UM ULM - Universitätsklinikum Regensburg

uniklinikum.regensburg.de

UM ULM - Universitätsklinikum Regensburg

AHRBUCH

ATIENTINNEN RENTIERTE


AstraZeneca

Thinking Ahead inCNS


PONtl

1 0 0 5

Jahrbuch für Patientinnen-Orientierte

Medizinerinnenausbildung


Ecce Homo

„Sind Sie Urin

oder Blut?"

Wollte die Stimme wissen

Im Pathologie-Labor

wo ich anrief

um Testresultate

„Ich bin

eine Mischung

aus beiden"

gab ich zur Antwort

und auch noch

verunreinigt

durch einiges mehr

Erich Fried

Sexualität

\

pomi

1 0 0 5

Jahrbuch für Patientlnnen-Orientierte

Medizinerinnenausbildung

Mabuse-Verlag

Frankfurt am Main


porm

l 0 P 5

Jahrbuch für Patientlnnen-Orientierte

Medizinerinnenausbildung

© 2005 Mabuse Verlag GmbH

Kasseler Straße 1a

D-60486 Frankfurt/Main

Tel. 069-70799613

Fax 069-70 41 52

www.mabuse-verlag.de

Herausgeber

Die Marburger Anamnesegruppen

Redaktion

Katharina Obst, Alina Werth

Zeichnungen

Petra Happacher

Layout

Stefanie Alter

Anschrift

POM 22

Katharina Obst

Barfüßer Str. 29

35037 Marburg

E-mail:

pom._marbu rg@yahoo.de

Weitere Informationen unter www.anamnesegruppen.de

Erscheinungsweise

Jährlich mit wechselnder Redaktion

Druck

Prisma Verlagsdruckerei, Frankfurt am Main

ISSN 1435-540X

ISBN 3-935964-66-8

Printed in Germany

Inhaltsverzeichnis

Zwischen Hoffen und Bangen

Kontinuität und Kreativität

Sexualität

8

10

IN ULM... 13

Kneipenbummel durch Ulm 13

Sexualität - Alltagsphänomen? 19

Sexual- und Partneranamnese 24

Das kann man doch nicht fragen! 32

Ein Fall von Nasenbluten und Psychosomatischer

Unterricht 34

...UM ULM... 65

Die außergewöhnliche Aachener

Anamnesegruppe 66

Lübeck lebt wieder! 68

Berliner Anamnesegruppen - ein

Situationsbericht 71

Das Anamneseteleskop 76

Erfahrungsbericht zur Anamnesegruppe 101

Gesungene Gruppendynamik 106

Städtebericht aus München 110


k


Es ist geschafft!!

Zwischen Hoffen und Bangen

Sexualität

In wenigen Tagen werden wir hoffentlich ein Paket

zur Post bringen können und damit die letzten Monate

voller Höhen und Tiefen hinter uns lassen.

Noch leicht bekleidet draußen sitzend, erschien uns die

POM noch wahrlich keine Last auf unseren gebräunten

Schultern zu sein.

Doch mit zunehmender Anzahl an Kleidungsstücken,

stieg auch die Last der Verantwortung, die wir uns so

leichtsinnig nach einer durchwachten Nacht in Dresden

aufgeladen hatten.

Trotz der winterlichen Kälte begannen wir zu

schwitzen:

Von Artikeln weit und breit keine Spur, von

Anzeigenpartnern verlassen und auch echte Freunde

und Helfer kristallisierten sich jetzt heraus. So ging

doch manch einer auf Tauchstation in der Südsee...

Aber auch zu uns kam der Frühling: Helfer sprossen

aus der Erde, Gelder begannen zu fließen und die

Stimmung heiterte sich merklich auf.

Jetzt freuen wir uns darauf „unsere" POM nun endlich

in den Händen halten und an Euch verteilen zu

können.

Auf ein sonniges Maitreffen

Alina & Katharina

Die Marburger POM-Redaktion


...man

Sexualität


Sexualität

Kontinuität und Kreativität

Ein Geleitwort von Dr. Matthias Bender

Die Anamnesegruppenarbeit bietet Zeit und Raum für

eine eigenverantwortlich gestaltete emotionale

Lernform in der studentischen peer-group aus der

reflektierten Begegnung und Beziehungsaufnahme mit

dem Patienten im Gespräch. Der Patient mit seiner

Krankheit wird als Person in seinem Gewordensein

wahrgenommen, die Bedeutung und Funktion des

Symptoms in dessen sozialer und seelischer

Organisation ergründet, die beim Interviewer und der

Gruppe ausgelösten Gefühle werden als diagnostisches

Instrument ernstgenommen - und dabei die

studentisch/ärztliche Rolle und damit die eigene

Sozialisation zum Thema gemacht.

Diese in der konkreten Ausgestaltung immer wieder

neu miteinander verschränkten Dimensionen - in der

Atmosphäre von studentischer Neugier und

Ernsthaftigkeit mit Spaß und Elan - machen diese

Selbsthilfebewegung für eine patientenorientierte

Ausbildung in der Humanmedizin aus.

Es ist ermutigend, verdient Respekt und Anerkennung,

dass engagierte Studierende in über zwanzig

deutschsprachigen Universitätsstädten sich außerhalb

des von immer mehr vorgeschriebenen

Pflichtveranstaltungen und Prüfungen

gekennzeichneten Kern-Curriculums als

Gruppenteilnehmer und Tutorinnen gerade diese Zeit

und diesen Raum nehmen und erarbeiten !

Die mit 20 gestellte, typisch spätadoleszente Frage

„20 Jahre Anamnesegruppen - Erwachsen genug zum

Reformantrieb?" (programmatischer Titel des

Maitreffens 1989; s.a. POM-Extra im Band Nr 8, 1990

aus Hannover) betrifft heute ein weiterhin aktuelles

10


Sexualität

Thema, ist aber eher so zu beantworten: Ja, jung

genug!

POM22 kommt - erfreulicherweise wieder als

handhabbares Druckerzeugnis (versus Internetseiten)

- aus Marburg.

Marburg ist ja Traditionsort für die Anamnesegruppen

so auch für ROM - und bis heute universitäre

Wirkstätte von Prof. Wolfram Schüffei dem „Vater" der

von ihm beforschten und dankenswert geförderten,

aber auch von ihm emanzipierten Anamnesegruppen.

Die erste POM entstand 1983 in Marburg und später

1988 die Nummer 6 (-mit Kondomen als „praxisnahe

Fortbildung" ausgestattet - damals noch Zeitschrift

genannt und wie üblich vorgelegt auf dem Monte

Verita zur Balintgruppentagung im schönen Ascona

unter der Leitung des charismatischen Boris Luban-

Plozza. POM22 setzt mit dem Schwerpunktthema

Sexualität eine Stärke der Bewegung fort Zugang zu

den Tabuthemen in der Anamnese zu schaffen (eine

Auseinandersetzung, die sich von Beginn dieses

Kommunikationsorgans an in vielfältiger thematischer

Ausrichtung und unterschiedlicher Gewichtung

eindrucksvoll auch in den vielen anderen POM-Bänden

nachlesen lässt.

Mit meiner Erfahrung des ehemaligem

Anamnesegrüpplers, studentischen Tutors im

Marburger Psychosomatikkurs (in dem zentrale

inhaltliche und strukturelle Elemente der

Anamnesegruppen in einen Pflichtkurs integriert

werden konnten), Organisators von Maitreffen und

früheren Pom-Redakteurs und aus der heutigen

Perspektive des Supervisors der Marburger Tutorlnnen

sehe ich die Traditionen und eine wertvolle Kontinuität

in der mittlerweile 35-jährigen Geschichte der

Anamnesegruppen,

aber keine midlife-Krise, sondern eine vitale, junge,

kritische, dynamische und ideenreiche Bewegung.


Sexualität

Dieses ROM 2005 ist ein sehr gelungener lebendiger

und kreativer Beleg hierfür!

Ich wünsche dem Jahrbuch eine interessierte

Leserschaft bei weiter Verbreitung

und den erfolgreichen Redakteurinnen gute Erholung.

Ihr Matthias Bender

12


IN ULM...


Sexualität

Für alle Maitreffen-Anamnesler, für alle Ulmer und für

alle, die Ulm in ihr Herz geschlossen haben - aus

welchen Gründen auch immer - und und und ...

... hier ein paar Tipps, wie und wo man gut und

günstig seine Zeit verbringen kann.

Damit ihr zu keiner Zeit orientierungslos durch Ulm

tappt, haben wir uns die Mühe gemacht jede Kneipe

intensivst zu testen, Nur für Euch natürlich! Bestimmt

ist für jeden etwas dabei. Viel Spaß! ©

Barfüßer( Lautenberg 1):

Was für echte Bierfans. Ob dunkel oder hell oder

gleich ein ganzes Fass. Eignet sich gut, um in

größeren Gruppen hinzugehen, sonst wirkt es etwas

ungemütlich. Besonderes Schmankerl: dienstags ist

immer Karaoke. Zu empfehlen ist ebenfalls der

Barfüßer- Biergarten in Neu-Ulm, direkt an der Donau.

© ©

Statthäusle (Münsterplatz 42):

Hinter dem Stadthaus, im ersten Stock versteckt. Man

kann sich hier nach einem Stadtbummel mit einer

Jumbotasse Milchcafe oder Schokolade verwöhnen

lassen, bei schönem Wetter auch die Terrasse nutzen.

Abends kann es passieren, dass man als

Studierende(r) den Altersdurchschnitt anhebt.

© © ©

Moritz (Platzgasse}:

Einfach nett zum Frühstücken, Abendessen oder den

Snack zwischendurch in gemütlicher Atmosphäre. Im

Sommer kann man fast „Straßencafe-Flair" genießen.

Nicht zu laut und angemessene Preise sind weitere

Vorzüge.

© © ©

Brettle (Rabengasse 10):

Jazzig. Durchgemischtes Publikum, freundliche

Bedienung. Nichts Außergewöhnliches, aber rundum

14


Sexualität

sehr nett zum Sitzen und Plaudern, so dass man kaum

wieder hoch kommt. Angenehme Musiklautstärke.

© © ©

Wilder Mann (Fischergasse 2):

Hier gibt es zu jeder Jahreszeit alles was das Herz

begehrt, sowohl von der Atmosphäre als auch von der

Auswahl an Speisen und Getränken. Im Sommer ist

der Biergarten besonders schön und an kälteren Tagen

kann man es sich in der unteren Etage in großen

Sitzkissen gemütlich machen.

© © © ©

Alexandre (Marktplatz 1):

Im Rathhaus unten drin. Große Platzauswahl. Es gibt

gutes, relativ preisgünstiges Essen und eine große

Auswahl an Getränken. Sehr gemischtes Publikum, ein

wenig hektisch und unpersönlich.

©

Trödler Abraham (Kronengasse 12a):

Ein Highlight! Die urige Einrichtung ist gespickt mit

Utensilien aus Großmutters Zeit: Puppenküchen oder

Persil-Werbung auf Blechtafeln. Große Bier- und

Getränkeauswahl, nette Bedienung und am

Wochenende ist richtig Stimmung - also nicht zu spät

kommen!

© © © © ©

Enchilada (Schelergasse 6):

Auch in Ulm hat sich diese Kette niedergelassen. Für

die, die es nicht kennen: Mexikanische Gerichte und

große Cocktail-Auswahl. Leider unfreundlich

Bedienung und ziemlich teuer, also unbedingt auf

Happy Hour achten (18 - 20 Uhr und ab 23.00 Uhr.©

Cafe Vienna (Herdbruckerstr.14):

Ein wenig schick, außergewöhnlich nette und

freundliche Bedienung. Im Sommer traumhafte

15


Sexualität

Terrasse an der Stadtmauer. Es gibt günstige

alkoholische und antialkoholische Cocktails.

© © ©

Tagblatt (Insel 1):

Gemütlich, kann man auch mit etwas mehr Leuten

aufsuchen. Üppige Karte, mit kleinen Snacks, größere

Gerichte sind allerdings nicht zu empfehlen, dafür aber

das Wochenendbrunch-Buffet (für ca. 9€ incl.

Getränken). Im Sommer kann man sich im lauschigen

Biergarten niederlassen. Auch zu Empfehlen:

„aufgepeppte" Milchcafes und Cappuccinos sowie

Essen-specials: z.B. 2 für l ab 23.00 Uhr.

© © ©

Salon Hansen (Industriestrasse 35):

Leider etwas außerhalb in Neu-Ulm, aber pfiffige

alternative Einrichtung mit gemütlichen Ecken.

Teilweise gibt es sehr außergewöhnliche Snacks. Lasst

euch überraschen...

© © ©

Neue Welt (Schülinstrasse 34):

Früher DIE Studentenkneipe in Ulm. Schöne, schlichte

Einrichtung und durch die super nette Bedienung

gewinnt es an Charme.

© © ©

Puffer Bar (Olgastrasse 144):

Einfach cool, plüschig und immer eine Erfahrung wert.

Hier gibt es günstige Getränke, ab und zu Live-Musik

und eine einzigartige Atmosphäre. Vor allem hat die

Bar am längsten in Ulm auf - also Vorsicht: Absolute

Absacker- und Versumpfungsgefahr!

© © © © ©

Olga Bar (Olgastrasse):

16


Sexualität

Das "In-Lokal" für Schickimicki Alternative. Leider

ziemlich teuer, aber durch die oft wechselnde

Einrichtung sehr interessant.

© ©

Murphys Law (Keltergasse 3):

Irish Pub mit allem was dazu gehört: Guinness,

Livemusik, Tanz, Stimmung und sometimes only

English speaking stuff. Tolle, urige Atmosphäre in

einem alten Kellergewölbe. Was soll man da noch groß

reden?!

© © © ©

Manhattan (Neutorstrasse):

Kleine Bar in der Nähe vom Theater, Das größte

Cocktail-Angebot, das uns je begegnet ist. Wer sich

nach dem Studium der Karte nicht entschließen kann,

kann immer noch„Irgendebbes" bestellen. Und in den

Cocktails ist auch wirklich was drin, die sind ihren

Preis wert! Außerdem gibt es Stammkundenkarten.

© © © ©

Stadt Heidenheim (Gaisenbergstr. 32):

Obwohl etwas Abseits, immer voll. Locker und

unkompliziert (darunter würde ich auch die manchmal

etwas schnoddrige Bedienung verbuchen), dann und

wann Livemusik. Günstig(das freut den Schwaben),

auch hinsichtlich kleiner Gerichte.

© ©

Ninja Reetz und Johanna Manske

17


18

Sexualität


Sexualität - Alltagsphänomen?

Sexualität

Es war vor einer Woche bei einem abendlichen Kakao

mit zwei Tutorkolleginnen, als wir auf das Thema

„Sexualität" zu sprechen kamen. An diesem Abend

realisierte ich zum ersten Mal, dass ich mir nie viele

Gedanken zu dem Thema gemacht hatte. Wir kamen

nicht drum herum, uns zu fragen, was „Sexualität"

alles bedeutet und ich war mir keineswegs im Klaren

darüber, dass der Begriff so weit reichend ist. Ein Blick

in den Duden lässt mich folgende Definition finden:

„Sexualität^ Geschlechtlichkeit; Gesamtheit, der im

Sexus begründeten Lebensäußerungen."

Spätestens seit „Sex & the city", das regelmäßig über

den Bildschirm flimmert, dürfte Sexualität doch kein

Tabuthema mehr sein?!

Aber ist es nicht lediglich ein Brechen eines verbalen

Tabus gewesen, indem man ein paar - doch als vulgär

geltende - Begriffe beim Namen nannte?

Hat es nicht einzig und allein dazu beigetragen, dass

Menschen, die generell viele sexuelle Details erzählen,

diese nun detailliert beschreiben?

Wenn man genauer hinsieht, entdeckt man, dass es

sich um viel mehr als den Geschlechtsakt handelt und

letztlich die erlebten Emotionen im Vordergrund

stehen.

Nachdem ich mich mit dem Begriff der Sexualität

befasste, hatte ich beschlossen, sie im Alltag

aufzusuchen und auf all' die kleinen Momente dieser

zu achten. Und ich wurde überrascht...

Angefangen hat es damit, dass ich diese Woche für

den neuen Studienplan (in Österreich) den Kurs für

„Ärztliche Gesprächsführung II" machte.

19


Sexualität

MONTAG: Unser erster Patient kam in Begleitung

seiner Frau zu uns. Als ich ihn und seine Frau zurück

aufs Zimmer begleitete, nahm sie ihren Mann an der

Hand. Mir schien es, als würde sie seine Hand sehr

fest halten, als hätte sie Angst, sie könnte ihn

verlieren?! (Der Mann litt an einem Colorectalem-CA).

Der Mann schien die Präsenz seiner Frau sichtlich zu

genießen, während ihm diese von zuhause berichtete.

DIENSTAG: Wintereinbruch in Innsbruck: Ich stand

noch müde vom Vortag an der Klinikkreuzung bei der

roten Ampel, die Schneeflocken flogen in mein

Gesicht. Ich überlegte mir gerade von welcher Station

ich für den heutigen Anamnesetag den Patienten holen

wollte, da sprach mich auf einmal ein Mann so um die

30 von seinem Fahrrad aus an: „Für die Fußgänger

wird es zuerst grün." Ich nickte und fragte mich, ob

ich „please, talk to me" auf der Stirn stehen hatte. Er

fuhr daraufhin fort: „Sind die Schneeflocken nicht

wunderschön?" Ich nickte wieder zustimmend und

meinte: „Ah, es ist grün!" Woraufhin er hinzufügte:

„So schön wie Sie!" Da unser einer ja lernt, wie er sich

gegen einen Angriff wehrt, nicht aber, wie er/sie mit

einem Kompliment umzugehen hat, war mein einziger

Gedanke „Schleimer!" anstatt das einfach als

Kompliment zu akzeptieren. (Und mich vielleicht

sogar daran zu erfreuen)

MITTWOCH: Mittlerweile hatte ich mich mit meinen

Grüpplingen eingelebt und hatte für den heutigen

Anamnesetag eine Patientin von der Gynäkologie

organisiert. Frau H. litt unter wochenlangen

Blutungen, deren Herkunft man nicht kannte. Da die

Patientin keinen Kinderwunsch mehr hatte, haben die

behandelnden Ärzte beschlossen eine Hysterektomie

vorzunehmen. Der einzige Wunsch der Patientin lag

darin, dass die Blutungen - und die dadurch bedingten

Kreislaufprobleme - ein Ende nahmen. Dem

20


*' '

/ *-

s tt.

Sexualität

I

Gesprächsführer (männlich) fiel es sichtlich schwer ein

Gespräch mit der Patientin zu diesem Thema zu

führen, zumal sie sich diesem gegenüber auch sehr

verschlossen verhielt. (Was sich auch sehr gut in ihrer

Körpersprache widerspiegelte) Auch war die Patientin

eine sehr wortkarge Person, die sich die gesamte

Information aus der Nase ziehen ließ. Der Student

fühlte sich mit der Patientin und dem Thema

Sexualität sichtlich überfordert und für das erste

Arzt/Patient Gespräch war das heikle Thema sicherlich

eine Herausforderung.

Sexualität als Kommunikationsbarriere?

DONNERSTAG: Das world wide web bietet ja eine

herrliche Kommunikationsplattform und mich ereilte

eine E-Mail von einer Freundin, die folgendermaßen

lautete: „Weißt du, wie mein Gruppenleiter aussieht? -

> Genau so!" (Eingefügt war ein Bild von George

Clooney, mit welchem sie die Attraktivität

unterstreichen wollte)

FREITAG: Den letzten Anamnesetag wollte ich auf der

Psychiatrie verbringen. Der leitende Stationsarzt

vermittelte mir Frau T, eine 60- jährige Dame, die

total antriebslos erschien und an Depressionen und

Hysterie litt. Die Patientin berichtete, von ihrem ersten

Mann direkt nach der Hochzeit vergewaltigt worden zu

sein und ihr zweiter Mann hatte sie betrogen, weil sie

mit diesem keinen Sex (mehr) haben wollte. Frau T

legte allen Frauen ans Herz, dass wir „es", wenn der

Mann Lust hat, über uns ergehen lassen sollten, denn

ansonsten geht er zu einer anderen. Anfängliche

Versuche der Frau zu erklären, dass wir „es"

vermutlich auch wollten, scheiterten, denn sie

unterstrich ihre Meinung nur heftiger und wurde

lauter, also nahmen wir ihren Appell an uns

irgendwann schweigsam hin.

21


Sexualität

Die Art und Weise und vor allem die Intensität mit der

sie versuchte uns von ihrer Meinung zu überzeugen,

brachte mich massiv zum Schmunzeln, und ich war in

dem Moment sehr dankbar, dass sie mit dem Rücken

zu mir saß und ich registrierte, dass alle in der Gruppe

grinsen mussten. Der Appell wirkte einfach lustig, aber

genau genommen hatte dieser einen sehr traurigen

Hintergrund, der wohl das Leben der Frau so weit

zerstörte, dass sie stationär in der Psychiatrie sein

musste. Sexualität kann auch so verletzend sein, dass

ein Leben dadurch ruiniert wird, denn als

Lebensqualität würde ich einen stationären Aufenthalt

in einer psychiatrischen Klinik nicht bezeichnen.

SAMSTAG: Ich fuhr zu Media Markt, da meine

Waschmaschine das Zeitliche gesegnet hat und ich

eine neue brauchte. Im Media Markt angekommen

suchte ich mir einen Herrn für die Beratung, zumal ich

mich generell informieren wollte, da ich absolut keine

Ahnung von Waschmaschinen hatte. Ein sehr netter

und zuvorkommender Verkäufer erklärte mir alles,

angefangen von den Billigmodellen über

Durchschnittsmodelle bis hin zu Miele-

Waschmaschinen... auch sprachen wir von

Waschtrockner, die erstaunlich viel Strom und Wasser

brauchen bis hin zu Topladern. Fast waren wir nach

zwanzig Minuten mit unserem Gespräch am Ende, als

ich ihn fragte: „Was halten Sie von den Babys, die

sind ja sehr teuer?" (Ich meinte die Eudora Bady-

Waschmaschinen) Er: „Babys will ich auch einmal

haben und mit der richtigen Frau ist das sicher sehr

schön!" und der Herr grinste über das ganze Gesicht.

Da ich so vertieft in meine Waschmaschine war,

überzuckerte ich das erst gar nicht. Flirtete er jetzt mit

mir? Ich meinte dazu nur: „Zuerst sind meine Sorgen

bei der Baby-Waschmaschine, dann in ein paar Jahren

vielleicht bei der Babyschmutzwäsche:"

Wir gingen noch zu den Baby- Eudora- Maschinen...

22


l

Sexualität

SONNTAG: Ich saß zuhause um mich von der Woche

zu erholen, als das Telefon klingelte. Eine Freundin

von mir war am anderen Ende und erzählte mir von

einem Mann, an dem sie Gefallen gefunden hätte, der

sich einmal schon und einmal wieder nicht für sie

interessierte und aus dem sie absolut nicht schlau zu

werden schien...

Was mir im Laufe meiner Woche auffiel, ist, wie

präsent das Thema „Sexualität" praktisch jeden Tag

ist und ich wunderte mich noch lange über mich

selbst, dass ich es in all' den Jahren nicht intensiver

wahrgenommen hatte!

Judith Weinknecht, Innsbruck

Entspannt

durchs Medizinstudium...l

23

Das kostenlose Portal

für Medizinstudenten

MEDI-

UEARN

35037 Maitwq

Id 064 21*8 16 69

Fai 06421061910

m(D®me*loam *

Medizinische Repetitotlen

4- bis 6wöchige Kurse für:

www. medi-learn.de


Sexual- und Partneranamnese

Sexualität

„Sexualanamnese" - ein Wort, das ich unlängst auf

einem vorgefertigten Status- und Anamneseblatt bei

meiner Famulatur auf der Chirurgie gelesen habe. -

Gleich nach dem Schlagwort „Venera" und vor der

Frage „Allergien". Krankenhausalltag, wie ihn viele von

uns kennen und der mit unserem künftigen Beruf eine

Menge zu tun hat.

Als Praktikant tendiert man bekanntlich dazu, sich an

der Arbeitsweise von Turnusärzten und AlPlern zu

orientieren und möglichst den Routineablauf auf

Stationen zu unterstützen: so versuchte auch ich

Famulatur zu erfragen, wie die Turnusärzte denn

diesen Punkt im Statusbogen angehen ... wie nicht

anders zu erwarten begann die Lücke am Statusbogen

schon bei „Venera" und erst beim Punkt „Allergien"

wurde wieder mit Rotstift weitergearbeitet.

Im folgenden Beitrag möchte ich der Frage

nachgehen, wie man Patientengerecht das Thema

Sexualität und Partnerschaft in der Allgemeinmedizin

behandeln kann. Ich möchte dabei auf Erfahrungen

aus Anamnesen und Pflegetätigkeit zurückgreifen und

die eigenen Ideen sowie Befürchtungen ansprechen,

die mit diesem Thema immer wieder auftauchen.

Beginnen möchte ich damit, einen kurzen Abschnitt

aus dem Leben von Erich L. zu schildern, den ich als

Bewohnern der Pflegestation in einem Altersheim im

Rahmen meines Zivildienstes kennen lernen durfte.

Sexualität - nicht nur ein Privileg junger

Menschen

Erich war als Halbseitengelähmter Bewohner in einem

der zwölf Dreibettzimmer zu Hause und lebte dort die

letzten fünf Jahre seines Lebens. Zwei davon

24


Sexualität

zusammen mit seiner Frau, Maria L., die drei Jahre

nach ihrem Mann ihren letzten kurzen Lebensabschnitt

in einem Frauenzimmer in eben demselben Heim

verbrachte. Erich und seine Frau waren Russen, die

nach dem Krieg hier in Österreich Fuß gefasst hatten

und soweit ich mich erinnern kann drei Kinder

großgezogen hatten. Eine Ehe die, wie heutzutage

nicht gerade regelmäßig anzutreffen, bis ins hohe

Alter diese beiden Menschen verband - mit all ihren

Sonnen- und Schattenseiten, mit all ihren Höhen und

Tiefen. Nicht selten wurden die Mitbewohner und

Pflegekräfte Zeugen von sehr derben Streits, in denen

die beiden mitunter sogar handgreiflich so manche

Meinungsverschiedenheit austrugen. Beide waren eher

als cholerische Persönlichkeiten bekannt und es gab

angenehmeres, als den Zorn von Erich (der durchaus

auch manchmal berechtigt war) über sich ergehen

lassen zu müssen, denn dieser Mann lebte, so wie der

Grossteil der Bewohner dieser Pflegestation, seine

Emotionen sehr wohl aus und ließ sich so gut es ging

nicht in den Käfig des Altenheims stecken, als welcher

es oft empfunden wird 1 . Und genauso wenig wie seine

Emotionen ließ dieses Paar auch seine Sexualität nicht

mit der Aufnahme ins Altenheim sterben.

Erich wollte sehr oft schon kurz nach dem Abendessen

(das übrigens in Altenheimen meist schon um 16:30

kommt) ins Bett gebracht werden und teilte sein

Diese Vorstellung ist übrigens meiner Meinung nach nicht von der

Hand /u Weisen. Im Be/ug auf die Möglichkeiten seine eigenen

Vorstellungen vom Leben um/uset/en schränkt das Altersheim nur

all/u oft die Bewohner ein. Der Alt gewordene Körper allcinc macht

schon viele Dinge schwer oder unmöglich. Wenn es dann dazu

kommt, dass die Leute ihre verbliebenen Fähigkeiten {aber auch

Gewohnheiten) nicht mehr ausleben können, weil das Altcnheim

entsprechend schlecht konzipiert ist, dann ist für mich gut

nachvoll/ichbar, dass es mitunter auch als Gefängnis empfunden

wird.

25


.M/^

Sexualität

Zimmer mit einem Altsheimerkranken und einem

Blinden. - Seine Frau und er sahen insgesamt jeden

falls kein Hindernis, sich miteinander ins Bett zu legen.

Für sie war Zärtlichkeit nach wie vor ein wichtiger Teil

ihrer Beziehung! Was die beiden dann tatsächlich

unter der Bettdecke getan haben, das sei deren

Privatsache.

Nein es ist nicht unmöglich, dass alte Menschen (sogar

im Altersheim) noch miteinander im Bett landen! Und

dass ein gealterter Körper eine Windel oder eine

Zahnprothese eine körperliche Beziehung undenkbar

machen, das mag vielleicht in der Vorstellung junger

Menschen so verankert sein, doch viele alte Menschen

haben es im Laufe der Jahre gelernt sich an die

Veränderungen des Körpers anzupassen und leben auf

ihre Weise genauso ihre Sexualität 2 . Erich und seine

Frau sind ein Beispiel dafür. 3

Penetration ist meiner Meinung nach übrigens nicht

Voraussetzung dafür um von Sexualität sprechen zu

dürfen. Viel eher zeichnet es den Menschen ja gerade

aus, dass seine Sexualität über die reine

Triebhaftigkeit hinausgeht und ein wesentlicher Teil

seiner Gesamtpersönlichkeit ist. Im Unterschied zum

" in dem Buch: „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht

einparken können" von Barbara und Allan Pease wird übrigens auf

eine amerikanische Studie verwiesen, der /ufoige Pärchen /wischen

60 und 70 Jahren immer noch über 50 Mal pro Jahr miteinander Sex

haben!

Die Studie "Multinational Survcy of Aging Male" (MSAM)

untersuchte die I läufigkeit des Geschlechtsverkehrs von Männern

zwischen 50 und SO Jahren in 7 europäischen Ländern. Die

Ergebnisse lagen ziemlich konstant bei 70 Mal Geschlechtsverkehr

pro Jahr.

