Leseprobe Yumpu

sophiechristina

Bist Du erst einmal eingetaucht in Sophies Geschichte, wirst Du das Buch kaum aus der Hand legen können. Sophie, das Kuckuckskind erzählt, wie ihr Leben, nach einem Besuch beim Standesamt eine ungewollte Wende nahm und nichts mehr so sein würde wie es einmal gewesen war.

Über die Autorin

Sophie Christina Aichinger, die unter

Pseudonym schreibt, ist gelernte Krankenschwester,

glücklich verheiratet, Mutter

dreier Söhne und Großmutter eines fünfjährigen

Enkel sohnes. Ihre Heimat ist ein

kleiner Ort in der Nähe von Bremen, wo

sie bis heute mit ihrem Ehemann Toni lebt.

1995 begann sie ihre Ausbildung zur

Krankenschwester, nachdem sie in verschiedenen

berulichen Sparten ihre Erfüllung

gesucht hatte. Heute ist die 56-Jährige freiberulich im sozial-medizinischen

Bereich tätig.

Ihre Hobbys sind Cabrio und Motorrad fahren, ihr Garten sowie

Einrichten und Dekorieren.

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Bitte, Papa,ich möchte mitdir sprechen

Erneutwar einige Zeit vergangen. Neuigkeiten bezüglich meiner

Abstammung gab es keine und meine Aussichten, bald

etwas vorGericht bewegen zu können, tendierten gegen null.

Ichwar immer noch enttäuscht darüber,dass ich gar nichts ausrichtenkonnte.MeineeinzigeChancelagdarin,dieZeitundeineeventuell

kommende Gesetzesänderungfür mich arbeitenzu lassen.

Immerhin stand der lang ersehnteUrlaub endlich vorder Tür

undich freute michschon sehrdarauf. Gemeinsam mitmeiner

Freundin Marlene undderen Freundin Silke hatteich für Juli 1996

eine Motorradtourgeplant. DasZiel warItalien und vondortaus

sollte es nach Tschechiengehen, wo eingroßes Motorradtrefen

stattindenwürde,das wir drei gern besuchenwollten. Marlenewar

fünfzehn Jahreälterals ich.WirhattenunsvorJahrenbeimMotorradfahrenkennengelerntundwarenFreundinnengeworden.Marlene

war einherzensguter Mensch, allerdings sehr direkt.Daich das

gelegentlich auch sein konnte, verstanden wir unsprima. Siehatte

kurzeblondeHaare,eineweiblicheFigurundeineinnehmendesLachen,

vondem siegern Gebrauchmachte. Da sie so gut wie immer

aufder Suchenach irgendetwas war –Ordnungzuhalten,gehörte

ebenso wenig zu ihrenTugendenwie Pünktlichkeit –, hatte ichihr

denSpitznamen ›Wuselmarlene‹ verpasst.

Fürmich war es gar nicht so einfach gewesen, den Urlaub zu

planen, denn es war klar,dass meine Jungs auf dieser Reise nicht

dabeiseinkonnten.ErstnachzähenVerhandlungenhattesichStefan

bereiterklärt,siefürdreiWochenzusichzunehmen.Erdrücktesich

nichtnurseitLangemumdiefälligenUnterhaltszahlungen,sondern

war schon überfordert, wenn die drei jedes zweite Wochenende bei

ihm seinsollten.

Nunwaresgeschaft.EsmusstennurnochdieletztenReisedetails

geklärtwerden, weswegenich öfter mit Marlene telefonierte.Auch

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dashemaVaterschaftkamdabeizurSprache.Marleneselbstfanddie

Storymerkwürdigbisunverständlich.

»Du«, sagtesie,»ichhabenachgedacht. Eigentlich könntenwir

beiBencevorbeifahren, das liegt doch quasi direkt aufdem Weg.

Undganzehrlich, einkleiner Schlenker an den Wörtherseewäre

doch was! Klar, da fahren wir hin, unddannwerden wir demmal

waserzählen!Derkanneinpacken!«,jubeltesieförmlichindenHörer.

