1-2 /09 - Erzherzog Johann - Steiermark

erzherzogjohann.steiermark.at

1-2 /09 - Erzherzog Johann - Steiermark

gedenke.

johann.

grenzenlos.

steiermark.

1-2/2009

EUR 5,- ISSN 0039-1042 1-2/2009


Ganz weit weg einen Blick d´rauf werfen, langsam sich der Sache nähern, sich der

Aussagekraft des Gesehenen bewusst werden, und dann ganz tief eintauchen.

Eintauchen in die Steiermark und zugleich das, was sie besonders macht,

emporheben, aufzeigen und für das Heute und Morgen festhalten. Darin finden sich

die steirischen berichte, die zurückblicken auf über 50 Jahre Geschichte.

Vom steirischen

Von den steirischen berichten zum steirischen

Kleider machen Leute, sagt ein Aphorismus. Das mag zu einem Teil wohl stimmen. Auch wir haben sie

herausgeputzt, die steirischen berichte. Doch halt, achten Sie vielmehr auf Inhalte. Sie sprechen mit Ihnen, regen

Ihre Gedanken und Fantasien an, zeichnen fantastische Abenteuer im Kopf.

Das, ja genau das, wollen wir erreichen, mit jeder Ausgabe, die wir Ihnen gerne nach Hause bringen

und Sie damit einladen, auch in naher Zukunft sie weiterhin zu lesen, die steirischen berichte.

Vom


All~Tag zu den steirischen berichten

Prinzen

Geschichte hat er geschrieben, Geschichten werden über ihn geschrieben. Er, der steirische Prinz,

hat uns inspiriert. Seinen Gedanken haben wir aufgenommen für dieses und für künftige Hefte.

Sie finden es im Blattinneren, in den Texten und Bildern, im gesamten Auftritt der steirischen berichte.

Innovation, das ist, wofür Erzherzog Johann und das neue Kleid dieses Magazins stehen.

Innovationsgeist des Prinzen zu neuen Kleidern


5 Vorwort von Kurt Jungwirth

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Erzherzog Johann: Stationen seines

Lebens im Überblick

Silvia Renhart

Steiermark 2009: Erzherzog Johann

- Ein Gedenken und ein Bedenken,

Silvia Renhart

Erzherzog Johann 09

Interview mit dem

1. Landeshauptmann-Stellvertreter

Hermann Schützenhöfer

Gerald Gölles

Termintipps

zum Erzherzog-Johann-Jahr

Geist & Gegenwart

Pfingst-Dialog 27. bis 29. Mai 2009

auf Schloss Seggau, Leibnitz

Erzherzog Johann

auf Schritt und Tritt

Der Mensch „Johann

Silvia Renhart

Eure kaiserliche Hoheit – theurer,

liebster, bester Mann.

Anna Plochl und Erzherzog Johann

Elke Hammer-Luza

„Gerichte mit Geschichte“

Hildegard Giselbrecht

Bücherecke

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Fo t o: Lan d st e i e r m a r K Fo t o: st e i e r m ä r K i s c h e s Lan d e s a r c h i v Fo t o: su p pa n

gedenke.

johann.

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Die Erben des steirischen Prinzen

Familiengeschichtliche

Seitenblicke auf die Nachkommen

Erzherzog Johanns

Peter Wiesflecker

Wenn Gott mit mir, was gegen

mich?

Der Brandhofer und sein Glaube –

ein Interview mit Ururenkelin

Maria Cäcilia Trauttmansdorff

Gertraud Schaller-Pressler

steiermark.

Dynamischer Wirtschaftspolitiker,

Reformer und Motor des Fortschritts

Erzherzog Johann aus der Sicht der

Wirtschafts- und Sozialgeschichte,

Gerald Schöpfer

Innovation auch in turbulente

Zeiten – Interview mit

LR Christian Buchmann

Der „steirische Prinz“

und seine Bauern – Überlegungen

abseits von Idealisierungen und

Ideologisierungen

Hans Putzer

wissenschaft.

kunst.

kultur.

„Joanneischer Geist“

und die Gegenwart

Die Pflanzenwelt im Trockenen

Kurt Zernig

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Erzherzog Johann und die Eisenstraße

Gerhard Sperl

Tunnelbau auf Österreichisch

TU Graz und Montanuniversität

Leoben - gemeinsamer Lehrgang

Gertraud Hopferwieser

Architektonische Spuren

Martin Müller

Die Kammermaler des Erzherzogs

Bettina Messner

Erzherzog Johann und die

(Volks-)Musik

Eva Maria Hois

Die Steiermärkische Landesbibliothek

Christoph H. Binder

grenzenlos.

Im gemeinsamen Interesse handeln

Gestern wie heute Herausforderung

Sabina Cimerman

Erzherzog Johann Wein und

Kulturreise Claudia Pronegg-Uhl

Gradec – Marburg

Was geschah jenseits der

steirischen Grenzen?

Kurt Jungwirth

Andreas Hofer

Monika Mader

Der Zufall machte ihn zum

Prinzen der Steirer

Patrizia D’Alessandro

Vier Frauen und ein Zugereister

Corinna Steinert

Titelbild: Erzherzog Johann am Hochschwab Fo t o: J. Ko i n e g g, Lan d e s m u s e u m Jo a n n e u m, ne u e ga L e r i e gr a z am La n d e s m u s e u m Jo a n n e u m


Erzherzog Johann 2009

„Gott kann die Geschichte nicht ändern, Historiker können es.“ Dieser Satz gilt nicht nur für

Geschichtsforscher, das lässt sich in Jubiläumsjahren, die derzeit beliebt sind, leicht beobachten.

Je näher die vergangenen Ereignisse noch sind, umso mehr mischen sich die Heutigen in die

Vergangenheit ein. Fakten werden nicht nur zusammengetragen, sie werden je nach jetzigem

Wissen und neuen Interessen auch interpretiert und dargestellt. Die Versuchung ist groß,

moralisierend Geschichte zu schreiben. Es ist erstaunlich, wie genau manche Leute wissen, was

man vor 30, 50, 100 oder mehr Jahren nicht hätte tun dürfen und was man hätte tun müssen.

Solchen Sittenrichtern muss man mindestens zwei Überlegungen sagen. Erstens sollten sie

keineswegs sicher sein, dass sie selber damals im Sinne ihrer heutigen Ratschläge gehandelt

hätten, und zweitens ist es möglich, dass eine nächste und übernächste Generation wütend auf

unser heutiges Agieren sein wird. Was wir heute mit zeitgeistiger Überzeugung für gut und

richtig halten, kann in 50 Jahren als ein Bündel grober Verirrungen dastehen.

150 Jahre nach seinem Tod wird in der Steiermark Erzherzog Johanns gedacht. Es ist wohl kein

Irrtum, ihn als eine außergewöhnliche Persönlichkeit in einer außerordentlich bewegten Epoche

zu verstehen. Aus unserer heutigen Sicht war jedenfalls seine frühe Zeit von Personen und

Ereignissen in Europa geprägt, die auf längere Sicht die Welt veränderten. Persönlich hätte er

sich sein Leben vermutlich leichter und angenehmer einrichten können, als er schließlich selber

wollte. Dass ihn, den Fremden, Ereignisse und Entschlüsse in die Steiermark verschlugen, war

wohl eine glückliche Fügung für das Land.

1959 gab es im Joanneum eine Gedächtnisausstellung für den Erzherzog im Stil einer ehrfürchtigen

Huldigung. 1982, 200 Jahre nach seiner Geburt, wurde er in der großen Landesausstellung

auf Schloss Stainz in weitere Horizonte gerückt. So stellten wir damals Büsten des steirischen

Prinzen in Wien, in Frankfurt und in Florenz auf. Es wird interessant sein, wie das Jahr 2009

Erzherzog Johann sieht. Das vorliegende Heft der steirischen berichte soll Anregung zum Nachforschen

und Nachdenken bringen.

Wer Abonnent werden will …

… hat es leicht! Die „steirischen

berichte“ kosten

im Jahr als Abo nur 15 Euro.

Beziehen können Sie das Abo

im Steirischen Volksbildungswerk,

8010 Graz, Herdergasse 3.

Telefon 0 31 6 / 32 10 20

Fax 0 31 6 / 32 10 20-4

office@volksbildungswerk-stmk.at

Impressum:

Die „steirischen berichte“ sind

ein Organ des Volksbildungswerkes.

Redaktionsteam:

Mag. Gerald Gölles (Chefredakteur),

Dr. Gertraud Schaller-Pressler,

Dr. Silvia Renhart,

Mag. Eva Heizmann,

Dr. Gernot Peter Obersteiner

Layout und Bildbearbeitung:

Anita Schöberl, Hart bei Graz

Druck: Medienfabrik Graz

Kurt Jungwirth

Medieninhaber und Herausgeber:

Steirisches Volksbildungswerk

Obmann: Prof. Kurt Jungwirth

Geschäftsführer: Kamillo Hörner

ZVR-Zahl: 968800187

Bankverbindung:

Raiffeisenlandesbank Steiermark,

Graz, Tummelplatz,

Kontonummer: 7 27 28,

Bankleitzahl 38000

Schauen Sie ins Internet, dort finden

Sie Näheres über uns.

www.steirische-berichte.at

gedenke.

johann.

grenzenlos.

steiermark.

Fo t o: Ju n g w i r t h


gedenke.

Anna-Plochl-Dirndl,

Festtagstracht,

gefertigt

im Steirischen

Heimatwerk

6

Fo t o: to n i mu h r

Neu kreierter

Erzherzog-Johann-

Anzug (Ausschnitt)

von Hubert Fink.

Fo t o: do n n e r

steirische berichte 1-2 /09

Erzherzog Johann

Stationen seines Lebens

im Überblick

1782 Johann Baptist wird als 13. Kind des

Großherzogs Leopold von Toskana und seiner

Gattin Maria Ludovika in Florenz geboren

(20. Jänner).

1790 Leopold II. übersiedelt als Nachfolger seines

Bruders, Kaiser Josef II., mit seiner Familie

nach Wien.

1792 Tod der Eltern (Vater 1. Feb./Mutter 15. Mai),

Johanns älterer Bruder Franz besteigt

den Thron.

1796 Beginn der militärischen Ausbildung. Ein

Ausflug nach Mariazell bringt Johann zum

ersten Mal in die Steiermark.

1800 Die Vorbereitung der Volksbewaffnung führt

zur Bereisung Tirols. Übernahme des Armee-

kommandos. Niederlage bei Hohenlinden.

1803 Weitere Reisen durch die Steiermark,

Besteigung des Hochschwabs, Besuch von

Vordernberg und des Erzbergs.

1804 Aufbau des Verteidigungssystems von

Innerösterreich und Tirol. Erster Besuch in

Graz. Erste Begegnung mit Andreas Hofer.

1805 Übernahme des Armeekorpskommandos

in Tirol. Befohlener Rückzug der Armee nach

Innerösterreich. Friede von Preßburg. Tirol

geht verloren.

1807 Ankauf des Schlosses Thernberg (NÖ).

Beginn seiner naturwissenschaftlichen und

landwirtschaftlichen Studien.

1808 Tätigkeit im Kriegsministerium. Aufbau der

Landwehr in Innerösterreich.

1809 Johann leitet als Armeekommandant die

militärischen Operationen in Oberitalien.

Sieg bei Sacile. Befohlener Rückzug bis

Preßburg. Johanns Armee kann bei Wagram

nicht mehr eingreifen. Friede von Wien.

1811 Schenkung der Sammlungen und Gründung

des Joanneums. Beginn der Kulturtätigkeit in

der Steiermark.

1813 Vorwiegender Aufenthalt in Schloss

Thernberg. Alpenbund. Johann als

„Alpenkönig“ verdächtigt.

1815 Wiener Kongress. Kommando der Belagerungsarmee

von Hüningen (Schweiz). Übergabe der

Festung. Reise nach England (über Paris).

1817 Wirtschaftliches Notjahr in der Steiermark.

Gründung einer Kartoffelbeitragsanstalt.

1818 Ankauf des Brandhofes. Errichtung einer

Leseanstalt am Joanneum.

1819 Gründung der Steiermärkischen

Landwirtschaftsgesellschaft. Begegnung

mit Anna Plochl.

1820 Protektorat über den Steiermärkischen

Musikverein.

1822 Erwerbung eines Radwerkes in Vordernberg.

Beginn der Förderung der steirischen Eisen-

industrie. Ankauf des Weingutes Pickern bei

Marburg.

1828 Ankauf eines Grundstückes in Graz.

Gründung der Wechselseitigen Brandschaden-

Versicherungsanstalt.

1829 Trauung Erzherzog Johanns mit Anna Plochl

auf dem Brandhof.

1832 1. Gewerbe- und Industrieausstellung in Graz.

1833 Errichtung des landwirtschaftlichen

Versuchshofes in Graz.

1836 Erzherzog Johann wird zum Feldmarschall

ernannt.

1839 Erzherzog Johanns Sohn Franz wird geboren.

1840 Kauf von Schloss und Herrschaft Stainz.

Gründung der Montanschule in Vordernberg.

1842 Die Familie bezieht das Palais in Graz. Beginn

des Baues der Eisenbahn Mürzzuschlag–Graz.

1843 Gründung des Historischen Vereines für

Innerösterreich.

1844 Schloss Schenna in Südtirol angekauft. Eröffnung

der Eisenbahnlinie Mürzzuschlag–Graz.

1845 Gründung der Realschule in Graz.

Gründung des Montanistischen Vereines für

Innerösterreich in Vordernberg.

1848 Ankauf des Blechwalzwerkes Krems in

der Weststeiermark. Erzherzog Johann eröffnet

als erster Kurator die Akademie der Wissenschaften

in Wien. Eröffnung des konstituierenden

Reichtages in Wien als Vertreter des

Kaisers. Wahl zum deutschen Reichsverweser.

1849 Erzherzog Johann legt das Reichsverweseramt

zurück.

1850 Rückkehr nach Graz. Bürgermeister von Stainz.

1852 Gründung des Steiermärkischen Forstvereines.

1854 Eröffnung der Eisenbahn über den Semmering.

1857 Einführung der Landarbeiter- und

Dienstbotenordnung.

1859 Erzherzog Johann stirbt in Graz (11. Mai).

1869 Überführung nach Südtirol – Schloss

Schenna.

Silvia Renhart


Steiermark 2009:

Erzherzog Johann

Ein Gedenken und ein Bedenken

150 Jahre ist es her (11. Mai

1859), dass Johann Baptist

Erzherzog von Österreich,

Förderer und Visionär der

Steiermark, im Palais Meran

in Graz – in den Armen seiner

geliebten Anna – verstarb.

Es wird berichtet, dass Anna

Zeit ihres Lebens das Stück

Tapete, auf welches Johanns

letzter Blick fiel, fortan bei

sich getragen haben soll. Diese

große, tragische Liebe, von der

heute noch landauf, landab

gesprochen wird, trug

sicherlich viel dazu bei, dass

dieser Mythos „Johann“ noch

so präsent ist.

Natürlich leistete er zu einer

Zeit, als die Steiermark

wie gesamt Innerösterreich –

wirtschaftlich darniederlag,

Ungewöhnliches. Als guter

Netzwerker verstand er es,

trotz der Widerstände aus

Wien, die Menschen zu moti-

vieren und anzuspornen.

In zahlreichen Abhandlungen

wird das Leben und Wirken Erzherzog Johanns

beleuchtet und wird er seiner großen Bedeutung

für die Steiermark in Vergangenheit und Gegenwart

gemäß ausführlich geehrt.

Viele Veranstaltungen, Ausstellungen, Vorträge

und dergleichen werden das gesamte Gedenkjahr

über abgehalten.

Zahlreiche Bücher erscheinen und versuchen den

bis heute sehr beliebten „steirischen Prinzen“ ins

rechte Licht zu rücken.

Beiträge in Film- und Printmedien widmen sich

ihm und seinem Lebenswerk.

Institutionen, deren Gründung auf ihn zurückgeht,

beteiligen sich dabei genauso wie Vereine,

Verbände und Schulen.

So wurden beispielsweise von ihm begründet,

unterstützt, auf- und ausgebaut: das Landesmuseum

Joanneum, die Montanuniversität Leoben,

die Technische Universität Graz, die Steiermärkische

Landesbibliothek, das Steiermärkische Landesarchiv,

die Landwirtschaftskammer und die

Grazer Wechselseitige Versicherung.

Johanns Spuren sind selbst im 21. Jahrhundert

noch unauslöschlich und für die Steiermark

prägend. So ist es nur natürlich, dass auch dieses

Todesjahr zum Gedenken und auch Bedenken

genutzt wird. Nach dem Motto „Nobody is perfect“

soll man wohl auch an die Persönlichkeit Johanns

herangehen und eine objektive, wissenschaftliche

Analyse anhand aller noch vorhandenen und zum

Teil bis dato unpublizierten Fakten vornehmen.

Eine Vereinnahmung bzw. Verurteilung von Vertretern

„extremer Lager“ kann zwar nicht verhindert,

aber unter Berücksichtigung sämtlicher Einflussgrößen

fassbarer gemacht werden.

