Werk6

lunte5

Ausgabe 2016

EIN STUDIENPROJEKT DER AMD AKADEMIE MODE & DESIGN BERLIN, LEHRREDAKTION MM8, AUSGABE NO. 6, SOMMER 2016


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generation y – Werk 6 Suche Everyday Makeup Routine -Youtube vetements ist mehr als gvasalia: di... Flug Berlin – New York ab EUR 498

werk 6

editorial

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generation y

Webdefinitionen

Generation Y (kurz Gen Y) wird die Bevölkerungskohorte bzw. Generation genannt, die im

Zeitraum von etwa 1980 bis 1999 geboren wurde. Je nach Quelle wird diese Generation auch

als die Millennials (zu deutsch etwa die Jahrtausender) bezeichnet. Daneben ist die Generation

die erste der Digital Natives. Welche Eigenschaften Mitgliedern dieser Gruppe zugeschrieben

werden können, wird in der Fachliteratur und anderen Medien vielfältig diskutiert.[1][2]

Durch die zeitliche Einordnung gilt sie als Nachfolgegeneration der Boomers (bis 1965) und

der Generation X (bis 1980). Der Buchstabe Y wird englisch Why (= Warum) ausgesprochen,

was auf das charakteristische Hinterfragen der Generation Y verweisen soll.[3] Die nachfolgende

Generation wird hin und wieder als die Generation Z bezeichnet, welche mit dem Geburtsjahr

1999 beginnt.[4] Die Einteilung der Zeiträume unterscheidet sich oft zwischen der deutschen

und der amerikanischen Literatur.[5]

http://de.wikipedia.org/wiki/Generation_Y

Generation Y – Mehr Leichtigkeit im Arbeitsleben – karriere.de

www.karriere.de/karriere/mehr-leichtigkeit-im-arbeitsleben-164497/

Job, Gehalt, Aufstieg – Die Generation Y stellt alles infrage. Die nach 1980 Geborenen gelten

als ehrgeizig, selbstbewusst und verwöhnt. Jetzt sind viele im …

Generation Y: Ihr macht uns arm! | ZEIT ONLINE – Die Zeit

http://www.zeit.de/2016/21/generation-y-geld-rente-rentner-altersarmut...

26. Mai 2016 ... Generation Y: Ihr macht uns arm! Dass die Rentner mehr Geld bekommen,

freut unseren Autor Alard von Kittlitz. Noch mehr würde er sich ...

Pauly Bar

Auguststraße 11–13, 10117 Berlin

Di bis Sa 18–2.30 Uhr

Reservierung:

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FOTOS: QUELLE: GOOGLE-SUCHE NACH „GENERATION Y“

Heulsusen, Weicheier, frech & faul: Eine Gebrauchsanweisung für die ...

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04.06.2016 – Ihr Buch: ein pointiertes Plädoyer dafür, die vielgescholtene Generation Y ernst

zu nehmen. Für Unternehmen eine große Herausforderung.

Weeeeeeeeeeerk 6

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WOLKE Y

Wir schweben auf den

Gedanken von Freiheit,

Angst und Liebe

DORFJUGEND

Die Band Die Nerven

über ihren musikalischen

Kampf gegen die Langeweile

ZUGVÖGEL

Warum Leben in Berlin

am schönsten ist

KINDERZIMMER

Eine Modestrecke, die

uns in die 90er-Jahre

zurückführt

ÜBERRASCHUNG

Jugendforscher Klaus

Hurrelmann spricht

über unsere Generation

KLISCHEE

Kulturen, die unsere

Zeit prägen

TALENTSUCHE

Wie die C/O Berlin junge

Fotografen fördert

WECKRUF

Journalistin Laurie Penny

erklärt, wie Femininsmus

heute funktioniert

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ADOLESZENZ

Russischer Streetstyle von

Gosha Rubchinskiy an

Berliner Jugendlichen

BEISTAND

Deutschlands Modenachwuchs

und seine Förderung

BOTSCHAFT

Modedesigner Sadak über

unfreiwillige Politik

KREUZVERHÖR

Marc Göhring, Mode -

redakteur der 032c,

steht Rede und Antwort

EROBERUNG

Generation-Y-Designer

übernehmen das Zepter

in großen Modehäusern

STRASSENKAMPF

Sportswear trifft

auf Dobermann

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FOTOS:

FOTOS (V.L.N.R.): JANINE SAMETZKY, BEN LAERK, JULIAN MARTINI, FILIZ DUBOIS, ED PHILILPS, MARC KRAUSE, JON CARTWRIGHT, JENNY KOLLER

FOTOS (V.L.N.R.): JANINE SAMETZKY, NICK MARTIN, JONAS FRIEDRICH, ANDREAS NICOLAS FISCHER

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BILDSCHIRMFOTO

Wie Stift und Pinsel in der

Kunst ersetzt werden

GEGENSTÜCK

Mit der Wischtechnik zum

Liebesglück

SCHMINKSTUNDE

Beauty-Vlogger werden immer

erfolgreicher: ein Faktencheck

SELBSTKRITIK

Wir halten unserer Generation

den modischen Spiegel vor

GESPRÄCHSSTOFF

Wie Social-Media-Influencer

von Agenturen als Superstars

vermarktet werden

LANGZEITURLAUB

Wenn die Hängematte den

Schreibtisch ersetzt

ENTZUGSERSCHEINUNG

Unfreiwillige soziale Abschottung

im Selbstversuch

WERK 6 ist ein Studienprojekt des 6. Semesters

im Ausbildungsgang Modejournalismus/

Medienkommunkation an der

AMD Akademie Mode & Design Berlin.

VERANTWORTLICHE DOZENTEN

Olga Blumhardt (Magazinentwicklung, Text, V.i.S.d.P.)

Antje Drinkuth (Styling)

Janine Sack (Art Direktion)

Jenni Zylka (Text)

Nina Zywietz (Marketing & PR)

REDAKTION, KURS MM8

Pia Ahlert, Linnéa Axelsson-Lindgren, Evelyn Carhuas

Luna, Ragnhild Deschner, Maraike Dobriczikowski,

Nathalie Grimm, Marie-Christin Jaster, Franziska Kral,

Laura Koch, Katharina Kunath, Mara Leibrock, Simon

Naschberger, Kelly Niesen, Marlene Nordmann, Niklas

Peter, Sophie Poth, Julius Salvenmoser, Ina Witzel

CHEF VOM DIENST

Marie-Christin Jaster, Simon Naschberger

SCHLUSSREDAKTION

Heinrich Dubel

FOTOS

Filiz Dubois, Jonas Friedrich, Daniel Hofer,

Marie-Christin Jaster, Andreas Klingberg,

Marc Krause, Hannah Krüger, Ben Laerk,

Julian Martini, Ed Phillips, Janine Sametzky,

Boris Schmitz (Illustrationen), Markus Voigt

GRAFIK

Maraike Dobriczikowski, Franziska Kral,

Simon Naschberger

BILDBEARBEITUNG

Vladimir Milašinovićć

REDAKTIONSANSCHRIFT

AMD Akademie Mode & Design Berlin

Pappelallee 78/79, 10437 Berlin

Tel.: 030 330 99 76 0

olga.blumhardt@amdnet.de

DRUCK

Brandenburgische Universitätsdruckerei

und Verlagsgesellschaft Potsdam mbH

Karl-Liebknecht-Straße 24-25

14476 Potsdam

www.bud-potsdam.de

WERK VI erscheint jährlich und liegt an

ausgewählten Orten in Berlin aus

Das Titelbild wurde von Filiz Dubois fotografiert

Model: Anton Strauch

Anton trägt einen Mantel von Burberry und einen

Hoodie von Thrasher

Wir danken allen, die WERK 6

möglich gemacht haben!

www.werk6-magazin.de

www.facebook.com/werkVI

www.instagram.com/werk6

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glücklich

nostalgisch

young

Generation

Why

Wir sind die #GenY, doch was heißt das eigentlich?

Ein Erklärungsversuch

?

TEXT KATHARINA KUNATH

FOTOS MM8

sassy

stark

offen

ICH, WIR, IHR

Viel zu lange habe ich mich davor gedrückt, diesen

Text zu schreiben. Er soll von der Generation Y handeln,

zu der wir, die zwischen 1980 und 1999 Geborenen,

gehören. Ich bin ein bisschen ratlos, wie ich anfangen

soll. Soviel gibt es über uns zu sagen, und

vieles wurde schon gesagt. Also prokrastiniere ich,

sehr erfolgreich. Gestern Abend: Binge Watching.

Fünf Folgen meiner Lieblingsserie gestreamt. Easy.

Auch heute bin ich schwer damit beschäftigt, die

weiße Pages-Seite, die mir mein Laptop geduldig offen

hält, zu ignorieren. Immer wieder wandert der Blick

zum iPhone. Instagramfeed checken, Snapchat-Storys

anschauen. Mal schnell auf Whatsapp fragen, wie es

meinen Freunden geht, ein bisschen auf Tinder swipen.

Ich habe gefühlt hundert Artikel gelesen, in denen

Autoren der Babyboomer- oder X-Generation hämisch

über die Ypsiloner herziehen. Uns als austauschbare

Zombies beschreiben, als mutlose

„Generation Biedermeier“, als faul und unmotiviert.

Habe TED-Talks von ein paar erfolgreichen Millenials

hinterhergeschoben, die mit Anfang 20 schon

Start-up-Millionäre sind. Bin irgendwie auf id.com gelandet,

habe ein Video über die unnötigsten Beauty-

Hypes geschaut (Glitzerbärte, #kyliejennerlipchallenge),

bin auf Youtube gekommen. Katzenbabys.

Klingt nach sinnloser Zeitverschwendung, macht mich

aber zum Paradebeispiel unserer Generation. Prokrastination?

Darüber lässt sich streiten, vor allem aber

Youtube, Snapchat und Tinder. Social Media, die Heimat

der Dauer-Onliner, aus deren Realität man das Virtuelle

nicht mehr wegdenken kann. Wir sind in einer

analogen Welt auf- und zu Digital Natives herangewachsen.

Wir haben unseren Eltern die Smart phones

erklärt, später zeigen wir unseren Kindern verstaubte

Analog-Fotografien, werden auf dem Dachboden unseren

alten Discman oder ein ausrangiertes Faxgerät aufheben,

Artefakte eines vergangenen Jahrhunderts.

Generation Y, so nennen sie uns, die Generationen

vor uns, die versuchen, uns zu verstehen und zu

definieren. Ich für meinen Teil will und kann uns gar

nicht definieren. Wie auch: Wie soll man schon 19

Jahrgänge über einen Kamm scheren? Verallgemeinern

in einer Zeit, in der das Individuum die Individualität

als höchstes Gut schätzt?

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werk6 | Generation Y

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FREIHEIT

Neue Denkweisen und das Gefühl, die Welt verändern

zu können, wurden uns von unseren Eltern in die

Wiege gelegt. Mit dem World Wide Web haben wir ein

Tool in die Hand bekommen, das uns ortsunabhängig

und schnell macht. Wir sind flexibel und frei. Wir

wurden zu digitalen Nomaden, großflächig vernetzt,

auf der ganzen Welt zu Hause. Zu Weltbürgern. Wir

reisen viel und gerne, ziehen in Großstädte, schätzen

das urbane Leben und den kulturellen Austausch.

Kappen unsere Wurzeln, um zu wachsen. Die Heimat

wird verlassen, um sie anderorts zu finden. Wir lieben

unsere Freiheit. Der Traum vom Eigenheim mit Garten,

Hund, Kindern und dem passenden Partner gehört

unseren Eltern. Wir wollen „Ein Haus am Mehr“,

wie Samy Deluxe passend rappt, „Mehr Zeit, Mehr

Glück, Mehr Liebe, Mehr Fans, Mehr Fame, Mehr Ziele.“

Auf Social Media teilen wir unsere spektakulärsten

Urlaubsbilder, unseren Alltag, unsere wichtigsten

Momente. Wir wollen sie bewahren und möglichst

vielen Leuten zeigen, relevant sein. Markieren, wo

wir gerade stehen, bevor sich das Lebenskarussell mit

rasanter Geschwindigkeit weiterdreht. Mithalten ist

die Prämisse.

ZEIT

Wir sind (noch) jung. Die Welt liegt uns zu Füßen, sie

dreht sich schnell, wir drehen uns mit. Wenn wir etwas

nicht wissen, googeln wir es. Klamotten, Essen,

Gebrauchsgegenstände: Ein paar Klicks genügen und

das Wunschobjekt landet per Expressversand vor der

Haustür. Last-Minute-Flüge im Internet buchen, am

nächsten Tag am anderen Ende der Welt Sonne tanken.

Genervt sein, wenn wir nicht innerhalb von 24

Stunden eine Antwort auf unsere Mails bekommen.

Wir haben es verlernt, geduldig zu sein. Gleichzeitig

scheint unser Umfeld verlernt zu haben, Geduld

mit uns zu haben. Du bist Mitte 20, hast aber noch keinen

Bachelorabschluss, Erasmus-Jahr, diverse Pflichtpraktika,

FSJ in Südostasien und einen Trip um die

Welt gemacht? Du steckst noch nicht im Masterstudium

und hast vielleicht sogar eine Lücke von einigen

Monaten im Lebenslauf, in denen du dich weder fortgebildet

noch gearbeitet hast? Zeit ist zur wichtigsten

Maßeinheit für den persönlichen Erfolg geworden. Der

Druck, möglichst schnell viel zu erreichen, hängt wie

ein Vermächtnis unserer Vorgängergenerationen über

uns. „Forever Young, Wild and Free“ steht höchstens

noch als jugendliche Tattoo-Sünde auf unseren Rippenbögen,

den dazugehörigen Mindset können wir uns

zeitlich nicht mehr leisten.

Deswegen ist es für uns erschreckend, wenn etwas

Zeit braucht. Es macht nervös, es gibt uns das Gefühl,

nicht gut genug zu sein. Wenn wir plötzlich

langfristig denken müssen, Beziehungen aufbauen

oder uns im Job hocharbeiten müssen, sehen wir uns

mit etwas konfrontiert, das im Alltag unbekannt geworden

ist. Vom Tellerwäscher zum Millionär? Es fehlt

relaxt

lost

on the road

gefiltert

exzessiv

ungeduldig

FOTOS:

emotional

vergeben

lonely

depressiv

fancy

nicht der Ehrgeiz, wir sind weder faul noch inkompetent

– es fehlt die Geduld. Wir wollen den langwierigen

Part überspringen, direkt ans Ziel kommen. Wir

gründen lieber Start-ups, als jahrelang dieselbe Position

in einer Firma zu haben. Wir wollen erfolgreich

sein und unsere Freizeit trotzdem nicht vollkommen

für unsere Karriere verschwenden.

LIEBE

Wenn Freiheit und Zeit die wichtigsten Dinge in unserem

Leben sind, bleibt dann überhaupt noch Platz für

Beziehungen, Partnerschaften und Liebe? Der Mythos

der Generation #Beziehungsunfähig rankt sich

durch sämtliche Medien und ist eine einfache Entschuldigung

für frustrierte Millenials in Singlestädten

wie Berlin und Hamburg. Alles Bullshit, glaubt man

Studien und Professoren anstelle deprimierender Online-Artikel

auf Zett, Bento und Neon, in denen einsame

Ypsilon-Autoren über sich selbst klagen. „Beziehungsunfähig

werden Menschen sicher nicht“, schätzt

uns Franz Neyer, der das Institut für Psychologie an

der Friedrich-Schiller-Universität in Jena leitet, ein.

„Jeder sucht und braucht jemanden, der ein emotionaler

Anker ist, der einen begleitet, beschützt, jemanden,

der sich mit einem freut und leidet.“ Und das bestätigt

sich, wenn ich mich in meinem Freundeskreis

umschaue. Wiege ich Pärchen vs. Singlefreunde ab,

gleicht sich das ziemlich gut aus.

Festzuhalten ist nur, dass die Zahl der Eheschließungen

seit zehn Jahren sinkt, und die Zahl der

Ehen, die nach der Silberhochzeit (!) geschieden werden,

steigt. Heißt im Klartext: Wir sind die Generation

eines anderen Unworts, des #Scheidungskindes.

Teilweise sind wir sogar Scheidungsenkelkinder oder

Töchter und Söhne mehrfach geschiedener Eltern, in

Patchworkfamilien aufgewachsen. Müsste ich mir

eine Sitzordnung für meine eigene Hochzeit überlegen,

ich wäre hoffnungslos überfordert. Könnte ich

den neuen Freund der Exfrau meines Vaters an einen

Tisch mit den Eltern meines Stiefvaters setzen? Kennt

mein Halbbruder mütterlicherseits überhaupt schon

meine Cousinen väterlicherseits? Müsste ich einen

Stammbaum zeichnen, gliche das Ergebnis einer

Baumschule.

Kein Wunder, dass traditionelle Familienmodelle

und veraltete Geschlechterrollen längst out sind,

Oldschool-Liebesschwüren messen wir auch nicht

mehr viel bei. Die Sehnsucht, The One zu finden, ist

aber immer noch da, und wenn wir lieben, dann richtig.

Wir lassen uns nur mehr Zeit, bevor wir uns endgültig

festlegen. Als Mingle vertreiben wir uns auf

dem Weg dahin die Zeit mit Halbbeziehungen, unverbindlichen

Partnerschaften, die uns Raum zur Selbstverwirklichung

lassen. So weiß ich ganz genau, wen

ich anrufen kann, wenn ich Bock auf Netflix & Chill

habe oder mal einen richtig kitschigen Händchenhalten-Tag

brauche, muss mich aber bei niemandem

rechtfertigen, dass ich spontan für ein Praktikum ans

andere Ende der Republik ziehe. Unsere „Wir-haben-

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werk6 | Generation Y

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sowas-am-Laufen“-Affären sind genauso paradox wie

die Ansprüche, die wir ans Leben haben: In ihnen

steht das Individuum vor der Partnerschaft, sie geben

uns Raum zur Selbstverwirklichung und gleichzeitig

Sicherheit, weil immer alleine einschlafen auf Dauer

auch nicht glücklich macht.

ANPASSUNG

Stabilität und Sicherheit wünschen wir uns nämlich

sehr, wie immer mehr Studien beweisen. Wir schweben

in einem ständigen Widerspruch zwischen Freiheitsliebe

und Sicherheitsbegehren und können uns

nicht entscheiden, ob wir lieber Neo-Spießer sind

oder Konservatismus doch doof finden. Im Alltag sind

wir so mit uns selbst und all unseren Möglichkeiten

beschäftigt, dass wir gegen nichts mehr aufbegehren

oder rebellieren. Jugendkulturen sterben aus, obwohl

wir, wenn wir wollten, jeden Tag jemand anderen darstellen

könnten, Normcore aber einfacher finden.

Nicht umsonst ist der Hipster, die letzte große

Jugendkultur der vergangenen Jahre, Mainstream geworden.

Der dazugehörige Duden-Eintrag ist in etwa

so präzise wie eine Scheibe labbriges Brot: „Jemand,

der über alles, was modern ist, Bescheid weiß, in alles

Moderne eingeweiht ist“. Das klingt neugierig – aber

auch angepasst, weichgespült und kompromissbereit

und heftig nach Konsum. Der rebellische, provokante

Charakter vorheriger Jugendkulturen fehlt völlig und

mit dem klischeehaften Bild des Hipsters will sich eigentlich

niemand mehr identifizieren, es taugt höchstens

noch zum Spott.

Trotzdem erwischen wir uns dabei, wie die neue

Bio-Matcha-Mate (#leidergeil) Instagram-Inhalt wird

und nicht die politische Lage in Europa. Wir twittern

höchstens mal ein politisches Statement, zur Demo

möchten wir aber lieber nicht gehen. Wir bauen uns

eine heile virtuelle Welt, um uns von der unsicheren

Realität abzulenken, versuchen nicht, sie zu verändern.

Wir könnten alles sein, wenn wir uns nur mal

auf etwas festlegen würden. Eine ganze Generation,

geeint in der Suche nach der eigenen Wichtigkeit und

dem tieferen Lebenssinn. Alte Strukturen aufgebrochen,

neue Strukturen noch nicht erprobt. Zerrissen

in der Gegensätzlichkeit, die uns ausmacht. #Generationwhy:

So mit dem Hinterfragen beschäftigt, dass

wir vergessen, zu handeln. Angst vor der Zukunft und

trotzdem Bock auf Neues.

ANGST

Ich war sieben, als ich am 11. September 2001 vor dem

Fernseher saß und meine Mama mir erklärte, was ein

Terrorist ist. Ich war 13, als 2007 die Weltwirtschaftskrise

ihren Lauf nahm und mein Papa beim Zeitungslesen

nichts mehr sagte. Ich war 17, als ich im Internet

die Video-Aufnahmen der Explosionen im japanischen

Kernkraftwerk Fukushima sah und anschließend mit

meinen Schulfreunden Spenden sammeln ging.

Gewalt, wirtschaftliche Krisen, Umweltkatastrophen.

mutig

wild

urban

naiv

FOTOS:

broke

hoffnungsvoll

shiny

konsumgeil

Bilder, die um die Welt gingen. Bilder, die uns, Kinder

des digitalen Zeitalters, bis heute begleiten.

Ich bin 21. Terrorismus und Krieg beherrschen

die Nachrichten. Und beides ist näher, als in meinem

ganzen bisherigen Leben. Ungewissheit ist ein Dauerzustand

geworden. Meine Generation sieht einer Zukunft

entgegen, die weder stabil noch friedlich ist. Wir

müssen eine weltweite Flüchtlingskrise bewältigen.

Neuankömmlinge in die Gesellschaft integrieren, in

der wir unseren eigenen Platz noch gar nicht gefunden

haben. Wir müssen gegen einen überraschenden

Rechtsruck in Europa kämpfen, mit einem bröckelnden

Bildungssystem und Umbrüchen in der Arbeitswelt

zurechtkommen. Wir sehen uns mit immer mehr

Menschen im Rentenalter konfrontiert, die versorgt

werden wollen. Mit einer weiter auseinanderklaffenden

Schere zwischen Arm und Reich. Mit internationalen

Konflikten, großflächig angelegtem Terrorismus.

Mit einem zerstörten Ecosystem, Erderwärmung

und knapp werdenden Ressourcen. Wir sehen unsere

Freiheit schwinden und uns eingeengt zwischen

Problemen, die größer scheinen als wir. Der Struggle

ist real.

Es macht mich wütend, wenn von uns behauptet

wird, unsere Generation schwebe sorgenfrei auf rosa

Wölkchen durchs Leben, nur mit den eigenen Problemen

beschäftigt. Oder wenn wir als verweichlicht dargestellt

und unsere Zukunftsängste nicht ernst genommen

werden. Unsere Aufgabe wird es sein, sich

davon nicht lähmen zu lassen, sondern daran zu wachsen

und dagegen anzukämpfen.

ZUKUNFT

Genderequality und Feminismusdebatte, gleichgeschlechtliche

Liebe, kultureller Austausch: Themen,

denen wir Y-Kinder viel offener entgegentreten als

die Generationen vor uns. Wir haben gesellschaftlich

schon viel geschafft und können noch so viel mehr.

Aufwachen, vielleicht mal wieder rebellieren. Den

Blick vom individuellen Wohlergehen abwenden. Die

kollektive und die eigene Freiheit gleichermaßen

verteidigen. Daraus Sicherheit und Stabilität schöpfen

und gesellschaftliche Distanzen überwinden. Beziehungen

zulassen. Im Hier und Jetzt leben, spontan

sein und gleichzeitig zukunftsorientiert. Das

könnten wir.

Denn was wie blinde Naivität und jugendlicher

Optimismus klingt, ist eine Stärke, die wir anderen

voraushaben: Offenheit Neuem gegenüber, Hinterfragen

des Bisherigen, blitzschnelle Anpassung und Optimierung.

Wer in unseren gegensätzlichen Zeiten

aufgewachsen ist, ist Meister im Umgang mit unerprobten

Situationen. Wir sind die, die im 20. Jahrhundert

geboren, aber im 21. Jahrhundert erwachsen

wurden und uns damit von allen anderen Generationen

abgrenzen. Wir schlagen die Brücke in ein neues

Zeitalter. Das Jetzt gehört uns, wir müssen es uns nur

zu eigen machen. Das ist die Generation Y.

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WIE STEHT ES

HEUTE UM DEN

FEMINISMUS?

menschen

FOTOS: MM8 (INSTAGRAM.COM)

WER

GIBT GERADE

DEN MUSIK-

TON AN?

WER FÖRDERT

EIGENTLICH

UNSERE

NACHWUCHS-

FOTOGRAFEN?

FOTOS:

FOTOS:

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VERWENDE

deine Jugend

Die Nerven, eine Band aus

dem Umland von Stuttgart,

sind der musikalische

Beweis dafür, dass dörfliche

Tristesse immer noch

inspirierend sein kann

INTERVIEW MARAIKE DOBRICZIKOWSKI

FOTOS JANINE SAMETZKY

Nebenschauplatz: In diesem Sommer sind die drei Nerven

an der Berliner Schaubühne, 2017 am Schauspiel Stuttgart

– als Teil einer Kooperation zwischen den beiden Häusernil

des Bühnenbildes.

FOTOS:

FOTOS:

F

rust, Langeweile, Orientierungslosigkeit

– so manche Jugendband ist auf dem

fruchtbaren Nährboden ländlicher Einöde

entstanden. Aufgewachsen im Kreis

Stuttgart, mussten auch Max Rieger (23), Kevin Kuhn

(27) und Julian Knoth (25) früh feststellen: Trotz Digitalisierung

ist die Jugend am Ländle für die Generation

Y noch genauso beklemmend wie eh und je. Da kann

Musik die letzte Rettung sein. 2012 wurden die drei zu

Die Nerven. Seitdem wird die Band von den Medien als

die neue, große, deutsche Hoffnung gefeiert. Der Spiegel

bezeichnete ihr Album Fun gar als eine der wichtigsten

und besten Platten dieses Jahrzehnts. All das ist

für Max, Kevin und Julian nur zweitrangig, denn für sie

ist Musik das einzige Mittel, um allen Konformisten

akustisch in die Fresse zu hauen. Ihre ziemlich lauten,

deutschsprachigen Texte erzählen vom Widerstand gegen

Gleichmacherei und festgefahrene Moralvorstellungen,

ohne jemals sentimental zu sein. Dafür stochern

sie im Hier und Jetzt herum, kratzen am

Zeitgeist, rütteln am Status Quo, legen Stück für Stück

den Nerv der Zeit frei, bis es weh tut.

Die Nerven sind der Beweis dafür, dass nicht der

destruktive Ton die Musik macht, sondern die konstruktive

Geisteshaltung. Im Interview wird klar, wie

dieser scheinbare Widerspruch mit ihrer Vergangenheit,

ihrer Gegenwart und ihrer Generation in Verbindung

steht.