' Wer mehr /um Thema „Sexualität im Alter" lesen will, dem

empfehle ich folgende Arbeit einer Krankenschwester:

hiip://\vvvw.(Kgk\\atM-2/artik/sa()4-bleiberger.pdl'

für Statistik interessierte:

hllp://\vwvv.gyii.(jc/süx/scx_statisli.k.php3?lng=

26


Sexualität

Tier ist die menschliche Sexualität kontrollierbar und

nicht nur auf Fortpflanzung ausgerichtet sondern geht

z.B. in Form der Erotik über die reine

Bedürfnisbefriedigung hinaus.

Die Bedeutung der Sexual- und

Partneranamnese in der Medizin

Dass die Liebe und dazugehörend auch die Sexualität

in unserer Psyche eine ganz entscheidende Rolle

spielt, das kennen die meisten von sich selbst. Eine

besondere Bedeutung kommt ihr aber auch in der

Medizin zu:

• Laut einer Österreichischen Studie liegt das

durchschnittliche Alter des ersten

Geschlechtsverkehrs bei etwa 15 Jahren. Nur 2/3

davon verhüten.

• Vermehrte Partnerwechsel ziehen ein erhöhtes

Risiko für Geschlechtskrankheiten (Venera) nach

sich. - Hepatitis B wird klassischer Weise über

sexuellen Kontakt übertragen. Etwa jeder

zweihundertste Tiroler zwischen zwanzig und

vierzig Jahren ist HIV positiv.

• Viele Frauen nehmen die Pille ein, was

zusammen mit dem Zigarettenrauchen und der

doch sehr häufig vorkommenden (bei etwa 3%

der Bevölkerung 4 ) Faktor V Leiden Mutation das

Thromboserisiko der Frau auf das dreißigfache

erhöht.

• Impotenz ist keine Seltenheit. - Wer kennt die

Differentialdiagnosen davon?

• Sildenafil (Viagra ®) ist eines der meist

verschriebenen Medikamente von

niedergelassenen Urologen und hat besonders

4 Harrisons's CD-ROM 15

27


Sexualität

bei Herzkranken gefährliche unerwünschte

Nebenwirkungen.

In den Wechseljahren kommt der sexuellen

Frustration eine besondere Bedeutung zu.

Jährlich legen sich unzählige Frauen und Männer

unters Messer um den Körper da und dort vom

plastischen Chirurgen ein wenig verschönern zu

lassen.

Obige Punkte berücksichtigen aber nur die eine Seite

der Medaille! Denn mit medizinischen Handlungen

greift auch der Arzt indirekt in das Sexualleben der

Patientinnen ein. Auch dazu einige Beispiele:

• Betablocker sind bekannt dafür, dass sie zu

Erektionsstörungen bei Männern führen

können. Womöglich ist dies mit ein Grund für

die schlechte Compliance bei solchen

Antihypertensivern. (Ebenso: Antidepressiva,

Diuretika, andere Herzmedikamente)

• Operationsnarben können teils subjektiv, teils

objektiv für Patientinnen sehr entstellend sein.

Solch unvorteilhafte Körperstellen werden nicht

selten zum seelischen Problem für den oder die

„Behandelte(n)".

• Vitamin A - Präparate (Rohacutan ®) zur

Behandlung der Akne und andere Medikamente

machen schwere teratogene Schäden und

sollten nur mit geeigneter Verhütung eingesetzt

werden.

• Ablationes Mammae und Hysterektomien

nehmen einer Frau Teile des Körpers, die sie

als Frau auszeichnen.

• Lange Behandlungen stellen auch Beziehungen

auf eine Probe. Insbesondere dann, wenn

bleibende Einschränkungen für die Patientinnen

zu erwarten sind.

28


Sexualität

Es gibt genug Gründe, warum die Sexualität und

Partnerschaft der Patientinnen für den Arzt wichtig

sind. - Doch mit dieser Feststellung alleine ist noch

nicht die Frage geklärt, WIE man die Patientinnen

nach dem Sexualleben fragen könnte und WAS man

danach mit der bekommenen Information anfangen

sollte.

Eigene Ängste überwinden

Dass Sexual- und Partneranamnese nicht gerade zur

Einleitung geeignet sind, bedarf keiner weiteren

Erklärung. Sie sollten in einen entsprechenden Kontext

eingebunden sein und nicht einfach so „nackt" im

Raum ohne scheinbare Bedeutung oder Konsequenz

stehen. Bei entsprechendem Vertrauensgewinn und

ein wenig Feingefühl, wird sich in einer ausführlichen

Anamnese aber durchaus ein Zeitpunkt finden, wo

auch besonders intime Inhalte angesprochen werden

können.

Oft ist es unsere eigene Angst, die uns daran hindert

die Frage nach Sexualleben und Partnerschaft zu

stellen. Doch diese Angst dass der oder die Patientin

z.B. argwöhnisch reagieren könnte ist wohl nur zum

Teil berechtig. Menschen die sich ihrem Arzt

anvertrauen und ob sie wollen oder nicht mit ihrem

Leiden vom Arzt und dessen Fähigkeiten abhängig

sind, wollen doch gerade in der Gesamtheit ihres Seins

wahrgenommen werden und alle für sie wichtigen

Dinge miteinbezogen wissen. Dies gibt dem Arzt

außerdem die Chance den Patientinnen zu verstehen

zu geben, dass er versucht seine Entscheidungen

unter Berücksichtigung aller Lebensumstände zu

treffen.

29


Wissen, warum man fragt

Sexualität

Doch selbst, wenn man sich dazu durchgerungen hat

nach Sexualleben und Partnerschaft zu fragen und sich

angemessen ausgedrückt hat, bleibt meines Erachtens

immer noch die Aufgabe, dem oder der Patientin auch

klar zu machen, warum ein solches Fragen auch für

den Arzt von Interesse ist, so nicht von Seiten der

Patientin selbst der Wunsch besteht einfach darüber

zu reden (was wieder zu einem ganz anderen Kapitel

gehört). Man sollte doch generell bei seinen Fragen im

Idealfall auch wissen, warum man sie stellt. Ganz

besonders dann sollte dies so sein, wenn es um

Intimes geht. Eine ähnliche Situation besteht auch bei

der Körperlichen Untersuchung: es sieht zwar gut aus,

wenn man das Stethoskop auf das Herz legt, mach

aber nur dann auch Sinn, wenn man weiß, was man

dabei an Herzgeräuschen hören könnte! - Die Fragen

sollten also von Hintergrundwissen geleitet sein -

ebenso die Untersuchungen. Die Patientinnen

gewinnen durch kompetentes Fragen und Handeln

außerdem Vertrauen und auch dem Arzt verleiht es

eine gewisse Sicherheit, wenn er gezielt fragt und

handelt.

30


, / *•

\

"*•

Übung macht den Meister

Sexualität

Es ist schwierig so theoretisch über Sexualanamnese

zu schreiben. Nach einer gewissen Anzahl von

Anamnesen werden gewisse Dinge selbstverständlich

und damit auch leichter. Wichtig finde ich, dass man

an seinem eigenem Schamgefühl oder Angst arbeitet

und nicht deshalb auf eine Sexualanamnese

verzichtet.

Anamnesegruppen stellen einen idealen Rahmen dafür

da, sich auch in der Sexualanamnese zu üben und aus

Eigen- und Fremdbeobachtung dazu zu lernen. So zu

fragen, wie man selbst gefragt werden möchte, könnte

dabei ein guter Beginn sein.

Markus Glaeser, Innsbruck

Csac4145@uibk.ac.at

31


)-> Sexualität

Das kann man doch nicht fragen!

Betretenes Schweigen im Raum. Die Patientin sitzt

noch da, obwohl ihr Stuhl längst weggestellt ist, sie

zurück auf Station, und wir uns seit einer halben

Stunde im Nachgespräch befinden. Das kann man

doch nicht fragen. Auch der ganze Rest der

Gesellschaft hat sich mit meinem Ausruf in den Raum

gezwängt. Man. Noch mal ohne geborgte Autorität:

Das kann ich doch nicht fragen! Jetzt steht der Satz

viel weniger unverrückbar im Raum. Die Patientin hat

sich zurück gelehnt, und der Rest der Gesellschaft ist

durch das gekippte Fenster hinausgeweht. Das kann

ich doch nicht fragen. Kann ich das nicht fragen?

Vom Beginn deiner Kindheit wirst zu erzogen, dich

nicht in die Belange anderer einzumischen. Was ist

denn das für ein komischer Mann da? Schhhh, Kind,

man zeigt nicht mit dem nackten Finger auf

angezogene Leute! Du lernst, dass Fragen wie Wie

geht es dir oft nur als Floskeln gemeint sind, richtig

wissen will es der Andere doch nicht. Wenn es um

Fremde geht, lernst du zurückzuweichen. Du sollst

dich nicht der Gefahr aussetzen, von einem Strudel

fremden Leidens erfasst zu werden. Du lebst in einer

Blase, zu der nur deine engen Verwandten und

Freunde Zutritt haben. Für alle anderen ist die Blase

ein stahlbewehrter Panzer, geschützt durch Schichten

von Normen, Floskeln und höflich-abweisenden

Verhaltensmustern. Jetzt sitzt du in der

Anamnesegruppe, dir gegenüber ein Patient, und du

willst dich einlassen auf ihn, ihn verstehen. Aber deine

Gewohnheit hält dich zurück, du hast Angst, ihm zu

nahe zu kommen. Das Gespräch bleibt an der

Oberfläche.

32


Sexualität

Im Nachgespräch merkt ihr, dass etwas fehlt. Ihr wisst

kaum etwas über die Patientin, was nicht auch in der

Krankenakte steht. Dabei hat die Patientin ein ganzes

schweres Bündel mit sich hinein geschleppt, es aber in

der Ecke abgestellt, und keiner von euch hat sich

getraut hinzuschauen. Die Blicke und Gedanken

huschten schnell an der Ecke vorbei, und jetzt, wo ihr

gucken wollt und fragen, ist das Bündel weg. Wieso

hast du nicht gefragt?

Ich hätte fragen können. Wieso habe ich nicht gefragt?

Torsten Nahm, Bonn

EIN KLUGER ARZT -RUNZELT STETS XXE STIRN .

GEHT XSER TAU. -LU^EL AUS^HAT ER "DAMIT AUF DIE

" EK GUT AUS,

KUNST

X

33


Sexualität

Ein Fall von Nasenbluten und Psychosomatischer

Unterricht

Wolfram Schüffei, Klinik und Poliklinik für

Psychosomatik,

Zentrum für Innere Medizin der Philipps-Universität

Marburg,

Baidingerstraße, 35033 Marburg,Telefon

06421/2864012, Telefax: 06421/2866724 Email:

schueffe@med.uni-marburg.de

Ausgangspunkt: Sich wundern können

Zum Ende des Psychosomatischen Praktikums im

Wintersemester 2004/2005 sagte ein Mitglied der

Praktikumsgruppe: „Wenn diese vier Patienten (des

Praktikums) zufällig abgegriffene Patienten waren,

dann merke ich, was es (an diesem 1200-Betten-Klinik

der Philipps-Universität) für lange Krankengeschichten

gibt." - Er setzte sinngemäß hinzu: „Ich staune, und

ich wundere mich über den Inhalt des Psychosomatik-

Praktikums. Das also ist Psychosomatik ?"

Der achtsemestrige Student hatte sein Wundern nicht

nur ohne Widerspruch, sondern unter Zustimmung der

elf anderen Mitstudentinnen geäußert. Die

Gesamtgruppe der 12 Studentinnen des vierten

Studienjahres bestand aus vier Kleingruppen zu je drei

Mitgliedern. In jeder der Kleingruppen waren die

Studenten auf einen der „zufällig abgegriffenen"

Patienten (vgl. Diskussion) getroffen und hatten

diesen in einem Zweitgespräch wieder getroffen. In

der als Supervision bezeichneten Sitzung der

Gesamtgruppe, also der vier Kleingruppen insgesamt,

34


Sexualität

T

hatten sie über ihre Erfahrungen berichtet (vgl.

Diskussionen, Abschnitt Supervision).

Geleitet wurden die Gruppendiskussionen von einer

studentischen Tutorin. Zur Supervision kam ich als

eine Art graduierter Tutor bzw. Supervisor hinzu.

Beide Personen, studentische Tutorin wie ärztlicher

Tutor sind also gleichrangig, sie unterscheiden sich in

ihren Funktionen. - Vier Wochen zuvor hatte sich eine

andere Praktikumsgruppe desselben Jahrganges mit

mir über eine 58jährige mit M. Osler und exzessivem

Nasenbluten gewundert. Diese Patientin war seit 1986

vierzigmal (40 mal!) wegen Nasenblutens in

verschiedenen HNO-Kliniken eingewiesen worden.

Insgesamt hatte es sich immer wieder um

notfallähnliche Zustände gehandelt. Die Blutungsherde

waren vor der Laserzeit mit Fibrinunterspritzungen,

Anfang der 90er Jahre beginnend mit Laserstrahlen

behandelt worden. Diese Behandlungen waren äußerst

schmerzhaft, insbesondere diejenigen mit

Fibrinunterspritzung. Die Patientin sagte, sie habe sich

streckenweise so gefühlt, als werde ihr „das Fell über

den Ohren abgezogen." Nach einem erneuten Eingriff

war sie zwei Tage zuvor verzweifelt, am Ende ihrer

Kräfte stehend, zur stationären Behandlung in die

Psychosomatik eingeliefert worden.

Im Unterricht der Psychosomatik spielte sich nun eine

Art klinisches Naturexperiment ab. In einer

Seminarveranstaltung desselben Praktikums war Frau

0. mit mir gekommen und hatte ihre Anamnese

berichtet. Nachdem sie ihre Fallgeschichte nicht nur

erzählt, sondern ausführlich mit uns diskutiert hatte,

war Frau 0. von den Studenten freundlich

verabschiedet und auf die Station der Inneren Medizin

bzw. der Psychosomatik, die Teil des Zentrums für

Innere Medizin in Marburg ist, entlassen worden.

35


Sexualität

Im Seminarraum herrschte Schweigen. Scheinbare

Unverbindlichkeiten wurden ausgetauscht. Schließlich

meinte eine der 24 anwesenden Studentinnen, ob

Frau O. das Bluten nicht selbst erzeuge? - Vier

Wochen später und am Ende ihrer stationärpsychosomatischen

Behandlung stehend ging Frau O.

in die gleiche Unterrichtsveranstaltung. Sie traf auf

eine neue Gruppierung von 24 Studentinnen. Dozentin

und graduierte Tutorin war diesmal die Oberärztin der

Klinik. Die Studenten hatten zu diesem Zeitpunkt den

ersten Patienten des Praktikums (vgl. Abschnitt 3.0,

Herrn S.) getroffen und dessen Fallgeschichte in der

Supervision bearbeitet. Sie hörten nun, dass ihre

damals vermutenden Kommilitoninnen Recht gehabt

hatten: Die jetzt von der Oberärztin vorgestellte

Patientin hatte sich im Verlaufe ihrer Behandlung dazu

bekannt, die nahezu unerträglichen Belastungen des

Nasenblutens selbst verursacht zu haben. Studenten

hatten also zu Beginn einer psychosomatischen

Behandlung Ereignisse im Leben eines Patienten

angesprochen, die ihre Behandler noch nicht

angesprochen hatten.

Auch im Verlaufe des jetzigen Praktikums würden

Studenten unter studentischer (Tutorinnen-)Anleitung

Dinge ansprechen, die bis dahin trotz intensiver

medizinischer Eingriffe noch nicht besprochen worden

waren. Die Frage, die sich nachträglich, d. h. nach

Abschluss des Praktikums mir stellte, war: Wie wurde

es möglich, dass tiefe und unvermutete Einsichten

formuliert wurden und welche Schlüsse waren hieraus

für den studentischen Unterricht unter Einsatz

studentischer Tutoren ziehbar?

36


Sexualität

l

1.0 Das Problem: Der Student soll sich nicht

wundern, sondern er soll wissen - und

empfindet nichts

Mitglieder von Anamnesegruppen kennen die

Erfahrungen, dass es nicht nur „lange

Krankengeschichten" gibt. Sie unterziehen sich

darüber hinaus während mindestens zweier Semester

der regelmäßigen Erfahrungen, sich wundern zu

dürfen.

Noch weiter: Sie unterziehen sich der Erfahrung, dass

sie das Wundern auch kritisch hinterfragen können.

Das geschieht unter der engen und oft originellen

Mitwirkung von Peers. Peers sind im Angelsächsischen

die Gleichgestellten, die Gleichrangigen, mit denen

man sich austauscht, kooperiert aber auch streitet.

Hierdurch entstehen neue Einsichten. Erst hiernach

wird es möglich, mitgebrachtes medizinisches Wissen

patientenzentriert einzusetzen. Mitglieder von

Anamnesegruppen ziehen also Grunderfahrungen aus

ihrer Gruppentätigkeit heran, z. B. ein Bewusstsein für

Grenzziehung (Maitreffen Dresden 2004), für

Problematik der Sexualität (Maitreffen Ulm 2005). Sie

merken, wie sie im Zusammenwirken von Klinikern

und Vorklinikern ihr Wissen zusammentragen und so

ein Bild vom Patienten erstellen. Sie machen die

Erfahrung, dass sie als Einzelne viel weniger, als

Mitglieder einer Gesamtheit, eines Kollektivs, eines

Teams oder einer Gruppe mehr und anderes wissen.

Im regulären medizinischen Unterricht darf man sich

weder wundern noch auf ein Gruppenwissen

zurückgreifen. Wundern darf man sich deshalb nicht,

weil medizinisches Wissen üblicherweise Fakten und

nicht Prozesse zu erklären sucht und im Falle

versagender Erklärung einfach weiter diagnostiziert

werden soll. Im unklaren Falle ist damit die

37


Sexualität

vorherrschende Erwartung, zusätzliches zu

untersuchen statt zuzuwarten. Hierzu ist zu sagen:

Nur in wenigen, d. h. in der Regel lebensbedrohlichen

Situationen sind wir als Ärzte verpflichtet, möglichst

schnell und dann ggf. aufwendig zu untersuchen.

Ansonsten könnten wir die Entwicklung der Krankheit

oder derjenigen Ressourcen abwarten, die zu

Gesundheit führen. Man wird sich also auf das

„alltägliche Wunder" einstellen. Im Unterricht kann es

mit Hilfe eines studentischen Tutors herbeigeführt

werden.

Ich will zeigen, wie es möglich wird, ein

zugrundeliegendes Einlassen auch im üblichen

Unterricht eines medizinischen Curriculums zu üben.

Ergebnis ist der oben zitierte Ausspruch des

achtsemestrigen Studenten: „Psychosomatik ist

überall dort, wo es eine lange Krankengeschichte

gibt." Ergänzend ist hinzuzufügen: „Psychosomatik ist

überall dort, wo die Krankengeschichte als aus der

Lebensgeschichte erwachsend gesehen und in

Richtung Gesundheit führend betrachtet wird."

Ein solcher Perspektivenwechsel wird durch das Einlassen

ermöglicht. Ist dieses Einlassen einmal

hergestellt, dann erlaubt sich der einlassende Student,

dem Patienten wirklich zuzuhören, sich selbst

zuzuhören und seinen Mitstudenten zuzuhören.

Wirkliches Zuhören ist aber sinnliches Empfinden. Die

anderen vier Sinne des Sehens, des Tastens, des

Schmeckens und des Riechens und schließlich ein

transmodaler Sinn werden angesprochen. Es kann bis

zu extrasensorischen Wahrnehmungen gehen wie bei

Herrn K.E.S. in seiner mehr halluzinatorischen Form

(SCHÜFFEL, 2004), oder bei einer „Kloßpatientin" in

der extrasensorischen Weise des „sechsten Sinnes"

(vgl. Anmerkung...). Damit ist die Überschrift dieses

Abschnittes außer Kraft gesetzt: „Nicht wundern,

38


Sexualität

sondern wissen soll man - und empfindet nichts." Es

heißt statt dessen: „Ich wundere mich bewusst über

soviel Wahr-genommenes, weiss es in Abstimmung

mit mir und meinen Mitstudenten zu ordnen und

empfinde mein Vorgehen (als Student oder Arzt) als

stimmig.

2.0 Stimmung und Situation; Einstellung und

Umgang

Die Stimmung

Der Titel des zweiten Abschnittes könnte auch

formuliert werden: Die Stimme finden und Position

beziehen; hierbei sich wundern und fragen dürfen, wie

drücke ich mich aus und stelle mich bereit und führe

einen Nächsten Schritt herbei?

Stimmung und stimmig sind abgeleitet von dem Wort

Stimme. Ich äußere mich mit meiner Stimme, ich

habe eine Stimme und meine Äußerung ist stimmig

und gewinnt hierdurch Gewicht, in mir wie beim

anderen. Ich stimme mich mit dem anderen ab und

schließlich werden Musikinstrumente gestimmt. - Wir

leben ständig in einer Welt, in der wir uns und unsere

Stimmung überprüfen, ob wir übereinstimmen,

abstimmen, nicht zustimmen, in ein Stimmungshoch,

in ein Stimmungstief kommen. Im Extrem geht das

Stimmungshoch in vermehrte Aktivität, in Aggression

und Angst über; das Stimmungstief kann über

Passivität, Rückzug zu Depression führen. Beide

Zustände mögen schließlich in totaler Erschöpfung und

Aufgabe, schließlich den Tod einmünden. - Doch sind

das die Extreme. Was wir im Alltag stimmungsmäßig

spüren, das sind Empfindungen, in denen wir uns

zuwenden, abwenden, oder sie in gleichmäßiger

Distanz halten. In der Stimmung gehe ich

Empfindungen nach.

39


Die Situation

Sexualität

Immer ist es eine umschriebene Situation, in der ich

empfinde. Ich empfinde eine bestimmte Situation.

Situation ist gleichbedeutend mit Lage, Stellung und

mit räumlicher Ausbreitung. Der Arzt kennt den Situs

in der Anatomie, in der Chirurgie, den Situs inversus

etc.. In diesem Sinne gibt es keine Situation ohne

Körperliches. Die Situation ist immer durch

Zwischenkörperlichkeit, durch Interkorporalität

gekennzeichnet. Wäre ich in der Sahara oder am

Nordpol oder im All, immer spürte ich etwas, das ich

auf frühere Sinneseindrücke im Umgang mit anderen

bezöge. Das geht soweit, dass ich weder in der Sahara

noch am Nordpol oder im All ausschließlich den

anderen, also bipersonal oder dyadisch empfände. Ich

würde auch dort einen dritten wahrnehmen, also

triadisch empfinden. Beziehe ich mich auf die

Situation, bin ich also daran interessiert, meine

Beziehungen zum anderen, dann zum Dritten und

schließlich die Beziehung zum dritten als getrennt von

mir zu verfolgen. Die Situation lässt mich mein

Einbezogensein empfinden und wissen und Position

beziehen.

Einstellung

Es ist eine gemeinsam mit anderen erfolgende

Stellung, die ich innerlich einnehme. Resultierende

Einstellungen ermöglichen Aussagen dazu zu treffen,

wie ich mich gegenüber bestimmten Personen und

Empfindungen verhalte. Werden sie problematisch

oder gar konflikthaft aufgeladen, so ermöglichen

Einstellungen eine Aussage dazu, wie ich mich in einer

bestimmten Situation gerade so verhalte, wie ich es

tue. Ich frage, wieso und unterlasse möglichst

weitgehend, das Warum als Frage zu stellen.

40


Sexualität

Einstellungen sind eng mit Werten verknüpft. Ich

erwerbe sie frühzeitig in meiner primären

Sozialisation, d. h. wenn ich in meine Familie und in

die Gruppe der ganz jungen Peers einschließlich die

der Geschwister, der Krippen- und Kindergartenkinder

hineinwachse. Einstellungen erwachsen aus den

frühesten Empfindungen des Kinderwagens (Abschnitt

3.0 Pat. E., und aus unserem Einbezogensein ins

Elternhaus, in die Kinderkrippe und in den

Kindergarten.

Umgang

Umgang heißt, ich habe eine (wiederum) bestimmte,

mir eigene Weise, mit dem anderen zu gehen, mit ihm

zugleich um ein Problem oder einen Konflikt herum zu

gehen, es zu besichtigen. Mein Gehen drückt sich in

habituiertem, also erworbenen und im beschreibbaren

und in einer für mich kennzeichnenden Weise meines

interkorporal empfindbaren Ganges aus. - Immer ist

Umgang ein Umgang miteinander. Der andere und ich

gehen miteinander um. Wir haben uns aufeinander

eingestellt, und wir stellen uns immer wieder neu im

Umgang miteinander auf den anderen ein. - Umgang

miteinander ist der gemeinsame Gang von mir und

dem anderen, um einer dritten Person oder einem

Dritten zu begegnen, sich auf ihn zu beziehen. Hier

fließt meine persönliche Geschichte und die meiner

Umwelt ein.

Umgang ist ein Begriff, der eng mit der

Anthropologischen Medizin verbunden ist, die sich

schwerpunktmäßig in Heidelberg über Generationen

entwickelt hat. Ich werde hierauf in der Diskussion

zurückkommen. Umgang umfasst auch das englische

Wort Approach, wie er im Angelsächsischen etwa im

Sinne des Begriffes „Clinical Approach" verwendet

wird, Er geht aber weit über dessen Inhalt hinaus,

indem er das Einlassen auf den anderen und den

41


Sexualität

Dritten in deren Gleichrangigkeit betont. Im

Angelsächsischen tritt stärker die Beqwegung des

Betreibers in Richtung des Betriebenen, also des

Piloten Richtung Flughafen, des Steuermannes

Richtung Hafen etc. in den Mittelpunkt.

Stimmung, Situation, Einstellung und Umgang stellen

ein Bedingungsgefüge dar. Ich werde zunächst zeigen,

wie sich dieses Bedingungsgefüge prozessartig und im

Verlauf einer Woche in einer Praktikumgruppe unter

Anleitung einer studentischen Tutorin entwickelte.

Hiernach werde ich diskutieren, wie dieses

Bedingungsgefüge seinerseits in der

Auseinandersetzung mit den Problemen einer Patientin

und ihrer Ärzte eine neue Gestalt gewann. Diese

Person ist Frau O., die erwähnte Patientin mit

ausgeprägtem Nasenbluten, das zu bedrohlichen

Blutverlusten führen konnte. Sie hatte einen Morbus

Osler, also eine angeborene Schwäche der

Gefäßwände, wie sie erstmals von dem amerikanischbritischen

Internisten Osler in Oxford Anfang des 20.

Jahrhunderts beschrieben wurde. Im Hinblick auf diese

Patientin und ihre eigene Entwicklung werde ich

zeigen, wie es den Studenten gelang, sich vier äußerst

differenzierter Patienten innerhalb des Praktikums

anzunehmen und damit ihrer eigenen Umgangsweise

als zukünftige Ärzte näherzukommen.

3.0 Die vier Patienten des Praktikums

3.1 Der Mann mit Seminom, der so viel auf

seine Frau gab

Es handelte sich um den ersten Patienten, Herrn S. in

den späten 30ern. Er war wegen eines Seminoms

behandelt worden. Er betrat den Unterrichtsraum mit

einer blauen Tasche passend zum Bademantel. Hierin

trug er den Urinbeutel. Er war wegen eines Seminoms

42


' v w

j[\)M ^

Sexualität

operiert worden, hatte sich der Chemotherapie

unterzogen und musste nun wegen Inkontinenz einen

Urinkatheter benutzen. - Herr S. berichtete, wie er

getrennt lebte, sich aber nicht scheiden lassen wollte.

Er wollte dies auch nicht tun, obwohl es mit der Ehe

nicht mehr klappen würde. Seine Frau hatte ihn

verlassen, doch hatte sie ihn ins Krankenhaus

gebracht. Er meinte: „Ich will keine Scheidung, ich will

in eine Psychotherapie gehen."

Seine junge Tochter lebte bei der Mutter. Doch war sie

unglücklich, und sie hatte sich an den

Schulpsychologen gewandt. Der Patient war stolz

hierauf. - Auch mit der Stieftochter, die von der Frau

in die Ehe eingebracht worden war, kam er gut

zurecht.

Die Mutter beschrieb er als „herzlich", weitab von

Marburg lebend. Es war nicht zu hören, dass sie ihn

besucht hatte. Auch war nicht zu erfahren, ob

zwischen ihr und den Enkeln Kontakt bestand. - Der

Vater war an Apoplex gestorben, als der Patient in den

30ern gewesen war. Die unmittelbare Reaktion der

Studenten war gewesen: Er war doch sehr jung,

diesen Verlust ertragen zu müssen. -; Er war als

Einzelkind aufgewachsen, ohne Kontakte zu Cousinen

und Cousins zu haben. Meine Interpretation (die ich

für mich behielt) war, dass die Studenten die

Einsamkeit des Patienten spürten. Ich fühlte mich

durch die anschließend erfolgende Mitteilung bestätigt.

Die Studenten hatten sich zur Aufgabe gemacht, von

ihnen so bezeichnete „Wohlfühlmomente" zu erfragen.

Es sollten Situationen benannt werden, die die

Patienten als angenehm und wohltuend empfanden.

Herr S. hatte nach einigem Nachdenken gemeint, dass

er sich wohlgefühlt hatte, als ihm der Arzt im

Aufwachraum mitteilte, dass man bei den paraaortalen

Lymphknoten keine Metastasierung gefunden habe. In

43


Sexualität

der studentischen Gruppe hatte das Betroffenheit,

Nachdenken und Wundern ausgelöst. Eine Studentin

sagte: „So wenig Wohlfühlelemente? - Wenn ich an

mich denke, es gibt so viele schöne Elemente in

meinem Leben." Sie setzte hinzu, dass der Patient so

erstaunlich viel auf seine Frau gebe.