Das Jahresthema

Die Volkskultur Steiermark GmbH betreut im

Auftrag des Ressorts für Volkskultur (Landeshauptmann-Vize

Hermann Schützenhöfer) dieses Jahresthema

und wirkt als Vernetzungs-, Vermittlungs-,

Informations-, Koordinations- und Organisationsstelle

für alle Vereine, Verbände und Institutionen,

die sich beteiligen.

Der Auftakt des Erzherzog-Johann-Gedenkjahres

erfolgte am 20. Jänner anlässlich seines wiederkehrenden

Geburtstages. Im von der Volkskultur

Steiermark GmbH herausgegebenen Erzherzog-

Johann–Reisepass und auch auf der Homepage

www.erzherzogjohann.steiermark.at werden die

Termine aller Feierlichkeiten und Veranstaltungen

präsentiert. Genau 50 Jahre ist es her, dass ein fünf

Kilometer (!) langer Festumzug Erzherzog Johann

zu Ehren als Abschluss des Steirischen Gedenkjahres

1959 durch Graz zog. Er war einerseits als

letzte Dankeskundgebung an den großen Wohltäter

des Landes gedacht, und andererseits sollte er auch

Rechenschaft darüber ablegen, was aus dem Erbe

Erzherzog Johanns in den vergangenen 100 Jahren

erwachsen war.

So wollen wir auch 2009 daran anknüpfen und

haben alle steirischen Regionen zur Teilnahme

aufgerufen. Es soll wie damals kein historischer

Umzug sein, sondern die Darstellung der Landesteile

im Hier und Heute sowie im Morgen – basierend

auf dem „Input“, den dieser Mensch diesem

Land beisteuerte.

Silvia Renhart

gedenke.

Erzherzog-Johann-

Jahreslogo

Fo t o: vo L K s K u L t u r

st e i e r m a r K gm b h

Links:

Die Erzherzog-

Johann-Statue

erwacht 2009 und

begleitet durch das

Gedenkjahr.

Fo t o: vo L K s K u L t u r

st e i e r m a r K gm b h

1-2/09 steirische berichte 7


gedenke.

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steirische berichte 1-2 /09

Erzherzog Johann 09

Interview mit dem 1. Landeshauptmann-Stellvertreter Hermann Schützenhöfer

Die steirischen berichte widmen sich dieses Jahr dem Thema „Erzherzog Johann“. Die Hefte tauchen damit für die

Leserinnen und Leser in die Landesgeschichte ein.

steirische

berichte

LHStV.

Hermann

Schützenhöfer

Mit der Gründung

der steirischen

KLEINREGIONEN

gelingt Großartiges.

Fo t o: KL e i n r e g i o n

ÖK o r e g i o n Ka i n d o r F

Das Jahr 2009 steht im Zeichen des „Steirischen

Prinzen“. Was ist der Anlass für dieses Gedenkjahr?

Wie stehen Sie zum Gedenkjahr?

Erzherzog Johann war eine außergewöhnliche Persönlichkeit

– er hat der Steiermark bleibende Werte

hinterlassen, sowohl materielle als auch immaterielle.

Sein 150. Todestag am 11. Mai gibt Anlass,

seiner und seinem Lebenswerk zu gedenken. Doch

wir wollen im Gedenken nicht in der Vergangenheit

stehen bleiben. Vielmehr soll das Erzherzog-Johann-Jahr

als Anregung gesehen werden, im Heute

Visionen zu leben und Projekte mit Nachhaltigkeit

zu starten und zu fördern. Es waren nicht zuletzt

sein Weitblick und sein vernetztes Denken, die es

ermöglichten, dass die Gründungen und Initiativen

des „Steirischen Prinzen“ bis heute ihre Spuren

ziehen.

Die von Ihnen initiierte und im letzten Jahr gegründete

Volkskultur Steiermark GmbH fungiert als

Koordinationsstelle für das Erzherzog-Johann-Jahr.

Wofür steht dieses junge Kompetenzzentrum?

Was bietet diese Einrichtung den Steirerinnen und

Steirern?

Die Volkskultur Steiermark GmbH soll sowohl für

alle Steirerinnen und Steirer als auch für unsere

Gäste Anlaufstelle für ihre Anliegen und Anfragen

sein und so zur Lebendigkeit unserer Kultur beitragen.

Neben dem Service- und Beratungsbereich betreibt

die Volkskultur Steiermark GmbH mit ihrem

Sitz im ältesten Gebäude der Grazer Sporgasse das

Steirische Heimatwerk und das Steirische Volksliedarchiv.

Im Erzherzog-Johann-Jahr wirkt die neue Gesellschaft

als Vernetzungs-, Vermittlungs-, Informations-,

Koordinations- und Organisationsstelle. Die

Einbindung aller steirischen Regionen und eine

enge Zusammenarbeit mit jenen Institutionen, die

auf Erzherzog Johann zurückgehen, liegen mir bei

dieser Arbeit besonders am Herzen.

Im Tourismusland Steiermark verweisen dieses

Jahr zahlreiche Aktivitäten, Ausstellungen und

Veranstaltungen auf sein Lebenswerk. Welche

dieser Ausflugsziele können Sie empfehlen?

Dank des Engagements vieler einzelner Menschen

und Einrichtungen ist es gelungen, in der ganzen

Steiermark Aktivitäten zu initiieren, die auf diesen

großen „Wahlsteirer“ verweisen. Das Ergebnis ist

ein vielfältiges Veranstaltungsangebot, das von

Bad Aussee über Leoben, Mariazell und Graz bis

nach Stainz reicht. Aber auch viele Orte, in denen

Erzherzog Johann nicht unmittelbar gewirkt hat,

haben sich seines Lebenswerkes angenommen und

Veranstaltungen organisiert. Jede dieser Aktivitäten

hat ihre Besonderheit, zeigt unterschiedliche

Facetten aus seinem Leben auf, hat einen individuellen

Zugang. Um Erzherzog Johann in seiner

Vielfältigkeit erfassen zu können, kann ich nur

empfehlen, so viele Veranstaltungsangebote wie

möglich wahrzunehmen.

Besonders erwähnen möchte ich außerdem, dass

wir bei Steiermark Tourismus anlässlich des Gedenkjahres

Sonderpakete für Ausflüge und Reisen

geschnürt haben: Das Paket „Wir sind Erzherzog -

Auf den Spuren von Erzherzog Johann in der

Steiermark“ führt zu vielen Orten, an denen er

gewirkt und Spuren hinterlassen hat.

Die „Rundreise - Auf den Spuren von Erzherzog

Johann von Stainz nach Maribor und retour“ ist

eine Wein- und Kulturreise, bei der Zusammenhänge

damaliger Errungenschaften und heutiger

Traditionen entdeckt werden können.

Erzherzog Johann hat mit viel Weitblick in der

Grünen Mark nachhaltig gewirkt. Viele bis heute

weithin anerkannte Institutionen wie etwa die

Montanuniversität Leoben, das Landesmuseum

Joanneum und auch die Landwirtschaftskammer

gehen auf sein Wirken zurück. Mit der Landwirtschaftskammer

eng verbunden ist das Engagement

für den ländlichen Raum. Gerade hier gelingt

mit der Gründung der steirischen KLEINREGIONEN

Großartiges. Welche positiven Beispiele und

Innovationen gibt es hier?

Wir haben uns das Ziel gesetzt, die Steiermark zur

lebenswertesten und innovativsten Region Europas

zu machen. Der ländliche Raum ist einem starken

Wandel und großen Herausforderungen unterworfen.

Die Kleinregionen sind die ideale Struktur, um

die kommunale Infrastruktur auch für die Zukunft

abzusichern, da die Gemeinden gemeinsam stärker

sind. Darüber hinaus engagieren sich die Kleinregionen

bereits intensiv in den Bereichen Klimaschutz

und erneuerbare Energien, da sie nahe genug beim

Bürger sind, um in Zusammenarbeit mit bewährten

Institutionen wie Landwirtschafts- und Wirtschafts-


kammer realistische und sofort umsetzbare Projekte

anzugehen. Ich denke hier an kreative Kleinregionen

wie etwa die Ökoregion Kaindorf, das Almenland

oder an die Kleinregionen im Vulkanland,

wo der ländliche Raum sich zum innovativen

Zukunftsraum mit Lösungsideen zur Energie- und

Klimafrage entwickelt. In zahlreichen Kleinregionen

werden auch die Betriebsansiedelungen oder

die gemeinsame Nutzung von Veranstaltungshallen

und Sportanlagen geplant und gemeinsam umgesetzt.

Wir stehen hier am Beginn einer sehr guten

Entwicklung. Überall in der Steiermark haben sich

Kleinregionen gebildet, am Ende werden es rund

80 bis 90 Kleinregionen sein.

Der Geburtstag Erzherzog Johanns am 20. Jänner

2009 bildete den Auftakt für dieses Gedenkjahr.

Sie haben an diesem Tag einen Erzherzog-Johann-

Anzug mit Stolz getragen. Mit Stolz, weil er von

einem Schneidermeister aus Gratkorn angefertigt

wurde und so für Handwerk und steirische Arbeitsplätze

steht. Auch das Steirische Heimatwerk ist

ein Spezialist für steirische Trachten. Was gibt es

dazu zu erzählen?

Ich hege eine tiefe Bewunderung für Handwerkskunst

und jene Menschen, die hinter jedem handgefertigten

Produkt mit ihrem Können und ihrer

Kreativität stehen. Handwerk hat sich im Laufe der

Jahrtausende differenziert und spezialisiert, hat

neue Berufe, Fertigungstechniken und Produkte

hervorgebracht. Im Mittelpunkt steht aber immer

der Mensch – ob er nun traditionelle Werkzeuge

oder einen Computer bedient.

Das Steirische Heimatwerk kann als ein Zentrum

für Handwerkskunst bezeichnet werden. Als

Verkaufsstelle für Kunsthandwerk und mit hauseigenem

Schneidereibetrieb und individuell gefertigten

Trachten spiegelt es die Identität unserer

Regionen wider.

Das Gedenkjahr wird mit dem steirischen Fest

„Aufsteirern“ in Graz, am 20. September, einen

würdigen Abschluss finden. „Aufsteirern ist das

Fest für all jene, die steirisch denken, leben,

reden, singen, tanzen oder einfach nur das typisch

‚Steirische’ lieben. Einen Tag lang wird die Grazer

Altstadt zur Bühne, kurzum zum Dorfplatz, wenn

zahlreiche Mitwirkende zu einem Streifzug durch

die Vielfalt der weiß-grünen Volkskultur einladen.“

Wie stehen Sie zu diesem Fest? Was leistet dieser

Tag für die steirische Volkskultur?

„Aufsteirern“ bietet Steirisches für alle Sinne:

Unsere Kultur zum Erleben, Anschauen, Kosten,

Schmecken, Fühlen und Hören. Dieses Fest zeigt die

enorme Bandbreite auf, die das Steirische zu bieten

hat, und präsentiert das reiche Schaffen der unzähligen

Vereine und Verbände. Diese Vielfalt, wie

wir sie in der Steiermark erleben, spiegelt sich

auch in Europa, ja weltweit, wider. So ist es mir ein

besonderes Anliegen, in das Festprogramm jedes

Jahr Gruppen aus den Nachbarländern einzubinden.

Dieser länderübergreifende Austausch lässt

uns Kultur in einem größeren Zusammenhang

erleben und bildet einen wichtigen Beitrag zum

„Aufsteirern“, dem Fest der Vielfalt, des Miteinander

und der Begegnung.

Wir danken für das Gespräch.

Gerald Gölles

1. Landeshauptmann-

Stellvertreter

Hermann

Schützenhöfer bei der

Auftaktveranstaltung

zum Erzherzog-

Johann-Jahr.

Fo t o: Lan d st e i e r m a r K

1-2/09 steirische berichte 9


gedenke.

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steirische berichte 1-2 /09

Termintipps zum

Erzherzog-Johann-Jahr

26. April bis 31. Oktober 2009

Kulinarische Aktion „Anna kocht …“

Die Mitgliedsbetriebe der BÖG

(Beste österreichische Gastlichkeit)

kochen Gerichte aus der Zeit Erzherzog

Johanns und nach Aufzeichnungen

seiner Frau Anna Plochl

In vielen steirischen BÖG-Betrieben

Info: BÖG Steiermark,

Tel. 0664 / 849 13 23, www.boeg.at

30. April bis 31. Oktober 2009

Ausstellung „modellhaft.

Erzherzog Johann

Jagdmuseum Schloss Stainz /Landesmuseum

Joanneum, Schlossplatz 1,

8510 Stainz, Di–So 9–17 Uhr

Info: Jagdmuseum Schloss Stainz,

Tel. 03463 / 27 720,

www.museum-joanneum.at

1. Mai bis 31. Oktober 2009

Ausstellung „Bürgerin – Bäuerin –

Kuchldirn. Frauenalltag zur Zeit

Erzherzog Johanns“

Österr. Freilichtmuseum Stübing,

8114 Stübing, täglich 9–17 Uhr

(ab 14. 9.: montags geschlossen)

Info: Österr. Freilichtmuseum Stübing,

Tel. 03124 / 53700, www.stuebing.at

7. Mai bis 27. November 2009

Ausstellung „Erzherzog Johann

Mensch und Mythos“

Steiermärkisches Landesarchiv,

Karmeliterplatz 3, 8010 Graz

Mo, Di, Do 9–17 Uhr; Mi 9–19 Uhr,

Fr 9–13 Uhr

Info: Steiermärkisches Landesarchiv,

Tel. 0316 / 877-4031,

www.landesarchiv.steiermark.at

8. Mai 2009, 11 Uhr

Akademische Feier „Erzherzog Johann

Begründer der TU Graz“ Festvortrag

mit Enthüllung der Originalwerkzeuge

für den Spatenstich zur „Alten

Technik“ und akademische Ehrungen.

Technische Universität Graz,

Rechbauerstraße 12, 8010 Graz

Info: Technische Universität Graz,

Tel. 0316 / 873 6001, www.tugraz.at

11. Mai 2009, 17 Uhr

Gedenkgottesdienst anlässlich des

150. Todestages von Erzherzog Johann

Baptist von Österreich

Dom, Hofgasse/Burggasse, 8010 Graz

Info: Volkskultur Steiermark GmbH,

Tel. 0316 / 90 85 35,

www.volkskultur.steiermark.at

16. Mai 2009, 17 Uhr

Erzherzog Johann und sein Glaube“

Festvortrag von Maria Cäcilia

Trauttmansdorff

Schloss Stainz, 8510 Stainz

Info: Pfarre Stainz, Tel. 03463 / 22 37

20. bis 24. Mai 2009

Reise „Die Familie Erzherzog Johanns

und die Toskana“

Unter der Leitung von Univ.-Prof. DI

DDr. Gerhard Sperl (Historiker und

Montanist) werden der Geburtsort

Erzherzog Johanns und die

Wirkungsstätten der Habsburger in der

Toskana besichtigt.

Reiseroute: Graz–Toskana–Graz

Info: Österr. URANIA für Steiermark,

Tel. 0316 / 82 56 88, www.urania.at

27. bis 29. Mai 2009

Pfingstdialog „Geist & Gegenwart“ –

Der Geschmack Europas

Der zum dritten Mal stattfindende

Pfingstdialog ist vom joanneischen

Geist geprägt und widmet sich in

einer Spezialveranstaltung „Erzherzog

Johann – Herausforderung 2020“.

Schloss Seggau, Seggauberg 1,

8430 Leibnitz

Tagungsbüro: die Organisation,

Tel. 0316 / 69 55 80,

www.geistundgegenwart.at

29. Mai bis 26. Oktober 2009

Ausstellung „Erzherzog Johann

Radmeister in Vordernberg“

Radwerk IV, Peter-Tunner-Straße 2,

8794 Vordernberg

Mo–So 9–17 Uhr

Info: Informationsbüro Steirische

Eisenstraße, Tel. 03849 / 832,

www.radwerk-vordernberg.at

4. Juni 2009, 9 Uhr

Erzherzog Johann und seine Brüder“

Wissenschaftliches Symposion

Erzherzog Johann: Tagebuch

der Englandreise 1815/16“

Buchpräsentation

Wartingersaal des Landesarchivs,

Karmeliterplatz 3, 8010 Graz

Info: Historische Landeskommission

für Steiermark, Tel. 0316 / 877-3013,

www.hlkstmk.at

18. bis 21. Juni 2009

Bergmannsschach „Erz im Feuer“

Erzherzog Johann und das Schachspiel

der Berg- und Hüttenleut’ –

Ein Spectaculum mit Musik

Hauptplatz, 8700 Leoben

Info: Museumsverbund Steirische

Eisenstraße, Tel. 03842 / 4062-408,

www.bergmannsschach.at

19. Juni 2009, 10 bis 17 Uhr

„Zukunft braucht Herkunft: EH

JOHANN – FH JOANNEUM“

FH JOANNEUM Kapfenberg,

Werk-VI-Str. 46, 8605 Kapfenberg

(Weiterer Termin: 26. Juni 2009,

16–21 Uhr, FH Joanneum Graz,

Alte Poststraße 147, 8020 Graz)

Info: FH JOANNEUM,

Tel. 0316 / 5453-8835 oder 8816,

www.fh-joanneum.at

24. Juni 2009, 18 Uhr

Flott – Feurig – Steirisch

Trachtenpräsentation, Volkstanzfest

und Johannisfeuer – zum Namenstag

Erzherzog Johanns

Schloss St. Martin, Kehlbergstraße 35,

8054 Graz

Info: Schloss St. Martin,

Tel. 0316 / 28 36 55,

www.schlossstmartin.at

25. Juli 2009, 20 Uhr

„Er zwängt den Geist in keine

Schranken.“ Erzherzog Johann – Eine

Annäherung

Reinhard Schlüter zeichnet im Stil

eines Hörbildes den Lebensweg

Erzherzog Johanns nach. Musikalische


Umrahmung: Ausseer Bradlmusi

Kurhaus, Kurhausplatz 144,

8990 Bad Aussee

Info: Kulturreferat der Stadtgemeinde

Bad Aussee, Tel. 03622 / 52511-99,

www.badaussee.at

5. August 2009, 19.30 Uhr

Vortrag: „Durch die Schladminger

Tauern.“ Auf den Spuren der Reise

Erzherzog Johanns 1810

Von OStR Prof. Mag. Harald Matz

Schloss Trautenfels / Landesmuseum

Joanneum, 8951 Trautenfels 1

Info: Schloss Trautenfels,

Tel. 03682 / 222 33,

www.museum-joanneum.at

7. und 8. August 2009

„Das Leben, ein Tanz – 2009.

