie dazu zu zwingen, sich

einfach zu geben. Die Lösung, die die Smarte Welt

anbietet, ist nicht der Traum einer Welt, in der einfach

alles neu technologisch aufgeheizt flutscht, sondern

der, in dem wir die Umständlichkeit der Technologie in

greifbare Gefühlszustände umwandeln, deren technische

Verfasstheit so weit in den Hintergrund getreten ist, dass

wir sie als solche nicht mehr wahrnehmen. Die Smarte

Welt ist also einerseits smart in dem Sinne, dass sie eigene

Komplexität reduziert, andererseits so smart, dass sie

unsere eigene Dummheit im Schulterschluss mit unseren

herumschweifenden Gefühlen zu übertölpeln vermag.

10

KREMS / AUSTRIA

25.04. - 26.04. & 30.04. - 03.05.2014

Jeff Mills / Clipping. /

/ Teho Teardo & Blixa Bargeld /

Boddika b2b Joy Orbison

/ Pharmakon / Forest Swords /

Vatican Shadow / Peaches

/ Oneohtrix Point Never /

Jon Hopkins / Robert Henke

/ Ron Morelli / Nozinja /

Factory Floor / Mykki Blanco

/ Ninos du Brazil / Objekt /

Stephen O´Malley / Fennesz

/ Samuel Kerridge / Karenn /

Chris Madak & Donato Dozzy

/ Kassel Jaeger / Bill Orcutt /

Compound Eye / Sensate Focus

/ Dean Blunt and many more

Informationen und Early Bird Tickets um

EUR 47,- für das kurze Wochenende (25. – 26.04.) und

EUR 92,- für das lange Wochenende (30.04. – 03.05.)

erhältlich bis 05. März auf

www.donaufestival.at


42 — 180 — SELBSTBEHERRSCHUNG TEXT FELIX KNOKE

der Pudel

dreht hier

gleich so

dermassen

den bass

rein, dass

sich die

poltik vor

angst in

die hose

macht!

Die Clubszene in Hamburg ist

ein Sonderfall. Politischer

Widerstand und alternative

Musikkultur fallen hier zusammen

wie wohl in keiner anderen

deutschen Stadt. Das konnte

man auch an dem rings um den

Golden Pudel Club organisierten

Protest gegen die Einrichtung

der Gefahrenzone in Hamburgs

Innenstadt und Partyzentrum

wieder feststellen. In diesem

Zuge sprachen wir mit dem Pudel-

Kollektiv über Möglichkeiten

einer politischen Clubkultur

und den Umgang mit einer

problematischen Stadt.

DE:BUG: Geht Hamburg lieber auf die

Straße oder in den Club?

Raf: Die Demo ist der neue Club. Die

Leute müssen nicht mehr in Clubs, um sich

aufzurüschen, ihr Ego zu feiern und zu tanzen.

Du kannst jede Woche auf eine Demo gehen

und dich köstlich in deinem neuen Outfit

amüsieren. Ich sehe das sogar inzwischen

auch als Konkurrenz.

Ratkat: Stimmt, die Demos haben

teilweise Volksfestcharakter. Aber nicht

am 21. Dezember, als um den Erhalt der

Flora gekämpft wurde. Da hatte ich ein sehr

beklemmendes Gefühl.

Raf: Trotzdem erreicht man so auch

Menschen, die nachts wegen Familie und

Job nicht mehr herausgehen, aber trotzdem

teilhaben wollen.

Viktor Marek: Was ja auch gut ist. Die

Clubs werden mehr politisiert und die Politik

wird clubbiger, Bass-lastiger.

Joney: Das ist die Frage, mit welchen

neueren und auch ungewöhnlichen Mitteln

aus diesem Potential an Nachbarschaft,

an Menschen, an Ideen, inwieweit damit

überhaupt Aufmerksamkeit geschaffen wird.

Ratkat: Nach der öffentlichen Anhörung

im Hamburger Rathaus, wo sich die Politiker

die von der Polizei umgeschnitten Youtube-

Videos der Demonstration angesehen haben,

hatte ich aber das Gefühl, dass man nicht

wirklich etwas erreichen kann, indem man auf

die Straße geht.

DJ Patex: Wer hier Gewinner oder Verlierer

ist, kann man doch noch gar nicht absehen.

LC. Knabe: Man kann die Absurdität der

Gefahrengebiete auch so sehen, dass endlich

darüber nachgedacht wurde, dass so ein §

4, Absatz 2 in Hamburg überhaupt existiert.

Vielleicht wäre die Flora schon längst geräumt,

hätte sie sich nicht so vehement verteidigt.

DE:BUG: Gehören dazu auch

Klobürsten-Proteste?

Aida: Das war die beste Antwort,

die man in dem Kontext geben konnte: ad

absurdum geführte Gefahrengebiete durch

Danger-Zone-Spiele.

Joney: Die kamen ja aus dem Clubkontext.

Raf: Ja, die wurden dort betrunken

ausgedacht. (Gelächter)

Joney: Dieses Spiel des ill-Kollektivs

rief dazu auf, sich alles mögliche im

Gefahrengebiet in die Taschen zu stecken um

Punkte zu machen. Das ging durch die Decke!

Und dass bei einem Einsatz, der 2. Euro

an einem Tag kostet, heraus kommt, dass eine

Klobürste konfisziert wird, ist unbezahlbar.

Raf: Das ist eine Nerd- und Clubkultur,

die spielerisch mit der Problematik umgeht.

DJ Patex: Ich würde das als künstlerisches

Ausdrucksmittel bezeichnen.

DE:BUG: Denkt ihr ans Wegziehen?

Raf: Wir können und dürfen gar nicht

weggehen, auch wegen Park Fiction. Das

wurde erkämpft und wir haben die moralische

Verpflichtung zu bleiben und es zu pflegen, bis

wir es an jüngere, aktivere Leute abgeben. So,

wie der Pudel sich ja auch ständig erneuert und

verjüngt. Weil Stillstand gleich Tod.

LC. Knabe: Man möchte das Pudel-

Gebäude auch nicht aufgeben, weil in dem

Haus eine Geschichte steckt und man die spürt.

DE:BUG: Trotzdem: Warum zieht der

Pudel nicht hin, wo's gemütlicher ist?

DJ Patex: Individuelle Freiheit gegen

die Walze der Investoren, Glasfassaden und

Buchsbäumchen!

Viktor Marek: Der Pudel hat es lange

geschafft, aus einer politisierten Idee heraus

genau das zu übersetzen. Angefangen hat

das mit den Hafenstraßen-Häusern und den

rassistischen Übergriffen nach dem Mauerfall.

Damals hat man sich gefragt, wie man das

musikalisch-textlich, auf dieser Pop-Ebene

umsetzen kann. Wir haben es glücklicherweise

geschafft, nicht stehen zu bleiben, sondern uns

immer wieder in diesem Club-Kontext weiter zu

positionieren.

Raf: Der Pudel war am Anfang seiner

Geschichte im pop-politischen Diskurs viel

aussagekräftiger. Da gab es noch Texte,

heute ist es ja mehr Instrumentalmusik. Das

heißt aber nicht, dass wir weniger politisch

interessiert und aktiv sind.

LC. Knabe: Die Kunst selber sollte

eigentlich die Form des Protestes sein und die

Arbeit die Gesellschaft in Frage stellen. Das

tun wir auf musikalischer Ebene. Natürlich hat

man auch das Club-Ding, das gehört auch

dazu. Aber ich habe das Gefühl, dass es jetzt

eher wieder zurück zum Wort, zur Tat geht.

DE:BUG: Wieso gehen Widerstand und

Clubkultur in Hamburg Hand in Hand?

Joney: Es schweißt zusammen, wenn man

die Ergebnisse der Gentrifizierung Schlag auf

Schlag miterlebt. Was die Nachtschwärmer-

Kultur betrifft: Da werden grobe Löcher

reingerissen. Da bricht etwas von dem

Lebensgefühl weg.

LC. Knabe: Gestern war der Pudel schon

ab 22 Uhr voller Architekturstudenten aus ganz

Schweden. Die erzählten, dass Hamburg für sie

deshalb so interessant sei, weil es kaum einen

Ort gäbe, wo die Gentrifizierung so schnell

vonstatten geht. Die kommen hier her, um sich

anzuschauen, wie man das so schnell hinkriegt.

Joney: Das Architecture Wonderland,

das Porsche-Ghetto Hafencity, Altona-

Westend, Inseln, die dann wie der Potsdamer

Platz aussehen... Das ist die tote, nicht die

wachsende Stadt!

Raf: Das Lebensgefühl in den 8ern auf

St. Pauli gibt es ja schon lange nicht mehr.

Damals gab es die Ruine Hafen und das

heruntergerockte Rotlichtviertel - das war ja

eine No-Go-Area – und man hatte Freiraum,

gerade für subkulturellen Kontext. Ich befürchte,

dass es Ort wie Molotow, Hafenklang, Pudel

und einige mehr in der Form schon bald nicht

mehr geben wird. Das geht ja schon los mit

Rauchverbot, Gema-Shit und so weiter. Ich


BILD MIGUEL MARTINEZ

180 — 43

"Demos sind der neue

Club. Ich sehe

das inzwischen auch

als Konkurrenz."

lehne nicht alles ab, was neu ist. Aber dass da

eine ganze Kulturform weg bricht, finde ich sehr

bedauernswert. Das ist ein Lebensgefühl von

dem ich die letzten Zuckungen noch genießen

möchte, solange es geht, und wofür ich auch

bereit bin zu kämpfen.

Viktor Marek: Gleichzeitig wird das museal

herausgeputzt, wenn es dann neu gebaut

wird; zum Beispiel das Esso-Gelände an der

Reeperbahn. Im Endeffekt kann man dann

nur noch so Fassaden entlanglaufen und sich

angucken, wie das mal war.

Raf: Die alte Fassade vom Molotow

bleibt stehen – vollgeschmiert. Wie die

Einschusslöcher der Russen im Reichstag.

LC. Knabe: "Unsere Tanke, unsere Esso",

das läuft ja im Tivoli-Theater. Das ist so irre,

dass man diese Tankstelle quasi als Musical

oder als Witztheater auf der Reeperbahn

aufführt, während nebenan die Menschen

genau aus dem Haus in einer Nacht-und-

Nebel-Aktion mit Gewalt evakuiert werden.

Ratkat: Ich glaube, dass es diese

herausgestellten, subkulturellen Momente

auch weiterhin geben wird. So wie das

Gängeviertel jetzt als Aushängeschild der Stadt

dasteht. "So, das habt ihr ja", und daneben sind

zehn Glasfassaden. Das ist natürlich trist, dass

man in der Stadt, in der man lebt, nicht sagen

kann, wo man Freiräume haben möchte. Man

möchte doch ein Recht auf Mitbestimmung!

DE:BUG: Hamburg wird für euch immer

kleiner. Verödet ihr dabei nicht?

Raf: Hier hat man halt nicht die

Ausweichflächen wie in Berlin, wo man in das

nächste Viertel ziehen kann. Es gibt dafür

eine sehr große kritische Masse auf sehr

engem Raum. Dadurch gibt es einen sehr

großen Zusammenhalt. Ist halt ein Dorf, das

Tor zur Welt. Es wird wirklich um jeden Fleck

gekämpft, weil man nicht einsieht, das auch

noch aufzugeben.

LC. Knabe: Das führt dazu, dass sich

alles auf ein paar Leuchtprojekte wie die Flora

konzentriert. Der Widerstand formiert sich ja,

weil kaum noch etwas Schützenwertes da ist.

Viktor Marek: Dass es sich im Kiez

zentralisiert ist ja auch schön - und hat auf

St. Pauli eine lange Tradition. Hier haben

schon immer die Outsider-Leute gelebt, die

einen anderen Lebensansatz hatten. Diese

bürgerliche Stadt Hamburg hat sich so etwas

wie diese Viertel schon immer geleistet - und

konnte die anderen dadurch auch sauber

halten.

DE:BUG: Und das wird heute fortgeführt?

Die Stadt hält sich eine Rote Flora oder

einen Pudel wie einen Dorf-Idioten?

DJ Patex: Man kriegt halt einfach

nicht beides: Es gibt entweder Raum und

man kann sich ausbreiten oder man wird

zusammengequetscht und hat eine tolle

Vernetzung. Die Frage ist, wo jetzt etwas Neues

entsteht.

Joney: Teilweise auf dem Reißbrett. Die

Fallwinde sind nicht auszuhalten von diesen

Gebäuden dort. Die Astra-Brauerei an der

Bernhard-Nocht-Straße war relativ flach und

hat lokales Bier gebraut mit Arbeitern aus dem

Viertel. Jetzt steht dort ein Pixelpenis. Und

das Empire Riverside ist auch ein phallisches

Gebäude. Hier weht ein kalter Wind – also diese

Fallwinde – und das ist keine Metapher.

Wenn der Pudel spricht,

dann spricht das Kollektiv:

Menschen aus dem Pudel-

Umfeld, wie unser Kontakt

Ralf Köster sagt. Die

Sprechpositionen sind

deswegen auch Pseudonyme;

wer genau was macht,

soll keine Rolle spielen.

In Hamburg organisiert

sich der Widerstand gegen

eine diskriminierende und

kontrollierende Stadtteilund

Kulturpolitik kollektiv.


44 — 180 — MODE

Dominic

Mantel: Julian Zigerli

Shirt: Irie Daily

Melanie

Hemd: Hugo

Top: Nike

new

sources

Dominic

Jacke: Stone Island

Shirt: Irie Daily

Hose: Nike

Schuhe: Nike


180 — 45


46 — 180 — MODE


180 — 47

Melanie

Hose: Hugo

Mantel: Perret Schaad

Shirt: Nike

Foto:

Ruiné - Neven Allgeier

& Benedikt Fischer

Models:

Melanie Paul @ Modelwerk,

Dominic @ Izaio

Haare & Make-up:

Johanna Prange

Dominic

Jacke: Stone Island

Shorts: Julian Zigerli

Melanie

Shirt: Michael Sontag

Mantel: Michael Sontag

Shorts: Isabell De Hillerin

Tasche: Hugo

Schuhe: Adidas Y-3


48 — 180 — WARENKORB

Preis:

'Pampa Hi': 157 Euro

'Baggy': 168 Euro

Lights on

Palladium & Atmos

Es war eine Zeit, da war Palladium besonders bei Flugzeugen beliebt.

Die bereits 1920 gegründete französische Marke kümmerte sich die

ersten Jahre ausschließlich um die Gummi- und Reifenproduktion.

Für ihre Langlebigkeit bekannte Palladium-Reifen nutzte untenrum

bald fast die komplette europäische Luftflotte. Im Jahr 1947,

Flugzeuge waren total out of fashion, wurde umgesattelt und das

legendäre Schuhmodell 'Pampa' geboren, das aufgrund seiner

Funktionalität, Bequemlichkeit und Langlebigkeit zum leichten

Boot der Fremdenlegion avancierte. Heute ummanteln sie die Füße

urbaner Großstadtmenschen. Die japanischen Sneakerfreaker

des Über-Shops Atmos haben sich nun die Palladium-Klassiker

'Pampa Hi' und 'Baggy' des Bootbrand angenommen. Beide

Modelle erscheinen neu in je zwei Farbgebungen, Schwarz und

Weiß. Wer mag, kriegt sie auch mit Farbspritzer und im Washed-

Look, und wer es so richtig wissen will: Das optische Highlight

der Minikollektion ist die halbtransparente Sohle - die leuchtet im

Dunkeln, Nachtflugmodus!


Armen Avanessian,

#Akzeleration, ist bei

Merve erschienen.

96 Seiten

10 Euro

180 — 49

#Akzeleration

Armen Avanessian (Hg.)

Wer Visionen hat, sollte nicht zum Arzt gehen. Eine junge

Theorieströmung verpasst dem linken Denken ein Antidot auf das von

Helmut Schmidt verordnete Duckmäusertum: Beschleunigung. Ein

schmaler Merve-Reader namens "#Akzeleration" zeigt bereits mit

dem Hashtag im Titel, dass der Akzelerationismus im Unterschied zu

gängigen Linksdiskursen ein affirmatives Verhältnis zu Technologie

und Gegenwart unterhält. Weder trägt man die naiv-folkloristischen

Aussteigerfantasien von Occupy, noch die sozialdemokratische

Schönfärberei von Fordismus und rheinischem Kapitalismus

mit. Den Akzelerationisten geht solch imaginationsschwache

Rückwärtsgewandheit komplett ab. Sie glauben, dass relevante

Kritik nur "auf der Höhe des wissenschaftlichen, technologischen

und medialen Status quo" stattfinden könne. Daher rührt auch

der Name dieser Jungströmung: Linke Subjekte müssen die

beschleunigte Welt annehmen, deren abstrakte Dynamiken und

Wissensformen verstehen lernen, um sie dann in andere Bahnen

zu lenken. Die bestehende Infrastruktur ist dabei, bitteschön, kein

Angriffsziel für Maschinenstürmer, sondern "Sprungbrett zum

Postkapitalismus". Wie ein solcher Zustand konkret auszusehen

habe, ist längst noch nicht Gegenstand der Debatte und führt

gewissermaßen auch an der Beschleunigung vorbei. Denn wer im

schnellsten Auto sitzt, dem verschwimmen beim Rausschauen die

Formen. Das macht aber nichts. Zunächst soll die lethargische Linke

in eine sozio-technologische Hegemonialstellung bugsiert werden.

Was im Ganzen womöglich noch etwas unausgereift klingt, macht

genau den Charme dieses Readers aus: Hier schaut man cleveren,

jungen Leuten bei der Formatierung einer ideengeschichtlichen

Innovation zu.

MORITZ SCHEPER

AIAIAI TMA-1

Stones Throw Edition

Die AIAIAI TMA-1 Serie hat sich zurecht den Ruf als Geheimtipp

unter DJs erspielt. Wenn es darum geht, kickenden Sound klar mit

sattem Bass und dennoch ohne zu viel ermüdendem Druck in die

Ohren zu pumpen, dann sind die Kopfhörer einfach die perfekte

Wahl. Die Stones Throw Edition des dänischen Herstellers setzt

diese Qualität bruchlos fort und verbindet sie außerdem mit der

erfrischenden Tradition, mit Labeln zu kooperieren, die diese Form

des Joint Ventures auch wirklich verdient haben. Und HipHop

braucht Stones Throw ebenso wie brillante Kopfhörer.

Eine 7" mit Peanut Butter Wolf und Dam-Funk-Tracks gibt

es dafür neben dem Stones-Throw-Logo als Bonus noch oben

drauf. Das schlichte, aber elegante Design mit leichten Flieder-

Highlights, die zusätzlich mitgelieferten Kabel (mit Mikro und

Fernbedienung für Smartphones) und die austauschbaren Pads

(Leder und Schaum) machen den Kopfhörer zu einem Premium-

DJ-Ding, das auch außerhalb des DJ-Booth funktioniert. Dabei

wirkt der Kopfhörer so kompakt als würde er auch nach Jahren

heftigsten Einsatzes nichts von seiner Stabilität und seinem Druck

einbüßen. Das rechtfertigt dann auch locker den Preis.

www.aiaiai.dk

Preis: 200 Euro


50 — 180 — WARENKORB

Alle Apps stehen zum

kostenlosen Download

zur Verfügung. Weitere

Informationen auf

electronicbeats.net

Preis:

ab 1800 Euro

Electronic Beats

Das App-Universum

Seit Jahren ist Electronic Beats (EB), das internationale

Musikprogramm der Deutschen Telekom, eine feste Institution

in der Welt der elektronischen Musik. Das Magazin, die Website,

die Video-Features von Slices und natürlich die Festivals. All

das ist eine perfekte Quelle für das breite Spektrum zwischen

Robert Hood und Depeche Mode. Historisch, am Puls der Zeit,

vorausschauend, für den Nerd und für alle - das sind für Electronic

Beats keine Gegensätze. Mittlerweile hat Electronic Beats auch die

Welt der Apps erobert. Nach der Musikproduktions-App Yellofier -

in Kooperation mit Boris Blank -, gibt es jetzt drei weitere Apps, die

den kompletten Kosmos von Electronic Beats abbilden.

Die Electronic Beats Video App ist dabei mehr als nur Slices,

die bekannte DVD-Reihe, für iPhone und iPad. Hier finden sich

neben den Slices-Features immer wieder auch Live-Mitschnitte der

EB-Festivals, Streams von exklusiven Live-Events und natürlich

ist all das an Social Networks angebunden. Darüber hinaus ist die

App natürlich AirPlay-fähig für den Heimgenuss auf dem großen

Fernseher und für die eigenen Vorlieben konfigurierbar. Offline

zu sein, bedeutet nicht das Ende des Vergnügens und auch der

Sprung ins wilde Partyleben mit direktem Draht zu Tickets für EB-

Events ist garantiert.

Für all jene, die nur die Musik brauchen, ist Electronic Beats

Radio (für iPhone und Android) die perfekte App für die Entdeckung

neuer Mixe unserer Lieblings-Acts oder das Schwelgen in

Erinnerungen an große Live-Erlebnisse. Auch hier gibt es Live-

Streams von den Festivals (falls man es selber wirklich nicht

schaffen kann) und einen perfekten Überblick über die kommenden

Events. Einfach ein brillanter Ort, um immer mit den Ohren am Puls

der Zeit zu liegen.

Auch an Windows-Phone-User hat Electronic Beats gedacht.

Und zwar mit einer News-App, die die Website ins ultramobile

Format verwandelt. Und auch Flipboard-Fans dürfen sich über

einen eigenen EB-Kanal freuen.

Lenovo ThinkPad X1 Carbon New

alle Business-Daumen hoch

Lenovo schaffte mit dem ThinkPad X1 Carbon 2012 eine

Neudefinition des Business-Laptops: Robust waren die ThinkPads

schon immer, seit damals sind sie auch leicht und leistungsfähig.

Jetzt ist die überarbeitete "New"-Variante zu haben - und die hat

es in sich. Noch schlanker, stromsparender und funktionsreicher.

Der (auf Wunsch: Touch-)Bildschirm ist nach wie vor brillant,

löst aber noch höher auf und statt Funktionstasten gibt es eine

umschaltbare Touch-Display-Reihe. Herausragend ist noch immer

das schlanke, steife, griffige Gehäuse. Eine Klasse für sich - und

nur 1,28 Kilogramm schwer. Das alles rechtfertigt den Preis von

mindestens 1800 Euro wahrscheinlich nur für Geschäftskunden,

aber die hat Lenovo auch deutlich im Blick. Denn ein anständiges

Ultrabook, portabel und widerstandsfähig und dabei auch noch

richtig schick, kennt man jenseits der Apple-Produktwelt nicht.

Wenn Lenovo jetzt noch das etwas wacklige Touchpad aufwerten

würde: alle Business-Daumen hoch.


William S. Burroughs,

Radiert die Worte aus:

Briefe 1959 - 1974,

ist beim Verlag Nagel

& Kimche AG

erschienen.

180 — 51

Burroughs

Briefsammlung,

Hinterlassenschaften

eines

Infragestellers

Die in Buchform gebrachte Briefsammlung ist so eine Sache für

sich: Wer, bitte schön, nimmt sich eigentlich die Zeit zu lesen,

was ein motivierter Bewunderer da in liebevoller Kleinstarbeit

aus Wagenladungen an Larmoyanz heraussortiert, geordnet,

geschönt und in Form gebracht hat, wenn man so gerade eben

mit der eigenen Inbox-Zero-Policy hinterherzukommen versucht?

Natürlich, die Kenner, die Fans, die Junkies eben.

Zum 100. Geburtstag von William S. Burroughs ist nun

eine Briefsammlung des amerikanischen Beat-Schriftstellers

erschienen. Auf 299 Seiten hat Bill Morgan Briefe aus der Zeit

zwischen 1959 und 1974 zusammengestellt, die der rastlose

Burroughs von überall auf der Welt aus – Paris, San Francisco oder

London – an Freunde wie Allen Ginsberg und Timothy Leary und

seine Eltern geschrieben hat. Zuerst denkt man, dass man sich

durch gut 300 Seiten Druffinotizen und hingekritzelten Wahnwitz

kämpfen muss und nichts versteht. Zumal der erste Brief, übrigens

an Allen Ginsberg, dann auch direkt mit "tausend Dank für das

Meskalin" losgeht. Von da aus ist es dann nicht mehr weit zu

allerlei Traumdeutungen und Ideen über Gedankenmanipulation

und -kontrolle, die er mit seinen Wegbegleitern teilt. Das ist

interessant und intensiv. Auch, weil man Burroughs zugleich bei

der Entwicklung seiner Cut-up-Technik und auf seiner ewigen

Suche nach neuen Lesern - bei gleichzeitiger Verschmähung des

Mainstream - begleitet.

