WIRTSCHAFT+MARKT 4/2016

astrebe

27. Jahrgang | Heft 4 | Juli/August 2016 | 5 | ZKZ 84618

WIRTSCHAFT+

MARKT

DAS OSTDEUTSCHE UNTERNEHMERMAGAZIN

Brandenburg


REINSCLASSEN

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Integrationsgesetz

als Chance

Karsten Hintzmann

Chefredakteur

KH@WundM.info

EDITORIAL | 3

HUGO

JUNKERS

PREIS 2016

FÜR FORSCHUNG UND

INNOVATION

AUS SACHSEN-ANHALT

Foto: Privat, Titelfotos: pankajstock123/fotolia.com, agsandrew/fotolia.com

In diesen Tagen ist die Gemütslage vieler

Menschen in unserem Land durchaus

positiv und voller Vorfreude. Der

Sommerurlaub steht vor der Tür, die Fußball-Europameisterschaft

in Frankreich

geht in ihre entscheidende Phase. Und

auch im politischen Alltag wird es ruhiger,

die markigen Wortgefechte zwischen

den Parteien ebben ab, schließlich steht

in den Landesparlamenten und im Bundestag

die Sommerpause an. Mit Ausnahme

von Mecklenburg-Vorpommern

und Berlin, wo am 4. beziehungsweise

18. September Wahlen stattfinden und

die heiße Wahlkampfphase bereits im August

beginnt, hat die politische Elite hierzulande

also rund acht Wochen Zeit, um

durchzuatmen, Kraft zu schöpfen und vor

allem zu überlegen, wie sie die Köpfe und

Herzen des verunsicherten Wahlvolkes

zurückerobern kann.

Denn das etablierte Parteiensystem ist

schwer erschüttert. Von Volksparteien

kann man derzeit kaum noch reden. Die

einst stolze Sozialdemokratie befindet

sich ungebremst im Sinkflug und auch

die Union hat vielerorts die komfortable

30-Prozent-Zone längst verlassen. Die

Wählerwanderung hin zur Alternative für

Deutschland (AfD) hält – glaubt man den

Demoskopen – unvermindert an. Das

liegt mit Sicherheit nicht am AfD-Wahlprogramm,

denn bei genauerem Hinschauen

hält das für kaum ein aktuelles

Problem praktikable Lösungen bereit.

Nein, die Bürger trauen es den Alt-Parteien

nach wie vor nicht zu, die Flüchtlingskrise

solide und dauerhaft zu lösen.

Verunsicherung und Protest münden daher

bei nicht wenigen Menschen in einer

Zuwendung zur AfD. Sicher, der Zustrom

von Menschen aus Syrien, dem Irak, aus

afrikanischen Staaten und aus Afghanistan,

ist in den letzten Monaten stark zurückgegangen.

Aber wie geht man mit

den Asylsuchenden um, die bereits hier

sind? In den politischen Reden wird zwar

allerorten die Integration beschworen,

tatsächlich vorangekommen ist man damit

jedoch in der Praxis kaum.

Ein Start für wirkliche Integration könnte

das im Mai von der Bundesregierung

verabschiedete Integrationsgesetz sein.

Im Kern geht es um die Maxime „fördern

und fordern“, um das zügige Erlernen

der deutschen Sprache, um die Eigeninitiative,

sich mit Arbeit eine Existenz

in Deutschland aufzubauen, und um

ein Ja zur hiesigen Werteordnung. Fehler

der Vergangenheit sollen nicht erneut

begangen werden – gerade im Hinblick

auf die in vielen Städten bereits existierenden

Parallelgesellschaften.

Neben der klaren Erwartung, dass die zu

uns kommenden Menschen die Integrationsangebote

auch tatsächlich annehmen,

ist die Politik mit diesem Gesetz

mehr als zuvor in der Pflicht, die konkreten

Rahmenbedingungen zu schaffen,

damit die Eingliederung in den Arbeitsmarkt

auch möglich wird. Es braucht Umschulungs-

und Qualifizierungsprogramme,

die bis in die letzte Gemeinde greifen.

Gerade kleine und mittelständische

Unternehmen müssen bei der Integration

unterstützt werden. Hier muss der Staat

unbürokratisch helfen.

Mit dem Integrationsgesetz haben es

Union und SPD selbst in der Hand, das

Vertrauen der Wähler zurückzugewinnen.

Abgerechnet wird bei der Bundestagswahl

im Herbst 2017. W+M

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20. /21 . OKTOBER 2016

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WIRTSCHAFT

WACHSTUM

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Das Ostdeutsche Wirtschaftsforum

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WIE GEHT ES WEITER MIT DER

OSTDEUTSCHEN WIRTSCHAFT?

Sigmar Gabriel, Vizekanzler und Bundeswirtschaftsminister, Ministerpräsidenten

und Minister der neuen Länder und Berlins, Vertreter der

Wissenschaft und namhafte Unternehmer treffen sich erstmals in

Bad Saarow bei Berlin, um Zukunftsthemen für den ostdeutschen

Wirtschaftsraum zu diskutieren.

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1. Wachstum und Innovation

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Teilnehmerzahl, gilt das Datum Ihrer Anmeldung unter www.OstdeutschesWirtschaftsforum.de

oder www.owf2016.de. Die per sön lichen Einladungen auf der Grundlage Ihrer Anmeldung werden

im August versandt.


6 | W+M INHALT

W+M TITELTHEMA

Kluge Köpfe – so profitiert

der Mittelstand von Forschung

und Entwicklung..............................34

W+M AKTUELL

Köpfe......................................................................... 8

Nachrichten..............................................................10

W+M SCHWERPUNKT BRANDENBURG

Report: Im Höhenflug..............................................12

Im Interview: Christian Görke, stellvertretender

Ministerpräsident und Finanzminister......................14

Cluster als Rückgrat: Energietechnik,

Metallbau und Mobilität...........................................16

Filmwirtschaft: 200 Millionen Euro für die Region.... 20

Massentierhaltung: Spagat zwischen

Tierwohl und Supermarktpreisen........................... 22

34

Kluge Köpfe

Blick auf die vielschichtige und exzellente

Forschungslandschaft im Osten

W+M LÄNDERREPORTS

Ostdeutschland: Wie weit ist der Osten

bei der Digitalisierung?............................................ 24

Ostdeutschland: Wo der Stahl gehärtet wird......... 26

Berlin: Maler und Unternehmer

in Personalunion – Albrecht Gehse........................... 28

Mecklenburg-Vorpommern: Pellets-Pleite

und geprellte Anleger.............................................. 30

W+M INTERNATIONAL

Siebenbürgen: Ein lange unterschätzter Partner.... 32

W+M TITELTHEMA KLUGE KÖPFE

Report: Forschungslandschaft

mit Leuchttürmen und Aufholbedarf...................... 34

Interview: Bundesforschungsministerin Prof.

Johanna Wanka über ostdeutsche Hochschulen

und Kooperationsprogramme ................................ 40

Analyse: In Systemzusammenhängen denken!.........43

Impressum

WIRTSCHAFT+MARKT

Das ostdeutsche Unternehmermagazin

Ausgabe: 4/2016

Redaktionsschluss: 14.06.2016

Verlag: W+M Wirtschaft und Markt GmbH

Zimmerstraße 56, 10117 Berlin

Tel.: 030 479071-27

Fax: 030 479071-22

www.WundM.info

Herausgeber/Geschäftsführer:

Frank Nehring, Tel.: 030 479071-11

FN@WundM.info

Chefredakteur: Karsten Hintzmann

Tel.: 030 479071-21, KH@WundM.info

Redaktion: Janine Pirk-Schenker, Tel.: 030 479071-21,

Länderschwerpunkt

Brandenburgs Wirtschaft im Höhenflug

12

JP@WundM.info, Adrian M. Darr, Tel.: 030 479071-24,

AD@WundM.info

Autoren: Matthias Krauß, Harald Lachmann,

Rudolf Miethig, Tomas Morgenstern, Matthias Salm,

Thomas Schwandt

Abo- und Anzeigenverwaltung: Kornelia Brocke,

Tel.: 030 479071-27, KB@WundM.info

Marketing/Vertrieb: Kerstin Will, Tel.: 030 479071-24

KW@WundM.info

Erscheinungsweise, Einzelverkaufs- und

Abonnementpreis:

Die Zeitschrift WIRTSCHAFT+MARKT erscheint

zweimonatlich. Die Mitglieder der Interessengemeinschaft

der Unternehmerverbände Ostdeutschlands

und Berlin sowie die Mitglieder des Vereins Brandenburgischer

Ingenieure und Wirtschaftler (VBIW)

erhalten diese Zeitschrift im Rahmen ihrer Mitgliedschaft.

Einzelpreis: 5 €, Jahresabonnement (inkl. aller

Ausgaben von W+M Regional, W+M Exklusiv, W+M

Berlin.Friedrichstraße und dem Online-Magazin W+M

Kompakt) 60 € inkl. MwSt. und Versand (im Inland).

Layout & Design: Möller Medienagentur GmbH,

www.moeller-mediengruppe.de

Druck: Möller Druck und Verlag GmbH,

ISSN 0863-5323

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Kopien nur

mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Verlages.

Namentlich gekennzeichnete Beiträge müssen

nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

Für unverlangt eingesandte Manuskripte und

Fotos übernehmen wir keine Haftung.

Fotos: agsandrew/fotolia.com, pankajstock123/fotolia.com (oben), gbf german biofuels GmbH (unten)

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


W+M INHALT | 7

W+M POLITIK

ifo-Geschäftsklimaindex für Ostdeutschland.......... 44

Kommentar: Die Ostbeauftragte Iris Gleicke

wagt einen Blick in die Zukunft............................... 45

Pro und Contra: Mindestlohn für Flüchtlinge?........ 46

W+M RATGEBER

Steuern: Quo vadis – Erbschaftsteuerreform......... 47

40

Im Interview

Bundesforschungsministerin Prof. Johanna Wanka

Finanzen:

Elektronische Rechnung ........................................ 48

VIP-Tickets als Geschenk........................................ 49

Recht: Urteile für Unternehmer.............................. 50

Insolvenz: Restschuldbefreiung...............................51

Literatur: Die ostdeutsche Bestsellerliste

für Wirtschaftsliteratur............................................ 52

Büro: Multifunktionsdrucker für kleine

und mittlere Unternehmen...................................... 53

W+M NETZWERK

Scharmützelsee: Golfturnier für Freunde................ 54

Schwerin: Mecklenburger Wirtschaftsball ..............55

Warnemünde/Kopenhagen: SACHSEN Sail 2016... 56

Fotos: W+M (oben), Santa Maria Manuela Archive (Mitte), Albrecht Gehse (unten)

56

Netzwerk

SACHSEN Sail 2016 mit der Santa Maria Manuela

28

Länderreport

Maler Albrecht Gehse: Mit der Pranke des Löwen

Potsdam: Unternehmertag zur

Brandenburger Tourismuswirtschaft...................... 57

Serrahn: Golf-Turnier der Unternehmerverbände... 58

Warnemünde: Beach-Polo hinter dem Teepott...... 59

VBIW: Aktuelles aus dem Verein............................ 60

Neues aus den Unternehmerverbänden................. 62

W+M PORTRÄTS

Bodo Janssen: Erfolg dank Selbstreflektion........... 64

Heinrich von Nathusius:

Vorausblickender Querdenker................................. 65

W+M DIE LETZTE SEITE

Ausblick und Personenregister............................... 66

W+M WEITERE BEITRÄGE

Editorial...................................................................... 3

Impressum................................................................ 6

Beilagenhinweis: Dieser Ausgabe liegen die Regionalausgabe

W+M Brandenburg sowie eine Beilage der Schultz Einrichtungen

GmbH & Co. KG (www.schultz.de) bei. Wir bitten

um Ihre Aufmerksamkeit.

www.WundM.info WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


8 | W+M KÖPFE

K

Ö

P

F

E

Robert Wüst (30)

Lobbyist aus Potsdam

Robert Wüst ist neuer Präsident der

Handwerkskammer Potsdam. Der Metallbauermeister

aus Pritzwalk wurde am

11. April 2016 von der außerordentlichen

Vollversammlung mit großer Mehrheit

gewählt. Der 30-jährige Wüst ist Nachfolger

von Jürgen Rose, der im Februar

nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben

war. Wüst wird das Amt zunächst

bis zum Ende der laufenden Legislatur

im März kommenden Jahres ausüben. Er

legte 2009 die Meisterprüfung im Metallbauerhandwerk

ab und leitet seit 2007

den Familienbetrieb. Seit 2012 ist er alleiniger

Inhaber des in fünfter Generation

befindlichen Familienunternehmens mit

mehr als 100-jähriger Tradition und Mitglied

im Vorstand der Handwerkskammer

Potsdam, seit 2014 als Vizepräsident. Als

neuer Präsident will sich Robert Wüst insbesondere

um die Fachkräftesicherung

kümmern. Er lebt in Pritzwalk, ist verheiratet

und hat drei Kinder.

Martin Dulig (41)

Wirtschaftsminister in Dresden

Wenn es um die Zukunft der Braunkohle

in der Lausitz geht, lehnt sich Sachsens

Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit

und Verkehr weit aus dem Fenster.

Er kritisiert offen, dass es am deutschen

Energiemarkt „an Verlässlichkeit fehlt“

und die gegenwärtige Ausstiegsdiskussion

„vor allem unter ideologischen Aspekten“

stattfinde. Denn für einen damit

nötigen Strukturwandel in dieser Region

gebe es derzeit kaum realistische Alternativen.

Der gelernte Maurer plädiert daher

dringend für die Beibehaltung eines

solidarischen Schulterschlusses der ostdeutschen

Braunkohleländer Brandenburg,

Sachsen und Sachsen-Anhalt. Angesichts

des Fehlens von ausreichend

Netzinfrastruktur sowie Speicherkapazitäten

für Wind- und Solarstrom gehöre

es für ihn auch zur energiepolitischen Ehrlichkeit

zu sagen, dass die deutsche Wirtschaft

für den Übergang auch weiter fossile

Rohstoffe brauche.

Helmut Rehhahn (68)

Diplom-Landwirt aus Wittenberg

Was der diplomierte Landwirt anpackt,

wird meist ungewöhnlich groß. So entwickelte

der Chef und Inhaber der UBM

Unternehmensberatung Management

GmbH in Altenweddingen bei Magdeburg

vor einigen Jahren ein Projekt für

Deutschlands größten Gewächshauskomplex.

Der steht inzwischen, umfasst

15 Hektar, auf denen unter Glas

Tomaten – so genannte Luthertomaten

– wachsen, und soll jetzt noch auf 40

Hektar erweitert werden. Auch an der

Planung und Projektierung von modernen

Schweinehaltungs- und Zuchtanlagen,

Biogasanlagen und Fischzuchtanlagen

ist Rehhahn, der 1994 bis 1996

Landwirtschaftsminister in Sachsen-Anhalt

war, aktiv beteiligt. Wichtig sind ihm

dabei regionale Kreisläufe und die Nutzung

Erneuerbarer Energien. Auch in der

Ukraine und Kasachstan brachte er bereits

Projekte zum Einsatz biologischer

Treibstoffe und Erneuerbarer Energien

auf den Weg.

Frank Dickmann (53)

Stein-Importeur aus Berlin

Als Großhändler hat der Geschäftsführer

der BESCO Berliner Steincontor GmbH

ein starkes Standbein im Import von Granit

und Marmor. Einen Großteil dieses Natursteins

bezieht er dabei aus asiatischen

Ländern wie Indien und China, wofür er

seine Firma jedoch vom Verein Fair Stone

e. V. freiwillig auditieren ließ. Er verpflichtet

sich damit, keine Produkte aus Staaten

der Dritten Welt zu kaufen, wenn bei

deren Herstellung nicht ein menschenwürdiges

und sicheres Produktionsumfeld

im Sinne der Kernarbeitsnormen der

Internationalen Arbeitsorganisation (ILO)

gegeben ist. Kategorisch lehnt er auch

Kinderarbeit in der Steinverarbeitung ab.

Überdies fordert der gelernte Kaufmann,

der damit in seiner Branche bundesweit

zu den Vorreitern gehört, die Einführung

von staatlichen Unbedenklichkeitslabels

auf diesem Feld.

Fotos: HWK/Hannemann (links), Harald Lachmann (Mitte links, Mitte rechts, rechts)

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


W+M KÖPFE | 9

Hartmut Bunsen (72)

Unternehmer aus Leipzig

und Multifunktionär

Am 1. Juni 2016 wurde Hartmut

Bunsen in der Schlosskapelle

im Residenzschloss Dresden

mit dem Verdienstorden des

Freistaates Sachsen ausgezeichnet.

Damit werden seine hervorragenden

Verdienste und sein Engagement für

den Freistaat Sachsen anerkannt. Nach

der Wende gründete er die Messeprojekt

GmbH und 1993 mit seiner Frau Ursula

die INUMA GmbH als Tischlerei und

Innenausbaufirma. Aktuell ist die Familie

Bunsen für 220 Mitarbeiter, davon 22

Auszubildende, verantwortlich. Die Unternehmensnachfolge

von Hartmut und Ursula

ist mit ihren beiden Söhnen vorbildlich

geregelt. Hartmut Bunsen wurde zudem

gerade zum sechsten Mal als Präsi-

dent des Unternehmerverbandes Sachsen

wiedergewählt. Er ist auch Sprecher

der Interessengemeinschaft der Unternehmerverbände

Ostdeutschlands und

Berlin, Vorstand des Akademischen Rudervereins

zu Leipzig e. V. und Vorstand

des SACHSEN Sail Club Leipzig e. V.

Fotos: Harald Lachmann (links), Claudia Koslowski/UV Sachsen (rechts)

Axel Dyck (60)

Baugrundexperte aus Leipzig

Der Geschäftsführer der FCB Fachbüro

für Consulting und Bodenmechanik

GmbH Espenhain fordert für Leipzig

„den Einstieg in einen staatlich geförderten

sozialen Wohnungsneubau“. Denn

zuletzt sei die ostdeutsche Metropole, in

der Dyck auch Chef der SPD-Stadtratsfraktion

ist, einwohnerzahlenmäßig „um

eine mittlere Kleinstadt gewachsen“.

Bald könne wieder Wohnungsknappheit

herrschen, mahnt er. Vor dem Hintergrund

des gegenwärtigen Verfalls der

Energiepreise zweifelt der Diplomingenieur

zugleich daran, dass kleinere Kommunalbetriebe

dauerhaft überlebensfähig

sind. Sie müssten sich Partner suchen

sowie Kooperationen und Verbünde

mit anderen Unternehmen eingehen. Um

sich hierfür die Investitionsmittel zu sichern,

sei es auch nicht mehr zeitgemäß,

dass Stadtwerke über einen steuerlichen

Querverbund stets chronisch defizitäre

Nahverkehrsunternehmen alimentieren.

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10 | W+M NACHRICHTEN

N

A

C

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I

C

H

T

E

N

TROPICAL ISLANDS INVESTIERT

Krausnick. Ende Mai wurde der neue

Außenbereich des Tropical Islands – genannt

AMAZONIA – feierlich mit Gästen

aus Politik, Wirtschaft und Medien eröffnet.

„Mit 66.000 Quadratmetern im

FRAUEN ALS FÜHRUNGSKRÄFTE

Der neue Außenbereich AMAZONIA des Tropical Islands.

Dome und 35.000 Quadratmetern Open-

Air-Wasserpark bieten wir unseren Gästen

einen attraktiven Ort der Erholung“, sagt

Jan Janssen, Geschäftsführer von Tropical

Islands. Die steigenden Tourismuszah-

Chemnitz. 2014 waren 35,1 Prozent der

Führungskräfte der obersten Leitungsebene

in der sächsischen Privatwirtschaft

Frauen. Auf der zweiten Führungsebene

lag ihr Anteil bei 39,7 Prozent. Das zeigen

Daten der Arbeitsverwaltung in Chemnitz.

Bundesweit war dagegen nur jede vierte

Führungsstelle der obersten Leitungsebene

in der Privatwirtschaft mit Frauen

besetzt. Auch in ganz Ostdeutschland ist

der Anteil von Frauen in Führungspositionen

höher als in Westdeutschland. Der

Frauenanteil an den Führungspositionen

der ersten und zweiten Ebene liegt im Osten

bei 30 beziehungsweise 44 Prozent,

im Westen bei 23 beziehungsweise 37

Prozent. Allein in Sachsen sind von den

128.900 Führungskräften in der obersten

Ebene 45.300 weiblichen Geschlechts.

Vor allem kleinere Betriebe werden häufiger

von Frauen geführt, während ihr Leitungseinfluss

mit der Größe der Unternehmen

abnimmt. Inzwischen hat aber auch

jeder zehnte privatwirtschaftliche Betrieb

Führungspositionen mit Teilzeitkräften besetzt,

so dass hier Frauen Beruf und Familie

besser in Einklang bringen können.

GRÜNDER AUF WACHSTUMSKURS

len in Brandenburg machen

sich auch im Tropical

Islands bemerkbar.

Im letzten Jahr empfing

das Resort 1,1 Millionen

Gäste aus ganz Europa.

Seit der Eröffnung 2004

wurde stetig ausgebaut.

Heute ist Tropical Islands

mit rund 1.700 Betten in

der Halle sowie auf dem

großzügigen Außengelände

und über 350.000

Übernachtungen einer

der größten Beherbergungsbetriebe

Deutschlands.

Und das Unternehmen,

das seit zwei

Jahren schwarze Zahlen

schreibt, hat sich viel vorgenommen:

2017 startet

der Bau eines Vier-Sterne-Plus-Hotels;

die Übernachtungen

sollen zudem

innerhalb von zwei bis drei Jahren

verdoppelt werden, so Geschäftsführer

Janssen. Mit knapp 600 Mitarbeitern

ist Tropical Islands einer der wichtigsten

Arbeitgeber der Region.

Berlin. Die Bürgschaftsbank Berlin-Brandenburg

(BBB) hat 2015 das überdurchschnittliche

Wachstum der Berliner Wirtschaft

mit erhöhter Bürgschaftsübernahme

unterstützt. „Mit Bürgschaften und

Garantien haben wir ein Finanzierungsvolumen

von insgesamt 97 Millionen

Euro mobilisiert“, so Waltraud Wolf, Geschäftsführerin

der BBB. Mit den mit 62

Millionen Euro verbürgten Krediten und

Beteiligungen für 250 mittelständische

Gewerbetreibende und Freiberufler hat

die BBB 17 Prozent mehr Finanzierungen

besichert als 2014. Als besonderer

Wachstumstreiber mit einer Steigerungsrate

von 41 Prozent erwiesen sich

die Start-ups der Stadt. Besonders häufig

haben die Gründer 2015 das Gründungsprogramm

„Berlin Start“ genutzt.

NEUER MIKROKREDIT

Potsdam. Für Kleinstunternehmen und

Existenzgründer gestaltet es sich aufgrund

von fehlenden Sicherheiten oder

einer geringen Eigenkapitalbasis meist

schwierig, einen Kredit bei Geschäfts- oder

Hausbanken zu erhalten. Deswegen hat

das Brandenburger Wirtschaftsministerium

ein neues Programm aufgelegt: den

„Mikrokredit Brandenburg“. Die Umsetzung

erfolgt durch die Investitionsbank

des Landes Brandenburg (ILB), die Erstberatung

und eine fachkundige Stellungnahme

durch die Kammern. Der Mikrokredit

Brandenburg ist ein Angebot insbesondere

an kleine und mittlere Unternehmen

Foto: Tropical Islands/Dietmar Gust

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


W+M NACHRICHTEN | 11

bis zu zehn Jahre nach ihrer Gründung. Er

richtet sich auch an Existenzgründer, Unternehmensnachfolger

sowie an Unternehmer

im Nebenerwerb, die beispielsweise

Aufträge und Projekte vorfinanzieren

müssen oder Mittel zum Erwerb von

Betriebsmitteln und für Investitionen benötigen.

Beantragt werden kann ein verzinsliches

Kleindarlehen ab 2.000 Euro bis maximal

25.000 Euro. Informationen zum Kredit

gibt es unter mikrokredit.brandenburg.de.

Der Kreditantrag kann online auf www.ilb.de

gestellt werden.

RB LEIPZIG KURBELT WIRTSCHAFT AN

Leipzig. Dass der Osten ab der kommenden

Saison nach Jahren der Abstinenz wieder

einen Erstligisten im Fußball hat, nutzt

nicht zuletzt der regionalen Wirtschaft.

Laut Professor Henning Zülch von der Handelshochschule

Leipzig (HHL) spielt das allein

außerhalb des Stadions den Unternehmen

in Handel, Dienstleistung, Gastronomie

und Verkehr gut 16 Millionen Euro ein.

Der Wissenschaftler bezieht sich dabei auf

Vergleichswerte bei den seit 2013 aufgestiegenen

Vereinen wie Frankfurt, Berlin,

Köln, Ingolstadt und Darmstadt und setzt

diese in Relation zu den teils deutlich höheren

Zuschauerzahlen beim Fußballklub

RB Leipzig. Hier waren bereits in der 2.

Liga im Saisonschnitt 37.500 Besucher pro

Heimspiel gezählt worden. Vor allem Auswärtsfans

seien bereit, mehr Geld in der

Stadt und im Umfeld auszugeben, so der

Experte. Er geht von etwa 30 Euro pro Zuschauer

aus. Zugleich werde in dem Maße,

wie Leipzig nun auch wieder als Fußballstadt

wahrgenommen wird, auch der Tourismus

angekurbelt. Zülch erwartet nun einen

fußballbedingten Besucheranstieg von

fünf Prozent.

MIGRANTEN ALS JOBMOTOR

Berlin. Migranten gründen überdurchschnittlich

oft Firmen – und schaffen überdurchschnittlich

viele Jobs. Andererseits

brechen sie ihre Karriere auch schneller als

deutsche Neugründer wieder ab. Das ergab

eine aktuelle Studie der Kreditanstalt

für Wiederaufbau (KfW). Dennoch drängt

die Wirtschaft verstärkt darauf, das Potenzial

der Migranten nutzen zu können. Immerhin

hat jeder fünfte Unternehmensgründer

– quer durch die Bundesländer –

ausländische Wurzeln oder sogar noch eine

ausländische Staatsbürgerschaft. Damit

liegt die jährliche Gründerquote (1,86 Prozent)

deutlich über der allgemeinen Quote

(1,68 Prozent). Diese Quote beschreibt den

Anteil der Gründer an der Bevölkerung im

Alter zwischen 18 und 65 Jahren. Auch die

Zahl der Beschäftigten in jenen Firmen von

Migranten lag gerade im Osten im Schnitt

mit umgerechnet zwei Vollzeitstellen etwas

höher. Erwartungsgemäß starten die

meisten Neu-Unternehmer aus dem Zuwanderer-Milieu

im Dienstleistungssektor,

namentlich im Handel. Wie die Studie ergab,

bestehen Neugründungen in Deutschland

nach drei Jahren noch zu 70 Prozent,

bei Migranten beträgt dieser Wert allerdings

nur 60 Prozent.

BB-Masters 2016

MIT POWER-SCHLÄGEN ZUM SIEG

Foto: BB-Masters GmbH

Vom 29. April bis 1. Mai 2016 wurde

auf dem B/C-Course des Berliner Golf

& Country Club Motzener See um die

Spitzenplätze bei den BB-Masters 2016

– Deutschlands höchstdotiertem ProAm-

Golfturnier mit 100.000 Euro Gesamtpreisgeld

– gekämpft. Bei den Pros ging

Die Sieger-Pros der BB-Masters 2016 mit Initiatoren und Partnern: Klaus-Jürgen Meier, Dirk

Germandi, Jörg Woltmann, Jan Oelmann, Stefan Quirmbach, Martin Keskari, Sebastian Heisele,

Ben Parker, Oliver Böckmann, Claus M. Kobold, Manfred Gugerel, Frank Adamowicz und Dieter

R. Klostermann (v. l.).

es beim Finale am Sonntag in der Einzelwertung

um insgesamt 80.000 Euro,

welche unter allen 40 startenden Pros

laut Ausschreibung aufgeteilt wurden.

Ab Mittag begleiteten zahlreiche golfbegeisterte

Zuschauer die Pro-Flights auf

die Runde, die am späten Nachmittag gespannt

an Tee 18 vor der Clubhaus-Terrasse

erwartet wurden. Bei der anschließenden

Siegerehrung präsentierten Frank

Adamowicz und das BB-Masters-Team

die Ergebnisse der Einzelwertung.

Bereits der erste Turniertag startete mit

einem Highlight: Arne Bensiek im Flight

mit Wolfgang Huget gelang an Bahn B4

ein Hole-In-One. Hätte er sein erstes

Hole-in-One an der C1 gespielt, wäre er

um einen neuen BMW reicher gewesen.

Challenge-Tour-Spieler Sebastian Heisele

legte mit dem neuen Platzrekord von

65 Schlägen am zweiten Turniertag des

ProAm‘s bereits den Grundstein für seinen

Sieg und die 20.000 Euro Preisgeld

beim Finale.