»Sag mal«, empörte ich mich, »spinnst du? Ichfahredanicht

vorbei.Sollichnocheinmalabgewiesenwerden?Nein,meineLiebe,

das macheichnicht!«

»Beruhigedich,ichhabeesdochnurgutgemeint«,beschwichtigte

michMarlene.»Siehmal,duhastderartvielEnergiedareingesteckt,

umihnzuindenundseinenWohnortzuerfahren.Dawäreesdoch

nur logisch, wenn wir zusammen versuchen würden, ihn zu trefen.

Warummachstdujetzteinen Rückzieher?«

»Weil ich nicht noch einmal vor verschlossener Tür stehen

möchte«,fauchteichsiean.»DamalsinHagen,dashatmirwirklich

mehr als gereicht. Hermine hat mir eine Abfuhr erteilt, die ich so

schnellnicht wegsteckenkonnte!Hast dudas vielleicht vergessen?«

»Ach, diese blöde Kuhhat doch nichts zu melden. Diehatte

bestimmtnur Angst. Deshalbhat sie dichvomGrundstück gejagt.«

»Also gut, lass mir noch ein bisschen Zeit, ich überlege es mir«,

meinteichresigniert.IchwollteeinfachnurmeineRuhevordemleidigenhemahaben,undlangsamhatteichauchgenugvonMarlenes

Überzeugungsversuchen.Diesehattejedochnichtvor,michsoleicht

vomHakenzulassen.

»Ja, aberüberleg nicht zu lange. DieChance würde ichan deiner

Stelle wahrnehmen.«

Auch wenn ich froh war,als das Gespräch endlich beendet war,

Marlenes Wortehatten die beabsichtigte Wirkung nicht verfehlt. Je

länger sie in meinem Kopf arbeiteten, desto weniger absurdfand ich

ihren Vorschlag, einfach unangemeldet bei Bence vorbeizufahren.

Vielleicht hatte ich ja damals einfach Pech gehabt, und alles wäre

ganz anders gekommen, wenn statt seiner Frau Bence selbst dieTür

geöfnethätte?Ach,werwusstedasschon so genau.

Kommt Zeit,kommt Rat,redeteich mir gut zu und musste angesichts

dieses alten Sprichworts schmunzeln. Manchmal waren diese

Bauernweisheiten einfach Volltrefer.Wahrscheinlich hatten sie sich

genau deshalb Jahrhunderte lang in die Köpfe der Menschen eingebrannt.

***

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DiekommendenWochenwürdenmirgehören,mirganzallein.Keine

Verantwortung außer der für mich und mein Motorrad. Wasfür

ein wundervollesGefühl!

Pünktlich traf ich auf dem vereinbarten Parkplatz ein. VonMarlenewar

weit und breit nichts zu sehen, womit ich natürlich schon

gerechnet hatte. Aber Silke, eine alleinstehende, emanzipierte, etwas

maskulin wirkende, sehr sympathische Frau, kam einige Minuten

später um die Ecke gebraust. Eine gute Gelegenheit, dachte ich und

nutzte die Zeit, bis Marlene eintraf,umSilke meine Geschichte zu

erzählen. Siesollte erfahren, was sich bisher ereignet hatte, denn

letztendlich hatte ich mich doch dazu entschlossen, Bence einen Besuchabzustatten.

Nachdem Marlene mit der obligatorischen Verspätung eingetrofen

war,machten wir uns bei strahlendem Sonnenschein auf den

Weg. Einlustiges Gespann begleitete mich –zweiFrauen, die beide

etwafünfzehnJahreälterwarenalsich,derenHerzlichkeitundFröhlichkeitjedoch

immer wiederansteckend wirkte.

ZweiTage später hatten wir den Wörthersee erreicht; eingebettet

indieBergeglitzerteerimSonnenscheinundseineSchönheitraubte

uns fastdenAtem.

»MeineGüte,ist das schön«,entfuhr es Marlene.

