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kunstraumdornbirn

KunstHeft

Not Vital | „Lasst hundert Blumen blühen“

Kunstpädagogik im Kunstraum Dornbirn


Not Vital

„Lasst hundert Blumen blühen“, 2012

R

iesige Lotosblumen in einer alten

Fabrik: Wer den Kunstraum in der

ehemaligen Maschinenhalle von Dornbirn

betritt, erlebt ein mehr als ungewöhnliches

Gewächshaus: Hundert große

Lotosblumen mit langen Stängeln und

dicken Knospen aus poliertem, glänzendem

Metall übersäen den gesamten Betonboden

einer Halle. Der Anblick ist

so überraschend wie ungewöhnlich. Die

wie zufällig verstreuten Blumen, einige

über drei Meter lang, fesseln als wundervoll

glitzernder Pflanzenteppich unseren

Blick. In den Knospen spiegelt sich die

Halle. Diese trägt deutlich die Spuren

der Vergangenheit: Abblätternder Putz,

rostige Fenstereinfassungen, ausgerissene

Kabel, ein schwerer Kran mit alten dicken

Ketten. Beides mag so gar nicht zusammen

passen. Doch dieser Gegensatz

ist vom Künstler so gewollt: Der Glanz

der Blumen wird durch den alten Bau in

seiner Wirkung noch gesteigert. Gleichzeitig

findet sich der gesamte Raum als

Abbild wieder: In jeder einzelnen Blüte

spiegeln sich die 16 Fenster und Oberlichter.

Das Lichtspiel auf den Knospen

wird zu einem reizvollen Erlebnis für die

Sinne. Es erinnert an tanzende Regentropen.

D

as verzerrte Muster der Fenster gibt

den metallenen Objekten zudem

etwas Pflanzliches zurück. Der Künstler

versteht es, durch den Wettstreit und

den Einsatz der Materialien den Ausdruck

seiner Werke zu steigern. Metall

ist ein totes, kalt wirkendes Material,

Pflanzen sind etwas Lebendiges. Beides

zusammen erzeugt beim Betrachter

eine zunächst nur schwer beschreibbare

Stimmung. Wofür steht die Kälte, wofür

die Pflanze? Was bedeutet es, wenn hier

Raum-Objekte wie Schnittblumen ausgebreitet

sind? Blumen, die nie verwelken

und doch leblos sind?

M

it dem Titel „Lasst hundert Blumen

blühen“ spielt der Künstler

auf eine historische Begebenheit in China

an: Die Regierung des volkreichen

Staates forderte in der Mitte des vergangenen

Jahrhunderts die Bevölkerung

dazu auf, mit Kritik und Ideen das Land

weiter zu entwickeln. Diese „Hundert-

Blumen-Bewegung“ weckte große Erwartungen.

Schon bald allerdings wurde

die Kritik den Machthabern sehr lästig,

so dass die Aktion abgebrochen wurde.

Menschen wurden verfolgt und sogar

hingerichtet. So sind die Blumen zugleich

Sinnbild der Hoffnung als auch

der Enttäuschung.

S

ämtliche Blumen wurden von Handwerkern

in China in einem aufwändigen

Arbeitsprozess Stück für Stück

angefertigt, sind also wie die echten

Pflanzen einzigartig. Die ausgelegten

Blumen gehen jeweils ihren eigenen

Weg, haben eigene Haltungen, weisen

aber alle in die gleiche Richtung. Sie

scheinen sich auf ein großes Tor hin

zu bewegen, die Masse könnte sich als

unendlicher Strom draußen fortsetzen.

Auch dies lässt sich als Bild lesen: Steht es

für eine Gemeinschaft, die ein gemeinsames

Ziel verfolgt? Für die Menschheit

schlechthin? Für den Gang des Lebens?

Der Künstler lässt diese Fragen bewusst

offen, er spielt mit unserer Fantasie, er

lädt uns ein, weiterzudenken, nachzudenken

- oder einfach die Schönheit des

Anblicks zu genießen.

„Ich versuche, Träume für

Erwachsene zu schaffen.“

Arbeitsvorschläge

• Betrachte das künstlerische Werk aus

möglichst vielen unterschiedlichen Blickwinkeln

und versuche danach im Gespräch

die Wirkung in Worte zu fassen.