Der Mann mit Fixateur

Herr F. war ein Mann Ende der 30er. Zunächst sah die

Gruppe nur ein Bein mit Fixateur. Ihm folgte im selben

Rollstuhl der Mann, der den Fixateur mit seinen Augen

fixierte. Er trug ein schwarzes T-Shirt, hatte schwarze

Hosen an. Die unbedeckten Körperteile zeigten eine

braune Hautfärbung, die an ein Sonnenstudio

erinnerten. Er antwortete kurz und einsilbig und sagte,

er sei nervös. Er hatte Angst, sich zu blamieren. Als

das Gespräch tatsächlich sehr kurz wurde, war er über

dessen Kürze und schnelles Ende überrascht. - Er

ärgerte sich über sich selbst, dass es schon wieder zu

einer Fraktur des linken Beines und damit im letzten

Jahr zu einem mehrwöchigen Chirurgieaufenthalt

gekommen war. Jetzt war das linke Bein verkürzt und

er musste täglich mit Hilfe des Fixateurs dieses Bein

dehnen. Er hatte aber keine Schmerzen wie er

hinzufügte und sagte unaufgefordert, dass er auch

keine Schmerzmittel oder andere Medikamente

nehme. - Im Jahre 2002 war es zu einem schweren

Unfall mit multiplen Frakturen beider Beine, des

Beckens und der Arme gekommen. Er hatte in einer

zweistündigen Unternehmung aus seinem Auto

herausgeschnitten werden müssen. Er konnte sich an

den Ablauf dieser zwei Stunden nicht mehr erinnern,

obwohl die Retter sagten, er habe mit ihnen

durchgehend gesprochen. Daraufhin sei er sieben

Monate in der Chirurgie (einschließlich eines

künstlichen Komas auf der Intensivstation) und 2004

44


Sexualität

zu einem stationären sechsmonatigen Alkoholentzug

weg gewesen.

Immer wieder seien sowohl die Nägel wie die

Stahlplatten „gebrochen." Er sei jetzt insgesamt 25

mal operiert worden. - Früher sei er nie krank

gewesen, habe freilich über Jahre Kokain und auch vor

dem Unfall Schlaf- und Schmerzmittel genommen.

Jetzt wolle er nichts mehr hiermit zu tun haben.

Er war als einziges Kind seiner Eltern aufgewachsen,

wobei die Mutter eine Tochter in die Ehe mitgebracht

hatte. Sie trennten sich vor zwanzig Jahren, lebten

aber jetzt seit kurzer Zeit wieder zusammen. Die

Mutter war zum Vater zurückgekommen, nachdem

dieser einen Apoplex erlitten hatte. Sie wollte sich, wie

er sagte, ein „kleines Taschengeld" hinzu verdienen. -

Der Vater hatte ihn bereits als kleines Kind häufig und

heftig geschlagen. Er war mehrfach in Heimen

gewesen. Mit 15 Jahren lief er wegen des schlagenden

Vaters davon. Seine Freundin wurde schwanger. Aus

der Schwangerschaft stammt ein jetzt ca. 20jähriger

Sohn, der in der Schilderung blass blieb. Er heiratete

die Mutter des Sohnes mit 18 Jahren und beide ließen

sich zwei Jahre später scheiden. Bis vor wenigen

Monaten hatte er die Wohnung seiner ehemaligen Frau

bezahlt, in der er sie regelmäßig besuchte und wohl

wissend, dass sie einen festen Freund hatte. Jetzt war

der Vater wie ein Kind geworden, so dass er ihn nach

dem Apoplex zu sich nahm und ihn bis zum Zeitpunkt

des eigenen Unfalles versorgte. - Der Patient

beschrieb, wie er immer hart gearbeitet hatte und sich

mehrere Häuser, darunter einen Nachtclub

erarbeitete. Es kamen unüberhörbare Hinweise auf

Rotlichtmilieu.

Zweifel kamen hoch, wie Stahlnägel und -platten

„einfach zerbrechen" können. Wie eine

45


Sexualität

Zusammenfassung formulierte eine Studentin: „Das ist

schon schlimm: Er ist ein geprügeltes Kind und die

Heimatmosphäre zieht sich hindurch. Jetzt kriegt er

seinen Vater - als müsste er sich entgangene Liebe

und Beziehung erkaufen." Die Freundin bzw.

geschiedene Frau habe sich aushalten lassen. Er

definierte sich über Arbeit und war mit knapp 40

Jahren ein komplettes Wrack geworden. Eigentlich

wurde ihm hier der Vater auch wieder weggenommen,

indem die Mutter sich um ihn kümmerte. Das waren

die Kommentare dieser einsichtigen Studentin.

Als die „Wohlfühlphase" seines Lebens gab er die Zeit

an, in der er den apoplektischen Vater 1998 zu sich

nehmen konnte.

Eine ganz normale Patientin mit Arrhythmien

Frau A. war eine mitsechziger, etwas älter wirkende

Frau in „ganz normaler" Straßenkleidung. Sie war

beim Eintritt in den Unterrichtsraum vollauf mit ihrem

Heparintropf beschäftigt, für den sie sofort eine

Steckdose suchte. Es ginge ihr sehr gut, so meinte sie,

lediglich die Sonde ihres Herzschrittmachers habe sich

verschoben. Deshalb hatte sie vor fünf Monaten und

jetzt nochmals am 24.12.04 (!) das Krankenhaus

aufgesucht. Sie war, so betonte sie, immer gesund

gewesen. - Bei genauem Nachfragen stellten sich

andere Dinge heraus: Die Herzbeschwerden fingen

2000 in Form von Atemnot (belastungsabhängig) an,

als sie mit ihrem Manne unterwegs war, der einen

Morbus Bechterew hatte. Sie hatte damals eine Grippe

gehabt. - Bei genauem Nachfragen hörte ich: Ja

eigentlich habe sie 2003 eine Darmperforation gehabt.

Aber wegen des damaligen „Blähbauches" habe sie

nicht zum Arzt gehen wollen: Genauso wenig habe sie

jetzt wegen der Herzbeschwerden ins Krankenhaus

46


Sexualität

gehen wollen. Ihr Hausarzt hatte jedoch hierauf

bestanden.

Obwohl sie einen Bruder und zwei Schwester hatte,

hatte sie den elterlichen Bauernhof übernommen, das

war ja „normal", da die Geschwister eine Übernahme

abgelehnt hatten. Die Eltern (der Vater hatte bereits

eingeheiratet wie es später ihr eigener Mann tat) seien

„ganz normal" im hohen Alter, d. h. in ihren 90ern

gestorben. Sie fügte hinzu, sie habe „ganz natürlich"

die Mutter über sechs Jahre hin bis zu deren Tode

gepflegt. Einer der eigenen Söhne hatte bereits vor

Beginn der Herzbeschwerden den Hof übernommen.

So könnten sie und ihr Mann „eigentlich" ihr Leben viel

mehr als früher an ihren Bedürfnissen ausrichten.

Als Wohlfühlzeit gab sie das Zusammensein mit der

Selbsthilfegruppe ihres Ehemannes an. - Als

Kommentar formulierte ich für mich: „Sie nahm alles

in die Hand; sie gab alles aus der Hand und wurde

hiernach krank."

Die Frau mit Endometriose und

Entwicklungssprung vom Baby zur Greisin

Es handelte sich um Frau E., eine Patientin Ende der

30er. Sie kam in den Seminarraum „in der Ecke ihres

Rollstuhles sitzend". Den Gehstock hatte sie im

Rollstuhl untergebracht. Sie sah wesentlich älter als

ihr biologisches Alter aus. - Mitte 2004 hatte der

letzte Krankheitsschub begonnen: Sie erbrach, hatte

Druckgefühle retosternal und hatte zugleich

Verstopfung. Sie verlor 8 kg Gewicht. Es wurden

Stenosen im Duodenum festgestellt. Man operierte sie.

Es kam zum Lungenödem, Tracheotomie und zu einer

dreiwöchigen Behandlung auf der Intensivstation. Man

hatte sie geduldig in Marburg „aufgepäppelt". -

Begonnen hatte alles mit einer verunglückten

47


Sexualität

Intubation, so war ihre Formulierung sinngemäß, als

sie 1986 wegen eines Nasen-Rachenpolypen operiert

werden sollte. Der Schaden war nicht zu beheben. Sie

konnte den Mund nur l cm öffnen und rnusste sich

sechs Jahre lang von Babykost ernähren. Bereits zu

dieser Zeit machte sich ihre Endometriose bemerkbar,

von der sie innerlich praktisch „verklebt" war. Eine

Operation folgte der anderen. Seit 1986 hatte sie 50

Operationen hinter sich gebracht.

Sie wuchs gemeinsam mit einem Voll- und einem

wesentlich älteren Halbbruder auf, den die Mutter mit

in die Ehe gebracht hatte. Die Mutter erzählte ihr, wie

ihr Bruder sie wiederholt aus dem Kinderwagen

geworfen hatte. Der habe sich an den großen (Halb-)

Bruder angelehnt und mit diesem zusammen auch den

Vater bedroht. Die Mutter war vor 14 Jahren, der

Vater vor 5 Jahren gestorben.. Auch die beiden

Elternteile waren in Pflegeheimen untergebracht

gewesen. Die Mutter hatte sich im Pflegeheim nicht

wohlgefühlt, wohl der Vater. Nach dem Tod des Vaters

wurde die Kriminalität beider Brüder deutlich. Sie

konnte in der Begegnung mit den Studenten die

Vornamen der beiden Brüder nicht erinnern: Sie war

seit langem ohne Kontakte. Anders als zu diesen

Brüdern hatte sie eine „total schöne" Beziehung zur

Mutter.

Sie hatte im Sterbejahr der Mutter geheiratet. Ihren

Mann hatte sie als Mitpatienten im Krankenhaus

kennengelernt. Sie hatten sich beide abgesprochen,

keine Kinder haben zu wollen. Sie war so stark mit

ihrem Schicksal beschäftigt. Sie wirkte so viel älter.

Das Leben schien an ihr vorbeigezogen zu sein, ehe

sie es im Kinderwagen hatte festhalten können.

Nach ihrem Wohlgefühl gefragt: Das komme zustande,

wenn sie James Last-Platten hören könne. Dann

48


Sexualität

beschrieb sie, wie es ihr gut gehe, wie sie sich

wohlfühle, wenn ihr Mann ihr vorliest. - Ich

formulierte zu ihrem Schicksal als Kommentar: Die

scheinbar Nächsten warfen sie aus dem Kinderwagen.

Das Krankenhaus war heute ihr Kinderwagen

geworden - eine lebenserhaltende und

lebensbedrohliche Einrichtung zugleich.

4.0 Diskussion:

Wie im Unterricht aus vier Einzel Vorstellungen des

Praktikums eine verbindliche Einsicht in den

Stellenwert von Beziehungen in der Medizin erwächst.

Wie kann aus dem Ablauf dieser vier Fallgeschichten

innerhalb des Unterrichtes ein Gesamtprozess

erwachsen? Wie kann hieraus eine lebende Gestalt

werden? Schließlich: Wie erwachsen hieraus für den

zukünftigen Arzt Bedeutung und Sinn in der Medizin?

Wir alle brauchen Vorstellungen von unserem Leben,

um dieses Leben zu gestalten. Die vorgestellten vier

Patienten waren Ausschnitte aus dem bevorstehenden

ärztlichen Berufsleben.

Nichts anderes war die erfahrene Gruppenarbeit,

nämlich ein Ausschnitt aus dem bevorstehenden

Berufsleben. - Schließlich waren die sich erweiternden

Perspektiven, die sich im Laufe der Unterrichtswoche

abzeichneten, ein Ausschnitt aus diesem Berufsleben.

Ich möchte von dieser dritten Feststellung ausgehen,

die sich auf die erweiterten und gleichzeitig qualitativ

veränderten Perspektiven beziehen. Sie kommen

dadurch zustande, dass sich die Gruppe über die

affektive Arbeit findet, sich der einzelne in seiner

Einstellung öffnet, während die Stimmung in wachsend

intensiver und präziser Form aufgespürt wird, die

Situation in entsprechend schärferer Weise erfasst

wird. Alles drängt nun auf einen veränderten Umgang.

Dieser veränderte Umgang ist dadurch

49


Sexualität

gekennzeichnet, dass zunehmend salutogenetische

Faktoren wahrgenommen und den pathogenetischen

gegenübergestellt werden.

4.1 Das Bedingungsgefüge

Begonnen hatte alles mit Fragen nach Wohlfühl-

Momenten. Jetzt entstand die Frage, wie erwächst aus

den Wohlfühl-Momenten ein probehalber so

bezeichnetes „Wohlfühl-Leben"?

Es erwächst meiner Erfahrung und meiner

Überzeugung nach aus den vier Begriffen der

Stimmung und Situation, der Einstellung und des

Umganges. Jedoch muss es beispielhaft, auf einen

individuellen Patienten bezogen dargestellt werden.

Hier nun kommt die Erfahrung mit Frau 0, zum

Tragen. Diese Patientin gab uns durch das

beschriebene Naturexperiment die Möglichkeit, ihren

Behandlungsverlauf von Beginn an zu verfolgen und

ihre natürliche Einwirkung auf den Unterricht zu

registrieren. Zunächst zeichne ich ihren

Behandlungsverlauf anhand des dargestellten Gefüges

Stimmung und Situation, Einstellung und Umgang auf.

Es wird dann deutlich, wie hieraus neuartige

Perspektiven erwachsen, die ich entsprechend ärztlichphänomeno-logischer

Vorgehensweise als Bühne,

Kontext, Hintergrund und Rhythmus bezeichne.

Die Stimmung

Ausgangspunkt ist die Stimmung (UEXKÜLL,

1962). Ich treffe einen Patienten und lasse mich auf

die Stimmung ein, die aus diesem Treffen erwächst.

An anderer Stelle (SCHÜFFEL, 2004) beschreibe ich,

wie aus der Stimmung das Symptom, die Verbindung

des Symptoms mit der Jetzt-Anamnese und mit der

Gesamtanamnese erwächst. Es erwächst eine

50


Sexualität

Gesamtgestalt, die eine starke Aussagekraft

hinsichtlich des anstehenden Symptoms hat und die

unter lebensgeschichtlicher Betrachtung als N a r r a t

i v bezeichnet wird. Symptom, Anamnese und

Narrati v erwachsen also aus einer jeweils

beschreibbaren Stimmung heraus. Frau O., die den

damaligen Studenten vor vier Wochen und den

jetzigen Studenten im zweiten Seminarblock am

zweiten Tage ihres Unterrichtes gegenüber gesessen

hatte, hatte gleichermaßen eine Stimmung der

Verzweiflung wie des Aufbruches vermittelt: In

zeitweise hoffnungsloser, depressiver Stimmung hatte

sie geschildert, wie sie von unstillbarem Nasenbluten

überrascht wurde. Sie hatte dann die beschriebenen

strapaziösen Eingriffe über sich ergehen lassen

müssen. Sie hatte in bestimmten Konstellationen für

die Zuhörer nachvollziehbar in einer nasal betonten

Weise gesprochen, als würde die Nase nicht mehr

durchgängig sein, als müsste sie um Luft kämpfend

den Mund weit aufreißen. Eine Stimmung des

Aufbruchs war auf die Zuhörer übergegangen, als sie

anfänglich sagte, sie wolle sich nun in die

Psychosomatik zur Behandlung begeben und wie sie

kürzlich darstellte, wie es unter ihrem Zutun immer

wieder zu Blutungen gekommen war.

Die Situation

In dieser Situation hatten die Teilnehmer sie

körperlich und zwischen-körperlich, also im erwähnten

interkorporalen Sinne empfinden können. Zunächst

hatten sie empfinden können, wie schwer es war, über

100 km aus dem osthessischen Raum kommend

rechtzeitig die HNO-Klinik von Marburg erreichen zu

können. Jeder hatte nach vollziehen können, wie

glücklich sie war, in diesen Notfällen auf ihren Mann

zurückgreifen zu können.

51


Sexualität

Einem ßühnenspie\ vergleichbar wurde deutlich,

welches die vier Bedeutungen des Symptoms waren

und beschrieben wurden mit wünschen, wegschieben,

aufschieben und auflösen. Darunter war in ihrem Falle

und ist allgemein zu verstehen: Der Patient wünscht in

bewusster Weise mit dem Symptom ein Ziel zu

erreichen, hier das Ziel der unbedingten Verlässlichkeit

des Ehepartners. - Wegschieben heißt, einen im

Unbewussten angesiedelten Konflikt wegzuschieben:

Im Falle von Frau O. war es die Verselbständigung von

den Eltern, in derem Hause sie weiterhin lebte

SORGE AMT IHRER UiNfiE

>S\E *SQLLTS*J N-UFZ EINE

52


Sexualität

WEGWEISEND

Zurück ms Leben

> Konstant stabile Wirksamkeit

tFl«lsihlwkerWW*t jl.lCllilIVhiiliY JOOi.nt "5*-'*57- a fjnimyt t rt al, Inlpm^moiial luurnjl öl NturopsvthopharniJcolijgv »r.A 7 Cjuppl z!. ^6

BISPERDAPCONSTa* 15 mg.'' ?7,i Ofi- Fo m(. Wl'l'tofl; Knf*rW. Erh*IWnjnherjp»nFnPj((h(,5*n f,tgn,inltittr> IJbtrwipflndilthk ta Wlik« ftrt sonsr Ei film)! .Iwneh.nite.nlrhl durth Arzmlm. !>-•!. (VpsmriiljMlnjffll». Windei

u kig*m1llche. SHIlfo" Vortl'hlig» Aiw. L»h.w- u Miwonliuufl .Parkinirin Ktankh.. lmv-Bui1y-[)i«m«ir, inamn t>tk. fpllcpik. Prftlaklln ahh -j B Ptfllaktlnrjm

rt Hvpophywl u moelliherirtlie prolamn-jbli TonrnsnrrB M.imnia-f.J). iiatholog. Vwjn.l, il BlutNIij». Dlab. m*ll r.. Vorliegen ».,11 Plsllcnfjkl tl*l(li l*k

"(hAeir Hw7«r«-li1auf.E(kr Ulijtbnr tan(« ()T-lnt*r*3ll. Br.i(l(karitip. H'irlrunK . »yokardlnlsitl. firtzl»» !lor| . Dm/itrleninj. HvlwoJamic nd !«"DrovjiJ.

Erkil. tlfklrolvlsldre.. KomHil. in QT-Inttivill veildlMmden AiniplinltlBln. rinn. (lnn«i'nildl1,)Wgpr Ailriehl . Srli*aii(*rirlia(t. H«b>nw)ikungcn. ttauf.g.

fimlfhtiiun . D«pr,ifli.n.Ere


Sexualität

Es war darüber hinaus, wie es die Studenten

erarbeiteten, der Wunsch, dem Vater „Du Arschloch"

zu sagen und in einem noch tieferen Sinne mit dem

Vater ihrer vorehelich empfangenen Tochter

verbunden zu sein. Dieser weggeschobene Teil des

Symptoms kann aber nur allmählich aufgegriffen

werden. Die weitesten Bereiche dieser Bedeutung sind

der späteren ambulanten Psychotherapie vorbehalten

bzw. einer Begleitung durch den behandelnden Arzt

anheim gestellt. - Die aufschiebende Kraft ist durch

den Ehemann verkörpert. Er fährt sie in den jeweils

bedrohlichen Momenten, denen die Konfliktsituation

vorangegangen ist, in die HINO-Kliniken. Er nimmt

alles in die Hand, was aus dem Konflikt resultiert -

und verhindert hierdurch die Konfliktlösung. Er hat

somit in seinen Händen, die aufschiebende, aber nicht

die auflösende Wirkung. - Die auflösende Bedeutung

des Symptoms wurde zunächst in der Klinik dadurch

deutlich, dass die Patientin in den ersten zehn Tagen

entgegen ihrer Erwartung kein Nasenbluten zeigte. Sie

wurde statt dessen wachsend unruhiger, war

zunehmend angespannter und reagierte gereizt. Sie

empfand sich wie auf einem Pulverfass sitzend. Aus

dieser Zeit stammte die Mitteilung: Eine Patientin mit

metastasierendem Bronchial-CA habe ihr bestätigt,

was schon immer ihre Meinung gewesen sei: Sie leide

an einer Erkrankung, die unberechenbar und damit

schlimmer als Krebs sei. Frau O. hatte somit ihre

Situation einem Bühnenspiel vergleichbar dargestellt.

Frau O. gelang es relativ frühzeitig, ihren eigenen

Anteil an der Entwicklung wahrzunehmen und ihn zu

benennen. Dieser Anteil wird als Kontext bezeichnet.

Es geht darum, dass der Patient von ICH statt von

MAN spricht (s. u.). Frau O. beschwerte sich nun

darüber, wie wenig Verständnis die Umwelt

einschließlich ihres Einzeltherapeuten ihr

entgegenbrächte. Der Einzeltherapeut war ich. Wir

54


Sexualität

konnten durcharbeiten, wie wenig zu Hause ihr Vater,

dann aber unter Einwirkung des Vaters auch die

Mutter ihre Bedürfnisse berücksichtigt habe. So habe

der fünf Jahre jüngere Bruder, der ebenfalls an Morbus

Osler litt, alle Wünsche bereits von den Augen

abgelesen bekommen. Die Nase darunter habe

überhaupt nicht bluten brauchen. In ihre Augen habe

man dagegen noch nicht mal hinein geschaut, und sie

habe schwerstens bluten müssen, ehe man auf sie

eingegangen sei. Sie warf mir vor, noch nicht einmal

die Prophezeiung einer Wahrsagerin ernst genommen

zu haben, die ihr für das laufende Behandlungsjahr

vor bereits 18 Jahren den Verblutungstod prophezeit

habe.

Hier war der Durchbruch erreicht. Wir konnten

herausarbeiten, wie sie ihre Enttäuschung auf mich

übertrug. Wie sie in der gesamten

Behandlungssituation mit einer Oberärztin, aber auch

mit den Psychotherapeuten einerseits und der Station

andererseits immer wieder Missachtung gespürt hatte.

Von Beginn an wurden entsprechend dem

psychosomatischen Ansatz die körperlichen

Verhaltensweisen verfolgt. Es ging hierbei um Dinge,

die zunächst nicht mit Worten belegt sind, für die

vielleicht die Worte auch fehlen. Es handelt sich um

den Hintergrund. Beim Betrachten des Hintergrundes

konnte ein weiterer Wandel beobachtet werden, als es

möglich wurde, auf Merkmale der Nasenatmung zu

achten. Das Spannungsfeld zwischen Psychotherapie

und Station wurde dadurch entlastet, dass nun die

Aufmerksamkeit stärker auf die Physiotherapie

gerichtet wurde. Zu ihrer Freude konnte sie erfahren,

wie sie Nasenatmung praktizierte und die Luft an den

Blutborken vorbeizog. Hiermit war der entscheidende

Einschnitt möglich: Sie erzählte mir, wie sie in

Spannungssituationen teilweise bewusst, freilich

meistens in einer vorbewussten Weise mit beiden

55


Sexualität

Zeigefindern in die Nase gefahren war und so versucht

hatte, die Nase von Borken freizulegen. Dann hatte es

natürlich die heftigsten Blutungen gegeben. - Sie

erklärte sich bereit, diese Mitteilungen aus der

Einzeltherapie auch in der Gruppensitzung zu machen.

Sie tat es und setzte hinzu: „Selbst meine

Silberhochzeit habe ich auf diese Weise in den Sand

gesetzt. Wir wollten ins Ausland fahren und mussten

dann wegen meiner Blutungen zu Hause bleiben. Ich

hatte mich nicht getraut, von zu Hause wegzufahren."

- Zunächst war sie über die eigene Mitteilung

erschrocken gewesen. Sie wünschte sich, sie hätte sie

nicht getan, weil sie als „Ungeheuer" bestaunt werden

könnte. Als sie jedoch ein verstehendes Zunicken,

Blicken auf sie, in die Augen hineinschauen

wahrnahm, änderte sich ihre Haltung und schließlich

die Stimmung: Sie wurde frei, gelassen, ein Rhythmus

im täglichen Miteinander wurde ebenso ersichtlich wie

ein wachsender Rhythmus in Wechsel von Nasen- und

Mundatmung.

Die Einstellung

Einstellungen erwachsen aus den frühesten

Empfindungen in Elternhaus, Kinderkrippe und

Kindergarten, hatte ich im zweiten Abschnitt

formuliert. Es ging im Abschnitt der Einstellungen

darum, die frühen Erfahrungen zu verfolgen, die aus

der tatsächlichen oder vermeintlichen Rückstellung

gegenüber dem Bruder resultierten. Es ging um den

erarbeiteten Kontext, in dem Frau 0. die täglichen

Lebensabläufe wahrnahm. Es war also die Frage zu

stellen, wie sie in diejenigen Strukturen hineinwuchs,

die sie in der Ursprungsfamilie vorfand und die sie in

ihre eigene Familie hinein weitergab. Hier sind

tiefenpsychologisch orientierte Betrachtungen

hilfreich, die Übertragungs- und

Gegenübertragungsbedingungen zu erfassen helfen.

56


'OM

Sexualität

Es ist die „Wort-Welt", die hier aufgegriffen werden

kann und die in der klinischen Arbeit entscheidend

weiterhilft: Die Patientin hatte ihren Vater in der

erwähnten Weise tituliert und es wurde möglich, sie

auf den Ärger mir gegenüber anzusprechen, der sie

vermeintlich dazu verführt hatte, in der Gruppe über

ihr bisheriges Krankheitsverhalten zu sprechen. Sie

erschrak. Sie hielt sich die Hand vor den Mund, doch

die Formulierungen waren geschehen. Ich bekräftigte

sie einerseits in ihrer Selbsteinschätzung, dass sie

einen gewichtigen Schritt getan hatte.

Der Umgang

Andererseits griff ich die selbstzerstörerischen und

damit fremdzerstörerischen Aspekte ihres Verhaltens

auf. Ich merkte, dass sie inwendig kochte. Doch es

kam lediglich sanft aus ihr heraus: „Ich glaube, Ich bin

vorschnell gewesen." Damit formulierte sie in einer

entscheidenden Weise ihren Durchbruch: Sie hatte

von ICH, von sich selbst gesprochen. Das bisher

gebrauchte Man war in den Hintergrund getreten.

Andererseits begann sie, sich auf ein eigenes Bewegen

einzustellen, das durch eigenes Tempo, Wechsel von

Ein und Aus bestimmt war, eben der Rhythmus.

4.2 Die Abfolge der Patiententreffen und das

Bedingungsgefüge

Die Studenten stimmten sich zunächst ein, sie spürten

einer bestimmten Stimmung nach. Das geschah mit

Herrn S., dessen derzeitige Vita minima sie verfolgten.

Sie waren gleichermaßen erschüttert, aber gleichzeitig

zutiefst davon berührt, dass er als „Wohlfühlmoment"

in der jetzigen Überlebensphase das Erleben im

Wachraum beschrieb, als er hörte, dass die

paraortalen Lymphknoten nicht von Krebs befallen

57


Sexualität

sind. Sie spürten weiterhin auf, wie in diesem Mann

eine Sehnsucht bestand, die Beziehungen zu den

Aller-nächsten, ausschließlich weiblichen Personen

aufrecht zu erhalten: Zur „herzlichen" Mutter, zur

„leidenden" Tochter, zur „anhänglichen" Stieftochter

und nicht zuletzt zur getrennt lebenden und ihn

gleichzeitig begleitenden Ehefrau. - In Herrn F.'s Fall

ließen sie sich auf dessen Situation ein, die

charakterisiert war durch sein Zwangsgerüst, den

Fixateur, den er täglich dehnte und möglicherweise so

dehnte, dass Stahlschrauben und Stahlplatten

brachen, ohne dass er Schmerzen empfand. Sie

wunderten sich hierüber und akzeptierten als für seine

Situation charakteristisch, dass sich der Patient in der

Pflege seines hilflosen apoplektischen Vaters so wohl

fühlte - Sie stellten sich auf Frau A. und ihr durch

Jahrhunderte einer dörflichen Kultur geprägten Lebens

ein. Innerhalb dieses uralten Rhythmus war sie aus

dem Rhythmus gekommen. Sie wurde arrhythmisch.

Die Studenten konnten aufgreifen, dass sie als

„Wohlfühlzeit" das Zusammensein mit der

Selbsthilfegruppe ihres Ehemannes empfand: Nur im

Kranksein konnte sie zum Privatsein vorstoßen;

ansonsten musste sie den Rollenerwartungen

nachkommen und sich „normal" verhalten. - Sie

ließen sich schließlich auf die erschütternde Geschichte

der Frau E. ein, die in den späten 30er Jahren ihres

Lebens bereits 50 Operationen aufwies. Sie war wie

sie sich in ihrer Endometriose beschrieb, innerlich

verklebt. Doch aus den frühen Zeiten ihres

Aufwachsens, geradezu noch, als hätte sie 1965 im

Uterus der Mutter James Last gehört, schwärmte sie

von diesem Musiker der Menschen der Fast-

Nachkriegszeit. Der Begriff des Umganges war

geradezu identisch geworden mit dem Begriff des

Einlassens. Aus dem Einlassen heraus erfolgte der

Nächste Schritt.

58


Sexualität

Damit ist das angekündigte Bedingungsgefüge (siehe

Abschnitt 2.0) auf den Praktikumsverlauf bezogen.

Weiche Konsequenzen konnten die Studenten hieraus

ziehen?

