Treffpunkt.Bau 07/2016

Lulu89

BETONBAU . SCHALUNG . GERÜSTE . BAUSTELLENEINRICHTUNG

STYL-COMP. CAMILLO BONFANTI

Der Spezialmörtel der Fassade besteht zu 80 % aus recycelten Zuschlagstoffen,

darunter Abfall aus Schneiden von Carrara-Marmor. Daher weist er

verglichen mit herkömmlichem weißen Zement eine hohe Brillanz auf.

Spezielle Fertigungstechniken

für Italiens Länderpavillon

Der größte Teil der Elemente wurde in speziellen Polyurethan-Formen, eingespannt

in eine Batterieschalung, im „Upcrete“-Verfahren produziert.

BETONFERTIGTEILE

Eines der architektonischen Highlights der Weltausstellung Expo

2015 in Mailand war der italienische Länderpavillon. Die Fassade

des Palazzo Italia beeindruckte nicht nur mit einer außergewöhnlichen

Optik, sondern verband diese mit zeitgemäßen umweltfreundlichen

Aspekten. Die Optik erinnert wahlweise an einen

versteinerten Wald oder ein filigranes Gewebe.

Praktisch umgesetzt wurde die Außenhülle des Gebäudes mit einem

speziellen Zement, der die durch Smog belastete Luft der Stadt

reinigt. 80 % der fast 100.000 Quadratmeter großen Fassade wurden

aus wiederverwertetem Material und unter dem Einsatz von rund

2.200 Tonnen Zement hergestellt. Der Palazzo Italia ist als dauerhafte

Installation angelegt und er bleibt auch über das Ende der Expo

hinaus bestehen.

Hochleistungs-Spezialmörtel

Der italienische Fertigteilhersteller Styl-Comp hat für die Produktion

der Fassadenelemente einen Hochleistungs-Spezialmörtel von

Italcementi verwendet, und ein Großteil der Elemente wurde mittels

„Upcrete“-Technologie in einer Batterieschalung produziert. Die

Styl-Comp Group ist seit mehr als 50 Jahren im Bereich der Industrie-Architektur

mit Beton aktiv. Bei diesem Projekt benötigte das

Unternehmen einen speziellen Mikrozement und eine besondere

Produktionstechnik. Sie entschied sich für den Bau der Fassade für

einen Hochleistungs-Spezialmörtel von Italcementi, der photokatalytisch

weiß ist, zement-basiert, selbst-ausgleichend und eine hohe

Biegefestigkeit besitzt. Das neue Material ist verglichen mit klassischem

Mörtel sehr gut zu verarbeiten und haltbar.

Betonfertigteile für die Fassade

Die etwa 9.000 m² große Fassade besteht aus insgesamt 725 einzigartigen

Elementen. Diese wurden als Betonfertigteile vorgefertigt

und stellten damit sehr hohe Anforderungen an den Produktionsprozess.

Ein großer Teil der Fassadenelemente wurde dabei vertikal

in einer Batterieschalung im sogenannten „Upcrete“-Verfahren gefertigt,

um die besonders filigranen „Zweige“ der Fassade umsetzen

zu können. Upcrete bezeichnet ein Verfahren zur Druckbefüllung

einer geschlossenen Schalung mit Beton im steigenden Strom von

unten. Das Verfahren wurde von der Firma Ratec aus Hockenheim

entwickelt und ermöglicht die Produktion allseitig schalungsglatter

Betonfertigteile, selbst bei hochkomplizierten Geometrien. Sogar

komplette Raummodule mit Boden und vier Wänden können mit

diesem Verfahren in Einbaulage hergestellt werden. Das Verfahren

erzielt gute Oberflächenqualitäten, exakt ausgeformte Elementgeometrien

ohne Rütteln und es verhindert Lufteinschlüsse im Beton.

Es ist speziell auf selbstverdichtenden Beton zugeschnitten, kann

prinzipiell aber auch mit Normalbeton und anschließender mechanischer

Verdichtung angewendet werden. Für die einzigartigen

Elementgeometrien des Palazzo Italia wurden kundenseitig speziell

angefertigte Polyurethan-Formen in die Batterieschalungen eingespannt

und mittels einer Upcrete-Peristaltik-Pumpe von unten mit

dem zuvor beschriebenen biodynamischen Mörtel befüllt. Durch

die Befüllung von unten wird die Luft nach oben aus der Schalung

gedrückt und die optimale Verteilung des Betons innerhalb der

Schalung gewährleistet. Lufteinschlüsse werden dabei verhindert,

vergleichbar mit der Spritzgusstechnik bei Kunststoffen und Metallen.

Durch die Druckbefüllung wurde bei diesem Projekt gewährleistet,

dass auch die besonders dünnen Verästelungen optimal

ausgeformt wurden. Was einfach klingt, wurde seit den ersten Tests

2006 stetig weiterentwickelt und auf ein perfektes Zusammenspiel

zwischen druckresistenter Schalung, Gestaltung des Pumpprozesses

und Betonrezeptur hin optimiert. Mit herkömmlichen Verfahren

(beispielsweise in horizontaler Fertigung oder durch die Befüllung

von oben) hätte die Fassade überhaupt nicht bzw. nicht mit einer

vergleichbaren Qualität und Geschwindigkeit hergestellt werden

können. Das Verfahren bietet somit neue und bisher ungeahnte

Möglichkeiten der Vorfertigung von Betonelementen und setzt damit

kreative Impulse für diejenigen, die die Bauwerke der Zukunft

planen und gestalten, und für diejenigen, die diese Bauwerke Realität

werden lassen.

BETONBAU . SCHALUNG . GERÜSTE . BAUSTELLENEINRICHTUNG

07.2016 . TREFFPUNKT BAU

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