AUGUST/SEPTEMBER

fashiontechber

BerlinValley-August-September-2016

ZKZ 89109 AUGUST/SEPTEMBER – KOSTENLOS

BAUEN

Die ersten Körperteile

aus dem 3D-Drucker

CHANGE

Mut zum Pivot

PRÜFEN

Startup-Analyse der Parteien

zur Berlin-Wahl

LERNEN

Mit Design Thinking

bessere Produkte entwickeln

BERLINVALLEY.COM


EDITORIAL

Cover: Fotografie: Jann Venherm, Illustration: Louisa Pepay, Inspiration: brosmind.com; Fotos: Saskia Uppenkamp, Max Threlfall, Simon Schäfer

PHILIPP HARTMANN

ist Founding Partner von Rheingau

Founders. Jetzt startet der Investor

eine zweite Karriere als Dozent beim

E-Learning-Portal Udemy. Sein Kurs

richtet sich speziell an junge Gründer.

Seite 14

SIMON SCHÄFER

erklärt, warum der Brexit das beste

Beispiel für miserables Marketing ist,

warum die Idee Europa für Startup-

Unternehmer Sinn macht und warum er

gern einen blauen Pass hätte.

Seite 15

ANSGAR OBERHOLZ

findet die Idee, einen IT-Staatssekretär

in Berlin zu installieren, brillant. Was

er und andere Startup-Experten zu den

Programmen der Parteien für die Berlin-

Wahl sagen:

Seite 18

Mut zum Pivot: Unser Cover zeigt Nikita

Fahrenholz, der mit Book a Tiger gerade

einen Kurswechsel vollzogen hat.

Mehr dazu im Interview Seite 42.

WIR HABEN DIE WAHL

Liebe Leserin, lieber Leser,

die TOA ist vorbei, da kündigt sich bereits das

nächste Festival an, bei dem Innovationen im Fokus

stehen. Allerdings wird das Newnew Festival, das

in diesem September zu ersten Mal in Karlsruhe

stattfinden wird, einen ganz anderen Charakter

haben als das Tech Open Air in Berlin.

Trotzdem darf man gespannt sein, denn dort

werden auch Corporates ihren Platz haben und

zeigen, wie sie künftig mit Startups zusammenarbeiten

wollen. Das Festival findet im Zentrum für

Kunst und Medientechnologie (ZKM) statt, womit

dafür gesorgt ist, dass auch die Kunst auf dem

Festival viel Raum haben wird. Wie sich Initiator

Ulrich Dietz das Ganze vorstellt, verrät er uns im

Interview. Außerdem wird es – ähnlich wie bei der

TOA – über die Stadt verteilt viele Satellite Events

geben. Unis und Forschungseinrichtungen öffnen

ihre Türen. Ganz Karlsruhe im Innovationsfieber?

Anfang September werden wir es erleben.

Ebenfalls im September werden wir wissen, wer

Berlin in den kommenden Jahren regiert. Wir haben

die Parteien gefragt, was in Sachen Startups

und Digitalisierung in ihren Wahlprogrammen

steht – und haben das Vertretern aus dem Startup-

Ökosystem zur Kommentierung gegeben. Unsere

Experten haben jedenfalls noch einige Anmerkungen

zu den Plänen: „Es stellt sich die Frage, warum

bis heute kein flächendeckendes Breitband existiert“,

ist nur eine davon.

Mit der „10-Punkte-Agenda zur Digitalisierung“,

der „Startup-Agenda“ und der „Smart-City-Strategie“,

um nur einige wohlklingende Vorhaben zu

nennen, habe die Politik „eine gute strategische

Grundlage, die wir in der nächsten Legislaturperiode

abarbeiten müssen“, kündigt der zur Wiederwahl

stehende Regierende Bürgermeister Michael

Müller (SPD) im Interview an. Wir werden sehen.

Neben all den Festivals und der Politik beschäftigen

wir uns natürlich weiterhin mit den wirklich

wichtigen Themen, nämlich wie man ein Startup erfolgreich

macht. Design Thinking etwa ist eine Methode,

die hilft, Kunden und Mitarbeiter besser zu

verstehen – und also bessere Produkte zu machen.

Nach so einem Workshop kann es sein, dass man

bei einem Startup die Richtung ändert und plötzlich

andere Kunden oder einen anderen Markt ins

Visier nimmt, also einen Pivot macht.

Der kommt in den besten Unternehmen vor. Starbucks

zum Beispiel verkaufte zuerst Espressomaschinen,

Twitter startete als Podcast-Plattform

und der Foto-Sharing-Dienst Flickr als ein Element

des Online-Spiels Game Neverending. Ein Pivot ist

keine plötzliche Erleuchtung, sondern eine kalkulierte,

planvolle Änderung des Kerngeschäfts auf

Basis von Tests, Feedback und Erfahrungswerten.

Und auch wenn der Prozess sehr schmerzhaft sein

kann – oft ist der Pivot der Weg zum Erfolg. Ich

wünsche viel Vergnügen bei der Lektüre!

Corinna Visser

VIELEN DANK!

OHNE DIE UNTERSTÜTZUNG UNSERER SPONSOREN WÄRE DIESES KOSTENLOSE MAGAZIN

NICHT REALISIERBAR. DAFÜR GANZ HERZLICHEN DANK AN:

berlinvalley.com / 3


26

KÖRPERTEILE

AUS DEM

3D-DRUCKER

Die Medizinische Modellbau Manufaktur

druckt Organe, an denen Chirurgen

ihre Operationen üben können. In

Karlsruhe werden Kunststoffe entwickelt,

die Metall im Körper ersetzen sollen.

Ein Blick in die Zukunft der modernen

Medizin.

INHALT

07 Meldungen

12 So verbinden sich Fashion und Tech

15 Ein stärkeres Europa wünscht sich Unternehmer Simon Schäfer

17 Berlin wählt: Wie Startup-freundlich sind die Wahlprogramme?

20 „Ich hätte nichts gegen ein paar weitere Zalandos“, sagt der

Regierende Bürgermeister Michael Müller im Interview

21 Gründer kommentieren die Startup-Politik

22 Auf dem Grill: Investoren bewerten Startups

24 Wir sind die Neuen: Startups im Kurzporträt

26 Bioprinting: Körperteile aus dem 3D-Drucker

28 Das können Startups von Design Thinking lernen

30 „Design Thinking ist eine gute Wachstumsstrategie“,

sagt D-School-Gründer Ulrich Weinberg

17

42

„ICH BIN BRUTAL

EHRLICH“

Book a Tiger startete als Plattform, die Reinigungskräfte

vermittelt. Jetzt arbeitet das Startup nur noch mit festen

Mitarbeitern. Wie er den Kurswechsel managt, erklärt

Gründer Nikita Fahrenholz im Interview.

BERLIN-WAHL:

DARUM GEHT’S

Das politische Umfeld trägt zum Erfolg des Startup-

Ökosystems bei. Berlin Valley hat Experten die

Wahlprogramme der Parteien auf Startup-Tauglichkeit

prüfen lassen und Gründer gefragt, was sie von der

Berliner Politik halten.

Fotos: Flickr.com: h2Woah!, Jan Venherm, 360 FashKits, Kay Herschelmann, Medizinische Modellbau Manufaktur

34 „Heimat für Top-Experten“ – Florian Heinemann und Uwe Horstmann

über die Positionierung von Project A Ventures

38 Target Global und Partech Ventures stellen sich vor

40 Spezial: Pivot

42 „Wir wollen die Branche revolutionieren“,

sagt Nikita Fahrenholz von Book a Tiger

44 So meisterten N26, Figo, Adjust und Iversity ihren Pivot

46 Investor Olaf Jacobi ist überzeugt, dass die Initiative zum Kurswechsel

in einem guten Team von den Gründern kommt

48 Bürobesuch bei Getyourguide

52 Elevator Pitch: Startups müssen sich beweisen

56 Treffpunkte: Das steht auf dem Programm beim Newnew Festival,

Dmexco und der Startup Night

60 Rückschau: Das war TOA 2016

65 Eventkalender

66 Vorschau und Impressum

28

EMPATHIE-ARBEIT

Beim Design Thinking geht es darum, sich zuerst

auf das Problem zu konzentrieren und sich in die

Lage des Nutzers zu versetzen. Am Ende kommt ein

Produkt heraus, dass das Poblem wirklich löst.

FASHION UND TECH

Leistungssteigernde Sportbekleidung, T-Shirts und

Röcke, die mit Licht und Ton verschiedene Stimmungen

erzeugen: Auf der Fashiontech Berlin verbinden sich

Mode und technische Innovation.

12


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Fotos: Friends Factory, Number26, Kemmler Kemmler

Oben ohne: Wie Inseln verteilen sich viele kleine Bühnen auf der Ausstellungfläche in den Hallen der Arena Berlin. Im Hintergrund schwimmt das Logo der Bread and Butter – zwei &-Zeichen als 3D-Installation – auf der Spree.

BREAD AND BUTTER FÜR ALLE

Auf dem Gelände der Arena in Treptow will Zalando die Modemesse neu beleben

Ohne Tempelhof und ohne Messe-Gründer Karl-Heinz Müller

fängt die Bread and Butter am 2. September noch einmal von

vorne an. „Unser Konzept bricht mit dem Status quo“, sagte David

Schneider, Gründer und Vorstandsmitglied des Neueigentümers

Zalando. Der Online-Modehändler hatte die Messe nach der

Insolvenz im vergangenen Jahr übernommen und musste gleich

die Januar-Ausgabe absagen. Jetzt geht es endlich los – oder

„Now“, wie es das auf das internationale Publikum zugeschnittene

Motto der Messe auf den Punkt bringt. In der Arena soll sich

die Bread and Butter drei Tage lang von einer Trade-Show zu

einer Trend-Show für Marken und Konsumenten entwickeln. Und

zwar für jedermann. „Die Bread and Butter by Zalando schließt

BANKLIZENZ UND NEUER

NAME FÜR NUMBER26

Ein wichtiger Schritt für Number26 auf dem Weg

zur echten Alternative zur Hausbank: Anderthalb

Jahre nach dem Start erhält das Fintech von Valentin

Stalf (r.) und Maximilian Tayenthal die Vollbanklizenz

der Bafin. Mit der Erlaubnis, Bankgeschäfte

in Europa tätigen zu können, ändert das

Startup auch seinen Namen in N26. Zusammen mit

den 40 Millionen Dollar aus der Series-B-Runde im

Juni ist das Fintech gerüstet, sein Angebot auszuweiten.

Geplant sind Real-Time-Kredite, Sicherheit

durch KI oder Expense Sharing, bei dem man

Rechnungen mit nur wenigen Klicks unter Freunden

aufteilen kann. (Mehr auf Seite 44) n26.com

„ES WIRD

IMMER

SCHWERER,

LEUTE

DAVON ZU

ÜBERZEUGEN,

IN TÜRKISCHE

STARTUPS ZU

INVESTIEREN“

ROLAND MANGER,

Partner beim VC Earlybird sagt, dass selbst Leute,

die um die Stärken des Standorts wissen,

zunehmend unruhig werden.

zeit.de

den Konsumenten nicht länger aus der Modewelt aus, sondern

lädt ihn ein, Teil von ihr zu werden“, sagt Schneider. Passend

dazu soll es Customizing Workshops geben, in denen Besucher

sich ausgewählte Artikel individuell gestalten lassen können.

Neuheiten werden mithilfe von Augmented Reality vorgestellt.

Den passenden Hintergrund liefern die Konzepte der Illustratoren

Craig & Karl und der Kreativagentur Kemmler Kemmler.

Überhaupt spielt Digitales eine wichtige Rolle auf der Messe,

darunter Mode, die mitmilfe intelligenter Maschinen hergestellt

wird. Zalando-Marketing-VP Carsten Hendrich freut sich auf den

Mix: „Wir zeigen, was in der digitalen Welt angesagt ist und

teilen das mit unseren Konsumenten.“ breadandbutter.com

ETVENTURE KOOPERIERT

MIT FRIENDSFACTORY

„Coworking ist als Arbeitsmodell tot“, kommentiert

Gregor Gebhardt, Geschäftsführer der Bürovermietung

Friendsfactory das neue Joint Venture mit

dem Company Builder Etventure. „Man kann sein

Geschäftsmodell nicht unter zig Leuten im gleichen

Raum ernsthaft auf- und ausbauen. Dafür braucht

es ein eigenes Büro.“ Die Kooperation erweitert

die eigenen Office-Lösungen um Dienstleistungen

für Startups. Mieter und Mitglieder erhalten

ein Startup-Building vergleichbar mit Acceleratoren-Programmen.

Start ist in München. Standorte

in Hamburg, Berlin und Stuttgart sollen noch 2016

öffnen. friendsfactory.de, etventure.de

berlinvalley.com / 7


MELDUNGEN

MELDUNGEN

Überraschung des Monats

REIN UND RAUS

Wer bekommt wie viel? Wer übernimmt

wen? Finanzierungen und Exits

COOLAR EROBERT NEW YORK

Das Kühlschrank-Startup holt im Finale von „The Venture“ 50.000 Dollar

Mehr als 2500 Gründer hatten sich bei der neuen Runde des mit einer Million Dollar

dotierten Wettbewerbs „The Venture“ beworben. Voraussetzung für die Teilnahme

sind Geschäftsideen, deren Ziel es ist, die Welt zu verbessern. Veranstalter ist der

Whisky-Hersteller Chivas Regal. Fünf Teams, darunter das Berliner Startup Coolar,

schafften es am 14. Juli ins Finale nach New York. Noch einmal hatte Gründerin Julia

Römer (Mitte) fünf Minuten, um die Jury von dem Nutzen ihrer Technologie zu überzeugen.

Coolar entwickelt von einem Stromnetz unabhängige Kühlsysteme. So kann

das Startup in den ärmsten Regionen der Welt die Kühlung von Lebensmitteln oder

Medizin sicherstellen. Das Jury-Urteil: Platz fünf und ein Preisgeld von 50.000 Dollar.

Platz eins und 300.000 Dollar gingen an das kolumbianische Startup Conceptos Plásticos,

das Gummiabfälle zu Material für den Bau von Häusern oder Schulen umwandelt.

Die weiteren Finalisten: Wefarm, Eyecontrol und Wakami. theventure.com

HABT IHR SPANNENDE NEUIGKEITEN?

SCHREIBT UNS: news@berlinvalley.com

STUDIENGANG BILDET

GRÜNDER WEITER

In Baden-Württemberg hat das Forschungsministerium

grünes Licht für

den berufs be gleitenden Masterstudiengang

Intra- und Entrepreneurship

der Universität Stuttgart und der

Hochschule der Medien (HdM) gegeben.

Er startet im Wintersemester

und richtet sich an Mitarbeiter aus

technologieorientierten Unternehmen

sowie Startups. Bewerbungen

sind ab sofort möglich. innovativeentrepreneurship.de

INSOLVENZ: IVERSITY

PLANT NEUSTART

Die Online-Lehrplattform Iversity ist

insolvent. Eine für Juni geplante Finanzierung

sei geplatzt, sagte Iversity-Gründer

Hannes Klöpper. Weil

sich die Altinvestoren T-Venture und

Bmp neu orientiert hätten, gebe es

von ihnen kein frisches Geld mehr.

Von den zuletzt 24 Mitarbeitern

mussten 20 gehen. Derzeit werde

mit einem neuen Investor verhandelt.

(Mehr auf Seite 45) iversity.org

8 / berlinvalley.com

NACH DEM BREXIT:

BERLIN WIRBT UM STARTUPS

„Dear start-ups, keep calm and move to Berlin“,

warb die FDP bereits am Tag nach dem Brexit-

Referendum augenzwinkernd auf mobilen Plakaten

in London. Dabei könnte genau das eintreten.

Berlin Partner für Wirschaft und Technologie

bestätigt bereits mehrere Anfragen, vor allem

aus dem Fintech-Bereich. Für Oktober hat die

Wirtschaftsförderung die Eröffnung eines Popup-Labs

in London geplant. Wirtschaftssenatorin

Cornelia Yzer (CDU) fordert: „Berlin muss sich in

Stellung bringen und bietet beste Voraussetzungen

für Unternehmer aus dem Ausland.“ Bereits am Tag

nach dem Referendum hat sie erste Schreiben an

britische Firmen verschickt, in denen sie für Berlin

als neuen Standort wirbt. berlin-partner.de

45 MILLIONEN EURO VON TCV FÜR BRILLEN.DE

Technology Crossover Ventures (TCV), einer der größten

Risikokapitalgeber im Silicon Valley, investiert erstmals

in Deutschland: Der Fonds steckt 45 Millionen

Euro in Brillen.de. Das Startup aus Wildau bei Berlin

produziert – anders als Mister Spex oder Brille24 –

auch eigene Modelle kostengünstig bei einem Partnerunternehmen

in Schanghai. brillen.de

SHORE ERHÄLT 13 MILLIONEN VON ZALANDO

Die Zalando-Gründer Robert Gentz, David Schneider

und Rubin Ritter investieren mit der Funke Mediengruppe,

Bayern Kapital, dem ehemaligen Versatel-Vorstand

Peer Knauer und anderen Geldgebern 13 Millionen

Euro in Shore. Das Startup von Alexander Henn (l.)

und Philip Magoulas unterstützt kleine Firmen mit einer

Managementsoftware. shore.com

PETER THIEL INVESTIERT IN DEUTSCHE STARTUPS

Der Paypal-Gründer, Facebook-Investor und seit Kurzem

Trump-Unterstützer, Peter Thiel, hat mit Finlab und

weiteren Geldgebern in zwei deutsche Startups investiert.

Deposit Solutions aus Hamburg, Anbieter von

Zinspilot, erhält 15 Millionen Euro. 3,5 Millionen Euro

gehen an die Kölner Lern- und Ausbildungsplattform

Nextmarkets. nextmarkets.com, zinspilot.de

Fotos: JCS (CC BY 3.0, flickr), JD Lasica(CC BY-NC 2.0, flickr), Shore, brillen.de, The Venture, Heimat Berlin

Fotos: Top12, Eve Sleep

ONLINESHOP TOP12.DE

SPONSERT DIE ROTEN TEUFEL

Mit Beginn der neuen Fußball-Bundesligasaison 2016/17

wird das E-Commerce-Startup Top12.de offizieller

Haupt- und Trikotsponsor des 1. FC Kaiserslautern.

Der 2015 gegründete Onlineshop sichert sich damit

ein Leistungspaket, das neben der Präsenz auf dem

Trikot unter anderem auch TV-relevante Werbung

und ein Digitalpaket enthält. Für Frederic Palmstorfer,

Geschäftsführer von Top12.de, schließt sich der Kreis:

„Für mich als ehemaligen Jugendspieler des FCK ist

es natürlich eine besondere Freude, dieses Bündnis

einzugehen!“ Er freue sich, den Verein als zwölfter

Mann zu unterstützen. top12.de

„WIR MÜSSEN

DIE STARTUP-NATION

WERDEN –

NICHT EINE

VON VIELEN“

THORSTEN DIRKS

Der Bitkom-Präsident schlägt den Aufbau „digitaler Ökosysteme“ vor,

in denen etablierte Unternehmen und Startups zusammengebracht werden.

bitkom.org

UPDATES

Neue Funktionen, Fort- und Rückschritte

SCALABLE CAPITAL EXPANDIERT

Nur wenige Monate nach dem Marktstart in Deutschland

ist der digitale Vermögensverwalter jetzt auch in

Österreich aktiv. Bei dem Fintech aus München können

Nutzer in kostengünstige, global diversifizierte ETF-Portfolios

investieren. scalable.capital

WEITERE STÄDTE FÜR CATERWINGS

Rocket Internets Online-Marktplatz für Caterer

expandiert durch eine strategische Partnerschaft mit

Eventinc nach Köln, Frankfurt und Düsseldorf. Anfragen

über den Online-Event-Anbieter werden ab sofort von

Caterwings betreut. caterwings.de, eventinc.de

UDACITY KOMMT NACH DEUTSCHLAND

Die E-Learning-Plattform bietet zum Start die gleichen

Kurse wie in den USA an. Sie sind auf konkrete Fähigkeiten

und Wissensbereiche ausgerichtet und kosten 200 Euro

pro Monat. Zu den Investoren des Unternehmens mit

Einhorn-Status zählt Bertelsmann. udacity.de

DA LEGST DI NIEDER

8,2 Millionen Euro für Eve. Was finden Investoren an Matratzen-Startups?

Der Hype um den Online-Verkauf

von Matratzen reißt nicht ab. Im Juli

hat das deutsch-englische Startup

Eve Sleep von dem TV-Sender

Channel 4 und den bestehenden

Investoren DN Capital sowie

Octopus Ventures frisches Kapital

erhalten. Die zusätzlichen 8,2

Millionen Euro sollen vor allem in

die internationale Expansion fließen,

erklärt CEO und Mitgründer Jan

Bagniewski. Er spricht von einer

unglaublichen Entwicklung. „Wir

verzeichnen von Monat zu Monat

ein Wachstum von 25 Prozent.“

Für 2016 ist ein Umsatz von 20,3

Millionen Euro angepeilt. Fast das

GELD VOM STAAT

Mehr Geld für junge, innovative

Unternehmen: Der Europäische

Investitionsfonds und ERP-Sondervermögen

– vertreten durch das

Wirtschaftsministerium – haben die

Mittel für den ERP/EIF-Dachfonds

und European Angels Fonds um eine

Milliarde Euro erhöht. Zusammen

mit den Mitteln für die im März

gestartete Wachstumsfazilität stehen

künftig rund 3,2 Milliarden Euro zur

Finanzierung von Startups bereit.

„Durch die Aufstockung sind wir

unserem Ziel, eine neue Gründerzeit

in Deutschland anzustoßen, wieder

einen Schritt näher gekommen“, sagt

Wirtschaftminister Sigmar Gabriel

Fünffache hat im vergangenen Jahr

bereits Casper umgesetzt. Mit Büros

in Berlin und London drängt das

New Yorker Matratzen-Startup nun

in den hartumkämpften europäischen

Markt. Allein in Deutschland tummeln

sich Startups wie Bruno, Muun, Emma

oder Buddy im Wettbwerb. Warum

auch nicht? Das Produkt ist attraktiv.

Guter Schlaf zählt zum Lifestyle und

die Margen sind im Online-Vertrieb

noch einmal höher als beim Händler

an der Ecke. Von schlaflosen Nächten

bei den Gründern keine Spur.

„Die Konsumenten nehmen unser

Geschäftsmodell hervorragend an“,

sagt Bagniewski. evemattress.de

Wirtschaftsminister Gabriel: „Neue Gründerzeit in Deutschland anstoßen“

(SPD). Außerdem berichtet die Welt am

Sonntag, dass die Bundesregierung

mit einem neuen, zehn Milliarden

Euro schweren Fonds Gründer

stärker fördern will. Den Plänen

des Finanzministeriums zufolge soll

die KfW-Bank Gründern für jeden

Euro an Wagniskapital einen Euro

Kredit zu vergünstigten Konditionen

bereitstellen. So sollen insgesamt 20

Milliarden Euro zusammenkommen.

Bisherige Programme lassen aber am

Erfolg zweifeln. Von den 150 Millionen

Euro des Programms Invest etwa sind

laut Wirtschaftsministerium bisher nur

23,59 Millionen abgerufen worden.

welt.de, bmwi.de

berlinvalley.com / 9


MELDUNGEN

Gadget des Monats

HIN UND WEG

Wer kommt? Wer geht? Wer hat was erreicht?

Wichtige Personalmeldungen der Startup-Szene

Sieger des Monats

DATES

Wo man sich jetzt noch bewerben kann

15.08.

PROJECT FLYING ELEPHANT: Der Inkubator des

Beliner VC Westtech startet im Oktober sein neues

Programm für Teams in frühen Entwicklungsphasen.

Ziel ist es, Gründern eine Umgebung zu bieten, in

der sie etwa drei Monate intensiv an ihrem jeweiligen

Projekt unter optimalen Rahmenbedingungen arbeiten

können. Die Bewerbungsphase läuft noch bis zum 15.

August 2016. projectflyingelephant.de

DRUCKEN UND GUCKEN

Fischertechnik kooperiert für Bausatz mit Startup German Reprap

Auf der Spielwarenmesse im Januar hat er bereits für Aufsehen gesorgt.

Jetzt ist der vielbeachtete 3D-Drucker-Bausatz von Fischertechnik im Handel

erhältlich. Das Set ist ein Gemeinschaftsprodukt der Waldachtaler

mit dem 3D-Drucker-Startup German Reprap aus Feldkirchen. Auch nach

dem Aufbau der 890 Teile bleibt die Technik sichtbar, weil der Bausatz

auf eine umschließende Abdeckung verzichtet. In der Bibliothek der

Software sind bereits Beispiele als druckfähige G-Codes gespeichert.

Zusätzlich lassen sich aus Internet-Datenbanken importierte oder selbst

mit einem CAD-Programm gestaltete STL-Dateien in der Drucker-Software

verarbeiten und in einen druckfähigen G-Code verarbeiten. Preis des

Bausatzes: 699,95 Euro. fischertechnik.de, germanreprap.com

CAROLIN KEBEKUS GEHT

UNTER DIE INVESTOREN

Die Komikerin hat im Juni mit

DCM und anderen Geldgebern in

Stagelink investiert. Kebekus nutzt

das Promotion-Startup bereits für

die Bewerbung ihrer Shows. Nun

freut sie sich, „auch als Investorin

Teil des Stagelink-Teams zu

werden“. stagelink.com

CLAUDIA THÄNS BRINGT

PRINTERFAHRUNG ZU DCMN

Nach zwölf Jahren bei Axel

Springer soll Claudia Thäns bei

DCMN nun helfen, den Printund

Digital-Bereich intensiver

auszubauen. Bisher ist der Growth

Solution Provider hauptsächlich

für Performance-basierte TV-

Kampagnen bekannt. dcmn.de

GRÜNDUNGSMEISTER

Mit Wickeltaschen zum Sieg beim Businessplan-Wettbewerb 2016

Am 14. Juli wurden in der Investitionsbank Berlin die besten Gründer

der Region Berlin-Brandenburg ausgezeichnet. In der Kategorie „Plan“

gewann das Berliner Startup Mara Mea, das multifunktionale Wickeltaschen

sowie Umstands- und Stillmode für moderne Eltern entwickelt. Im

Bereich „Canvas“ überzeugte LQ Enterprise, ebenfalls aus Berlin, mit der

mehrsprachigen Plattform Jobkraftwerk, die Geflüchtete und Unternehmen

zusammenbringt. Die Abschlussprämierung bildete den Höhepunkt

der dreiphasigen Initiative, die Existenzgründer kostenlos mit mehr als

100 Seminaren sowie einem großen Expertennetzwerk bei der Entwicklung

eines tragfähigen Geschäftskonzepts unterstützt. Rund 1500 Interessierte

nutzten das Angebot des diesjährigen Businessplan-Wettbewerbs.

Insgesamt wurden 295 Geschäftskonzepte eingereicht. b-p-w.de

15.08.

20.10.

EY PUBLIC VALUE AWARD: EY zeichnet in Kooperation

mit der HHL Leipzig Graduate School of

Management erstmals Startups für ihren Beitrag zum

Gemeinwohl aus. Letztlich gebe es nichts, was eine

Idee stärker legitimiert als ihr Beitrag zum gesellschaftlichen

Zusammenleben und Fortschritt. Startups,

die sich in diesem Bereich engagieren, können sich

online bis zum 15. August bewerben. eypva.com

DEEP TECH AWARD: Im Rahmen der Landesinitiative

„Projekt Zukunft“ und der Kampagne für den

IT-Standort Berlin „Log in. berlin.“ werden Lösungen

und Produkte im Bereich Internet of Things (IoT) gesucht,

die sich vor allem durch einen hohen Innovationsgrad

auszeichnen. Das Preisgeld beträgt 60.000

Euro. Bewerbungsschluss ist der 20. Oktober, die

Preisverleihung findet am 9. November statt. sibb.de

5G-NETZ ZUERST

IN BERLIN

Berlin wird Testlabor für den neuen

Mobilfunkstandard 5G. Partner beim

Aufbau und der Entwicklung des

Netzes ist die Deutsche Telekom. 5G

ermöglicht Echtzeitkommunikation

sowie deutlich höhere Datenraten

von bis zu zehn Gigabit pro

Sekunde. Die Technologie soll bis

2020 Marktreife erreichen. Eine der

Sendeanlagen kommt unter anderem

auf das frühere Telefunken-Hochhaus

am Ernst-Reuter-Platz. Auch Startups

und Organisationen sind ab sofort

aufgefordert, 5G-Innovationen in

Berlin zu erproben. telekom.de

COMPANISTO KNACKT

30-MILLIONEN-MARKE

Die in Deutschland, Österreich und

der Schweiz tätige Crowdinvesting-

Plattform hat mehr als 30 Millionen

Euro in Wachstumsunternehmen und

Startups investiert. Auf Facebook

meldete das Unternehmen, dass

bislang nur sieben von insgesamt

60 Startups erfolglos waren. Dies

entspricht 1,42 Millionen Euro

ausgefallenem Kapital. „Der Anteil

des ausgefallenen Kapitals liegt

somit bei nur 4,52 Prozent – dies ist

für den Venture-Capital-Bereich eine

extrem niedrige Quote“, schreibt

Companisto. companisto.com

10 / berlinvalley.com

GELD FÜR GLOBAL

FASHION GROUP

Die Global Fashion Group (GFG) hat

Ende Juli eine Finanzierungsrunde

in Höhe von 330 Millionen Euro

abgeschlossen. Das Geld kommt von

den bestehenden Gesellschaftern,

einschließlich Rocket und dem Rocket

Internet Capital Partners Fund. GFG

wurde 2014 gegründet und gehört

zu den führenden Online-Fashion-

Unternehmen in Schwellenländern.

„Die jüngste Finanzierungsrunde

verschafft GFG das nötige Kapital,

um diesen Weg weiter zu verfolgen“,

sagt Rocket-Chef Oliver Samwer.

global-fashion-group.com

P7S1 PLANT

WEITERE ZUKÄUFE

Der Medienkonzern Prosiebensat.1

will sein Digitalgeschäft nach den

Zukäufen von Verivox und Etraveli mit

weiteren Übernahmen stärken. Für

Akquisitionen habe man bis zu eine

halbe Milliarde Euro zur Verfügung,

sagte Konzernchef Thomas Ebeling

der Süddeutschen Zeitung. „Das

Problem ist, dass es gar nicht so viele

größere Unternehmen in Deutschland

gibt, die strategisch passen und

bei denen wir eine Wertsteigerung

für unsere Aktionäre erwarten.

Aber wir haben die Augen offen.“

prosiebensat1.de

FINLEAP HOLT CAROLIN GABOR

ALS MANAGING DIRECTOR

In dieser Position soll die

frühere Beraterin bei der Boston

Consulting Group die marktreifen

Startups in den Bereichen

Strategie und Wachstum bis hin

zum möglichen Exit unterstützen.

Zuletzt war Gabor CEO bei

Autohaus24. finleap.de

BENEDIKT LEHNERT VERLÄSST

WUNDERLIST FÜR MICROSOFT

Ein Jahr nach der Übernahme von

6Wunderkinder durch Microsoft

wechselt der Chief Design Officer

von Wunderlist zur Mutter nach

New York. Dort soll er das Outlook-

Team als Director of Product

Design for iOS, Android und Mac

unterstützen. microsoft.com

ORIETTA MENDEZ KEHRT

ZU GLISPA ZURÜCK

Die Marketingspezialistin, die

bereits von 2009 bis 2012 bei

dem Berliner Startup gearbeitet

hat, ist nun VP Global Operations

& Partnerships. Zwischenzeitlich

hatte Mendez beim Venture

Builder Covus das Unternehmen

Crobo aufgebaut. glispa.com

SUNNY WUNSCH ÜBERNIMMT

NEUES RESSORT BEI PIABO

Die Kommunikationsexpertin wird

Head of E-Commerce & Brand

PR. Ihr neu zusammengestelltes

Spezialteam soll bei Piabo die

Nachfrage der wachsenden

E-Commerce-Branche bedienen.

Sunny Wunsch kommt von CLY

Communication. piabo.de

Fotos: Glispa, Finleap, DCMN, Fischertechnik, Axl Klein, Duncan Davidson

Fotos: Leo Seidel, european startup initiative

IHR HABT SPANNENDE NEUIGKEITEN? SCHREIBT UNS: news@berlinvalley.com

WENN DU NOCH EINMAL ANFANGEN KÖNNTEST …

… wo würdest du dein Startup heute gründen? Diese Frage ist Grundlage einer Studie der European Startup Initiative (ESI) unter 700 Gründern

Wenig überraschend: An der Spitze liegen Berlin

(15 Prozent) und London (14 Prozent), die zusammen

knapp ein Drittel der Stimmen verbuchen.

Anders sieht das Ranking aus, wenn man nur

die Erwähnungen der Hubs in den bekanntesten

Techblogs – Wired, Techcrunch, The Next Web und

Mashable – untersucht. Hier liegt London vor Paris

und Berlin nur auf Rang drei, was zeigt: Persönliche

und unabhängige Erfahrungen spielen bei der

Standortwahl offenbar eine größere Rolle als die

Berichterstattung in den Medien.

Für die Mitte Juli vorgestellte Startup Heatmap Europe

haben die Autoren auch die Umzugsbereitschaft der

Gründer untersucht: Fast ein Viertel der Teilnehmer

haben ihr Unternehmen nicht in ihrem Herkunftsland

gegründet, wobei Männer eine deutlich höhere

Bereitschaft zum Umzug zeigen als Frauen: 90 zu

zehn Prozent.