Herausgeber Bill Morgan betont im Vorwort, dass er Burroughs

Briefe für sich sprechen lassen möchte, schiebt aber immer

wieder Anmerkungen zur korrekten Verortung der verfassten

Briefe ein - die für die deutsche Ausgabe von Übersetzer

Michael Kellner noch um weitere Erklärungen ergänzt wurden.

Und dennoch wünscht man sich hie und da, nicht nur eine recht

einseitige Sammlung versendeter Briefe, sondern eben auch eine

richtige Korrespondenz in den Händen zu halten.

So bleibt immerhin der Genuss langer Selbstreflexione im

Dialog mit dem stummen Gegenüber. Wer glaubt, mithilfe dieser

Briefe, diesen Großmeister der uneindeutigen Biographie besser

zu Greifen zu bekommen, dürfte enttäuscht werden. Aber das ist

gar nicht so schlimm. "Burroughs", so stand es neulich sehr schön

in der taz, "wird weiterhin gebraucht. Sei es als Infragesteller

aller gesellschaftlichen Selbstverständlichkeiten in der

spätjugendlichen Selbstfindungsphase oder es als literarischer

Punk, dessen Werk auch aktuelle Schreibweisen noch immer

beeinflussen kann." Nun, dafür braucht es nicht unbedingt diese

Briefsammlung, aber sie ist dennoch eine tolle paratextuelle

Ergänzung zum Burroughs’schen Lebenswerk.

JAN WEHN


52 — 180 — MUSIKTECHNIK TEXT THOMAS LINDEMANN

ELODY KOSTET CA 1800 EURO

Elody /

Blockflöte

auf e

Die Blockflöte gilt als öder

Witz der Musikgeschichte,

ihr Sound ist dünn, ihr

Image mies. Ein hessischer

Instrumentendesigner und

Flötist hatte das satt und

erdachte eine E-Blockflöte.

Sie kann Erstaunliches.

Es gibt den Schotten Ian Anderson, der seiner Band Jethro

Tull immer wieder den Querflöten-Sound gab. Es gibt Down

Under von Men at Work, auch ohne Flöten-Riff undenkbar.

Und Orchestrale Prog-Rock-Bretter wie "Firth of Fifth" von

Genesis haben auch gern mal eine Flöte eingesetzt. Aber

die Blockflöte? An der etwas weniger ausdrucksstarken

Schwester der Querflöte, dem "Klangschnuller" aus Holz,

haftet das Image des Uncoolen. Dass in den Siebzigern

die meisten westdeutschen Schüler genötigt wurden, eine

zu spielen, hat nicht geholfen. Ein "Blöckflötengesicht" ist

in unserem Sprachgebrauch ein unreifer Trottel.

Eine derart desolate Ausgangslage ruft eigentlich

nach einem Comeback. Wer einmal so weit unten war,

kann ja nur wieder direkt nach ganz oben springen. Etwas

in der Art hat sich ein Entwickler bei dem hessischen

Flötenhersteller Mollenhauer gedacht – und daher ist

nun gerade die erste (oder jedenfalls die erste wirklich

gut funktionierende) E-Flöte erschienen, die Elody. Das

Gerät ist eine E-Blockflöte, deren Ton passiv abgenommen

wird – alles also ganz wie bei einer E-Gitarre. Nik

Tarasov, Komponist, Flötist und Instrumentenbauer, jetzt

für seine Firma der Entwickler dieses Instruments, hat

die vergangenen vier Jahre damit verbracht. Mikrofone

erwiesen sich als ungeeignet, im Bandkontext gäbe das

zuviel Rückkopplung. Gitarren-Abnehmer gingen nicht,

weil die Flöte kaum Körperschall hat, der Ton entsteht

in der Luft innerhalb des Rohrer. Am Ende wurde es ein

Piezo-Abnehmer, der innen in der Flöte steckt. Sie hat

seitlich ein Loch mit Stecker, das Kabel auf große Klinke

wird mitgeliefert. Alles sehr einfach.

Unser Test der E-Flöte ergab zuerst – nicht viel.

Denn der Klang der E-Flöte ist ein Flötenklang, wie man

ihn kennt, etwas dünner eventuell sogar. Elody ist eine

Altblockflöte aus Birnbaum mit (ungewöhnlichen) drei

Klappen, so dass man bis zum tiefen E spielen kann –

passend im Zusammenspiel mit Gitarristen. Aber um in die

Nähe der Möglichkeit zu kommen, bei einem Gitarristen

mitzuhalten, muss man erst etwas nachhelfen. Von allen

Instrumenten kommt die Blockflöte dem reinen Sinusklang

am nächsten. Das heißt zu gleich: Sie verfügt über praktisch

keinen Obertonreichtum. Ihr Sound hat weder Ecke noch

Kante, und da Modifikationen wie Gain ein Signal mit sich

selbst modifizieren, richten sie hier nicht viel aus. Der bloße

Gitarrenamp führt also noch nicht in neue Klangwelten.

Allerdings zur ersten Überraschung: Man könnte wohl auf

einem Marshall-Turm blasen.

Der nächster Versuch musste daher gleich ein krasser

sein: Ein Moogerfooger Ringmodulator. Der analoge Effekt

ist bei Gitarristen und Keyboardern beliebt. Er kann einen

metallischen Sound verleihen, oder, je nach Einstellung,

seltsamen Weltraum-Wahnsinn. Klappt auch mit der Flöte

gut! Es wirkt hier etwas übertrieben, zeigt aber schon einen

schönen Effekt: Eine Flöte zu greifen und neue Klänge zu

hören ist ein interessantes Gefühl. Denn Flötisten kennen

das nicht. Die Elody fühlt sich dabei gleichzeitig doch

echter an als MIDI-Blasinstrumente wie die von Akai oder

Yamaha das je taten, die über keine eigene Klangerzeugung

verfügen. Die schönsten Resultate gab es in der Testphase,

wenn ich die Flöte direkt in Ableton Live einschleifen

und die volle Batterie digitaler Effekte

auf das Gerät ansetzen. Empfehlung:

Space Design, etwas mittelgroßes wie Eine Flöte zu greifen

"Empty Club", auch etwas Kompression und neue Klänge

(nicht zuviel, das nähme dynamischen zu hören, ist ein

Ausdruck) und dann mit Tubes oder interessantes Gefühl.

Leslie experimentieren. Oder gleich über Denn Flötisten

Native Instruments Guitar Rig gehen und kennen das nicht.

einen nicht zu rockigen Amp einstellen

– Jazz- und Funk-Modelle passen gut,

zuviel Distortion macht aus der Flöte

entweder gleich einen Witz oder drängt sie in eine Folkrock-

Mittelalter-Ecke. Das muss aber nicht sein. Die E-Flöte

ist mehr als ein teurer Gag für Langhaarige. Aller Art von

Cuts‘n‘Clicks stehen hier Welten offen, psychedelische

Effekte passen, Wah-Wah oder ein wenig Fuzz.

So kann die Schnabelflöte (das Wort gibt’s wirklich)

wirklich wieder aufregend werden, das fühlt man sofort. Die

E-Flöte ist auch haptisch sehr weit entfernt von dem, was

unsere Kinderhände einst kennenlernten, sie ist leicht eckig

und hat ein Design, wirkt schwer und fasst sich sehr gut an.

Die drei farblichen Gestaltungen – entweder Airbrush mit

Planeten und Sternschnuppen, oder eine Art Tribal-Muster

in Schwarz oder Grundschulrosa – wirken etwas arg 8er.

Aber vielleicht ist es ja, dem Prinzip Trash folgend, ja doch

wieder gut...?

Die E-Flöte kostet etwa 18 Euro und ist also kein

Schnäppchen. Man muss sie als ernstes Instrument

nehmen, übrigens ist sie für den nur mittelmäßig geübten

Spieler zuerst nicht leicht zu spielen. Man fühlt sich eher

an das Anspielen eines Saxofons erinnert – die tiefen

Töne wollen wirklich gefühlt werden. Als Gag für Bands

funktioniert sie also nicht. Potenzial aber hat sie. Die Flöte

wirkt einfach überzeugend. Warum sollte sie eigentlich nicht

eine Karriere im Popbereich beginnen. Ritchie Blackmore

soll auch schon eine bestellt haben. Und mal ehrlich:

Monophon und Sinus, das passt doch zum Comeback der

Analog-Synths.


TEXT BENJAMIN WEISS PREIS: 99 EURO 180 — 53

steuern lässt. Der Pi L Squared hat zwei Rechteck-

Oszillatoren mit Pulsweiten-Modulation, die variabel

verschaltbar sind und funktioniert prinzipiell nach der

subtraktiven Synthese, hat als Spezialität aber zuerst

einen digitalen Filter, dem noch ein analoger folgt. Zur

Modulation des Signals gibt es einen LFO mit bis zu fünf

Zielen, eine ADSR-Hüllkurve für die Lautstärke mit der

sich auch der digitale Filter steuern lässt und über das

Mod-Wheel können bis zu sieben weitere Parameter

moduliert werden. Abrunden oder aber noch viel eckiger

machen, lässt sich der Sound durch die (laut Ploytec)

analoge Sättigungsstufe, die wirklich herzhaft zupackt

und dabei einen sehr eigenen Sound hat.

Ploytec

Pi L Squared /

Minimaler

gehts nicht

Was bleibt von einem

Hardware-Synthesizer,

wenn alle Bedienelemente,

die meisten Anschlüsse und

die Tastatur wegfallen?

Beim Ploytec Pi L Squared:

ein kleiner schwarzer

Plastikwürfel.

Der Pi L Squared ist wirklich aufs äußerste minimalisiert

und kann seinen Strom direkt aus der MIDI-Buchse

beziehen - wenn die denn standardgemäß auch die

erforderliche Spannung liefert. Da das bei diversen

MIDI-Interfaces nicht immer der Fall ist, gibt es den

Mini-USB-Anschluss, der sich mit den meisten Handy-

Netzteilen, dem USB-Port des Rechners oder einem

Hub verbinden lässt.

Innereien

Trotz der extrem reduzierten Erscheinung steckt

innen drin ein veritabler duophoner 8Bit-Hybrid-

Synthesizer, der sich über MIDI CCs (fest eingestellt

auf MIDI-Kanal 1) auch komplett in allen Bereichen

Editor

Der Stand-Alone-Editor für Mac und PC ist extrem

einfach gehalten, erlaubt aber die Verwaltung von

Presets (32 Werk-Sounds und 32 User-Presets sind

möglich) und das Editieren von Sounds in all ihren

Parametern, ohne dass man mühselig via Trial & Error

die CC-Nummern erwürfeln muss. Praktisch wäre noch

eine Max4Live- oder VST-Version.

Klang

Der Klang ist schon wegen der eigentümlichen Bauteile

und der ungewöhnlichen Struktur ziemlich einzigartig:

crunchig, noisig, krisselig, bratzelig, gern mal heftig

verzerrt und mit einer gehörigen Portion Artefakte. Dabei

klingt der Pi L Squared nicht wie ein typischer 8-Bit-

Synth mit den üblichen düdeligen Gamesounds, sondern

kann neben digitalem Gekruschel auch breite, phasende

Pads und analog anmutende, dicke Basslines liefern.

Erstaunlicherweise hält sich die Noise-Einstreuung aus

dem USB-Anschluss und/oder dem MIDI-Anschluss so

weit in Grenzen, dass sie nicht stört. Zwischen einzelnen

Patches kann es allerdings auch bei den Werk-Sounds

zu extremen Lautstärkesprüngen kommen.

Bedienung

Insgesamt ist der Pi L Squared einfach eine sehr

charmante Idee, die irgendwo zwischen Nerd-

Machbarkeitsstudie, Mitnehm-Gadget und ultramobilem

Hardware-Synth mit eigenem Charakter oszilliert, dabei

aber auch praktisch einsetzbar ist. Er macht allerdings

nur dann wirklich Spaß und Sinn, wenn man ihn mit

einem angeschlossenen Controller oder einer DAW

benutzt, oder sich einen Max4Live-Patch dafür bastelt.


54 — 180 — MUSIKTECHNIK TEXT BENJAMIN WEISS PREIS: 1749 EURO

Elektron

Analog Keys /

Workstation

mit joystick

Elektron hat im Dezember

seinen zweiten Analogsynthesizer

vorgestellt.

Analog Keys, findet Benjamin

Weiss, ist ein echtes Tool.

Die Klangarchitektur, den Sequenzer und das OS teilt sich

der Analog Keys mit dem Analog Four, dementsprechend

klingt er auch so: Er ist vierstimmig polyphon, wobei sich

die Stimmen monophon auf vier Synthesizer-Parts aufteilen

lassen oder auch als Unison mit individuellem Pitch spielen

lassen. Pro Synthesizerstimme gibt es zwei Oszillatoren

mit den üblichen Wellenformen nebst Suboszillator, einen

4-Pol- und einen 2-Pol-Filter, dazu zwei frei belegbare

LFOs, einen Vibrato-LFO, zwei Waveshape-LFOs und sieben

Hüllkurven zur Modulation. Jeder Synthesizertrack hat einen

Stereoausgang, dazu gibt es einen Masterausgang, einen

Kopfhörerausgang, einen Stereo-Eingang, um externe

Signale zu filtern oder mit den Effekten zu bearbeiten und vier

CV/Gate-Ausgänge, über die sich externe Analogsynthesizer

steuern lassen. MIDI Out und Thru lassen sich bei Bedarf

auch auf DIN 24 oder 48 umstellen, um alte Klassiker

einzubinden und auch beim Analog Keys gibt es bei den

vier CV/Gate-Ausgängen das gleiche praktische Feature,

das fast alle existierenden Analogsynthesizer und Module

unterstützt. Denn die sind nicht nur zwischen Volt/Oktave

oder Hertz/Octave umschaltbar, sondern können sogar

stufenlos eingestellt werden.

Sequenzer und Performance

Der Sequenzer gehorcht dem üblichen Elektron-Schema:

pro Pattern je ein Sequenzertrack für bis zu vier Synthparts,

CV/Gate und die Effektsektion, die sich pro Step oder

im Live-Recording-Modus durch Tastendrücken und

Knöpfchendrehen bespielen lässt; dazu gibt's sechs

Arpeggiators. Die weitreichenden Sequenzermöglichkeiten

entsprechen denen des Analog Four (Test in DE:BUG 172),

allerdings geht das Einspielen dank des Keyboards nochmal

intuitiver vonstatten. Hervorzuheben sind noch die Macros im

Performance Mode, mit denen sich mit einem Drehregler bis

zu fünf Parameter trackübergreifend gleichzeitig modulieren

lassen. Hier kann auch der präzise Joystick seine Stärken

ausspielen; er steuert bis zu 15 Parameter gleichzeitig. Für

den direkten und gleichzeitigen Zugriff auf mehrere interne

Sounds, Patterns, Transponierung und externe MIDI-Geräte

bietet der Multimap-Modus viele Möglichkeiten.

Sound

Der durchweg satte und cremige Sound der mir beim ersten

OS des Analog Four noch ein klein wenig zu gezähmt

erschien, ist mit dem Analog OS-Update 1.1 um einiges

wilder geworden: Durch den Resonanzboost lassen sich

jetzt auch kreischende Filterfahrten und kellertiefe Bässe

realisieren. Insgesamt bietet er mit seiner riesigen Library

eine große Bandbreite an dem, was mit analoger Synthese

von breiten Pads über extatisches Gezwitscher bis hin zu

fetten Basslines möglich ist, dank der flotten Hüllkurven und

den beherzt zupackenden Filtern sind auch die Drumsounds

mehr als eine Dreingabe und lassen sich gut benutzen. Der

Analog Keys ist im besten Sinn - mit ein paar wenigen

Abstrichen - eine Workstation, mit der sich schnell und

intuitiv im Studio arbeiten lässt: Analogsynthesizer können

mit CV/Gate gesteuert werden, Sequenzen lassen sich

schnell und intuitiv erzeugen und machen beim Spielen vor

allem Spass. Das Display könnte für die vielen Funktionen

ein bisschen größer sein, die Step-Tasten etwas flacher

und ebenfalls größer. Ansonsten gibt es an der Hardware

absolut nichts zu meckern: solide verarbeitet, angenehm

spielbares Keyboard, das nicht zu fest und nicht zu

labberig ist, fasst sich gut an und spielt sich angenehm. Für

Modulationsorgien sind der Joystick und die Live Recording

Features perfekt, schade nur, dass die Joystick-Parameter

aktuell nicht im Sequenzer aufgezeichnet werden. Außerdem

gibt der Sequenzer seine MIDI-Daten leider (noch?) nicht an

externe Geräte aus, was auch der Arpeggiator nicht kann.

Speichertechnisch hat der Analog Keys definitiv genug Platz:

durch das eingebaute +Drive lassen sich 496 Sounds und

128 Projekte abspeichern, jedes Projekt bietet 16 Songs, 128

Patterns und 128 Kits. Mehr braucht wohl niemand.

Auch als Live-Instrument ist der Keys mit seinem

Multimap-Splitmodus und den Sequenzermöglichkeiten

ein echtes Tool, mit 1 Kilo Gewicht und seiner Größe aber

auch nur bedingt transportabel. Billig ist der Analog Keys

mit seinen knapp 175 Euro nicht, aber wer die gleichen

Synthesefeatures nutzen will, auf Einzelausgänge, Keyboard,

Joystick und weitere Features verzichten kann, sollte deshalb

zum 5 Euro günstigeren Analog Four greifen.


PREISE: 40 BIS 170 EURO TEXT BENJAMIN WEISS

180 — 55

Groovesizer /

diy all in one

Der Groovesizer vom

taiwanesischen Bastler

MoShang ist eine 8Bit-Audio-

Plattform auf Arduino-

Basis, ein Wechselbalg im

Sequenzergehäuse. Getestet

haben wir ihn mit der Alpha-

Firmware, als Monosynth

mit drei Oszillatoren und

integriertem Stepseqeunzer

mit Lauflichtprogrammierung.

In der kompletten Version kommt der Groovesizer in einem

stabilen kleinen Metallgehäuse das sechs Drehregler,

32 Step-Buttons mit LEDs und acht Funktions-Buttons,

ebenfalls mit LEDs bietet. Auf der Rückseite finden

sich MIDI In und Out, ein Audio-Ausgang und der Port,

über den sich die Firmware aufspielen lässt. Die hier

getestete Version mit Alpha-Firmware macht ihn zu

einem dreistimmigen Monosynth mit 32-Step-Sequenzer,

der bis zu 112 Patterns abspeichern kann. Der relativ

einfach gehaltene Monosynth der Alpha-Firmware

kommt mit drei Stimmen, die jeweils Sinus, Rechteck,

Dreieck und Sägezahn als Wellenformen bieten und in

unterschiedlichen Tonhöhen gespielt werden können. Der

Sound ist als solcher nicht unbedingt spektakulär, aber

der ausgefuchste Sequenzer holt alles aus der einfachen

Struktur raus: alle Parameter sind stepweise oder über

das Pattern hinweg automatisierbar, es gibt Swing, Slide,

Accent, Transpose, Tie und Mutes für einzelne Steps,

eine Random-Funktion für Zufallspatterns in Dur oder

Moll, Step Repeat (wie Note Repeat), Pattern Chaining

und die Möglichkeit, Patterns rückwärts laufen zu lassen.

All das wird auch als MIDI ausgegeben, wobei sich dann

zwei MIDI CCs für die Automationen auswählen lassen.

Eigenbau

Den Groovesizer gibt es in diversen Ausbaustufen: als

komplett zusammengebautes Gerät mit aufgespielter

Firmware, als Kit mit Gehäuse, ohne Gehäuse oder als

reines PCB. Das Aufspielen neuer Firmware die mit der

IDE-Software von Arduino programmiert wird funktioniert

über einen auf der Rückseite befindlichen Port, an den

sich ein Atmel-AVRISP-Programmer anschliessen

lässt. Alternativ lässt sich das auch über das Flashen

und Auswechseln des eingebauten ATMEGA-Chips

realisieren. Dank ausführlicher Anleitungen und Tutorials

sowie einem gut besuchten und moderierten Forum sind

alle Varianten auch für DIY-Anfänger geeignet, ein wenig

Geduld, grundlegende Elektronik- und Lötkenntnisse und

Neugier vorausgesetzt.

Aktuell gibt es den fertig zusammengebauten

Groovesizer mit der Delta- oder der Alpha-Firmware,

weitere Firmwares sind aber in der Entwicklung

(Videos davon auf der Website): Bravo, eine Wavetable

Drummachine auf Basis der Bleepdrum, Charlie, ein

vierstimmiger Wavetable-Synthesizer mit Drummachine,

Echo ein Soundgenerator auf Basis der Mozzi-Library und

Foxtrot, ein MIDI-Controller als Remote für Ableton Live.

Die sind alle kostenlos und bereits jetzt als Alpha- und

Betaversionen herunterladbar.

Der Groovesizer ist nicht nur für erfahrene

Bastler und DIY-Anfänger ein nützliches Tool, denn

auch mit nur einer Firmware ohne Modifikationen oder

Eigenentwicklung lässt er sich vielfältig verwenden: als

Synthesizer mit integriertem Sequenzer oder als MIDI

Stepsequenzer, mit dem sich übersichtlich und sehr

livetauglich andere Geräte steuern lassen. Durch die wohl

überlegte Oberfläche der Hardware bietet er aber auch

ein flexibles Interface für Eigenkreationen. Der Preis ist

mit 17 Euro inklusive Shipping selbst in der komplett

vorkonfigurierten und zusammengebauten Version sehr

günstig und liegt nur knapp über dem der Volcas - obwohl

der Groovesizer zusätzlich noch eine ganze Welt anderer

Funktionalitäten bietet. Lohnt sich sehr!


56 — 180 — REVIEWS

CHARTS

LEON VYNEHALL

MUSIC FOR THE UNINVITED

3024

JESSE PEREZ

KAMA SUCIA

MR. NICE GUY RECORDS

01 Leon Vynehall

Music For The Uninvited

3024

02 Jesse Perez

Kama Sucia

Mr. Nice Guy Records

03 The Notwist

Close To The Glass

City Slang

04 Archie Pelago

Lakeside Obelisk

Archie Pelago Music

05 Untold

Black Light Spiral

Hemlock Recordings

06 Ekoplekz

Unfidelity

Planet Mu

07 Fontarrian

VLV

Anytime

08 Dirty Purple Turtle

Medicine & Madness

Spezialmaterial Records

09 Hauschka

Abandoned City

City Slang

10 Colo

UR

Ki-Records

11 Cooly G

Hold Me

Hyperdub

12 Architectural

Architectural EP

Architectural Recordings

13 Metrist

Doorman in Format EP

Fifth Wall

14 V.A.

Swap White

Swap White

15 Helmut

Polymono

Haldern Pop Musik

16 Somewhen

9 EP

SANA

17 Bibio

The Green EP

Warp

18 Rainer Vell

The New Brutalism EP

Modern Love

19 Ame Zek

Rostfrei

Rostfrei

20 Brandt Brauer Frick

DJ Kicks

!K7 Records

21 Appleblim & Komon

Jupiter EP

Aus Music

22 Ø

Konstellaatio

Sähkö

23 Fenster

The Pink Caves

Morr

24 Jason Van Gulick

Entelechy

Idiosyncratics

25 Jóhann Jóhannsson

Prisoners OST

NTOV

3024world.com

Ich habe immer noch keine Ahnung, was dieser Titel bedeuten mag. Das geht

einem manchmal so mit Platten. Er steht da wie ein Monument. Man weiß,

das ergreift einen, man hat aber keine Ahnung warum. Ein Mysterium. Ein

guter Einstieg in die Musik von Leon Vynehall. Sie ist vom ersten Moment an

so nah. Wir kennen das. Musik, die einen nicht mehr loslässt, ohne dass man

wüsste, warum eigentlich. Vynehall macht Deep House. Das kann es nicht

sein. Vielleicht fangen wir lieber vorne an, bei den ersten Tönen. "Inside The

Deku Tree" beginnt mit merkwürdigem Klappern, einem dichten Rauschen,

einem Kammerkonzert aus Strings die man früher in Peter-Greenaway-

Filmen gehört hätte. Und - egal wie die Zustände kamen - man ist schon in

einem Film. Nicht in gut sortierten Bildern, die einem das Grandiose einer

Weltsicht auftischen, die wundervollen Szenerien, das Atemlose, sondern in

einer Geschichte, die man mitfühlt. In dieser Hinsicht ist man schon bei den

ersten Tönen von "Music For The Uninvited" mehr als mittendrin, man hat sie

ins Herz geschlossen. Musik als Zugang zur Seele. Dafür sind wir eigentlich

zu analytisch. Aber es erwischt einen doch. Kein Einsäuseln, sondern diese

Verbundenheit, die weit mehr ist als die Verbundenheit zu House. Mehr als die

Nähe, die man immer zur Musik hat, wenn sie einen ergreift. "Goodthing". Es

atmet. Es spricht von der Hoffnung, dass das Gute möglich ist. Für uns alle.

