In den Wäldern

veganverlag

Jaime ist durch und durch ein Stadtkind. Er kennt nur die hohen Häuserschluchten und die kahlen Straßen mit nur wenig Grün. Deshalb ist er auch nicht sehr begeistert, als seine Eltern ihn zu einem Ausflug zum Campen in der Natur mitnehmen. Doch Jaime verirrt sich im Wald und zusammen mit seinem Kuscheltier Boo muss er einen Weg zurück finden.

Auf ihrer Reise lernen sie viele Tiere des Waldes kennen. Auch machen sie Bekanntschaft mit den Biestern, die den Wald und seine Bewohner bedrohen.

Ein Umwelt-Abenteuer für Kinder ab acht Jahren

2


An einem schönen Tag im Sommer

fahren Jaime und seine Familie weit

aus der Stadt hinaus, um im Wald

zu campen. Jaime war noch nie im

Wald, er kennt nur engen Straßen und

hohe Häuser. In der Stadt gibt es nur

einige wenige Bäume, die an den

Wegen stehen. Neben den Gebäuden

wirken sie wie verloren. Wenn Jaime

zum spielen raus geht, darf er nie weiter

weg, als um die nächste Biegung,

denn es fahren viele Autos vor ihrem

Haus und seine Eltern fürchten, dass

er einmal nicht hin sieht, wenn sein Ball

auf die Straße rollt und er ihm hinterher

rennt. Weil diese Angst so groß ist, haben

sie ihm irgendwann das Spielen mit

dem Ball vor der Haustür verboten.

„Im Wald“, sagt sein Vater, „darfst

du so viel mit deinem Ball spielen, wie

du möchtest. Denn hier gibt es nichts,

was dir gefährlich werden könnte. Das

wird ein Spaß!“ Aber Jaime rümpft die

Nase. Er will kein Ball spielen, er will auch

nicht campen und schon gar nicht in den

Wald.

Als sie den Campingplatz erreichen, stehen

schon viele Zelte und Wohnmobile

auf dem Gelände. Der Boden ist matschig

von den vielen Menschen, die auf ihm

herum gelaufen sind. Die Mülleimer sind

überfüllt, sodass der Abfall schon daneben

liegt. „Was eine Sauerei“, sagt Jaimes

Mama, „die Leute könnten ruhig etwas

achtsamer sein!“

„Aber die Müllabfuhr wird es doch

wieder sauber machen?“, fragt Jaime

während sie ihr Zelt vor dem Wohnmobil

aufbauen. „Hier in der Natur gibt es

keine Müllabfuhr“, erklärt sein Papa ihm,

„von Natur aus gibt es kein Plastik oder

Zigarettenstummel. Erinnerst du dich an

den Komposthaufen, den deine Oma im

Garten stehen hat? Sie wirft ihre

Gartenabfälle, wie alte Blumen oder gemähtes

Gras auf ihn und dann werden

sie irgendwann zu Erde. Das ist, was die

Natur mit ihrem Müll anstellt: sie lässt

ihn zu Erde werden. Aber Plastik ist von

Menschen gemacht und deshalb kann

die Natur ihn nicht zu Erde machen. Sogar

wir Menschen haben ein großes

Problem mit altem Plastik, wir wissen

auch nicht so recht, was wir damit anfan


gen sollen. Egal, was wir mit altem Plastik

tun, es ist immer schädlich für die Umwelt

und somit auch für uns.“ „Und wenn

wir einfach aufhören Plastik zu verwenden?“,

fragt Jaime. „Das wäre eine Idee!“,

antwortet sein Papa, „Allerdings ist in

ganz vielen Produkten Plastik enthalten.

Wir bräuchten einen anderen Stoff, am

besten einen, der natürlich ist, damit wir

keine Probleme mehr haben ihn zu entsorgen.“

Jaime drückt sein Kuscheltier

Boo dicht an sich heran. Das alles macht

ihm ein wenig Angst.

Das Zelt ist fertig aufgebaut. „Geh dich

doch mal was umgucken“, sagt sein Papa.

