Chancen für einen stabilen Aufschwung - Sachverständigenrat zur ...

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Chancen für einen stabilen Aufschwung - Sachverständigenrat zur ...

110 Euro-Raum in der Krise

Euro-Raum spiegelte diese weit verbreitete Situation wider und kann nicht allein auf Entwicklungen

in Deutschland, im Besonderen die moderate Lohnpolitik, zurückgeführt werden.

Auch unabhängig von der Entwicklung in Deutschland wäre das Zinsniveau in Spanien

wahrscheinlich auf einem historisch niedrigen Niveau gewesen, das den Erwerb von

Immobilien als sehr attraktiv erscheinen ließ.

− Das Argument, deutsche Kapitalexporte hätten den Boom erst ermöglicht, verkennt, dass

der Euro-Raum keine geschlossene Volkswirtschaft ist. Die Länder der Währungsunion

handeln nicht nur untereinander, sondern auch mit dem Rest der Welt. Analoges gilt für

Kapitalflüsse. Wenn kein Kapital aus Deutschland in die Peripherieländer der Währungsunion

geflossen wäre, dann wäre dies wohl verstärkt aus Ländern außerhalb des Euro-

Raums erfolgt.

− Es wird argumentiert, dass Deutschland innerhalb des Euro-Raums durch eine zurückhaltende

Lohnpolitik eine Beggar-thy-neighbour-Politik verfolge, die dazu geführt habe, dass

Unternehmen in den Peripherieländern preislich nicht mehr wettbewerbsfähig seien. Zum

Ersten muss bei dieser Argumentation berücksichtigt werden, dass das Lohnkostenniveau

in Deutschland weiterhin über dem anderer Länder im Euro-Raum liegt und dass, wie oben

gezeigt, die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der letzten Jahre lediglich die vorhergegangene

Verschlechterung ausgeglichen hat. Zum Zweiten muss beachtet werden, dass

es alles andere als offensichtlich ist, dass Unternehmen beispielsweise aus Griechenland

auf denselben Märkten konkurrieren wie die Deutschlands.

190. Zwischenfazit: Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass es auch ohne die Lohnentwicklung

in Deutschland zu erheblichen Fehlentwicklungen in den Peripherieländern des Euro-

Raums gekommen wäre. Immobilienblasen waren schließlich nicht auf die Währungsunion

beschränkt. Die Frage, ob die Entwicklung in Deutschland der maßgebliche Auslöser der Defizite

in den Peripherieländern war, muss daher negativ beantwortet werden.

Sachverständigenrat - Jahresgutachten 2010/11

2. Welche Rolle kann Deutschland beim Abbau

der europäischen Ungleichgewichte spielen?

191. Es wäre falsch, die Reduktion der hohen Defizite und die Korrektur der Fehlentwicklungen

in der Realwirtschaft ausschließlich als eine Angelegenheit der Defizitländer zu betrachten.

Ein Scheitern der wirtschaftlichen Neuausrichtung in den Problemländern würde zu

einer erneuten Verunsicherung auf den Finanzmärkten führen und darüber hinaus den Zusammenhalt

des Euro-Raums gefährden. Eine erfolgreiche Bewältigung der notwendigen Anpassungen

liegt daher im gemeinsamen Interesse aller Mitgliedsländer. Vor diesem Hintergrund

wurde in den vergangenen Monaten berechtigterweise diskutiert, wie die Überschussländer

ihrerseits zu einem Gelingen der Anpassungen in den Defizitländern beitragen können.

Allerdings sind einige der in diesem Zusammenhang diskutierten Maßnahmen wenig geeignet,

den Defizitländern in einem Maße zu helfen, das die potenziell gravierenden Nebenwirkungen

in den Überschussländern rechtfertigen würde.

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