• Fotografiere (z.B. mit einer Kamera, mit

dem Handy) das Werk und hebe besonders

interessante Details hervor. Tausche

Deine Ergebnisse mit anderen aus.

• Informiere Dich über die 1957 in der

Volksrepublik China angeordnete Kampagne

„Lasst 100 Blumen blühen und 100

Schulen miteinander wetteifern“. Sammle

außerdem Berichte über das moderne

China.

• Betrachte das Video in der Ausstellung

mit dem Künstlergespräch und notiere

Dir wichtige Aussagen, die zur Deutung

der künstlerischen Arbeit Not Vitals beitragen

könnten.

Hoffnung und Enttäuschung sind immer

wieder Themen der Kunst, so auch schon

beim romantischen Maler Caspar David

Friedrich (vgl. Abb.). Dessen Bild „Eismeer.

Gescheiterte Hoffnung“ aus dem

Jahre 1821 wird als vergebliche Erwartung

von Bürgerrechten, Demokratie und

Freiheit in der damaligen Zeit gedeutet.

Beschreibe dieses Gemälde und vergleiche

die unterschiedlichen künstlerischen

Lösungen des Themas bei C.D. Friedrich

und Not Vital.

Weiterführende Frage: Inwiefern ist ein

Vergleich überhaupt möglich, wo hat er

seine Grenzen?

2 3


Lotosblumen – Sinnbild für Hoffnung,

Reinheit und Liebe

L

otosblumen sind Wasserpflanzen,

die ähnlich den Seerosen, große

Blüten entwickeln. Not Vital zeigt die

Lotosblumen als Knospen noch vor dem

Aufblühen, also in einem Zustand der

Erwartung.

D

ie Blätter des Lotos verfügen über

eine ganz besondere Eigenschaft,

den „Lotoseffekt“: Das Wasser perlt an

ihnen einfach ab, sie sind flüssigkeitsabweisend

und verschmutzen nicht. Auch

wenn sich Not Vital in seinen Blumenskulpturen

auf Stengel und Knospe beschränkt,

so erinnern deren metallischglitzernde

Oberflächen doch an die

natürliche Sauberkeit und den Glanz der

Lotospflanze. In Asien wird die Pflanze

deshalb als Sinnbild für Reinheit, Erleuchtung

und Treue verehrt.

n China, wo das Kunstwerk entstand, steht die Lotosblume zudem für Liebe und die

I harmonische Verbundenheit der Liebenden. Im Guofeng, dem uralten chinesischen

Buch der Lieder, steht der Lotos für die Sehnsucht der Frau nach dem Geliebten:

Arbeitsvorschläge

• Lass Dich vom Erscheinungsbild einer

echten Blume (Farbe, Blüten und Blattform,

Wuchs, Duft, Größe, Standort, Zustand,

etc.) anregen und überlege, welche

sinnbildliche Aussage sich damit verbinden

lässt. Suche den Bezug entweder zu

einem Erlebnis, zu einer Person, zu einem

Gefühl. Verfasse ein kleines Gedicht, in

dem eine dieser Aussagen zum Ausdruck

kommt.

• Sammle Gedichte zu Blumen. Wähle

eines aus und setze dieses Gedicht (oder

Dein eigenes) in ein Bild um.

• Verfasse ein Gedicht (gereimt oder in

freien Rhythmen) zu den „100 Lotosblumen“.

Sammle vorher stichpunktartig

Eindrücke beim Betrachten des Kunstwerks

von Not Vital.

• Die Darstellung von Blumen spielt in

der Kunst seit jeher eine wichtige Rolle.

Sammle (Bibliothek, Internet) Blumendarstellungen

in der Malerei aus den unterschiedlichsten

Epochen und fertige ein

Plakat an.

Jugendstil

Am Rande eines Teichs gibt es Schilf und Lotusstengel.

Es gibt einen schönen Menschen.

Ich bin betrübt, was soll ich machen?

Wie mich verhalten?

Wachend und im Schlaf finde ich keine Ruhe,

Tränen fließen.