Ichantwortete nicht. Ichhatte mich auf eine Bank gesetzt und

betrachtete den See. Dabei dachte ich an Bence und versuchte mir

krampfhaft vorzustellen,wieer wohl aussehenwürde.

Marlene und Silke nahmen die Landkarte und breiteten sie auf

dem Motorradsitz aus. Während ich weiter meinem Hirngespinst

nachging,suchtendiebeidendenCampingplatz,denwirunsvorher

für die Nacht ausgesucht hatten. Vondortaus war es nur noch ein

Katzensprungzu Bence.

NacheinigerZeitgesellteichmichzuihnenundwarfeinenBlick

auf dieKarte.

»Wir müssen da rüber und dann direkt am Seeentlang fahren.

DamüsstedannderCampingplatzliegen«,mischteichmicheinund

fuhr mir nervösmit den Händen durchs Haar.»Kommt, lasst uns

fahren,ichmuss aus meinenKlamotten raus.«

Ichbenutzte eine Ausrede, um meine Aufregung zu verbergen.

NurnocheinpaarKilometertrenntenmichdavon,endlichmitBence

sprechenund ihm meineFragenstellenzu können.

Als ich auf mein Motorrad stieg, fragte ich mich, ob ich Antworten

bekommen würde.

DerCampingplatz lag auf einer Seite direkt am Seeund auf der

anderen an der Straße, die auch zu Bence Horváths Haus führte.

Nachdem wir ihn erreicht hatten, schlugen wir schnell unsereZelte

auf.

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»Hast du dir schon Gedanken darüber gemacht, was ist, wenn er

nicht da ist oder wenn er nicht mit dir sprechen möchte und dich

abweist?«, fragte mich Marlene, während sie ihreLuftmatratzeaufblies.IhreDirektheiterwischtemicheiskalt,dochichwolltemirunter

keinenUmständen vormeinenFreundinnen eine Blößegeben.

»Nichts, was soll sein? Ichweiß es nicht. Darüber mache ich mir

jetzt keine Gedanken. Lass uns erst einmal hochfahren, dann sehen

wir weiter«, antwortete ichknapp.

DieHitzewarunerträglich,deshalbverzichteteichaufmeineLederhose.

Ichstreifte mir meine Jacke über und setzte mich auf die

Honda. Ichhatte keinerlei Alpenerfahrung, schafte es aber,mich

und mein Motorrad heil über die Serpentinen zu führen. Aufder

Fahrtmusste ich mich so konzentrieren, dass ich die Landschaft

kaum eines Blickes würdigen konnte. Voreiner Gastwirtschaft am

Endedeskleinen,malerischen,nichtmaltausendEinwohnerzählenden

Ortesmachtenwir Halt.

»Puuh, geschaft«, stöhnte ich, öfnete den Verschluss meines

Helms und streifte ihn ab.Ich gönnte mir eine kurze Pause. »Ich

muss mich erst einmal erholen; ich kann nicht mehr und ich kann

auchnicht mehrklardenken.Ichfahredanichthin!«

»Spinnst du? Na klarfährst du dahin. So viel Mühe für nichts

geht gar nicht. Setz dich erst einmal hierher.« Marlene zogmich am

Arm und drückte mich sanft auf die Bank, die neben dem Eingang

der Gaststätte stand.

Silke gab Marlene recht und setzte sich dazu. Eine Weile zogen

wir alle schweigend an den Zigaretten. Nachdem ich aufgeraucht

hatte, ging ich zielstrebig zur Gaststätte. Marlene und Silke folgten

mir.Vorsichtig öfnete ich die knarrende Tür. Mirkam ein moderiger

Geruch entgegen und am liebsten wäreich rückwärts wieder

aus dem Lokal verschwunden. Doch im selben Augenblick schaute

ein älterer Mann neugierig um die Ecke, der beinahe dem Alm-Öhi

aus der Schokoladenwerbung glich. Er fragte im Dialekt, was er für

uns tun könne. Dabei sah er mich und meine Freundinnen ziemlich

entgeistertan.