Aber was sind die entscheidenden Faktoren für die

Standortwahl? Wichtig sind Zugang zu Talenten und

die Qualität des Ökosystems, weniger wichtig ist

das Geld. Die Erklärung: „Unternehmer müssen nicht

dem Geld folgen, wenn sie sicherstellen können,

dass das Geld zu ihnen kommt.“ Alle Ergebnisse der

ESI-Studie unter: startupheatmap.eu

«Where would you start

up if you could begin all

over again?»

2.392

29%

Total Votes

of all votes go to

Berlin & London

FOUNDERS’ FAVOURITE HUBS

Berlin

London

Amsterdam

Barcelona

Lisbon

1

2

3

4

5

15 %

14%

10 %

7 %

5 %

Dublin

Stockholm

Munich

Copenhagen

Vienna

Founders had up to 5 votes from a list of 30 cities. Percentages indicate how many of all founders would

like to startup in the respective city. To access the full list of favorite Hubs please click here.

HOW DID THE REGIONS VOTE?

BALTICS

52 %

58% 52%

London

Berlin

50 % 48 %

NORDICS

Tallinn

42 %

Riga

32 %

Amsterdam

6

7

8

9

10

4 %

4 %

4 %

3 %

3 %

Get the full report here

29 %

Stockholm

Berlin Stockholm London Copenhagen Amsterdam Tallinn

57 % 46 % 32 % 20 % 18 % 17 %

CEE

London Berlin Amsterdam Dublin Barcelona Warsaw

SOUTH

46 %

64 % 50 %

London

Berlin

45 %

Lisbon

30 %

32 %

Amsterdam

15 %

32 %

Barcelona

Percentages indicate how many founders coming from a region imagine to startup in the mentioned city. Founders had up to 5 choices.

13 %

10 %

Madrid

WHAT GETS THE FOUNDERS MOVING?

TALENT CAPITAL

ECO -SYSTEM

COSTS

71% 69% 51% 44%

Access to highly qualified

talent is relevant or very

relevant to the highest

number of founders.

High-Tech Startup

Second is the quality of

the ecosystem, though

founders from high-tech

startups rate it slightly

higher than talent.

Access To Capital

BERLIN 1 -1

MUNICH +3 +3

ZURICH +7 1 +1

MADRID +5 2 -2

LUXEMBOURG 3 +3 2 +2

BARCELONA -3

LISBON 5 -5 4 -4

This shows the rank change when we only look at founders of high-tech companies

with a high appreciation for access to capital.

Founders from low GDP

per capita countries rated

the costs more relevant

as compared to founders

from other countries.

FINDING A SPECIALISATION

Even though founders

from high-tech startups

rate access to capital

higher it ranks overall

least important.

* The percentages show the share of founders who find a certain factor relevant or very

relevant (4 and 5 points out of 5) when considering a location choice.

The choice for a startup hub depends

on the founders needs or preferences.

Jumps 7 ranks for

ZURICH High-Tech startups

Jumps 3 ranks for

Access to Capital MUNICH

berlinvalley.com / 11


FASHIONTECH

Viel Gesprächsbedarf: Diskussionsrunde auf der Messe

FASHIONTECH

Lisa Lang: die Gründerin von Elektrocouture

auf der Fashiontech Berlin

Passt sich an: Wearable Facade von Popkalab

nimmt mit Mikrokameras die Umgebung auf und

übersetzt sie in farbige Lichteffekte.

KLEIDER MIT BLING

Alarm bei Annäherung: Eine Mitarbeiterin integriert das Proximity Kit von 360Fash Tech in ein Brautkleid.

Fashiontech Berlin: Wie IT die Mode aus der Krise rettet

Surface Distortion: neuestes Highlight der

holländischen Designerin Maartje Dijkstra

Hat den Durchblick: Peter Ramsauer

am Stand von Jasna Rok

Gleich am Anfang der Halle posiert ein muskulöser Mann im Sportdress.

Die Botschaft des Models: „Wer mit der Sportbekleidung von

Antelope trainiert, sieht nach wenigen Wochen aus wie ich.“ Spaß

beiseite. Wunder kann auch die vom 2014 gegründeten Startup

Wearable Life Science entwickelte Sportbekleidung nicht vollbringen.

Leistungssteigernd ist sie sehr wohl. „Antelope besteht aus

einer Kompressionstextilie mit integrierten Elektroden, einer Smartphone-großen

Elektronikeinheit sowie einer App zur Steuerung des

Systems“, erklärt Firmengründer Philipp Schwarz. Über elektrische

Impulse von außen werde die natürliche Muskelkontraktion verstärkt,

jede sportliche Betätigung sei damit intensiver und effektiver.

Wearable Life Science aus Nürnberg war einer von 27 Ausstellern

auf der Fashiontech Berlin, die Ende Juni bereits zum sechsten Mal

stattfand. Wie jede Modemesse machte sie optisch viel her. Aber mit

Technologie kombinierte Hosen und Handtaschen sind besonders

schön, weil sie blinken und leuchten. Der Ambience- Rock der Designerin

Lina Wassong macht über zwei im Innenfutter angebrachte

Lautsprecher auch Geräusche. Man hört das Rauschen eines Flusses

oder das Rascheln von Baumkronen im Wind.

Glanzvoller Auftritt: Elektrisch illuminierte Clutch von Moon Berlin

Wer das für Spielereien hält, sollte sich vor Augen führen, dass die

Fashiontech mittlerweile eine etablierte Veranstaltung ist. 30 Referenten

sprachen bei der Konferenz über die Zukunft der Mode,

3500 Besucher waren ins Kühlhaus gekommen. Und da eine Messe

nicht nur ein Markt ist, sondern auch einen Markt schafft, könnte

das Segment der technisch aufgerüsteten Kleidung schon bald aus

der Nische heraustreten. Dafür spricht auch der gemeinsame Plan

von Google und Levi’s: Seit die Konzerne im März dieses Jahres

verkündet haben, dass sie bis 2017 eine smarte Jacke herausbringen

wollen, gilt als ausgemacht, dass die innovativen Designer,

die Smartphones oder LED-Lämpchen in die Kleidung integrieren,

auf der richtigen Spur sind. Es verwundert auch nicht, dass Shirts,

die Insulin- oder Blutwerte messen, oder Jacken mit eingebautem

Navigationsgerät Nachfrage erzeugen. Für Lisa Lang ist es nur

eine Frage der Zeit, bis Tech-Fashion bei H & M oder Zara hängt.

Für die Gründerin der Plattform Elektrocouture, die Designer mit

IT-Unternehmen zusammenbringt, ist die intelligente Mode gar die

Retterin in der Krise, in der die Branche feststeckt, weil sie seit

Jahren das Immergleiche präsentiert.

rw

Taschen aus der Libet-Serie mit LED-Beleuchtung von 360Fash Tech

Fotos: 360Fashion, Moon Berlin, Popkalab/Ricardo O'Nascimento, Lisa Wassong/Christopher Santos,

Jasna Rok/Nils Krüger, Niké Dolman, Deutsche Telekom/Florian Reimann, Inforce Yoga/Lilien Stenglein, Formbytime

Flimmert wie Glühwürmchen, klingt wie Waldesrauschen:

der Ambience-Rock von Lina Wassong

Formwandler: Formbytime aus Österreich integriert Motoren,

Akkus, Sensoren und Bluetooth in Schmuckstücke.

Lorem Ipsum

Reflektiert die Körperhitze:

die Kollektion von Inforce Yoga

Zum Einnähen: Die Motoren des Robotic Dress Kit von

360Fash Tech verändern die Form der Kleidung.

Leistungssteigernd: die Sportbekleidung von Antelope


JOBPROFIL

KOLUMNE

WAS MACHT EIGENTLICH EIN

E-LEARNING INSTRUCTOR

In der Startup-Szene gibt es viele eigentümliche Jobbezeichnungen.

Philipp Hartmann erklärt, was seine Aufgaben als Dozent beim E-Learning-

Portal Udemy sind. Sein neuer Kurs richtet sich speziell an junge Gründer

Die Zukunft des Lernens ist digital. Seit Jahren boomen

die Angebote rund um das Thema E-Learning. In

den USA längst riesengroß, wächst auch hierzulande

der Zuspruch für anspruchsvolle Online-Tutorials.

Wer, wie ich, in Deutschland aufgewachsen ist,

der weiß, dass Bildung ein Allgemeingut ist. Aber

in anderen Teilen der Welt sind solche Strukturen

kaum vorhanden. Insofern reizt mich an dem E-Learning-Phänomen,

dass man mit Online-Kursen plötzlich

einen Zugang für all jene schafft, die kein Geld

für teure Studien oder Weiterbildungsprogramme

haben. Nicht nur in vielen ärmeren Ländern, sondern

auch in Deutschland und im EU-Ausland ist

der Wissenserwerb durch Online-Kurse die ideale

Ergänzung zum eigenen Lebenslauf. Ich selbst habe

BWL an der European Business School studiert und

mir viel Wissen im klassischen Hörsaal angeeignet.

Wenn ich heute als Student die Wahl hätte, auch

Online-Kurse zu belegen, um mein Wissen zu erweitern,

würde ich das sofort machen.

Als mich Udemy fragte, ob ich Lust hätte, als Dozent

für den Wissensanbieter tätig zu werden, habe ich

sofort zugesagt. Ich fand es spannend, dabei mitzuwirken,

Inhalte zu produzieren, in denen ich mein

Wissen mit anderen teile. Die Plattform hilft Dozenten,

in wenigen Schritten einen Kurs aus unterschiedlichen

Komponenten zusammenzubauen.

Als Co-Founder und Company Builder habe ich Einblick

in die Aufbauarbeit bei mehr als 20 Portfolio-

PHILIPP HARTMANN

Der Founding Partner von Rheingau Founders,

dem professionellen Co-Founder für Online-

Firmen mit Sitz in Berlin, ist unter anderem beim

Aufbau von Firmen wie Lieferando, Schutzklick

oder Service Partner One beteiligt. Seit Juli ist

er zudem Dozent bei Udemy.

rheingau-founders.com

14 / berlinvalley.com

Unternehmen gewinnen können und dadurch eine

Menge gelernt. Ich finde es wunderbar, Jung-Gründern

auf diese Weise Starthilfe zu geben und damit

meine eigene Erfahrung an ein großes Publikum weiterzureichen.

Weltweit hat die Plattform elf Millionen

Nutzer.

Natürlich freue ich mich auch, wenn ich als Online-Dozent

für Rheingau Founders den einen oder

anderen neuen Kontakt über Udemy knüpfen kann.

Besonders bin ich auf die Interaktion mit der Community

gespannt und darauf, wie meine Inhalte vom

breiten Publikum angenommen werden. Als Dozent

behält man übrigens die Rechte an dem Kurs und

kann die Inhalte beispielsweise auch auf der eigenen

Website vertreiben.

STARTHILFE FÜR JUNGE GRÜNDER

Konkret geht es in meinem Kurs „Entrepreneurship in

Deutschland“ (seit 29. Juli im Programm) um die digitale

Gründerszene in Deutschland und speziell die in

Berlin. Ich spreche über meinen persönlichen Weg,

über den Startup-Hub Berlin, von Gründer mythen

und von dem optimalen Gründer und dem dazu

passenden Partner. Weitere Aspekte sind die Skalierung

des Startups von Beginn an über die Wahl des

Geschäftsmodells bis hin zu verschiedenen Formen

des Exits. Fragen der passenden Rechtsform, der

Finanzierung und – last but not least – das Pitch Deck

werden ebenfalls besprochen.

NAME:

Udemy

GRÜNDUNG:

2010

GRÜNDER:

Oktay Caglar, Eren Bali,

Gagan Biyani

MITARBEITER:

20.000 Instructors

STANDORTE:

San Francisco, Dublin, Ankara

SERVICE:

Online-Lern- und Lehr-Marktplatz

udemy.com

Bei Udemy geht es nicht darum, theoretisches Wissen

an Dritte zu vermitteln und dafür vielleicht noch

ein Abschlusszertifikat zu vergeben, sondern darum,

von Praktikern zu lernen, echte Erfahrungen zu teilen

– und zwar genau das Wissen, das einem im

realen Leben und im Job auch weiterhilft – nicht nur

auf dem Papier. Und für die Dozenten lohnt es sich

auch: Sie behalten bei Selbstvermarktung fast 100

Prozent der Einnahmen. Spitzendozenten verdienen

mehrere tausend Euro im Monat. In Deutschland gibt

es inzwischen rund 500 Dozenten bei Udemy.

HAST DU EINEN

UNGEWÖHNLICHEN JOB?

SAG ES UNS:

jobprofil@berlinvalley.com

Fotos: Lorem Udemy Ipsum

Fotos: Simon Schäfer

WTF, EUROPA!

Ist das wirklich alles, was Politik und Startups drauf haben?

SIMON SCHÄFER

Der Brexit führt uns erschreckend

vor Augen: Europa versagt,

Gespenster von Nationalismus

und Pseudofaschismus gehen

um. Dass gerade der englischsprachige

Wirtschaftsraum –

alle Computer funktionieren auf Englisch – aus

der EU austreten will, ist hanebüchen. Auch weil

nicht die Zukunft gesiegt hat, nicht die Innovation,

sondern Ideologie und Vergangenheit. Denn

vor allem ältere Menschen haben für den Brexit

gestimmt, junge waren mit überwältigender Mehrheit

gegen einen Austritt.

Gerade wir als Startup-Unternehmer können nur

für einen gemeinsamen Wirtschaftsraum sein.

Wie sonst soll schnelles Skalieren funktionieren?

Wie sonst soll ein kompetitiver Raum geschaffen

werden, der es mit den Hegemonialmächten USA

und China aufnehmen kann? Wer als Startupoder

Tech-Unternehmer für einen Brexit ist,

sollte sich einen neuen Job suchen. Denn mit

einer Dekonstruktion Europas ist unserer Branche

nicht geholfen.

In der Factory haben wir die Erfahrung gemacht,

dass Politiker gerne vorbeikommen, um für Fotos

zu posieren. Dagegen haben wir nichts, denn

sie machen nicht nur Werbung für sich, sondern

auch für unser junges Unternehmertum, die

Startup-Szene. Meistens sind die Funktionsträger

überrascht, wenn wir auch eine inhaltliche Diskussion

führen wollen. Doch sie gehen darauf ein,

und meist ergeben sich Folgetreffen. Die Liste der

Begegnungen ist lang und illuster: Björn Böhning,

Cornelia Yzer, Michael Müller, Klaus Wowereit,

Anne Ruth Herkes, Dorothee Bär, Brigitte Zypries,

Peer Steinbrück, Thomas Jarzombek, Lars Klingbeil,

Peter Tauber, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger,

Sigmar Gabriel, Joachim Gauck,

John Emerson, João Vasconcelos, Stefan Löfven,

Günther Oettinger, Andrus Ansip, Neelie Kroes

und Carlos Moedas.

ES GEHT NICHT UM UNSERE TECH-BUBBLE

Die Zusammentreffen führen uns aber auch immer

wieder vor Augen, wo der Hund begraben liegt,

nämlich in der Distanz zwischen der Politiker-Kaste

und dem Rest unserer Gesellschaft. Der Brexit

zeigt: Hier muss sich was ändern. Und das ist

auch möglich: Denn die Politik ist mehr denn je

auf der Suche nach authentischen Stimmen aus

ist Unternehmer und hat 1997 mit Felix Petersen seine erste Internetagentur

gegründet. Danach arbeitete er für Kameha, Motorvision und Wire card,

und hat in Berlin-Mitte eine Sneaker-Boutique und Street-Art-Gallerie

betrieben. 2011 gründete er mit Udo Schloemer die Factory Berlin und

entwickelt nun weitere Factory-Gebäude in Europa. Als Co-Initiator

des Startup Europe Summit ist Schäfer politisch aktiv und investiert als

Business Angel in Startups.

factory.co

der realen Welt, der innovativen Wirtschaft.

Doch nehmen wir uns für diesen Dialog genügend

Zeit? Setzen wir uns für Netzneutralität ein,

machen wir uns für Safe Harbor stark und fliegen

wir mal nach Brüssel, um im Parlament unsere

Meinung hörbar zu machen?

Das Engagement würde sich lohnen: Technologie

greift so sehr in unsere Gesellschaft ein, dass

Veränderung – etwa die Abschaffung der Netzneutralität

– uns alle betrifft. Wenn Facebook und

Youtube schnell laden, aber ein aufstrebender

Konkurrent deutlich länger braucht, spüren die

Nachteile wir alle: Monopole verfestigen sich,

Investitionen in bandbreitenintensive Startups

(Video, Games, Foto-Sharing) werden unsicherer.

Warum sollte man in ein Unternehmen investieren,

das willkürlich von einem Kabelbetreiber

an- oder abgedreht werden kann?

POLITIK KANN VOM PROGRAMMIEREN LERNEN

Die Folgen sind offensichtlich, aber der Politik

fehlen Konzepte. Auf der anderen Seite: Nicht

einmal VCs wissen, wohin die Entwicklung geht.

Sonst wäre es einfach, mit Venture Capital zu

verdienen. Klar ist also auch: Politiker haben es

schwer, mit Gesetzen und Regularien Innovation

zu antizipieren, wenn selbst diejenigen, die damit

ihren Lebensunterhalt verdienen, häufig Bruchlandungen

erleben. Hinzu kommt: Die Implementierung

von Gesetzen ist eine Schnecke, sie dauert

bis zu fünf Jahre.

Eine Idee für schnellere und flexiblere Gesetze:

Wie wir vom Programmieren wissen, bedeuten

Variablen Flexibilität. Warum also nicht mit Variablen

definieren, was ein Startup ist? Warum keine

Parameter festlegen, die Änderungen im Steuerrecht

oder im Investitionsraum möglich machen?

Vorschlag: Jede Firma, die nicht älter als drei

Jahre ist, weniger als 80 Prozent Risikokapital hat

und keinen Gewinn macht, zahlt keine Mehrwertsteuer

(die kommt bei Investitionen sowieso

zu 100 Prozent zurück), kann ohne Insolvenzverfahren

geschlossen werden, und die Verluste

können von Minderheitsgesellschaftern (Angels,

FFF, VCs unter 20 Prozent Beteiligung) steuerlich

abgeschrieben werden. Boom! Wer Schulden

macht (kein Venture Capital), wer Gewinn abwirft

und wer seit vier Jahren überlebt, ist kein Startup

mehr. Die unablässige Voraussetzung für solch

innovative Gesetzesentwürfe: Die Politik muss

Dialoge führen, muss Gründer fragen – und dazu

müssen Gründer sich Zeit nehmen.

Die Zeiten für solche Politikinnovationen sind

gut: Startups werden von allen Parteien unterstützt.

Keiner hat was gegen Innovation, nicht

im eigenen Land, nicht in Europa. Denn das

Startup-Phänomen trägt zur gesellschaftlichen

Entwicklung bei: Diversity, Sustainability, Social

Tolerance and Redistribution of Wealth – Startups

zu fördern ist ein No-brainer (um bei Anglizismen

zu bleiben – pun intended).

Warum bessere Politik außerdem notwendig ist?

Wie ein Mantra tragen wir vor uns her, dass

neun von zehn Startups scheitern. Wir müssen

dieses Problem reduzieren. Das geht nur, wenn

wir den Key Performance Indicator unserer Ökonomie

optimieren, mit anderen Worten: Wir müssen

deregulieren. Wir müssen es einfacher machen,

etwas zu starten, sowie es einfacher machen,

jemandem Geld zu geben, der etwas versucht.

Es einfacher machen zu scheitern, ohne juristische

Folgen (vorausgesetzt freilich, man ist nicht

straffällig geworden).

EUROPA HAT EIN MARKETINGPROBLEM

Warum ist dieser Dialog so schwierig? Tatsächlich

ist der Brexit das beste Beispiel für miserables

Marketing in Europa. Brexit, mit den Hashtags

#leave und #remain. Remain. Really? Remain

where, in the past? Stay! Und wer hat das entschieden?

Wie kann es sein, dass eine Entscheidung,

die so wichtig ist für Europa, nicht mit den

modernsten Mitteln unterstützt wird? Warum ist

das nicht besser ausgeführt als Obama’s Change

campaign aus 2008?

Seien wir ehrlich: Die Kommission, Horizon

2020, SMEs, die Bürokratie und das Synonym

hierfür, Brüssel, sind straight up unsexy. Das Logo

ist dramatisch. Es ist das Gebäude (die komische

Form im Hintergrund), in dem die Kommissare

und der Präsident sitzen. Das geht viel besser.

Ich hätte zum Beispiel gerne einen europäischen

Pass. In blau. Die Idee Europa ist das einzige,

was Sinn macht. Wer als Tech-Unternehmer

denkt, dass individuelle Staaten es schaffen könnten,

mit vielen Handelsabkommen und Verträgen

Tech-Innovation und das Google oder Facebook

von morgen auch in Europa über seine Grenzen

hinweg möglich zu machen, der ist verrückt.

Da will ich lieber einen blauen Pass.

berlinvalley.com / 15


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WAHLEN IN BERLIN

Linie Sicherheit, doch auch Flexibilität und Schnelligkeit

spielen eine große Rolle. Gerade in der Anfangsphase

ist uns die HypoVereinsbank hierbei sehr

entgegengekommen. Nach einem Anruf erhielten

wir oftmals schon binnen Minuten einen Termin am

selben Tag. Gerade während der ersten Gründung

ist es von Vorteil, wenn man auf Schnelligkeit und

Flexibilität zählen kann. Zudem waren die Ansprechpartner

der Bank auch strategische Sparringspartner,

die uns die Möglichkeit gaben, frühzeitig

Herausforderungen und Themen zu diskutieren.

Das Management von Move24 (v. l.): Marcel Rangnow, CMO und Managing Director, Ante Krsanac, Co-CEO und Managing Director, Anton Rummel,

Co-CEO, Philipp Andernach, COO. Ergänzt wird das Management-Team von Marion Nöldgen, Vice President Business Development.

Stichwort Internationalisierung: Für

Move24 spielt das europäische Geschäft

eine große Rolle. Wie hat Euch die Bank

auf dem Weg ins Ausland unterstützt?

Wichtig sind vor allem gute Lösungen für das

Cash-Management, die Außenhandelsfinanzierung,

das Devisenmanagement sowie die Veranlagung

von Sichteinlagen. Während unserer

Internationalisierung hat die HypoVereinsbank uns

in vielerlei Hinsicht unterstützt. Gut ist, wenn das

gesamte Treasury nur über eine Bank laufen kann:

Man kann mit einem einzigen Cash-Management-Tool

arbeiten und nicht mit vielen unterschiedlichen.

Agiert man wie wir international, ist

die Hilfestellung bei Kontoeröffnungen im Ausland

über Partnerbanken im Ausland sehr nützlich.

Startup Europe Summit: Startups engagieren sich auch in der Politik. Beim Spacehack ging es zum Beispiel um die Frage, wie Technologie die Lebensbedingungen von Flüchtlingen verbessern kann.

„MAN BRAUCHT EINE BANK,

Wie müsste aus Eurer Sicht eine Bank der

Zukunft aufgestellt sein?

In einer Bank der Zukunft spielen Flexibilität, Schnelligkeit

und auch durchgängige Erreichbarkeit eine

große Rolle. Auf technischer Seite benötigt man

Browser- und Mobile-basierte Real-Time-Tools sowie

smarte und sichere Validierungsprozesse.

PARTEI ERGREIFEN

Aber welche macht vernünftige Startup-Politik? Unsere Analyse zur Berlin-Wahl am 18. September

DER MAN VERTRAUT“

Anton Rummel, Co-CEO von Move24,

über die Herausforderungen einer

Gründung und die Unterstützung

durch erfahrene Bankberater

Anton, seit wann gibt es Move24 und was

macht Ihr genau?

Move24 bietet internationale Services für alle Arten

von Umzügen an. Da wir Ineffizienzen im Markt

eliminieren, können wir Umzüge mit voller Preistransparenz

zum attraktiven Festpreis anbieten. Dabei

werden stets höchste Qualitätsstandards garantiert.

Die Umzüge werden von einem internationalen

Netzwerk von zertifizierten Partnerunternehmen

durchgeführt. Durch das Bündeln von Umzugsvolumen

sowie die Übernahme administrativer Aufgaben

nimmt Move24 den Partnern einen großen Teil der

Kosten und Planungsunsicherheiten. Diese können

im Gegenzug deutlich attraktivere Preise anbieten.

Move24 wurde im Sommer 2015 in Berlin gegründet

und zieht mehrere tausend Haushalte pro Monat um.

Was waren die größten Herausforderungen

bei der Gründung von Move24?

Neben dem Fundraising war der formelle Gründungsprozess

eine Herausforderung. In den ersten

Wochen war der administrative Aufwand höher

als erwartet. In dieser Phase hat uns die HypoVereinsbank,

die vom ersten Tag an mit im Boot war,

maßgeblich unterstützt.

„ES IST VON

VORTEIL,WENN

MAN AUF

SCHNELLIGKEIT

UND

FLEXIBILITÄT

ZÄHLEN KANN“

Warum habt Ihr Euch für das TechTeam

der HypoVereinsbank entschieden?

Ausschlaggebend war der erste Eindruck,

insbesondere die Flexibilität und Schnelligkeit.

Von Anfang an wurden wir von der HypoVereinsbank

Schritt für Schritt durch den Prozess

geleitet. Durch die Expertise auf Seiten der Bank

hinsichtlich der speziellen Herausforderungen

eines Startups konnte das TechTeam besonders

hilfreich agieren. Dieses Verständnis war während

des Aufbaus und der Durchführung professioneller

Gründungs- und Finanzierungsprozesse von

immenser Bedeutung.

Was erwartet Ihr ganz konkret von

Eurem Bankpartner?

Von unserem Bankpartner erwarten wir in erster

Welchen Rat gebt Ihr Gründern für die

Auswahl eines Bankpartners?

Wenn sich die Frage auf die Gründung im Allgemeinen

bezogen hätte, hätte die Antwort gelautet, dass

man sich seiner Sache nie zu sicher sein und sich

auf das Wesentliche konzentrieren sollte. Die Erfahrungen,

die wir mit der Bank gemacht haben, waren

kontinuierlich positiv. Um sich auf das Wesentliche,

nämlich das operative Business konzentrieren zu

können, braucht man eine Bank, der man vertraut

und die stets zu Diensten ist. Hier ist man bei der

HypoVereinsbank an der richtigen Adresse.

EUER KONTAKT ZUM TECHTEAM DER

FALKO MEISSNER

ist Relationship Manager im TechTeam der HypoVereinsbank.

Die Bank bietet mit mehr als

3000 Experten in rund 50 Ländern über das

Bankennetzwerk der UniCredit globale Lösungen

vor Ort an. Im TechTeam beraten neben

den Relationship Managern auch Spezialisten

in den Bereichen Cash-Management, Internationalisierung,

Zins-, Währungs- und Risikomanagement

bundesweit rund 140 Unternehmen.

tech@unicredit.de; hvb.de/tech

Fotos: Christian H. Hasselbusch, Max Threlfall

Fotos: Stefan Wieland, Stefan Kny, Max Threlfall

MASOUD KAMALI

Seit die Berliner Startup-Szene national und immer mehr auch

international von sich reden macht, hat auch die Politik die jungen

Unternehmen entdeckt. Zu den Top-Wahlkampfthemen sind

Innovationen fördern, die Digitalisierung vorantreiben und bessere

Rahmenbedingungen für Gründer in der Digitalwirtschaft

schaffen deswegen noch nicht geworden. Immerhin aber kommen

Startups in den Wahlprogrammen der Parteien vor.

Dass noch viel zu tun bleibt, zeigt eine aktuelle Studie des Deutschen

Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Die Stadt

bewege sich zwar auf einem stabilen Wachstumskurs und die

Arbeitslosigkeit sinkt, dennoch sei Berlin die einzige Hauptstadt

in Europa, deren Produktivität und Pro-Kopf-Einkommen immer

ist Gründer und CEO der S&S Media Group

(1995) sowie von Westtech Ventures (2013).

Der Frühphaseninvestor ist auf Deep-Tech-Startups

spezialisiert und fördert in seinem Inkubator-Projekt

Project Flying Elephant Startups aus

dem Medienbereich.

FLORIAN NÖLL

gründete bereits als Schüler sein erstes Unternehmen.

Er ist Vorstandschef des Bundesverbands

Deutsche Startups und damit verantwortlich

für die Agenda des Verbands. Nöll

kandidiert in der Abgeordnetenhauswahl für

die CDU im Bezirk Mitte.

noch unter dem Landesdurchschnitt liegt. „Berlin ist in den vergangenen

Jahren aus seinem Dornröschenschlaf erwacht“, kommentierte

DIW-Präsident Marcel Fratzscher die Studie. „Es könnten

goldene Jahrzehnte vor Berlin liegen – die Politik muss die

Weichen aber richtig stellen, um das enorme Potenzial der Stadt

besser zu nutzen.“ Dafür sei aber eine Reihe an Maßnahmen nötig,

sagen die Forscher. Unter anderem müssten die Wachstumsbedingungen

für junge Unternehmen verbessert und anstehende

Infrastrukturausbauten realisiert werden.

Auf den folgenden Seiten stellen wir vor, was die Parteien in ihre

Wahlprogramme aufgenommen haben und was Vertreter aus

dem Startup-Umfeld von den Programmen halten.

vis

ANSGAR OBERHOLZ

Der Gastronom und Gründer lebt seit 1993 in

Berlin. Bevor er 2005 das St. Oberholz eröffnete,

betrieb er eine Werbeagentur und produzierte

Software. Auch als Musiker und Buchautor

(„Für hier oder zum Mitnehmen?“) war

Oberholz bereits tätig.

berlinvalley.com / 17


WAHLEN IN BERLIN

WAHLEN IN BERLIN

„Mit der 10-Punkte-Agenda zur Digitalisierung

hat der Regierende Bürgermeister Michael

Müller für die richtigen Impulse gesorgt. Berlin

soll 5G-Hauptstadt werden und über Testfelder

die Grundlage für neue Produkte und Services

bieten. Wir werden für schnelles Internet in

ganz Berlin sorgen. Mit der SPD wird es einen

IT-Staatssekretär geben. Die Förderung eines

gründungsfreundlichen Umfeldes ist für den

SPD-geführten Senat Chefsache. Die Internationalisierung

befördern, mehr Gewerbeimmobilien

für wachsende Startups, die weitere Stärkung

von Entrepreneurship und Ausgründungen

an den Unis sowie Vernetzungsmöglichkeiten

zwischen Youngstern und etablierten Unternehmen

schaffen – das sind einige unserer Vorhaben.

Auch die Landesunternehmen werden wir

enger mit Startups vernetzen und somit neue

Anwendungsmöglichkeiten schaffen. Um Talenten

das Ankommen in Berlin noch leichter zu

machen, wollen wir die Willkommensstrukturen

weiter verbessern, etwa über mehr Zweisprachigkeit

in der Verwaltung.“

„Berlin hat sich zur wachstumsstärksten Startup-

Metropole entwickelt. Nun wollen wir Berlin

zur Hauptstadt von Risikokapitalgebern

machen. Dafür haben wir die Kapitalbereitstellungen

des Venture Capital Fonds Technologie

Berlin gestärkt. Wir setzen uns für vereinfachte

Investitionen von Business Angels ein und haben

vorgeschlagen, das Programm zur Förderung

von Wagniskapital mithilfe von Investitionszuschüssen

zu verlängern und von der

Ertragsbesteuerung zu befreien. Um Berlin für

Gründer aus aller Welt attraktiv zu machen,

brauchen wir ausreichende Informationsangebote

etwa zu Einreise, Schule und Spracherwerb.

Außerdem wollen wir Gründer von

Bürokratie entlasten und Kooperationen von

Schulen und Universitäten mit Unternehmen fördern.

Die fortschreitende Digitalisierung bietet

Startups eine Vielzahl attraktiver Geschäftsfelder.

Die CDU Berlin setzt sich daher für einen

Ausbau der Datenautobahnen und ein freies

WLAN-Netz ein und unterstützt die Pilotierung

des neuen 5G-Netzes.“

„Für uns ist der Prozess der Digitalisierung ein

zentrales Zukunftsthema, denn er durchdringt

und verändert alle Lebensbereiche nachdrücklich.

Wir wollen die Verwaltung digitalisieren,

auf den Stand der Technik bringen und das

ITDZ zum leistungsfähigen IT-Dienstleister des

Landes entwickeln. Der Investitionsstau ist auch

hier enorm. Ferner gilt es, Open Data auszubauen,

um die Datenbestände so aufzubereiten,

dass sie wirtschaftlich genutzt werden

können, ohne den Datenschutz zu verletzen.

Für Startups im IKT-Bereich gibt es in Berlin inzwischen

eine gute Finanzierungsstruktur aus

privaten und öffentlichen Mitteln. Ausbauwürdig

ist die Vernetzung der Szene mit den traditionellen

Branchen im Interesse aller Beteiligten

und die Sicherung von Gewerbestandorten

besonders im Innenstadtbereich. Nicht zuletzt

muss auch Berlin sich dem Thema Smart City

endlich seriös unter der Fragestellung zuwenden,

was die Stadt tatsächlich braucht und der

Lebensqualität ihrer Bewohner*innen dient.“

„Startups brauchen Räume und Freiräume.

Wir werden ein Flächensicherungskonzept

voranbringen, das Kreativität, Gewerbe und

Wohnen in Einklang bringt. In Coworking

Spaces und Gründungszentren wollen wir mitwachsende

Möglichkeiten schaffen, damit ab

der Gründungsphase bezahlbare Räume für

Startups zur Verfügung stehen. Wir brauchen

eine neue ‚Kultur des Scheiterns‘, die zweite

Chancen gewährt, gerade auch bei staatlichen

Förderprogrammen. An Universitäten und Forschungseinrichtungen

schaffen wir Laborkapazitäten.