4.3 Nasenbluten: „RHYTHM IS IT"

Ursprünglich hatten die Tutorin und ich gedacht, nach

der einengenden und erdrückenden Situation einer

Begegnung mit Frau E. würde die Unterrichtsgruppe

unter der Last des Erfahrenen zusammenbrechen. Es

spielte sich anders als gedacht ab. Am

Donnerstagnachmittag, dem vierten Unterrichtstag

des Praktikums stand das Thema Salutogenese (vgl.

Ankündigung des Wartburggespräches in diesem Heft)

und Sozialisation sowie Peer-Arbeit an. Als

Seminarleiter hatte ich mich entschlossen, die

Thematik anhand der Fallgeschichte von Frau O. zu

erarbeiten. Ich hörte zu meiner Überraschung, dass

die Patientin 0. in der Gruppe bekannt sei. Sie sei

bereits zwei Tage zuvor durch die Oberärztin der Klinik

vorgestellt worden. Man habe erfahren, wie und wieso

die Patientin sich in der beschriebenen Weise

verhalten habe und wie sie sich neuartige

Verhaltensweisen aneigne. Man habe verstanden, dass

die Patientin ihr Nasenbluten zeitweise brauchte und

dieses für sie unverzichtbar war. - Als nun am

nächsten Tag, d. h. am Freitagvormittag und fünften

Unterrichtstag, Frau E. vorgestellt und ihre

Lebensgeschichte interpretiert wurde, konnten die

einzelnen Krankheitsepisoden zusammengefasst und

interpretiert werden: Frau E. war aus ihrem

Kinderwagen geworfen und unter dramatischen

Bedingungen immer wieder zurückgefordert worden.

Den anderen Patienten war es sinnlich

empfindensmäßig ähnlich ergangen, wenngleich

quantitativ weniger stark ausgeprägt. Krankheit und

59


Sexualität

Krankenhaus waren zum Kinderwagen geworden,

einerseits Stätte des Schutzes andererseits Stätte

schwer abwägbarer Risiken.

Wieder wurde auf den Beginn des Unterrichts

zurückgegriffen. Es waren ja entsprechend dem

Unterrichtsauftrag der Psychosomatik an die Tutorin

„psychisch unauffällige" Patienten ausgesucht worden.

Für Frau E. hatte das Merkmal „psychischer

Unauffälligkeit" ebenfalls gegolten, abgesehen von

einer Krankenschwester. Diese hatte sich mit der

Tutorin unterhalten und ihr gesagt, dass sie die

Tutorin gerne mit einer Patientin bekannt machen

wolle, die bei ihnen auf der Station als unauffällig

gelte. Die Schwestern seien sich allerdings einig, dass

dies nicht zutreffe. Allerdings habe man auf der

Station nicht gemeinsam, d. h. nicht mit den Ärzten

hierüber gesprochen, da diese mit ihrer operativen

Tätigkeit mehr als ausgelastet seien. Auf diese Weise

war Frau E. in der Psychosomatik vorgestellt

geworden. Die Studenten besprachen nun, wie in ihrer

Sozialisation der Begriff der „psychischen

Unauffälligkeit" in höchst unterschiedlicher Weise

interpretiert wird und Dimensionen gewinnt, die in der

Öffentlichkeit unbekannt und nicht nachvollziehbar

sind. Nur die Angehörigen des Gesundheitswesens

selbst verfügen über die notwendigen Einsichten, um

eine Änderung herbeizuführen. Peersarbeit, so war die

Folgerung, und die bewusste Steuerung des

Sozialisationsprozesses könnten Abhilfe schaffen, Nur

so wird möglich, in dem periodisch auftretenden

Nasenbluten der Frau 0. eine Rhythmik zu erkennen,

die kennzeichnend für ihr Leben ist. Frau 0., ihr

Nasenbluten, ihre Lebensrhythmik und ihre Ärzte sind

wiederum kennzeichnend für Patienten und Ärzte in

ihrer Arbeit allgemein.

60


Sexualität

4.4 Anamnesegruppen, Wartburggespräche

und die Treffen von Ascona

Anamnesegruppen und damit die hier beschriebene

Form des Unterrichtes entstanden aus der

gemeinsamen Betroffenheit von Studenten, Ärzten

und Patienten. Das war im Wintersemester 1969/70 in

Ulm. Hieraus erwuchs ein Forschungsprojekt zur Frage

der Entwicklung von einstellungsmäßigem Lernen im

Medizinstudium. Die Arbeit der Anamnesegruppen mit

ihrem Grundelement der patientenbezogenen Peers-

Arbeit beeinflusste auch die Entwicklung der

Wartburggespräche zum Arbeitsthema der

Salutogenese in nachhaltigster Weise (vgl.

Ankündigung in diesem Heft). Sie entstanden 1992 in

der IMachwendezeit und beinhalteten letztlich die

Frage, wie sind in jedem Patientenleben und

gleichermaßen in jedem Arztleben die in dieser Arbeit

so viel zitierten W o h l f ü h l m o m e n t e

aufspürbar sind. Die 13. Wartburggespräche von 2005

standen unter dem Thema „Mut zur Subjektivität - wie

Geschichten von Gesundheit und Krankheit zum

Behandeln führen." Herausgearbeitet wurde die

Bedeutung des Rhythmus für Gesundheit und

Krankheit. Als anregendes Beispiel für diese Aussage

wurde der Film „RHYTHM IS IT vorgeführt, in dem

gezeigt wird, wie 250 Berliner Kinder und Jugendliche

in Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern

zu Tänzern in Strawinskys „Le Sacre du Printemps"

werden. Wie das zugrunde liegende

einstellungsmäßige, sozialaffektive Lernen vorbereitet

werden konnte, das zeigten die Erfahrungen der

Wartburggespräche von 2004; Hier hatten wir uns den

Film angesehen „Das Wunder von Bern." Das Thema

der Wartburggespräche war gewesen: „Sich wundern

- um die Sinne zu schärfen". Ausgangspunkt dieser

Themenabfolge war in der Fragestellung gelegen: Was

heisst Solidarität heute'? Wir hatten erfahren, dass

61


Sexualität

Solidarität das oberste Richtziel schwedischer

Gesundheitspolitik ist. So hatten es die Mitglieder des

schwedischen Reichstages beschlossen.

Die Anamnesegruppen wären nie zu ihrer jetzigen

Bedeutung gelangt, hätten sie nicht die einzigartige

Chance gehabt, sich seit 1973 mit patientenzentriert

arbeitenden Ärztinnen und Ärzten aus anderen Teilen

Europas in Ascona zu treffen. Mit Boris LUBAN

PLOZZA, dem Begründer der Balinttage von Ascona

hatte ich 1971 in Amsterdam anlässlich des dort

stattfindenden 2. ICPM-Kongresses vereinbart,

Studenten aus Ulm und Mailand zusammenzuführen.

Sehr schnell kamen als nächste Studenten die aus

Heidelberg hinzu. Hieraus erwuchs ein regelmäßiger

Austausch, der bis in die 90er Jahre anhielt. Im Jahre

2002 verstarb Boris LUBAN PLOZZA. Unter neuartigen

Bedingungen werden die alten Treffen von Ascona

demnächst fortgesetzt werden (vgl, Ankündigung in

diesem ROM, S ).

Doch zurück zur Eingangsfrage, wie ein Wundern in

der Medizin möglich wird. Die Antwort ist einfach:

Indem sich Arzt und Studenten, diese unter Anleitung

einer studentischen Tutorin zusammensetzen und auf

den Patienten einstellen. Dann gehen wir anders

miteinander um. Und alles mündet in der vom

Schwedischen Reichstag geforderten obersten

Zielsetzung für ein Gesundheitswesen von morgen

ein: Solidarität.

62


4-

*.

V ^J

t' >•—/-U Sexualität

Alle Angaben zu den Patienten wurden anonymisiert.

Herrn Prof. Dr. J. A. Werner, Direktor der HNO-

Uniklinik danke ich für die Überweisung von Frau O.

und für eine verständnisvolle, jahrelange

Zusammenarbeit in der Behandlung unserer

gemeinsamen Patienten.

[Anm. d. Red.: Literaturangaben sind bei Verfasser zu

erfragen, da diese bei Redaktionsschluss noch nicht

vorlagen]

63


f IVM

...UM ULM

65

Sexualität


\~ \d

" '^A*

Sexualität

Die außergewöhnliche Aachener

Anamnesegruppe

Nachdem wir vier Mädels im Jahr zuvor selbst an einer

Anamnesegruppe bei einem Aachener Hausarzt

teilgenommen hatten, und von ihm von dem

alljährlichen Maitreffen gehört hatten, packten wir

unsere Rucksäcke und Isomatten ein und machten uns

auf den Weg nach Dresden. Wir waren sehr begeistert

von der perfekten Organisation und von der großen

Teilnehmerzahl, so dass wir beschlossen, im

darauffolgenden Herbst uns zu Tutoren ausbilden zu

lassen, und machten uns erneut auf die Reise, diesmal

nach Wien. Obwohl die Woche sehr zeitintensiv war,

haben wir dort eine Menge Informationen für die

Organisation einer eigenen Anamnesegruppe mit nach

Aachen genommen. Auf der einen Seite fühlten wir

uns sehr enthusiastisch, hatten aber auf der anderen

Seite auch ein etwas mulmiges Gefühl, nach so vielen

Jahren wieder die ersten zu sein, die in Aachen

Anamnesegruppen eigenständig leiten würden. Nach

diversen Werbungen über die Anamnesegruppen in

Ersti- Zeitungen, Aushängen usw., kamen zu unserer

Infoveranstaltung genügend Interessierte, so dass bei

uns nun in diesem Semester zwei Gruppen mit jeweils

neun Medizinstudenten entstanden sind.

Leider war es nicht besonders leicht für uns, im

vollbesetzten Klinikum einen Raum für uns zu finden,

aber mit Nachdruck bekamen wir doch einen Raum

gestellt.

Dass aller Anfang schwer ist, mussten wir feststellen,

als wir, auf uns alleine gestellt, jede Woche zwei

Patienten organisieren mussten, denn die Kliniken

standen uns oft sehr kritisch gegenüber, und waren

nicht immer so kooperativ. Glücklicherweise gelang es

uns, den Chefarzt der Psychiatrie von unserem Projekt

zu überzeugen. Ein bisschen schade ist nur, dass

66


Sexualität

unsere Anamnesegruppe sich für dieses Semester

schon dem Ende zuneigt, und wir leider bis jetzt noch

keinen psychiatrischen Patienten zur Verfügung

gestellt bekommen haben, weil der Professor eher von

der gelasseneren Sorte Mensch ist, und sich erst ganz

gewissenhaft in unser Projekt „einfühlen"

möchte....Trotz einiger kleinen Startschwierigkeiten,

hat sich unser Mut in keinster Weise minimiert, denn

unsere beiden Gruppen haben sich bis jetzt sehr gut

zusammengefügt.

Unsere Gruppen bestehen aus Erst- und

Drittsemestern- überwiegend Frauen- die alle sehr

motiviert mitarbeiteten, und die sich auf unser

Konzept mit Auflockerungsspielen, Blitzen, und

Feedbacks problemlos einließen. Wir für uns

entdeckten, dass es uns leichter als gedacht fiel, in die

Tutorenrolle zu schlüpfen und Woche für Woche

verschiedene Abläufe in der Stunde auszuprobieren.

Sicherlich haben wir sehr viele gelernte Tipps aus

Wien mit nach Hause genommen und angewandt.

Schon einige Teilnehmer konnten wir für das nächste

Maitreffen begeistern, und wir wünschen uns natürlich

für Aachen, dass sich im nächsten Jahr unser kleiner

Kreis erweitern wird.

Svenja und Susanne

67


Lübeck lebt wieder!

Sexualität

Im Laufe der vorangegangenen Semester hatte es fast

so ausgesehen, als müsste die Anamnesegruppe in

Lübeck als Institution zu Grabe getragen werden.

Waren zu meiner "Jugendzeit" noch etwa 30

Interessierte zu den Infoabenden erschienen, mussten

wir uns im letzten Jahr dem Ansturm von ein bis drei

willigen Leutchen beugen.

Erklärungsversuche gab es zwar, doch überzeugend

waren sie nicht. Kann die neue Studienordnung mit all

ihren Neuerungen und Fallstricken wirklich dazu

beitragen, dass sich schon Erstsemestler so

überfordert fühlen, dass sie jegliche Neugier auf

patientenorientiertes Lernen verlieren? Oder sind

Studierende so gleichgültig geworden, dass sie im

puren Theoriepauken den Blick für das eigentlich

Wesentliche an unserer Ausbildung verlieren? Und

wenn das wirklich so ist, wie kann man sie dazu

bekommen, noch rechtzeitig diesen Blick

wiederzufinden?

Nach einem "Mini- Grüppchen" im Sommersemester

mit fast so vielen Tutoren wie Teilnehmern setzten

wir, die verbliebenen vier Tutorinnen, uns noch vor

Beginn des Wintersemesters 04/05 zusammen und

erarbeiteten eine Art "Schlachtplan". Wir erweiterten

unser Werbeprogramm, denn offensichtlich waren

Plakate und Ansagen in den Vorlesungen nicht

ausreichend. Also verschickten wir z. B. eine Info- Mail

über die E- Mail- Verteiler der einzelnen Semester;

außerdem kontaktierten wir einige Dozenten aus dem

Ethik- Institut und der Psychologie, mit der Bitte, sich

für die Anamnesegruppen in ihren Vorlesungen stark

zu machen. Dann blieb uns nichts weiter als

abzuwarten; die Hoffnung, dass wirklich Leute zu

unserem Infoabend erscheinen würden, war, um

ehrlich zu sein, doch eher gering.

68


Sexualität

Die Zahl der Interessierten, die dann tatsächlich

kamen, ließ unseren Blutdruck in die Höhe schnellen:

22!! So manch einer wird jetzt wahrscheinlich lachen;

ich weiß, es gibt Städte mit 14 Tutoren, die alle etwas

zu tun haben, und es gibt solche, die sogar

Wartelisten aufstellen müssen, weil sie die Teilnehmer

nicht alle unterbringen können. Aber für uns im

beschaulichen Lübeck machte uns die Aussicht auf

endlich wieder zwei Gruppen geradezu euphorisch. Die

Reanimation war erfolgreich.

Die Arbeit in den Gruppen lief (und läuft immer noch)

sehr motiviert, auch wenn die Teilnehmerzahl etwas

geschrumpft ist (ein Vorgang, der offensichtlich

physiologisch ist, wie ich mir aus anderen Städten

habe sagen lassen). Die Vorstellung, mit zwei

Siebtsemestlern eine reine Vorkliniker- Gruppe zu

leiten, jagte zumindest mir am Anfang ein bisschen

Angst ein. Mittlerweile hat sich auch das gelegt, denn

selbst wenn Erklärungsversuche für komplexe

klinische Bilder nicht ganz überzeugend von uns

dargelegt werden können, halten uns unsere "Teilis"

wohl trotzdem nicht für völlig inkompetent (ich will es

zumindest hoffen...) und zur Not gibt es schlaue

Bücher in denen man nachschlagen kann. Die Gruppe

hat gut zusammengefunden und es gelingen

zunehmend gute Anamnesegepräche und fruchtbare

Diskussionen, die sich schnell auf einer höheren Ebene

fanden als: "Ich fand den Patienten nett". Ich denke,

wir können dem nächsten Semester gelassener

entgegenblicken, die Anamnesegruppen sind vorerst

vor dem Aussterben gerettet.

Als letztes bleibt mir vielleicht zu sagen, wie viel mehr

ich aus der Arbeit mit der Gruppe heraushole als ich

hineingebe und wie sehr ich in den letzten Jahren für

mich persönlich von den Anamnesegruppen,

Tutorentrainings und Maitreffen profitiert habe. Ich

kann jedem nur empfehlen, sich einmal als Tutor oder

Tutorin zu versuchen, es steckt manchmal mehr in

69


Sexualität

einem, als man selbst denkt. Die Anamnesegruppen

können helfen, dieses versteckte Potential hervor zu

holen.

Claudia Tobaben, Lübeck

T£>T EiME. TOLLE taftNKHECT

70


Sexualität

Berliner Anamnesegruppen - ein

Situationsbericht

von Sebastian Otto

Es gibt ein Leben nach den Anamnesegruppen. Das

mag sich unglaubwürdig anhören, doch die eigene

Erfahrung zeigt, dass dies tatsächlich stimmt. Auch

wenn die Wiedereingliederung in die Gesellschaft in

meinem Falle zunächst vorsichtig und auf dem

offiziellen Wege eines Lehrauftrages für die

Durchführung der Kurse der ärztlichen

Gesprächsführung Teil l und Teil 2 an der Charite in

Berlin stattfindet.

Auf wundersame Weise bin ich damit als gewesener

Tutor zwar überhaupt nicht mehr qualifiziert mich zu

den Berliner Anamnesegruppen zu äußern, kann aber

doch in meiner neuen Funktion hervorragend Licht von

außen ins ominöse und verworrene Dunkel der

Geschehnisse in Berlin bringen.

Die Berliner Anamnesegruppen wurden vor

unermesslichen Urzeiten von äußerst engagierten und

zielstrebigen Studenten ins Leben gerufen. Neben dem

erklärten Ziel, den Studenten eine Möglichkeit zur

Übung des ärztlichen Erstgespräches zu ermöglichen,

gab es ein zweites, das über die Jahre stark

vorangetrieben wurde. Es bestand das Ziel diese

Übung des ärztlichen Erstgespräches in das

Pflichtcurriculum zu übernehmen.

Zunächst gelang dies auf dem Weg über den

Reformstudiengang an der Charite - damals noch

medizinische Fakultät der Humboldt-Universität zu

Berlin. Zwei Kurse zum Thema Interaktion und zum

Überbringen schlechter Nachrichten fanden Aufnahme

in diese reformierte Studienordnung.

71


Sexualität

Dann geschah eine Weile gar nichts, bis sich die

Ereignisse überschlugen. Zum Einen wurden die

beiden Berliner medizinischen Fakultäten von Freier

Universität und Humboldt Universität als Charite

Universitätsmedizin Berlin (CUß) unter einem Dach

vereint. Zeitgleich trat eine neue Approbationsordnung

für Ärzte in Kraft, die den Studenten in Deutschland zu

schönen neuen Prüfungen und zu einer neuen

Ausbildungsordnung verhalf.

Die Umsetzung der Ausbildungsordnung oblag nun den

einzelnen Fakultäten und die CUB kam zu dem

Schluss, dass mit dem Beginn des Wintersemesters

2004/2005 die Kurse der ärztlichen Gesprächsführung

nun auch als Pflichtkurse für den Regelstudiengang in

die Studienordnung aufgenommen werden sollten. Da

das jetzt erst mal nach Erfolg auf der ganzen Linie

klingt, bedarf es einer genaueren Erklärung, warum

die Berliner Anamnesegruppen diesen Erfolg mit sehr

gemischten Gefühlen betrachten. Es reicht in dieser

Betrachtung aus, wenn ich mich dazu mit dem Teil l

dieses Kurses - der ärztlichen Gesprächsführung im

engeren Sinne - befasse.

Dieser Kurs findet im ersten klinischen Semester statt

und läuft ähnlich wie die Anamnesegruppen ab.

Ein Kurstermin sieht in etwa wie folgt aus. Er beginnt

mit einem zum Tagesthema (z.B.

Gastrointestinaltrakt) passenden Vorgespräch, in dem

bestimmte klinisch-inhaltliche Themen oder bestimmte

Themen der Anamnese (z.B. Schmerzanamnese)

durchgesprochen werden können. Dafür hat der

Dozent etwa 20 Minuten Zeit. Dann folgt das

Patientengespräch. Die Gespräche sind üblicherweise

als Erstgespräche in einer Allgemeinarztpraxis

angelegt. Nach dem Gespräch hat zunächst der

Interviewer das Wort und muss aus Arztsicht,

72


*•

v /

/'Y; M /f

^.>-~AU Sexualität

^ (_

Patientensicht und Beobachtersicht Stellung zu seinem

Gespräch nehmen. Danach erhält der Interviewer

Feedback vom Simulationspatienten und dann von der

Gruppe. Im Anschluss bleibt Zeit einige Themen

während der Diskussion zu bearbeiten. Für Gespräch,

Feedback und Nachgespräch stehen maximal 50

Minuten zur Verfügung, da die Simulationspatienten in

mehreren Kursen an einem Tag ihren „Auftritt" haben,

entsprechend bestellt werden und da im Kursraum

üblicherweise direkt im Anschluss der nächste Kurs

anlaufen muss.

Die verpflichtende Teilnahme an diesem Kurs brachte

die Berliner Anamnesegruppen in eine schwierige

Lage. Das Dilemma liegt darin, dass dieser Kurs die

Hauptzielgruppe der potentiellen

Anamnesegruppenteilnehmer involviert. Da die neue

Studienordnung außerdem eine erhebliche Zunahme

der Pflichtstunden für die Studenten und eine

deutliche Zunahme von Klausuren und Prüfungen mit

sich brachte, verhallte die Werbung der Berliner

Anamnesler weit gehend ungehört. Es kam zur Bildung

einer Gruppe. Allein hieraus ließe sich ableiten, dass

die Anamnesegruppen in Berlin schwierigen Zeiten

entgegengehen.

Der Pflichtkurs zur Gesprächsführung als

Konkurrenzveranstaltung ist allerdings nicht das

einzige Problem der Berliner Gruppen. Als ich mich auf

dem letzten Maitreffen in Dresden aus dem Fenster

lehnte und verkündete, dass Berlin wohl ein

Tutorentraining veranstalten könne, war ich davon

ausgegangen, dass sich genügend aktive Tutoren und

ambitionierte Teilnehmer fänden, die zur Organisation

beitragen könnten. Die momentane Situation in Berlin

stellt sich so dar, dass drei Tutoren selbst am Training

teilnehmen müssten, um nach Berliner Hausregeln

später eigenverantwortlich eine Gruppe leiten zu

73


Sexualität

dürfen. Daneben verbleibt am Ende dieses Semesters

eine solcherart qualifizierte Tutorin, wo ich in Dresden

noch von dreien ausgegangen war. Wie wir aus

früheren Erfahrungen wissen, ist es eine nicht

zumutbare Aufgabe gleichzeitig zu organisieren und

am Training teilzunehmen, so dass einfach nicht

genügend Menschen zur Organisation zur Verfügung

standen. So musste die Entscheidung zur Absage des

Trainings fallen.

Bleibt die Frage wie es mit den mit den Berliner

Anamnesegruppen weitergeht. Die Tutoren müssten

wohl für sich und untereinander klären, ob sie unter

den jetzigen Bedingungen in Berlin eine Fortführung

der Anamnesegruppen für sinnvoll und für möglich

halten. Danach sollte eine Diskussion über Inhalte und

die Art der Vermittlung erfolgen. Von außen sehe ich

für die Gruppen nur die Chance einer Schärfung ihres

Profils. Damit meine ich, dass es einer klaren Aussage

über die Vorteile der Anamnesegruppen gegenüber

dem Pflichtkurs bedarf. Was ist also an den Gruppen

besser, als am Pflichtkurs. Hier ist sicherlich viel zu

tun und es sind starker Wille und viel Engagement

gefragt.

74


75

Sexualität


Das Anamneseteleskop

Sexualität

Eine prozessorientiertes Setting in Anamnesegruppen

Michael Hunze (München) & Thomas Köglsperger

(Freiburg)

Hintergrund: Anamnesegruppen sind freiwillige

Gruppen, in denen sich Medizin- und

Psychologiestudenten im Umgang mit Kranken

erfahren und das Gespräch mit Patienten erlernen

können. Die Gruppen fokussieren dabei in ihrer Arbeit

ganz besonders auf die Art der Beziehungsgestaltung

zwischen Student und Patient. Das Gruppensetting soll

dabei Aspekte dieser Beziehung möglichst gut greifbar

und somit bearbeitbar werden lassen.

Ziel & Fragestellung: Ziel dieser Arbeit ist es ein

Setting vorzustellen, dass dieser Notwendigkeit

Rechnung trägt und dass für die Anwendung in

Anamnesegruppen dabei zugleich gut geeignet ist. Es

handelt sich dabei um das sogenannte

Anamneseteleskop.

Methode & Durchführung Die vorgelegte Arbeit

beschreibt Aufbau und Durchführung dieser Methode

und erörtert Erfahrungen in der Umsetzung anhand

von Fallvignetten.

76


Das Reflektierende Team

Sexualität

Das Anamneseteleskop bedient sich in seinen Strukturelementen

einer Methode aus der Systemischen Therapie, die man das

Reflektierende Team oder liejlecting Team (RT) bezeichnet. Diese

Methode entstand zu Beginn der 80er Jahre um den norwegischen

Sozialpsychiater Tom Andersen aus einem Therapieuntall heraus:

Ein Familiengespräch wurde von einem Team von Therapeuten

hinter einem Einwegspiegel beobachtet. Nachdem das Gespräch

beendet war tauschten sich die Therapeuten, noch immer von der

Familie durch den Einwegspiegel getrennt untereinander über ihre

Wahrnehmungen und Ansichten aus im Glauben, die Familie würde

davon nichts mitbekommen. (Un-) glücklicherweise war aber die

Gegensprechanlage eingeschaltet und die Familie konnte der

Unterhaltung der Therapeuten folgen. Wenngleich dieser Unfall

zunächst Besorgnis auf Seiten der Therapeuten auslöste, stellte das

Team um Anderson bald fest, dass diese Begebenheit äußerst

gewinnbringend und ergiebig für das Vorankommen im

Therapieprozess gewesen war und entwickelte daraus ein Methode:

das RT.

Grundprinzip dieser Methode ist, dass eine Gruppe A einer anderen

Gruppe B zusieht, wie sie etwas tut und sich dann in Anwesenheit

der Gruppe B, die beobachtet wurde, über ihre Beobachtungen

spricht ohne aber zu diesem Zeitpunkt mit der Gruppe B zu

sprechen. Die Gruppe A wird dabei das RT genannt. Das RT

erfüllt dabei, wie der Name anklingen la'sst, die Funktion der

Reflexion. Während die Gruppe B Prozess zu Tage fördert,

übernimmt es das RT diesen Prozess sozusagen

77


Sexualität

in einem Zwischenschritt und mit Abstand vor /.u verstehen, bevor

ein Durcharbeiten in der Gruppe A möglich wird. Das RT ist dabei

vor allem dabei deshalb geeignet, weil es zunächst außen vor bleibt

und dabei die Hauptvoraussetzung erfüllt, um einen Prozess zu

begreifen, nämlich eine entsprechende Distanz und somit genügend

Überblick über das Geschehen zu haben •!•

78


Einführung

Sexualität

Die Ausbildung von Medizinstudenten in Deutschland

fokussiert besonders auf eine Vermittlung

naturwissenschaftlich-medizinischer Kenntnisse und

klinisch-technischer Fertigkeiten. Die Vermittlung von

Kompetenzen in den Bereichen Kommunikation und

Arzt-Patient-Beziehung nimmt dagegen in den meisten

Curricula nur wenig Raum ein. Sowohl (Junior-)

Balintgruppen wie auch Anamnesegruppen können

diese Lücke teilweise schließen. Anamnesegruppen

sind freiwillige Gruppen, in denen sich Medizin- und

Psychologiestudenten im Umgang mit Kranken

erfahren und das Gespräch mit Patienten erlernen

können. Diese Gruppen kommen ohne Dozenten aus

und werden stattdessen von Studenten, sogenannten

Tutoren, geleitet. Bereits vor über 20 Jahren konnten

Forschungsarbeiten zeigen, dass Studenten in

Anamnesegruppen wichtige Fähigkeiten und

Fertigkeiten für ihren Beruf erlernen, und somit die

Effektivität dieser Gruppen grundsätzlich bestätigen.

[1,2].

Dabei geht es in Anamnesegruppen weniger um das

Erlernen von Gesprächsalgorithmen. Statt dessen

versuchen die Gruppen Studenten die Möglichkeit zu

bieten sich im Gespräch mit Kranken zu erfahren und

betonen dabei den Aspekt der Selbsterfahrung, die in

Anamnesegruppen themenzentriert stattfinden soll.

Um dieses Ziel zu erreichen bedarf es geeigneter

Rahmenbedingungen, wozu ganz entscheidend das

Gruppensetting gehört. Darunter verstehen wir den

strukturellen und zeitlichen Ablauf einer

Gruppenstunde, also die Übereinkunft über Inhalt und

Abfolge von Strukturelementen wie Blitz, Feedback

etc. Ein solches Setting muss folgende Eigenschaften

erfüllen, damit es den Lernzielen von

Anamnesegruppen förderlich ist: a) Es muss die

Möglichkeit für die Entfaltung von Prozess bieten,

79


,--'">

^ ->-/V Sexualität

—^—f_

womit die „Art der Beziehung zwischen miteinander

interagierenden Individuen" gemeint ist. Anders

formuliert: Es muss Raum bieten, in denen Aspekte

der Arzt-Patient-Beziehung sichtbar werden. Alle

Faktoren, die die Prozessentfaltung grob behindern

sind dabei zu vermeiden wie beispielsweise die

übermäßige Konzentration auf die Tutoren

(Frontalunterricht ist nicht prozessorientiert etc.). Das

Gruppensetting soll nicht zu stark strukturiert werden.

b) Das Gruppensetting muss die Möglichkeit bieten

den erlebten Prozess zu verstehen und

durchzuarbeiten. Es muss Strukturelemente geben,

die eine Distanzierung vom Prozess zulassen und

sogar fördern und eine Auseinandersetzung damit

ermöglichen. [3] Zusammenfassend muss das Setting

somit die beiden Komponenten Erleben und Erlebtes

verstehen ermöglichen um die Voraussetzung für das

zu erfüllen, was wir Affektives Lernen bezeichnen

wollen.