„Aber verlass nicht den Platz!“, ruft seine

Mama noch. Jaime nimmt sich Boo und

seinen Ball und schlendert durch die Reihen

der Zelte, die dicht nebeneinander

stehen. Er kickt seinen Ball lustlos herum.

Das soll also die Natur sein, denkt

er sich. Er erreicht die letzte Zeltreihe

und steht vor einem großen Gebüsch.

Dahinter sind Bäume, so groß, wie er

sie noch niemals gesehen hat. Was für

doofe Bäume, denkt er und tritt ganz

fest gegen seinen Ball. Er fliegt hoch,

ganz hoch und landet auf der anderen

Seite des Gebüsches. Niemand hat es

gesehen, bis auf Jaime. Eigentlich darf

er den Platz ja nicht verlassen, aber es

wird Ärger geben, wenn er seinen Ball

verliert, also bleibt ihm keine Wahl. Jaime

kämpft sich einen Weg durch das

dichte Blattwerk und verliert plötzlich

den Boden unter seinen Füßen. Er

fällt eine Böschung hinab, die direkt

hinter dem Gebüsch liegt und die er nicht

gesehen hat. Er fällt tief, sehr tief und

dann ist alles dunkel.

Jaime wird wach, weil er einen

warmen Atem auf seinem

Gesicht spürt. Als er seine

Augen öffnet schaut ihn Boo an. Jaime

packt sich an den Kopf. Er tut weh. Boo

springt auf Jaimes Bauch und kurz auf

und ab.

„Boo.“, sagt Jaime und wundert

sich, dass sein Kuscheltier lebendig ist.

Boo umarmt Jaime und Jaime drückt Boo

ganz fest an sich. Dann sieht er den Steilhang

hinauf. „Da kommen wir niemals

wieder hoch.“ sagt Jaime. „Wir müssen

einen anderen Weg zurück finden.“


Eine große Angst packt Jaime, ihm

kommen die Tränen, „Ich will nach

Hause...“ Da greift Boo nach Jaimes

Hand und zieht ihn in den angrenzenden

Wald. „Wir werden einen anderen

Weg finden müssen.“

Jaime und Boo laufen eine ganze Weile

und irgendwann dämmert es. Jaime

findet einen langen Ast, den er als

Wanderstock benutzt. Dann wird

Boo müde und krabbelt auf Jaimes

Rücken. „Wir können nicht weiter.“,

sagte Jaime, „Es wird zu dunkel und ich

bin mindestens genauso erschöpft,

wie du.“ Sie erreichen eine kleine Lichtung.

Durch die dicken Äste der Bäume

fällt nur noch wenig vom rötlich

gefärbten Sonnenlicht. Jaime wühlt

in seinem Rucksack und findet eine

Packung

Streichhölzer.

„Die hat mir Opa

geschenkt.“, sagt er und muss kichern,

als er sich vorstellt, wie wütend

seine Eltern darüber gewesen

wären, hätten sie von diesem besonderen

Geschenk gewusst. Boo läuft

los und holt trockene Äste.

Er legt zunächst Moos und Reißig überaneinander

und schichtet dann das Holz auf.

Unter den erstaunten Augen von Jaime

entfacht er so ein kleines, aber wärmendes

Feuer.

Mittlerweile ist es vollkommen dunkel.

Jaime hat eine Wasserflasche

und ein paar Müsliriegel im Rucksack.

Er trinkt etwas und isst einen der

Riegeln. Er will sich die Vorräte gut rationieren.

Boo scheint damit zufrieden

zu sein, die Sterne am Himmel zu suchen.

Aber durch die dichten Baumkronen

scheint kaum ein Licht bis zu ihnen

hindurch.Der Wald wirkt noch undurchdringlicher

in der Nacht und von überall

kommen unbekannte Geräusche. Sogar

der Wind, der sich in den Blättern

verfäng klingt anders als am Tag.

Jaime schmiegt sich dicht an Boos

Kuscheltierfell und zittert ein wenig.