Finanziell werden wir die Anschub- wie

Wachstumsphase fördern und hierfür neben

staatlichen Mitteln auch die Crowdfinanzierung

rechtlich erleichtern. Berlins Attraktivität

für an Hochschulen ausgebildete oder zuziehende

Fachkräfte für die Startups zu erhalten,

ist uns wichtig. Ein gut ausgebautes glasfaserbasiertes

Breitbandnetz und flächendeckendes

WLAN in der Stadt ist überfällig. Gründungen

von Frauen wollen wir durch Mentoring-Angebote

unterstützen.“

„Die Alternative für Deutschland steht für eine

Willkommenskultur für Gründer und Unternehmer!

‚Die AfD fordert, steuerliche Anreize für

Risikoinvestitionen in Startups zu schaffen und

bürokratische Hemmnisse bei der Gründung

und Regulierung von Startups abzubauen‘,

heißt es in unserem Programm. Eine weitere

Forderung: ‚Wir möchten erreichen, dass mehr

Aufträge regional vergeben werden können,

um mittelständische Unternehmen aus der Region

zu stärken.‘ Wir setzen uns für die Streichung

unsinniger Regeln und die Reduzierung

von Genehmigungsverfahren ein. Die AfD

wird den Kammerzwang beenden und die Forschungsförderung

intensivieren. Beides kommt

Startups besonders zugute. Wir sorgen zudem

für ein attraktiveres Umfeld. Unser Programm

sieht neben besserer Schulbildung und mehr

Sicherheit unter anderem eine Entlastung von

Investoren, Familien, Hausbesitzern und Mietern

vor – allesamt Standortfaktoren. Plus: Wir

erhalten den Flughafen Tegel und beenden die

Drangsalierung der Autofahrer.“

„Wir Freien Demokraten glauben an innovative

Ideen und an die Chancen durch den technischen

Fortschritt. Wir wollen das nächste

Berlin zu einem digitalen Berlin machen: ob

Ämter, Justiz, Polizei oder unsere Schulen.

Unsere Stadt soll Vorreiter im E-Government

werden. Jeder Behördengang soll sich per

Klick 24 Stunden am Tag von zu Hause aus

erledigen lassen. Die Ideen Berliner Startups

wollen wir aktiv einbinden, um zum Beispiel

passende Apps zu entwickeln. Für kürzere Bearbeitungszeiten

und bessere Dienstleistungen

sollen alle Berliner Behörden flächendeckend

die elektronische Verwaltungsakte einführen.

Wir wollen, dass jeder Haushalt bis 2021

mit einer 100-Mbit/s-Breitbandverbindung erreichbar

sein kann. Das ermöglicht auch die

Durchsetzung neuer Geschäftsmodelle. Wir

setzen auf Open Source, Open Data und offene

Schnittstellen. Daten von allgemeinem Interesse

sollen kostenlos, frei verfügbar sein. Damit wollen

wir das Entwickeln neuer Apps ermöglichen und

Berlin für Gründer attraktiv halten.“

MASOUD KAMALI

Die SPD regiert seit der Wiedervereinigung in

Berlin! Sie ist sowohl für eine gute Institution wie

die IBB Bet als auch für das Verbot von Uber verantwortlich!

Sie sorgt dafür, dass es schwieriger

ist, einen Termin mit dem Ordnungsamt zu bekommen

als mit dem Regierenden Bürgermeister! Her

mit dem IT-Staatssekretär und sofortige Zweisprachigkeit

der Verwaltung! Estländer lachen über

unsere Internet-Geschwindigkeit, Herr Müller!

Die CDU, die momentan in Berlin mit der SPD regiert,

bietet ein buntes Angebot für Startups und

den Standort. Es stellt sich die Frage, warum bis

heute kein flächendeckendes Breitband existiert.

Unabhängig davon wären die Vereinfachung, Bezuschussung

und die Ertragssteuerbefreiung der

Angel- und Serien-A-Investments zu begrüßen.

Wir leiden immer noch unter einem Mangel an

Serien-A-Investments in Berlin und Deutschland!

Obwohl die Digitalisierung ein zentrales Zukunftsthema

für Die Linke zu sein scheint, hört

sich alles nach Zentralisierung und Verstaatlichung

an! Die Szene braucht keine Politiker, um

sich zu vernetzen! Es wäre schön zu verstehen,

was Die Linke unter Smart City versteht! Es ist zu

begrüßen, dass man sich für Open Data einsetzt,

vorausgesetzt, dass dies nicht zu mehr Bürokratie

und noch schärferen Datenschutzgesetzen führt!

Ja, Bündnis 90 Die Grünen – eine Partei, die

für ihre Ideale bekannt war und immer eine

Frau als Vorsitzende hatte und hat; diese Partei

hat, wenn es um Frauen und Startups geht, nur

Mentoring-Angebote übrig? Crowdfinanzierung

rechtlich erleichtern? Gibt es da landesspezifische

Probleme? Es wäre schön, wenn man mehr

über Flächensicherungkonzepte erfahren würde!

Solche Zukunftsräume hören sich spannend an!

Es ist ironisch, dass die AfD als erstes betont,

dass sie für eine Willkommenskultur für Gründer

stehe, während die Partei-Prominenz über den

Schießbefehl an der Grenze oder die Nachbarschaft

zu einem Schwarzen parliert: 33 Prozent

der Gründer und deren Mitarbeiter in Berlin haben

Migrationshintergrund oder sind Migranten

und stammen aus der ganzen Welt! Und: Sie

sind gut über die AfD informiert!

Geht es hier um eine Partei oder eine Internetagentur?

Auf jeden Fall eine neue Partei! Es ist

nicht lange her, dass die FDP mit ähnlichen Argumenten

wie die SPD gegen Uber gewesen ist!

Die neuen Startups brauchen ein neues Framework

für die Zusammenarbeit mit Politik und

Verbänden, um neue Geschäftsideen zu entwickeln.

Wir brauchen Parteien, die dies verstehen

und uns bei der Umsetzung helfen!

FLORIAN NÖLL*

Ins Auge springen der IT-Staatssekretär und die Erklärung

der Digitalisierung zur Chefsache. Doch

halt! Stellt die SPD nicht schon seit 15 Jahren den

Regierenden Bürgermeister? Manches wurde in

der letzten Legislatur gemacht, doch das Behörden-Chaos

zeigt, es hapert an der Umsetzung.

Ein IT-Staatssekretär ist zu wenig. Wenn durchgesetzt

wird, was hier steht: gut. Die Vergangenheit

zeigt aber, dass davon nicht auszugehen ist.

Der Wahlprüfstein der CDU wirkt fast bescheiden,

hatte sie doch in den vergangenen fünf

Jahren das Wirtschaftsressort inne und gute Dinge

auf den Weg gebracht. Der Ausblick auf die

nächsten fünf Jahre wirkt im Vergleich eher wenig

ambitioniert. Kooperationen ‚von Schulen und

Universitäten mit Unternehmen‘ wären hingegen

ein echtes Statement, für das sich jedoch wahrscheinlich

kein Koalitionspartner finden lässt.

Die Linke will das ITDZ ‚zum leistungsfähigen

IT-Dienstleister des Landes entwickeln‘. Wen?

Es geht um die Digitalisierung der Verwaltung.

Open Data und Smart City sind wichtig, echte

Startup-Themen finden sich jedoch kaum. Lediglich

die Vernetzung der ‚Szene mit den traditionellen

Branchen‘ ist erwähnenswert. Ob hingegen

viele Gründer unterschreiben würden, dass wir

in Berlin eine ‚gute Finanzierungsstruktur‘ haben?

Interessant klingt das ‚Flächensicherungskonzept

für Kreativität, Gewerbe und Wohnen‘. Aber was

wird gesichert? Mehr Gewerbe oder mehr Wohnen?

Hinzu kommen rechtliche Vereinfachungen

und Förderung von Crowdfinanzierungen. Auch

die Worte Fachkräfte und Glasfaser fallen. Als

einzige Partei will man sich für eine Kultur des

Scheiterns einsetzen. Das Insolvenzrecht ist keine

Ländersache, aber die Initiative ist löblich.

‚Die Alternative für Deutschland steht für eine

Willkommenskultur.‘ Diesen Einstiegssatz liest

man zweimal und überlegt sich im Anschluss

dreimal, ob man danach überhaupt noch weiterlesen

will. Es folgen mit ‚steuerlichen Anreizen

für Risikoinvestitionen‘ und Maßnahmen zum Bürokratieabbau

glaubwürdige Ziele. Die geplante

Abschaffung des Kammerzwangs hat das Potenzial

Euphorie in der Gründerszene auszulösen.

Die FDP positioniert sich schon länger als

Startup-Partei. Hier beschränkt sie sich jedoch

auf E-Government, Breitband und Open Data.

Startups tauchen nur als Ideengeber für eine

moderne Verwaltung auf. Der große Wurf, in

Verbindung mit einer Strategie um mehr Risikokapital

und Fachkräfte nach Berlin zu holen,

fehlt. Schade, eigentlich ist die FDP hier besser

aufgestellt.

* Nöll kandidiert für die CDU für das Berliner Abgeordnetenhaus.

Seine Einschätzungen sind die Meinungen des Startup-Verbands.

ANSGAR OBERHOLZ

Mit Berlin als 5G-Hauptstadt könnte sich der

Plan der FDP mit 100 Mbit/s bis 2021 erübrigen.

Einen IT-Staatssekretär zu installieren,

ist eine brillante Idee. Wichtig wäre aber ein

zielgerichtetes Profil dieses Postens, damit dort

auch wirklich die drängendsten Probleme gelöst

werden. Im Übrigen könnte ich für diesen

Posten jemanden vorschlagen.

18 / berlinvalley.com

Kooperationen zwischen Schulen und Startups

zu fördern, ist eine gute Idee. Noch wichtiger ist

die Digitalisierung der Schulen selbst, nicht nur im

Hinblick auf Technik, sondern auf die Mind-Sets

der Lehrkörper, die oftmals noch das Digitale als

gefährlich ansehen und die Schüler nicht in ihrer

digitalisierten Lebensrealität abholen, geschweige

ihnen Wissen für dieses Gebiet vermitteln.

Noch besser als das ITDZ zu einem leistungsfähigen

IT-Dienstleister auszubauen, wäre es,

das ITDZ wie ein innovatives Startup zu führen,

Standards für Schnittstellen zu entwickeln und

Open-Source-Prinzipien zu verankern. Das

würde wiederum den Bereich Open Data automatisch

beflügeln.

Fotos: Stefan Kny, Max Threlfall

Coworking Spaces! Ein zentraler und erhaltenswerter

Baustein der Berliner Gründerszene,

der maßgeblich die Entwicklung der

letzten Jahre begünstigt hat. Im nächsten

Wahlprogramm werden wir hoffentlich lesen

dürfen, dass auch Co-Living-Projekte erhalten

und gefördert werden sollen.

Stimmt ja! Drangsalierung der Autofahrer ist

eines der dringendsten Probleme der Berliner

Startup-Szene. Gut, dass das endlich mal jemand

anfasst.

Was fangen die Berliner mit ihrer neu gewonnenen

Zeit an, wenn sie alle Behördengänge online

erledigen? – Mehr Startups gründen! Das ist

ein schlauer Schachzug. 100 Mbit/s bis 2021

ist eine schöne Idee, aber eine flächendeckende

Versorgung der Haushalte mit 50 Mbit/s bis

2017 wäre schon nett. Solange es Funklöcher in

Berlin-Mitte gibt, ist auf diesem Gebiet viel zu tun.

berlinvalley.com / 19


RUBRIK WAHLEN – IN THEMA BERLIN

WAHLEN IN BERLIN

Der Startup-Boom ist nachhaltig: Davon ist Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) überzeugt.

Mit der 10-Punkte-Agenda zur Digitalisierung, der

von der Startup Unit erarbeiteten Startup-Agenda

und unserer Smart-City-Strategie, die ebenfalls viele

Digitalisierungsprojekte beinhaltet, haben wir

eine gute strategische Grundlage, die wir in der

nächsten Legislaturperiode abarbeiten müssen.

Die Digitalisierung ist auf jeden Fall eine der großen

Chancen Berlins, die auch der nächste Senat

mit höchster Priorität versehen wird.

Welche Pläne haben Sie für ein Startup-

Zentrum am Flughafen?

Der ehemalige Flughafen Tempelhof ist eine einzigartige

Immobilie. Deshalb wollen wir aus dieser

Liegenschaft auch etwas Besonderes machen. Es

soll ein neuer Leuchtturm entstehen, der international

Beachtung finden wird. Im Senat haben wir

beschlossen, dass dort unter der Marke ‚Berlin

Creative District‘ Berlins neues Quartier für Kunst,

Kultur und Kreativwirtschaft entstehen soll. Dies

schließt Innovation und Startups ausdrücklich mit

ein. Relativ weit vorangeschritten ist bereits die

Vergabe des sogenannten Gebäudeteils H2rund.

Hier soll vor allem ein Gründerzentrum für digitale

und kreative Startups aufgebaut werden. Sobald

die Vergabe erfolgt ist, können die Bauarbeiten beginnen

und mehrere tausend Quadratmeter für die

Berliner Startups geschaffen werden.

MEHR DIALOG

Berlin Valley hat bei vier Gründern nachgefragt:

Wie zufrieden seid Ihr mit der bisherigen Digitalisierungsstrategie und Startup-Politik Berlins?

Was muss Eurer Meinung nach besser werden?

„EINE GUTE STRATEGISCHE

Der Regierende Bürgermeister

Michael Müller (SPD) zieht Bilanz

seiner Startup-Politik und verrät,

was er von den Startups erwartet

Herr Müller, in der Berliner Startup-Szene

sind viele neue Jobs entstanden. Welchen

Anteil hat Ihre Politik daran?

Zu Beginn des Berliner Startup-Booms hat die Berliner

Politik eher indirekt auf das Startup-Umfeld

eingewirkt, indem wir Berlin als internationale und

tolerante Metropole weiterentwickelt haben. Seit

2012 haben wir dann etwa über den bei mir angesiedelten

Startup-Roundtable aktiv intensive Kontakte

zur Szene aufgebaut und in vielen Bereichen

das Gründungs- und Wachstumsumfeld verbessert.

So haben wir Finanzierung und Förderung deutlich

aufgestockt und auf digitale Produkte ausgerichtet.

Über die von TU-Präsident Thomsen und mir angestoßene

10-Punkte-Agenda Digitalisierung stärken

wir digitale Infrastrukturen und digitale Inhalte in

Wissenschaft und Forschung. Wir unterstützen bei

der Vernetzung mit etablierten Unternehmen und

bei der Internationalisierung. Und wir haben die

Startup-Metropole in unserer politischen Agenda,

in unserer Öffentlichkeitsarbeit und im Hauptstadt-

Marketing zu einem Topthema gemacht.

20 / berlinvalley.com

GRUNDLAGE“

Wo sehen Sie Versäumnisse der Politik?

Die Fachverwaltungen sollten bei Querschnittsthemen

wie Digitalisierung und Startups noch stärker

ressortübergreifend und interdisziplinär zusammenarbeiten.

Ich würde mir zudem wünschen,

dass manche Prozesse in der Stadt schneller laufen

und wir politische Ziele zügiger umgesetzt bekommen.

Perspektivisch ist mir vor allem wichtig, dass

wir für die Berliner Startups ausreichend Räume für

weiteres Wachstum sichern und schaffen.

Was erwarten Sie von den Startups?

Zunächst freue ich mich über jedes Unternehmen,

das in Berlin gegründet wird, hier vor Ort wächst

und dem Standort treu bleibt. Ich hätte durchaus

nichts gegen ein paar weitere Zalandos. Klar ist,

dass sich Startups zu Beginn primär um ihr Produkt

und die Finanzierung kümmern. Für bestimmte

Themen ist in der Anfangsphase nachvollziehbarerweise

wenig Raum. In den späteren Phasen

erwarte ich aber schon, dass sich die Startups

genauso wie die etablierten Unternehmen auch

mit Fragen der Ausbildung oder der Arbeitnehmerrechte

befassen. Als Berliner Senat haben wir

die Verbundausbildung gestärkt, so gibt es etwa

die Möglichkeit, dass ein Startup und ein etabliertes

Unternehmen gemeinsam ausbilden. Ich

finde, das könnten noch mehr Startups nutzen. Beeindruckend

finde ich, wie sich viele Startups für

die Stadt engagieren und sich ehrenamtlich einbringen.

Begeistert bin ich davon, dass sich das

Ökosystem mittlerweile selbst regeneriert und ältere

Startups in Infrastrukturen für neue Gründungen

investieren oder selbst anbieten. Deshalb bin ich

auch davon überzeugt, dass der Startup-Boom in

Berlin nachhaltig sein wird.

Wie wollen Sie die führende Rolle Berlins

in der Digitalwirtschaft weiter ausbauen?

„ICH HÄTTE

DURCHAUS

NICHTS

GEGEN EIN

PAAR WEITERE

ZALANDOS“

Die entsprechende Infrastruktur ist Voraussetzung

für erfolgreiche digitale Geschäftsmodelle.

Wie wollen Sie dafür sorgen,

dass es 5G zuerst in Berlin geben wird?

Berlin muss es mit Blick auf einen nachhaltigen Wirtschaftsaufschwung

künftig noch stärker schaffen,

in Schlüsselbranchen Innovationstreiber zu sein. In

Bereichen wie etwa der Gesundheitswirtschaft gelingt

uns das schon ganz gut. Um für Innovationen

unter anderem in der Sensorik die nötigen Voraussetzungen

zu schaffen, wollen wir in Berlin als notwendige

Infrastruktur in mehreren Stufen 5G-Testfelder

aufbauen. Die Wirtschaftsverwaltung führt

dazu entsprechende Gespräche unter anderen mit

den Netzbetreibern. Ich zähle darauf, dass es uns

zügig gelingt, zunächst einzelne Zukunftsorte mit

dem neuen Standard zu versehen und diesen in

späteren Schritten auf das Stadtgebiet auszudehnen.

Denn die Wettbewerber schlafen nicht.

Braucht Berlin einen Senator für Digitales?

Das in diesem Jahr verabschiedete E-Government-Gesetz

sieht die Einsetzung eines für IT verantwortlichen

Staatssekretärs vor. Diese Art neuer

CIO soll die vielfältigen Digitalisierungsprojekte

an zentraler Stelle koordinieren und mit Nachdruck

voranbringen. Da die Digitalisierung ein

Querschnittsthema ist, erwarte ich darüber hinaus

von allen Fachressorts, in ihren jeweiligen Verantwortungsbereichen

digitale Themen noch stärker in

den Fokus zu nehmen.

Die Fragen stellte Corinna Visser.

Fotos: Thomas Platow/Landesarchiv

Fotos: Wunderagent, Bloomy Days, Junique, Thermondo

ANDRÉ TORKLER

ist Gründer und Geschäftsführer des Online-Immobilienmaklers Wunderagent.

Er gehört keiner Partei an.

„Die Menschen haben Berlin durch

Gründungen zur digitalen Stadt gemacht,

die ihre Willkommenskultur für

Zugezogene aus aller Welt bewahren

sollte. Als Unternehmen haben wir eine

LEA LANGE

ist Gründerin und Geschäftsführerin der Online-Galerie Juniqe.

Sie möchte über eine Parteizugehörigkeit keine Aussage treffen.

„Die Berliner Startup-Szene und die

Politik sind noch zu weit voneinander

entfernt. Aktuelle Themen der Unternehmer

von Digitalisierung über VC-Bestimmungen

bis zu existenziellen Aspekten

Digitalisierungsstrategie nicht bewusst

erlebt, vielleicht sollte man dies erlebbarer

machen. Wir würden uns zudem

mehr Dialog über ‚Innovation in der

Wohnungswirtschaft‘ wünschen.“

werden nur oberflächlich behandelt.

Während im Startup-Umfeld eine starke

Dynamik herrscht, ticken die Uhren

in der Politik deutlich langsamer. Wir

müssen stärker in den Dialog starten.“

FRANZISKA GRÄFIN VON HARDENBERG

ist Gründerin und Geschäftsführerin des Blumen-Abonnement-Startups Bloomy Days.

Sie ist keiner Partei zugehörig.

„Die Startup-Politik ist für Gründerinnen

eine große Hürde – es gibt weder Mutterschutz,

noch ist das Thema Elterngeld

optimal gelöst: nur wer zu Hause

bleibt, wird finanziell entlastet. Dies ist

PHILIPP PAUSDER

ist Gründer und Geschäftsführer von Thermondo, einem Startup, das

Heizungsanlagen vertreibt und einbaut. Er gehört keiner Partei an.

„Ich habe den Eindruck, dass die Berliner

Politik das Startup-Ökosystem sehr

ernst nimmt. Wir haben beispielsweise

erfolgreich mithilfe von Berlin Partner

Blue-Card-basierte Einstellungen vor-

für Selbstständige keine Option. Eine

flexible Nutzung des Elterngeldes für

Fremdbetreuung wäre ein praxisnaher

Ansatz. Wenn wir Frauen fördern wollen,

müssen wir die Politik fordern.“

genommen. Und gleichzeitig muss

Berlin in der allgemeinen Verwaltung

noch unendlich effizienter werden. Als

Start up-Gründer leben wir von Traction.

Das sollte für alle gelten.“

berlinvalley.com / 21


Projektmanagement

und Collaboration Software

AUF DEM

GRILL

Drei Investoren bewerten* vier Startups

MINEKO

bietet Mietern die Möglichkeit, ihre Nebenkostenabrechnung

online von Experten

prüfen zu lassen. Wer zuviel gezahlt

hat, kann sich sein Geld innerhalb der

zwölf Monate Widerspruchsfrist mithilfe

von Mineko zurückholen.

mineko.de

NEOVOLTAIK

stellt Batterien auf Basis einer Lithium-Eisen-Phosphat-Technologie

her. Die Module

haben ein großes Speichervolumen und

sollen nur sehr langsam an Leistung verlieren.

Nach zehn jahren garantiert Mineko

noch 87 Prozent der Leistungsfähigkeit.

neovoltaic.net

WELL IT

entwickelt mobile Softwarelösungen, um

die Kommunikation zwischen Krankenhäusern,

Ärzten und Patienten zu verbessern.

Die App Zepter hilft bei der Zuweisung von

Patienten zu Krankenhäusern, Lotse stellt Patienten

relevante Informationen bereit.

well-it.de

KARTENMACHEN.DE

gestaltet und vertreibt individuelle Einladungskarten

online. Der Nutzer kann sich

ein Motiv aussuchen, den Einladungstext

an Kartenmachen senden und bekommt

von ausgebildeten Grafikdesignern Gestaltungsvorschläge

für die Karten.

kartenmachen.de

Get things done! Anstatt deine Zeit

mit E-Mails und in Meetings zu

verschwenden ...

Besser

zusammenarbeiten

geht ganz einfach.

FABIAN LEIPELT

ist Associate bei WestTech

Ventures, einem Pre-Seed und

Seed-Venture Capitalist in

Berlin. Er ist außerdem als

Program Manager bei Project

Flying Elephant, WestTech’s

Inkubator tätig.

westtechventures.de

Alle Jahre wieder – so auch bei der Nebenkostenabrechnung!

Diese Leistung

scheint im deutschen Mietmarkt auf positive

Resonanz zu stoßen. Eine klare Value

Proposition für den Kunden und für Mineko

ein gutes Geschäftsmodell durch die

Planbarkeit des Forderungsabkaufs und

der Abrechnungsdaten, die gewonnen

werden. Ob und inwieweit dieser Prozess

bereits automatisiert ist, ist nicht ersichtlich,

sollte aber in Zeiten von Machine

Learning eine spannende Aufgabe sein.

Im Bereich erneuerbarer Energiequellen

stoßen die All-in-one-Lösungen bei den

Kunden, die Erzeuger und gleichzeitig Verbraucher

sind, auf sehr positive Resonanz,

wenn man das Umsatzwachstum von Neovoltaic

betrachtet – ein klarer USP. Die Rolle

der großen Stromversorger wird sich weiter

stark wandeln. Ob das B2B-Vertriebskonzept

nachhaltig mitwachsen kann und

wichtige Kooperationen geschlossen werden

können, bleibt der Knackpunkt für den

langfristigen Erfolg.

Der Aufholbedarf im Gesundheitssystem

in den Bereichen Automatisierung und Digitalisierung

ist enorm. Das Matchmaking

zwischen Ärzten und Kliniken, um eine optimale

Patientenzuweisung zu gewährleisten,

stellt hier einen Teil der Verbesserung

dar. Wer den größten Schmerz hat und

wie incentiviert werden kann, wird sich

zeigen. Ärzte sind allerdings nicht unbedingt

als Early Adopter bekannt. Es bleibt

abzuwarten, ob eine signifikante Marktdurchdringung

möglich ist.

Kartenmachen.de hat sich die großen

Shopping-Plattformen zunutze gemacht

und dort dank sehr guter Bewertungen

einen Sales-Channel gefunden, der das

Business ankurbelt. Bisher gebootstrapped

und bereits in der Gewinnzone hat

das Unternehmen eine sehr gute Entwicklung

genommen. Ob das Geschäftsmodell

wirklich skalierbar ist, lässt sich nicht

abschätzen ohne konkrete Zahlen – die

Konkurrenz ist sehr groß und schläft nicht,

wenn es um neue Produkte geht.

GESCHÄFTSMODELL:

PRODUKT:

MARKTPOTENZIAL:

GESCHÄFTSMODELL:

PRODUKT:

MARKTPOTENZIAL:

GESCHÄFTSMODELL:

PRODUKT:

MARKTPOTENZIAL:

GESCHÄFTSMODELL:

PRODUKT:

MARKTPOTENZIAL:

JÖRG BINNENBRÜCKER

ist Managing Partner bei

Capnamic Ventures. Jörg

bewegt sich seit mehr als 16

Jahren in der Venture-Capitalund

Private-Equity-Szene. Vor

der Gründung von Capnamic

Ventures hat er Dumont Venture

aufgebaut.

capnamic.de

Mit mehr als 30 Millionen Mietern in

Deutschland adressiert Mineko einen

Massenmarkt und bringt Transparenz in

die für Mieter kaum nachzuvollziehende

Nebenkostenabrechnung. Der spitze Use

Case und der einfache Prozess erleichtern

die Kundenansprache. Die Skalierbarkeit

Minekos steht und fällt mit dem Automatisierungsgrad

der Prozesse.

Der Umsatz zeigt, dass es eine Nachfrage

gibt. Die Abgrenzung zu anderen Anbietern

und Produkten sollte im Pitch klarer kommuniziert

werden. Zudem fehlen kritische

Informationen zu Vertriebskanälen, -zyklen

und -kosten. Des Weiteren deutet der Pitch

auf ein statisches Geschäftsmodell hin, welches

aufgrund des angebotenen One-Stop

Shops (Planung, Installation, Finanzierung)

lange Sales-Zyklen mit einer hohen Kundenbetreuung

voraussetzt und wenig Raum für

ein skalierbares Geschäftsmodell lässt.

Aufgrund der starken Verkrustung der Branche

bietet sich momentan viel Spielraum für

Healthtech-Unternehmen. Well IT verspricht

Effizienz in einen weitestgehend unstrukturierten

Prozess zu bringen und gibt den

Patienten mehr Transparenz. Form und Inhalt

der Pitch-Unterlagen sollten unbedingt

überarbeitet werden. Viele wesentliche

Informationen zum Produkt und der Markteintrittsstrategie

bleiben unbeantwortet.

Der Vertrieb in Praxen und Krankenhäuser

erfordert eine smarte Sales-Strategie.

Das Produkt wirkt sehr hochwertig und

adres siert eine breite Zielgruppe. Zudem

verspricht es hohe Wiederkaufraten. Eine

kurze Wettbewerbsanalyse offenbart jedoch

zahlreiche Alternativen. Hier stellt

sich die Frage der Differenzierung. Die

Skalierbarkeit des Modells hängt stark von

den Marketingausgaben und der finanziellen

Ausstattung des Unternehmens ab.

Kurzum: gutes Produkt mit klarem Use Case

für den Massenmarkt, jedoch ohne starken

USP und daher eher ein Marketing Play.

GESCHÄFTSMODELL:

PRODUKT:

MARKTPOTENZIAL:

GESCHÄFTSMODELL:

PRODUKT:

MARKTPOTENZIAL:

GESCHÄFTSMODELL:

PRODUKT:

MARKTPOTENZIAL:

GESCHÄFTSMODELL:

PRODUKT:

MARKTPOTENZIAL:

JASPER MASEMANN

investiert seit acht Jahren

und ist seit 2015 Principal im

Berliner Büro von Holtzbrinck

Ventures mit Fokus auf alle

Arten von B2B-Modellen,

SaaS-Platformen und Marktplätzen.

holtzbrinck-ventures.com

Grundlage der Bewertung sind die Pitch Decks der Unternehmen.

Die Skala reicht von 1 – uninteressant bis 5 – sehr interessant.

SOLLEN WIR EUER STARTUP AUF

DEN GRILL LEGEN? SCHREIBT UNS:

grill@berlinvalley.com

22 / berlinvalley.com

Mineko prüft für seine Kunden ihre Nebenkostenabrechnungen

und übernimmt als

lizensierter Inkasso-Dienst in Zukunft die

Rückforderungen überhöhter Kosten. Mit fünf

Milliarden Euro zu viel gezahlten Nebenkosten

in Deutschland adressiert Mineko einen

sehr attraktiven Markt. Der anstehende Pivot

von der gebührenfinanzierten Prüfung der

Abrechnungen zur Durchsetzung der Forderungen

auf Provisionsbasis birgt Risiken, ist

aber vergleichbar mit erfolgreichen Modellen

im Bereich Fluggastrechte.

GESCHÄFTSMODELL:

PRODUKT:

MARKTPOTENZIAL:

33 PUNKTE

Neovoltaic beruft sich darauf, dass sie die

einzigen im DACH-Markt sind, die eine

All-in-one-Lösung (Energiespeicher, Energiemanagement

et cetera) anbieten und

daher die Schnittstellen optimal abstimmen

können. Die Frage ist, ob der „grüne“

Energiemarkt bereits so weit ist, dass so

eine All-in-one-Lösung, die von der Idee

her sicherlich sinnvoll ist, von den Kunden

akzeptiert wird.

GESCHÄFTSMODELL:

PRODUKT:

MARKTPOTENZIAL:

29 PUNKTE

Fotos: Westtech Ventures, Jasper Masemann, Capnamic Ventures

Well IT will Unklarheiten und Effizienz-Probleme

bei der Überweisung von Patienten

an Krankenhäuser beheben und durch integrierte

Kommunikation eine transparente

Pre-Selection von potenziellen Ärzten und

Krankenhäusern ermöglichen. Der Markt

hierfür ist vorhanden, wenn auch nicht besonders

groß. Die große Frage bleibt, ob

sich so ein System durchsetzen wird, da

diese Art von Software nur den gewünschten

Effekt hat, wenn sehr viele Krankenhäuser

und Ärzte damit arbeiten.

GESCHÄFTSMODELL:

PRODUKT:

MARKTPOTENZIAL:

Klar ist es oldschool, eine physische Einladung

zu verschicken. Aber seien wir mal

ehrlich: zur Hochzeit werden die meisten

auch in Zukunft mit ‚echten‘ Karten eingeladen.

Insofern greift Kartenmachen.de einen

stabilen, leicht rückläufigen Markt an.

Das Produkt sieht toll aus, kann aber leicht

kopiert werden. Hoffentlich lassen sich die

Gründer vom innovativen Konkurrenten

Lovepop aus den USA inspirieren, der zum

Beispiel mit 3D-Karten punktet.

GESCHÄFTSMODELL:

PRODUKT:

MARKTPOTENZIAL:

21 PUNKTE 25 PUNKTE

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www.wrike.com/de

Keine unnötigen E-Mails, weniger

Statusmeetings und schnellere

Entscheidungswege – die

Zusammenarbeit in Wrike macht

Teams effizienter. Auch agile

Arbeitsweisen lassen sich darüber

abbilden. Bestens geeignet für

Startups, die etwas erreichen wollen.


NEUE STARTUPS

WIR SIND

DIE NEUEN

Täglich entstehen neue Ideen und Startups

in Deutschland. Berlin Valley stellt einige vor

GEMA FÜR

FOTOGRAFEN

Für Fotografen ist es schwierig, den

Überblick darüber zu behalten, wer ihre

Fotos wo im Internet verwendet, und Lizenzverletzungen

einzuklagen. Lapixa

scannt das Netz nach den Fotos ihrer

Klienten und unternimmt weitere rechtliche

Schritte, wenn die Bilder widerrechtlich

genutzt werden. Den Service

finanziert das Startup über eine Provision

bei erfolgreichen Klagen.

lapixa.de

SCORE ZUR

SHARING ECONOMY

Deemly will Anbieter und Nutzer von Sharing-Economy-Plattformen

transparenter machen. Auf einem

Deemly-Account werden die Ratings verschiedener

Plattformen wie Airbnb, Uber oder Blablacar zusammengefasst.

Daraus ergibt sich der Deemly-

Score, den jeder als Vertrauensnachweis auf seiner

Website integrieren kann.

deemly.co

FOTOS UND VIDEOS

VON OBEN

Bei Airteam können Kunden Fotografen für Luftaufnahmen buchen.

Das Startup hat sich deutschlandweit ein Netzwerk aus erfahrenen

Drohnenfotografen aufgebaut und vermittelt diese an ihre Kunden.