Erzherzog Johann von Österreich“

Gastspiel der Vereinigung Wiener

Staatsopernballett im Ausseerland

Kaiserzelt, 8992 Altaussee

Tickethotline: Tel. 0664 / 422 11 12,

www.ballett.at

9. August 2009, 11 Uhr

Auftaktveranstaltung zur Reihe

„Herbst mit den Bäuerinnen“

Eine Fülle von Hoffesten widmet

sich im Ennstal und Ausseerland von

August bis Oktober dem Leben und

Wirken des steirischen Prinzen.

Steinitzen-Alm, 8984 Pichl-Kainisch

Info: „Herbst mit den Bäuerinnen“,

Tel. 0676 / 94 59 817,

www.herbst-baeuerinnen.at

15. bis 16. August 2009,

jeweils ab 11 Uhr

Säumer, Seiler und Kesselflicker: Salla,

ein Dorf zur Zeit Erzherzog Johanns

Ein weststeirisches Bergdorf verwandelt

sich für zwei Tage in einen

historischen Ort. Dorfplatz, 8592 Salla

Info: Gemeinde Salla,

Tel. 03147 / 206,

gde@salla.steiermark.at

18. August 2009, 20 Uhr

„Wenn Du nur schon bey mir wärest…“

Franz Meran und Barbara Frischmuth

lesen unveröffentlichte Briefe von

Erzherzog Johann an Anna Plochl.

Musikalische Umrahmung: Ausseer

Geigenmusik

Literaturmuseum Altaussee,

Fischerndorf 61, 8992 Altaussee

Info: Literaturmuseum,

Tel. 0664 / 444 10 69,

www.literaturmuseum.at

Fo t o: Jo h a n n e s ge L L n e r vo L K s K u L t u r st e i e r m a r K gm b h.

20. September 2009

„AUFSTEIRERN

im Erzherzog-Johann-Jahr“

Das steirische Fest in Graz

Grazer Innenstadt, 8010 Graz

Info: Aufsteirern,

Tel. 0316 / 22 52 38,

www.aufsteirern.at

2. Oktober 2009

Tagung „Visionäre und Visionen in

der Landwirtschaft“

LFZ Raumberg-Gumpenstein,

Raumberg 38, 8952 Irdning

Info: LFZ Raumberg-Gumpenstein,

Tel. 03682 / 22 451-243,

www.raumberg-gumpenstein.at

5. November 2009, 19 Uhr

Erzherzog Johann und die Religion“

Vortrag von Mag. Dr. Elke Hammer-Luza

Info: Pfarrheim Stainz, 8510 Stainz

Weitere Termine finden Sie unter

www.erzherzogjohann.steiermark.at

und im „Reisepass durch das

Erzherzog-Johann-Jahr“. Reisepass

anfordern: Volkskultur Steiermark

GmbH, Sporgasse 23, 8010 Graz,

Tel. 0316 / 90 85 35,

office@volkskultur.steiermark.at

1-2/09 steirische berichte 11


gedenke.

Das Heft in der

Hand haben junge

Studierende beim

vielsprachigen

Pfingst-Dialog auf

Schloss Seggau:

Das interdisziplinäre

Forum widmet

sich Fragen zur

Zukunft Europas

und lädt zu

internationalem

Meinungsaustausch

auf höchstem

Niveau.

Fo t o:

ge is t & ge g e n w a r t

12

Schloss Seggau,

Fo t o: Ki r c h e n g a s t

steirische berichte 1-2 /09

Geist & Gegenwart

Pfingst-Dialog 27. bis 29. Mai 2009

auf Schloss Seggau, Leibnitz

„Der Geschmack Europas“ soll nach dem Willen

der Veranstalter beim dritten Pfingst-Dialog auf

Schloss Seggau in aller Munde sein: Denn Fragen

zur Ernährung, vom Überfluss bis zum Welthunger,

von den Rohstoff- und den Lebensmittelpreisen,

aber auch zu einem nachhaltigen und verantwortungsvollen

Umgang mit Ressourcen stehen auf

dem diesjährigen Programm. Und nicht zuletzt:

wie Nicht-Europäern dieses Europa „schmeckt“.

Die daraus resultierenden gesellschaftspolitischen,

sozialen und ethischen Herausforderungen werden

wieder in Plenarveranstaltungen und „Insieme“-

Gruppen diskutiert werden.

Neben vollwertiger Geistesnahrung wird aber auch

konkret Essen auf den Tisch kommen und analysiert:

Nach dem Motto „Das Auge isst mit“ werden

die Autoren des Buches „Food Design“, Honey &

Bunny, die kulturell unterschiedlichen Farbreize

von Speisen etwa in Asien (weiß) und Österreich

(rot) aufzeigen.

„Das Interesse am Pfingst-Dialog ist auch heuer

besonders groß“, freuen sich die Organisatoren,

„aufgrund der vielen Anmeldungen vor allem von

Studierenden sind wir bereits um eine Erhöhung

unserer Aufnahmekapazitäten bemüht.“

Und da sich „Geist & Gegenwart“ unter der

Schirmherrschaft von Diözesanbischof Dr. Egon

Kapellari und Landeshauptmann-Stv. Hermann

Schützenhöfer von Beginn an auch von

„joanneischem Geist“ durchweht sieht, ist 2009

ein eigener Schwerpunkt zum Thema „Erzherzog

Johann – Herausforderung 2020“ geplant.

Wenn auch Sie auf den Geschmack Europas

gekommen sind: Sie sind herzlich willkommen!

Gertraud Schaller-Pressler

Das Symposium „Geist und Gegenwart“ steht

heuer unter dem Leitwort „Der Geschmack

Europas“. Dieses europäische Forum, das vom

Land Steiermark und der Diözese Graz-Seckau in

Kooperation mit dem Joanneum Research und

dem Club Alpbach Steiermark veranstaltet wird,

ist nicht nur zeitlich, sondern seinem Wesen nach

mit dem Pfingstfest verbunden. Angesichts zunehmender

sozialer und kultureller Erosionen

darf man von diesem Pfingst-Dialog Impulse für

mehr Humanität und mehr Geist in Europa und

darüber hinaus erhoffen.

Diözesanbischof Dr. Egon Kapellari, Graz-Seckau

Der Pfingstdialog Geist & Gegenwart ist zu

einer guten Tradition geworden – für den offenen

Dialog zu wichtigen Fragen der Gegenwart und

Zukunft über Grenzen hinweg und als Impulsgeber

für Reform- und Innovationsprozesse.

Also eigentlich ganz in der vorbildlichen Haltung

Erzherzog Johanns, der für uns ständige Herausforderung

ist.

Landeshauptmann-Stv. Hermann Schützenhöfer

Geist & Gegenwart – Der Geschmack Europas

Pfingst-Dialog, 27.–29. Mai 2009, Schloss Seggau,

Leibnitz

ReferentInnen: Wolfgang Benedek, Sihem Benesedrine,

Warnfried Dettling, Christian Felber, Benita Ferrero-

Waldner, Franz Fischler, Barbara Gerl-Falkovits,

Mariella Gruber, Franz Harnoncourt-Unverzagt,

Mats Hellstroem, Honey & Bunny, Waldemar Hummer,

Dieter Hundt, Valentin Inzko, Egon Kapellari,

Monika Kircher-Kohl, Michael Krüger, Richard Kühnel,

Jadran Lenarcic, Manfred Lütz, Joseph Marko,

Reinhard Marx, Meinhard Miegel, Leopold Neuhold,

Fred Ohenhen, Bernhard Pelzl, Klaus Poier,

Manfred Prisching, Susanne Scholl, Kurt Scholz, Margit

Schratzenstaller, Hermann Schützenhöfer, Ali Soleiman,

Dieter Spoeri, Hans Staud, Herwig Sturm, Lojze Wieser.

TEILNAHMEKOSTEN, ANMELDUNG & INFO:

Tagungsbüro Geist und Gegenwart,

c/o die Organisation, Opernring 12/1, 8010 Graz,

Tel: +43/(0)316 /69 55 80,

info@geistundgegenwart.at,

www.geistundgegenwart.at


Erzherzog Johann

auf Schritt und Tritt

Den 30 Mitgliedern von DieGrazGuides

liegen nicht nur Gäste von auswärts

sondern auch die GrazerInnen und

SteirerInnen am Herzen. Um deren

Wissensdurst nach spannenden, unbekannten,

oft kuriosen Aspekten der

Stadt zu stillen, präsentieren DieGraz

Guides von Mai bis Ende September

„Graz für Grazer“ im Detail. Da lockt

eine Fahrt im Cabrio Bus ins „grüne

Graz“ mit seinen Parks, Schrebergärten

und paradiesisch bepflanzten Innenhöfen.

Kastner&Öhler offenbart historische

Substanz und heitere Geschichten

abseits vom Shopping. „Europa in Graz“

beleuchtet identitätsstiftende äußere

Einflüsse in Vergangenheit und

Gegenwart. Das Jahr der Astronomie

veranlasst DieGrazGuides, den Spuren

Johannes Keplers zu folgen ... .

Und Erzherzog Johann? In zwei Spaziergängen

– garniert mit Zitaten

und amüsanten Anekdoten – wird der

volksverbundene Mensch und wissenschaftliche

Visionär Johann Baptist

von Österreich näher vorgestellt. Dabei

ergeben sich erstaunliche Parallelen

zwischen seiner und unserer Zeit.

Unter dem Titel „Wissen für jedermann“

geht es von der Technischen Universität

zur Kunstuniversität, während „Neue

Ideen für das Land“ zu zahlreichen,

noch heute florierenden Gründungen

des Erzherzogs quer durch die Innenstadt

führt.

Ein Folder mit den genauen Terminen

der Aktion „Graz für Grazer“ liegt ab

Ende April bei der Graz Tourismus

Information, Herrengasse 16, auf.

Natürlich können alle Führungen

bei DieGrazGuides auch individuell

gebucht werden.

WEITERE INFORMATIONEN:

DieGrazGuides – Fremdenführer-Club

für Graz und die Steiermark,

Telefon: 0316 / 58 67 20,

Fax: 0316 / 57 53 10, E-Mail: info@

grazguides.at; www.grazguides.at

gedenke.

Der Jahresregent Erzherzog Johann erweitert heuer auch das Angebot von DieGrazGuides – Fremdenführerclub für Graz

und die Steiermark. Bereits zum 13. Mal laden die engagierten FremdenführerInnen zu ihrer beliebten Aktion „Graz

für Grazer“ und widmen dabei gleich zwei unterschiedliche Spaziergänge dem Leben und nachhaltigen Wirken des

steirischen Prinzen.

Gewinnen Sie eine

Erzherzog-Johann-Führung

durch Graz

Wie gefallen Ihnen die neuen steirischen berichte?

Wir laden Sie ein, uns darüber Ihre Meinung

schriftlich mitzuteilen.

Unter allen Einsendungen verlosen wir 15 Eintrittskarten

für die von den GrazGuides zur Verfügung

gestellte Erzherzog-Johann-Führung

am Samstag, 16.Mai 2009, in Graz

Beginn: 11.00 Uhr

Treffpunkt: Hauptplatz/Rathauseingang

Kennen lernen können Sie dabei auch das

Redaktionsteam der steirischen berichte.

Bitte schicken Sie uns Ihre Antwort

bis spätestens 30. April 2009

per Post, Fax oder E-Mail an

Steirisches Volksbildungswerk

8010 Graz, Herdergasse 3

Fax (0 31 6) 32 10 20-4

office@volksbildungswerk-stmk.at

Eintrittskarten und Informationen zur Führung erhalten Sie

mit der Post. Die Preise können nicht übertragen oder in

bar abgelöst werden. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Ihre

eingereichten Angaben werden vertraulich behandelt und ohne

Ihre ausdrückliche Zustimmung nicht an Dritte weitergegeben.

Mit der Teilnahme am Wettbewerb stimmen Sie zu, dass Ihr

Name im Rahmen der steirischen berichte veröffentlicht wird.

5 Bücher

„Wie’s g’wesn is“

wurden mit den

steirischen berichten

6/2008 verlost.

„Wie’s g’wesn is.

Vom Leben auf dem Land“.

Inge Friedl/Neues Land.

176 Seiten.

Styria 2008,

24,95 Euro.

Erhältlich auch über

NEUES LAND, Reitschulgasse 3,

8011 Graz,

Tel. 0316 82 63 61-11,

sigrid.gosch@stbb.at

oder www.neuesland.at.

Fo t o s: diegr a zgu i d e s

Sie haben gewonnen

Die Gewinner der Bücher sind

• Frau Helga Kopeinig aus Graz in der Steiermark

• Herr DI Josef Suppan aus Graz in der Steiermark

• Frau Ingrid Paul aus Jagerberg in der Steiermark

• Frau Maria Stahl aus Stohlberg in Deutschland

• Herr Dipl.-Bwt. Josef-H. Hasenmüller aus Berlin

in Deutschland

1-2/09 steirische berichte 13


johann.

Leopold Kupelwieser,

Erzherzog Johann im

Rock mit grünem

Aufschlag, 1828. Fo t o:

ne u e ga L e r i e gr a z

a m Lan d e s m u s e u m

Jo a n n e u m

14

steirische berichte 1-2 /09

Der Mensch „Johann

Aufgrund seines Standes erfuhr Erzherzog Johann

eine umfassende (globale) Erziehung – beeinflusst

und geprägt durch verschiedene Kulturkreise und

Mentalitäten Europas.

Als Kind seiner bewegten Zeit war er nicht nur

von den Naturwissenschaften, sondern auch vom

Gedankengut der Aufklärung, dem Fortschrittsglauben

sowie von der beginnenden Industrialisierung

angespornt und vom allgemeinen Aufkeimen

des Interesses am Volksleben inspiriert.

Er zeichnete Erlebnisse und Geschichten auf seinen

Reisen durch die Alpenländer auf. Gerne durchstreifte

er auch als einfacher Jäger die Steiermark

und gesellte sich unters gemeine Volk. Durch seine

Heirat mit der Ausseer Postmeisterstochter Anna

Plochl und das Tragen der einfachen Jägerkleidung

auf seinen Streifzügen fand er die gewünschte Nähe

zu den Menschen des Steirerlandes.

Mit 14 Jahren bereits interessierte und beschrieb er

auf einer Reise nach Mariazell Land und Leute. Am

Abhange des Riedenberges. Hier sind die Häuser

schon mit Stroh gedeckt, auch viele halb mit Holz

und halb mit Stein gebaut … Die Bauerntracht ist

verschieden und hat ihren eigenen Geschmack; man

glaubt sich in eine andere Welt versetzt.

Genaue Kenntnis des Landes, der Bewohner, deren

Bedürfnisse und Fähigkeiten sowie der Leistungen

der öffentlichen Einrichtungen erlangte er durch

eine statistische Landesaufnahme. Darauf baute und

begründete er seine Reformen.

Vision und Inspiration holte er sich auf seinen zahlreichen

Studienreisen durch Europa und Kontakten

zu bedeutenden Wissenschaftlern seiner Zeit.

1801 beschrieb er auf seiner Reise durch Salzburg

und Tirol Bauernhäuser, Lebensweise, Mahlzeiten,

Tracht, Charakter, Körperbeschaffenheit, Religion,

Volksspiele, Volkslied, Musik und Liebesleben der

Bevölkerung.

1802 führte ihn sein Weg durch die Steiermark, wo

er sich Jodler und Volkslieder vorsingen ließ und

damit seine Liedersammlung begründete.

Bereits 1804, als er noch mit seinen militärischen

Plänen befasst und auf Tirol konzentriert war,

bereitete er eine Arbeit über „Sitten, Gebräuche und

Charakter der deutschen Alpenbewohner“ vor.