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WOFÜR STEHT UNSERE GENERATION?

Max: Für gar nichts. Kevin: Whatever Forever. Julian:

Es wird immer schwieriger, sich individuell zu fühlen,

weil man alles schon gesehen hat. Kevin: Ich glaube,

dass Inhalte durch Außenwirkung aufgefressen werden.

Es gibt viel mehr Fassade. Julian: Es gibt auch gute

Aspekte. Dass Debatten durch die Digitalisierung auf

einer ganz anderen Ebene stattfinden und viel mehr

Leute daran teilhaben können. Max: Die Medienkompetenz

der Generation Y kann aber auch in Paranoia

und Verwirrung umschlagen angesichts der 1.000

Möglichkeiten, die da zu sein scheinen. Das ist eine

komplexe Angelegenheit. Julian: Weil wir selbst auch

noch drin stecken.

WOFÜR WÜRDET IHR AUF DIE STRASSE GEHEN?

Max: Um Essen zu kaufen – oder Zigaretten. Julian:

Anstatt auf Demonstrationen zu gehen, stelle ich lieber

durch die Art, wie ich bin, eine Alternative dar zu Hass und

allem, was Minderheiten ausschließt. Max: Ich kann mit

dieser Art Massenaufkommen auch nichts anfangen.

Kevin: Ich war auf diversen Stuttgart-21-Demos. Aber

man überlegt sich dann doch, wie viele wirklich für die

Sache da sind und wer sich nur mit einer Gruppe identifizieren

will. Julian: Kann sein, dass ich eines Tages wegen

irgendetwas so angepisst bin, dass ich doch auf die Straße

gehe. Kevin: Auf die eine oder andere Art wird sich eh bald

jeder positionieren müssen.

WIE SEHT IHR DIE ZUKUNFT?

Max: Was gerade in der Welt passiert, wird sich wohl

noch mehr hochschaukeln. Ich habe aber keine Angst.

Julian: Ich auch nicht. Jetzt ist vielleicht Krise angesagt,

aber irgendwann läuft es wieder besser. Wir haben

die 90er durchlebt, in denen alles super war mit

Happy-Flower-Techno und die 2000er, wo alles egal

war und jetzt wird gerade alles so krass. Davon ist jeder

mitgenommen, aber Generationen vor uns haben

so etwas auch erlebt.

DREI WORTE, DIE IHR LIEBER MIT EURER TEENAGERZEIT VERBINDEN WÜRDET.

Julian: Noch lieber? Max: Es ist gut, wie alles gelaufen ist, auch wenn es nicht perfekt

war. Wäre ich immer mit allem zufrieden gewesen, hätte ich nie diesen Drang

entwickelt, nach etwas anderem zu suchen und dann wär jetzt alles nicht so, wie es

ist. Kevin: Außenseiter Spitzenreiter sag ich nur.

WIE DENKT IHR HEUTE AN DIE SCHULE ZURÜCK?

Julian: Ich hab in meiner Jugend relativ schnell entdeckt, dass ich viele Sachen gut

kann, aber meist nicht das, was in der Schule relevant war. Songtexte zu schreiben

hat mir dabei geholfen, mich richtig auszudrücken. Max: Ich erinnere mich, wie

meine Mutter sagte: „Irgendwann verstehst du, warum ich dich durch die Schule

gezwungen hab.“ Letztes Jahr hat sie sich dafür entschuldigt, weil sie gemerkt hat,

dass auch andere Wege ans Ziel führen – unabhängig davon, wie gut man in der Schule

war. Kevin: Es ging immer nur um Leistung. Wenn ich nochmal zurück könnte,

würde ich alles dafür tun, aus der Schule zu fliegen. Die bringt einfach nichts.

FLIESST DIE ATMOSPHÄRE DIESER ZEIT HEUTE NOCH IN EURE MUSIK EIN?

Julian: Das ist die Basis, auf der wir arbeiten. Dabei geht es auch um Rebellion.

Irgendwann haben wir beschlossen, einfach nur noch das zu machen, worauf wir

Lust haben. Max: Auf jeden Fall. Man muss wissen, wo man herkommt. Kevin: Da

ist so ein Drang, den ich in Schüben immer wieder empfinde, als ob ich die Umgebung,

in der ich aufgewachsen bin, einfach kaputt hauen möchte.

ES GEHT ALSO AUCH UM AGGRESSIONSABBAU?

Julian: Klar, das ist etwas Gemeinsames zwischen uns und den Fans. Heute werden

wir bei den besten Konzerten eins mit den Zuschauern. Wir lassen alles raus und am

Ende sind alle glücklich. Aber anfangs gab es noch eine Art Wand zwischen uns und

dem Publikum. Max: Wir gegen die Zuschauer, gegen alle Umstände – einfach nur

kaputt machen.

WELCHE MUSIK HAT EUCH INSPIRIERT UND

BEWEGT?

Julian: Meine Initialzündung waren Franz Ferdinand

und die Beatsteaks. Die Inspiration, um selbst Texte

zu schreiben, waren Die Goldenen Zitronen. Da war

ich 16. Max: Das erste musikalische Erlebnis, das

mich so richtig beeindruckt hat, war die 9. Sinfonie

von Beethoven. Aber Marilyn Manson war der Grund,

mich ganz bewusst mit Musik auseinanderzusetzen.

Kevin: Ich hab mit drei angefangen, Musik zu hören,

mit vier hab ich schon Best-Of-Listen erstellt und mit

sieben Platten gesammelt. Wenn ich nicht in der Schule

war, hab ich zu Hause Musik gehört. Ich hielt mich

nie für sonderlich musikalisch, aber als ich anfing, Beat

Happening zu hören, eine Band, die ja eigentlich durch

musikalisches Unvermögen gewonnen hat, hat mir das

den Anstoß gegeben, selber Musik zu machen.

WELCHE BANDSHIRTS AUS EURER JUGEND TRAGT

IHR NOCH?

Max: Dazu hab ich nichts zu sagen. Ich geh kurz pissen.

Kevin: Ich hab welche, die ich schon mit fünf getragen

habe. Julian: Die trägst du noch? Kevin: Ja. Ich

habe noch ein wunderbares Beatles-Shirt, das mir

meine Oma 1996 geschenkt hat. Julian: Das älteste,

das ich noch trage, ist von den Goldenen Zitronen. Ich

hab auch noch eins von Franz Ferdinand, das ich mit

14 ständig anhatte. Deshalb haben mich in der Schule

eine Weile alle Franzi genannt.

WAS BEDEUTET FÜR EUCH HEIMAT?

Julian: Gewohnheit. Jeder Ort, an den ich mich gewöhne,

wird irgendwie zur Heimat. Max: Das ist nicht ortsgebunden.

Mir reicht es inzwischen, wenn ich mir abends

mit meiner eigenen Seife die Hände waschen kann.

„ICH SEHE IMMER SEHR

GERN ALLES DEN

BACH RUNTERGEHEN“

MAX RIEGER

WELCHER GERUCH ERINNERT EUCH AN EURE

KINDHEIT?

Julian: Die Eltern meines besten Grundschulfreundes

hatten einen Bio-Bauernhof, auf dem ich als

Kind viel Zeit verbracht habe, deshalb denke ich an

den Geruch von frisch gemähtem Heu. Max: Ich

kann noch genau abrufen, wie es bei meiner Oma

väterlicherseits roch. Sie hatte neun Zwergpudel.

Kevin: Wenn man im Winter die Heizung aufdreht,

sondert die so einen muffigen Geruch ab, der mich

an Weihnachten erinnert.

DREI WORTE, DIE IHR MIT EURER TEENAGERZEIT

VERBINDET.

Julian: Musik, Mädchen und Selbstfindung. Max:

Musik, Angst und Internet. Am Dorf ist man immer

nur mit den gleichen Leuten konfrontiert. Das Internet

hat mir geholfen zu erkennen, dass es noch mehr

gibt. Kevin: Ich nehme dreimal Musik.

In Armin Petras Inszenierung von „Die Erfindung der RAF

durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer

1969“ spielen Die Nerven ein Live-Set und sind zugleich

interaktiver Teil des Bühnenbildes

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werk6 | Generation Y

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WORAN MERKT IHR, DASS IHR EUCH ALS BAND

WEITERENTWICKELT?

Julian: An Erfolgserlebnissen. Kevin: Das erste Mal im

Fernsehen, das erste Mal auf einem Festival spielen …

Julian: Die Momente, in denen man merkt, wofür man

das alles macht. Max: Mittlerweile gibt es diesen geflügelten

Satz bei uns: Immer, wenn wir eine kleine

Stufe höher gehen, sagt Kevin: „Aha. Diese Art von

Band sind wir jetzt also.“ Seit Neustem sind wir die

Art von Band, die einen Schlagzeugteppich hat.

„DURCH DIE ART, WIE ICH BIN,

STELLE ICH EINE ALTERNATIVE DAR

ZU HASS UND ALLEM, WAS

MINDERHEITEN AUSSCHLIESST“

JULIAN KNOTH

„ICH WÜRDE DIE ALLGEMEINE

WAHRNEHMUNG VON COOLNESS

JEDERZEIT GERNE ZERBERSTEN“

KEVIN KUHN

DREI ADJEKTIVE, DIE EUREN SOUND

UMSCHREIBEN!

Julian: Mitreißend. Max: Dynamisch. Kevin: Pulsierend.

IN WELCHEN MOMENTEN FÜHLT IHR EUCH AM

MEISTEN WIE IHR SELBST?

Max: Auf der Bühne, wenn es gut läuft. Wenn der Vorhang

zwischen uns und dem Publikum fällt.

DER NERVIGSTE ERZIEHUNGSSPRUCH EURER ELTERN?

Max: „Dumm fickt gut.“ Kevin: Wie aus der Pistole geschossen. Julian: Das hat dir

dein Vater gesagt? Max: Nein, meine Mutter. Kevin: Was ich heute noch zu hören

kriege: „Das müssen alle anderen auch.“ Furchtbar, genau aus dem Grund will ich

es ja gerade nicht.

WAS WÜRDET IHR EUREN KINDERN MITGEBEN WOLLEN?

Julian: Dass sie ihr eigenes Ding machen und etwas gegen Widerstände tun sollen,

die ihnen begegnen und dass ich sie dabei unterstütze, egal, worum es geht. Max:

Dass es sich lohnt, sich gegen eigene Ängste aufzulehnen und sie im richtigen Moment

fallen zu lassen.

WELCHER MOMENT IST BESSER: VOR DEM KONZERT ODER NACH DEM

KONZERT?

Alle drei: Nach dem Konzert. Max: Vor dem Konzert sind wir total angespannt,

gucken uns ständig böse an und jeder muss die ganze Zeit auf die Toilette. Kevin:

Aber die halbe Stunde nach dem Konzert ist das Beste. Danach flaut es leider wieder

ab und man beginnt, auf das nächste Konzert zu warten. Julian: Vor dem Konzert

trinke ich auch meistens nichts, aber hinterher bin ich so euphorisiert, dass ich ein

Bier nach dem anderen runterkippe. Kevin: Es steht aber auch immer ein Kühlschrank

voller Bier da …

WIE SIEHT’S GENERELL MIT DROGEN AUS?

Julian: Mit 14 haben wir angefangen, vor der Schule Biermischgetränke zu trinken.

Wir fanden das geil, weil man den Unterricht danach voll gut aushalten konnte.

Max: Bis ich 18 war, wusste ich nicht mal, was Marihuana bewirkt. Kevin: Ich hab

erst durch Max gelernt zu kiffen, als wir unser erstes Album aufgenommen haben.

WAS MACHT EINE FREUNDSCHAFT ZWISCHEN BANDKOLLEGEN AUS?

Julian: Man muss lernen, mit allen Seiten des anderen klarzukommen. Max: Man

braucht Respekt füreinander. Wir führen eine komplexe Dreiecksbeziehung – nur

ohne Sex. Julian: Unser Sex ist die Musik. Kevin: In dieser Hinsicht sind wir wie Prince.

DIESES JAHR SIND VIELE MUSIKER UND ANDERE

PERSÖNLICHKEITEN GESTORBEN. PROGNOSEN,

WER DER/DIE NÄCHSTE SEIN KÖNNTE?

Julian: Udo Lindenberg, das habe ich geträumt. Max:

Nee, der überlebt uns noch alle. Eierlikör ist sein

Sprit. Kevin: Ich wette auf Donald Trump. Max: Ich

auch. Aber auf der anderen Seite sehe ich immer sehr

gern alles den Bach runtergehen. Und wenn Trump

Präsident wird, wäre das sicher sehr inspirierend für

neue Texte.

GAB ES EINEN SCHLÜSSELMOMENT, IN DEM IHR

WUSSTET, DASS IHR EINE BAND SEID?

Kevin: Bei meiner ersten offiziellen Show mit den

Nerven in Frankfurt im Juli 2012. Wir haben in einem

Keller vor neun Leuten gespielt. Hinterher

standen wir draußen. Es waren 40 Grad und wir

hatten alle keine T-Shirts mehr an. Plötzlich fing

es an zu regnen und wir haben uns an den Händen

genommen und einen Regentanz aufgeführt.

Julian: Das war die Bandtaufe. Der Himmel hat geweint,

weil diese drei Typen zusammen eine Band

hatten. Max: Ob vor Freude oder aus Trauer, weiß

man nicht.

WIE VIELE HINTERGEDANKEN STECKEN IN DEM

BANDNAMEN?

Max: Ach, der Bandname ist Segen und Fluch zugleich.

Julian: Er hat uns viel ermöglicht, weil wir

uns damit die Freiheit genommen haben, uns

selbst abzuwerten und das den Leuten damit einfach

vorauszunehmen.

INSZENIERT IHR EUCH AUCH ALS BAND?

Julian: Wir haben mittlerweile eine Ausdrucksform, die

es uns ermöglicht, einfach so wie wir sind, sehr präsent

zu sein. Max: Man sieht manchmal bei anderen Personen,

die in der Öffentlichkeit stehen, wie anstrengend

das ist, nach außen hin einen bestimmten Eindruck

aufrecht zu erhalten. Ich bin froh, dass wir unseren eigenen

Weg gefunden haben. Julian: Wir haben auch

Glück, weil wir einfach schon coole Hunde sind. Kevin:

Ich würde die allgemeine Wahrnehmung von Coolness

ja generell jederzeit gerne zerbersten.

HABT IHR EUCH SCHON MAL GEGOOGELT?

Kevin: Nach Konzerten sind wir schon neugierig aufs

Presse- und Fan-Echo. Max: Es ist gut, die Wahrnehmung

vom Publikum mitzubekommen. Manchmal

google ich mich auch selbst und fühle mich dann

meist schlecht, weil das eine ganz unnatürliche Form

von Selbstreflektion ist.

WAS WÜRDET IHR IN DIESEM LEBEN GERN NOCH

LERNEN?

Julian: Ich will lernen, mir eigene Strukturen zu

schaffen, aus mir selbst heraus, in denen ich kreativ

werden kann. Max: Ich möchte noch viel mehr kennenlernen.

Bisher war an keinem Ziel, an dem ich gedanklich

angekommen bin, wirklich ein Ende. Man

kann immer alles noch genauer betrachten. Kevin:

Ich hab heute beim Duschen daran gedacht, dass ich

Wind Up Working in a Gas Station von Frank Zappa

auf dem Schlagzeug beherrschen möchte.

WÄREN AUS EUCH IN EINER STADT WIE BERLIN

AUCH DIE NERVEN GEWORDEN?

Max: In Berlin gibt es so viele Szenen, wahrscheinlich

hätten wir uns gar nicht getroffen. Kevin: Aber in einer

kleineren Stadt wie Stuttgart gibt es so wenig

Subkultur, da wird die Abteilung Sonstiges einfach

zusammengekehrt.

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HOME

„ICH LIEBE ES, IM

WEDDING ZU WOHNEN,

WO SO VIELE KULTUREN

AUFEINANDERTREFFEN“

AWAY

FROM

HOME

Berlin hat eine unglaubliche Sogkraft auf

Menschen verschiedenster Nationen und

Kulturen. Über 52 Prozent der Einwohner

sind Zugezogene, die gebürtigen Berliner

sind deutlich in der Minderheit. Aber was

macht die Stadt so attraktiv, um hier seine

Zelte aufzuschlagen? Sechs Menschen aus

sechs Ländern erzählen uns ihre Geschichte

TEXT PIA AHLERT & KELLY NIESEN

FOTOS BEN LAERK

KARIN HOFFMANN, 28

MODEDESIGNERIN

KAPSTADT/SÜDAFRIKA 9.624 KM

Das erste Mal in Berlin war ich 2009. Ich hatte gerade

mein Modedesignstudium in Kapstadt beendet und

kam her, um ein Praktikum zu machen. Europa war

schon immer ein Wunschziel für mich, da die Modeindustrie

hier viel größer ist als in Südafrika. Und ich

will viel lernen – diese Möglichkeit habe ich hier gesehen

und bin 2012 endgültig nach Deutschland gezogen.

Für Berlin habe ich mich entschieden, weil es

einfach eine großartige Stadt ist, die viel zu bieten

hat. Ich mag die vielfältigen kulturellen Angebote, wie

zum Beispiel das Theater, die Konzerte oder Kunstausstellungen.

Außerdem leben in Berlin so viele interessante

Menschen, die auch eine ganz andere Mentalität

haben als die Südafrikaner. Ich liebe es, im Wedding

zu wohnen, wo viele Kulturen auf engem Raum aufeinandertreffen.

Für mich sind die Bewohner Berlins

viel inspirierender als die Stadt selbst, eben weil sie so

verschieden sind.

Im Moment konzentriere ich mich voll und

ganz auf meinen Onlineshop (www.belafontebazaar.

tictail.com), den ich vor einigen Monaten eröffnet

habe. Dort verkaufe ich Designware aus Südafrika. Auf

die Idee bin ich gekommen, als ich zu Hause in Kapstadt

auf eine tolle Weberei gestoßen bin, die Stoffe

und Handtücher webt. Diese Stoffe verkaufe ich jetzt

in meinem Shop, neben anderen handgemachten Produkten

wie Schmuck, Keramik- und Holzwaren. Ich

schaue mich immer wieder nach neuen Produkten aus

Afrika um und bin erstaunt, wie viel sich, besonders in

der Modeindustrie, derzeit verändert. Natürlich kann

man das nicht mit Europa vergleichen, aber es gibt

immer mehr junge, aufstrebende Modedesigner in

Südafrika. Das finde ich wahnsinnig spannend. Da

meine ganze Zeit und all mein Herzblut in den Shop

fließen, entwerfe ich momentan nicht selbst, möchte

aber auf jeden Fall in naher Zukunft wieder damit anfangen.

Ich wünschte, ich könnte für immer in Berlin

bleiben, ich fühle mich hier sehr zu Hause. Aber natürlich

vermisse ich das gute Klima in Kapstadt, den

Strand und vor allem die wunderschönen Landschaften

und die Berge.

Vom sonnigen Kapstadt

in den multikulturellen

Wedding: Karin in ihrer

Altbauwohnung

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werk6 | Generation Y

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MARGARITA VARGAS GAMBOA, 23

FOTOGRAFIN

BOGOTÁ/KOLUMBIEN 9.430 KM

„BERLIN IST DIESER VERDAMMT

IRRE FLUSS – DU KANNST DICH

EINFACH IN DIE STRÖMUNG

WERFEN UND TREIBEN LASSEN“

In seiner Männer-WG

in Prenzlauer Berg tätowiert

Adrian auch seine Kunden

Ich bin 2013 durch einen Zufall nach Berlin gekommen:

Der schönste Zufall meines Lebens, wie sich

schnell herausstellte. Mir war schon immer klar, dass

ich im Ausland studieren möchte, ich habe mich

dann in verschiedenen europäischen Städten beworben.

In Berlin habe ich eine Zusage von der Hochschule

für Gestaltung bekommen und ein Freund hat

mir ein WG-Zimmer angeboten. Also bin ich sofort

hergezogen und habe mich Hals über Kopf in die

Stadt verliebt.

Berlin ist voller Kontraste. Die Straßen sind voll

von Menschen verschiedener Kulturen, überall hört

man andere Sprachen. Du kannst sein, wer du willst,

machen, was du willst und aussehen, wie du willst,

und die Leute respektieren das. Wenn ich durch

Friedrichshain spaziere, sehe ich Muttis, die ihre

Kinderwägen ins Kindercafé schieben aber auch Touristen,

die betrunken vom Feiern von der Warschauer

Straße kommen. Ich liebe diese Gegensätze. Und

dann habe ich hier die besten Freunde gefunden, wir

verbringen fast jeden Tag gemeinsam. Mein Mitbewohner

und ich sind quasi unzertrennlich, wir gehen

zusammen ins Kino, machen Picknicks im Park oder

Margarita hat immer ihre

Kamera dabei, wenn sie in

Berlin unterwegs ist

gehen zusammen in „unsere“ Bar. Meine Freunde

sind für mich zu meiner zweiten Familie, weit weg

von zu Hause, geworden.

Natürlich habe ich jeden Tag meine Kamera dabei,

um all die Momente, die ich hier erlebe, einzufangen

– immer analog. Ich versuche, so gut wie

möglich mein eigenes Leben zu dokumentieren,

um später auf die Bilder zu schauen und mich an

diese schöne Zeit zu erinnern. Klar gibt es auch

Dinge, die ich an Kolumbien vermisse. Ich sehe

meine Familie nur einmal im Jahr und besonders

meine Geschwister fehlen mir sehr. Und das Wetter

ist viel besser als in Deutschland. Immer, wenn

ich dort bin, verbringe ich viel Zeit am Strand,

weil ich diese Möglichkeit hier einfach nicht habe.

Aber trotz allem fühle ich mich hier so wohl, dass

ich gar nicht mehr weg will. Berlin ist zu meiner

Heimat geworden. Ich habe hier alles, was ich zum

Leben brauche. Eine wunderschöne Wohnung, einen

Job und meine Liebsten. Und ich bin mir sicher:

Falls es mich doch mal woandershin verschlägt,

ich werde immer wieder nach Berlin

zurückkommen.

ADRIAN MCCAVOUR, 23

TÄTOWIERER

VANCOUVER ISLAND/CANADA 8.011 KM

Nach meinem Bachelor in Literatur wollte ich unbedingt

nach Europa ziehen. Ich war unzufrieden mit meinem

Umfeld in Vancouver, war unmotiviert. Es gibt keine

richtigen Szenen und zu viele desorientierte Menschen,

das hat mich extrem gestört. Vancouver ist eine Stadt der

„optimistischen Unterdrückung“, im Gegensatz zu Berlin,

wo alle so erfrischend direkt sind. Hier existieren

viele Subkulturen, die sich untereinander pushen und

sich gegenseitig unterstützen. Das ist der Wahnsinn.

Zum Tätowieren bin ich erst in Berlin und eigentlich

durch Zufall gekommen: In der Wohnung

eines Freundes traf ich einen Typen, der plötzlich

irgendwelche Sachen auspackte. Auf meine Frage

nach seinem Vorhaben meinte er: „Ich tätowiere

jetzt.“ Ich war total fasziniert und verwirrt zugleich,

weil ich das nicht kannte, dass man das einfach so bei

jemandem zu Hause macht. Er fragte mich, ob ich

auch eins wolle und zeigte mir, wie man die Tattoo-Maschine

bedient. Und dann hab ich mir selbst mein erstes

Motiv gestochen. Und jetzt tätowiere ich schon seit gut

einem Jahr Leute privat in meiner Wohnung.

Kunst begleitet mich schon mein ganzes Leben

und mit meinem Job habe ich das Gefühl, völlige Kontrolle

über meine eigene Kunst zu haben. Das gefällt

mir am besten daran. Berlin ist dieser verdammt irre

Fluss – du kannst dich einfach in die Strömung werfen

und treiben lassen – und dabei alle Gelegenheiten mitnehmen.

Oder dich an der Seite festhalten und chillen.

Die Stadt kann dich weiterbringen, du kannst dich aber

auch in ihr verlieren.

Es gab Zeiten, da ging es mir so. Nicht wegen Drogen,

sondern einfach, weil ich nicht wusste, was ich mit

meinem Leben anfangen will. Bis ich die Tattoo-Maschine

das erste Mal in die Hand nahm. In Vancouver könnte ich

den Job auch machen, aber es wäre wesentlich härter,

Erfolg zu haben. Die meisten meiner Freunde in Kanada

müssen in der Gastronomie jobben, um als Künstler zu

überleben. In Berlin allerdings wird man für Leidenschaft

und Kreativität belohnt und das werde ich so

lange wie möglich auskosten.

FOTOS:

22

werk6 | Generation Y

23


ERIK RAYNAL, 23

STYLIST

PARIS/FRANKREICH 878 KM

Ich bin vor anderthalb Jahren von London nach Berlin

gezogen, aber ursprünglich komme ich aus Paris. Ich

bin nicht aus beruflichen Gründen hier, ich war einfach

auf der Suche nach einer neuen Heimat. Als Stylist

und Freelancer bin ich viel im Ausland unterwegs,

aber Berlin bedeutet für mich Freizeit. Ich

arbeite hier nicht wirklich, sondern genieße die

Stadt, die so viel zu bieten hat. Und ich lasse mich

auf alles ein! Vor allem das kulturelle Angebot ist

großartig. Wenn ich zu Hause bin, versuche ich,

mindestens eine Ausstellung zu sehen. An Berlin liebe

ich, dass es so offen und tolerant ist, dass ich hier

sein darf, wer ich will, ohne dafür verurteilt zu werden.

Außerdem fühle ich mich hier sicher. In Paris

herrscht momentan zu viel Umbruch und die Leute

in meinem Alter sind oft konservativ und traditionell.

Ich fühle mich dort einfach nicht mehr wohl.

Berlin ist dagegen entspannt und es wird nicht alles

so unglaublich ernst genommen. Außer, wenn man

mal mit Behörden zu tun hat … da ist man in Frankreich

auf jeden Fall lockerer drauf.

Manchmal fühle ich mich einsam. Ich vermisse

es, mich in meiner Muttersprache zu unterhalten,

weil wirklich tiefe Gespräche eben nur in seiner eigenen

Sprache möglich sind. Ganz selten fühle ich mich

auch als Ausländer abgestempelt, zum Beispiel, wenn

ich mir ein Monatsticket für die Bahn kaufen will – die

sind da immer so grimmig. Irgendwie trifft in Berlin

Kontrolle auf Chaos, aber diese Kombination macht

das Leben hier so einzigartig. Für mich bedeutet die

Stadt vor allem eines: Spontanität. Wer spontan ist,

wird hier sein perfektes Zuhause finden.