Auch Image-Filme und 360-Grad-Aufnahmen sind möglich. Außerdem

lassen sich 3D-Modelle erstellen, die in Kombination mit Fotos

und Videos genutzt werden, um Immobilien vielseitig darzustellen.

airteam.camera

LIFESTYLE-SPORTNAHRUNG

Hej Nutrition stellt Zusatznahrung für Sportler her und verkauft bislang

Proteinpulver in verschiedenen Geschmacksrichtungen, Chia-

Samen und Power-Riegel. Das Startup legt einen Schwerpunkt darauf,

das Bodybuilder-Image von Nahrungsergänzung aufzulösen

und sie zum Teil eines modernen und gesunden Lifestyles zu machen.

hej-nutrition.de

ARZTTERMINE

ONLINE BUCHEN

Einen Arzttermin zu finden oder zu verschieben, ist

meist ein aufwendiger Abstimmungsprozess. Über

Doctolib kann die Terminfindung zukünftig online

und in Echtzeit geschehen. Das Tool verknüpft einen

Service zur Terminbuchung für Patienten mit einem

Kalender für Ärzte. So sind keine weiteren Abstimmungen

mehr nötig.

doctolib.de

IHR HABT GERADE EIN STARTUP

GEGRÜNDET? MELDET EUCH:

news@berlinvalley.com

24 / berlinvalley.com

Fotos: Deemly, Airteam, Doctolib, HEJ, Zinsbaustein, Scott Garner (Flickr.com CC by 2.0)

IMMOBILIEN-INVESTMENTS

FÜR KLEINANLEGER

Im Niedrigzinsumfeld ist Geldanlage ein schwieriges Thema; besonders

kleine Beträge sind schwer außerhalb des Bankkontos unterzubringen.

Mit Zinsbaustein haben Kleinanleger Zugang zum

Immobilienmarkt. Das Unternehmen bündelt Investitionsbeträge

ab 500 Euro für je ein Projekt und will das angelegte Geld nach

Projektabschluss mit 5,25 Prozent Zinsen auszahlen.

zinsbaustein.de

Texte: Anna-Lena Kümpel

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BIOPRINTING

BIOPRINTING

sagt Tran-Mai. Sein Ziel sei es, das Verfahren

in der Medizin für Implantate oder Prothesen zu

etablieren. Das Startup finanziert sich derzeit durch

den Verkauf der speziellen Kunststofffasern und zugehöriger

Drucker. Es bietet aber auch Beratungen

und Trainings an. „Bereits im ersten operativen Geschäftsjahr

konnten wir einen sechsstelligen Umsatz

erzielen“, sagt Tran-Mai. Zurzeit werde mit potenziellen

Investoren verhandelt.

Kürzlich wurde Indmatec als bestes Startup

Baden-Württembergs ausgezeichnet. Bei der Veranstaltung

des Netzwerks für Beteiligungskapital VC-

BW dürfte eine hübsche Summe zusammengekommen

sein: Mindestens 300 .000 Euro und bis zu drei

Millionen Euro konnten die Teilnehmer einwerben.

Die genauen Deals wurden diskret verhandelt.

AUGEN

Forscher im britischen Cambridge haben

lebende Netzhautzellen gedruckt. Sie

sind überzeugt, damit irgendwann Blinde

heilen zu können.

KÖRPERTEILE ÜBERSCHRIFT AUS DEM DRUCKER

SCHÄDEL

Neurochirurgen aus Utrecht haben

bereits eine künstlich erzeugte

Schädeldecke verpflanzt.

OHREN

In Princeton haben Forscher

ein bionisches Ohr erzeugt,

das Radiowellen hören kann.

„IN FÜNF

JAHREN

STEHEN

3D-DRUCKER

IN ALLEN

GROSSEN

FIRMEN“

LEBER

Die US-Firma Organovo

druckt funktionsfähige

Leberzellen. Sie werden

der Pharmaindustrie für

die Forschung verkauft.

KNOCHEN

Forscher der Universität

Freiburg arbeiten

daran, Knochen zu

drucken, die eigene

Blutgefäße enthalten.

International gefragt: Durch die Knochen fühlen sich die Silikonprothesen von Stamos + Braun wie echt an.

MARCEL PFÜTZNER, MMM

Aus dem Drucker kommen menschliche Knochen,

Muskeln und Organe. Sie sehen aus wie echt, sie

fühlen sich echt an. Mitten in einem historischen

Backsteinbau vor den Toren Berlins findet gerade die

Zukunft statt. Das Startup Medizinische Modellbau

Manufaktur, kurz MMM, stellt lebensechte Kopien

von Organen her – mit einem 3D-Drucker. Neulich

haben sie hier das Herz einer 86-jährigen Frau

nachgedruckt. Die Patientin konnte kaum atmen oder

laufen, weil ihre Herzklappe sich verengt hatte. Die

Ärzte planten eine Aortenklappenprothese – eine

heikle Operation in diesem Alter. Also ließen sie das

Herz der Frau originalgetreu nachdrucken und übten

daran in einer Probeoperation präzise jeden Handgriff.

Anhand des Herzens aus dem Drucker konnten

sie auch die exakt passende Prothese für die alte

Dame anfertigen. Das ist eine Revolution der Medizintechnik

– und Marcel Pfützner ist mittendrin.

Pfützner hat das Startup MMM 2014 zusammen

mit seiner Frau gegründet. „In fünf Jahren werden

3D-Drucker in allen großen Unternehmen und

Krankenhäusern stehen“, sagt er im Magazin der

Deutschen Bank. Wenn es nach ihm geht, soll die

modellgestützte Operationsplanung schon 2020

aus keiner Klinik mehr wegzudenken sein. Sein

Startup hat sich vorwiegend auf Ärzte spezialisiert,

die anhand der 3D-Modelle ihre Eingriffe planen

und individualisieren. Von der Übermittlung der

Patientendaten bis zum fertigen Modell dauert es

rund 72 Stunden. Auch Jungmediziner können anhand

der lebensechten Organe geschult werden.

Die Pfützners haben dafür im vergangenen Jahr

26 / berlinvalley.com

DER GEDRUCKTE MENSCH

Organe aus dem 3D-Drucker sind die Zukunft der modernen Medizin.

Auch deutsche Startups gehen unter die Bioprinter

den Businessplan-Wettbewerb der Berliner Sparkasse

gewonnen und den Bundeswettbewerb „Ausgezeichneter

Ort im Land der Ideen“. Die Finanzierung

stellten sie zusammen mit der Deutschen Bank

auf die Beine und nutzten dafür auch öffentliche

Mittel wie den Gründerkredit „Startgeld“ der Förderbank

KfW. Nun gehören schon Kliniken in ganz

Deutschland zu den Kunden. Trotzdem ist Pfützner

viel unterwegs, um sein Angebot bei Chefärzten

und Ausbildern vorzustellen. „Es ist eine immense

Arbeit, Interesse an einem Produkt zu wecken, dass

es bis dato nicht gegeben hat“, sagt er der Plattform

Medizintechnologie.de.

DAS ALTER BESIEGEN

Ärzte und Forscher träumen von einer wahren

Revolution der Medizin: lebensfähiges Gewebe

aus dem Drucker. Allein in Deutschland warten

10.000 Menschen auf eine Organtransplan tation.

3D-Drucker könnten das Problem beheben. Das

Anwendungsfeld ist riesig. Chirurgen könnten

Patienten nach schweren Unfällen das Gesicht rekonstruieren,

verletzte Beine würden nachgedruckt,

verschlissene Knie mit neuen Knorpeln versehen.

Sogar das Alter ließe sich besiegen – indem altes

Gewebe einfach ersetzt wird. Noch steckt das sogenannte

Bioprinting in den Kinderschuhen, aber

es ist schon Erstaunliches möglich.

Forscher der Universität Princeton haben ein Ohr

gedruckt, das Frequenzen wahrnimmt, die normalerweise

unhörbar sind. Das US-amerikanische

Unternehmen Organovo wiederum druckt Gewebe

für die medizinische Forschung, um Tierversuche

überflüssig zu machen. Auch eine Mini-Niere kam

schon aus dem Drucker. Sie überlebte fünf Tage

außerhalb des Labors. An der Harvard University

ist es gelungen, Gewebe zu drucken, das sechs

Wochen überlebte. Möglich war das durch eine

spezielle Biotinte bestehend aus Enzymen, Gelatine,

Zellen und Wachstumsfaktoren.

Noch ist eine Anwendung am Menschen nicht möglich,

aber überall auf der Welt entwickeln Forscher

und Unternehmen Produkte, die im wahrsten Sinne

des Wortes beeindruckend sind. Auch in Deutschland,

wie die Beispiele aus Berlin, Karlsruhe und

Dresden zeigen.

KEIN METALL MEHR IM KÖRPER

In Karlsruhe gibt es seit zwei Jahren das Startup

Indmatec. Sein Mitgründer Tony Tran-Mai sagt:

„Auch wenn es sehr viel Zuspruch von allen Seiten

gibt, gehen viele doch vorsichtig an diese recht

neue Technologie heran.“ Das Unternehmen hat

den thermoplastischen Kunststoff Peek entwickelt,

der mittels Schmelzschichtung, der sogenannten

FFF-Technologie, gedruckt werden kann. Peek soll

eine Alternative zu Metall sein, leicht wie Aluminium,

aber sehr belastbar. Geeignet unter anderem als

Zahnersatz oder als Werkstoff in der Chirurgie.

Denn viele Patienten, die etwa Titan in den Körper

geschraubt bekommen, damit schwere Brüche heilen,

reagieren allergisch auf das Metall. „Wir sind

das erste Unternehmen weltweit, das Peek mit der

FFF-Technologie professionell verarbeiten kann“,

Fotos: matthiaspopp.com, MMM Medizinische Modellbau Manufaktur GmbH

GEFÜHLSECHTE SKELETTHAND

Das Dresdner Startup Stamos + Braun Prothesenwerk

hat sich bewusst gegen Investoren entschieden,

um unabhängig zu sein. Das Unternehmen

finanziert sich aus dem Cashflow, den es durch

seine Kunden aus aller Welt generiert. Die lebensechten

Prothesen sind international gefragt –

die Kunden kommen aus Saudi-Arabien, Katar,

Kuwait. Kurz nach der Gründung im Jahr 2014 haben

Stamos + Braun den Fokus auf den 3D-Druck

gelegt und kooperierten dafür mit der Technischen

Universität Dresden.

Als weltweit erstem Unternehmen ist es ihnen gelungen,

medizinische Silikone zu drucken. „Die

Prothesen aus dem 3D-Drucker wiegen bis zu 50

Prozent weniger. Für einen Prothesenträger sind

HAUT

In Hannover werden

münzgroße Hautstücke

gedruckt. Mäusen

wurden sie erfolgreich

transplantiert.

Testkörper: realitätsnahe Patientennachbildung eines Herzens und eines Brustkorbs, um die Implantation einer Aortenklappe zu üben

das Welten“, sagt Mitgründer Alex Stamos. Künstliche

Füße, Finger oder Hände werden mitsamt integrierten

Knochenstrukturen gedruckt. „Durch die

Knochen fühlt es sich extrem echt an, wenn man die

Hand gibt“, sagt Stamos.

Derzeit laufen Testdrucke, Patienten tragen die ersten

komplett gedruckten Vorfußprothesen Probe.

Ende des Jahres wollen Stamos + Braun einen eigenen

Silikon-3D-Drucker auf den Markt bringen.

„Wir wollen zeigen, dass nicht nur die Big Player

in dem Bereich mitmischen können, sondern auch

kleine innovative Betriebe“, sagt Stamos. Das

israelische Verteidigungsministerium habe bereits

Interesse angemeldet.

Jenny Becker

berlinvalley.com / 27


DESIGN THINKING

Für Gerald Dissen, Gründer der Firma Room in a

Box, bedeuten die ersten beiden Schritte im Design-Thinking-Prozess,

Experte für ein bestimmtes

Thema zu werden. „Um ein Problem wirklich

nutzerorientiert zu lösen, muss man sich mit dem

aktuellen Stand der Technik gut auskennen“, sagt

Dissen. Für das neueste Produkt von Room in a

Box, den Monkey Desk, wurde er zum Experten

für Tische. „Ich habe gelernt, dass es so etwas wie

eine Sitz-Steh-Dynamik gibt, dass es einen optimalen

Blickwinkel auf den Monitor und eine optimale

Ellenbogen-Position zum Arbeiten gibt. Auch dass

Tische standardmäßig 75 Zentimeter hoch sind und

früher nur 70 Zentimeter hoch waren und noch viel

mehr. Das alles hat geholfen, den Monkey Desk so

zu entwickeln, dass jeder damit seine Arbeitsposition

verbessern kann.“

Lernen Design Thinking: die Studierenden der D-School am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam

EMPATHISCH PROBLEME LÖSEN

Wie Design Thinking hilft, Kunden und Mitarbeiter besser zu verstehen

Bei Corporates gilt Design Thinking als Wundermittel

gegen Ideenlosigkeit, aber auch Startups

können von der Innovationsmethode lernen. Erfunden

wurde sie bereits 1991 von der kalifornischen

Design- und Innovationsagentur Ideo. 2004 wurde

die erste D-School für Design Thinking am Hasso

Plattner Institute of Design in Stanford gegründet.

Dort lernen Studierende in Projekten, wie Design

Thinking funktioniert und angewendet wird. Seit

2007 gibt es auch in Potsdam eine D-School.

„Das Wertvolle an Design Thinking ist nicht der Prozess

an sich, sondern das Mindset“, sagt Abraham

Taherivand. Er ist ein erfahrener Design Thinker,

studierte 2009 an den D-Schools in Potsdam und

Stanford, gründete mehrere erfolgreiche Unternehmen

und ist im Design Thinking Coaching und

der Programmentwicklung an der HPI Academy

in Potsdam involviert. Er erklärt den Kern von

Design Thinking so: „Es geht um nutzerzentrierte

Problemlösung und Ideengenerierung.“ Vom Nutzer

her zu denken, sei aber nicht das Gleiche,

wie kundenorientiert zu denken, sagt Taherivand

im Gespräch mit Berlin Valley. Sich am Nutzer zu

orientieren bedeutet auch, potenzielle Nutzer einzubeziehen,

die ein Produkt bisher vielleicht gar

nicht verwenden.

Ein gutes Beispiel ist der Pizzaschneider. Er wurde

entwickelt, nachdem die Hersteller Kinder und

Menschen mit Gicht beobachtet hatten, die mit

dem normalen Messer nicht zurechtkamen. Diese

Extremnutzer gaben die Inspiration für die runde

Klinge, die heute einen Platz in vielen Küchen hat.

EMPATHIE-ARBEIT

„Bei den ersten beiden Schritten des Prozesses

geht es darum, sich in die Schuhe des Nutzers zu

begeben, seine Probleme, Emotionen und Motivationen

zu verstehen und zu beobachten, wie ein

bestehendes Problem bisher gelöst wird“, erklärt

Taherivand. Für eines seiner Projekte, die wachmachende

Guarana-Brause, ist er genau so vorgegangen.

Das Ziel war es, etwas Neues im Energy-

Drink-Markt zu entwickeln. Taherivand wollte sich

von Extremnutzern inspirieren lassen und landete

schnell bei Software-Entwicklern, die überdurchschnittlich

viele Energy Drinks, Kaffee oder Mate

konsumieren. In Interviews und der Empathie-Arbeit

konnten er und seine Mitgründer herausfinden,

warum ihre Testpersonen so viel Wachmachendes

konsumieren, was sie daran mögen und welche

Emotionen damit verbunden sind. Aus den Ergebnissen

entstand die Idee, die aufputschende Wirkung

in Form von einer Schleckbrause anzubieten.

„Extremnutzer sind eine gute Inspiration, weil sie

sich oft schon sehr intensiv mit einem Problem auseinandergesetzt

haben und sich gut mit den bisherigen

Lösungen auskennen“, sagt Taherivand.

„IM ERSTEN

TEIL DES

PROZESSES

GEHT ES

DARUM, SICH

IN DIE SCHUHE

DES NUTZERS

ZU BEGEBEN“

An diese ersten Schritte schließt sich die Definition

des Standpunktes an. Alle Erkenntnisse werden zu

einer These verdichtet, aus der im nächsten Schritt

Ideen entwickelt werden. Im weiteren Prozess wird

aus einer Idee ein Prototyp. Er wird getestet und

nach dem Kundenfeedback verändert, bis ein

funktionierendes Produkt mit funktionierendem Geschäftsmodell

entsteht. Dieser zweite Teil des Prozesses

funktioniert wie der Lean-Startup-Ansatz. Es

geht darum, Produkt und Geschäftsmodell früh zu

testen, um möglichst schnell aus eventuellen Fehlern

zu lernen und damit weniger Ressourcen zu

Von Software-Entwicklern inspiriert:

Wachmachende Guarana-Brause von Moonshot

verbrauchen. Im Gegensatz zu Lean Startup lässt

sich Design Thinking auch in kleinem Rahmen in

Workshops gewinnbringend einsetzen und ist daher

optimal, um Veränderungen innerhalb von bestehenden

Firmen anzustoßen.

DESIGN THINKING FÜR INTERNE PROZESSE

„In einem Startup wird es dann spannend, wenn

das Unternehmen wächst“, sagt Martin Güther,

Gründer von Spacedeck und D-School-Alumni.

Spacedeck ist eine Browser-Anwendung, in der

Teams ihre Brainstorming-Ergebnisse festhalten

können. „Das Team wird größer und die lockere,

innovative Startup-Atmosphäre droht verlorenzugehen“,

sagt Güther. „Strukturen wie Personalmanagement

oder Buchhaltung wachsen und sind

meist sehr spezialisiert in ihren Fachbereichen,

Platz für Innovation wird so immer kleiner.“ Design

Thinking gibt Managern die Möglichkeit, an solchen

Problemen zu arbeiten: Mitarbeiter sind quasi

Extremnutzer der aktuellen Unternehmenskultur.

Die meisten sind Experten für ihre Abteilungen. Von

Vorteil ist, möglichst diverse Mitarbeiter-Teams verschiedener

Abteilungen, verschiedener Standorte

oder mit unterschiedlichem fachlichen Hintergrund

In Design-Thinking-Prozessen entstanden: das digitale Whiteboard von Spacedeck und der Monkey Desk von Room in a Box

zu bilden. Denn so gibt es viele Blickwinkel auf ein

Problem und viele Lösungshorizonte, aus denen Synergien

entstehen können. Im ersten Schritt geht es

dann mit den Teams an die Empathie-Arbeit: Wie

sieht das Problem eigentlich aus, wie lösen die Betroffenen

es bisher, warum lösen sie es so, welche

Randbedingungen spielen eine Rolle? Erst danach

geht es an die Lösung: Gemeinsam entwickelt das

Team verschiedene Ansätze, diskutiert sie und baut

einen Prototypen. Meist wird es sich bei den Lösungen

nicht um Produkte zum Anfassen, sondern um

Prozesse oder Services handeln. Einen solchen Prozess

durchzuspielen gilt ebenfalls als Prototyp. Mit

den Ergebnissen dieser ersten Tests kann das Team

die Lösung weiterentwickeln und sie schließlich in

größerem Rahmen in der Abteilung testen.

Bei regelmäßigen Design-Thinking-Workshops

können verschiedene Probleme angesprochen

werden, und die Mitarbeiter beginnen gleich mit

der Lösung. Das hilft in jedem Fall, die Old-Economy-Frustration

fernzuhalten, und das Team nutzt

seine kreativen Fähigkeiten, um die eigenen Prozesse

effektiver zu gestalten.

Anna-Lena Kümpel

VERSTEHEN BEOBACHTEN STANDPUNKT DEFINIEREN IDEEN ENTWICKELN PROTOTYP BAUEN TESTEN

Der Prozess ist ein Kernelement des Design Thinkings. Die Empathie-Arbeit während der ersten Schritte unterscheidet Design Thinking wesentlich von anderen Innovations-Methoden wie Lean Startup oder Open Innovation.

28 / berlinvalley.com

Fotos: Kay Herschelmann, Moonshot, Spacedeck, Room in a Box


DESIGN THINKING

Können Startups als kleine, agile Unternehmen

von Design Thinking profitieren?

Aus den kleinen Unternehmen werden irgendwann

größere; sie wachsen aus der Startup-Phase he raus

und in eine Organisationsform hinein, die ich Brockhaus-System

nenne. Bei Zalando beobachten wir das

gerade intensiv, weil wir ein Projekt zusammen machen.

Zalando ist so extrem gewachsen, dass jetzt

Strukturprobleme entstehen, die von Beratern gelöst

werden, die noch in alten Mustern denken. Ich finde

es aber wichtig, dass diese Unternehmen ihre organisatorischen

Herausforderungen von innen heraus und

mit Blick auf die sich wandelnde Technologie selbst

in den Griff kriegen. Auf der Organisationsebene ins

20. Jahrhundert zurückzufallen, bringt keinen Fortschritt.

Genau hier kann Design Thinking ansetzen.

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wie sie ihren Weg in die Startup-Szene gefunden haben.

Schult Studierende im vernetzten Denken: Professor Ulrich Weinberg

„IN TEAMS WIRD

VIEL ENERGIE FREI“

„AUF DER

EBENE DER

ORGANISATION

INS 20.

JAHRHUNDERT

ZURÜCK-

ZUFALLEN,

BRINGT

KEINEN

FORTSCHRITT“

THE HUNDERT

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D-School-Gründer Ulrich Weinberg

erklärt, wie bedeutend vernetztes

Denken ist und wie Design Thinking

in Startups einen Unterschied macht

Herr Weinberg, 2007 haben Sie die

D-School in Potsdam gegründet.

Hat sich die Bedeutung von Design Thinking

in diesen neun Jahren verändert?

2007 haben wir unseren Schwerpunkt auf die Studierenden

und auf Innovationen rund um Produkte

und Services gelegt. Teambasiertes Arbeiten mit

Studierenden aus verschiedenen Disziplinen stand

im Vordergrund. In den letzten Jahren hat sich gezeigt,

dass Design Thinking auch für die Entwicklung

und das Redesign von Business-Modellen interessant

ist. In diesem Bereich bewege ich mich

mittlerweile immer mehr und bin jetzt ganz nah

dran an Managern, Bankdirektoren, Firmenchefs.

Warum ist Design Thinking für diese

Unternehmen so interessant?

Durch die Digitalisierung wächst der Veränderungsdruck

nicht mehr linear, sondern exponentiell. Es vernetzen

sich Netze mit Netzen; dadurch ergeben sich

mehr Informationen und Möglichkeiten. Viele Prozesse

werden schneller, und die Unternehmen merken,

dass sie ihre Geschäftsmodelle verändern müssen,

um konkurrenzfähig zu bleiben. Mit dieser Veränderung

kommen viele schlecht klar, weil sie mit einem

alten Denk- und Handlungsapparat an die Sache herangehen:

analog, nicht vernetzt und kompetitiv.

30 / berlinvalley.com

Wie kommt es, dass auch junge Menschen

noch in diesem Denken stecken?

Die Menschen kommen aus einem hochkompetitiven

Bildungsapparat, der bestimmte Denkgewohnheiten

prägt. Schulen und Hochschulen setzen traditionell

extrem auf den Einzelnen, der in Wettbewerb zu

anderen steht. Wenn ich das jahrelang trainiere,

bildet sich eine sehr wettbewerbsorientierte Haltung.

Interessant ist, dass unsere Studenten denken,

sie seien vernetzt, weil sie auf Facebook, Linkedin

und so weiter aktiv sind. Aber eigentlich sind oft

nur die Maschinen vernetzt, nicht die Köpfe.

Vor diesem Problem stehen auch Unternehmer.

Was raten Sie: Wie können Unternehmen

das ändern?

Im digitalen Zeitalter brauchen wir ein vernetztes

und kollaboratives Denken. Was wir hier an der

D-School machen, hat im Kern wenig mit Technik

zu tun. Das Spannende ist die soziale Innovation.

Die Studenten lernen zuerst im Team zusammenzuarbeiten.

Das ist in der Regel eine ungewohnte Erfahrung,

obwohl die meisten schon Teamerfahrung

haben. Die ist aber meist negativ, wenn T-e-a-m

bedeutet: ‚Toll, ein anderer macht’s!‘ In den ersten

Wochen arbeiten unsere Studenten verschiedene

Aufgaben in Teams ab und merken nach einer

Weile, dass wir nicht auf die Einzel-Performance

achten und auch die Teams nicht benoten. Wir

schauen uns die Qualität der Ergebnisse bei der

Präsentation an. Sobald sie das registrieren, passiert

in den Köpfen etwas und in den Teams wird

eine unglaubliche Energie frei. In einem solchen

bewertungsfreien Umfeld entsteht die intrinsische

Motivation, gute Qualität abzuliefern.

Gibt es dafür ein Beispiel?

Paypal hat vor etwa zwei Jahren eine Design-Thinking-

Welle über den Globus geschickt und alle Mitarbeiter

wenigstens grundlegend geschult: Was ist Design

Thinking, wie bleibe ich nah am Kunden, wie befördere

ich die Kooperation zwischen unterschiedlichen

Werken besser, wie funktioniert Proto typing? Das hat

mich erstaunt, und ich fand sehr gut, dass sie sich

das verordnet haben. Paypal hat verstanden, dass es

nicht darum geht, ein bisschen besser oder ein bisschen

innovativer zu sein, sondern um einen tiefgreifenden

Kulturwandel im ganzen Unternehmen.

Das Gespräch führte Anna-Lena Kümpel.

ULRICH WEINBERG

ist Professor für Design Thinking an der HPI

D-School in Potsdam, die er 2007 gründete.

Er vermittelt Studierenden die Fähigkeit, in

multidisziplinären Teams benutzerfreundliche

Produkte zu entwickeln, und arbeitet mit Unternehmen

an deren Innovationsfähigkeit. Zuvor

war er Professor für Computer Animation.

hpi.de

Fotos: Kai Herschelmann

KOSTENLOSER DOWNLOAD AUF

facebook.com/thehundert

THE-HUNDERT.COM

Made with love in Berlin

twitter.com/thehundert


LEAN STARTUP MEETUP

make investments. make them matter.

Musik für Motorradfahrer:

Sophie Willborn erklärt ihren Helm.

„DU MUSST EXCEL LIEBEN“

Baut ein Startup Monitoring Tool: Sven Ripsas

Gemeinsam

Solarprojekte in

Entwicklungs- und

Schwellenländern

finanzieren.

Bauen, messen, lernen: Lean Startup war Thema des zweiten Berlin-Valley-Meetups

Bei einem kühlen Bier:

Zeit zum Netzwerken

Was hat ein Wasserfall mit Lean Startup zu tun? – Gar nichts?

Im Gegenteil. Waterfall nennt man den klassischen Weg einer

Produktentwicklung: ein Pflichtenheft schreiben, ein Jahr lang

programmieren und wenn das Produkt fertig ist, schaut man, ob

es jemand haben will. Bei der Lean-Startup-Methode geht man

genau anders vor: Man schaut zuerst auf den Markt und die Kunden,

stellt Hypothesen auf, baut ein minimal-funktionales Produkt

und testet dies am Markt. Bauen, messen, lernen – so lautet der

Optimierungskreislauf bei Lean Startup. „Es ist ein ständig iterativer

Prozess“, erklärt Thomas Janson von Leanberlin.de beim

zweiten Meetup von Berlin Valley in der Factory.

Vielen Dank an unseren Partner Factory

und unseren Sponsor Brlo.

Mehr Bilder vom Meetup:

FACEBOOK.COM/BERLINVALLEY/PHOTOS

80 Gäste kamen, um sich bei Vorträgen und Podiumsdiskussion

und beim anschließenden Networking über Lean Startup auszutauschen.

Messen ist ein wesentlicher Bestandteil der Methode.

Es kommt aber darauf an, die richtigen Daten zu sammeln, erläuterte

Sven Ripsas, Professor für Entrepreneurship an der HWR

Berlin. Er entwickelt ein Startup Monitoring Tool. „Wenn ihr einen

im Team habt, der Excel liebt, dann ist das ein großer Fortschritt“,

rät er den Zuhörern. Und: „Du musst einmal die Woche

deine Zahlen genau angucken, am besten tagesaktuell.“

Aus der Praxis berichteten dann in der Po diums diskussion Sophie

Willborn, Gründerin von Headwave, Tamer El-Hawari von Project

A Ventures und Sebastian Bacher von Nu3. „Einfach machen!“,

lautet zum Beispiel der Rat von Sophie, deren Unternehmen

ein kabelloses Soundsystem für Motorradfahrer entwickelt

hat. Mit dem ersten handgelöteten Helm hat sie Kunden befragt.

Ihr Tipp: „Am besten einen Stand auf einer Messe mieten, die

zu Eurem Thema passt.“ Dort lässt sich ganz einfach das nötige

Feedback einholen.

vis

Wollte fast jeder testen:

den Helm von Headwave

Noch Fragen? Die Experten standen Rede und Antwort.

Thomas Janson erklärt: das Lean-Startup-Mindset

Gruppenfoto: Dank an die Beteiligten auf und hinter der Bühne

Aufmerksame Zuhörer: Das Meetup

in der Factory war gut besucht.

Jetzt in

nachhaltige

Solaranlagen

investieren!

32 / berlinvalley.com

Fotos: Adela Dupetit

www.ecoligo.com


INVESTOREN

INVESTOREN

„GELD IST NICHTS BESONDERES“

34 / berlinvalley.com

Fotos: Saskia Uppenkamp

Project-A-Ventures-Partner

Florian Heinemann* und Uwe

Horstmann über die Ausrichtung,

Strategie und Erfolgsfaktoren des

Frühphaseninvestors

Ihr nennt Euch bei Project A „Operational

VC“. Wie positioniert Ihr Euch in der Investorenlandschaft?

UWE: Wir sehen uns grundsätzlich als Venture

Capitalist und nehmen ganz klar am Kampf um

die besten Unternehmer teil. Geld ist heutzutage

nichts Besonderes. Investoren brauchen ein Alleinstellungsmerkmal.

Für uns ist es wichtig, die Unternehmen

wirklich operativ unterstützen zu können.

Um das zu kommunizieren, haben wir den Begriff

Operational VC erfunden.

FLORIAN: Wir glauben, dass die Start-Konfiguration

einer Firma die spätere Entwicklung wesentlich

beeinflusst. Daher ist der Grenznutzen von operativer

Unterstützung in der frühen Phase deutlich

höher. Wir alle glauben sehr stark an die Konfigurationstheorie,

der zufolge die Anfangskonfiguration

einer Firma den min/max Entwicklungspfad

determiniert. Unser Ziel ist daher, das Grund-Setup

einer Firma nachhaltig zu verbessern, weswegen

wir uns in einem frühen Stadium involvieren, also

Series A und davor. Allerdings lassen sich Startups

schwer am Reißbrett konstruieren und VC ist

letztendlich ein von Wahrscheinlichkeiten geprägtes

Spiel. Deswegen setzen wir auf Unternehmen,

bei denen das Gründerteam eine emotionale Bindung

zur Firma hat und entsprechend incentiviert

ist. Den perfekten Unternehmer gibt es nicht, und

Gründer bauen ihre Organisation optimalerweise

so um sich herum auf, dass sie ihren Stärken und

Schwächen entsprechen. Genau hier wollen wir

in einer frühen Phase des Unternehmens ansetzen

und operativ unterstützen, das Startup möglichst

passend aufzustellen. Das unterscheidet uns von

den meisten Company Buildern, die eine Firma

einfach hochziehen und dann ein Führungsteam

rekrutieren, das eben nicht lang genug durchhält.

Große Firmen brauchen im Schnitt acht bis zwölf

Jahre bis sie wirklich eine Relevanz erreichen.

Selbst Zalando, wo alles extrem schnell ging, hat

ja sechs, sieben Jahre gebraucht, bis es wirklich

eine relevante Firma war.

Euer Vorbild ist wahrscheinlich Andreessen

Horowitz. Wie seht Ihr Euch im Vergleich?

FLORIAN: Der wesentliche Unterschied sind die

Assets under Management. Außerdem muss man

verstehen, dass unser Business ein Outlier-Business

ist. Das heißt, du musst schauen, dass du bei den

international erfolgreichsten Firmen mit dabei bist.

Die international erfolgreichsten Startups gehen

eher zu den Leuten, die eine sehr starke Reputation

haben, und das sind eben primär amerikanische

VCs und dann vielleicht noch angloamerikanische.

Diese Reputation fehlt uns, und man kann sie sich

nur über die Zeit aufbauen. Ein Marc Andreessen

Arbeiten intensiv mit den Startups zusammen:

Uwe Horstmann und Florian Heinemann

hat sie verdienterweise qua Persona. Oder auch

Ben Horowitz. Wir müssen sie uns eben verdienen,

aber das ist ja auch nicht schlimm. Außerdem

arbeitet Andreessen Horowitz hauptsächlich

mit seniorigen Leuten. Wir auch, aber wir haben

auch viele Juniors dabei. Ich persönlich finde eine

juniorigere Personalstruktur nicht so schlecht, weil

wir damit stärker am Puls der Zeit sind. Ob ein

senioriger Experte, der nur noch sehr high level

berät, in der frühen Phase das richtige Setting ist,

weiß ich nicht.

Jochen Krisch von Exciting Commerce hat

die These aufgestellt, dass Project A zwar

noch in der Findungsphase ist, zeitgleich

aber kurz vorm Durchbruch steht.

UWE: Wir haben 2012 angefangen und hatten

vor anderthalb Jahren den ersten großen Aufschlag.

Seitdem haben wir uns gefunden und einen

Masterplan definiert, den wir sehr schnell exekutieren.

Es kommt zwar immer wieder die Frage

‚Wo ist Euer Zalando?‘, aber inzwischen haben

die meisten verstanden, dass wir viele B2B-Firmen

im Portfolio haben, die nach außen wenig präsent

sind. Ich vermute, dass der Durchbruch kommt, sobald

unsere Ventures in der Außendarstellung sehr

stark werden.

Ist Project A so ein bisschen ist wie das

frühe Rocket Internet?

UWE: Ich finde, wir haben uns viel stärker in die

VC-Richtung entwickelt als Rocket. Rocket ist mehr:

‚Wir starten jetzt was. Wir machen jetzt ein Zipjet,

wir machen jetzt ein Hellofresh, ein Helpling.‘ Wir

sind eher so: ‚Hier kommt eine Company, die eine

coole Mobile-Targeting-Technologie gemacht hat,

lass uns mit denen mal hinsetzen.‘

Wie seid Ihr formal aufgestellt?

UWE: Rechtlich sind wir ein Investmentfonds. Wir

arbeiten rein finanziell orientiert und werden nur

über den Erfolg der Startups incentiviert. Wir haben

ganz normal Geldtöpfe und bauen für unsere

bald zwei Fonds Portfolios von vielleicht je 25 bis

30 Unternehmen auf. Wir machen oft klassische

Seed- und Series-A-Finanzierung, in Höhe von ein

paar Hunderttausend bis drei Millionen Euro. In

diesen Deals sind wir oft der klassische Lead-Investor.

Dann gibt es Series-B- und Series-C-Finanzierungen,

in denen wir eher ein Juniorpartner

sind und mit ein paar Fonds zusammenarbeiten,

die uns da auch proaktiv einbinden, auch weil

operativer Support benötigt wird. Insgesamt können

wir pro Firma bis zu zehn Millionen Euro ausgeben.

Es gibt außerdem eine zweite Einheit von

100 operativen Experten, die unseren Unternehmern

ihre Serviceleistungen quasi wie ein Menü

zur Verfügung stellen. Wenn wir eine Due Diligence

machen, sitzen wir mit den Unternehmern und

den jeweiligen Experten zusammen und versuchen

zu verstehen, wie wir den Startups helfen können.

Manchmal ist das nur Input, manchmal richtige

operative Manpower. Das geht meistens über einen

intensiven Zeitraum von ein paar Monaten,

immer mit dem klaren Fokus auf den Aufbau eines

eigenen Teams im Venture.

*Florian Heinemann ist Investor der Tomorrowland GmbH,

der Holding des Verlags NKF Media GmbH.

Was erwartet einen Unternehmer, wenn er

zu Euch kommt?

FLORIAN: Anfangs gibt es eine sehr intensive Zusammenarbeit

zwischen uns und dem Startup. Wir

versuchen auf Partnerebene etwa alle zwei Wochen

in Kontakt zu stehen, meist sogar häufiger.

Im Idealfall gibt es auch einen Austausch auf fachlicher

Ebene etwa mit unserem Head of Marketing

oder Head of BI. Im ersten Jahr arbeiten oft Leute

von uns in den Startups mit, bis sie sich selbst quasi

überflüssig gemacht haben.

„UNSER ZIEL

IST ES, DAS

GRUND-SETUP

EINES STARTUPS

ZU VERBESSERN“

Kannst Du Beispiele nennen?

FLORIAN: Catawiki ist ein gutes Beispiel. Wir

sind in einer für uns relativ späten Phase mit einem

Co-Investment mit Accel eingestiegen. Es gab

bereits eine gut laufende Plattform: einen der führenden

Marktplätze für außergewöhnliche Sammlerstücke.

Wir konnten an zwei Stellen weiterhelfen:

Wir haben das Performance-Marketing- und

CRM-Team ausgebaut. Anfangs haben unsere Experten

Catawiki unterstützt, dann haben wir vier

Junior-Manager direkt von der Hochschule rekrutiert

und so ausgebildet, dass sie die Positionen

besetzen konnten. Außerdem haben einige unserer

Entwickler geholfen, Data-Warehouse-Ent

NAME:

Project A Ventures

GRÜNDUNG:

Januar 2012

GRÜNDER:

Florian Heinemann,

Uwe Horstmann, Thies Sander,

Christian Weiss

MITARBEITER:

rund 100

STANDORTE:

Berlin, São Paulo

SERVICE:

Frühphasen-Investor

und operativer VC im Bereich

digitale Technologien

project-a.com

berlinvalley.com / 35


INVESTOREN

INVESTOREN

Im Gespräch mit Jan Thomas von Berlin Valley: Florian Heinemann (l.) und Uwe Horstmann

wickler einzustellen und mit denen gemeinsam

das Data-Warehouse-System entwickelt. Dieses

System steuert das gesamte Content-Management

und die Kundeninteraktion. Mit der Zeit hat sich

unser Team immer weiter rausgenommen und heute

hat Catawiki ein eigenes Team von zehn Data-

Warehouse-Entwicklern. Insgesamt wurde alles

nach einem Jahr komplett an das Startup übergeben.

Im Vergleich dazu haben wir bei Pets Deli

relativ früh investiert und dann unter anderem den

Shop neu gebaut. Unser Team hat sich in den Bereichen

IT, Data-Warehouse und Marketing eingebracht

und dann – wie bei Catawiki – geholfen,

neue Leute für diese Bereiche einzustellen. Wir

setzen uns mit den Ventures zusammen und klären

gemeinsam, wie die Zielorganisation aussehen soll

und versuchen das möglichst schnell aufzubauen.

Also kein echter Standardprozess?

FLORIAN: Teils, teils. Die meisten Unternehmer,

die zu uns kommen, haben schon Gründungserfahrung.

Die ersten operativen Workshops machen wir

bereits, wenn wir das Investment vorbereiten. Unsere

Teams sitzen dann mit dem jeweiligen Startup

zusammen, und aus den Gesprächen ergibt sich,

welche Punkte auf unserer ‚Menükarte‘ für das Unternehmen

sinnvoll sind. Letztlich entscheidet aber

immer das Management der Firma, ob sie unsere

Unterstützung wollen. Sie ist keine Bedingung für

das Investment. Später gibt es eine Art Key Accounter

auf Partnerebene, also Uwe, Christian, Thies oder

ich. Im ersten Jahr gibt es eine sehr intensive Phase

der Zusammenarbeit, auch mit unserem Head of BI

oder Head of Marketing. In diesem Zusammenspiel

erkennst du eine Reihe von Mustern. Du siehst, was

bei einem Startup funktioniert und versuchst, das auf

andere Themen zu übertragen.

So ein Apparat ist sicher sehr teuer.

Refinanziert sich Euer Modell?

UWE: Einen relevanten Teil der Kosten tragen wir

selbst. Das heißt, wir machen im Prinzip jedes Jahr

Verlust. Damit wir solvent bleiben, reinvestieren wir

die Management-Fee in den Apparat. Eigentlich sind

wir Partner wie Angestellte und verdienen aktuell nur

unser Gehalt. Das ist nicht kompatibel mit der Mentalität:

‚Ich mache mir als Partner auf Basis der Management-Fee

die Taschen voll, obwohl ich eigentlich noch

36 / berlinvalley.com

nichts getan habe.‘ Bisher scheint es gut zu funktionieren,

unsere Performance nach Kosten ist sehr gut.

Wir investieren selbst viel in den Fonds, und das wird

sich bezahlt machen. Für uns gibt es ein Commitment,

dass wir hier mindestens zehn Jahre arbeiten. Dieser

Vertrag ist gerade unterschrieben.

Ihr seid vier Partner. Wie funktioniert die

Zusammenarbeit?

UWE: Flo und ich arbeiten seit neun Jahren zusammen.

Wir kennen die Stärken und Schwächen des

anderen. Andere Fonds sind fast franchiseartig in

Silos organisiert. Wir funktionieren eher wie ein

Jenga-Turm: Alles greift ineinander. Ich kümmere

mich um neue Deals, Florian gibt Marketing-Input,

Thies macht Funding/Financing und Christian kümmert

sich um IT- und HR-Themen. Wir brauchen uns

gegenseitig sehr stark.

„EIN

GRÜNDERTEAM

AUSZUWECHSELN,

IST IMMER BLÖD“

Warum habt Ihr Euch für dieses Mischmodell

aus VC und Company Builder entschieden?

FLORIAN: Das ist für mich eine sehr persönliche

Entscheidung. Ich glaube, dass ich besser darin

bin, an der Seitenlinie zu stehen und Leute zu beraten

als selbst zu spielen. Ich bin ein vernünftiger

Unternehmer, aber nicht herausragend in der Umsetzung.

Dafür reizt es mich, von außen auf ein

Unternehmen zu schauen und Punkte zu identifizieren,

an denen wir ansetzen können.

Von Euch gibt es Ausgründungen wie Loopline

Systems oder Spryker. Ist das nicht

streng genommen Company Building?

UWE: Manchmal haben wir Unternehmer, die sagen:

‚Ich hab hier ein gutes Thema. Wollen wir das

nicht zusammen anschieben?‘ Das ist tatsächlich

eher Co-Founding als Inkubation. Bei Spryker war

unser eigener CTO Teil des Teams, das das Projekt

umsetzen wollte. Loopline haben wir als internes

Tool gebaut und unsere Head of HR fand das so

cool, dass sie das weiter ausbauen wollte. Also

haben wir das umgesetzt. Wahrscheinlich finden

sich viele Argumente dafür, dass es Schwachsinn

ist, unsere Wettbewerbsvorteile quasi auszugründen.

Aber sei’s drum. Es steckt Potenzial in den

Ideen und wären wir darauf angewiesen, dass wir

diese ‚Secret Source‘ haben, läge das Problem

tiefer. Wir teilen das gerne. Im Bereich Business

Intelligence denken wir sogar darüber nach, Teile

unseres geistigen Eigentums Open Source zur Verfügung

zu stellen. Spryker hat kürzlich auch einen

Teil seines Quellcodes veröffentlicht. So könnten

auch Leute, die nichts mit Project A zu tun haben,

eine Inhouse-Business-Intelligence aufbauen. Das

Ökosystem könnte auf jeden Fall davon profitieren.

Also reines Gutmenschentum?

UWE: Wir hoffen, dass das auf unsere Außenwahrnehmung

einzahlt. Vielleicht hat der eine oder

andere dann noch mehr Lust, mit uns zusammenzuarbeiten.

Außerdem werden wir besser, wenn

wir Feedback von außen bekommen. Und wir profitieren

davon, wenn das Ökosystem wächst. Wir

haben ja kein Interesse daran, das Business-Intelligence-Know-how

in der Startup-Szene gering zu

halten, damit wir selbst stärker hervorstechen. Wir

lernen viel eher vom Austausch mit klugen Köpfen

und je mehr Austausch es gibt, desto besser.

Auf welche Themen fokussiert Ihr Euch?

UWE: Wir kommen aus dem transaktionalen

B2C-Bereich, wo es viele Marktplätze und viel

E-Commerce gibt. Das bleiben auch wichtige Themen

für uns. Aber wir haben uns gefragt, wo die

Schaufeln für diesen Goldrausch hergestellt werden.

Für uns ist das der B2B-Bereich. Das Thema

haben wir dann mit Software-as-a-Service-Unternehmen

in unser Portfolio aufgenommen. Seit ein

paar Monaten tauchen wir auch in das Thema

Digital Health ein, weil wir das spannend finden.

Das ist ein Bereich, in dem wir noch mehr operativen

Mehrwert liefern können als beispielsweise im

E-Commerce. In dem Bereich haben wir mit Junomedical

bereits ein erstes Investment und es sind

zwei weitere in der Pipeline.

Fotos: Saskia Uppenkamp

Wie läuft der interne Entscheidungsprozess?

UWE: Wir investieren nur, wenn einer von uns richtig

für ein Thema brennt. Dann sind die anderen meist

bereit mitzuziehen. Ich wollte beispielsweise Catawiki

unbedingt machen. Das war keine einfache Diskussion,

und das ist auch richtig so. Wir haben uns viele

Gedanken gemacht, auch weil wir die Anforderungen

der Gründer erfüllen wollten. Im Nachhinein war

es gut, dass wir uns dafür entschieden haben.

Woran merkt Ihr, dass Ihr bei einem

Venture die Reißleine ziehen müsst?

FLORIAN: Wir hatten sechs Ventures, die wir als

Abschreibung zählen. Wenn wir merken, dass wir

eine bestimmte Funktionsfähigkeit nicht herstellen

können, ziehen wir die Reißleine. Wir fragen uns bei

jedem Geschäftsmodell vorher, woran man glauben

muss, um davon auszugehen, dass es funktioniert.

Wenn diese Hypothesen plausibel sind, glauben wir

sie so lange, bis sie aktiv widerlegt sind.

UWE: Dieser Baum der Hypothesen, die dem

Modell zugrunde liegen, ist ein sehr guter Check.

Wir stellen ihn vor jedem Investment auf, aber Du

kannst ihn eigentlich immer wieder anschauen,

wenn sich etwas verändert. Wenn wir an eine der

Hypothesen nicht mehr glauben können, müssen

wir umdenken.

Welche Hypothesen sind dabei wichtig?

UWE: Es gibt zwei wichtige Hypothesen. Erstens:

Ist das Team in der Lage, das Business umzusetzen?

Zweitens: Ist Project A in der Lage, einen positiven

Impact zu leisten? Wenn wir beide Fragen noch mit

Ja beantworten, machen wir grundsätzlich weiter.

Wie seht Ihr, wann Ihr eingreifen müsst?

FLORIAN: Wir müssen erkennen, ob der Kompass

noch richtig läuft. Wenn ein Gründer systematisch

schlechte Entscheidungen trifft, ist das problematisch.

Häufig passiert es auch, dass jemand nicht

in der Lage ist, mit der Organisation zu wachsen:

Marktplätze, E-Commerce und transaktionale Geschäftsmodelle

Quelle: Project A Ventures

DAS PORTFOLIO VON PROJECT A VENTURES

Alle Beteiligungen des Frühphaseninvestors

Exits

das Team aufzubauen, die Leute zu halten und zu

motivieren. Manchmal fehlt es dazu an der emotionalen

Intelligenz, und die ist schwer zu trainieren.

Wir beobachten das sehr genau, aber jemanden

auszutauschen, bleibt für uns die Ultima Ratio. Das

machen wir sehr ungern.

Könnte es den Fall geben, dass Ihr das

Gründerteam bittet zu gehen, so wie das

bei Movinga geschehen ist? Oder würdet

ihr das Unternehmen dann eher schließen?

UWE: Zuerst stellt sich die Frage, ob die Hypothese

richtig ist und ob wir mit dem richtigen Business-Modell

unterwegs sind. Das Team ist dabei

ein wichtiger Punkt. Also muss man sich auch fragen,

ob es mit diesem Team weitergehen kann.

Wenn das ganze Team wegbricht, ist es schwierig.

Wenn einer der Gründer wegbricht, kann man unter

Umständen einen Ersatz finden.

FLORIAN: Es ist ein Missverständnis, dass wir –

oder auch Rocket – gerne Leute aus unseren Teams

schmeißen. Ein Gründerteam auszuwechseln ist immer

blöd, selbst wenn das rechtlich möglich ist und

man die Anteile einziehen kann. Man muss dann

einen adäquaten Ersatz finden. Das bringt Unruhe

in die Organisation und verunsichert auch neue Investoren.

Ich kenne keinen Investor, der gerne Leute

rausschmeißt. In der Regel zerstört das auch erst

einmal viel Wert und Vertrauen. Für uns ist es der

Gründer, der sein Unternehmen treibt. Und bis zu einem

gewissen Punkt tragen wir auch Entscheidungen

mit, die wir nicht für richtig halten, solange diese

Entscheidungen systematisch gefällt werden. Wir haben

einen Zeithorizont von acht bis zwölf Jahren im

Blick, und langfristig ist es wichtig, dass die Gründer

die Ownership für ihr Unternehmen behalten. Das

wird nichts, wenn wir ihnen ständig sagen, was sie

zu tun haben. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass

die Leute selbst kündigen, wenn man ihnen zu oft die

Verantwortung entzieht. Das ist langfristig schlimmer

als ein paar Fehlentscheidungen.

Digitale Infrastrukturlösungen und Enabling Technologies

FLORIAN HEINEMANN, UWE HORSTMANN

Bevor Florian Heinemann und Uwe Horstmann

2012 Project A Ventures mitgründeten,

waren beide Geschäftsführer bei Rocket

Internet. Jeder von ihnen hat zahlreiche

Startups (mit-)gegründet, zudem sind beide

Investoren und Business Angels. Ihre Ausbildung

absolvierten sie unter anderem an der

WHU in Vallendar.

Was haltet Ihr vom Blue-Yard-Ansatz? Dort

scheint die wichtigste Frage zu sein: Was

wäre, wenn das wirklich funktioniert? Businesspläne

sind da erstmal nebensächlich.

UWE: Ich glaube, Ciarán O’Leary tut dem Ökosystem

durch seine Herangehensweise sehr viel Gutes.

Zeitgleich ist es ein Zeichen der Reife des

Ökosystems, wenn groß gedacht werden kann. Die

zunehmende Kapitalbereitstellung versetzt erst in

die Lage, dass wir auch hierzulande die großen

Denker haben, die sich für Deutschland oder Europa

entscheiden, und nicht in die USA gehen.

Gerade starten immer mehr VCs, unter anderem

von erfolgreichen Unternehmern gegründet.

Professionalisiert sich der Markt?

FLORIAN: Ja, und zwar sowohl auf der VC- als

auch auf der Unternehmerseite. Es gibt immer

mehr Serial Entrepreneurs. Es gibt Leute, die bei

sehr guten Startups gearbeitet haben und dann

Unternehmer werden. Qualität und Quantität der

investierbaren Gelegenheiten nehmen tendenziell

zu. Ob schnell genug ausreichend Geld verfügbar

sein wird, kann ich noch nicht sagen. Aber der

Wettbewerb um die guten – oder vermeintlich guten

– Deals wird weiter zunehmen. Als VC müssen

wir uns auf einen Markt einstellen, auf dem wir

informiertere Unternehmer treffen, die noch besser

und bewusster entscheiden als heute. Die heißen

Deals können sich aussuchen, wer bei ihnen investiert,

so wie das im Silicon Valley auch der Fall

ist. Wir müssen uns wie fast alle deutschen VCs

im internationalen Wettbewerb fragen, warum die

guten Leute ihr Geld von uns nehmen sollten. Von

unseren Unternehmern fordern wir ja auch, dass

sie ihre USPs benennen können und sich klar am

Markt positionieren. Viele Investoren haben hier

Nachholbedarf und sind nicht klar positioniert. Es

gibt eine Reihe älterer VCs, die vermutlich nur deshalb

einen guten Dealflow haben, weil sie früh da

waren und Geld hatten. Das wird sich verändern.

Unsere Aufgabe als operativer VC wird sein, unser

Serviceangebot so gut und so attraktiv zu gestalten,

dass wir gute Antworten auf die Frage ‚Warum wir?‘

geben können. Die größte Herausforderung ist es,

immer an den aktuellen Themen dranzubleiben, unsere

Experten und das Serviceangebot up to date zu

halten. Wenn wir das gut machen, habe ich wenig

Sorgen, dass unsere Positionierung glaubwürdig und

werthaltig ist. Die Kernherausforderung ist: Schaffen

wir es, für die Topexperten in den jeweiligen

Bereichen eine gute Heimat zu bieten?

Das Gespräch führte Jan Thomas.

berlinvalley.com / 37


INVESTOREN

„WIR KENNEN

Alexander Frolov, Partner von

Target Global, über den Reiz von

B2B-Modellen und warum Berlin für

Investoren attraktiver ist als London

Alexander, in Eurem Portfolio sind Unternehmen

wie Delivery Hero, Gobutler,

Dreamlines und Book a Tiger – klassische

B2C-Marktplätze. Was macht Euch als

Investor in diesem Bereich einzigartig?

Unsere Vision ist es, einer Firma Kapital über das

ganze Spektrum – Seed, Early und Later Stage –

zur Verfügung zu stellen. Unser Fonds hat ein Volumen

von mehr als 300 Millionen Dollar. Dadurch

können wir Unternehmen mehr Kapital als andere

zur Verfügung stellen – jeweils in Portionen von

fünf bis 30 Millionen Dollar.

Ein starkes Argument. Aber es geht doch

nicht nur ums Geld?

Nein, das ist nicht der Hauptgrund, aber es hilft.

Wir bieten auch viel Wissen in verschiedenen Bereichen.

Ein Partner befasst sich nur mit Fintechs.

Ein anderer, Yaron Valler, hat vorher für Hasso

Plattner Ventures gearbeitet und kennt sich mit

SaaS und Unternehmenssoftware aus. Und da wir

mit einem Bein in Israel stehen, haben wir einen

guten Draht zu den hochtechnisierten Firmen vor

Ort. Wir sind sehr international. Mit Dreamlines

sind wir inzwischen in zehn Ländern. Delivery

Hero agiert in 30 Ländern. Wir kennen die Welt,

und wir helfen Firmen zu verstehen, wie Sachen

funktionieren, an die sie vielleicht vorher nicht

gedacht haben.

DIE WELT”

Genau. Du kannst anfangen und für Disruption sorgen.

In der ganzen Branche verdienen Leute eine

Menge Geld, aber die Kunden sind nicht unbedingt

glücklich mit ihren Erfahrungen. Das ist eine

gute Basis dafür, dass etwas passieren muss.

Welche Bereiche habt Ihr noch im Auge?

Wir beobachten eine Konvergenz des Marktplatz-Modells

mit Software-as-a-Service. Ein Beispiel

ist unser Investment in Docplanner. Die stellen

auf der einen Seite eine Plattform zur Arztwahl bereit.

Zum anderen gibt es auch eine Software für

Ärzte, um Patientendaten zu verwalten. Ein weiterer

Trend ist B2B. Business-Kunden sind großartig,

wenn man sie bekommt. Sie verdienen mehr, sie

haben mehr Life-Time-Values.

Kannst Du ein Beispiel nennen?

Wir haben vor Kurzem mit Rocket Internet und

Lukasz Gadowski in den Caterer Lemoncat investiert.

Caterer machen B2B-Geschäfte auf zwei Seiten

– mit dem Caterer und mit dem Unternehmen,

an das sie Caterer-Marketplaces-Services verkaufen.

Viele Unternehmen arbeiten so. Ich bin gespannt,

wie deutsche Gründer dieser Herausforderung

gewachsen sind. Wenn sie es schaffen, wird

es viele wertvolle Unternehmen geben.

Target Global unterhält Büros in Moskau,

Tel Aviv und Berlin. Welche weiteren

Hot spots sind interessant?

Ich denke, London wird weiterhin aktiv sein. Man

wird sehen, wie der Standort sich nach dem Brexit

verändert. Außerdem ist Barcelona sehr aktiv,

Alexander Frolov ist seit 2012 Partner bei Target Global und spezialisiert auf digitale B2C-Investments.

ebenso Skandinavien. Im Prinzip könnte man ein

tolles Unternehmen überall in der Welt gründen.

Was mögt Ihr an Berlin?

Wir hatten die Wahl zwischen Berlin und London.

Berlin hat schließlich aus verschiedenen Gründen

besser gepasst. Zum einen weil die Firmen, nach

denen wir aus den Bereichen Business Process Innovation

und B2C suchen, hier ansässig sind. In

London sind es eher Unternehmen aus den Bereichen

Life Science und Halbleiter, die uns nicht interessieren.

Zum anderen ist die Kapitalstruktur in der

Early Stage hier viel gesünder. In Großbritannien

gibt es viele Steuervorteile. Man kann 100.000

Euro investieren und bekommt 100.000 Euro auf

der Steuerabrechnung zurück. Das führt zu der verrückten

Situation, dass Dinge gefundet werden, die

nicht gefundet werden sollten.

„IN LONDON

DENKT MAN

SICH: WARUM

ZUR HÖLLE

MACHEN

DIE DAS?“

Ist der Markt überhitzt?

Ja, irgendwie schon. Es ist einfach nicht gesund,

was dort passiert. Die Leute, die hier investieren,

sind Entrepreneure. Sie verstehen, was funktioniert

oder was zumindest eine Chance hat zu funktionieren.

Und deshalb ist das Umfeld in Berlin für

uns als VCs, die zur Seed Stage oder später dazustoßen,

wertvoller. Die Leute hier tun die richtigen

Sachen. In London oder in anderen Städten denkt

man sich: ‚Warum zur Hölle machen die das?‘

Wie geht es bei Euch weiter?

Wir stellen ein! Wir wollen unser Team erweitern.

Das Gespräch führte Jan Thomas.

Fotos: Partech Ventures

Beschreibe bitte das Konzept Eures Fonds.

Partech Ventures deckt das gesamte Spektrum an Finanzierungsbedarf bei

Tech- und Digitalunternehmen ab. Unsere Investment-Plattform agiert dabei

sowohl in Europa als auch in den USA mit folgenden drei Herangehensweisen:

Es gibt einen Seed-Fonds (Partech Entrepreneur Fund, circa 100 Millionen

Euro), einen Venture-Fonds (Partech International Ventures Fund, circa

350 Millionen Euro) und einen Growth-Fonds (Partech Growth Fund, circa

400 Millionen Euro). Pro Jahr führen wir rund 40 bis 50 Investitionen durch,

deren Höhe von 150.000 Euro bis zu 50 Millionen Euro variieren.

Für welche Unternehmen könnt Ihr Euch begeistern?

Wir tätigen Investitionen in richtungsweisende Unternehmen aus den Bereichen

Internet und mobile Services, Business-Software und -Anwendungen,

Fintech und Insurtech, intelligente Hardware sowie IoT und fortgeschrittene

Technologien, auf die folgende Punkte zutreffen: Herausragende und

vielseitige Management-Teams, hochdifferenziertes Produkt beziehungsweise

Service, kurze Einführungs- und Sales-Schleifen, nachweisliche Traktion

und Retention, übersichtliche Kundenakquisitionskosten und Best-in-Class-

Wirtschaftseinheiten, gezielte Ansprache großer Absatzmärkte und Industrien.

Welche Mehrwerte bietet Euer Fonds?

Wir sind eine global agierende Technologie-Investment-Plattform, die

Unternehmern neben Kapital mit vielen weiteren Services beratend zur Seite

steht: Die Plattform fungiert als transatlantische Brücke zur internationalen

Expansion sowie als umfassender Beratungsdienstleister.

Beschreibe doch bitte Euer Team.

Mittlerweile sind wir an die 40 Mitarbeiter an drei Standorten (Berlin, Paris

und San Francisco), die als ein Investment-Team eng zusammenarbeiten.

Olivier Schuepbach, General Partner des Berliner Büros bei Partech Ventures

Die zehn Partner haben höchst vielfältige und sich komplementierende

Expertisen – die meisten sind selbst Unternehmer oder hielten Management-Funktionen

in verschiedenen Technologie-Unternehmen.

Wie viele Unternehmen befinden sich in Eurem Portfolio?

Mehr als 120 Unternehmen. Wir rechnen damit, innerhalb der nächsten

zwölf Monate weitere 40 bis 50 Investitionen hinzuzufügen.

Antworten von Olivier Schuepbach

partechventures.com

Hilft Eure Internationalität auch bei der

Kapitalbeschaffung?

Ja. Bei Goeuro haben wir zum Beispiel Battery

Ventures, NEA und kürzlich auch Goldman Sachs

aus den USA an Bord geholt. Dieses Angebot,

das wir Gründern machen können, unterscheidet

uns von anderen.

Investoren benehmen sich oft wie Lemminge.

Was wird der nächste Bereich sein, auf den

sich alle stürzen?

Interessante Frage. Ich habe vor ein paar Wochen

Garrett Camp, Mitgründer von Uber, in London getroffen.

Er hat gesagt: ‚Versicherungen!‘ Versicherungen

sind das große Ding in den USA, und wir

werden es auch in Europa sehen. In Berlin sind wir

beispielsweise Co-Investor bei Finleap und Clark,

und es gibt noch weitere Startups wie Financefox

und Knip. Das ist auf jeden Fall ein Bereich, den

man sich anschauen muss.

Weil man das sehr einfach algorithmenbasiert

machen kann. Man braucht kein

Unternehmen mit zigtausend Angestellten.

38 / berlinvalley.com

Fotos: Adela Dupetit


PIVOT

DER RICHTIGE DREH

WIE MAN

DEN KURS

KORRIGIERT

PIVOT

So verschieden können Pivots sein,

nach Eric Ries

Warum es manchmal wichtig ist, den Kurs zu wechseln, um erfolgreich zu sein

Der Fernbusmarkt in Deutschland war gerade frisch liberalisiert.

Und natürlich wollten Kunden jetzt Bustickets online vergleichen,

so wie sie das bei Flugtickets auch tun. Angebot und Nachfrage

auf einer Mobilitätsplattform zu matchen – das war die Vision

von Julian Hauck und Johannes Thunert, den Mitgründern von

Fahrtenfuchs. Sie hatten bereits einen Algorithmus, bauten einen

Prototyp und konnten Investoren von der Idee überzeugen. Im

Dezember 2014 sammelte das Startup in einer Seed-Runde eine

siebenstellige Summe ein.

Doch dann entwickelte sich das Geschäft nicht wie erwartet.

Auch die geplante Einbindung des öffentlichen Nahverkehrs

stellte sich als technisch aufwendig und ökonomisch unattraktiv

heraus. „Wir haben uns entschieden, weiter in die Tiefe zu

gehen und die Busse nicht nur vergleichbar, sondern die Tickets

auch buchbar zu machen“, erzählt Johannes Thunert. Die Integration

des Nahverkehrs wollten sie stoppen, doch die Investoren

waren anderer Meinung. Sie wollten die Neuausrichtung

unter dem Namen Distribusion nicht finanzieren. Von den zwölf

Mitarbeitern mussten alle bis auf zwei gehen. Distribusion stand

vor dem Aus.

EIN PIVOT KOMMT IN DEN BESTEN STARTUPS VOR

Nur fünf Prozent der Businesspläne werden so umgesetzt, wie

sie geschrieben werden, sagt Nils Högsdal, Professor für Corporate

Finance und Entrepreneurship an der Hochschule der Medien

in Stuttgart. „Das bedeutet aber nicht, dass 95 Prozent der

Startups scheitern. Sie machen nur zum Teil etwas anderes.“ Ein

Kurswechsel oder auch Pivot ist also keinesfalls die Ausnahme,

sondern kommt in den besten Unternehmen vor. Mehr noch: „Ein

erfolgreiches Startup macht im Schnitt drei Pivots“, sagt Högsdal.

Das Startup Genome Project stellte in einem Report vor ein paar

Jahren fest, dass Startups, die einen oder zwei Pivots machen,

mehr Kapital einsammeln (2,5-mal mehr), ein höheres Nutzerwachstum

haben (3,6-fach) und mit einer höheren Wahrscheinlichkeit

(52 Prozent) früher skalieren als Startups, die mehr als

zwei Pivots oder gar keinen machen.

„Ein Pivot bedeutet, dass mindestens ein Aspekt des ursprünglichen

Geschäftsmodells geändert wird“, erläutert Högsdal. „Es

bedeutet nicht, dass man alles über den Haufen wirft.“ Dafür

wählt er das Bild eines Kletterers in der Steilwand, der nur an

einer Stelle loslassen kann, um sich neuen Halt zu suchen. „Man

sollte maximal ein oder zwei Aspekte ändern“, rät Högsdal,

„sonst weiß man nicht mehr, was erfolgreich war.“ Eine typische

Anpassung sei etwa die Umstellung des Modells von einer Lösung

für Endkunden auf ein Business-to-Business-Modell oder die

Umstellung einer App von Werbefinanzierung auf ein Abo-Modell.

Wichtig sei aber, um im Bild des Kletterers zu bleiben, dass

man immer noch den gleichen Gipfel anpeilt, also die gleiche

Vision verfolgt.

ES GEHT UM EINE STRUKTURIERTE KURSKORREKTUR

Eric Ries, der Begründer der Lean-Startup-Methode, definiert

den Pivot in seinem Buch „Lean Startup“ als eine „strukturierte

Kurskorrektur“. Es geht also um eine geplante Anpassung.

„Der Pivot darf keine Ausrede für Gründer sein, die keinen Plan

“EVERYONE HAS

A PLAN ’TILL THEY

GET PUNCHED IN

THE FACE”

DER EX-BOX-CHAMPION MIKE TYSON

haben“, sagt Högsdal. Daher sei es wichtig, die

einzelnen Schritte des Pivots zu validieren. „Jeder

Pivot beruht auf einer Annahme, die überprüft

werden muss.“ Und anders als bei der klassischen

Sichtweise geht es nicht darum, das neue Modell

über Monate hin zu entwickeln, sondern in einem

schnellen Iterationsprozess von Bauen, Messen,

Lernen anzupassen. „Es ist besser, zehnmal klein

zu scheitern mit einem überschaubaren Budget, als

alles auf eine Karte zu setzen“, sagt Högsdal.

Bei einem strukturierten Kurswechsel geht es darum,

Daten zu sammeln und daraus Rückschlüsse zu

ziehen. „Wer erfolgreich sein will, darf nicht stur

auf seinem Kurs fahren, sondern muss sich nach

dem Wind richten“, sagt Högsdal. „Wichtig ist

es, sein Ziel vor Augen zu haben, aber man sollte

nicht blind am Kurs festhalten.“ Das falle allerdings

vor allem Alleingründern schwer.

RECHTZEITIG MIT DEM INVESTOR REDEN

Doch wie erklärt man seinen Investoren, die man ja

von dem ursprünglichen Weg überzeugt hat, dass

man nun einen anderen Kurs nimmt? „Erfahrene

Business Angels wissen, dass sie kurzfristig über

Anpassungen informiert werden“, meint Högsdal.

„Wenn die Vision die gleiche bleibt, dann werden

sich die Investoren darauf einlassen“, sagt Uwe

Horstmann, Mitgründer des Frühphaseninvestors

Project A Ventures. Es gehe ja nicht darum, etwas

wild auszuprobieren. „In einer idealen Welt macht

man den Pivot frühzeitig, wenn noch Geld auf dem

Konto ist.“ Ob man die Investoren überzeugen könne

dabeizubleiben, sei eine Kommunikationsfrage.

Daher sei es wichtig, die Investoren frühzeitig mit

einzubinden. „Das unterscheidet gute von schlechten

Unternehmern, auch in dieser Situation noch

überzeugend zu sein.“ Trotzdem bleibe es eine Herausforderung.

„Ich würde immer auf die Lernkurve

abstellen“, rät Horstmann. „Dann ist das für den

Investor leichter zu verdauen. Es ist gut, wenn man

sagen kann, was man jetzt weiß und

vorher eben nicht wusste.“

Seine Vorgehensweise beschreibt er

so: „Wir stellen eine Investmenthypothese

auf. Solange die nicht grundlegend

widerlegt ist, glauben wir, dass

es einen Weg dahin gibt. Und dass

das Team in der Lage ist, diesen Weg

zu finden.“ Auch seine Erfahrung

sagt: Es klappt meistens nicht beim

ersten Mal.

Im schlimmsten Fall gelingt es den

Gründern nicht, eine vertrauensvolle

Beziehung zu den Investoren aufzubauen

– und das Geld ist zu Ende.

„Das ist die schwächste Position“,

sagt Horstmann.

In genau so einer kritischen Situation

befand sich Distribusion vor dem

Pivot zum B2B-Anbieter einer innovativen

Buchungstechnologie für Fernbusse

im Sommer 2015. Zunächst

floss eigenes Geld in das Unternehmen,

dann konnten die Gründer neue

Investoren für den neuen Kurs gewinnen.

Es gelang ihnen eine Series-A-Finanzierung

über sechs Millionen

Euro von den internationalen Investoren

Northzone, Creandum und HR

Ventures einzuwerben. Inzwischen

arbeitet Distribusion mit mehr als 150

Fernbusanbietern aus mehr als 25

Ländern zusammen. Die neueste Entwicklung:

Distribusion kooperiert nun

mit Amadeus, einem weltweit führenden

Anbieter von IT-Lösungen für die

Reisebranche mit einem Umsatz von

knapp vier Milliarden Euro.

Corinna Visser

Zoom-in

Hierbei wird eine einzelne Funktion, die zuvor Teil

eines Gesamtpaktes war, zum Produkt.

Zoom-out

Der umgekehrte Schritt: Das Gesamtpaket wird auf

eine einzelne Funktion reduziert und als Teil eines

größeren Produkts angeboten.

Kundensegment

Das Produkt löst ein Problem, aber für eine andere

Gruppe von Kunden als ursprünglich gedacht.

Kundenbedarf

Der anvisierte Kunde hat ein anderes Problem, das

sich zu lösen lohnt, als ursprünglich gedacht.

Plattform

Aus einer Anwendung wird eine Plattform – oder

umgekehrt.

Geschäftsarchitektur

Aus einem Geschäft, das auf hohe Margen und

niedrige Volumen ausgerichtet ist, wird eines mit

niedrigen Margen, aber hohem Volumen – oder

umgekehrt.

Wertschöpfung

Das Unternehmen wechselt seine Wachstumsstrategie,

um ein schnelleres oder gewinnbringenderes

Wachstum zu erreichen.

Wachstumsmotor

Es gibt virale, zähe oder bezahlte Wachstumsmodelle.

Meist erfordert der Wechsel des Wachstumsmotors

auch einen Wechsel der Wertschöpfungsmethode.

Absatzweg

Ein Wechsel des Verkaufskanals – zum Beispiel

durch den direkten Verkauf an den Endkunden.

MEHR ONLINE

„Business ist nichts anderes als ein Knäuel

menschlicher Beziehungen.“ Svenja Klüh und

Cristin Liekfeldt drehen für den Companisto-Blog

regelmäßig Videos über Startups, Investoren

und Zukunftstechnologien.

Das Video-Interview zum Thema Pivot mit

Investor Olaf Jacobi findet Ihr bei unserem

Kooperationspartner Companisto:

companisto.com/blog

40 / berlinvalley.com

Foto: Cristin Liekfeldt, Illustrationen: Louisa Pepay

“HAD WE SAT

DOWN AND SAID,

‘LET’S START

A PHOTO

APPLICATION,’

WE WOULD

HAVE FAILED”

CATERINA FAKE, MITGRÜNDERIN VON FLICKR

Technik

Dieselbe Lösung wird mit einer anderen Technologie

erreicht, mit der höhere Preise und/oder bessere

Leistung erzielt werden.

Quelle: Eric Ries, „Lean Startup – Schnell risikolos und erfolgreich

Unternehmen gründen.“, aus dem Englischen von Ursula

Bischoff, Redline Vertrag, 19,99 Euro


PIVOT

Was haben die Investoren gesagt?

Ich bin immer brutal ehrlich. Ich verspreche niemandem

das Blaue vom Himmel. Wir haben eine

klare Vision, an die wir glauben, und die testen

wir. Dazu dient unser monatliches Reporting. Investoren

wollen ein kreatives Team, das mit offenen

Karten spielt und die richtigen Rückschlüsse aus

den Daten zieht. Als ich den Strategiewechsel das

erste Mal angedeutet habe, haben tatsächlich alle

die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.

Ich konnte das aber mit Daten untermauern. Interessanterweise

folgen uns jetzt unsere Wettbewerber

– zumindest in den USA.

Wie haben die Kunden reagiert?

Wir fragen die Kunden nach jeder Buchung, wie der

Prozess und die Reinigungsdienstleistung waren. Im

vergangenen Sommer hatten wir im Schnitt eine Bewertung

von 3,8 von fünf möglichen Sternen. Seit

drei Monaten sind wir jetzt bei 4,5 Sternen. Offensichtlich

gefällt den Kunden, was wir machen.

Chef einer modernen Reinigungsfirma: Nikita Fahrenholz ist einer der beiden Gründer von Book a Tiger.

„ICH BIN IMMER

Dabei seid Ihr teurer geworden …

Ja, wir zahlen jetzt den Tariflohn, der in Westdeutschland

bei 9,80 Euro liegt. Wir waren auch als

Plattform schon hochpreisiger als die Konkurrenz.

Und die Kunden machen das mit?

Der Schwarzmarkt ist natürlich immer noch viel

günstiger. Aber meiner Überzeugung nach ist

es falsch, sich einerseits bei Starbucks einen

Fairtrade- Kaffee für sechs Euro zu kaufen und sich

andererseits das eigene Klo für weniger als zehn

Euro die Stunde putzen zu lassen.

BRUTAL EHRLICH“

Book-a-Tiger-Gründer Nikita

Fahrenholz erklärt, warum sein

Unternehmen das Geschäftsmodell

geändert und wie er die Investoren

von dem Kurswechsel überzeugt hat

Nikita, warum habt Ihr Euer Geschäftsmodell

umgestellt?

Wir haben festgestellt, dass unsere Kunden – vor

allem Privatkunden – zwei Dinge wollen: immer

die gleiche Putzfrau und gute Qualität in der Reinigungsleistung.

Das konnten wir mit dem Plattformgedanken

nicht erfüllen. Beim Freelancer-Modell

waren wir nicht weisungsbefugt, das heißt, wir

konnten den Reinigungskräften nicht sagen, wann

sie wo sein sollen, wie sie etwas machen sollen

und wie sie dabei auszusehen haben. Das können

wir jetzt, weil wir sie anstellen.

Ihr macht aus einer digitalen Plattform

eine Handwerksfirma?

Wir sind trotzdem noch eine Plattform, interpretieren

es nur anders. Wir können natürlich noch immer

sehr kurzfristig Nachfrage und Angebot miteinander

matchen. Nur das Verhältnis zwischen uns

und unseren Reinigungskräften ist enger. Wir haben

dadurch viele Vorteile: Wir können unsere Arbeitnehmer

schulen, genau auswählen, wer zu uns

42 / berlinvalley.com

passt und Anweisungen geben. Diese Faktoren haben

eine direkte Wirkung auf die Qualität unseres

Angebots und das Kundenerlebnis.

Bleibt ihr eine Tech-Company?

Wir haben einen digitalen und effizienten Ansatz.

Vermutlich gibt es keine andere Reinigungsfirma,

die so viele Entwickler hat wie wir. Wir haben vier

Data Scientists, die sich den ganzen Tag darüber

Gedanken machen, wie die Plattform die gesamte

Aussteuerung automatisch ausführen kann. Unser

Ziel ist es, eine digitale Facility Management

Company zu bauen und damit diese Branche zu

revolutionieren. Wir wollen automatisieren, was

die Konkurrenz manuell macht.

Was war die größte Schwierigkeit

beim Umbau?

Wir sind von 100 auf mehrere hundert Angestellte

gewachsen und so innerhalb von nur sechs Monaten

zur größten Reinigungsfirma für Privathaushalte

in Deutschland geworden. Dabei mussten wir viel

lernen, zum Beispiel wie wir Reinigungskräfte ausbilden.

Dafür haben wir jetzt die Tiger Academy. Und

wir mussten unser Recruiting umstellen, von ‚Hey,

hast Du nicht Lust, als Freelancer bei uns zu arbeiten?‘

hin zur Rekrutierung qualifizierten Personals.

Wie viele Leute habt Ihr jetzt?

Wir kommunizieren die Zahl nicht mehr, weil sie

wettbewerbsrelevant ist. Wir gehen aber mit sehr

großen Schritten auf 1000 Mitarbeiter zu.

„INVESTOREN

WOLLEN EIN

KREATIVES

TEAM, DAS

MIT OFFENEN

KARTEN

SPIELT“

Wollen die Reinigungskräfte tatsächlich

eine Festanstellung?

Der Großteil ja. Wir arbeiten bereits heute daran,

in ein bis zwei Jahren Bonusvereinbarungen treffen

und Karrieremöglichkeit bieten zu können. Dann ist

der Job eine echte Alternative – sowohl monetär

als auch vom gesellschaftlichen Status.

Gibt es einen Rat, den Du anderen

Gründern geben kannst?

Man sollte darauf hören, was der gesunde Menschenverstand

sagt. Das klingt einfach, aber man

kann sich in Startup-Situationen sehr leicht belügen.

Es wächst alles schnell, und man schaut nur

den Umsatz an oder die Klicks und vergisst, wo

das Business steht und ob wirklich alles Sinn macht,

was man tut. Für uns war es wichtig zu wissen, wo

wir in fünf Jahren stehen und worauf wir dann stolz

sind. Bei dem Plattform-Modell wusste ich nicht immer

zu 100 Prozent, ob das Feedback positiv ausfällt.

Das hat mich nicht stolz gemacht. Mittlerweile

weiß ich, dass das nicht mehr passieren kann, weil

alle gut ausgebildet sind. Das ist mir wichtig.

Das Gespräch führten Anna-Lena Kümpel und Corinna Visser.

Fotos: Jann Venherm


PIVOT

PIVOT

AM ANFANG FEHLTE DER MUT

„Der Pivot war einer unserer Gründungsmomente“, sagt Valentin Stalf, Gründer von Number26 (jetzt N26)

„Die Idee zu N26 ist Maximilian und mir Anfang

2013 gekommen. Wir saßen zu Hause in Wien

und haben über verschiedene Ideen nachgedacht.

Dann kamen wir auf die geniale Idee, eine Taschengeldkarte

mit App (namens Papaya) für Eltern

Bauen eine Bank:

das Team von N26

und Kinder auf den Markt zu bringen. Im Nachhinein

betrachtet ein kleiner und schwieriger Markt,

daher ist es nicht überraschend, dass fast alle unsere

ersten Business Angels Kinder im Teenageralter

hatten. Als das Produkt dann in der Testphase war,

kamen immer mehr Tester auf uns zu, die das Produkt

nicht für ihre Kinder, sondern für sich selbst

verwenden wollten. Das Teenager-Produkt war der

Anfang und hat uns den Weg zur größeren Idee

gezeigt. Eine Mobile Bank zu gründen, dafür hat

uns anfangs noch der Mut gefehlt.

Im Nachhinein ist die Taschengeldkarte eine verrückte

Idee, eigentlich irre, dass wir daran so fest

geglaubt haben und das Produkt bis zum Launch

entwickelt haben. Die Entscheidung zum Pivot ist

relativ rasch nach dem Start der Beta-Phase gefallen.

Als Gründer wussten wir schnell, dass in

der Mobile Bank von morgen größeres Potenzial

steckt. Relativ bald haben wir dann unsere Investoren

eingebunden. Die konnten wir zum Glück

schnell für unsere neue Idee gewinnen, auch wenn

das nicht ganz einfach war.

Unsere Vision ist es, eine paneuropäische Bank zu

bauen, die am Smartphone eine exzellente Erfahrung

bietet und gleichzeitig die besten Produkte mit

einem Klick zugänglich macht. Seit unserem Launch

von circa eineinhalb Jahren haben uns mehr als

200.000 Kunden ihr Vertrauen geschenkt. Heute beschäftigen

wir bei N26 in Berlin rund 140 Mitarbeiter

20 verschiedener Nationalitäten. Beim Aufbau

eines Unternehmens gibt es viele Gründungsmomente,

einer war sicher unser Pivot, aber man ist jeden

Tag mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Wer

genügend Durchhaltevermögen mitbringt, hat am

Ende zumindest die Chance, ein langfristig erfolgreiches

Unternehmen aufzubauen.“

DER MARKT WAR

NICHT BEREIT

„Mit dem Feedback änderten wir das Modell“,

sagt Christian Henschel, CEO von Adjust

„Bei der Gründung von Adjust beruhte das Geschäftsmodell

auf Mobile Ad Verification, sprich

der Überprüfung, ob Anzeigen realen Menschen

an realen Orten gezeigt werden. Aus dem Konzept

entstand ein Prototyp, der in alle Ad-Netzwerke integriert

werden musste, damit die Verifizierung funktioniert.

Nachdem der Prototyp fertig war, mussten

wir leider feststellen, dass der Markt für diese Art

Technologie noch nicht bereit war. In erster Linie

waren Medienagenturen und nicht App-Entwickler

am Kauf des Produktes interessiert. Dieser Umstand

reduzierte aber die von uns geschätzte Marktgröße

erheblich, da zu Anfang App-Entwickler mit eingerechnet

wurden. Während erster Tests stellte sich

zudem heraus, dass auf dem Markt noch eine Lücke

für Attribution, also die Zuordnung von Ads,

bestand: Es gab bereits Akteure, die sich mit dem

Problem befassten, jedoch waren diese nicht für

die Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen

geeignet (was Privatsphäre und Datenschutzverordnung

betraf).

Mit den Erkenntnissen aus den Tests sowie dem Feedback

des Marktes änderten wir das Geschäftsmodell

im August/September und stellten auf App-Attribution

um. Zudem suchten wir im Netzwerk nach Ingenieuren,

die neue Expertise ins Team einbringen.

Immer in Bewegung: die Gründer von Adjust

fung von mobilem Ad-Betrug (Fraud) ist zu einem

wichtigen Bestandteil des Produkts geworden. Der

Markt ist zunehmend bereit, sich mit dem Problem

der Zuschreibung auseinanderzusetzen und Adjust

einen Schritt näher, es zu lösen. Die vielen Erkenntnisse,

die über den Markt gesammelt wurden,

können nun in die Entwicklung des Produktes mit

einfließen. Nichtsdestotrotz gibt es noch viele Entwicklungsrichtungen

für Adjust, von denen viele heute

noch gar nicht absehbar sind.“

ERST EINE APP, DANN EINE PLATTFORM

„Es war ein schmerzhafter Prozess“, berichtet André M. Bajorat, zuerst Business Angel, jetzt CEO von Figo

„Figo startete 2012 als Banking-App, die sich an

Endkunden richtete. Ziel war es, dem Nutzer ein

finanzielles Zuhause zu geben und die Bank als

Frontend zu ersetzen. Doch 2013 gab es Probleme,

die App über den Appstore von Apple anzubieten,

was beinahe das Ende des jungen Unternehmens

zur Folge hatte. Ein B2B-Angebot war zwar schon

länger Teil der Figo-Idee gewesen. Allerdings haben

wir uns zu Beginn auf den B2C-Case fokussiert.

Daher war es keine totale Überraschung, als

der Pivot im Gesellschafterkreis besprochen wurde.

Dennoch war es ein schmerzhafter und harter

Prozess für das gesamte Team. Mit dem Zuspruch

der richtigen Menschen um uns herum, ist es uns

aber gelungen. Kunden und Lieferanten haben wir

sehr klar und offen über die Situation in Kenntnis

gesetzt und hatten das Glück, dass diese uns zum

großen Teil treu geblieben sind.

Ende 2013 begann der Fintech-Boom. Immer mehr

Unternehmen identifizierten ein Problem im Finanzwesen,

dessen Lösung sie in modernen und benutzerfreundlichen

Anwendungen sahen. Genau an

der Stelle kommt Figos API ins Spiel, die im Rahmen

der App-Entwicklung ohnehin schon für Figo selbst

das Mittel zum Zweck war. Der Bedarf, Finanzquellen

innerhalb kürzester Zeit in eigene Services zu

integrieren, war so groß, dass sich daraus die jetzige

Geschäftsidee entwickelte. Figo ist der erste

Banking-Service-Provider Europas und ermöglicht

44 / berlinvalley.com

Dritten innovative Services mit Banking-Funktionen.

Durch die Integration der Figo-Banking-API

können diese ihre Anwendungen, Produkte und

Dienstleistungen an derzeit mehr als 3100 Finanzquellen

anbinden. Figo schlägt mit der Banking-asa-Service-Plattform

die Brücke zwischen modernen

Auf den B2B-Markt fokussiert: das Team von Figo

Diensten seiner Kunden und mehr als 55 Millionen

Online-Banking-Konten in Deutschland und Österreich.

Neben Fintechs nutzen auch Banken und

Großunternehmen die Lösung. Figo hat heute 31

Mitarbeiter, und 700 Entwickler arbeiten derzeit

mit der API.“

Fotos: Adjust, Figo, Number26, Iversity

WEITERBILDUNG

IM VISIER

Hannes Klöpper, CEO von Iversity, testete den

Markt mit einem Wettbewerb

„Die Idee zu Iversity entstand ursprünglich aus der

Frustration über die digitale Abstinenz der Hochschulen.

In der Lehre wurden lediglich benutzerunfreundliche

Learning-Management-Systeme eingesetzt,

bei denen es sich letztlich um PDF-Friedhöfe

handelte. Das wollten wir ändern. Aber wir mussten

schnell erkennen, dass Hochschulen für Startups

schwierige Kunden sind. Der Vertriebsprozess

war sehr zäh. Als die Massive Open Online Courses

(MOOCs) aufkamen, sahen wir die Chance,

das Thema Online-Lernen ganz unabhängig von

bestehenden Institutionen voranzubringen. Zusammen

mit dem Stifterverband für die Deutsche

Wissenschaft lobten wir bei einem Wettbewerb

250.000 Euro für die besten Online-Kurs-Konzepte

aus. Die Resonanz war groß, schon am Tag unseres

Launches im Oktober 2013 hatten wir mehr als

100.000 angemeldete Nutzer.

Im Anschluss wuchs unser Angebot kostenloser

akademischer Online-Kurse aus allen Wissensgebieten

weiter. Dabei haben wir nicht nur mit

Hochschulen zusammengearbeitet, sondern zum

Beispiel auch mit der EU, den Vereinten Natio-

Konzentriert sich jetzt auf den Ausbau des Weiterbildungsangebots: das Team von Iversity

Zum Zeitpunkt der Umstellung hatte Adjust nur einen

Investor, Target Partners, der bereit war, die gesamte

Reise mit Adjust zu bestreiten. Aus seiner Erfahrung

heraus verstand Target die Erkenntnisse, die Adjust

auf dem Markt gesammelt hat, und stimmte der Entscheidung

im vollem Umfang zu. Der Investor wusste,

dass diese Art des Lernens Teil des Prozesses ist.

Mittlerweile hat sich der Markt weiterentwickelt und

Adjust ist zum anfänglichem Konzept zurückgekehrt,

jedoch mit einem neuen Blickwinkel. Die Bekämpnen

und dem WWF. Mitte 2015 haben wir unser

Geschäftsmodell geändert und uns das Thema

Weiterbildung vorgenommen. Dabei konnten wir

natürlich auf all das zurückgreifen, was wir zuvor

gelernt haben, wie man gute Online-Lehre gestaltet.

Zusammen mit der WHU haben wir einen Kurs

zum Thema Visual Thinking entwickelt, der sowohl

bei Berufstätigen als auch Unternehmen hervorragend

ankam. In den letzten Monaten konnten wir

mit unserem Angebot einige namenhafte Kunden

wie etwa die Deutsche Bahn, KPMG, RWE, die

Commerzbank oder auch den Stahlhändler Klöckner

gewinnen. In 2016 werden wir uns voll auf den

Ausbau unseres digitalen Weiterbildungsangebots

konzentrieren. Das werden wir jetzt allerdings mit

neuen Investoren tun müssen.“

berlinvalley.com / 45


PIVOT

PIVOT

NAME:

Capnamic Ventures

GRÜNDUNG:

Februar 2013

GRÜNDER:

Jörg Binnenbrücker und

Christian Siegele

MITARBEITER:

zehn

STANDORTE:

Köln und Berlin

SERVICE:

Das Unternehmen unterstützt

Startups aus den Bereichen

Mobile Applications, Softwareas-a-Service,

Internet of Things,

Fintech, Mobility und E-Health

überwiegend in der Frühphase

mit Wagniskapital.

capnamic.de

„MAN SOLLTE

KEIN TOTES PFERD REITEN“

War selbst Startup-Unternehmer: Olaf Jacobi. Er weiß daher,

wie es ist, wenn man als Gründer seinen Investoren den Kurswechsel

erklären muss.

Aufsichtsrat. Aber die Gründer sind ja ganz nah

dran, setzen die Dinge täglich um und reden mit

den Kunden. Wenn die nicht drauf kommen … Natürlich

möchte ein Gründer nicht so einfach aufgeben,

es ist ja schließlich seine Idee. Dann ist der

Investor als Partner da, um zu fragen: ‚Rennst du

dich da jetzt nicht tot?‘ Aber das erste Gefühl, das

etwas nicht stimmt, haben die Gründer.

Wie ist das für den Investor, der ja zunächst

von den Argumenten der Gründer

überzeugt war?

Wenn man selber Gründer war, kennt man das

Gefühl. Wer reiner Investor ist, wer nie selbst ein

Unternehmen aufgebaut hat, für den ist das ein

Schock.

Was muss ein Gründer tun, um die Investoren

zu überzeugen?

Authentizität ist ganz wichtig und auch Offenheit.

Zu sagen: ‚Das war meine Idee, aber ich habe

festgestellt, das funktioniert jetzt (noch) nicht, lass

uns einen Schritt zur Seite gehen und einen anderen

Weg nehmen.‘ Wenn man das richtig rüberbringt,

ist das ein Zeichen von Stärke. Was den

Investor angeht: Capnamic Ventures hat den Anspruch,

wenn es mal Bad News gibt, und ein Pivot

ist keine Good News, dann möchten wir der erste

Ansprechpartner sein. Das Schlimmste ist, wenn

Gründer sagen: ‚Wir wissen, es funktioniert nicht,

aber wir wollen weitermachen, weil wir den Investor

nicht sauer machen wollen.‘ Das ist Humbug!

Wie nimmt man die Mitarbeiter mit?

Bei den Mitarbeitern sehe ich kein Problem. So ein

Pivot findet in den ersten ein bis zwei Jahren eines

Startups statt. Da ist das Team eine eingeschworene

Gemeinschaft.

Wer ist am schwersten zu überzeugen?

Aus meiner eigenen Erfahrung sind das die Investoren,

die selbst keine unternehmerische Erfahrung

haben und Märkte und Unternehmen an Hand von

Excel bewerten.

Wie managt man einen Pivot?

Das gute an einem Pivot ist ja, dass man bereits

Erfahrung gesammelt hat, und die muss man nutzen.

Und man muss die Finanzen planen. Mit dem

Pivot startet man die Entwicklung neu, und bevor

die ersten Umsätze kommen, sind dann nicht wie

geplant sechs Monate, sondern vielleicht sogar

zwölf Monate vergangen. Da braucht man einen

Investor, der mitzieht. Retrospektiv ist das Einräumen

von Fehlern ein Zeichen von Stärke. Es gibt

viele Teams mit unerfahrenen und schwachen Leuten,

die rennen einfach weiter, wie ein Hamster im

Laufrad und merken gar nicht, dass sie etwas verändern

müssen.

Man darf als Gründer also nicht zu sehr

verliebt in sein Produkt sein?

Punkt! Als Unternehmer muss man hartnäckig sein.

Wenn man durch die Eingangstür nicht reinkommt,

muss man schauen, ob vielleicht ein Fenster offensteht,

oder man geht durch die Hintertür. Aber man

muss auch irgendwann hinterfragen, ob es an einem

selbst liegt oder an dem Produkt oder an den

Kunden. Es ist falsch, immer mehr Features auf das

Produkt zu schmeißen in der Hoffnung, dass es sich

dann verkauft.

Aber Hartnäckigkeit ist doch eine wichtige

Eigenschaft für einen Unternehmer?

Das sage ich ja, dass das wichtig ist. Aber man

muss sich auch irgendwann eingestehen, dass man

nicht die Erfolge erzielt, die man sich vorgestellt

hat. Es gibt diese schöne Metapher: ‚to ride a

dead horse‘. Man sollte kein totes Pferd reiten. Ein

Beispiel: In meinem Alter noch Weltmeister im Marathon

werden zu wollen, ist eine Schwachsinnsidee.

Ich könnte sagen, ich trainiere härter.

Das bringt aber nichts. Wenn ein Pferd tot ist,

könnte man den Reiter wechseln. Das machen Investoren.

Die schmeißen den CEO raus, aber das

Pferd bleibt tot. Oder ich gebe dem Pferd mehr zu

essen, also mehr Investment. Bringt nichts. Es ist immer

noch tot. Daran kann man gut sehen: Du musst

das Pferd wechseln. Ich denke, diese Metapher

trifft für einen Pivot hervorragend zu. Die Gründer

müssen selbst feststellen: ‚Mein Pferd ist tot.‘ Denn

die meisten Investoren versuchen, das Thema zu

fixen, indem sie den Reiter wechseln oder mehr

Geld reinstecken.

OLAF JACOBI

ist seit Dezember 2015 Managing Partner

bei Capnamic Ventures. Der 48-Jährige hat

mehr als 20 Jahre Erfahrung als Manager,

Unternehmer und Investor. Von 2007 bis

2015 war er Partner und Mitinhaber bei Target

Partners. Von 1999 bis 2007 gründete

er mehrere Startups. In seiner Freizeit spielt

Olaf ambitioniert Beachvolleyball.

Wie oft darf man einen Pivot machen?

Das kommt auf die Beteiligten an, auf die Symbiose

von Gründerteam und Investor. Wie agieren

sie miteinander, wie kommunizieren sie? Hat der

Investor schon einmal in einer ähnlichen Situation

gesteckt als Unternehmer? Hat er absolutes Vertrauen

in den Gründer? Da spielen sehr viele Fragen

eine Rolle.

Wann entscheidet man, dass das kein Pivot

mehr ist, sondern das Aus?

Wenn man das wüsste (lacht). Irgendwann kommen

die Gründer als erste dahin und sagen: ‚Leute,

das macht keinen Sinn.‘ In den meisten Fällen wird

es eine Übereinkunft zwischen den Gründern, dem

Investor und dem Board sein. Das ist wie in einer

Beziehung. Das kennt jeder von uns. Man versucht

es immer wieder, aber irgendwann merkt man,

dass es nicht mehr geht.

Also probiert man so lange, bis das Geld

weg ist?

Andersrum: Das Geld ist irgendwann weg, und

dann kann man nicht mehr probieren.

Das Gespräch führte Corinna Visser.

Olaf Jacobi von Capnamic Ventures

erklärt, warum manche Investoren

lieber den CEO auswechseln,

als das Geschäftsmodell zu ändern,

und warum er davon abrät

Olaf, wie viele Startups, in die Du investiert

hast, haben einen Pivot gemacht?

Die genaue Zahl kann ich nicht sagen, aber es

kommt in den meisten Fällen vor. Man rechnet

zwar nicht damit, aber es passiert, weil einige Annahmen

über den Markt, die Wettbewerber oder

die Reaktion der Kunden nicht hundertprozentig

stimmen. So passieren Pivots. Je später ein Investor

in ein Unternehmen investiert, desto weniger.

Wenn man in der Series B investiert, dann gibt es

eigentlich keine Pivots mehr.

Was ist Deine Definition von einem Pivot?

Als Investor investiert man nicht in ein fertiges Produkt,

man investiert in ein Team, in einen Markt,

46 / berlinvalley.com

in eine Technologie. Und wenn aus dieser Technologie

nicht das Produkt herauskommt, das der

Markt gerade braucht, dann baut man ein anderes

Produkt. Das nenne ich einen Pivot.

Wie viel Geduld muss man haben, bis man

feststellt, der Markt will ein Produkt nicht?

Natürlich brauchen einige Sachen länger, bis sie

sich durchsetzen. Aber wenn das Produkt fertig

ist und man es den ersten Kunden zeigt und die

sagen, ‚damit kann ich nichts anfangen‘, dann ist

das ein Signal. Anders ist es, wenn man sagt: ‚Das

Produkt passt, wir brauchen aber lange, um es in

den Markt zu bringen.‘ Ein Beispiel: Man will von

Deutschland nach Rom – zu Fuß. Wenn ich den direkten

Weg wähle, muss ich über die Alpen. Wenn

ich vor den Alpen stehe und sage, ‚es ist echt

schlechtes Wetter und es macht keinen Sinn, hier

über die Alpen zu gehen‘, dann sollte ich einen

Umweg nehmen. Das heißt, ich muss irgendwie an

den Alpen vorbei. Das ist ein Umweg, aber ich

komme auf jeden Fall nach Rom.

Wie erkennt man, ob man einen anderen

Weg wählen muss?

Ich habe mein letztes eigenes Startup 2005 in

Boston gegründet. Wir hatten internationale VCs,

weil wir ein sehr erfahrenes Team waren. Wir haben

einen Linux-Server gebaut, ganz ähnlich dem,

was Protonet heute in Hamburg macht. Die großen

Distributoren, mit denen wir vorher gesprochen haben,

sagten, sie würden den Server verkaufen. Wir

wollten ihn gegen Microsoft in den Markt bringen.

Wir haben sieben Millionen Dollar von den VCs eingesammelt

und angefangen zu verkaufen. Aber auf

einmal wurde klar, das Ding will keiner verkaufen.

Der Kunde kommt zum Verkäufer und sagt: ‚Ich hätte

gern einen Microsoft-Server.‘ Und kein Verkäufer

sagt dann: ‚Nimm doch den Collax- Server.‘ Darauf

hatten wir keinen Einfluss. Als das nach drei, vier

Quartalen klar war, mussten wir einen Pivot machen.

Ich habe also zu meinen Investoren gesagt: ‚Leute,

wir können jetzt noch weiter Geld verbrennen, oder

wir machen etwas anderes.‘

Sind es immer die Gründer, von denen die

Initiative zum Kurswechsel ausgeht?

In einem guten Team sind es die Gründer. Wenn

du ein schlechtes Gründerteam hast, dann sind

es andere Leute, vielleicht Investoren oder der

Fotos: Saskia Uppenkamp

Pivot ist nicht die Ausnahme: Er kommt bei den meisten Startups vor, sagt Olaf Jocabi.

berlinvalley.com / 47


BÜROBESUCH

BÜROBESUCH

Kreativ: Die Entwickler kleben ihre Projekte einfach an die Wände.

Souvenirs: Die Mitarbeiter bringen

Kühlschrankmagnete von ihren Reisen mit.

BEWEGUNG MIT KAFFEETASSE

Bei Getyourguide trifft sich das Team in der Küche

Inspiration: Um neue Partner zu akquirieren,

holen sich die Mitarbeiter Anregungen in Reiseführern.

Company Culture: Die Fotos der James-Bond-Mottoparty

vor Weihnachten hängen im Office.

Die Wurzeln von Getyourguide liegen in Zürich.

Drei Jahre nach der Gründung 2009 zog das

wachsende Tourismus-Startup nach Berlin. Im

Headquarter, einem modernisierten Backsteinbau

am Prenzlauer Berg, arbeiten nun 60 Mitarbeiter

auf zwei Etagen.

Treffpunkt am späten Morgen ist die große, moderne

Küche im zweiten Stockwerk: Ab neun gibt

es Frühstück. Einige Mitarbeiter tragen ihre vollen

Kaffeetassen mit sich herum, denn die einzige

Kaffee maschine steht eine Etage tiefer in der kleineren

Küche. „Das hat sich so ergeben, und bisher

haben wir keinen Anlass gesehen, das zu ändern.

So sind die Mitarbeiter animiert, sich zu bewegen,

und die Teams auf den verschiedenen Stockwerken

laufen sich öfter über den Weg“, erzählt Mandy

Mill. Sie ist für das Office-Management zuständig.

Der Weg nach unten führt durch einen schmalen

Gang, rechts sitzen, durch Glaswände getrennt,

die Teams für Sales und Marketing. Die Entwickler

arbeiten ein Stockwerk tiefer.

