Chancen für einen stabilen Aufschwung - Sachverständigenrat zur ...

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186 Öffentliche Finanzen: In der Realität angekommen

I. Haushaltskonsolidierung im Zeichen der Schuldenbremse

1. Kurzfristige und langfristige Wirkungen der Staatsverschuldung

334. Weltweit haben die Regierungen in der Finanz- und Wirtschaftskrise massiv interveniert

und durch eine ganze Palette von Maßnahmen einen Zusammenbruch des Finanzsystems verhindert

und zu einer Stabilisierung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage beigetragen. Allein

die diskretionären fiskalpolitischen Programme beliefen sich in den Mitgliedstaaten des Euro-

Raums, verteilt über die Jahre 2009 und 2010, auf etwa 2 vH des aggregierten Bruttoinlandsprodukts

(JG 2009 Tabelle 22). Die Beurteilung der Wirksamkeit von expansiven fiskalpolitischen

Maßnahmen ist in der Literatur umstritten. Die sogenannten Fiskalmultiplikatoren,

die die Auswirkungen kurzfristiger defizitfinanzierter Steuersenkungen oder Ausgabenerhöhungen

auf das Bruttoinlandsprodukt angeben, hängen von den verwendeten Modellen und

den unterstellten Annahmen ab. Simulationsanalysen auf der Grundlage der vom Internationalen

Währungsfonds, der Europäischen Zentralbank, der Europäischen Kommission und der

OECD verwendeten makroökonomischen Gleichgewichtsmodelle führen für den Euro-Raum

aber zu der Schlussfolgerung, dass insbesondere ausgabenseitige Multiplikatoren in der Größenordnung

von Eins oder darüber liegen (Tabelle 22).

Tabelle 22

Bandbreite von Fiskalmultiplikatoren für den Euro-Raum/die EU in

unterschiedlichen Makromodellen 1)

BIP-Multiplikator

Variabler Nominalzins Konstanter Nominalzins

Erhöhung von Staatsausgaben

Staatlicher Konsum .......................................... 0,7 – 0,8 1,1 – 1,7

Staatliche Investitionen ..................................... 0,8 – 1,1 1,1 – 1,6

Transfers an private Haushalte ......................... 0,0 – 0,2 0,1 – 0,5

Transfers an nicht-ricardianische Haushalte .....

Reduzierung von Steuern

0,1 – 0,6 0,6 – 1,2

Lohnsteuern ..................................................... 0,1 – 0,3 0,0 – 0,8

Verbrauchsteuern ............................................. 0,2 – 0,3 0,4 – 1,0

Kapitalertragsteuern ......................................... 0,1 0,1 – 0,2

1) Berechnet als Zweijahresdurchschnitt der relativen Abweichung des realen Bruttoinlandsprodukts vom Basisszenario.

Verwendet wurden die folgenden Modelle: QUEST III der EU, GIMF des IWF, NAWM der EZB und Small Fiscal Model

der OECD.

Quellen: Coenen et al. (2010), EZB

In allen Modellen hängt die Größe der Multiplikatoren wesentlich davon ab, wie die Zentralbank

auf die fiskalischen Impulse reagiert. Einleuchtend ist, dass die Multiplikatoren bei einer

akkomodierenden Geldpolitik größer ausfallen. Generell zeigt sich, dass ausgabenseitige

Maßnahmen größere Stabilisierungseffekte bewirken als Steuersenkungen – wobei die Umsetzung

von Ausgabenerhöhungen faktisch allerdings eher mit größeren Wirkungsverzögerungen

einhergeht als steuerliche Maßnahmen. Transfers an private Haushalte haben vor allem

dann stimulierende Wirkungen, wenn sie an liquiditäts- oder kreditbeschränkte (sogenannte

nicht-ricardianische) Haushalte gehen, die ein höheres Einkommen unmittelbar und

vollständig ausgeben. Bei der Steuerpolitik ist eine Senkung der indirekten Steuern tenden-

Sachverständigenrat - Jahresgutachten 2010/11

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