Schließlich erscheint uns noch die Übertragbarkeit der

Situation in Anamnesegruppen auf die Praxis

bedeutsam. Die Praxis steht dabei für die Struktur in

der Arbeitssituation von Ärzten. Diese Arbeitssituation

spielt sich für die meisten zunächst einmal im

Krankenhaus ab, so dass geschlussfolgert werden

kann, dass das Setting von Anamnesegruppen dieser

Arbeitsituation der meisten Mediziner am Beginn ihrer

Berufslaufbahn Rechnung tragen muss, will es die

künftigen Ärzte gut auf diese Situation vorbereiten.

Es erscheint uns daher sinnvoll, Überlegungen über

Aufbau und Struktur eines Settings anzustellen, das

die oben genannten Bedingungen besonders gut erfüllt

und für die Arbeit in Anamnesegruppen daher gut

geeignet ist: das sogenannte Anamneseteleskop.

80


Das Anamneseteleskop

Sexualität

Der Begriff Anamneseteleskop ist teilweise der Optik

entlehnt und bezieht sich auf das Ineinanderschieben

von Linsen bei einem Teleskop. Im Kontext der

Anamnesegruppe meinen diese Linsen die

unterschiedlichen Gruppenebenen im Verlauf einer

Anamnesegruppe, die bei dieser Methode integriert

werden, ineinandergeschoben werden sollen. Unter

Gruppenebenen verstehen wir in diesem

Zusammenhang ganz besonders die Ebenen

abgestufter Distanz (Prozessebene - Ebene der

Reflexion - Ebene der Reflexion der Reflexion). Die

Methode integriert dabei a) ein Patientengespräch

zwischen einem Patienten und einer Gruppe von

Interviewern, b) ein Nachgespräch innerhalb der

Gruppe der Interviewer, das durch c) ein

Reflektierendes Team unterstütz wird und schließlich

in d) ein Nachgespräch mit einem Aussenkreis

mündet. Abb. l gibt einen Überblick über den

Gruppenablauf.

a) Das Patientengespräch. In einem ersten Schritt

findet wie gewöhnlich ein Gespräch mit einem

Patienten aus der Klinik statt. Dieser wird zuvor

befragt, ob er sich bereit erklärt, ein Gespräch mit

einer Gruppe von Studenten von etwa 30-45 Min,

Dauer zu führen. (Mach einer Blitzrunde wird der

Patient abgeholt und die Interviewergruppe beginnt

das Gespräch. Die Anamnese soll sich grob am

bekannten Schema von ENGEL orientieren. Sonst sind

die Interviewer dabei in der Gestaltung völlig frei. Die

Gruppe der Interviewer bildet wie gewöhnlich für das

Gespräch einen Kreis, indem sich auch der Patient

befindet. Der Rest der Gruppenteilnehmer bildet einen

Aussenkreis und hört nur zu.

An drei Stellen im Gespräch wird das Interview für

etwa 5 Min. unterbrochen und die Interviewer

tauschen sich nun bewusst untereinander über das

81


Sexualität

Gespräch aus, ohne mit dem Patienten zu sprechen.

Der Patient ist dabei anwesend. Der Inhalt dieses

Gespräches innerhalb der Interviewer ist zwar

grundsätzlich frei, soll sich jedoch die Metaebene nicht

völlig ausschließen. Nach diesen Unterbrechungen

nehmen die Interviewer das Gespräch mit dem

Patienten wieder auf.

b) Das Nachgespräch innerhalb der Interviewer inkl.

RT. Nach Abschluss des Gespräches verlässt der

Patient die Gruppe und wird wieder zurück auf die

Station verbracht. Die Interviewer tauschen sich nun,

nach einer Pause von etwa 5 Min. untereinander über

das Gespräch aus. Dazu sind etwa 30-45 Min.

vorgesehen. Inhalt der Unterhaltung und deren

Verlauf sind frei. Das Gespräch ist ungeleitet. Jedoch

wird dieses Gespräch von einem RT unterstützt.

Während der Patient noch anwesend war, war das RT

Bestandteil des Außenkreises, wovon es sich nun in

Abständen von etwa 15 Min. absetzt, um seinerseits

einen Innen kreis im Innen kreis zu bilden. Die

Interviewer rücken dazu ein Stück zurück und machen

damit Platz für das RT, das sich nun über das

Gespräch innerhalb der Gruppe der Interviewer

austauscht. Nach Ablauf der 5 Min. rückt das RT

wieder zurück (in den Außenkreis} und das Gespräch

innerhalb der Interviewergruppe wird fortgeführt.

c) Das Nach-Nachgespräch. Nachdem das Gespräch

innerhalb der Interviewer geendet hat, stehen erneut

5 Min. Pause zur Verfügung, wonach sich alle

Gruppenteilnehmer einschließlich der Tutoren in der

Großgruppe versammeln und dazu einen Kreis bilden.

Die nächsten 30-45 Min. stehen nun für ein

abschließendes Nachgespräch der vergangenen

Gruppenstunde zur Verfügung. Dieses Nachgespräch

soll von zwei oder drei (je nach Gruppengröße)

Tutoren, entsprechend einer Anamnesegruppe,

geleitet werden und dabei eine gedankliche und

affektive Integration ermöglichen.

82


Ziel und Sinn der Methode

Sexualität

Anamnesegruppen bieten Studenten die Möglichkeit zu

themenzentrierter Selbsterfahrung. Dazu muss ein

Gruppensetting geschaffen werden, das diese Art des

Lernens unterstützen kann. Daneben soll sich die

Situation in Anamnesegruppen auch nicht zu weit vom

Kontext der Alltagssituation von Ärzten entfernen, die

zumeist zu Beginn im Krankenhaus spielt. Weiter gilt:

Affektives Lernen besteht stets aus zwei

Komponenten: Erleben und Erlebtes verstehen. Wie

werden diese Bereiche in dem von uns

vorgeschlagenen Setting umgesetzt und inwieweit

entsprechen sie der Realität im Kontext des

Krankenhausalltags ?

Das Anamneseteleskop gliedert sich zunächst mal

grundsätzlich in zwei Komponenten, nämlich in die

Abschnitte a) Prozess erleben (Patientengespräch) und

b) Prozess verstehen (Nachgespräch mit RT und Nach-

Nachgespräch). Somit ist die Grundvoraussetzung von

oben strukturell erfüllt. Es muss jedoch auch darauf

geachtet werden, dass die Strukturelemente ihrer

Aufgabe gerecht werden können, wozu uns folgende

Anmerkungen von Bedeutung scheinen:

Zu a) Das Patientengespräch, Das Patientengespräch

repräsentiert in Analogie zum Krankenhausalltag die

Situation einer Visite: eine Gruppe von

Ärzten/Studenten/Pflegern führt ein Gespräch mit

einem Patienten. Das Patientengespräch ist die

unmittelbare Ebene der Wahrnehmung. Dieses

Strukturelement soll ganz wesentlich Prozess fördern.

Da sich Prozess und Struktur bekanntermaßen invers

verhalten, ist es von Bedeutung dieses Gespräch so

wenig wie möglich zu strukturieren. Es erscheint uns

in diesem Zusammenhang vorteilhaft, keine

Anweisungen zu geben, was Inhalt und Ablauf dieses

Gespräches betrifft. Die Interviewer sehen sich somit

einer zunächst strukturlosen Situation gegenüber (Wer

83


PO

+ ^ Sexualität

beginnt das Gespräch ? Wer fragt was ? Wer reagiert

wie auf den Patienten ?) und diese Strukturlosigkeit

lässt viel Raum für Prozessgeschehen, was

ausdrücklich erwünscht ist. Auch was den Austausch

innerhalb der Interviewergruppe anbelangt, soll auf

Anweisungen verzichtet werden, da der Patient u.E.

nach Inhalt und Verlauf dieses Gespräches ganz

entscheidend mit beeinflusst und somit Material und

Erkenntnisse über diesen Patienten gewonnen werden

können, die sonst verloren gehen, ähnlich wie das im

psychoanalytischen Setting geschieht [5]

Innerhalb dieses Gespräches haben die Interviewer

bereits die Möglichkeit, sich über den Prozess klar zu

werden, indem sie sich darüber austauschen. Somit

wird bereits angesprochen, was die Interviewer in

dieser Situation beschäftigt: Wie gehen wir

miteinander um ? Wie gehen wir mit unserem

Patienten um ? Welche Gedanken und Gefühle

begleiten uns dabei ? Diese und ähnliche Fragen sollen

Thema dieser Unterredung sein, die die Interviewer in

Anwesenheit des Patienten führen. Wir haben die

Erfahrung gemacht, dass damit der Gefahr begegnet

werden kann, dass die Interviewer aneinander vorbei

arbeiten: Jeder hat an das Gespräch möglicherweise

unterschiedliche Erwartungen und Ziele, die

kommuniziert und somit integriert werden sollen. Eine

Gruppe, die diese Gelegenheit nicht hat, hat es

üblicherweise schwer, ein für alle zufriedenstellendes

Gespräch zu führen. Darüber hinaus wird mit diesem

Austausch auch der Forderung nach Basisdemokratie

in der Arzt-Patient-Beziehung Rechnung getragen, die

SCHÜFFEL im Kontext der Anamnesegruppen fordert

[6]. Schließlich ist die Frage, was die Interviewer sich

trauen zu besprechen und was sie zu dieser Zeit

zurückhalten auch Prozessbestandteil. Die

Prozesskomponente überwiegt in diesem Moment

möglicherweise sogar noch, sind die Interviewer doch

auf sich gestellt und noch Bestandteil des Geschehens.

84


Sexualität

Ganz besonders gewinnbringend scheint uns dabei

gerade die Erfahrung zu sein, wie viel die Interviewer

der nachfolgenden Reflexion vorgreifen können, was

sich davon im Nachhinein bestätigen und was fallen

gelassen werden wird. Wir halten diese Erfahrung für

überaus wirksam, seine Gefühle im Sinne eines

Diagnostikums zu schulen [7]

Zu b) Das Nachgespräch innerhalb der Interviewer

inkl. RT. Dieses Strukturelement repräsentiert die 2.

Metaebene innerhalb dieser Methode (nach der

Unterhaltung innerhalb der Interviewer in Anwesenheit

des Patienten). Beispielhaft kann man sich nun etwa

vorstellen, das Visitenteam hat die Visite

abgeschlossen und ist nun im Stationszimmer zu einer

Nachbesprechung zusammengekommen. Dabei sind

auch Kollegen anwesend, die die Visite nur

beobachtet, nicht aber daran teilgenommen haben

(das RT). Somit wird deutlich, wie in unserem Setting

eine patientenorientierte Praxis im Krankenhausalltag

vorweggenommen wird, eine Praxis, die die

konsequente Reflexion von Gefühlen und Einstellungen

in die Arbeit auf Station mit einbezieht. Es besteht

dabei die Möglichkeit, Prozessgeschehen auf einer

Metaebene zu ergründen und somit zu bergreifen.

Dieses Verstehen geschieht live und stellt eine

besonders effektive Möglichkeit für die Interviewer

dar, ihr Erleben im Spiegel des RT durchzuarbeiten.

Die Gruppenteilnehmer im RT sollen dabei ihre Gefühle

und Gedanken ausdrücken, die während der

Unterhaltung der Interviewer entstanden sind. Es soll

darauf geachtet werden, dass das RT bewusst über die

Interviewer spricht und sich auch räumlich von ihnen

abgrenzt, indem es einem geschlossenen Kreis bildet.

Interviewer und Aussenkreis hören dabei nur zu.

Auch zu diesem Zeitpunkt sind die Ebenen Erleben und

Erlebtes verstehen parallel geschaltet bzw. gehen

langsam in einander über: Die Unterhaltung der

Interviewer in Abwesenheit des Patienten ist


Sexualität

Prozessbestanteil und steht noch unmittelbar in

Zusammenhang mit diesem Patienten: Was denke wir

über das Gespräch ? Sind wir mit uns zufrieden ? Wie

geht es uns untereinander ? Mit den Interventionen

des RT gewinnt die Komponente der Reflexion nun

zunehmend an Bedeutung. Somit wird das Erleben

zunehmend in ein Verstehen überführt. Es ist

strukturell eine äußerst wirksame Voraussetzung für

Selbsterfahrung geschaffen, die unmittelbar erfolgt

und die wir daher für besonders wirksam halten.

Zu c) Das Nach-Nachgespräch im Außenkreis. Nach

Abschluss des Gespräches innerhalb der

Interviewergruppe werden alle Gruppenteilnehmer von

ihren Aufgaben befreit und kommen in der

Großgruppe zusammen. Ziel dieser Großgruppe ist die

Integration der vorausgegangenen Abschnitte in ein

zusammenfassendes Verstehen. Somit wird in diesem

Strukturelement nun ganz überwiegend die

Komponente der Reflexion betont. Beispielhaft lässt

sich hierbei etwa die Analogie zu einer Supervisionsoder

Balintgruppe ziehen, an der das Stationsteam

teilnimmt. Die Distanz zum Prozess ist nun maximal,

wenngleich auch diese Gruppe nicht vollständig

verschont bleiben wird von Prozessgeschehen. Daher

sollte diese Gruppe von zwei oder drei Tutoren geleitet

werden, die eine Integration versuchen müssen. So

weit das möglich ist, soll dabei der Prozess aufgelöst

werden, ähnlich wie das am Ende einer

Anamnesegruppe geschieht.

Zusammenfassen lässt sich: Im Verlauf der Gruppe

findet eine ständige Verlagerung vom Erleben zum

Verstehen statt: Patient und Interviewer inszenieren

am Beginn Prozess und sind somit unmittelbar am

Geschehen. Dabei haben sie bereits die Möglichkeit,

vor-zu- verstehen, wenn sie sich untereinander

austauschen. In einem nächsten Schritt soll ihr

Bemühen, sich über ihre Gefühle und Gedanken klar

zu werden durch ein RT unterstützt werden. Auch

86


•' v . £r

_ Sexualität

^ ^

dieses Element wird abschließend einer Integration im

Aussenkreis zugeführt. Die Analogie zum

Krankenhausalltag (der möglichst patientenorientiert

gestaltet sein soll), die wir eingangs vorausgesetzt

haben wird erfüllt, wenn ein Team von Studenten a)

ein Visitengespräch führt, in das bereits das Bemühen

um ein Verstehen von Prozessgeschehen einbezogen

ist, sich dann b) untereinander austauscht und dabei

auch den Dialog mit Kollegen sucht und schließlich c)

Supervisionsangebote nützt.

Mögliche Modifikationen und Varianten

Die oben beschriebene Struktur stellt eine Möglichkeit

dar, wie das Anamneseteleskop benutzt werden kann.

Wir sind der Auffassung, dass dieses Methode aber

auch genügend interessante Variationen zulässt und

somit eine Anpassung an unterschiedliche Situationen

erlaubt. Wir haben ausgeführt, dass das Setting

grundsätzlich auf etwa 15-25 Gruppenteilnehmer

ausgelegt ist und damit eine Gruppenstärke

eingeführt, die für Anamnesegruppen ungewöhnlich

ist. Ist eine Benutzung auch für Kleingruppen (6-10

Teilnehmer) denkbar ? a) Mann kann auf einen

Außenkreis verzichten. Wenngleich dadurch die Ebene

der Integration zwar verloren geht, so kann das

Setting auch ohne Außenkreis durchgeführt werden.

Das RT ist dann RT und Außenkreis in einem. Der

Ablauf bleibt der gleiche mit der Variation, dass es

dann keine Gruppenteilnehmer gibt, die bis zum

Schluss unbeteiligt bleiben. Es ergibt sich dabei

beispielsweise auch die Möglichkeit auf das RT direkt

im Patientengespräch einzuschalten. Diese Variante

bietet darüber hinaus noch die höchst spannende

Möglichkeit für die Interviewer, live Feedback zu

bekommen und kann u.E. das Setting insgesamt

intensivieren. So können etwa 3 Teilnehmer das

87


Sexualität

Gespräch führen während 3 Teilnehmer das RT bilden.

Die Struktur heißt dann: 1) Patientengespräch,

unterbrochen vom RT (3 x 5 Min.) und im Anschluss

Nachgespräch in der Großgruppe.

Erfahrungen aus der Praxis der Anamnesearbeit

Das Anamnesetelskop ist mittlerweile bereits fast ein

Jahr alt und wir blicken auf erste Erfahrungen mit

dieser Methode zurück, die wir bei unterschiedlichen

Gelegenheiten damit sammeln konnten, u.a. in

Dresden, München, Wien und Freiburg.

Entgegen der Befürchtung mancher ist es bisher noch

nicht vorgekommen, dass Patienten sich im Anschluss

der Teilnahme aus dem Fenster gestürzt oder

Gruppenteilnehmer ihr Studium abgebrochen haben.

Wenngleich es auch nicht immer einfach war mit

dieser Methode zu arbeiten, möchten wir dennoch alle

Tutoren und Gruppenteilnehmer ermutigen sich

diesem Versuch zu stellen, da unsere Erfahrungen

stets das Potential dieser Methode unterstrichen

haben, Prozess in Anamnesegruppen zu fördern und

zu verstehen, bisweilen ausgeprägter als das in

Anamnesegruppen normalerweise möglich ist. Wir

möchten im folgenden einige ausgewählte Aspekte der

Anwendung dieser Methode in der Praxis der

Anamnesearbeit ansprechen, die wir damit gemacht

haben. Somit wollen wir auf Bereiche hinweisen, die

u.E. nach ganz besonderer Aufmerksamkeit bedürfen,

um mit der Methode erfolgreich arbeiten zu können.

Um die Methode auch in der Praxis greifbar werden zu

lassen, besprechen wir die meisten Bereiche im

Kontext von Fallvignetten.

1) Der Umgang mit unterschiedlichen Gruppenebenen.

Zwar ist die Methode daraufhin konzipiert, die Ebenen

von Erleben und Verstehen zu trennen, dennoch

entspricht es unserer Erfahrung, dass der Umgang mit

88


Sexualität

unterschiedlichen Gruppenebnen auch ganz praktisch

nicht immer leicht möglich ist. Das liegt einerseits an

der Komplexität der Methode (Struktur und Zeit) und

andererseits auch am Prozessgeschehen, womit

umzugehen etwas Übung nötig macht.

Zunächst einmal wird es notwendig sein, genügend

Zeit einzuplanen, wenn die Methode erstmals versucht

wird. Die Tutoren sollten dabei sicherstellen, dass alle

Gruppenteilnehmer Struktur und Ablauf der Methode

sicher verstanden und verinnerlicht haben. Fragen

sollen vorneweg geklärt werden. Ganz besonders

wichtig scheint uns in diesem Zusammenhang, dass

die Tutoren dann darauf achten, die Trennung der

Ebenen, die für das Funktionieren der Methode

bedeutsam ist, unbedingt aufrecht zu erhalten. Der

Außenkreis soll sich nicht in das Gespräch der

Interviewer einmischen. Die Interviewer sollen, wenn

sie sich in Anwesenheit des Patienten besprechen nur

untereinander unterhalten und ggf. über den Patienten

sprechen, ihn aber zu diesem Zeitpunkt ausschließen,

wenngleich auch der Inhalt dieser Unterredung im

Anschluss im Dialog mit dem Patienten

selbstverständlich wieder aufgegriffen werden kann.

Das RT soll dann ebenfalls stets über die Interviewer,

aber nie mit ihnen sprechen. In einer Modifikation der

Methode, wobei das RT bereits teilnimmt, während der

Patient noch anwesend ist, illustriert das Problem:

Eine Patientin bewegt sich während des Gespräches

nicht von der Stelle. Auch dann nicht als das RT an der

Reihe ist. Das RT seinerseits will nicht unfreundlich

sein und den Patienten nicht einfach ausgrenzen und

bildete einen Kreis, der den Patienten aufgrund der

Gegebenheiten im Raum mit einschließt. Die

Interventionen des RT sind dann durchweg sehr

vorsichtig und in Übereinstimmung mit der Haltung

der Interviewer und wenig Prozess wurde direkt

angesprochen, wenngleich er doch bemerkt wurde.

89


Sexualität

Das RT kämpft in dieser Situation mit der Abgrenzung

vom Geschehen. Das RT kann seine Aufgabe aber nur

dann erfüllen, wenn ein Abstand vom unmittelbaren

Prozess innerhalb der Gruppe der Interviewer gelingt

und somit eine Supervision dieses Prozesses möglich

wird. Verstrickt sich das RT aber in Übertragungs- und

auch Abwehrprozesse, die zwischen Patient und

Interviewergruppe bestehen, hat es sein Potential

aufgegeben. Um diesem Problem zu begegnen

empfehlen wir daher, auf eine Trennung zwischen RT

und Interviewergruppe zu achten: a) Das RT soll sich

mit dem Geschehen im Innenkreis wirklich

auseinandersetzen und das heißt wörtlich getrenntsetzen.

Das bedeutet, es soll darauf geachtet werden,

dass das RT wirklich einen eigenen Kreis bildet, der

weder Interviewer (noch Patienten) mit einschließt, b)

Das RT soll sich dann stets darauf konzentrieren über

und niemals mit den Interviewern zu sprechen.

Eine andere Problematik, die sich aus der Pluralität der

Ebenen ergibt, ist die Überlagerung der Ebene der

Reflexion mit Prozessgeschehen:

Ein Patient kommt in die Gruppe. Er ist sichtbar

aggressionsgehemmt und berichtet nahezu flüsternd

von seiner Krankengeschichte. Das Interviewerteam

bemerkt diese (vom Patienten abgespaltene)

Aggression zwar, wehrt sie aber ab und thematisiert

diese Gegenübertragungsgefühle nicht. Erst im RT

wird die Aggression sichtbar, wenn sich die Teilnehmer

im RT untereinander in eine Auseinadersetzung

verwickeln, sich gegenseitig angreifen und somit die

Aggression des Patienten greifbar werden lassen.

An dieser Stelle hat eine Verschiebung stattgefunden:

eigentlich sollte die Interviewergruppe Prozess

lebendig werden lassen. Aufgrund der entsehenden

Dynamik reichen die Interviewer aber sozusagen den

Kelch weiter und das RT inszeniert die Dynamik unter

sich ohne eine Position der Distanz zu finden. Erst im

90


Sexualität

Aussenkreis kann die Dynamik teilweise angesprochen

und aufgelöst werden. Das Weitergeben von Prozess

von Ebenen zu Ebene ist eine Beobachtung, die wir

nahezu stets machen konnten. Prozess dieser Art

unterstreichen die Bedeutung der Tutoren, die

unbedingt darauf achten müssen, sich nicht ebenfalls

verwickeln zu lassen und versuchen sollen, wann

immer möglich eine Integration zu gewährleisten [8]

2) Der Zeitrahmen. Das Anamneseteleskop ist

insgesamt auf einen Zeitrahmen von etwa drei

Stunden ausgelegt, was für die Praxis der

Anamnesearbeit schon relativ lang ist. Das kann die

Anwendbarkeit der Methode einschränken, muss aber

nicht a priori limitierend sein. Wichtig dabei scheint es

uns von Beginn an eine Zeitstruktur vorzugeben und

die Gruppenteilnehmer darüber zu informieren. Somit

kann von Beginn an eine Verbindlichkeit geschaffen

werden, was die Dauer der Strukturelemente betrifft.

Das ist aus zwei Gründen von Bedeutung: a) Das

Anamneseteleskop ist, wenn man erstmals damit zu

tun hat nicht immer einfach zusammen zu halten.

Durch die Menge an Strukturelementen verliert man

leicht den Überblick und eine konsequent eingehaltene

Zeitstruktur kann Konfusion vermeiden helfen, sowohl

für die Tutoren, wie auch für die Gruppenteilnehmer

(s.o.). b) Die Zeitstruktur -wird sie konsequent

umgesetzt- begrenzt zwar, wie das jede Form von

Struktur tut, das Prozessgeschehen (Struktur und

Dynamik verhalten sich invers !), sichert aber auch

allen Untergruppen genügend Raum zu für ihre

Aufgabe:

Eine Patientin kommt in eine Gruppe. Das Gespräch

mit den Interviewern wird geradezu absurd

überzogen, so dass die Tutoren, die das Gespräch

nicht von außen beenden wollten, nun vor einem

Problem stehen: Sollen sie die Zeit des

Nachgespräches innerhalb der Interviewer (inkl. RT)

oder das Nachgespräch in der Großgruppe zeitlich


Sexualität

beschneiden oder aber beide zu gleichen Teilen. Die

Tutoren entscheiden sich, die überzogenen Zeit vom

Nachgespräch in der Großgruppe abzuziehen und

provozieren damit eine Krise im Gruppenprozess. Der

Außenkreis fühlt sich völlig unzufrieden und um die

Zeit betrogen, die ihm zugekommen wäre und einige

Teilnehmer dekompensieren dabei.

Die Tutoren haben sich in dieser Situation für den

Prozess und gegen die Struktur entschieden (Motto:

Das Gespräch dauert so lange wie es dauert. Wir

lassen alles kommen, was der Patient zu uns in die

Gruppe trägt). Somit verschieben sie die Dynamik

stetig immer weiter von Gruppe zu Gruppe, von

Interviewergruppe über das RT bis in den Außenkreis.

Der Außenkreis ist nun schließlich die „letzte Wiese"

und muss die Dynamik aufnehmen. Dabei bricht sich

die gesamte Aggression an der Struktur, nämlich dem

Zeitlimit und führt die Krise herbei, die vermeidbar

gewesen wäre, hätten sich die Tutoren nicht

vollständig für den Prozess entschieden. Beachte:

Prozess erleben und Prozess verstehen sind zwei

Bestandteile, die beide Raum haben sollen. Eine

Überbetonung eines Bestandteiles führt entweder zu

unkontrollierbar regressiven Prozessen oder zu

Langeweile innerhalb der Gruppe. Der Prozess allein

rechtfertigt nichts ! Eine Erkenntnis, die wir H. LUSCH

verdanken und die wir für gewinnbringend für diese

Methode halten [9]

92


KelK-klkranks l eam

Abb. l: Das Anamneseteleskop im ÜberblickiZu Beginn

bilden die Interviewer mit dein Patienten einen Kreis. Der

Rest bildet einen Aussenkreis. Wenn der Patient die Ciruppe

verlassen hat, behalten die Interviewer ihren Kreis bei. Vorn

Aussenkreis set/t sieh in regelnlässigen Abständen das KT ab

und kehrt nach etwa !> min. wieder dorthin zurück,

Schliesslich bilden alle Teilnehmer eine Grossgruppe.

93


Ausblick und Diskussion

Sexualität

Anamnesegruppen sind Gruppen, in denen sich

Medizin- und Psychologiestudenten im Umgang mit

Kranken erfahren können. Diese Definition betont den

Aspekt der Selbsterfahrung in der Anamnesearbeit .

Selbsterfahrung integriert stets zwei Abschnitte:

Erleben und Erlebtes verstehen, ein Prozess, den wir

Affektive Lernen bezeichnen. Von dieser Erkenntnis

haben wir in dieser Arbeit abgeleitet, dass

Anamnesearbeit dann am besten funktioniert, wenn

auch die notwendigen Rahmenbedingungen für diese

besondere Art und Weise zu lernen geschaffen

werden. Wir schlagen dafür das sogenannte

Anamneseteleskop vor. Unsere Methode halten wir für

die Anwendung in Anamnesegruppen ausgezeichnet

geeignet, sehen aber auch Schwierigkeiten: a) Der

Zeitrahmen. Das Anamneseteleskop ist auf einen

Zeitrahmen von etwa drei Zeitstunden ausgelegt und

damit über der Zeit einer gewöhnlichen

Anamnesegruppe von etwa zwei Stunden. Wir haben

im Abschnitt über Modifikationen und Varianten

Möglichkeiten ausgeführt, dieser Schwierigkeit zu

begegnen, b) Die Anwendbarkeit für die Tutoren. Über

die Zeitstunden hinaus bedeutet das

Anamneseteleskop u.E. nach aber auch eine intensive

Beschäftigung mit uns selbst, die emotional fordert.

Tutoren müssen sich dieser Herausforderung bewusst

sein, wenn sie mit dieser Methode arbeiten und sollten

im Umgang mit Problemsituationen in der

Anamnesegruppe nicht völlig unerfahren sein.

Eine Bemerkung verdient schließlich noch die Frage

nach der Zumutbarkeit für die Patienten, die an

diesem Prozess teilnehmen. Es wurden dieser Methode

oft Bedenken entgegen gebracht und Befürchtungen,

der Patient könne Schaden nehmen, wenn er an der

Unterredung der Interviewer bzw. am RT teilnimmt.

94


Sexualität

Man könne Prozesse lostreten, die a) nicht bemerkt

werden und b) nicht aufgefangen werden könnten, da

sich im Anschluss niemand um die Patienten kümmert.

Wir halten diese Befürchtung aber für unbegründet

und sehen darin ein Problem , das Anamnesegruppen

regelhaft ausgiebig beschäftigt: Wie viel kann einem

Patienten zugemutet werden ? Welche Fragen nimmt

der Patient möglicherweise übel ? Wie weit kann man

gehen ? Wir denken, dass sich in diesen und ähnlichen

Fragen überwiegend auch die eigene Befürchtung

spiegelt und die Frage: Wie viel kann ich selbst

ertragen ? Von der Befürchtung, die Anamnesegruppe

würde Patienten ausnutzen, berichten bereits

SCHUFFEL aus der Gründerzeit der Anamnesegruppen.