Jessica lebt seit zwei Jahren

in Friedrichshain – und will

auch noch lange bleiben

JESSICA HSU, 26

GRAFIKDESIGNERIN

LOS ANGELES/USA 9.309 KM

„IN DIESER STADT TRIFFT

KONTROLLE AUF CHAOS“

Erik lebt in Neukölln. In seinem

Zimmer herrscht ein Farbendiktat

in Weiß, Schwarz und Rot

FOTOS:

Während meines Studiums in New York bin ich für ein

Auslandssemester nach Berlin gekommen und es hat

mir sehr gut gefallen. Also habe ich mich 2014 dafür

entschieden, meinen Master in Grafikdesign hier zu

machen. Ich habe dann ziemlich schnell gemerkt, dass

ich eigentlich gar nicht mehr studieren will und habe

nach sechs Monaten abgebrochen. Ich konnte gut frei

als Grafikdesignerin und Fotografin arbeiten und seit

letztem Jahr bin ich fest in einer Agentur.

Berlin hat eine tolle Energie, so viele Leute aus

der ganzen Welt wollen hier leben. Man trifft ständig

neue, außergewöhnliche Persönlichkeiten. Das hat

man nicht in vielen Städten. Ich glaube auch, dass ich

hier viel lernen konnte. In den USA ist das Leben viel

durchgeplanter: Man geht sehr jung auf die Uni, nach

dem Abschluss muss man schnell einen Job finden

und anfangen zu arbeiten, weil das Leben sehr teuer

ist. In Deutschland hingegen ist alles etwas entspannter.

Man kann sich für sich selbst etwas mehr Zeit

nehmen, sich weiterbilden, Fehler machen und dann

wieder von vorne anfangen. Diese Freiheiten hat man,

gerade in so erfolgsorientierten Städten wie L.A. oder

New York, nicht. Das Leben in Berlin hat auch meine

Arbeit stark beeinflusst. Vorher hatte ich einen Stil

wie jeder andere Designer auch. Mittlerweile hat sich

mein Blickwinkel verändert, ich experimentiere mehr

mit Licht und Schatten, und ich kann die unterschiedlichen

Stile wie die Modernität aus den USA mit

dem Minimalismus aus Deutschland verbinden. Ich

erkenne eine deutliche Entwicklung in meiner Arbeit.

Das ist unglaublich spannend.

Ich will so lange wie möglich in Berlin bleiben.

Die Stadt hat so viel zu bieten und es gibt tolle Möglichkeiten

in den Bereichen Kunst und Design, die

ich auskosten will, bevor ich eventuell wieder zurück

in die USA gehe.

24

werk6 | Generation Y

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„ICH KÖNNTE IN DER U-BAHN

EIN TÄNZCHEN AUFFÜHREN,

ES WÜRDE KEINEN KÜMMERN“

Stephen wäre fast in

Kopenhagen gelandet, jetzt

lebt er mit Freundin und

Kater in Friedrichshain

26

STEPHEN KORYTKO, 28

VIDEOGRAF

LUXEMBURG/LUXEMBURG 589 KM

Ich musste mich zwischen Berlin und Kopenhagen entscheiden.

Beide Städte haben für mich denselben Flair und

dieselbe Dynamik. Es zog mich dann aber doch mehr an die

Spree. Warum genau, kann ich gar nicht richtig beantworten.

Ich fühlte mich in Luxemburg wohl, womöglich zu

wohl – und das war das Problem. Mit 28 hatte ich das Gefühl,

mein Leben läuft in geregelten Bahnen. Und das wollte

ich nicht. Berlin bedeutete für mich einen Perspektivenwechsel

und die Möglichkeit weiterzuwachsen.

Ich bin selbständiger Videograf und habe meine eigene

Agentur für Film- und Werbeproduktionen: SKIN. In

Luxemburg war ich damit schon sehr erfolgreich. Die Berliner

Kunden haben ziemlich viel Ahnung und wissen genau,

was sie wollen. Das macht mir die Arbeit leichter und

schwerer zugleich. Was Spaß macht, ist die Offenheit und

die Kreativität der Leute. Dadurch ist viel mehr möglich.

Berlin bietet einem Freiraum und das weiß ich vor allem

nach meiner Zeit in London vor einigen Jahren sehr zu

schätzen. Hier herrscht keine Hektik. Ich könnte während

der Rushhour in der U-Bahn ein Tänzchen aufführen, es

würde keinen kümmern. Ich glaube, dass die Leute, die

nach Berlin ziehen, auf der Suche nach etwas sind – ob

beruflich oder privat. Aber die Stadt wird definitiv nicht

meine Endstation sein. Wohin es mich dann führt, weiß

ich noch nicht. Was mir aus meiner Heimat fehlt, ist das

Gemeinschaftsgefühl und natürlich mein Freundeskreis.

Man hat mich schon gewarnt, dass Berlin sehr

anonym ist und die Leute oberflächlich sind. Davon habe

ich noch nichts gemerkt – aber ich bin ja erst ganz frisch

hier und möchte momentan alles mitnehmen, was geht.

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WIR

Tattoo-Ketten, Basecaps und Print-Shirts kennen wir

noch aus den 90er-Jahren – jetzt sind sie wieder da.

Eine Reise in die Jugend unserer Generation

FOTOS ED PHILILPS

STYLING & PRODUKTION PIA AHLERT, NIKLAS PETER, INA WITZEL

MODELS ALENA (VIVA) & PAUL

HAARE & MAKE-UP VANESSA AZA

FOTOS:

FOTOS:

28

werk6 | Generation Y

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Vorherige Seite: ALENA T-SHIRT CHEAP MONDAY ROCK TOPSHOP UNIQUE GÜRTEL SANDRO KETTE VINTAGE PAUL T-SHIRT CHEAP MONDAY KETTE VINTAGE

Links: PAUL HEMD SHAUN SAMSON SHORTS FILA SOCKEN STANCE CAP VINTAGE

Diese Seite: ALENA BH BJÖRN BORG PAUL SHIRT FRED PERRY CAP VINTAGE

FOTOS:

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FOTOS:

FOTOS:

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werk6 | Generation Y

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Vorherige Seite: ALENA JACKE STINE GOYA KLEID BY MALENE BIRGER KETTE VINTAGE

PAUL HEMD SHAUN SAMSON CAP VINTAGE

Diese Seite: ALENA JACKE MAJE TOP & ROCK TOPSHOP TASCHE LIEBESKIND PAUL PULLOVER H&M

HOSE PAIGE SCHMUCK VINTAGE

FOTOS:

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werk6 | Generation Y

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„Y-FRAUEN

SIND

Wenn die Erwachsenen die Jugend von

heute mal wieder nicht verstehen, eilt

Dr. Klaus Hurrelmann zu Hilfe. Der

72-jährige Professor lehrt an der Hertie

School of Governance das Fach Public Health and Education und

führt mehrere Studien zu Wertorientierungen, Einstellungen und

Verhaltensweisen von Jugendlichen durch – unter anderem die

Shell-Jugendstudie, die alle vier Jahre veröffentlicht wird. Schon sein

Buch Die heimlichen Revolutionäre – Wie die Generation Y unsere

Welt verändert, das er gemeinsam mit dem Journalisten Erik Albrecht

2014 veröffentlicht, nimmt die Angst vor der angeblich faulen,

egozentrischen und konsumorientierten jungen Gesellschaft. Und

auch bei unserem Gespräch wird klar: Die Generation Y ist viel besser

als ihr Ruf.

HERR PROF. DR. HURRELMANN, SIE SIND JAHRGANG 1944 –

WAS FASZINIERT SIE AN DER GENERATION Y?

Prof. Dr. Klaus Hurrelmann: Diese Generation hat völlig andere Erfahrungen

gemacht, als das bei mir der Fall war. Die Jahrgänge von

1985 bis 1999 haben in ihrer einprägsamen Jugendzeit Krisen erlebt.

Die Wirtschafts- und Finanzkrise und die daraus resultierende

Jugendarbeitslosigkeit. Umweltkrisen wie Fukushima, politische

Krisen wie den 11. September, Terror und die Unberechenbarkeiten

des politischen Handelns. Man könnte also sagen, die Generation Y

hat traumatische Erfahrungen gemacht. Und das alles bei der digitalen

Erschließung von Nachrichten. Also praktisch dem Zwang,

Nachrichten zu verarbeiten. Dadurch ist eine sehr viel lebendigere,

aber auch nervösere junge Generation entstanden, die eine viel

höhere Kapazität hat, Dinge aufzunehmen. Sie schieben aber auch

Dinge auf die lange Bank und treffen Entscheidungen nicht übereilt,

es könnte ja die falsche sein. Sie sind egobezogener als frühere Generationen,

weil sie sich auf nichts verlassen können, außer auf sich

selbst. Das ist für die heutige Zeit wahrscheinlich die klügste und

erfolgreichste Überlebensstrategie.

Ein gutes Betriebsklima muss herrschen, die Hierarchien sollen

flach sein. Man wünscht sich Feedback und möchte projektartig

arbeiten. Die Jungen sind zwar ehrgeizig, aber arbeiten nicht bis

zum Umfallen. Sie wollen eine gewisse Lebensqualität behalten.

Außerdem sind die Frauen sehr stark in der Generation, die haben

eindeutig bessere Ausbildungen als die Männer. Gerade werden sie

noch blockiert in einer sehr männlich orientierten Wirtschaftsund

Berufswelt. Aber das ist glaube ich eine Übergangsphase von

vielleicht zehn Jahren, bis sich die Frauen durchgesetzt haben,

dann kommt auch der Wunsch auf, Familie und Beruf miteinander

zu verbinden. Diese Punkte wird die junge Generation in ihr

Berufsleben hineintragen. Und das wird das Arbeitsleben komplett

verändern.

DIE GENERATION Y WIRD JA ALS BEZIEHUNGSUNFÄHIG

BESCHIMPFT. STIMMT DAS?

Das ist eine Teilwahrheit. Es fällt auf, dass Beziehungen etwas offener

und lockerer sind, als in früheren Generationen, auch der Anteil

der Menschen, die ohne eine feste Beziehung leben, ist etwas größer.

Wenn man aber genauer hinguckt, ist das meist ein Aufschieben.

Frauen sind heute bei der Geburt des ersten Kindes im Durchschnitt

30 Jahre alt. Vor 20 Jahren waren es noch fünf Jahre weniger. Wir

wissen aus allen Studien, dass eine Familiengründung nach wie vor

Ziel der großen Mehrheit ist. Aber es wird später als in früheren

Generationen passieren.

„DIE JUGEND

WIRD IMMER VOREILIG

VON DEN

ALTEN VERURTEILT“

Zur Generation Y wurde schon sehr viel gesagt.

Meist nur Negatives. Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Sozialwissenschaftler

und Jugendforscher, ist dagegen ein großer Befürworter

INTERVIEW RAGNHILD DESCHNER

FOTO JANINE SAMETZKY

FOTOS:

DANN IST DAS EIN VORTEIL, DASS SIE EGOZENTRISCHER UND

UNENTSCHLOSSENER SIND?

Ja. Außerdem werden junge Leute immer schnell von den älteren

verurteilt. Die stellen fest: Die neue Generation ist nicht so wie die

Jugend von früher, also kann das nicht in Ordnung sein. Aber eine

Gesellschaft lebt davon, dass die Jüngeren anders sind, weil sie andere

Verhältnisse erlebt haben. Deshalb müssen sie sich von der vorangegangenen

Generation unterscheiden.

SIE BESCHÄFTIGEN SICH DAMIT, WIE DIE GENERATION Y DEN

ARBEITSMARKT VERÄNDERN WIRD. WAS WIRD PASSIEREN,

WENN DIE ERST MAL IN FÜHRUNGSPOSITIONEN SITZEN?

Was man schon genau weiß, ist, dass von dieser neuen Generation

kein starker materialistischer Druck ausgeht. Das Geld muss zwar

stimmen, aber es steht nicht mehr an erster Stelle. Was zählt ist

Fitness, Wohlgefühl und das Bedürfnis, mit sich selbst im Reinen zu

sein, das wird auch auf den Beruf übertragen. In die Arbeitswelt ziehen

jetzt heimliche Revolutionäre – die wollen im Beruf persönliche

Erfüllung und Freude haben, sie wollen dort nur Dinge machen, die

sie mit sich und ihren ethischen Vorstellungen vereinbaren können.

GLAUBEN SIE, DASS DIE JUNGEN LEUTE GESÜNDER LEBEN?

Jetzt muss man aufpassen, denn die Generation Y gibt es natürlich

nicht. Aber es gibt die Avantgarde, prototypische Vertreter, die machen

circa 30 Prozent der Generation aus. Diese Avantgarde ist besonders

gut gebildet, hat einen hohen Frauenanteil und ist modern

und tolerant orientiert. Das gesunde Leben gehört bei dieser Gruppe

auf jeden Fall dazu. Daher kommen gerade die Trends zu veganem

Leben, zu Sport und Bewegung. Körperlich und geistig fit zu sein ist

wichtig. Diese Orientierung ist stärker als früher. Man will Lebensqualität

und dazu gehört auch, dass man sich gut im eigenen Körper

fühlt. Dafür tut man dann auch eine ganze Menge.

ALSO IST ES AUCH EINE ZUKUNFTSORIENTIERTE GENERATION,

WENN SIE SO VIEL ÜBER SPÄTER NACHDENKT?

Ja, ganz genau. Vor Kurzem wurde eine Untersuchung über die finanziellen

Dispositionen der Generation Y abgeschlossen. Der

Mehrheit ist bewusst, dass sie für das Alter sparen muss. Das hat es

in früheren Generationen so nicht gegeben. Die Vorurteile, mit der

die Generation Y behaftet sind, lösen sich somit immer weiter auf.

36

werk6 | Generation Y

37


NOCH SO EIN VORURTEIL: KONSUMGEILHEIT. TRIFFT DAS ZU?

Es gibt immer das Gegenteil zu dem, worüber wir sprechen. So ist es

auch beim Konsum. Es gibt die Maßlosen. Aber typisch für die Generation

sind die nicht. Bei den Yern fließen neue ethische Themen in

das Konsumverhalten hinein und danach werden auch Produkte ausgewählt.

Nicht nur nach ihrer Qualität für einen selbst, sondern auch

nach Qualität der Herstellung. Ist Kinderarbeit im Spiel? Sind das

saubere Produkte, die auch fair gehandelt sind? Solche Maßstäbe haben

sich ganz stark bewegt und sind wichtiger als früher. Die junge

Generation hat viel zu diesen neuen Marktsegmenten wie Fair Trade

oder nachhaltigen Produkten beigetragen.

ANGEBLICH IST ES AUCH EINE UNPOLITISCHE GENERATION.

VERÄNDERT SIE POLITISCHE UND SOZIALE STRUKTUREN

TROTZDEM?

Ja. Es gibt allerdings eine Zurückhaltung gegenüber den bestehenden

Parteien, das ist nicht nur ein deutsches Phänomen. Das liegt

daran, dass die junge Generation diese Parteien für zu bürokratisiert

hält. Es sind Machtapparate, die zwar funktionieren, aber Mitglied

sein und sich politisch betätigen, das will man nicht so richtig.

Eine Kritik an der Generation Y könnte sein, dass sie glaubt,

durch Klicks und Likes die Welt zu verändern. Das ist natürlich ein

Trugschluss und somit ein Schwachpunkt. Alle Studien zeigen aber,

dass das nicht heißt, dass die Generation unpolitisch ist. Da ist eine

Sensibilität, man möchte sie nur nicht in der bürokratisierten und

industrialisierten Form über den Parteiapparat zum Ausdruck

„DIE YER KÖNNTEN

DIE GESELLSCHAFT

HUMANER UND

DEMOKRATISCHER

MACHEN“

bringen. Da haben wir gerade ein Dilemma, denn Deutschland ist

als Repräsentativdemokratie bisher so aufgebaut, dass es nur über

Mitgliedschaften in Parteien funktioniert. Und dadurch werden

über Machtausübung und Mehrheitsbeschaffung auch gesellschaftliche

Bedingungen gesteuert. Allerdings ist die Generation Y im

sozialen Umfeld und bei sozialem Engagement ziemlich stark. Vieles

wird einfach gemacht. Man kann noch nicht sagen, in welche

Richtung das geht, aber man kann schon sehen, dass die traditionelle

Politikführung und ihre Hierarchien sich verändern müssen.

Ob das die junge Generation schafft, wird sich noch zeigen.

SIE SPRACHEN DAVON, DASS DIE FRAUEN STÄRKER SIND

UND DASS SPÄTER MEHR FRAUEN IN FÜHRUNGSPOSITIONEN

SEIN WERDEN. ABER WARUM BLEIBEN JETZT MÄNNER BEI

DEN QUALIFIKATIONEN ZURÜCK?

Das liegt an der Bereitschaft von Frauen, ein offenes Rollenmodell zu

entwickeln, das traditionelle Frauenbild bleibt zwar, aber hinzu

kommt die Karriere. Ein Multirollen-Set, in dem man sich viel

zumutet und ein anspruchsvolles Lebenskonzept entwickelt. Außerdem

achten sie mehr auf ihre Gesundheit und arbeiten selbstkritischer.

Diese Frauen sind krisenfest und kommen mit Verunsicherungen

der Gesellschaft besser zurecht. Das wirkt sich auf ihr

Bildungsverhalten positiv aus. Die Männer machen da nicht mit, die

bleiben träger und das ist ihr Nachteil.

WIE EMANZIPIERT IST ALSO DIE GENERATION Y?

Sie ist emanzipierter als die Generationen davor. Die Frauen sind

selbstbewusster, weil sie gute Ausbildungen haben und weil sie merken,

dass sie auch echte Chancen haben. In Deutschland ist es aber

leider noch so, dass Familie und Beruf noch immer nicht vereinbar

sind. Sobald das erste Kind da ist, stecken auch Frauen mit guten

Positionen und Karrieren zurück. Sie fallen in traditionelle Muster,

sie pausieren, geben ihre Karriere teilweise auf, sorgen nicht mehr

für ihre wirtschaftliche Sicherheit. Das ist irritierend, aber so darf

das natürlich nicht bleiben, das würde auf lange Sicht die Gleichstellung

von Mann und Frau blockieren.

MUSS DIE POLITIK EINSPRINGEN, UM FRAUEN ZU UNTERSTÜTZEN?

Absolut, da können wir auch in andere europäische Länder gucken.

Da gibt es die Kategorie Kinderbetreuung. Damit hat Deutschland

angefangen, aber wir hinken noch sehr hinterher. Das ist ein blockierender

Faktor. Die Flexibilität in Unternehmen ist für Mütter noch

viel zu gering, das liegt daran, dass die meisten Unternehmen noch

männlich dominiert sind. Ich denke aber, wenn der Arbeitsmarkt so

bleibt und hochqualifizierte Leute gesucht werden und nur noch

Frauen da sind, müsste sich politisch etwas ändern, das kann ich mir

nicht anders vorstellen.

WAS WIRD IN 100 JAHREN ÜBER DIE YER IN DEN

GESCHICHTSBÜCHERN STEHEN?

Ich bin der Auffassung, dass das sehr positiv sein wird. Diese Generation

wird das Berufsleben verändert haben. Sie wird die steife

Karriereorientierung abgelöst, kreative Kräfte freigesetzt, gutes

Betriebsklima gesichert haben. Die Hierarchien werden fairer und

flacher sein und es wird eine wabenförmige, netzwerkorientierte

Kommunikation herrschen und keine Kommandostruktur. Diese

Generation wird dafür stehen, dass intelligente, verzahnte Entwicklungen

im Arbeitsleben entstehen. Bildung wird selbstverständlicher,

selbständiger und unternehmerischer geprägt sein. Da die

Generation Y die erste ist, die mit der digitalen Revolution groß

geworden ist, wird sie Träger dieser Revolution sein und sie gestalten.

Sie wird hoffentlich die positiven Möglichkeiten, die diese Entwicklung

hat, voll ausreizen. Das wäre das positive Szenario.

UND DAS NEGATIVE SZENARIO?

Dass diese Abstinenz der Machtpolitik gegenüber stärker zur

Geltung kommt. Man möchte keine Mehrheitsentscheidungen

und Machtprozesse beeinflussen. Das hedonistische Lustprinzip

darf nicht zu stark werden. Das würde zu einer passiven Haltung

führen. Aber ich kann mir vorstellen, dass der große Freiheitsdrang

und die Tatsache, dass die jungen Leute gefragt und umworben

werden, dazu führen, dass sie eine gestaltende Generation

ist. Und wenn das positive Szenario eintritt, wird die

Generation zu einer weiteren Humanisierung und Demokratisierung

der Gesellschaft beigetragen haben, da sie sehr hohe ethische

Maßstäbe bei Themen wie Menschenrechten, Gleichberechtigung

und Gerechtigkeit hat.

FOTOS:

www.premiumexhibitions.com

www.fashiontech.berlin

SEE YOU AGAIN IN

JANUARY 2017

www.seekexhibitions.com

www.brighttradeshow.com

38

werk6 | Generation Y

39


STARTER

PACKS

HIP HOP

SO SIEHT’S AUS

KYLIE-JENNER-STYLE.

BOMBERJACKE,

CROP-TOP, SNEAKERS

ODER HIGH HEEL,

HAUPTSACHE

SELFIETAUGLICH

DAS HÖRT MAN

OLDSCHOOL,

NEWSCHOOL, R’N’B,

HAUPTSACHE

TANZBAR

POST GRUNGE

DAS HÖRT MAN

FOLK, INDIE,

HOUSE, TECHNO,

SINGER-SONGWRITER.

NUR NICHT

FESTLEGEN

SO SIEHT’S AUS

SKINNY JEANS,

HEMD, LEDERJACKE,

DICKE SONNENBRILLE.

WICHTIG:

ÜBERALL TATTOOS!

SKATER

SO SIEHT’S AUS

BAGGY PANTS,

HOODIES, VANS ODER

CONVERSE, SIX PANEL

CAPS. DAS BOARD

IST WICHTIG!

DAS HÖRT MAN

SKATE PUNK,

OLDSCHOOL,

CROSSOVER. MUSS

HALT ABGEHEN

Gibt es noch echte

Jugendkulturen? Schwierig:

Die Generation Y lässt sich

nicht mehr in Schubladen

stecken. Zu viele Styles

treffen aufeinander.

Aussehen ist wichtiger als

Inhalt. Ästhetik schlägt

Aussage. Gegenkultur muss

nicht mehr sein. Dennoch

findet man Leidenschaft,

Interesse und Stilempfinden.

Fünf junge Looks, mit denen

man nicht auffällt, aber

auch nicht langweilt

PRODUKTION INA WITZEL

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CHARLES, BRICKS,

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VON A TRIBE CALLED QUEST SKATEBOARD TIRED ÜBER BIGTIMEDIS-

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40

werk6 | Generation Y

41


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DAS HÖRT MAN

TECHNO. HOUSE.

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DAS HÖRT MAN

SINGER-SONGWRITER.

GEFÜHLE SIND

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SO SIEHT’S AUS

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42

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Bitte bewerben Sie sich über das Online-Bewerbungsformular auf unserer Homepage: www.porsche-design.com


DAVID FAVROD

Der japanische Ort Kobe

in den letzten Wochen des

Zweiten Weltkrieges. Zum

Thema „Memories“ inszeniert

der 34-jährige Japaner,

der in der Schweiz

aufwuchs, eine Bildreihe.

In dieser interpretiert er die

düstere Zeit der Verwüstung

seines Geburtsorts

Kobe neu. Durch Fotografien,

Collagen, Überlagerungen

und eingegliederte

Zeichnungen erweckt er

seine „fiktiven Gedächtnisbilder“

zum Leben. Links:

„Mishiko“ (2012) ist eine

Hommage an die verstorbene

Schwester seines

Großvaters.

Blickwinkel

& Stimmen

Renommierten Künstlern und Künstlerinnen

wie Annie Leibovitz, Nan Goldin oder

Martin Parr widmet die Galerie C/O Berlin

Retrospektiven. Neben klassischen

Ausstellungen liegt der Schwerpunkt der Berliner

Galerie auch auf der Nachwuchsförderung. Das von

ihr initiierte Talents-Programm ist in Europa einzigartig

und bietet der jungen Generation eine außergewöhnliche

Chance: Jedes Jahr können vier junge

Gegenwartsfotografen gemeinsam mit vier Kunstkritikern

der Generation Y ihre Arbeiten präsentieren

und einen Katalog erstellen. Mirko Nowak von der C/O

Berlin betreut das Programm seit der ersten Stunde.

MIT IHREM TALENTWETTBEWERB FOKUSSIEREN SIE

DIE GENERATION Y – DIE ALTERSGRENZE LIEGT

BEI 35 JAHREN. WIE UNTERSCHEIDET SICH DER

BLICKWINKEL JUNGER FOTOGRAFEN VON DEM

DER ÄLTEREN?

Mirko Nowak: Jeder Fotograf hat seinen sehr persönlichen

Blick auf die Welt. Jedoch sind die Talents

näher an der jungen Generation und haben einen anderen

Zugang zu ihr. Unsere Talents hängen mit Leuten

herum, die in ihrem Alter sind. Man spricht die

gleiche Sprache, hat die gleichen Probleme. Dadurch

ergibt sich natürlich ein interner Blick auf die Gruppe.

Das gilt auch für die Kunstkritiker, mit denen wir

für das Programm arbeiten. Ihre Aufgabe ist es, umschreibenden

journalistischen Stil mit dem Wissenschaftlichen

zu vereinen.

DAS BESONDERE AN IHREM PROGRAMM IST DIE

KOMBINATION AUS FOTOGRAFIE UND KUNST-

KRITIK. WIE STELLEN SIE DIE PAARE ZUSAMMEN?

Wir bekommen jedes Jahr bis zu 300 Bewerbungen

von Fotografen, etwas weniger von den Kritikern. Zusammengebracht

werden sie durch die Kuratorin des

Programms, Ann-Christin Bertrand. Sie war übrigens

selbst ein C/O-Talent im Bereich Kunstkritik.

DIE KOMBINATION IST SEHR FORTSCHRITTLICH.

WIE SIND SIE AUF DIE IDEE GEKOMMEN?

C/O Berlin wurde gegründet, um namhafte sowie junge

Fotografen auszustellen und diesen ein Sprungbrett

zu bieten. Und visuelle Inhalte brauchen ja oftmals

eine Erklärung, so entstand die Idee, die beiden

Bereiche zu kombinieren.

WAS MUSS EIN TALENT MITBRINGEN, UM VON

IHNEN GEFÖRDERT ZU WERDEN?

In den letzten Jahren gab es sehr klare Vorgaben

durch die Themen. Auch die Qualität der Bilder kann

eine Rolle spielen, muss sie aber nicht. Bei der aktuellen

Reihe von Sasha Kurmaz beispielsweise ist die

Qualität nicht wichtig, es werden auch Handybilder

integriert. Es geht um ein stringentes Konzept der

Bildserie.

SASHA KURMAZ

Es ähnelt einer Guerilla

-Kampagne: Porträts von

Obdachlosen auf aufgebrochenen

Werbetafeln,

Aktfotografien an absurden

Stellen im Alltag platziert.

Zum Thema „Extended

Photography“ fotografiert

der 30-jährige Ukrainer

seine Installationen ab,

dabei spielt die provokante

Inszenierung seiner Fotografie

eine ebenso große

Rolle wie die Motive selbst.

Durch das Erobern des

öffentlichen Raums möchte

er anecken, irritieren und

Aufmerksamkeit für das

Unsichtbare im Alltag

wecken.

Wir sind die Zukunft. Dessen ist sich

auch die Berliner Galerie C/O Berlin

bewusst, die unserer Generation

einen Talentwettbewerb widmet

INTERVIEW SOPHIE POTH

FOTOS: C/O BERLIN FOUNDATION

44

45


WER SITZT IN DER JURY?

Die Kunstkritiker werden von Ann-Christin Bertrand

und mir ausgesucht. Für die vier Fotografen stellen

wir jedes Jahr eine neue Jury aus fünf bis sechs Personen

zusammen. Ein Kurator der C/O Berlin und

Anne-Marie Beckmann von der Deutschen Börse

Photography Foundation sind immer dabei. Die weiteren

Mitglieder kommen von anderen Galerien, sind

Journalisten oder Fotografen.

DAS PROGRAMM LÄUFT BEREITS SEIT ZEHN

JAHREN: WER SIND IHRE ERFOLGREICHSTEN

GEWINNER?

Wonach würden Sie Erfolg messen? Ich begleite das

Programm von Anfang an und unser größter Erfolg ist

es, wenn wir ein Talent gefördert haben und man den

Namen dann Jahre später überall liest. Eines der bekanntesten

Talents ist sicherlich Tobias Zielony.

BLEIBEN IHNEN DIE TALENTS IM ANSCHLUSS AN

DAS PROGRAMM ERHALTEN?

Wir halten engen Kontakt und beobachten ihre Projekte.

Einige von ihnen geben noch Workshops oder

halten Vorträge im Haus, schreiben Texte für unsere

hauseigene Zeitung. Es besteht ein reger Austausch.

Wir kriegen viel Engagement zurück von den Talents.

Durch unsere Kooperation wählt das Goethe Institut

zudem zwei Ausstellungen pro Jahr aus, die auf Weltreise

geschickt werden. Es geht nach Paris, New York,

Mexiko Stadt, Minsk und Buenos Aires. Die Talents

können so einen internationalen Austausch und Dialog

erleben. Es geht darum, Begegnungen zu schaffen.

WAS DARF MAN SICH UNTER DEM AKTUELLEN

THEMA „EXTENDED PHOTOGRAPHY“ VORSTELLEN?

In den letzten vier Bilderreihen geht es um die Erweiterung

des Mediums Fotografie, sei es skulptural oder

in den öffentlichen Raum gehend. Das ist ein Thema,

das natürlich auch namhafte Fotografen behandeln.

WAS LERNEN SIE ALS MUSEUM/GALERIE VON

DEN JUNGEN TALENTEN?

Man lernt von jedem Künstler und jedem Fotografen

etwas. Ich persönlich lerne jedes Mal einen anderen

Blick auf die Welt kennen. Die Welt ist nicht normativ,

deshalb bringt jeder Künstler neue Blickwinkel und

Stimmen. Die Positionen sind so stark, dass sie nicht

nur dem Betrachter etwas geben, sondern auch die C/O

Berlin verändern. Zum Schluss ist vor allem die persönliche

Begegnung eine Bereicherung. Jede davon.

BIANCA PEDRINA

Ausstellungsraum und

Motive verschmelzen bei

der 30-jährigen Schweizerin

zum Kunstwerk. Die

Bildreihe entsteht durch Architekturfotografie,

die mit

Spiegelungen, Verzerrungen

und Größenextremen

spielt. Es wird mit dem gebotenen

Raum und seinen

kleinen Makeln experimentiert

und diese zum Thema

„Extended Photography“

als Installationen im Raum

inszeniert.

VERÓNICA LOSANTOS

Die 32-jährige Spanierin

kreiert zum Thema

„Memories“ eine Bildreihe,

die kaum persönlicher sein

könnte. Sie stellt reale und

fiktive Kindheitserinnerungen,

die sie mit ihrem

verstorbenen Vater verbindet,

auf den Fotografien

dar. Der Betrachter wird

bewusst manipuliert und

bleibt im Unklaren darüber,

welche Momente real und

welche der bloßen Fantasie

entsprungen sind.

FOTOS:C/O BERLIN FOUNDATION, DAVID VON BECKER (3)

FOTOS: C/O BERLIN FOUNDATION

WIE PROFITIEREN DIE TALENTS VON DER GE-

SELLSCHAFT ETABLIERTER GRÖSSEN WIE PETER

LINDBERGH ODER ANTON CORBIJN?

Unsere Zugpferde, die großen Namen, ziehen viele Besucher

an. Das Besondere: Alle müssen durch den Talents-Raum.

Denn das Herzstück der Galerie sind die

Talents. Wir nennen es den „sanften Zwang“.

EINE NACHWUCHSFRAGE: HAT SCHON

EINMAL JEMAND AUS DEM BEREICH MODE

FOTOGRAFIE GEWONNEN? WER IST MOMENTAN

DER/DIE INTERESSANTESTE MODEFOTOGRAF/IN

UNTER 35?

Ehrlich gesagt war noch keiner unserer Talents Modefotograf.

Aber das ist ein sehr guter Hinweis. Vielleicht

sollte man in Zukunft auch so eine Position integrieren.

Ich könnte mir aber vorstellen, dass es gerade in der Modefotografie

schwierig geworden ist. Die Moden werden

immer schneller, in einer Branche, die sowieso sehr

schnelllebig und kommerziell ist. Und auch Blogger und

Instagrammer machen es jungen Talenten schwer.

Die neue Ausschreibung startet im Spätsommer.

Informationen gibt es unter www.co-berlin.org

Mirko Nowak, 41,

begleitet seit zehn Jahren

das Talents-Programm

der C/O Berlin

46

werk6 | Generation Y

47


DER

WEIBLICHE

TSUNAMI

Mit ihren lautstarken

Forderungen holt

die Feministin Laurie

Penny Frauen aus

drei Jahrzehnten

postfeministischem

Koma. Dabei erklärt

die 29-Jährige, wie

sich unsere Gesellschaft

schnellstmöglich

ändern muss

INTERVIEW MARIE-CHRISTIN JASTER

FOTO HANNAH KRÜGER

Luxuriöse Hotelunterkunft? Fehlanzeige. Stattdessen

wohnt Laurie Penny bei ihrer Verlegerin

und spielt verzückt mit deren kleiner

Tochter. Sie genießt das idyllische Familienleben.

Die wichtigste Feministin unserer Zeit ist so ganz

anders, als man sich eine radikale Frauenaktivistin

vorstellt, die sich Gebärmaschinen wünscht – weil sie

den Gedanken einer Schwangerschaft nicht erträgt –,

selbst genderqueer ist und sagt, dass das Ende des Kapitalismus

auch das Ende der Unterdrückung von

Frauen auf der ganzen Welt bedeutet. Seit 2007

schreibt sie darüber auf ihrem Blog Penny Red und als

Kolumnistin in diversen britischen Tageszeitungen.

In Deutschland ist sie mit ihren Büchern Unsagbare

Dinge. Sex, Lügen und Revolution und Babys machen

und andere Storys bekannt geworden. Sie schafft es,

jungen Frauen auf der ganzen Welt das Thema Feminismus

und Emanzipation mit ihren modernen Thesen

nah zu bringen.

WIE LANGE WIRD DER GESCHLECHTERKAMPF

NOCH NÖTIG SEIN?

Laurie Penny: Ich würde es nicht als Geschlechterkampf

bezeichnen. Das würde implizieren, dass es

dabei nur um Männer und Frauen geht und darum,

wer besser ist. Beim Feminismus kämpft man viel

mehr um das Reflektieren unseres Denkens über Geschlechter.

Unsere Generation hat jetzt schon viel

mehr Freiheiten als unsere Großmütter und Mütter.

Wir setzen uns selbst zu sehr unter Druck, dabei sind

wir als Frauen und Feministinnen doch schon so

weit gekommen.

48

Nobody is perfect – und das

muss man auch nicht. Die

Herausforderung? Sich so

zu akzeptieren, wie man ist

FOTOS:

FOTOS:

werk6 | Generation Y

WAS UNTERSCHEIDET DIE JETZIGE VIERTE WELLE DES

FEMINISMUS VON DEN VORHERGEGANGENEN?

Die Idee der Wellen passt gar nicht zum Feminismus.

Ich bezeichne Feminismus lieber als einen großen,

langsamen Tsunami: Allmählich nähert er sich der

Uferlinie und schwemmt alles fort, was ihm in den Weg

kommt. Der größte Vorteil der jetzigen Feministinnen?

49


Das Internet. Die neuen Kommunikationstechnologien

machen es so viel leichter, sich schnell miteinander

auszutauschen. Und das ohne Einmischung von Politik

oder Medien.

BRINGT DAS INTERNET NICHT AUCH VIELE

GEFAHREN FÜR FRAUEN MIT SICH?

Die Frage macht mir mehr Angst als die Antwort. Ich

denke, es ist für Frauen generell gefährlich, in unserer

Welt zu existieren. Die sozialen Medien unterscheiden

sich da nicht von der restlichen Gesellschaft. Viele behaupten:

„Das Internet ist nicht sicher für Frauen,

also sollten wir ihm fernbleiben.“ Das ist genauso, wie

wenn man sagt, Frauen, die nicht vergewaltigt werden

wollen, sollen halt nicht auf die Straße gehen. Das

Problem liegt in der Gesellschaft und nicht bei den

Frauen. Die Nachricht ist nach Tausenden von Jahren

immer noch die gleiche: Das ist nichts für euch Frauen.

Bleibt weg.

ABER IST NICHT VOR ALLEM AUFGRUND DER

SOZIALEN MEDIEN DER GEDANKE VON

PERFEKTION FÜR UNSERE GENERATION NORMAL

GEWORDEN?

Der Trend des Perfektionismus gibt den sozialen Medien

natürlich einen bitteren Beigeschmack. Gerade,

weil viele Menschen auf Instagram und Co. vorgeben,

ein ideales Leben zu führen. Aber ich denke nicht,

dass das die Schuld der neuen Technologie ist. Melvin

Kranzberg, ein US-amerikanischer Technikhistoriker,

hat einmal gesagt: „Technik ist weder gut noch böse;

noch ist sie neutral.“ Sie hat einfach nur eine Tendenz

dazu, Trends zu verdeutlichen, die in der Gesellschaft

schon vorhanden sind, gerade bei uns Frauen. Natürlich

ist der Gedanke für ein Individuum vernichtend,

dass man alles tun muss, um einen gewissen Grad an

Perfektion zu erreichen. Aber wir machen es uns auch

zu einfach, wenn wir sagen, dass die sozialen Medien

das zu verantworten haben. Die Probleme sind viel

komplexer – zu behaupten, wir hätten sie nur aufgrund

von Instagram, ist eine faule Ausrede. Wir können

Medien und Gesellschaft nicht trennen. Wenn wir

sagen, dass Social Media an allem Schuld ist, dann

sagen wir auch, dass wir dagegen nichts tun können.

Instagram und Facebook werden wir auf keinen Fall

abschaffen, oder? Nein.

WAS KÖNNEN POLITIKER TUN, UM DIESE

MISSSTÄNDE IN DER GESELLSCHAFT ZU BEHEBEN?

Sie können sehr viel tun. Bei manchen Dingen geht es

um schnelle Reformen. Zum Beispiel Frauen den kostenlosen

Zugang zu Verhütungsmitteln und Abtreibungen

zu ermöglichen. Es ist das Grundrecht von

Frauen, über ihren Körper und ihr Leben zu bestimmen.

Ein anderes Beispiel ist die momentane Wirtschaftskrise,

die wir in Europa und dem Rest der Welt

erleben. Wenn die Sozialhilfe in den Ländern wegbricht,

dann sind es Frauen, die die Arbeiten verrichten,

die sich der Staat nicht mehr leisten kann. Wenn

das soziale Netz viele nicht mehr auffängt, dann sind es Frauen, die ehrenamtliche

Hilfe leisten und sich um die Leute kümmern, die das selbst nicht mehr können.

ALSO LIEGT DER GRUND FÜR VIELE DER PROBLEME IM SYSTEM DES

KAPITALISMUS?

In meinem Feminismus geht es vor allem darum, zu verstehen, wie Wirtschaftskräfte

unsere Gender-Identität beeinflussen. Dabei geht es um persönliche Level,

wie zum Beispiel das Streben nach Perfektion, aber auch um große ökonomische

Entscheidungen, die uns im alltäglichen Leben beeinflussen. Momentan finde ich

den Gedanken des bedingungslosen Grundeinkommens sehr interessant. Denn es

würde Menschen erlauben, ganz anders über Arbeit, Familie und Leben nachzudenken.

Etwas, was Frauen von Männern unterscheidet, ist, dass von uns Frauen

erwartet wird, schon in unseren Zwanzigern zu wissen, wie wir uns unser Leben

in Bezug auf Familie vorstellen. Ein 21-jähriger Mann hat noch nie darüber nachgedacht,

wie er sein späteres Leben als Vater und Ehemann mit seinem Berufsleben

vereinen will. Kein sexy Thema, aber wir müssen darüber reden. Die Mainstream

Medien beschäftigen sich stattdessen lieber damit, ob Beyoncé eine gute

Feministin ist oder nicht.

FOTO: JON CARTWRIGHT

Laurie Penny versteht

sich als sozialistische Feministin:

linke Politik und Feminismus

gehören für sie zusammen

„ES SIND VOR ALLEM

FRAUEN, DIE UNTER

DER WIRTSCHAFTSKRISE

LEIDEN MÜSSEN“

IST BEYONCÉ DENN EINE GUTE FEMINISTIN?

Ich denke nicht, dass es darum geht, wer eine gute Feministin ist und wer nicht.

Wenn sie sagt, dass sie eine Feministin ist, ist das doch toll, oder? Ich denke, es ist

anstrengend, Beyoncé zu sein. Und wenn sie dabei noch Zeit hat, sich mit politischen

Themen auseinanderzusetzen, dann ist das gut. Aber es ist schon komisch,

dass ich so oft von weißen Frauen nach Beyoncé und nicht nach Lena Dunham gefragt

werde. Daran sieht man, dass es leider noch nicht normal ist, als farbige Frau

so erfolgreich zu sein.

WIE KANN DER MODERNE FEMINISMUS ETWAS VERÄNDERN?

Es gibt einen großen Vorteil für uns Millennial-Feministinnen: Wir sind medial einfach

besser. Wir wissen, wie wir Ideen verkaufen und Inhalte viral werden lassen.

Wir sind eine Generation, die sehr viel Freizeit hat und medial versiert ist. Das ist

der Grund, warum sich immer mehr Frauen dem Feminismus zuwenden. Die

Explosion von feministischen Gedanken und Ideen ist

atemberaubend. Gerade hatten wir in England zum

Beispiel eine große Diskussion über Slut Shaming

und Vergewaltigungen. Das Ergebnis? Überall auf der

Welt denken junge Frauen und Männer jetzt über das

Wort Einverständnis nach und was es bedeutet. Und

damit kann das Rechtssystem nicht mithalten und die

Urteilsbildung der Allgemeinheit auch nicht.

WAS KANN UNSERE GENERATION NOCH TUN,

UM DIE GESELLSCHAFT ZU VERBESSERN?

Heutzutage ist es sehr schwer, eine junge Frau zu sein.

Ich sehe viel zu viele junge Frauen, die nicht genug

auf sich selbst achten. Die erste Pflicht einer jungen

Millennial ist es, auf sich selbst aufzupassen und nicht

zu viel Energie für andere Menschen zu verschwenden.

Grundlegende Selbstfürsorge ist aber auch etwas,

was schwer zu erlernen ist.

DER GENERATION Y WIRD HÄUFIG VORGEWOR-

FEN, SICH NUR FÜR DIE OBERFLÄCHE, FÜR DAS

ÄUSSERLICHE ZU INTERESSIEREN. WAS DENKEN

SIE ÜBER DIE MODEBRANCHE?

Mode fasziniert mich. Wie bei den meisten Industrien

ist sie bestimmt teuflisch, oder? Aber sie wird auch oft

zu Unrecht verurteilt. Wenn der Großteil der Männer

sich für die Modeindustrie interessieren würden, dann

würde Mode mehr wie Kunst behandelt werden und

nicht nur wie „Oh, das ist nur ein dummes Hobby für

Frauen und ein paar schwule Männer.“ Mode ist viel

wichtiger. Aber da gibt es nicht viel, was man in einer

Branche tun kann, die Frauen vorschreibt, wie sie auszusehen

haben und was sie alles besitzen müssen, um

glücklich zu sein. Es wird Zeit für Veränderungen. Ich

würde mich sehr freuen, wenn ich in Zukunft Kleidung

sehen würde, die für verschiedene Geschlechter

und Körper gemacht wird. Das passiert zwar schon,

aber noch nicht genug. In der Modebranche geht es

nicht nur um Kleidung, sondern auch darum, wie

Menschen träumen und fantasieren. Wenn man diese

Fantasien auch nur ein bisschen verändern kann, dann

kann das sehr machtvoll sein. Das ist der Anfang eines

kulturellen Wandels.

WIE SIEHT IHRE PERFEKTE WELT DER ZUKUNFT

AUS?

Oh, ich hätte wirklich gerne einen Welpen. Nein, ich versuche

gar nicht erst, mir eine perfekte Welt vorzustellen.

Erstens macht es mich traurig und zweitens denke ich

nicht, dass es Menschen hilft, wenn man ihnen sagt, wie

die Welt auszusehen hat. Ich denke, das Wichtigste ist,

dass wir alle zusammenarbeiten, um die Welt besser zu

machen. Ich würde gerne eine Welt sehen, in der wir

nicht arbeiten müssen, um ein Dach über dem Kopf zu

haben. Ich würde mich freuen, das Ende des Patriarchats

und Rassismus zu sehen. Ich würde gerne erleben, dass

Technologie allen Menschen hilft und nicht nur einer

kleinen Elite. Und ich würde gerne eine Gesellschaft sehen,

die nicht vom Geld verdorben ist.

50

werk6 | Generation Y

51


WELCHER

MODEDESIGNER

BESTIMMT

MOMENTAN

UNSER

AUSSEHEN?

WAS HAT ES

MIT DIESEM

GOSHA

RUBCHINSKIY

AUF SICH?

FOTOS: MARC KRAUSE, MM8 (INSTAGRAM.COM)

mode

MUSS MODE

ÜBERHAUPT

POLITISCH

SEIN?

53


GOSHAS

KIDS

FOTOS FILIZ DUBOIS

STYLING & PRODUKTION LINNÉA AXELSSON-LINDGREN,

NATHALIE GRIMM, MARA LEIBROCK, KELLY NIESEN

MODELS ANTON, ALEXANDER, NIKI

TEXT MARA LEIBROCK

V.r.n.l.:

ANTON POLO-LONGSLEEVE UND JEANS

GOSHA RUBCHINSKIY, TASCHE SUPREME

ALEX PULLOVER GOSHA RUBCHINSKIY, HOSE DICKIES,

CAP PALACE

Innerhalb kürzester Zeit etablierte der

russische Designer Gosha Rubchinskiy

einen neuen Stil, der als Hommage an

die postsowjetische Kultur zu verstehen

ist. Seine Mode ist von sogenannten

Gopniki inspiriert: junge Russen, die

aus sozial schwachen Verhältnissen

kommen. Ihre mageren Körper

stecken meist in Trainingsanzügen

und Sneakers. Dieser Look prägt das

Bild einer russischen Jugend seit dem

Zusammenbruch der Sowjetunion

Anfang der 90er-Jahre. Rubchinskiy

macht diese Ästhetik nun erfolgreich

zur Mode – mit Unterstützung von

der Avantgarde-Marke Comme des

Garçons. Seine Models sucht der

30-Jährige in den Straßen und den

Skateparks internationaler Großstädte.

Rubchinskiy mag das echte Leben und

echte Menschen. Und er mag Berlin, wo

er viel Zeit verbringt. Hier hat er auch

Anton (r.) und Alex gefunden, die nun

regelmäßig für ihn modeln. Zu unserem

Shoot bringen die beiden ihre Freundin

Niki mit. Ein Tag mit den Kids of Gosha.

NIKI JACKE ALPHA INDUSTRIES, JEAS LEVI´S, T-SHIRT UND TUCH

VINTAGE, GÜRTEL THRASHER, RING PALACE

54

werk6 | Generation Y

55


ANTON JACKE ALPHA INDUSTRIES, T-SHIRT GOSHA RUBCHSINKIY,

HOSE DICKIES, GÜRTEL VINTAGE

NIKI BOMBER ALPHA INDUSTRIES, T-SHIRT GOSHA RUBCHINSKIY,

HOSE H&M, GÜRTEL THRASHER

ANTON MANTEL VETEMENTS, T-SHIRT GOSHA RUBCHINSKIY, HOSE DICKIES,

GÜRTEL VINTAGE

NIKI T-SHIRT GOSHA RUBCHINSKIY, HOSE H&M, GÜRTEL THRASHER, RING PALACE

LINKE SEITE T-SHIRT GOSHA RUBCHINSKIY

56


ALEX JACKE CHAMPION X SUPREME, T-SHIRT THRASHER,

HOSE GOSHA RUBCHINSKIY, SCHUHE CONVERSE

ANTON MANTEL VETEMENTS, T-SHIRT GOSHA RUBCHINSKIY,

HOSE DICKIES, SCHUHE NEW BALANCE

NIKI T-SHIRT & SOCKEN GOSHA RUBCHINSKIY, HOSE H&M,

SCHUHE VANS X DOVER STREET MARKET, TUCH VINTAGE

„GOSHA IST NICHT NUR EIN

ERFOLGREICHER DESIGNER.

ER FOTOGRAFIERT, FILMT UND

VERÖFFENTLICHT BILDBÄNDE.

DAS IST COOL“

NIKI

TRENCHCOAT BURBERRY

HOODIE THRASHER

59


„AUF EINER AUSSTEL-

LUNG DES MAGAZINS

032C HABE ICH GOSHA

KENNENGELERNT,

WEIL ER BILDER VON

MIR MACHEN WOLLTE.

DAS FOTO WAR DANN

SOGAR IN DER ‚VOGUE‘

UND IN DER ‚I-D‘“

ANTON

MANTEL VETEMENTS

werk6 | Generation Y

61


„ICH MAG GOSHA,

WEIL ER ES HINBEKOMMEN

HAT, DASS SICH AUF

EINMAL JEDER AUF EINE

WEISE RUSSISCH

FÜHLEN MÖCHTE“

ANTON

LONGSLEEVE ANTI HERO X SUPREME,

HOSE DICKIES, CAP VINTAGE

POLO-LONGSLEEVE UND HOSE GOSHA RUBCHINSKIY, TASCHE SUPREME

ANTON MANTEL VETEMENTS, T-SHIRT GOSHA RUBCHINSKIY,

HOSE DICKIES, GÜRTEL VINTAGE

ALEX JACKE CAMPION X SUPREME, T-SHIRT THRASHER,

HOSE GOSHA RUBCHINSKIY, SCHNÜRSENKEL ALS GÜRTEL ADIDAS


„ICH WERDE JETZT REGELMÄSSIG

GEFRAGT, OB ICH FÜR

GOSHA LAUFEN MÖCHTE.

ABER SCHULE GEHT VOR“

ALEX

ANTON LONGSLEEVE COMME DES GARÇONS X SUPREME,

TRENCHCOAT BURBERRY, GÜRTEL VINTAGE

ALEX BOMBER ALPHA INDUSTRIES, T-SHIRT CIVILIST,

HOSE GOSHA RUBCHINSKIY, SCHNÜRSENKEL ALS GÜRTEL

ADIDAS, KETTE VINTAGE

64

werk6 | Generation Y

T-SHIRT UND HOSE GOSHA RUBCHINSKIY,

SCHNÜRSENKEL ALS GÜRTEL ADIDAS,

BAUCHTASCHE VINTAGE

65


Talente

schmieden

Die Nachwuchsförderung der deutschen

Mode steckt noch in den Kinderschuhen.

Viele junge Designer scheitern daran, sich

auf dem Markt zu positionieren, um finanziell

erfolgreich zu werden. Mit der Gründung des

Fashion Council Germany ist der Grundstein

gelegt. Doch wie geht es weiter? Kann man

sich am amerikanischen Modell orientieren?

TEXT SIMON NASCHBERGER

FOTOS JENNY KOLLER (4), JACOB WINK (5)

Richtungsweisend: Die Berliner Designerin

Marina Hoermanseder wird seit einem

Jahr vom FCG unterstützt

M

ode muss im ersten Schritt

in Deutschland Anerkennung

und Wertschätzung

finden“, sagt Christiane Arp,

Chefredakteurin der deutschen Vogue, über die Pionierarbeit

des Fashion Council Germany (FCG), das sie mit

Unterstützung von Medien, Wirtschaft und Marketing

2015 gegründet hat. Im Council sind Branchenvertreter

wie die Journalistin Melissa Drier (Womens Wear Daily),

die Messe-Chefin Anita Tillmann (Premium) oder Dirk

Schönberger, der Kreativdirektor von Adidas.

Jedes Jahr sollen zwei Mentées vom FCG ausgewählt

und zwölf Monate lang begleitet werden. In allen

Bereichen können die Jungdesigner Unterstützung anfragen

und Fachwissen der Mentoren nutzen. Die Gründung

einer solchen Förderinstitution war längst überfällig:

Seit 1963 unterstützen die USA mit dem Council of

Fashion Designers of America (CFDA) und seit 1983

Großbritannien mit dem British Fashion Council (BFC)

talentierte Newcomer – und das sehr erfolgreich.