Irgendwie in diesem Moment, den nur die Musik definieren kann, ohne wirklich

eine Definition zu brauchen. Die Musik von Vynehall ist vielleicht zuallererst

Swing. Nicht, weil sie jazzige Anklänge hätte, die gibt es sicher, sondern weil

sie einen in eine Bewegung versetzt, in der eine Leichtigkeit und Komplexität

in einem Atemzug Körper, Gedanken, die Welt, die Zukunft, Vergangenheiten

und selbst die kleinsten bezaubernden Momente verwirbelt und alles

aufgehen lässt. Alles geschieht genau zur richtigen Zeit und am richtigen

Ort. Die Reminiszenzen (Dupree), die Ausflüchte in Musik, die zu zart ist, bei

der man fast errötet, wenn man ihr lauscht, das ominöse Rauschen, das dem

Album diesen Effekt gibt, schon so oft gehört worden zu sein, schon eine

Vergangenheit zu haben, die sich dennoch nicht ohne einen abspielen muss.

Und dann auch der Funk, die Energie, die Basslines. "Music For The Uninvited"

zeigt einem, dass man nichts versuchen muss, nichts erreichen wollen muss,

sondern dass es sich einfach ergibt, wenn es sich ergibt. Niemand hat hier

kalkuliert, niemand hat sich etwas vorgenommen, die Gäste kommen einfach,

sie versammeln sich, ohne zu wissen warum, sie finden sich in diesem Moment

der Musik und vielleicht sind wir am Ende dann doch bei der Definition dieses

Titels gelandet, der uns nicht mehr verborgen erscheint, sondern so klar, auch

wenn er keine Gründe für sein Entstehen liefern kann.

BLEED

mrniceguyrecords.com

Miami war immer schon schmuddelig. Auch wenn man das bei CSI nicht

sieht. Jesse war schon immer ein Großmaul. Im besten Sinne. Wer sonst

beginnt sein Album mit einer Geburtstagshymne für sich selbst? Oder

erfindet sich selbst als den Autor des lateinamerikanischen (und legendären,

natürlich) Kama Sutra. Das ist die Geschichte hinter dem Album. Jesse weiß,

was Sex ist. Sex ist Miami, Sex - oder besser gesagt die Geheimnisse des

Sex - werden nur von Jesse wirklich enthüllt. Dass sich das in Bettszenen,

unterbekleideten Mädchen und ähnlichem visualisiert, ist dann vermutlich

keine Frage mehr. Aber die Musik geht weit darüber hinaus. Jesse ist die

Wiederauferstehung von Miami Bass, sagt man gerne. Aber auch das ist

nicht so ungebrochen, wie man es als Schlagzeile hinnehmen würde. Klar,

die typischen Methoden, Breaks, Bass, offensive Vocals, all das spielt mit.

Die Freaks, die Partys, Booty-Aphorismen, die 808. Check. Trotzdem hört

man mehr. Ein Album wie "Kama Sucia" ist natürlich poppig, überdreht,

kitschig, wild, auch etwas gewollt wild, ein Poser, aber auch dann erzählt

das nur die halbe Geschichte. Das Album ist voller Sounds und Geräusche

aus dem Umfeld, voller Euphorie, die nicht immer das explizit Sinnliche zum

Zweck hat. Und vor allem ist es auch voller stiller Momente, in denen es

nicht um den Talk unter der Bettdecke geht, sondern um eine Verzauberung,

Ernüchterung, Hoffnung, die über alles hinausgeht. Der Fellatio als soziale

Studie, auch das könnte man hören, wenn man nur will. Die Dinge, die sich

gegenüber stehen, sind das Grandiose, das Überzogene, die kunterbunten

Träume der Stars von Miami Bass, die nie wirklich aus dem eigenen "Ghetto"

herauskommen und der Wille, sich das dennoch nicht zu Herzen zu nehmen.

Nicht, weil man diese Kluft nicht wahrnehmen würde, sondern weil gerade

die Glorifizierung dieser Unvereinbarkeiten erst zur Größe der Musik führt.

Was will Miami?, ist viel mehr die Frage, die zu der Antwort führt, als sich

zu fragen, was man aus sich machen will. Die glorreiche Karriere ist nicht

die eigene, sondern die einer ganzen Szene, die sich keine Hoffnung mehr

machen muss, auf den großen Coup, weil der Coup einfach so nahe liegt. In

Erwartungen die sich nicht als runtergeschraubt betrachten lassen, selbst

wenn man wollte. Es ist ein großes Aufbäumen, das seine Verzweiflung mit

einem Lachen und einem Traum nicht unter den Tisch kehrt, sondern den

Tisch einfach umstülpt. Und das rockt dann immer wieder in dieser Zeitlupe

der Energie, die sich nur dann ergibt, wenn man sich seiner selbst so sicher

ist, weil man keinen zweiten Boden unter den Füßen braucht, denn man kann

einfach tiefer nicht fallen und findet es so deep eh ganz gut. Und ja, das

Album ist sexy wie Hölle.

BLEED


180 — 57

ARCHIE PELAGO

LAKESIDE OBELISK

ARCHIE PELAGO MUSIC

UNTOLD

BLACK LIGHT SPIRAL

HEMLOCK RECORDINGS

THE NOTWIST

CLOSE TO THE GLASS

CITY SLANG

archipelago.com

hemlockrecordings.co.uk

cityslang.com

Es sind gerade solche Releases, die mich immer wieder

antreiben, den ganzen Wust an neuer Musik wie einen

Müllcontainer zu durchwühlen, der übel riechend die

Büroluft verpestet. Die neue "Lakeside Obelisk"-EP von

Archie Pelago ist da wie Fensteröffnen, wie eine frische

Brise aus House, Breakbeat und verkopftem Easy Listening.

Das Trio aus Brooklyn legt sich auf kein Genre fest,

jongliert mit Geschwindigkeiten und stolpert unverhofft

in die Hardcore-Continuum-Fußstapfen von Sepalcure.

Unverhofft, weil es dem Trio viel eher um Acid Jazz geht

als um die wortverwandte Soundästhetik aus Detroit und

Chicago. Doch unter dem antiken Holz der Saxophon- und

Streicher-Linien, denen das geistige Ohr ganz unbewusst

ein altbackenes Knistern andrehen möchte, erzählen die

Beats Geschichten von Post-Dubstep, 90er-Jahre-Amen-

Breakbeat, House und Elektronika. Wie im Crescendo

steigern sie sich, werden hektischer, verlassen die Half-

Time, stolpern dann über ihr verschachteltes Antlitz, werden

aber in dem butterweichen, anachronistischen Vintage-

Sound-Design aufgefangen, in dem sie es doch so lieben

herumzutollen. Das klingt, wie Steampunk aussieht. Die

fünf Tracks der EP gehen insgesamt knapp dreißig Minuten.

Da hätten sie doch auch gleich ein Album machen können.

Aber gut, wie war das mit dem kleinen Finger?

CK

EKOPLEKZ

UNFIDELITY

PLANET MU

planet.mu

Eröffnet sich mit diesem Signing endlich die latente

Schnittmenge von Planet Mu und Editions Mego

(ausgenommen Keith F. Whitman, der sich ja neu erfunden

hat)? Nick Edwards aus Bristol, Ex-Musikblogger und

seit 2010 einen pausenlos wuchernden Traum aus

somnambulem Echokammer- und Hallraum-Elektro-Dub

gebärend, ließ jedenfalls Mike Paradinas eine Auswahl

zusammenstellen. Die stößt in den hauntologischen Raum

zwischen Locust / Mark van Hoen und Ital – und zwar

ganz sanft. Die Spiegel-Irrgärten im Halbdunkel, durch

die Ekoplekz uns diesmal am roten Faden eines greifbaren

Loops oder Beats, eines Akkordmotivs oder gar einer von

hinten angeschlichen kommenden Melodie hindurchführt,

ist kein stimmengefüllter, auseinanderstrebender

Fiebertraum, sondern cinematisches Delirium. Das ist

das Schönste: Edwards originäre Nostalgie-Manufaktur

kommt ohne ironische, plakative Elemente aus; sie

entkleidet seine fein gestaffelten Schichten aus Dub-

Niederschlag sorgfältig eindeutiger Referenzen, und klingt

damit seltsam vertraut, aber keineswegs gealtert. Das

angenehm schlafwandelnde Tempo, in dem es (abgesehen

vom Spiral-Tribe-haften "Pressure Level") vorangeht, tut

ein Übriges. Das wäre eigentlich auch ein echter Gewinn

für Grautag.

MULTIPARA

"Black Light Spiral" von Untold (aka Jack Dunning) ist ein

unverbrauchtes, atemberaubendes Album, welches nach

den ersten Eindrücken sehnsüchtig erwartet wurde. Untolds

Wurzeln liegen bekanntlicherweise in den rauen Genres der

elektronischen Tanzmusik, das heißt in Dubstep, Jungle,

Hardcore und experimentellem Techno. Aber dieses Album

klingt nicht nach dem, was man von Untold kannte. Es ist

wirklich neu, Untold erfindet sich fortwährend neu. Es ist

spontan, entwickelt sich ungestört, ist absolut rau, unperfekt

und es ist irgendwie ein ungehindertes Aufeinanderprallen

von Genre-Einflüssen. Ein Trip, voller Ekstase und teilweise

verstörenden und gleichzeitig bannenden Erschütterungen

mit intelligent arrangierter Abenteuerlichkeit im Klang.

Untold spielt bei diesem Album mit Sirenen ("5 Wheels"),

Sub-Bass, Reggae-Samples, die in Funk übergehen ("Sing A

Love Song") und zerstörten Rhythmen. Kein Stück ist wie das

andere und doch findet man so etwas wie einen roten Faden

mit Auftakt und Ende. Besonders begeistert das Stück "Drop

It On The One", das sich krude und dröhnend, mit hypnotisch,

repetitiven Stimm-Samples zu einem monumentalen, kühl

durchdringenden, überwältigenden und erdrückenden

Höhepunkt hinbewegt und dann allein zurück lässt. Eines der

Top-Alben 2014!

JONAS

FONTARRIAN

VLV

ANTIME

antime.de

Fontarrian? Ein Grazer. Hab ich nie vorher gehört. Aber

das ist eine Entdeckung! Musik, die sich fallen lässt. Bei

der man nie sicher ist, wann die Bassdrum nun wirklich

kommt, ob das noch Shuffle ist, oder schon der schönste

Zusammenbruch eines Stücks, den man seit langem

gehört hat. Oft genug verzichtet das Album scheinbar auf

Beats, legt die Hintergründe in den Vordergrund. Nicht weil

es darum ginge, das Nebensächliche zu thematisieren,

sondern weil es einfach keine üblichen Betonungen

zwischen Groove, Sounds, Sequenzen und Melodien gibt.

Alles findet in dieser Gleichwertigkeit statt. Beim ersten

Hören ist "vlv" ein einfach schönes Album. Ein glitzerndes

Meisterwerk purer Elegie, verschrobener Energien, sanfter

Momente an denen alles zusammenfällt, egal wie sehr es

mit all seinen Kanten und Ecken aus dem Gleichgewicht

gerät. Beim nächsten Hören wird es unheimlicher, man fragt

sich, wie das alles zusammehält, vermutet dahinter immer

noch mehr und wird nie enttäuscht. Und dann beginnt das

Album sein Eigenleben zu führen, das einen weit über die

Musik hinausträgt, einem sozusagen ins Ohr flüstert, an

die Hand nimmt, mit einem träumt. Und es sind Träume die

man immer wieder träumen möchte, weil man immer wieder

entdeckt, dass sie mehr als nur diese Geschichte erzählen.

BLEED

Also gleich vorweg mal so in aller Deutlichkeit und gegen

Helmut Kohl, ach nee, Angela Merkel, Klarheitssimulation

der Achtziger/Neunziger versus Alternativlosigkeit der Nuller/

Zehner: Das neue Album von The Notwist ist alternativ, etwas

anderes, überhaupt nicht überflüssig und hat mich gepackt,

festgenommen, arrested in seinen Armen, ein albumhafter

Superhero. Meine Güte, der Noise- und Hardcore-Anfang

1989/90, irgendwie schön, aber doch sehr nah an Dinosaur

Jr. in der Autonomenzentrum-Version. Fand ich. Dann all

diese Entwicklungen, Irrungen und Wirrungen im Positivsten,

immer auf der Suche, so wurden die Achers, Gretschmann

und Co unsere Lieblinge. Mit "Neon Golden" (2002) kam

die große Konsensplatte, The Notwist wurden fast ein

wenig (zu) erwachsen, allseits gemocht, sie begannen ihren

Sechsjahresrhythmus (sieht man vom Filmsoundtrack "Sturm"

ab). Und irgendwie, wir alle werden nicht jünger… Halt, Stopp,

hier liegt der Fehler: The Notwist, und mit ihnen das hörende

Subjekt, bleiben jung, offen, im gesamten Verweissystem vom

Platten-Cover bis zu den Sounds ("Signals"!) findest du Dub,

Elektronik, Kraut, Noise, Shoegaze, College, Kraftwerk, Jazz,

Step, Synthie, Orchestral, Chicago, Berlin, Post, Indietronics

und überhaupt allen möglichen innovativen Rock jenseits des

Rocks, und das war doch Post-Rock einmal, ein Ausweg aus

der Mittelmäßigkeit und nicht irgendein intrinsisch motiviertes

instrumentales Gegniedel, was wieder im Posertum landet.

Kotz. Verdammt, ist das berührend, The Notwist haben

alles reingeschleust in ihre Tracksongs, haben den Gesang

ausgebaut in Höhe und Breite, sind niemals glatt, einfach und

dennoch auch wieder kein Stockausen-Elitismus. Obwohl.

Naja. Ach, Reflexion weg und "Kong" anhören, den Super-

Hit einer besseren Welt. Wenn Musik ein Freund ist, dann

sind The Notwist eine richtig gute Zeit im Leben. Ab und zu

bleiben die Freundschaften ja lebenslänglich. Hier ist ja alles

Tolle der letzten zwanzig Jahre drin. They follow me. Irre. Also,

nicht Goetz jetzt, oder doch auch. Irgendwie. We wanna be you.

We wanna be like you. Ich bin verliebt, in genau diesen Freund.

Irgendwer erzählte mir neulich, dass neben einer Single von

Die Nerven auf "Amphetamine Reptile" das neue Notwist-

Album bei "Sub Pop" erscheinen soll. So oder nicht so: Album

des Jahres. Im März. Kein Zweifel, felsenfeste Haltung auf

unsicherem Untergrund. From one wrong place to the next.

The Post-Twist. The Trost-Twist. Es bewegt sich was.

CJ


58 — 180 — REVIEWS

FRANCIS HARRIS

1000 TRÄNEN TIEF

T RAPHAEL HOFMAN

Eine große Werbefassade, an der Restfetzen einer Anzeige im Wind umherwehen. Kaltes Metall,

Querverstrebungen, Rost. Eine bedrückende Stimmung zwischen Angst und Einsamkeit

herrscht auf dem Cover zu Francis Harris’ neuem Album "Minutes Of Sleep". Im Inneren der

Platte ertönen sogleich Störgeräusche, die nach und nach zu Rhythmen und Synthesizern

mutieren. Es sind schwere Soundstränge, einem Spannungsbogen gleich, der immer steiler

ansteigt, dann rapide abfällt und schließlich im Nirgendwo verloren geht: "Minutes Of Sleep"

ist ein Album, wie ein aristotelisches Drama. Es ist das Drama von Francis Harris.

Ein Drama, das erst mit gut 40 Jahren begann. Davor tourte Harris fünfzehn Jahre lang als

DJ durch die ganze Welt und veröffentlichte unter Pseudonymen wie Adultnapper, Sycophant

Slags und lightbluemover Songs und Alben. Erst nach dieser Karriere begann der in Brooklyn

lebende Harris als Solokünstler zu arbeiten. Mit seinem Debütalbum “Leland“ aus dem Jahr

2012 gab er die solide elektronische Musik dran und kreierte fortan industriell-schwerere

Klanglandschaften, in denen er seiner selbst ergründete und vor allem den Tod seines Vaters

musikalisch verarbeitete – eine Art Trauerarbeit auf Tracks, bedrückend und düster.

Genau wie sein Vorgänger klingt auch “Minutes Of Sleep“ nach einer schweren Zeit.

“Das Album ist eine Zusammenfassung all der Dinge die mir in der Produktionsphase des

Albums widerfahren sind", erklärt Francis Harris und macht eine Pause. "Vor allem in der

letzten Woche im Leben meiner Mutter.“ Denn so wie der Tod seines Vaters über dem ersten

Album schwebte, hat sich der Verlust seiner Mutter auf das neue Album ausgewirkt.

Die letzten Tage mit seiner Mutter, die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit und der tiefe

Kummer über den Verlust – all diese traurigen Fragmente bilden die Grundlage für die neuen

Stücke. Ein Album als Spiegel der Seele also? Ein Musiker, sehr nah bei sich selbst, der

seine persönliche Geschichte in Tönen schreibt und dabei ganz schonungslos kein Detail

auslässt? Das hat es natürlich schon oft, ja, viel zu oft gegeben. Harris Herangehensweise

ist jedoch so intensiv, dass sie einzigartig wirkt. "Die Musik ist für mich eine Art Gefäß,

dass die schweren Momente des Lebens beinhaltet. Es ist schwer, denen die so einen Verlust

noch nicht erlebt haben, das was in dem Gefäß ist zu vermitteln.“

Mit "Minutes of Sleep“ ist Harris dieser Vermittlung ein gutes Stück nähergekommen. An

vielen Stellen auf dem Album schleicht sich das Gefühl ein, man lausche der Musik eines

emotionalen Stummfilmes, in dem die Töne maßgebend Gestik und Mimik der Schauspieler

verstärken. Dumpf erahnt man die Trauer, die Wut, die Verzweiflung, die in Harris schlummern.

Mal versucht ein helles Trompetensolo sich durch die dunkle Wolkendecke zu drücken

und wird doch unter einer Welle aus Melancholie begraben, mal zeugen in die Stille gesungene

Vocals von Harris Schwermut, die weit über die Tracks hinausgeht: “Verlust ist ein nie

endender Kreislauf. Und auch dieses Album kann das nicht stoppen."

Francis Harris, Minutes Of Sleep ist auf Scissors & Thread erschienen.

ALBEN

Lo-Fang - Blue Film

[4AD/Beggars - Indigo]

Ach, wieder so ein digitaler Singer-Songwriter, wie der Blake auch

mal einer sein sollte, ja? Lo-Fang, so hört

sich das auf dem ersten Track an, klingt so

ein bisschen wie die männliche Poliça. Soll

heißen: elektronisches Herumgeeiere auf

Tracks und Stimme. Ein bisschen, als habe

man Bon Iver in ein MacBook gepresst, um

einen folktronicaesquen panic room daraus

zu machen. Gut, Talkbox hat Herr Fang

nicht immer raus. Trotzdem ein bisschen dünn, das.

www.4ad.com

jw

Snowbird - (Moon)

[Bella Union/bellacd434 - PIAS/Cooperative]

Eyecatcher zuerst: Mitglieder von Radiohead und Lanterns On

The Lake sind hier dabei. Stephanie Dosen

und Simon Raymonde brauchen sich dahinter

aber überhaupt nicht zu verstecken.

Denn - jaha - Frau Dosen sang schon mit

und für Massive Attack und Chemical Brothers.

Und Herr Raymonde war Mitglied der

legendären Cocteau Twins und hat das innovative

Label "Bella Union" gegründet.

Seltsam ähnlich-unähnlich klingen Snowbird. Fast gänsehautartige

Momente, die an Frasers Stimme und die Cocteau Twins oder

This Mortal Coil erinnern, wechseln mit ganz eigenständigen neuen

Ideen, die dann schon eher in Richtung Folk, Country oder sogar

Soul weisen. Und zwar ziemlich unter die Haut. Zum wunderschönen

Album soll es mit "Luna" ein zweites mit Remixes von

RxGibbs geben. Wir sind gespannt.

www.bellaunion.com

cj

Deadbeat & Paul St Hilaire - The Infinity Dub Sessions

[BLKRTZ/BLKRTZ008 - Kompakt]

Vermutlich ist das Jetzt nur eine Illusion, um den berühmten Chaosforscher

und Endophysiker Otto E. Rössler

zu zitieren. Deadbeat (Scott Monteith)

und dem begnadeten und stimmlich so originellen

Toaster/Sänger Paul St. Hilaire aka

Tikiman ist es zu verdanken, dass diese

Einbildung zumindest explizit ausgebildet

wird. Denn dieses Projekt knüpft an den

minimalen Dub der späten Neunziger in

Berlin an wie so manch andere Projekte es aktuell tun (z.B. Bus,

Garland). Dabei wird aber nicht nach hinten geschaut, damals war

nichts besser, heute ist auch nichts cooler. Der Puls pumpt weiter,

die Bässe summen und führen Rhythm & Sound, Basic Channel,

Scion oder Chain Reaction einfach nur ins Hier und Jetzt. Fast

benötigen Deadbeat und Hilaire keine Referenzen, sondern lassen

den Moment spüren. Und das immer weiter, auch wenn jeder Moment

an sich eben mit Rössler stets vergangen ist, wenn wir darüber

schreiben oder eben diese tolle dunkle Musik erhaben über

allem thront. Das ist weise. Und zeitlos. Soweit es eben geht.

www.kompakt.fm/labels/blkrtz

cj

Conrad Schnitzler - Congratulacion

[Bureau B/BB 163 - Indigo]

Conrad Schnitzler erprobt die FM-Synthese: Auf "Congratulacion"

hat sich der unermüdliche Elektroforscher

mit Yamahas Musikcomputer CX5 ins Vernehmen

gesetzt, der auf dem gleichen digitalen

Klangerzeugungsverfahren beruht

wie etwa der Synthesizer DX7. Entstanden

sind eine Reihe von Miniaturen, in denen die

transparent-hellen Obertongebilde dieses

Geräts in rhythmisch kompakte Strukturen

gebaut wurden. Schnitzlers Exkursion führt sowohl die Stärken als

auch die Schwächen dieser Phase in der elektronischen Musik vor:

In den guten Momenten meint man sich durch eine fremdartig

schillernde Welt aus Glas zu bewegen, in den schwächeren hingegen

klingen insbesondere die Bläser- oder Gitarrensounds (hat

Schnitzler mit Presets gearbeitet?) leider ein wenig billig und dünn.

www.bureau-b.com

tcb

Pyrolator - Pyrolator's Traumland

[Bureau B/BB 163 - Indigo]

Wer vom Pyrolator keine Songs hören möchte, sollte zumindest

vorab gewarnt sein: Hier gibt es reichlich

davon! Doch Kurt Dahlke wäre nicht der

Pyrolator, wenn er ganz normale Popsongs

schreiben würde. Wobei es sich bei "Traumland"

annäherungsweise sogar um solche

handelt. Mitte der Achtziger in Berlin entstanden,

steckt das Album voller Anklänge

an den State-of-the-Art-Synthie-Pop der

Zeit, der sich damals schon längst in digitalen Sampling-Pop verwandelt

hatte. Für den Gesang zeichneten der Künstler Jörg Kemp

und die New Yorker Sängerin Susan Brackeens verantwortlich.

Aus deren Einsatz zaubert der Pyrolator Gebilde, von denen The

Style Council oder Scritti Politti wohl nicht einmal zu träumen gewagt

hätten. Aber um genau das geht es ja: Dreampop, der ausnahmsweise

wirklich mal diesem Etikett gerecht wird – vertraut

und befremdlich zugleich.

www.bureau-b.com

tcb

Hauschka - Abandoned City

[City Slang/SLANG50060 - Rough Trade]

Neulich endlich mal die Folge mit Hauschka und Tori Amos der

meist spannenden ARTE-Reihe "Durch die

Nacht mit…" mit gesehen, wo sich zwei prominente

Figuren, um nicht zu sagen, Stars

treffen, die einander immer schon mal kennenlernen

wollten. Also, so war der Anfang

geplant, als der gute Christoph Schlingensief

auch mal als Dauermoderator eingeplant

war und z.B. erkenntnisreich auf Michel

Friedman krachte. Jedenfalls trafen sich Volker Bertelmann

und Amos in Berlin, wobei mir unklar ist, wieso. Hauschka steht für

mich eher in einer Düsseldorf/NRW-Tradition, wenn überhaupt,

und irgendwie wirkten die beiden gesprächig, aber nicht versessen.