Bei den BB-Masters wurde mit BIRDIE

for HOPE auch wieder für den guten

Zweck gespielt. Aufgrund des vielfältigen

Engagements wurde eine Spendensumme

von 12.450 Euro für die Vereine Project

HOPE e. V. und Birdies für Bildung

erspielt.www.bb-masters.de

www.WundM.info WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


TLÄNDERSCHWERPUNK

12 | W+M SCHWERPUNKT BRANDENBURG

Der britische Flugzeugtriebwerkhersteller Rolls-Royce gehört seit

Jahren zu den wichtigsten ausländischen Investoren in Brandenburg.

Im Höhenflug

Die Brandenburger Wirtschaft demonstriert derzeit überzeugend,

dass sie den Wandel hin zu einer wettbewerbsfähigen sozialen

Marktwirtschaft gut ein Vierteljahrhundert nach dem Vollzug der

deutschen Einheit und darauffolgenden schweren Strukturbrüchen

gemeistert hat. Allerdings ist der Aufholprozess im Vergleich zu den

alten Bundesländern unverändert im Gange und wird wohl auch

mittelfristig noch nicht abgeschlossen sein. Von Karsten Hintzmann

BR ANDENBURG

Brandenburgs Wirtschaftsminister

Albrecht Gerber (SPD) bringt die

aktuelle Euphorie, die landauf, landab

herrscht, auf den Punkt: „Insgesamt

durchläuft das Land Brandenburg derzeit

eine der besten Phasen in seiner Geschichte.

Wir hatten im vergangenen Jahr

ein reales Wirtschaftswachstum von 2,7

Prozent. Damit gehören wir zu den Top

drei unter den deutschen Bundesländern.

Die Industrie konnte sogar um 2,9 Prozent

zulegen. Das Baugewerbe ist um 3,8 Prozent

gewachsen. Es herrscht flächendeckend

eine gute Stimmung und eine gute

Auftragslage bei den Unternehmen.“

Selbst größere Problemfälle konnten in

den vergangenen Monaten gelöst werden.

Nach längeren Sondierungen und

damit einhergehenden Verunsicherungen

verkaufte der schwedische Energiekonzern

Vattenfall seine Lausitzer Braunkohlesparte

an das tschechische Unternehmen

EPH, das sich klar zur Fortsetzung

des Kohleabbaus in der Region bekannt

hat. Auch die Zukunft des zeitweilig von

Schließung bedrohten Bahninstandhaltungswerkes

in Eberswalde scheint gesichert.

Der Verkauf an ein privates Unternehmen

rettet den industriellen Kern

und 210 Jobs in der Kreisstadt im Nordosten

Brandenburgs.

Die Weichen für eine Fortsetzung des

aktuellen Aufschwungs sind gestellt.

Brandenburg bietet nicht nur im Berliner

Speckgürtel ideale Standortbedingungen

für Unternehmen – gut ausgebaute Verkehrswege,

Industrie- und Gewerbeflächen

in allen Lagen und zu vernünftigen

Konditionen, gut ausgebildete und erfahrene

Facharbeiter. Hinzu kommt ein

umfassender Unternehmensservice: Als

erstes Bundesland offeriert Brandenburg

ein komplettes Beratungspaket zu Wirtschaft

und Arbeit aus einer Hand. Das

Land hat diese Kompetenzen bei der

Wirtschaftsfördergesellschaft Zukunfts-

Agentur Brandenburg (ZAB) und der Förderbank

ILB gebündelt. Gemeinsam bilden

sie Brandenburgs One-Stop-Agency

für Wirtschaft und Arbeit. Durch diese

Verzahnung erhalten potenzielle Investoren

rasch Zugang zu maßgeschneiderten

Förderprogrammen, die aus Töpfen

der EU, des Bundes und des Landes gespeist

und von der ILB federführend koordiniert

werden.

Im Jahr 2015 konnte die ILB ihr Fördergeschäft

gegenüber dem Vorjahr um 14 Prozent

auf ein Volumen von 1,45 Milliarden

Euro deutlich erhöhen. Mit den Geldern

wurden insgesamt 4.309 Vorhaben in den

vier Förderbereichen Wirtschaft, Arbeit, Infrastruktur

und Wohnungsbau unterstützt.

Entsprechend zufrieden ist ILB-Vorstandschef

Tillmann Stenger: „2015 war ein sehr

gutes Förderjahr für Brandenburg. Unsere

Förderzusagen werden insgesamt zu Investitionen

in Höhe von gut 2,1 Milliarden

Euro führen. Insbesondere der Förderbereich

Infrastruktur hat mit einem um 17

Prozent höheren Investitionsvolumen gegenüber

2014 enorm von den Angeboten

der ILB profitiert. In der neuen EU-Programmperiode

haben wir bereits 27 Programme

an den Start bringen können.”

Ein Ende des positiven Trends ist nicht in

Sicht – im laufenden Jahr rechnet die ILB

mit einem Neuzusagevolumen in Höhe

von 1,2 Milliarden Euro. W+M

Foto: Rolls-Royce Deutschland Ltd & Co KG

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


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14 | W+M SCHWERPUNKT

„Mir ist eine ausgeglichene

Wirtschaftsförderung wichtig!"

W+M-Interview mit Christian Görke (LINKE),

stellvertretender Ministerpräsident und Finanzminister in Brandenburg

W+M: Herr Minister, Ihre Partei trägt seit

2009 Regierungsverantwortung in Brandenburg.

Wie hat sich die Wirtschaft im

Land seither entwickelt?

Christian Görke: Die Metropolenregion

Berlin-Brandenburg ist eine der dynamischsten

Wachstumsregionen in ganz

Deutschland. Der Konjunkturklima-Index

kletterte 2015 auf den höchsten Wert seiner

Erfassung seit 1995. Einen weiteren

Rekordwert erreichte im vorigen Jahr der

Warenexport aus Brandenburg mit einem

Volumen von 14,2 Milliarden Euro.

Die positive wirtschaftliche Entwicklung

ist auch am Arbeitsmarkt angekommen.

Seit dem Start von Rot-Rot im November

2009 stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtig

Beschäftigten von 750.400

auf aktuell 800.000. Die Zahl der Arbeitslosen

sank um 36.000 auf 109.000.

W+M: Als Finanzminister und Verwaltungsratsvorsitzender

der Investitionsbank

des Landes Brandenburg (ILB) sind

Sie Impulsgeber für wichtige Fördervorhaben.

Welche Themen und Branchen liegen

Ihnen dabei besonders am Herzen?

Christian Görke: Mir ist eine ausgeglichene

Wirtschaftsförderung wichtig! Das

ist in einem Flächenland wie Brandenburg

immer eine Herausforderung. Zwar hat

sich in den vergangenen Jahren gezeigt,

dass die Neuausrichtung der

Förderpolitik weg vom Gießkannenprinzip

hin zum Credo „Stärken

stärken” ein Erfolgsmodell

war. Dennoch müssen

wir darauf achten, einzelne

Regionen nicht

abzuhängen, schon

um der Abwanderung

aus eher ländlichen

Regionen keinen zusätzlichen Vorschub

zu leisten. Die aktuell wichtigsten

Branchen liegen für mich in den Clustern

Kunststoff/Chemie, Metall und Ernährungswirtschaft

sowie in IKT/Medien/

Kreativwirtschaft. In diesen Feldern wurden

2015 erhebliche Investitionen getätigt,

was beweist, dass sich Brandenburg

nicht nur als Industrie- sondern auch als

Innovationsstandort weiterentwickelt. Die

Investitionsbank des Landes Brandenburg

hat bereits viele passgenaue Förderangebote

im Portfolio, um diese Entwicklung

zusätzlich zu begünstigen. Wir als Land

müssen zudem sicherstellen, dass wir

gute Bedingungen für die

Unternehmen schaffen.

Dazu gehört

für mich gute Bildung,

damit auch

morgen ausreichend

Fachkräfte

zur Verfügung

stehen, genauso

wie moderne Straßen

oder Breitbandanschlüsse.

W+M: Als ILB-Verwaltungsratschef steht

es Ihnen durchaus zu, Forderungen an

die Brandenburger Unternehmerschaft

zu formulieren. Was also erwarten Sie

von einem Unternehmer in Ihrem Land?

Christian Görke: Ich erwarte zunächst

etwas ganz Selbstverständliches: den

vollständigen Einsatz für das nachhaltige

Wachstum des eigenen Unternehmens.

Dies ist der größte Treiber für die Sicherung

und Schaffung guter Arbeitsplätze.

Daher möchte ich die Unternehmer dazu

motivieren, ihr Geld gegenwärtig vor allem

in sich selbst zu investieren. Hohe

Anlagerenditen sind momentan schwierig

zu erzielen und die Förderbedingungen

in Brandenburg sind so günstig

wie lange nicht.

W+M: Von außen betrachtet sieht

es so aus, als würde sich die

Wirtschaft in zwei unterschiedli-

Stellvertretender

Ministerpräsident und

Finanzminister in Brandenburg:

Christian Görke.

Foto: W+M

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


BRANDENBURG | 15

Christian Görke: Das Zeitfenster der Nutzung

der Braunkohle schließt sich. Wie bekannt,

streben wir den Ausstieg aus der

Braunkohle bis zum Jahr 2040 an. Darüber

gibt es bei den Linken keinen Streit. Jetzt

kommt es aber darauf an, den damit verbundenen

Strukturwandel sozial verträglich

und energiepolitisch sinnvoll zu gestalten.

Für das Ausstiegsszenario ist die Speicherung

von Erneuerbaren Energien im industriellen

Maßstab die Schlüsseltechnologie.

W+M: Was erwarten Sie vom tschechischen

Energiekonzern EPH, der jüngst das

Braunkohlegeschäft von Vattenfall in der

Lausitz übernommen hat?

Foto: W+M

Christian Görke mit W+M-Herausgeber Frank Nehring (r.) und W+M-Chefredakteur Karsten

Hintzmann (l.).

chen Geschwindigkeiten entwickeln –

der Speckgürtel entwickelt sich rasant,

während es in den Randregionen eher

schwer vorangeht. Was tun Sie, damit die

Uckermark oder die Prignitz wirtschaftlich

nicht abgekoppelt werden?

Christian Görke: Ich kann diese Einschätzung

einer stark gegenläufigen Entwicklung

nicht ganz teilen. Es stimmt, dass

wir in den letzten Jahren viele Ansiedlungen

junger Unternehmen im Speckgürtel

sowie ein kontinuierliches Wachstum

der dort bereits etablierten Unternehmen

ZUR PERSON

Christian Görke wurde am 17. März 1962

in Rathenow geboren. Von 1983 bis

1988 studierte er an der Pädagogischen

Hochschule Dresden. Anschließend arbeitete

er bis 2003 als Lehrer in seiner

Geburtsstadt Rathenow.

1985 trat Görke in die SED ein und blieb

auch den Nachfolgeorganisationen treu.

Seit 2003 engagiert sich Görke in der

Brandenburger Landespolitik. Zunächst

als „einfacher“ Landtagsabgeordneter,

später (2012) als Fraktionschef der

LINKEN im Landtag. Seit Januar 2014

fungiert er als Landeschef der LINKEN

sowie als Finanzminister. Nach der Landtagswahl

im Herbst 2014 wurde Görke

zum stellvertretenden Ministerpräsidenten

ernannt.

Er ist geschieden und Vater zweier Kinder.

verzeichnen konnten. Aufgrund der dort

zahlenmäßig stärker vertretenen Unternehmen

mit innovativen, digitalen Geschäftsfeldern

ist die mediale Aufmerksamkeit

hier natürlich auch stärker als in

Regionen wie beispielsweise Lauchhammer.

Schaut man sich aber Umsatzzahlen

und Arbeitsplätze an, ist das Bild nicht so

einseitig. Ein Beispiel: Die Region Brandenburg

Nord, zu der ja auch die Uckermark

zählt, war 2015 mit knapp 117 Millionen

Euro die Region mit dem größten

Investitionsvolumen im wichtigsten Wirtschaftsförderprogramm

GRW-G. ILB,

ZAB und die Wirtschaftsfördergesellschaften

arbeiten zudem Hand in Hand,

um die regionalen Unternehmen bestmöglich

zu beraten und zu unterstützen.

W+M: Die Braunkohle ist ein wichtiger

Wirtschaftsfaktor und Arbeitgeber speziell

im Süden Brandenburgs. In Ihrer Partei

herrscht zur Zukunft der Braunkohle ein

Richtungsstreit. Wie halten Sie es mit der

Zukunft der Braunkohle?

Christian Görke: Ich erwarte, dass der

Energiekonzern seiner Verantwortung als

Arbeitgeber, aber auch bei der Frage der

Übernahme von Folgekosten, die sich aus

dem Abbau von Braunkohle ergeben, gerecht

wird und die Zusagen hinsichtlich

der Beschäftigten einhält. Und als Finanzminister

habe ich die Erwartung, dass er

den Firmensitz seiner Braunkohle-Sparte

nach Brandenburg verlagert. Schließlich

ist mit der Übernahme von Vattenfall

hier nun auch das größte Braunkohle-Abbaugebiet

innerhalb des Konzernbereichs.

W+M: Vor einigen Wochen geriet die rotrote

Koalition durch den Rücktritt Ihres

Justizministers Helmuth Markov in unruhiges

Fahrwasser. Wie regiert es sich als

Juniorpartner der in Brandenburg seit 25

Jahren dominierenden SPD?

Christian Görke: Dass wir schon in der

zweiten Legislaturperiode gemeinsam

regieren, zeigt, dass die Schnittmengen

zwischen SPD und LINKE noch lange

nicht aufgebraucht sind. Wir arbeiten

weiter vertrauensvoll zusammen.

W+M: Kommunikationserfahrung haben

Sie ja auch im Umgang mit den Christdemokraten

– Ihr Vater und Ihre Schwester

sind CDU-Mitglieder. Sehen Sie da relevante

Schnittmengen für künftige Koalitionen?

Christian Görke: Politische Diskussionen

in der Familie sind das eine. Mit Blick

auf die märkische CDU halte ich eine Zusammenarbeit

als Regierungspartner für

utopisch. Es ist übrigens auch bezeichnend,

dass mir noch kein ernstzunehmender

Unternehmer gesagt hat, dass er die

CDU in Brandenburg vermisst. Der eingangs

erwähnte wirtschaftliche Boom unter

Rot-Rot spricht für sich.

Interview: Karsten Hintzmann

und Frank Nehring

www.WundM.info WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


16 | W+M SCHWERPUNKT

Industrielle Cluster

als Rückgrat

Als Garanten für das Wachstum im Land

erwiesen sich vor allem die mehr als 1.200

Industriebetriebe – Tendenz steigend. Bei

den von den Wirtschaftsförderern der ZukunftsAgentur

Brandenburg (ZAB) 2015

betreuten Ansiedlungen entfiel jedes

zweite Projekt auf Unternehmen aus dem

Industriesektor. Auch ausländische Investoren

schätzen den Standort in der Mitte

Europas zunehmend. Mehr als 300 ausländische

Unternehmen von eBay bis Rolls-

Royce sind bereits in der Mark ansässig.

In Brandenburg haben sich in den verschiedenen

Landesteilen wirtschaftliche Zentren

herausgebildet. Potsdam ist ein renommierter

Wissenschaftsstandort. Ludwigsfelde

gehört zu den wichtigsten Industrie-

Hochburgen des Landes. Die Lausitz bleibt

Stromlieferant Brandenburgs. Schwarzheide

ist traditionell die Heimat der Kunststoff-

und Chemieproduktion. Raffinerien

und die papierverarbeitende Industrie prägen

die Industriestadt Schwedt.

„Brandenburg ist die Top-Region des Ostens“

– so kühn titelte Brandenburgs regionale

Presse im April dieses Jahres. Der

Anlass: Ein Regional-Ranking des Kölner

Instituts der Deutschen Wirtschaft. Die

Wirtschaftsforscher stuften den Landkreis

Dahme-Spreewald (Platz 27) als

den wirtschaftsstärksten Ostdeutschlands

ein. Potsdam (Platz 29) und Potsdam-Mittelmark

(Platz 62) schnitten ebenfalls

gut ab. Und auch weitere Landkreise

im Berliner Umland ließen ihre ostdeutsche

Konkurrenz hinter sich. Zur

vollständigen Wahrheit gehört allerdings

auch, dass Kommunen in strukturschwachen

Regionen wie der Uckermark oder

Die Rolls-Royce Deutschland Ltd & Co KG

testet ihre Großtriebwerke in Dahlewitz.

Die märkische Wirtschaft befindet sich auf Wachstumskurs.

Das Land hat kleine, aber feine industrielle Kerne wie den Metallbau

oder die Energietechnik herausgebildet. Hier soll mit innovativen

Projekten und einem Zusammenspiel von Forschung und Mittelstand

das künftige wirtschaftliche Rückgrat des Landes entstehen.

Von Matthias Salm

der Prignitz weiter ins Hintertreffen geraten

sind.

Dabei ist die Wirtschaft in der Mark im

Aufschwung. Das Bruttoinlandsprodukt

des Landes stieg 2015 preisbereinigt um

2,7 Prozent. Damit lag die märkische Wirtschaft

auf Rang vier im Vergleich der Bundesländer.

Die Arbeitslosenzahlen sanken

im April 2016 auf nur noch 8,2 Prozent –

2003 waren es noch nahezu 19 Prozent.

Die Uckermark als grüne Lunge des Landes

reüssiert als Triebfeder für die Erneuerbaren

Energien und lockt Investitionen

in Biogas und Windenergie. Im Dreieck

Oranienburg-Hennigsdorf-Velten hat sich

die Schienenfahrzeugindustrie angesiedelt,

ebenso wie im Ortsteil Kirchmöser

in Brandenburg an der Havel. Rathenow

verfügt über eine historisch gewachsene

Kompetenz in der optischen Industrie.

In der auf Cluster ausgerichteten Wirtschaftspolitik

fördert Brandenburg gemeinsam

mit Berlin die Energietechnik;

das Cluster Verkehr, Mobilität und Logistik,

die Gesundheitswirtschaft, die Optik

sowie das Cluster IKT, Medien und Kreativwirtschaft.

Eine besondere Bedeutung

für die Wirtschaftsstruktur des Landes genießen

zudem die vier landesspezifischen

Cluster Metall, Ernährungswirtschaft, Tourismus

sowie Kunststoff und Chemie.

Energieland Brandenburg

Das Label Energieland trägt Brandenburg

nicht erst dieser Tage. Seit jeher produziert

und exportiert die Mark Energie. Den Ruf

als Energieregion nährten seit Jahrzehnten

die Kohlegruben in der Lausitz. Jüngst hat

der Energiekonzern Vattenfall sein deutsches

Braunkohlegeschäft an das tschechische

Unternehmen EPH verkauft. Der

Deal sichert den rund 8.000 in der Lausitzer

Braunkohleindustrie Beschäftigten

Foto: Rolls-Royce Deutschland Ltd & Co KG

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


BRANDENBURG | 17

Foto: GBF German Biofuels GmbH

Produktion von Biodiesel bei der GBF German Biofuels GmbH in Pritzwalk.

und den Zuliefer- und Dienstleistungsfirmen

eine Perspektive, solange die Braunkohleverstromung

als Brückentechnologie

weiter politische Rückendeckung erhält.

Mehr noch sieht sich Brandenburg heute

aber als Pionier der Energiewende.

Auf Betriebe im Bereich der Erneuerbaren

Energien entfallen bereits mehr als

20.000 Arbeitsplätze. Die Region zählt zu

den größten Produzenten von Solarenergie

und trägt wesentlich zur Erforschung der

energetischen Nutzung von Biomasse bei.

Besonders die Windenergie taugt als

Hoffnungsträger. Brandenburg nimmt

Platz zwei in der Rangliste der Bundesländer

mit der größten installierten Leistung

bei Windenergieanlagen ein. Im Land

drehen sich aber nicht nur die Windmühlen.

Hersteller, Planungsbüros und Baufirmen

tragen den Boom. Firmen wie die

Reuther STC GmbH in Fürstenwalde nahmen

als Zulieferer von Anlagenkomponenten

ihren Aufschwung. Die Zossener

Energiequelle GmbH produziert mit dem

Windpark Feldheim nicht nur zuverlässig

Energie, sondern errichtete auch gemeinsam

mit der Enercon GmbH einen Lithium-Ionen-Speicher

mit einer Leistung von

zehn Megawatt, den Größten seiner Art

in Deutschland.

Der Erfolg der Windenergie ist untrennbar

verknüpft mit einem Durchbruch in

den Speichertechnologien. Deshalb fördert

Brandenburg deren Entwicklung im industriellen

Maßstab. So wurde in Prenzlau

von der ENERTRAG AG das erste Hybridkraftwerk

zur Speicherung überschüssiger

Windenergie in Betrieb genommen. Und in

der Forschung etabliert sich die Brandenburgische

Technische Universität Cottbus-

Senftenberg mit wissenschaftlicher Arbeit

zu Energienetzen und Stromspeichern.

Metallbau mit Tradition

Den industriellen Kern des Landes bildet

die Metallbauindustrie. Die rund 2.600 zumeist

kleineren Unternehmen mit ungefähr

38.500 Beschäftigten weisen deshalb

auch eine höhere Exporttätigkeit als

der Durchschnitt der Brandenburger Industrie

auf. Die Branche steht für Vielfalt:

Die Metallerzeuger, Metallverarbeiter sowie

Maschinenbauer sind unverzichtbare

Dienstleister und Zulieferer beispielsweise

für den Fahrzeugbau, die Luft- und Raumfahrt

oder die Energiewirtschaft.

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18 | W+M SCHWERPUNKT BRANDENBURG

Bombardier produziert in Hennigsdorf unter anderem

Straßen- und S-Bahnen.

Zentren des Metallbaus haben sich in

verschiedenen Landesteilen herausgebildet,

unter anderem in Brandenburg/Havel,

Eberswalde, Eisenhüttenstadt, Finsterwalde,

Fürstenwalde, Lauchhammer,

Ludwigsfelde und Prenzlau. Die Kernkompetenzen

liegen vor allem in den Bereichen

Maschinen- und Anlagenbau, Automatisierungs-

und Elektrotechnik sowie neue

Werkstoffe, Materialien und Leichtbau.

Mobilitätsregion in der Mitte Europas

Das gemeinsam mit Berlin geförderte Cluster

Mobilität, Verkehr und Logistik steht für

die industrielle Fertigung in den Bereichen

Automotive, Luft- und Raumfahrt sowie

Bahntechnik ebenso wie für verkehrspolitische

und ingenieurtechnische Visionen

der Zukunft – etwa im vom Bund geförderten

Schaufenster Elektromobilität. Laut Ergebnissen

des Clustermonitorings 2014 arbeiten

rund 191.000 Menschen

in mehr als 17.000 Unternehmen

und mehr als 100 wissenschaftlichen

Forschungseinrichtungen

im länderübergreifenden

Cluster. Mehr als

sieben Universitäten und 21

Hoch- und Fachhochschulen

befassen sich mit clusterbezogener

Forschung und Lehre.

In der Bahntechnik hat sich das

Berlin-Brandenburger Cluster

hinter Nordrhein-Westfalen

zur zweitstärksten Region der

bundesdeutschen Bahnindustrie

aufgeschwungen. „Der

Standort steht für Fertigungskompetenz

ebenso wie für Forschungs- und Entwicklungskompetenz“,

betont Brandenburgs

Wirtschaftsminister Albrecht Gerber.

„Eine solche Konzentration von Erfahrung,

Wissen und Affinität zur Bahnindustrie

ist woanders kaum zu finden.“

Der globale Marktführer Bombardier Transportation

GmbH etwa produziert in Hennigsdorf.

Kleinere und mittlere Unternehmen

haben sich in Brandenburg-Kirchmöser

angesiedelt, wo mit der GBM Gleisbaumechanik

GmbH und der Voestalpine BWG

GmbH auch Unternehmen der Instandhaltung

und der Infrastruktur beheimatet sind.

Den großen Aufschwung im Bereich der

Logistik verdankt Brandenburg unter anderem

den drei Güterverkehrszentren (GVZ)

rund um Berlin. Die Logistiker schätzen

die zentrale Lage der Region. Die Brandenburger

Wirtschaftspolitik wiederum

hofft, dass die Segmente Seehafenhinterland-

und Osteuropaverkehre der Branche

weiteres Wachstum bescheren werden.

In der Luftfahrttechnik sind Global Player

wie die Rolls-Royce Deutschland Ltd

& Co KG und die MTU Maintenance Berlin-Brandenburg

GmbH große Arbeitgeber

der Region. Darum haben sich Zulieferer in

den Bereichen Maintenance Repair Overhaul

(MRO), Testen/Simulieren und Engineering

sowie Softwareentwicklung niedergelassen.

Gemeinsam mit Berlin belegt

das Land Brandenburg Platz drei der

deutschen Luftfahrtregionen.

Auch in der Automotive-Branche wächst

die Zahl der Top-Zulieferer aus der Mark.

So wurde beispielsweise das einstige Pneumant-Reifenwerk

in Fürstenwalde nach der

Wende modernisiert und auf die Produktion

von Pkw-Reifen umgerüstet. Hier werden

neben Pkw-Sommer- und Winterreifen

auch Reifen für Transporter und SUV produziert.

Die Gestamp Umformtechnik GmbH

entwickelt und fertigt in Ludwigsfelde hochwertige

Karosserie- und Fahrwerkskomponenten

für die internationale Automobil- und

Nutzfahrzeugindustrie. Aber auch ein mittelständisches

Unternehmen wie die Hüffermann

Transportsysteme GmbH, die ihre

Wurzeln im niedersächsischen Wildeshausen

hat, ist seit dem Jahr 1990 im brandenburgischen

Neustadt an der Dosse als Spezialist

für die Produktion von Anhängern und

Lkw-Aufbauten aktiv.

W+M

STAND DES AUSBAUS DER WINDENERGIE IN BRANDENBURG 2000 BIS 2015

Windenergie in Brandenburg (kummulierte Leistung in Megawatt)

5850

5457

4170

4401 4601 4816 5047

3767

3128 3359

2620

2179

1807

1272

769

442

2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015

Foto: Bombardier Transportation GmbH, Quelle Schaubild: BWE/Deutsche WindGuard

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


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20 | W+M SCHWERPUNKT BRANDENBURG

200 Millionen Euro für die Region

Brandenburgs Filmwirtschaft wirkt wie ein Konjunkturprogramm

Die Studios Babelsberg aus der Luft.

Brandenburgs Filmwirtschaft hat viele

Facetten, aber nur einen Namen:

Babelsberg. Dieser Ort ist international

bekannt bei allen Filmschaffenden,

ohne dass den Spielbergs dieser Welt

wohl so richtig klar ist, dass Babelsberg

zwar bei Berlin, aber eigentlich in Brandenburg

liegt. Die Filmwirtschaft ist international

und gedacht wird global. Produzenten

und Regisseure können heute überall

drehen. Wenn Sie sich für einen Standort

entscheiden, hat das immer gute Gründe.

Früh fiel die Entscheidung, den Filmstandort

Brandenburg weiter zu entwickeln. Die

traditionsreiche Infrastruktur, welche die

DEFA überlebte, bot dafür ideale Voraussetzungen.

Obwohl so ein Studio wie in

Babelsberg mit seinen Außenkulissen eigentlich

ein Dinosaurier in Zeiten der Digitalisierung

ist, hat man sich doch bewusst

für diese Alleinstellung entschieden. Hier

steckt aber auch das besondere Risiko. Die

immer besseren Möglichkeiten, mit digitalen

Mitteln, Filme zu produzieren, machen

kostenintensive Bindungen an einen bestimmten

Ort immer öfter unnötig. Nur für

große Produktionen werden heute noch

die aufwendigen „echten“ Außenkulissen

gebraucht. Und genau darauf ist Babelsberg

spezialisiert.

Die „Neue Berliner Straße“ wird eine der

größten und modernsten Außenkulissen

Europas. Dazu passt auch ihre Einweihung

mit dem Dreh „Babylon Berlin“, die wohl

zur aufwändigsten deutsche Serie aller

Zeiten wird. Auch die Bindung hochkarätiger

internationaler Serien, wie zum Beispiel

"Homeland" sind große Babelsberger

Erfolge, denn sie treffen den Nerv der

Zeit und binden Kapazitäten. Die UFA in

Babelsberg ist schon heute der deutsche

Marktführer für Serien. UFA-Produktionen

wie „Deutschland 83“ oder „Kudamm 56“

sind zudem auch ein Stück verfilmte Zeitgeschichte

– beeindruckend authentisch

und bis ins Detail recherchiert.

Von der Filmwirtschaft der Hauptstadtregion

profitieren viele, darunter der Tourismus.

Märkische Städte wie

Potsdam, Nauen oder Beelitz-

Heilstätten haben regelrechte

Filmkarrieren hinter sich, die

neue Besucher anziehen.