Am Rande eines Teichs gibt es Schilf und Lotusstengel,

ein schöner Mensch, groß und stattlich,

schönes Haar.

Wachend und im Schlaf weiß ich nicht, was ich tun soll,

in meinem Herzen bin ich bekümmert.

(Auszug aus: No. 145, Buch der Lieder, um 500 v. Chr.)

Ägypten

„Wenn du wirklich etwas willst,

findest du einen Weg.“

• Vergleiche das Bild der Lotosknospe

mit den Metallskulpturen Not Vitals. Wie

hat sich die Form im Kunstwerk verändert

und gewandelt, was wurde z.B. vereinfacht,

verfeinert oder weggelassen?

• Zeichne, male oder modelliere eine bestimmte

Blumenart. Achte darauf, dass

man die Pflanze eindeutig benennen

kann. Tipp: Manchmal ist es hilfreich,

manches Merkmal zu betonen, anderes

wegzulassen.

4 5


Die Sprache des Materials

L

otosblumen wachsen oft in Sümpfen. Der Gegensatz zwischen farbenfroher Blüte

an der Oberfläche und den Wurzeln im tiefen Schlamm wird von Dichtern oft als

Bild verwendet. So auch in diesem Gedicht von Jill A. Moebius:

W

Glück ist, Eins zu sein

mit dem, was ist.

Dann erwächst sogar

aus der Traurigkeit eine Blume -

Reife, Hingabe oder Mitgefühl,

so wie die Lotusblume

aus dem dunklen Sumpf erwächst.

Der Sumpf und die Blume,

Berg und Tal sind Aspekte

desselben Einen Seins.

Das Durchmessen der tiefsten Tiefen

ermöglicht das Aufschwingen in höchste Höhen.

(Auszug aus einem Gedicht von Jill A. Moebius)

ie in der Dichtung, spielen auch in Not Vitals Werk

„Lasst hundert Blumen blühen“ Gegensätze eine

wichtige Rolle:

• Das Metallische und das Pflanzliche,

• der Glanz der Blume und der alte Putz der Maschinenhalle,

• das Tote des Materials und das Lebendige der Lotosblume.

• Die Pflanzen scheinen sich in Richtung Hallenausgang zu

bewegen, doch der ist verschlossen.

G

egensätze kommen in den Werken Not Vitals häufig durch

das verwendete Material zum Ausdruck. Fast alle Materialien

sind denkbar: Er verwendet in seinen Arbeiten z.B. Lehm, Gips,

Kohle, Pflanzliches, Seife, Metall, Tee, Glas und Tierkörper. Vital

vergleicht die Materialien mit unterschiedlichen Sprachen, die

zusammen wieder eine ganz neue Aussage ergeben.

Arbeitsvorschläge

• Gegensätze: Stelle in einer Tabelle (zwei

Spalten) verschiedene Materialien mit sehr

unterschiedlicher Wirkung gegenüber (z.B.

Fell - Stein) und notiere die Eigenschaften

dieser Gegensätze (z.B. weich – hart). Sammle

solche Materialien und entwirf entweder eine

flächige Bildkomposition oder eine Skulptur,

die das Thema „Gegensätze“ veranschaulicht.

• Beschreibe Gegensätzliches, das sich im

Werk „Lasst hundert Blumen blühen“ ablesen

lässt und versuche, dieses in einzelne Aussagen

zu „übersetzen“ (z.B. „Metallisches und

Pflanzliches“ steht für „Totes und Lebendiges“).

Beachte: Auch die Montagehalle ist Teil

des Kunstwerks und sollte in die Überlegung

mit einbezogen werden.

• Ordnung und Serie: Die reihenhafte Anordnung

und Präsentation von gleichen Materialien

bzw. ähnlichen Objekten erzeugt einen eigenen

Reiz. Erstelle eine kleine Installation auf

einer Grundfläche von 1 x 1 Metern mit von

Dir ausgewählten und gesammelten ähnlichen

Dingen bzw. Materialien (Steine, Papierknäuel,

Kugelschreiber, Handys etc.). Mache Dir

Gedanken über die Form der Anordnung und

die Komposition. Begründe Deine Auswahl

der Dinge und die Form der Präsentation.