Die Räume bei Getyourguide sind groß und offen.

Auf der ersten Etage sitzen die verschiedenen Abteilungen

an großen Tischgruppen in einem einzigen

Raum. Wer in Ruhe etwas besprechen will,

NAME:

Getyourguide

GRÜNDUNG:

2009

GRÜNDER:

Tao Tao, Johannes Reck,

Josef Gatzek

MITARBEITER:

etwa 200, davon 170 in Berlin

STANDORTE:

Berlin, Zürich, Rom, Las Vegas,

Paris, London, Barcelona, Bangkok,

Dubai, New York, Sydney

SERVICE:

Online-Buchung von Tickets für

Sehenswürdigkeiten

getyourguide.de

kann sich in einen der acht Meeting-Räume zurückziehen.

Zwei davon sind so klein, dass sie liebevoll

„Telefonbuden“ genannt werden.

Die Möbel im ganzen Büro sind schick und

schlicht: weiße Tische, schwarze Stühle, ein großer

Monitor an jedem Platz. „Ich bin hier auch für die

Arbeitssicherheit zuständig und achte sehr auf ergonomische

Arbeitsplätze“, sagt Mandy. „Unsere

Tische sind alle höhenverstellbar, und wer mal vom

Schreibtisch weg möchte, kann sich mit seinem

Laptop in eine Couchecke zurückziehen.“

Gegenüber den Büros im zweiten Stockwerk steht

ein hölzerner Affenfelsen mit roten Sitzsäcken: die

Update Area. Jeden Freitag treffen sich hier um

17.30 Uhr alle Mitarbeiter und beenden die Woche

gemeinsam mit Vorträgen und Bier.

Ein Teil des Teams in Berlin hatte leider keinen

Platz mehr im Hauptquartier. Deswegen arbeiten

die mehr als 30 Mitarbeiter aus den Abteilungen

Content und Finance in der Greifswalder Straße

und die 80 Leute im Customer Service haben ein

separates Büro in Kreuzberg. In einem Jahr will

Getyourguide deshalb an einen anderen Standort

ziehen, damit das ganze Berliner Team an einem

Ort zusammenarbeiten kann.

ak

Lorem Ipsum

Die Welt erobern: Auf der Karte an der Wand ist

eingezeichnet, wo es Getyourguide schon überall gibt.

Hell und offen: das Büro der Marketing-Abteilung

Wochenende: Zum Freitags-Update gibt es Bier.

Treffpunkt: Zum Mittagessen sitzen die Mitarbeiter auch gern in der kleinen Küche im ersten Stock zusammen.

Gemütlich: In der Update Area beendet das Getyourguide-Team gemeinsam die Woche.

Fotos: Adela Dupetit


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CROWDFUNDING FÜR STARTUPS

Companisto ist Marktführer für Crowdinvesting. Hierbei schließen

sich viele Menschen zusammen, um sich gemeinsam an

Startups und Wachstumsunternehmen zu beteiligen.

companisto.com

GSG-HOF KÖPENICKER STRASSE UND INNENANSICHT

DURCHSTARTEN IN X-BERG

Erfolgreiche Symbiose: GSG Berlin und Startups

Wer durch Kreuzberger Straßen

flaniert, kommt an den

markanten, silberfarbenen

drei Buchstaben an Klinkersteinfassaden

nicht vorbei.

GSG – das steht für Gewerbesiedlungs-Gesellschaft

(GSG Berlin), die 1965

gemeinsam vom Land Berlin, der Berliner Handwerkskammer

und der IHK gegründet, im Jahr

2007 aber privatisiert wurde und heute Teil eines

europaweit agierenden Immobilienunternehmens

ist. Ziel war es, in den Nachkriegsjahren Berliner

Firmen günstige Büro- und Gewerbeflächen in der

Hauptstadt zur Verfügung zu stellen. Daran hat

sich auch 51 Jahre später nichts geändert.

SCHMUCKVOLLE GRÜNDERZEITFASSADEN

Alles begann 1966 mit dem Kauf des Gewerbehofes

in der Blücherstraße, der auch noch heute im

Bestand der GSG Berlin ist. Weitere Ankäufe folgten,

die Gewerbehöfe wurden behutsam instandgesetzt

und teils durch moderne Erweiterungsbauten

ergänzt. Heute gehören zum Portfolio 45 Standorte

mit rund 900.000 Quadratmetern Gewerbefläche.

In Kreuzberg tummeln sich besonders viele

architektonische GSG-Perlen mit interessanten

Geschichten. In der Oranienstraße 6 tüftelte

Konrad Zuse an seinem ersten Rechner, in der

Reichenberger Straße erblickten Bechstein-Flügel

und -Klaviere das Licht der Welt.

20-MAL IN X-BERG

GSG-Hof Adalbertstraße 5–8

GSG-Hof Alexandrinenstraße 2–3

GSG-Hof Blücherstraße 22

GSG-Hof Gneisenaustraße 66–67

GSG-Hof Köpenicker Straße 145

GSG-Hof Köpenicker Straße 154–157

AQUA Carré, Lobeckstraße 30–35

GSG-Hof Lobeckstraße 36

gsg.de/kreuzberg

KLEIN ANFANGEN, GROSS RAUSKOMMEN

Heute findet man in der Mieterliste der GSG Berlin

viele bekannte Namen der Berliner Startup-Szene.

Oft haben sie hier, teils mit Unterstützung der GSG

Berlin, klein angefangen und sind mittlerweile groß

rausgekommen. Es sind ständig wechselnde Flächenangebote

in vielen Größenordnungen verfügbar.

Mehr unter: www.gsg.de

GSG-Höfe Oranienstraße 6, 10–11, 24 und 188

GSG-Hof Prinzessinnenstraße 19–20

piano forte Hof, Reichenberger Straße 124

GSG-Hof Schlesische Straße 27

GSG-Höfe Skalitzer Straße 97 und 127–128

GSG-Hof Urbanstraße 71

GSG-Höfe Waldemarstraße 33 a und 37 a

GSG-Hof Zossener Straße 55–58

COWORKING SPACE

Betahaus ist ein Coworking- und Event-Space für Entrepreneure

und Kreative, die ihre eigenen Projekte verwirklichen und sich

mit anderen austauschen wollen.

betahaus.de

GSG-HOF PRINZESSINNENSTRASSE

SOFTWARE-LÖSUNGEN

Xailabs ist ein innovatives Softwareunternehmen, das funktionale

Enterprise-Lösungen gestaltet, originelle mobile Anwendungen

kreiert und nachhaltige Markenerlebnisse schafft.

xailabs.com/de

GSG-HOF LOBECKSTRASSE

CLUE – NOW YOU KNOW

Mit der Zyklus- und Fruchtbarkeits-App Clue können Frauen

weltweit auf einfache und vertrauensvolle Art und Weise ihren

Körper besser kennenlernen.

helloclue.com

GSG-HOF ADALBERTSTRASSE

Fotos: GSG Berlin, Companisto/Max Jurisch

SERIELLER 3-D-DRUCKER

BigRep ist der Entwickler und Hersteller des weltweit

größten, serienmäßig verfügbaren 3-D-Druckers.

bigrep.com

GSG-HOF GNEISENAUSTRASSE


NEUE STARTUPS

DEMO DAYS

ELEVATOR PITCH

Du im Aufzug. Pling. Tür auf. Dein Trauminvestor tritt ein. Das ist die Chance Deines Lebens.

Du musst überzeugen – in 30 Sekunden. Nerven behalten: Du schaffst das!

AB INS FERNSEHEN

Demo Day bei Prosiebensat.1

Nur vier Startups hatten sich unter mehr als 300

Bewerbern für das siebte Batch des Prosiebensat.1

Accelerators durchgesetzt und präsentierten sich

Ende Juni beim Demo Day: die Vergleichsplattform

für Immobilienbesitzer 123makler.de, der digitale

Automobilklub Jimdrive, das Online-Pfandhaus

Valendo und der Spielzeugverleih Meinespielzeugkiste.de.

Sie alle verfügen nun über ein Werbebudget

in Höhe von 500.000 Euro auf den TV-Sendern von

Prosiebensat.1.

p7s1accelerator.com

SERVICE: Digitando sammelt E-Mails, die

beim Onlineshopping anfallen, und bündelt

sie auf einer übersichtlichen Oberfläche.

GRÜNDER: Florian Götz

GRÜNDUNG: November 2015

digitando.de

PITCH: Heute basiert die Beziehung zwischen

Onlineshops und Kunden auf jeder

Menge E-Mails. Sie sollen den Kunden

zum nächsten Kauf animieren. Dabei liegt

die Erfolgsquote bei sechs Prozent und kostete

deutsche Unternehmen im Jahr 2015

1,9 Milliarden Euro. Digitando ist die digitale

Sekretärin: Sie erledigt derartige Post und

stärkt damit die Kundenposition gegenüber

Onlineshops. Informationen in Bestellungen,

Rechnungen, Angeboten, Kontakt- und Zugangsdaten

werden gebündelt und für unsere

Nutzer dargestellt. Zusätzlich belohnen

wir die individuelle Kundenbeziehung mittels

Cashback. Freemium für private Nutzung

und Abo für Business-Kunden sind die Einnahmequelle.

Die praktische Anwendung des

Vendor-Relationship-Managements macht

Digitando einzigartig, extrem skalierbar

und seit Ende März nutzbar.

SERVICE: Die Schuhleister nutzen moderne

Technik wie den 3D-Druck und optische Fußvermessung,

um maßgefertigte Schuhe mit

nur einer Vermessung anzubieten.

GRÜNDER: Timo Marks

GRÜNDUNG: Juni 2016

die-schuhleister.de

WOLLT IHR EUER STARTUP HIER PRÄSENTIEREN?

MELDET EUCH: pitch@berlinvalley.com

PITCH: Die Schuhleister lassen ein altes

Handwerk der kundenindividuellen Schuhe

mit den Methoden des 21. Jahrhunderts wieder

neu aufblühen. Wir nutzen unter anderem

optische Fußvermessung und 3D-Druck

der Leisten und Einlagen, um moderne und

hochqualitative Maßschuhe anzubieten, die

nach einmaliger Vermessung passen und jederzeit

durch den Kunden nachbestellt werden

können. Hierbei sorgen wir für die perfekte

Mischung aus Anpassung an den Fuß

mit Gesundheitsaspekten und persönlicher

Zufriedenheit des Endkunden beim Stil –

dies stellt die Schuhleister-Kundenzufriedenheitsmotivation

dar. Die Schuhleister sind

ein B2B-Service, welcher Geschäftskunden

(Händler, Marken, Hersteller, Unternehmen)

unterstützt, ihre Kunden und Mitarbeiter zufriedenzustellen.

SERVICE: Nook Names verbindet Auftraggeber

mit handverlesenen Freelancern aus

der Kreativ- und Werbebranche.

GRÜNDER: Phil Meinwelt, Jonas Drechsel

GRÜNDUNG: Februar 2016

nook-names.de

PITCH: Nook Names als Freelancer-Netzwerk

ist über Jahre gewachsen. Nach

15 Netzwerk-Events umfasst unsere Community

inzwischen mehr als 600 kreative

Freelancer aus den Bereichen Design, Text,

Entwicklung, Foto, Video und Marketing.

Wir haben sie in einem Aufnahmeverfahren

darauf getestet, ob wir sie gern als Dienstleister

weiterempfehlen möchten. Seit unserer

Gründung akquirieren wir interessierte

Auftraggeber aus der Agentur- und

Startup-Branche, denen wir persönlich auf

ihren Bedarf hin abgestimmte Freelancer

vorschlagen. Mit diesen Erfahrungen und einem

Proof of Concept gehen wir den nächsten,

deutlich skalierbareren Schritt. Aktuell

suchen wir dafür vor allem Startups, die

Freelancer-Bedarf haben, sowie Investoren,

die gerne mit uns das Google der Freelancer-

Suche aufbauen möchten.

Fotos: Digitando, die Schuhleister, Nook Names

Fotos: Prosiebensat.1, Microsoft, Stefan Kny

RAUS AUS DER

GRÜNDERETAGE

Demo Night bei Microsoft

Acht Startups schlossen ebenfalls Ende Juni die

fünfte Klasse des Microsoft Accelerators ab. Die

Themen waren vielfältig, es präsentierten: das

Online-Therapieprogramm Caspar, die Mitglieder-Management-Plattform

Raklet, die Plattform für

digitalisierte Fabriken Factor-E, das Logistik-Software-Startup

Flutaro, das Netzwerk Linknovate für

innovative technische Entwicklungen, die Gesundheits-App

Hidoc, das Produktivitätstool Datary und

die Musik-Sharing-Plattform iGroove.

microsoftaccelerator.com

WECHSELHELFER

UND MITGESTALTER

Demo Day bei GTEC

Anfang Juli lud Christoph Räthke zum Demo Day der

GTEC Startup Academy und des Labs. Insgesamt

neun Startups stellten sich vor, darunter das Immobiliennetzwerk

RealPD, die Mitgestaltungsplattform

Projecttogether, die Multiplayer-Music-Maker-App

Polyjammer, die Personal-Coaching-Plattform Ellistra,

der automatisierte Recruitment-Berater iCombine

und den Wechselhelfer Swapp, mit dem Haushalte

günstigere Versorger und Spezialisten finden.

gtec.berlin

berlinvalley.com / 53


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„Eigene Spielregeln definieren“: Diskussionsrunde auf dem Women in Leadership Summit in Monaco

SEI STARK, SEI SCHLAU, SEI FRAU

Fragen auf. Fragen sind ein sehr guter Start, wenn

man etwas verändern will. Jacqueline de Rojas, Präsidentin

des britischen Hightech-Verbands techUK,

unterstrich an diesem Punkt: „Sie müssen kein Alphatier

und Killertyp sein, um Ihre Angelegenheiten und

Interessen durchzusetzen. Manchmal kann es viel

effektiver sein, die ‚richtigen’ Fragen zu stellen.“

Also Fragen, die die Karten neu mischen.

RICHTIG FRAGEN, WEITERDENKEN

Auf dem Summit wurden also richtige Fragen

gestellt, mit denen wir uns selbst und unsere Rolle

als Führungspersönlichkeiten auf den Prüfstand

stellten. Hier sind einige der Fragen, welche zum

Nachdenken anregten:

• Was will ich wirklich tun? Was mache

ich gerne?

• Was will ich überhaupt erreichen?

• Achte ich auf meine Stärken?

Respektiere ich meine Erfolge?

• Kenne ich meine Schwächen?

Kann ich diese kompensieren?

• Kann ich Dinge konstruktiv hinterfragen

und dann gekonnt managen?

• Bin ich zu bescheiden? Fordere ich auch,

was mir wirklich zusteht

(Geld, Position, Respekt)?

• Nehme ich genug Wissen auf, um weiter

in der Spitzengruppe mitzuspielen?

• Arbeite ich genug an meinen

Netzwerken, die mich unterstützen und

neue Möglichkeiten eröffnen?

• Umgebe ich mich mit Leuten, die

Widerspruch vertragen oder sogar

begrüßen?

• Unterstütze ich andere bei der Erfüllung

ihrer Träume und Ziele?

Jacqueline de Rojas und Margaret Heffernan

hoben die positiven Auswirkungen von richtigen

Fragen hervor, die das Team aktiv beteiligen

und Vorausdenken begünstigen. Die Fähigkeit,

aus intelligenten Fragestellungen zu lernen, wird

immer wichtiger in einer Welt, die geprägt ist von

disruptiven Technologien und rapide fortschreitenden

Wandlungsprozessen. Wir brauchen smarte

Persönlichkeiten und diversifizierte Teams, die in

neuen Kategorien denken, um auf bahnbrechende

Ideen zu kommen.

TECHNOLOGIEN MÜSSEN WEIBLICHER

WERDEN

Beschäftigt man sich mit der Genderparität, so

zeigen sich immer wieder Möglichkeiten neuer

Technologien für den Gleichstellungsprozess. Auf

dem Summit kamen digitale Unternehmerinnen

und Vordenkerinnen zu Wort, die hervorhoben,

dass sich Frauen in größerem Umfang mit neuen

Technologien befassen müssen. Weibliche Unternehmerinnen

und Führungskräfte müssen verstärkt

„Technik können“ und hier das entsprechende Wissen

sowie die nötigen Qualifikationen mitbringen.

Emer Coleman, CEO von Dsrptn, brachte es folgendermaßen

auf den Punkt: „Ingenieure schreiben

den Code der Zukunft, und Frauen müssen

auf dem Gebiet der Codierung eine stärkere Rolle

spielen. Wenn sie den Code beherrschen, haben sie

den Schlüssel zum Erfolg in der Hand.“ Jacqueline

Simmons von Bloomberg News, die einen Teil

des Gipfels moderierte, stellte fest, dass es in den

technologischen Disziplinen noch einen deutlichen

Mangel an Frauen gibt. Zahlreiche Studien

zeigen, wie problematisch dies in einer Welt ist,

in der MINT-Felder im Begriff sind, die Führung zu

übernehmen. Vielen Frauen bleibt oft noch eine

Fülle neuer Arbeitsmöglichkeiten verschlossen.

Darüber hinaus arbeiten sie noch zu häufig in Bereichen,

die von Routinen und Prozessen bestimmt

sind, welche durch disruptive Technologien wie

Automatisierung und Robotik obsolet werden.

Daniele Fiandaca von Creative Social und von

Token Man führte hierzu aus: „Es gibt 1,4 Millionen

Arbeitsplätze im Technologiesektor, aber nur drei

Prozent Frauen, die in den Startlöchern sind, um

USCHI SCHREIBER

ist Partner im Bereich Markets & Business Development

bei EY New York. Mit Kunden auf

der ganzen Welt arbeitet sie an der Lösung

komplexer Probleme und der Umsetzung von

nachhaltigem Wandel. ey.com/de,

uschischreiber.com/blog

diese einzunehmen. Dies ist eine schockierende

Statistik.“ Mädchen müssen schon im frühen Schulalter

für technische Berufe und Fächer begeistert

werden. Je früher, desto besser. Sie haben dann

eine größere Chance, sich zu MINT-Berufen und

technischen Fächern hingezogen zu fühlen – und

in diesem Bereich ein Leben lang zu lernen.“

Um ihren Standpunkt deutlicher zu machen,

vermittelte Emer Coleman den Summit-Teilnehmerinnen

und -Teilnehmern in einer Masterclass

ihr technologisches Wissen. Hier wurde sehr

deutlich, wie wichtig lebenslanges Lernen für

den eigenen Erfolg in einer Welt im disruptiven

Wandel ist. Mädchen und Frauen zu begeistern

und zu motivieren, ist ein essenzieller Beitrag

zur Verwirklichung der Gleichstellung von Mann

und Frau – für die Gesellschaft und eine bessere

Arbeitswelt. Es führt kein Weg daran vorbei, die

Genderparität auf unsere Agenda zu setzen – und

mit zahlreichen Initiativen wie den Summit und

anderen Programmen zu unterstützen.

Wie kann Genderparität in der Arbeitswelt beschleunigt werden? Was können Frauen tun? Was ist der Beitrag

der Männer? Welche Rolle spielen neue Technologien? Uschi Schreiber, EY Global Vice Chair, erklärt, wie Frauen

in Zeiten des digitalen Wandels stärker in Führung gehen können – als Managerinnen und Unternehmerinnen

Genderparität in der Arbeitswelt

und Gesellschaft ist ein überragend

wichtiges Thema, das in

so gut wie alle Lebensbereiche

hineingreift. Die Gleichstellung

der Geschlechter ist nicht nur

eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch des

Erfolgs von Organisationen und Gesellschaften.

Es gibt ganz klare Beweise, dass Unternehmen

und Staaten mehr erreichen, wenn sie Frauen

gleichberechtigt einbeziehen. Es liegt also in unser

aller Interesse, dass die völlige Gleichstellung von

Männern und Frauen Wirklichkeit wird. Auf dem

Women in Leadership Summit im Rahmen des EY

World Entrepreneur of the Year 2016 Forum vom

7. bis zum 12. Juni in Monaco wurde wieder einmal

deutlich, dass zur Verwirklichung der Genderparität

unter anderem drei Dinge nötig sind:

• Männer müssen sich engagierter in die

Genderdebatte einbringen.

• Weibliche Führungskräfte und

Unternehmerinnen müssen ihren eigenen,

authentischen Führungsstil entwickeln.

• Frauen müssen heute und in Zukunft

stärker in Technologie- und MINT-Berufen

mitmischen.

MÄNNER, WO BLEIBT IHR?

Obwohl die Einladung zu dem Summit an Männer

wie Frauen ging, fiel auf, dass erstere nur sehr

vereinzelt im Publikum vertreten waren. Sicher,

es gibt auch nicht von der Hand zu weisende

Vorteile von Meetings mit einem vorwiegend

weiblichen Publikum: So kann die Diskussion auf

einem hohen inhaltlichen Niveau geführt werden,

was daher rührt, dass gemeinsame „weibliche“

Karriereerfahrungen und Hintergrundwissen aus

erster Hand ausgetauscht werden. Aufgrund der

Tatsache, dass männliche Teilnehmer am Wirtschaftsleben

immer noch die meisten Senior- und

Führungspositionen innehaben, ist es jedoch von

entscheidender Wichtigkeit, dass Männer aktiv an

der Diskussion über Geschlechtergleichbehandlung

und -gerechtigkeit teilnehmen. Frauen und

Männer müssen sich zusammenschließen, wenn

ein wirklicher Wandel in der Arbeitswelt und am

Arbeitsplatz stattfinden soll.

Frauen erreichen mittlerweile eine ganze Menge

als Führungskräfte am Arbeitsplatz oder Unternehmerinnen

im eigenen Betrieb. Sie führen die Genderdiskussion

weiter an. Diese Diskussion braucht

aber männliche Führungskräfte als Diskussionspartner,

damit sich ein vollständiges Bild ergibt, das

als Blaupause für weiteres, zielführendes Handeln

dienen kann. Im Interesse aller.

FRAUEN, BLEIBT IHR SELBST

Um die eigenen Stärken ausspielen zu können,

müssen weibliche Führungskräfte Antworten auf

zentrale Fragen finden. So wurde auf dem Summit

die Kernfrage gestellt: „Was ist eine authentische

und glaubwürdige weibliche Führungspersönlichkeit

– und wie wird man eine?“

Margaret Heffernan, Entrepreneurin, CEO und

Autorin von „Beyond Measure: The Big Impact

of Small Changes“ sowie zahlreichen anderen

Büchern und Artikeln konnte einiges zur Diskussion

beitragen. Ihr erster Rat an andere Führungsfrauen

lautete: „Definieren Sie Ihre eigenen Spielregeln!“

Sie selbst hatte im Laufe ihrer Karriere erkannt,

dass es nicht zielführend für Frauen ist, Männer

und ihren Führungsstil zu kopieren. Nach den

ersten Versuchen in dieser Richtung erkannte sie,

dass dies kein Erfolgsrezept ist. Ihr Resümee aus

ihren Erfahrungen: „Ich will nicht das Spiel anderer

spielen. Ich glaube, dass wir Frauen dazu da

sind, die Spielregeln zu verändern.“

Der Standpunkt von Margaret Heffernan trug

zu einer lebhaften Diskussion bei und warf viele

Fotos: Studio phenix

WO GRÜNDERINNEN IHR GESCHÄFTSMODELL BESCHLEUNIGEN:

ENTREPRENEURIAL WINNING WOMEN EU 2016

Das weltweit erfolgreiche Programm wird dieses Jahr zum ersten

Mal in der EU durchgeführt. Es bietet vielversprechenden jungen

Unternehmerinnen die Möglichkeit, ihr Geschäftsmodell zu skalieren.

Ist euer Start-up mindestens zwölf Monate alt? Lag euer Umsatz

2015 bei mindestens 500.000 Euro, oder habt ihr mindestens

500.000 Euro Funding erhalten? Dann meldet euch bis zum

8. August mit Namen des Unternehmens, Namen der

Gründerin, Erläuterung des Geschäftsmodells, Umsatz 2015,

Umsatzplan 2016 und Pitch Deck an bei:

STARTUPINITIATIVE@DE.EY.COM

„Richtige Fragen stellen“: Jacqueline de Rojas, Präsidentin des britischen Hightech-Verbands techUK, diskutierte auf dem Summit die Chancen von Frauen in der Arbeitswelt.


TREFFPUNKT

DAS NEWNEW FESTIVAL

Das Festival findet vom 20. bis zum 22. September

2016 im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in

Karlsruhe statt. Teil des Festivals ist der Startup-

Wettbewerb Code_n, für den sich mehr als 380

junge Unternehmen aus 40 Ländern beworben

haben. 52 Finalisten aus den Clustern „Applied

Fintech“, „Connected Mobility“, „Healthtech“ und

„Photonics 4.0“ werden beim Festival dabei sein.

NEWNEWFESTIVAL.COM

ALLES IM BLICK

Blickshift bietet Produkte und Lösungen für die Analyse des Blickverhaltens

von Autofahrern an. Das Hauptprodukt ist die Software Blickshift Analytics,

die auf hochaktuellen Forschungsergebnissen der Visual Analytics

basiert. Blickshift wurde 2015 von drei PhD-Absolventen des Instituts für

Visualisierung und Interaktive Systeme der Universität Stuttgart gegründet.

Die Vision ist es, innovative Software für die Mensch-Maschine-

Interaktion und Big Data Analytics zu entwickeln.

connect.code-n.org/startups/blickshift

Initiator des Code-n-Wettbewerbs: Ulrich Dietz, Vorstandschef von GFT Technologies in Stuttgart

Warum Karlsruhe? GFT-Chef Ulrich

Dietz erklärt, was Besucher auf dem

Newnew Festival erwartet

Herr Dietz, es gibt so viele Startup-Veranstal

tungen, warum brauchen wir jetzt noch

das Newnew Festival?

Das Newnew Festival ist bewusst kein reines Startup-

Event. Uns war es viel wichtiger, eine Innovationsveranstaltung

zu initiieren. Startups sind ein

zentraler Teil davon – es sind aber viele weitere

Bausteine nötig.

Was sind die anderen Teile?

Wir bieten eine internationale Mischung aus hochwertigem

Content, unter anderem ein Konferenzprogramm

auf drei Bühnen. Neben den Startups

werden auch unsere Industriepartner ihre Themen

ausstellen, Trends diskutieren, Experten diverser

Bereiche vernetzen sich. Außerdem gibt es Kunst

und Musik – das darf nicht fehlen.

Warum war das nicht in Hannover auf

der Cebit möglich, wo die Industriepartner

gleich um die Ecke sind?

Wir waren viermal in Hannover – mit mehr als

75.000 Besuchern war es 2015 ein sensationeller

Erfolg. Aber die Cebit ist eine IT- und keine Innovationsmesse.

Wir hatten das Gefühl, wir sind inzwischen

erwachsen geworden und es ist an der Zeit,

ein eigenes Format zu entwickeln. Code_n steht für

‚Code of the New‘ – diesen Anspruch haben wir

auch an uns selbst.

56 / berlinvalley.com

„EINE PRICKELNDE

MISCHUNG“

Und warum haben Sie ausgerechnet

Karlsruhe ausgewählt?

Karlsruhe ist sicher nicht der Nabel der Welt, Berlin

aber übrigens auch nicht. Karlsruhe bietet uns ein

ideales Ökosystem mit innovativen, lokalen Partnern.

Ausschlaggebend war letztlich aber unser

Veranstaltungsort: das Karlsruher Zentrum für Kunst

und Medien (ZKM). Eine weltweit einzigartige Kulturinstitution.

Innovation in Verbindung mit avantgardistischer

Medienkunst – das ist eine prickelnde

Mischung. Und im ZKM haben wir zudem genug

Platz, um unseren Themen den nötigen Raum zu

geben. Es sind auch in der ganzen Stadt Veranstaltungen

geplant: vom Pub Crawl über Konzerte

bis hin zum Abschluss-Event bei den Schlosslichtspielen.

Das endgültige Programm steht noch nicht

fest, wird aber in den nächsten Wochen Stück für

Stück vorgestellt.

Wie groß ist das Interesse der Startups?

In Hannover hatten wir zuletzt 450 Bewerbungen.

Für Karlsruhe waren es 385 aus 40 Ländern. Wir

waren positiv überrascht, dass es erneut so viele

waren, obwohl wir ein neues Format auf die Beine

stellen. Code_n als Innovationsmarke hat sich etabliert

– davon profitieren wir jetzt: 52 Startups aus

elf Ländern sind im Finale dabei.

Wie war die Qualität der Bewerbungen?

Hervorragend. Es wird auch jede Menge zum

Anfassen und Staunen geboten sein. Wir konzentrieren

uns bewusst auf Startups, die aus dem technischen

Umfeld kommen. Uns interessiert nicht der

nächste Essenslieferdienst, sondern wir suchen nach

Startups, die technologisch dicke Bretter bohren.

Inwiefern?

Wir konzentrieren uns auf die vier Cluster ‚Applied

Fintech‘, ‚Healthtech‘, ‚Connected Mobility‘ und

‚Photonics 4.0‘: Fintech, weil das unser Kerngeschäft

bei GFT betrifft und wir den Bereich weiter

pushen wollen. Mobility, weil es ein zentrales Thema

unserer Industrie ist. Health, weil das Armband,

das den Puls misst, erst den Anfang darstellt. Und

Photonics, weil es aktuell noch stark unterrepräsentiert

ist, aber Themen wie Laser und LED ungeheures

Potenzial für die Industrie bieten.

Wie kommt ein mittelständisches

Unternehmen wie GFT auf die Idee,

ein Festival in diesem Maßstab zu

organisieren?

Das Festival ist ein Element unseres Innovationsnetzwerks

Code_n. Wir machen das nicht ganz allein:

Wir haben starke Industriepartner an unserer Seite,

und auch das Bundesforschungsministerium unterstützt

uns. Die Digitalisierung geht uns alle an. Wir

brauchen mehr mutige Unternehmer, um als Industrienation

weiter vorne mitzuspielen. GFT ist weltweit

aktiv, und wir haben uns gefragt, wie wir ein Format

entwickeln können, das uns ständig herausfordert

und mit dem wir permanent über den Tellerrand blicken.

Wir wollen die Innovationsentwicklung bei unseren

Kunden aus der Finanzwirtschaft vorantreiben,

und dafür brauchen wir Glaubwürdigkeit. Deshalb

probieren wir Dinge aus und entwickeln sie weiter.

Das leben wir sehr intensiv.

Wieso muss es dann gleich ein Festival mit

Musik und Kunst sein?

Ich bin der Ansicht, wir müssen in Deutschland attraktive

Veranstaltungen realisieren, die echte Begeisterung

hervorrufen. Gerade für die IT-Welt! Ich

denke dabei an so etwas wie die ‚Floating Piers‘

des Künstlers Christo auf dem Iseosee. Damit hat er

fast 1,3 Millionen Besucher angelockt. Für so einen

Zuspruch werden wir natürlich noch eine Weile

hinarbeiten müssen (lacht).

Welche Besucher würden Sie denn gern auf

dem Newnew Festival sehen?

Alle, die sich von der digitalisierten Welt inspirieren

lassen wollen. Das Versicherungsunternehmen

aus München ebenso wie den Beamten aus Berlin

oder Studenten aus Köln sowie alle, die sich für

neue Geschäftsmodelle begeistern. Wir erwarten

eine bunte Mischung – also nicht nur Manager.

Und mit wie vielen Besuchern rechnen Sie?

Unser Ziel sind 10.000. Wenn es nur die Hälfte

wird, ist das fürs erste Jahr auch okay – zumindest

solange jeder ein Quäntchen Inspiration in seinen

Alltag mitnimmt.

Das Gespräch führte Corinna Visser.

Fotos: GFT Technologies SE, Blickhift, Ambigate, 8-Tree, University of Oxford

HEILEN MIT 3D

Ambigate, ein Spin-off der Universität Tübingen, entwickelt mit E-Reha

eine videospielbasierte Bewegungstherapie für das häusliche und betriebliche

Umfeld. Bei den Übungen bewegt man sich in einer virtuellen

Welt. Eine 3D-Kamera erkennt kontaktlos die Bewegungen des Nutzers

und lokalisiert sofort Ausführungsfehler. Zusätzlich wird mittels hochinnovativer

Parameter der Krankheitsfortschritt bestimmt und die Therapie

entsprechend online dynamisch angepasst. Ambigate hat unter anderem

einen Grant und den IKT-Innovativ-Preis des BMWi erhalten.

ambigate.com

SCHLAUE FENSTER

2014 erfand Bodle Technologies aus Oxford eine revolutionäre, ultradünne

Lacktechnologie, die auf Knopfdruck Licht manipulieren kann. Vor

allem für farbige, reflektierende Displays, bei denen Auflösung, geringes

Gewicht und niedriger Stromverbrauch entscheidend sind, bietet diese

bahnbrechende Technologie außergewöhnliche Möglichkeiten. Das erste

Produkt wird ein flexibles Display mit extrem hoher Auflösung sein. Das

zweite ein „schlaues“ Fenster, bei dem man aktiv die Menge an eintretendem

Infrarotlicht steuern kann.

bodletechnologies.com

DELLEN FINDEN

8tree macht Dinge etwas anders: zum Beispiel komplexe Messtechnik

mal ganz einfach. Ein Knopfdruck genügt, um zuverlässig und hochgenau

Dellen am Flugzeug mittels eines 3D-Scanners zu vermessen. Dies

war bisher eine notwendige, aber ungeliebte manuelle Aufgabe. Mit

dem Produkt Dentcheck geht das mit einem optischen Verfahren in zwei

Sekunden. Und der Clou: Das Ergebnis wird auf die Oberfläche projiziert,

sodass jeder sofort weiß, was als nächstes zu tun ist. Das Verfahren

des Daisen dorfer Startups ist weltweit patentiert.