»Entschuldigung«, stammelte ich, »wir haben uns wohl etwas

verfahren.KönnenSieuns sagen, woBenceHorváth wohnt?«

DerMannmusterteuns,alsseienwirvoneinemanderenPlaneten.

Vermutlich waren wirihm nichtwirklichgeheuer,vor allemweil

wir ohne Herrenbegleitungauf dem eigenen Motorrad unterwegs

waren. Zumindest verknif er sich jedoch die Frage, waswir von

Bencewollten. Er drehte sich um undzeigte in exakt die Richtung,

ausderwirgekommenwaren.Wirsolltenwiederzurückfahrenund

in dernächsten Kurveinden kleinen Wegeinbiegen.Dortwohne

Bence.

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Freundlich bedankte ich mich, verließ den Gastraum und ging

auf meinMotorradzu.

»Warte!«Marlene grifnach meinenArm undzwangmich, innezuhalten.

»Lass uns doch noch einen Augenblick hierbleiben. Eine

kleine Pause täte uns allen gut.« Siesah mich an, schlang ihreArme

ummichundzogmichansich.Marlenewarnichtverborgengeblieben,dass

meineNerveninzwischen blank lagen.

»Gut, ich würde auch gern noch eine Zigarette rauchen. Aber

wenn ich aufgeraucht habe, fahreich runter und ihr wartet hier,bis

ich wieder da bin«, sagte ich, während ich mich aus Marlenes Arm

löste und nach meinem Zigarettenpäckchen und dem Feuerzeug

kramte.

»Meinst du nicht, dass wir mitkommen sollten?«, fragte Marlene

und blicktemir besorgtindieAugen.

»Nein. Es ist lieb gemeint, aber das möchte ich alleine hinter

mich bringen.«

IchdrücktemeineZigaretteausundsetztemirdenHelmaufden

Kopf.MarlenewarfmirunterdesseneinenBlickzu,dermichdeutlich

erkennen ließ, dass sie mir keine Sekunde lang die tafe, abgeklärte

Haltungabnahm,dieichindenletztenMinutenvorzutäuschenversucht

hatte. Meine mühsam aufrechterhaltene Beherrschung schien

sich mit einem Schlag in Luft aufzulösen. Rasch legte ich den ersten

Gangein, wandtemich vonMarlene abund fuhr los, währendSilke

und Marlene mir nachblickten und Marlene, so viel konnte ich im

Rückspiegelsehen, resigniertmitden Schulternzuckte.

Nach einigen hundertMeternhatte ich mein Ziel erreicht. Ich

drehte den Zündschlüssel um und stellte mein Motorrad vordem

großen Eisentor ab,das Bences Grundstück sicherte. Ichstreifte mir

meinen Helm vomschweißnassen Kopf und blickte mich verstohlen

um. Rechts neben demTorversperrten zwei große Garagen den

Blick. Dahinter konnte ich ein Gebäude erspähen, aber die vielen

geplegten Planzen im Garten verbauten mir die weitereSicht. Ein

kleiner Wanderwegführte rechts an seinem Grundstück vorbei, vermutlich

zum See. Mutig tastete ich mich ein Stück auf dem Weg

entlang, aber auch vonhier aus war nicht wirklich etwas vomRest

des Grundstücks zu erkennen. DieSicht wurde mir durch hochgewachseneBüscheundBäumegenommen.Langsamgingichzurück.

Mirwurdekalt,obwohlesglühendheißwar.DieErinnerungandie

schmerzhafte Begegnung mit Hermine Horváth in Hagen kroch in

mir empor.

Ichlegte meinen Zeigeinger auf den Klingelknopf,entschlosseneralsinHagen.Alsichdasfreundliche»Jabitte?«meinesvermeintlichen

Vaters vernahm, wäreich am liebsten davongelaufen. Eineiskalter

Schauer rieseltemeinen Rücken hinab.

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