• Materialwechsel: Forme nach dem Vorbild

Not Vitals eine Naturpflanze in einem anderen

Material (z.B. Ton, Papierfaltung, Draht) nach

und beurteile die veränderte Wirkung.

Fertige eine Serie von mindestens 8 Stück im

gleichen Material an und überlege Dir die

Form der Anordnung für eine Präsentation.

Begründe Deine Entscheidung.

Bilde andere Objekte (z.B. kleine Alltagsgegenstände)

in anderen Materialien nach und

überlege Dir eine Präsentationsform.

„Wenn du wirklich etwas willst,

findest du einen Weg.“

„Meine Ideen tauchen

plötzlich auf.“

• Vergrößerung: Wie verändert sich durch die

Vergrößerung der Lotosblumen deren Wirkung?

Experimentiere mit dem Grafikprogramm am

Computer: Stelle einen von Dir fotografierten

kleineren Alltagsgegenstand frei (Befehl: „ausschneiden“)

und montiere ihn als überlebensgroßes

Objekt in eine andere Umgebung (z.B.

Bild von Landschaft, Zimmer). Beurteile die

Wirkung.

Forme z.B. aus Pappmachée einen Gegenstand

um ein Vielfaches vergrößert nach und

entwickle daraus eine Rauminstallation (Tipp

Gruppenarbeit: Jedes Mitglied der Gruppe

schafft eine eigene Skulptur, die ein Teil des

Gesamtwerks wird)

• Vergleiche Not Vitals Werk mit den Tulpen

(„Tulips“) des Künstlers Jeff Koons und den

Raketen („First Spaceship on Venus“) der

Künstlerin Sylvie Fleury. Wie verändern dort

das verwendete Material bzw. die Vergrößerung

und die farbige Fassung die Wirkung des

Gegenstandes?

6 7


Lasst hundert Blumen blühen – ein

Denkmal?

D

enkmale sollen Menschen an eine

bestimmte Person, ein bestimmtes

Geschehen oder an eine bestimmte Tat

erinnern. Auch das Werk „Lasst hundert

Blumen blühen“ kann als eine Art Denkmal

aufgefasst werden: Der Titel erinnert

an die gleichnamige, im Jahre 1957 von

der damaligen chinesischen Regierung

unter ihren Führer Mao Zedong angestoßene

Polit-Kampagne, die mehr Beteiligung

am Aufbau des Staates forderte

und Vorschläge für eine Verbesserung

forderte. Schon nach wenigen Wochen

wurde wegen zu vieler kritischer Stimmen

die Aktion abgebrochen.

D

Denkmale stehen normalerweise

auf öffentlichen Plätzen und gut

wahrnehmbaren Orten. Dies ist hier

nicht der Fall: Not Vitals Kunstprojekt ist

nur für einen Zeitraum von 10 Wochen

zu sehen, dann wird es wieder abgebaut.

Es ist sozusagen ein Denkmal auf Zeit.

Die Blütezeit der Denkmale und der

damit oft verbundener Heldenkult sind

heute längst vorbei. Dennoch entstehen

aus besonderem Grund noch Denkmale,

etwa in Berlin das „Denkmal für die

ermordeten Juden Europas“ (2005). Die

2711 Betonstelen (Quader) des von Peter

Eisenmann entworfenen Mahnmals erinnern

an die Millionen Opfer der nationalsozialistischen

Verfolgung. Die Betonquader

lassen an Grabsteine denken,

besitzen also ähnlich den Lotosblumen

Not Vitals eine symbolische Bedeutung.

Allerdings lässt der Künstler Not Vital

auch eine ästhetische Auffassung gelten,

die ganz unabhängig vom Titel eine rein

sinnliche Betrachtung ermöglicht.

Arbeitsvorschläge

• Vergleiche die formale Gestaltung des

„Denkmals für die ermordeten Juden Europas“

mit dem Werk „Lasst hundert Blumen

blühen“. Beschreibe Ähnlichkeiten

sowie Unterschiede und deute die damit

erzielte Wirkung.