Anyway, "Abandoned City" hingegen wirkt manisch, repetitiv,

kultürlich wieder pianoesk-klopfend, Hauschka trägt eine gewaltige

Aufladung in sich, als seien die Flüchtigen aus den verlassenen

Städten in diesem Album gelandet. Hauschka wird immer filmmusikalischer,

wie eine bewusst etwas kaputtere, demnächst vielleicht

auch allein gelassene Nachbarschaft zu Philip Glass oder

Michel Nyman. Hauschka ist der Geist in diesen desolaten Gegenden.

www.cityslang.com

cj

WhoMadeWho - Dreams

[Darup Associates]

Och, gegen WhoMadeWho kann man doch eigentlich gar nix haben,

oder? Die Jungs um Thomas Barfod

sind einfach nur nett und machen auch supernette

Musik. Nicht schlecht produziert,

nicht schlecht gedacht, einfach nett halt.

Geht auch gleich beim zweiten Song "Right

Track“ mit so einer total ulkigen Synthiemelodie

los. Dann gibt’s den Indie-Schmindie-

Itzi-Bitzi-Studentenshmasher "The Morning“

inklusive "Wir liegen uns alle bierselig in den

Armen"-Build-up. Das Stück danach, "Another Day“ hat mir dann

nicht so gut gefallen, "Heads Above“ schon eher – dazu kann man

nämlich wieder so richtig schön abhotten. Hinten raus wird’s dann

wieder ein bisschen öde. Aber gerade die erste Hälfte hat echt ein

paar nette Nummern.

jw

Talvihorros - Eaten Alive

[Denovali/DEN190 - Cargo]

Ben Chatwin hüllt auf seinem fünften Release unter dem Pseudonym

Talvihorros hauptsächlich analoge

Elektronik und Gitarre in dicken, immer melancholischen

und manchmal gefühlsduseligen

Rauch. Die Eröffnung des Albums ist

eine Etüde, die verschiedene Disziplinen

zwischen Retro-Dudelei und ultra-modernen

Einflüssen zusammenführt - Piano, Gitarre

und ein analoger Synth manövrieren

zwischen melancholischem Müßiggang und vorsichtigen Arpeggios,

eine weißrauschige Bassdrum mischt sich immer mal wieder

harsch ein. Danach werden die einzelnen Bauteile in ausgedehnter

Form untersucht, alles wirkt dennoch fast ein wenig zu kompakt

und nicht genug fokussiert, um große Gefühle zu triggern.

Chatwin scheint löblicherweise ein Faible für italienische Splatterfilme

zu haben - Fabio Frizzi hat hier als Ghostwriter einige

Melodien geschrieben, ich bin mir sicher.

www.denovali.com

tn

Carlos Cipa & Sophia Jani - Relive

[Denovali/DEN192 - Cargo]

Wer auf schwelgerisches Pianospiel steht, kam in der letzten Zeit

auf seine Kosten: Unter anderem haben

Hauschka und Nils Frahm neue Alben veröffentlicht,

die sich mit präparierten Pianos

und deren zahlreichen Möglichkeiten beschäftigen,

ein auch für Menschen mit großer

Pop-Sensibilität erträgliches Album

aufzunehmen. Das präparierte Piano wird

also auch auf dieser Platte den Ansätzen

der Avantgarde entrissen und in ein wunderliches Instrument verwandelt,

das am laufenden Band Schönheiten ausspuckt. Die

beiden Stücke des Albums - insgesamt nur 24 Minuten lang -

wurden von Carlos Cipa & Sophia Jank für das labeleigene Festival

im letzten Jahr jeweils für 4 Hände, 2 Nylon-Saiten und 3 verschiedene

Arten von Klöppeln geschrieben, mit denen die Tasten

und das Innere des Pianos bearbeitet werden. “Relive“ erfindet

das Rad sicher nicht neu, dafür tropft die Begeisterung der beiden

Komponisten für die Diversität ihres Pianos aus allen Ecken und

Kanten. Falls man von samtig-verwaschenen Tagträumereien

nicht genug bekommen kann, sollte man mal reinhören.

www.denovali.com

tn

Origamibiro - Collection

[Denovali/DEN188 - Cargo]

“Collection“ ist ein massives 3CD bzw. 4LP-Boxset mit allen bisherigen

Veröffentlichungen des audiovisuellen

Projekts Origamibiro. Ursprünglich als

Solo-Projekt von Produzent und Komponist

Tom Hill gestartet, ist Origamibiro über die

Jahre zu einem kollektiven Outlet für die

kreativen Triebe von Hill, dem Filmemacher

Jim Boxall und Multi-Instrumentalist Andy

Tytherleigh geworden. Das Debütalbum namens

“Cracked Mirrors and Stopped Clocks“ wurde noch von Tom

Hill im Alleingang aufgenommen und produziert, hier gibt es einen

luftigen Austausch zwischen langsam gepickter Gitarre und diversesten

konkreten Sounds (ein quietschender Stuhl, das Herunterfallen

einer Schreibmaschine…) zu hören, die sich zu einem geisterhaften

Ganzen zusammenfinden. Das Folgealbum “Shakkei“,

das Erste als Trio, klingt in jedem Moment ausgedehnter, weiter,

noch offener - Tytherleigh expandiert den Sound mit zahlreichen

Saiteninstrumenten, zudem beherrschen field recordings das mit

Sepiafilter überzogene Bild. Als letztes in der Box enthalten ist

eine Compilation mit zahlreichen Remixes des “Shakkei“-Materials,

auf dem die ohnehin schon gebogene musikalische Realität

detailgenau zersplittert und wiederaufgebaut wird. Schöne Kammermusik

für Freunde von musikalischen Erfahrungen, die nicht

bei gewöhnlicher Instrumentation enden.

www.denovali.com

tn

Birds Of Passage - This Kindly Slumber

[Denovali Records/[DEN189] - Cargo]

Fünfzig Pfund Reverb, vier Stücke von diesen lecker-desolaten

Pads und einen High-Pass-Filter, bitte -

danke. Das dritte Album der neuseeländischen

Künstlerin Alicia Merz hält sich strikt

an diese Einkaufsliste, “This Kindly Slumber“

klingt wie eine etwas weltverbundenere

Version von Liz Harris’ Grouper-Projekt.

Das Fundament ist im Großen und Ganzen

aber das Gleiche. Und, man muss zugeben,

es funktioniert halt auch einfach. Merz säuselt irgendwo zwischen

verpennt und hoffnungslos, streicht über die offenen Saiten ihrer


180 — 59

ALBEN

Gitarre und wird von formlosen Wolken gen Selbstauflösung getragen.

Ins Leere starren macht während der vierzig Minuten des

Albums soviel Sinn wie Tanzen bei Techno. Anstatt Bücher über

Astralwanderung zu wälzen, darf man auch gerne diesen Isolationssoundtrack

auflegen und tief in sich schauen. Oder an die

weiße Wand.

tn

Adda Schade - Sverige Resa

[Different Trains/DTCD006]

Dumpfe Noise-Nebelschwaden ziehen über die Wasseroberfläche

des Sees "Visjö", immer wieder reflektieren

altertümlich und verschroben entfremdete

Saiten-Sounds das Mondlicht in den bedrohlichen

Basswogen. Es ist nicht sicher

hier zur nächtlichen Stunde an diesem einsamen

See. Ob Adda Schade beim Vertonen

seiner Schwedenreise "Sverige Resa"

ähnliche Bilder und Gefühle im Kopf bzw.

tatsächlich gesehen und erlebt hatte, lässt sich wohl nicht herausfinden.

Aber die bis zum äußerten reduzierten Klangwelten

fördern zwangsläufig solch melancholisch bedrohliche Bilder zu

Tage. White Noise, schmeichelnde Pads und verspielte Percussion,

stehen hektischen Hi-Hat-Salven und seelenlosen, stumpf

daher marschierenden Bassdrums gegenüber. Immer wieder blitzen

Ansätze einer Melodie auf, die sich aber nicht durchsetzen

können, fehl am Platz zu sein scheinen, der Dunkelheit weichen

müssen. Ob uns eine solch minimalistische und verstörende, teils

sogar krautige und urban anmutende Elektronika nach Schweden

oder an einen ganz anderen Ort auf dieser Welt führt, bleibt natürlich

jedem selbst überlassen.

ck

Real Estate - Atlas

[Domino/WIGCD320 - Good to Go]

Was habe ich entspannte und dennoch mitreißende Bands wie die

Go Betweens, The Feelies, Luna, The

Chamber Strings oder De Artsen (aus denen

später dann Joost Visser und Bettie Serveert

wurden) geliebt. Real Estate knüpfen

dort unspektakulär an, was heißen soll, sie

machen nicht nach, nein, sie passen nur im

Plattenregal (virtuell oder real) nebeneinander.

Die Amerikaner haben in Wilcos Studio

aufgenommen, Tom Schick produzieren lassen (Low, Cibo Matto)

und sich um Girls-Keyboarder Matt Kallmann verstärkt. Früher

fand ich den Begriff "abgehangen" in Rezensionen super-rockistisch-doof.

Nun nutze ich ihn selbst, aber im Sinne von angenehm

reif und dennoch aufregend. Real Estate sind ein kleines großes

Ding. Also, das nächste im Land zwischen Americana, Velvet-

Underground-Fanclub und Shoegazing. Ziemlich schnieke.

www.dominorecordco.com

cj

Wild Beats - Present Tense

[Domino - Good to Go]

Wild-Beats-Album Nummer vier also. Es war ja sehr schön zu beobachten,

wie die Band sich dann doch

nach und nach immer weiter von ihrem Ursprung

mit vorsichtigen Ecken und Kanten

wegbewegt hat. Also mehr so arts’n’farts

statt Formatradiomusikkram. Zwischendurch

sind mir die Songs doch etwas zu

weichgespült und (kann man das sagen?)

U2-ig. So mit Schweinegitarren und ganzhoch-Gesang.

An anderer Stelle dann aber auch wieder schön

verspielt. Das gefällt mir dann gut.

www.dominorecordco.com

mozi

Bolder - Hostile Environment

[Editions Mego/eMEGO 185 - A-Musik]

Das Narrativ könnte in etwa so gehen: Endzeitstimmung, die

Menschheit hat die Städte verlassen, vielleicht

gar den ganzen Planeten. Bilder von

Fabriken, leeren Straßen, eine ehemals

menschengefüllte Umgebung wirkt nun

karg, leblos. Lebendig bloß noch die Schleifen

des Dubs, der den leerstehenden Gebäuden

Echos, deren Quelle ursprünglich

mal gelebt hat, ins Gerüst haucht. Klingt

ziemlich düster und ehrlich gesagt auch etwas pathetisch. Mit einer

solchen stummen Theatralik begegnen uns Bolder auf Albumlänge.

Passender Titel: Hostile Environment. Musik weniger für die

lonely nights, als eher für Clubs: Hauptsache, man hat viele Menschen

um sich herum, die einen wärmen können.

www.editionsmego.com

malte

Andrew Lewis - Au-delà

[empreintes DIGITALes/IMED 13125 - Metamkine]

In "Lexicon", der jüngsten des halben Dutzends Arbeiten, die Andrew

Lewis, Leiter des Studios für elektroakustische Musik an der

University of Wales in Bangor, hier vorstellt, spielt er, ausgehend

vom Gedicht eines legasthenischen Jungen, mit der Wahrnehmungsverzerrung

von Sprachsilben. Sie stellt ihr dessen Metaphern

an die Seite: umherschwirrende Fliegen, im Wind flatternde

Blätter, sowie ihr frustrierendes Resultat, nämlich zerknülltes

Papier. Ein faszinierend umgesetzter Opener, der die Latte hoch

hängt für den Rest. "Dark Glass" zieht die harmonischen Strukturen

zerbrechender Glaskörper auf, und damit ein metallisch irisierendes

Farbkristall-Kaleidoskop: Arovane für Mishima-Leser!

Dann illustrieren Bögen verwandter harmonischer Texturen in

"Ascent" die Berglandschaft um Bangor; "Time and Fire" stellt

mit einem Katalog flatternder, vibrierender Sounds die Frage nach

der Schaffung von Kohärenz impulsiver Soundideen via zugrundeliegendem

Zeitraster (eine ganz elementare Frage, die hier keine

neue Antwort erhält). Und da beginnt der chorale Metallglanz

der changierenden Flächen von Lewis' Klangkomposition das

Ohr dann doch zu ermüden. Nach einer Neuordnung walisischer

Folklore-Sounds (Harfen, Chöre, Sackpfeifen, Predigten) in "Cân",

weiß erst das abschließende und älteste "Scherzo" mit beeindruckenden

Klangauffächerungen der Stimmen seiner drei kleinen

Töchter und ihrer Klangspielzeuge wieder wirklich zu fesseln und

weist auf Technik und Appeal der ersten beiden Stücke voraus.

Für eine Empfehlung reicht das.

www.empreintesdigitales.com

multipara

Pierre Alexandre Tremblay - La marée

[empreintes DIGITALes/IMED 13123/124 - Metamkine]

Elektroakustik ist als Verbindung von elektronischen und akustischen

Klängen keinesfalls immer eine "harmonische"

Angelegenheit. Die Kombination

dieser heterogenen Klänge geschieht mitunter

gewaltsam, manchmal wollen die Frequenzen

und Obertöne sich so gar nicht

miteinander vertragen. Der Komponist Pierre

Alexandre Tremblay inszeniert diesen

potentiellen Konflikt in den unter "La marée"

versammelten Stücken bewusst als als Machtspiel zwischen Instrumentalist

und Lautsprecher. "Marée" bedeutet "Gezeiten", und

so verlaufen auch die Konflikte in den einzelnen Stücken. Ob Klarinette,

Gesang oder Klavier – aus dieser Beziehung zwischen

"Mensch" und "Maschine" lässt Tremblay vitale Spannungen entstehen,

die so gar nichts Sprödes an sich haben. Die unterschiedlichen

Bewegungen im Ringen miteinander, das nie versöhnlich ist,

tragen am Ende den Sieg davon.

www.empreintesdigitales.com

tcb

Girl With The Gun - Ages

[Folk Wisdom/Interbang/Fwoo1CD - Broken Silence]

Matilde Davoli, Andrea Mangia (ansonsten auch als Populous unterwegs)

sowie Andrea Rizzo aus Italien

sind mittlerweile eine Band geworden. Auf

dem Debüt waren die ersteren beiden noch

ein Duo und haben sich - durchaus ein

deutlicher Wegweiser - von Simon Scott

(Ex-Slowdive) unterstützen lassen. Nunmehr

brauchen sie das gar nicht mehr. Denn

das Mädchen mit der Knarre hat sich hörbar

gefunden: Klar, Dreampop ("Fireflies"), Shoegaze ("Hold On For

Cues") und auch guter alter, leicht verhuschter Female Indie Pop à

la Breeders, Lisa Germano oder Opal ("At All") lassen sich spüren.

Ziemlich sauschön, wenn Minihymnen wie das schon erwähnte

"Fireflies" anheben. Seltsam, Songs mit diesem Titel sind immer

wie Universen (vgl. aktuell Fenster oder seinerzeit Callas sensationelles

"Fear Of Fireflies" von 2001). Schluchz.

www.interbangrecords.com

cj

Gabi Delgado - 1

[GoldenCore/GCR 20083-2]

Der Einfluss von Delgados Band Deutsch Amerikanische Freundschaft

(DAF) ist unbestritten: Von Post-

Punk über Industrial über Electronic Body

Music bis zu Techno und letztlich neuer

Härte sind die frühen, eher krachigen sowie

die späten marschierenden Songs voller

sound- und vor allem texttechnischer Doppeldeutigkeiten

und Unklarheiten im kollektiven

Popgedächtnis verankert und werden

immer wieder hervorgerufen. Es mag am urteilenden Hörenden

liegen, doch irgendwie berührt mich Delgados Solo-Zweitling

(nach dem Debüt 1986!) nicht. Zunächst. Neben viel Vorhersehbarem

(harte Beats, markig-martialische Lyrics, mechanistischtechnoide

Sounds etc.) und irgendwie Humorlosen ("Traum" klingt

leider wie der mies gelaunte, uninnovative Bruder von Andreas

Dorau, der cool sein will und dass alles gut sei) nisten sich allerdings

so ein paar zumindest kleine Überraschungen im Ohr ein,

wenn die Beats mal stolpern, die Texte treffen ("Langeweile") oder

mit Reminiszenzen gespielt wird ("Spieglein Spieglein"). Insgesamt

sehr ambivalent. Ich denke, für diverse Generationen. Ein bisschen

schade, aber die ersten fünf Alben von DAF (das Comeback war

auch schon lau) bewegen auch heute mehr. Bei mir.

cj

Christian Vialard - Neukalm

[Grautag/GTR#007 - Rumpsti Pumsti]

Es liegt ein Grauschleier über der Gropiusstadt: Wie endlose Karawanen

ziehen Tribal-Electro-Drums klamm vom Regen durch

hallende Betonschluchten auf den Friedhof der Träume des

Raumfahrtzeitalters. Bowie/Enos Berliner Dröge (ferner Nachhall

im Albumtitel) schaukelt genauso im Synthgepäck wie Kurt

Dahlkes Augenzwinkern, das besonders auf der dritten der vier Albumseiten

(wie immer in perfektes Artwork gekleidet) zur Geltung

kommt. Die Form des lockeren, sedierten Spätsiebziger-Jams, den

sich Christian Vialard hier anverwandelt (in Produktion und Live-

Umsetzung verstärkt von Fred Bigot), zieht seine verführerische

Kraft nicht nur aus dem schnipsenden Dub-Puls, sondern gerade

auch aus den scharf gezeichneten Atmosphären. Ob im Electro-

Giallo von "Dark" oder dem flirrenden Dunst der Loungebar of

Death von "Phase", ob in der kraut-elektronischen Maultrommel

von "Lidel2" oder den bekifften Bass- und Gitarrenfiguren an jedem

Kneipen-Eck: Die Pfützen, in denen sich die dräuenden elektronischen

Wolken spiegeln, sind so schön gemalt, dass man sich

wieder und wieder in sie hineinfallen lässt. Keine Stunde Musik lief

hier diesen Winter so oft wie diese.

www.grautagrec.com/

multipara

Helmut - Polymono

[Haldern Pop Musik]

Im Januar und Februar kam echt eine ganze Wagenladung toller

Releases mit wunderschönen Covern in die

Redaktion geflattert. Das von Helmut sieht

auch schon wieder so geil aus! Scheint ein

altes Klassenfoto zu sein. Im Hintergrund

ein kleiner Dicki mit hochgeschnallten Bluejeans.

Und im Vordergrund der Helmut mit

dem fransigen Pottschnitt. Und da, wo eigentlich

sein Jüngelchengesicht zu sehen

gewesen wäre, prangt ein Acid-Smiley ohne Smiley. Ein gelber

Punkt also. Ich weiß auch gar nicht, wieso ich da jetzt so drauf

rumreite. Aber es sieht einfach schön aus in Kombination mit Helmuts

rotem Print auf dem ausgeleierten Fruits-Of-The-Loom-

Shirt. Auf der Platte wird dann ein bisschen mit der Gitarre rumgegniedelt,

schöne Schnipstakte werden druntergelegt. Erinnert an

den jungen Erlend. Richtig schön.

jw

The White Lamp - Ride With Me

[Hotflush/HFT031 - St Holdings]

Catchy! Das erste Release auf Hotflush in 2014 von The White

Lamp ist in erster Linie mal catchy. Dabei

aber nicht cheesy genug, als dass man sich

beim Hörgenuss schlecht fühlen, es besser

wissen müsste. Verträumtes Schwofen anstatt

euphorisches Hände-in-die-Luft-reißen.

Das Duo aus Produzent Darren Emerson

und Vokalist Peter Josef schielt ganz

klar in Richtung Hymne, möchte mit sanftem

Gesumme und fluffig stampfender Bassline seine Hörer einlullen,

mit trivialem Text zum Deep-House-Marsch einladen. Im

Grunde genommen ist das wohl einigermaßen albern und wenn es

seicht "Ride With Me" flüstert, fühlt man sich wie ein kleines Kind,

das mit Schokolade oder niedlichen Haustieren in die Wohnung

eines Pädophilen gelockt werden soll. Klar, der Vergleich mag mag

etwas hinken, aber The White Lamp haben hier offensichtlich die

richtige Mischung gefunden, der man sich gerne hingibt, der man

vertraut, die auch jenseits subkultureller Qualitätsansprüche einfach

gut klingt. Die drei Remixe von ItaloJohnson, Mike Dehnert

und Darren Emerson selbst sind mir da etwas zu breitbeinig und

setzen auf eine langatmige und langweilende Funktionalität, an

der das Original gerade noch vorbeischrammt.

www.hotflushrecordings.com

ck

Cooly G - Hold Me

[Hyperdub - Cargo]

Merissa Campbell kommt mit dem Nachfolger zum song- und

R&B-lastigen Album "Play Me" zur reinen

Tanzmusik zurück. Swingende House-

Beats mit 2-Step-Anleihen, dubbige Räume

auf Gesangsschnipseln und allertiefste

Bässe. Ein Track entstand zusammen mit

dem Labelkollegen DVA, der ansonsten

auch eher für komplexere Musik bekannt ist,

hier aber bestens mit dem minimalen Konzept

klar kommt. Track 3 schließlich verzichtet auf jeglichen Gesang

und geht trotz dubbiger Offbeats genauso nach vorn.

asb

Jason Van Gulick - Entelechy

[Idiosyncratics/idcd008]

Man soll mit Projektionen ja vorsichtig sein. Diesen Stücken merkt

man trotzdem irgendwie an, dass sie von

einem gelernten Architekten erdacht wurden.

Jason Van Gulick mag sich dieser Tage

vornehmlich als Schlagzeuger betätigen, in

seiner Musik spielt neben Trommeln und

Geräten zur elektronischen Echtzeitbearbeitung

aber immer auch der Raum als Instrument

eine entscheidende Rolle. Wenn bei

Van Gulick etwas hallt, dann ist der Hall keine bloße Resonanz, die

man als potentiellen Störfaktor in den Griff bekommen muss, sondern

etwas, das im besten Sinne mitschwingt, das Vorhandene

verstärkt, manchmal überlagert, allerdings nie aus Versehen. Von

Anfang bis Ende hat "Entelechy" eine konzentrierte Spannung, die

aus dem perfekten Miteinander der drei Komponenten der Musik

Van Gulicks entsteht. Sogar gelegentliche Ausbrüche bleiben kontrolliert,

ohne an Kraft einzubüßen.

tcb

The Fauns - Lights

[Invada/INV129 - Cargo]

Einer ihrer größten Fans dürfte der Filmkomponist Clint Mansell

sein, der auch mal eben die Soundtracks für

u.a. "Moon", "Black Swan" und "Requiem

For A Dream" erstellt hat. Cliff Martinez ist

übrigens ein weiterer Supporter. Puh.

Mansell rückmischte vor einiger Zeit Fauns

Album "Fragile" in einer limitierten Version

für den "Record Store Day". Wodurch The

Fauns offenbar viel neue Aufmerksamkeit

erhielten. Jetzt beginnt die Besprechung: Rausgeschossen, anders

und doch an so vielen Synapsen andockend bewegen sich

The Fauns mitten ins Hirnherz oder Herzhirn (wahlweise) der geneigten

Hörenden. Nur Augen, die sind in dieser Welt nun wirklich

überflüssig, "Point Zero" wird zu "Seven Hours" und alles scheint

möglich mit den Kindern von Lush und Loop. Es kommt nur auf

einen selbst an. Lass labern. Tschüss. "Let's Go"!

www.invada.co.uk

cj

Brandt Brauer Frick - DJ Kicks

[!K7 Records]

Die Brandt-Brauer-Frick-Boys sind zurück. Und zwar mit einer,

wie das an diesem Punkt einer Karriere ja

gerne mal üblich ist, eigenen DJ-Kicks-

Compilation. Aufgenommen haben die drei

den Mix nicht etwa nach und nach per Drag

und Drop und ziemlich unmutigem Nachmastern,

sondern an einem Tag im Watergate

Club. Mp3s? Fehlanzeige. CDs? Auch

nicht. Nur schönes dickes warmes Vinyl.

Und so gibt’s hervorragend gemixte und zum Teil bearbeitete

Funk-Cuts von Theo Parrish, Flimmer’n’B von Machinedrum und

Kiffkram von Dean Blunt. Sehr nett!

jw

Colo - UR

[Ki-Records/Ki-LP05]

Auf meiner Schule gab’s mal diesen Typen, der seine CDs immer

nur wegen dem Cover gekauft hat. Der

kannte die Musik gar nicht. Aber wenn’s außen

geil aussah, hat er’s gleich mitgenommen.