In erster Linie profitiert aber der

Wirtschaftsstandort. Von den

30,5 Millionen Euro, die jährlich

in die Filmförderung fließen,

bekommt die Region circa

200 Millionen Euro zurück.

Zu Recht ist man stolz auf diesen

Regionaleffekt. Hier sind

Land und Bund aber auch in

Zukunft gefordert, die hiesige

Filmwirtschaft im internationalen

Wettbewerb zu unterstützen. Dieser

Wettbewerb ist hart und attraktive steuerbegünstigende

Modelle für die großen

internationalen Produktionen, die es bereits

in vielen Ländern gibt, fehlen hierzulande

und erschweren die Akquisition für

den Babelsberger Standort.

Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht

Gerber ist sich sicher: „Gute Filme

und Serien sind Standortmarketing vom

Feinsten. Und das Beste: Diese Werbung

kostet keinen Cent zusätzlich. Jeder Film,

der hier entsteht, ist ein kleines Konjunkturpaket

für die Region.“

Frank Nehring

Die Macher der Brandenburger Filmwirtschaft beim

WirtschaftsForum im April: Stefan Arndt, Holger Lehmann,

Dr. Carl Woebcken, Kirsten Niehuus, Albrecht Gerber und

Dr. Miloš Stefanović (v. l.).

Fotos: XStudio Babelsberg AG (oben), Medienboard Berlin Brandenburg (unten)

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


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22 | W+M SCHWERPUNKT

Märkische Bauern zwischen

Tierwohl und Supermarktpreisen

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (2. v. r.) und Agrarminister Jörg

Vogelsänger (l., beide SPD) beim Ländertag der Internationalen Grünen Woche in Berlin.

Seit Jahren wird in Brandenburg um die Massentierhaltung in der

Landwirtschaft gestritten. Nur mit Not konnte die Regierung einen

Volksentscheid dagegen abwenden. Und das, obwohl das Land den

Fleischbedarf der Region nicht aus eigenem Aufkommen decken

kann und zugleich viele heimische Landwirte um ihre Existenz

fürchten. Von Tomas Morgenstern

Eberswalder Würstchen und Schorfheider

Salami sind in Ostdeutschland

ein Begriff. Erst im Januar hat

die Eberswalder Wurst GmbH ihre Spezialitäten

wieder mit Erfolg auf der Internationalen

Grünen Woche in Berlin präsentiert.

In der DDR galten die Produkte aus dem

damaligen Schlacht- und Verarbeitungskombinat

Eberswalde als „Bückware“.

„Wir sind neben Halberstädter die bekannteste

regionale Wurstmarke in den neuen

Bundesländern“, sagt Geschäftsführer Sebastian

Kühn. Man habe viel Mühe investiert,

um das Vertrauen der Kunden in die

Qualität der heimischen Produkte zu gewinnen

– vor allem nach der Firmenpleite

von 2000. Dass der Name „Eberswalder“

in Berlin-Brandenburg „in aller Munde“

ist, lässt sich das Unternehmen etwas

kosten, unterstützt als Sponsor Sympathieträger

wie die Hauptstadtclubs 1. FC

Union Berlin, Eisbären und Füchse, die

Fußballerinnen von Turbine Potsdam und

lokale Sportvereine.

Der Familienbetrieb mit Sitz in Britz (Barnim)

beschäftigt 250 feste Mitarbeiter und

250 Saisonkräfte. 2015 betrug der Jahresumsatz

115 Millionen Euro, fast dreimal so

viel wie 2002, im Jahr des Neubeginns.

„Wir produzieren pro Woche 250.000 Kilogramm

Wurst und 300.000 Kilogramm

verpacktes Fleisch und Tiefkühlware“, so

Kühn. „Schweinefleisch, unseren wichtigsten

Rohstoff, beziehen wir vor allem

aus Niedersachsen und Mecklenburg-

Vorpommern.“

Foto: Grüne Woche

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


BRANDENBURG | 23

Fotos: Volker Gehrmann/Wir haben es satt (oben), Grüne Woche (unten)

Tierschützer wenden sich gegen die

Marktdominanz von Billig-Fleisch aus industrieller

Mast. In der Hauptstadtregion

haben sich Verbände und lokale Initiativen

zum Aktionsbündnis Agrarwende Berlin-

Brandenburg zusammengefunden, um öffentlichkeitswirksam

für strengere Regeln

in der Tierhaltung zu streiten – für artgerechte

Haltung und Tierwohl. Zu ihren Forderungen

zählen der Verzicht auf staatliche

Förderung von „Massentierhaltung“, ein

Verbandsklagerecht gegen Standortentscheidungen

für Ställe und die Ernennung

eines Tierschutzbeauftragten.

In Brandenburg hat das Bündnis ein Volksbegehren

gegen Massentierhaltung zum

Erfolg geführt. Bis Januar 2016 hatten

es rund 104.000 Menschen unterschrieben,

so dass sich schließlich der Landtag

in Potsdam damit befassen musste. Am

Ende haben sich die Regierungsfraktionen

von SPD und LINKE mit Vertretern des

Volksbegehrens auf einen Kompromiss geeinigt

und so eine Volksabstimmung abgewendet.

Bei der Abstimmung Ende April

Spezialitäten der Eberswalder Wurst GmbH auf

der Internationalen Grünen Woche in Berlin.

wurde die entsprechende Beschlussvorlage

des Kabinetts angenommen. Sie legt

fest, die öffentliche Förderung von Großmastanlagen

einzuschränken, einen hauptamtlichen

Tierschutzbeauftragten zu ernennen

und bis 2017 einen Tierschutzplan

zu erarbeiten. Das Klagerecht für Tierschutzverbände

ist vom Tisch.

Große Symbolkraft erlangte in den vergangenen

Jahren der Widerstand der Initiative

„Kontra Industrieschwein“ gegen die

geplante Neuauflage der Schweinemast

in Haßleben (Uckermark). Wo bis 1989

Mega-Ställe mit 136.000 Schweinen Luft

und Böden verpesteten,

will ein niederländischer

Investor bald

wieder 37.000 Tiere

mästen.

Industrie und Handel

profitieren vom Überangebot

an billigem

Fleisch aus Deutschland

und der EU. Brandenburg

allein wäre

aber mit der Bedarfsdeckung

in der Region

ohnehin überfordert,

wie Angaben des

Landwirtschaftsministeriums

in Potsdam belegen:

„Die Versorgung

der circa sechs Millionen

Einwohner von Berlin und Brandenburg

könnte zurzeit nicht durch die heimische

Landwirtschaft gesichert werden, obwohl

der Platz dafür da wäre.“ Regionale

Erzeuger könnten den Bedarf an Schweinefleisch

nur zu 36,2 Prozent decken, bei Rindfleisch

seien es 59,2 Prozent, bei Geflügelfleisch

87,9 Prozent. Dabei sei der durchschnittliche

Pro-Kopf-Verbrauch bei Fleisch

sogar zurückgegangen. Allerdings würden

auch deutlich weniger Tiere gehalten. Zwischen

1991 und 2014 sei die Zahl der Rinder

von 781.000 auf 568.100 gesunken, die der

Schweine von 1,086 Millionen auf 851.100.

Mitte März äußerte Landwirtschaftsminister

Jörg Vogelsänger (SPD) im Agrarausschuss

des Brandenburger Landtages

die Erwartung, dass sich das Land bald

von Agrarimporten unabhängig machen

und die Versorgung der Hauptstadtregion

selbst gewährleisten könne. Doch während

die Regierungskoalition, unterstützt

durch den Landesbauernverband, für die

heimischen Agrarbetriebe bessere Bedingungen

schaffen will, kritisieren Tierschützer

und Umweltverbände gerade, dass sie

immer mehr große Stallanlagen zulasse.

Sie fordern ein Umsteuern in der Agrarpolitik,

sehen vor allem in kleineren Betrieben

mit artgerechter Tierhaltung eine Überlebenschance

für die Bauernhöfe.

Umweltaktivisten und Tierschützer der Initiative „Wir haben es satt!“

im Januar 2016 vor dem Berliner Reichstagsgebäude.

Doch auch der Landespolitik geht es um

den Erhalt von Arbeitsplätzen und um konkurrenzfähige

Betriebe. Wie das Agrarministerium

betont, erteilten die Landkreise

bei Bestandsgrößen von unter 1.500 Mastschweinen,

15.000 Hennen oder 30.000

Stück Mastgeflügel die Baugenehmigungen

auf der Basis der Bauordnung des

Landes. Größere Anlagen würden dagegen

auf der Grundlage des Bundesimmissionsschutzgesetzes

entschieden – wobei

die Zahl der Anträge dafür deutlich gesunken

sei. Eine Aussage, die der BUND

anzweifelt. In einer im Januar veröffentlichten

Analyse der Umweltschützer heißt

es, dass die Zahl der in Brandenburg für

2016 beantragten Stallplätze für Zucht- und

Mastschweine sowie Mastgeflügel stark

gestiegen sei.

Sebastian Kühn ist nicht nur Unternehmer,

sondern auch Cluster-Sprecher der

ZukunftsAgentur Brandenburg (ZAB) für

die Ernährungswirtschaft, welche 2012 einen

Jahresumsatz von 3,8 Milliarden Euro

erzielt hat. Er sagt, es lasse sich am Kaufverhalten

ablesen, dass die aktuelle Debatte

um Massentierhaltung und Tierwohl das

Gros der Verbraucher noch nicht erreicht

habe. Auf sie werde es aber ankommen –

darauf, ob sie bereit sind, für Fleisch und

Wurst künftig wirklich einen deutlich höheren

Preis zu bezahlen. „Es ist Fakt, dass

die meisten Kunden am Ende zu den großen

Supermarkt-Ketten gehen, und sie

schauen beim Einkauf auf jeden Cent.“


W+M

www.WundM.info WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


24 | W+M LÄNDERREPORT

Digitalisierung als Jobmotor?

Der deutsche Mittelstand gibt sich optimistisch. Eine aktuelle

Studie der Commerzbank AG belegt, dass sich mittelständische

Unternehmen von der Digitalisierung eher positive Impulse für den

Arbeitsmarkt erhoffen. Defizite bei der Qualifikation der Mitarbeiter

bremsen aber den innovativen Schwung. Von Matthias Salm

in den Unternehmen vor allem ein starkes

Interesse an Qualifizierungsmaßnahmen.

Zudem wünschen sich die Mitarbeiter

laut der Studie eine stärkere Einbeziehung

in die künftige strategische Ausrichtung

des Unternehmens.

Vom Jobkiller zum Jobmotor – auf

diese Kurzformel lässt sich die gegenwärtige

Erwartungshaltung

des Mittelstands hinsichtlich des digitalen

Wandels bringen. Galt die Digitalisierung

bisher vielen Unternehmern als Lizenz

zur Vernichtung von Arbeitsplätzen,

sehen nun 43 Prozent der in einer Umfrage

der Initiative Unternehmerperspektiven

der Commerzbank AG befragten Firmen

einen steigenden Personalbedarf durch die

Digitalisierung der Wirtschaft. 48 Prozent

der Befragten sagen zumindest eine gleich

bleibende Personalstärke voraus.

Vor einem Jahr hingegen hatten Deutschlands

Mittelständler noch zu 40 Prozent

negative Beschäftigungseffekte befürchtet.

Für die Studie „Tradition trifft Transformation:

Unternehmen Zukunft“ waren

insgesamt 4.000 mittelständische Unternehmen

in ganz Deutschland befragt

worden. Die Mittelstandsinitiative Unternehmerperspektiven

fragt seit mittlerweile

zehn Jahren regelmäßig Einschätzungen

mittelständischer Unternehmer

aller Größenordnungen und Branchen zu

aktuellen Themen ab.

Während die Digitalisierung neuen Bedarf

an qualifiziertem Personal weckt –

68 Prozent der Befragten suchen nach

Mitarbeitern mit mehrjähriger Erfahrung

–, bekundet die vorhandene Belegschaft

Die Studie zeigt zudem: Der Mittelstand

setzt bereits großflächig auf dezentrale

Projekte zur Entwicklung von Innovationen.

65 Prozent der befragten Unternehmen

ermöglichen es ihren Mitarbeitern,

eigene Projekte selbstständig zu verwirklichen.

53 Prozent der Unternehmen äußerten,

abteilungsübergreifende Innovations-

und Pilotprojekte initiiert zu haben.

In Firmen, die sich bereits in hohem

Maße der Digitalisierung verschrieben

haben, wird Mitarbeitern mehr Freiraum

gewährt. Dies betrifft sowohl die individuelle

Planung des Arbeitstages als auch

eine größere Flexibilität bei Lebensarbeitszeitmodellen

und betrieblichen Auszeiten.

Diese digitalen Transformatoren,

Foto: Nataliya Hora/fotolia.com

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


OSTDEUTSCHLAND | 25

wie sie die Studie der Commerzbank betitelt,

nutzen neue technologische Möglichkeiten,

um Innovationen voranzutreiben

und das eigene Geschäftsmodell zu

hinterfragen. Für sie bedeutet die Digitalisierung

zugleich auch einen fundamentalen

kulturellen Wandel im Unternehmen.

Doch ein Wermutstropfen bleibt: Gerade

die Vorreiter des digitalen Wandels fühlen

sich durch den anhaltenden Fachkräftemangel

ausgebremst. Mit der Folge,

dass beispielsweise neue Geschäftsideen

nicht wie geplant umgesetzt werden

können. Fazit der Commerzbank-Studie:

Der Mittelstand steht in einem harten

Wettbewerb um erfahrene Spezialisten

– vor allem mit den großen Konzernen.

Für kleinere Mittelständler bleibt daher

nur die Option Quereinsteiger – ein stärkerer

Rückgriff auf berufliche Wiedereinsteiger

und Umschüler beispielsweise.

Kritik herrscht vielerorts auch an mangelnder

Unterstützung durch die Wirtschaftsförderung

und fehlender Flexibilität

und Kooperationsbereitschaft der

öffentlichen Verwaltung. Auch der unzureichende

Ausbau der Breitband- und

Mobilfunknetze bleibt vielerorts ein Ärgernis

für mittelständische Firmen.

in der Kritik. Großer Nachholbedarf wird

zum Beispiel bei der digitalen Infrastruktur

gesehen.

Brandenburg: Es mangelt

an Fachkräften

Bei der Digitalisierung hinkt der brandenburgische

Mittelstand noch hinterher. Nur

zehn Prozent der in der Umfrage befragten

Unternehmen zählen zur Spitzengruppe

digitaler Transformatoren. Die Region

liegt damit unter dem bundesweiten

Durchschnitt. Der Fachkräftemangel wirkt

sich zudem spürbar aus. Jedes zweite Unternehmen

bewertet auch die digitale Infrastruktur

als nicht ausreichend.

Mecklenburg-Vorpommern: Nur

wenige Unternehmen gehen voran

Nur acht Prozent der Unternehmen zählen

zur Spitzengruppe digitaler Transformatoren.

Damit liegt das Land an der Ostseeküste

deutlich unter dem bundesweiten Durchschnitt.

Starke Kritik wird an den Rahmenbedingungen

geübt. Überdurchschnittlich

großer Nachholbedarf besteht in der ländlichen

Region bei der digitalen Infrastruktur.

DIGITALE TRANSFORMATOREN

Wie viele Unternehmen setzen stark auf die Digitalisierung?

Sachsen-Anhalt: Kein Zuwachs

bei Arbeitsplätzen

In Sachsen-Anhalt rechnen die Unternehmen

vergleichsweise selten mit einer

wachsenden Belegschaft durch die Digitalisierung.

Immerhin aber 33 Prozent der

Unternehmen machen sich mittelfristig

auf einen wachsenden Personalbestand

gefasst. Die Qualität der Bildungslandschaft

wird mit 31 Prozent überdurchschnittlich

häufig bemängelt. Die digitale

Infrastruktur ist für die Hälfte der Unternehmen

besonders unzureichend.

Thüringen: Zurückhaltung bei

der Digitalisierung

Lediglich neun Prozent der Unternehmen

aus Thüringen zeigen deutlich mehr Engagement

in der digitalen Transformation

als durchschnittliche Unternehmen. Der

thüringische Mittelstand setzt vor allem

auf Prozess-Optimierung und nutzt die

Potenziale neuer digitaler Technologien,

um die betrieblichen Abläufe besser zu

steuern und um die bestehenden Produkte

und Dienstleistungen zu verbessern.


W+M

Quelle Schaubild: Initiative Unternehmerperspektiven, Commerzbank AG

Berlin: Trendsetter der Digitalisierung

in Deutschland

Die Berliner Wirtschaft setzt in besonderem

Maße auf Digitalisierung. Der Anteil

von digitalen Transformatoren liegt in

Berlin mit 21 Prozent über dem Bundesdurchschnitt.

Die Verwaltungs- und Bildungsstrukturen

in der Hauptstadt werden

allerdings vergleichsweise schlecht

bewertet: 45 Prozent der Berliner Unternehmen

bemängeln beispielsweise die

fehlende Unterstützungsbereitschaft des

Verwaltungsapparats.

Sachsen: Nachholbedarf bei

der Infrastruktur

Der sächsische Mittelstand begegnet

dem digitalen Wandel eher zurückhaltend.

Die Entwicklung neuer Produkte

und Dienstleistungen steht nicht im

Mittelpunkt der Digitalisierungsstrategien.

Die regionalen Rahmenbedingungen

stehen überdurchschnittlich häufig

Berlin

Baden-Württemberg

Bayern

Nordrhein-Westfalen

Sachsen

Hessen

Rheinland-Pfalz und Saarland

Sachsen-Anhalt

Hamburg

Niedersachsen und Bremen

Schleswig-Holstein

Brandenburg

Thüringen

Mecklenburg-Vorpommern

8 %

9 %

10 %

12%

14%

14%

16%

21%

21%

20%

19%

19%

18%

18%

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26 | W+M LÄNDEREPORT

Stahlgießerei in der sächsischen Eisenwerk Erla GmbH, wo Spezialprodukte

für die internationale Automobilindustrie gefertigt werden.

Wo der Stahl

gehärtet wird

Die ostdeutsche Stahlindustrie ist technologisch und qualitativ

gut aufgestellt. Sie bringt wieder zehntausende in Lohn und Brot,

leidet aber unter den chinesischen Dumpingpreisen am Weltmarkt.

Unberührt davon sind indes Spezialverarbeiter von Edelstahl

und Sonderlegierungen, wie die SPS Schiekel Präzisionssysteme

GmbH im sächsischen Dohna bei Dresden, die 2016 dank guter

Auftragslage ihre Belegschaft um fast ein Zehntel aufstocken will.

Von Harald Lachmann

Dieses Jahr wollen Peter und Gert

Schiekel sie endlich knacken – die

Zehn-Millionen-Umsatzmarke. Darauf

waren auch die erhöhten Absatzaktivitäten

ihrer SPS Schiekel Präzisionssysteme

GmbH im zweiten Halbjahr 2015

ausgerichtet. So stellte man am Bodensee

einen neuen Vertriebsprofi ein, der

vor allem den Schweizer Markt bearbeiten

solle, so Dr.-Ing. Peter Schiekel, der

den kaufmännischen Part im 1992 gegründeten

Familienunternehmen vertritt.

Denn von den gut 100 Stammkunden für

ihre hochpräzisen Dreh- und Fräskomponenten

aus rostfreiem Edelstahl, Titan

oder Nickel-Sonderlegierungen entfallen

auf das Hochpreisland nur zwölf Prozent.

Auch die Messeauftritte von SPS in

Frankfurt und Basel brachten Resonanz.

„Die Auftragsbücher sind mit 1,6 Millionen

Euro gut gefüllt“, freut sich Schiekel.

Da die alte Lagerhalle aus allen Nähten

platzt, entstehe gerade eine neue.

Während die hiesige Stahlindustrie wegen

des starken Drucks aus China schwächelt

und gerade die Edelstahlerzeugung

in Deutschland seit Jahren rückläufig ist,

herrscht bei den Weiterverarbeitern Optimismus.

So plant man bei SPS, die Belegschaft

von derzeit 111 Mitarbeitern

um weitere zehn Fräser und Dreher aufzustocken.

Zudem bildet das Unternehmen

im Moment vier Lehrlinge aus. Und

da der Fachkräftemarkt in Ostsachsen

inzwischen leergefegt scheint, stellten

Schiekels bereits 14 spanische Facharbeiter

ein. Daneben arbeiten in Dohna Metallspezialisten

aus Polen, Russland, der

Slowakei und Ungarn.

Denn ein wichtiges Prinzip der Brüder

lautet: „Sich nie auf eine einzelne Branche

verlassen, so gut es dort im Moment

auch laufen mag.“ So spannt sich der

Kundenkreis für ihre Edelstahlkomponenten

von der Biotechnologie bis zur Sensortechnik,

von der Chemie- und Pharmaindustrie

bis zur Medizintechnik, vom Lebensmittel-

und Getränkemaschinenbau

bis zu Industriebauten, Gasdruckanlagen,

Luft- und Raumfahrt. „Eine Branche läuft

immer“, schmunzelt Peter Schiekel. Der

eine Industriebereich leide gerade un-

Foto: Harald Lachmann

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


OSTDEUTSCHLAND | 27

Fotos: Harald Lachmann

ter dem schwachen Ölpreis, ein anderer

sei völlig unberührt davon. Und wo sich

SPS erst als Lieferant etabliert habe, lasse

der Kunde diese Verbindungen auch

nicht wieder abreißen, freut sich der Unternehmer.

Dafür sorge schon ihr ausgefeiltes

Qualitätssicherungssystem.

Doch an den Walzstraßen und Fertigungslinien

sieht es weniger rosig aus.

Angespannt ist die Situation wegen chinesischer

Dumpingprodukte auch in Freital,

wo gut 600 Mitarbeiter Edelstahl produzieren.

Dabei gab es hier in den letzten

Jahren eine gute Aufwärtsentwicklung,

nachdem die BGH-Holding – das

Kürzel steht für Boschgotthardshütte –

sogar den Hauptsitz ihrer Tochter BGH

Edelstahl aus Nordrhein-Westfalen nach

Sachsen verlegt hatte. So arbeitet hier

heute der größte Konzernstandort. Herzstück

der Umformung bilden eine durch

massive Investitionen erneuerte, kombinierte

Stabstahl-Draht-Straße sowie

eine ebenfalls modernisierte Block-Grob-

Straße. Der Elektrolichtbogenofen, der

im Stahlwerk die neue Horizontalstranggussanlage

versorgt, gilt sogar weltweit

als einer der modernsten.

Auch bei den Elbe-Stahlwerken Feralpi

GmbH in Riesa nahmen zuletzt die Sorgen

wegen der Lage am Weltstahlmarkt

zu. Rund 580 Beschäftige walzen hier vor

allem Betonstahl, also stählerne Geflechte

für Betondecken im Hausbau. So waren

auch einige Riesaer dabei, als der europäische

Stahlverband Eurofer unlängst

eine Großdemonstration in Brüssel veranstaltete.

Ziel war es, den Entscheidern

der EU klarzumachen, dass ohne

Schutzzölle gegen China-Ware allein in

Deutschland zehntausend Arbeitsplätze

gefährdet sind. Denn da die chinesischen

Stahlhersteller mehr produzieren, als das

Land braucht, exportieren diese den Rohstoff

noch unter den Herstellungskosten.

So räumt der Riesaer Feralpi-Werksleiter

Frank Jürgen Schaefer ein: Die momentane

Stahlkrise gehe „nicht spurlos“

an ihnen vorbei. Da jedoch Betonstähle

für deutsche Baustellen auch deutschen

Baunormen entsprechen müssen, treffe

sie diese Misere zum Glück „noch nicht

in der vollen Härte“.

Doch nach und nach

wird auch chinesischer

Stahl deutschen

Standards

entsprechen, weiß

man an den ostdeutschen

Stahlstandorten.

Deshalb verabschiedeten

unlängst Vertreter

der Wirtschaftsministerien

Brandenburgs, Sachsens

und Thüringens sowie der IG Metall eine

gemeinsame Erklärung, in der sie die Politik

eindringlich zum Handeln gegen diese

Schieflagen mahnen. Immerhin werden

allein in diesen drei Ländern 6,2 Millionen

Tonnen Rohstahl erzeugt – rund 14

Prozent der gesamtdeutschen Produktion.

Zudem sei die ostdeutsche Stahlindustrie

heute „technologisch und qualitativ hervorragend

aufgestellt“, heißt es in dem Papier.

Sie beschäftige 8.200 Menschen direkt

und verantworte damit bundesweit

rund 53.300 Arbeitsplätze.

Dabei gab es in letzter Zeit bereits herbe

Einschnitte. So etwa im sächsischen Gröditz,

wo erst Mitte 2015 die Stahlguss Gröditz

GmbH dicht gemacht wurde. Im Gegenzug

investierte aber deren Eigentümer,

die Georgsmarienhütte Holding GmbH

in Hamburg, in das nebenan gelegene

Schwesterunternehmen: die Schmiedewerke

Gröditz GmbH. Hier entstehen

Freiformschmiede stücke und Ringwalzerzeugnisse,

wobei

den Stahl hierfür ein

angegliedertes Elektrostahlwerk

liefert. Somit

ist man weniger vom

Weltmarkt abhängig.

Auch die Stahlbranche in Sachsen-Anhalt

beschäftigt in insgesamt 37 Betrieben

knapp 7.200 Mitarbeiter, die in der

Summe einen Umsatz von 3,18 Milliarden

Euro generieren. So arbeiten im Land drei

Stahlgießereien, während acht Betriebe

auf die Herstellung von Stahlrohren spezialisiert

sind. Zu den Schwergewichten

gehören hierbei die Ilsenburger Grobblech

GmbH mit 750 Beschäftigten, die KSM

Castings Group GmbH in Wernigerode,

die 350 Mitarbeiter zählt, sowie Walzengießerei

& Hartgusswerk Quedlinburg mit

130 Menschen in Lohn und Brot.

Im Stahlwerk Thüringen, das mit seinem

Sitz in Unterwellenborn auf die einstige

Maxhütte fußt, finden knapp 700 Beschäftigte

Arbeit. Das Traditionsunternehmen,

das zu einem brasilianischen Stahlkonzern

gehört, fertigt eine sehr breite Palette von

über 200 verschiedenen Formstahl-Profilen

nach nationalen und internationalen

Normen.

W+M

Fräsanlage bei der SPS Schiekel Präzisionssysteme GmbH im sächsischen Dohna, hier

Metallfachmann Wolfgang Reitz.

Familienunternehmer

Peter Schiekel.

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28 | W+M LÄNDERREPORT

Albrecht Gehse bei der Arbeit am Zyklus „Aufruhr“ in seinem Atelier.

Mit der Pranke des Löwen

Der in Borsdorf bei Leipzig geborene und in Berlin arbeitende Maler

Albrecht Gehse ist längst mehr als ein Geheimtipp bei Kunstkennern

und Sammlern. Deutschlandweit bekannt wurde er im Jahr 2003

mit dem Porträt von Altkanzler Helmut Kohl für die Ahnengalerie im

Bundeskanzleramt. Der 60 Jahre alte Künstler ist ein konsequenter

Selfmademan – er arbeitet ohne Galerist und vermarktet sich

selbst. Aktuell zeigt Gehse im Gasometer in Berlin-Schöneberg

eine Ausstellung, die bei der Fachwelt für Furore sorgt und täglich

hunderte Besucher anzieht: ein monumentaler Zyklus unter dem

Motto „Aufruhr – 50 Bilder über die Welt“. Von Karsten Hintzmann

Für Journalisten ist es nicht einfach,

mit Albrecht Gehse ein klassisches

Interview zu führen. Nach dem Muster:

eine Frage, eine Antwort. Der energiegeladene

Sachse kommt nach einem

oder zwei Sätzen direkt und ohne Luft zu

holen auf andere Themen zu sprechen. Die

im Raum stehende Frage bleibt zunächst

unbeantwortet. So ist der Künstler Gehse

– er lässt sich nicht gern in ein Korsett

stecken. Das gibt er auch unumwunden

zu: „Ich bin den Menschen zwar sehr zugewandt,

aber bei den Dingen, die meine

Arbeit betreffen, bin ich recht eigenwillig

und eher ein Einzelgänger.“

Das ist wohl auch der Grund dafür, warum

Gehse ohne Galerist arbeitet. Über

sein künstlerisches Schaffen hinaus ist

er somit komplett dafür verantwortlich,

sein Werk selbst zu „versilbern“. Er ist

Künstler und Unternehmer in Personalunion.

Eine erfolgreiche Symbiose, die

seit nunmehr 35 Jahren funktioniert.

Nach seinem Studium an der Hochschule

für Buchkunst und Grafik, wo er im

Fach Malerei Schüler bei Bernhard Heisig

(Leipziger Schule) war, startete Gehse

1981 seine Karriere als freiberuflicher

Maler. In der DDR war das ein eher ungewöhnlicher

Berufsweg. Gehse: „Aber

ich konnte mich nicht beklagen, auch

wenn es damals im Osten keinen direkten

Kunstmarkt gab, hatte ich von Beginn

an Aufträge und Erfolg. Ich war so etwas

wie ein Senkrechtstarter.“

Der Erfolg basiert bei Gehse auf einer besonders

ergiebigen Mischung aus Talent

und künstlerischer Rastlosigkeit. Das Talent

wurde ihm gleich mehrfach in die

Wiege gelegt, schließlich stammt er aus

einer Künstlerfamilie mit langer Tradition.