Seit einem Jahr ist die französisch-österreichische

Designerin Marina Hoermanseder im Förderprogramm

des FCG. Seit der Gründung ihres Labels 2013 in Berlin

gehört sie zu den aufstrebenden Designerinnen der

Stadt. Sängerinnen wie Lady Gaga oder die Britin FKA

„MIR WAR KLAR, DASS

KEINE INSTITUTION MICH

ÜBER NACHT ZU EINEM

KASSENSCHLAGER MACHT“

MARINA HOERMANSEDER

Twigs zählen zu ihren Kundinnen, sie verkauft in Asien

und zeigt ihre Kollektionen auf der Berliner Fashion

Week und im Fashion Institute in New York. 2015 wurde

sie mit ihrer Kollegin Nobi Talai als erste Designerin in

das Förderprogramm des Fashion Council Germany aufgenommen.

„Uns wurde von Anfang an gesagt, dass das

Council ein Pilotprojekt ist. Ich hatte also keine hohen

Erwartungen. Mir war klar, dass keine Institution mich

über Nacht zu einem internationalen Kassenschlager

macht“, sagt Hoermanseder. „Hilfe zur Selbsthilfe“ war

die Message. Derzeit geht es in der Förderung nicht um

monetäres Sponsoring, sondern um die Kontaktherstellung

zu branchenrelevanten Personen. Für Hoermanseder

ist der stetige Austausch mit Mentoren wie dem Stylebop-Gründer

Mario Eimuth essentiell: „Es gibt nun

mal kein Buch ,Wie werde ich Designer’. Das Council

erlaubt mir, unsicher zu sein. Wie schreibe ich eine Order?

Wann rechne ich den Wechselkurs aus, wenn ich

nach Hongkong verkaufe? Das kann ich nicht googeln.

Es gibt einem Sicherheit zu wissen, dass Leute dich unterstützen

und auf deiner Seite sind.“

Die Rolle der Jungdesigner im Förderprogramm

ist glasklar definiert: Sie sollen ihre Sicht der Dinge

darlegen und Wünsche und Anregungen einbringen.

Marina erklärt: „Kein Einkäufer und kein Journalist

weiß, was mir schlaflose Nächte bereitet. Nobi und ich

müssen dem Council unsere Bedürfnisse mitteilen, damit

dieses langfristig junge Designer richtig fördern

kann. Alles baut logischerweise aufeinander auf. Da

muss man Geduld haben.“

Diese Geduld und Energie, die der Nachwuchs vorweisen

muss, macht sich zum Beispiel beim Berlin

Showroom in Paris bezahlt, in dem junge deutsche Designer

ihre Kollektionen zeigen dürfen – gefördert vom

Council. Für Marina Hoermanseder war vor allem 2015

ein besonderes Highlight: Karl Lagerfeld und die britische

Modejournalistin Suzy Menkes zählten zu den Gästen.

Den Stellenwert solcher Besuche darf man nicht

kleinreden. „Das schreibt einem natürlich eine Kompetenz

zu, wenn Karl meine Kollektion sieht und eingehend

meine Lederblumen mustert. Auch in den Medien

ist das ein Zeichen. Die Leute denken, ich bin im Chanel-Olymp

angekommen“, lacht Hoermanseder.

Immer wieder betont die 30-Jährige, wie hart und

engagiert das Council arbeitet, kennt aber auch dessen

Schwachstellen: „Es gibt derzeit niemanden, der uns bei

der Produktion und beim Vertrieb unterstützt. Als ich

angefangen habe, war mein größtes Problem, gute Produktionsstätten

zu finden. So etwas findet man nicht bei

Google. Nur Kontakte helfen weiter.“ Kontakte, die auch

66

Blick nach vorn: Scott Studenberg und

John Targon von Baja East

bauen mit Hilfe des CFDA ihr Label aus

67


zur Zusammenarbeit mit etablierten Marken führen

können. Aktuell zum Beispiel arbeiten Marina Hoermanseder

und vier weitere deutsche Designer eng mit Swarowski

und der deutschen Vogue an einer Kollaboration.

„Man merkt, dass hier viel unternommen wird, um uns

weiterzubringen. Es passiert nur sehr oft im Hintergrund“,

sagt Hoermanseder.

In anderen Ländern tragen Förderkonzepte schon

länger sichtbare Früchte: Seit über 50 Jahren engagiert

sich das Council of Fashion Designers of America

(CFDA) mit Sitz in New York für den amerikanischen

Modenachwuchs. Designer wie Marc Jacobs, Alexander

Wang oder Kate und Laura Mulleavy von Rodarte findet

man auf der Liste der ehemaligen Mentées des Council.

Die US-Vogue-Chefin Anna Wintour gehört zu den

größten Förderern. Designerinnen wie Carolina Herrera,

Donna Karan oder Diane von Furstenberg sitzen im

Vorstand. Letztere hatte bei der diesjährigen CFDA Fashion

Award Gala in New York die Grundidee der Institution

auf den Punkt gebracht: „Am Ende des Tages geht

es um Talent, Herzblut und harte Arbeit.“ Tugenden, die

zehn ausgewählte Jungdesigner mitbringen müssen, die

ebenfalls ein Jahr lang begleitet und unterstützt werden.

Das belohnt das Council mit einer TV-Show auf

Amazon, großen Modestrecken mit Topmodels wie Gigi

Hadid in der US-Vogue und starken Vertriebspartnern.

Hinzu kommt ein Preisgeld von 300.000 Euro für den

Gewinner des Awards. Dieses wird vor allem dank Finanzpartnern

wie der American Express Company ermöglicht.

Und immer gilt: Think big!

Unter den Finalisten waren in diesem Jahr auch

John Targon und Scott Studenberg, die 2013 das Label

Baja East gründeten. Beide kommen ursprünglich aus

dem Großhandel. In Häusern wie Céline, Burberry und

Lanvin haben sie sich um den Verkauf und Vertrieb der

Kollektionen an Luxuskaufhäuser vorrangig im amerikanischen

Raum gekümmert. „Wir wissen, wo die Einkäufer

sitzen und was sie kaufen wollen. Wir haben

schon wesentlich früher als andere Marken daran gedacht,

wo und wie wir verkaufen wollen“, sagt Targon

über die Art, ihr Unternehmen zu etablieren.

Baja East vereint das entspannte Flair von Los

Angeles mit der urbanen, unangepassten Kultur New

Yorks. Ausgangsmaterial jeder Kollektion ist hochwertiger

Kaschmir. Zu den regelmäßigen Kunden der

Jungs zählen die Musiker Justin Bieber oder R&B-Sänger

Miguel. 2016 wollen Studenberg und Targon ihr

Label noch weiter etablieren. Dabei sollte die Teilnahme

am CFDA Fashion Fund helfen. Das attraktive

Preisgeld war der Hauptgrund für die Designer, sich zu

bewerben: „Das Geld hätte einige Prozesse in unserem

Unternehmen erleichtern und wir hätten auch endlich

Schulden abbezahlen können“, sagt Studenberg. Gewonnen

haben sie zwar nicht, aber die ständige Kritik

der Mentoren ließ sie wachsen: „Plötzlich mussten wir

viele Entscheidungen hinterfragen, die für uns Routine

waren. Wir standen oft mit dem Rücken zur Wand und

wurden so noch kreativer und organisierter“, erzählt

Scott Studenberg. „Auch die Bewerbung war eine Her-

„WIR STANDEN OFT MIT DEM

RÜCKEN ZUR WAND UND

WURDEN SO NOCH KREATIVER“

JOHN TARGON / BAJA EAST

ausforderung. Wir mussten Finanz- und Designpläne

präsentieren und auch ein Filmteam von Amazon in

unser 25-Quadratmeter- Atelier zu quetschen, war nicht

immer leicht“, fügt John Targon lachend hinzu.

Die Enttäuschung, ohne das Preisgeld nach Hause

zu gehen, hält sich also in Grenzen? „Klar ist es schade,

dass wir nicht gewonnen haben, aber die vielen

Kontakte sind geblieben und der Support hört auch

nicht sofort auf. Aktuell sind wir durch das Council auf

einen neuen Stofflieferanten gestoßen. Das hilft

enorm“, sagt Studenberg. Und auch, dass durch den

Award Prominente wie Justin Bieber und Jennifer

Lopez auf Baja East gestoßen sind. „Wir lieben es, Stars

einzukleiden. Das ist Teil unserer kreativen Vision.“

Was also kann Deutschland lernen? Wir brauchen

das Fashion Council – und mit der Vogue-Chefin Christiane

Arp an der Spitze geht es in die richtige Richtung.

Jedoch muss erstmal das Fundament gefestigt werden,

die Institution muss Anerkennung finden – in einem

Land, das schnell urteilt, wenn es um Mode geht. Das

Erfolgsrezept ist grundsätzlich nicht schwer: kompetente

Kooperationspartner, Netzwerke, ernsthafte Medienpräsenz

– gepaart mit einem hohen Preisgeld, das

von wirtschaftlicher Seite gestellt werden muss.

Ende Juni wurde bekannt gegeben, dass das GFC

einen neuen Partner hat: Der Bekleidungsriese H&M

wird die nächsten zwei Jahre deutsche Jungdesigner in

den Bereichen Vertrieb, Einkauf und Produktion unterstützen.

Dazu kommt, dass der US-Botschafter in

Zukunft eine Brücke zwischen der deutschen und

US- amerikanischen Modebranche schlagen will. Als

Auftakt fand im Rahmen der Fashion Week die Präsentation

Sustainability & Style in der US-Botschaft statt.

Das Engagement ist angemessen, denn europaweit

konsumiert kein Kunde so viel Mode wie der deutsche:

Von den 370 Milliarden Euro, die 2015 an Umsatz

verzeichnet wurden, gehen 75 Milliarden auf das Konto

der deutschen Modeindustrie. Und für H&M sind wir

der lukrativste Markt weltweit. Mode ist einer der wichtigsten

Wirtschaftsfaktoren und keine oberflächliche

Scheinwelt, wie gern behauptet wird.

Letztendlich muss auch die Zusammenarbeit mit

den anderen Councils in England, den USA und auch

Frankreich forciert werden. Deutschland muss bestehende

Ressourcen in Europa nutzen, um seine Modedesigner

zu etablieren. Und es muss seine Modedesigner

endlich ernst nehmen. „Ich glaube nicht, dass in

Deutschland weniger Talent existiert als in anderen Ländern.

Aber wie lange können wir Karl und Jil noch als

Paradebeispiele nutzen“, gab Melissa Drier, Berlin-Korrespondentin

von Womens Wear Daily, schon letztes

Jahr zu bedenken. Hoffentlich bald gar nicht mehr.

Marina Hoermanseders

Markenzeichen ist die

Mischung aus Fetisch und

Romantik (Bilder 1–3). Auch

Karl Lagerfeld

war beeindruckt

Für die Herbst/Winter

2016/17 Kollektion ließ sich

das New Yorker Label

Baja East vom Club Berghain

und dem Strand in

Los Angeles inspirieren

3

1

2

68

werk6 | Generation Y

69


Heimat

Kunde

Sind wir Modejunkies aus

der Generation Y wirklich so

oberflächlich, wie uns vorgeworfen

wird? Quatsch. Wir haben einen

Designer gefunden, der uns auch

politische Fragen beantwortet

INTERVIEW EVELYN CARHUAS LUNA, MARLENE NORDMANN

FOTOS JANINE SAMETZKY

Sasha Kovasevic kam vor elf Jahren aus

Serbien nach Deutschland, studierte

Modedesign an der Kunsthochschule

Weißensee und gründete 2006 sein Label

Sadak. Seine Heimat und das, was er dort erlebt

hat, prägt bis heute seine Arbeit. Neben der Mode entwirft

er auch Kostüme für Film und Theater. Zum Beispiel

für Die Tribute von Panem. Mit uns sprach er

über das Leben mit einer ungewöhnlichen Vergangenheit.

2006 gründete der Designer

Sasha Kovasevic sein Label

Sadak. Sein Atelier ist in

Kreuzberg

IN DEINER LETZTEN KOLLEKTION HAST DU

UNTER ANDEREM BURKAS GEZEIGT. WARUM?

Sasha Kovaseciv: Das hat etwas mit meiner Identität zu

tun, mit der Geschichte meiner Heimat Serbien, in der

fast ein Jahrzehnt lang Krieg herrschte. Dort sind die

Frauen traditionell verschleiert – obwohl viele denken,

in den nicht islamischen Ländern Europas gäbe es keine

Burkaträgerinnen. Für mich war das also gar kein so

71


Sadaks Kollektion für

den Herbst/Winter

2016 sorgte

für politischen

Gesprächsstoff

„ICH BRAUCHE

KEINE ETIKETTIERUNG“

Sasha Kovasevic mischt

Traditon mit Moderne:

In seinem Atelier

sammelt er alte Dinge

und entwirft für die

Zukunft

FOTOS: © MERCEDES-BENZ FASHION (4)

großes Thema, aber für die Medien schon. Mit den

Stoffprints von Landschaften und Mädchen mit Handys

in privaten Umgebungen wollte ich damit spielen, wie

soziale Medien sich mit Traditionen verflechten. Eine

Burka ist zudem die Verneinung eines Körpers:

Die Religion verbietet quasi dem Menschen, der sie

trägt, das Wort, indem sie ihn verhüllt. Damit wollte

ich arbeiten.

KRIEG UND FLUCHT SIND GROSSE THEMEN

BEI DEINEN ENTWÜRFEN …

Während des Krieges war ich ein Teenager und lernte

zu überleben, Dinge aus dem Nichts zu machen,

Schlange zu stehen für ein Stück Brot. Dein Leben

wird zerstört, Familien werden getrennt. Ich empfand

das als normal, bis ich nach Deutschland gekommen

bin. Ich musste hier mit neuen, anderen Problemen

umgehen: die Sprache lernen, zur Schule gehen, einen

Job finden. Einerseits fühlte ich mich so frei wie

nie, anderseits wurde ich von meiner Vergangenheit

verfolgt. Ich stellte mir viele Fragen: „Warum gab es

den Krieg? Wer war schuld daran?“ All das war und ist

immer noch sehr präsent für mich. Ich denke, dass die

Flüchtlinge heute ähnliche Gefühle haben, ähnlich

traumatisiert sind. Ich kann mich in sie hineinversetzen.

Daher habe ich diese Emotionen in meine Kollektion

aufgenommen. Und ich frage mich angesichts der

momentanen Schwierigkeiten bei der Migration: Mein

Gott, haben wir immer noch nichts gelernt?

BIST DU ALSO EIN POLITISCHER DESIGNER?

Solche Etikettierungen brauche ich nicht. Es kommt

darauf an, wie die Leute das Ganze interpretieren. In

Berlin gibt es viele Labels, die sich stilistisch ähneln.

Deshalb wird man, sobald man etwas anderes macht,

schnell als radikal und politisch eingestuft.

IST BERLIN DANN ÜBERHAUPT EIN GUTER ORT

FÜR JUNGE DESIGNER?

Nun ja, die Berliner Szene ist – ehrlich gesagt – ein

bisschen langweilig. Die meisten Einkäufer der Modehäuser

interessieren sich nicht für Berlin. In London

gibt es neben den konventionellen Häusern für Menswear

die neuen Wilden. In Paris gibt es internationale

Designer, es herrscht eine furchtbare Konkurrenz.

Berlin bietet nicht viel Neues. Es gibt Potenzial, eine

Industrie, Plattformen für Schauen und Showrooms –

doch es fehlt etwas. Berlin sollte vielleicht ganz andere,

junge Mode anbieten, denn konventionelle Mode ist eh

in Paris besser. Hier ist es schon sehr deutsch. Aber ich

will niemanden beleidigen. Ich lebe seit elf Jahren hier,

dabei bin ich auch ein bisschen deutsch geworden.

APROPOS DEUTSCH: KANNST DU

NACHVOLLZIEHEN, WARUM DEUTSCHE DIE

PEGIDA ODER DIE AFD UNTERSTÜTZEN?

Das hat etwas mit Angst zu tun. Vor allem um die eigene

Identität. Bis zu einem gewissen Punkt kann ich

das nachvollziehen. Aber über jemanden aufgrund von

Religion oder Hautfarbe zu urteilen, finde ich falsch

und beschämend. Dieser blinde Egoismus lässt diese

nationalistischen Gruppierungen erst gedeihen. Mit

Angst kann man Menschen manipulieren.

HAST DU DENN SELBST ERFAHRUNGEN MIT

RASSISMUS IN DER MODEBRANCHE

GEMACHT?

Die Modebranche als solche ist rassistisch. Es gibt

eine Quote, immer nur ein schwarzes Model, ein asiatisches

… Doch durch junge Labels wird es zu Veränderungen

kommen. Ich beschäftige ganz unterschiedliche

Models. Zum Beispiel wirkt Camouflage an

einem weißen Modelkörper völlig anders als an einem

arabischen. Jede Ethnie kann etwas anderes transportieren.

PERFEKTE MODELKÖRPER TRANSPORTIEREN

AUCH VERZERRTE SCHÖNHEITSIDEALE.

KANN DEINE LEGERE UNISEX-MODE DAS

KORRIGIEREN?

Während des Studiums habe ich mich mit den unterschiedlichen

Körperformen von Frauen und Männern

beschäftigt, fand aber dann, dass es innerhalb der Geschlechter

größere Unterschiede gibt. Darum sind

meine Sachen teilweise Unisex, aber man kann sie variieren

und den jeweiligen Körpern anpassen. Historisch

gesehen gab es Jahrhunderte, in denen Männer

in Togen herumliefen, geschmückt und drapiert. Diese

Körperideen gingen verloren – im Zuge der Industrialisierung

hatte man sich schnell anzuziehen, weil man

zur Arbeit musste, man nahm sich nicht mehr die

Zeit, sich schick zu machen. Heute spielt jeder eine

Rolle in der Konsumkette, ist Teil der Produktionsmaschinerie

– die Marken drängen uns dazu, bestimmte

Kleidung zu produzieren oder zu kaufen.

ANDERE DESIGNER, ZUM BEISPIEL GUCCI,

STECKEN JETZT MÄNNER IN FRAUENKLEIDUNG

Größere Marken versuchen immer, einen Trend zu

setzen, ein It-Thing. Aber die Tendenz der letzten Jahre

geht eher zu Unisex, zu Mode, die genderlos ist.

IST KOSTÜMDESIGN DENN DANN EINE

ERHOLUNG VON DER FASHIONBRANCHE?

Bei Theater oder Film beziehen sich die Kleider auf

einen einzigen Charakter. Eine Kollektion dagegen

entwirft man für viele Menschen. Beides kommt allerdings

zusammen, wenn man für eine Runway Show

arbeitet – das kann dann auch etwas von Theater haben,

etwas Performatives. Da wirkt alles gemeinsam

– Musik, Bild und Mode. Für mich ist Mode wie eine

zweite Haut – man kann sich damit einfach unter die

anderen mischen. Man kann aber auch auffallen.

72

werk6 | Generation Y


Ungefiltert

INTERVIEW KATHARINA KUNATH, SIMON NASCHBERGER

FOTO JULIAN MARTINI

Groß prangt es in kyrillischen Buchstaben auf

seiner Kehle: „Stil“ hat der 24-Jährige dort

tätowiert – und es ist sein eigener Stil, für den

Marc Göhring in der Modewelt gefeiert wird.

Als Stylist und Fashion Editor des Magazins

032c wirbelt er die Branche auf. Privat führt

er mit seinem ausgefallenen Look regelmäßig

internationale Best-Dressed-Listen an.

32 ehrliche Antworten eines Mannes,

an dem gerade niemand vorbeikommt

18. NACKT ODER ANGEZOGEN?

Angezogen.

19. SEX ODER LIEBE?

Liebe.

20. ICH WILL SEX HABEN MIT:

Das ist eine sehr gay-fährliche Frage.

21. DAS MACHE ICH ALS

ERSTES, WENN ICH MORGENS

AUFSTEHE:

Rauchen.

22. BERLIN IST GEIL, WEIL:

Es groß, frei und günstig ist.

1. GRÖSSTE MODESÜNDE, DIE

ICH JE BEGANGEN HABE:

Silberfarbene Jeans. Eindeutig.

Die habe ich so vor elf Jahren getragen.

Da war das mal eine Zeit lang geil,

anscheinend.

2. IN DIESEM OUTFIT WERDE

ICH BEGRABEN:

In einem Thom-Browne-Anzug

3. I CAME TO:

Surprise.

4. SO WILL ICH NIE AUSSEHEN:

Wie Deutschland. Durchschnittlich.

5. IT-GIRL DER STUNDE:

Hari Nef. Hari darf ich doch als Girl

bezeichnen, oder?

6. IT-BOY DER STUNDE:

Matthew Foley. Der darf das niemals

sehen, sonst erschießt er mich.

7. DREI BEGRIFFE ZU MEINEM

INSTA-FAME:

Insta-Fame? Real. Keine Filter.

11. DAVON LASSE ICH MICH

INSPIRIEREN:

Soll ich da jetzt Blogs angeben? Spaß!

Im Leben, Mann.

12. WER MÜSSTE ANRUFEN,

DAMIT ICH MEINEN JOB

WECHSEL:

Da kann anrufen wer will, ich werde

meinen Job nicht wechseln, weil ich den

echt gerne mache.

13. SIND PRINTMAGAZINE TOT?

Printmagazine werden definitiv in naher

Zukunft aussterben, trotzdem sind sie für

mich das Wichtigste und Beste, das es

gibt. Die Haptik, der Geruch, etwas in der

Hand zu halten … das lässt sich durch

nichts ersetzen.

14. MEINE ERSTE MODE-

ZEITSCHRIFT WAR:

Eine ganz alte französische Vogue aus

meinem Geburtsjahr 1992.

15. LEDER ODER PELZ?

Beides. Aber ich muss mich entscheiden.

Also Leder.

23. IST DEUTSCHE MODE DOOF?

Deutsche Mode ist nicht doof, aber sie

braucht Geschmack.

24. DAS WÜRDE ICH GERNE IN

DER MODEWELT ÄNDERN:

Die Relevanz der Celebritys nervt mich.

Die braucht kein Mensch.

25. DREI ESSENTIELLE DINGE:

Sicherheitsnadeln, rote Marlboro und

schwarze Chucks, die gehen immer.

26. LUXUS HEISST FÜR MICH:

Creme von La Prairie … Spaß! Das

machen zu können, was ich will.

27. DIESE KOLLEKTION WIRD MICH

NIE LOSLASSEN:

Raf Simons F/W 2004. Raf ist einer der

Besten. Müsste ich mein Leben lang nur

noch einen Designer tragen, wären es er.

28. POLITIK & MODE

VERBINDET:

Eine Haltung zu haben.

29. MEIN GRÖSSTER KOMPLEX:

Ich bin zufrieden mit mir selbst. Ich weiß

nicht, ob das ein Komplex ist. Liegt

wahrscheinlich im Auge des Betrachters.

„Was sind denn das

für shady Fragen?“

Erstaunlich, dass man

Marc Göhring noch

überraschen kann

74

8. DAS WÜRDE ICH NIE POSTEN:

Ein Fan-Selfie.

9. ICH WÄRE HEUTE NICHT WO

ICH BIN, WENN:

Ich nicht wäre, wie ich bin.

10. 032C BEDEUTET FÜR MICH:

Mein Lebenstraum ist in Erfüllung

gegangen.

werk6 | Generation Y

16. 90er-, 00er- ODER

10er-JAHRE?

Finde ich alle drei scheiße. Aber das kann

ich ja so nicht sagen. Das ist zu ghetto.

Das lesen ja Leute. Ich glaube, die 70er

und 80er waren toll. Im Studio 54 hätte

ich mich ganz wohl gefühlt.

17. VETEMENTS ODER GUCCI?

Richtig gemeine Frage. Gucci.

30. DIESEN FILM MUSS MAN

GESEHEN HABEN:

Showgirls von Paul Verhoeven (1995)

31. MEINE MAMA SAGT IMMER:

„Hab dich lieb“ und „Rauch nicht so viel“

32. DANACH LEBE ICH:

An innocent mind has no fear! Angst

haben ist echt scheiße!

75


Chanel hat Karl. Versace hat

Donatella. Céline hat Phoebe.

Große Namen für große

Häuser – das galt lange Zeit

als eine ungeschriebene

Regel im Modebusiness.

Aber: Die Designer, die heute

wichtige Trends setzen, mit

ihren Kollektionen in der

Branche den Ton angeben

und das teilweise veraltete

Modekonstrukt auf den Kopf

stellen, sind vor allem junge

Talente. Sie haben zwar

keine Erfahrung, dafür aber

frische Ideen – ihre Innovation

und Provokation ist

richtungsweisend.

Eine Auswahl im Porträt

FOTOS: CHLOÉ LA DREZEN (FÜR DAZED & CONFUSED)

Die

Richtungs weiser

TEXT JULIUS SALVENMOSER

ILLUSTRATIONEN BORIS SCHMITZ

Kurz vor der Show: Mit dem

Label Vetements katapultierte

sich der 35-jährige Designer

Demna Gvasalia an die Spitze

der Avantgarde-Modeszene

76

werk6 | Generation Y

77


DEMNA GVASALIA

Backstage-Eindrücke bei Vetements:

Models und Mode stehen inzwischen

für einen neuen Lifestlye

35 JAHRE

FÜR VETEMENTS & BALENCIAGA

Der aktuelle Balenciaga-Designer ist seit Karl Lagerfeld

erst der zweite Deutsche an der Spitze eines großen

Pariser Modehauses. Denn obwohl Demna Gvasalia

in Georgien geboren ist und aktuell in Frankreich

lebt, besitzt er die deutsche Staatsangehörigkeit. Da

sein Vater berufsbe- dingt in das Ruhrgebiet versetzt

wird, zieht Gvasalia 2000 mit seinen Eltern nach

Düsseldorf. Hier geht er zur Schule. Den Aufstieg des

Mode-Rebellen kann man als kometenhaft beschreiben.

Nach seinem Studium an der Royal Academy of

Fine Arts in Antwerpen arbeitet Gvasalia für die Avantgarde-Marke

Maison Martin Margiela. Dort entwickelt

er seinen schon unverkennbaren Stil und kommt zu

der Philosophie, dass es beim Entwerfen von Kleidung

nicht darum geht, den Kunden zu verkleiden. Für

Gvasalia ist vielmehr das Kleidungsstück, seine Struktur

und Passform relevant. Ein Leitgedanke, für den

auch Martin Margiela bekannt ist.

2014 verlässt Gvasalia das belgische Modehaus

und gründet gemeinsam mit sechs weiteren Designern

eines der aktuell meist gehypten Modelabels

überhaupt: Vetements. Hiermit wurde er schnell bekannt.

Denn die Entwürfe des Kollektivs sind für den

Kunden provozierend genug, um Aufmerksamkeit zu

generieren und dabei leicht verständlich.

Wie der Name der Marke verrät, bestehen die

Kollektionen von Vetements aus Basis-Stücken wie

Kapuzenpullovern (oversized), Jeans (dekonstruiert)

und T-Shirts (aussagekräftig). Konventionslose Kleidung.