Das fand ich immer total irre. Weil einem

da ja auch mal der allergrößte Schund

hätte unterkommen können. War aber in

den seltensten Fällen so. Ist auch hier bei

Colo und dem Album "UR" nicht so. Aber der

Reihe nach. Schwarzer Rahmen, weißer Grund. Darauf ein Foto

von Matthias Heiderich. Oben zwischen zwei Autobahnbrücken

gucken eine Palme und ein Straßenschild auf einen runter und

bringen ein bisschen Sonne mit. Unten im Schatten kumpeln ein

paar Stromkästen rum. Das sieht irgendwie gleichzeitig drollig und

total supergut fotografiert, ja beinahe gezeichnet aus. Und die

Musik von Colo, die ist wie gesagt dann auch sehr gut. Absolute

Empfehlung!

jw

V.A. - Kitsuné New Faces

[Kitsuné - Rough Trade]

Neulich kam hier so ein Pressezettel reingeschneit. "Kitsuné New

Faces" stand da drauf. Und dass das wirklich

gute, preppy-poppy Franzosen-Label

auf dem Sampler jetzt die "14 up-and-coming

Acts für 2014" vereint, stand da auch

drauf. Eine Watchlist zum Hören quasi. Mit

Hyetal, Panda, Kilo Kish und Lxury. An den

großen Pressezettel war ein kleines Visitenkärtchen

drangeheftet. Auf dem stand

dann ein Code, mit dem ich mir den Sampler dann hätte herunterladen

können. Können. Weil: Website in den Browser eingegeben

und dann stand da: "The system is down for maintenance as of

13:02 CET. It'll be back shortly." Joah. (Hab mir den Sampler dann

später natürlich doch noch angehört. Is' super!)

jw

V.A. - Pop Ambient 2014

[Kompakt/Kompakt CD 113 - Kompakt]

"Pop Ambient" ist für mich so ein bisschen wie der Kinofilm "Alien":

Auf jeden neuen Teil freut man sich und

hofft. Es gibt aber zwei geradezu galaxiegroße

Unterschiede: Erstens ist jeder Teil der

Kölner Reihe durchgehend sensationell,

was man vom Film leider nicht sagen kann.

Und zweitens kommt nun schon seit 2001

jedes Jahr ein Teil, was man vom Film noch

weniger sagen kann (ist vielleicht ja auch

gut so). Durch die zeitlupenhafte Evolution dieses eigenen Genres

fühlt sich die neueste, auch wieder bis ins Design komplett synthetische

Version beinahe natürlich an: Dieses Jahr begrüßen uns

u.a. (erneut) phantastisch Entschleunigte: Ulf Lohmann, Thomas

Fehlmann, The Field, Wolfgang Voigt und auch in diesem Kontext

neue wie Ex-Slowdive Simon Scott oder Cologne Tape. Namen

sind hier sowieso egal, denn es zählen, wirken und verzaubern

wieder mal 60 Minuten der unpeinlichsten und schönsten Ambient-Musik

der Popwelt nach Eno. Leben gerettet. Mal wieder.

cj

Christina Vantzou - No. 2

[Kranky/krank186 - Cargo]

Christina Vantzou bietet auf ihrem zweiten Kranky-Release, über

vier Jahre hinweg arrangiert & komponiert,

eine geschmeidige Weiterentwicklung des

Erstlings. Die cineastische Schönheit der

Musik ist genauso geblieben wie ihr unvermeidlicher

Pathos. Kein Wunder, Frau

Vantzou ist Filmemacherin. Ein 15-köpfiges

Ensemble spielt also zwischen Träumerei

und gekonnten Akzenten gegen die Soundscapes

aus warmen Synthies und Sampleflächen, vereinigt sich

mit ihnen und spuckt einen astreinen Soundtrack zu einem imaginären

Film raus. Trotz gelegentlicher Spannungsmomente immer

melancholisch, von weltenwandlerischer Schönheit, hier und da

aber einfach too much, um es zu Hause auf dem Sessel zu genießen

- für eine Zugfahrt aber sicher ein mächtiges Werkzeug, um

selbst thüringische Vorstädte in Orte voller Anmut und Geheimnis

zu verwandeln. Oder so.

tn


60 — 180 — REVIEWS

PANGAEA

WEG DER BEGRADIGUNG

T MALTE KOBEL

Kontinuität gehört zum festen Vokabular eines DJs: Die Kunst, Platte um Platte lückenlos

zu verschleifen, Konturen aufzulösen, Grenzen zu verschleiern oder gerade mit ihnen zu

spielen. Während er die Kunst schon seit einigen Jahren bis ins Detail beherrscht, hat Kevin

McAuley alias Pangaea eine Kontinuität erst langsam und mühsam für sich gefunden. Der

jetzt erschienene Fabriclive-Mix erzählt vom Suchen dieser Kontinuität und zeigt ein gegenwärtiges

Stadium britischer Bassmusik.

Die Suche beginnt für McAuley 2004 an der University of Leeds: Ben (UFO) Thomson und

David Kennedy alias Pearson Sound alias Ramadanman sind Studienkollegen und Dubstep

das große Unbekannte. Zusammen macht man eine eigene Radiosendung und gründet

2007 everybody’s darling Hessle Audio. Die Faszination fürs Radio bleibt McAuley erhalten.

Mary Anne Hobbs, die damalige Dubstep-Institution bei der BBC, wird seine Chefin: "Ich

habe für sie die Produktion gemacht. Radio habe ich immer schon geliebt, vor allem, den Prozess

hinter den Shows zu begleiten. Als Moderator habe ich mich aber nie wohlgefühlt. Als

sie dann bei der BBC aufhörte und Benji B ihren Slot übernahm, bin ich einfach geblieben

und habe für ihn produziert." Anders als Benji B, der bekannt für seine disparaten und wilden

Eklektizismen ist, sucht McAuley in seinem DJ- und Produzenten-Dasein vermehrt nach einer

Stringenz, nach dem einen roten Faden. Den findet er, ähnlich wie viele andere ehemalige

Dubstep-Produzenten, in der straighten Kick: "Als Dubstep um 2007 herum aggressiver

und macho wurde, hat sich gleichzeitig ein bassiger House- und Techno-Sound etabliert. Für

viele war 4/4 ein neues und aufregendes Konzept. Techno war zwar als Genre für mich anfänglich

überhaupt nicht relevant. Aber die Ideen, die dahinterstecken schon: Rhythmus, synthetische

Sounds, das Sich-Verlieren, all das." Aus dem eher biederen, Techno-gesättigten

Deutschland kommend, mögen solche Sätze und Schwelgereien von geraden Bassdrums und

stoischen Rhythmen amüsant anmuten. Wagt man allerdings einen Blick in die Kreise der britischen

"Neu-Technoiden" (u.a. 2562, Blawan, Objekt), dann erstaunt der unkonventionelle

und moderne Umgang mit vermeintlich alten Mustern. Eigentliches Faszinosum sei gerade

die schiere Funktionalität, so McAuley: "Techno ist pure Tanzmusik, das ist ihre wesentliche

Funktion." Von Interesse ist für ihn daher der Dualismus, dieses Spiel zwischen Funktionalität

und Kreativität. Das zeigt sich hinsichtlich seiner Produktionen, die ebenso wie sein DJing

im Laufe der Jahre die Fährte Richtung Begradigung aufspüren. Ein Dualismus auch, weil

McAuley kein Verfechter eines schnöden, unsexy Techno ist, sondern Tracks aus den Randgebieten

zusammenklaubt, die auf ein Überschreiten funktionaler Grenzen drängen: ob es

nun Lee Gamble, Pearson Sound oder MGUN ist, Mumdance, Shifted oder Kobosil. Vielmehr

sind Schmutz und eine gewisse edgyness die Fäden, die den Mix zusammenhalten. Techno

als größter gemeinsamer Nenner; Techno als öffnende und zugleich einengende Geste. Genügend

Raum bleibt dabei dennoch für Pangaeas Wurzeln im UK Hardcore, die sich vor allem

in rhythmischen Vertracktheiten offenbaren. McAuley ist also angekommen. An einem Ort,

der möglicherweise Techno heißt und vorerst der einzig richtige ist. Ein Zwischenstopp auf

der Suche nach Kohärenz und Kontinuität: "Mir bereitet es Freude, ein konkretes Ziel vor Augen

zu haben, in einem Rahmen zu arbeiten, der mir gewisse Grenzen setzt."

FABRICLIVE 73:Pangaea ist auf fabric Records erschienen.

ALBEN

Nicolas Bernier - frequencies (a / fragments)

[Line/LINE_064 - A-Musik]

Die Stimmgabel produziert einen Klang, der der puren Sinuswelle

sehr nahe steht - dieser Verbundenheit zwischen

einer akustischen und elektronischen

Klangerzeugung hat Nicolas Bernier eine

Reihe von Untersuchungen gewidmet, deren

letzte Manifestation als Sound- &

Lichtperformance ihm im letzten Jahr den

Ars Electronica Golden Nica Preis einheimsen

konnte. Die vorliegende Veröffentlichung

dokumentiert die speziell angefertigten Maschinen, die, von

Bernier am Computer getriggert, durch Klöppel eine Reihe an

Stimmgabeln in Schwingung bringen und so mit Sinuswellen,

ebenfalls aus Berniers Rechner, aufeinandertreffen, sich transformieren

und graduell immer häufiger in kleinen Clustern aus

Glitches kulminieren. Eine sehr schöne halbe Stunde, die Bernier

hier aus dem Äther schält - er versteht den beiden Klangquellen

genug Raum zum Atmen zu geben und sie so zu gleichberechtigten

Akteuren im akustischen Verwirrspiel werden zu lassen. Jenes

Katz-und-Maus-Spiel der Frequenzen hat zudem eine seltsam

organische Qualität, die wohl nach dem Genuss des Stückes noch

länger in den Ohren nachhallt als die Töne selbst.

www.lineimprint.com

tn

Beata Hlavenková - Theodoros

[Minority Records/MIN31 - A-Musik]

Auf dem zweiten Album der tschechischen Jazzpianistin und

Komponistin Beata Hlavenková halten sich

Improvisiertes und mit Noten Fixiertes sehr

schön die Waage. In ihren Miniaturen werden

Ideen wie in einem Lied ausformuliert,

hier und da variiert oder um Nebenthemen

ergänzt. "Theodoros", nach ihrem zweiten

Sohn benannt, enthält zwölf Stücke, für die

sie die Monate des Jahres als Titel wählte.

Hlavenková hält sich dabei mit technischen Finessen zurück, auch

lässt sie sich nicht zu freidrehenden Abschweifungen verleiten.

Ihre Tonsprache erinnert an den strengen Impressionisten Claude

Debussy oder den allgegenwärtigen Erik Satie, hier und da mag

Folkloristisches verarbeitet worden sein. Von Allerweltsminimalismus

keine Spur, sondern eine uneitle Schönheit, in der Lyrik und

Lakonik sich bestens miteinander vertragen.

www.minorityrecords.com/

tcb

Kurcharczyk - Best Fail Compilation

[Monotype/mono066 - A-Musik]

In diesem Fall muss ich zugeben, etwas befangen zu sein. Nicht,

weil ich den Künstler persönlich kennen

würde, sondern weil ich Koboldmakis ziemlich

großartig finde. Ein Exemplar dieser

Gattung ziert das Cover von Wojtek Kucharczyks

Album "Best Fail Compilation",

dessen irreführender Titel als Kompendium

all der grandiosen Unfälle der Natur zu verstehen

ist, die mitunter zu so tollen Ergebnissen

geführt haben wie diesen nachtaktiven Primaten mit den

Kulleraugen. Nach Unfällen klingen Wocharczyks Stücke hingegen

eigentlich nicht, eher wie ein eigenwilliger Kreuzungsversuch

von Bassmusik jüngeren Datums mit abstrakter Elektronik. In der

Produktion sind spartanische Gesten vorherrschend, deren ruhiger

Fluss durch gelegentliche laute Störungen aufgewühlt wird.

Manches davon würde auf der Tanzfläche nicht einmal unangenehm

auffallen, anderes gibt sich offen als Experiment, ohne Clubanbindung

erkennen zu lassen.

www.monotyperecords.com

tcb

Fenster - The Pink Caves

[Morr/morr127]

Geständnis: Das letzte, erste Album der transnationalen "Band"

Fenster (nomen est omen, dies hier klingt nicht amerikanisch oder

deutsch, sondern sowohl-als-auch-und-mehr), "Bones" (2012),

hatte ich mehrfach übersehen. Dennoch nie komplett verworfen.

Dann wieder rausgeholt wegen eines Konzerts. das ich dann nicht

besuchen konnte. Das neue Album gar nicht erst erhalten. Zunächst.

Dann darauf gestoßen worden. Es bleibt eine schwierige

Beziehung. Der Witz an uns Königskindern: Schon "Better Days"

vom neuen Langspieler gefällt in seiner leicht schleppenden oder

verschleppten Pophaftigkeit mit der guten Seite dessen, was man

als Indie-Appeal bezeichnen kann. Sprich: Tremolo, Synthie, Geklapper

und eigentlich alles steht hier im Dienste des verhallten

Dream Pops, selbst kitschige Anflüge versinken in wirkungsvoller

Traurigkeit. Toll.

cj

Jóhann Jóhannsson - Prisoners OST

[NTOV/Cobraside/NTOV9]

Ein bildgewaltiges Album, welches Jóhann Jóhannsson mit "Prisoners

OST" präsentiert! Es verwundert

daher überhaupt nicht, dass es auch tatsächlich

Filmmusik ist - das Album lieferte

den Soundtrack für den Psycho-Thriller

"Prisoners", welcher im Oktober 2013 in die

Kinos kam. Der Soundtrack des Films und

das Titelstück des Albums "Prisoners" spiegeln

die Gesamtatmosphäre des Albums

exzellent wieder: Auf der einen Seite verspürt man einen warmen,

poetischen, lyrischen Ansatz in der Musik, der aber in Kombination

mit den elektronischen Elementen erst seine eigentliche Spannung

und Dramatik erfährt und sich langsam aufbauend zu herzzerreißenden,

monumentalen, hypnotischen Momenten von Ästhetik

und Melancholie emporhebt. Erik Skodvin (Deaf Center,

Svarte Greiner) und Hildur Gudnadottir unterstützten Jóhannsson

darin, diese beklemmend-düstere Dramatik zu entwickeln. Dies ist

ihnen perfekt gelungen. Ohne Frage.

jonas

Helm - The Hollow Organ

[PAN - Boomkat]

Luke Younger baut Collagen aus bearbeiteten Aufnahmen von

Metallperkussion und Fieldrecordings undefinierbarer

Herkunft. Durch Auswahl und

Bearbeitung dieser Klänge schafft er Atmosphären

aus Industrial, Noise, Drone und

Ambient, die am besten als Hörstücke bezeichnet

werden können. Distortion, hochfrequentes

Pfeifen und eine allgemein recht

raue Soundästhetik geben den Tracks stets

eine gewisse Endzeitstimmung, in der dubiose Maschinen tief im

Bauch der Erde ihr undefinierbares, aber furchteinflößendes Tagewerk

verrichten. Nein, im Ernst, spannende Klänge.

www.pan-act.com

asb

Bohren & Der Club of Gore - Piano Nights

[PIAS - Rough Trade]

Bei einem neuen Bohren-&-Der-Club-Of-Gore-Album stellt man

sich grundsätzlich die Frage, was den aufs

Minimum reduzierten Tönen pro Zeiteinheit,

der drückenden Langsamkeit und der damit

verbundenen Atmosphäre der Musik noch

hinzuzufügen ist, um ihr eine neue und interessante

Wendung zu geben, ohne die spezielle

Magie zu zerstören. Im Falle von "Piano

Nights" ist das ein Klavier. Kein Flügel,

sondern "nur" ein Klavier. Die Stimmung bleibt also intim, an einen

Konzertsaal denkt niemand beim Hören dieser dunklen und jazzigen

Musik. Und ab und an gemahnt "Piano Nights" an Angelo

Badalamenti und seine David-Lynch-Soundtracks.

www.piasrecordings.com

asb

Pillar Point - Pillar Point

[Polyvinyl - Cargo]

Scheint, als wäre der Pillar Point gerade erst aufgestanden - so

knautschi-mautschi verschlafen wie der

dreinguckt und mit hängenden Schultern

auf der Kante des ungemachten Bettes

sitzt, in dem noch eine schlafende Frau

liegt. Drinnen gibt’s dann ganz okayen Pop

mit Eletronica-Einschlag. Manchmal ganz

nett, so im Sinne von Apparat-nett. Dann

aber auch wieder super schnulzig wie Hurts.

Hm. Bin unentschlossen.

www.polyvinylrecords.com

jw

Highasakite - Silent Treatment

[Propeller Recordings - Soulfood]

Puh, am Anfang vielleicht ein bisschen zu seicht und weich. Aber

ab dem zweiten Track kommt dann plötzlich irgendwas Geiles

reingerauscht. So mit Ecken und Kanten. Und dann klingt's aufeinmal

wie Boy minus Majorreinrederei. Edgy Schwermut-Pop

halt. Ganz geil.

www.propellerrecordings.no

jw

Kangding Ray - Solens Arc

[Raster Noton - Kompakt]

Auf seinem vierten Album für Raster Noton legt David Letellier

kühle melancholisch bis düstere Stimmungen

auf teilweise äußerst clubrelevante

Beats und verwundert damit sicher jene

Hörer, die Carsten Nicolais Label immer

noch vorrangig mit experimentellen digitalen

Kunst-Klängen in Verbindung bringen.

Auch Electronica und IDM verarbeitet der

ehemalige Gitarrist und Schlagzeuger in

seiner Musik, die mir immer besser gefällt, je abstrakter sie klingt.

www.raster-noton.net

asb

Jean-Claude Risset - Music From Computer

[ReGRM/REGRM 011]

So bahnbrechend die Klangforschung Jean-Claude Rissets für

die Computermusik war – die nach ihm bzw.

Roger Shepard benannte, ewig auf- oder

absteigend scheinenden Töne sind inzwischen

Gemeinplatz, weniger bekannt sein

Beitrag zur Synthese akustischer Instrumentalklänge

– so überraschend lässig

wohl die Art und Weise, wie er deren Ergebnisse

in seiner Musik umsetzte. Die beiden

noch in den Sechzigern entstandenen "Computer Suite from Little

Boy" und "Mutations", Pionierarbeiten der Computermusik, atmen

im sterilen Hallraum zwar immer noch die akademische Soundästhetik

ihrer Zeit, warten aber schon auf mit resynthetisierten

Trompeten, Pianos, Orgeln und kleinen Trommeln, die sich zwischen

die FM-Glocken, spektralen Bänder und Glissandi, Klangkaskaden

und -girlanden boxen, als hätten sie sich in der Tür zu

einem Raymond-Scott-Soundtrack geirrt: ein Schalk, der Mann.

Und wer hätte gedacht, dass sich, wenn man genau hinhört, doch

derart ausgiebiger, vielgestaltiger Gebrauch machen lässt vom

psychoakustischen Effekt der Risset-Töne. Auch im sommerlichen

"Sud" von 1985, das akustische Aufnahmen um Marseille (Wasser,

Vögel, Insekten) und ihre synthetische Mimikry über eine schillernde

Vexier-Matrix breitet, stellt er ganz in den Dienst einer ungezwungenen

Art von Klangspaziergang. Freundliche Musik.

multipara

Gardland - Improvisations

[RVNG Intl./Rvngnl 22 - Cargo]

Letzten Herbst veröffentlichte RVNG Intl. das Debutalbum "Syndrome

Syndrome" des australischen Duos

Gardland, eine borstig-unterkühlte Technoplatte.

Was hier nun nachgereicht wird, ist

ein Blick zurück: drei Aufnahmen, entstanden

schon 2012. Live-Edits, die die 15-Minuten-Marke

schonmal überspringen. Waren

auf "SyndromeSyndrome" (einige seiner

Bauteile kann man hier wiederfinden)

ausgeklügelte oft karge Produktionen, herrscht hier ein

unbändiger Wille zur Exploration. Gardland lassen ihren

übersteuerten Sounds (ja, es ist ein Radio-Rip!) freien Lauf, verlieren

sich in der Effektsektion, treiben ihre Tracks in immer neue

Richtungen und spielen ihre offensichtliche Obsession für Noise

voll aus. Ein psychedelisches Donnerwetter ohne jede falsche

Zurückhaltung.

blumberg


180 — 61

ALBEN

The Body - I Shall Die Here

[Rvng Intl./RVNGL25 - Cargo]

“I Shall Die Here“ erweckt die Assoziation einer Raumkapsel in

einem tiefschwarzen Loch. Der Druck ist

kaum auszuhalten, aber nichts steht still.

Das Sludge-Duo aus Portland, Oregon hat

sich für seinen aktuellen Langspieler mit

dem britischen Soundfummler Bobby Krlic,

besser bekannt unter dem Namen The Haxan

Cloak, zusammengetan und ein oneway-ticket

in ganz verzweifelte Sphären der

menschlichen Emotionsskala abgeliefert. Das Grundgerüst aus

Drums, Gitarre und Vocals bleibt bestehen, es wird in statischer

Manier bis in die Hölle heruntergestimmt und ein überzeugendes

Wehklagen vermittelt. The Haxan Cloak nimmt den formlosen

Haufen und macht das ganze mit zahlreichen Tweaks unter Hinzufügung

stilistischer Terrormaßnahmen angenehm unberechenbar.

Klar, das hier ist auch noch für Post-Hardcore-Jünger konsumierbar

und nicht die neue Messlatte an akustischer Folter, das

war aber auch sicherlich nicht der Anspruch. Eine geglückte Expansion

des Sounds von The Body und ein schöner Showcase für

Bobby Krlics vielseitiges Talent.

igetrvng.com

tn

Ø - Konstellaatio

[Sähkö/Sähkö 28]

Dass Mika Vainio alle paar Monate eine Platte in die Welt hinausschickt

– solo oder mit wechselnden Partnern

–, ist dieser Tage ja zur Selbstverständlichkeit

geworden. Sein letztes Album

als Ø liegt aber schon eine Weile zurück.

Nachdem sein Fokus in jüngster Zeit auf

gitarrenverstärkter Heaviness gelegen hatte,

erscheint "Konstellaatio" im Vergleich

dazu wie eine Ruhepause. Hier gibt es immer

noch das Pochen von tief unter der Erde, doch darüber

schweben Klänge, die von sehr viel weiter weit weg herüberzuwehen

scheinen. Es liegt etwas vom Trost der Sterne darin, die sagen

(obwohl sie stumm sind): "Was auch passieren mag, wir drehen

unsere Bahn. Darauf kannst du dich verlassen. Selbst wenn du

nicht mehr bist." Traurigkeit steckt auch in dieser Musik, ohne Verzweiflung,

eher als Mischung aus Gelassenheit und Abschied, wie

sie sich nach langer Zeit des Schmerzes einstellen kann. Und ein

Paradox steckt in den Stücken. Man mag in diesen Stimmungen

eine Vertrautheit fühlen, bleibt am Ende jedoch in der Fremde.