Zugleich erteilte er Naturforschern, Zeichnern und

Antiquaren den Auftrag zu forschen und zu sammeln.

Nach seiner „Verbannung aus Tirol“ durchwanderte

und beschrieb er im August 1810 die Ausseer

und Schladminger Alpen: Die Almhütten sind

niedrig aber geräumig; die heftigen Winde, welche

hier herrschen und oft den Boden furchen, lassen

kein hohes Gebäude zu. Die Dächer sind flach und

mit Steinen beschwert … Abends waren Geiger und

Pfeifer da und von Schladming kamen Bauern mit

ihren Alpenhörnern („Wurzhörnern“). Sie sind wie

Posaunen gemacht, von Lärchenholz mit Bast umgeben

und geben einen reinen, angenehmen aber

zugleich traurigen Ton …

Im Oktober 1810 durchstreifte er die untersteirischen

Weingegenden und schrieb Beobachtungen

über Weinbau, Weinlesefeste, Pressen, Keller und

Winzerbräuche nieder.

Dies gab ihm anscheinend Anstoß, fortan für die

Steiermark tätig zu sein, und begeistert schrieb er

1811 in sein Tagebuch:

Aus den Gebirgen entspringen die Wasser, die die

Ebene beherrschen, dort ist noch der Menschheit

Kern, von da muß Rettung kommen!

Silvia Renhart


„Eure kaiserliche Hoheit –

theurer, liebster, bester Mann.“

Anna Plochl und Erzherzog Johann

Die Beziehung zwischen Erzherzog Johann und Anna Plochl ist mit Sicherheit die bekannteste Liebesgeschichte der

Steiermark, birgt sie doch alle Bestandteile einer märchenhaften Romanze in sich: Ein Kaisersohn und eine Postmeisterstochter

verlieben sich ineinander, trotzen im ländlichen Idyll allen Widerständen und dürfen nach jahrelanger Prüfung

endlich den Bund für das Leben schließen.

Spätestens seit dem Kinofilm „Erzherzog Johanns

große Liebe“ war dieses kitschig-süße Bild in einer

breiten Öffentlichkeit festgeschrieben. In der

Realität zeigte sich die Beziehung des Habsburgers

zu seiner mehr als 20 Jahre jüngeren Gefährtin

aus dem Bürgerstand freilich viel facettenreicher

und mit einer Reihe von Problemen belastet, unter

denen vor allem die junge Frau zu leiden hatte.

Die Postmeisterstochter Nanni

Anna Maria kam als ältestes Kind des Postmeisters

Jakob Plochl und seiner Frau Maria Anna, geb. Pilz,

am 6. Jänner 1804 in Aussee zur Welt. Sie hatte

zwölf Geschwister, wobei ihre Mutter nach der

Geburt des jüngsten Kindes 1821 verstarb. Familie

Plochl besaß in Aussee ein bürgerliches Haus und

galt als durchaus angesehen. Erzherzog Johann

lernte die Postmeisterstochter im Sommer 1819 am

Toplitzsee kennen und fand an dem jungen Mädchen

Gefallen. Im den folgenden Jahren trafen die beiden

immer wieder zufällig zusammen und kamen

einander näher. Im Sommer 1822 tat der Habsburger

schließlich den entscheidenden Schritt und erklärte

sich der Bürgerstochter. Die Verbesserung seiner

finanziellen Situation durch eine Erbschaft sowie

der Ankauf von Realitäten in Vordernberg trugen

daran nicht unwesentlichen Anteil. Nachdem sich

das Paar bald einig war, suchte Johann Anfang

1823 bei seinem kaiserlichen Bruder, Franz I., um

die Heiratserlaubnis an. Der Kaiser erteilte zwar

seine grundsätzliche Zustimmung, wollte die Heirat

jedoch bis auf Weiteres aufgeschoben wissen.

Wie stellte sich diese Situation nun für Anna Plochl

dar? Die junge Bürgerstochter hatte bei der ersten

Zusammenkunft mit dem Erzherzog sicher niemals

daran zu denken gewagt, in eine nähere Beziehung

mit dem so viel höherstehenden und älteren Mann

zu treten. Tatsächlich knüpfte das lebenslustige

Mädchen zunächst Bekanntschaft zu einem jungen

Mann ihres Standes. Es war dies der Leobener

Bäckermeisterssohn Vinzenz Pfeifer, der als Angestellter

in einem Vordernberger Radwerk arbeitete.

Die beiden korrespondierten nicht nur miteinander,

johann.

Zeitgenössische

Genre-Darstellung

„Anna als Postillion“

1-2/09 steirische berichte 15


johann.

16

Herrenhaus

in Vordernberg

Fo t o: stLa

steirische berichte 1-2 /09

sondern tauschten auch kleine Geschenke aus;

unter anderem besaß Vinzenz von Anna eine Rose

und einen Ring. Wie lange dieses Verhältnis gedauert

hatte und aus welchen Gründen es letztlich

zerbrach, wissen wir nicht; der Bürgerssohn galt

jedoch als leichtlebiger Frauenheld. Nachdem Anna

dem Erzherzog diese Episode erzählt hatte, setzte

der Habsburger alles daran, die Spuren der ehemaligen

Beziehung zu beseitigen, um das Ansehen

seiner Auserwählten nicht zu gefährden. Über

Vermittlung des Bäckermeisters Pfeifer übergab der

junge Mann alle von Anna herrührenden und diese

unter Umständen kompromittierenden Gegenstände

an den Habsburger. Damit nicht genug, wurde

Vinzenz Pfeifer auch der Abschied aus Vordernberg

nahe gelegt. Mit Hilfe von Erzherzog Johann erhielt

er einen Studienplatz an der Bergakademie in

Schemnitz, die Reise- und Aufenthaltskosten übernahm

der Habsburger.

Trotz aller Diskretion blieben das Werben von

Erzherzog Johann, die

plötzliche Abreise

Vinzenz Pfeifers und die

letztlich gescheiterten

Hochzeitsvorbereitungen

in Aussee nicht unbe-

merkt. Klatsch und

Tratsch blühten, wobei

vorzugsweise Anna

Plochl die Zielscheibe

des Spotts bildete. Neider

und Übelwollende gab

es genug, die ihr vor-

warfen, sich anmaßend

über ihren Stand erheben

zu wollen.

Das Gerede zog so weite

Kreise, dass sogar Staatskanzler

Metternich in

Wien von seinen Polizeispitzeln

genaue Berichte über die Person der

Postmeisterstochter einforderte. Aus einer

gewissen Naivität und schwärmerischen Verliebtheit

heraus gelang es Anna anfangs, sich ihren

Optimismus zu bewahren. Doch zum Druck der

Umgebung kam zunehmend auch der Druck

innerhalb ihrer eigenen Familie. Jakob Plochl

sorgte sich um den Ruf seiner ältesten Tochter –

und suchte zugleich handfeste materielle Vorteile

für sie herauszuholen.

Erst im September 1823 fand dieser unhaltbare

Zustand ein Ende, und Anna sollte mit Zustimmung

ihres Vaters als Wirtschafterin des Erzherzogs

tätig werden. Damit begann ein neues Kapitel

in ihrem Leben, das für sie – neben der ersten

Freude über die erreichte Zweisamkeit mit einem

geliebten Menschen – sehr viele Schattenseiten

aufweisen sollte.

Die Hausfrau des Erzherzogs

Am 20. September 1823 führte Johann seine Anna

nach Vordernberg – um sie nach wenigen Tagen

bereits wieder allein zu lassen. Die vielfältigen

Geschäfte des Habsburgers ließen es nicht zu,

längere Zeit in Ruhe an einem Ort zu verweilen.

Das hieß für Anna, dass sie lernen musste, Wochen

und sogar Monate in einsamer Zurückgezogenheit

zu verbringen. Für ein junges Mädchen, das gewohnt

war, im Kreis einer großen Familie mit vielen

Kindern zu leben, musste das eine gewaltige Umstellung

bedeuten. Selbstverständlich trug Johann

dafür Sorge, dass Anna in seiner Abwesenheit

Gesellschaft hatte, allerdings nur durch einen von

ihm ausgewählten Personenkreis. Mit anderen, ihm

nicht vertrauenswürdig erscheinenden Menschen

sollte sie hingegen keine engeren Kontakte pflegen.

Zum Leidwesen Annas hatte der Erzherzog auch

Vorbehalte gegen ihre Schwestern und gegen ihren

Vater, so dass sie hin- und hergerissen war zwischen

der Liebe zu ihrer Familie und dem Pflichtbewusstsein

gegenüber Johann. Der Habsburger handelte

dabei natürlich aus reifer Überlegung, wusste er

doch nur zu gut, wie rasch Anna in ihrer ohnehin

unsicheren Position durch unbedachte Handlungen

gänzlich desavouiert werden konnte.

Für das damals 19jährige Mädchen waren die Bevormundungen

des Erzherzogs jedoch schwer zu

ertragen. Anna sah sich wegen der ständigen, bisweilen

übertrieben scheinenden Bedenken immer

wieder um jede Freude und Zerstreuung gebracht,

um so mehr, da sie bisher eine begeisterte Tänzerin

gewesen war, die kaum einen Ball ausgelassen

hatte. Der schon in die Jahre gekommene Erzherzog

mied hingegen nach Möglichkeit solche Veranstaltungen,

die er als höchst verderblich und gesundheitsschädlich

ansah. Hier zeigten sich die

Wesensunterschiede, aber auch die Altersdifferenz

zwischen dem ungleichen Paar besonders augenfällig,

was auch Anna bewusst war: Willst Du mir

denn gar die Freude nicht mehr erlauben, daß ich

nicht mehr tanzen soll. […] Du wirst Dir halt denken,

jung, jung! Leider freylich jung, darum auch

noch gerne lustig.

Erzherzog Johann hatte in der Wahl seiner Gefährtin

ein unverdorbenes Geschöpf aus dem Volk

gesucht, das er in gewisser Weise noch nach seinen

Vorstellungen formen konnte. In diesem Sinn versuchte

er auch auf Anna einzuwirken, vor allem,

was einfache und schlichte Lebensführung betraf.

Auch wenn die Bürgerstochter alles andere als anspruchsvoll

war, hatte sie doch eine gewisse Freude

an Putz und Zierrat, was der Erzherzog jedoch nicht

verstehen wollte. So rügte er sie in harten Worten,

dass sie sich bei einem Ausflug nach Graz unterstanden

hatte, drei Hüte mitzunehmen: Für Dich

wäre ein Gewand für alle Tage und immer das näm-


liche, eines für Visiten oder ein Überrock und Dein

schwarzer Mantel hinlänglich gewesen, denn das

viele Kleiderwechseln ist eine unzeitige Eitelkeit,

die ich nicht will. Wegen dieser und ähnlicher

Zurechtweisungen vergoss Anna viele Tränen. Sie

hatte mitunter das Gefühl, von den Freunden und

Vertrauten des Habsburgers überall überwacht

und kontrolliert und wie ein Kind mit Warnungen

überhäuft zu werden. Andererseits wollte sie ihrem

„Herzensmann“ alles recht machen und ängstigte

sich, seinen Unwillen hervorzurufen.

War Erzherzog Johann endlich ein paar Tage zu

Hause, so gestaltete sich das Zusammenleben zwischen

Anna und ihm auch nicht immer erfreulich.

Wiewohl das Paar ständig brieflich miteinander in

Verbindung stand, trat während der langen Abwesenheiten

doch eine gewisse Entfremdung auf, die

es immer wieder abzubauen galt. Zugleich durfte

aber auch nicht zu viel Nähe aufkommen, peinlich

genau musste darauf geachtet werden, dass man

trotz aller Bedürfnisse über das kameradschaftliche

Verhältnis nicht hinausging. Der Erzherzog wurde

durch diese allseits unbefriedigende und peinigende

Situation in schwere Depressionen gestürzt und

glaubte, durch sein Versprechen

gegenüber Anna Schuld auf sich

geladen zu haben. In der ersten

Jahreshälfte 1824 war Johann

in so düsterer Stimmung, dass

er in seinen Tagebüchern sogar

Selbstmordgedanken äußerte.

Bis aufs äußerste angespannt

und oft krankhaft gereizt, war

er von Selbstzweifeln zerfressen

und stellte bisweilen sogar Annas

Liebe in Frage. Diese fühlte sich

mit der düsteren Schwermut ihres

Gefährten oft überfordert,

zumal sie ja selbst mit der bestehenden

Lage alles andere als glücklich war. Es

zeugt von der Charakterfestigkeit des Paares, dass

es diese schwere Zeit miteinander meistern konnte.

In der Tat hat es den Anschein, als ob Anna und

Johann nach dem ersten Jahr ihres Zusammenlebens

immer besser lernten, miteinander umzugehen

und sich an ihre Situation zu gewöhnen. Wie in

jeder Beziehung wechselten auch hier bessere und

schlechtere Tage einander ab, letztlich sollten sich

die Gegensätze zwischen den beiden aber immer

mehr abschleifen. Freilich ist zu erwarten, dass

die junge Anna hier mehr Zugeständnisse machen

musste als ihr Radmeister. Die trotzig zur Schau gestellte

Prinzipientreue des Erzherzogs beeindruckte

letztlich auch seinen kaiserlichen Bruder, der 1829

endlich seine Zustimmung zur Heirat bekräftigte.

Am 18. Februar heirateten Anna und Johann in der

Kapelle des Brandhofes, nachdem sie fünfeinhalb

Jahre einen gemeinsamen Haushalt geführt hatten.

Die Frau ohne Namen

Die Eheschließung mit Erzherzog Johann bedeutete

für Anna freilich nur die Legitimierung ihrer

Beziehung und keine Aufnahme in die Familie

des Habsburgers. Es sollte noch lange dauern, bis

sie in Wien überhaupt Zutritt zur kaiserlichen Hofburg

erhielt. Wir können nur Vermutungen darüber

anstellen, wie sich die im ländlichen Aussee aufgewachsene

Frau, die keine angemessene Erziehung

genossen hatte und keine Erfahrung mit höfischer

Etikette besaß, hier fühlen musste. Gerade in den

ersten Jahren waren sicherlich alle Augen auf sie

gerichtet und jede Ungeschicklichkeit ihrerseits

wurde peinlich genau notiert – und wohl auch ausführlich

kommentiert. Dazu kam die Verlegenheit,

dass man anfangs nicht wusste, wie man die Frau

des Erzherzogs überhaupt anreden sollte. Erst 1834

erhielt sie den Titel einer Freifrau von Brandhofen

zuerkannt. So nimmt es nicht wunder, dass Anna

die Zeit am liebsten in ihrer steirischen Heimat

verbrachte. Aber auch hier bewegte sie sich in gewisser

Weise zwischen den Welten: Zum Bürgerstand

gehörte sie nicht mehr, und selbst der Land-

adel behandelte sie nicht als

ihresgleichen. Neben diesen

äußeren Zurücksetzungen litt

Anna unter der anfänglichen

Kinderlosigkeit ihrer Ehe, erst

1839 stellte sich der lang erwar-

tete Sohn ein.

Es scheint, dass Anna durch

ihre Mutterschaft eine gewisse

Eigenständigkeit erlangte, die

sich bisweilen auch mit einem

energischen Auftreten paarte –

allerdings nur innerhalb der

eigenen vier Wände, die sie als

ihre Welt ansah. In der Öffentlichkeit,

wie etwa in Frankfurt 1848, fühlte sie sich

gänzlich fehl am Platz: Ich bin für die hiesige Welt

viel zu einfach […]. Auch ihre Standeserhöhung zur

Gräfin von Meran 1850 sollte daran nichts mehr

ändern.

Nach dem Tod von Erzherzog Johann 1859 lebte

Anna vor allem in Graz, wo sie als Wohltäterin in

Erscheinung trat; am 4. August 1885 starb sie

in ihrem Geburtshaus in Aussee.

Elke Hammer-Luza

Verwendete Quellen und Literatur (in Auswahl):

Johann Erzherzog von Österreich, Der Brandhofer und seine

Hausfrau. 3. Aufl., bearb. u. eingel. von Walter Koschatzky,

Graz 1978.

Renate Basch-Ritter, Anna Plochl. Die Frau an der Seite

Erzherzog Johanns. Spurensuche durch zwei Jahrhunderte,

Graz 2005.

Elke Hammer, Anna Plochl und Erzherzog Johann – Kehrseiten

einer „lieblichen Romanze“. In: MittStLA 48 (1998), 299–332.

Anna Freiin

von Brandhofen.

johann.

Johann, Anna und

beider Sohn Franz.

Fo t o: stLa

1-2/09 steirische berichte 17


johann.

Fo t o s: gi s e L b r e c h t

18

steirische berichte 1-2 /09

„Gerichte mit Geschichte“

Es ist rund 150 Jahre her, dass Anna Plochl, die

bürgerliche Ehefrau des Erzherzogs Johann von

Österreich, ihren Gemahl mit viel Gefühl und Liebe

„bekochte“.