SCHUFFEL setzt diese Beobachtung gewinnbringend

und folgerichtig in eigenen Settingvarianten um

[6].Wir möchten daher ganz besonders im Kontext

dieser Methode dazu ermutigen, eigene Befangenheit

kritisch zu reflektieren, mutig zu sein und Patienten an

unseren Gedanken und Phantasien teilhaben zu

lassen. Das Anamneseteleskop bietet eine

ausgezeichnete Möglichkeit zu erkennen, dass

Probleme von Patienten niemals entstehen, weil sie

angesprochen werden, auch wenn wir vermutlich alle

dazu neigen, dieser Phantasie nachzuhängen.

95


Literatur

Sexualität

1. SCHÜFFEL, W. (1983b; Hg.): Sprechen mit

Kranken, Urban&Schwarzenberg,

München/Wien/Baltimore.

2. SCHÜFFEL, W.; EGLE, U.;SCHNEIDER, A.

(1983): Studenten sprechen mit Kranken, Muench

Med Wochenschr (39): 845-848 .

3. YALOM I. (1995): The Theory and Practice of

Group Psychotherapy, Basic books, A Division of

Harper Collins Publishers Inc., New York.

4. ANDERSEN T. (1991): Das reflektierende Team,

Modernes Lernen, Dortmund.

5. HEIGL-EVERS,A.;HEIGL,F.;OTT,J. (1997):

Lehrbuch der Psychotherapie, Gustav-Fischer-

Verlag, Stuttgart/Jena.

6. SCHÜFFEL, W. (2002): Eine neue

Anamnesegruppe: Off broadway 2001-Im

Virchow-Klinikum beim 21. Maitreffen. In: POM

(19): 31-44 , Jahrbuch für Patientinnenorientierte

Medizinerinnenausbildung, Mabuse-Verlag,

Frankfurt a. M.

7. VON UEXKÜLL/T. (1999), Der Arzt als

diagnostisches und therapeutisches Instrument.

In: POM (16): 13-16, Jahrbuch für

Patientinnenorientierte Medizinerinnenausbildung,

Mabuse-Verlag, Frankfurt a. M.

8. KÖGLSPERGER T. (2004): Sollten wir uns

einmischen oder halten wir uns besser raus ? Ein

Versuch über die Abgrenzung der Tutoren von

ihrer Gruppe. In: POM (21): 5-17, Jahrbuch für

Patientinnenorientierte Medizinerinnenausbildung,

Mabuse-Verlag, Frankfurt a.M.

9. LUSCH H. (2004): Persönliche Mitteilung, Wiener

Tutorentraining 2004.

96


v

M ?*

Sexualität

Bericht über meine Erfahrungen mit

Anamnesegruppen

Wie ich dazu kam, an einer Anamnesegruppe

teilzunehmen: Während einer Veranstaltung innerhalb

der OE-Woche hat ein Student Werbung für eine

Anamnesegruppe gemacht und es hörte sich sehr

vielversprechend an, was er zu berichten hatte.

Vor allem machte es insofern Mut, als das Studium, in

welchem ja schließlich der Mensch im Mittelpunkt

stehen soll, hier die Chance bietet, auch wirklich etwas

mit diesem zu tun zu haben. Vorher wurde uns

nämlich stark das Gefühl vermittelt, dass man

innerhalb der nächsten Semester (zumindest bis zum

Physikum) nichts mit Menschen zu tun haben würde.

Es sollte nämlich vielmehr um so genannte

Grundlagen gehen, aber eben auf

naturwissenschaftlicher Basis.

Es machte den Anschein, als sollte somit kein Platz für

die „menschlichen" und emotionalen „Basics"

bestehen. Doch genau das scheint mir sehr wichtig zu

sein. Gerade das Heranführen an den Umgang mit

kranken Menschen sollte gelernt sein. Zumindest habe

ich diese Erfahrung durch meine Anamnesegruppe

machen dürfen. Vor allem nämlich die Sicherheit im

Umgang mit Kranken kann ausschlaggebend für den

Verlauf eines Gesprächs sein und genau diese

Sicherheit kann man durch Wiederholen von

derartigen Gesprächen erlangen.

Es geht darum, innerhalb eines Anamnesegespräches

dem Patienten das Gefühl einer gewissen Vertrautheit

entgegenzubringen, damit er so viel wie möglich

erzählt und insbesondere emotional etwas von sich

preisgibt. Denn es ist bekanntermaßen keine

Seltenheit, dass psychische Probleme die Ursache von

97


Sexualität

Erkrankungen sind. Und wenn sie es nicht sein sollten,

kann man dem Patienten dennoch durch derartige

Gespräche helfen, indem man ihm das Gefühl gibt,

dass man ihm wirklich zuhört. Außerdem kann man

noch dazu einen recht authentischen Eindruck über

den Patienten bekommen

Sehr gut fand ich ganz einfach, dass man mal neben

der ganzen Theorie, die man sich innerhalb dieses

Studiums aneignen muss, auch noch die Möglichkeit

hat, in Form solcher Anamnesegruppen etwas

Praktisches zu tun, was einen auf das spätere

Berufsleben eher vorbereitet. Die Umsetzung von all

dem, was man so während der Studienzeit lernt, wird

einem nämlich leider zum Großteil nicht im Rahmen

der Uni vermittelt.

Eine der besten Erfahrungen, die ich durch die

Anamnesegruppe machen durfte, war, dass man seine

Grenzen ( gerade die emotionalen) austesten kann

und im Falle, dass man mal an sie stoßen sollte, nicht

allein damit gelassen wird! Man kann dadurch dann

auch vor allem lernen, mit eigenen Erfahrungen,

welche sich natürlich ebenfalls auf die eigene

Gesprächsführung auswirken, besser umzugehen, sie

und sich selbst zu verstehen und sie vielleicht auch als

Folge eines Lernprozesses zu modifizieren. Für mich

stellt die Anamnesegruppe so was wie meinen

„Fallschirm" dar, der mir eine gewisse Form von Halt

gibt, die Vorklinik emotional gut zu überstehen. Sie

führt mir immer wieder vor Augen, dass es der

98


Sexualität

Moderne Wege zum Wissen

Informationssicherheit für Studium und Forschung

- Medizin

- Pharmazie

- Naturwissenschaften

- Informatik/EDV

- Diagnostik-Artikel

FACHBUCHHANDLUNG

Steinweg 35a • 35037 Marburg

Telefon: 06421/5901-20 « Fax: 06421/5901-23

e-mail: mr@lehmanns.de • Internet: www.LOB.de

Mo-Fr 9.00-18.30 Uhr • Sa 10.00-14.00 Uhr

99


POM

i y Sexualität

richtige Beruf für mich ist. Man kann nämlich immer

wieder zwischendurch den Eindruck bekommen, dass

das Studium recht wenig mit dem Beruf des Arztes zu

tun hat.

Ein weiterer positiver Punkt besteht darin, dass man

auch die Leute innerhalb dieser Gruppe ziemlich gut

kennen lernt und sich ein gegenseitiges Verständnis

füreinander aufbaut, das es dann auch ermöglicht, mit

Kritik durch die anderen umzugehen, da sie in diesem

Falle nämlich sehr konstruktiv ist. Und genau derartige

Kritik kann einen enorm weiter bringen.

lsabel Budiner, Marburg

SlNO -HÖFUCHE. ttE^-SCHe^StE. KUOPFQ-J

LfUTtN MJF IPEM -EaAXJLCH, EHE

.SIE. HEREjNK.OMnc.Ni...

100


y

v

POM ?*

^^Tzk Sexualität

Erfahrungsbericht zur Anamnesegruppe

e kommt man zur Anamnesegruppe?

Das Medizinstudium begann für mich mit einer

ziemlich demotivierenden Einführungswoche. Bis dahin

hatte ich zwar schon liebe, nette Menschen kennen

gelernt und Kontakte geknüpft, aber die OE

( = Qrientierungseinheit) verlief ganz anders als ich

gedacht hatte. Der Einblick ins Studium bestand für

mich zum größten Teil aus Horrorgeschichten über

ungerechte Profs, Durchfaliquoten bei Klausuren und

Testaten und durchlernte Nächte. Ganz so schlimm

hatte ich mir das Medizinstudium eigentlich nicht

vorgestellt.

Sollte ich wirklich bis zum Physikum keinen Kontakt zu

Patienten haben, nichts über verschiedene

Krankheiten erfahren, nichts Praktisches lernen? Dann

erfuhr ich von den Anamnesegruppen und war sofort

dabei!

Mein Bericht beginnt mit der Frage „Wie kommt man

zur Anamnesegruppe", denn genau wie ein

Anamnesegespräch wird mein Bericht aus Fragen und

Antworten bestehen, wobei die Fragen die Richtung

angeben und die Antworten die Inhalte. Dabei handelt

es sich vorwiegend um Fragen, die ich mir vor

unserem ersten Anamnesegespräch selbst gestellt

hatte und keine genaue Antwort darauf wusste.

Wie „besorgt" man einen Patienten?

Einen Patienten „besorgen", das war am Anfang die

Aufgabe, die jeder eher ungerne auf sich nahm. Bis

auf wenige Ausnahmen hat sich aber gezeigt, dass alle

101


Sexualität

Bedenken unnötig waren. Die meisten Patienten sind

sehr offen und nehmen gerne an einem Gespräch teil.

In der Uniklinik ist man schließlich auch an Studenten

gewöhnt. Nur einmal habe ich es erlebt, dass eine

Patientin zu traurig war, um immer wieder

verschiedenen Menschen, egal ob Ärzten, Studenten

oder Angehörigen, von ihrer Krankheit zu erzählen.

In der Regel dauerte es nicht lange, einen für ein

Gespräch aufgeschlossenen Patienten zu finden. Aber

es gibt immer Ausnahmen. Beispielsweise kann es in

der Hautklinik schon mal eine knappe halbe Stunde

dauern einen Arzt zu finden, der einen dann zu einem

anderem Arzt schickt, der wiederum erklärt, dass die

Klinik Patientengespräche von Studenten geführt

prinzipiell ablehnt. So wendet man sich an die

benachbarte HNO-Klinik und landet als erstes auf der

Station, die Anamnesegespräche zwar prinzipiell

befürwortet, jedoch nur Patienten habe, die im

Umgang sehr schwierig seien. Eine Etage tiefer muss

man wieder einmal alles von vorn erklären, wobei es

sich bei einer Anamnesegruppe handelt. Natürlich

erklärt man dies einmal den Schwestern, die dann an

die Ärzte verweisen, dann erklärt man es den Ärzten

und dann schließlich - von Patientenzimmer zu

Patientenzimmer gehend, einer Menge von Patienten.

Es kann passieren, dass erst im letzten Zimmer sich

ein Patient oder eine Patientin zum Anamnesegespräch

bereit erklärt.. Ein dutzend mal hat man manchmal

an einem Nachmittag sein „Sprüchlein" aufgesagt und

es perfektioniert. Schließlich braucht man sich nicht

mehr fragen, wie man einen Patienten besorgt, man

hat es ja schon so oft gemacht...

102


Wie beginnt man das Gespräch?

Sexualität

Basis eines guten Gespräches ist ein gelungener

Einstieg. Aber wie fängt man an? Müssen nicht erst

einmal alle Fakten geklärt werden, bevor das

Gespräch richtig beginnen kann?

Da ich selbst nur ungern ausgefragt werde, sondern

lieber frei erzähle, stelle ich mich zunächst selbst vor

und frage dann nach dem Namen des Patienten. Dann

stelle ich eine offene Frage, wie sie viele von uns

bevorzugt haben. Z.B. „Warum sind sie jetzt im

Krankenhaus?" So erhält man durch eine einzige Frage

schon viele wichtige Informationen. Allerdings gibt es

etliche - meist ältere - Patienten, die von sich aus gar

nicht mehr aufhören möchten zu erzählen. Somit

kommen wir gleich zur nächsten Frage:

Wie lenke ich das Gespräch?

Kann ich einen Patienten einfach unterbrechen, wenn

ich merke er kommt vorn Thema ab? Das ist eine von

den Fragen, die immer wieder in unserer

Abschlussdiskussion des Seminars vorkam. Manchmal

ist es gut, wenn der Patient frei erzählt, denn dadurch

wird man oft auf viele Faktoren aufmerksam, die man

sonst nicht bedacht hätte. Denn die meisten Fragen

ergeben sich ja erst durch die Antworten. Jedoch kann

es auch passieren, dass man bei langen Antworten

den Faden verliert und hinsichtlich mancher

Sachverhalte nicht mehr nachfragt.

Aber genau das empfand ich eigentlich immer am

spannendsten. Auf der einen Seite ist man gezwungen

aufs Genauste zuzuhören und man muss lernen, an

den richtigen Stellen genau nachzuhaken oder durch

geschickte Zwischenfragen auf ein bestimmtes Thema

zu kommen. In jedem Gespräch lernt man etwas

103


Sexualität

dazu, auch in den Gesprächen, die man selbst gar

nicht geführt hat, sondern ein anderes Mitglied der

Anamnesegruppe. Somit kann es auch nie langweilig

werden. Interessant ist auch, dass verschiedene

Zuhörer sich ganz verschiedene Aspekte merken, die

der Patient erwähnt hat.

Wie beende ich ein Gespräch?

Wann ist der richtige Zeitpunkt gekommen ein

Gespräch zu beenden? Was mache ich, wenn mir

keine Fragen mehr einfallen? Über solche Fragen hatte

ich mir noch nie Gedanken gemacht. Mir war auch

nicht bewusst, dass es schwieriger ist ein Gespräch zu

beenden als zu beginnen.

Beispielsweise hatte ich bei einer schwangeren

Patienten ins sehr kurzer Zeit alle Informationen

erhalten und gesammelt. Ich empfand es als sehr

unangenehm, keine weiteren Fragen mehr zu haben

und eigentlich das Gespräch mehr oder weniger abrupt

beenden zu müssen. Schließlich fragte ich die

werdende Mutter, ob sie schon das Geschlecht des

Kindes weiß und sich schon einen Namen überlegt hat.

Danach konnte ich das Gespräch beenden.

Andere in unserer Gruppe haben bei wortkargen

Patienten am Ende danach gefragt, ob sie noch etwas

hinzufügen möchten.

Bevor man das Gespräch beendet, sollte man alle

wichtigen Informationen gesammelt haben, die für die

Anamnese notwendig sind.

104


Sexualität

Wie kann ich einschätzen, ob ein Gespräch gelungen

ist?

Wenn ich nach dem Gespräch ein gutes Gefühl hatte,

fiel auch die Kritik der Gruppe überwiegend positiv

aus.

Wichtig ist vor allem auch, dass man eine gute

Gesprächsebene gefunden und der Patient Vertrauen

gewonnen hat. Die Gespräche waren eigentlich immer

gelungen, da wir immer nur dadurch lernen konnten.

Was man „falsch" gemacht hat, wird nicht nur bei

einem selbst, sondern meist auch bei den anderen der

Anamnesegruppe das nächste mal besser. Manchmal

ärgert man sich, wenn man ein interessantes Detail,

das der Patient angedeutet hat, nicht näher erfragt

hat. Oder man hat nicht alles erfahren können.

Dennoch war das Ergebnis immer positiv. Und

abschließend kann ich nur sagen, dass die

Anamnesegruppe mir in vielerlei Hinsicht viel gebracht

und ich viel gelernt habe. Außerdem kam der Spaß,

trotz der ernsten Themen, auch nie zu kurz.

Anja Lohmann, Marburg

05


POM /*

SELBST EER KLEINSTE

LASCHT :DEM GocfSEN

Gesungene Gruppendynamik

Sexualität

Phänomene der Kommunikation sind vielfältig, und es

gibt weitaus mehr Dimensionen, in denen man

kommunizieren kann, als die rein verbale Ebene. Die

Beschäftigung mit diesen Dimensionen ist mindestens

genauso wichtig wie die inhaltliche Ebene.

Ein Versuch, Kommunikation in einer Gruppe einmal

nicht primär als verbalen Informationsaustausch zu

erleben, wurde beim 2. Süddeutschen Treffen der

Anamnesegruppen in München (11.12.2004)

unternommen. Christian Stähr, Kirchenmusikstudent

aus Stuttgart, führte mit den Teilnehmern eine Einheit

"Chorische Vokalimprovisation" durch.

Vokalimprovisation heißt, mit der eigenen Stimme zu

gestalten, zu agieren und zu reagieren, ohne Bindung

an Noten oder Vorbilder.

106


Sexualität

Chorisch bedeutete in diesem Fall, dies in einer

Gruppe zu tun, in der alle Teilnehmenden prinzipiell

die selbe musikalische Rolle spielen konnten. Der

Ablauf des Seminars gliederte sich in zwei Teile: In

den ersten 90 Minuten wurden einzelne

Improvisationen durchgeführt, wobei vom Leiter

Gestaltungsimpulse und einige wenige Regeln

vorgegeben wurden. In den letzten 45 Minuten wurde

das Erlebte - nun wiederum auf der verbalen Ebene -

besprochen.

Ein Teil unserer Zielsetzung war, Kommunikationsund

Gruppenphänomene zu erleben. In den

Improvisationen wurde auf verbale Kommunikation

verzichtet. Statt dessen wurde sichtbar, wie viele

Inhalte bereits durch klanglichen Ausdruck, Mimik und

Körpersprache vermittelt werden; der Blick auf diese

Kommunikationsebenen wurde nicht durch die - in

unserer gewöhnlichen Kommunikation dominierenden

- Worte verstellt. Die Gruppenprozesse wurden auf

eine andere Weise und unvermittelt erfahrbar, indem

sie sich vorwiegend in Lautäußerungen abbildeten.

Ebenso wichtig war uns das musikalische Ergebnis des

Experiments. Inhalt, Struktur und Vorgaben richteten

sich hauptsächlich nach musikalischen

Gesichtspunkten, und unter diesen wurden einzelne

Improvisationen direkt nachbesprochen.

Bewusst war die Einheit jedoch so konzipiert, dass

stimmliche oder musikalische Erfahrungen nicht

Voraussetzungen waren. Da Improvisation in der

klassischen Musik meist eine untergeordnete bis gar

keine Rolle spielt, waren die Mittel und die Ergebnisse

auch für die aktiv Musik Betreibenden unter den

Teilnehmern Neuland. Ein stimmliches und

körperliches Aufwärmen weckte das Bewusstsein für

die eigenen phonetischen Möglichkeiten - spätestens,

als "HARIBO" durch den Raum geworfen, gekegelt und

geschossen wurde, war der eigene Ausdrucks- und

Kommunikationswille gefordert. Die Vorgabe dazu

107


Sexualität

lautete, bei jedem Wurf das Wort "HARIBO"

auszurufen, jeweils in einer dem Werfenden

überlassenen Einfärbung. Bereits bei dieser Übung

wurde deutlich, dass auch ohne (sinnvolle) Worte

Inhalte plastisch und unmittelbar spürbar transportiert

werden können. Eine erste Improvisation mit der

Vorgabe, einen gemeinsamen Klangraum zu entfalten,

führte zu einem intensiven Klang- und Gruppengefühl,

das (wie sich in der Rückmeldung zeigte) für viele zu

der dichtesten Erfahrung des Vormittags überhaupt

wurde, wohl deshalb, weil der individuelle Freiraum

und die klangliche Einbindung in die Gruppe in idealer

Balance zueinander standen und ein wohliges Gefühl

auslösten.

Die Gestaltungsimpulse und Vorgaben des Leiters in

den folgenden Improvisationen hatten die Aufgabe,

die Vielzahl der phonetischen

Gestaltungsmöglichkeiten einzuschränken und durch

die Beschränkung die Möglichkeit zur Intensivierung

zu schaffen. Die Mittel und Ziele waren letztlich ein

Ausschnitt aus der Vielfalt menschlichen Ausdrucksund

Kommunikationsvermögen und -Unvermögen. So

wurde ein sprachlicher Satz so oft wiederholt, bis sich

seine eigentliche Bedeutung auflöste und zu

phonetischer Musik wurde; absurdes Theater gab

Raum, aus sich herauszutreten (und - viel stärker als

bei den rein klanglichen Übungen - die Sogwirkung

einer Gruppe zu erfahren); ein Vulkanausbruch

brauchte zwei Anläufe, um - von allen getragen -

hörbar zu werden.

In der Nachbesprechung zeigte sich, dass die

scheinbar harmlosen (weil rein musikalischen und

spielerischen) Aktionen bei vielen Teilnehmern eine

innere "Unruhe" ausgelöst hatten, die sich schnell in

einen Austausch über die Erfahrung in und mit der

Gruppe entlud. Zu der stimmlichen und körperlichen

Anstrengung des ersten Teils war auch eine

emotionale Anstrengung hinzugetreten, die wohl

108


Sexualität

keiner erwartet hatte. Vielfach angesprochen wurde

die besondere Erfahrung, als Gruppe weitgehend ohne

Worte, aber intensiv interagiert zu haben und sich als

Gruppe verstanden zu haben. Dies war möglich,

obwohl sich die Teilnehmer nicht alle untereinander

kannten.

Die Einheit zur chorischen Vokalimprovisation

vermittelte einen guten Eindruck von

Kommunikationsprozessen, die sich im Rahmen eines

sehr freien Spiels mit Klang, Stimme und Kreativität in

einer Gruppe darstellen lassen. Nachdem durch

Verbalisierung und Austausch viele Punkte bewältigt

worden waren, die die chorische Vokalimprovisation

freigelegt hatte, legte sich die Anspannung und

hinterließ trotz Müdigkeit einen wachen Geist und das

besondere Gefühl, in einer ungewohnten und

besonderen Weise miteinander verbunden gewesen zu

sein.

Christian Stähr, Stuttgart fchristianstaehrtaomx.de)

Michael Hunze, München (michael. hunze@web.de)

109


Städtebericht aus München

Sexualität

In München haben die Anamnesegruppen ihre Arbeit

in den vergangenen beiden Semestern erfolgreich

fortgesetzt.

Orientiert an den guten Erfahrungen aus Wien und

Dresden haben auch wir begonnen, Studierende der

Psychologie in die Anamnesegruppenarbeit

einzubeziehen. Das Angebot wurde von zahlreichen

motivierten Psychologinnen und Psychologen

angenommen, und wir erleben die Arbeit in den

"interdisziplinären" Gruppen als interessanter und

differenzierter. Es gab im vergangenen

Wintersemester bereits eine Gruppe, die von einem

gemischten medizinisch-psychologischen Tutorenpaar

geleitet wurde; auch damit haben wir gute

Erfahrungen gemacht. Außerdem fand im Dezember

2004 das 2. Süddeutsche Treffen der

Anamnesegruppen statt.

Im Jahr zuvor hatten die Ulmer eingeladen, dieses

Jahr war München der Gastgeber für Teilnehmer aus

Ulm und Freiburg. Gemeinsam verbrachten wir einen

Tag mit Seminaren. Es gab eine Einheit "Chorische

Vokalimprovisation" (vgl. gesonderter Artikel) sowie

experimentelle Anamnesegruppen: zum einen ein

"Anamneseteleskop" (vgl. gesonderter Artikel), zum

anderen eine "Patient-plus"-Runde, also eine

Anamnesesitzung, in der der Patient im Nachgespräch

anwesend ist und in bestimmter Weise einbezogen

wird. Das Treffen endete - stillos - in einer "Bad

Taste"-Party.

Neben den normalen Anamnesegruppen haben wir in

den vergangenen beiden Semestern auch die

"Freitagsreihe" fortgesetzt, eine lockere

Veranstaltungsreihe zu Themen aus dem Bereich der

psychosozialen Medizin. Die Seminare befassten sich

dieses Mal mit der Balint-Arbeit, mit den

Auswirkungen von sexueller Gewalt auf

110


Sexualität

Schwangerschaft und Geburt und mit Drogensucht im

Jugendalter; daneben waren ein Besuch auf der

Palliativstation und ein Filmabend Bestandteil des

Programms.

Michael Hunze fmichael.hunzegiweb.de)

£UNGE. WütoSCH

111


...UND UM ULM

HERUM

13

Sexualität


Sexualität

Kommunikationshürden im „Ausland" - ein

sprachlicher Rückblick auf das Tutorentraining in

Wien

Ihr denkt, Österreicher und Deutsche sprechen die

gleiche Sprache? Das dachte ich auch, bevor ich nach

Wien kam...

Ich hatte ja schon einige Tücken der Österreichischen

Sprache kennen gelernt, nachdem ich beim Maitreffen

in Dresden mit zwei Studentinnen aus Wien

zusammen gewohnt hatte. Da wusste ich dann nach

vier Tagen, dass das taugt ma so viel heißt wie das

gefällt mir und den Ausdruck streichfähig für fix und

fertig fand ich auch super!

Aber in Wien wurde es komplizierter. Schon die

Begrüßung Grüß Gott fiel mir schwer. Dazu muss

natürlich gesagt werden, dass dies nicht nur in

Österreich so ist, sondern auch in Süddeutschland

und dass ich als Norddeutscher ( = rund-um-die-Uhr-

Mo/n-sager) ein besonderer Fall bin. Beim Frühstück

ging es weiter, denn was soll man tun, wenn jemand

nach einem Häferl fragt? Meine erste Assoziation war

Hefeweizen, aber das passt nicht so gut zum

Frühstück. Nein, es ging einfach nur um einen

Becher.

Die Straßenbahn heißt Bim und das Brötchen

Semmel, das sind einfache Begriffe, die ich auch

durchaus schon mal gehört hatte. Das Bestellen der

Apfelschorle mit dem Ausdruck g'spritzt fiel mir bis

zum Schluss schwer. Sehr verwirrend finde ich auch

die Bezeichnungen für rauf und runter; aufi für rauf

ist verständlich, aber wer würde bei obi wohl an

runter denken?

Wenn jemand verschwinden soll, sagt man geh doni

und wenn etwas nervt, benutzt man deis zipft mi an

(mein persönlicher Lieblingsausdruck!).

Gewöhnungsbedürftig war für mich auch die Wendung

das geht sich aus, wenn etwas noch passt und abends

114


Sexualität

liegen zu gehen, statt schlafen zu gehen kam mir

auch etwas komisch vor.

Bei einer Freundin gab es

Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den

verschiedenen Landsleuten beim Ausdruck wurlert,

der sich scheinbar nicht besonders gut übersetzen

lässt, aber mit aufgewühlt/kribbelig konnten wir

schon eher etwas anfangen.

Auch während eines Anamnesegesprächs, bzw

während des Nachgesprächs gab es ein sprachliches

Missverständnis. Denn ich begrüßte den Patienten

nicht mit Guten Tag!, sondern mit Hallo!. Als dann im

Nachgespräch die Diskussion über das Duzen oder

Siezen von Patienten aufkam, redeten wir eine Weile

aneinander vorbei, bis ich begriff, dass es in

Österreich üblich ist, nur die Leute, die man duzt, mit

Hallo zu begrüßen. Dabei war es absolut nicht meine

Absicht gewesen, den Patienten zu duzen, auch wenn

er nicht viel älter war als ich.

Aber auch trotz (und auch wegen) der kleinen

sprachlichen Hindernisse, war ich sehr froh, dass ich

in Wien dabei war, denn die Woche hat mir

unheimlich viel Spaß gemacht und mich auch

anamnestisch weitergebracht! An dieser Stelle noch

mal ein herzliches Dankeschön nach Wien! Außerdem

muss ich sagen, dass sich, was die Sprache angeht,

schon innerhalb einer Woche Lernfortschritte gezeigt

haben, denn am Anfang musste meine Gastgeberin

sich Mühe geben, einigermaßen Hochdeutsch zu

sprechen (oder ich habe ständig nachfragen müssen)

und am Ende konnte ich so gut wie alles in schönstem

steirischen Dialekt verstehen. Für einen

Norddeutschen schon eine Leistung. Dafür kann sie

jetzt einen Plattdeutschen Trinkspruch ©!

115


Sexualität

PS: Es ist durchaus möglich, dass einige Ausdrücke,

die ich verwendet habe, entweder anders geschrieben

werden sollten oder gar nicht typisch Österreichisch

sind. Es sind alles nur subjektive Eindrücke!

Lisa Mantel, Lübeck

116


Sexualität

Sicherheit

bei der Untersuchung!

Dual genial: Lehrbuch

und RepetJtorluni In einem

Duale MI*

Exiellemr Fort» und Zfichnungen

demonstrieren die Untersuch u ngsleihniken

Schrill fUr Schrill

* Mit Bllckdufnoien-Tril und

zahlreichen ex cm p lyrische n Foicn

pjtholojiichf t Bei und«

Oulr Reihe ArMmneM

2, nflil. «twtrt u. «w. A. JOOi.

tttv.(tiAbb..k«1.

IUN3 t} IJMtiJ ««,«fC«F7*.-

der Pjrn'nrcnunrt'rsiirluing

snw

du- wtctuifsirn Untor^uilHinjUtthrlikcn

wi'rtlcn hirr unifj'-spiKl rtJigcsrrllt

Bosfhwpidcn sirv] in jpdem

KJpitrl n^crt Djuer, Surki 1 . An und

[.DkJlHJtinn crpliodcn. ßolundp njth

Insprftnon. Pjlpjiinn, PffVussmn.

Auskulunon und funklioniprufiin?

An^mnrw und Bdurnl

Djlimrr

? ' •!»: 61S ', lS9*bb hl''

nt-t l ! l J5i»09_'f !1.»i(CM( i«.»t

AMOMMM Ur dt KttttJtucfce

Chixltltstc AnÄmncic

Ncut^lh'Lohsf

.'OD. 1 S»^.UM


Weshalb Tutor/in???

Sexualität

Das ist wohl die große Frage, die sich ein jeder stellt,

wenn er gefragt wird, ob er Tutor/in einer

Anamnesegruppe werden möchte. Naja, zumindest

sollte man es sich fragen...

Manch einer wird sagen, -ganz klar, was gibt's denn

da zu überlegen. Aber vielleicht ist es oder war es für

einige gar nicht so klar, weshalb man das

unkomplizierte Dasein als Teilnehmer aufgeben und

statt dessen fortan als Tutor/in verantwortungsvoll

und beinahe fürsorglich eine Gruppe leiten sollte.

