Chancen für einen stabilen Aufschwung - Sachverständigenrat zur ...

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174 Finanzsystem in der Therapie: Noch ein weiter Weg

wünschten Lenkungswirkung zu bezeichnen sind. Entsprechend kommen Modelle, die multiple

Mengen- und Preisanpassungen berücksichtigen, zu sehr viel weniger besorgniserregenden

Ergebnissen als die von den Bankenverbänden vorgelegten (Doluca et al., 2010). Wird

zusätzlich der Nutzen aus einer höheren Stabilität des Finanzsystems berücksichtigt, sind

die gesamtwirtschaftlichen Wirkungen eindeutig positiv, wie die Auswirkungsstudien des

FSB belegen (BCBS, 2010a; FSB und BCBS, 2010).

321. Ängste, dass zusätzliche Eigenkapitalanforderungen an die Banken mit hohen Kosten

verbunden wären, basieren zu einem guten Teil auf einer Verwechslung der einzelwirtschaftlichen

mit der gesamtwirtschaftlichen Perspektive. Aus gesamtwirtschaftlicher Perspektive

ist Eigenkapital nicht kostspieliger als Fremdkapital (Admati et al., 2010). Zwar kann eine

Bank die Eigenkapitalrendite durch zusätzliche Fremdkapitalaufnahme steigern, aber die höhere

Eigenkapitalrendite reflektiert dann eine Risikoprämie, die gerade dem Umstand geschuldet

ist, dass die Bank wenig Eigenkapital hält. Würden die Banken allgemein mehr Eigenkapital

halten, wären die von den Investoren geforderte Risikoprämie und damit die Eigenkapitalrendite

entsprechend niedriger. Gesamtwirtschaftlich gesehen können niedrigere

Kosten von Fremdkapital gegenüber Eigenkapital nur mit unerwünschten Verzerrungen erklärt

werden, wie etwa der steuerlichen Ungleichbehandlung oder der staatlichen Subventionierung

von Fremdkapital durch implizite Garantien.

2. Umgang mit grenzüberschreitenden systemischen Insolvenzen

Das Koordinationsproblem

322. Das grundlegende Koordinationsproblem bei der Insolvenz grenzüberschreitend tätiger

und systemrelevanter Institute (Freixas, 2003) wurde im Herbst 2008 auf geradezu dramatische

Weise illustriert. Nach der unkontrollierten Insolvenz von Lehman Brothers drohte ein

weltweiter Kollaps. Der dadurch ausgelöste Finanzmarktschock blieb weder auf die Vereinigten

Staaten noch auf die Gegenparteien von Lehman Brothers beschränkt. Vielmehr breitete

sich dieser über indirekte Kanäle unmittelbar auch auf andere Länder und Märkte aus. Lehman

Brothers ist das Paradebeispiel des internationalen Kooperationsversagens bei einer

grenzüberschreitenden Insolvenz. Noch bis zuletzt hatte das US-amerikanische Finanzministerium

damit gerechnet, dass die britische Bank Barclays die US-amerikanische Bank Lehman

Brothers übernehmen und so die Insolvenz verhindert würde. Allerdings hatten die Amerikaner

nur eine nationale Perspektive und nicht ausreichend mit dem britischen Finanzministerium

kommuniziert, das letztlich seine Zustimmung für die Übernahme mit der Begründung

verweigerte, man wolle den „Giftmüll“ der Amerikaner nicht nach England importieren (Sorkin,

2009). Beide Regierungen handelten danach, was sie jeweils als ihr nationales Interesse

betrachteten, und ignorierten die negativen externen Effekte, die ihre Entscheidungen auf andere

Länder haben würden.

Gerade darin liegt die Grundproblematik jedweder Art von negativen Externalitäten: Kosten,

die in anderen Ländern anfallen, gehen immer ungenügend in das Kalkül von nationalen Auf-

sehern ein. Um weitere länderübergreifende Schocks im Finanzsystem zu vermeiden, war die

einzig mögliche Koordinationslösung, dass sich die Staats- und Regierungschefs gegenseitig

Sachverständigenrat - Jahresgutachten 2010/11

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