Adlergeschichte neu

xxx2016

Eine Adlergeschichte

Illustriert von Jens-Henrik Hübner


Bild 1

Wehe dem, der es wagt, sich dem Horst des Königs der Lüfte zu nahen. Die Folge des

Aufeinandertreffens bedeutet einen gnadenloser Kampf mit einem zu höchster Wut gereiztem

Tier. Einen Kampf auf Leben und Tot.

Was für ein furchtbarer Gegner, ein Adler für den Menschen sein kann, zeigt die folgende

Geschichte, die sich vor langer Zeit im Schweizer Kanton Graubünden zugetragen haben

soll.

In Pontresina, dem heute vielgenannten Städtchen des Kantons, das wegen seiner herrlichen

Lage von Reisenden aus aller Herren Länder besucht wird, wohnte damals der alte Tomasino.

Einer der erfahrensten Fremdenführer der Region.


Bild 2

Leider verunglückte Tomasino bei einer Bergwanderung und zog sich einen komplizierten

Beinbruch zu. Er sollte seinem Beruf nie wieder nachgehen können...

Seine Frau war bereits einige Jahre zuvor an den Folgen einer schweren Krankheit gestorben.

So war es nun die Aufgabe seiner beiden ältesten Söhne für den Unterhalt der Familie

zu sorgen.

Es war nicht viel, was durch das Hüten von Vieh verdient werden konnte aber es reichte

aus um den bescheidenen Lebensunterhalt der Familie zu decken.


Bild 3

Doch eines Morgens klagte der Vater über sehr heftige Kopfschmerzen. Der zwölfjährige

Wilhelm, der noch die Schule besuchte, wurde daher dazu bestimmt bei ihm am Krankenbett

zu bleiben, während die anderen Brüder, wie gewöhnlich, ihrer Beschäftigung nachgingen.


Bild 4

Doch der Schrecken war groß, als die abends heimkehrenden Brüder einen sterbenskranken

Vater vorfanden.

Ein schnell herbeigerufener Arzt bestätigte den Ernst der Lage.


Bild 5

„Ein sehr heftiges Fieber“, erklärte dieser achselzuckend. „Schnelle Hilfe ist dringend

notwendig. Aber die Medikamente sind sehr teuer - so ca. 10 Franken. Doch er muss sie

haben! Könnt ihr das Geld aufbringen?“ fragte der Doktor nach einem prüfenden Blick auf

das ärmlich eingerichtete Krankenzimmer.

„Bitte schreiben Sie das Medikament auf!“ sagte Karl, der älteste der drei Brüder. „Wir

werden alles versuchen um es bezahlen zu können.“

So stellte der Arzt das Rezept aus, gab einige weitere Anweisungen und versprach am

nächsten Tag nocheinmal vorbeizuschauen.


Bild 6

Die Brüder legten nun Ihre Ersparnisse zusammen, kamen jedoch nur auf insgesamt vier

Franken. Wie sollten Sie das übrige Geld in so kurzer Zeit aufbringen können?

Karl wusste Rat. Ihr Arbeitgeber, der Sonnenwirt würde bestimmt eine Lohnvorauszahlung

leisten! Sofort lief er los um sein Anliegen bei ihm vorzutragen.

Gespannt warteten die beiden Zurückgebliebenen auf die Rückkehr des Bruders. Nach einer

unendlich lang erscheinenden Zeit, erschien Karl keuchend vom schnellen Laufen in der

Haustür... doch seine trostlose Miene sagte alles aus.


Bild 7

„Der Sonnenwirt und seine Frau sind nach Chur gefahren und werden frühestens heute

Abend wieder zurückerwartet. Aber bis dahin ist es vielleicht schon zu spät“ sagte er

traurig.

Obwohl Karl leise sprach, hatte der kranke Vater in doch verstanden. Mit einer matten

Bewegung winkte er die Jungen an sein Bett und flüsterte: „Habt keine Angst, meine Söhne.

Ich fühle wie es mit mir zu Ende geht...“

Geschwächt fiel er in einen unruhigen Schlaf. Betroffen schauten sich die Brüder an.

„Ha, ich hab´s!“ rief plötzlich Johannes. „Als ich vorige Woche eine Ziege suchte, fand

ich das Nest des Steinadlers mit seinen frisch geschlüpften Jungen. Sie können noch nicht

flügge sein. Wenn wir sie dem Kantonspräsidenten bringen, gibt er uns bestimmt die fehlenden

sechs Franken! Jeder kennt seine Vorliebe für Greifvögel.“

Doch die Jungen zu bekommen wird hart werden - der Adlerhorst liegt an einer hohen und

unzugänglichen Steilwand. Aber mit einem langen Seil sollte er wohl von oben zu erreichen

sein...“


Bild 8

Der Vorschlag wurde begeistert aufgenommen. Ohne Zeit zu verlieren, machten sich die

drei Brüder mit einem starken Seil, einem leichten Umhängebeutel, einem zugespitzten

Pflock und einer Sichel ausgerüstet, auf den Weg. Die Sorge um den kranken Vater trieb

sie zur Eile an.

Hoch am Himmel konnten sie den mächtigen Greifvogel seine Kreise ziehen sehen.


Bild 9

An Ort und Stelle angekommen, forderte Karl, dass man ihn hinabsteigen lasse, da er

der Stärkste sei.

„Ich bin aber leichter als du!“ erwiderte Johannes. „Dich wird das Seil nicht halten.

Lass mich gehen.“

„Nein“ rief der kleine Wilhelm, „ich will da runter klettern. Wenn ich abstürze ist an

mir am wenigsten verloren. Wer aber sollte für uns alle sorgen, wenn einer von euch dabei

umkommen würde?“

Keiner der Brüder wollte die Gründe des anderen gelten lassen.

„Wir losen, wer hinab klettern soll.“ sprach Karl ein Machtwort. „Wir dürfen durch Streiten

keine Zeit vergeuden.“ Drei verschieden lange Hölzchen wurden in einen Hut geworfen.

Wer das längste Stück herauszog sollte die Aufgabe übernehmen.

Erwartungsvoll griffen sie Einer nach dem Anderen hinein. Das Los fiel auf Karl...


Bild 10

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, trieben sie den Pflock in eine Felsspalte und

ließen den Bruder, der mutig an den Rand des Abgrunds getreten war, langsam und vorsichtig

in die grausige Tiefe hinab.

Es herrschte angespanntes Schweigen...


Bild 11

Ein lauter Freudenschrei drang aus der tiefe herauf - Karl hatte den Felsvorsprung auf

dem der Adlerhorst lag, erreicht!

Die beiden Brüder hielten nun das Seil auf Spannung und lauschten auf ein weiteres Zeichen.

Unterdessen ergriff Karl die vier Jungvögel, die ihm ihre weitgeöffneten Schnäbel erwartungsvoll

entgegenstreckten, und barg sie in großer Hast in den mitgebrachten Umhängebeutel.

Dann gab er seinen Brüdern das vereinbarte Zeichen, ihn wieder hochzuziehen. Mit aller

Kraft zogen diese an. Höher und höher schwebte der Junge mit der kostbaren Beute, deren

Ertrag dem Vater die Gesundheit wieder geben sollte.


Bild 12

Da plötzlich tönte ein gellender Schrei durch die Luft... Mit mächtigem Flügelschlag näherten sich die beiden alten

Steinadler, um Ihre Jungen gegen den mutigen Räuber zu verteidigen. Wütend fielen sie über den armen Jungen her, der sich

mit dem Mut der Verzweiflung gegen seine schrecklichen Angreifer wehrte. Die Federn stieben um ihn her, als er mit seiner

scharfen Sichel einen der wütenden Angreifer traf. Aber es war ein sehr ungleicher Kampf- während der heldenmütige Karl

beide Hände gebrauchen musste, um sich gegen die starken Tiere zu verteidigen, zerschürften ihm die die spitzen Felsen

die Kleider am Leib und rissen ihm die Haut blutig.

In tödlicher Angst zogen seine Brüder oben das Seil so schnell wie möglich in die Höhe. Es war das Einzige, was sie für

den Bruder tun konnten.

Plötzlich fühlten sie einen gewaltigen Ruck am Seil, der ihnen durch Mark und Bein ging... war das Seil zerrissen und

der unglückliche Bruder in den schauerlichen Abgrund gestürzt? Nein, Gott sei Dank! Noch fühlte sie sein Körpergewicht

am Seil. Mit erleichtertem Herzen zogen sie weiter. Aber in welch entsetzlicher Lage befand sich der arme Karl! Bei einem

Hieb hatte die Schneide der Sichel das Seil getroffen und zwei von vier Strängen, aus denen es gedreht war, durchtrennt.

Zu der Sorge wie er sich der angreifenden Adler erwehren sollte, kam nun noch die furchtbare Angst in die Tiefe

zu stürzen hinzu. Der Strick wurde länger und länger und drohte jeden Moment zu zerreißen. Karl spürte wie ihn seine

Kräfte verließen... bei einer unbedachten Bewegung entglitt ihm nun auch noch die Sichel und fiel in die gähnende Tiefe.

Er war verloren!

Aber der Gedanke an den kranken Vater ließ den Wehrlosen durchhalten. Stück für Stück zog er sich mit beiden Händen am

Seil nach oben. Seine Arme bluteten aus tiefen Wunden, die ihm die beiden Adler mit starken Schnabelhieben zufügten.

Karl spürte, dass sein Ende nahe war...

Doch wenn die Not am größten ist, dann ist Gottes Hilfe am nächsten!

Ein rettender Gedanke durchfuhr plötzlich den Kopf des Jungen. Mit einer raschen Bewegung griff er in den Beutel, erfasste

einen der jungen Adler und schleuderte ihn den Alten entgegen. Mit ängstlichem Geschrei flatterte das Jungtier mit

seinen noch zu schwachen Flügeln hin und her und stürzte dann rascher und rascher in die jähe Tiefe hinab. Unter wildem

Geschrei ließen die erbosten Alten von Karl ab und stießen ihrem, in die Tiefe fallenden Nachwuchs hinterher.

EIn Jubelruf drang über Karls Lippen! Seine List war geglückt. Einige Augenblicke später zog er sich mit letzter Kraft

über den Rand der Klippe - er war in Sicherheit!


Bild 13

Die Brüder empfingen ihn mit entsetzten Blicken; wie sah ihr Bruder nur aus! Totenbleich, die Kleider in Fetzen, die

Arme und Hände über und über mit Blut bedeckt stand er da, kaum fähig sich auf den Füßen zu halten. Ohne einen Laut

über die Lippen zu bringen, überreichte er einem der Brüder seine kostbare Beute und brach ohnmächtig zusammen.

Aber schon bald kam er wieder zu sich und gemeinsam machten sie sich auf den langen Heimweg.

Ein plötzliches Rauschen ließ die Jungen noch einmal zusammenzucken: Die Adler kehrten zurück und umkreisten in weitem

Bogen die Brüder, ohne sich jedoch näher heranzuwagen. Schließlich flogen sie unter kreischendem Geschrei davon.

Die verbleibenden Jungtiere fnden zu großen Freude der Brüder in dem Kantonsvorsteher einen bereitwilligen Käufer.

Der Erlös reicht nicht nur aus, um die verschriebenen Medikamente für den Vater zu kaufen sondern auch für vieles

mehr was für seine Genesung dringend notwendig war. Tatsächlich wurde der alte Tomasasino nun schnell wieder gesund.

Aber auch Karl brauchte seine Zeit um wieder ganz gesund zu werden. Seine Wunden heilten zwar schneller als dies zu

erwarten war, hinterließen aber Narben, die den Betrachter seitdem immer von der Liebe eines Sohnes zu seinem Vater

erinnern sollten.

Die Heldentat Karls wurde bald in der ganzen Umgebung thematisiert und brachte den fast vergessenen Tomasino wieder

in Erinnerung der Menschen. Die Folge war, dass man sich der armen Familie annahm. Alle Not hatte jetzt ein Ende.

Später stiegen Johannes und Karl in das Gewerbe ihres Vaters ein; sie wurden tüchtige und geübte Geschäftsmänner.

Wilhelm aber, der besondere geistige Fähigkeiten zeigte, konnte mit Hilfe der vielen Gönner die lateinische Schule in

Chur und dann die Universität besuchen. Er studierte Medizin und wurde ein beliebter Arzt in der Nähe seines Heimatortes.


Wie der Adler sein Nest aufstört, über seinen Jungen schwebt, seine Flügel

ausbreitet, sie aufnimmt, sie trägt auf seinen Schwingen, so leitet ihn der

Herr allein, und kein fremder Gott war mit ihm.

5. Mose 32, 11,12

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