Zu seinen Vorfahren zählen beispielsweise

Jacob Grimm (Gebrüder Grimm), Urgroßvater

Paul Haustein (Jugendstilkünstler)

und Großvater Ludwig G’schrey (Maler).

Die Tatsache, dass zur Verwandtschaftslinie

auch die Widerstandskämpfer Dietrich

Bonhoeffer und Rüdiger Schleicher (beide

wurden 1945 von den Nazis hingerichtet)

zählen, ist möglicherweise ein Grund dafür,

dass sich Gehse in seinem aktuellen

Monumentalzyklus so intensiv mit der Entwicklung

der Welt und der Menschheitsgeschichte

auseinandergesetzt hat.

Eine Frage muss Gehse immer wieder

beantworten: Wie kam es eigentlich,

dass er das Porträt von Helmut Kohl ma-

Foto: Albrecht Gehse

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


BERLIN | 29

Für Gehse selbst sind der Zyklus und die

überaus erfolgreiche Berliner Ausstellung

„der Höhepunkt und Abschluss seines

bisherigen Schaffens“. Voller Energie bereitet

er schon den nächsten Bilderzyklus

vor. In welche Richtung es dabei gehen

wird, lässt er offen: „In das Projekt

werde ich sowohl meine altmeisterlichen

als auch meine expressiven Fähigkeiten

einbringen. Es wird eine große Überraschung

werden – auch für mich.“

Das Gasometer in Berlin-Schöneberg bietet den faszinierenden Rahmen für die Ausstellung des

Malers Albrecht Gehse.

len durfte? „Es gab damals viele Bewerber.

Jeder Kanzler sucht sich seinen Maler

persönlich aus. Helmut Kohl kannte

meine Bilder aus DDR-Zeiten und meine

Werke aus den 90er Jahren. Er hatte die

Hoffnung, dass ich ihn als Menschen begreife

und auf die Leinwand bringe – unabhängig

von politischen Positionen und

Anschauungen“, erinnert sich Gehse. Details

aus den Treffen mit dem Altkanzler

verrät Gehse nicht, stillose Indiskretionen

sind seine Sache nicht. Nur so viel: „Unsere

Begegnungen waren offenbar auch

für ihn schöne Stunden. Er hat in jener

Zeit selten so viel gelacht, wie in meinem

Atelier. Das hat Kohl ausdrücklich

in seiner Rede bei der offiziellen Vorstellung

des Porträts in der Neuen Nationalgalerie

hervorgehoben.“

Es fällt schwer, die Bilder zu beschreiben.

Man trifft auf Messerstecher, Monster,

Henker, Hitler, Putin, Merkel, Kennedy,

Honecker und die Apokalypse. Geschichte

wird nicht geradlinig erzählt, die Geschichte

mehrerer Epochen verschmilzt in

den Werken förmlich. Am besten bringt es

wohl der renommierte Historiker Christoph

Stölzl, „mein kunstgeschichtlicher Begleiter“

(Zitat Gehse), auf den Punkt. Im Katalog

zur Ausstellung schreibt er, Gehse sei

„ein großer Einzelgänger mit einem Werk,

das fernab irgendeiner Schule, irgendeiner

definierbaren Kunstszene entsteht (…).

Hier malt einer mit der Pranke des Löwen“.

Klar ist indes, wohin die Reise des Kunst-

Unternehmers Gehse geht. Er will seinen

deutschen Sammlerstamm pflegen

und ausbauen und dazu mit seinen Werken

den Schritt ins Ausland wagen. Das

sollte klappen, denn die Marke Albrecht

Gehse hat durch den Bilderzyklus „Aufruhr“

weiter an Wert gewonnen. W+M

AUSSTELLUNG „AUFRUHR“

Gasometer Berlin-Schöneberg

Torgauer Straße 12 – 15

Di – So 13:00 – 19:00 Uhr

Ausstellung läuft bis zum 10. Juli 2016.

KATALOG ZUR AUSSTELLUNG

Hirmer Verlag, München,

ISBN 978-3-7774-2642-6,

39,90 Euro

Fotos: W+M (oben), Albrecht Gehse (unten)

Drei Jahre nach dem Altkanzler-Porträt

begann Gehse mit der Arbeit an dem

Bilderzyklus „Aufruhr“. Das wäre nicht

möglich gewesen, hätte sich Gehse zuvor

nicht auch unternehmerisch erfolgreich

um die Geschäfte gekümmert. Gehse:

„Ich hatte damals bereits eine Marke geschaffen

– die Marke Albrecht Gehse. Der

bis dahin aufgebaute Stamm von Sammlern

und starken Unterstützern ermöglichte

es mir erst, mich neun Jahre lang mit

dem Zyklus zu beschäftigen.“ Entstanden

ist ein Gesamtwerk, zu dem 52 großformatige

Bilder (bis zu drei mal vier Meter)

zählen. Ein teils atemberaubendes,

teils verstörendes „Welttheater“, das im

Schöneberger Gasometer in Berlin, einem

78 Meter hohen Industriedenkmal, einen

perfekten Aufführungsort gefunden hat.

„Urteil in der Fischerhütte“ – der Maler, bewaffnet mit Stichmesser und Rührkelle, hat einen

Höllensud angerichtet. Assistiert wird ihm vom Höchsten Richter mit der Strafprozessordnung.

www.WundM.info WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


30 | W+M LÄNDERREPORT

Pellets-Pleite und

geprellte Anleger

Die Pellets-Produktion auf dem Markt

der Erneuerbaren Energien schien zum

Selbstläufer zu werden. Doch schon damals

geriet das Unternehmen unter Zugzwang.

Um die im Wismarer Werk installierte

Produktionskapazität von circa

256.000 Tonnen auszulasten, mussten

rasch ausländische Märkte erschlossen

werden. Denn in ganz Deutschland wurden

im Jahr 2008 lediglich 900.000 Tonnen

Holzpellets verbraucht. Zuletzt erreichte

die Jahresmenge 2014 und 2015

jeweils rund 1,8 Millionen Tonnen. Der

geschäftsführende Gesellschafter Leibold

schlug einen rasanten und kapitalintensiven

Expansionskurs ein. Es wurden

Konkurrenten in Deutschland und Österreich

übernommen und neue Firmen in

Italien und den USA gegründet. Auf diese

Weise wurde für viel Geld auch Umsatz

hinzugekauft. Laut German Pellets

gelangen 2011 und 2012 Umsatzsprünge

von plus 121 beziehungsweise 233

Millionen Euro. 2014 belief sich der Umsatz

der Gruppe auf 593 Millionen Euro.

Binnen eines Jahrzehnts ist die in Wismar ansässige German Pellets

GmbH zum weltgrößten Hersteller von Holzpellets aufgestiegen.

Doch die Erfolgsgeschichte hat in diesem Jahr ein jähes Ende

gefunden. Hemmungsloses Expansionsstreben führte das

Unternehmen in die Insolvenz.

Von Thomas Schwandt

Das Geschäft mit

umweltschonenden

Holzpellets lief lange Zeit gut,

doch German Pellets häufte dabei

einen riesigen Schuldenberg an.

Die zum Wismarer Holzcluster zählende

German Pellets GmbH galt

viele Jahre als Vorzeigebetrieb.

Aus dem Stand entwickelte sich der

2005 auf dem hafennahen Gewerbegebiet

Haffeld gegründete Hersteller von

Holzpellets in der Folgezeit zum weltweiten

Branchenführer. Zuletzt umfasste

die Firmengruppe von German Pellets 27

Tochterunternehmen, an denen die Muttergesellschaft

überwiegend zu 100 Prozent

beteiligt war. Das Geschäftsmodell

von German Pellets wurde von der nachhaltigen

Idee getragen, den fossilen Energieträgern

Erdgas und Erdöl, die den Heizungsmarkt

in Deutschland zu 75 Prozent

dominieren, eine umweltschonende Alternative

entgegenzusetzen. Holz wächst

nach und erzeugt weniger CO 2

-Ausstoß.

Mit dem exorbitanten Anstieg des Erdölpreises

auf über 100 Dollar pro Barrel

(159 Liter) schien diese Rechnung von Firmengründer

Peter Leibold aufzugehen.

Der Unternehmer arbeitete zu Beginn seiner

Karriere zunächst im Zeitungsverlagswesen

und erlernte später in einem österreichischen

Sägewerk-Imperium das

Manager-ABC.

Beeindruckende Geschäftszahlen, denen

jedoch ein großer Makel anhaftete, wie

sich zu Beginn dieses Jahres herausstellen

sollte. Der Aufbau des Firmenimperiums

und die Bilanz waren weitgehend auf

Pump finanziert und German Pellets in einen

gigantischen Schuldensumpf manövriert

worden. Im Halbjahresbericht von

2015 beliefen sich die Verbindlichkeiten

bei Banken auf 65 Millionen Euro, bei Lieferungen

und Leistungen auf rund 110

Millionen Euro. Im Dezember 2015 musste

die Produktion eingestellt werden, weil

sich geprellte Lieferanten weigerten, German

Pellets mit Holz zu versorgen. Da

brannte die Hütte bereits lichterloh. Wenig

später brach Leibolds Firmenkonglomerat

zusammen wie ein ausgebrannter

Dachstuhl. Am 10. Februar 2016 musste

die German Pellets GmbH Insolvenz beantragen.

Kurz darauf annoncierten vier

Tochterfirmen ihre Zahlungsunfähigkeit.

Diese Zahl stieg bis dato auf ein Drittel

aller German-Pellets-Firmen.

Mit Beginn der unternehmensinternen

„Aufräumarbeiten“ durch Insolvenzverwalterin

Bettina Schmudde entwickelte

sich auf der finanziellen Ebene die German-Pellets-Pleite

zu einem TV-reifen

Wirtschaftskrimi. Beispielweise wurde

zum 1. April 2016 eine erste Unternehmensanleihe

fällig. Vor fünf Jahren war

die mit 7,25 Prozent verzinste Anleihe

mit einem Emissionserlös von 80 Millionen

Euro am Kapitalmarkt platziert worden.

Die Anleger werden ihr Kapital vermutlich

nicht wiedersehen. Ebenso die

anderen Käufer weiterer Anleihen und

von Genussrechten. Alle Verbindlichkeiten

aus derartigen Finanzgeschäften der

Gruppe addieren sich auf 760 Millionen

Euro. Davon entfielen im Fall des Totalverlustes

270 Millionen Euro auf die drei

German-Pellets-Anleihen aus den Jahren

zwischen 2011 und 2014 und auf zusätzlich

ausgegebene Genussrechte. Zudem

müssen Anleger in den USA befürchten,

Foto: German Pellets

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


MECKLENBURG-VORPOMMERN | 31

Das German-Pellets-Stammwerk in Wismar

firmiert künftig unter dem Namen Wismar

Pellets.

dass sich 546 Millionen US-Dollar (etwa

490 Millionen Euro) in Luft auflösen, die

sie in Anleihen für zwei Werke in Texas

und Louisiana gesteckt haben.

August 2015 genügt, um die Gefahr eines

Totalverlustes erkennen zu können.

Auf 15 Seiten werden alle denkbaren Risiken

aufgezeigt. Es heißt unter anderem:

„Aufgrund der vielfältigen Geschäftsbeziehungen

zwischen Gesellschaften

der German-Pellets-Gruppe und Gesellschaften

außerhalb der German-Pellets-

Gruppe, die von Herrn Leibold bzw. seiner

Ehefrau gemanagt werden, könnte

es zu Interessenkonflikten kommen. So

könnten von German Pellets gewährte

Darlehen gegebenenfalls nicht zurückgezahlt

werden.“

Peter Leibold hielt einen Anteil am German-Pellets-Stammkapital

von 60 Prozent,

Ehefrau Anna Kathrin Leibold die

restlichen Geschäftsanteile von 40 Prozent.

Sie ist zudem Chefin von sechs in

den USA ansässigen Firmen, die nicht zur

German-Pellets-Gruppe gehören. Bereits

Mitte 2015 hatte es deutliche Warnungen

in der Finanz-Fachpresse gegeben.

So wies „AnlegerPlus“ im Juli auf „intrasparente

Vorgänge“ und „eine hohe

Verschuldung“ bei German Pellets hin.

Am 1. Mai dieses Jahres ist das Insolvenzverfahren

für die German Pellets

GmbH eröffnet worden. Zuvor war es Insolvenzverwalterin

Schmudde gelungen,

die drei deutschen Produktionswerke zu

verkaufen. Das Werk in Wismar ging an

die US-Investmentgesellschaft Metropolitan

Equity Partners (MEP). Die Amerikaner

waren im Stammwerk bereits finanziell

engagiert. Künftig firmiert das Unternehmen

an der Ostsee unter Wismar

Pellets. Für die zwei Betriebsstätten in

Ettenheim und Herbrechtingen (Baden-

Württemberg) erhielt die J. Rettenmaier

& Söhne GmbH & Co. KG, ein Faserstoffhersteller

aus dem baden-württembergischen

Rosenberg, den Zuschlag. Die drei

Pellets-Fabriken sollen weiter produzieren

und die insgesamt 180 gewerblichen

Jobs erhalten werden. Über einen zügigen

Verkauf des insolventen Pellets-Werkes

im sächsischen Torgau werde laut

Schmudde intensiv verhandelt. W+M

Fotos: Thomas Schwandt (oben), German Pellets (unten)

In Zeiten niedrigster Zinsen bei konventionellen

Spareinlagen verwundert es nicht,

dass Anleger in Scharen – die Rede ist

von mehr als 12.000 – die German-Pellets-Papiere

kauften. Was konkret mit

den Anleihe-Millionen geschehen ist,

lässt sich in dem undurchsichtigen Firmengeflecht

schwer nachvollziehen. Bekannt

ist, dass German Pellets auch als

Darlehensgeber für externe Firmen aufgetreten

ist. Zum Beispiel reichte German

Pellets an die angeschlagene Kago

Wärmesysteme GmbH aus Bayern, deren

Eigner Peter Leibold ist, einen Kredit

in Höhe von 23,6 Millionen Euro aus.

Kago meldete Anfang des Jahres 2016

ebenfalls Insolvenz an.

In diesem Geschäftsgebaren einen Interessenkonflikt

zu sehen, bedarf keines

großen ökonomischen Wissens. Den geleimten

Anlegern hätte ein genauer Blick

in das jüngste Verkaufsprospekt für Genussrechte

von German Pellets vom 31.

www.WundM.info WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


32 | W+M INTERNATIONAL

Siebenbürgen –

ein lange unterschätzter

Partner

Brasov in Siebenbürgen

aus der Vogelperspektive.

Mit vielversprechenden Ergebnissen kehrte eine ostdeutsche

Unternehmerdelegation aus dem rumänischen Siebenbürgen zurück.

Wirtschafts- und Ausbildungsvertreter aus Brandenburg, Thüringen,

Sachsen-Anhalt und Sachsen zeigten sich überrascht davon, wie

vielfältig die unternehmerischen Möglichkeiten sind, die sich

ostdeutschen Mittelständlern in dem Balkanland inzwischen bieten.

Von Matthias Krauß

Transsilvanien – das bedeutet wörtlich

übersetzt „hinter dem Wald“. Dass

es aber keine Hinterwäldler sind, denen

sie einen Besuch abstatteten, erfuhren

die Teilnehmer der Delegation binnen

dreier hoch interessanter und intensiv genutzter

Tage in Zentralrumänien. Auf dem

Programm standen Unternehmerbegegnungen

beziehungsweise Kooperationsbörsen

in Cluj-Napoca/Klausenburg, Targu

Mures/Neumarkt und Brasov/Kronstadt.

Die deutsche Delegation wurde von Germany

Trade & Invest (GTAI), der Wirtschaftsförderungsgesellschaft

der Bundesrepublik

Deutschland, betreut. Die

GTAI unterstützt als Gesellschaft für Außenwirtschaft

und Standortmarketing seit

Jahren Unternehmen aus den neuen Bundesländern

(inklusive Berlin) bei der Erschließung

ausländischer Märkte.

In Rumänien selbst war

die Unternehmerreise

von der MANCOM

CENTRU SRL vorbereitet

worden,

in Zusammenarbeit

mit rumänischen

Partnern

aus Kommunalpolitik

und Wirtschaft.

MANCOM-

Geschäftsführerin Birgit

Schliewenz sprach im

Anschluss von einem „Novum“. Alle Teilnehmer

hätten in unterschiedlichen Graden

bekundet, aussichtsreiche Ansatzpunkte

für ein Engagement in oder mit

Rumänien gefunden zu haben. Grundlage

für die optimistische Einschätzung sei

aber vor allem, dass sich auch Rumänien

in den vergangenen zehn Jahren „gut entwickelt

hat“. Im Jahr 2014 wuchsen die rumänischen

Exporte nach Deutschland um

10,9 Prozent auf 10,2 Milliarden Euro, die

deutschen Exporte nach Rumänien um elf

Prozent auf 10,7 Milliarden Euro.

GTAI-Direktor Peter Alltschekow.

„Gute Gespräche“ hat es unter anderem

für Silke Goerlich von CEBra – Centrum für

Energietechnologie Brandenburg GmbH

während der Rumänienreise gegeben.

Das Unternehmen nutzt die Grundlagenforschung

der Brandenburgischen Technischen

Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg

auf dem Gebiet Erneuerbarer Energien.

Es bestehe durchaus die Möglichkeit,

mit Hilfe von EU-Geldern in

Rumänien beispielsweise die

Energieumwandlung aus

Biomasse voranzubringen

und dort auch den Sinn

der Menschen für diese

neuen Technologien zu

schärfen, sagte die Managerin

nach immerhin einem

Dutzend Kontaktgesprächen. Dr. Maik

Veste vom selben Unternehmen geht davon

aus, dass es schon „recht zeitnah“ zu

konkreten Projekten kommen könne, welche

in die Landwirtschaft integriert werden.

Man müsse jetzt am Ball bleiben. Mit

Blick auf das erlebte beachtliche Niveau

merkte er an: „Beide Seiten können lernen.“

Trotz eines gewissen „Blindflugs“

bei der Gesprächspartnerwahl hatte es aus

Sicht von Veste funktioniert: „Die richtigen

Ansprechpartner waren am Tisch. Es sieht

aus, als können wir zeitnah und zielgerichtet

wichtige Projekte anschieben.“

GTAI-Direktor Peter Alltschekow reagierte

auf die verhaltene, aber erkennbare Sorge

der Rumänen, Deutschland könne lediglich

darauf bedacht sein, Wirtschaftskapazitäten

und Fachkräfte abzuziehen. Vor allem

gehe es um Kontakte, aus denen sich für

beide Seiten eine Entwicklungsmöglichkeit

ergeben, schließlich wolle man mit solchen

Kontaktanbahnungen auch nicht erreichen,

dass ostdeutsche Firmen ihr eigenes Land

verlassen und gleichsam auswandern.

Von besonderem Interesse für die Reiseteilnehmer

waren die Hinweise der deutschen

Wirtschaftsvertreter „vor Ort“. In allen

drei besuchten Städten gab es die Gelegenheit,

mit deutschsprachigen Firmenchefs

zu reden, mit Menschen also, die

zum Teil schon vor vielen Jahren in Rumänien

Fuß gefasst haben. W+M

Fotos: GTAI (unten)

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


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wie hier insgesamt verbraucht wurde.

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34 | W+M TITEL KLUGE KÖPFE

KÖP F E

K L UG E

K L UGE

KÖP F E

Forschungslandschaft

mit Leuchttürmen und Aufholbedarf

Mit 30 Universitäten, 55 Fachhochschulen und fast 200

außeruniversitären Forschungseinrichtungen verfügt Ostdeutschland

über ein dicht gewebtes Netz an exzellenten wissenschaftlichen

Einrichtungen. Der mittelständisch strukturierten Wirtschaft fehlt

es jedoch an ausreichenden Forschungsbudgets.

Von Harald Lachmann und Matthias Salm

Deutschlands größte Technische Universität

sitzt in Dresden, hier das Bioinnovationszentrum

am Campus Johannstadt.

Großer Bahnhof mit Kanzlerin Angela

Merkel zu Jahresbeginn in Halle:

Die Fraunhofer-Gesellschaft investiert

in der Saalestadt 13 Millionen Euro in

ein Leistungszentrum Chemie und Biosystemtechnik.

Die Fraunhofer-Gesellschaft,

die in den neuen Bundesländern – ohne

Berlin – 14 Institute mit 5.000 Mitarbeitern

unterhält, lässt sich nicht ohne Grund

an der Saale nieder. Reimund Neugebauer,

Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft,

lobte den Standort schon während der Planungen:

„Seit über hundert Jahren ist die

chemische Industrie in Mitteldeutschland

fest verwurzelt. Es existiert eine außerordentliche

Bandbreite an Exzellenz und Zusammenarbeit.“

Nur ein Beispiel für den Erfindergeist der

Region: Ein kombiniertes Mikro- und Nanoprägeverfahren,

an dessen Entwicklung

maßgeblich regionale Firmen wie die Polifilm

Extrusion GmbH in Weißandt-Gölzau

und die FilmoTec GmbH in Bitterfeld-Wolfen

beteiligt waren. Mit dieser Technologie

lässt sich die Oberfläche von Kunststoffen

bis in den Mikro- und Nanometerbereich

hinein exakt strukturieren. Damit erhöht

sich etwa die Haftbarkeit von Klebern

und Druckfarben auf Polyethylen-Folien.

Grundlagen liefert das hallesche Fraunhofer-Institut

für Mikrostruktur von Werkstoffen

und Systemen IMWS in Halle/Saale.

Gerade kleinere ostdeutsche Firmen benötigen

solche externen Forschungspartner.

Denn während in den Altbundesländern

die Wirtschaft rund 2,2 Prozent ihres

Bruttoinlandsproduktes in Forschung und

Entwicklung (FuE) steckt, sind es im Osten

nur 0,8 Prozent. Entsprechend ist hier

die öffentliche FuE-Infrastruktur stärker als

im Westen ausgebildet, um jene Lücken zu

füllen, die die Abwesenheit forschungsintensiver

Großindustrie in Ostdeutschland

reißt. Zumal sich der nachlassende Innovationswille

des kleineren Mittelstands laut

Bundesforschungsministerium ohnehin zu

einem gesamtdeutschen Problem ausgeweitet

hat.

Auch der aktuelle Bundesbericht Forschung

und Innovation 2016 des Bundesministeriums

für Bildung und Forschung belegt das

Dilemma der ostdeutschen Forschungsbemühungen.

Demzufolge entfallen zwei

Drittel der Ausgaben und der Stellen in der

Forschung auf die private Wirtschaft, insbesondere

in der Automobilbranche, dem

Maschinenbau und der Chemieindustrie.

Hier fehlt es dem Osten an entsprechenden

Forschungsabteilungen – der Staat muss

einspringen. Wie etwa in Sachsen, wo die

staatlichen FuE-Ausgaben mehr als 1,6 Prozent

des BIP betragen, investiert die öffentliche

Hand im Osten überdurchschnittlich.

Der Aufholbedarf bleibt: Noch markiert

etwa Sachsen-Anhalt das Schlusslicht bei

der FuE-Intensität der Wirtschaft. Auch bei

der Zahl der angemeldeten Patente hinken

die Ost-Länder hinterher.

Fotos: contrastwerkstatt/fotolia.com (oben), agsandrew/fotolia.com (Button), TU Dresden/ Eckold (unten)

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


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36 | W+M TITEL

Dennoch glänzt gerade die öffentliche

Forschungslandschaft im Osten an vielen

Orten durch exzellente Spitzenforschung

und erfolgreichen Wissenstransfer. Ein

Überblick:

Sachsen

Sechs Institute der Wissenschaftsgemeinschaft

Gottfried Wilhelm Leibniz,

zwei Helmholtz-Zentren, 14 Einrichtungen

der Fraunhofer-Gesellschaft und sechs

Institute der Max-Planck-Gesellschaft –

Sachsen verfügt über eine beeindruckende

Forschungsvielfalt. Hinzu gesellen sich

die vier Hochschulen und fünf Fachhochschulen

– allen voran Deutschlands größte

Technische Universität in Dresden mit

den Exzellenzclustern „Center for Advancing

Electronics Dresden“ und „From

Cells to Tissues to Therapies“.

FORSCHUNG IN SACHSEN

Anteil der FuE-Ausgaben (in 2013) ...

... am BIP 2,74 %

... des Sektors „Staat und private Institutionen

ohne Erwerbszweck“ am BIP

0,81 %

... des Sektors Hochschulen am BIP 0,82 %

... des Sektors Wirtschaft am BIP 1,11 %

Patentanmeldungen je eine Million Einwohner 239

Mit rund 300 Unternehmen und Forschungsinstituten

ist zudem Silicon Saxony

der größte Branchenverband der Halbleiter-,

Elektronik- und Mikroelektronik-Industrie

Europas. Der Freistaat reüssiert

auch mit einer der dichtesten Biotech-

Forschungsszenen in Deutschland und

rangiert unter den Top fünf der deutschen

Biotechnologie-Regionen mit mehr als 30

universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen.

Weitere Schwerpunkte der sächsischen

Spitzenforschung sind die Nanotechnologie,

der Maschinen- und Fahrzeugbau,

die Material- und Werkstoffwissenschaften,

die Medizin und Medizintechnik, die

Neurowissenschaften sowie die Umweltforschung.

Einen interessanten Weg gehen sächsische

Firmen beispielsweise auf dem Feld

Die Firma IFA Rotorion kooperiert mit der Wissenschaft.

der organischen Elektronik, also bei organischen

Materialien mit halbleitenden

Eigenschaften. Einige

dieser 40 Betriebe

entstanden als Ausgründungen

aus sächsischen

Universitäten.

Das betrifft etwa die

Dresdener Novaled

GmbH, die sich heute

international führend

bei Technologien zur

Herstellung organischer

Leuchtdioden

(OLED) präsentiert, oder auch die Dresdner

Heliatek GmbH. Sie genießt ebenfalls

den Ruf eines weltweiten Technologieführers

in der organischen Photovoltaik

(OPV).

In Chemnitz etablierte sich unter dem

Stichwort „Merge“ das deutschlandweit

einzige Bundesexzellenzcluster

zur Leichtbauforschung.

Angesiedelt

ist es an der

Technischen Universität

der Stadt, doch beteiligen

sich auch 250

kleine und mittelständische

Unternehmen

(KMU) rund um den

Clusterkern Chemnitz.

FORSCHUNG IN THÜRINGEN

Thüringen

In Thüringen haben sich neben den neun

staatlichen Hochschulen außeruniversitäre

Forschungseinrichtungen wie die Fraunhofer-Institute

für Angewandte Optik und

Feinmechanik in Jena oder für Keramische

Technologien und Systeme in Hermsdorf

angesiedelt. Einen wichtigen Kristallisationspunkt

bildet der Wissenschaftscampus

Beutenberg in Jena. Hier befinden sich

neun Institute, unter anderem der Leibniz-

Gemeinschaft sowie der Max-Planck- und

Fraunhofer-Gesellschaft.

Die Thüringer Forschungsschwerpunkte

liegen unter anderem in der Gesundheitsforschung

und Medizintechnik, in der Mikrobiologie

und Biotechnologie, den optischen

Technologien, den Mikro- und Nanotechnologien,

der Mikroelektronik sowie

den Informations- und Kommunikationstechnologien.

Anteil der FuE-Ausgaben (in 2013) ...

... am BIP 2,20 %

... des Sektors „Staat und private Institutionen

ohne Erwerbszweck“ am BIP

0,52 %

... des Sektors Hochschulen am BIP 0,64 %

... des Sektors Wirtschaft am BIP 1,04 %

Patentanmeldungen je eine Million Einwohner 248

Foto: IFA Rotorion, Quelle Schaubilder: Bundesministerium für Bildung und Forschung

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


KLUGE KÖPFE | 37

Foto: IMG/Ralf Lehmann, Quelle Schaubilder: Bundesministerium für Bildung und Forschung

FORSCHUNG IN SACHSEN-ANHALT

Anteil der FuE-Ausgaben (in 2013) ...

... am BIP 1,43 %

... des Sektors „Staat und private Institutionen

ohne Erwerbszweck“ am BIP

... des Sektors Hochschulen am BIP 0,51 %

... des Sektors Wirtschaft am BIP 0,42 %

Patentanmeldungen je eine Million Einwohner 102

In Jena etwa widmen sich Unternehmen

und Wissenschaftler in der Leichtbauforschung

Verbundstoffen auf Carbonfaser-

Basis, wie sie im Flugzeug- und Fahrzeugbau

immer stärker an Bedeutung gewinnen.

Allerdings ist ihre Produktion bisher

sehr aufwendig, da das Aushärten der Materialien

viel Zeit in Anspruch nimmt. So ersannen

Materialwissenschaftler der Universität

Jena zusammen mit Ingenieuren

der Firma Schmuhl Faserverbundtechnik

GmbH in Liebschütz bei Saalfeld ein neues

Verfahren, das basierend auf der Mikrowellentechnik

diesen Aushärtungsprozess

deutlich beschleunigt – von bis zu zwölf

Der Forschungscampus STIMULATE lockt

auch mittelständische Medizintechnik-

Unternehmen nach Magdeburg.

Stunden auf annähernd

noch eine Stunde.

Auch in das Verbundprojekt

„Pneumonie

0,50 % bei Immunsuppression“

des Jenaer Forschungscampus

InfectoGnostics,

waren

zwei Industrieunternehmen

der Stadt eingebunden:

die Alere Technologies GmbH

und die Analytik Jena AG. Ziel der Forschungen

war ein neues Schnelldiagnostik-Verfahren

bei vermuteter Lungenentzündung.

Sachsen-Anhalt

In Sachsen-Anhalt sind 22 Forschungseinrichtungen

beheimatet – im Einzelnen sind

dies sieben staatliche Hochschulen, fünf

Fraunhofer-Einrichtungen, fünf Leibniz-

Institute, drei Max-Planck-Institute, zwei

Standorte des Helmholtz-Zentrums für

Umweltforschung, ein Standort des Deutschen

Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen

(DZNE) und schließlich eine

Außenstelle des Robert-Koch-Instituts.

An Elbe und Saale setzt die Landespolitik

auf die Forschungsschwerpunkte Neurowissenschaften,

Biosystem- und Verfahrenstechnik,

Materialwissenschaften und

Biowissenschaften sowie die ingenieurwissenschaftlichen

Bereiche Automotive

und Medizintechnik.

Ein Highlight ist beispielsweise der Forschungscampus

STIMULATE in Magdeburg.

Hier entwickeln interdisziplinäre

Teams bildgeführte minimal-invasive Diagnose-

und Therapiemethoden in verschiedenen

Krankheitsbildern und locken damit

auch Medizintechnik-Unternehmen in die

Landeshauptstadt.

Ein weiteres Beispiel

für erfolgreichen Wissenstransfer:

Zu den

Preisträgern des von

der IHK Magdeburg

jährlich ausgelobten

Forschungspreises

gehörte 2015 Dr. David

Schmicker von der

Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

Für seine Promotion, die einen neuartigen

Ansatz zur numerischen Simulation

des Rotationsreibschweißprozesses

behandelt, hatte er sich gleich drei Industriepartner

mit ins Boot geholt – die Reibschweißmaschinenbauer

der H&B Omega

Europa GmbH in Sülzetal, die auf Prozessentwicklung

und -validierung geeichte

InKRAFT GmbH aus Magdeburg und

die Haldenslebener IFA Rotorion Holding

als Anwender.

Mecklenburg-Vorpommern

Die Helmholtz-Gemeinschaft betreibt in

Neustrelitz das Deutsche Zentrum für

Luft- und Raumfahrt e. V. (DLR) sowie das

Space Weather Application Center - Ionosphere

(SWACI). In der Fusionsanlage Wendelstein

7-X im Max-Planck-Institut für

Plasmaphysik (IPP) in Greifswald wurde

im Februar das erste Wasserstoff-Plasma

erzeugt. Auch die Ernst-Moritz-Arndt-Universität

Greifswald erwarb sich vor allem

in der Fusionsforschung und Plasmaphysik

und in der funktionellen Genomforschung

einen Namen. An der Universität Rostock

wird an Robotern für das Wirkstoff-Screening

und an Methoden zur Modifizierung

von Naturstoffen geforscht.

Auch in der Gesundheitsforschung setzt

Mecklenburg-Vorpommern Akzente. Das

Leibniz-Institut für Plasmaforschung und

Technologie zum Beispiel hat gemeinsam

mit seiner Ausgründung, der neoplas

tools GmbH, die Plasmamedizin als

neue Therapiemethode insbesondere bei

chronisch therapieresistenten Wunden

vorangetrieben. Der seit 2013 zugelassene

Plasmastift kINPen® MED der neoplas

tools GmbH wird deutschlandweit in immer

mehr Kliniken und dermatologischen

Praxen erfolgreich eingesetzt.

FORSCHUNG IN MECKLENBURG-VORPOMMERN

Anteil der FuE-Ausgaben (in 2013) ...

... am BIP 1,83 %

... des Sektors „Staat und private Institutionen

ohne Erwerbszweck“ am BIP

0,71 %

... des Sektors Hochschulen am BIP 0,65 %

... des Sektors Wirtschaft am BIP 0,48 %

Patentanmeldungen je eine Million Einwohner 113

www.WundM.info WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


38 | W+M TITEL KLUGE KÖPFE

Berlin

Vier Universitäten, sieben Hochschulen,

vier Kunsthochschulen, 23 staatlich anerkannte

private Hochschulen, 22 Technologieparks

und Gründerzentren sowie

70 außeruniversitäre Forschungsstätten

– Berlin gehört zu Europas führenden Forschungszentren.

Die Charité – Universitätsmedizin

Berlin beispielsweise gilt als

die größte medizinische Fakultät Europas.

Geballte Forschungskompetenz hat

sich auch im Wissenschafts- und Technologiepark

Adlershof mit rund 510 Unternehmen

und zehn außeruniversitären

Forschungsinstituten niedergelassen.

Hier wird an Innovationen in der Photonik

und Optik, den Erneuerbaren Energien,

Mikrosystemen und der Biotechnologie

gearbeitet.

Darüber hinaus gilt Berlin als Innovationslabor

für die Stadt der Zukunft. Forschung

und Entwicklung zur Digitalisierung, Smart

City, Industrie 4.0 und Elektromobilität

machen die Stadt zum Experimentierfeld.

Das INP Greifswald ist europaweit die größte außeruniversitäre Forschungseinrichtung zu

Niedertemperaturplasmen.

FORSCHUNG IN BERLIN

Anteil der FuE-Ausgaben (in 2013) ...

... am BIP 3,58 %

... des Sektors „Staat und private Institutionen

ohne Erwerbszweck“ am BIP

... des Sektors Hochschulen am BIP 0,85 %

... des Sektors Wirtschaft am BIP 1,5 %

Patentanmeldungen je eine Million Einwohner 262

Berliner Unternehmen kooperieren auch

länderübergreifend. Beispielsweise in der

PERC-Technologie. Dabei geht es um Solarzellen,

deren Rückseite passiviert ist.

Sie haben einen deutlich höheren Wirkungsgrad

als Standardzellen. Eine Herausforderung

stellt sich allerdings: Es

treten Leistungseinbußen durch lichtinduzierte

Degradation (LID) auf. Die

Berliner LayTec inline GmbH fertigt mit

LID Scope ein Gerät, das eine einfache

Qualitätskontrolle für diesen Effekt auf

Zellebene ermöglicht. Erarbeitet wurde

die Technologie am Fraunhofer-Center

für Silizium-Photovoltaik CSP in Halle.

Daraus hat die Berliner Firma LayTec als

Lizenznehmer das Gerät LID Scope entwickelt.

Brandenburg

Jede der großen deutschen

Forschungsgemeinschaften

ist auch

in Brandenburg vertreten:

Das Fraunhofer-In-

1,23 %

stitut für Angewandte

Polymerforschung IAP

in Potsdam etwa beschäftigt

sich mit Material-

und Verfahrensentwicklungen

von Fasern, Folien, Werkstoffen,

Funktionsmaterialien, Additiven, Feinchemikalien

und Prozesshilfsmitteln auf

Basis nativer und synthetischer Polymere.

Zusammen mit der Adlershofer Dependance

des Fraunhofer IAP hat die Tilse

Formglas GmbH aus

Nennhausen ein Glas

auf den Markt gebracht,

dass sich bei

Temperaturerhöhung

reversibel von Klarzu

Milchglas wandelt.

Die Wissenschaftler

des IAP lieferten

dazu kleine Kapseln

mit Substanzen, die je

FORSCHUNG IN BRANDENBURG

nach Temperatur ihren Brechungsindex

ändern, und so Licht und Infrarotstrahlung

entweder durchlassen oder reflektieren.

Weitere Brandenburger Highlights: das

Forschungszentrum für Leichtbauwerkstoffe

Panta Rhei gGmbH an der Brandenburgischen

Technischen Universität

(BTU) Cottbus-Senftenberg, das Forschung

und Entwicklung auf dem Gebiet

der Produktion und Verarbeitung innovativer

Leichtbauwerkstoffe betreibt, oder

das Hasso-Plattner-Institut in Potsdam,

Deutschlands einziges Uni-Institut, an

dem Studenten den Studiengang „IT-

Systems Engineering” belegen können.


W+M

Anteil der FuE-Ausgaben (in 2013) ...

... am BIP 1,55 %

... des Sektors „Staat und private Institutionen

ohne Erwerbszweck“ am BIP

0,73 %

... des Sektors Hochschulen am BIP 0,37 %

... des Sektors Wirtschaft am BIP 0,45 %

Patentanmeldungen je eine Million Einwohner 131

Foto: INP Greifswald, Quelle Schaubilder: Bundesministerium für Bildung und Forschung

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


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DIE ENERGIEZUKUNFT.

Gemeinsam mit Kommunen, Unternehmen und Hochschulen arbeitet die enviaM-Gruppe

täglich für eine ökologische, sicherere und innovative Energieversorgung von morgen.

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40 | W+M TITEL

„Die Infrastruktur der Hochschulen ist heute zum Teil

moderner als in den alten Bundesländern“

W+M-Interview mit Prof. Johanna Wanka,

Bundesministerin für Bildung und Forschung

W+M: Frau Bundesministerin, wie ist es

aktuell um die Wissenschaft in Deutschland

bestellt?

Johanna Wanka: Ja, woran misst man

das? Wenn man sich anschaut, wie uns

andere einschätzen, dann können wir

uns freuen. Bei den Innovationsrankings

in Europa sind wir stets unter den ersten

drei Ländern. Das Weltwirtschaftsforum

hat sich 140 Staaten angeschaut und da

ist Deutschland auf Platz vier. Ein Land

mit nur einem Prozent der Weltbevölkerung

auf Rang vier der Industrienationen,

das kann sich sehen lassen. Übrigens,

nach China sind wir das zweitstärkste

Land, was den Export von Hightechgütern

betrifft. Bei den Patentanmeldungen

pro einer Million Einwohner sind

wir doppelt so gut wie die USA. In der

Quintessenz ist der Stellenwert von Forschung

und Innovation in Deutschland

sehr gut. Wir merken das auch am absolut

verstärkten Interesse von ausländischen

Studierenden und Wissenschaftlern.

Nach den USA und Großbritannien

sind wir das drittbeliebteste Studienland

der Welt.

W+M: Wie steht es um die Forschungslandschaft

in den neuen Bundesländern

und Berlin?

Seit 2013

Bundesministerin

für Bildung und

Forschung:

Professorin

Johanna

Wanka.

Universitäten, Hochschulen und den vielen

außeruniversitären Instituten. In den

neuen Bundesländern hatten wir nach

1990 eine starke Veränderung der Wissenschafts-

und Forschungslandschaft.

Doch bis heute haben wir die Situation,

dass der Großteil der Forschung öffentlich

finanziert ist. Nur ein Drittel wird durch

die Wirtschaft bezahlt. In den alten Bundesländern

ist das umgekehrt. Deswegen

brauchen wir in den neuen Bundesländern

nach wie vor eine anders geartete

Forschungsförderung. Das ist keine Nachhilfe,

sondern ein Reagieren auf die immer

noch veränderte Struktur

in den neuen Ländern.

Inzwischen haben

die Innovationsausgaben

der Unternehmen

in

den neuen Bundesländern

die Zehn-Milliarden-Euro-Marke

überschritten, da ist also auch eine Entwicklung.

Aktuell gibt es 94.000 Vollzeitarbeitsplätze

in Wissenschaft und Forschung,

davon sind 59.000 Arbeitsplätze

im öffentlichen Sektor.

Allerdings haben wir bereits festgestellt,

dass die Drittmitteleinwerbung pro Professor

in den neuen Ländern durchschnittlich

höher ist als in den alten Bundesländern.

Das ist ein Indiz dafür, dass

sich die Wirtschaft hierzulande zunehmend

an der Forschung beteiligt.

W+M: Welche wissenschaftlichen Leuchttürme

zwischen Rostock und Suhl würden

Sie an dieser Stelle nennen?

Johanna Wanka: Was uns sehr

begeistert, ist Wendelstein in

Greifswald, wo jetzt das erste

Plasma in einem Fusionsexperiment

des Typs „Stellarator”

erzeugt werden konnte.

Das ist ein Meilenstein

in der Grundlagenfor-

Foto: W+M

Johanna Wanka: Wenn man sich die

Forschungslandschaft anschaut, dann ist

es immer eine Kombination aus der Forschung,

die die Wirtschaft finanziert, und

der staatlich finanzierten Forschung an


KLUGE KÖPFE | 41

Prof. Johanna Wanka mit W+M-Chefredakteur Karsten Hintzmann und W+M-Herausgeber Frank Nehrig (v.l.).

Foto: W+M

schung. Dann haben wir das hohe Interesse

an einem Studium in den neuen Bundesländern,

beispielsweise in Dresden,

wo die Universität bei der Exzellenzinitiative

erfolgreich war. Oder wenn ich sehe,

was wir für Exzellenzcluster in Chemnitz

eingeworben haben oder Graduiertenkollegs.

Auch die Geisteswissenschaften

sind gerade in den neuen Bundesländern

an ganz vielen Stellen präsent. OncoRay

in Dresden ist ein Beispiel für Spitzenforschung

in der Radioonkologie, wo

ein Verfahren zur punktgenauen Bestrahlung

von Tumoren entwickelt wurde. Wir

haben Silicon Valley als Cluster in Mitteldeutschland

oder das Mikroelektronik-

Cluster in der Dresdner Region. All das

sind Leuchttürme in den neuen Ländern.

W+M: Seit rund zehn Jahren gibt es die

Exzellenzinitiative zur Förderung von Spitzenforschung,

in die bislang knapp fünf

Milliarden Euro geflossen sind. Inwieweit

haben davon auch Wissenschaftseinrichtungen

in den neuen Ländern profitiert?

Johanna Wanka: Etliche Einrichtungen

haben davon profitiert. Wir haben Exzellenzcluster,

Graduiertenschulen und wir

haben mit der Technischen Universität

Dresden sowie der Humboldt-Universität

und der Freien Universität in Berlin insgesamt

drei Exzellenzuniversitäten.

W+M: Spitzenforschung erfordert Spitzenpersonal.

Ist Deutschland im internationalen

Wettbewerb um die klügsten Köpfe

konkurrenzfähig?

Johanna Wanka: Wir sind konkurrenzfähiger

geworden, ganz anders, als noch

zum Ende der 90er Jahre, als wir unter

einem regelrechten Braindrain litten [Abwanderung

von Wissenschaftlern, Anm.

d. Red.]. Heute haben wir das Renommee

als Studienland, wo gern studiert

und promoviert wird. Was die Wirtschaft

noch nicht ausreichend geschafft hat, ist,

dass möglichst viele Absolventen nach

Beendigung ihres Studiums zumindest

für einige Jahre in unsere Unternehmen

gehen. Das klappt in den USA bislang

besser.

Es gelingt uns zunehmend, Spitzenforscher

nach Deutschland zu holen. Dafür

haben wir Instrumente geschaffen, zum

Beispiel die Alexander-von-Humboldt-

Professur. Da gibt es pro Professur für

Geisteswissenschaften drei Millionen

Euro und für Naturwissenschaften fünf

Millionen Euro, die wir für Forschung und

Arbeiten geben, mit der Option, eventuell

zu bleiben.

Wenn Spitzenforscher zu uns kommen,

schätzen sie an Deutschland zum einen

die hohe Verlässlichkeit, was die Priorität

von Wissenschaft und Forschung betrifft,

aber auch die vielen zu erforschenden

Schätze, die sich in den Sammlungen

und Archiven der Universitäten befinden.

Um es auf den Punkt zu bringen: Die Tugenden

der Deutschen – ihre Sammlerleidenschaft

und die seit jeher betriebene

präzise Archivierung – in Kombination

mit den neuen Forschungsmöglichkeiten

machen unser Land für ausländische Forscher

besonders attraktiv.

W+M: Neben der gerade genannten Exzellenzinitiative

fördert Ihr Haus auch gezielt

kleine Hochschulen und Fachhochschulen.

Wie funktioniert das konkret?

Johanna Wanka: Erst Mitte Mai haben

Bund und Länder das Programm „Innovative

Hochschule“ beschlossen. Über

dieses Programm können auch kleinere

Hochschulen und Fachhochschulen,

die gut im Transfer und der angewandten

Forschung sind und die in ihre Regionen

in Bezug auf Fachkräfte und Innovation

ausstrahlen, gefördert werden. Wir

geben dafür in den nächsten Jahren 500

Millionen Euro aus.

Außerdem läuft bereits ein Programm,

das darauf abzielt, zehn der forschungsstärksten

Fachhochschulen der Republik

zu fördern. Das ist eine Unterstützung,

die stärker auf Anwendungsorientierung

setzt. Ziel ist es, dass die Fachhochschulen

in ihren Regionen noch mehr zu Innovationszentren

werden, nicht nur bei

technischen Entwicklungen, sondern

auch für betriebswirtschaftliche und soziale

Fragen.

W+M: Seit drei Jahren sind Sie Bundesministerin

für Bildung und Forschung. Davor

haben Sie die Wissenschaftsressorts

in Brandenburg und Niedersachsen geführt.

Vor dem Hintergrund dieser umfassenden

Erfahrungen – gibt es heute noch

Unterschiede in der Hochschullandschaft

der alten und neuen Bundesländer?

Johanna Wanka: Kaum. In den Hochschulen

hatten wir in den neuen Bundesländern

ja einen Neuaufbau, auch beim

Personal. Das ergab eine gute Durchmischung

von Forschern aus den alten Ländern

mit denen aus den neuen Bundesländern.

Wir haben in den neuen Ländern

stark profitiert von zahlreichen Aufbauprogrammen.

Daher ist die Infrastruktur

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42 | W+M TITEL KLUGE KÖPFE

in der Hochschullandschaft der neuen

Bundesländer zum Teil moderner als in

den alten Bundesländern. In den Hochschulen

gibt es diese Ost-West-Thematik

heute eigentlich nicht mehr.

W+M: In Ostdeutschland ist die Wirtschaft

durch einen zumeist kleinteiligen

Mittelstand geprägt. Es gibt kaum Konzerne

und große Unternehmen. Kleine

Unternehmen haben jedoch kaum eigene

Kapazitäten für Forschung und Entwicklung.

Was tut Ihr Ministerium, um

Mittelstand und Forschung enger zusammenzubringen?

ZUR PERSON

Johanna Wanka wurde am 1. April 1951

in Rosenfeld (Landkreis Torgau) geboren.

Nach dem Abitur studierte sie Mathematik

an der Universität Leipzig. Von

1974 bis 1993 arbeitete sie in verschiedenen

Funktionen an der Technischen

Hochschule Leuna-Merseburg. 1994

wurde sie zur Rektorin der Hochschule

Merseburg gewählt. Im Jahr 2000 startete

sie eine beispiellose Ministerkarriere:

Bis 2009 war Wanka, die im Jahr

2001 der CDU beitrat, Ministerin für

Wissenschaft, Forschung und Kultur in

Brandenburg. Zwischen 2010 und 2013

fungierte sie als Ministerin für Wissenschaft

und Kultur in Niedersachsen.

Seit Februar 2013 ist Johanna Wanka

Bundesministerin für Bildung und Forschung.

Sie ist verheiratet und Mutter

zweier Kinder.

Johanna Wanka: Seit Mitte der 90er

Jahre gibt es zahlreiche Programme.

Wir haben aber insgesamt die Situation

in Deutschland, dass die kleinen und mittleren

Unternehmen noch nicht genug an

den vorhandenen Forschungsmitteln partizipieren.

Die Förderung des Bundes ist

zwar über die Jahre gewachsen, die Innovationskraft

der kleinen und kleinsten

Unternehmen ist jedoch konstant geblieben

und hat sich mitunter sogar abgeschwächt.

Das war für uns der Anstoß

für das Programm „Vorfahrt für den Mittelstand“,

das wir im Januar 2016 gestartet

haben. Mit ganz konkreten Änderungen

in der Förderkulisse in unserem

Haus. Zum Beispiel muss jetzt ein Unternehmen

nicht gleich einen kompletten

Antrag auf Forschungsförderung

stellen, der möglicherweise

sehr aufwendig ist.

Es genügt zunächst, nur eine

Skizze einzureichen. Dann

bekommt das Unternehmen

eine Einschätzung, ob es sich

lohnt, einen Antrag zu stellen

oder ob es von vornherein wenig

Aussicht auf Erfolg gibt.

Wir wollen damit auch die

Unternehmen noch zielgerichteter

mit den

Fachhochschulen

zusammenbringen

und so nach wie

vor bestehende

Berührungsä

n g s te

abbauen.

W+M: Sie engagieren sich dafür, jungen

Flüchtlingen mit Bleibeperspektive und

den entsprechenden akademischen Voraussetzungen

ein Studium in Deutschland

zu ermöglichen. Wie ist da der Stand

der Dinge?

Johanna Wanka: Vorrangig ist zunächst,

die studierfähigen jungen Flüchtlinge auf

ein Studium vorzubereiten. Sie müssen,

selbst wenn sie das Abitur haben, in der

Regel erst auf Studierniveau geführt werden,

auch was die deutsche Sprache betrifft.

Das geschieht in den Hochschulen

durch die Studienkollegs. Wenn sie

dann in die Hochschulen kommen, brauchen

sie eine intensivere Betreuung. Für

diese Maßnahmen haben wir unkompliziert

Geld zugesagt und die Umsetzung

läuft. Unser Ansatz ist: Keine Absenkung

des Niveaus, sondern aktive Hilfestellung

beim Einstieg in die Hochschulausbildung.

W+M: Als langjährige Wissenschaftlerin

und Wissenschaftspolitikerin gehört

es zweifellos zu Ihrem Tagwerk, sich mit

Zukunftsfragen und Visionen zu befassen.

Daher unsere Frage: Wo werden

die neuen Bundesländer in punkto Forschung,

Bildung und Fachkräftesicherung

im Jahr 2030 stehen? Wagen Sie

eine Prognose?

Johanna Wanka: Ich lehne solche Kaffeesatzleserei

eigentlich ab. Aber 15 Jahre

sind ja noch halbwegs überschaubar. Ich

hoffe, dass es uns gelingt, unsere Wettbewerbsfähigkeit

zu halten und vielleicht

noch zu steigern. Das erfordert große Anstrengungen

im Bildungsbereich, aber

auch im Transferbereich und bei der Fachkräfteausbildung

sowie bei der Integration

von Flüchtlingen mit Bleibeperspektive in

den Arbeitsmarkt. Bezogen konkret auf die

neuen Bundesländer hoffe ich sehr, dass

die exzellente Forschungsinfrastruktur vor

allem auch von vielen Unternehmen

genutzt wird, um noch mehr Forschungspersonal

in diese Region zu holen.

Also aus der Chance, die wir jetzt dort

haben, auch wirklich einen Erfolg zu machen.

W+M: Welche persönlichen Pläne haben

Sie für die Zeit nach der Bundestagswahl

2017?

Johanna Wanka: Wir arbeiten konzentriert

und nächstes Jahr ist die Wahl und

da kämpfen wir natürlich dafür, dass es

ein gutes Ergebnis gibt. Und dann werden

wir sehen, wie es weitergeht.

Interview: Karsten Hintzmann

und Frank Nehring

Foto: W+M

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


RAGNITZ ANALYSIERT

Forschung und

Entwicklung:

In Systemzusammenhängen

denken

Foto: ifo Dresden

Forschung und Innovation gelten angesichts

bestehender Kostennachteile

gegenüber konkurrierenden

Standorten weltweit als der wichtigste

Baustein zur wirtschaftlichen Revitalisierung

Ostdeutschlands. Gerade jene Unternehmen,

die nicht nur die

heimischen Märkte bedienen

wollen, müssen daher

alles daran setzen,

durch neuartige Produkte

Wettbewerbsvorteile

zu gewinnen

oder durch Prozessinnovationen

die Produktionsabläufe

effizienter

zu gestalten.

Der Rückstand in der

betrieblichen Produktivität

von 30 Prozentpunkten

gegenüber

den technologisch

führenden Bundesländern

Bayern und

Baden-Württemberg zeigt deutlich, dass

hier noch erhebliches Modernisierungspotenzial

besteht.

Leider schaffen es viele ostdeutsche Unternehmen

bislang nicht, Forschung und

Entwicklung zu finanzieren oder auch bereits

vorhandene technologische Lösungen

in ihre Produktionsabläufe zu integrieren.

Dies hat viel mit den geringen

Betriebsgrößen in Ostdeutschland zu

tun, denn kleine Unternehmen können

sich typischerweise keine eigenständigen

Forschungsabteilungen leisten und

Professor Dr. Joachim Ragnitz

ist Stellvertretender Leiter

des ifo-Instituts Dresden.

haben im Regelfall auch nur geringen

Bedarf an modernen Maschinen mit hohen

Kapazitätseffekten. Vor allem die geringen

Forschungsintensitäten im Wirtschaftssektor

geben Anlass zur Sorge

– liegen die unternehmerischen Aufwendungen

für Forschung

und Entwicklung (FuE) in

Baden-Württemberg

bei vier Prozent des

Bruttoinlandsprodukts,

sind es selbst

in den forschungsintensiveren

ostdeutschen

Bundesländern

Sachsen und

Thüringen nur etwas

über ein Prozent.

Auf gesamtwirtschaftlicher

Ebene wird dies

zwar zum Teil kompensiert

durch hohe

FuE-Anstrengungen

im öffentlichen Bereich – aber nicht immer

will es gelingen, die dort erzielten

Forschungsergebnisse auch für die heimische

Wirtschaft zu nutzen.

Ganz offenkundig fehlt es häufig noch

an einer ausreichenden Zusammenarbeit

zwischen der Wirtschaft und den Wissenschaftseinrichtungen.

Wenn derartige

Kooperationen noch nicht in ausreichendem

Umfang zustande kommen (obwohl

die Wissenschaft in Ostdeutschland

viel zu bieten hat!), so scheitert dies

häufig an unterschiedlichen Anreizsystemen

und an unterschiedlichen Kommunikationskulturen,

oftmals aber auch

bloß an fehlender Vermittlung. Hier wäre

also ein Ansatzpunkt auch für die Wirtschaftspolitik

(und nicht so sehr für die

„Wissenschaftspolitik“). Und, man darf

dabei auch nicht nur auf die „Leuchttürme“

schauen – hochspezialisierte Grundlagenforschung

an Exzellenzuniversitäten

und Max-Planck-Instituten mögen zwar

den technologischen Fortschritt voranbringen,

schaffen aber wohl kaum einen

unmittelbaren Nutzen auch für ein Unternehmen,

das lediglich die Weiterentwicklung

eines vorhandenen Produkts benötigt:

Leuchttürme sind keine Straßenlaternen;

sie sollen in die Ferne strahlen,

aber nicht die Klippe beleuchten, auf der

sie stehen. Notwendig ist es daher, die

Innovationssysteme in den ostdeutschen

Ländern in ihrer Gesamtheit zu sehen –

als ein Geflecht aus weltweit sichtbaren

Universitäten und außeruniversitären Forschungsinstituten,

aus anwendungsorientierten

Fachhochschulen als Bindeglied

zur regionalen Wirtschaft und aus

kommerziell agierenden Forschungseinrichtungen,

die sich auf die Bearbeitung

von Forschungsaufträgen von Unternehmen

spezialisiert haben. Gerade die beiden

letztgenannten sind dabei erforderlich,

um niedrigschwellige Angebote des

Technologietransfers und der Kooperation

zu schaffen, die auch die Unternehmen

in Ostdeutschland erreichen – und

sie sollten daher von der Wirtschaftspolitik

viel stärker eingebunden werden als

es bislang geschieht.

W+M


44 | W+M POLITIK

ifo Geschäftsklima Ostdeutschland im Mai 2016

Neuer Schwung

INDEX

Das ifo Geschäftsklima für die gewerbliche Wirtschaft*

der ostdeutschen Bundesländer hat sich im Mai kräftig

aufgehellt. In allen vier Hauptsektoren schätzten die ostdeutschen

Befragungsteilnehmer die momentane Geschäftslage

günstiger ein als im April. Zudem korrigierten sie ihre Geschäftserwartungen

für die kommenden sechs Monate abermals

nach oben.