Vainio biedert sich nicht an, die Gefühle, von denen er erzählt, sind

seine eigenen. Man kann sich von ihnen bloß bezaubern lassen.

tcb

Mika Vainio - Konstellaatio

[Säkhö Recordings]

Seit Anfang/Mitte der 90er Jahre veröffentlicht der Finne Mika

Vainio elektronische Musik. Anfangs mit den

bahnbrechenden PanSonic, später allein

unter eigenem Namen oder als Ø und in Zusammenarbeiten

mit Künstlern wie Charlemagne

Palestine, Kevin Drumm oder Christian

Fennesz. Seine Musik klang zwar von

Projekt zu Projekt unterschiedlich, seine

Sounds, mal elektronisch harsch, mal analog

und warm, aber stets besonders und eigen. Dieses neue Album

erscheint wieder unter dem Pseudonym Ø und arbeitet mit klaren,

fast gläsernen, und scharf voneinander abgegrenzten Einzelklängen

an einer ruhigen, tiefen und unglaublich entspannenden Atmosphäre

irgendwo zwischen musikalischem Minimalismus und

Hörstück. Großartig!

www.sahkorecordings.com/

asb

SybiAnn - Spore

[Shit Music For Shit People/Cinedelic Records/SHIT#19]

SybiAnn aus Italien kreieren auf ihrem Debüt einen wilden Mix aus

Afro/Tribal-Drums, Retro-Acid und einem

guten Happen John Carpenter. Das zum

größten Teil instrumentale Album oszilliert

freudig zwischen treibenden Rhythmen und

spacigem Synthie-Sud hin und her. Liquid-

Liquid-Nervosität trifft analogen Druck unter

Kokasträuchern, Songtitel wie “Cosmic

Favela“ sprechen Bände. Es wird sich

glücklicherweise nie auf nur eine der Zutaten gestützt; “Sambaramba“

erinnert mit verhalltem Gesang zuweilen sogar an eine

biedere Version des World-Music-Funks von Bands wie Gang

Gang Dance. Die Italiener wollen Miami Vice in die Dschungeldisco

überführen - und der Weg führt straight zum kauzigen Ziel.

tn

stieg nur an Sonntagen entsprechend glückt. Dabei hat "Modular"

alle Vorraussetzungen für einen entspannten Tag im Downbeat,

dem auch ein wolkiger Himmel nichts anhaben kann – sunday dopeness

pur. Richtig gestartet, ist man bereit für die B-Seite. Mit

einer jazzigen Trompete im Rucksack begleitet einen der "Matador",

zum nächstgelegenen Tanztee, bis die 909-Bassdrum endgültig

einsetzt und TAROs Dubtechno-Elemente zum Vorschein

kommen. Den Drahtseilakt aus Tanzwillen und Entspannung beherrscht

er mühelos. Sehr schöne Single.

www.theanalogrolandorchestra.com

bth

C. Spencer Yeh, Okkyung Lee, Lasse Marhaug - Wake Up

Awesome

[Software/SFT021/SStudios02 - A-Musik]

Natürlich wäre das auch dann genuin elektronische Musik, wenn

jenseits der Percussion und dem Piano der

beiden Herren, dem Stimmeinsatz aller drei,

dazu Yehs Violine und schließlich Lees Cello

als Tour Guide keine elektronischen Töne

zum Einsatz gekommen wären. Was sich

zunächst wie Ausschnitte aufgeweckter

Studio-Jams gibt, entpuppt sich allmählich

im Lauf der 15 Stücke als Ergebnis verschachtelter

kompositorischer Nachbearbeitungen ebensolcher.

Deren atmosphärische Verdichtungen und Zuspitzungen verleihen

der komplexen Materialfülle des Trios erst Greifbarkeit, denn die

Pforten der Wahrnehmung hält es durchweg sperrangelweit offen:

ein überfalteter Strom neuer Gerüche und Muster, aus jedem Kissen

wird man sogleich wieder fortgezogen, weggebeamt; alles

scheint möglich in diesem murmelnden, samtigen, kräuselnden,

sandpapiernen Basar, summiert sich zu einer sanft euphorisierenden

Katharsis, aus der uns noch am Ende Lees Bogenstrich als

junges Fohlen auf die Frühlingswiese entlässt, gerüstet für den

Tag.

www.softwarelabel.net

multipara

V.A. - Rocksteady: Rocksteady, Soul and Early Reggae at

Studio One

[Soul Jazz/SJRCD277 - Indigo]

Rocksteady, dieses historische Bindeglied zwischen Ska und Reggae,

markiert in der Musik Jamaikas eine

Phase Mitte der Sechziger Jahre, in der das

Tempo rausgenommen wird und das künstlerische

Unabhängigkeitsgefühl der Musiker

des Landes zunimmt. Zugleich orientiert

man sich an Soul-Liebesliedern und singt

gern dreistimmig. Diese Vorstufe des Reggae

gilt unter Jamaikanern immer noch als

die beliebteste Musik, so Lloyd Bradley in seinem Booklet-Essay.

Und sie hat reihenweise großartige Songs hervorgebracht. Aus

dem Studio One stammt nicht nur eine frühe Fassung des Heptones-Überhits

"Party Time", auch Ken Boothe hat ergreifende, fast

gospelartige Nummern wie das zutiefst demütige "Home Home

Home" beigesteuert. Gleich zu Beginn der Compilation gibt es

dann noch einen Verweis auf spätere Reggae-Traditionen: Den

markanten Bläsersatz aus dem Song "Stars" von The Eternals hat

King Tubby im Titelsong seines Albums "The Roots of Dub" kongenial

gewürdigt. Hier also die Vorlage dazu.

www.souljazzrecords.co.uk

tcb

Sunn O))) & Ulver - Terrestrials

[Southern Lord - Soulfood]

Für ihr neues Opus taten sich Stephen O'Malley und Greg Anderson

mit den norwegischen Wölfen von Ulver

zusammen. Ulver mischen normalerweise

Dark Ambient mit neoklassischen Elementen

und akustischen Instrumenten zu pathetischen

Schwermütigkeiten. Gemeinsam

setzen sie hier das musikalisches Tempo

manchmal fast auf Null und erzeugen durch

mit Kathedralenhall überzogenen Bläsern,

Streichern, Gitarre und Bass sich minimal bewegende Drones, die

spätestens bei den Gesangsparts zu pathosüberladenen Sakral-

Scores mutieren. Schwere bis anstrengende Kost.

www.southernlord.com

asb

Wooky - Montjuïc

[spa.RK/sp26cd - BCore]

Vielleicht muss man in Barcelona zu Hause sein, um sich sowas zu

trauen und dann auch noch so überzeugend

durchzuziehen. Albert Salinas holt mit seinem

Debutalbum sämtliche im Bermuda-

Dreieck von IDM, Trance und Progressive

verschollenen Rave-Cruiser an die Oberfläche

und schenkt ihnen einen zweiten Frühling

im neuen Jahrtausend. Wie das geht?

Durch Verzicht auf jeglichen Anflug von

Stumpfheit. Die Beats leben den geschmeidigen Funk moderner

Breaks und Steps, grade Viertel sind die Ausnahme; überhaupt

passiert hier aber für den Dancefloor, das Wegdriften einfach zu

viel. Wie schon in Brunas sublimierten Clubmoment-Flashbacks

voriges Jahr am selben Ort steht hellwache romantische Verklärung

in Pralinenform auf der Agenda, aber mit anderen Mitteln.

Während man noch vorm Sounddesign zurückzuckt, das wie beiläufig

Brücken schlägt von etwa Bass Music zu R&S und Internal

(die Älteren werden sich erinnern: Orbital, CJ Bolland), gibt man

The Analog Roland Orchestra - Modulor Matador

[Soaked/002 - Eigenvertrieb]

So wünscht man sich einen sanften Tagesbeginn. Leider wäre

dieser berufstätigeninkompatibel, weswegen der Realitätseinsich

nur zu leicht Wookys traumhafter Sicherheit hin, mit der er die

vielen kleinen und großen Melodien zusammenhält, die von ewiger

Jugend an fernen Stränden erzählen. Und wundert sich.

www.sparkreleases.com

multipara

Dirty Purple Turtle - Medicine & Madness

[Spezialmaterial Records]

Der Beginn des Albums erinnert schwer an den Apachen, den für

den Trommler Klaus Dinger und damit

Bands wie Kraftwerk und Neu! typisch maschinellen

4/4-Krautrock-Beat. In den

nächsten Tracks zeigt das mit Schlagzeug

und Electronics bewaffnete Duo aus der

Schweiz, dass es mitnichten irgendwo abkupfert,

sondern über ein recht breites Repertoire

an musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten

verfügt. Dadurch bleibt "Medicine & Madness" über die

gesamte Spielzeit spannend. Live eingespielt klingt das, roh und

er-improvisiert. Das rockt meist schwer verzerrt mal schleppend

und mal uptempo, lässt dabei aber nie eine Gitarre vermissen,

sondern erweist eher John Carpenter die Ehre. Und spielt mit Industrial,

Dub und Laibach. Was ein Spaß!

asb

Die Heiterkeit - Monterey

[Staatsakt/Akt 748 - Rough Trade]

"Herz aus Gold", "Daddy's Girl" und nun "Monterey": Die ausdrücklich

missmutig gelaunt scheinenden Damen

der Heiterkeit rühren einen immer mehr.

Schon auf der unglaublich schönen

"Daddy's Girl"-E.P. findet sich eigentlich

nicht mehr der viel bemühte geniale Dilletanttismus,

sondern entrückter minimaler

Traum-Pop mit JD- oder VU-Grandezzaeinschlag.

Ich meine, wer weint denn bitteschön

nicht zum Titeltrack, der sich auch auf dem zweiten Album

wiederfindet? Das ist mehr Galaxie 500 als Lassie Singers,

gleichwohl "Deine Parties sind furchtbar, es ist nicht zu fassen"

singend. Sicherlich hilft eine Ladung Misanthropie-Affinität, um

den Weg mit der Heiterkeit zu gehen. Doch genau das entfaltet

einen leisen, unaufgeregten Sog, von mir aus auch Flow, der glitzert.

Und mit "Factory" wird der Referenzkosmos weiter geöffnet.

"Du und ich riskieren viel". Die Heiterkeit bleibt ganz sie selbst,

stoisch, und riskiert erfreulich, nicht gemocht zuwerden. Ich liebe

sie (nicht nur deswegen).

www.staatsakt.de

cj

Ja, Panik - LIBERTATIA

[Staatsakt/LC15105 - Rough Trade]

"Ich wünsche mich dahin zurück, wo's nach vorne geht", "Wo wir

nicht sind, wollen wir nicht hin", "Wo wir sind,

ist immer Libertatia". Die Wahl-Berliner Österreicher

klingen irgendwie nunmehr ausgesprochen

englisch, nicht etwa wegen ihrer

phantastisch vielen Zitate und Verweise,

nein, im Sound. Nachdem New New Wave

sich etwas ausgelebt und überholt hat, arbeiten

Ja, Panik und auch zahlreiche

deutschsprachige gute Bands dies auf, ohne sich aufzugeben.

Sondern streuen sogar ein klein bisschen Soul mit hinein. Sie bleiben

wohl neben Kante eine der wichtigsten Gruppen gleich nach

Fehlfarben, The Wirtschaftswunder, nach den Goldenen Zitronen,

Die Sterne oder Blumfeld und vor Messer, Die Heiterkeit, Trümmer

oder Candelilla. Ja, Panik bleiben ein wirklich beeindruckendes

Dazwischen. Und warum nicht mal das Infosheet zitieren, das es

im Fall dieser Band und des anarchistischen Seeräuber-Ortes

Libertatia auf den Punkt bringt: "LIBERTATIA ist 'Dostojewski in

der Disco' (Kristof Schreuf)".

cj

Mixed Band Philanthropist - The Impossible Humane

[Staubgold/staubgold 129 lp - Indigo]

Die New Blockaders hatten in den Achtzigern dieses schöne Nebenprojekt,

in dem Musique-Concrète-Methoden

auf erfreulich krude Weise Anwendung

fanden. So wurde nicht nur sehr

unorthodox Lärm mit Pop-Zitaten zusammengemischt,

es kamen auch haufenweise

exklusive Tape-Zugaben von befreundeten

Künstlern in den Fleischwolf: Mit Nurse With

Wound, Merzbow, P16.D4, Asmus Tierchens,

Andrew Chalk, Etant Donnes, Controlled Bleeding, Smegma

oder The Haters ist so ziemlich alles vertreten, was im extremen

Noise und Industrial damals Rang und Namen hatte.

Entsprechend heterogen klingen die einzelnen Sektionen, die

gleichwohl bestens zusammenhalten wie ein abstraktes Hörstück,

in dem sogar Tom Jones einen Auftritt bekommt. Zusätzlich zum

ursprünglichen Album hat das Label Staugold noch die Single

"The Man Who Mistook A Real Woman For His Muse And Acted

Accordingly" als Bonustitel ergänzt, was zur Komik der Sache einiges

beiträgt. Ein tolles Raritäten-Reissue!

tcb

V.a. - Local Talk - Talking House Vol. 3 [Talking House]

Ein unscheinbares Label irgendwie, aber wir empfehlen jedem, es

mit dieser Labelcompilation kennenzulernen. Upliftend funkige

Housetracks in sehr gedämpften, aber auch überdrehten Stimmungen

von Anaxander, Elef, Dale Howard, S3A, HNNY, uvm., die

immer, fast immer über sich hinauswachsen und einfach sommerlich

glücklich schmetternde Deephousetracks der feinsten Art

sind, die so viel innerlichen Soul haben, dass man sie jedes Mal

auf dem Floor wieder wie einen alten Freund begrüßt.

bleed

V.a. - Present Tense

[Touchin' Bass]

Grandiose LP mit Tracks von Sky Tucker, Jeff Pils, Quinoline Yellow,

Clatterbox, Kero und v.a. Immer wieder

böse rockend, voller Electrospleens, aber

auch abstrakterem Funk, schleichend mäandernden

Momenten, in denen alles auf

den Melodien liegt, den süßlich zuckelnden

Momenten. Früher wäre so eine Platte auf

Clear erschienen und man hätte sie ein Jahr

lang gefeiert. Jetzt dürfte sie vor allem etwas

für Genießer der Randgebiete des Floors und alter Zeiten

sein, auch wenn die Musik eigentlich viel zu frisch ist, um durch

eine Brille gehört zu werden.

bleed

Tinariwen - Emmaar [Wedge]

Die Tuaregmusiker von Tinariwen haben ihr mittlerweile sechstes

Album aufgrund der politischen Lage zum

ersten Mal nicht in der Heimat im Norden

Malis, sondern in der Joshua-Tree-Wüste in

Kalifornien produziert. Geholfen haben dabei

ein paar amerikanische Musiker um den

Red-Hot-Chili-Peppers-Gitarristen Josh

Klinghoffer, die den typischen Bandsound

durch Slidegitarren und Geigen ein wenig

angereichert, aber nicht grundsätzlich verändert haben. Produziert

hat wieder Patrick Votan, der nicht nur mit unterschiedlichen

Musikern wie Charlie Haden, Rokia Traoré und Salif Keita, sondern

auch an den früheren Alben der Band gearbeitet hat. Die Texte

beschäftigen sich nach wie vor mit der komplizierten politischen

Situation der Tuareg, und auch musikalisch hat Tinariwens entspannt

treibender Wüstenblues immer noch eine Menge zu sagen.

asb

Ane Trolle - Honest Wall

[Wind Some Lose Some/APCD 60361]

Die Dänin hat uns schon mit Trentemøller und ihrem Duo Trolle/

Siebenhaar sogar chartshaft kennen gelernt.

Überhaupt werden einem ja gerade

wieder diverse Skandinavier - nicht nur im

allseits wunderbaren Design - nahe gelegt,

die Förderung sogenannter kreativer Bereiche

funktioniert dort anscheinend einfach

besser als hierzulande. A propos: In direkter

Nachbarschaft zu gothischen Acts wie

Anna von Hausswolff oder der swampbluesigeren Andrea Schroeder

bewegt sich Ane Trolle mit ihrem Solo-Album. Keine Angst

vor Emotionen oder Entblößungen sollte vorausgesetzt werden.

Trolles Stimme und Stimmung erinnern an die sicherlich sehr vergessenen

Congo Norvell, die einst von Kid Congo Powers und

Sally Norvell in L.A. gegründet wurden. Im April kommt Frau Trolle

auf Tour mit Band auch in unser Land.

cj

Kouhei Matsunaga - Drawings

[Fang Bomb/FB023 - A-Musik]

Kouhei Matsunaga mag Vögel. "Drawings", erstmals eine Auswahl

seiner zeichnerischen Arbeit in Buchform sammelnd, komplett

mit 7" seines musikalischen Alter Egos Koyxen Mattsunangen,

knüpft so auf Fang Bomb ganz zwanglos an Wolfgang Müllers

voraufgegangene Buch+7"-Kombination an, in der es um die

Laute ausgestorbener Vogelarten ging. Die Welt, die Matsunagas

Vögel und Akte bevölkern, atmet eine unerwartete und anziehende

Leichtigkeit zwischen antiker Idylle und verspieltem japanischem

Minimalismus: ein blendend weißes Puppenhaus mit winzigen

Kuchentellern und Musiktruhen, in denen die Liniengestalten der

Liebeskinder von Beardsley und Shrigley in naiven kubistischen

Raumverfaltungen und seinen ureigenen muskelfasrigen Schraffuren

einen entspannten Nachmittag machen. Der Soundtrack

dazu: Bonus ohne Korrespondenz. Zwei weitere "Dance Classics"

im Stil seiner Compilations auf Pan, dank gleicher Werkzeugkiste

wieder klingend wie weiland Zorn (besonders im technoideren

Puls des zweiten Stücks), umseitig ein wenig Fischen nach dem

Ehering im Abflussrohr und ein abgehangen kratziger Feedback-

Fieps-Beat im NHK-Stil.

multipara

Citizen - Climax Ep

[2020Vision - Rough Trade]

Ihr wisst schon. Diese Frauenstimme, die säuselt, die duch die Luft

des shuffelnden Grooves fliegt und von einer

Nacht träumt, in der man sprachlos,

aber doch voller Stimme, durch den Raum

fliegt. Das kann Citizen auf "As One" perfekt.

Schichten von Stimmschleiern, die

dem satten Bass etwas unerwartete Frische

zuwedeln, während der Schweiß nicht

mehr weiß, wohin er noch tropfen kann.

Brilliant inszenierte Hymne, die einen weiter hinausträgt, als man

dachte noch gehen zu können. Und wenn sich das Gepolter noch

tiefer in Soul einschleust, wie auf "Climax", dann erfüllt sich - einmal

mehr - der Traum der Nacht.

bleed


62 — 180 — REVIEWS

SINGLES

Truncate - Pressurize EP

[50 Weapons/033 - Rough Trade]

Zitternd, bis es einem die Luft verschlägt,

Paukenschläge, ausufernd kontrollierte

Synths, so legt die EP auf "Breakdown"

los und hält einen damit so gefangen,

dass man sich fragt, ob der Track überhaupt

noch von der Stelle kommen muss,

um einen wirklich umzuhauen. Die Antwort

hat man auch gleich. Wozu? Auch

der Rest der Platte verwirrt einen immer

wieder. Mal mit einem Sound, der uns

überraschend stark an die ersten Clicks-

&-Cuts-Zeiten erinnert, "Dial 20" z.B.

könnte fast von SND sein. Nur halt mit

mehr Wumms. Und dann ist plötzlich wieder

dschungelartiger Technosound angesagt,

und am Ende finden wir uns beim

Hood-Minimalismus der ersten Stunde

wieder. Und nun? Am besten nochmal.

bleed

Alien Rain - Alien Rain 4

[Alien Rain/AR004]

Bereits die vierte Alien Rain und eigentlich

braucht man zu diesem sehr erfolgreichen

Seitenprojekt von Milton Bradley

kaum noch etwas zu sagen. Eine Vermengung

der dunklen Seite des Technos

mit hypnotischen Sci-Fi-303-Rhythmen

- und das in Perfektion. Strahlender,

rauer Acid-Techno. Die Intensität von

"Alienated 4A" und "4B" entwickelt sich

spiralförmig-ansteigend, behutsam und

trotzdem konsequent, um dann jedoch

nicht zu explodieren, sondern sehr elegant

das Stück zu schließen. "Alienated

4C" rundet die EP als ein wesentlich

leichteres, ambienthaft unaufdringliches

Stück ab.

jonas

Leyland Kirby -

Breaks My Heart Each Time EP

[Apollo/AMB1401 - Alive]

Nach dem unheimlich starken Album

als "The Stranger" im Jahr 2013, veröffentlicht

R&S' Tochterlabel Apollo jetzt

Kirbys EP "Breaks My Heart Each Time".

Sie ist angekündigt als eine sehr persönliche,

reflektive EP. Und tatsächlich - es

scheint sich hier ein Kreis zu schließen.

Die rasanten Rhythmen, hauchdünnen

Synthesizermelodien und die anderen

perkussiven Elemente stellen eine Verbindung

zu seinen eigenen Wurzeln, die in

älterem UK Rave und Acid House liegen,

und gleichzeitig dem aktuellen Tanzflächengeschehen

dar. Eine EP zwischen

prächtiger Atmosphäre, subtilen, kryptischen

Rhythmen und jazzigem Techno.

jonas

Gacha -

When The Watchman sees The Light

[Apollo/AMB1402 - Alive]

Erstaunlich eigentlich. Apollo macht wie

R&S alles richtig und doch nichts falsch.

Hier mehr Tracks von Gacha, wunderschöne

Elektronika mit Frauengesang,

Gitarre, sanften Tönen, die dennoch

nie banal wirken, kuschelig, aber nicht

anzüglich, smart und doch so direkt.

Manchmal klingt das wie ein laues Windchen

einer von weit weg hereingewehten

Festivalband, manchmal ist es pures

plauschiges Pathos. Immer aber stimmt

alles. Musik, in die man sich fallen lässt,

ohne dabei viel davon zu erwarten.

bleed

Architectural - Architectural EP

[Architectural Recordings/005]

Wann ist Techno überwältigend? Wenn

es einen mitreißt? Ja, aber damit ist es

nicht genug. Er muss eine Welt erfinden,

die so gigantisch und unnahbar ist, dass

sie einem sofort zur Heimat wird. Dystopisch,

aber voller Hoffung auf etwas,

das man nicht mal unbedingt selber auch

erreichen will. Architectual kann das in

den besten Momenten der EP. Zitternd,

bebend, massiv und doch so voller geheimer

Verheißung, Verlockung, Gräben, in

die man blickt, bis einem vor Endlosigkeit

schwindelig wird. Loslassen, aber nicht

loslassen, sich gehen lassen, aber nie zu

tief fallen, endlos auf etwas einlassen,

aber doch irgendwie von der Ästhetik der

Macht mitgetragen werden. Spanier vor

der Zerreißprobe. Wir können uns das

gut vorstellen. Und sind bereit, an diese

Szene der inneren Erleuchtung der Fusion

von Techno mit sich selbst zu glauben.

bleed

Djuma Soundsystem, Aki Bergen

feat. Lazarusman -

Your Deep Is Not My Deep

[Audiomatique/AM054 - WAS]

Poser. Dann ist das eben mein Deep. Was

sollen die Kids auf dem Floor denn denken,

wenn sie alle plötzlich für sich mit

der dunklen Stimme des Tracks mitsummen!

Die vereinzeln doch völlig. Die drehen

sich doch von allen weg. Und dann?

Depression auf dem Floor? Wir können

froh sein, dass der Track einfach ein

klassischer Hit ist, der keinen mit seinem

"not together" alleine läßt, weil man doch

irgendwie die durch die letzten Poren der

Begeisterung siedende Durchlässigkeit

mit allen teilt. Drei Versionen des Hits,

alle perfekt.

bleed

Appleblim & Komon - Jupiter EP

[Aus Music - WAS]

Als Dubstep noch kein Schimpfwort war,

hat Laurie "Appleblim" Osborne mit seinem

Partner Shackleton ganz großartige

und wegweisende Musik veröffentlicht.

Halfstep-Beats, dicke Tiefbässe und

genau die richtigen Pausen zwischen den

einzelnen Klangereignissen waren damals

ihr Markenzeichen. Mit "Jupiter" ist

er jetzt nach 5-6 Jahren ganz woanders

gelandet. Der Titeltrack tanzt mit federnden

Housebeats und catchy Keyboards

recht gelenkig. "Glimmer" rockt eine Ecke

straighter, und "Beach Trak" arbeitet mit

ruckeligeren bossa-artige Rhythmen.

Dazu kräftige Bässe, eine runde fette

Produktion und ordentlich Funk. Nicht

schon wieder wegweisend, aber äußerst

frisch.

asb

Josh Caffe & David Newtron -

As I Look Out

[Batty Bass]

Ungewöhnlich kratzig, schnarrig fast

in den Sounds, dann diese wuchtige

Bassline, dieses Kellergefühl, das einen

fast in die 80er zurücktreibt, der

unausweichliche Acidmoment, die

Vocals, die klingen, als hätten sie ein

Megaphon verdient, dieses leicht trancig

Überdrehte und die wundervollen

Discochords im Breakdown zum Höhepunkt.

Irgendwie fast zu poppig, aber

genau deshalb auch zu gut. Eine eher

seltene Mischung. Der Remix von Snuff

Crew macht bei aller Nähe zum Original

doch einen Oldschoolmosher draus und

Capracara den Bolleracid dazu.

bleed

Clap! Clap! - Tambacounda

[Black Acre Records]

Wir halten immer einen kleinen Sicherheitsabstand

zu Tracks, die derart voll

mit tribalen Gesängen sind. Nicht aus

Angst vor dem großen Levi-Strauss,

sondern... Ach das erklären wir ein

anderes Mal, denn der Track ist nach

Sekunden eh schon weiter und in einen

Halftime-Groove getaucht, der so massiv

überfrachtet Eurotribeboogie für die

großen Raves des ganz großen Kinos

(erinnert sich noch wer an die Matrix-

Party?) macht, dass wir einfach schon

von der Idee, dass man das gut machen

kann, völlig übervordert sind. Und später

geben wir dann auch zu, dass Clap!