„Was Mama und Papa wohl gerade

machen...“, fragt Jaime und weint ein

wenig. Boo streicht ihm sachte durch

das Gesicht und wischt die Tränen

weg. Bald schlafen beide erschöpft ein.


Zusammen mit den ersten Sonnenstrahlen,

die den Waldboden erreichen,

wachen Jaime und Boo auf. Tau liegt

noch wie ein glitzernder Mantel über den

Gräsern, das Feuer ist schon lange erloschen.

Die Luft ist kühl, aber erfrischend.

Jaime reckt sich und braucht einen Moment

um sich an den gestrigen Tag zu

erinnern. Er seufzt und wühlt nach den

Müsliriegeln. Als er sie nicht findet wird

er stutzig. Auch die Wasserflasche und

die Streichhölzer sind fort! „Boo!“, ruft

er, „Weißt du wo die Vorräte sind?“ Boo

schüttelt den Kopf, sieht sich kurz um

und zeigt auf sonderbare Fußspuren, die

von ihnen weg führen. „Wir wurden bestohlen.“,

sagt Jaime entsetzt, „Und nun

haben wir weder Essen noch

Trinken oder die Chance ein

Feuer zu machen.“

Boo verschwindet in einem

Gebüsch und kehrt mit ein

paar Beeren zurück. Zögernd

steckt Jaime sie sich in den

Mund und kaut zunächst

vorsichtig darauf herum.

Bald aber verändert sich sein

Gesicht und ein Strahlen

huscht über seine Augen.

„Die sind lecker.“, ruft er aus

und verschluckt sich fast am

letzten Bissen. Halbwegs

gesättigt, aber noch durstig

wandern sie weiter durch

den frühmorgendlichen Nebel.

Jaime trinkt etwas Tau,

aber es stillt nicht seinen

Durst.


Sie laufen den ganzen Vormittag und

geraten dabei immer tiefer in den Wald.

Die Bäume werden knochiger und

dichter, im Dickicht hören sie fremde

Geräusche, ab und an schreckt laut

zwitschernd ein Vogel auf. Der Boden

wird mehr und mehr weicher vom

Moos. Wo zu Beginn noch ein Durchkommen

war, müssen sie nun mittlerweile

immer mehr über alte Äste und

umgekippte Baumstümpfe hinüber klettern.

Jaime muss an seine Oma und

ihren Komposthaufen denken und

sieht plötzlich eine Marderfamilie, die

vorbei schnellt. Boo betrachtet einen

riesigen Pilz, der auf einem Ast wächst.

Auf ihm nistet eine Vogelfamilie. „Sogar

das tote Holz ist immer noch ein

Zuhause für Tiere.“, denkt Jaime laut

nach.

Lange Zeit verändert sich das Bild vor

ihren Augen kaum. Dicke Baumstämme,

dicht an dicht gedrängt, schweres Moos

am Boden und kaum Licht, das durch die

Wipfel fällt. In diesem Teil des Waldes

gibt es keine Tierrufe, kein Rascheln und

sogar der Wind in den Zweigen scheint

sich zu bemühen so wenig Lärm wie nur

irgend möglich zu machen. Da erkennt

Jaime nicht weit vor ihnen Licht. Und er

hört ein Rauschen. „Das Ende des Waldes!“,

ruft er aus und beginnt zu rennen.

Er fällt fast über die Äste am Boden

und erreicht laut keuchend nicht das

Waldende, dafür aber einen kleinen

Tümpel auf einer Lichtung. Hier scheint

die Sonne durch das Blätterdach und die

Wasseroberfläche glitzert.

Vom Durst, der ihn schon die ganze

Zeit plagt, getrieben läuft

er ans Ufer und will gerade

seine Hand zu einer Hohlkehle

formen, als Jaime die Fische

auffallen, die bäuchlings an der Wasser-


oberfläche schwimmen. Er erschrickt

fürchterlich.