Kein Wunder, dass es fast ein Jahrhundert dauerte,

bis erzherzögliche Gerichte nachgekocht werden,

denn massige Mengen von Schmalz und 18 Eiern

hinterließen einen bombigen Eindruck. Werden die

Mengen aber auf vier Personen umgerechnet, so

verlieren die Gerichte viel an Kalorienschreck. Erst

mussten Umrechnungen von Loth, Quintel, Vierting,

Pfund, Seidel und Maß vorgenommen werden,

bis sich die Mengen aus der Anna-Plochl-Küche

nachempfinden lassen.

Die reiche Ernährung adeliger und bürgerlicher Zeit

mag vielleicht auch an der Lebensfreude, die uns

aus Volkstänzen und Walzern entgegenschwingt,

zu tun haben. Germspeisen, Salsen und Sulzen,

Bratensäfte und Brieschen finden sich zum Abendmahle

ein, bitte zu Tisch auch für Fasansuppe und

Ente mit kleinen Zwiebeln.

Mit Chips oder Pommes Frites hätte die Adelsküche

keine großen Schlagzeilen gemacht, umso spannender

die Gerichteküche, in der viele internationale

und traditionelle Speisen aus der Pfanne gezaubert

wurden. So verraten Pastete à la Plochl und

Parmesankrustenbraten französisch-italienische

Kochneigungen, ohne dass bei den teuren Zutaten

gespart wurden, hatte dennoch der Wert der Wirtschaftlichkeit

im Haushalt eine bedeutende Stellung.

Nicht zu vergleichen mit dem „Arme-Leute-

Essen“ der Bauersleut’, die noch in jenen Tagen mit

Hungersnöten und Missernten kämpften.

Gerichte

Trends in der Biedermeierküche waren vor allem

Rahm und eierreiche Speisen, sogar an Zucker hatte

man sich nichts vom Mund abgespart. Aus dem

Erzherzog-Johann-Kochbuch ist herauszulesen,

dass es vor allem das Brot war, dem eine besondere

Wertschätzung zukam. So wurde Brot in Form von

Mehlspeisen, Pofesen, Semmelbrösel, Panadel

(Semmelbrei, Weißbrotsuppe) veredelt. Auf Panier

hatte man in diesen Tagen noch eher verzichtet,

doch war die Fleischzubereitung, auf Wurzelwerk

aufgesetzt, nicht aus der Küche wegzudenken.

Krapfen wie Schneeballen und Spagatkrapfen waren

auf dem „Speiszettl“ angeführt. Hirn, Milz und

Leber galten damals als geheime Liebesextrakte.

So änderte sich im Laufe der Jahrzehnte das Image

von Innereien, und sie finden heute seltener den

Eintritt in die Menüauswahl. Steirische Küche am

Hof war bekannt für Markigkeit und Kraft!

Das Kochbuch –

„ein heiliges Buch“

Alle Ehre den Dirnd’ln der damaligen Zeit, da

wurden Rezepte penibel genau in das Kochbuch

eingetragen. Ein gut geführtes Kochbuch war für

eine junge Frau quasi wie ein Bewerbungsbrief an

den Zukünftigen. Vergleicht man die Zeilen der

Rezepte aus der Zeit von Anna Plochl, so ist es

lustig zu erlesen, mit welcher Muße die Gerichte

beschrieben wurden.

Zum Beispiel die Hühnerpüreesuppe: Eine alte

Henne, eine junge Henne, Rindsuppe, ein abgezogenes

Kalbshirn, im Mörser gestoßen, 20 abgezogene

gestoßene Mandeln, mit Obers angefeuchtet, eine

ganze abgeriebene, in Obers geweichte Semmel, 6

Eidotter von hartgesottenen Eiern, ebensoviel Butter,

wenig Mußkatnuß, als Einlage Semmelcroutons

oder Konsumé.

Die Art der Zubereitung gleicht fast einer kleinen

geheimen Geschichte, um deren Kräuter und Zutaten

sich der Hochadel berät.

In Anna Plochls Kochbuch verstecken sich zwischen

den Zeilen geheime Liebesbeweise. Wohl wissend,

dass niemand in das Kochbuch einsehen darf,

außer ihrem Liebsten. Je nach Seelenstimmung

verwendete Sie das Kochbuch wie einen stillen

„Postillion d’amour“ (Liebesbotschafter):

Wenn schon Entfernung macht, daß du auf mich

vergisst, so denke dann und wann, die unterschrieben

ist. Nany

Nach einem Rezept „Tiroler Strudel“ schrieb die

auch mit dem Spitznamen „Nany“ genannte Anna

Plochl: Lustig wohlauf in Steuerinnen Brauch, und

der meinige auch.

Geduld im Leiden, sonst mutig und schweigen, nicht

ohne Noth klagen, mehr denken als zagen.

Hildegard Giselbrecht


h. gi s e L b r e c h t m i t i h r e r Fa m i L i e

Wächst unterirdisch – schmeckt

überirdisch

Ein schweres Unterfangen war das, bis sich die Erdäpfel

über die Anden von Peru nach Europa durchringen konnte.

Der Wert der Anerkennung stieg mit zunehmenden Hungersnöten,

und so erging 1767 vom Kaiser eine Instruktion

über den Anbau und die Verwendungsmöglichkeiten der

Erdäpfel in Österreich. Noch während theresianischjosefinischer

Zeit wird im Hofdekret festgestellt, dass

Untertanen 2 Gulden für das Tagwerk zur Aufmunterung

des Anbaus der Erdäpfel bekommen, vor allem in rauhen

Gegenden, wo sich Misswachs des Getreides eingestellt hat.

1810 schreibt Erzherzog Johann in sein Tagebuch, dass er

einen Bauern getroffen hat, der minutiöse Berichte über

den Anbau und den Ertrag der Erdäpfel verfasst hat. Paul

Adler vlg. Christoph, Grundbesitzer in Mühlreith, nähe

Bad Mitterndorf – stand dem Erzherzog als Berater bei.

1816 und 1817 bereiste Erzherzog Johann die Obersteiermark

und verteilte Erdäpfel an Hungerleidende. Durch

die von ihm gegründete Kartoffelbeitragsgesellschaft

und die Landwirtschaftsgesellschaft, die nachfolgend

der heutigen Landwirtschaftskammer gleicht, konnte

der Erdäpfelanbau gefördert werden. Er wirkte damals

als großer Aufklärer, denn der Anblick der Not, die

Hilflosigkeit der Bauern, ihre Betriebe aus eigener Kraft

ertragreicher zu gestalten, ließen sein Konzept reifen:

Das Ziel ist die wirtschaftliche und moralische Unterstützung

des alpenländischen Raumes.

1831 ist der Erdäpfelanbau weitgehend durchgedrungen.

In der Eintracht Vieler liegt die Kraft, die

das Gute bewirkt. Dazu beizutragen ist eines

Jeden Aufgabe. Erzherzog Johann, 1846

Frühlingssuppe von Anna Plochl

Aus dem Erzherzog Johann Kochbuch

von Herta Neunteufl

Original Rezept:

Kleinste junge gelbe Rübchen, Petersilwürzchen, 3 Hände voll

gezupfter Salat, ebensoviel Sauerampfer, 1 Handvoll Kerbelkraut,

ebensoviel grüne Petersilie, wenig zu dünnen Stückchen

geschnittenen jungen Porre, in kurze Stäbchen geschnittener

Schneidespargel, 1 Seidel feinste grüne Erbsen, Consommé,

Salz, Muskatnuß, gebähte Semmel, 1 Maß gute Suppe

Quelle: Erzherzog Johann Kochbuch von Herta Neunteufl.

Erhältlich im Kammerhof Museum Bad Aussee

(Tel: 0676 83 62 25 20) und im Steirischen Heimatwerk

in 8010 Graz, Sporgasse 23 (Tel..: 0316 82 71 06)

Heute:

10 dag junge Karotten, zu Stäbchen geschnitten, 5 dag junge

Petersilwurzeln, 2 Händevoll Zupfsalatblätter, 1 handvoll

Sauerampferblätter, 1 Handvoll Kerbelkraut, 1 handvoll grüne

Petersilie, ½ Handvoll grüner Porre, in Scheibchen geschnitten,

1 Handvoll grüner dünner Spargel, in kleine Stücke

geschnitten, ¼ l junge grüne Erbsen, Salz, weißer Pfeffer,

1 Messerspitze Muskatnuß, Eierstich, in Butter angeröstete

Semmelstückchen, ¾ l Rindsuppe, Karotten und Petersilwurzeln

in guter Suppe bissfest kochen, Porre, Spargelstückchen, Erbsen,

dazufügen und köcheln. Zuletzt die gehackten Kräuter beigeben

und kurz mitsieden.

Eierstich bereiten: 2 Eier fest versprudeln, salzen und würzen,

in gebutterte Förmchen gießen und im Wasserbad stocken

lassen. Die Suppe über in Butter gerösteten Semmelstückchen

und dem zierlich zerteilten Eierstich anrichten.

Hildegard Giselbrecht

Ihr Habsburger könnts vielleicht

besser regieren, aber kochen können

wir Plochls besser! Anna Plochl

Dipl.-Päd. Hildegard Giselbrecht ist im Bezirk Liezen Fachberaterin

für Urlaub am Bauernhof, Ernährung und Erwerbskombination.

Bild unten: Blüten der Kartoffel (Solanum tuberosum) Fo t o: K K

johann.

1-2/09 steirische berichte 19


johann.

20

steirische berichte 1-2 /09

Bücher zum Thema

Zahlreiche „Klassiker“ zu Leben und Wirken Erzherzog

Johanns sind fast nur mehr im Antiquariat zu erwerben

oder in Bibliotheken zu benützen. „Der Brandhofer und

seine Hausfrau“, herausgegeben von Alfred Wokaun 1959

und seither von Walter Koschatzky mehrfach neu aufgelegt,

gehört ebenso dazu wie die umfassende, aber leider nur bis

zum Jahre 1811 reichende Biographie aus der Feder von

Viktor Theiss („Leben und Wirken Erzherzog Johanns“, Neuauflage

1981) und die Festschrift „Erzherzog Johann von

Österreich. Sein Wirken in seiner Zeit“ zum 200. Geburtstag

anno 1982 herausgegeben von Othmar Pickl. Wohlfeil antiquarisch

zu haben sind auch die material- und informationsreichen

Kataloge zu den Gedächtnis- bzw. Landesausstellungen

der Jahre 1959 (Graz, Joanneum) und 1982 (Stainz;

hrsg. v. Grete Walter-Klingenstein und Peter Cordes).

Mit „Erzherzog Johann. Mythos und Wirklichkeit“ hat

sich 1982 der inzwischen verstorbene Publizist Günther

Nenning beschäftigt, in romanhafter Form – neben anderen

– schon 1950 Hans Gustl Kernmayr („Erzherzog Johanns

große Liebe“) und 1980 der langjährige Kulturredakteur

der „Südost-Tagespost“ Wolfgang Arnold unter dem Titel

Erzherzog Johann. Sein Leben im Roman“. Der Grazer

Leopold Stocker Verlag hat diesen Roman nunmehr in

zweiter Auflage herausgebracht; für ein Publikum, das

abseits von Jahreszahlen, aber auch einen literarischen

Zugang zur Persönlichkeit des steirischen Prinzen

sucht, sehr empfehlenswert, wollte der Autor doch „das

Romanhafte im Leben dieses volkstümlichsten aller

österreichischen Erzherzoge, diese … so stark verkitschte

Liebesgeschichte mit der Postmeisterstochter Anna Plochl

auf das richtige Maß reduzieren“.

Renate Basch-Ritter

Anna Plochl

Die Frau an der Seite Erzherzog Johanns. Spurensuche durch

zwei Jahrhunderte. Akademische Druck- und Verlagsanstalt Graz,

2005 (ISBN: 3-201-01845-7)

Erzherzog Johann/Leopold von Haan

Eine russisch-türkische Reise im Jahre 1837. Aus den Handschriften

der Tagebücher erstmals hrsg. von Victoria von Haan.

Verlag Karolinger, Wien und Leipzig 1998 (ISBN 3-85418-083-7)

Hans Magenschab

Erzherzog Johann. Bauer, Bürger, Visionär

Styria, Wien–Graz–Klagenfurt 2008 (ISBN 978-3-222-13255-1)

Wolfgang Arnold

Erzherzog Johann. Sein Leben im Roman

2. Auflage, Leopold Stocker Verlag, Graz-Stuttgart 1980

(ISBN 978-3-7020-0365-4)

Standardwerk ist und bleibt Hans Magenschabs Biographie

des Erzherzogs, 1981 noch mit dem Untertitel „Habsburgs

grüner Rebell“ erschienen, 2008 in überarbeiteter und

textlich umgruppierter Gestalt zu „Erzherzog Johann. Bauer,

Bürger, Visionär“ mutiert. Der reich bebilderte Band von

Renate Basch-Ritter, „Anna Plochl. Die Frau an der Seite

Erzherzog Johanns. Spurensuche durch zwei Jahrhunderte“

führt als „Porträt einer außergewöhnlichen Frau“ Leben

und Nachwirkung der aus dem Bürgerstande stammenden

Ehefrau Erzherzog Johanns vor. 1998 brachte Victoria von

Haan das Reisetagebuch ihres Vorfahren Leopold von Haan

als Begleiter Erzherzog Johanns 1837 in Russland und der

Türkei mit Dokumenten aus dem Familienarchiv Meran

kombiniert heraus, und im Frühsommer 2009 wird die

Historische Landeskommission für Steiermark eine Auswahl

aus dem Tagebuch Erzherzog Johanns über seine England-

Reise 1815/16 präsentieren, als er wichtige Aufschlüsse über

die Industrialisierung Großbritanniens gewann und später

in der Steiermark umsetzen ließ. Und auch die Ergebnisse

der heurigen Symposien zu Leben und Wirken Erzherzog

Johanns werden in Buchform vorgelegt werden, um weitere

Forschungen anzuregen.

Gernot Peter Obersteiner

LEOPOLD STOCKER VERLAG

ISBN

978-3-7020-1228-1

Charlotte

Keil-Meran

FRANZ MERAN

Der Sohn im

Schatten von

Erzherzog Johann

120 Seiten, zahlreiche

Abbildungen,

Hardcover

� 29,90

Charlotte Keil-Meran, die Urenkelin von Franz Meran,

hat mit viel Liebe zum Detail und Wissen über ihre

Vorfahren ein Buch zusammengestellt, das Franz Meran

aus dem Schatten seines Vaters Erzherzog Johann heraustreten

lässt. Es zeigt Franz Meran als liebenden

Ehemann, fürsorglichen Vater, leidenschaftlichen Jäger

und intelligenten Verwalter seiner Güter. Daneben wird

auch auf die nachfolgenden Generationen der Familie

Meran eingegangen, die mittlerweile mehr als

1.000 Mitglieder zählt.

Leopold Stocker Verlag

8011 Graz, Hofgasse 5,

Tel.: 0316/821636, Fax: 0316/835612

E-Mail: stocker-verlag@stocker-verlag.com

Internet: www.stocker-verlag.com


Die Erben des

steirischen Prinzen

Familiengeschichtliche Seitenblicke auf die

Nachkommen Erzherzog Johanns

Die direkte Nachkommenschaft Erzherzog Johanns

umfasst heute mehr als 900 Personen. Sie sind über

alle Kontinente verteilt und naturgemäß in den

unterschiedlichsten Berufen tätig.

Ihr zweiter Stammvater ist neben dem steirischen

Prinzen dessen einziger Sohn Franz (1839–1891),

der 1844 Namen und Titel eines Grafen von Meran

erhalten hatte. Die Ehe Johanns mit der bürgerlichen

Postmeisterstochter Anna Plochl war unbeschadet

ihrer kirchenrechtlichen Gültigkeit nach dynastischen

Gesichtspunkten nur eine sog. morganatische

Ehe, d. h. sowohl Anna als auch ihrem gemeinsamen

Sohn kam ein anderer Rang zu als ihn der Ehemann

und Vater besaß.

Erzherzog Johann hatte zur Versorgung Annas

den Brandhof ausgesetzt, gleichzeitig sollte ihr der

Adel verliehen werden. Doch erst fünf Jahre nach

der 1829 erfolgten Eheschließung regelte man am

Wiener Hof die künftige Stellung der erzherzoglichen

Gemahlin. Mit kaiserlichem Handschreiben

vom 14. März 1834 wurde ihr und etwaigen Kindern

aus ihrer Ehe mit dem Erzherzog der Freiherrenstand

mit dem Namen von Brandhofen verliehen.

Nach der Geburt seines Sohnes beschäftigte sich

Johann nicht nur mit der Frage, welcher Name und

welcher Rang seinem Sohn künftig zukommen

sollten, sondern natürlich auch mit der finanziellen

Sicherstellung. Bereits 1840 nahm der Erzherzog

mit dem Wiener Hof Verhandlungen darüber auf,

die 1847 in der Errichtung eines Fideikommisses

mündeten, das jedoch 1853 vom Erzherzog widerrufen

und 1855 neuerlich errichtet wurde. Dieses

gebundene Vermögen, das nur in männlicher Linie

nach dem Recht der Erstgeburt vererbt werden

sollte, umfasste das Palais Meran in Graz, Gut

Schenna mit dem Gut Ober- und Unterthurn bei

Schenna und ein Kapital von 700.000 Gulden,

das überwiegend in Staatsschuldverschreibungen

angelegt war. Die 1840 erworbene Herrschaft

Stainz wie auch der Brandhof waren freier Besitz.