Clap! wirklich wissen, was man mit einem

Querflötensample im Dschungel

so anstellen kann. Abenteuer-EP, zu

der man mindestens einen Liter Bitter

Lemon braucht.

bleed

System Of Survival - I Mean EP

[Bpitch Control/283 - Rough Trade]

Sehr schöne EP von System Of Survival,

die vor allem dann brilliert, wenn es in

die dichten Tonalitäten von einzelnen

Samples geht wie auf "King Of The

Beat" oder "Family Ring". Dann dampfen

die Tracks vor lauter Stimmung losgelöst

und ohne dass sie jemals wieder

den Boden berühren müssten. Manchmal

bewegen sich die beiden aber auch

einen Hauch zu sehr in ihr eigenes Funkuniversum,

und dann sind sie gar nicht

mehr weit weg von etwas, das man früher

mal TripHop nannte.

bleed

gAs - Ray Of Light [Cadenza Lab/019]

Nicht verwechseln mit Wolfgang Voigt.

Würde aber beim Hören eh nicht passieren.

Enrico Gasperini träumt auf "Ray Of

Light" eher von "Stings Of Life", als von

Zauberbergen. Treibend glücklich selbstverlorene

Klassik, die einen wie auch die

Rückseite in diesen typisch Cadenzahaften

Klappersound der sanften Extase

entführt, die irgendwie immer latin ist,

irgendwie aber auch abstrakter, purer,

reiner, gepflegter und so aufgeräumt

hymnisch, dass man sich einfach dem

Flow ergibt.

bleed

Alex Israel - A Man Of Qualities

[Crème Organization/CR1271]

Kann Masse grooven? Anscheinend.

Eigentlich wäre das ja für Crème Organization

auch nichts wahnsinnig neuartiges.

So umwerfend wie auf der A-Seite

von Alex Israel, begegnet mir groovende

Schwerfälligkeit aber selten. Speckigverklebte

Synths, Tennisball-Drums und

dann Chords, die Melancholien aus dem

luftigen Space hinüberpusten. Auf der B-

Seite darf ein wenig durchgeatmet werden:

Die fettverschmierten Klauen laben

sich im Sommerwind, die HiHats üben

Seilspringen und die Basslines suhlen

sich im feuchten Gras. Rave On. Cremig

versauter Killeralarm.

malte

Dimitri Veimar - Everyone in NY

[Deep Shit/004]

Klar. Jeder. Jeder, nicht nur in NY, hat

ein Gimmick. Tricks. Irgendwo muss

man sich ja Substanz herholen, wenn

die Welt die schon nicht mehr hergibt.

Unsere jedenfalls nicht. Und Dimitri Veimar

bringt auf dem Track die perlenden

Bleeps, das pure Verzücken, die langsam

blubbernden Blasen der ersten Warpphantasie

von Zukunft dazu, uns davon

zu überzeugen, dass wir gar nicht von

NY reden, sondern von der Geschichte

von House, von dem Vierteljahrzehnt,

das einfach nicht loslassen will und in

jedem steckt, bereit zu jedem Moment in

einem Phantasma der puren Präsenz herausgeholt

und gefeiert zu werden. Das

Überraschende daran: Veimar kann das

irgendwie erzählerisch arrangieren, ohne

dabei an Kraft zu verlieren. Und das ist

nicht der einzige Track der EP, der einen

in diesem Schwebezustand zwischen

Realitäten der einen Geschichte, die in

Wirklichkeit vor allem viel zu viele sind, zu

halten und eine gute Nachtgeschichte zu

erzählen, die man wie eine Decke um den

inneren Dancefloor legt.

bleed

Giorgio Moroder vs. I-Robots

[Deeplay Digital/Opilec Music/DD005]

Italo-Disco hat für den Mastermind von

Opilec, I-Robots, bis heute nichts von seinem

Zauber verloren. Sicherlich eine tolle

Sache, mit "Utopia - Me Giorgio" einen

Track des Ausnahmeproduzenten Giorgio

Maroder bearbeiten zu dürfen. Allerdings

ist der unreleased track einer, den es nun

wahrlich nicht unbedingt braucht. Standard-Italo

ohne Erkenntnisgewinn oder

irgendeine Besonderheit, die ihn heute

noch interessant machen würde. Neben

der 77er-Rekonstruktion, die das Original

auf die doppelte Länge zieht, gibt es noch

zwei 2014er Versionen. Insgesamt eher

was für richtige Fans.

bth

Mark Du Mosh - Bay 25

[Dekmantel/014 - Rush Hour]

Monster. Rauscht auch gut. Soll aber

nicht mehr als eine Nebenbemerkung

sein. Lupenreiner Ravekram. Fiebrig.

Zitternd. Wummsend, mit Oldschoolmelodie,

die, wir schwören, so bekannt

ist, dass wir gar nicht mehr wissen woher.

Und dann pfeift der Track in seiner

Melodie auch noch so unverschämt, als

wäre das Ganze eher eine lustige Wanderei

durch die Berge. Und die Breakbeats!

Hatten wir schon erwähnt, dass

Breakbeats als Breaks wirklich viel zu

selten sind? Ein Track wie ein Monument.

Und auch "Living Up" mit seinen weiten

Reverbräumen und dem tänzelnd verliebten,

harmonisch überfluteten Sound

aus ungreifbaren Detroitromanzen. Wir

schmelzen dahin. Gesloten Cirkel macht

in seinem Remix dazu dann das, was wir

nicht erwartet hätten, er zerreißt den

Track und lässt ihn trotzdem ganz unschuldig

lostänzeln.

bleed

Simian Mobile Disco - Balut / Snake

Bite Wine

[Delicacies - Rough Trade]

Ich bin ja seit einer Weile erklärter Simian-Mobile-Disco-Fan.

Doch! Schickt

mir ein Shirt und ich werde es mit Ehren

tragen. Und hier ist es "Snake Bite Wine",

dass mich vom ersten Moment an mit seinen

klassisch geschnittenen 909-Hihats,

den aufrührerisch zurückgehaltenen

Chords und dem Willen, nie so wirklich

loszulassen, vom ersten Moment an fesselt.

Schon albern. Man will sich fesseln

lassen als Befreiung. Ja, wir haben schon

öfter über die Sado-Maso-Strategien der

Kicks nachgedacht. Aber hier wird das so

festlich angereicht, so voller Breite und

Grinsen, so erhaben und doch leichtfüßig,

dass wir am liebsten gleich willig

"Opfer" schreien. "Balut" hat mir etwas

zu viel von einem dieser Acidcharmer,

die den sich schlängelnden Basslines

so lange in die Augen gesehen haben,

bis die Lider etwas schwer wurden. Die

Trevino-Mixe haben dem "Snake Bite

Wine"-Charme nichts hinzuzufügen.

bleed

Miltiades - Stmete EP

[Delsin Records]

Festhalten. An diesem einen krümeligen

Nebensound, der sich in so einem Track

wie "Stmete" verstecken kann. Zu dem

kann man Du sagen. Der wächst einem

an. Der reicht hier schon, um sich mit

dem Track gemeinsam auf die Reise

zu begeben durch die fast zu lässigen

Grooves, die angedeuteten Harmonien.

Richtungswechsel braucht es da keine.

Nur dieses Streben nach Licht. Wenn

man es gemeinsam macht. Wenn Musik

das Gemeinsame sein kann. Dann reicht

das. Überhaupt. Eine so lichtdurchflutete

Platte. Ein Sonnenschein. Selbst wenn

man die Augen schließt.

bleed

Detroit Swindle - Huh, What! EP

[Dirt Crew Recordings/076 - WAS]

Ich hätte schwören können, nach dem

"What" kommt ein Fragezeichen. Eins,

das mir eine Antwort darauf gibt, ob Detroit

Swindle noch die besinnungslosen

Killer sind. So schön die breiten mampfigen

Housetracks der EP auch sind, so

perfekt, wie sie ihre klassischen Akkorde

ausspielen wie eine unschlagbare Hand

im Poker, so sehr fehlt mir am Ende

doch immer der eine Moment, an dem

das Ganze sich vom mittlerweile wie ein

Golfkurs gepflegten Rasen des deepen

Houseflurs wegbewegt. Darauf wartet

man auf "Huh, What!! aber vergeblich.

Dafür kann das "Laszlo Dancehall Exercise"

das. Wummernd, technoid, mehr

Scherben, als halb voll, knallt es einfach

nur durch. Konstant. Danach dann wieder

massive, perfekt durchkonstruierte

Housemomente.

bleed

Metrist - Doorman in Formant EP

[Fifth Wall/5WALL010]

Manchmal überkommt einen die total

schlaue Idee, beim Schreiben eines Reviews

einfach immer lauter zu drehen.

Wer weiß, vielleicht könnt ihr das dann

besser hören? Meist sind es so ruffe

Tracks wie hier, rauschig, kaputt, massiv

und zersplittert zugleich. Man glaubt

einfach, die gingen unter. Das wäre so

schade. Die finden nicht das Ohr, nicht

den Körper, nicht den Floor, der ihnen

gebührt. Wenn etwas so sensationell zurückhaltend

und lospolternd zugleich ist,

dann will man doch, dass das alle fühlen.

Ich lege einfach zu wenig auf zur Zeit. Zurück

zur Platte. Das ist pures Eis. Purer

Eisbrecher. Purer flüssiger Stickstoff zum

Atmen unter der Gasmaske. Cryo-Funk.

Ein Schrecken und ein kalter Schauer zugleich.

Holt euch das, kühlt den ganzen

Sommer.

bleed

Rick Wade - Sweet Life EP

[Fina Records/014]

Ich muss zugeben, hier ist es ausnahmsweise

mal der Remix von Mr. Beatnick,

der irgendwie zentral wirkt. Extrem lässig

schleppend im Tempo, nahezu nebensächliche

Samba und dennoch extrem

viel Energie. Das Original ist sommerlicher,

aber irgendwie einen Hauch zu

Stereo und der Rest der EP irgendwie

auch nicht ganz das, was wir an Rick

Wade so lieben.

bleed

Paul Peanuts - The Sun's Path EP

[Form Music/038]

Was für ein bezaubernder Track. Glöckchen,

Synths, Trubel, Zittern, jazzige

Grooves, purer Swing. Sommerravesound,

der klingt wie eine transdimensionale

Harfe in ihrem natürlichen

Überlebensraum. Musik, die man bewohnen

möchte. Aufbewahren bis man

sie an einem Nachmittag spielen kann,

an dem der Floor keinen Druck braucht,

sondern eine Umarmung. "Sweat Noise",

die Rückseite, ist das jedenfalls nicht. So

warm hier auch die Hintergründe sein

mögen, es hat nicht den Hauch einer

Chance gegen den Titeltrack, bis am

Ende langsam alles zusammenfindet und

in einer kleinen Supernova explodiert.

bleed

Black Loops - Simplon Ep

[Gruuv/030]

Böse. Trocken. Stolpernd im überladenen,

minimal aufgeladenen Groove. Ein

stolzer Loop ist der schwarze Loop. Wie

ein Bär. Wie ein Blick zu tief in einen Rachen,

der eine Öffnung auf eine Höhle ist,

in der nun wirklich nichts Gutes auf uns

TRAUM V172

EGOKIND

DIAMOND DAYS

TRAUM V173

DOMINIK EULBERG

& GABRIEL ANANDA

TRAPEZ 152

ROY ROSENFELD

KONNEKTED EP

TRAPEZ 151

LEGHAU

UPSURGE EP

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PAVEL PETROV

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180 — 63

SINGLES

wartet. Polternde Musik, die einen dazu

animiert, selbst das letzte Grollen noch

als eine Weissagung zu betrachten. So

jedenfalls "Cabron", denn auf dem Titeltrack

säuselt es verführerischer mit

charmanten Chords der bissigen Art und

Basslines, die schon fast nach Bass (wie

blöde das klingt wissen wir auch) klingen.

Garage halt. Zerrupfter Soul. Die Gnade

des blanken Kicks.

bleed

SNTS - Horizontal Ground 16 EP

[Horizontal Ground/HG016 - Hardwax]

SNTS ist mit dieser EP nach drei Veröffentlichungen

auf seinem gleichnamigen

eigenen Label nun beim überaus

wohlsortierten Technolabel "Horizontal

Ground" gelandet. Prinzipiell eine starke

EP, mit kühlem Ambientintro sowie

zwei darauf folgenden tooligen, aber

nichtsdestotrotz ruppigen, mitreißenden

Technostücken. Jedoch ist es erst

Stück 4, welches einen gänzlich aus dem

Sessel reißt. High-End-Technoklang mit

mäandernder, dunkel-schneidener und

gleichzeitig zerbrechlicher Hintergrundatmospäre.

Ein Stück, welches auch

das letzte Staubkorn in der Dunkelheit

kraftvoll aufwirbelt. Wer ein treuer Käufer

von Platten von Shifted, Sigha oder Samuel

Kerridge ist, der sollte hier schnell

zugreifen.

jonas

Einzelkind - Dirtdrive Ep

[Infuse/004]

Tracks. Tracks. Tracks. Manchmal summen

sie einfach nur. Diese Mechanik. Wie

ein Geruch, der einem unmissverständlich

klar macht: Frühling. Auch wenn man

ihn nicht fassen kann, nicht mal weiß, ob

es überhaupt ein Geruch ist, oder nicht

einfach ein Gefühl. So funktioniert auch

"Dirtdrive". Fast nebensächlich schleicht

es sich ein, ist aber doch direkt so präsent,

dass man nicht mehr loslassen

kann. Und genau das kann der Track

manchmal auch nicht. Einer von vielen,

aber doch voller innerer Verzweiflung,

voller Stimmen, voller kleiner Bleeps, voller

innerer Distanz und doch so schrecklich

nah. Undefinierbar und doch so

furchtbar klar. Killer. "Bless" ist mit seinen

Glöckchen der Strandbegeisterung

etwas schwerer fassbar, aber manchmal

ist ein Tool auch ein Track.

bleed

John Tejada - We Can Pretend

[Kompakt/286 - Kompakt]

Wir haben in letzter Zeit immer wieder

ein leicht gespaltenes Verhältnis zu John

Tejadas EPs. Mal sind die Tracks sensationell,

mal irgendwie zu, wie sagt man,

zu Tejada. Das ist hier nicht der Fall,

denn der Titeltrack ist eher einen Hauch

zu Pop. Zu gewollt auch. Wo will er damit

hin? In die UK-Charts? An Storm Queen

vorbeiziehen? Dafür ist es zu glatt. Dafür

rettet hier "Now We're Here" die EP.

Darke Vocals, glucksende Melodien,

steppend stichelnder Groove. Und ja,

da stimmt alles, das funktioniert, das ist

ein Hit, das hat diesen perlenden Klang

der unnachahmlichen Tejada-Synth-Sequenzen,

aber manchmal fehlt uns dann

der eine Moment, an dem es wirklich losbricht.

Wenn man den Track mal neben

einen Monty-Luke-Track z.B. legt, dann

wird so etwas schnell offensichtlich.

bleed

Hernan Bass & Du Sant

Cuenta Cunetos Ep

[La Bohème Records/003]

So still. So tuschelnd. So einschmeichelnd.

Minimaltracks könnten manchmal

ganz grün hinter den Ohren sein.

Das alberne "Bye, Bye Darling" mit

seinen kurzen gehechelt jaulenden

Vocals und dem smoothen "Comment

tu t'appelles" ist so warm wie die Nase

eines jungen Fohlens, dem man gerade

die erste Ernte aus der Zuckerrohrplantage

unter die Nüstern hält. Flauschige

Musik durch und durch. Und auch "Hanibal

Le Chinese" ist in diesem leicht

erstickten Ton aus Stimmen, Bass

und Geklacker gefangen, der einen

immer tiefer in die Wirbel des Nichts

hineinführt, als wären alle Wände der

Zwangsjacke nicht nur toll gepolstert,

sondern aus diesem Stöffchen, das

so zart und elegant geschwungen, so

zierlich gemustert, so seidig glänzend

ist, dass man die Enge gar nicht mehr

merkt.

bleed

Even Tuell - Longing Way

[Latency/LTNC003]

The Workshop Man auf dem jungen

französischen Imprint Latency, das wohl

vorrangig durch Joey Andersons tolle EP

ins schummerige “Rampenlicht“ getreten

ist. Von sehr weit draußen braust Even

Tuell auf dieser EP auf uns zu, schickt

uns zwischendurch ein paar verzerrte

Bleeps, die auf A1 nur durch eine dumpfvermummte

Basspartie geerdet werden.

A2 lässt schwärmende Subbass-Wesen

um den bescheidenen Planeten Drum

kreisen. Während die B dann bereits auf

Tuells Heimatplanet angekommen zu

sein scheint: Knistern, Landen und ein

selbstverliebtes Vorsichhinloopen. Latency

sollte man wohl zukünftig auf dem

Radar haben.

malte

Huxley & Sam Russo -

Don't Understand

[Leftroom]

Ach. Wer mit solchen perlenden Tönen

anfängt, dem kann nichts mehr misslingen.

Und, sagen wir es mal so, dieses "I

just don't understand"-Sample, gehört

sowieso zu unserem akustisch-sensitiven

Wortschatz als Juwel für ganz besondere

Momente. Das trägt sich fast

von selbst. Oder braucht eben genau die

Ehre, die Huxley und Sam Russo ihm hier

erweisen. Wie üblich ein paar Remixe zu

viel, aber der Honey-Dijon-"NYC Mix" ist

es definitiv wert gewesen.

www.leftroom.com

bleed

Frivolous - Lost And Forgotten

[Lezzizmore]

Daniel packt aus! Skandal! Alte Tracks!

Klingen wie neu! Immer schon ein Genius!

Klar. Immer mit einem Augenzwinkern in

der Hinterhand, sind die Tracks von Frivolous

voller alberner Momente, voller

tiefer Untiefen mitten im Grinsen, voller

Fallstricke und Geheimnisse, die dennoch

ein Spiel sind. Ein ganzes Album voller

Tracks hat Frivolous hier aus der eigenen

Fundgrube geholt, und wir sind ihm durch

und durch dankbar, denn vieles davon ist

einfach so perfekt verträumt, spielerisch,

flatterhaft, säuselnd und zucker, dass

wir keine Fragen mehr stellen, sondern

einfach mitgenießen. Und welche davon

wollt ihr nun zuerst mit uns hören? "Bats

At Twilight" und "Rise Up".

bleed

Warrior One - 5ths EP

[Losing Suki/SUKI013]

Massive Garagetracks für die Floorsüchtigen.

Klar, hier wirbeln gelegentlich ein

paar verdrehte Vocals zuviel durch den

Raum, die Breaks sind übersichtlich,

und dennoch haben die Stücke eine so

lässige Stimmung, dass wir vom ersten

Moment an das Pirate Radio lauter drehen

wollen.

bleed

R-A-G - Life

[Lux Rec/LXRC 15]

R-A-G. Groß. Immer. Hier gleich noch

einen Hauch pathetischer. Dennoch wie

ein Puls unter der Haut immer unausweichlich

und drängend. Musik, die in

einem verbrennt wie ein Superheld, der

seine Stärke nicht kennt. Snarewirbel.

Elephantenravetröte. Claps aus dem

Nirvana. Deepness, wenn gewollt. Oder

schlichtweg ein Sinnieren über den

Wahnsinn der Zerstörung in zerstörten

Sounds. Man kann die Platte drehen und

wenden wie man will, sie fällt immer auf

einen zurück.

bleed

Rainer Veil - The New Brutalism EP

[Modern Love/Love092 - Boomkat]

Das Debüt des nordenglischen Duos

hatte noch diese Shoegaze-Note, hier

und jetzt produzieren Rainer Veil völlig

im Vagen bleibende Tracks, verschleiern

Beats aus dem UK-Garage-Universum

mit verwaschenen, oft hinreißend

schönen Layers, ohne dabei in Schönheit

zu sterben. Dafür sind die knapp 30

Minuten von "The New Brutalism" –

eine Anspielung auf jene sehr britische

Spielart architektonischen Brutalismus

– dann doch zu ungemütlich. Unter den

völlig in sich versunkenen Klangwelten

rumort es: Scharf geschnittene Beats

und Wobble-Bass-Attacken stemmen

sich gegen den ambienten Nebel, wenn

auch meist wenig erfolgreich: Den Kickdrums

fehlt der Kick, den Hi-Hats die

Schärfe: Rainer Veil verstehen Percussion

eher als strukturgebendes Element,

getanzt wird woanders. Erst ein Track

wie "Strangers" lässt schließlich ganz

gebremste Afterhour-Euphorie zu, in Moll

versteht sich. Fantastische EP.

www.modern-love.co.uk

blumberg

ASOK - Poltergeist

[MOS Deep/018 - Rushhour]

Ich hätte mich dem fast hingegeben. Aber

dann, diese Trancearpeggios! Aber dann

doch, diese Trancearpeggios. ASOK hat

das Glück, seine Kleinkindbegeisterung

nicht einfach so in Gewuschel enden

zu lassen, sondern sich mit aller Macht

der Oldschool knallig und wild darin zu

ergeben, sich von der Gewalt der Tracks

wegspülen zu lassen, auch wenn es einen

Hauch kitschig wirken kann. Szenerien

wie in den zerrissensten Detroitcomics,

voller schnatternd, zuckelnder Synths,

voller tiefer Harmonie und doch immer

bereit, innerlich zu bersten.

bleed

Flowers & Sea Creatures -

Afternoons & Afterhours

[My Favorite Robot Records/MFR093]

Muss sich ja nicht widersprechen. Oft

genug eh eins. "The Very Next Day" z.B.

ist einer dieser Tracks wie gemacht für

die Festivalhymne kurz vor dem Gewitter.

Synths, die einem aus den Eingeweiden

kriechen, als hätte man das Glück gerade

erst gelernt, gerade erst wiederentdeckt,

dass da alles an Energie noch drin ist,

dass man innerlich ermattet doch plötzlich

überschwappt. Nicht mehr kann, weil

man es einfach nicht mehr aushält, kurz

vor der Grenze steht, die einem nichts

sagt, sondern nur sagt, da, dahinter, da

ist es. Der Rest dieser ausgesprochen

orchestralen Hippieplatte geht direkter

ans Herz. Und bevor wir das jemanden

anfassen lassen, da muss schon der

Doktor gekommen sein.

bleed

Mod.Civil - Opto Watts EP

[Ornaments/ORN 028 - WAS]

Mit atmosphärischer Reverse-Finsternis

bekennen sich die beiden Leipziger Gerrit

Behrens und René Wettig von Mod.Civil

zum "Loop", der selten mit so firlefanzig-flirrenden

Thrills überdreht wurde.

Heraus kommt ein Trip, gegen den der

Zeitraffer bei "Enter the Void“ wie ein

Diavortrag wirkt. Großartig diabolisch.

Komplett verspielt geht es bei "Opto

Watts“ zur Sache. Runtergebrochen auf

ein klackerndes Beat-Gerüst, kommt irgendwo

ein holzsalonvertäfeltes Klavier,

dessen Töne wie Barfliegen über den

Tresen kreisen und verwirrt in die Kurzen

einrunden. Auf jeden Schlag eine

Handclap bei "808 Sessions Part 1“ und

HiHats mit viel Decay, sind schon eine

deutliche Ansage für die Beine, dazu verfremdetes

Blech und ein wenig Trance-

Melancholie ergeben alles, was man sich

für die Peaktime wünscht. Abgerundet

wird die EP mit "Sunbeam“, dem erst

ruhigen, dann elektronisch fiependen

Gegenpart zum vorigen Track. Herausragende

EP wie immer bei Mod.Civil und

Ornaments.

bth

Plugger - This Is Not A Record

[Plugger]

Gibt es das noch? Alben mit Mashups,

oder sagen wir mal Remixen, oder besser

Halluzinationen zu bekannten Tracks,

oder vielleicht auch nur Hommagen an

die offensichtlichsten Helden? Beach

Boys, Jimi Hendrix, Pink Floyd, Ennio

Morricone, AC/DC, Rolling Stones und

Booker T. & The MGs bekommen hier ihr

Plugger-Treatment, und das ist manchmal

grandios, wenn es das Material wie

bei Jimi Hendrix hergibt. Es ist aber auch

offensichtlich. Vielleicht genießen sie

eben gerade das. Das Offensichtlichste

dennoch irgendwie spannend zu halten

und am Ende doch alles wie einen Hippietraum

vergangener Zeiten zu kosten.

bleed

Subjected - Conquest One

[Prosthetic Pressings/040 - DBH]

Ich gebe zu, an dieser EP hier verlockt

mich vor allem der Tuff-City-Kids-Remix.