8-tree.com

berlinvalley.com / 57


TREFFPUNKT

TREFFPUNKT

SCALE YOUR BUSINESS

Welchen Maßstab legt Ihr bei Euren

Startups an das Thema Skalierung?

Alle Startups denken international und wissen, dass

sie ein Geschäftsmodell entwickeln müssen, das

mehr oder weniger global ausrollbar ist. Entsprechend

würden wir in kein Startup investieren, dass

nur in Deutschland oder den Niederlanden funktioniert.

Das ist einfach die Marktlogik und würde

einem auf Wachstum ausgelegten Venture-Modell

wie dem unseren auch nicht entsprechen.

Lorem Die Dmexco Ipsum2015 hat’s vorgemacht: Ein bisschen Show muss sein, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

BITTE NAHMACHEN

Mehr Live-Gefühl, engerer Kundenkontakt lauten die Gebote der Stunde. Wie das geht und was

die digitalen Strategien für Konsumenten und die werbetreibende Industrie bedeuten, zeigt die Dmexco in Köln

„Faszinierender Spirit“: Peter Borchers, Leiter des Telekom-Inkubators Hubraum, pflegt die Kontakte zum Silicon Valley.

„WIR MÜSSEN IN DIE

Du hast gesagt, dass Ihr Euch die Teams

genau anschaut. Greift Ihr in die Personalstruktur

ein, wenn Ihr merkt, das läuft nicht?

Wir prüfen die Teams sehr genau und schauen

unter anderem, dass alle Kernkompetenzen im

Gründerteam vorhanden sind. Dann verlassen wir

uns darauf, dass die Gründer im Wesentlichen die

richtigen Entscheidungen treffen. Sie kennen ihr

Modell viel besser als wir und fordern Input von

uns. Insofern verstehen wir uns eher als Servicedienstleister,

der den Teams mit Rat und Tat zur

Seite steht. Dass wir eingreifen und gegensteuern

müssen, kommt eigentlich kaum vor.

BE INTERNATIONAL

„In unserer Wirtschaft sind die digitalen Technologien

der Schlüssel, um Prozesse zu optimieren,

eigene Stärken und Wissensressourcen besser zu

nutzen sowie Geschäfte weiter auszubauen“, heißt

es auf der Website der Dmexco, die am 14. und

15. September erneut die wichtigen Player der Digitalwirtschaft

in Köln zusammenbringt.

Ein Beispiel erleben wir gerade hautnah. Weltweit

sind die Menschen im Monsterrausch und fangen mit

der App Pokémon Go kleine süße Wesen. Niantic

und Nintendo, die Macher der App, haben dabei

geschickt den seit 20 Jahren andauernden Kult in die

digitale Welt übertragen, indem sie die kleinen Taschenmonster

in die Augmented Reality von Google

Maps platzieren. Lokale Händler können den Hype

und den Spieltrieb für sich nutzen und sogenannte

Lockmodule platzieren, die Monster und somit Kunden

auf der Jagd anziehen. „Hier sehe ich ein richtig

krasses Potenzial für lokale Unternehmen. Sprich:

All die Burgerläden oder Cafés. Nutzt den Effekt“,

schreibt der Social-Media-Experte Philipp Steuer auf

seinem Blog (philippsteuer.de).

SNAPSHAT IST SPÜRBAR ENGER

Der andere Hype ist Snapshat. Während die älteren

Digital Natives bereits an dem Bling-Bling des

sozialen Netzwerks verzweifeln, steht die App bei

Jugendlichen hoch im Kurs. In der Umfrage im Youth

Insight Panel (YIP) der Bravo hängt Snapchat bei

den unter Zehn- bis 19-Jährigen (35 Prozent; 2015:

Ob im Bad in der Menge oder in den Bällen: Netzwerken hat auf der Dmexco oberste Priorität.

58 / berlinvalley.com

17 Prozent) das in die Jahre gekommene Facebook

(32 Prozent; 2015: 40 Prozent) ab. Auch das Berliner

Startup Einhorn, das mit nachhaltig produzierten

Kondomen und einer schillernden Content-

Marketing- Strategie, auf sich aufmerksam macht, hat

Snapshat für sich entdeckt. „Inzwischen erreichen

unsere Snaps gute vierstellige View-Zahlen und unsere

Storys werden von mehr als 80 Prozent der Nutzer

komplett angesehen“, sagen die Gründer Philip

Siefer und Waldemar Zeiler im Interview mit Online

Marketing Rockstars. „Das sind jetzt zwar noch keine

Mega-Reichweiten, der Kontakt zu unseren Followern

ist auf Snapchat aber spürbar viel enger als

auf anderen Plattformen.“

Der Trend geht ganz klar zu mehr Live-Gefühl und

Produktpräsentation in Echtzeit. In diesem Jahr wird

es daher erstmals auf der Dmexco eine Motion Hall

geben, die Video und Bewegtbild ein spezielles Forum

bietet. Facebook, Twitter, Maker Studios, aber

auch etablierte Player wie AOL, Bloomberg Media,

NBCUniversal, RTL und ZDF zeigen dort die aktuellen

Trends und Themen sowie neue Inhalte und Plattformen,

die für die Marketing-, Media- und Kommunikationsindustrie

von Bedeutung sind. „Digital is everything

– not every thing is digital“ lautet das Motto der

Messe und soll zeigen, warum digital alles ist und

alles von der Digitalisierung profitiert.

Entsprechend vollgepackt ist die Dmexco, die in den

Bereichen Expo und Conference den Bogen vom Internet

of Things über Wearables und künstliche Intelligenz

bis zur virtuellen und erweiterten Realität

spannen will. Die großen Fragen: Wie erreiche ich

die Konsumenten? Welche Rolle spielen Chatbots

in der Kundenbeziehung? Worauf kommt es beim

360-Grad-Storytelling an? Wie können Unternehmen

sinnvoll die Off- und Onlinewelt verknüpfen?

EIN STÜCK VOM KUCHEN

Faszinierende Beispiele gibt es bereits, etwa die

Out-of-home-Kampagne, die der Außenwerber Ströer

für die Daimler-Tochter Moovel zusammen mit der

Agentur Vivaki umgesetzt hat: Auf mehr als 100

Werbevideo-Screens waren bis Ende Juni in Hamburg

abhängig von Zeit und Wetter unterschiedliche

humorvolle Werbebotschaften zu sehen. Das Stichwort

für die Messe: Programmatic Advertising.

Vor allem aber ist Kreativität und Inspiration gefragt,

wenn es darum geht, die begrenzte Zeit der Konsumenten

auf sich zu lenken. Jeder will ein Stück vom

Kuchen haben, der Aufmerksamkeit heißt. Startups

können wichtige Impulse geben. Sie erhalten im von

der Gründerinitiative des Bundesverbands Digitale

Wirtschaft organisierten Start-up Village ein Forum,

auf dem sie Ideen, disruptive Methoden und Modelle

sowie Know-how präsentieren. Wer die Aufmerksamkeit

bündeln will, bucht einen Speaker-Slot. Für

Richard Michel, CEO vom Bildverwaltungs-Startup

Pixxio, hat sich der Besuch gelohnt: „Viele der damaligen

Besucher setzen unsere DAM-Software mittlerweile

erfolgreich in Unternehmen ein.“

cs

Fotos: Dmexco

Fotos: Deutsche Telekom

Am 3. September findet in Berlin

die Startup Night statt. Wir haben

das Motto „Meet Investors. Meet

Corporates. Scale your Business.

Be International.“ zum Anlass für

ein Gespräch mit Peter Borchers,

Leiter des Hubraum, genommen

MEET INVESTORS

ZUKUNFT SCHAUEN“

Peter, worauf achtet Ihr, wenn sich

Startups bei Euch bewerben?

Auf der einen Seite sind für uns die klassischen

VC-Kriterien wichtig: Glauben wir an das Produkt

oder den Service? Ist der Markt groß genug? Wie

ist das Team aufgestellt? Das Team ist besonders

wichtig, weil die Gründer in der Frühphase ja

meist nur mit Prototypen zu uns kommen. Zum anderen

prüfen wir, ob mittelfristig die Aussicht auf

Synergieeffekte mit den Produkten oder Services

der Telekom besteht. Wenn sich die beiden Kreise

überschneiden, dann investieren wir.

Haben sich die Kriterien in den

vergangenen Jahren verändert?

Die Themen entwickeln sich. Wir kümmern uns insbesondere

um Themen, die heute nur am Rande

oder noch nicht im Tagesgeschäft der Telekom relevant

sind und vermarktet werden. Wir müssen in

die Zukunft schauen. Dementsprechend interessieren

uns neben den klassischen Feldern wie Internet

of Things, Cyber Security oder Connected Devices

auch Themen wie Robotics, künstliche Intelligenz

oder Blockchain.

Stimmt Ihr Euch bei Euren Investitionen

mit anderen Telekom-Abteilungen, zum

Beispiel DT Capital Partners, ab, die als

Nachfolgeinvestoren in Frage kommen

könnten?

Der Hubraum ist grundsätzlich unabhängig bei

seinen Entscheidungen. Das heißt aber nicht, dass

wir uns nicht austauschen. Wenn zum Beispiel DT

Capital Partners Dealflow bekommt, der für sie zu

früh ist, leiten sie ihn an uns weiter und umgekehrt.

MEET CORPORATES

Neben der Telekom sind bei der Startup

Night auch Microsoft, VW, Eon und die

Deutsche Bank an Bord. Wie sieht für dich

idealerweise ein Match zwischen Startup

und Corporate aus?

Ein super Case aus unserem Portfolio ist Teraki.

Das Startup beschäftigt sich mit der Datenoptimierung

im Internet of Things und kürzt – ähnlich wie

bei der MP3-Komprimierung – große Mengen an

Daten um irrelevante Informationen. Dadurch lässt

sich die Netzlast um den Faktor 1:10 bis 1:20 reduzieren.

Eine zukünftige Implementierung könnte

uns beispielsweise wahnsinnig helfen, etwa die

Auslastung der Backbones und Datenleitungen zu

verbessern.

Machen solche Startups die konzerneigenen

Innovationsabteilungen auf Dauer

überflüssig?

Ganz im Gegenteil. Inkubatoren sehe ich als weiteres

Instrument im Werkzeugkasten der Innovation. Startup-Units

ersetzen nicht die konzerneigene Produktinnovation,

sondern wir ergänzen sie. Apple und Google

erfinden ja auch nicht alles selbst. Es gibt immer

ungleich mehr Leute außerhalb des Unternehmens,

die auch gute Ideen haben, als in den Unternehmen.

Ihr seid mit dem Inkubator-Modell nach

Krakau und Tel Aviv expandiert. Was sind

die Gründe für die Standortwahl?

Der Grund findet sich in den Suchfeldern, die wir zu

Beginn besprochen haben. Im Bereich Cyber Security

kommen zwar auch immer wieder Ideen aus Deutschland

oder Osteuropa, aber viel weniger im Vergleich

zu Israel. Von hier erhalten wir irrsinnig gute Bewerbungen

in diesem Bereich. Deswegen haben wir uns

für Tel Aviv entschieden, um von diesem Standort aus

neue und andere Märkte zu erschließen.

Ist die Brücke ins Silicon Valley noch wichtig?

Die Brücke ist nach wie vor sehr wichtig. Viele unserer

Teams haben US-Investoren und gehen früher oder

später in die USA. Auch wenn wir dort noch keinen

Hubraum haben, pflegen wir unsere persönlichen

Netzwerke. So gewährleisten wir, dass die Teams mit

den richtigen Leuten zusammenkommen und sich in

dem Ökosystem vor Ort bewegen können, um Kunden

oder andere Startups zu treffen. Das funktioniert

in den USA nach wie vor sehr gut. Ein Anruf und daraus

ergeben sich gleich drei neue tolle Sachen. Das

ist ein ganz spezieller, faszinierender Spirit.

Welcher Standort in Europa hat am ehesten

das Potenzial eines Silicon Valley?

Ich glaube, dass die Großräume München und

Berlin sich noch wahnsinnig weiterentwickeln werden.

Beide haben eine starke Gründerszene und

gute Corporate-Anbindungen. Aufgrund des technischen

Schwerpunkts hat aber aus meiner Sicht

München eher das Potenzial, eine Art Silicon Valley

von Deutschland oder Europa zu werden. Die

Szene in Berlin ist wie in New York eher inhaltlich

von den Geschäftsmodellen getrieben.

Das Gespräch führte Christoph Strobel.

Fünf Standorte öffnen am 3. September

zur Startup Night. Infos und Tickets unter:

STARTUPNIGHT.DE

berlinvalley.com / 59


EVENTS

EVENTS

und in Aufbruchstimmung versetzen. „China hat sein

Wachstum vor allem der Punk-Rock-Haltung einiger

Unternehmer zu verdanken“, sagt Feng. „Leute wie

Jack Ma, Gründer von Alibaba, hassen das alte System.

Unternehmen wie seines bekommen keine Kredite

von chinesischen Banken, sondern von Investoren

aus Südafrika.“

HASS AUF DAS ALTE SYSTEM

Alibaba gehört zusammen mit Baidu und der

Wechat-Mutter Tencent zu der Kategorie der Unternehmen,

die symbolisch für Chinas Fortschritt

und Technikbegeisterung stehen. Das hierzulande

nur als Messenger bekannte Wechat ist in China

eine Universal-App für Bankgeschäfte, Einkäufe oder

den Taxiruf. „Für Außenstehende ist unsere Smartphone-Nutzung

nur schwer nachzuvollziehen, aber für

die Chinesen ist das Smartphone ein bedeutender Teil

des Lebens. Viele Leute haben Nackenschmerzen,

weil wir ständig aufs Display schauen“, sagt Feng.

Die Technikversessenheit der Volksrepublik lässt

sich gut mit der jungen Geschichte erklären. Durch

die Verschlossenheit bis Ende der Siebzigerjahre

war China lange Zeit eine Art Einwegspiegel. Die

Öffnung war für viele Chinesen ein Kulturschock.

„Wir wussten, dass wir hinterher waren, aber wir

kannten das Ausmaß nicht. Daher kommt nicht

nur das Interesse für Neues, sondern auch viel

Unsicherheit. Aber die verfliegt langsam und das

Selbstbewusstsein steigt.“

Für chinesische Startups bedeutet das vor allem

die Erschließung weiterer Märkte. Hochburgen wie

Berlin sind dabei ideale Drehkreuze. „Die weltweite

Hipster-Bewegung in den Metropolen ist ein

wichtiges Bindeglied und Übersetzer zwischen den

Kulturen“, sagt Heger, der mit der richtigen Idee

zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Mit einem

auf den Westen angepassten Geschmack und einer

neuen Markenidentität soll das chinesische Nationalgetränk

Baijiu ab Oktober den Westen erobern.

Justus Zenker

Bauen brücken: Matthias Heger mit seiner Beratungsfirma Capital Spirits und Helen Feng als Frontfrau der Band Nova Heart

Entspannter Erfahrungsaustausch: Helen Feng (4. v. l.) und Philipp Grefer (2. v. r.) von Fake Music Media haben im Rahmen des Tech Open Air chinesische Unternehmer nach Berlin gebracht.

GO WEST!

In China herrscht Aufbruchstimmung. Treiber sind Startups, die weltweite Hipster-Bewegung

und die Punk-Rock-Haltung einiger Unternehmer. Der Weg in den Westen führt über Berlin

Wer durch Pekings Altstadt schlendert, kann sie

leicht übersehen. Die Bar Capital Spirits Baijiu

befindet sich nicht im 30. Stock eines glitzernden

Hochhauses, sondern in einem historischen, restaurierten

Hutong, einem der typischen chinesischen

Wohnbauten. „Alle haben uns davon abgeraten“,

erinnert sich Matthias Heger an die Anfänge seines

Unternehmens. Baijiu, was übersetzt „weißer

Alkohol“ bedeutet, war lange Zeit die inoffizielle

Währung für gegenseitige Gefallen. Erhältlich in

allen Preisklassen haftet Baijiu bis heute das Image

von Billigfusel und Korruption an.

Womit keiner gerechnet hat: Das Konzept kam vor

allem bei den jungen Chinesen und Touristen an.

Magazine und TV-Sender aus der ganzen Welt berichteten

über die Erfolgsgeschichte – und schließlich

stand der erste Vertreter eines staatlichen Baijiu-

Herstellers auf der Schwelle. „Die Baijiu-Industrie

befand sich gerade mitten in einer riesigen Absatzkrise

und wollte von uns wissen: ‚Wie macht ihr das

nur?’“, sagt Heger. Um die passenden Antworten geben

zu können, gründete Heger Capital Spirits, eine

Beratungsfirma für Baijiu-Export.

Heger ist ein Brückenbauer. Die Trinkgewohnheiten

des Westens und wie Marken in Europa und den

USA funktionieren ist den Baijiu-Produzenten völlig

fremd. Außerdem „herrscht in China ein Paradox

zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung“, erklärt

Heger. „Viele denken, was in China geht, geht auch

im Westen und andersrum.“ Für junge Unternehmen

wie Capital Spirits bilden diese Unterschiede die Geschäftsgrundlage.

Und das Geschäft ist, eingesessenen

Staatsbetrieben die Tore zum Westen zu öffnen.

Warum Heger die Tür zuerst in New York und

60 / berlinvalley.com

Berlin und nicht etwa in London oder Paris aufstößt,

ist schnell erklärt: „In Berlin kommst du mit 20 Prozent

weniger PR-Budget aus als in London. Außerdem

werden hier mittlerweile mehr Trends geboren. Und

die Stadt ist zunehmend internationaler.“

„BERLIN IST

DAS LETZTE

GROSSE

MEKKA.

NEW YORK

IST TOT UND

SAN FRANCISCO

ZU TEUER“

SCHICKSAL SELBST IN DIE HAND NEHMEN

Das liegt nicht zuletzt an Künstlern wie Helen Feng.

Die ehemalige MTV-Moderatorin und Frontfrau der

chinesischen Band Nova Heart liebt Berlin wegen

der Kreativität. Feng ist außerdem Mitinitiatorin

von Neu China, einer Plattform, die den Austausch

und die Zusammenarbeit zwischen China und dem

Westen fördern will. Im Rahmen der Premiere auf

dem Tech Open Air am 13. Juli stellte die Initiative

verschiedene Protagonisten und Anknüpfungspunkte

der aufstrebenden Startup-Szene Chinas vor.

„Berlin ist das letzte große Mekka“, sagt Feng.

„New York ist tot und San Francisco zu teuer. Hier

schwebt noch eine Art längst vergessener Traum,

der dich daran erinnert, dass du kein Geld verdienen

solltest. In diese Richtung sollte sich auch

Peking entwickeln.“

Dafür dürfte es aber mittlerweile zu spät sein. Peking

spielt längst in einer Liga mit Startup-Hubs wie

das Silicon Valley. Dank zahlloser Inkubatoren, privater

Förderer, Communitys und Coworking Spaces

boomt die Szene. Das System treibt junge Menschen

eher unfreiwillig ins Unternehmertum. Durch fehlende

Absicherung der Arbeitsplätze ist es in China

einfach, von einem auf den anderen Tag den Job zu

verlieren. Als Unternehmer hingegen hat man sein

Schicksal in der eigenen Hand. Rechtliche Hürden

zwingen zwar viele Einsteiger in den Graubereich,

das stellt aber am Anfang kein großes Problem dar.

„Wenn du unter dem Radar fliegst und klein bleibst,

klappt das wunderbar“, erklärt Feng.

Ein größeres Hindernis sind allerdings die Banken.

Die investieren lieber in sichere Staatsbetriebe

statt in Startups. Folglich kommen Investitionen

vor allem von anderen, inzwischen gewachsenen

Unternehmen. Feng bezeichnet diesen Effekt der

gegenseitigen Kredite als „Big-Brother-Netzwerk“.

Da aber nicht alle Unternehmer gleich ehrenwert

handeln, entsteht Vertrauen in China nur sehr, sehr

langsam. Die wenigen Vertrauensbeziehungen, die

chinesische Unternehmer haben, werden deshalb

umso intensiver gepflegt. Es sind die vorausstrebenden

Privatunternehmen, die China aktuell antreiben

Fotos: NEU China

Fotos: Adela Dupetit, Jann Venherm

AUF DEM WEG NACH CHINA

Wie man den chinesischen Markt erobert – das war die Techcode-Konferenz von Berlin Valley

„Der Misserfolg der meisten Unternehmen in China

hat nichts mit China zu tun“, sagt Daniel Lachmann,

Senior Project Manager bei Techcode Berlin. „Sie

scheitern, weil sie nicht auf ihre Kunden hören und

sich nicht den Gegebenheiten anpassen. So würden

sie auch auf dem Heimatmarkt scheitern.“ Wer

erfahren wollte, wie man es besser macht, konnte

sich auf der Konferenz Going China informieren,

die Berlin Valley Anfang Juli gemeinsam mit Techcode

veranstaltete. Wenn Startups an Expansion

denken, dann denken sie meist an Europa und die

USA. Dabei ist China mit seinen knapp 1,4 Milliarden

Einwohnern und dem weltweit größten Internetmarkt

durchaus eine interessante Option.

Lesara arbeitet seit der Gründung 2013 mit chinesischen

Herstellern zusammen. Gründer Roman

Kirsch berichtete, dass der Onlineshop Produk tion,

Qualitätskontrolle, Fotostudio, Lager sowie Versand

in China hat. Daher dauert es im besten Fall nur

noch zehn Tage vom Erkennen eines Trends bis

das Produkt im Onlineshop auftaucht. Auch Mathieu

Caudal vom Elektroroller-Startup Unu und Alvin

Wei Shi vom Onlineshop Wohlheit berichteten von

ihren Erfahrungen mit chinesischen Partnern. Ebenso

wie Liwen Qin, Gründerin des Beratungsunternehmens

Trends Eurasia, hatten sie vor allem einen Rat:

„Sucht Euch Eure chinesischen Partner sorgfältig aus

und dann vertraut ihnen!“

Techcode baut von China aus ein globales Netzwerk

von Inkubatoren und Acceleratoren für Startups

und ein Ökosystem für Entrepreneure auf. Seit

Ende vergangenen Jahres hat Techcode auch ein

Innovationscenter in Berlin.

vis

Berichteten von ihren Erfahrungen auf dem chinesischen Markt (v. l.): Christian Herzog (Berlin Partner), Alvin Wei Shi (Wohlheit), Mathieu Caudal (Unu), Daniel Lachmann (Techcode), Liwen Qin (Trends Eurasia), Roman Kirsch (Lesara)

berlinvalley.com / 61


EVENTS

Hoch soll sie leben: die TOA16.

Fireside mit Fabian und Ferry: Die Brüder Heilemann tauschen sich mit TOA-Gründer Nikolas Woischnik aus.

Sonne tanken: eine kurze Pause auf dem Hauptstadtfloß

Besser als mit der Bahn: Zur TOA geht’s mit dem Schiff.

T-Shirts

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B2B

Idylle an der Spree: So entspannt sich das Publikum zwischendurch.

DAS WAR DIE TOA 2016

Drei Tage Tech, Kunst, Musik und

Spreefahrt: mehr als 80 Speaker und

175 Satellite Events standen auf dem

Programm des Tech Open Air

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www.dna-merch.de

Schau mal: TOA-Grüner Niko Woischnik und Springer-Chef Mathias Döpfner zusammen unterwegs

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Tech für das Allgemeinwohl: Sajida Altaya (Kiron-Studentin), Markus Keßler

(Kiron) und Sebastian Stricker (Sharethemeal) im Gespräch

Design is who you are.

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Der Blick nach vorn: volles Haus im Studio 1

Ganz entspannt: Yoga am Wasser

62 / berlinvalley.com

Fotos: Nika Kramer, Stefan Wieland, Dan Taylor (Heisenberg Media

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EVENTS

EVENTS

Frauenpower beim Zest in Malta (v. l.): Tugce Ergul (Angel Labs), Julie Meyer (Ariadne Capital),

Videesha Kunkulagunta (Redstone Digital) und Kaidi Ruusalepp (Funderbeam)

Innovation Weekend in Berlin: Ikuo Hiraishi

bringt sein Projekt aus Japan zur Infarm.

KALENDER

Wichtige Events und Konferenzen für Gründer und Startups im Überblick

18.08. | KÖLN | KOELNMESSE

GAMESCOM CONGRESS

Deutschlands größter Kongress rund um digitale Spiele und Schnittstelle

zu anderen Kultur- und Kreativbranchen sowie zur Digitalwirtschaft.

02.–06.09 | BERLIN | MESSE BERLIN

IFA STARTUP DAYS

Täglich präsentieren sich zehn Startups auf der Ifa.

Alle Event-Details, Newsletter-

Anmeldung und mehr:

BERLINSTARTUP.EVENTS

17.–21.08. | KÖLN | KOELNMESSE

GAMESCOM

Die Messe für interaktive Spiele zeigt die besten und neuesten Games

und die Highlights des Jahres der Games-Community.

13.–16.09. | LONDON | VERSCHIEDENE ORTE

SOCIAL MEDIA WEEK LONDON

Bei der Social Media Week, die in 18 Metropolen weltweit stattfindet,

steht der Einfluss sozialer Medien auf Kultur und Wirtschaft im Zentrum.

06.–07.10. | TOULOUSE | QUAI DES SAVOIRS

EMTECH FRANCE

Das MIT Review veranstaltet die größte Emerging-Technology-Konferenz.

Schöner Ausblick: Michael Grupp von Pantavision

bei Meeting Europe’s Startup Stars

GUT GETROFFEN

Jeden Monat trifft sich die

Startup-Szene auf Konferenzen,

Partys, Hackathons und anderen Events.

Ein kleiner Rückblick

Jetzt aber ran: Die Manager von Lventure und Luiss Enlabs

bereiten sich beim International Investor Day vor.

18.–19.08. | BERLIN | UCI KINOWELT COLOSSEUM

HYBRIDCONF

Bei der Konferenz für Kreative stärken Designer und Entwickler ihre

Zusammenarbeit. Ziel ist es, das Web zu verbessern.

26.08. | BERLIN | PRENZLAUER BERG

PING PONG CUP

Das erste jährliche Ping-Pong-Turnier für Berliner Startups

14.–15.09. | KÖLN | KOELNMESSE

DMEXCO

Die Fachmesse für digitales Marketing und Werbung verbindet die

Wirtschaft mit visionären Trends und kommerziellen Potenzialen.

15.–18.09. | ZÜRICH | KAUFLEUTEN

DIGITAL FESTIVAL

Die Tech-Welt trifft sich bei Keynotes, Labs, Sessions und HackZurich,

um Fragen der digitalen Zukunft zu diskutieren.

24.–29.09. | TEL AVIV | HATACHANA

DLD TEL AVIV

Tel Aviv wird als Stadt der Innovation gefeiert in dem Tastemaker aus

verschiedenen Feldern zusammen gebracht werden.

06.–07.10. | TOULOUSE | QUAI DES SAVOIRS

EMTECH FRANCE

The größte Emerging Technology Konferenz, veranstaltet vom MIT Review.

30.08. | BADEN | TRAFO BADEN

SWISS INDUSTRY 4.0 CONFERENCE

Bei der Konferenz rund um Industrie 4.0 wird der Swiss Industry 4.0 Award

verliehen.

19.–20.09. | BERLIN | BERLIN CONGRESS CENTER

INDUSTRY OF THINGS WORLD

Das Programm der Plattform für Player der Internetindustrie beinhaltet

Keynotes, Workshops, Briefings, Panel-Diskussionen und Networking.

17.–18.10. | LONDON | INTERNATIONAL O2

GLOBAL EXPANSION SUMMIT

Diskutiert werden globale Entwicklungsmöglichkeiten in der digitalen Welt.

Aus der Vogelperspektive: der Rework Machine Intelligence Summit

in Berlin in der Umweltforum Auferstehungskirche

30.–31.08. | DÜSSELDORF | RADISSON BLU

HORIZONT WERBEWIRKUNGSGIPFEL

Hier verschaffen sich Werbungtreibende und Mediaplaner einen Überblick

über den aktuellen Stand und die Trends der Werbewirkungsforschung.

20.–22.09. | KARLSRUHE | ZKM

NEWNEW FESTIVAL

Das Event präsentiert Zukunftstechnologien und vernetzt Persönlichkeiten

aus Wirtschaft, Wissenschaft und der Kreativbranche (mehr auf Seite 56).

25.–27.09. | MÜNCHEN | ICM MÜNCHEN

BITS & PRETZELS

Bei diesem Startup-Festival versammeln sich Gründer, Investoren,

Studierende und Gründungsinteressierte in Trachten zum Oktoberfest.

Abwarten: Das Team und Teilnehmer von Lventure und

Luiss Enlabs netzwerken außerhalb des Rainmaking Loft.

64 / berlinvalley.com

Alle dabei: Gruppenbild zur Preisverleihung „Innovators under 35“ des MIT Technology Reviews

Die Mannschaft 2.0: So wird beim Robocup 2016 in Leipzig Fußball gespielt.

Am Ball: Ein Kidsize Robot kickt beim Robocup in Leipzig.

Da lang: das Rescue-Robot-Finale

beim Robocup in Leipzig

Fotos: Tom Schulze, Stefan Hoyer, RD Media, Lorenzo Serafini, EU Startup Services, Ikuo Hiraishi und Shiya Yoshimi, Rolf Schulten, Malta Communications Authority

Fotos: Wilfried Feder, EmTech Europe

31.08.–02.09 | BERLIN | VERSCHIEDENE ORTE

POP-KULTUR

Interdisziplinärer Austausch ist das Programm. Das schließt wissenschaftliche

Diskurse ein wie auch Konzerte, Performances, Talks und Lesungen.

01.–02.09. | DÜSSELDORF | NIKKO HOTEL

CONTRA 2016

Im Zentrum steht die Frage, welche Strategien zur Conversion

und Traffic-Optimierung heute funktionieren.

22.–23.09. | HAMBURG | REEPERBAHN

NEXT CONFERENCE

Zusammen mit dem Reeperbahn Festival wird das Digitale und Kulturelle mit

Business und Unterhaltung kombiniert.

24.–29.09. | TEL AVIV | HATACHANA

DLD TEL AVIV

Tel Aviv wird als Stadt der Innovation gefeiert und Tastemaker aus

verschiedenen Feldern werden zusammengebracht.

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VORSCHAU

IN DER NÄCHSTEN AUSGABE

FINTECH

Wie weit sind die neuen Banken?

INTERNATIONALISIERUNG

Die Dos und Don’ts der Expansion

IMPRESSUM

CHEFREDAKTEURIN (V. I. S. D. P.)

Corinna Visser (vis; cv@berlinvalley.com)

HERAUSGEBER

Jan Thomas (jt; jt@berlinvalley.com)

ANSPRECHPARTNER ANZEIGEN

Sebastian Schäfer (sch@berlinvalley.com)

CHEFIN VOM DIENST

Julia Meusel (jm)

MANAGING EDITOR

Christoph Strobel (cs)

REDAKTION

Jenny Becker (jb), Anna-Lena Kümpel (ak), Rosa Wehler (rw),

Justus Zenker (jz)

LEKTORAT Julia Meusel

STÄNDIGE MITARBEITER

Sabine Petzsch, Erik Giertz

CREATIVE SUPERVISION

Balázs Tarsoly (balazs.tarsoly@operationbutterfly.com)

CREATIVE DIRECTOR

Natascha Ungereit (natascha.ungereit@operationbutterfly.com)

PRODUKTIONSLEITER

Johnnie Clapper (johnnie.clapper@operationbutterfly.com)

MITARBEITER GRAFISCHE GESTALTUNG

Louisa Pepay

FOTOGRAFEN

Adela Dupetit, Saskia Uppenkamp, Jann Venherm

DRUCK

Möller Druck und Verlag GmbH, Zeppelinstraße 6,

16356 Ahrensfelde OT Blumberg

PAPIER

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AUFLAGE

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NKF publiziert zwei der führenden Startup-Medien in Deutschland –

Berlin Valley und the Hundert.

Innovationen sind unsere Leidenschaft. Wir möchten Veränderung verstehen und mitgestalten,

technologisch und gesellschaftlich. Kurzum: Unser Platz ist vorne, unser Blinker links.

Wir haben Spaß an dem, was wir tun.

Unsere größte Stärke ist unser Team. Und hier kommst Du ins Spiel.

Denn wir wollen weiter wachsen und suchen daher ab sofort:

NEW YORK STARTUPS ON THE RISE

Wir stellen das Ökosystem der Ostküstenmetropole vor

ERSCHEINT AM: 6. OKTOBER

WIR BEDANKEN UNS BEI WEITEREN PARTNERN UND UNTERSTÜTZERN

Berlin Valley erscheint monatlich und kostenlos in der

NKF Media GmbH, Gustav-Meyer-Allee 25, 13355 Berlin,

Telefon: 030 46777251, nkf.media

Nachdruck nur mit Genehmigung des Verlags. Namentlich gekennzeichnete

Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der

Redaktion wieder. Die in diesem Magazin enthaltenen Angaben

werden nach bestem Wissen erstellt und mit großer Sorgfalt auf

ihre Richtigkeit überprüft. Trotzdem sind inhaltliche und sachliche

Fehler nicht vollständig auszuschließen. NKF Media GmbH

übernimmt keinerlei Garantie und Haftung für die Richtigkeit,

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Deadline: 8th August 2016 #BetterQuestions

“EY” and “we” refer to all German member firms of Ernst & Young Global Limited, a UK company limited by guarantee. ED None.

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