Auch die Suche nach einem passenden Namen für

das neue Geschlecht gestaltete sich schwierig. Es

war der steirische Archivar Josef Wartinger, der

den Erzherzog auf die mittelalterlichen Herzöge

von Andechs-Meranien hinweisen sollte. Der

Herzogstitel rührt allerdings nicht vom tirolischen

Meran her, sondern von der Bezeichnung für die

küstenländischen Besitzungen dieser Familie.

Trotzdem war ein Bezug zu Tirol gegeben, da die

Habsburger als Nachkommen der tirolischen Görz-

Meinhardiner auch von den Andechs abstammten.

Am 29. April 1844 (Diplom vom 30. Dezember

1845) erhob schließlich Kaiser Ferdinand I. den

aus der morganatischen Ehe mit der Freyin von

Brandhofen entsproßenen Sohn Franz [seines

Onkels] in den österreichischen Grafenstand mit

dem Namen eines Grafen von Meran, Freyherrn von

Brandhofen. Sechs Jahre später wurde auch Anna

Plochl von Ferdinands Nachfolger Franz Joseph I.

in den Grafenstand erhoben.

Der Sohn des Erzherzogs

Die Stellung des Sohnes des steirischen Prinzen am

Wiener Hof war delikat. Als Sohn eines Habsburgers

war er unzweifelhaft ein habsburgischer Dynast,

zugleich jedoch der Spross aus standesungleicher

Ehe und damit nicht Mitglied des kaiserlichen

Hauses. Als kaiserlicher Offizier – er quittierte den

Dienst im Rang eines Majors – und vor allem als

Geheimer Rat, der er seit 1881 war, besaß er Zutritt

bei Hof. Seiner Herkunft aus kaiserlichem Geblüt

trug man seitens des Hauses Habsburg auch insofern

Rechnung, als ihm und seinem Haus 1861 ein

erblicher Sitz im Herrenhaus, dem Oberhaus des

österreichischen Reichsrates, verliehen wurde.

johann.

Links: Die Witwe

Erzherzog Johanns,

Anna Gräfin Meran,

mit ihren Enkeln

Karoline, Rudolf

und Albrecht

im Jahre 1879.

stLa

1-2/09 steirische berichte 21


johann.

Franz Graf Meran

stLa

22

steirische berichte 1-2 /09

Fernab der rigiden Strenge des Hofzeremoniells

lässt sich in feinen Nuancierungen die tatsächliche

Stellung ausmachen, die der Graf am Wiener Hof

einnahm. 1869 wurde Franz Meran in den Orden

vom Goldenen Vlies aufgenommen, der bis heute

als einer der vornehmsten abendländischen Ritterorden

gilt und dem neben den Prinzen des kaiserlichen

Hauses und katholischen ausländischen

Souveränen und Dynasten

die höchsten Würdenträger des

Wiener Hofes und Herren des alten

und vornehmlich hohen

Adels der Donaumonarchie

angehörten. Zu Familienfeiern

im Kaiserhaus wurde Franz

Meran wiederholt zugezogen,

vor allem dann, wenn sie

einen intimeren Charakter

besaßen, so etwa anlässlich

der Vermählung der Kaisertochter

Marie Valerie mit

Erzherzog Franz Salvator

1890 in Bad Ischl, wo der Kreis

der geladenen Gäste, zu denen

auch der Graf gehörte, bewusst eng

gezogen worden war, so dass man

gleichsam en famille war.

Franz Merans persönlicher Wirkungskreis blieb

weitestgehend auf die Steiermark beschränkt, von

Reisen und den gesellschaftlichen Verpflichtungen,

die ihn an den Wiener Hof führten, abgesehen.

Jenen Institutionen, die sein Vater in der Steiermark

ins Leben gerufen hatte, war auch er verbunden,

etwa der Wechselseitigen Versicherungsanstalt,

deren Präsident er war, oder dem Landesmuseum

Joanneum. Das Grazer Stadtpalais, das Salzkammergut

und der Brandhof mit seinen ausgedehnten

Revieren waren die bevorzugten Aufenthaltsorte

des ersten Grafen Meran.

Ein schweres Magenleiden machte zahlreiche

Kuraufenthalte im Süden notwendig. In Abbazia

ist Franz Meran am 27. März 1891 wenige Tage

nach seinem 52. Geburtstag gestorben. Ebenso wie

seine Eltern haben auch Franz Meran und seine

Gemahlin Theresia Gräfin Lamberg (1836–1913),

die er 1862 geheiratet hatte und dank der sich dem

Sohn des steirischen Prinzen zahlreiche Verbindungen

zu Familien des österreichischen Hochadels

erschlossen, ihre letzte Ruhestätte im Mausoleum

von Schenna gefunden.

Das Meransche Fideikommiss und der damit verbundene

erbliche Herrenhaussitz, die Herrschaften

Stainz und Brandhof und das südsteirische Weingut

bei Marburg gingen auf seinen ältesten Sohn Dr.

Johann Graf Meran (1867–1947) über. Wie seinen

Vater finden wir auch ihn an führender Stelle

in den von Erzherzog Johann begründeten

Institutionen. So war auch dieser Graf Meran Prä-

sident der Grazer Wechselseitigen Versicherung

und Mitglied des Kuratoriums des Landesmuseums

Joanneum. Auch seine besondere Leidenschaft

gehörte der Jagd. Vor allem der Brandhof, auf dem

er und seine Frau Ladislaja Gräfin Lamberg alljährlich

ihre mehr als 40 Enkelkinder zum Sommeraufenthalt

versammelten, und die ausgedehnten

Reviere in Ungarn, die seine Gemahlin in die Ehe

eingebracht hatte, boten den entsprechenden waidmännischen

Rahmen. Johann Meran war zudem

Gründungsmitglied und späterer Ehrenpräsident des

steirischen Waldbesitzerverbandes, langjähriger

Landesoberschützenmeister von Steiermark und

Ehrenmitglied der steirischen Jägerschaft.

Im Unterschied zu ihm hatte sein jüngerer Bruder

Franz (1868–1949) eine Karriere als Militär eingeschlagen.

Am Ende des alten Österreich finden

wir ihn als Direktor des k. k. Gestüts in Piber, ehe

er mit Kriegsende als Oberst pensioniert wurde.

Aus dem Erbe nach seinem Vater war ihm eines

der drei sog. Meran-Häuser in der Elisabethstraße

zugefallen. Franz Meran war seit 1902 mit Marie

Prinzessin von und zu Liechtenstein, der Tochter

des sog. „roten Prinzen“ Aloys Liechtenstein

verheiratet, der zu den Wegbereitern der christlichsozialen

Bewegung in Österreich gehört hatte. Aus

dieser Ehe stammten sechs Kinder, von denen im

Übrigen Sohn Albrecht (geb. am 26. April 1908)

2008 seinen hundertsten Geburtstag feierte und

damit nicht nur der erste Nachkomme Erzherzog

Johanns ist, der ein so hohes Alter erreicht hat,

sondern überhaupt der erste habsburgische Dynast,

der auf ein volles Jahrhundert Lebenszeit zurückblicken

kann. Franzens jüngerer, mit Johanna

Prinzessin Auersperg verheirateter Bruder Rudolf

(1872–1959) schlug nach einem rechtswissenschaftlichen

Studium die Laufbahn eines Verwaltungsbeamten

ein, die ihn mehrfach in Spitzenpositionen

einzelner Kronländer der Monarchie führen sollte.

So war er Landespräsident der Bukowina und

schließlich Statthalter von Tirol und Vorarlberg.

Der jüngste der vier Enkel Erzherzog Johanns,

Albrecht Meran (1874–1928), war ursprünglich

ebenfalls Militär, studierte dann jedoch Theologie

und wurde 1902 zum Priester geweiht und 1904

zum Kuraten der Herz-Jesu-Kirche in Grundlsee

bestellt, die er bis zu seinem Tod betreute. Anna

(1864–1935), die älteste Tochter des ersten Grafen

Meran, wurde 1892 die Frau von Alfons Stefenelli

von Prenterhof und Hohenmauer, eines Offiziers

des Grazer Hausregiments IR 27 König der Belgier,

und heiratete 1896 in zweiter Ehe den 1917 geadelten

kaiserlichen Offizier Johann (von) Radey,

dessen Vater Franz Landeshauptmannstellvertreter

von Steiermark gewesen war. Ihre Nachkommen

leben heute in Kanada. Ihre Schwester Marie (1865–

1933) blieb unverheiratet. Karoline (1870–1944),

die jüngste Enkelin Erzherzog Johanns, wurde 1893


die Gemahlin des niederösterreichischen Adeligen

Heinrich Freiherrn von Doblhoff-Dier. Dieser Zweig

johanneischer Deszendenten ist heute erloschen.

Noch zu seinen Lebzeiten hatte Familienchef Johann

Meran die Verwaltung von Stainz seinem ältesten

Sohn Franz übergeben, der seinem Vater später auch

im Besitz von Schenna und Brandhof folgte. Aus

der Ehe von Johann Meran und Ladislaja Lamberg

stammten insgesamt zehn Kinder, vier Söhne und

sechs Töchter. Zwei Söhne, Philipp und Hans, wurden

von ihrer Mutter mit Teilen ihres ungarischen Besitzes

ausgestattet, der nach 1945 verloren ging, darunter

die für ihre Jagdreviere bekannte Herrschaft

Csákbéreny, die Philipp Meran zugefallen war. Sein

Sohn Philipp, der langjährige Leiter des steirischen

Jagdmuseums, hat in seinen zahlreichen Büchern

zum Thema Jagd den steirischen Jagdherren, Jägern

und Revieren ein bleibendes Denkmal gesetzt.

Ein starker Familienzweig

Unter den Nachkommen Erzherzog Johanns ist jener

Zweig, der von seinem gleichnamigen Enkel, dem

zweiten Familienchef, herrührt, der an Mitgliedern

stärkste. Seine älteste Tochter Maria Theresia wurde

1912 die Gemahlin von Karl Graf Kottulinsky auf

Neudau. Beider Sohn Dipl.-Ing. Hans Kottulinsky gehörte

von 1945 bis 1949 und von 1953 bis 1959 dem

österreichischen Nationalrat an. Maria Anna Meran

heiratete 1919 Friedrich Freiherrn Mayr von Melnhof,

dem die Salzburger und oberösterreichischen Besitzungen

dieser steirischen Familie zugefallen waren.

Ihr Sohn Dipl.-Ing. Friedrich Mayr-Melnhof war

von 1983 bis 1986 Salzburger Agrarlandesrat.

Dessen Tochter Doraja Eberle ist gegenwärtig als

Landesrätin Mitglied der Salzburger Landesregierung.

Zu den Nachkommen von Friedrich Mayr-

Melnhof und Marianne Meran zählen auch der deutsche

Wirtschaftsminister Karl Theodor Freiherr von

und zu Guttenberg und Marianne Fürstin Sayn-

Wittgenstein, die Grande Dame der Salzburger

Gesellschaft. Über ihre Schwiegertochter, die

Schauspielerin Sunnyi Melles, die zwischen 1990

und 1993 die Rolle der Buhlschaft im Jedermann

übernommen hatte, lässt sich sogar ein Bogen von

den Nachkommen Erzherzog Johanns zu den

Salzburger Festspielen schlagen, so man diese

Verbindung nicht über den Dirigenten Nikolaus

Harnoncourt, den Sohn von Ladislaja Meran,

ohnehin herstellen könnte. Diese war seit 1928 mit

dem späteren Leiter der Kulturabteilung des Landes

Steiermark Eberhard (Graf de la Fontaine und d’)

Harnoncourt-Unverzagt verheiratet. Beider Sohn

Franz ist heute – wie vor ihm sein Onkel Franz

Meran, sein Groß- und Urgroßvater – Aufsichtsratsvorsitzender

der Grazer Wechselseitigen Versicherungen

und Mitglied des Kuratoriums des Landesmuseums

Joanneum. Mit seinem Bruder, dem

Liturgiewissenschafter und Universitätsprofessor

Philipp Harnoncourt, finden wir einen Nachkommen

Erzherzog Johanns unter den derzeitigen Mitgliedern

des Grazer Domkapitels.

Der Besitz von Schenna, Stainz und dem Brandhof

blieb auch unter Dr. Franz Meran (1891–1983) in der

Hand des Familienchefs vereinigt. Dieser hatte als

Oberleutnant am 1. Weltkrieg teilgenommen und

anschließend Rechtswissenschaften studiert, ehe er

die Verwaltung des Stainzer Familienbesitzes übernahm.

Zwischen 1934 und 1938 war Franz Meran

Mitglied des Steiermärkischen Landtages, vor 1938

zudem Präsident des steirischen Forstvereines,

Obmann des Forstausschusses der Kammer für Landund

Forstwirtschaft, Obmann des Zentralkomitees

österreichischer Waldbesitzerverbände und Vizepräsident

der österreichischen Landwirtschaftsgesellschaft.

Nach 1945 fungierte er als Obmann des

Verbandes steirischer Waldbesitzer, war seit 1951

Präsident und später Ehrenpräsident des Steirischen

Jagdschutzvereines, Präsident der Grazer Wechselseitigen

Versicherung und durch ein Vierteljahrhundert

(1946–1971) Präsident des Kuratoriums des

Landesmuseums Joanneum. Das Land Steiermark

würdigte die Verdienste des Stainzer Schlossherrn

durch die Verleihung der höchsten Landesauszeichnung,

des Ehrenringes des Landes Steiermark. Franz

Meran war seit 1923 mit Wilhelmine Prinzessin

Auersperg verheiratet. Beider Sohn Johann (1934–

1978) übernahm 1972 von seinem Vater Stainz und

den Brandhof. Die von ihm und seiner Frau, der

gebürtigen Stainzerin Ingrid Messner, eingeleiteten

Rationalisierungs- und Sanierungsmaßnahmen

ermöglichten eine breitere Nutzung von Schloss

Stainz, in dem heute das Bauernmuseum und steirische

Jagdmuseum untergebracht sind. Heute ist sein

älterer Sohn Franz Besitzer von Stainz und Chef des

Hauses Meran, während dessen jüngerem Bruder

Friedrich der Brandhof zugefallen ist. Gut Schenna

in Südtirol wird heute von der ältesten Schwester

des gegenwärtigen Familienchefs, Dr. Johanna

Spiegelfeld-Meran, und ihrem Mann Franz

Spiegelfeld verwaltet. Peter Wiesflecker

Peter Wiesflecker, Aus der Geschichte der Familie Meran.

In: Eleonore Steinbauer (Hg.), Stainz. Aus der Vergangenheit in

die Gegenwart, Stainz 2009, 82–89. Ders., „Mein Sohn würde

dadurch der erste seines Stammes und Namens werden …“.

gedenke.

Familientreffen

in den 1960er Jahren.

stLa

1-2/09 steirische berichte 23


johann.

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steirische berichte 1-2 /09

„Wenn Gott mit mir,

was gegen mich?“

Der Brandhofer und sein Glaube – ein Interview mit Ururenkelin Maria Cäcilia

Trauttmansdorff

steirische

berichte

Maria Cäcilia

Trauttmansdorff

Fo t o: sc h a L L e r-pr ess L e r

rechtes Bild: Kapelle

Innenansicht

3 Fo t o s: Ke L L n e r

Der Wahlspruch Erzherzog Johanns

Frau Trauttmansdorff, Sie befassen sich seit längerem

mit dem Thema „Erzherzog Johann und

sein Glaube“ – auf welche Quellen und Familienerzählungen

können Sie zurückgreifen?

Es gibt eigentlich sehr wenige Familienerzählungen,

das beste Dokument ist der Brandhof selber – hier

hat Erzherzog Johann seinen Glauben am deutlichsten

dokumentiert, würde ich sagen. Vor allem

mit dem Bau der Kapelle: In diesem Raum und im

angrenzenden großen Saal gibt es an der Wand

und an den gemalten Fenstern Spruchbänder mit

Worten aus der Heiligen Schrift, die ihm offenbar

Orientierung für sein Leben gegeben haben. Dass

man sich an der Bibel angehalten hat, war ansonsten

aber zu Erzherzog Johanns Zeit ganz unüblich.

Woher hatte er diese ungewöhnliche Gestaltungsidee,

Bibelsprüche auf Spruchbändern an der

Wand zu verewigen?

Er dürfte sie in England kennen gelernt haben,

denn wie ich selbst erst kürzlich erfahren habe, ist

es etwas typisch Anglikanisches, Bibelsprüche in

Bauten anzubringen. Für uns Kinder waren sie so

etwas wie ein stummer Religionsunterricht.

Inwieweit hat Erzherzog Johann sich selbst um die

Ausgestaltung seiner Hauskapelle gekümmert?