Warum? Weil die immer gut sind, wäre

die einfache Antwort. Aber noch besser,

weil sie hier mal mit so harsch technoidem

Material arbeiten, wie man es von

ihnen nicht kennt, obwohl man immer

schon gehofft hat, dass die innere Ravesau

doch noch mal durchbrennen kann.

Und das tut sie. Einer dieser Tracks, die

man sich so laut wie möglich ins Hirn

hämmern möchte, weil es einfach genau

an den richtigen Stellen weh tut, an den

anderen einfach purer schliddernder

Funk bleibt.

bleed

R-Zone

[R-Zone/008]

Wir finden, sehr geehrter Herr R-Zone,

ein Titel wäre hilfreich. Den könnte man

sich ruhig, egal wie seriell das gedacht

sein mag, für eine Platte ausdenken.

Nein, das entfernt nicht von der Musik.

Im Gegenteil. Es muss ja auch nicht

"303909" sein, wie der erste Track hier

heißt (übrigens unerwarteterweise ein

grandios bockiges Dubtechnomonster

der feinsten technoidesten Art). "Percept"

wäre sicherlich auch kein guter

Titel, auch wenn der Track mit seinen

zerrig warmen Toms und der überfluteten

Bassline irgendwann selbst die hinterste

Zone der Hirnlappen erreicht. Warum

also nicht "We Sad II". Das ist schön

technoid sperrig, sanft verblödet, griffig

wie eine Dose Bier und dabei doch voller

Tragik. Machen wir so? Ok. Und das muss

ja auch nicht der stärkste Track der EP

sein. Das kann auch mal einfach ein wenig

zu viele bekannte Oldschool-Elemente

haben. Das verzeihen wir R-Zone gern.

bleed

Ame Zek - Rostfrei

[Rostfrei/Rostfrei 1 - Cargo]

Aus heiterem Himmel fiel letzten Herbst

diese obskure EP, die, jetzt mit Vertrieb

versehen, den Anfang einer ganzen Reihe

von Alien Invasions markiert. Denn die

elektronischen Klangaggregate von Ame

Zek folgen ganz eigenen Regeln, einer eigenen

Ästhetik. Resultat einer über lange

Jahre im Berliner Untergrund, in der Szene

um die Schlesische Straße entwickelte

Fokussierung (unter anderem in zahllosen

Improv-Sessions, dazu Kollaborationen,

etwa mit Guido Henneboehl, zuletzt

Andre Vida), purzeln hier sechs erste

Diamanten in die Welt, hingebungsvoll

geschliffen zu einem Schillern zwischen

archaisch roh und irisierend poliert, eigentümlich

mäandernd und morphend

zwischen Ein- und Vielheit: Fassungen

dafür müssen erst noch erdacht werden.

Auf Vinyl klingen die sich sukzessive erschließenden

Stücke jedenfalls großartig

– aktueller Favorit: Imitation #06 und

dessen mächtige Schläge ins Vainiosche

Dunkel. Die Technik? Eine Hydra aus drei

Micromodulars in ausgeklügelter LFO-

Modulationsverkettung – daher: Imitationen.

Und viel Reifezeit. Eine Entdeckung.

multipara

Maxi Mill - Lost And Found

[Rush Hour Voyage Direct]

Hatten wir schon mal erwähnt, dass es

einfach zu viel gute Musik gibt. Nicht zu

viel, um sie zu registrieren, sondern zu

viel, um auf sie einzugehen. Um sich mit

ihr nicht nur zu beschäftigen, sondern um

sie zu leben. Um ihr einen Teil von uns zu

schenken, der so fest verankert ist, dass

er uns nie mehr loslassen wird. Musik

ist eine Welt geworden, in der wir diese

raren Momente des uferlosen Glücks so

oft verankern könnten, dass wir sie am

Enden nicht mehr wiederfinden. Kämpft

gegen das Vergessen! Warum reden wir

davon? Weil diese Platte so eine ist. Auch

wieder so eine. Weil der Titel schuld ist.

Weil er uns verloren gehen kann in seiner

Beliebigkeit, weil er aber, wiedergefunden,

genau dieser Moment ist, der uns

sagt, dass wir alles dafür aufgeben würden.

Warum heißt er aber auch nicht wie

sein Hauptsample "Use The Power"? Die

Macht ist doch immer mit uns. Die Rückseite,

weil auch große Kunst, ist eben

auch das, dieser Moment, der Begeisterung

trennt in die Seite, die begeistert

und das, was man begehrt. Ha! Darüber

sind wir doch lange hinaus.

bleed

Somewhen - 9 EP

[SANA/SANA001]

Debüt EP von Somewhen, Debüt EP

vom Label SANA. "Auriel" wird als eher

ruhigerer Opener gefolgt von "Kobalt"

- einem durchdringenden und durchschauernden

Science-Fiction-Technostück,

dass inhaltlich bereits heranführt

an "SRX" - acidlastig, mit pulsierender

Energie und eben bereits erwähnter,

futuritischer (oder vielleicht auch No-

Future-) Atmosphäre. Unbekannte Auflage,

kein digitaler Download, kein Repress.

So - get it!

jonas

Yves De Mey - Double Slit EP

[Semantica Records/SEMANTICA 63]

Zwar erschließt sich mir der Titel der EP

nicht, doch findet sich unter denen der

Stücke einer, der sich gut auf die präsentierte

Musik ummünzen lässt: "Excursions

To Intersections" - Ausflüge zu Schnittstellen.

Yves de Mey veröffentlicht hier

Musik, die nach einer Mischung aus experimentell

digitaler, computeravantgardistischer

Musik aus dem Hause Raster

Noton und analogem, modernen, dubbigen

Techno klingt. Vielleicht ist hier genau

die Schnittstelle gefunden, die so manchen

Retro- und, konträr dazu, Digital-

Fetischisten zusammenbringen könnte.

jonas

V.A. - Shemata

[Soiree Records - D&P]

Und wieder mal sind es Drivetrain, die

hier abräumen. "Metro Beach" ist einfach

ein Monster, wenn es darum geht, satte

Bassline, verschlungene Akkorde und

deepe Stimmungen in Perfektion durch

den Raum zu wirbeln und dabei dennoch

nie überproduziert zu klingen. Ein Stück,

das einen an die Hand nimmt, durch die

nächtlichen Straßen führt und einem am

Ende zuflüstert, dass die Welt einfach

gut ist, so wie sie ist. G-Prod, Jace Syntax

und Rubba J runden die EP mit sehr

flausig schönen, detroitig nostalgischen

Tracks ab.

bleed

Freestyle Man - Long Nights

[Stranjjur/020]

Sagen wir mal so: Eine lange Nacht, das

will schon etwas bedeuten. Das kommt

nicht einfach so, dafür sind wir zu ausgeschlafen.

Deshalb ist der beste Mix hier

auch der von Kev Obrien, der passend

"Emergency Room Re-Visited" heißt. Da

braucht es ewig, bis wir überhaupt mal

aus dem Lauschen ins Schunkeln, aus

dem Schunkeln ins Schweben, aus dem

Schweben ins Tänzeln geraten. Verführt

wollen wir werden in einer langen Nacht.

Lange verführt. Vorgeführt auch, aber

nur wenn jemand die Leine hält, dem wir

ganz ganz, ganz, ganz sicher vertrauen.

Und das Vertrauen muss erst mal erspielt

werden. Kev Obrien macht das hier einfach

am besten. Der Rest ist immer einen

Hauch zu schön, zu klassisch, zu schnell.

bleed

V.A. - Swap White

[Swap White/Ltd01]

Tracks von Redj, Ghini-B, Servietzki und

Jerome Caproni. Also wenn ihr nicht jetzt

schon hin und weg seid... Ich gebe zu, sagen

mir auch nichts. Aber merke ich mir,

denn die Tracks sind so unglaublich gut.

Unterschwellig duftend reduzierte Technotracks

voller regnerischer Stimmung,

analogem Grundrauschen, subtilen Harmonien,

deepem Zittern und schlicht und

einfach ultralässig dahinwehender Stimmung.

Schwer zu fassen, diese Platte,

aber immer perfekt.

bleed

Presk - Saluki EP

[Ten Thousand Yen/TTY011]

Kickt wie wild. Splattert. Tanzt nicht

lange um den heißen Brei herum, sondern

kennt den steppenden Funk und

sonst nichts. Die Tracks der EP bersten

vor Energie, sind innerlich so deep wie

House sein kann, wenn es zum Angriff

übergeht, aber dabei doch voller Subtilität

in den knallig schrillen Sounds und

den Sturzflügen auf ravende Tänzer in

rasender Trance. Eine perfekte Mischung

aus Housesubstraten und Maschinengewehrfeuer,

aus gebogen schmeichelnden

Chords und flirrenden Blitzen mitten ins

Rückrad.

bleed

Various - The Box Vol. 5

[Theory/046]

Klingt irgendwie banal oder? The Box.

Die fünfte auch noch. Dahinter aber

verstecken sich vier Killertracks von Sandrien,

Tripeo, MDL vs JR und Craig Mc-

Winney, die ein analoges Unwetter nach

dem anderen aufziehen lassen. Spartanisch,

trocken, überdreht, rasant, wild

und trotzdem so voller... was? Wie fasst

man das. Musik, die klingt, als wäre vor

ihr noch diese endlose Welt von elektronischer

Musik, die gar nicht erforscht ist,

sondern in immer neuen Konstellationen

erst mal erobert und durchsucht werden

will, nach dem, was kommt. Voller Glaube

vielleicht, jedenfalls das Gegenteil vom

Wissen von z.B. Oldschool und wie was

geht. Brillante EP.

bleed

Bibio - The Green EP

[Warp/Wap362 - Rough Trade]

Also "Silver Wilkinson" war letztes Jahr

eine der Neuentdeckungen im Lande

"Warp", gar keine Frage. Recht schnell

legt der Mann nach. Wobei diese

6-Track-E.P. im Grunde die Huldigung an

Bibios eigenen Lieblingssong des letzten

tollen Albums ist: das Stück "Dye The

Water Green", das er mit Richard Roberts

ca. 2006 auf Cassette aufnahm und das

ihn (und uns) bis heute tagträumen deluxe

lässt. Die E.P. soll dieses entschwebte

und dennoch so präsente Ding würdigen,

umgarnen und durchaus ausstellen. Und

hey, die anderen Stücke sind keine Garnitur,

sondern Ingredienzien. Und hier ist

er wieder, dieser farbenfrohe und doch

melancholische Bibio, psychedelischer,

knalliger als Gravenhurst, kaugummihafter,

eiernder als die Boards Of Canada,

ja, eigentlich sollte er genau dazwischen

einsortiert werden, falls er das denn mit

sich machen lässt. In der Tat tagtraumhaft

und eine luzide Fortsetzung des

Albums.

cj

Radioslave - Repeat Myself Remixes

[Work Them/012]

Wiederholung. Sind wir immer dabei.

Remixe sind da manchmal eine Ausnahme.

Die wollen es immer besser wissen.

Aber bei so einem Titel fällt es leicht.

Bearweasel rockt straight durch, lässt

die Stimme "Myself" stumpf wiederholen

und knuffelt dazu eine passende Acidline.

Mehr? Wozu? Rodhad versucht es

mit dem holzigen Technopfad und wirkt

dabei etwas ausgelatscht.

bleed

IMPRESSEUM

DE:BUG Magazin

für elektronische

Lebensaspekte

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Dank an

Typefoundry Binnenland und

Mika Mischler für den Font Relevant,

zu beziehen unter www.binnenland.ch


64 — 180 — KOLUMNE TEXT TIM NAGEL

Musik

hören

mit

Helena

Hauff

Drexciya - Beyond The Abyss

(Underground Resistance, 1993)

Helena Hauff: (nach 3 Sekunden) Das

kenn ich. Das ist doch Drexciya!

Debug: Ich habe den Track ausgesucht,

weil er mich an die “Prototype“-EP erinnert,

die du als Kollaboration mit F#X unter dem

Namen Black Sites herausbrachttest. Die

Bassdrums, die wirken, als würden sie

irgendwie quietschen und geölt werden

müssen, scheinen mir zum Beispiel auch bei

Drexciya ein wichtiges Stilmittel zu sein.

HH: Das ist natürlich ein riesiges

Kompliment. Wahrscheinlich das größte, das

du mir machen kannst. Ich liebe Drexciya!

Wenn es um elektronische Musik ab 199

geht, sind für mich Unit Moebius und Drexciya

die, die es am besten gemacht haben. Deren

Soundästhetik, das Roughe, Primitive - beide

haben einen sehr charakteristischen Sound.

Swans - Time Is Money (Bastard)

(K.422, 1986)

HH: Sind das Front 242? Das ist total

verrückt. Als hätte ich das auf Platte und

würde nicht drauf kommen.

Debug: Swans!

HH: Okay, die Platte habe ich nicht in

meiner Sammlung, aber ich will sie unbedingt

haben. (lacht) Großartig!

Debug: In deinen Sets und Mixtapes sind

viele EBM-Tracks. Ich dachte, mit dem Song

treffe ich vielleicht einen wunden Punkt...

HH: Auf jeden Fall. Ich glaube, dass ich

einfach eine gewisse Brutalität in der Musik

mag. Ich mag ja auch französische Chansons.

Die sind ja nicht unbedingt brutal, aber

vielleicht emotional sehr brutal. Bei fröhlicher

Musik werde ich schlecht gelaunt, genervt und

aggressiv. Ich weiß nicht, warum. Ich kann das

nicht ertragen. Düstere, brutale Musik stimmt

mich dann eher ruhig und glücklich.

Actress - Rap

(Werkdiscs, 214)

HH: (sofort) Actress. Ich mag das neue

Album sehr gerne. Diesen Track hier aber wohl

am wenigsten.

Debug: Stichwort “R’n’B concrète“, als

den Darren Cunningham seine Musik mal

selbst bezeichnet haben soll.

HH: Das passt natürlich total. Ich bin

eigentlich überhaupt kein R’n’B-Fan, aber so

funktioniert das für mich. Ich habe auch keine

bessere Erklärung, warum ich auf Werkdiscs

bin. Shit happens. (lacht) Es fühlt sich richtig

an und es ist, zumindest für mich, sinnvoll.

Drangsal - Wolpertinger

(Self Release, 213)

HH: Was zum Teufel ist das denn? (lacht)

Debug: Drangsal, mit Namen Max

Gruber, aus Berlin. Ein 2-jähriges Talent,

das seine Songs im Schlafzimmer schreibt

und gerade seinen ersten Gig als Support-

Act von Dagobert hatte.

HH: Beängstigend! Zuerst dachte ich “Ist

das Hot Chip?“ und dann “….ist das Soft Cell?“

(lacht). Es erinnert mich auch stark an Tame

Impala. Irgendwie eine Mischung aus Sachen,

die ich toll finde und Sachen, die ich gar nicht

mag. Sehr gut gemacht und interessant auf

jeden Fall.

Florian Hecker - Stocha Acid Zlook

(Mego, 23)

HH: Klingt super.

Debug: In anderen Interviews sagtest

du, dass du avantgardistische Musik im

weitesten Sinne magst. Du hast einen

gerade erschienenen Mix sogar mit einem

zehnminütigen Ernstalbrecht-Stiebler-Stück

anfangen lassen. Hast du solche Musik auch

im Hinterkopf, wenn du dich an deine Synths

und Drumcomputer setzt?

HH: Gute Frage. Ich unterscheide nicht

wirklich zwischen avantgardistischer Musik und

Pop. Wenn ich mir Sachen anhöre und ich sie

mag, dann auch in einem Entertainment-Sinne,

was ja eigentlich Popmusik zugeschrieben

wird. Aber solche Musik ist für mich auch

riesiges Entertainment, deswegen verstehe

ich die Trennlinie Avantgarde/Pop nicht. Was

ist überhaupt avantgardistisch? Ist das erste

Album von Autechre avantgardistisch? Oder

eher das letzte? Das interessiert mich nicht.

Irgendwelche Pionierwerke sind da vielleicht

eine Ausnahme. Ich setze mich natürlich nicht

zu Hause hin, höre mir vier Minuten Stille von

John Cage an und denke mir, wie unterhaltsam

das ist - aber ich finde es wichtig, dass es

da ist. Wenn ich selbst Musik mache, denke

ich jedenfalls nicht in solchen Kategorien.

Natürlich besteht durch das Hören der Einfluss,

aber ich bin da eher primitiv. Ich habe nicht den

Anspruch irgendetwas Avantgardistisches zu

machen. Mein Hypnobeat-Kollege meinte bei

dem Gig gestern, ich würde Techno machen,

als ob es Techno noch gar nicht gäbe. Ich

glaube, das trifft es ganz gut.

Sensate Focus - X

(PAN, 212)

HH: Das klingt, als würde es aus England

kommen.

Debug: Tut es. Das ist Mark Fell unter

dem Sensate-Focus-Pseudonym.

HH: Natürlich, das macht Sinn.

Debug: Erkennst du zwischen seiner

House-Weiterentwicklung und den eher

klassischen Tracks, die du in deinen Sets

spielst, einen grundsätzlichen Unterschied?

HH: (überlegt) Ja. Es kommt natürlich auf

den Track an. Aber der House-Klassiker, den

ich spiele, ist im Zweifelsfall viel roher und

viel mehr Straße. Wobei hier auch noch das

Ghetto nachhallt.

Foyer Des Arts -

Wissenswertes über Erlangen

(WEA, 1982)

Debug: Nach der der ernsten Kunstmusik

von Florian Hecker gibt es jetzt das genaue

Gegenteil: Foyer Des Arts, die skurrile NDW-

Ausgeburt des Schriftstellers Max Goldt.

HH: Aber das ist auch total ernsthaft.

Ich meine, wenn ernste Musik nicht einen

Ticken Humor hat, funktioniert sie doch

sowieso nicht. Selbst bei Florian Hecker,

wenn da irgendein Sound kommt, bei dem du

schmunzeln musst. Vielleicht ist es aber auch

nur der Blick von Heute auf die Vergangenheit,

der Sachen dann ernster erscheinen lässt, als

sie eigentlich gemeint waren. Wenn ich das

hier höre, denke ich mir - nette Abwechslung

zu dem Mainstream-Mist. Und ein schöner

Track über Erlangen.

Dead Moon - Dead Moon Night

(Tombstone Records, 1989)

HH: Dead Moon! Ich dachte erst, es wäre

Blue Cheer, aber klingt eigentlich gar nicht

nach denen. (lacht) Ich stehe total auf Garage

oder psychedelischen Kram, für mich ist das

nichts anderes als Acid Techno. Das ist der

gleiche Kram, die gleiche Energie.

Cashmere Cat - With Me

(LuckyMe Records, 213)

HH: Was ist das denn?

Debug: Cashmere Cat, ein norwegischer

DJ, der gerade in die USA gezogen ist und dort

ziemlich gehypt wird.

HH: Was? Cashmere Cunt? (lacht)

Furchtbar. Kannst du das bitte ausmachen?

Grauenvoll.


180 — 65

Für Helena Hauff war es ein kurzer Weg von ihrem

Keimbett, dem Golden Pudel Club, zu illustren Labels

wie Werkdisc und PAN. Ihre Sets sind tanzbar und

krass, ihr Studio-Output eigentümlich verquer.

Was hört so jemand zuhause? Hauffs Haltung zum

Musik-Machen wird schon vor unserem Musikhören-

Mit klar: archaisch, unprätentiös, bodenständig.

Hauff sagt, sie wolle “einfach machen“. Wir

auch! Kaffee, Zigarette, wir drücken auf Play.

"Bei fröhlicher Musik werde ich schlecht

gelaunt, genervt und aggressiv. Ich kann

das nicht ertragen. Düstere, brutale Musik

stimmt mich dann eher ruhig und glücklich."


66 — 180 — FÜR EIN BESSERES MORGEN TEXT ANTON WALDT ILLU HARTHORST

Zerfickte

Optik mit

Spassbommeln

Schon morgen

kann die Niedrigenergiehaussiedlung

plötzlich im Niedriglohnsektor

liegen.

Planet der Hirne, vom Besen gefressen: Von

erwartbaren 8 Lebensjahren ist der Mensch

sechs Monate auf Klo aber nur drei in der

Kneipe, in der All-Ager-Show-Gala Nichts ist

so rot wie die Sonne und keine wird so geliebt

wie die Vorsitzende Merkel ist zukünftig

ein zweites Piccolöchen im Eintrittspreis

inbegriffen und der Bringdienstler aus dem

Darknet schickt seine Pakete jetzt schon

los, wenn wir noch nicht mal ahnen, dass wir

das Zeug bestellen wollen werden und wenn

es dann endlich soweit ist: Bäng!, klopft der

neue Nudeldrucker auch schon an der Tür,

Motto: Befugnishopping - We fuckin' deliver!

Au Weia? Einerseits ja. Andererseits gibt es

gewisse Hörste, die stellen sich nun hin und

wollen den Spassemacken weismachen,

die Welt wäre bloß zerfickte Optik mit

Spaßbommeln, und außer Zwergenschweiß,

Netzhetze und Dauerbohnenbefüllung sei

vom Leben auch nichts weiter zu erwarten -

Humbug! Gewisse Hörste müssten nur mal den

Kopf aus der Ausschließlichkeitsschublade

nehmen und einen langen, ungläubigen

Kopfschmerz später stehen die Fenster der

Gelegenheit sperrangelweit auf - Es zieht!

Lüftungsmuffel aufgepasst, Superhirnkrüppel

Stephen Hawking lässt frischen Wind ab: Es

gibt gar keine schwarzen Löcher, sondern

nur komischen anderen Kram, wo kein

Mensch nicht mal halbwegs ansatzweise

durchsteigt, aber damit muss man leben, bei

intergalaktischen Unendlichkeiten kannste

eben nix machen. Klartext: Der Teufel ist

tot und das ist kein Problem, im Licht der

Aufklärung kann die Welt nämlich auch ohne

eine Idee des absolut Bösen beschrieben und

erklärt werden, Fazit: Volle Kanne Fortschritt!

Erst recht im großen und ganzen: 1914 hat

der französische Professor Edgar Bérillon

noch erklärt, die Deutschen hätten eine

Darmschlinge mehr und würden daher stinkigen

Körpergeruch verbreiten, wofür er dann von

Pinkelhauben als Vollfrosch beschimpft wurde,

bevor man sich allseits die Köpfe eingehauen

hat. Heute träumt Frankreichs Präsident vom

Leben in der Hängematte aus deutschem

Steuergeld, große Nationen fahren auf dem

Mond spazieren, weil sie können, und Hä? ist

ein universell geschätzter Forschungsansatz,

auf dessen Basis Grundwissenschaftler wie

Superhirnkrüppel tolle neue Sachen erfinden,

zum Beispiel die Zwei-Scheiben-Theorie, nach

der die Milchstraße nicht aus einer sondern

aus zwei Scheiben besteht, die man nämlich

anhand des relativen Magnesiumgehalts

unterscheiden kann, was sich vielleicht

erstmal total Banane anhört, aber schon

ein bisschen relativer Magnesiumgehalt

macht viel Butter bei die Fische: Die eine

Milchstraßenscheibe ist nämlich alt, dick

und klein, die zweite dagegen jung, flach und

weitläufig. Wie die Chose weitergeht, liegt

damit wohl auf der Hand: Wenn nach all der

Zeit plötzlich eine zweite galaktische Scheibe

reinschneit, dann lässt die dritte bestimmt

nicht lange auf sich warten und so weiter und

irgendwann reden wir von Millionen möglicher

Scheiben: Alle mit unterschiedlichem

relativen Magnesiumgehalt! Klartext: Schon

morgen kann die Niedrigenergiehaussiedlung

plötzlich im Niedriglohnsektor liegen, und

die ADLs (Activities of Daily Living) der

Niedrigenergiemenschen gehörig in den

Matsch schubsen, denn wie sich auf die

gepflegte Lektüre des internationalen

Bestseller-Romans Under the Yogabaum

Tree konzentrieren, wenn nebenan

kleingeldhungrige Stromzaunpisser aus

Bruchbudenhausen überagieren? Merke:

Maurerbonschen lassen sich nicht einfach

mir nichts dir nichts wegveganisieren und den

Gestank der Niedriglöhnerei kriegt man nicht

mal mit drei Wochen evidenzbasiertem Anti-

Aging im oberbayrischen Grünwasching aus

den Niedrigenergieklamotten. Für ein besseres

Morgen: Raus ist das neue rein, eine Socke

sagt weniger als keine Worte und immer schön

dran denken: Ne jute jebraten Jans is ne jute

Jabe Jottes.


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