„Schwere Zeiten.“ erklingt eine

Stimme, die vom Ufer gegenüber

kommt. Ein froschähnliches Tier

sitzt dort auf einem Stein und beißt

in einen von Jaimes Müsliriegeln,

„Erfordern schwere Maßnahmen!“

„Du hast mich bestohlen!“, ruft Jaime.

Er ist wütend. „Sollte ich etwa verhungern?“,

anTwortet das Wesen von

gegenüber.

„Und was ist mit mir?“, fragt Jaime

laut.

„Dir? Was interessierst du mich

denn? Ich muss überleben. Der See

ist tot und die Fische Gift, so wie alles

darin. Die Biester nehmen sich auch

alles, was sie wollen, ohne an andere

zu denken. Also mache ich das nun

genauso!“

„Du meinst wohl der See ist vergiftet

und die Fische sind tot!“

„Nein, nein, das meine ich nicht. Die

Biester essen alles giftige, so wie ich

ungiftiges esse. Und deshalb vergiften

sie die Fische, damit diese für

sie nahrhaft werden und töten somit

den See und alles, was ihn umgibt.

Nur mich nicht, denn ich bin gewitzt

und tu es ihnen nun gleich und nehme

mir einfach was ich will!“, das Froschtier

lacht laut und fühlt sich schlau. „Aber

wie soll ich nun Wasser finden, wenn

alles hier für mich ungenießbar ist?“,

fragt Jaime und unterdrückt ein Zittern

in der Stimme.

„Anscheinend hast du die Wahl zwischen

verdursten oder vergiftet werden.

Das ist viel wert! Viele haben nicht einmal

eine Wahl. Du kannst dich glücklich

schätzen.“, dabei knabbert das Wesen

weiter am gestohlenen Müsliriegel und

bespritzt sich etwas mit Jaimes Wasserflasche,

„Da ich nicht mehr in den

Tümpel kann muss ich mich ja

irgendwie feucht halten.“, es klingt

nicht wirklich nach einer Entschuldigung.

Jaime seufzt und fragt, „Weißt du

den Weg aus dem Wald hinaus?“ Das

Froschwesen aber antwortet nicht, es

ist plötzlich ganz starr.

Eine Schwere legt sich über den Tümpel.

Dann kommt ein starker Wind auf,

der durch die Bäume fegt und Staub und

Blätter aufwirbelt.


Eva Lamberty

Eva Lamberty ist 1987 geboren und studiert zur Zeit Kommunikationsdesign in Düsseldorf.

Sie hat auf ihrem Fenstersims viele Blumen stehen und im Baum vor ihrem Fenster wohnt eine

Eichhörnchenfamilie. Eva illustriert, malt und macht Comics. Sie geht gerne in den Wald, fährt lieber

Fahrrad als Auto und denkt sich Geschichten aus. Eva möchte gerne anderen Menschen zeigen, wie

sie die Welt sieht.

In den Wäldern ist ihr Versuch, all das auf Papier zu bringen.


Weitere im Verlag erschienene Kinderbücher:

“Bemba - Reise zum Saturn”

“Wie Mathilda ein Zuhause fand”

ISBN: 978-3-9816299-1-0 ISBN: 978-3-9816299-4-1

Hardcover inkl. 3D-Brillen, 15,00 EUR

Softcover, 7,00 EUR

Für den GrünerSinn-Verlag ist Nachhaltigkeit

ein wichtiger Maßstab seines Handelns.

Deshalb achteten wir auch bei der Herstellung dieses Werkes

ganz besonders auf umweltfreundliche, ressourcenschonende

und schadstofffreie Produktionsweisen und Materialien.

So wurde Recyclingpapier verwendet und für die Druckproduktion

wurden nur erneuerbare Energien und reine Pflanzenölfarben verwendet.

© GrünerSinn-Verlag, Gütersloh

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-9816299-3-4

Text & Gestaltung: Eva Lamberty

Lektorat: Marie-Theres Guske & Karolina Kelc

1. Auflage 2014

www.gruenersinn-verlag.de

GrünerSinn-Verlag

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