Für die Kapelle hat er vom Wiener Bildhauer

Böhm seinen Namenspatron, Johannes den Täufer,

schnitzen lassen. Vom selben Künstler stammt

auch ein Vortragskreuz für eine Dankwallfahrt mit

seinem ganzen Hausgesinde nach Mariazell, das

heute noch bei Familienwallfahrten mitgetragen

wird. Solche Zeichen zu setzen war ihm

ganz wichtig. Am Hauptaltar steht – in Anlehnung

an den Fischer-von-Erlach-Altar in Mariazell – ein

weiteres Kreuz auf einer Weltkugel, angefertigt aus

vergoldetem Gusswerker Eisen. Gusswerk hat zu

dieser Zeit ein sehr bedeutendes Kunsthandwerk

gehabt und schwarze Eisenkreuze produziert,

die in der ganzen Gegend aufgestellt wurden;

bis Weichselboden hinaus und ebenso bis weit

hinter den Seeberg. Überall sieht man sie, und

interessant: Sie rosten nicht.

Links in der Kapelle sehen Sie eine Muttergottes

aus dem 15. Jahrhundert, die aus dem Schloss

Thernberg, einem früheren Besitz des Erzherzogs,

stammt. Der Tabernakel wurde nach einem Entwurf

von Schnorr von Carolsfeld angefertigt. Er ist aus

Zedernholz. Erzherzog Johann hat einmal im Auftrag

der Regierung eine Orient-Reise unternehmen

müssen und dabei auf der Rückreise den Patriarchen

von Antiochien kennen gelernt.

Er erzählte ihm vom Bau der Kapelle, worauf hin

ihm der Patriarch das Zedernholz als Geschenk

dafür mitgab.

Was bedeutet diese Kapelle seinen Nachkommen?


Das Beten in dieser Kapelle hat uns, also meine

Generation, in der Jugend sehr stark geformt. In

den großen Ferien hat es täglich Messen gegeben,

denn meine Großmutter und auch noch meine

Eltern haben in den Sommermonaten immer einen

Priester eingeladen, der dort seinen Urlaub verbringen

konnte. Es ist natürlich keiner von uns

gezwungen worden, die heilige Messe zu besuchen,

aber wir haben es gerne getan. Im Sommer waren

von den 45 Enkeln meiner Großmutter oft bis zu

30 am Brandhof oben. Der Brandhof war auch

immer von einer starken, natürlichen religiösen

Atmosphäre geprägt. Unsere Großmutter hat uns

immer eine halbe Stunde vor dem Mittagessen

zusammengefischt und mit uns – immer vor dem

Hintergrund ihres sehr starken Glaubens – religiöse

Gespräche geführt; auch darüber, wie man mit

verschiedenen Lebenssituationen fertig wird. Ein

Tischgebet war selbstverständlich. Und Mariazell

war für uns wie auch für die nächste und übernächste

Generation der Ort, wo man gerne hingepilgert

ist. Oft haben meine Vettern und Cousinen

gesagt: So, morgen gehen wir nach Mariazell. Das

war ein vier- bis viereinhalbstündiger Weg, und

wir mussten früh aufstehen, dass wir rechtzeitig

zur Acht-Uhr-Messe dort waren.

Ist Erzherzog Johann regelmäßig gewallfahrtet?

Das kann ich nicht sagen. Die Wallfahrten haben

zu dieser Zeit gerade erst wieder begonnen. Unter

Kaiser Josef II. waren sie ja verboten. Zu Erzherzog

Johanns Zeiten hat man sich allerdings nicht mehr

daran gehalten. Es gibt übrigens ein schönes Bild,

wo Erzherzog Johann auf einer Wallfahrt zu sehen

ist: kniend, den Gnadenort schon in der Weite

erblickend. Dieses Motiv wird in Mariazell auch als

Postkarte verkauft.

Und wie sieht es aus mit persönlichen Glaubensaussagen

Erzherzog Johanns?

Man hat zu dieser Zeit nicht so viel über Religion

in der Gesellschaft gesprochen – auch in meiner

Kindheit war das noch nicht üblich. So wie man

auch über intimere persönliche Dinge nicht ge-

sprochen hat. Es war vielmehr eine Selbstverständlichkeit,

dass man aus dem Glauben heraus gehandelt

hat. Und der Glaube ist so vorgelebt worden,

dass man nicht viel darüber sprechen musste.

Ein Ausspruch von Erzherzog Johann ist allerdings

ziemlich bekannt, den er vor dem Bau der Kapelle

tätigte: „Am Hause meines Herrn will ich selbst

mit Hand anlegen.“ Er hat auch tatsächlich selbst

als Maurer mitgearbeitet. Außerdem hat er gesagt:

„Beim Bau des Brandhofs soll die Kapelle die Mitte

des Hauses ausmachen.“ Offensichtlich war es ihm

sehr wichtig, dass eben der Herrgott den Haupt-

Platz in seinem Haus hatte – mit der Kapelle als

einem Ort der Geborgenheit für eine zukünftige

große Familie.

Ich danke für das Gespräch.

Gertraud Schaller-Pressler

… darum gehe ich bald auf den Brandhof arbeiten,

wie jeder andere, an dem Haus meines Gottes,

an dem schönsten Teil meines Gebäudes;

da arbeite ich als Maurer wie jeder andere und denke dabei an den Gott,

dem ich so vieles zu danken habe, Friede, Ruhe und sie meine Th: N: [teure

Nani], die er mir gab, um mich sonderbar zum Guten zu führen.

er z h e r zo g Jo h a n n v. Ös t e r r e ic h.

se i n wi r K e n in s e i n e r ze i t, Fe s t s c h r i F t, h r sg. v. o. pic K L, gr a z 1982.

Votivbild mit

dem Brandhof.

johann.

1-2/09 steirische berichte 25


steiermark.

Eine der ersten

Dampfmaschinen.

26

Fo t o: K K

steirische berichte 1-2 /09

Dynamischer Wirtschaftspolitiker,

Reformer

und Motor des Fortschritts

Erzherzog Johann aus der Sicht der Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Erzherzog Johann war ein nachhaltiger Erneuerer,

dessen Leistungen bis heute spürbar sind. Mehrere

Zufälle bewirkten, dass der 1782 in Florenz geborene

Prinz in die Steiermark kam. Die Toskana war

unter der habsburgischen Verwaltung eine hoch

entwickelte Region. Hier hatte sich die Wirtschaft

gut entfaltet und man war im Bank- und Manufakturwesen

sehr fortschrittlich. Erzherzog Johanns

Vater hatte als toskanischer Großherzog Pietro

Leopoldo viele Reformen durchgeführt. Nach dem

Tod seines Bruders Josef II. musste der Großherzog

nach Wien, um als Kaiser Leopold II. ein schweres

Erbe anzutreten. Er regierte nur kurz, 1792 starb er

überraschend; doch es war ihm gelungen, die Reformen

seines Bruders mit Augenmaß weiter zu führen.

Erzherzog Johann war das 13. Kind von Leopold II.

– damit war klar, dass er weder für die Kaiserwürde,

noch für die des Großherzogs der Toskana

bestimmt sein würde. Dies relativiert auch seinen

formellen Thronverzicht, den er wegen seiner unstandesgemäßen

Heirat erklären musste. Johann

war für eine militärische Karriere vorgesehen. In

der von den Wirren der Napoleonischen Kriege geprägten

Periode wurde er Feldmarschall und Generaldirektor

für das Genie- und Fortifikationswesen.

Es gab blutige Schlachten und die nüchterne

Erkenntnis, dass man Napoleons strategischen

Fähigkeiten nicht gewachsen war. Auch politisch

gab es für Erzherzog Johann Misserfolge: Sein

Engagement für den erfolglosen Tiroler Freiheitskrieg

und den „Alpenbund“ wurden vom Hof abgelehnt,

und Kaiser Franz I. verbot ihm, sich in Tirol

aufzuhalten. Dies bewirkte Johanns Hinwendung

zur Steiermark, wo er sich – ohne offiziellen Auftrag

dazu – für viele Reformen einsetzte.

Dabei kam ihm sein großes Wissen zugute. Schon

früh war er an Natur, Technik und Wirtschaft

interessiert und hatte mit wissenschaftlicher Akribie

Sammlungen angelegt.

Warum waren Reformen in

Österreich bitter notwendig?

Während sich in England bereits in der zweiten

Hälfte des 18. Jahrhunderts die Industrielle Revolution

und der Liberalismus durchgesetzt hatten,

war Österreich noch bis 1848 von der bevormundenden

Wirtschaftspolitik des Merkantilismus

geprägt. Es herrschte ein Klima der Unfreiheit, bis

1848 war die Zeit des „Vormärz“ und des Biedermeier

von Repression gekennzeichnet. Das geistige

Leben war von internationalen Strömungen abgeschottet,

selbst Erzherzog Johann hatte Probleme

mit der Zensur, wenn er sich ausländische Bücher

besorgte. Staatliche Eingriffe behinderten die freie

Entfaltung, dazu kamen noch die mächtigen Zünfte,

die bei uns erst 1859 abgeschafft wurden. Sie

beherrschten den Markt, verhinderten Konkurrenz

und waren innovationsfeindlich. Aber auch die

Struktur der Landwirtschaft war antiquiert; denn

es gab noch bis 1848 die Grunduntertänigkeit. Hier

waren fast alle europäischen Staaten fortschrittlicher.

Man litt aber auch unter den Missernten von

1816 und 1817, die zu Hungersnöten führten. Dazu

kamen noch die ökonomischen Probleme, welche

mit den Franzosenkriegen verbunden waren. Viele

Manufakturen waren zugrunde gegangen. Die für

die Steiermark wichtige Eisenindustrie litt unter

den durch die Kriegswirren verstopften Absatzwegen.

Doch es gab auch Strukturprobleme: Die

steirische Eisenindustrie war lange im Spitzenfeld

Europas angesiedelt, doch durch die Industrielle

Revolution geriet die Steiermark ins Hintertreffen.

Die Welt stand im technologischen Umbruch, aber

man hielt noch an veralteten Produktionsmethoden

fest und hatte den Anschluss verpasst. Aber auch

die Finanzsituation des Staates spitzte sich zu; die

Lasten der Kriege und die ungünstigen Konditionen

der Friedensschlüsse brachten einen Ruin der

Staatsfinanzen. Im Jahr 1811 kam es sogar zum

österreichischen Staatsbankrott.


Mutig und kreativ

gegen die Krisen

Gerade in der Krise bekämpfte Erzherzog Johann

den Niedergang mit mutigen Initiativen. So kann

es als Lehrstück aufgefasst werden, dass er gerade

im dramatischen Jahr 1811 das Joanneum als Lehrund

Forschungsanstalt begründete, die später Keimzelle

der Technischen Universität in Graz war. Er

setzte auch Initiativen zur Schaffung der späteren

Montanuniversität. 1827 war er wesentlich an der

Wiedererrichtung der Grazer Universität beteiligt,

die, bereits 1585 begründet, unter Josef II. zum

Lyzeum abgesunken war. Johann setzte Marksteine

in Richtung einer modernen Wissensgesellschaft.

Es ist deutlich, dass ihm die Hebelwirkung von

Forschung und Entwicklung bewusst war und er

seiner Zeit vorauseilte. Heute entspräche dies den

Zielsetzungen der „Lissabon-Strategie“. Er setzte

sich auch für die Kunst ein. So war er Protektor des

Steiermärkischen Musikvereines: Daraus ging später

die Hochschule bzw. Universität für Musik und darstellende

Kunst hervor. Er wusste auch um die

Bedeutung moderner Interessenvertretungen und

trug zu den Grundlagen für die ab 1848 nach ausländischen

Vorbildern begründeten Handelskammern

bei, aber auch die Vorläufer der Landwirtschaftskammer

tragen seine Handschrift. Er war auch

Begründer der Grazer Wechselseitigen Versicherung.

Er setzte sich für die Modernisierung der Eisenerzeugung

ein und wirkte selbst in Vordernberg als

Radmeister. Er kümmerte sich auch um die soziale

Situation der Arbeiter und setzte sich für die Bruderladen

der Berg- und Hüttenarbeiter ein, die eine Vorläuferfunktion

für die Sozialversicherungen hatten.

Durch Industriespionage

Anschluss an

neue Technologien

In Österreich erkannten führende Persönlichkeiten

bereits vor 1800, dass es wichtig wäre, wieder den

Anschluss an neue Technologien zu gewinnen und

den Briten nachzueifern. Um den Rückstand aufzuholen

war die Wirtschaftsspionage ein probates

Mittel. Bereits 1789 gelang es dem Grafen

Batthyány, in England moderne Spinnereimaschinen

am Schwarzmarkt zu erwerben. Man ging

ein hohes Risiko ein, als man diese nach Hamburg

schmuggelte.

Dort wartete ein Ochsengefährt für den langen

Transport in die Oststeiermark. Dies war der Start

der modernen Spinnereiindustrie in Österreich;

die damals begonnene Textilfabrikation war ein

Vorläufer der heutigen Firma Borckenstein.

Großbritannien versuchte Exporte von Know-how

zu verhindern. Es war britischen Technikern untersagt,

ihr Wissen weiterzugeben, und aus Angst vor

Wirtschaftsspionen gab es Besichtigungsverbote

für britische Fabriken.

Dennoch gelang es Erzherzog Johann 1815/16 während

eines dreimonatigen Aufenthalts in England

zahlreiche Industriebetriebe zu besichtigen. Der

Bogen reichte von Eisenwerken, Dampfmaschinenfabriken,

chemischen Fabriken, Whiskybrennereien

bis zu Infrastruktureinrichtungen, wie beispielsweise

dem legendären Bridgewater-Kanal. Für

sein Besichtigungsprogramm legte er sich englische

Kleidung zu, um nicht als Ausländer erkennbar zu

sein. Er lehnte viele Einladungen zu Hofereignissen

ab, um mehr Zeit für Industriebesuche zu haben.

Oft besuchte er sogar mehrere Fabriken am Tag und

analysierte genau die dort angewandten Technologien.

Viele der neu gewonnen Erkenntnisse setzte

er in der Steiermark um.

Er zählte auch zu den ersten heimischen Unternehmern,

welche bereits Dampfmaschinen einsetzten.

Er sandte den Techniker Peter Tunner auf eine

zweijährige Studienreise zu Betrieben in ganz

Europa. Es kann dies als eine staatliche Lenkung

der Industriespionage betrachtet werden. Erzherzog

Johann war auch ein Vorkämpfer für die Modernisierung

der Infrastruktur. Seine Intervention

bewirkte, dass die Trasse der Südbahn nicht über

Deutsch-Südwestungarn (= heutiges Burgenland)

geplant wurde. Er war ein wirksamer Lobbyist für

die Steiermark. Ohne ihn wäre der Aufschwung

des Mur- und Mürztales undenkbar gewesen. Dabei

war man vom unbegrenzten Vertrauen in die

Technik getragen, denn die Semmering-Strecke

wurde von Carl Ritter von Ghega geplant, als es

mit solchen Steigungen einer Gebirgsbahn noch

keine Erfahrungen und keine geeigneten Lokomotiven

gab. Man war zuversichtlich, dass dies bis

zur Fertigstellung der Trasse gelöst sein würde –

und man behielt Recht.

Erzherzog Johann darf nicht zum Universalgenie

verklärt werden, doch er hatte als Politiker die

Gabe, die fortschrittlichsten Ideen seiner Zeit

aufzugreifen und die besten Köpfe für deren

Umsetzung zu gewinnen. In diesem Sinne wäre

der joanneische Geist auch heute noch wichtig.

Gerald Schöpfer

steiermark.

Links:

Erzförderung

mit Hilfe eines

sog. Sackzuges.

Fo t o: K K

Erzherzog Johann

von Österreich.

Gemälde von

Leopold Kupelwieser.

Fo t o: K K

1-2/09 steirische berichte 27


steiermark.

28

steirische berichte 1-2 /09

Innovation auch

in turbulenten Zeiten

Wirtschafts- und Innovationslandesrat Dr. Christian Buchmann im Interview mit

den steirischen berichten

Die Steiermark ist ein Innovations- und Wissensstandort. Diese Position will die Steiermark auch in wirtschaftlich turbulenten

Zeiten halten und nach Kräften ausbauen. Spätestens seit Erzherzog Johann, dem „steirischen Prinzen“, beweisen die

Steirerinnen und Steirer, dass „hier Innovation aus Tradition“ gelebt wird, dies gilt es gerade im Erzherzog-Johann-Gedenkjahr

2009 besonders zu beachten. „Im Wirtschaftsressort des Landes wurden deshalb wesentliche Initiativen zur Unterstützung

von Unternehmen und zur Dynamisierung des Wirtschaftsstandortes gesetzt“, betont der Landesrat im Interview.

steirische

berichte

Innovationslandesrat

Dr. Christian

Buchmann.

Fo t o: Fr a n K L

Im Jahr 2009 feiert die Steiermark eine ihrer

wesentlichsten Identifikationsfiguren, Erzherzog

Johann, sieht sich aber andererseits mit den realen

Problemen der Wirtschaft konfrontiert. Wie geht

es dem Wirtschaftsstandort Steiermark so zwischen

Tradition und Krise?