• Recherchiere nach bedeutenden historischen

Denkmalen und vergleiche deren

Gestaltung und Botschaft (z.B. Reiterstandbild

des Kaisers Marc Aurel in Rom,

Denkmal Erzherzog Karls auf dem Heldenplatz

in Wien, Ruetliwiese bei Seelisberg/

CH, Goethe-Schiller-Denkmal in

Weimar, Freiheitsstatue in New York).

• Suche Denkmale in Deiner Umgebung

und dokumentiere sie zeichnerisch oder

fotografisch. Informiere Dich darüber,

woran das Denkmal erinnern soll.

• Denkmale müssen nicht immer figürlich

Personen abbilden, sondern können

wie Not Vitals Werk mit Symbolen

(hier: Lotosknospen) arbeiten. Überlege

ein Konzept für ein von Dir entworfenes

Denkmal, das an einen ganz persönlichen

Anlass, ein Geschehen erinnern soll.

8 9


Not Vital: Wenn Träume wahr werden

oder wie ein Kamel in Kugeln kam

„M

ein wahres Atelier befindet sich in meinem

Kopf “. Not Vital ist ein Künstler, der Träume

wahr werden lässt. Tatsächlich erschafft er Dinge, die

andere nicht zu denken wagen. Die Erfindungskraft des

Künstlers kennt dabei keine Grenzen. Besonders anregend

ist für Vital die Begegnung mit Menschen anderer

Kulturen, deren Einfallsreichtum und Können. Gerne

erzählt Not Vital seine Geschichte von den Silberkugeln:

N

blem, sondern aus Herausforderung verstand. Er wolle

allerdings wissen, was in die Kugeln hineinkomme. Denn

ihm erschien leerer Raum sinnlos. Also begann Not Vital

zu überlegen. Der Sand der Wüste, der sie umgab, war

ihm als Inhalt zu schlicht. Die Sterne am Himmel waren

zu weit entfernt, doch das Kamel, das da ruhte, das wäre

doch ein schöner Inhalt für die Silberkugeln. „Kein Problem“,

meinte der Tuareg. Also gingen sie am nächsten

Tag auf den Markt, kauften ein Kamel, schlachteten es

und trockneten dieses in der Sonne. Inzwischen schuf

der Silberschmied 12 große Silberkugeln als Hülle für die

Mumienteile des Kamels. Diese gingen später auf Ausstellungen

rund um die Welt. Und es gibt wohl kein anderes

Kamel, das jemals so bestaunt wurde, ohne dass es

auch nur ein einziger Besucher wirklich sah. Außer der

Künstler und sein Schmied.

Der Künstler Not Vital

N

ot Vital traf in Afrika, wo er zeitweise lebt, einen

Silberschmied. Der trug einen Ring mit einer kleinen

Silberkugel. Ob er denn auch Kugeln in der Größe

einer Melone herstellen könne, fragte ihn Vital, denn er

war begeistert von der Kunstfertigkeit des Tuaregs. „Kein

Problem“, antwortete der. „Und ginge es auch noch größer?“

Auch dies sei kein Problem, erfuhr Vital vom Silberschmied,

der wie so viele hier die Welt nicht als Proot

Vital wurde 1948 in Sent geboren. Er stammt

aus dem Engadin, einer abgelegenen Bergregion im

Schweizer Kanton Graubünden an der Grenze zu Italien

und Österreich. Nur hier wird Rätoromanisch gesprochen,

eine seltene, auf das Lateinische zurückgehende

Sprache. Not Vital genoss seine Kindheit in der weitgehend

unberührten Natur. Doch „wer etwas werden wollte,

musste schon immer von hier weggehen“. Als Schweizer

lernte Vital früh weitere Sprachen.

E

Ein Freund der Familie besaß eine wertvolle Sammlung

moderner Kunst, die Vital gerne und oft besichtigte.

Und so stand schon bald der Entschluss fest,

Kunst zu studieren. Dazu ging er zunächst nach Paris auf

die Université de Paris. Dort konnte er künstlerisch experimentieren.

Danach folgten längere Aufenthalte in New

York und in Italien, wo Vital einen kleinen

Zirkus gründete, Jonglieren sowie Feuerspucken

lernte und sogar Kleintiere dressierte.