Es gab wohl mehrere Gründe dafür, dass ich

letztendlich nach Wien zur Tutorenschulung gefahren

bin.

Angefangen hat es natürlich, wie könnte es anders

sein, auf dem Maitreffen in Dresden. Wir hatten ein

tolles Wochenende und, vom Anamnesefieber gepackt,

malten wir uns schon aus, wie toll es doch werden

würde, wenn wir alle ins schöne Wien fahren würden

um an der Schulung teilzunehmen. Es wäre natürlich

gelogen zu behaupten, dass Wien als Stadt und

beliebtes Reiseziel keinen Einfluss auf unsere

Begeisterung hatte©.

Und nach mindestens einem Semester als Teilnehmer

konnten wir auch genauso gut als Tutoren weiter

machen. Schließlich wird ja immer Nachwuchs gesucht

und einen wirklichen Unterschied macht es wohl nicht,

ob man Teilnehmer oder Tutor ist..., oder???

Das waren so in etwa die Gründe, die mich nach Wien

getrieben haben; der Spaß an der Anamnesegruppe

und die Vorfreude darauf, bekannte (und unbekannte)

Gesichter aus anderen Städten (wieder) zu treffen.

Dabei war ich kurz davor dann doch so nah daran,

nicht nach Wien zu fahren. Denn schließlich war ich

die einzige, die nach Planung fürs Pflegepraktikum und

Lernen für die Semesterferien noch übrig war von den

Marburgern und den Termin im Kalender frei halten

118


Sexualität

konnte (von Marburgs Vorzeige-Tutoren mal

abgesehen©).

Franz-Josef und den Dresdenern sei Dank, dass ich

nicht auch noch abgesagt und doch am „Abenteuer

Tutorenschulung" teilgenommen habe...

Während einer wirklich tollen, aber auch sehr

anstrengenden Woche in Wien ist mir dann jedoch

sehr schnell klar geworden, dass es da doch ein paar

mehr Unterschiede zwischen Teilnehmer und Tutor

gibt, über die ich mir vorher, vielleicht auch zu meiner

Schande?!, kaum Gedanken gemacht habe.

Manch einer wir jetzt lachen, wenn ich schreibe, dass

ich geschockt war über die Erkenntnis, als Tutorin

selbst kein Patientengespräch mehr führen zu können.

Auch sollte man sich im Gruppengespräch etwas

zurückhalten und das Gespräch ggf. nur lenken. War

es also nicht viel schöner und unbeschwerter aktiver

Teilnehmer zu sein???

Das war der Gedanken, der während der Schulung in

Wien des öfteren aufkam.

Die Woche zehrte doch sehr an Seele und Geist und

hat mich des öfteren an meine Grenzen getrieben. Ich

habe mich schon manchmal gefragt, ob das denn alles

eine so gute Idee gewesen ist.

Es war beruhigend zu hören, dass es den anderen aus

meiner Gruppe nicht anders ging und sie ähnliche

Zweifel quälten. Genauso toll war es aber auch mit

ihnen gemeinsam diese Zweifel zu beseitigen und

wertvolle Erfahrungen im Umgang mit Patienten und

innerhalb der Gruppe zu machen. Denn auch als

Tutorin bin ich Teil der Gruppe, kann mich einbringen

und kreativ sein, wenn auch meist auf andere Weise.

Es ist außerdem schön die Entwicklung innerhalb der

Gruppe zu sehen und den Teilnehmern den Spaß an

der Anamnesegruppe zu vermitteln.

Dies waren dann schließlich u.a. auch die Gründe, die

mich, trotz all den Anstrengungen und Selbstzweifeln

119


•4-

\

Sexualität

in der Woche, doch davon überzeugten, dass die

Arbeit als Tutorin auch viele schöne Seiten hat und

mein Vorhaben Tutorin zu werden gar nicht so

abwegig erschien.

Gegen Ende hatte ich dann doch das Gefühl, in dieser

Woche ein klein wenig gewachsen zu sein und den Job

als Tutorin meistern zu können.

Mit Vorfreude und Neugierde auf die Gruppe und

meine Arbeit als Tutorin bin ich schließlich zurück nach

Marburg gefahren. Mit im Gepäck hatte ich wertvolle

Erfahrungen aus Wien und die Erinnerung viele liebe

Menschen, die ich in dieser Woche kennen gelernt

habe und mit denen ich viel Spaß hatte, in einer

wirklich tollen Stadt... .

Zwar habe ich in Wien lernen müssen, dass es

tatsächlich mehr heißt Tutorin zu sein, als einmal

wöchentlich Leute zusammen zu trommeln und Raum

und Patienten zu besorgen©, aber nach einer Woche

„Hardcore-Schulung" bin ich doch bestens gerüstet

gewesen um das „Abenteuer Anamnesegruppe"

anzuknüpfen.

Nach nun einem Semester als Tutorin einer tollen

Anamnesegruppe kann ich sagen, dass es eine wirklich

gute Entscheidung war nach Wien zu fahren. Denn es

macht wirklich Spaß Tutorin einer Anamnesegruppe zu

sein, - auch wenn man selber kein Gespräch mehr

führen kann...©!

Deshalb zu guter letzt: DANKE Aloha-Gruppe und

DANKE Wien!!!

Julia Hergarten (Marburg)

20


Erfolgsrezept!

• Patientenfreundhch

• Hochwirksam

• Sicher

Sexualität

REMERGILSolTab'

21


Sexualität

Internationaler Balint-Preis 2006

Für Medizinstudenten

"Ascona-Modell" (WHO)

Das von Prof. B. Luban-Plozza und vielen anderen

entwickelte „Ascona-Modell" (WHO) unterstützt die

Grundprinzipien einer beziehungsorientierten

Ausbildung zum Arzt. Es ist ein Synergie-Modell und

zeigt Wege auf, die Arzt- Patient- Beziehung in einer

Empathie-, narrativ- und prozessorientierten Medizin

evidence basiert zu erkennen und umzusetzen. Das

„Ascona-ModelP hat seinen Ursprung in den

bahnbrechenden Arbeiten von Enid und Michael Balint.

Ihnen zu Ehren wurde der Preis 1976 gestiftet. Er wird

alljählich entweder in Ascona - 2004 -, oder bei den

alle zwei Jahre stattfindenden Kongressen der

Internationalen Balint- Federation - 2003 in Berlin -

an Studierende der Medizin verliehen, die eine Arbeit

über eine Situation, eine persönliche Begegnung und

reflektierte Erfahrung mit einem Patienten vorlegen.

Ausschreibung Int. Balintpreis 2006 /

Abgabeverlängerung

Die „Stiftung Psychosomatik und Sozialmedizin",

Ascona schreibt zum 30. Mal den Internationalen

Balintpreis für Medizinstudentinnen und - Studenten

aus. Er ist dotiert mit insgesamt sfr 5000,—.

Ausgezeichnet werden Arbeiten in deutscher,

englischer, französischer oder italienischer Sprache

über eine Student - Patient - Beziehung, Erfahrungen

und Erlebnisse, die während des Medizinstudiums oder

einer Famulatur/ Praktikum gesammelt wurden und

deren kritische Reflexion.

122


Kriterien: n ' -

4.Progression h'

Die Arbeiten von r!^ ,

Geschäftsstell

Vera ntwortung

r ce " B " !W "~

(e

-«"ail: Sta* 1 ' Putsche Bali„,

gez. Prof. Drmed. E.R. Petzold

123


Sexualität

Als Ethnologin in der Anamnesegruppe

- und zwar als einzige Ethnologin dieses Jahrgangs

2004/05 von der Med Uni Wien, wie ich gerade

erfahren habe. Meine Bereitschaft zur Teilnahme an

einer Anamnesegruppe verdanke ich wohl einigen

anfangs niedrigen Beweggründen. Dem gemeinen

Tratsch, der Neugierde und der Notwendigkeit mit

freien Wahlfächern mein Studium der, wie unsere

Disziplin eigentlich heißt, Sozial - und

Kulturanthropologie voranzutreiben. Mysteriösen

Aussagen einer Freundin der Psychologie, die mich

während einer gemeinsamen Vorlesung von ihrem

frühen Verlassen derselben informiert hat, konnte ich

nämlich entnehmen, dass sie sich gleich anschließend

einer, sich jährlich neu gruppierenden verschworenen

Gemeinschaft von Psychologen und Medizinern

verpflichten wolle, in der gruppendynamische

Experimente in psychiatrischem Umfeld stattfinden.

Ich folgte ihr zehn Minuten später, von verwirrtem

Interesse entflammt, aus dem Hörsaal. Durch Wiens

interdisziplinären Zugang zu AGs war mir kurze Zeit

später klar, dass auch ich als Ethnologe, nebst

Soziologen und Pädagogen eingeladen war, mich

gemeinsam mit Medizinern und Psychologen im

Gespräch mit „echten" Patienten auseinander

zusetzen.

124


l

Sexualität

Ich muss einräumen, dass ich im Laufe der ersten

Treffen keinen primären Zusammenhang zur

Ethnologie herstellen konnte. Die Welt der Medizin

samt Medizinern ist mir persönlich so fremd wie das

Reich der Anwälte oder Börsenbroker,

Berufsgattungen, die ich bislang noch nicht in mein

Leben lassen musste. Ich hatte anfangs echte

Bedenken, dass Krankengeschichten, Diagnosen und

Medikationen so gar nicht in mein fachliches oder

privates Interessensfeld passen würden. Obendrein

stamme ich aus einer Familie, die gottlob vor

Gesundheit strotzt. Fragen über körperliche

Befindlichkeiten finden wir eher befremdlich und

unangenehm. Glücklicherweise gelangte ich in eine der

Gruppen, die sich ausschließlich auf der Psychiatrie

aufhalten, die also nicht ausschließlich auf körperliches

Leid bezogen sind. Überdies in der selben Gruppe mit

eben dieser Freundin, die gerade ihr Studium der

Psychologie abschließt und mir außerhalb der Treffen

Grundwortschätze wie „drogeninduzierte Neurose"

oder „Diagnostik" erschließt, was mir bei

Patientennachgesprächen sehr hilft. Nach unserem

allerersten Patientengespräch fand ich dann auch

schnell die Schnittstelle zu meinem Fach.

Studentinnen der Sozial- und Kulturanthropologie

sehen sich mit einem außergewöhnlich breit

gefächerten Interessensfeld konfrontiert, in dem

jegliche Ausformung von Kultur und Zusammenleben

der Menschen zum Forschungsgegenstand erhoben

werden kann. Man forscht über

Verwandtschaftssysteme der indigenen Bevölkerung

auf den Andamanen (eine Inselkette süd-östlich von

Indien). Man erforscht aber auch den Code tiefer

gelegter VW Golfcabrios in Hessen und vergleicht dazu

jenen in Villach. Semiotik, Habitus der Eliten,

Migrationsströme, Kolonialismus und Voodoo,

Auswirkungen von Tourismus auf Tirol oder Hawaii

sind Inhalt dieses Fachs, das durch das Studium

125


Sexualität

sozialtheoretischer Schriften von Marx, Habermas,

Bourdieu, Foucault oder Kant eine fundiert

gesellschaftsanalytische Basis findet. Auf

medizinischer Ebene können sich Ethnologen zum

Beispiel für Gemeinsamkeiten und Unterschiede von

Gesellschaften und Milieus im Umgang mit Körper,

Seele, Alter, Tod und Geburt interessieren.

Mein erstes Patientengespräch hat mir dann auch

gleich deutlich den Unterschied von meinem Zugang

als Ethnologin zu dem meiner Gruppenkollegen

gezeigt. Leider nicht mit dem gewünschten Ergebnis,

ein mir gegenüber vertrauensvolles, offenes

Patientengespräch zu evozieren. Ich habe nämlich den

Fauxpas begangen, den anfangs lebhaften Erzählfluss

der Patientin, (ich nenne sie um der Einfachheit willen

Eva) jäh zu unterbrechen, die sich gerade in der Phase

der Medikationsbeschreibung befand, und sich in der

Aufzählung leidlich kreativer

Pharmaproduktnamensgebungen ergoss. Eva hat wohl

logischerweise damit gerechnet, dass ich mich gerade

für diesen Aspekt ihrer Krankheit interessiere, weil ich

doch in diesem Ambiente die Aura eines Mediziners

genoss. Sie schien, wie ich es schon öfter bei anderen

Patienten bemerken konnte, von sturem Stolz auf die

flotte Beherrschung von Namen und Millilitergaben

beflügelt zu sein. Im selben Tempo wie Eva ihr

Stakkato der Pharmazeutik mit Suffix -ix, -ex, -öl auf

mich losließ, kam in mir Langeweile und, gleich

anschließend Panik auf, die Kontrolle über das

Gespräch zu verlieren, das sich gerade gefährlich in

medizinische Gefilde aufmachte und sich von mir zu

verabschieden begann. Ich hatte momentan die

Befürchtung, dass Eva es sich nun in ihrem endlich

erreichten Pharmazeutika-Themenpark mit mir

gemütlich machen will, um über Wirkung und Sinn

ihrer medikamentösen Behandlung zu diskutieren. Und

ich sah sie ihren Heimvorteil nutzen, ich sah meine

„Tarnung" auffliegen, mich den Anschluss an

126


Sexualität

Gesprächsstränge verpassen, und ich sah die zähen

Tore ihrer Lebensgeschichte sich langsam vor mir

schließen. Ich musste schnell das Ruder an mich

reißen, Eva für meine Sache, für meine Themen

gewinnen. Durch das gloriose, jähe Schwenkmanöver

fadenscheinig ethnologischen Inhalts, lautend:

„...Haben Sie Geschwister?..." hatte ich auf einen

Schlag nicht nur das Ruder zerbrochen, das

Wohlwollen der Patientin verloren, meiner Gruppe den

medizinischen Informationshahn abgedreht, sondern

auch die Schlüssel in hohen Bogen weggeworfen die

zu den gerade leise ins Schloss gefallenen Türen

passten. Ich hatte eigentlich vorgehabt, erst später

durch exmanentes Nachfragen an vielleicht unfreiwillig

preiszugebende Details in Evas soziokulturellen

Hintergrund heran zu kommen.

Im Proseminar über qualitative Interviews an unserem

Institut wurde stets die Wichtigkeit in den Vordergrund

gestellt, dem „Beforschten" die Möglichkeit zu geben,

seine Gesprächsräume selbst zu öffnen, seine eigenen

Erzählentscheidungen zu treffen, anhand derer er

schon sehr viel über sich ausgesagt, und erst danach

zu fragen ob und warum gewisse Punkte absichtlich

nicht genannt wurden. Ein anderer „Trick" aus der

„Ethno-Kiste" hat mich nach Aussagen meiner

Kollegen dann nochmals aus dem Kreis des Vertrauens

meiner Gesprächspartnerin katapultiert. Uns wurde

nämlich in diesem Proseminar auch beigebracht, dass

mögliche heikle Sachverhalte, die der Befragte zwar

für wichtig hält uns mitzuteilen, die sich aber für ihn

aus moralischen, peinlichen oder religiösen Gründen

nicht schicken würden von selbst ausgesprochen zu

werden, durch aufmunternden Zuspruch unsererseits

wie, „...Das ist ja interessant/ spannend/ unglaublich!

Erzählen Sie doch mehr davon!" ans Tageslicht gelockt

werden können; dass der Befragte glücklich diesen

Ball auffängt, um seine Schranken gegenüber

Tabuthemen vollends fallen zu lassen. Nun habe ich

27


Sexualität

diesen Kunstkniff, der sonst vielleicht zum

rhetorischen Köder für Anklagen gegen Hexerei,

Korruption oder missgünstiger Seelen Wanderung im

Dorf, verwendet werden kann, leider dazu benutzt die

Diagnose meiner Patientin - Autoaggression durch

Feuer, welches ihr Einlieferungsgrund war- mit der

Verve einer MTV Moderatorin anzuschneiden. Eva

hatte ihre Selbstverbrennungen auf so

bedeutungsschwangere Weise erwähnt, dass ich mehr

Informationsstoff dahinter vermutete, den es zu

erfahren galt. „...Also DAS interessiert mich jetzt!

Erzählen Sie doch mal genauer wie Sie sich und Ihre

Wohnung angezündet haben! Und das schon seit

Jahren?!" Die sofortige Reaktion der Patientin mit

unterkühltem Themenwechsel und einem weiteren

metaphorisch, diesmal unüberhörbaren Türknallen

hatte ich mir hiermit redlich verdient.

Ich hatte eingangs erwähnt, dass Neugierde eine

treibende Kraft in meiner Entscheidung für die AG war.

An allen möglichen Schnittstellen der Gesellschaft

Prägen zu stellen, oder im Idealfall die richtigen

Fragen parat zu haben, ist die wohl vorrangigste

Tugend eines Sozia l Wissenschafters. Vertreter der

medical anthropology arbeiten oft als Mittelsmänner

an der Schnittstelle von Arzt- und Patientenkultur. Und

es stellen sich überall Fragen, deren Lösungsansätze

menschliches Leid lindern oder gar verhindern können.

Warum fallen türkische Fabrikarbeiterinnen in der

Bundesrepublik überdurchschnittlich oft in Ohnmacht?

Warum gibt es in Japan keine Organspenden? Wer

verdient am Tod in Afrika? Wie können wir Verständnis

auf allen beteiligten Fronten herstellen und zur

Aufklärung der Bevölkerung und der

Entscheidungsträger beitragen? Meine persönliche

Neugierde lässt mich weiterfragen: Was macht

Studenten letztendlich zu Ärzten und welche

Mechanismen unserer Gesellschaft stehen ihnen dabei

zur Verfügung? Welches Regulativ hält andere

128


Sexualität

wiederum davon ab, diese Ausbildung oder diesen

Status überhaupt in Betracht ziehen zu können? Was

ist der Auslöser für manche Studenten, an AGs

teilzunehmen und dadurch einen Unterschied in ihrer

Arbeit und Berufung zu machen? Woher bezieht

andererseits die Gesellschaft oder die Wirtschaft ihre

Patienten? Die ethnologische Fragestellung - „Wie

äußern sich die, vor der Ausrottung stehenden, zu

„Buschmännern" verbal diffamierten SAN, wenn die

Kameras auf sie gerichtet sind? Wissen sie, wie sie

sich verhalten müssen, um internationale

Aufmerksamkeit zu bekommen?" ist genauso auf

unser medizinisches Problem anwendbar: „Weiß der

Patient, wie er sich vor dem Arzt oder dem Staat

präsentieren muss, um sein Krankheitsbild, seine

Krankenbezüge, seine sozialen Zuwendungen weiter

aufrecht zu erhalten oder das Recht hat sie

einzufordern? Woher weiß der Student der eines

Tages Arzt sein wird, wie er wirken soll, um beim

Patienten einen ernstzunehmenden oder empathischen

Eindruck zu hinterlassen, welche Werkzeuge stehen

ihm zur Verfügung und wo hat er sie sich angeeignet?

Welche Codes wendet ein Arzt an, um seinen Status in

der Gesellschaft zu festigen, welches sind die Auslöser

und Anreize, medizinischen Status und Macht

schlimmstenfalls gegen andere Menschen zu

verwenden, wie es im dritten Reich, auf heimischen

Golfplätzen oder derzeit im Irak passiert? Solche und

noch viele ähnliche Fragen stellen sich mir als

Ethnologen der das „Feld" Anamnesegruppe betritt.

Wir als Menschen, Ethnologen und medizinisch

engagierte Berufsgruppen entwickeln im Idealfall eine

Sensibilisierung für List, Lüge und echtes Leid durch

lebenslange Erfahrung mit anderen Menschen und mit

uns Selbst. Indem wir lernen, zwischen den Zeilen von

Ärzten, Patienten und sozialstaatlichen Konstrukten zu

lesen und den Nutzen von Entscheidungen für ihre

Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft und

129


Sexualität

Pharmaindustrie zu hinterfragen. Indem wir stets

auch, und vor allem uns selbst als unfreie Beobachter

in unsere Reflexionen mit einbeziehen. Denn es ist

eine zutiefst bürgerliche Vorstellung dass wir alle frei

sind.

Petra Meisel Wien, Februar 2005

meiseletta@chello.at

LEUTE: ÄECH TNÜCH

130

^^f^o^E^f


Sexualität

Die Wartburggespräche: Teamarbeit zur

Salutogenese

Wolfram Schüffei, Klinik und Poliklinik für Psychosomatik,

Zentrum für Innere Medizin der Philipps-Universitat Marburg,

Baidingerstraße, 35033 Marburg,Telefon 06421/2864012, Telefax:

06421/2866724 Email: schueffe@med.uni-rnarburg.de

Seit 1992 laufen jährlich die Wartburggespräche ab,

um den Gedanken der Salutogenese und deren

praktische Umsetzung zu fördern.

Mitglieder der Ananmesegruppen sind herzlich

eingeladen, an diesen Gesprächen teilzunehmen!

Die Teilnehmer der Wartburggespräche setzen sich für

das Ziel ein, das Bestreben des einzelnen zu fördern,

sein Leben in gesunder und damit sinnvoller Weise zu

gestalten. Gesundheit wird hierbei als Möglichkeit

gesehen, in jedem Lebensabschnitt mit sich selbst und

mit dem anderen in einer kreativen Weise umzugehen.

Die Teilnehmer der Wartburggespräche führten bisher

als Veranstaltungen durch:

(1) Zeit der Vision und der Visionen: Im Jahre 1989

und unter den Bedingungen der neuen Freiheit ein

gesundes Leben in einem gesunden Lande gestalten!

(2) Gesundheit und das Konzept der Salutogenese:

Gesundheit als Grundrecht in Europa - eine Utopie? 1.

WG, 22. - 24. November 1992.

(3) Befreiung von überkommenen Sichtweisen:

Gesundheitsförderung jenseits von Trauma und

Neurose bzw. Gesundheit trotz Zugehörigkeit? - 2.

und 3. WGe, Januar 1994, 1995.

(4) Entwickeln neuer Sichtweisen von Gesundheit:

Salutogenese, eine Bestandsaufnahme (4. WG) -

Qualitätsmanagement durch Ressourcenaktivierung in

131


Sexualität

Ärztezirkeln (5. WG). - Neue Kooperationsformen im

Gesundheitswesen (6. WG).- Migration, ein deutschdeutsches

Problem? (7. WG). - Verantwortung von

Arzt und Patient im Zeichen der Globalisierung (8.

WG). - Es handelt sich um einen Vier-Jahres-Abschnitt

der WGe 1996 bis 2000.

(5) Neue Wirklichkeiten schaffen, um das

Gesundheits-Narrativ zu ermöglichen;

Umbau des Gesundheitswesens und das

Kohärenzgefühl des einzelnen - Kohärenz und

Nachhaltigkeit in einem gesamtdeutschen

Gesundheitswesen. - 9. und 10. WGe von 2001 und

2002.

(6) Das Narrativ wagen und aus ihm heraus wirken:

Was heißt heute Solidarität? - Die Sinne schärfen -

um sich wundern zu können. - 11. und 12. WGe von

2003 und 2004.

(7) Das Hier und Jetzt und die Perspektive zukünftiger

Gesundheit: Die Wartburggespräche werden als Ort

sinnvoller Beziehungsgestaltung gesehen, d. h. der

Beziehung des einzelnen zum anderen; der Beziehung

zur Gruppe; der Beziehung zur Institution; der

Beziehung zum Peer. Schließlich als

Beziehungsgestaltung zur nachfolgenden Generation,

im Generationenablauf. Das Hier und Jetzt im Bezug

zu Gestern und zu einem Morgen in Gesundheit.

Das Hier und Jetzt und die Perspektive zukünftiger

Gesundheit wurde in diesem Jahre unter der

Formulierung verfolgt: „Mut zur Subjektivität - wie

Geschichten von Gesundheit und Krankheit zum

Behandeln führen." Einen zentralen Stellenwert nahm

die Geschichte von Herrn K.E.S. ein, die ich im POM

2004 veröffentlicht hatte.

132


QUALITA

AUS EIN

HAND

D», rod M *flfin Wl

HMiicrw PKK M . M1231 B«) NMmra

Ttf.080 32/72786 od«33190

F« 08032/331 TU

D I E E R F O L G S L I N I E

:: H H H i M t- n i c A i H o u i H u h N T

33

Sexualität


Sexualität

Dort wird eine Patientengeschichte unter ärztlichphänomenologischen

Gesichtspunkten dargestellt. Im

diesjährigen Wartburggespräch ging es darum, in

einer geradezu körperlich-sinnlichen Weise die

Möglichkeiten der Salutogenese auszuloten: Aus

einem ärztlichen Qualitätszirkel zur

Psychosomatischen Grund Versorgung

(Hofheim/Taunus) wurde eine Patientin mitgebracht,

deren Anamnese im Beisein von den sechzig

Teilnehmern erhoben wurde. Am selben Tage sahen

wir gemeinsam den Film „RHYTHM IS IT", in dem es

um die Erweckung und Förderung von Ressourcen bei

Kindern und Jugendlichen geht. Im Film sind sie dafür

zu gewinnen, an einer Aufführung von Strawinskys „Le

Sacre du Printemps" durch die Berliner Philharmoniker

mitzuwirken, indem sie auf der Bühne tanzen. Die

Teilnehmer der Wartburggespräche machten eigene

körperbezogene Erfahrungen und brachten diese in die

Diskussion der live erlebten Anamneseerhebung ein.

Auch wurden die Erfahrungen in Gruppen bearbeitet,

die sich aus Vertretern verschiedener Berufe

zusammensetzten. Von größter Bedeutung erweist

sich immer wieder die Mitwirkung in der

Balintgruppenarbeit, die während der

Wartburggespräche von Prof. Dr. Ernst Petzold, dem

Vorsitzenden der Deutschen Balintgesellschaft,

angeboten wird.

Die Wartburggespräche wären undenkbar ohne die

Erfahrungen, die ehemalige Teilnehmer von

Anamnesegruppen eingebracht haben und einbringen.

Sie sind ebenso undenkbar ohne die Wechselwirkung

mit den Balinttagen von Ascona/Tessin, die dort

jahrzehntelang unter der Leitung von Boris Luban

Plozza stattgefunden haben. Ich verweise in meiner

Geschichte über „Einen Fall von Nasenbluten" auf die

Geschichte dieser Balinttage. In diesem Heft ist ein

Hinweis auf die Fortführung der Asconeser Tagungen

134


Sexualität

enthalten. Auf die dort ebenfalls ausgesprochene

Einladung verweise ich an dieser Stelle.

Das nächste und 14. Wartburggespräch wird

stattfinden:

Bad Nauheim, 29. - 31. 01. 2006

Das übergeordnete Thema wird lauten:

Gesundheit als Grundrecht in Europa - eine

Utopie?

Marburg, 04.03.05

Wolfram Schüffei, Klinik und Poliklinik für

Psychosomatik,

Zentrum für Innere Medizin der Philipps-Universität

Marburg,

Baidingerstraße, 35033 Marburg,Telefon

06421/2864012, Telefax: 06421/2866724 Email:

schueffe@med.uni-marburg.de

3>ER TX-TIEMT HMT NUR EJN

XKZTZ.

135


Sexualität

Wer anderen in der Nase bohrt, sucht auch nach

Öl!

(Tutorenschulung Wien-Gruppe Hase-Igel, Oktober

04'

Liebe ROM Begeisterte, Hasen-Igel und der Rest aus

Wien!

Wir, Peter und Visva, waren die Tutoren der Hase-

Gruppe. Der Begriff Hase hatte zunächst eine eher

persönliche Bedeutung, wurde später aber von

unseren Gruppenmitgliedern umgedeutet. Aber dazu

später mehr. Wir kommen beide aus dem

wunderschönen Weltdorf Marburg und haben uns

mehr oder weniger spontan im Lerndelirium

entschlossen, nach unserem 2. Staatsexamen bei der

Tutorenschulung in Wien eine Gruppe zu übernehmen.

Da wir beide schon seit ca. fünf Jahren fast verheiratet

sind, ohne homoerotische Neigungen zu haben,

glaubten wir keine lange Vorbereitungszeit zu

brauchen und vertieften die Wochenplanungen bei

136


Sexualität

T

einer Flasche Wein im Zug von Marburg nach Wien.

Aber schon sehr früh zeigte sich, dass die anderen

Tutoren, die Schulung mit weit größerem Eifer

anpacken wollten. So bot es sich, direkt am Sonntag

an, zu zeigen, wie wir Tutoren unsere Zöglinge

schulen wollten. Tom ( Tutor der Gruppe Aloha)

packte zu unserer Einschüchterung sein Notebook aus

und gab uns einen detaillierten Bericht über ihre

Wochenplanung. Auch die zweite Gruppe ( Hendrick

und Betti) waren bestens vorbereitet und ließen uns

an ihrem Hintergrundwissen teilhaben. Was hatten

wir? Wir hatten Uns! Spätestens da wurde uns

bewusst, dass ich die Anstrengungen solch einer

Schulung unterschätzt hatte. Wir hatten in wenigen

Worten unser Konzept vorgestellt und die

Gesichtsausdrücke der anderen Tutoren waren

Feedback genug!

