PD Dr. Gudrun Richter

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PD Dr. Gudrun Richter

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Kammerinformationen/Gesundheitspolitik

Brandenburg wirbt um österreichische Mediziner

Landesärztekammer unterstützt Bemühungen um Nachwuchs

In Innsbruck, Graz und Wien fanden vom

21. bis 23. April Informations- und Werbeveranstaltungen

statt – mit dem Ziel, Ausbildungsassistenten

und Fachärzte für Brandenburg,

Mecklenburg-Vorpommern und

Sachsen-Anhalt zu gewinnen.

Seit einigen Jahren entsteht in Österreich

ein Ausbildungsstau für Ärzte nach Beendigung

des Hochschulabschlusses, so dass

es nicht selten zwei bis drei Jahre dauert,

bis eine ärztliche Tätigkeit aufgenommen

werden kann.

Auf Anregung der österreichischen Ärztekammer,

unterstützt durch eine professionelle

Beratungsfirma, bemüht man sich, bei

gleichzeitigem Ärztemangel in den neuen

deutschen Bundesländern, einen Ausgleich

zu schaffen.

Den möglichen neuen Kollegen wurden das

Leben, Lernen und Arbeiten in den neuen

Bundesländern erläutert, die kulturelle Vielfalt,

Freizeitnutzung und sportlichen Möglichkeiten

dargestellt. Es wurden die Arbeitsbedingungen

in unseren modernen

Krankenhäusern, die Weiterbildungsordnung,

die Bezahlung und Arbeitszeit demonstriert.

Sie ist die Vorsitzende der ärztlichen Koordinierungsgruppe

gegen Suchtgefahren an

der Landesärztekammer Brandenburg: PD

Dr. Gudrun Richter. Das Brandenburgische

Ärzteblatt sprach mit der Medizinerin über

die Problematik Arzt mit einem Suchtmittelproblem,

die noch immer ein Tabuthema

darstellt.

Brandenburgisches Ärzteblatt 7-8/2008 · 18. Jahrgang

Die relativ einfachen Zulassungsbedingungen

für Studienabgänger, Turnusärzte – entspricht

unserem Facharzt für Allgemeinmedizin

– sowie Ärztinnen und Ärzten mit

abgeschlossener Ausbildung wurden vom

Sozialministerium Mecklenburg-Vorpommern

und der österreichischen Ärztekammer erläutert.

Interesse für Arbeit in Ostdeutschland vorhanden

Etwa 270 Interessenten stellten sich an allen

drei Standorten vor. Es erfolgte eine individuelle

Information und Beratung durch

teilnehmende Krankenhäuser, Landesärztekammern

und Krankenhausgesellschaften

sowie Sozialministerien aus Brandenburg,

Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.

Feste Verträge konnten zwar aufgrund der

gegebenen Situation nicht abgeschlossen

werden. Das große Interesse des angesprochenen

Personenkreises lässt auf eine positive

Entwicklung hoffen. Die für 2009 geplante

Fortführung der Werbung sollte auch

weiter durch die Landesärztekammer Brandenburg

unterstützt werden.

Bernd Sykura

1. Dass Ärzte selbst mit einem Suchtmittelproblem

konfrontiert werden, ist auf den

ersten Blick ungewöhnlich. Schließlich wissen

sie um die Wirkung von Medikamenten

und kommen mit diesen regelmäßig in Berührung.

Warum ist das ein Tabuthema?

Eine Abhängigkeitserkrankung ist kein intellektuelles

Problem. Das Wissen um die

Schädlichkeit schützt nicht vor dem Süchtigwerden.

Sucht ist insbesondere bei denjenigen

Berufsgruppen ein Tabuthema, an welche

hohe soziale Erwartungen geknüpft

werden und die in der Öffentlichkeit stehen.

Bei Ärzten kommt hinzu, dass ihnen der

Wechsel von der Helfer- in die Krankenrolle

besonders schwer fällt – nicht nur bei Sucht.

2. Was sind die Ursachen für eine Abhängigkeit

bei Medizinern?

Hintergrund:

Bernd Sykura

Foto: privat

Eine Vereinbarung zur Ärztegewinnung

haben Anfang Juni die Österreichische

Ärztekammer und das brandenburgische

Gesundheitsministerium unterschrieben.

Ziel dabei ist es, die Zusammenarbeit bei

der Ausbildung und Beschäftigung von

Ärzten aus dem jeweils anderen Land zu

intensivieren. Laut der Kooperationsvereinbarung

sollen Absolventen eines Medizinstudiums

aus Österreich und Brandenburg

der gleiche Zugang zu Fort- und

Weiterbildung und dieselben Bedingungen

gewährt werden wie Absolventen aus

dem eigenen Land.

Der Präsident der Landesärztekammer

Brandenburg, Dr. Udo Wolter, begrüßt

die Vereinbarung: „Das ist ein wichtiger

Schritt für die Verbesserung der medizinischen

Versorgung in unserem Bundesland.“

AJÜ

„Ärzte helfen Ärzten – Wirksame Hilfe bei Suchtproblemen“

Im aktuellen Interview:

PD Dr. Gudrun Richter:

„Kollegen mit einem Suchtmittelproblem kommen viel zu spät zu uns –

eigentlich erst, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.“

PD Dr. Gudrun Richter

Foto: Krankenhaus

Angermünde

An erster Stelle ist der Stressabbau. Ärzte

stehen unter enormem Leistungsdruck – ob

niedergelassen oder im stationären Bereich.

Die Arbeitszeit eines vollbeschäftigten Arztes

liegt niemals unter 50 Wochenstunden. Eine

aktuelle Studie hat ergeben, dass die Tätigkeit

eines Arztes in Deutschland alle sechs Minuten

unterbrochen wird. Das halten Sie mal

aus. Da wird dann schon mal abends mit einem

Glas Wein nachgeholfen, um „abzuturnen“.

Dabei haben die neuesten Forschungen

ergeben, dass in Deutschland zwar zwischen

14 bis 22 Prozent der Allgemeinbevölkerung

ein Alkoholproblem haben – schädlicher Gebrauch,

riskanter Konsum, Abhängigkeit –,

aber nur etwa 13 Prozent der Ärzte. Das

heißt, Mediziner bekommen auch ein Suchtproblem,

jedoch tritt das seltener auf als beim

Durchschnitt der Bevölkerung.


3. Welche Suchtmittel spielen speziell bei

Ärzten eine Rolle?

An erster Stelle steht in der Allgemeinbevölkerung

wie auch bei Medizinern der Alkohol.

Das betrifft etwa 80 bis 85 Prozent der

Fälle. In geringerem Maße spielen Medikamente

eine Rolle, Benzodiazepine und auch

Opioide, letztere insbesondere bei den Berufsgruppen,

die Zugang dazu haben. Von den

übrigen Drogen dürfte nur noch Kokain eine

kleine Rolle spielen, allerdings weniger als

„Abturner“ sondern eher als „Aufputscher“.

4. Welche Folgen drohen einem Mediziner

bei Bekanntwerden seiner Abhängigkeit?

Ein suchtkranker Arzt verliert seine Approbation.

Durch die Teilnahme am Hilfeprogramm

kann der drohende Approbationsentzug

abgewendet werden.

5. Die Landesärztekammer Brandenburg

hat für betroffene Mediziner ein Hilfsangebot

entwickelt. Wie kam es dazu?

Die Kammer hat im Jahre 2000 eine ärztliche

Koordinierungsgruppe gegen Suchtgefahren

im Sinne einer Arbeitsgruppe des Vorstandes

der Landesärztekammer Brandenburg gegründet

und mich als Suchtbeauftragte der

Kammer für den Vorsitz berufen. Wir haben

uns Hilfe bei der Ärztekammer Hamburg

geholt und dann ein eigenes Hilfeprogramm

für unsere Ärzte entwickelt. Der wesentliche

Unterschied zu Hamburg besteht darin, dass

unser Programm auch für Ostärzte erschwinglich

und möglich ist, die nicht in einer

privaten Krankenkasse versichert sind.

6. Wie kamen Sie zu der Aufgabe des Gruppenvorsitzes?

Ich habe Ende 1989 auf dem Gebiet des Alkoholismus’

habilitiert, war Mitglied in den

Vorständen der ost- und westdeutschen Suchtgesellschaften

wie auch der Suchtakademie

Berlin-Brandenburg und bin daher von verschiedenen

Gremien dem Vorstand der Landesärztekammer

Brandenburg vorgeschlagen

worden – unter anderem durch die AG

der Leitenden Psychiater Brandenburgs.

7. Was genau beinhaltet das Hilfeprogramm?

Das Hilfsangebot besteht aus drei obligatorischen

Bestandteilen. In der Klärungsphase

wird das Ausmaß der Suchtmittelproblematik

ermittelt und das konkrete weitere Vorgehen

vereinbart. Die initiale Behandlungsphase

sieht bei einer manifesten Suchtmittelabhängigkeit

die unverzügliche Einleitung einer

qualifizierten Entzugs- und Entwöhnungsbehandlung

vor. In der ambulanten Nachbetreuungs-

und Überwachungsphase, welche

in Brandenburg zwei Jahre dauert, findet

eine Weiterbehandlung anhand eines Curriculums

statt. Die Abstinenz vom Suchtmittel

wird während dieser Zeit kontrolliert, um einen

möglichst dauerhaften Therapieerfolg zu

sichern. Während des gesamten Programms

werden die Betroffenen von einer Vertrauensperson

als Mittler zwischen Landesärztekammer

und Betroffenen begleitet und beraten.

Das Angebot bleibt auch bestehen, wenn

es trotz aller Anstrengungen zu einem Rückfall

kommt. Der Rückfall ist keine Katastrophe,

sondern gehört zum üblichen Weg der

Abstinenzfindung dazu, muss jedoch offen

kommuniziert werden. Inzwischen besteht

aus anderen Bundesländern Interesse von

Fachleuten, die mit ihren Ärztekammern

ähnliche Programme gestalten möchten.

8. Wie hoch ist die Zahl derer, die das Hilfsangebot

in Anspruch nehmen? Im Vergleich

dazu: Wie hoch schätzen Sie die Dunkelziffer

ein?

Insgesamt haben sich 20 Kollegen gemeldet

oder wurden gemeldet. Davon waren einige

Durchreisende und befinden sich jetzt in anderen

Ärztekammerbereichen. Sechs Kollegen

haben das Programm erfolgreich beendet.

Wir sind in der Gruppe der Meinung,

dass die Kollegen viel zu spät zu uns kommen,

eigentlich erst, wenn das Kind schon in

den Brunnen gefallen ist, die Entlassung droht

oder die Approbationsbehörde eingeschaltet

wurde. Der Kern des Programms ist ja, Kollegen

zu erreichen, bevor solche schlimmen

Dinge passiert sind, weil diese Komplikationen

dann vielleicht sogar vermieden werden

können. Die Dunkelziffer beträgt 13 Prozent

von fast 11.000 Brandenburger Ärzten. Hierbei

handelt es sich um Mediziner mit riskantem

Konsum. Davon wiederum sind etwa ein

Drittel bereits abhängig. Die Differenzierung

zwischen riskantem Konsum, schädlichem

Gebrauch und Abhängigkeit ist wesentlich!

9. Welche weiteren Unterstützungsmöglichkeiten

für abhängige Mediziner sind Ihnen

bekannt?

Jeder Arzt kann natürlich von sich aus auch

alle anderen ambulanten und stationären Angebote

des Suchthilfesystems wahrnehmen.

Verschiedene Kliniken haben sich auf die Behandlung

von Ärzten spezialisiert, allerdings

empfehlen wir die Teilnahme an unserem Programm,

um einen Entzug der Approbation

ausschließen zu können.

10. Was müsste getan werden, um die

Problematik Arzt mit Suchtmittelproblem zu

enttabuisieren?

Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Tabus haben immer etwas mit sozialer Erwünschtheit

und gesellschaftlichen Normen zu

tun. Solange der Konsum, auch der starke

Konsum, als besonders sportlich gilt und der

abhängig gewordene Mensch als Charakter-

Kammerinformationen/Gesundheitspolitik

schwächling ausgegrenzt wird, solange Ärzte

Angst haben müssen, einen sozialen Suizid zu

begehen, wenn sie sich diesbezüglich mitteilen,

wird es schwierig bleiben. Je offener mit

dem Problem umgegangen wird und je mehr

auch Ärzte verstehen, dass Sucht eine Krankheit

ist, und zwar eine behandelbare, wird es

leichter werden, darüber zu sprechen.

11. Welche „Botschaft“ möchten Sie Medizinern,

die von einem Suchtmittelproblem

betroffen sind, mit auf den Weg geben?

Melden Sie sich bei uns, wir helfen Ihnen!

Mit Dr. Gudrun Richter sprach Anja Jüttner,

4iMEDIA.

Ärztliche Koordinierungsgruppe

gegen Suchtgefahren:

· Priv.-Doz. Dr. med. Gudrun Richter,

Angermünde (Vorsitzende)

· Gisela Damaschke,

Lübben

· Prof. Dr. med. Ulrich Schwantes,

Berlin

· SR Dr. med. Hans Kerber,

Luckenwalde

· Dr. rer. nat. Johannes Lindenmeyer,

Lindow

· MR Dr. med. Wolfgang Loesch,

Potsdam

· Dipl.-Med. Manfred Schimann,

Cottbus

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