Vital ist häufig auf Reisen, und wechselt

dabei ständig zwischen Kulturen und

Kontinenten. Seine weltweit verstreuten

Wohnorte haben ihn als Künstler geprägt.

In Afrika freundete er sich mit den Stammesmitgliedern

der Tuareg an und erbaute

mit ihnen ungewöhnliche Gebäude: Das

„Haus zur Beobachtung des Sonnenuntergangs“

(vgl. Abb.), ein „Haus zur Beobachtung

des Mondes“, ein „Haus gegen die Hitze

und Sandstürme“, eine Schule in Agadez

(Niger). Bauten entstanden auch auf seiner

von ihm benannten Insel „NotOna“ im lateinamerikanischen

Patagonien (Chile), im

Engadin („Haus, das verschwindet“) und in

China. Vitals künstlerische Arbeiten leben

vom Austausch der Kulturen, den unterschiedlichen

Materialien, den Möglichkeiten

und dem besonderen handwerklichen

Geschick der Menschen, denen er vor Ort

begegnet. Viele Kunstwerke „laden einfach

dazu ein, zu träumen“ (Vital).

Arbeitsvorschläge

• Deute die folgende Aussage: „Das, worauf

es im Leben ankommt, können wir

nicht vorausberechnen. Die schönste

Freude erlebt man immer da, wo man sie

am wenigsten erwartet hat.“ Anmerkung:

Der Satz stammt von dem Schriftsteller

Antoine de Saint-Exupéry, dessen Werk

Not Vital besonders schätzt (aus: Terre

des Hommes / Wind, Sand und Sterne).

• Wenn Träume wahr werden: Entwickle

ein Konzept für ein Kunstwerk (Objekt,

Skulptur, Malerei, Film usw.), das eine

ungewöhnliche Idee Wirklichkeit werden

lässt. Fertige dazu Entwurfsskizzen und

eine Beschreibung an.

• Begründe mit Hilfe des Textes, warum

dieses Kunstobjekt nur in Afrika im Land

der Tuareg entstehen konnte.

• „Ein Tier für die Kunst opfern?“ Diskutiere

diese Frage mit anderen.

• Was würdest Du in die Kugeln füllen,

wenn Du die Möglichkeit hättest, ein

solches Kunstwerk zu verwirklichen? Begründe

Deine Aussage.

„Ich wollte zurück zu dem Punkt,

wo man wie als Kind einfach

etwas machte.“

10 11


KunstHeft

Arbeitsheft für Lehrer, Schüler und Eltern

zur Ausstellung von Not Vital „Lasst hundert Blumen blühen“

12. April – 3. Juni 2012

Kunstraum Dornbirn

Ausstellung: Montagehalle, Jahngasse 9

Büro: Marktsstrasse 33, A-6850 Dornbirn

Tel 0043-(0)5572-55044, Fax 0043-(0)5572-55044-4838

kunstraum@dornbirn.at, www.kunstraumdornbirn.at

Text und Konzept: Prof. Dr. Martin Oswald, Weingarten

Herausgeber: Kunstraum Dornbirn, Hans Dünser

Gestaltung: Bernhard Klien, Hohenems

Redaktion: Herta Pümpel

Fotonachweis

© Fessler Fotografie, Robert Fessler, Lauterach

Sylvie Fleury, „First Spaceship on Venus“, © Sylvie Fleury, Courtesy Sprüth Magers Berlin

Not Vital, „Camel“, © Not Vital

Not Vital, „House to watch the sunset“, © Not Vital

Inhaber der Bildrechte, die wir nicht ausfindig machen konnten, bitten wir, sich beim

Kunstraum Dornbirn zu melden. Berechtigte Ansprüche werden selbstverständlich

im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.

Alle Rechte vorbehalten

Printed in Austria

Mit freundlicher Unterstützung

Des Hauptsponsors des Kunstraum Dornbirn, der Dornbirner Sparkasse Bank AG.

Den Subventionsgebern: Stadt Dornbirn, Land Vorarlberg und Republik Österreich – bm:ukk, Kunstsektion

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