Das ifo Beschäftigungsbarometer für die gewerbliche Wirtschaft

in Ostdeutschland ist im Mai geringfügig gestiegen. Maßgeblich

dafür war das Verarbeitende Gewerbe, wo sich die Beschäftigungsaussichten

spürbar aufhellten. Im Bauhauptgewerbe, Groß-

und Einzelhandel gingen die Beschäftigungserwartungen dagegen

per Saldo geringfügig zurück.

Besonders kräftig stieg der ifo Geschäftsklimaindex im ostdeutschen

Großhandel und im Verarbeitenden Gewerbe. Unter den

Bauunternehmen Ostdeutschlands verbesserte sich die Stimmung

ebenfalls deutlich. Ihre Einschätzung der aktuellen Geschäftslage

erreichte ihren zweithöchsten Wert seit 1991. Im ostdeutschen Einzelhandel

war die Entwicklung vergleichsweise verhalten, doch auch

hier waren die konjunkturellen Vorzeichen im Mai aufwärtsgerichtet.

Michael Weber und Prof. Joachim Ragnitz

Verarbeitendes Gewerbe

MAI 11,4

VORMONAT 7,9

Bauhauptgewerbe

MAI 4,8

VORMONAT 2,0

Groß- und Einzelhandel

MAI 10,9

VORMONAT 9,0

ifo Geschäftsklima

ifo Beschäftigungsbarometer

VOR-

MONAT

7,2

MAI

10,1

VOR-

MONAT

- 4,1

MAI

- 3,4

* Unter gewerblicher Wirtschaft wird die Aggregation aus Verarbeitendem Gewerbe, Bauhauptgewerbe sowie Groß- und Einzelhandel verstanden.

Foto: industrieblick/Fotolia.com

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


POLITIK | 45

DER KOMMENTAR

(M)ein Blick in die Zukunft

der ostdeutschen Wirtschaft

Von Iris Gleicke

Foto: Büro Gleicke/Sandra Ludewig

Das gallige Verdikt, wer Visionen

habe, solle zum Arzt gehen,

stammt bekanntlich von

Helmut Schmidt. Ich nehme

das für mich als Mahnung,

auch bei einem –

um es vorwegzunehmen

– optimistischen

Blick in die Zukunft

der ostdeutschen

Wirtschaft nicht den

Boden unter den Füßen

zu verlieren. Es

wäre ebenso leicht

wie verlogen, ein rosarotes

Bild zu entwerfen,

in dem binnen

14 Jahren der

Abstand zum Westen

dank eines unausgesetzt

hohen

Wachstums eingeebnet

ist, in dem sich kleine Firmen und

„verlängerte Werkbänke“ in Konzerne verwandelt

haben und in dem es gut bezahlte

Arbeit für alle gibt.

So einfach ist es nicht und wird es nicht.

Leider. Nicht nur Gottes Mühlen mahlen

langsam. Auch wenn der Wachstumsund

Angleichungsprozess der ostdeutschen

Wirtschaft weitergeht, werden

wir im Jahr 2030 noch nicht vollständig

mit Westdeutschland gleichgezogen

haben. Bis dahin werden aus mittleren

ostdeutschen Unternehmen noch keine

Großkonzerne entstanden sein, und

auch dann werden größere Teile der neuen

Länder noch immer zu den strukturschwächeren

Regionen in unserem Land

gehören.

Iris Gleicke ist parlamentarische

Staatssekretärin beim Bundesminister für

Wirtschaft und Energie und Beauftragte

der Bundesregierung für die neuen

Bundesländer, Mittelstand und Tourismus.

Ebenso unangemessen wie die massenhafte

Verteilung rosaroter Brillen ist

aber auch jene verbreitete Grauund

Schwarzmalerei, mit der

manche den Status quo

zum Nonplusultra deklarieren

und die Hände

in den Schoß legen

möchten. Denn bis

2030 kann eine ganze

Menge passieren.

Das setzt allerdings

voraus, dass viele

kleine und mittlere

Unternehmen Innovationen

als Schlüssel

für Wettbewerbsfähigkeit

und Wachstum

nutzen und dass

Modernisierungsprozesse

wie die Digitalisierung

von den

ostdeutschen Unternehmen genutzt

werden, denn hier werden die Karten

für alle neu gemischt. Viel wird

auch davon abhängen, ob die ostdeutsche

Industrie ihre Internationalisierung

weiter vorantreibt und die damit

verbundenen Wachstumschancen ergreift.

Ein Selbstläufer wird das alles natürlich

nicht, das kann nur dann funktionieren,

wenn die Bundesregierung mit ihrer Mittelstandsförderung

und der Förderung für

strukturschwache Regionen die ostdeutsche

Wirtschaft auch über das Ende des

Solidarpakts II im Jahr 2019 hinaus unterstützt.

Auf meine Initiative hin haben

sich die Bundesressorts hierzu bereits

auf ein dementsprechendes Eckpunktepapier

verständigt. Zentrale Aspekte

sind dabei die Wachstums- und Innovationsförderung,

ergänzt um die Förderung

der Infrastruktur und der Daseinsvorsorge.

Ich setze mich dafür ein, dass dieses

Förderkonzept gemeinsam mit den

ost- und westdeutschen Ländern realisiert

wird. Darüber hinaus habe ich den

Dialog „Unternehmen :wachsen“ ins Leben

gerufen, bei dem Unternehmerinnen

und Unternehmer Erfahrungen und Ideen

austauschen und wechselseitig Impulse

für Wachstum und neue Konzepte

vermitteln können.

Auf die Gründergeneration, die in Ostdeutschland

in den letzten 25 Jahren unter

hohem persönlichem Einsatz eine herausragende

Aufbauleistung vollbracht

hat, können wir mit Fug und Recht stolz

sein. Diese Unternehmergeneration wird

in den nächsten Jahren den Stab an die

nächste Generation übergeben. Diese,

bereits mit der

Marktwirtschaft aufgewachsen,

kann von der heutigen Basis

aus neue Ufer ansteuern. Ich

finde, das ist eine gute Perspektive.

Das Wachstum der ostdeutschen

Wirtschaft ist der Schlüssel

zur Herstellung gleichwertiger

Lebensverhältnisse.

Es bleibt dabei: Wir haben

schon unglaublich viel erreicht.

Den Rest schaffen

wir auch noch.


W+M

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46 | W+M POLITIK

Mindestlohn für Flüchtlinge?

Heike Werner (LINKE), Thüringer Ministerin

für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und

Familie.

Michael Theurer (FDP), Landesvorsitzender der FDP

Baden-Württemberg und Mitglied des Europäischen

Parlaments.

„Ja”

Flüchtlingen den Mindestlohn

vorzuenthalten, wäre ökonomisch

und sozial falsch. Eine

wesentliche Voraussetzung für das Gelingen der

gesellschaftlichen Integration von Flüchtlingen ist

die Bereitschaft der einheimischen Bevölkerung,

die Flüchtlinge bei uns aufzunehmen. Diese hängt

auch von den Regeln ab, die wir zur Grundlage der

Integration machen. Eine Ausnahme beim Mindestlohn

würde in den Augen derer, die heute zum Mindestlohn

arbeiten, leicht als Signal verstanden, dass

Flüchtlinge leichter einen Arbeitsplatz bekommen,

ja vielleicht sogar „ihren“ Arbeitsplatz bekommen,

weil ein Unternehmen einem Flüchtling zwei oder

drei Euro weniger zahlen könnte. Das wäre ein fatales

Signal und es wäre Wasser auf die Mühlen der

rechten Scharfmacher. Im Sinne des sozialen Friedens

und einer gelingenden Integration der Menschen,

die bei uns Schutz suchen, dürfen wir diesen

Weg nicht beschreiten. Auch ökonomisch hätte

die Ausnahme der Flüchtlinge einen Pferdefuß.

Ein gut funktionierender Wettbewerb basiert darauf,

dass die miteinander in Konkurrenz stehenden

Unternehmen unter gleichen Bedingungen agieren.

Ausnahmen beim Mindestlohn, das gilt für Langzeitarbeitslose,

Jugendliche und für Flüchtlinge gleichermaßen,

bedeuten, dass sich einzelne Unternehmen

einen leistungslosen Wettbewerbsvorteil

verschaffen können, indem sie diesen Menschen

einen Dumpinglohn zahlen. In einem Land wie

der Bundesrepublik, dessen Wirtschaft über die

Qualität ihrer Produkte punktet und nicht über

Dumpingpreise, ist dies nicht wünschenswert.

„Nein”

Der Mindestlohn schließt

Flüchtlinge aus. Wir müssen

das Mindestlohngesetz

dringend flexibilisieren, weil Flüchtlinge

sonst dauerhaft vom deutschen Arbeitsmarkt

ausgeschlossen sind. Nicht alle Flüchtlinge,

die zu uns kommen, sind Ingenieure oder Ärzte.

Ein Großteil der Menschen ist nicht ausreichend

ausgebildet, um den Anforderungen unseres

Arbeitsmarktes zu entsprechen. Wir müssen

es ihnen ermöglichen, Orientierungspraktika

in deutschen Betrieben zu absolvieren, die

im Zweifel auch länger als nur sechs Monate

dauern und trotzdem nicht mit dem Mindestlohn

bezahlt werden. Wir können nicht die gleichen

Qualitätsansprüche an die Ausbildung von

Flüchtlingen stellen, die wir an die Ausbildung

von in Deutschland ausgebildeten Facharbeitern

haben. Ein Flüchtling braucht Zeit und Möglichkeiten,

um sich durch Zusatzqualifizierungen zur

Fachkraft zu entwickeln. Es ist dann aber ganz

verständlich, dass ein Arbeitgeber nicht den gleichen

Stundenlohn zahlen möchte, den er einem

gut ausgebildeten Facharbeiter zahlt. Arbeitsministerin

Nahles hat mit ihren Reformen den Arbeitsmarkt

verrammelt und bürokratisiert. Das ist

aber der falsche Weg: Wir müssen Flüchtlingen

Perspektiven aufzeigen. Nur so bekommen wir die

Menschen in Arbeit, wo sie in der Zusammenarbeit

mit Kollegen leichter Deutsch lernen und besser

integriert werden, als wenn sie in Flüchtlingsheimen

versauern. Nur so können wir eine Integrationskrise

verhindern.

Fotos: Delf Zeh (links), Thierry Monasse/Freie Demokratische Partei (rechts)

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


RATGEBER STEUERN | 47

Quo vadis –

Erbschaftsteuerreform?

Fotos: AllebaziB/fotolia.com (oben), Boddin (unten)

Das Bundesverfassungsgericht hat im Dezember 2014 verkündet,

dass die Verschonung von Erbschaftsteuer beim Übergang

betrieblichen Vermögens angesichts ihres Ausmaßes und der

eröffneten Gestaltungsmöglichkeiten teilweise mit Artikel 3 des

Grundgesetzes unvereinbar ist. Wie ist der aktuelle Stand?

Von Joachim Feske

Das Bundesverfassungsgericht führte

aus, dass für jedes Maß der

Steuerverschonung kleiner und

mittelständischer Unternehmen (KMU)

der Gesetzgeber tragfähige Rechtfertigungsgründe

benötigt. Die Privilegierung

des unentgeltlichen Erwerbs betrieblichen

Vermögens ist jedoch unverhältnismäßig,

weil die Verschonung über den Bereich

der KMU hinausgeht, ohne eine Bedürfnisprüfung

vorzunehmen. Ferner soll die

Regelung über das sogenannte Verwaltungsvermögen

nicht mit Artikel 3 des

Grundgesetzes vereinbar sein. Der Gesetzgeber

wurde deshalb vom Bundesverfassungsgericht

verpflichtet, spätestens

bis zum 30. Juni 2016 eine Neuregelung

zu treffen.

Die Bundesregierung wollte darauf

schnell reagieren und durch „Gas geben“

bis zum Ende des Jahres 2015 eine tragfähige

Neuregelung schaffen. Sowohl

die Bundesregierung als auch die Bundesländer

haben zwar Vorschläge unterbreitet,

aber bis zum Redaktionsschluss

dieses Magazins gab es noch keine Verständigung

zwischen Bundesregierung

und Bundesrat.

Mittelständische Unternehmen hängen

nun in gewisser Weise bei anstehenden

Unternehmensübertragungen

in Bezug auf die Rechtsgrundlage in der

Luft. Es wird zwar die Auffassung vertreten,

dass die bisherigen Regelungen

bis zum 30. Juni 2016 beibehalten werden,

aber aufgrund der von der Finanzverwaltung

gleich nach dem Urteil erlassenen

Verwaltungsanweisungen ist zumindest

das Risiko einer Rückwirkung des

Urteils des Bundesverfassungsgerichtes

auf alle noch offenen Fälle nicht ganz

auszuschließen. Hier sind die jeweiligen

Steuerberater gefordert, die schon vorgenommenen

oder bis zum 30. Juni anstehenden

Übertragungen entsprechend

geschickt zu begleiten, gegebenenfalls

die Verträge mit Rücktritts- oder Rückauflösungsformulierungen

auszustatten.

Aus dem Finanzministerium gibt es Stimmen,

die meinen, es wird bis zum besagten

Termin nichts geändert, dann fallen

halt die vom Bundesverfassungsgericht

als nicht verfassungskonform bezeichneten

Begünstigungsvorschriften für den

Mittelstand weg. So einfach wird sich der

Gesetzgeber das dann aber doch nicht

machen können. Dies zeigen die Erfahrungen

aus den verfassungsrechtlichen

Bedenken zur damaligen Vermögensteuer.

Namhafte Steuerrechtler wie beispielsweise

Prof. Dr. Roman Seer äußern

sich insoweit dazu, dass die Erbschaftund

Schenkungsteuer bei Nichteinigung

demnach von der Finanzverwaltung wegen

der vom Bundesverfassungsgericht

festgestellten Unvereinbarkeit mit der

Verfassung im fehlenden Fall einer Einigung

ab dem 1. Juli 2016 nicht mehr erhoben

werden dürfte.

Dies gilt, so ausdrücklich das Bundesverfassungsgericht

in seinem Urteil, auch für

die Erbschaft- und Schenkungsteuer von

steuerlichen Privatvermögen. Aus fiskalischen

Gründen erscheint es aber sehr

unwahrscheinlich, dass sich der Gesetzgeber

in letzter Sekunde nicht doch noch

besinnt, und eine Gesetzesänderung herbeiführt,

die ab dem 1. Juli die vom Verfassungsgericht

formulierten Anforderungen

enthält.

Bei einem gesetzgeberischen Schnellschuss

ist es wiederum nicht auszuschließen,

dass das nächste Verfahren

zum Bundesverfassungsgericht, dann

zum vierten Mal, in Sachen Erbschaftund

Schenkungsteuer initiiert wird. Gefordert

sind die Steuerberater und Rechtsanwälte

der betroffenen Unternehmen. Zu

beachten ist allerdings immer, dass unter

Berücksichtigung der fallbezogenen besonderen

Bedeutung der Erbschaft- oder

Schenkungsteuerbelastung vernünftige

langfristige unternehmerische Zielsetzungen

geplant und umgesetzt werden sollten.

W+M

Dr. Joachim Feske ist Fachberater für

Unternehmensnachfolge und CEO der AUDITA

Dr. Feske Zauft & Wisch GmbH

Wirtschaftsprüfungs- und

Steuerberatungsgesellschaft in Berlin.

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48 | W+M RATGEBER FINANZEN

Elektronische Rechnung

Versäumnisse bei der

Datensicherung

können fatale Folgen haben

Fakt ist: Der elektronische Rechnungsversand

kann den Unternehmen viel

Zeit und Geld sparen. Immerhin reduzieren

sich Arbeitsaufwand und Portokosten

deutlich. Doch wer auf die sogenannte

eRechnung setzt, darf bei der Archivierung

keine Fehler machen, denn dies kann später

unter Umständen fatale finanzielle Folgen

haben. Besonders wichtig: Jede elektronische

Rechnung muss genau wie die

Papierform zehn Jahre lang unverändert

aufbewahrt werden und nachlesbar sein.

Seit Anfang 2015 geben die „Grundsätze

zur ordnungsmäßigen Führung und Aufbewahrung

von Büchern, Aufzeichnungen

und Unterlagen

in elektronischer Form sowie

zum Datenzugriff“,

kurz GoBD, den rechtlichen

Rahmen für die

eRechnung vor. Briefe

und Belege müssen

ZUR PERSON

Anet Jehmlich ist Diplom-

Kauffrau, Steuerberaterin und

Geschäftsführerin bei der HLB Dr.

Schumacher Leipzig GmbH. Ihre Tätigkeitsschwerpunkte

liegen in der Erstellung

von Jahresabschlüssen und

betrieblichen Steuererklärungen, der

Begleitung bei steuerlichen Außenprüfungen

sowie im Erbschaft- und Schenkungsteuerrecht

und der steuerlichen

Beratung von Privatpersonen.

HLB Deutschland ist ein 1972 gegründetes

Netzwerk von 20 selbstständigen

und unabhängigen Wirtschaftsprüfungs-

und Steuerberatungsgesellschaften

an 34 Standorten in Deutschland.

beispielsweise im

empfangenen Format

aufbewahrt werden; bei

Konvertierung in ein firmeneigenes

System sind beide Versionen zu

archivieren. Eine PDF-Datei der Rechnung

ist am sichersten, denn der Unternehmer

muss garantieren, dass die Rechnung nicht

verändert wurde. Wer die eingehenden

Rechnungen ausdruckt und nur die Papierform

aufbewahrt, kann rückwirkend den

Vorsteuerabzug verlieren. In zehn Jahren

kann da eine beträchtliche Summe zusammenkommen.

Für den Rechnungseingang

empfehle ich eine zentrale E-Mail-Adresse

wie „rechnung@musterfirma.de“. Wichtig

ist auf jeden Fall auch eine regelmäßige Datensicherung.

Die Vorteile der

eRechnung indes

liegen auf der Hand:

Jeder Berechtigte kann

zentral darauf zugreifen,

muss also nicht erst umständlich

die Belege im Archiv

suchen. Zudem muss kein Papierarchiv

mehr geführt werden, was

der Umwelt und dem Platzanspruch in

den Firmenräumen gleichermaßen zugutekommt.

Außerdem fallen für den Rechnungsversand

keine Portokosten mehr an

und eingehende Rechnungen müssen nicht

manuell eingescannt werden. Vor allem für

Unternehmen, die viele Belege haben und

häufig darauf zugreifen müssen, lohnt sich

die eRechnung. Unternehmen, die zudem

eine automatisierte Verarbeitung aller Rechnungsdaten

einführen, profitieren besonders.

Dabei werden alle Rechnungen automatisch

in der firmeneigenen Buchhaltung

erfasst und weiterverarbeitet.


Anet Jehmlich

Fotos: leszekglasner/fotolia.com (oben), phyZick/fotolia.com (unten), HLB (Mitte)

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


Aufpassen bei Fußballkarten

VIP-Logen und Firmengeschenke im Fokus der Finanzämter

Foto: Dynamo Dresden (oben), phyZick/fotolia.com (unten)

Der Verkauf von Karten für VIP-

Logen, Business-Seats und ähnlichem

bei RB Leipzig läuft auf

Hochtouren. Viele Firmen kaufen Karten,

um ihre Geschäftspartner zu einem

Fußballspiel einladen zu können. Der Absatz

boomt. Doch Vorsicht, das Finanzamt

schaut genau hin, wenn es um die

steuerliche Absetzbarkeit von solchen

Firmeneinladungen geht.

Wer als Unternehmer seinen Geschäftspartner

beschenkt, zum Beispiel mit einem

Besuch in der VIP-Loge von Leipzig,

konnte in der Vergangenheit schnell

in Konflikt mit dem Fiskus kommen.

Grundsätzlich gilt für VIP-Logen die

40-30-30-Regel: 40 Prozent können als

Werbeanteil geltend gemacht werden, 30

Prozent entfällt auf die Geschenkeregelung

und auch die Bewirtung kann mit 30

Prozent angerechnet werden. So weit, so

kompliziert und immer anders bei unterschiedlich

ausgestalteten VIP-Logenangeboten,

Business-Seats und so weiter.

Doch was bedeutet dies konkret in der

Praxis? Das ist nicht so einfach, denn

man muss die Neuerungen der unterschiedlichen

Regelungen und ihre Ausnahmen

kennen. So muss man zum Beispiel

die Geschenkesteuer genauer unter

die Lupe nehmen, um zu wissen, was

steuerrechtlich möglich ist.

Diese Steuer gilt zunächst grundsätzlich

für alle Geschenke, denn in der Geschäftswelt

ist es ja üblich, dem Geschäftspartner

ab und an ein Präsent zu

machen. Das kann ein schönes Füllerset

sein, eine Flasche Rotwein oder gar ein

Besuch im Fußballstadion. Hierbei gilt die

Regelung, dass der Beschenkte, sei es

ein Kunde oder auch der Arbeitnehmer

des Unternehmens, diese Geschenke

versteuern muss. Jedoch können Unternehmen

die Steuerpflicht des Beschenkten

übernehmen, indem sie die Eintrittskarte

ins Fußballstadion oder die teure

Flasche Rotwein selbst versteuern mit

einem pauschalen Steuersatz von 30 Prozent

(zuzüglich Solidaritätszuschlag und

Kirchensteuer). Mit dieser pauschalen

Steuer ist die Steuerpflicht des Empfängers

dann abgegolten. Doch Achtung,

dazu gibt es einige Ausnahmen, die es

lohnt zu kennen.

Nach vier Entscheidungen des Bundesfinanzhofes

hat das Bundesfinanzministerium

im vergangenen Jahr seine Verwaltungsanweisung

geändert. Danach sind

Geschenke an ausländische Geschäftspartner

steuerfrei, da diese generell keine

Steuerpflicht trifft. Auch bei Geschenken

unter einem Wert von zehn Euro (inklusive

Mehrwertsteuer) entfällt die Steuerpflicht,

weil es sich um sogenannte

Streuartikel handelt. Bei dem Mitarbeiter,

der den Kunden ins Fußballstadion

begleitet, steht die betriebliche Veranlassung

im Vordergrund, die Eintrittskarte

ist in diesem Fall nicht als Geschenk anzusehen,

so dass auch hier keine Steuerpflicht

entsteht.

In der Praxis muss das Unternehmen

also folgendermaßen vorgehen: Dem Geschenk-Empfänger

ist mitzuteilen, dass

die Steuer übernommen wird. Wenn die

Entscheidung zur Übernahme der Geschenkesteuer

steht, gilt diese pauschal

innerhalb eines Jahres für alle Geschäftspartner,

ein Wahlrecht existiert hier nicht.

Und wenn das Geschenk als Betriebsausgabe

abgesetzt werden kann, kann auch

die Geschenkesteuer abgesetzt werden.

Endlich also mehr Klarheit in Bezug auf

die Geschenkesteuer und eine vereinfachte

Praxis, die in manchen Fällen sogar zu

Steuererleichterungen führen kann.


Anet Jehmlich

www.WundM.info WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


50 | W+M RATGEBER RECHT

Urteile für

Unternehmer

WIRTSCHAFT+MARKT hat interessante

Richtersprüche zusammengestellt

Mindestlohn

Arbeitgeber dürfen Sonderzahlungen

auf Mindestlohn anrechnen

Bisher gewährte Sonderzahlungen wie

Urlaubs- und Weihnachtsgeld können in

bestimmten Fällen vom Arbeitgeber auf

den gesetzlichen Mindestlohn angerechnet

werden, um die gesetzliche Lohnuntergrenze

von 8,50 Euro pro Stunde zu

erreichen. Das entschied das Bundesarbeitsgericht

(BAG).

Der Arbeitgeber schuldet den gesetzlichen

Mindestlohn für jede tatsächlich

geleistete Arbeitsstunde. Er erfüllt den

Anspruch durch die als Gegenleistung für

Arbeit erbrachten Entgeltzahlungen, soweit

diese dem Arbeitnehmer endgültig

verbleiben. Die Erfüllungswirkung fehlt

nur solchen Zahlungen, die der Arbeitgeber

ohne Rücksicht auf tatsächliche Arbeitsleistung

des Arbeitnehmers erbringt

oder die auf einer besonderen gesetzlichen

Zweckbestimmung beruhen.

Im vorliegenden Fall wurde dem Kläger

das Urlaubs- und Weihnachtsgeld in zwölf

Teilen monatlich neben dem Gehalt ausgezahlt.

Der Kläger wollte erreichen, dass

sein Monatsgehalt und die Jahressonderzahlungen

ebenso wie die vertraglich zugesagten

Zuschläge für Mehr-, Nacht-,

Sonn- und Feiertagsarbeit auf Basis des

gesetzlichen Mindestlohns in Höhe von

8,50 Euro brutto pro Stunde gezahlt werden.

Das BAG entschied nun, dass der

Kläger aufgrund des Mindestlohngesetzes

keinen Anspruch auf erhöhtes Monatsgehalt,

erhöhte Jahressonderzahlungen

sowie erhöhte Lohnzuschläge hat.

Der gesetzliche Mindestlohn tritt als eigenständiger

Anspruch neben die bisherigen

Anspruchsgrundlagen, verändert diese

aber nicht. Der nach den tatsächlich

geleisteten Arbeitsstunden bemessene

Mindestlohnanspruch des Klägers sei erfüllt

worden, denn auch den vorbehaltlos

und unwiderruflich in jedem Kalendermonat

geleisteten Jahressonderzahlungen

kommt Erfüllungswirkung zu.

BAG, 5 AZR 135/16

AGB-Klauseln

Klausel zur Haftungsbeschränkung

muss verständlich sein

Das Amtsgericht (AG) München hat entschieden,

dass eine Haftungsbeschränkung

in Allgemeinen Geschäftsbedingungen

auf Vorsatz und grobe Fahrlässigkeit

dann unwirksam ist, wenn die Klausel unverständlich

ist.

Der Kläger des zugrunde liegenden Streitfalls

ist Mitglied in einem Verein zur Wahrnehmung

und Förderung der Interessen

des Kraftfahrzeugwesens. Der Mitgliedsvertrag

beinhaltet die Verpflichtung zur

Pannen- und Unfallhilfe, um die Fahrbereitschaft

des Fahrzeugs herzustellen. In

den allgemeinen Vertragsbedingungen

des Vereins findet sich eine Klausel, die die

Haftung des Vereins auf grob fahrlässiges

oder vorsätzliches Verhalten beschränkt.

Beim Versuch, das Auto des Klägers durch

einen Pannenhelfer zu öffnen, ging die

Windschutzscheibe zu Bruch. Der Kläger

lies diese austauschen und verlangte

den Schaden vom Verein ersetzt. Dieser

berief sich auf seine vertraglichen Haftungsbeschränkungen

und verweigerte

die Zahlung. Die Klausel der Allgemeinen

Geschäftsbedingungen, die die Haftung

des Vereins auf grob fahrlässiges oder vorsätzliches

Verhalten beschränkt, ist nach

Auffassung des Gerichts aber unwirksam.

Denn es sei laut Gericht für einen

typischen Verbraucher nicht hinreichend

verständlich, was die Haftungsbeschränkung

umfasst, weil der Begriff „wesentliche

Hauptpflichten” zu vage ist und weder

durch eine abstrakte Erklärung noch durch

Regelbeispiele näher erläutert werde.

AG München, 274 C 24303/15

Datenschutz

Kein Schadensersatz bei

Videoüberwachung nach Sabotage

Ein Arbeitgeber, der Produktionsräume

zwei Monate lang per Video überwachen

lässt, ohne die Mitarbeiter hierüber zu informieren,

weil es zuvor zu Sabotageakten

bei der Produktion gekommen war,

schuldet den Mitarbeitern nicht zwangsläufig

Schadensersatz wegen einer Persönlichkeitsverletzung.

Dies geht aus einer Entscheidung des

Landesarbeitsgerichts (LAG) Sachsen-Anhalt

hervor. Nach dem Datenschutzgesetz

ist die Installation einer Videoanlage zwar

verboten, gleichwohl besteht in dieser Situation

für den Arbeitgeber ein nachvollziehbarer

Anlass, diese Maßnahme zu ergreifen.

Das Gericht wies die Schadensersatzklage

des Mitarbeiters ab. Die Überwachung

hat sich auf einen relativ kurzen

Zeitraum des Arbeitsverhältnisses (zwei

Monate) bezogen. Weiter beschränkte

sich die Videoüberwachung auf den Produktionsbereich.

Eine Beobachtung des

Klägers in Bereichen, in denen seine Privatsphäre

hätte tangiert sein können, zum

Beispiel Umkleideräume oder Pausenräume,

hat nicht stattgefunden. Die Beobachtung

hat sich auch nicht gezielt gegen den

Kläger gerichtet, sondern erstreckte sich

auf den gesamten Produktionsbereich des

Unternehmens. Der Mitarbeiter stand mithin

nicht im Fokus der Beobachtung.

