Chancen für einen stabilen Aufschwung - Sachverständigenrat zur ...

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Chancen für einen stabilen Aufschwung - Sachverständigenrat zur ...

300 Arbeitsmarkt: Nach erfolgreichem Krisenmanagement vor institutionellen Veränderungen

501. Die Kontroversen um die Tarifeinheit haben in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen,

weil Berufsgewerkschaften („Spartengewerkschaften“) in zunehmendem Umfang

eigene Tarifverträge durchsetzen konnten. Kennzeichnend für die kleinen, aber wirkmächtigen

Berufsgewerkschaften sind die Komplementäreigenschaften der von ihnen vertretenen

Berufe, aufgrund derer sie Schlüsselpositionen im Betriebsablauf einnehmen, also beispielsweise

Fluglotsen im Luftverkehr oder Ärzte im Krankenhaus, und dies vornehmlich in bestimmten

(subventionierten) Sektoren, die sich durch eine vergleichsweise niedrigere Wettbewerbsintensität

(insbesondere aus dem Ausland) und geringere Preiselastizität der Nachfrage

auf ihren Märkten auszeichnen, wie beispielsweise der Verkehrs- und Gesundheitssektor.

Beispiele für solche Berufsgewerkschaften sind der Marburger Bund für Ärzte, die Vereinigung

Cockpit für Flugzeugpiloten und Flugingenieure, die Gewerkschaft der Flugsicherung

oder die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer für das Eisenbahnfahrpersonal. Im Gegensatz

zu den Berufsgewerkschaften vertritt der Christliche Gewerkschaftsbund eher Arbeitnehmergruppen,

die in substitutiver Beziehung zueinander stehen. Dessen Mitgliedsverbände

erlangten in den 1990er-Jahren insbesondere in Ostdeutschland tarifpolitisches Gewicht, weil

sie häufig Tarifverträge unterhalb der Abschlüsse seitens des DGB tätigten.

Diese Entwicklungen dokumentieren die zunehmende Erosion des Flächentarifsystems seit

rund zwei Jahrzehnten, das sich im Hinblick auf die Erfordernisse des internationalen Standortwettbewerbs

und der hohen Arbeitslosigkeit hierzulande als zu inflexibel erwiesen hatte.

Außerdem fühlten sich verschiedene Berufsgruppen von den DGB-Gewerkschaften in ihren

Belangen nicht (mehr) hinreichend vertreten, wozu der Konzentrationsprozess der Gewerkschaften

– die Anzahl der ursprünglich 16 Mitgliedsgewerkschaften des DGB halbierte sich

im Laufe der letzten Jahre – beigetragen haben dürfte. Allein die Vereinigte Dienstleistungsgewerkschaft

(ver.di) vertritt mehr als tausend Berufe.

502. Für die Tarifpluralität spricht, dass Arbeitnehmer einer bestimmten Berufsgruppe ihre

spezifischen Belange in einer eigenen Gewerkschaft wirkungsvoller vertreten können als in

einer DGB-Gewerkschaft mit einer großen Heterogenität von Berufen und einer monopolähnlichen

Dominanz im Bereich der Arbeitnehmer-Vertretung. Die Beseitigung oder Einschränkung

der Tarifpluralität hätte eine erhebliche Schwächung der Berufsgewerkschaften zur Folge,

weil eine Gewerkschaft, deren Tarifverträge letztlich nicht zur Geltung kommen, für Arbeitnehmer

wenig attraktiv sein dürfte. Mehr noch, den Mitgliedern der mit einer beherrschenden

Gewerkschaft konkurrierenden Gewerkschaft könnte der Tarifschutz unter Umständen

versagt bleiben, weil einem eigenen Tarifvertrag die Wirksamkeit verwehrt wird, der obsiegende

Tarifvertrag indes für sie nicht gilt. Allerdings haben die meisten tarifgebundenen

Unternehmen den Verbandstarifvertrag bisher schon auch auf Arbeitnehmer angewendet, die

nicht der tarifschließenden Gewerkschaft angehören.

503. Gegen eine Tarifpluralität spricht, dass sie vermutlich zu höheren Lohnabschlüssen

führt, die aller Erfahrung nach den Verteilungsspielraum überziehen und damit Arbeitsplatzverluste

zur Folge haben können. Die ökonomische Literatur bietet hierfür eine Reihe von

theoretisch und empirisch basierten Überlegungen an. So zeigen unter anderem Horn und Wolinsky

(1988) sowie Gürtzgen (2003) in theoretischen Analysen, dass Arbeitnehmergruppen,

Sachverständigenrat - Jahresgutachten 2010/11

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