Und auch Gvasalias erste Entwürfe für das 1937

gegründete Modehaus Balenciaga, dessen Kreativdirektion

er Ende des letzten Jahres übernahm, sind

alles andere als formell. Ähnlich wie Nicolas Ghesquière,

der vor fast 20 Jahren das etwas verstaubte

Traditionshaus in Richtung cool boostete, geht Gvasalia

heute vor: Mit seiner eigenwilligen Attitüde kreiert

der 35-Jährige beispielsweise Wollkleider und Kostüme,

deren Hüften exaltiert sind, oder Bikerjacken, deren

Ausschnitte so weit über die Schultern gezogen

werden, dass sie an die Dekolletés der Kleider Cristóbal

Balenciagas erinnern. Damit eröffnet er für das

Unternehmen ein neues Kapitel des kreativen Erfolgs.

Eines, das dem Haus unter dem Vorgänger Alexander

Wang verschlossen geblieben war.

FOTOS: CHLOÉ LA DREZEN (FÜR DAZED & CONFUSED)

FOTOS: CARVEN

Die letzten Kampagnen von

Carven: Der Stil, wie sich das

traditionelle Haus präsentiert,

hat sich duch Martial und

Caillaidaud stark verjüngt

ALEXIS MARTIAL &

ADRIEN CAILLAUDAUD

BEIDE 31 JAHRE

FÜR CARVEN

Der Trend, dass sich viele Modehäuser für junge,

(noch) unbekannte Designer entscheiden, wird bei

diesem Duo besonders deutlich: Alexis Martial und Adrien

Caillaudaud stehen für eine neue Generation

französischer Designer. Sie ziehen im Hintergrund

der großen Modehäuser schon seit Jahren die Strippen

und sind somit maßgeblich an der Entwicklung

neuer Trends beteiligt.

Martial wächst in Paris auf. Hier besitzen seine

Eltern ein Atelier zur Vergoldung von Leder, Handwerk

spielt also schon von Anfang an eine große Rolle

in seinem Leben. Nach dem Studium an der renomierten

Pariser Modeschule Atelier Chardon Savard und

Stationen bei Givenchy und Paco Rabanne wird Martial

2013 zum Kreativdirektor von Iceberg ernannt. Seinen

Studienkollegen, Freund und ebenfalls gebürtigen

Pariser Caillaudaud zieht es ebenfalls zu Givenchy

– er ist hier für das Accessoire-Design der Marke verantwortlich.

Somit ergänzen sich die beiden in ihrer

Arbeit perfekt.

Im März 2015 folgt der gemeinsame Wechsel

zum früheren Couture-Haus Carven, wo das Duo den

als Wunderkind gefeierten Guillaume Henry als Kreativdirektoren

ablöst. Zu diesem Zeitpunkt sind beide

erst 30 Jahre alt. Ihre femininen und frischen Entwürfe

festigen das Bild des verspielten Carven-Stils binnen

dreier Saisons und verhelfen dem Image des Unternehmens

zu mehr Jugendlichkeit. Das neue

Carven-Girl ist freier und weniger gut erzogen. Sie

trägt seit der Debütkollektion der beiden sogar Hosen

– und grelle Farben, die von der Architektur der

1960er- und 70er-Jahre inspiriert sind.

Mit der Vorarbeit Henrys schaffen Martial und

Caillaudaud Carvens Transformation vom veralteten

Haute-Couture-Haus zum begehrten Trendlabel. Diese

Art von Imagewechsel ist für Frankreich wohl bis

heute einzigartig, denn die meisten Pariser Modehäuser

fokussieren sich nach ihren Relaunches weiterhin

auf High-End-Teile und das Luxussegment.

78

werk6 | Generation Y

79


MO

&Ein Forschungsprojekt des Studiengangs

Mode Design (B.A.) und des Ausbildungsgangs

Modejournalismus/Medienkommunikation

der AMD Akademie Mode & Design, Berlin

D E

OLIVIER ROUSTEING

30 JAHRE

FÜR BALMAIN

MIG

Der 30-jährige Kreativdirektor von Balmain gehört

trotz seines zarten Alters zu den aktuell wichtigsten

französischen Designern. Als Adoptivsohn einer Optikerin

und eines Hafen-Direktors wächst Olivier

Rousteing in Bordeaux auf. Er selbst spricht davon,

ein verwöhntes Einzelkind gewesen zu sein, weshalb

es ihm zunächst schwer fällt, zu Beginn seines Studiums

in Paris Fuß zu fassen. Doch schließlich lernt

Rousteing das Pariser Nachtleben kennen, jobbt sogar

Hamburg

Düsseldorf

München

Berlin

RA

als Tänzer in einem Club.

Nach seinem Abschluss im Jahr 2003 startet

Rousteing seine modische Karriere zunächst beim kitschigeren

italienischen Äquivalent Balmains: dem

Hause Roberto Cavalli.

In Florenz angekommen, steigt Rousteing innerhalb

kürzester Zeit vom Praktikanten zur rechten

Hand des Chefdesigners auf. 2009 folgt dann der

Wechsel zu Balmain, wo er zweieinhalb Jahre später

– mit gerade einmal 24 Jahren – zum kreativen Kopf

des über 60 Jahre alten Traditionshauses ernannt

wird. Somit ist Rousteing nach Yves Saint Laurent

(der mit 21 Jahren der kreative Leiter von Dior wurde)

der jüngste Chefdesigner an der Spitze eines französischen

Modehauses.

Neben seinen opulenten Entwürfen für Balmain

steht Rousteing heute vor allem für eines: Social

Media. Auf Instagram und Facebook präsentiert er

sich so medienwirksam wie sonst keiner seiner Kollegen.

Schamlose Oben-Ohne-Selfies und unzählige

Party-Fotos in prominenter Gesellschaft zieren den

www.amdnet.de

Feed des „King of Instagram“ (Vogue UK). Doch

Rousteing nutzt seine aktuell 3,4 Millionen Follower

und Promi-Freunde wie Kim Kardashian, Rihanna

oder Rosie Huntington-Whiteley nicht ausschließlich

zur Selbstpromotion: Mit seinen Fotos und Videos

macht er die glamourös-pompöse Mode Balmains der

breiten Masse verständlich. Und – in Kooperation mit

H&M – manchmal sogar finanziell zugänglich.

AMD Studio, Berlin

FOTOS: RUNWAY

Post-Glam für

It-Girls: Olivier

Rousteing führt

Balmain in die

neue Generation.

Herbst/Winter

2016/17

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werk6 | Generation Y

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Niemand hätte den

Olson-Zwillingen so viel

Purismus zugetraut: hier die

Sommerkollektion 2016

MARY-KATE &

ASHLEY OLSEN

BEIDE 30 JAHRE

FÜR THE ROW

Mit nur fünf Monaten wurden die Olsen-Zwillinge von

ihrer Mutter ins Showbusiness gezerrt. 30 mehr oder

weniger (eher weniger) anspruchsvolle Kinofilme und

Serien später finden die beiden Teenie-Superstars

2006 endlich ihre wahre Berufung: Mit nur 21 Jahren

gründen die Schwestern das Modelabel The Row, eine

Marke, die sich dem eleganten Minimalismus verschreibt,

bei der viel mit Layerings gearbeitet wird

und Echtpelz trotz PETA-Protesten („Hairy-Kate und

Trashley Trollsen“) eine große Rolle spielt.

Entgegen der prominenten Vorbelastung und

Vorurteile seitens der Presse und Fans entwickelt sich

die Marke innerhalb weniger Saisons zu einem der aktuell

wichtigsten Modelabels auf der New Yorker Fashion

Week. Denn: Nach sehr basiclastigen Anfängen werden

die Kollektionen der Olsens zunehmend raffinierter.

Aus dem ehemaligen Anspruch, das perfekte T-Shirt zu

designen, entwickeln die zweieiigen Zwillinge das heutige

Konzept von The Row. Ihr Label überträgt die Prinzipien

der Maßschneiderei auf die exklusiven Stücke

der Linie. Die komplette Kollektion ist aus feinsten Materialien

handgefertigt und Made in USA.

Vergangenes Jahr kommt es dann zum bisherigen

Höhepunkt in der modischen Laufbahn von

Mary-Kate und Ashley Olsen: Mit dem CFDA Womenswear

Designer of the Year Award gewinnt The Row den

wohl wichtigsten Preis der gesamten US-Branche –

und das schon zum zweiten Mal. Wie im Jahr 2012 setzen

sich die Schwestern gegen das Designer-Duo Jack

McCollough und Lazaro Hernandez von Proenza

Schouler oder auch alte Hasen wie Marc Jacobs durch.

Damit gehört The Row nun endgültig zu den amerikanischen

High-Class-Labels, die internationale Modetrends

setzen. Und das alles trotz einer unvergess lichen,

oder auch unwiderruflichen Full-House-Vergangenheit

(Dreharbeiten von 1987 bis 1995) – inklusive verlorener

Kindheit.

FOTOS: RUNWAY

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werk6 | Generation Y

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BOOM!

BOOM!

BOOM!

Knallig, laut und unangepasst: Mit unserem

schnellen Lebensstil kann nur Sportswear mithalten.

Don’t mess with us!

FOTOS MARC KRAUSE

STYLING & PRODUKTION MARAIKE DOBRICZIKOWSKI, FRANZISKA KRAL,

KATHARINA KUNATH, SIMON NASCHBERGER

MODELS NAIMA & EMMA @M4 MODELS

HAIR & MAKE-UP MARIAM RAMADAN

FOTO-ASSISTENZ HANNES MEIER

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werk6 | Generation Y

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VORHERIGE SEITE

LINKS

HOODIE NICOPANDA

PANTIES ERES

OVERKNEES MOSCHINO

RECHTS

PELZ-BOMBER KOMAKINO

HOODIE YEEZY BY KANYE WEST

SCHUHE DR. MARTENS

DIESE SEITE

LINKS

JEANSJACKE VINTAGE MADE IN BERLIN

HOODIE GOSHA RUBCHINSKIY

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werk6 | Generation Y

RECHTS

HOODIE GOSHA RUBCHINSKIY

MESH-KLEID NIKE

SNEAKERS ADIDAS X RAF SIMONS

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CAMOUFLAGE-BOMBER VINTAGE

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JACKE MIU MIU

SHORTS KOMAKINO

SHORTS DARUNTER NIKE

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JACKE ADIDAS

KORSETT MARLIES DEKKERS

JEANS FAITH CONNEXION

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werk6 | Generation Y

JACKE GOSHA RUBCHINSKIY

SWEATER RAF SIMONS X STERLING RUBY

OVERKNEES MOSCHINO

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medien

VERLIEBT SICH

WIRKLICH

JEMAND BEI

TINDER?

FOTOS: MM8 (INSTAGRAM.COM)

WIE KÖNNEN

KÜNSTLER OHNE

LEINWAND

AUSKOMMEN?

WO WOHNEN

EIGENTLICH

DIGITALE

NOMADEN?

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Diese Seite:

„Artificiata II“ – Bilder

aus der neuen Serie

von Manfred Mohr

Links:

Ein Kunstdruck aus der

Serie „V0ID I“ von

Andreas Nicolas Fischer

KUNST

Die Digitalisierung ist längst in der Gesellschaft angekommen.

Und mit ihr ist die digitale Kunst auf dem besten

Weg in den Mainstream. Ein Blick hinter die Kulissen eines

neuen Trends auf dem Kunstmarkt

TEXT & INTERVIEWS FRANZISKA KRAL

FOTOS: ANDREAS NICOLAS FISCHER, MANFRED MOHR

Ein Leben ohne Computer. Was vor der Digitalisierung

Ende der 80er-Jahre normal

war, ist heute unvorstellbar. Die Generation

Y, die in einer globalisierten und vernetzten

Welt im Wohlstand aufgewachsen ist, gilt als

besonders technikabhängig.

Kein Wunder also, dass auch digitale Kunstformen

auf den Markt drängen. „Diese Generation hat einen

völlig anderen, natürlicheren Bezug zum Digitalen“,

sagt Wolf Lieser, Gründer des Projektes Digital Art

Museum (DAM) in Berlin. „Wieso sollten die sich die

abstrakte Malerei ihrer Eltern an die Wand hängen? Das

hat nicht mehr viel mit unserer Zeit zu tun.“

Auf dem Kunstmarkt, der gewohnheitsgemäß

schnell auf neue und lukrative Entwicklungen reagiert,

lassen sich jetzt schon die Auswirkungen dieser Dynamik

erkennen: Werbeleute nutzen die neue Strömung,

um ein jüngeres Publikum anzusprechen. Start-ups

wie Digital Art Device, eine Streaming-Plattform für

digitale Kunst, oder Ascribe, eine Copyright-Agentur

für digitale Künstler, sprießen aus dem Boden. Und

Projekte wie The Wrong, eine virtuelle Biennale, werden

international hoch gelobt.

Kunst mithilfe von Digitaltechnik herzustellen

ist jedoch nicht gleich digitale Kunst. „Ursprünglich

umfasst der Begriff nur den Bereich, in dem tatsächlich

etwas programmiert wird“, erklärt Lieser. „Je weiter

man in die Gegenwart kommt, desto mehr vermischt

sich dieses Feld mit anderen Medien.“ Die Computerkunst,

wie man sie anfangs nannte, kann heute sowohl

analog als Ausdruck als auch virtuell gezeigt und erworben

werden. Kauft man beispielsweise eine digitale

Software, bekommt man diese auf einem Speichermedium,

das sich auf jedem Monitor zu Hause abspielen

lässt. Viele Künstler arbeiten zudem mit Mischtechniken,

die ihre programmierten Arbeiten mit Farbe, Fotografie

oder Videokunst verbinden.

Einer dieser Künstler ist Andreas Nicolas Fischer.

Momentan stellt der 34-Jährige 3D-generierte Bilder

her, die er anschließend auf eine Leinwand druckt und

stellenweise übermalt. Fischer hat 2008 seinen Abschluss

in Visueller Kommunikation gemacht und

nutzt nun einen Co-Working-Space in einem Berliner

Hinterhof. Seine Arbeiten reichen von Softwareprogrammen

über Albumcover für Musiker bis hin zu

Video-Installationen für Modemarken wie Diesel.

98

werk6 | Generation Y

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„Im Zentrum steht für mich immer das Generative“,

erklärt Fischer. „Ich möchte mit der Programmierung

von Kunst nicht nur irgendeine Arbeit erschaffen,

sondern ein autonomes System.“ Was nach

Science Fiction klingt, basiert auf einer einfachen Idee:

„Bei einem Gemälde setzt der Künstler einen Strich neben

den anderen. Erschaffe ich eine Software, kann ich

dieser befehlen, sehr viele Striche auf einmal zu setzen.“

Das Programm arbeitet also von alleine. Seine

Software Schwarm zeigt ein feingliedriges, abstraktes

Farbspiel, das durch fließende Bewegung und sekündliche

Weiterentwicklung fasziniert.

Software-Installationen gibt es auch in der DAM

Galerie von Wolf Lieser – ein Loft mit strahlend weißen

Wänden in einem Industriehof in Berlin-Mitte. Ergänzt

wird die Galerie durch das virtuelle DAM Museum, das

als Onlineportal parallel zur Webseite existiert. Dort

präsentiert Wolf Lieser Infos zu seinen Künstlern und

zur Entstehung der Kunstströmung. Denn damit Computerkunst

in Zukunft eine Chance hat, muss auch die

Geschichte dahinter verstanden werden. Erst vor Kurzem

veranschaulichte die Whitechapel Gallery in London

in der Ausstellung Electronic Superhighway die

Entwicklung von digitaler Kunst seit den 60er-Jahren.

„Vier Künstler präsentierten 1965 erstmals Computerkunst“,

erzählt der 58-jährige Galerist. „Sie alle

kamen ursprünglich aus der Wissenschaft.“ Im Februar

1965 zeigte der Nürnberger Informatiker Georg Nees

digitale Kunst an der Technischen Hochschule in Stuttgart.

Eine weitere Ausstellung folgte im November,

gemeinsam mit dem deutschen Mathematiker Frieder

Nake. In New York stellte die Howard Wise Gallery fast

FOTO: WWW.DANIELHOFER.COM (1)

Links:

Ausschnitt aus der Arbeit

„Consume Consume“, zu finden

auf Fischers VIMEO-Kanal

Unten links:

Bild aus der Serie „Brute Force

Approach“ von 2013

Unten rechts:

„Second Nature“ – eine Serie,

bestehend aus Video-Loops

„ALLES, WAS ICH

MACHE, HAT ETWAS

MIT DER FORTLAUF-

ENDEN VERÄNDERUNG

DER GESELLSCHAFT

ZU TUN“

ANDREAS NICOLAS FISCHER

/ DIGITALKÜNSTLER

EINEN PROGRAMMCODE ASSOZIIERT MAN

NICHT UNBEDINGT MIT ÄSTHETIK.

WAS MACHT ALSO DEN REIZ VON DIGITALER

KUNST AUS?

Andreas Nicolas Fischer: Genau das, nämlich die Programmierung.

Ein Code ist so ziemlich das neutralste

Material überhaupt, denn es ist ein rein funktionaler

Text aus Zahlen, Wörtern und Zeichen. Dieser ist

im Gegensatz zu Farbe vorab nicht mit bestimmten

Gefühlen oder Assoziationen aufgeladen.

Erst der fertige Programmiercode, der

das Bild ergibt, erschafft eine einzigartige

und spannende Ästhetik.

WAS BRAUCHT EIN DIGITAL-ART-

KÜNSTLER ZUM ARBEITEN?

Grundvoraussetzung ist natürlich ein großer

Computer mit hoher Leistungsfähigkeit, vielen Grafikkarten

und einem schnellen Prozessor. Ein Grafiktablett

ist zudem von Vorteil. Darauf kann man mithilfe

eines Stiftes malen – wie beim realen Zeichnen,

nur eben digital. Ansonsten brauche ich für meine

Arbeit eine Digitalkamera und einen Scanner.

WAS SIND DIE THEMEN DEINER WERKE?

Alles, was ich mache, hat etwas mit der fortlaufenden

Veränderung der Gesellschaft zu tun. Durch die Industrialisierung

und Digitalisierung wird dem Menschen

die Arbeit immer leichter gemacht. Die zentrale

Frage, die sich daraus ergibt, ist, was das für die Gesellschaft

bedeutet. Das beobachte ich und setze es in

meiner Kunst subversiv um, da ich das Mittel nutze,

das ich gleichzeitig in Frage stelle: die Technik. Dadurch

wird jedes Bild am Ende für mich zu einer Art

Forschungsarbeit.

GEHÖRT DIESE KUNST ZU EINER DIGITALEN

GESELLSCHAFT?

Natürlich. Dadurch, dass Technik in unserem Leben

eine immer größere Rolle spielt, wird es auch in der

Kunst ein immer größeres Thema. Die heutige Gesellschaft

ist stark digitalisiert durch Entwicklungen wie

Smartphones, die schnell zum Mainstream werden.

Und es weiß so gut wie jeder, wie diese Technik funktioniert.

Das führt wiederum parallel zu einem größeren

Verständnis für digitale Kunst.

IST ALSO UNSERE GENERATION DIEJENIGE,

DIE DIGITALE KUNST ETABLIEREN WIRD?

Ja, denn die Leute, die mit Super Nintendo und Co.

aufgewachsen sind, haben ein viel natürlicheres Verhältnis

zur digitalen Welt. Diese wird immer kommerzieller,

sodass Sammler und Kuratoren denken, digitale

Kunst ist der neueste Trend auf dem Kunstmarkt.

100

werk6 | Generation Y

101


WIE KAMEN SIE DAZU, EINE GALERIE

FÜR DIGITALE KUNST ZU ERÖFFNEN?

Wolf Lieser: Als ich 1987 in den USA das

erste Mal mit digitaler Kunst in Berührung

kam, hat sich noch niemand großartig dafür

interessiert. Ich war jedoch sofort fasziniert.

Von 1999 bis 2002 hatte ich eine Galerie

in London, die wirtschaftlich keinen Erfolg brachte.

Immer wieder habe ich versucht, digitale Kunst der

Öffentlichkeit zu präsentieren, doch es war damals

fast unmöglich, etwas zu verkaufen.

DANN SIND SIE NACH BERLIN GEKOMMEN.

Wo sollte man sonst zum Anfang des 21. Jahrhunderts

mit neuer Kunst hin? Nach Paris? Die Stadt war viel

zu konservativ. Mailand fand ich uninteressant. Ich

entschied mich für Berlin. Die Stadt gilt schließlich

immer noch als der Ort, an dem sich aufregende Möglichkeiten

entwickeln und neue Kunst entdeckt wird.

WO IST HEUTE DER GRÖSSTE MARKT?

Trotz des aktuellen Hypes ist digitale Kunst immer

noch nicht vollständig im Mainstream angekommen.

Dadurch fühlen sich viele Sammler und Galeristen

mit dem Digitalen unsicher. Die größte Akzeptanz ist

heute in globalisierten Großstädten wie New York

oder Berlin zu finden.

WELCHE FORTSCHRITTE GIBT ES HEUTE –

ABGESEHEN VON DER TECHNIK?

Ein interessantes Phänomen sind zum Beispiel Künstlerpaare.

In der klassischen Malerei kommt das eher

selten vor. Das hängt damit zusammen, dass einer

meistens besser programmieren und der andere besser

gestalten kann. Als Duo zu arbeiten kann somit durchaus

ein Vorteil sein. Vor Kurzem habe ich Giulia Bowinkel

und Friedemann Banz kennengelernt, die gemeinsam

faszinierende Software-Installationen machen.

WAS BEKOMME ICH MIT NACH HAUSE,

WENN ICH EINE SOFTWARE KAUFE?

Sie erhalten eine kleine Box mit Dokumenten, die unter

anderem den Code zeigen und die Echtheit zertifizieren.

Dazu gibt es die Software auf einem passenden

Speichermedium, das auf einem beliebigen Rechner

zu Hause abspielbar ist. Die Objekte des Künstlers

Manfred Mohr sind aber nur inklusive Bildschirm und

Computer erhältlich.

„DIE KÜNSTLERISCHE

AUSSAGE HAT SICH MEHR

UND MEHR MIT DER

TECHNIK VERMISCHT“

MANFRED MOHR / DIGITALKÜNSTLER

„BERLIN GILT IMMER NOCH

ALS DER ORT, AN DEM SICH

AUFREGENDE MÖGLICHKEITEN

ENTWICKELN UND NEUE

KUNST ENTDECKT WIRD“

WOLF LIESER / DAM GALERIE

IN EINEM ARTIKEL BESCHREIBEN SIE, DASS

SIE ANFANGS RATIONALE KUNST KREIEREN

WOLLTEN?

Manfred Mohr: Digitale Kunst erscheint optisch nicht

sofort als rational. Doch die Computertechnik, auf der

sie aufbaut, ist es durchaus. Ein rationales Kunstwerk

zu kreieren bedeutet für mich, zuerst diesen logischen,

nicht-visuellen Code mit dem Computer zu

schaffen. Dieser gibt den roten Faden meiner Arbeit

vor und bringt wiederum ein visuelles Bild hervor, das

die eigentliche künstlerische Aussage darstellt.

SIE ZÄHLEN ZU DEN PIONIEREN DER DIGI-

TALEN KUNST. WIE WAREN DIE ANFÄNGE?

Es war nicht einfach. Ursprünglich nutzte ich eine

Zeichenmaschine, den sogenannten Plotter – eine Art

Vorreiter des Computers. Die Bildfläche bestand zu

dem Zeitpunkt aus einzelnen Linien. Das nannte man

vektorielles Zeichnen.

WANN WURDE ES BESSER?

Ab den frühen 80er-Jahren etablierte sich eine neue

Technik, die Kunst aus kleinen Punkten kreierte. Die

Qualität des Bildes ergab sich aus der Anzahl und

Feinheit der Punkte und natürlich aus der Bildschirmqualität.

Damit verbreitete sich parallel der Begriff

der digitalen Bilder, denn man konnte plötzlich

jeden einzelnen Punkt errechnen und verändern. Digitale

Kunst war geboren.

WIE WIRD HEUTE MIT COMPUTERKUNST

GEARBEITET?

Inzwischen gibt es im Handel viele Programme, mit

denen man fast alles machen kann und der Künstler

nicht einmal mehr weiß, welche Programmierungsprozesse

im Hintergrund ablaufen

– und das ist ihm letztendlich auch egal.

Was wir heute als digitale Kunst bezeichnen,

ist meistens auf Bildmanipulationen

aufgebaut. Die künstlerische Aussage hat

sich mehr und mehr mit der Technik vermischt,

die heute fast alles mit einbezieht.

zeitgleich, im April 1965, Kunstwerke des amerikanischen

Ingenieurs A. Michael Noll und des ungarischen

Neurowissenschaftlers Béla Julesz vor. In einer anschließenden

Rezension schrieb die New York Times

offiziell eine neue Kunstform aus. Es war die Geburtsstunde

von Digital Art.

Auch der Deutsche Manfred Mohr gehörte zu den

avantgardistischen Vorreitern. Wolf Lieser zählt zu seinen

größten Fans: „Anfangs war mir seine Kunst zu

spröde und puristisch“, gibt er zu. „Dann erkannte ich

das ungeheure Spektrum an Möglichkeiten, das mit

seinem strengen Konzept entstehen kann.“ Das zentrale

Element bei Mohr ist seit den 70ern der Würfel. Diese

Form setzt er auf vielschichtige Arten immer neu um.

Seine älteren Arbeiten differenzieren sich durch

schwarz-weiße Kompositionen mit strikten Anordnungen.

Die feinen schwarzen Linien erinnern an Bleistiftkritzeleien

– nur eben mit System.

Momentan zeigt der 78-Jährige, der seit über 30

Jahren in New York lebt, seine Computerkunst in der

DAM Galerie. Der Titel Manfred Mohr – visuell, musikalisch

nimmt voraus, was in der Serie Artificiata II zu sehen

ist: Linien und Kuben bewegen sich in unterschiedlichen

Tempi auf einem feinen Raster aus vertikalen

Strichen, das an Notenlinien erinnert. Es ist eine Hommage

an Mohrs Zeit als Saxophonist – der Rhythmus der

Objekte ähnelt in seiner dynamischen Vielfalt teilweise

an visualisierte Musikstücke. Die Softwareprogramme

selbst werden als Skulpturen an freistehenden Monitoren

präsentiert. An der Wand dokumentieren Ausdrucke

die Entwicklung der Bewegungen, die die jeweilige Software

selbst kreiert. Denn jeder Moment auf dem Monitor

ist einzigartig durch die unendliche, unvorhersehbare

Entwicklung des Programms.