LAG Sachsen-Anhalt, 6 Sa 301/14

W+M

Foto: AllebaziB/fotolia.com, Quelle: www.kostenlose-urteile.de

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


RATGEBER INSOLVENZ | 51

Von allen

Schulden

befreit

Die Restschuldbefreiung durch einen

Insolvenzplan ist schneller und effektiver als

eine gerichtliche Restschuldbefreiung

Fotos: Africa Studio/fotolia.com (oben), Stapper (unten)

Wer Schulden hat und die Restschuldbefreiung

erreichen will,

kann versuchen, sich mit seinen

Gläubigern zu einigen. Die Gläubiger

bekommen dann einen Teil ihrer Forderungen

bezahlt und verzichten auf den Rest.

Wem das nicht gelingt, der kann die Eröffnung

des Insolvenzverfahrens über sein

Vermögen mit dem Ziel der Restschuldbefreiung

beantragen. Wer völlig vermögenslos

ist und die Kosten des Insolvenzverfahrens

nicht bezahlen kann, bekommt die

Restschuldbefreiung dann nach sechs Jahren,

wer die Kosten des Insolvenzverfahrens

bezahlt nach fünf Jahren und wer zusätzlich

35 Prozent der Forderungen seiner

Gläubiger bedienen kann nach drei Jahren.

Allerdings sind von der Restschuldbefreiung

manche Schulden ausgeschlossen:

Verbindlichkeiten aus unerlaubter Handlung,

einige Unterhaltspflichten, gewisse

Steuerforderungen, Geldstrafen und gleichgestellte

Verbindlichkeiten sowie spezielle

Darlehensschulden. Eine gerichtliche Restschuldbefreiung

dauert also lange und befreit

nicht von allen Schulden.

Dr. Florian Stapper,

Fachanwalt für Insolvenzund

Steuerrecht und Inhaber

von STAPPER Insolvenzund

Zwangsverwaltung.

Der Insolvenzplan dagegen

kann in wenigen

Monaten rechtskräftig

sein und befreit von allen Schulden,

auch von denen, die in einem gerichtlichen

Restschuldbefreiungsverfahren bestehen

bleiben. Nach neuerem Recht gilt das sogar

für Verbraucher. Mit dem Insolvenzplan

wird den Gläubigern in der Regel eine

etwas bessere Quote angeboten, als sie

ohne Insolvenzplan bekommen würden.

Außerdem können Dritte, das sind häufig

Familie und Freunde, aber auch andere,

die ein Interesse an der zügigen Restschuldbefreiung

haben, einen Zuschuss

geben. Gelegentlich wird der Zuschuss

auch nach der Restschuldbefreiung vom

fortgeführten Unternehmen bezahlt oder

es gibt Kombinationslösungen.

Sind Vermögensgegenstände – wie beispielsweise

technische Anlagen und Maschinen,

aber auch Immobilien – finanziert,

kann der Insolvenzplan grundsätzlich

auch regeln, wie die Finanzierung nach

Rechtskraft des Insolvenzplanes aussieht.

Gelegentlich ist es auch sinnvoll, dass ein

dem Schuldner wohlgesonnener Dritter

bestimmte Vermögensgegenstände

übernimmt und dem

Schuldner danach zur

Nutzung überlässt. Dabei

kann grundsätzlich

alles vereinbart werden,

was die Fantasie

und die Rechtsordnung

zulassen.

Wichtig ist nur, dass

die Gläubiger dadurch

nicht schlechter gestellt

werden. Erfahrene Insolvenzverwalter

handeln das im Vorfeld mit

dem Finanzierungspartner aus. Die Gläubiger

müssen dem Insolvenzplan dann in

einer Gläubigerversammlung zustimmen.

Es reicht aus, wenn die Mehrheit der Gläubigergruppen

die Zustimmung erteilt. Bei

schwierigen Gläubigern kann der Erfolg

des Insolvenzplanes daher auch von der

Gruppeneinteilung abhängen. Im Übrigen

entscheidet häufig das Geschick des Planverfassers.

Im Ergebnis bekommen alle

Gläubiger durch den Insolvenzplan eine

grundsätzlich etwas erhöhte Quote und

verzichten auf den Rest ihrer Forderungen.

Das gilt auch für diejenigen Forderungen,

von denen die gerichtliche Restschuldbefreiung

nicht befreit. Das Verfahren des

Insolvenzplans ist zwar kompliziert, aber

mit einem darauf spezialisierten Insolvenzverwalter

sind häufig hohe Erfolgsquoten,

teilweise bis zu 100 Prozent möglich. Der

Insolvenzplan ist schnell und beseitigt alle

Schulden. Somit ist er deutlich effektiver

als die gerichtliche Restschuldbefreiung.


Florian Stapper

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52 | W+M RATGEBER LITERATUR

Wirtschaftsliteratur

Die ostdeutsche

Bestsellerliste

1

2

3

6

7

5

8

4

9

10

Die ostdeutsche Bestsellerliste für

Wirtschaftsliteratur wird exklusiv von

W+M aus den Verkaufszahlen großer

Buchhandlungen in Brandenburg,

Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen,

Sachsen-Anhalt und Thüringen erstellt.

Beteiligt haben sich:

• Hugendubel Cottbus,

Mauerstraße 8, 03046 Cottbus

• Hugendubel Erfurt,

Anger 62, 99084 Erfurt

• Hugendubel Greifswald,

Markt 20–21, 17489 Greifswald

• Hugendubel Leipzig,

Petersstraße 12–14, 04109 Leipzig

• Hugendubel Potsdam,

Stern-Center 1, 14480 Potsdam

• Hugendubel Schwerin,

Marienplatz 3, 19053 Schwerin

• Ulrich-von-Hutten-Buchhandlung,

Logenstraße 8, 15230 Frankfurt/Oder

Die Teilnahme steht weiteren Buchhandlungen

jederzeit offen. Schreiben Sie bei

Interesse eine E-Mail an JP@WundM.info.

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


W+M RATGEBER BÜRO | 53

Multifunktionsdrucker für kleine und

mittlere Unternehmen

Alleskönner fürs Büro

Um Dokumente im Büro reibungslos zu

verarbeiten, werden an moderne Drucker

vielfältige Anforderungen gestellt.

Ohne Multifunktionsgeräte (MFP, multi-funktion

printer), die drucken, kopieren,

scannen und faxen, kommt man

im Büro kaum noch aus. Dabei spielen

umfassende Funktionen – bei leichter

Bedienung –, eine hohe Druckqualität

und Zuverlässigkeit bei der Auswahl des

richtigen Druckers die Hauptrollen. Oft

müssen Drucker auch in der Lage sein,

von kleinen Formaten hin bis zu DIN A3

drucken zu können.

Vier ausgewählte und für kleine und

mittlere Unternehmen konzipierte Drucker

möchten wir Ihnen hier vorstellen:

den bizhub C227 von Konica Minolta,

den Kyocera TASKalfa406ci, den

MC873 von OKI und den Ricoh MP-

3004SP.

Der bizhub C227 von Konica Minolta

kann auch von iOS oder Android basierten

Mobilgeräten drucken und scannen.

Fotos: Konica Minolta (oben), OKI Electric Industry (links), Ricoh (Mitte), Kyocera (rechts)

Der MC873 von OKI bietet durch die

Kooperation mit Drivve eine optimierte

Scan-Lösung.

Konica Minolta

bizhub C227

Der Ricoh MP C3004SP besitzt mit maximal

4.700 Blatt die größte Papierkapazität und mit

10,1 Zoll das größte Touch-Display.

Kyocera

TASKalfa406ci

Der TASKalfa406ci von Kyocera verfügt als

DIN-A4-System über die umfangreichen

Funktionen, die vorher nur DIN-A3-

Systeme besaßen. Ein nicht standardmäßig

integriertes Fax kann nachgerüstet werden.

OKI MC873

Ricoh MP C3004SP

Druckgeschwindigkeit

(bei DIN A4)

22 Seiten/Minute 40 Seiten/Minute 35 Seiten/Minute 35 Seiten/Minute

Druckauflösung 600 dpi 1.200 dpi 1.200 dpi 1.200 dpi

Scangeschwindigkeit bis zu 45 Seiten/Minute 120 Seiten/Minute 50 Seiten/Minute 80 Seiten/Minute

Aufwärmzeit (ca.) 20 Sekunden 24 Sekunden 32 Sekunden 26 Sekunden

Papiervorrat (max.) 3.600 Blatt 3.100 Blatt 2.005 Blatt 4.700 Blatt

Ausgabekapazität (max.) 3.300 Blatt 3.200 Blatt 250 Blatt keine Angaben

Maße (Breite x Tiefe x Höhe) 585 x 660 x 735 mm 550 x 507 x 613 mm 563 x 600 x 700 mm 587 x 685 x 913 mm

Preis (UVP) 3.990 € ab 3.990 € ab 3.414,11 € 7.800 €

Webseite www.konicaminolta.de www.kyocera.de www.oki.de www.ricoh.de

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54 | W+M NETZWERK

Antje Arnold vom Q 206 mit ihrem Flight.

5. Golfturnier für Freunde

Florida Scramble im A-ROSA

Sieger (brutto) Jörg Lengauer, Georg Radde, Grit und

Andy Gerber (v. l.) mit Kornelia Brocke (M.) und Frank

Nehring (2. v. l.) von W+M.

Am 9. Mai 2016 fand bereits

zum fünften Mal unser Golfturnier

für Freunde des Magazins

WIRTSCHAFT+MARKT statt. Dieses

Jahr waren wir im A-ROSA-Golfresort

Scharmützelsee auf dem legendären Arnold-Palmer-Platz.

Dank Florida-Scramble

wurde noch taktischer im Team gespielt.

Ein gelungener Tag mit tollen Teilnehmern,

sonnigem Wetter, leckerem

Essen & Trinken und einer Menge Spaß

am schönen Spiel! Wir danken allen

Sponsoren und Unterstützern und freuen

uns schon aufs nächste Jahr. Save the

date: 8. Mai 2017.

W+M

Bernd Klotz, Frank Nehring,

Thomas Süss und Ron Uhden (v. l.).

Beim Get-together.

Die Teilnehmer des Schnupperturniers.

Dank an alle Sponsoren und Unterstützer.

Fotos: W+M

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


GESELLSCHAFT | 55

Wirtschaftsball der Region Mecklenburg

Gute Laune – nicht nur bei den

Unternehmern des Jahres

Die Band „Baltic Rock Bonanza“ sorgte

für Stimmung.

Die drei führenden Vertreter der

mecklenburgischen Wirtschaft –

der Unternehmerverband Norddeutschland

Mecklenburg-Schwerin e. V.,

die IHK zu Schwerin und die Handwerkskammer

Schwerin – luden zum jährlichen

gemeinsamen Wirtschaftsball am

23. April 2016 in die Sternenhalle der Mercedes-Benz-Niederlassung

Schwerin.

Im Beisein der rund 200 Gäste aus Wirtschaft,

Politik und Medien wurde auch

der Preis „Unternehmer des Jahres“ vergeben,

mit dem seit 1993 herausragende

unternehmerische Leistungen gewürdigt

werden. In diesem Jahr ging der Preis an

Andreas Hüttmann, Rüdiger Thieke und

Volker Bornkessel vom Brauhaus Vielank.


W+M

Die Mercedes-Benz-Niederlassung

Schwerin wurde zum Festsaal umgebaut.

Viele Gäste nutzten die Gelegenheit zum Tanzen.

Fotos: maxpress

Harry Glawe, Andreas Hüttmann, Rolf

Paukstat, Rüdiger Thieke, Ulrich Kempf (v. l.).

Rolf Paukstat, Michael und Matthias

Maack und Volker Jödicke (v. l.).

Rolf Paukstat, Karin Winkler, Dirk

Wernicke und Pamela Buggenhagen (v. l.).

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56 | W+M NETZWERK GESELLSCHAFT

Die Santa Maria

Manuela auf

hoher See.

16. SACHSEN Sail

Wirtschaft – Kontakte – neue Horizonte

Die Segler der SACHSEN Sail 2016.

Die SACHSEN Sail, die in diesem

Jahr vom 20. bis 24. Mai 2016

stattfand, führte über 50 Unternehmer

mit dem Segelschiff Santa Maria

Manuela von Warnemünde nach Kopenhagen

und zurück. Begleitet von zahlreichen

Fachvorträgen und Diskussionen

rund um das Thema Energiewende war

es wieder eine Unternehmerreise der

besonderen Art. Fünf Tage auf See, fünf

Tage voller intensiver Gespräche und sicher

ist dort auch manch neue Idee geboren

worden. Die SACHSEN Sail ist eine

geniale Idee und ein Beweis dafür, wie

wertvoll es ist, sich Zeit zum Netzwerken

zu nehmen. Den Organisatoren der Tour,

dem SACHSEN Sail Club Leipzig e. V.,

gebührt Anerkennung für die hervorragende

Initiative und perfekte Organisation.

2017 geht es erneut auf große

Fahrt. Fünf Sterne vom Medienpartner

WIRTSCHAFT+MARKT. W+M

Karl-Heinz Garbe, Lars Schaller, Frank

Nehring, Thomas Prauße, Wolfgang

Schröder, Hartmut Bunsen und Manuela

Balan (v. l.).

Hartmut Bunsen beaufsichtigt

das Setzen der Segel.

Während der Podiumsdiskussion zum Thema

„Energiewende – Schwerpunkt Windkraft“.

Fotos: Claudia Koslowski/PIXAPOOL.com

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


18. Brandenburger Unternehmertag

Tourismuswirtschaft in Brandenburg

Der diesjährige Brandenburger Unternehmertag im

Hotel Bayrisches Haus Potsdam fand am 14. April

2016 statt. Thema des gut besuchten Treffens war

die Tourismuswirtschaft, die sich in Brandenburg zu einem

wichtigen Wirtschaftsfaktor entwickelt hat. W+M

Touristenmagnet:

Das Schloss Sanssouci in Potsdam.

Interessierte Zuhörer beim Brandenburger Tourismustag im Hotel Bayrisches Haus Potsdam.

Übernachtungen in Brandenburg

Kulturelle Highlights

Fotos: G.Reiche/WirtschaftsForum Brandenburg, Möller Mediengruppe (oben rechts), Quelle Schaubilder: Landestourismuskonzept Brandenburg

1992: 4,63 Millionen

2015: 12,5 Millionen

Umsätze im Tourismus

2003: 2,5 Millionen Euro

2015: 4,3 Millionen Euro

Hotels in Brandenburg

1992: 724 Hotels

2014: 1.634 Hotels

• 500 Schlösser und Herrenhäuser

• 400 Museen

• 1.600 Kloster- und

Dorfkirchen

• 31 historische Stadtkerne

Für Radfahrer

• 11.600 km ausgeschilderte Radwege

• 496 Bett&Bike-Betriebe

Für Erholungssuchende

• 23 staatlich anerkannte Kurund

Erholungsorte

• 18 Thermen und

Erlebnisbäder

Staatssekretär Hendrik Fischer vom

Brandenburger Wirtschaftsministerium.

Gute Gespräche unter den Tourismus-

Experten.

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58 | W+M NETZWERK

5. UV-Business Challange

Golfen in Serrahn

Am 27. Mai trafen sich wieder golfbegeisterte

Unternehmer zur jährlichen

Business-Challenge, die die

regionalen Unternehmerverbände Mecklenburg-Vorpommerns

in Zusammenarbeit

mit der Interessengemeinschaft der Unternehmerverbände

Ostdeutschland und

Berlin organisierten. Diesjähriger Austragungsort

war der Golfplatz des Van-der-

Valk-Golfhotels Serrahn. Bei hervorragendem

Wetter konnten sich die Spieler

von den Tücken des Platzes überzeugen,

während sich über 20 Schnupperer unbeschwert

einen ersten Eindruck von den

Schönheiten und Herausforderungen des

Golfsports verschafften. Beim anschließenden

Barbecue wurden auch wieder attraktive

Preise verliehen. W+M

Gute Laune auf

der Driving Range.

Die Veranstalter Frank Haacker, Manuela

Balan, Pamela Buggenhagen und Rolf

Paukstadt (v. r.).

Nach dem Spiel beim Barbecue.

Anja Hausmann (M.) mit den UV-

Geschäftsführerinnen Manuela Balan (l.) und

Pamela Buggenhagen bei der Preisverleihung.

Kanonenstart

pünktlich um

10:00 Uhr

durch

Organisatorin

Manuela Balan.

Fotos: UV Rostock

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


GESELLSCHAFT | 59

Beach Polo World Masters

Polo in Warnemünde

Die großen Polo-Turniere in St. Moritz,

Kitzbühel oder auf Sylt haben vieles,

aber keinen Ostseestrand. Bei unschlagbar

schönem Wetter fanden vom 3.

bis 5. Juni nun schon zum zweiten Mal die

Aston Martin Berlin Beach Polo World Masters

am Strand von Warnemünde statt. Organisator

Matthias Ludwig hat es wieder geschafft,

sein Turnier größer und damit das

Ostseebad zu einem Hotspot für den Polosport

werden zu lassen. Von der Faszination

dieses Sports konnten sich die vielen Strandbesucher

ebenso wie die geladenen Gäste

und Sponsoren persönlich überzeugen.

Jan-Erik Franck, der wohl unterhaltsamste

Polo-Experte, kommentierte die Spiele

in gewohnter Weise. Selbst Mecklenburg-

Vorpommerns Landwirtschaftsminister Dr.

Till Backhaus, bekennender Tier- und Pferdefreund,

ließ es sich nicht nehmen, dem

Event beizuwohnen. Er würdigte das Poloturnier

als einen sportlichen, kulturellen

und wirtschaftlichen Höhepunkt und dankte

dem Veranstalter für sein persönliches

Engagement. Das Turnier endete mit folgenden

Platzierungen: 1. ARGE Haus, 2.W&N

Immobilien, 3. Aston Martin Berlin, 4. SGB

Berlin/RWG 1, 5. Kühne Pool & Wellness/

Sanddorn Naturfreunde MV, 6. BMW - MINI

WIGGER/Warnemünder Hof. W+M

Polo-Ponys – die

besonderen Pferde.

Das Gewinnerteam von ARGE

Haus mit Philipp Zimmermann (l.)

und Wolfgang Kailing.

Jan-Erik Franck – The Voice of Polo.

Polo-Riviera-Chef und Veranstalter Matthias

Ludwig (r.) mit W+M-Medienpartner Frank Nehring.

Mecklenburg-Vorpommerns

Landwirtschaftsminister Dr. Till Backhaus –

Ehrengast beim Polo-Turnier.

Polo ist nicht nur

etwas für Männer.

Fotos: Ralf Succo/succomedia

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60 | W+M NETZWERK

Wo Allradfahrzeuge

das Laufen lernen

Ein Unimog der neusten Generation auf

dem „Festen Geröllhang“ von Horstwalde.

Nur auf dem Computer lassen sich neue Fahrzeuge nicht entwickeln.

Zeitraffende Erprobung auf Prüfständen und im Fahrversuch sind

nach wie vor notwendig. Fahrzeughersteller nutzen die Verkehrs-

Versuchsanlage in Horstwalde, welche von einem gemeinnützigen

Förderverein instandgehalten und vermarktet wird. Auch der VBIW

ist Mitglied des Fördervereins und unterstützt dessen Ziele.

Von Dr. Klaus Urban und Rudolf Miethig

Horstwalde (Baruth/Mark). 1938 hatte

hier die Wehrmacht eine bis dahin einmalige

Geländeerprobungs-Anlage für

Rad- und Kettentechnik in die Sanddünen

gesetzt. Geländefahrzeuge konnten

so unter reproduzierbaren Bedingungen

erprobt werden. Dazu wurden Steigungsund

Verwindungsbahnen, Kletterstufen,

diverse Geröllhänge sowie Wasser- und

Schlammdurchfahrten eingebaut.

Ab 1950 gab es wieder erste Werkserprobungen

von Geländewagen, und

von 1957 bis 1990 betrieb die Nationale

Volksarmee das Versuchsgelände, wobei

auch die Fahrzeugbauer aus Zittau (Robur)

und Ludwigsfelde (W50/L60) ihre

geländegängigen Fahrzeuge hier erproben

durften. Nach der Wiedervereinigung

übernahm die Bundesanstalt für Materialforschung

und -prüfung (BAM) das Territorium

und errichtete dort ihr Testgelände

Technische Sicherheit. In dessen südlichem

Teil liegt die besagte Anlage. Der

Förderverein der Verkehrs-Versuchsanlage

Horstwalde e. V. (FKVV) ist Mieter

bei der BAM und vermarktet und unterhält

diese zur Freude der Unteren Denkmalschutzbehörde

und zum Nutzen von

Fahrzeugherstellern sowie deren Zulieferern.

Das Denkmal lebt, es dient der Entwicklung

von Fahrzeugen.

Der Versuchsbetrieb an durchschnittlich

120 bis 150 Tagen sowie Wind und Wetter

mit unzähligen Frost-Tau-Zyklen hinterlassen

naturgemäß ihre Spuren. Ein

Modul der Anlage, der „Feste Geröllhang“

mit bis zu 35 Prozent Steigung,

musste saniert werden – denkmalgerecht.

Auf ihm wird das Zusammenspiel

im System Reifen-Rad-Welle-Getriebe-

Motor untersucht. Und genau hier liegt

auch die Ursache für den Sanierungsfall.

Durch den sehr rauen und zudem welligen

Belag aus Felsbrocken wird das Abrollen

der Räder empfindlich gestört. Das

Fahrzeug schaukelt, es resultieren starke

Lastwechsel an den Rädern. Zudem erfolgen

die Versuchsfahrten teilweise mit

gesperrtem Differenzial. Dadurch beginnen

die Räder beim Auftreffen auf dem

festen Untergrund regelrecht zu mahlen.

Die Bau-Dokumentation aus 1938 lag

nicht vor, so musste der grundsätzliche

Aufbau der Fahrbahn ermittelt, die

Güte des Vergussbetons bestimmt und

das Deckgestein mineralogisch charakterisiert

werden. Es stellte sich heraus,

dass die Porphyrsteine aus dem Steinbruch

von Löbejün (Saalekreis in Sachsen-Anhalt)

stammten. Von dort konnte

der Förderverein das Material erneut

beschaffen. Ende Februar 2016, gleich

nach der Frostperiode, wurden die neuen

Porphyrbrocken in Beton gesetzt und

konnten so noch rechtzeitig vor den ersten

Versuchsfahrten abbinden. Eine bisher

einmalige Sanierung in der Vereinsgeschichte.

W+M

Foto: Mercedes-Benz Special Trucks

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


VBIW | 61

Nachhaltige Energie-Eigenversorgung

Wellmitz. VBIW-Mitglieder aus Eisenhüttenstadt

besuchten die Biogasanlage

der Agrargenossenschaft Neuzelle e. G.

in Wellmitz. Der Vorstandsvorsitzende der

Genossenschaft Frank Matheus führte die

Gäste durch die Anlage.

Täglich werden 15 Tonnen Mais-Silage der

Anlage zugeführt. Daneben noch Gras-Silage

und die Gülle aus der Schweinemast.

Alle Einsatzstoffe produziert die Agrargenossenschaft

selbst, wofür nur etwa zehn

Prozent der Ackerfläche genutzt werden.

Auf dieser Grundlage entstehen in den

Fermentern pro Tag circa 5.200 Nanokubikmeter

Biogas. Mit dem wird in einem

Blockheizkraftwerk (BHKW) Elektroenergie

erzeugt, die zu 50 Prozent von der Genossenschaft

selbst verbraucht wird. Den

Rest erhält das Stromnetz. Die Abwärme

des Gasmotors, welcher Bestandteil des

BHKW ist, dient der Beheizung der Fermenter,

der Ställe und Gebäude sowie der

Warmwasserbereitung. Die Reste aus den

Gärbehältern werden als Dünger ausgebracht.

Die Teilnehmer gewannen die Erkenntnis,

dass Biogasanlagen einen effektiven

und sinnvollen Beitrag zur Erzeugung

Erneuerbarer Energie leisten, deren Förderung

fortgesetzt werden sollte, natürlich

mit den richtigen Anreizen. Den Vorschlag,

Grasschnitt von den Freiflächen,

die durch Wohnungsrückbau in Eisenhüttenstadt

entstanden sind, für die Biogaserzeugung

zu nutzen, erachtet Matheus auf

der Grundlage derzeitiger Förderbedingungen

für nicht praktikabel.


Helmut Kummich (VBIW)

Der Fermenter der Biogasanlage in Wellmitz

im Südosten Brandenburgs.

Rettung des Stahlstandorts

Fotos: Helmut Kummich (VBIW, oben), Bernd Geller (VBIW, unten)

Prof. Döring vor dem industriellen Leuchtturm.

Eisenhüttenstadt. Der VBIW-Ortsverein

Eisenhüttenstadt hatte zu einer Veranstaltung

mit VBIW-Mitglied Professor Dr.

Karl Döring geladen. Nicht nur Mitglieder

kamen zahlreich, da Professor Döring wegen

seines Einsatzes bei der Rettung des

Stahlstandorts Eisenhüttenstadt in der Region

und in der Branche auch heute noch

hohe Anerkennung genießt. Dabei stellte

er auch sein Buch „EKO – Stahl für die

DDR, Stahl für die Welt" vor.

Döring war von 1985 bis 1990 Generaldirektor

des Bandstahlkombinats und wurde

nach dessen Umwandlung in eine Aktiengesellschaft

1990 Vorstandsvorsitzender

der neuen EKO STAHL AG. Das Stahlwerk

in Eisenhüttenstadt zu errichten, sei

eine außerordentliche Leistung der DDR

gewesen. Das Buch habe er auch deshalb

geschrieben, um jenen den Wind aus den

Segeln zu nehmen, welche die DDR allein

auf „marode“ und „bankrott“ reduzieren

wollen. Der heute 79-Jährige schilderte,

wie schwierig es war, das EKO zu

retten, wie 1997 der metallurgische Zyklus

durch ein Warmwalzwerk geschlossen

wurde und das Werk nach zweifachem Namenswechsel

schließlich Teil des Weltkonzerns

ArcelorMittal wurde (siehe auch

W+M 3/2014). Döring könne die Zukunft

nicht voraussagen, sieht die des EKO aber

optimistisch. Jutta Scheer (VBIW)

VBIW – Verein Brandenburgischer

Ingenieure und Wirtschaftler e. V.

Landesgeschäftsstelle:

Fürstenwalder Str. 46,

15234 Frankfurt (Oder),

Tel.: 0335 8692151

E-Mail: buero.vbiw@t-online.de

Internet: www.vbiw-ev.de

www.WundM.info WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


62 | W+M NETZWERK

UV Norddeutschland Mecklenburg-Schwerin

AUF EINEM GUTEN WEG

Verbandspräsident Rolf Paukstat zog Bilanz.

Plau am See. Am 12. Mai

fand in Plau am See die

Mitgliederversammlung

des Unternehmerverbands

Schwerin statt. In seinem

Rechenschaftsbericht gab

Präsident Rolf Paukstat einen

Überblick über die geleistete

Arbeit im zurückliegenden

Jahr. Die große

Resonanz der Wirtschaft,

Politik, Verwaltung und

Medien zeige, dass sich

der Verband als mitgliederstärkster

Regionalverband

in Mecklenburg-Vorpommern hervorragend

etabliert habe. Man verzeichnete 68

neue Mitglieder im Verband. Geschäftsführerin

Pamela Buggenhagen ergänzte

den Rechenschaftsbericht um die Darstellung

der finanziellen Situation des Verbandes.

Diese zeigt sich stabil und zukunftsfähig.

Der weitere Ausbau der Mitgliedszahlen,

die Fortsetzung der Angebote und

Leistungen für die Mitglieder auf hohem

Niveau sowie die Umsetzung von Projekten

im Sinne der Mitgliedsunternehmen

stehen nach wie vor im Fokus und sind

entscheidend für die weitere positive wirtschaftliche

Entwicklung des Verbandes.

UV Brandenburg-Berlin

NEUE BERATUNGSSTELLE FÜR INTEGRATION

Potsdam. Das Politische Wirtschaftsfrühstück

der Konrad-Adenauer-Stiftung beschäftigte

sich am 10. Mai in Potsdam mit

der Frage: Was bedeuten die Flüchtlingsströme

für die Wirtschaft? Vor Ort war IHK-

Präsidentin Beate Fernengel und berichtete

über das Welcome Integration Network

Integration-Center, eine Beratungsstelle für

Flüchtlinge und Unternehmen bei der IHK,

die im Mai ihre Tätigkeit aufnahm. Der Unternehmerverband

unterstützt auch das

Netzwerk HelpTo und wirbt in den eigenen

Reihen um Praktikumsplätze und Ausbildungsstellen

für Migranten. Wie kompliziert

das in der Praxis ist, machte die kontroverse

Diskussion in der Runde deutlich.

Die Vollversammlung der IHK hat sich im

April per Resolution für die Beschleunigung

der Asylverfahren, eine gezielte Anwerbung

von Fachkräften aus dem Ausland, die Abschaffung

der Vorrangprüfung bei Flüchtlingen,

einen schnelleren Zugang zu Betriebspraktika,

die Garantie eines befristeten Bleiberechts

nach einer Berufsausbildung, die

frühzeitige Erkennung und Anerkennung von

Qualifikationen sowie die Sprachförderung

als Kern der Integration ausgesprochen.