Aber trotzdem oder gerade deshalb hatten wir viel

Spaß in dieser Woche! Wir selber, natürlich

zusammen, hatten unsere eigene Schulung vor ca. 4

Jahren in Hamburg. Von meinem ( Visva) Tutor,

Christoph Göttel, von dem ich für meine eigene

Gruppe, aber auch für die Schulung viel mitgenommen

habe, kenne ich den Begriff „leitendes

Gruppenmitglied". Diesen Begriff hat er sich

hoffentlich nicht rechtlich sichern lassen, denn wir

benutzen ihn eigentlich regelmäßig, wenn wir

versuchen zu beschreiben wie wir unsere Tutorenrolle

verstehen. So haben wir uns bemüht, auch während

der Schulung, so weit wie möglich als

Gruppenmitglieder mitzudiskutieren, aber auch als

Tutoren die Rahmenbedingungen vorzugeben. Wir

hatten uns für jeden Tag einige Punkte vorgenommen,

die wir mit den Teilnehmern erarbeiten wollten. Das

bedeutete aber nicht, dass wir die Teilnehmer lehren

wollten, sondern vielmehr von den Erfahrungen jedes

einzelnen lernen wollten. In unseren Augen ist es

137


'UM

Sexualität

unglaublich wichtig und eine große Chance, von so

vielen verschiedenen Menschen aus unterschiedlichen

Städten, mit anderen Anamnesephilosophien zu lernen

und Erfahrungen auszutauschen. Da wir uns, wie oben

kurz erwähnt, viel Spielraum in der Planung unserer

Wochenplanung gelassen hatten, konnten wir viele

Themen spontan und flexibel anzusprechen. Während

unserer Tutorenschulung hat es uns selber gestört,

dass der Abstand zwischen Tutoren und Teilnehmern

zu groß war. Auch während der Gruppenarbeit haben

wir wenig über sie erfahren. Deshalb haben wir uns

bemüht es selber besser zu machen. Leider ist uns das

nicht immer gelungen und wir haben das gar nicht mal

so mitbekommen, bis die Hasen & Igel uns am Ende

daraufhingewiesen haben. Schade!

In dieser Woche haben wir selbst viel gelernt, was wir

auch prompt in unserer Gruppe umgesetzt haben.

Gelernt ( Glück gehabt, dass zu erfahren) haben, wir

auch Vorurteile gegenüber den „Wollpulli tragenden

Wiener Esotheriktussen" abzubauen - Lg, Sarah!

Diese beruhten aber auch auf Gegenseitigkeit. Am

Ende war es umso schöner sich auch mit Wiener

Fußballstars gut zu verstehen ©

Interessant waren auch die außergewöhnlichen, neuen

und oft mutigen Wege, die wir alle gegangen sind.

Dazu gehört zum Beispiel das Experiment von Tom (

in einer seiner On -Phasen), woran Freiwillige der drei

Gruppen teilnahmen. Wir haben selten so einen

interessanten und dynamischen Anamnesenachmittag

erlebt, wo die Siedetemperatur der Emotionen schnell

überschritten wurde. Auch der Austausch mit den

anderen Tutoren hatte etwas Unerwartetes, weil wir

auch hier versuchten neue Erfahrungen zu sammeln.

Selbst eine Supervision, die wir schon zu genüge

kannten, konnte manchmal ihren experimentellen

Charakter nicht verbergen. Wovor wir echt Bammel

138


Sexualität

hatten, war die Gruppensupervision. Da war ein

Supervisor mit unseren Teilnehmern alleine und sollte

dann mit ihnen, über die Gruppe und somit auch über

uns sprechen. Das war echt unangenehm und da

haben uns unsere Hasen auch direkt gezeigt, dass sie

echte Igel sein können und uns den ganzen Vormittag

lang zappeln lassen. HASE bedeutet übrigens

Harmonisches Seminar und die Igel waren das

Ergebnis der Supervision. Insgesamt war die

Gruppensupervision eine tolle Sache, da es uns als

Gruppe weitergebracht hat und wir nachher offener

miteinander umgehen konnten.

Jedoch wurde, wie im Bild oben zu sehen auch

versucht, auf einer höheren oder zumindest auf einer

anderen Ebene zu kommunizieren. Vielleicht mag es

für den Laien, wie ein plumper Annährungsversuch

aussehen oder nach Nasenmuschelyoga, aber das

wäre schlichtweg falsch und viel zu kurz gegriffen!

Nein, es ist vielmehr! Am besten ihr probiert es selbst

mal aus.

39


Sexualität

Liebe Hasen-Igeln und das Orgateam aus Wien!

Auch wenn wir uns wiederholen: Die Woche hat

unheimlich viel Spaß gemacht und wir haben, dank

Euch viel gelernt. Wir danken Euch für unsere

Schulung und die super Organisation!

Visva und Peter!

SINO

TÜR

140

UOTTEIIN ISCHE.


-'V

'POM JP*

Sexualität

„Du sollst dir kein Bildnis machen"

Die so betitelte Kurzgeschichte von Max Frisch möchte

ich in Auszügen zum Anlass nehmen, verschiedene

Aspekte im Arzt-Patient-Verhältnis zu betrachten.

(...) Irgendeine fixe Meinung unsrer Freunde, unsrer

Eltern, unsrer Erzieher, auch sie lastet auf manchem

wie ein Orakel. Ein halbes Leben steht unter der

heimlichen Frage: Erfüllt es sich oder erfüllt es sich

nicht. Mindestens die Frage ist uns auf die Stirne

gebrannt, und man wird ein Orakel nicht los, bis man

es zur Erfüllung bringt. Dabei muss es sich durchaus

nicht im geraden Sinn erfüllen; auch im Widerspruch

zeigt sich der Einfluss, darin, dass man so nicht sein

will, wie der andere uns einschätzt. Man wird das

Gegenteil, aber man wird es durch den anderen.(...)

Der Patient und das Kainsmal.

Da ist es - das Symptom einer Krankheit -

ungewohnt, unangenehm. Man fühlt sich

gebranntmarkt. Das Symptom ändert ständig seine

Dimension, wechselt seine Position, kommt in

Gesellschaft oder allein, nimmt schließlich vielleicht

sogar so viel Raum ein, dass man den Eindruck hat,

beherrscht zu werden. Und weder Mann noch Frau

haben es gern, nicht mehr Herr ihrer selbst zu sein.

Ein Arzt könnte helfen, indem er die Krankheit

benennt, denn gegen etwas, das man benennen kann,

kann man sich besser zur Wehr setzen.

Nur in der fixen Meinung eines Arztes steckt auch eine

Gefahr. Stimmt seine Diagnose, oder stimmt sie nicht?

Erfüllen sich seine Prognosen, oder erfüllen sie sich

nicht?

Bei dem Versuch, dem Wunsch des Patienten nach

Aufklärung gerecht zu werden, bedient sich der Arzt

verschiedener Hilfsmittel. Kleinere Werkzeuge wie

141


Sexualität

Stethoskop und Reflexhammer helfen bei der

Schadenssuche aber auch größere Geschütze, wie

Röntgenapparat, CT und MRT. Am Schluss stehen

sowohl Patient als auch Arzt vor einer Fülle von Daten

und einer Flut von Bildern,

Aufgabe des Arztes bleibt es, die Puzzleteile zu einem

Gesamtbild zusammenzufügen.

(...) In gewissem Grad sind wir wirklich dds Wesen,

das die ändern in uns hineinsehen, Freunde wie

Feinde. Und umgekehrt! Auch wir sind die Verfasser

der ändern; wir sind auf eine heimliche und

unentrinnbare Weise verantwortlich für das Gesicht,

das sie uns zeigen, verantwortlich nicht für ihre

Anlage, aber für die Ausschöpfung dieser Anlage. Wir

sind es, die dem Freunde, dessen Erstarrtsein uns

bemüht, im Wege stehen, und zwar dadurch, dass

unsere Meinung, er sei erstarrt, ein weiteres Glied in

jener Kette ist, die ihn fesselt und langsam erwürgt.

Wir wünschen ihm, dass er sich wandle, o ja, wir

wünschen es ganzen Völkern! Aber darum sind wir

noch lange nicht bereit, unsere Vorstellung von ihnen

aufzugeben. Wir selber sind die letzten, die sie

verwandeln. Wir halten uns für die Spiegel und ahnen

nur selten, wie sehr der andere seinerseits eben der

Spiegel unsres erstarrten Menschenbildes ist, unser

Erzeugnis, unser Opfer - . (...)

Spiegeln ist eine Methode in der ärztlichen

Gesprächsführung. Nach dem Motto ,WWSZ',

wiederholen, warten, spiegeln und zusammenfassen,

nähert der Arzt sich dem Bild, das der Patient von sich

selbst hat.

Der Spiegel muss öfter mal geputzt werden und darf

auch nicht wie ein Fotoapparat einen Film belichten

und lediglich die Negative zur Verfügung stellen.

Gespiegelt wird das, was ankommt, etwas Lebendiges.

142


Sexualität

Aber ist der Arzt dazu wirklich bereit? Oder ist er nicht

vielmehr oft selbst gefesselt?

Gibt er einem Alkoholabhängigen angesichts der

Rückfallstatistiken dennoch die Chance einer, der

wenigen zu sein, die nicht rückfällig werden? Mit Hilfe

der CAGE-Fragen 1 kann der Arzt eine Abhängigkeit

besser aufdecken, kann den Kranken in seinem Käfig

auffinden.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob der Arzt nach

dieser Erkenntnis den Entsprechenden dort

zurücklässt, oder ihm einen Schlüssel anbietet, der

aus den Ketten befreien könnte, der die Türe des

Käfigs öffnen würde.

(...)Du sollst dir kein Bildnis machen, heißt es, von

Gott. Es dürfte auch in diesem Sinne gelten: Gott als

das Lebendige in jedem Menschen, das, was nicht

erfassbar ist. (...)

Es bleibt die Aufgabe des Arztes, ein Bild des Patienten

zu entwerfen und es ihm anzubieten - als Möglichkeit.

Eine Herausforderung, die leicht zur Überforderung

werden kann.

Er muss ein Bild entwerfen, das für Veränderung offen

bleibt.

Erst wenn der Arzt erstarrt, sein Bild des Patienten

einfriert, ist jeder Veränderung und Verwandlung die

Absage erteilt.

Eine der wenigen Sicherheiten im Leben ist, dass sich

alles verändert. Es kommt auf meine Haltung an, ob

ich diese Tatsache als Chaos und Gefahr begreife oder

ruhig abwartend neue Chancen entdecke, die ich dann

auch anderen anbieten kann.

1 CAGE-Fragen

Dachten sie jemals, dass sie das Trinken reduzieren

sollten? (cutting down)

143


Sexualität

Haben sie sich schon jemals über Kritik an ihrem

Alkoholkonsum geärgert? (annoyance by criticism)

Hatten sie schon mal Schuldgefühle wegen des

Trinkens? (guilty feelings)

Haben sie jemals gleich frühmorgens ein alkoholisches

Getränk zu sich genommen, um ihre Nerven zu

beruhigen oder einen Kater zu bekämpfen? (eyeopeners)

Miriam Gerstenberg

Literatur:

FRANKL, Viktor E. (1998): Der Mensch vor der Frage

nach dem Sinn, Piper Verlag GmbH, München

FRISCH, Max: Du sollst dir kein Bildnis machen

144


Sexualität

ROM von hinten

... ein Märchen von der Beziehung zwischen dem ROM

und seinen Redakteuren oder wie ein ROM entsteht

Unser Baby wurde im Jahr 2004 als die 21. Auflage

eines mittlerweile alljährlichen, traditionellen

Geschehens geboren. Eine Geburt die uns über Fluch

und Schweiß zu den glücklichsten Anamneslern auf

Erden machte! ... Doch anders als unter der Bettdecke

war das Making of Rom 5 (MOP) nicht nur Verwöhnen

und Stöhnen (letzteres noch am ehesten) als vielmehr

eine Kombination von Ausdauer und Glück (was bis

unter die bzw. unter der Bettdecke ja auch eine

gewisse Rolle spielen soll. Unser MOPen sollte

jedenfalls am Ende zu einem schönen Erfolg werden

und im Rückblick war auch die Zeit, in der das ROM

entstanden ist, eine schöne! Wie aus dem MOP nun

ein POM wurde soll der folgende Beitrag zeigen.

Der Aufriss:

Der Augenblick war gekommen. Jetzt gab es kein

zurück mehr! Die Worte waren schon in den Letzten

Windungen unseres Sprachzentrums angekommen,

nachdem sie sich zuvor um unser Limbisches System

herumgeschlichen hatten, das immer noch sagte: lass

die Finger von diesem heißen Eisen: „POM, ich will

dich" sagte die Zunge und wusste nicht, was für ein

Stein im selben Moment dutzenden von anderen

„Konkurrenten" während des Abschlussplenums beim

Maitreffen 2003 vom Herzen viel. Ein Student dachte

heimlich: „die dritte Arschkarte 6 ist vergeben" und so

' diesen Ausdruck prägte als erster Christian Blacha (Organisation

des POM 20)

h Greetings to Micha

145


Sexualität

begann erst mal ein MOP 7 ... ob daraus jemals ein

POM werden sollte?

Die erste Zeit zusammen:

Hals über Kopf ineinander verliebt vielen wir alsbald

übereinander her und schenkten uns nichts: wir

redeten uns die Zungen wund und schmiedeten

Pläne, wie wir die Zeit miteinander verbringen wollten.

Alles schien zu blühen und die Welt so bunt. - Wir

hatten was wir wollten. Kein Unglück konnte uns

trennen - wir waren wie Pech und Schwefel! Doch aus

Pech wurden „Sommer Sonne Sonnenschein" und

Schwefel zusammen mit Eisen und etwas H2SO4

ergab ... na ja ihr wisst schon was: das ganze begann

zu stinken.

In der Folgenden Zeit ging jeder seiner Wege - wir

brauchten Zeit für uns selbst: die Sommerferien waren

da und die süßen Verlockungen waren stärker als der

Drang zu MOPen. Dieser Bann der Ferien, sollte uns

noch über deren Ende hinweg gefangen halten und

jegliches MOPen vorerst ausschließen.

Einander richtig kennen lernen:

In der folgenden Zeit stellten wir einander auf die

Probe: wir machten uns rar, ließen einander warten

und wurden immer zögerlicher. Zu wenig kümmerten

wir uns umeinander und noch ehe wir einander richtig

kennen gelernt hatten, distanzierten wir uns

voneinander. Doch wie in jedem guten Märchen

wendete sich auch diesmal plötzlich alles zum Guten

und wir fanden wieder zueinander. - Fortan sollte alles

anders werden aber auch die eigentliche Arbeit

beginnen.

7 MakingofPOM

146


Der zweite Versuch:

Sexualität

Nachdem alle Redakteure nun erkannt hatten, dass

MOPen auch Arbeiten hieß teilten wir uns also die

notwendigen Arbeiten auf.

Grundsätzlich mussten wir einerseits für die

Finanzierung, andererseits für Inhalt und Druck

sorgen. Es folgt ein kurzer Überblick, wie unser ROM

entstand:

Einfach gestaltete sich die Organisation des Druckes,

da wir mit Hr. Wolrad Bode 8 und dem Mabuse Vertag

einen guten Partner hatten, der uns in technischen

sowie organisatorischen Fragen guten Rat geben

konnte und uns ein sehr gutes Angebot für den Druck

machte. Wir vereinbarten mit ihm die Druckvorlage bis

Anfang April zu ihm nach Frankfurt zu schicken.

Blieben also noch die Finanzierung und der Inhalt: Ein

Konto für die erwarteten zahlreichen Spenden war

schnell eröffnet. Doch von jemandem Geld für ein

noch auf wackligen Beinen stehendes Projekt zu

bekommen war kein leichtes Unterfangen.

Überzeugungskraft und ein wenig Hartnäckigkeit

waren von Nöten um das Vertrauen von möglichen

Sponsoren 9 zu gewinnen. In den vergangenen

Auflagen der POMs sowie der Anzeigenpartnerliste die

von Redaktion zu Redaktion weitergegeben wird

machten wir uns schlau, wer schon einmal das POM

unterstütz hatte. Wir durften uns schlussendlich ganz

* Hr. Wolrad Bodc, Mabuse Verlag GmbH, Kasseler Str. la, 60466

Frankfurt am Main, 06970799613 oder 06997074071,

wolrad.bode@mabusc-vcrlag.de

4 Landesärztekammcr, Fachschaft, Professoren, AstA,

Universitätsgesellschaften, Anzeigcnpartner, Verkauf des POM zu

einem Preis von 3 Euro (Maitrcffen, Freunde, eigene

Anamncscgruppen, Tagungen, Kongresse, Tag der offenen Tür der

Klinik, Professoren, Interessierte) insg. sind etwas mehr als 2000 f

von Nöten!

147


Sexualität

herzlich bei folgenden Personengruppen bedanken:

Stiftung für Psychosomatische und Soziale Medizin 10 ,

Deutsches Kollegium für Psychosomatische

Medizin 1112 , Medilearn 13 *, Prof. Dierich 14 , Prof.

Hinterhuber 15 , MLP, Springer Verlag 16 *,

Psychiatrieverlag Bonn 17 *, Allianz Private KV 18 *, MLP,

dem Mabuse Verlag* und dem Land Tirol. Die

einzelnen Personen unterstützten uns z. T. durch

Inseratschaltungen (*) im ROM selbst und

andererseits durch Geldspenden (Rest). Dazu setzten

wir uns schon Anfang November mit den einzelnen

Kontaktpersonen in Verbindung 19 . Nach mehrmaligem

Nachhaken und der Zusendung eines alten POM-

Stiftung Psychosomatischc und Soziale Medizin Ascona/Schweiz,

Der Präsident des Stiftungsratcs, Prof. Dr. mcd. Ernst Petzold,

Universitätsklinikum der RWTH Aaehcn, Klinik für Psychosomatik

und Psychotherapeutische Medizin, Pauwelsstraße 30, D-52074

Aachen

11 zum SPSM sowie dem DKPM stellte Hr. Prof. Schüflei den

Kontakt her; über seine Hilfe sind wir sehr dankbar!

schueffefV^med. uni-marburg.de

12 Deutsches Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM),

Prof. Dr. mcd. Peter Joraschky, Universitätsklinik Dresden,

Abteilung Psychosomatik, Fetscherstraßc 74, Postfach 42, D-01307

Dresden

" Medilearn, /.Hd. Hr. Tobias Happ, Bahnhofstr. 26b, 35037

Marburg, 0049 - 6421 / 68 16 68, tobias.happ&medi-lcam.de

14 damals Rektor der Medizinischen Universität Innsbruck

15 Leiter der Klinik für Psychiatrie, Innsbruck

Springer Verlag, z. l Id. Fr. I leidrieh, Sachsenplalz 4-6„ 1201

Wien, 0043 - l - 3.1 02 41 50, Susanne.heidrieh^jspringer.at

17 Psychiatrie-Verlag, Frau Ute Hüper, Thomas-Mann-Str. 49 A,

53 111 Bonn, 0049 - 228 / 725 34 12,

i« Allianz Private KVs AG, z. Hd. Hr. Peter Karle, An den

Trcptowers 3,12435 Berlin, 0049 - 30 - 83 27 408,

pcter.karle(ü;stethosglobe.dc

14 zuerst per Telefon, danach mit einem jeweils etwas angepassten

Standartbrief; Anregungen dazu gibt es im MOP (s. u.)

148


Sexualität

Exemplars (womit uns die Vorgängerredaktion

versorgt hatte) bekamen wir neben so mancher

Absage eben auch genügend Zusagen und unser ROM

war alsbald auch finanziell gesichert 20 .

Blieb also noch der inhaltliche 21 Teil, der sich in

folgende Bereiche gliederte: Artikel und Karikaturen

Sammeln, Korrektur Lesen, Zusammenstellen und

Fromatieren.

Die e-Mails über den Anamneseverteiler 22 zeigten nach

ein paar Versuchen Wirkung und so bekamen wir aus

den diversen Anamnesenestern zahlreiche gute

Artikel. - Nicht zu vergessen die Artikel aus unseren

eigenen Reihen, die schlussendlich das nun fast fertige

POM abrunden konnten. Der eigens eingerichtete e-

Mail Account, zu dem alle Redaktionsmitglieder einen

Zugang hatten, erwies sich als nützlich. Doch noch

hieß es MOPen, denn es lag noch kein POM vor uns auf

dem Tisch 23 .

Das erste Mal:

Wir trafen uns also an einem warmen

Sommernachmittag bei mir daheim. Ich wusste, dass

ich mit einer Pizza und Salat nicht viel falsch machen

konnte und so kamen wir nach einem gemütlichen

Beisammensein relativ schnell zur Sache. Ein jeder

Packte aus, was er mitgebracht hatte und wir machten

uns im ganzen Zimmer breit. Angespannt öffneten wir

20 genaueres über die Finanzen erfahrt man am leichtesten von der

Vorgängerredaktion; Abrechnung erfolgt im Nachhinein nach

Zusendung einiger Exemplare des eigenen POMs; man sollte

versuchen die Kontaktpersonen immer „warm zu hallen" für die

folgenden POM-Rcdaktionen...

1 das Thema wurde bereits beim Maitreffen festgelegt

" genaueres unter www.anamnesegruppen.de

" Hr. Bode schickt eine gewisse Anzahl an POMs nach

Fertigstellung an die Redaktion

149


Sexualität

Windows und die Tastaturen wurden heiß. Zielstrebig

MOPten wir darauf zu, sie endlich in Händen halten zu

können. Doch es war ein langer Weg dorthin, denn die

so ersehnte Druckvorlage schenkte uns nichts und so

saßen wir bei Mondenschein bis spät in die Nacht.

Gerne denke ich heute daran zurück, wie ehrgeizig wir

plötzlich geworden waren um unserem Werk nun noch

den perfekten Schliff zu geben und wie stolz wir

waren, als es zum Höhepunkt kam: unsere

Druckvorlage verließ den Drucker - Seite für Seite -

und wir schmolzen dahin. Nun konnte uns niemand

mehr aufhalten und das Schicksal nahm seinen Lauf:

verpackt in einem Couvert verließ uns ein Paket, das 9

Wochen später ein echtes ROM werden sollte. Das Ziel

war erreicht.

Wer nun Lust darauf bekommen hat mit seinen

Freunden eines der nächsten POMs zu machen, den

möchte ich in seinem Entschluss nur bestärken. Ans

Herz legen möchte ich in diesem Zusammenhang die

ausführliche Variante des „Making of POM 24 ", eine

detaillierte „Anleitung", wie man an dieses Jahrbuch

herangehen kann. Darin enthalten sind alle wichtigen

Informationen zu Inhalt, Finanzierung und Druck,

sodass kaum noch Fragen offen bleiben dürften.

Der Redaktion des diesjährigen POMs möchte ich ganz

herzlich zu ihrem Erfolg gratulieren!

Markus Glaeser

Maximlianstr. 8 / 210

6020 Innsbruck

Österreich

csac4145(5)uibk,ac.at

" ursprünglich von Christian Blacha; erhältlich bei der Redaktion

oder auch gerne bei mir: csac4l45t^uibk.ac.al so weit möglich kann

ich auch gerne bei Karikaturen und sonstigem helfen

150


Vielen Dank...

Sexualität

für die Unterstützung (finanziell, moralisch, informativ

oder sonst wie...):

...dem Mabuse-Verlag

...der Stiftung für Psychosomatische und

Soziale Medizin, Ascona,Schweiz

...dem Deutschen Kollegium für

Psychosomatische Medizin

...dem Dekanat des Fachbereiches Medizin,

Philipps-Universität ;Marburg

...der Fachschaft Medizin, Marburg

...dem AstA, Marburg

...Sanofi-Aventis

außerdem:

...allen Autoren für ihre Artikel

...an Markus für die Hilfe aus Innsbruck

...an Petra für die schönen Cartoons

...an Steffi für die Hilfe beim Layout

...allen Anzeigenpartnern

ganz besonders:

...Herrn Dr. Bender, der uns die ganze Zeit

mit Rat und Tat und großem Engagement

unterstützt hat!

151


kann sich nicht auf Praxis und Klinik beschränken

KRANKHEIT OHNE

NICHT

Ir wollm:

Gleiche Chancen zur Gesundheit für alle.

Partnerschaft mit Patientinnen und

Patienten statt professionelles Diktat.

Kollegialität statt Hierarchie.

Solidarität statt Gruppenegoismus.

firmelmm: '

{ — Ethische Fragen dürfen nicht länger in

Kommissionen ghettoisiert werden.

! — Die Rolle der Kammern und Kassenärztlichen

Vereinigungen, der Pharma- und Geräteindustrie

muss kritisch hinterfragt werden.

l — Der vorbeugende Gesundheitsschutz darf nicht

länger ein Schattendasein führen.

verein

demokratischer

ärztinnen

undärzte

— Verteidigung unserer legitimen Interessen:

sichere Existenz ohne Angst vor Arbeitslosigkeit

oder Konkurs und berufliche Erfüllung frei

von kommerziellen Erwägungen statt illegitimer

Privilegien.

— Die unkritische Überstiilpung des westlichen

Gesundheitssystems auf die Neuen Länder war

ein großer Fehler. Nutzen wir die historisch

einmalige Erfahrung in zwei Gesundheitswesen.

— Helfen Sie uns dabei, das ärztliche Berufsbild im

sozialen, humanen und demokratischen Sinne neu

zu prägen.

WWarabtraße 10,60318 Frankfurt. T«Mon049-779366, Fax 069-7073967

verein demokratischer ärztinnen

und ärzte - vdäa

Wielandstraße 10

60318 Frankfurt am Main

E-Mail; infb@vdaeae.d43, tnwrrwt: www.vdaea« de

Meine Anschrift lautet:

Narne:

Straße:

PLZ / Ort:

ich interessiere mich für Ihr

Programm und möchte näher

informiert werden.


fllViO'i'HMniUJHMVülWEniwn.wwM' i ii>

^'«^ l' T f'*"Ml1* .' ^^

Seit über

20 Jahren

informiert die IPPNW

über die

Gefahren der Kraft

des Atoms

\/vww.atomwaffenfrei.de

Eine Aktion

des

Trägerkreises

"Atomwaffen

abschaffen -

bei uns

anfangen"

und der

IPPNW

IPPNW

Internationale Ärzte für die

Verhütung des Atomkneges.

Ärzte in sozialer Verantwortung e.V

Körtestraße 10. 10967 Berlin

Tel 030 / 698074-0. Fax 693 81 66

E-Mail. IPPNW@ippnw.de


Das kritische Magazin

für alle Gesundheitsberufe!

Für alle, die ein humanes und

soziales Gesundheitswesen

wollen.

Unabhängig und frei von der

Einflussnahme von Verbänden

und Parteien.

Unsere Themen:

Gesundheits- und Sozialpolitik • Kranken- und Altenpflege

Frauen und Gesundheit • Medizinethik • Ausbildung/Studium

Ökologie • Alternativmedizin • Psychiatrie/Psychotherapie

Schwerpunktthemen der letzten Hefte:

Religion und Gesundheit (139) • Wohnen im Alter (141)

Gesundheit von Gesundheitsberuflern (142)

Sterben und Tod (143) • Armut und Gesundheit (144)

Kinder und Gesundheit (145) • Gesundheitsreform (146)

Trauma (147) • Schwangerschaft und Geburt (148)

Gewalt im Gesundheitswesen (149) • Sexualität (150)

Kunst und Gesundheit (151) • Demenz (152)

Psychosomatik (153) • Qualität (154)

Einzelheft 6 Euro; Jahresabo (G Hefte) 36 Euro zzgl. Porto

Ein kostenloses Probeheft anfordern bei:


B. Weidinger,

W. Kostt?nwoin, D. Dorfler

Sexualität im

Beratungsgespräch

mit Jugendlichen

2004. XIV, l 54 b. 11 Abb.

B rose liiert EUR 19,90, sf( 14,

ISflN 3 2 ] ] 21031 8

Wie es trotz scheinbarer Über-

informiition zu wichtigen Ge-

sprächen über Nähe, Attrak-

tivität, Kennenlernen, Annahe-

rung bis hin zu Geschlechts-

verkehr und Verhütung kom-

men kann, wird vor dem Hin-

tergrund jugendlicher Lebens

weiten und der dadurch ge-

prägten „Fragekultur" geklärt.

Ein Praxisbuch für Ärztinnen,

Lehrerinnen, Jugendbetreuer-

innen und interessierte Eltern.

• praxisnahe Aufbereitung

von Sexualaufklarung

• für Pädagogen,

Gynäkologen und Eltern

F. Eiste

Marketing und

Werbung

in der Medizin

Erfolgreiche Strategien für

Praxis, Klinik und

Krankenhaus

7004.VIII, !72 S.87z.t f.irb.Abb.

Broschiert EUR 46,-, sFr 78,50

ISBN i 211-8J87S U()ki("'spririijpr,H. iprlnger.jt

Gebunden EUR 69,-, sFr l 1 4,-

ISBN 3-211 21198-5

• anschauliche Beschreibung

der elf Angsstörungen

nach DSM-IV


Sie halten das „ROM 2005" in Ihren Händen.

Genau wie der Inhalt setzt das Cover auffällige Akzente in ROT.

Nicht nur als Farbe der Liebe - und damit zum diesjährigen Thema

„Sexualität" passend - sondern auch in der Funktion als Signalfarbe.

Hierdurch stellt das ROT zusätzlich die Wichtigkeit dieses Themengebietes

in einem Anamnesegespräch dar.

Um das Gespräch zwischen Arzt und Patient mit all seinen Facetten schon

zu Beginn des Medizinstudiums zu erlernen, wurden 1969 in Ulm die

Anamnesegruppen gegründet. Von dort ausgehend erfolgte eine rasche

Ausdehnung im deutschsprachigen Raum. Zum Austausch der Erfahrungen

aus den unterschiedlichen Städten und deren medizinischer Fakultäten

wurde ein jährliches Treffen ins Leben gerufen, das traditionell jedes Jahr

im Mai in einer anderen Stadt ausgetragen wird.

„Das ROM" unterstützt die Kommunikation der verschiedenen

Anamnnesegruppen auch über die alljährlichen Treffen hinaus.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine