Chancen für einen stabilen Aufschwung - Sachverständigenrat zur ...

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260 Arbeitsmarkt: Nach erfolgreichem Krisenmanagement vor institutionellen Veränderungen

1. Konjunkturelle Aufhellung belebt den Arbeitsmarkt

448. Der Arbeitsmarkt in Deutschland hat sich sowohl international gesehen wie auch im

Vergleich zu vorangegangen Abschwungphasen wesentlich robuster entwickelt als noch im

letzten Jahr erwartet wurde. Deutschland ist unter den Industrienationen das einzige Land, in

dem die Arbeitslosenquote zur Jahresmitte 2010 geringer war als vor Ausbruch der Krise

(Schaubild 6). Der Arbeitsmarkt hatte sich zuvor schon in der konjunkturellen Abschwungphase

vom ersten Quartal 2008 bis zum zweiten Quartal 2009 im Vergleich zu früheren gravierenden

Abschwungphasen als ungewöhnlich stabil erwiesen (JG 2009 Ziffern 408 f.).

Arbeitsmarkt über die Krise hinweg robust

449. Diese außergewöhnliche Entwicklung kann anhand einer Schätzung des Zusammenhangs

zwischen Produktion und Beschäftigung verdeutlicht werden. Wenn die in den Jahren

vor der Krise – 1995 bis 2008 – beobachteten Korrelationen zwischen Produktion und

Beschäftigung ebenfalls im Jahr 2009 und darüber hinaus gültig gewesen wären, hätte die

Anzahl der Arbeitnehmer im privaten, nicht-landwirtschaftlichen Sektor im Jahresdurchschnitt

2009 um etwa 500 000 Personen gegenüber dem Vorjahr sinken müssen. Tatsächlich

belief sich der Rückgang aber nur auf 30 000 Personen (Kasten 2, Seite 50).

450. Dass eine solche Entlassungswelle verhindert wurde, ist auf das Zusammenwirken

mehrerer Faktoren zurückzuführen. In den Jahren vor der Krise konnten die besonders betroffenen

Unternehmen des exportorientierten Produzierenden Gewerbes, insbesondere der

Maschinenbau und die Automobilindustrie, ihre Wettbewerbsfähigkeit und damit ihr Eigenkapital

und ihre Liquiditätsreserven deutlich erhöhen (JG 2009 Ziffern 80 f.). Zudem werden

in diesen Unternehmen überproportional viele Facharbeiter beschäftigt, und die Sorge vor

einem Fachkräftemangel war bereits vor der Krise ausgeprägt. Ebenso spielten die in den vergangenen

Jahren erhöhte Flexibilität innerhalb der Unternehmen und eine auf Beschäftigungssicherung

ausgerichtete Tariflohnpolitik eine entscheidende Rolle. Außerdem wurden in

der Rezession freiwerdende Stellen nicht besetzt, die Anzahl der Leiharbeitnehmer reduziert

und befristete Arbeitsverhältnisse nicht verlängert. Entlassungen im Produzierenden Gewerbe

und im Bereich der Arbeitnehmerüberlassung wurden zum Teil durch einen Beschäftigungsaufbau

in den anderen Dienstleistungsbereichen ausgeglichen. Um die verbleibenden Arbeitskräfte

– trotz schwächerer Auftragslage – über die Krise hinweg halten zu können, nutzten die

Unternehmen die Flexibilität der Arbeitszeitmodelle intensiv.

451. Das führte im Jahr 2009 – anders als in den früheren Rezessionsphasen – zu einer deutlichen

Reduktion der jährlich geleisteten Arbeitsstunden je Arbeitnehmer, und zwar um

3,1 vH oder 41,3 Stunden bei fast unveränderter Anzahl von Arbeitstagen. Hinzu kommt ein

in diesem Ausmaß bisher einmaliger Rückgang der Stundenproduktivität, da die Beschäftigten

aufgrund der deutlichen Unterauslastung mitunter mit weniger produktiven Tätigkeiten

beschäftigt waren (Schaubild 45). Zum Rückgang der Jahresarbeitszeit im Jahr 2009 hat nach

Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Nürnberg, die temporäre

Verkürzung der tariflichen Wochenarbeitszeit einschließlich der Zunahme der Teilzeitarbeit

mit 43 vH, der Abbau von Überstunden und Guthaben auf den Arbeitszeitkonten mit 36 vH

Sachverständigenrat - Jahresgutachten 2010/11

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