DIGITALISIERUNG IM FOKUS

Teltow. Am 26. Mai 2016 lud der Unternehmerverband

Brandenburg-Berlin zum

13. TechnologieTagTeltow. Die Veranstaltung,

deren Schirmherr Brandenburgs Minister

für Wirtschaft und Energie Albrecht

Gerber ist, widmet sich der Digitalisierung

von Produktionsprozessen bei mittelständischen

Unternehmen. Kompetente Gesprächspartner

aus Wissenschaft und

Praxis legten in kurzen Fachvorträgen

ihre Erfahrungen im Bereich Industrie 4.0

dar. Der TechnologieTag wurde von einer

Ausstellung begleitet, die mit neuen Produkten

und Dienstleistungen den Teilnehmern

eine anspruchsvolle

Plattform für informativen

Austausch,

interessante Gespräche

und neue Kontakte

bot. Höhepunkt der

Veranstaltung war die

Verleihung des Startup-Preises

des Unternehmerverbandes

Brandenburg-Berlin

und des Schülerpreises

TECCI durch Landrat

Wolfgang Blasig.

Landrat Wolfgang Blasig (l.) und UV-Geschäftsführer Steffen Heller

(r.) überreichten den Vertretern des Unternehmens SUIT den Startup-Preis

2016 des Verbands.

Fotos: UV Schwerin (oben), Bolko Bouché (unten)

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


UNTERNEHMERVERBÄNDE | 63

Foto: Claudia Koslowski/PIXAPOOL.com

UV Ostdeutschlands und Berlin

SCHWERPUNKT WINDKRAFT

Hartmut Bunsen, Dirk Güsewell, Christian Pegel und Hermann Winkler (v. l.).

Warnemünde. Zu Beginn der diesjährigen

SACHSEN Sail fand das „Forum

WIRTSCHAFT: Die deutsche und nordische

Energiewende // Schwerpunkt Windkraft“

in Warnemünde statt – an Bord der

Santa Maria Manuela, einem fast 70 Meter

langen portugiesischen Viermaster,

mit dem später nach Kopenhagen gesegelt

wurde. Nach der Eröffnung durch den

Sprecher der Interessengemeinschaft der

Unternehmerverbände Ostdeutschlands

und Berlin Hartmut Bunsen lieferte der Geschäftsführer

der Industrie- und Handelskammer

Rostock Claus Ruhe Madsen eine

Gegenüberstellung des deutschen und dänischen

Energiekurses. Anschließend gab

Dirk Güsewell, Leiter Portfolioentwicklung

Erzeugung bei der EnBW, den 82 Teilnehmern

einen Einblick in die Funktionsweise

von Windkraftanlagen und deren Rolle im

Energiemix. Im Anschluss fand eine Podiumsdiskussion

mit Christian Pegel (Minister

für Energie, Infrastruktur und Landesentwicklung

des Landes Mecklenburg-Vorpommern,

SPD), Hermann Winkler (Mitglied

des Europäischen Parlaments, CDU),

Thomas Kühnert (Geschäftsführer envia

THERM GmbH), Andree Iffländer (Vereinsvorsitzender

WindEnergy Network e. V.)

und Hartmut Bunsen statt. Hierbei kamen

sowohl umweltpolitische als auch strompreisbildende

Themen zur Sprache, die die

teilnehmenden Vertreter aus Politik, Wirtschaft

und Medien im Rahmen des fünften

Ostdeutschen Energieforums vom 30. bis

31. August 2016 in Leipzig vertiefen werden.

Der aus Dänemark stammende Claus

Ruhe Madsen berichtete über die Entwicklung

in seinem Heimatland. Seitens der Politik

werden erhebliche Mittel in das Vorantreiben

der Energiewende investiert. 42

Prozent der Stromversorgung werden dort

durch Erneuerbare Energien gedeckt. Im

Jahr 2050 sollen es 80 Prozent sein.

Am Abend stach die Santa Maria Manuela

in See Richtung Kopenhagen und passierte

die Offshore-Anlage „Baltic 2“, symbolhaft

für die Energiewende. (Impressionen

von der SACHSEN Sail 2016 finden Sie auf

Seite 56.)

GESCHÄFTSSTELLEN

Unternehmerverband Berlin e. V.

Präsident: Armin Pempe

Hauptgeschäftsstelle

Hauptgeschäftsführer: N. N.

Frankfurter Allee 202, 10365 Berlin

Tel.: +49 30 9818500

Fax: +49 30 9827239

E-Mail: mail@uv-berlin.de

Internet: www.uv-berlin.de

Unternehmerverband Brandenburg-Berlin e. V.

Präsident: Dr. Burkhardt Greiff

Geschäftsführer: Steffen Heller

Hauptgeschäftsstelle

Jägerstraße 18, 14467 Potsdam

Tel.: +49 331 810306

Fax: +49 331 8170835

E-Mail: potsdam@uv-bb.de

Internet: www.uv-bb.de

Geschäftsstelle Berlin

Charlottenstraße 80, 10117 Berlin

Tel.: +49 30 2045990

Fax: +49 30 20959999

E-Mail: berlin@uv-bb.de

Geschäftsstelle Cottbus

Schillerstraße 71, 03046 Cottbus

Tel.: +49 355 22658

Fax: +49 355 22659

E-Mail: cottbus@uv-bb.de

Unternehmerverband Norddeutschland

Mecklenburg-Schwerin e. V.

Präsident: Rolf Paukstat

Hauptgeschäftsstelle

Hauptgeschäftsführerin: Pamela Buggenhagen

Gutenbergstraße 1, 19061 Schwerin

Tel.: +49 385 569333

Fax: +49 385 568501

E-Mail: mecklenburg@uv-mv.de

Internet: mecklenburg.uv-mv.de

Unternehmerverband Rostock-Mittleres

Mecklenburg e. V.

Präsident: Frank Haacker

Hauptgeschäftsstelle

Geschäftsführerin: Manuela Balan

Wilhelm-Külz-Platz 4

18055 Rostock

Tel.: +49 381 242580

Fax: +49 381 2425818

E-Mail: info@rostock.uv-mv.de

Internet: www.uv-mv.de

Unternehmerverband Sachsen e. V.

Präsident: Hartmut Bunsen

Geschäftsführer: Lars Schaller

Hauptgeschäftsstelle

Bergweg 7, 04356 Leipzig

Tel.: +49 341 52625844

Fax: +49 341 52625833

E-Mail: info@uv-sachsen.org

Internet: www.uv-sachsen.de

Geschäftsstelle Chemnitz

Repräsentantin: Gabriele Hofmann-Hunger

Marianne-Brandt-Str. 4, 09112 Chemnitz

Tel.: +49 371 49512912

Fax: +49 371 49512916

E-Mail: chemnitz@uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Dresden

Semperstraße 2b, 01069 Dresden

Tel.: +49 351 8996467

Fax: +49 351 8996749

E-Mail: dresden@uv-sachsen.org

Unternehmerverband Sachsen-Anhalt e. V.

Präsident: Jürgen Sperlich

Geschäftsführer: Dr. Andreas Golbs

Geschäftsstelle Halle/Saale

Berliner Straße 130, 06258 Schkopau

Tel.: +49 345 78230924

Fax: +49 345 7823467

Unternehmerverband Thüringen e. V.

Präsident: Jens Wenzke

c/o IHK Erfurt - Abteilung Standortpolitik

Arnstädter Str. 34, 99096 Erfurt

Tel.: +49 361 4930811

Fax: +49 361 4930826

E-Mail: info@uv-thueringen.de

Internet: www.uv-thueringen.de

Unternehmerverband Vorpommern e. V.

Präsident: Gerold Jürgens

Geschäftsführer: N. N.

Geschäftsstelle

Am Koppelberg 10, 17489 Greifswald

Tel.: +49 3834 835823

Fax: +49 3834 835825

E-Mail: uv-vorpommern@t-online.de

Internet: vorpommern.uv-mv.de

www.WundM.info WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


64 | W+M PORTRÄTS

Bodo Janssen

Erfolg dank Selbstreflektion

VISIONÄRE

Bodo Janssen ist Unternehmer.

Er wirkt zurückhaltend und sympathisch.

Er wählt bedacht seine

Worte und spricht mit ruhiger Stimme.

Gern bemüht er Bilder oder hat kluge Zitate

parat und er hat eine Geschichte zu

erzählen, die von seinem Werdegang als

Unternehmer. Und damit begeistert er

bei vielen Veranstaltungen die Anwesenden

und schreibt Bücher, die sich auf

Bestsellerlisten wiederfinden. Sein Erfolgsgeheimnis

ist seine Botschaft: „Ich

habe mein eigenes Leitbild, ich weiß,

was mir wirklich wichtig ist und deshalb

gehe ich meinen Weg. Meine Vision von

glücklichen Menschen inspiriert mich, die

Erfahrungen meiner Erfolge, aber auch

STECKBRIEF

Bodo Janssen ist Jahrgang 1974. Geboren

in Emden und auch dort aufgewachsen.

Abitur, Zivildienst, Studium: Sinologie

und Betriebswirtschaft. Daneben

erste unternehmerische Aktivitäten, wie

der Betrieb einer mobilen Cocktailbar

oder arbeiten als Model. 1998 wird der

Unternehmersohn nach achttägiger Entführung

wieder befreit. Drei Jahre später

übernimmt er ein insolventes Unternehmen

aus dem Sport- & Freizeitbereich in

Emden. 2005 tritt er in das elterliche Unternehmen

Upstalsboom als geschäftsführender

Gesellschafter ein. Zwei Jahre

später verunglückt sein Vater. Er entwickelt

Upstalsboom von einem Bauunternehmen

zu einer erfolgreichen und

stetig wachsenden Hotelgruppe. In Emden

lebt er noch heute, von hier wird

Upstalsboom geleitet. Als Unternehmer,

aber auch als Referent und Buchautor ist

er heute sehr erfolgreich.

Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Misserfolge mit vielen

Menschen zu teilen. Ich

bewege mich im Spannungsfeld

von Spiritualität,

Wissenschaft und

Wirtschaftlichkeit.“

Diese Erkenntnisse, die so

manchen erst verblüffen, dann

verunsichern würden, sind auch

ihm nicht in die Wiege gelegt worden.

Im Gegenteil, der Unternehmersohn

führte ein erfülltes und aktives Leben,

stets das volle Programm. Das Jahr 1998

brachte eine erste Zäsur – er wurde entführt.

Erst nachdem seine Eltern ein Lösegeld

gezahlt hatten, kam er wieder frei.

31-jährig übernahm er von seinem Vater

das Unternehmen Upstalsboom, war damit

Chef eines größeren Unternehmens,

das Hotels baute und betrieb. Plötzlich

gab es für ihn den großen Schreibtisch im

größten Zimmer des Hauses mit dem tollen

Ausblick. Mit dem Mix aus Arroganz

und Naivität eines jungen Managers verließ

er sich auf sein betriebswirtschaftliches

Wissen, glaubte an sich und seinen

unternehmerischen Erfolg. Bis im

Jahr 2010 eine Mitarbeiterumfrage ergab,

dass die große Unzufriedenheit unter

den Mitarbeitern ihm persönlich angelastet

wurde. Das hat den bis dato unschlagbaren

Bodo Janssen fast umgehauen.

Diesmal hat er nicht den Versuch

unternommen, die Ergebnisse in Frage

zu stellen oder einfach zu ignorieren. Er

ging für insgesamt anderthalb Jahre in

ein Kloster, besuchte dortige Seminare

und machte reinen Tisch mit sich. Diese

Zeit hat ihm dabei geholfen, die Frage

nach dem Sinn seines Lebens zu be-

antworten. Er musste

ergründen, was für ihn tatsächlich

bedeutsam ist. Heute weiß er: „Je bewusster

ich mir selbst bin, desto klarer

ist meine Position und desto unabhängiger

bin ich von der Meinung anderer.“

Das Kloster und die Gespräche gaben

ihm erst die Möglichkeit, über seine

Werte, sein Wirken, seine Sicht der Dinge

nachzudenken und ein persönliches

Leitbild zu entwickeln. Bodo Janssen hat

dies auch auf seine Mitarbeiter übertragen:

Was ist für sie wirklich bedeutsam?

Was sind ihre Talente? Er will Potenziale

heben, Mitarbeiter zu eigenen Erkenntnissen

führen und mit seinem Leitbild

ein gemeinsames Leitbild entwickeln.

Diese Umsetzung war ein schwieriger

Weg, auch für manchen Upstalsboomer.

Aber Ausdauer und der feste Glaube

an die Richtigkeit des Leitbildes führten

zum Ziel. Upstalsboom entwickelt

sich prächtig. Auszeichnungen wie Top

Arbeitgeber 2014, Hospitality HR Award

2013, Querdenker Award und viele mehr

belegen das.

Frank Nehring

Foto: Monique Wüstenhagen

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


MACHER

W+M PORTRÄTS | 65

Heinrich von Nathusius

Vorausblickender Querdenker

Foto: Inga Haar

Heinrich von Nathusius ist heute 72

Jahre alt und hat viele berufliche

Stationen hinter sich. Er ist freundlich,

bedacht und aufmerksam und kann

viele Geschichten erzählen. Man hört ihm

gerne zu. Wenn es um aktuelle Themen

geht, spürt man den hellwachen und engagierten

Unternehmer, der genau hinschaut,

vorsichtig die Worte wählt und

immer noch einen Gedanken in petto

hat. Sein Lebensweg hat ihn viele wichtige

Erfahrungen machen lassen und er

ist klug genug, sie auch zu nutzen. Was

im Rückblick wie eine Aneinanderreihung

glücklicher Umstände aussieht, ist aber

eher die Folge klugen und verantwortungsbewussten

Handelns, gepaart mit

unternehmerischem Gespür. Als er bei

Krupp 1991 die Konsequenzen zog, war

das ein großer Einschnitt, fast das Ende

einer glanzvollen Karriere. Wenn da nicht

die deutsche Wiedervereinigung gekommen

und die guten familiären Beziehungen

nach Sachsen-Anhalt gewesen wären.

Unternehmerisch denkend war er

schon immer, wie er sagt. Unternehmerisch

tätig wurde er aber erst nach 1992,

als er nach Haldenleben reiste und dort

vom Bürgermeister ermuntert

wurde, das IFA

Gelenkwellenwerk zu

übernehmen. Die Hoffnung

war groß, dass jemand

wie Nathusius mit

familiären Wurzeln in der

Gegend geeignet und interessiert

sei, hier etwas fortzuführen.

Die Erwartungen waren

hoch und nicht einfach zu erfüllen.

Nach erfolgreichen Verhandlungen mit

der Treuhand übernahm er das Werk und

es begann eine harte Zeit, in der von 800

Beschäftigten 80 übrig blieben, aber Aufträge

nicht in Sicht waren. Persönliche

Kontakte ermöglichten es, dass VW zu

einem ersten Auftraggeber wurde. Die

Konsolidierung wurde gemeistert, weil

Ehrlichkeit im Umgang mit den Mitarbeitern

und auch die versprochene tatkräftige

Unterstützung durch Bürgermeister

und Landrat vor Ort erfolgten. Dies alles

hätte aber nicht gereicht.

Aus der Stahlbranche gewohnt über lokale

Grenzen und Branchen hinaus zu

schauen, analysierte er den Gelenkwellenmarkt.

Weltweit zwei Produzenten,

die sich den Markt weitestgehend aufteilten

und erste Tendenzen bei den Automobilherstellern,

die Gelenkwellenproduktion

auszulagern. Darauf spekulierte

Nathusius und er behielt Recht. Mit VW

begann der Erfolg. Die schwierigen Anfangsjahre

wurden gemeistert. Heute ist

IFA Rotorion eine Erfolgsgeschichte und

der prognostizierte Trend zu weiterem

Outsourcing bei den Autoherstellern füllt

die Auftragsbücher. Mittlerweile hat er

das Unternehmen seinen Kindern übertragen,

eine weitere Erfolgsgeschichte.

Mit einer Regelung, die die Familie und

das Unternehmen schützt, hat er die Unternehmensnachfolge

sowie die weitere

Entwicklung des Unternehmens gesichert.

Aber von Ruhestand kann keine Rede

sein. Im Dezember 2014 übernahm er

den insolventen Fahrradhersteller MIFA.

Auch hier gibt es die unternehmerische

Idee; und die Herangehensweise ist die

Gleiche wie einst bei IFA. Nathusius hat

eine Idee zur Zukunft des Fahrrads, die so

einfach ist, dass sie anderen noch nicht

gekommen ist. Heinrich von Nathusius

denkt quer, aber immer nach vorn.

Frank Nehring

STECKBRIEF

Heinrich von Nathusius wurde am 5.

Juni 1943 in Berlin geboren. Noch während

seines Jurastudiums begann seine

Karriere in der Stahlindustrie. Aus dem

Semesterjob wurde schnell eine Assistenz

der Geschäftsführung bei Thyssen.

Weitere Aufgaben rund um den Stahl

folgten. 1987 bis 1991 war er Vorsitzender

der Geschäftsführung der Krupp-

Stahlhandelsgesellschaft in Duisburg.

Im Jahr darauf erwarb Heinrich von

Nathusius 49-jährig von der Treuhand

das IFA-Gelenkwellenwerk Haldensleben

und verlegte seinen Wohnsitz nach

Haldensleben und Berlin, wo seine Familie

ihre Wurzeln hat. Das Unternehmen,

die heutige IFA Rotorion, hat er

an seine Kinder übetragen. Im Dezember

2014 übernahm er den insolventen

Fahrradhersteller MIFA. Seit 1973 ist

er mit Marie-Andl, geborene Freiin von

Fürstenberg, verheiratet. Er hat drei

Kinder.

www.WundM.info WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


66 | W+M DIE LETZTE SEITE

Ausblick auf die nächste Ausgabe

Brüsseler Segen

Wo stünde die ostdeutsche Wirtschaft

ohne die finanzielle Hilfe

der Europäischen Union? Seit

mehr als zweieinhalb Jahrzehnten profitieren

die neuen Bundesländer und Berlin

von diversen Brüsseler Förderprogrammen.

In unserer Titelgeschichte ziehen wir

eine Zwischenbilanz und zeigen auf, was

die EU-Fördermillionen in den einzelnen

Ländern bewirkt haben. Darüber hinaus

stellen wir die aktuellen EU-Fördertöpfe

vor und erläutern, wie auch mittelständische

Unternehmen Geld aus Brüssel in Anspruch

nehmen können. EU-Spitzenpolitiker

kommen zu Wort und erklären, weshalb

die Europäische Union kein Auslauf-

sondern ein Zukunftsmodell ist. Ein

weiterer Aspekt der Berichterstattung

ist die Kooperation mit den östlichen europäischen

Nachbarn. Wie erfolgreich ist

die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit

Polen und Tschechien? Wo gibt es Leuchttürme

speziell in grenznahen Regionen?

In unserer Serie über die Zukunft des Wirtschaftsstandortes

Ostdeutschland berichten

wir über Sachsen. Dort haben sich vor

allem die Bereiche Mikroelektronik, Automobilbau

und Maschinenbau hervorragend

entwickelt. Im W+M-Doppel-Interview

sprechen wir mit Sachsens Ministerpräsident

Stanislaw Tillich (CDU) und Brandenburgs

Ministerpräsident Dietmar Woidke

(SPD) über gemeinsame wirtschaftspolitische

Herausforderungen, die Bedeutung

der Braunkohle und das Geheimnis ihrer

hohen gegenseitigen Wertschätzung.

Darüber hinaus lesen Sie interessante Beiträge

über neue Entwicklungen in den ostdeutschen

Bundesländern sowie einen informativen

Ratgeberteil.

Die nächste Ausgabe von

WIRTSCHAFT+MARKT erscheint am

25. August 2016.

PERSONENREGISTER

Adamowicz, Frank 11

Alltschekow, Peter 32

Arndt, Stefan 20

Arnold, Antje 54

Backhaus, Till 59

Balan, Manuela 56, 58

Baumeister, Roy 52

Bensiek, Arne 11

Blasig, Wolfgang 62

Böckmann, Oliver 11

Buggenhagen, Pamela 55, 58, 62

Bunsen, Hartmut 9, 56, 63

Bunsen, Ursula 9

Dickmann, Frank 8

Döring, Karl 61

Dulig, Martin 8

Dyck, Axel 9

Fernengel, Beate 62

Ferriss, Timothy 52

Feske, Joachim 47

Fischer, Hendrik 57

Franck, Jan-Erik 59

Friedrich, Marc 52

Garbe, Karl-Heinz 56

Gehse, Albrecht 28/29

Gerber, Albrecht 12, 18, 20, 62

Gerber, Andy 54

Gerber, Grit 54

Germandi, Dirk 11

Glawe, Harry 55

Gleicke, Iris 45

Goerlich, Silke 32

Görke, Christian 14/15

Gugerel, Manfred 11

Güsewell, Dirk 63

Haacker, Frank 58

Hahne, Peter 52

Hausmann, Anja 58

Heisele, Sebastian 11

Heller, Steffen 62

Huget, Wolfgang 11

Hüttmann, Andreas 55

Iffländer, Andree 63

Janssen, Bodo 64

Janssen, Jan 10

Jehmlich, Anet 48/49

Jödicke, Volker 55

Kahneman, Daniel 52

Kailing, Wolfgang 59

Kempf, Ulrich 55

Keskari, Martin 11

Klostermann, Dieter R. 11

Klotz, Bernd 54

Kobold, Claus M. 11

Kohl, Helmut 28/29

Kummich, Helmut 61

Kühn, Sebastian 22/23

Kühnert, Thomas 63

Lehmann, Holger 20

Leibold, Anna Kathrin 31

Leibold, Peter 30/31

Lengauer, Jörg 54

Ludwig, Matthias 59

Maack, Matthias 55

Maack, Michael 55

Madsen, Claus Ruhe 63

Markov, Helmuth 15

Maschmeyer, Carsten 52

Matheus, Frank 61

Meier, Klaus-Jürgen 11

Merkel, Angela 29, 34

Miedaner, Talane 52

Nahles, Andrea 46

Neugebauer, Reimund 34

Niehuus, Kirsten 20

Oelmann, Jan 11

Parker, Ben 11

Paukstat, Rolf 55, 58, 62

Pegel, Christian 63

Piketty, Thomas 52

Prauße, Thomas 56

Putin, Wladimir 29

Quirmbach, Stefan 11

Radde, Georg 54

Ragnitz, Joachim 43/44

Rehhahn, Helmut 8

Reitz, Wolfgang 27

Rose, Jürgen 8

Schaefer, Frank Jürgen 27

Schaller, Lars 56

Scheer, Jutta 61

Schiekel, Gert 26

Schiekel, Peter 26/27

Schliewenz, Birgit 32

Schmicker, David 37

Schmudde, Bettina 30/31

Schröder, Wolfgang 56

Seer, Roman 47

Stapper, Florian 51

Stefanović, Miloš 20

Stenger, Tillmann 12

Stölzl, Christoph 29

Süss, Thomas 54

Theurer, Michael 46

Thieke, Rüdiger 55

Tierney, John 52

Tillich, Stanislaw 66

Uhden, Ron 54

Urban, Klaus 60

Vance, Ashlee 52

Veste, Maik 32

Vogelsänger, Jörg 22/23

von Nathusius, Heinrich 65

von Nathusius, Marie-Andl 65

Wanka, Johanna 40-42

Weber, Michael 44

Weik, Matthias 52

Werner, Heike 46

Wernicke, Dirk 55

Winkler, Hermann 63

Winkler, Karin 55

Woebcken, Carl 20

Woidke, Dietmar 22, 66

Wolf, Waltraud 10

Woltmann, Jörg 11

Wüst, Robert 8

Zimmermann, Philipp 59

Zülch, Henning 11

WIRTSCHAFT+MARKT | 4/2016


Titel_WuM_0515.indd 1 18.08.15 22:27

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Titel_WuM_0615.indd 1

21.10.15 11:32 Uhr

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18.06.15 13:16 Uhr

Titelentwuerfe_WuM_0416.indd 1 15.06.16 13:51

W+M

WIRTSCHAFT+MARKT 1-2/2015

26. Jahrgang | Heft 1-2 | März/April 2015 | 5 | ZKZ 84618

WIRTSCHAFT+

MARKT

DAS OSTDEUTSCHE UNTERNEHMERMAGAZIN

WIRTSCHAFT+MARKT 1-2/2015

26. Jahrgang | Heft 3 | Mai/Juni 2015 | 5 | ZKZ 84618

WIRTSCHAFT+

MARKT

DAS OSTDEUTSCHE UNTERNEHMERMAGAZIN

WIRTSCHAFT+MARKT 1-2/2015

WIRTSCHAFT+

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26. Jahrgang | Heft 4 | Juli/August 2015 | 5 | ZKZ 84618

DAS OSTDEUTSCHE UNTERNEHMERMAGAZIN

BRANDENBURG

SACHSEN-ANHALT

MECKLENBURG-VORPOMMERN

IM INTERVIEW

Ministerpräsident

Dietmar Woidke

STUDIE

BERLIN

RÜCKKEHR ZUR

INDUSTRIE

BRAUNKOHLE

UNVERZICHTBAR

FÜR DEN OSTEN

RATGEBER

DAS BÜRO ZUM

MITNEHMEN

IM INTERVIEW

Ministerpräsident

Erwin Sellering

UNTERNEHMEN

ORWO – eine

Tradition lebt auf

RATGEBER

Tagungen und

Geschäftsreisen

Mittelstand im

digitalen Wandel

UMFRAGE

Welches Auto

passt zu Ihnen?

Kraftakt

Firmenübergabe

WIRTSCHAFT+MARKT 1-2/2015

WIRTSCHAFT+

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26. Jahrgang 26. Jahrgang | Heft 5 | September/Oktober Heft 4 | Juli/August 2015 | 5 | ZKZ 84618

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WIRTSCHAFT+MARKT 1-2/2015

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26. Jahrgang 26. | Jahrgang Heft 6 | November/Dezember | Heft 4 | Juli/August 2015 | 5 | ZKZ 84618

DAS OSTDEUTSCHE UNTERNEHMERMAGAZIN

WIRTSCHAFT+MARKT 1-2/2015

WIRTSCHAFT+

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27. Jahrgang 26. Jahrgang | Heft | Heft 1 | Januar/Februar 4 | Juli/August 2016 2015 | 5 | ZKZ 84618

DAS OSTDEUTSCHE UNTERNEHMERMAGAZIN

ENERGIE

ELEKTRISIERT

DIE

WIRTSCHAFT

GRÜNT

THÜRINGEN

BERLIN

GESUNDHEITSWIRTSCHAFT

EIN GESCHÄFT

FÜR VIELE

BRANCHEN

IM INTERVIEW

SACHSEN

EXKLUSIVE INTERVIEWS

Bundeswirtschaftsminister

Sigmar Gabriel

Ministerpräsident

Stanislaw Tillich

Ministerpräsident

Bodo Ramelow

REPORT

Rivalität auf

der Ostsee

RATGEBER

Betriebliche

Altersvorsorge

IM INTERVIEW

Berlins Regierender

Michael Müller

REPORT

Eberswalder

Metall-Gen

RATGEBER

Gutschein

statt Geld

WIRTSCHAFT+

MARKT

DAS OSTDEUTSCHE UNTERNEHMERMAGAZIN

OSTPRODUKTE

DIE UNHEIMLICHE

RENAISSANCE

Motorenwerk Kölleda:

Herz einer Region

WindNODE:

Energie aus dem Norden

Bilanz vor der Wahl:

Reiner Haseloff

Davos in Bad Saarow:

Ostdeutsches Wirtschaftsforum

Management:

Der Honecker-Effekt

Travel:

Tipps für Geschäftsreisen

27. Jahrgang | Heft 2 | März/April 2016 | 5 | ZKZ 84618

W+M

mit

Sachsen-Anhalt

WIRTSCHAFT+

MARKT

27. Jahrgang | Heft 3 | Mai/Juni 2016 | 5 | ZKZ 84618

Beilage

DAS OSTDEUTSCHE UNTERNEHMERMAGAZIN

FERIEN DAHEIM

Mecklenburg-

Vorpommern

TOURISMUS

Wie der neue Trend

den Osten stärkt

LÄNDERREPORTS

100 Jahre Leuna

Profisport im Osten

RATGEBER

Investieren im Iran

Gesundes Arbeiten im Büro

Mutig in der Insolvenz

LIFESTYLE

Edle Uhren-Neuheiten

Logieren in Schlosshotels

WIRTSCHAFT+

MARKT

27. Jahrgang | Heft 4 | Juli/August 2016 | 5 | ZKZ 84618

DAS OSTDEUTSCHE UNTERNEHMERMAGAZIN

BEIL AGE

INTERVIEWS

Christian Pegel, Erwin Sellering und Gerold Jürgens,

Tillmann Stenger, Peter-Michael Diestel, Reinhard Pätz

Brandenburg

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Foto: Fotolia (gstockstudio)

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