Rechts:

Digitale Kunst aus den

70ern: „Scratch Code

Portfolio“ von Manfred Mohr

(1976), hergestellt durch

einen Siebdruck, basierend

auf einer Plotterzeichnung

Links:

Ein aktuelles Werk von Mohr

aus der Serie „Artificiata II“

(2014–2015)

Allerdings hatten es Pioniere wie Mohr nicht immer

einfach. Im französischen Magazin Celebrity Café

schrieb er über die Anfänge der Strömung im Paris der

70er-Jahre: „Die Kunstwelt war [...] noch nicht bereit,

das, was ich im Museum zeigte, zu akzeptieren. Fast

schämten sich die Leute, Kunst und Computer überhaupt

zusammen zu nennen, als wäre es Pornografie.“

Mohr brachte sich die Programmiertechnik selbst an einer

Computerstation im Rechenzentrum der Météorologie

Nationale in Paris bei, die er nachts benutzen konnte.

Einen Heimcomputer gab es noch nicht.

Doch auch wenn die Herstellung digitaler Kunst

heutzutage leichter fällt, ist der Prozess dahinter schwer

zu begreifen – selbst für die Künstler. „Es war auf jeden

Fall eine schmerzhafte Erfahrung, das Programmieren

zu lernen“, scherzt Andreas Nicolas Fischer. „Allerdings

war die Motivation, es zu können, so groß, dass ich mich

darüber hinwegsetzte. Als Programmierer in einem

IT-Unternehmen könnte ich trotzdem nicht arbeiten.“

Das Wesen der digitalen Kunst polarisiert – und

zieht die Massen an. Noch kann man ein digitales

Kunstwerk für 1.000 bis 20.000 Euro erwerben. Bei Installationen

kann es laut Lieser auch mehr sein. Ob irgendwann

eine Bild-Software bei Sotheby’s Rekordpreise

erzielen wird, ist jedoch nicht ausschlaggebend,

sondern eher, wie sich diese Kunstströmung weiterentwickelt:

Werden in den größten Museen der Welt in

Zukunft alte Gemälde neben softwarebasierten Werken

hängen? „Dazu zitiere ich immer gern den Science-

Fiction-Autor William Gibson“, sagt Fischer: „Unsere

Enkelkinder werden sich sehr darüber wundern, dass

wir einen Unterschied zwischen der realen und der virtuellen

Welt machen.“ Das ist vielleicht bedenklich –

jedoch zugleich absolut faszinierend.

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SOLUT

LIEBE

Im Uhrzeigersinn:

Tinder Superlikes:

Sophya und Sophia,

Tatjana und Darius,

Thomas und Mario,

Lili und Alexander

Einst als Dating-Plattform für

schnellen oberflächlichen Spaß

verschrien, lassen sich über

Tinder mittlerweile auch echte

Beziehungen finden

INTERVIEWS NATHALIE GRIMM

FOTOS JONAS FRIEDRICH

Tinder ist die erfolgreichste Dating-App der

Welt. Die Single-Plattform wurde 2012 gegründet

und gewinnt heute täglich etwa

20.000 neue Nutzer und Nutzerinnen –

trotz der vorhandenen Vorurteile gegenüber solchen

Plattformen. Die meisten sind zwischen 18 und 35

Jahre alt.

Das vorrangige Ziel ist es, den Partner fürs Leben

zu finden. Seinem Traum näher kommt man mit

jedem sogenannten virtuellen Match, das entsteht,

wenn sich zwei Singles gegenseitig mit einem Like

markieren. Eine ernsthafte Beziehung ergibt sich laut

Statistik dabei zu 16 Prozent. 42 Prozent aller Nutzer

sind dagegen im echten Leben gar nicht wirklich solo.

Die Option auf ungezwungenen Spaß und – wenn

man möchte – schnellen Sex, kann eben nicht nur

Volltreffer versprechen.

Wer beim Liebes-Discounter Tinder konsumiert,

braucht auf jeden Fall eines: Geduld. Dass es sich aber

durchaus lohnen kann, beweisen diese vier Pärchen,

die uns von ihren Tinder-Erfahrungen erzählen.

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THOMAS, 25 MARIO, 25

WER VON EUCH BEIDEN HAT DEN ERSTEN

SCHRITT GEMACHT?

Das ist eine etwas längere Geschichte. Vor etwa sechs Monaten

hatten Mario und ich uns gematcht. Er hatte mich damals

mit einem simplen „Hey“ angeschrieben. Obwohl ich

geantwortet hatte, ist das Ganze sofort wieder im Sand verlaufen.

Irgendwann bin ich durch Zufall wieder auf sein Profil

gestoßen und habe ihn erneut angeschrieben. Meine Initiative

führte dann zu einem längeren Gespräch und

schließlich auch zu einem ersten Date.

WIE SAH EUER DATE DANN AUS?

Wir waren bei einem koreanischen Barbecue in Neukölln.

Dadurch, dass man sein Essen dort selbst grillen kann, ergibt

sich schnell eine lockere Atmosphäre. Der Restaurantvorschlag

kam allerdings von ihm.

HÄTTEST DU MARIO LIEBER IM REALEN LEBEN

KENNENGELERNT?

Wo man sich kennenlernt, spielt für mich überhaupt keine

Rolle. Ob ich jemanden nun im Club oder per App anspreche

… Was macht das schon für einen Unterschied?

UND WAS UNTERSCHEIDET EIN TINDER-DATE VON

EINEM ‚NORMALEN‘ DATE?

Auch das ist für mich dasselbe.

WÄRE SEX BEIM ERSTEN DATE EIN NO-GO

FÜR DICH?

Nein, absolut nicht. Wenn die Chemie stimmt und beide es

wollen, ist das doch völlig in Ordnung.

SEIT DREI MONATEN ZUSAMMEN

WARUM WARST DU BEI TINDER?

Aus Neugierde und, um neue Leute kennenzulernen.

WARST DU ZU DER ZEIT AUCH AUF ANDEREN

DATING-PLATTFORMEN AKTIV?

Ja, ich war bei Tinder, Grindr, Gayromeo und Scruff.

WAS WAREN DEINE ERWARTUNGEN AN EUER

ERSTES DATE?

Wir hatten vor unserem Date nicht lange miteinander geschrieben,

deshalb habe ich einfach gehofft, dass wir uns gut

verstehen. Nichts ist schlimmer, als wenn man essen geht

und sich einander nichts zu sagen hat. Konkrete Erwartungen

hatte ich aber nicht.

WARST DU DAMALS AUF DER SUCHE NACH EINER

BEZIEHUNG?

Ich war auf der Suche nach Etwas. Schwer zu definieren, was

das genau war, aber ich war auf jeden Fall bereit, jemanden

kennenzulernen.

WANN WUSSTEST DU, DASS ES ETWAS

ERNSTES IST?

Ich glaube, das war nach etwa zwei bis drei Wochen. Allerdings

habe ich schon viel früher gemerkt, dass sich da etwas

entwickelt. Direkt nach unserem ersten Date beim Koreaner

bin ich für zehn Tage zu meiner Familie nach Kroatien geflogen.

Wir haben fast täglich telefoniert – nicht lange, aber

dafür sehr regelmäßig. So konnten wir uns immer besser

kennenlernen, obwohl ich nicht in Berlin war. Alles andere

war dann nur eine Frage der Zeit.

LILI, 23 ALEX, 24

WAS HAT DICH AN ALEX ANGESPROCHEN?

Alex hatte eine Zeile aus dem Orsons-Song Papa Willi und

der Zeitgeist zitiert: „Der Ruf im Arsch seit Tag eins, aber

objektiv: war geil – Carl Zeiss. Mainstream und ich ist wie

Tanzen und ich: Ich mach‘s hin und wieder, ich kann‘s nur

nicht – Narrenfreiheit“. Ich liebe den Song!

WIE LANGE HABT IHR GESCHRIEBEN?

Wir hatten etwa zwei bis drei Wochen geschrieben, bis wir

uns dann zum ersten Mal verabredet haben. An sich war

Alexander auch der einzige, mit dem ich ernsthaft geschrieben

hatte. „Gespräche“ mit anderen sind relativ schnell im

Nichts verlaufen.

HAST DU IHN SOFORT ERKANNT?

Ja! Wir haben uns an einem U-Bahnhof in Prenzlauer Berg

verabredet und Alex stand schon wartend oben am Ausgang,

als ich ankam. Er war viel größer, als ich erwartet hatte.

DAS WIEVIELTE TINDER-DATE WAR ES FÜR DICH?

Erst das zweite. Mein erstes Date war kein totaler Reinfall,

aber etwas langweilig. Der Funke ist damals einfach nicht

übergesprungen.

WARST DU AUF DER SUCHE NACH EINER

BEZIEHUNG?

Ich würde jetzt nicht sagen, dass ich auf der Suche nach

etwas Ernsthaftem war. Viel eher war ich gespannt, ob ich

über Tinder vielleicht eine coole nette Person kennenlernen

kann, mit der man Gemeinsamkeiten hat und Spaß

haben kann.

SEIT EINEM JAHR ZUSAMMEN

WER VON EUCH BEIDEN HAT DEN ERSTEN

SCHRITT GEMACHT?

Nach unserem Match habe ich damals die Initiative ergriffen.

Und der erste Kuss ging auch von mir aus – das war bei unserem

dritten Date.

WORÜBER HABT IHR EUCH UNTERHALTEN?

Unsere ersten Themen waren ganz klar Musik und Konzerte.

Ich hatte ein Zitat der Hip-Hop-Band Die Orsons in meiner

Profilbeschreibung stehen und Lili witzigerweise auch. Somit

war sofort ein passendes Gesprächsthema gefunden.

MIT WIE VIELEN LEUTEN HAST DU DAMALS

GLEICHZEITIG GESCHRIEBEN?

Ganz untypisch für Tinder habe ich eigentlich nur mit Lili

geschrieben und mich dann nach einiger Zeit mit ihr getroffen.

Bei allen anderen ist mir irgendwie kein Thema

eingefallen.

HAST DU AUCH ANDERE DATING-PLATTFORMEN

GENUTZT?

Ich war nur noch bei Lovoo angemeldet, richtig genutzt

habe ich die App allerdings nicht.

WARUM WARST DU BEI TINDER?

Ich habe mich da irgendwann aus Neugierde mal angemeldet

und dann zum Zeitvertreib immer mal wieder rumgewischt.

Spaß wollte ich natürlich auch haben. Generell habe ich eine

Beziehung über Tinder nicht ausgeschlossen. Ist doch egal,

wo man sich kennenlernt. Es kommt immer auf den Menschen

hinter dem Profil an.

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werk6 | Generation Y

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SOPHYA, 21 SOPHIA, 23

DARIUS, 28 TATJANA, 23

ERZÄHL MAL VON EUREM ERSTEN DATE!

Das war auf einem Geburtstag. Sophia hatte mich an einem

Samstagmorgen gefragt, ob ich sie abends auf einen Geburtstag

begleiten wolle. Für mich eine etwas irritierende

Situation, denn beim ersten Date gleich auf ein Dutzend ihrer

Freunde zu treffen, ist schließlich nicht Standard. Im

Endeffekt war es aber ein extrem witziger Abend.

WAS HAST DU ERWARTET?

In erster Linie eine lustige Zeit. Alles andere habe ich mir

offen gehalten.

WAR DAS DATE DIREKT EIN ERFOLG?

Als Erfolg würde ich es nur bedingt bezeichnen. Im Laufe des

Abends ist irgendwann mein Mantel samt Haustürschlüssel

verschwunden, das habe ich aber leider erst gegen vier Uhr

morgens bei Aufbruch bemerkt. Da ich allein wohne und keine

Chance hatte, in meine Wohnung zu kommen, musste

Sophia mich notgedrungen mit zu sich nehmen. Zu dem

Zeitpunkt waren wir beide ziemlich betrunken und die Stimmung

zwischen uns war nicht die beste. Sophia war ziemlich

angenervt von mir. Wir waren gezwungen, den ganzen

nächsten Tag miteinander zu verbringen und haben uns

nüchtern überraschend gut verstanden. Glück im Unglück!

WARST DU DAMALS AUF DER SUCHE NACH

EINER BEZIEHUNG?

Nein, eher nicht. Ich steckte damals mitten in der Klausurenphase

in der Uni und war vor allem auf der Suche nach Ablenkung.

SEIT VIER MONATEN ZUSAMMEN

WER VON EUCH BEIDEN HAT DEN ERSTEN

SCHRITT GEMACHT?

Ich habe Sophya angeschrieben. Natürlich war unser erstes

Gesprächsthema der gleiche Vorname.

WORÜBER HABT IHR SONST NOCH

GESCHRIEBEN?

Nachdem die Diskussion über die verschiedenen Schreibweisen

irgendwann abgeschlossen war, folgte eigentlich erstmal

der übliche und vor allem oberflächliche Smalltalk: „Was

studierst du?“ und „Seit wann wohnst du in Berlin?“, genauso

wie Fragen über Hobbys und Musikgeschmack.

WARUM WARST DU BEI TINDER?

Ich habe mir die App das erste Mal vor mittlerweile fast drei

Jahren heruntergeladen, als ich gerade für ein Praktikum in

Hamburg war. Danach habe ich sie wieder gelöscht und wieder

heruntergeladen – mehrere Male. Ich war jedes Mal aufs

Neue sehr schnell gelangweilt und nach kurzer Zeit wieder

neugierig.

WAS HAT DICH AN SOPHYA ANGESPROCHEN?

Das wahrscheinlich Offensichtlichste, wenn man sich bei

Tinder kennenlernt: ihr gutes Aussehen.

BIST DU EHRLICH, WENN DU GEFRAGT WIRST,

WO IHR EUCH KENNENGELERNT HABT?

Ja! Mittlerweile wird man ja kaum noch komisch angeschaut,

wenn man erzählt, dass man seinen Partner auf Tinder

kennengelernt hat.

WER VON EUCH BEIDEN HAT DEN ERSTEN

SCHRITT GEMACHT?

Soweit ich mich erinnern kann, habe ich Tatjana

angeschrieben.

WAS UNTERSCHEIDET EIN TINDER-DATE VON

EINEM ‚NORMALEN‘ DATE?

Ein Tinder-Date ist einfach entspannter, weil man schon

weiß, dass der andere einen mag – zumindest das Äußere.

Generell geht es aber doch bei beidem einfach darum, sich

besser kennenzulernen.

WAS WAREN DEINE ERWARTUNGEN AN EUER

ERSTES DATE?

Das Treffen mit Tatjana war nicht mein erstes Tinder-Date,

insofern wusste ich ja schon ungefähr, wie so etwas abläuft.

Generell waren meine Erwartungen immer dieselben:

neue Bekanntschaft, nettes Gespräch, Sex.

HAST DU NEGATIV-ERFAHRUNGEN MIT TINDER

MACHEN MÜSSEN?

Nein, gar nicht. Für meine Freunde und mich ist das ganze

Thema echt keine große Sache und alle Mädels, die ich bei

Tinder kennengelernt habe, waren ausnahmslos wirklich

sehr nett.

BIST DU EHRLICH, WENN DU GEFRAGT WIRST,

WO IHR EUCH KENNENGELERNT HABT?

Natürlich, ist doch eine schöne Geschichte. Mir ist echt

ziemlich egal, wo wir uns kennengelernt haben.

SEIT ZWEI JAHREN ZUSAMMEN

WARUM WARST DU BEI TINDER?

Ich wollte neue Leute kennenlernen und Spaß haben.

Allerdings hatte ich keine Dates, sondern nur die App auf

dem Handy.

MIT WIE VIELEN LEUTEN HAST DU DAMALS

GLEICHZEITIG GESCHRIEBEN?

Mit etwa zehn bis 15 Jungs, ich habe mich aber mit

keinem anderen getroffen.

ERZÄHL MAL VON EUREM ERSTEN DATE!

Nach kurzem Smalltalk haben wir uns direkt nach 20 Minuten

Schreiben verabredet, ganz spontan. Dadurch, dass

wir damals nicht weit auseinander gewohnt haben, hat

sich das einfach angeboten. Treffpunkt war die Pony Bar

in Mitte. Nach dem dritten Bier kam es dort dann auch

zum ersten Kuss.

WARST DU DAMALS AUF DER SUCHE NACH

EINER BEZIEHUNG?

Eigentlich nicht. Vor allem, weil ich nicht erwartet habe,

mit einer App wie Tinder etwas Festes zu finden. Inzwischen

ist das ja ganz normal geworden.

WANN WUSSTEST DU, DASS ES ETWAS

ERNSTES IST?

Irgendwie schon direkt nach unserem ersten Date. Darius

kam supernatürlich rüber und die Chemie zwischen uns

hat einfach direkt gepasst. Es hat sich gleich richtig angefühlt.

108

werk6 | Generation Y

109


Schön

SEHEN

380

Millionen Youtube-Videos beinhalten

Produkte der Kosmetiklinie NYX, die an L’Oréal verkauft wurde.

2015 betrug der Jahresumsatz von L’Oréal 4,4 Milliarden Euro.

31

Prozent der Kaufentscheide von Kosmetik wird von

Instagram beeinflusst, belegte 2015 eine Verbraucherstudie der

TABS Analytics aus den USA.

20–25

Prozent des Gewinns, den die

Youtuber einnehmen, werden von den vermittelnden Influencer-

Agenturen einbehalten.

Wie Youtube die

Beauty-Industrie ins

21. Jahrhundert

katapultiert

TEXT LAURA KOCH

FOTOS MARIE-CHRISTIN JASTER

F

ür die Generation Y sind Werbespots passé.

Über neue Beauty-Trends und Produkte

informiert man sich heutzutage

durch Youtube-Tutorials. Sogenannte

Influencer – also diejenigen, die vor der Kamera ihren

Followern die neuen Beauty-Must-Haves näherbringen

– sind für die Kosmetikindustrie zu wichtigen

Multiplikatoren geworden. Die Viewer erhalten nicht

nur detaillierte Informationen rund um das Produkt,

sondern auch Tipps und Tricks zur Anwendung.

Dazu kommt das Vertrauen der Konsumenten

in die Youtuber, die meist im gleichen Alter sind

und die gleiche Sprache sprechen. Schnell entscheidet

sich so, ob das Produkt top oder flop ist. Dass auch

die Vlogger durch ihre Verträge alles andere als objektiv

sind, und – genau wie in der herkömmlichen Werbung

– Probleme und Fehler eines Produkts unter den

Tisch fallen lassen, wird gegenüber den Viewern gern

verschleiert: Die meisten der Youtuber geben sich

selbstständig und unabhängig und verschweigen ihre

vertragliche Gebundenheit. So können die Marketingexperten

ihre Werbung sogar noch billiger machen –

denn die Produktion der Youtube-Videos ist viel kostengünstiger

als übliche Werbedrehs: Es müssen keine

Schauspieler bezahlt werden und die technischen

Voraussetzungen sind einfach und werden oft von den

Youtubern selbst übernommen.

So wurde ein neues, einflussreiches und effizientes

Marketing-Tool geschaffen, um die junge, zahlungskräftige

Zielgruppe zu erreichen, die nicht mehr

auf TV-Spots oder klassische Anzeigenwerbung reagiert.

Das beweisen auch die Zahlen – einige davon

haben wir hier zusammengetragen.

1,4

Millionen Abonnenten hat Sami Slimani, der

erste männliche Beauty-Youtuber Deutschlands. Durch seine

Produktplatzierungen und die dafür kassierten Provisionen wird

sein montaliches Einkommen auf 17.000 Euro geschätzt.

2 Minuten nach dem Launch ihrer ersten Lippenstift-

Kollektion legte das Model Kylie Jenner die Suchmaschine

Google lahm.

18

Million Euro Umsatz brachte der Champagne Pop-

Highlighter von Becca im zweiten Halbjahr 2015 und brach bei

sephora.com den Tagesverkaufsrekord. Mitproduziert wurde der

Highlighter von der Youtuberin Jaclyn Hill.

12

Influencer verdoppelten durch ihre Kooperation mit

der Kosmetikfirma Tarte deren Umsatz für die Make-up-Linie

Amazonian Clay (Foundation, Bronzer und Blush).

460

Millionen Mal wurden die Videos vom

Channel BibisBeautyPalace aufgerufen, der derzeit rund 2,5

Millionen Abonnenten hat. Die 22-jährige Bianca Heinicke aus

Köln ist somit die erfolgreichste deutsche Beauty-Bloggerin.

9 der erfolgreichsten 100 Youtube-Kanäle beschäftigen sich

mit dem Thema Beauty und Lifestyle. Der Rest behandelt Gaming

und Entertainment wie Songcover und Comedy.

110

werk6 | Generation Y

111


GENERATION Y

MANTEL RIKA

ROLLKRAGENKLEID & HOSE HIEN LE

TOP BY MALENE BIRGER

OUTFIT

O OF

THE

DAY

Reflektion des eigenen Ichs – Modische

Selbstdarstellung zeigt so viel

mehr als eine Momentaufnahme

FOTOS JANINE SAMETZKY

STYLING & PRODUKTION EVELYN CARHUAS LUNA, RAGNHILD DESCHNER,

MARIE-CHRISTIN JASTER, LAURA KOCH, JULIUS SALVENMOSER

MODEL LOTTE @ICONIC

HAIR & MAKE-UP MICHI SCHIETZEL

113


KLEID & KETTE BY MALENE BIRGER

HOSE, ROLLKRAGENPULLOVER & SCHUHE

HIEN LE

PULLOVER & HOSE HIEN LE

ROLLKRAGENPULLOVER ACNE STUDIOS


T-SHIRT ACNE STUDIOS

KLEID H&M VINTAGE

MANTEL MSGM

KLEID & HOSE HIEN LE

TASCHE LIEBESKIND


EINTEILER BY MALENE BIRGER

KLEID FRISUR CLOTHING

BLUSE H&M STUDIO

SCHUHE HIEN LE


PULLOVER & HOSE HIEN LE

ROLLKRAGENPULLOVER ACNE STUDIOS

POUCH LOEWE

120


Folge mir!

Traditionelle Werbung wird immer öfter durch

Social-Media-Kampagnen ersetzt. Seit 2014

konzentriert sich die Agentur Pulse Advertising auf

Influencer-Marketing, um genau das abzudecken

INTERVIEW MARLENE NORDMANN & NIKLAS PETER

FOTO MARKUS VOIGT

Persönlichkeiten, die in sozialen Netzwerken großen Einfluss haben,

sind die Gesichter der Agentur. In der Kartei von Pulse Advertising sind

5.000 sogenannte Influencer, die für Unternehmen wie LVMH, Ferrero

oder Calzedonia Produkte vorstellen, Kooperationen machen und deren

Profile weiterentwickeln. Mit Büros in Hamburg und New York vertritt Pulse Advertising

international bekannte und erfolgreiche Influencer wie Pamela Reif, Toni

Mahfud und Chiara Ferragni. Mitbegründer Christoph Kastenholz erklärt uns die

Hintergründe, Ziele und die Zukunft der Werbebranche.

122

Die Fotowand im Hamburger

Büro zeigt die erfolgreichsten

Influencer. Die Deutsche

Pamela Reif ist auch dabei

FOTO: INSTAGRAM @PULSEADVERTISING @CKASTENHOLZ (1)

WIE ARBEITET EURE AGENTUR?

Christoph Kastenholz: Wir nutzen reichweitenstarke Social-Media-Profile. Der

Schwerpunkt liegt auf Instagram und Youtube, auf Blogs und auch auf Snapchat.

Als Beispiel: Wenn HTC ein neues Smartphone entwickelt, ist es unsere Aufgabe, das

Produkt effektiv und schnell an möglichst breite Zielgruppen in unterschiedlichen

Regionen zu bringen. Mit Influencer-Marketing gewinnt man größere Reichweiten

als mit traditionellen Medien. Das Ganze ist auch preiswerter – daher profitieren

große Unternehmen, aber auch Start-ups, die so viel schneller wachsen können. Wir

managen auch einzelne Influencer im Bereich PR und begleiten sie auf ihrem

Karriereweg.

WIE SEID IHR AUF DIE IDEE GEKOMMEN,

EINE SOLCHE AGENTUR ZU GRÜNDEN?

Ich habe BWL in Deutschland, Paris und Barcelona studiert. Nach dem Uniabschluss

habe ich mit meiner Freundin dann ein Modelabel gegründet. Die Kleidung haben

wir an das Ritz Carlton, Hilton und Four Seasons verkauft. Die PR für unseren

werk6 | Generation Y

Christoph Kastenholz pendelt

häufig zwischen den Büros in

New York und Hamburg

123


„SOCIAL MEDIA

GIBT DIR SO VIELE

MÖGLICHKEITEN,

DEINE EIGENE WELT

ZU FINDEN“

IHR HABT AUCH EIN BÜRO IN NEW YORK. WAS SIND DIE UNTERSCHIEDE

ZWISCHEN DEN USA UND DEUTSCHLAND?

Fitness ist natürlich in den USA viel etablierter. Dort ist das für jeden interessant

und keiner guckt komisch, wenn man fünf Tage die Woche zum Sport geht. Den

Trend gibt es in Deutschland auch, aber noch viel schwächer.

WELCHEN STATUS HABEN INFLUENCER IN DER HEUTIGEN ZEIT?

Influencer sind die neuen Prominenten. Wenn man über die Straße geht und guckt,

wer heute erkannt wird, sind es die Influencer, nicht mehr die regulären, traditionellen

Stars. Bei Madame Tussauds im Wachsfigurenkabinett kann man mittlerweile

wählen, wer die nächste Wachsfigur werden soll, und da sind nicht mehr Leonardo

DiCaprio oder Angelina Jolie gefragt, sondern Zoella, eine Influencerin aus England.

Das bedeutet: Der Fokus der Menschenmassen wechselt auf Influencer.

INSTAGRAM IST AUF PLATZ EINS DER SOCIAL-MEDIA-KANÄLE.

WAS MACHT ES SO BESONDERS?

Die Nutzung ist sehr gut. Man kann sich schnell eine Story aufbauen und hat alle

Features, die man für eine klare Übersicht braucht. Man muss keine großen Texte

schreiben, sondern postet einfach aus dem Moment heraus – oder eben, um sein

Image zu bilden.

DIESEN FÜNF

FOLGEN WIR

Folgen

Folgen

TONI MAHFUD

@TONIMAHFUD

1.9M FOLLOWER

ART, LIFESTYLE

Onlineshop haben wir selbst gemacht. Dabei ist uns aufgefallen, dass Influencer

bzw. Blogs am effektivsten sind. Wir haben so viele Freunde dabei unterstützt, dass

wir ein eigenes Business daraus gemacht haben.

UND MIT WELCHEM ZIEL?

Die reguläre, traditionelle Werbung zu ersetzen. Wir sind Full-Service-Partner. Das

heißt, wir unterstützen unsere Klienten in allen Bereichen – von der Beratung bis

zur Vermittlung. Dafür haben wir weltweit Länderteams: ein italienisches, ein skandinavisches,

ein spanisches und so weiter.

WAS IST AN TRADITIONELLER WERBUNG FALSCH?

Wir glauben daran, dass sich das Nutzerverhalten ändert und auch schon geändert hat.

Die Menschen wollen immer unabhängiger sein und sich die Freiheit nehmen, was sie

sehen wollen und was nicht, wenn man zum Beispiel an Netflix & Co. denkt. Das geht

bei traditioneller Werbung nicht. Die läuft ungefiltert im Fernsehen.

BEWERBEN SICH DIE INFLUENCER BEI EUCH ODER SUCHT IHR GEZIELT?

Mittlerweile kommen viele auf uns zu, aber wir suchen auch, wenn wir merken, dass

wir für ein bestimmtes Projekt Leute brauchen, die wir zu dem Zeitpunkt nicht

haben.

WIE WIRD VORGEGANGEN, WENN DER ERFOLG AUSBLEIBT?

Wir sind sehr sorgfältig in der Auswahl, um genau das zu vermeiden. Das Profil gleichen

wir genau mit der jeweiligen Kampagne ab: passt die Follower-Anzahl? Ist der

Influencer authentisch für das Produkt? Es gibt natürlich auch Klienten, die sagen,

dass sie kein HTC Handy präsentieren wollen, weil sie selbst ein iPhone nutzen. Das

ist in Ordnung für uns.

WIE KANN MAN SICH DEN ALLTAG DER

INFLUENCER VORSTELLEN?

Das ist auf jeden Fall harte Arbeit. Man ist sehr viel unterwegs, muss viel Zeit für

den Kontakt mit den Followern investieren und kümmert sich um sein Thema –

Hier wird Einfluss genommen:

das Besprechungszimmer im

Hamburger Büro

Fashion, Beauty, Food. Pamela zum Beispiel checkt

erst ihre E-Mails. Weil ihr Fokus auf Fitness liegt,

kocht sie dreimal täglich, muss einkaufen und geht

viermal die Woche zum Sport. Außerdem wird sie immer

mehr auf Konferenzen als Rednerin eingeladen.

Natürlich braucht sie Fotos für ihren Account.

Einmal im Monat kommt ein professioneller Fotograf,

den Rest machen entweder ihr Bruder oder die

Mutter.

WIE WERDEN DIE HONORARE GEREGELT?

Das ist individuell. Nicht für jeden Post gibt es Geld.

Manchmal werden auch Marken einfach so verlinkt.

Die Followerzahl ist nicht entscheidend, sondern das

Engagement. Langfristige Kampagnen sind zum Beispiel

preiswerter, oder sogar kostenlos, wenn sie für

einen guten Zweck sind. Gerade haben wir etwas gegen

die Verschmutzung der Weltmeere gemacht.

Dafür hat Scott Eastwood, Sohn von Clint Eastwood,

mit Pamela in den USA Videos für den World Ocean

Day gedreht, um auf Plastikmüll aufmerksam zu

machen.

WELCHE INFLUENCER SIND AM ERFOLG-

REICHSTEN?

Pamela Reif ist im Moment sehr stark und ihre Follower

wachsen kontinuierlich. Es gibt immer mehr Anfragen,

bei denen man mittlerweile auch vorsichtig

sein muss, was man noch annimmt und was nicht.

Steven James entwickelt sich auch sehr erfolgreich –

er modelt für Asos und hat einen hohen Wiedererkennungswert.

FOTOS: PULSE ADVERTISING, INSTAGRAM, @TONIMAHFUD, @CPAMELA_RF, @WHOISELIJAH

UND WELCHE POSTS SIND AM ERFOLGREICHSTEN?

Selfies kommen immer gut an. Spiegelselfies oder normale Selfies. Das ist das, was

in der Regel die höchste Interaktion, Likes und Kommentare bekommt.

WIRD DAS SO BLEIBEN ODER KANN ZUM BEISPIEL SNAPCHAT DIE

NACHFOLGE ANTRETEN?

Snapchat ist inzwischen sehr groß geworden. Ich habe das lange unterschätzt, aber

es ist nicht deckungsgleich mit Instagram, keine direkte Konkurrenz. Bei Snapchat

baue ich mir keine Timeline auf wie ich es bei Facebook oder Instagram mache,

sondern es ist sehr ungefiltert und direkt. Dadurch glaube ich einfach, dass es einen

anderen Anspruch hat und den Markt ergänzt – und das macht es erfolgreich. Es

wird auch noch andere Kanäle geben, die ebenfalls diesen Live-Gedanken haben. Es

gibt immer Bewegung.

VOR EIN PAAR JAHREN WOLLTE JEDER BLOGGER SEIN. ABER

INFLUENCER SIND ANDERS – NICHT JEDER, DER AUF INSTAGRAM AKTIV

IST, HAT EINEN EIGENEN BLOG.

Genau, Leute haben generell eine Basis-Plattform. Sie sind entweder auf Instagram

stark oder auf Youtube und haben oft auch noch andere Plattformen. Das ist gut,

da sie durch den Ausgangs-Account schon hohe Akzeptanz haben und Follower, die

man übertragen kann. Pamela hat ihren Blog gestartet und es kamen sofort so viele

Leute, dass mehrfach die Server zusammengebrochen sind.

Man unterscheidet sich durch das Medium, in dem man präsent ist. Diejenigen, die

besser im Entertainment sind, die Lauteren, die passen tendenziell eher zu Youtube

oder fühlen sich mit Snapchat wohl. Auf Instagram kann man sich besser zurückziehen,

die Leute sind auch oft viel schüchterner als man glaubt, wenn man nur ihre

Accounts sieht.

SEHT IHR KEINE GEFAHR DARIN, SEIN GANZES LEBEN ONLINE

ZU STELLEN?

Jeder muss das machen, womit er sich wohlfühlt. Und es geht nicht darum, nur am

Handy zu sitzen, sondern draußen zu sein und spannende Sachen zu teilen. Inwiefern

man das mit allen oder nur mit einer bestimmten Gruppe teilt, kann man selbst

bestimmen. In allen Social-Media-Bereichen kann man entscheiden, wie privat der

Account sein soll. Wir haben neulich eine Diskussion über Gruppenzwang geführt.

Wenn ich an die Schule zurückdenke, gab es dort nur ein oder zwei Gruppen, und

man war entweder dabei oder nicht. Social Media gibt dir aber so viele Möglichkeiten,

deine eigene Welt zu finden. Von daher glaube ich, gibt es sehr viel Potenzial.

Folgen

Folgen

Folgen

PAMELA REIF

@PAMELA_RF

2.3M FOLLOWER

FITNESS, BEAUTY

STEPHEN JAMES

@WHOISELIJAH

1.8M FOLLOWER

TRAVEL, FASHION

KENZA ZOUITEN

@KENZAS

1.5M FOLLOWER

FASHION, BEAUTY

ADAM GALLAGHER

@IAMGALLA

1.8M FOLLOWER

FASHION, TRAVEL

124

werk6 | Generation Y

125


ZUHAUSE

Die Hippies unserer Generation: Sie bereisen

ferne Länder, schlagen überall ihre Zelte auf und

arbeiten täglich unter der gleichen Sonne, aber

nie unter den gleichen Palmen. Wer genau sind

die digitalen Nomaden und wie leben sie?

TEXT LINNÉA AXELSSON-LINDGREN

FOTO: NICK MARTIN

Über den Dächer

von Myanmar:

Nick Martin in der

Tempelanlage

in Bagan

Reisen ist die Sehnsucht nach dem Leben“,

wusste schon Kurt Tucholsky. Morgens

Surfen, dann eine Kokosnuss zum

Frühstück, während das Meer im Hintergrund

rauscht; Vulkane besteigen, am Strand liegen,

Locals kennenlernen und abends die schönsten Sonnenuntergänge

genießen. Freiheit und Glück pur.

Zurück in der Heimat. Die Erinnerungen verblassen.

Fünf Tage die Woche arbeiten, dann ins Gym,

um am Wochenende im Club eine gute Figur zu machen.

Am nächsten Montag wieder neu und träge anfangen.

Was, wenn man aber nicht zurück muss in die

öde Tristesse?

2009. Nick Martin ist 22 Jahre alt, als er von einer

Reise durch Australien mit dem Wohnmobil nach Hause

zurückkommt und erkennt, dass er sein Leben nicht

wie zuvor weiterführen will. Bis dato arbeitet er als

IT-Systemkaufmann mit einem Nettoeinkommen von

ungefähr 1.200 Euro. Er langweilt sich und will dem

eintönigen Leben entfliehen: Kündigung, Flugbuchung,

Weltentdeckung.

Mittlerweile betreibt er einen Blog und hat sein

eigenes Kochbuch für Backpacker veröffentlicht. Davor

flog er ein Jahr lang für ein Schweizer Flugunternehmen

um die Welt und berichtete darüber. Sieben Jahre

nach seinem ersten Trip hat der heute 30-Jährige drei

Weltreisen gemacht und um die 50 Länder gesehen.

Seine ersten beiden Weltreisen finanziert er

durch Jobs zwischendurch in Australien und Neuseeland:

„Für ein paar Monate habe ich das Reisen gelassen

und 16 Stunden am Tag gearbeitet. So hat man

keine Zeit, Geld auszugeben und es fließt wöchentlich

ein gutes Einkommen auf das Konto.“ Das heißt, für

kurze Zeit hatte er ein genauso eintöniges Leben wie

zu Hause, nur, dass es im sonnigen Australien war. Ist

so ein Lifestyle also eine echte Alternative? Oder nur

ein kurzfristiger Ausbruch aus dem Alltag – für eine

exklusive Gruppe von Menschen?

Das digitale Nomadentum gibt es in Deutschland

seit 2008. Es bezeichnet Menschen wie Nick, die im digitalen Bereich ortsunabhängig

arbeiten. Vor acht Jahren hieß das noch, dass man zu Hause oder in einem

Café am Laptop saß. Heute steht der Begriff für Weltenbummler, die – oft in warmen

Ländern – von überall aus arbeiten können. Einzige Bedingung: funktionierendes

WLAN. Die meisten digitalen Nomaden stammen aus der Altersgruppe der 21- bis

40-Jährigen, viele haben schon studiert, für diverse (Start-up-)Unternehmen gearbeitet

und ihr Werk via Internet verrichtet. Typische Jobs sind Online-Unternehmer/

innen oder -Händler/innen, Blogger/innen, Programmierer/innen, Webdesigner/

innen oder SEO-Spezialisten/innen. Eine gute Ausbildung und berufliche Erfahrung,

bevor man in das digitale Nomadenleben tritt, ist ein Muss.

Fast alle, die dieses freiheitliche Leben führen, sind unabhängig, fit, jung, kinderlos

und privilegiert. Auf der DNX-Konferenz, die jährlich in Berlin stattfindet, treffen

sich Hunderte (zukünftige) digitale Nomaden. Unter ihnen gibt es nur eine Handvoll

Kinder und ältere Menschen. Tim Chimoy, einer der diesjährigen Sprecher,

motiviert das Publikum, den Schritt in das libertäre Leben zu wagen. Der ortsunabhängige

Unternehmer betreibt Onlineshops, bloggt und veranstaltet Workshops zum

Thema Selbständigkeit. Der Trend kommt aus Nordamerika und verbreitet sich nun

in West- und Mitteleuropa – wo viele im gehobenen Mittelstand leben. Chimoy vergleicht

diese Strömung mit den Hippies in den 60er-Jahren: Es sei eine friedliche

126

werk6 | Generation Y

127


Rebellion gegen die Normen der Eltern – und somit auch gegen den Wohlstand der

Mittelschicht. Als digitaler Nomade kann man sein ganzes Hab und Gut meist in

einen großen Rucksack packen, dazu gehört passende Kleidung für die jeweiligen

Länder, Laptop, Kabel und die wichtigsten Papiere und Unterlagen. Auch die Kritik

an dem bestehenden Leistungsprinzip sowie den bürgerlichen Konventionen und

Arbeitszeiten eint die digitalen Nomaden. Man munkelt gar über das Tragen von

Batikgewändern. Aber wie finanziert man als konsumkritischer Nomade denn nun

die teuren Flüge, Unterkünfte, Aktivitäten und das Essen? Viele haben davor gearbeitet

und Geld gespart. Eine weitere Möglichkeit

ist das sogenannte Geo-Arbitrage. Das bedeutet,

dass man sein Geld in einem finanzstarken Land

wie zum Beispiel Deutschland verdient und es in

weniger privilegierten und somit auch billigeren

Ländern ausgibt.

Marcus Meurer und seine Freundin Felicia

Hargarten, Gründer der DNX Konferenz, die selbst

seit 2012 als digitale Nomaden leben, hatten beide

gut bezahlte Jobs und somit für ihr erstes Jahr einen

Puffer. Seitdem haben sie ein eigenes Business

aufgebaut und verdienen ihr Geld unter anderem

mit Online-Marketing, Webdesign, einer Plattform

für Jobsuchende und einem Travel-Blog. Dazu

kommen die Organisation von Konferenzen, Coworking-Camps

und Events für digitale Nomaden

weltweit.

Fixkosten werden soweit wie möglich eingeschränkt

oder auf Eis gelegt, wie Handyverträge,

unnötige Versicherungen und meist auch der Mietvertrag.

„Die Kosten für die Reisen sind natürlich

regionsabhängig, jedoch komme ich mit ungefähr

30 Euro am Tag für alles aus“, sagt Nick. Das Paar brauchte anfangs, als es noch kein

Team hatte, das bezahlt werden musste, zusammen monatlich um die 1.500 Euro.

Im Fünf-Sterne-Hotel zu nächtigen und Touristenangebote inklusive Elefantenreiten

und Delfinshows zu nutzen, gehört demzufolge nicht in das Leben der

digitalen Nomaden. Auch teure Länder und Städte werden bewusst umgangen, Südostasien

und Südamerika sind beliebte Nomadenziele. Couchsurfing, Co-Living,

Airbnb und günstige Hotels sparen unnötige Kosten. Bezüglich des Essens empfiehlt

Nick: „Selber kochen!“

Ein Großteil der Reisenden will in den fernen Ländern nicht nur Geld ausgeben,

sondern auch das Leben der Locals bei Bedarf verbessern, etwas Positives beitragen.

Kultureller Austausch in Form von gemeinsamem Sport, Kochen oder Musizieren

schafft schöne Erinnerungen auf beiden Seiten. Marcus: „Sport ist die beste

Brücke, um in Kontakt zu kommen, daher trainiere ich immer die lokalen Sportarten

und gehe in die dort ansässigen Gyms.“ Kitesurfen, Yoga, Meditation, Thaiboxen,

Standup-Paddeln – Aktivitäten, die nicht nur gemeinsame Interessen stärken

und in Form halten, sondern auch eine Art Rhythmus in den Alltag bringen können.

Denn obwohl die Nomaden von sich behaupten, in freieren Kontexten leben zu wollen:

Feste Routinen, sagen sie, seien so wichtig wie Trinkwasser – morgens aufstehen,

Sport treiben, frühstücken, arbeiten, Ziele setzen und Pläne machen. Denn

auch wenn der Arbeitstag nicht dem typischen Nine-to-five-Job gleicht und unter

der Sonne eines fremden Landes stattfindet, ist Struktur scheinbar elementar für

die Produktivität, um beruflich am Ball zu bleiben. Hierfür nutzt Marcus passend zu

seinem Metier Apps, die wie Checklisten funktionieren. Der Unterschied zum alten

Leben zu Hause ist nur die Selbstbestimmung und die exotische Umgebung.

Nick segelte durch einen Hurrikan, schmuggelte Kleidung nach Kuba, wurde

angeschossen, tanzte in Lederhosen vor dem MGM Hotel in Las Vegas, arbeitete eine

Nacht als Stripper und veröffentlichte sein eigenes Kochbuch – nicht jeder

30- Jährige kann (oder will) das von sich behaupten. Durch eine einzige Sache unterscheide

er sich von anderen: „Ich mache es einfach.“

Von oben:

Unter Palmen: Marcus und

Felicia in Taganga,

Kolumbien; Wellenreiten:

Nick beim Surfen in

Portugal;

Im Office: Marcus im

Coworking Space auf Bali;

Freiheit pur: Nick mit dem

Motorrad durch Vietnam

FOTOS: NICK MARTIN, MARCUS MEURER

Von oben:

Unter Wasser: Marcus

und Nick auf Koh Lanta,

Thailand; Unterwegs:

mit dem Bus durch

Zentralamerika;

Schöne Aussicht: Marcus

und Felicia in Belize;

Heimatgefühle:

Marcus in Berlin

„LETZTENDLICH SIND

ERFAHRUNGEN VIEL

MEHR WERT ALS GELD

UND MATERIELLE DINGE“

Zu langes Warten, egal, ob auf mehr Geld, bessere Zeiten oder schöneres Wetter,

bringe nichts, sagt Nick, denn es gibt den perfekten Zeitpunkt nicht. „Das Leben ist

wie ein Puzzle – würden alle Teile immer gleich passen, wäre es langweilig.“ Natürlich

habe er sich nicht immer richtig entschieden, aber er ist überzeugt davon, dass „Fehler

machen geil ist“. Letztendlich sind Erfahrungen viel mehr wert als Geld und materielle

Dinge es je sein könnten. Die kann einem niemand wegnehmen.

Der ökologische Fußabdruck eines digitalen Nomaden kann allerdings schnell

bedenkenswert werden. Vor allem Langstreckenflüge erhöhen den CO 2 -Wert eines

Individuums, genauso wie das Trinken aus Plastikflaschen, die danach keinen Nutzen

mehr haben. Die CO 2 -Emission eines Flugzeuges beträgt 380 Gramm pro Person

und geflogenem Kilometer. Bei Hin- und Rückflug nach und von Australien

kommt da einiges zusammen. „Darüber sind wir uns sehr bewusst. Aber wir versuchen,

es zu kompensieren, indem wir Projekte fördern, die noch mehr CO 2 -Ausstoß

verhindern“, sagt Marcus. 20.000 Tonnen wurden durch die DNX Konferenz kompensiert.

Das Unternehmen spendete an eine Organisation, die mit dem Geld Projekte

in Entwicklungsländern unterstützt. Dennoch wissen die beiden, dass

Geldspenden und gute Taten das Problem nicht lösen werden, sondern eben nur den

Prozess verlangsamen.

Nick versucht, nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln wie Bussen, Zügen und

Rollern zu reisen, deren Emissionen weitaus geringer sind. Auch er unterstützt

Organisationen, die sich für die Umwelt einsetzen. „Und wenn da Müll am Strand

liegt, laufe ich nicht einfach vorbei, sondern werfe ihn in den nächsten Mülleimer.“

„Ich fühle mich manchmal einsam“, gibt Nick

zu. Wer lange alleine reist, entwickelt eine gewisse

Distanz. „An jedem Ort fühlt man sich zunächst

fremd. Man braucht Zeit, um die Werte und Normen

einer Kultur kennenzulernen“, sagt auch Marcus.

Die Sehnsucht nach Freiheit und die Suche

nach dem Glück in der Ferne treibt die Reisenden

an, doch letztendlich ist das Leben als digitaler Nomade

und das unablässige Bereisen neuer Orte trotz

der Versuche, den ökologischen Fußabdruck einzuschränken,

kein nachhaltiges Prinzip – und wegen

seiner eingeschränkten Nutzbarkeit ausschließlich

für junge, gut ausgebildete, familienlose Weltenbummler

auch wenig zukunftsträchtig. Und

schließlich: Was würde passieren, wenn alle Menschen,

Ärzte, Krankenschwestern und Psychologen,

Angestellten im Servicebereich, Arbeiter und Handwerker

plötzlich ihre Liebe zum Langzeitreisen entdeckten?

Das Leben als digitaler Nomade ist extrem

exklusiv – schon allein, weil nicht jeder mit seinem

Laptop Geld verdienen kann.

Und irgendwann schleicht sich sogar bei

Langreisenden der Wunsch nach etwas Bestehendem ein. Die meisten kehren immer

wieder an die gleichen Orte zurück und entwickeln so ihre jährliche Routine.

Wie Marcus und Felicia: „Im Winter sind wir in Brasilien, danach geht es nach Thailand

und von da aus auf Bali in Indonesien. Wir fahren immer wieder an die gleichen

Orte und haben uns mittlerweile ein Netzwerk aufgebaut.“

Das Freiheitsgefühl bleibt erhalten, und doch fühlt man sich irgendwo zu

Hause und hat seinen Alltag genau wie die Eltern in Deutschland. Es klingt einfach

nur besser.

128

werk6 | Generation Y

129


Virtualitätsverlust

Dass die meisten Menschen regelrecht besessen von ihren Smartphones

sind, ist nichts Neues. Was passiert, wenn das Handy auf einmal

verschwindet? Ich habe das mal getestet. Unfreiwillig, versteht sich

I

TEXT INA WITZEL

ch blinzele. Das Tageslicht scheint durch mein Schlafzimmer,

mein Kopf pocht. Aua. Mühsam versuche ich, meine

Augen zu öffnen und greife neben mein Bett. Groß ist das

Verlangen, die Bilder der letzten Nacht auf meinem

Smartphone zu durchstöbern. Außerdem (Regel Nummer 1):

peinliche Snaps löschen. Tastend erforsche ich meinen Zimmerboden.

Da ist eine Pizzaschachtel, eine Flasche Club Mate, ein

paar Magazine – und kein iPhone! Ich springe aus dem Bett,

sprinte rüber zu meiner Handtasche. Außer einer leeren Zigarettenschachtel,

ein paar alten Kaugummis und einem zerknitterten

5-Euro-Schein ist da nichts zu finden. Verdammt! Nachdenken.

Das ist gar nicht so einfach mit hämmerndem Kopf.

Erst einmal alles absuchen, aber innerlich schon wissen, dass

mein Handy nun der Stadt gehört. Dabei hatte ich mir fest vorgenommen,

gut auf meine Sachen aufzupassen, nachdem ich

vorne am Tresen „Vorsicht Taschendiebe“ gelesen hatte. Nach

diversen Moscow Mules war das aber vergessen. Mein Handy ist

weg. Das ist mein sozialer Untergang.

Am liebsten würde ich mir selbst eine scheuern und meine

Mutter anrufen. Letzteres tue ich immer, wenn etwas Schlimmes

passiert. Mich ärgert es, dass nun irgendein Idiot Zugriff auf mein

Privatleben hat. Über 2.000 Fotos, Hunderte persönliche Nachrichten,

Videos, Notizen, E-Mails – ein Smartphone bedeutet

Leben. So ist das heute eben. Und ja, ich gebe es zu: Ich bin ein

Social-Media-Junkie! Täglich poste ich auf Instagram, Twitter und

Snapchat, like, kommentiere und regramme.

Zum Glück habe ich noch mein Laptop. Aufklappen und alle

Freunde via Facebook informieren, dass ich ab sofort amputiert

bin. Der Post findet keinen sonderlichen Anklang. Scheint niemanden

von meinen 1.300 „Freunden“ zu interessieren, dass ich

kein Telefon mehr habe. Ich bin kurz vor einer Panikattacke, gegen

die nur ein großes Stück Schokolade hilft. Ich schreibe meiner

Freundin, brauche Trost! Stattdessen bekomme ich die Antwort:

„Hey, wir sind alle im Thaipark. Wir konnten dich nicht

erreichen und dachten, du schläfst noch. Sorry wegen deinem

Handy“. SORRY wegen deinem Handy?!? Ist der eigentlich bewusst,

was das bedeutet? Genau das! Soziale Abstinenz. Ausgrenzung.

Thaipark ohne mich.

Ich raffe mich auf und gehe nach draußen, um mir Frühstück

zu besorgen. Aus Reflex greife ich im Minutentakt in meine

rechte Jackentaschen. Da liegt sonst immer brav und friedlich mein

Handy. Es ist 12 Uhr mittags. Zu dieser Uhrzeit habe ich normalerweise

schon 15 Mal meinen Instagram-, 30 Mal meinen Snapchatund

ein Dutzend Mal meinen E-Mail-Account gecheckt. Die Finger

kribbeln. Sind das Entzugserscheinungen? Irgendwie ist das ziemlich

gestört. Wie kann man nur so abhängig von einem Ding sein?

Ich muntere mich auf. Im Geiste zähle ich die Vorteile meiner sozialen

Abstinenz auf. Das sind überraschenderweise doch einige.

Ich behaupte jetzt mal, dass ohne Handy irgendwie auch der

Druck sinkt, perfekt zu sein. Die Vorstellung daran, nicht täglich

mit Selfies der makellosen Girls auf Instagram bombardiert zu werden,

die einem vormachen, wie man heute auszusehen hat, ist ganz

schön. Und man konsumiert weniger. Manchmal weiß ich gar

nicht, wie sehr ich etwas brauche, bis es eine coole Bloggerin auf

Instagram verlinkt. Verabredungen werden verbindlich. Spontan

canceln ist nicht mehr drin! Und, ganz wichtig: Dinge wirklich erleben.

Tut das überhaupt noch jemand von uns? Wer genießt denn

noch einfach so, ohne im Hinterkopf zu haben, alles direkt teilen

und für die Zukunft bewahren zu müssen? Selbst im Urlaub sind

wir doch meist viel zu beschäftigt damit, den nächsten Hotspot zu

finden, anstatt zu schauen, was um uns passiert. Warum?

Seit genau drei Wochen bin ich ohne Smartphone. Stattdessen

bin ich Besitzerin eines LG Chocolate – Mama sei Dank. Das

war superhip in 2004 – Touchpad zum Navigieren, Megapixel-

Kamera, MP3-Player. WOW! Ich bekam es zu meinem 13. Geburtstag

und weiß noch genau, wie stolz ich war. Heute kann ich

mit dem Gerät niemanden mehr beeindrucken. In meinem

Freundeskreis löst dieses Ding nur eine Reaktion aus: Gelächter.

Aber mir ist das egal. Ich bin so entspannt wie schon lange

nicht mehr. Die News des Tages lese ich morgens bei Kaffee und

Croissant in der Zeitung. Total retro. Statt zu whatsappen, radele

ich spontan bei meiner Freundin vorbei und überrasche sie.Zugegeben,

ein neues iPhone ist bestellt – auf Dauer klappt es einfach

doch nicht ohne. Aber in Zukunft werde ich mein Handy öfters zu

Hause lassen, um dem virtuellen Alltag zu entfliehen. Fest vorgenommen.

SHOT BY HADLEY HUDSON IN BERLIN

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