Ausgrenzung, Stigmatisierung, Exotisierung - Urbane Lebenswelten von Roma / dérive - Zeitschrift für Stadtforschung, Heft 64 (3/2016)

derive

Wer mit halbwegs wachem Geist in Europa lebt, weiß, dass Roma diskriminiert werden, ihnen mit rassistischem Hass und Gewalt begegnet wird; und doch scheint die Verdrängungsleistung in Bezug auf die untragbare Situation groß. Als ausgegrenzte und stigmatisierte europäische Minderheit trifft die Roma die neoliberale Stadtentwicklung der letzten Jahrzehnte besonders hart. Seien es die Privatisierung von kommunalen Dienstleistungen, die Kommodifizierung von Wohnraum oder die Kommerzialisierung des öffentlichen Raums. Die Sommerausgabe von dérive greift all diese Punkte auf und setzt sich mit klassischen Vorurteilen wie dem Nomadentum oder dem Betteln auseinander. Darüberhinaus gibt es einen ausführlichen Beitrag über den Städtebau in Brasilien.
Das Heft kann hier https://shop.derive.at/collections/einzelpublikationen/products/heft-64 bestellt werden.

Martin Feiersingers knappe, konzise Texte das

Interesse am jeweiligen Bau noch steigern.

Da ist es dann ein Jammer, wenn die beschriebenen

Strukturen nicht zu sehen sind.

Ob auch andere Länder ein solches Maß

an Schätzen der Moderne bergen? Vielleicht

kann man Martin und Werner Feiersinger

zumindest dafür gewinnen, Italien auch weiter

Richtung Süden mit ihren Kameras zu

durchkämmen. Jedenfalls sei der Band allen

an der Architektur der Nachkriegsjahrzehnte

Interessierten unbedingt empfohlen, gerade

jetzt, wenn man vielleicht seinen Sommerurlaub

plant. Das nächste Traumziel der Rezensentin

steht jedenfalls fest: der ligurische Küstenort

Bergeggi mit seiner 1950er-Jahre-Retorten-

Feriensiedlung Torre del Mare und ihren in die

Felsen der Steilküste gehauenen, auf

verschränkten Zylinderstrukturen basierenden

Bauten von Mario Galvagni. Auch so ein

Name, den man sich merken muss. Wir lechzen

jedenfalls schon jetzt nach Band 3 …


Martin & Werner Feiersinger

Italomodern 2. Architektur in

Oberitalien 1946-1976.

Zürich: Park Books, 2015

552 Seiten, 48,- Euro


Räume des Phantastischen

und Grotesken

Thomas Ballhausen

Nick Cave ist richtigerweise nicht nur als Musiker

eine fi xe Größe des kulturellen Geschehens

– seine Prosaarbeiten und insbesondere seine

Lyrics machen immer wieder die literarischen

Qualitäten seines Wirkens deutlich. Für die nun

auch in deutscher Sprache vorliegende jüngste

Veröffentlichung, The Sick Bag Song, hat er

sich auf eine Zwischenform verlegt, die in mehrfacher

Hinsicht von der Kategorie des Raums,

sei es in geografi scher oder in poetischer Hinsicht,

geprägt ist. Als lyrischer Prosastrom wird

eine Tour in den Vereinigten Staaten und Kanada

nachgezeichnet, die jeweiligen Städte, von

Nashville über Los Angeles bis Montreal, geben

die zyklische Kapitelstruktur des Buches ab.

Doch wer hier ein Nacherzählen von musikalischen

Stationen in Sinne eines Tour-Tagebuchs

erwartet, wird angenehm überrascht.

Im Mittelpunkt des Langgedichts stehen

nicht so sehr die Auftritte, sondern vielmehr die

Passagen des Übergangs. Von den Rändern her

erzählt Cave über Getriebenheit, über das

Element des Unsteten. Die Kreisbewegung der

Tour ist eingebunden in die umklammernde

Refl exion über eine Kindheitserinnerung, über

das ganz prinzipielle Spannungsverhältnis

zwischen dem Objektivitätsanspruch allgemeingültiger

Wahrheit und subjektstiftender individueller

Erfahrung. Die Unaufl ösbarkeit der

Frage, ob nun etwas tatsächlich so gewesen

ist oder ob es auf eigenständige/eigenwillige

Weise erinnert wird und damit auf einer

verschobenen Ebene Wahrheitsgehalt gewinnt,

ist wenig überraschend die poetologische

Grundlage von Caves Text.

Bevor sich aber ein Moment von Aussöhnung

abzeichnen kann, muss die Tour durchschritten

werden: Die titelspendenden sick bags

sind hier aber nicht nur Notizzettel, sondern

im übertragenen Sinn auch ein diagrammatischer

Raum, in dem Cave seine mannigfaltigen

Bezüge und Referenzen, die auf den ersten

Moment nicht selten widersprüchlich oder auch

gegenläufi g anmuten, literarisch neu zu einander

positioniert. Was sich da fi ndet, macht

deutlich, dass der Titel des Buchs keine Zufälligkeit

ist, spielt Cave doch sehr gekonnt mit

Auswurf und Verwerfung, mit Unrat und Dreck.

Es ist also bestimmt nicht das cleanliness bag

der asiatischen Zivilluftfahrt, das sich auftut,

sondern vielmehr eine wahre Kotztüte (An die

Titelwahl der ansonsten sehr gelungenen

Übersetzung und das österreichische Spezifi -

kum Speibsackerl soll an dieser Stelle kurz erinnert

werden). Wenn also alle in der sprichwörtlich

gleichen Tüte sitzen, ist es nur umso

stimmiger, wenn Cave auch auf dieser Ebene

sein Oszillieren zwischen Dokumentation

und Fiktion fortführt und in seinen mythopoetischen

Verschränkungen die geschilderten

Szenerien in Räume des Phantastischen und

Grotesken überführt. Und nichts ist dann wirklicher,

als wenn er beispielsweise weiblichen

Allegorien von Nationen begegnet oder unter

einer Brücke eine pfl egebedürftige »Drachin«

fi ndet. Die aufwändig gestaltete Ausgabe lädt

zum Vergleicht mit dem im Anhang abgedruckten

englischsprachigen Original, auf

jeden Fall aber zur sofortigen erneuten

Lektüre dieses Raum-Texts ein.


Thomas Ballhausen

Nick Cave: The Sick Bag Song/Das Spucktütenlied

Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch 2016

ISBN 978-3-462-04862-9


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