Die Auswirkungen der Finanzkrise sind von der

Wall Street in der Main Street angekommen. Die

steirischen Unternehmen spüren das nachhaltig,

beinahe täglich erhalte ich die Meldung, dass

wieder ein Unternehmen Mitarbeiter zur Kurzarbeit

anmeldet oder im schlimmsten Fall sogar kündigen

muss. Das ist bitter. Ich bin aktuell sehr viel in den

Regionen, in den steirischen Bezirken, bei Betriebsbesuchen

unterwegs, um Mut zu machen, und mache

dabei auch viele positive Erfahrungen. So gibt

es etwa 30 Unternehmen in der Steiermark, die in

der nächsten Zeit bis zu zwei Millionen Euro investieren

möchten. Das spannt aus meiner Sicht auch

den Bogen zum Erzherzog: Wenn nicht gerade hier

in der Steiermark, der grünen Mark, immer wieder

Menschen beheimatet gewesen wären, die sich über

alle Regeln hinweggesetzt haben und den Mut

hatten, Neues zu schaffen, wären wir heute nicht

das Forschungsland Nummer eins in Österreich.

Die Montanuniversität in Leoben geht auf eine Initiative

von Erzherzog Johann zurück. Hat er trotz

der heute nicht mehr im wirtschaftlichen Ausmaß

vorhandenen Bodenschätze richtig gehandelt?

Er hat in jedem Fall richtig gehandelt, weil er etwas

möglich gemacht hat. Er hat Rahmenbedingungen

geschaffen, die von den Fachleuten perfekt genutzt

worden sind. Das zeichnet den Erzherzog aus, das

zeichnet aber auch jeden Politiker von heute aus.

Die Montanuniversität ist seit ihrem Bestehen eine

Hochburg technologischer Innovation. Im Bereich

der Werkstoffe, wo die Montanuni österreichweit

führend ist, ist es uns aufgrund der ausgezeichneten

Leistungen von Expertenteams gelungen, eines

von drei genehmigten Superkompetenzzentren

nach Leoben zu holen.

Was darf man sich unter Kompetenzzentren

vorstellen?

Kompetenzzentren sind „Innovations-Schmieden“.

Von öffentlicher Hand und privaten Unternehmen

finanziert, wird in Kompetenzzentren Grundlagenforschung

so weit spezialisiert, dass sie durch angewandte

Forschung letztlich in am Markt umsetzbare

Innovationen mündet. Das Wirtschaftsressort

unterstützt die Kompetenzzentren in den nächsten

Jahren mit 100 Millionen Euro, auch mit der

Absicht, das Thema Innovation in der Steiermark

zu verbreiten. Es müssen mehr kleine und mittlere

Unternehmen die Schwellenangst vor dem Thema

verlieren und sich in Innovationsprozesse einklinken.

Derzeit haben wir in der Steiermark 25 von 66

Kompetenzzentren in Österreich.

Die Steiermark hat schon jetzt die höchste

regionale Forschungs- und Entwicklungsquote,

lässt sich das noch steigern?

Die Steiermark konnte in Zeiten der Hochkonjunktur

eine Forschungs- und Entwicklungsquote von

3,9 % erreichen, das ist die höchste regionale Quote

in Österreich. Die F&E-Quote errechnet sich am

Bruttoregionalprodukt, Ziel ist selbstverständlich

diese Quote zu halten oder sogar wirklich an den

4 %, die wir uns in der Wirtschaftsstrategie des

Landes „Innovation serienmäßig“ für 2010 als Ziel

gesetzt haben, zu kratzen. Denn auch in den

aktuell wirtschaftlich äußerst turbulenten Zeiten

halten wir am Ziel, Innovation serienmäßig zu

leben, fest. Wie bereits erwähnt, werde ich bei

meinen Betriebsbesuchen laufend mit der paradoxen

Situation konfrontiert, dass Unternehmen einerseits

Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken müssen, andererseits

aber qualifizierte Fachkräfte zum Beispiel für

den Engineeringbereich suchen. Bei Magna werden

seit einigen Monaten 200 Ingenieure gesucht.

Was kann die Politik tun, was können Sie konkret

als Wirtschaftslandesrat in der Steiermark in der

aktuellen Situation tun?


Um die steirischen Unternehmen auf ihrem Weg

durch turbulente wirtschaftliche Zeiten zu unterstützen,

wurden im Wirtschaftsressort des Landes

Steiermark noch im Dezember 2008 wesentliche

Maßnahmen beschlossen. Das Ziel der Wirtschaftsstrategie,

die Steiermark zur Meisterin der am Markt

umgesetzten Innovation zu machen, gilt gerade in

diesen Zeiten, um Wertschöpfung am Standort

Steiermark zu ermöglichen.

Es ist aber zu erwarten, dass durch die Turbulenzen

einige steirische Unternehmen zunehmend Restrukturierungsbedarf

aufweisen werden, deshalb

installierte das Wirtschaftsressort des Landes in

Kooperation mit der Wirtschaftskammer einen

„Beraterpool“, mit dem Ziel, gerade für kleinere

Unternehmen mit Liquiditätsbedarf Bonitätsberatungen

durchzuführen.

Außerdem stehen steirischen Unternehmen vermehrt

die Instrumente der Haftung und der Garantien

zur Verfügung: Insgesamt 25 Millionen Euro für

Haftungen und Garantien stehen für steirischen

Unternehmen bereit, um ihnen aus der Kreditklemme

zu helfen.

Zudem ergreift die Steiermark als eines der ersten

Bundesländer in Österreich die von der Europäischen

Union eingeräumte Möglichkeit zur

Installierung einer Dachrichtlinie „Überbrückungsmaßnahmen

während der Finanz- und Wirtschaftskrise

im Geltungsbereich des Bundeslandes

Steiermark“. So können die Mitgliedsstaaten insbesondere

zu erleichterten Bedingungen Zinsenzuschüsse,

Kreditbürgschaften mit günstigeren

Prämien, höhere Risikokapitalbeihilfen für KMU

und direkte Zuwendungen gewähren. Nur wer

schnell hilft, hilft nachhaltig – das Wirtschaftsressort

des Landes Steiermark hat als erstes in

Österreich umgehend die Förderungsinstrumentarien

an dieser Richtlinie orientiert!

Hat man sich in der Steiermark zu sehr auf den

Exporthit „Auto“ verlassen?

Ein Viertel der steirischen Wertschöpfung und rund

40.000 Arbeitsplätze hängen mit der Automobilproduktion

zusammen. Die aktuelle Situation hat

gezeigt, dass der Wirtschaftsstandort aufgrund

seiner hohen Konzentration auf den automotiven

Sektor verletzbar ist und nicht alle gesetzten Maßnahmen

der 80er und 90er Jahre heute im Zeichen

des Lichts stehen. „Wo viel Licht ist, ist starker

Schatten“ sagte schon der Titelheld in Goethes

Schauspiel „Götz von Berlichingen“.

Dennoch: Das Arbeiten in Clustern und Netzwerken

haben wir Steirer zwar nicht erfunden, aber in den

vergangenen Jahren europaauffällig gelebt. Durch

die starke Konzentration auf das Automobil wurden

aber Wachstumschancen in anderen Bereichen unterschätzt.

Diesen wachstumsintensiven Bereichen

wie Humantechnologie, Umwelttechnologie oder

auch Kreativwirtschaft, die nicht nur auf Design

beschränkt ist, gilt seit meiner Verantwortung für

das Wirtschaftsressort im Jahr seit 2005 verstärkte

Aufmerksamkeit.

In der Steiermark entsteht jeder zweite Arbeitsplatz

durch den Export. Jetzt sind exportintensive

Wirtschaftszweige besonders betroffen, wie lässt

sich da gegensteuern?

Die Erfolge der exportorientierten Unternehmen

haben der Steiermark in den letzten Jahren einen

enormen Aufschwung ermöglicht, 2007 beliefen

sich die Exporte auf über 16 Milliarden Euro, die

Steiermark hatte damit immerhin einen Österreichanteil

von 14 Prozent. Ich möchte künftig die

Internationalisierung der steirischen Wirtschaft

weiter vorantreiben und so stark auf die Steiermark

aufmerksam machen, dass Unternehmen ihre Zentralen

im „Neuland Steiermark“ ansiedeln. In den

nächsten Jahren sollen insbesondere know-how-intensive

Unternehmen oder Unternehmensteile von

internationalem Format vor Ort angesiedelt werden.

Im Auge haben wir im Wirtschaftsressort sogenannte

Headquarters, also Zentralen internationaler

Unternehmen, und Centers of Competence, das

sind die Technologie- bzw. F&E-Zentren internationaler

Konzerne, um Stärkefelder der steirischen

Wirtschaft zu stärken und damit Arbeitsplätze zu

sichern und falls möglich neue zu schaffen.

Gerald Gölles

Oben: Versuch im

Grazer Kompetenzzentrum

„Virtual

Vehicle“.

Unten: Forschung

an Enzymen

im Grazer

Kompetenzzentrum

„Angewandte

Biokatalyse“.

Fo t o s: Fr a n K L

steiermark.

1-2/09 steirische berichte 29


steiermark.

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steirische berichte 1-2 /09

Der „steirische Prinz“

und seine Bauern

Überlegungen abseits von Idealisierungen und Ideologisierungen

Am 23. Oktober 2004 hat die Steirische Landwirtschaftskammer

in einer zünftigen Feierstunde im

Grazer Kongress ihr 75jähriges Bestehen gefeiert,

heuer gedenkt auch sie – wer eigentlich nicht in

unserem weiß-grünen Land? – ihres eigentlichen

Urhebers Erzherzog Johann, der am 28. März 1819

die Gründungsversammlung einer steirischen

„Landwirtschaftsgesellschaft“ präsidierte. Nicht

nur agrarpolitische Insider erinnert diese eigenartige

Inkonsistenz historischer Zuschreibungen an

die im Mai 1999 in den Kasematten

des Grazer Schlossberges groß inszenierte

Hundertjahrfeier des nach-

weislich am 13. Juni 1945 gegrün-

deten Steirischen Bauernbundes.

Natürlich, man kann das alles

wohlfeil argumentieren: 1899 hat

Franz Hagenhofer den „Katholisch-

conservativen Bauernverein für

Mittel- und Obersteiermark“ gegründet,

der in hier nicht weiter zu erörternder Weise

durch Monarchie, Weltkrieg, Erste Republik

und Austrofaschismus Bestand hatte und als

Wurzelstock der politischen Neupositionierung

der konservativ-christlichen Bauernschaft

wie auch der national-liberalen Landbund-

Nachfolger Platz in der ebenfalls neu gegründeten

Volkspartei fand. Selbstverständlich lassen sich

auch genügend Entwicklungslinien von der angesprochenen

Landwirtschaftsgesellschaft bis zur

Kammergründung 110 Jahre danach konstruieren.

Und es ist halt allemal attraktiv, im gleißenden

Licht einer steirischen Ikone wie Erzherzog Johann

durch Feste sowie Gedenktage und -jahre Fakten

zu setzen.

Steirischer Reformator

wider Willen

Die Bedeutung des „steirischen Prinzen“ für das

Land ist unbestritten. Daran ändert auch nichts,

dass Erzherzog Johann in die Steiermark überhaupt

erst nach seinem weitgehend missglückten politischen

und militärischen Engagement im Tiroler

Freiheitskampf gekommen ist. Sein Bruder Kaiser

Franz I. hatte ihm den Aufenthalt im Land des

Andreas Hofer schlicht und einfach verboten, und

die Steiermark „wäre ein Pflaster auf die Wunde,

welche mir der Verlust von Tirol schlug“. Daran

ändert ebenfalls nichts, dass der vermeintliche

Höhepunkt in Johanns Leben, die Bestellung zum

deutschen Reichsverweser 1848, von der realpolitischen

Bedeutung her betrachtet letztlich kaum

Gewicht in der deutschen Geschichte findet. Aber:

Wir sind Erzherzog Johann!

Der „steirische Reformator wider Willen“, wie ihn

Gerfried Sperl in seiner „knappen Geschichte eines

üppigen Landes“ zu Recht bezeichnet, der „liberale“

Habsburger, dessen Liberalität wohl auch mit

seinem Platz in einer der hinteren Reihen in der

Hierarchie des Herrscherhauses korrespondiert,

verdankt sein – sagen wir es modern – hervorragendes

Image zwei im öffentlichen Diskurs

nur schwer zu differenzierenden Entwicklungen.

Zum einen hat er als Person die Zeichen der

Zeit nicht nur erkannt, sondern dieses Erkennen

in Taten auch manifest gemacht. Damit wurde

Erzherzog Johann selbstredend zu einer herausragenden,

aber nicht unbedingt einzigartigen

Persönlichkeit der weiß-grünen Geschichte.

Zum anderen aber, und das ist sein eigentliches

Alleinstellungsmerkmal, haben ihn Entwicklungen

der Landesgeschichte insbesondere nach 1945

zur Ikone werden lassen. Zur Erinnerung: Das

große Erzherzog-Johann-Gedenkjahr 1959, das

in einer Generalkodifizierung des „Steirischen“

mündete, war nicht zuletzt auch die weiß-grüne

Selbstversicherung, dass Begriffe wie Heimat,

Boden und Bauernstand ihre braune Punzierung

nicht mehr länger verdienten. Einfacher gesagt:

Erzherzog Johann war und ist bis heute der unverdächtigste

Steireranzugträger geblieben.

Bauer – Bürger – Visionär

Hans Magenschab nennt den Erzherzog Johann

in seiner 2008 wiederaufgelegten Biografie im

Untertitel „Bauer, Bürger, Visionär“. Das, was wir

heute oft recht gedankenlos den „ländlichen Raum“

nennen, war für den Erzherzog eine Gegenwelt

zur erfahrenen städtischen Realität von Intrigen

und Machtkalkül. Es wird heute gerne übersehen,

dass die Gründung der Landwirtschaftsgesellschaft

(1819) in einem untrennbaren Zusammenhang

mit der Gründung des Joanneums (1811) steht.

Der wissenschaftlich-pädagogischen Absicht einer

Darstellung der Natur, ihrer Vielfalt und ihres

Reichtums, auch im ökonomischen Sinn, ließ


Johann durchaus schlüssig Instrumente zur Stärkung

jener entwickeln, die diese Natur bestellten. Das

„Selbstdenken“ ist dabei einer seiner Schlüsselbegriffe,

der Johanns Texten ihre ungebrochene

Aktualität verleiht. Sein Interesse galt weniger

der Landwirtschaft insgesamt als vielmehr jenen

Höfen, die sich dem Fortschritt verpflichtet fühlten,

weniger einer in sich abgeschlossen lebenden

Bauernschaft, sondern jenen, die als Mitgestalter

einer sich neu und aus den Idealen der Aufklärung

formierenden ländlichen Gesellschaft agierten.

Schicksalsgemeinschaft

So wie heute der steirische Landesrat Hans

Seitinger, der das „Lebensressort“ der Steiermärki-

schen Landesregierung leitet, hat auch Erzherzog

Johann den ländlichen Raum als Schicksalsgemeinschaft

aller hier Lebenden verstanden. Er

war der, der die Bauern zu bilden und die großen

Grundherren aus ihrem ständisch-selbstzufriedenen

Dünkel herauszuholen versucht hat.

Erzherzog Johann, der sein Amt stets auch als

Dienst verstanden hat, wollte die „Herren vom

Land“ als Dienstleister für die Allgemeinheit

verstanden wissen. Das war – rückblickend

betrachtet – zumindest ebenso bedeutsam wie

die Vielzahl der auf ihn direkt zurückgehenden

agrarischen Neuerungen, wovon eine Reihe von

Musterbetrieben beredtes Zeugnis gibt.

Hans Putzer

gedenke.

Die Schwarzenseealm

(links) und

der Schwarzensee

(rechts) laden zum

Verweilen im

steirischen

Kleinsölktal ein.

Fo t o s: gi s e L b r e c h t

1-2/09 steirische berichte 31


wissenschaft.

kunst.

kultur.

Landesrätin

Mag. Kristina

Edlinger-Ploder

zu Besuch

in steirischen

Forschungseinrichtungen.

Deren

Gründung geht

zu einem großen

Teil auf den

Erzherzog zurück.

32

Fo t o: Fi s c h e r

steirische berichte 1-2 /09

„Joanneischer Geist“ und

die Gegenwart

Der vielbeschworene „joanneische Geist“ – also die

Besinnung auf das zukunftsorientierte Denken

und Handeln des „steirischen Prinzen“ Erzherzog

Johann – ist in der Wissenschafts- und Innovationspolitik

der Steiermark nicht nur wohlklingende

Leerformel, sondern in weiten Bereichen erfolgreich

gelebte Realität.

Die für Wissenschaft und Forschung in der Steiermärkischen

Landesregierung zuständige Landesrätin

Mag. Kristina Edlinger-Ploder stellt stolz fest: „Mit

einer Forschungs- und Entwicklungs-Quote von

über 3,9 % ist die Steiermark seit Jahren nicht nur

an der Spitze der österreichischen Bundesländer,

sondern unter den Top-Regionen Europas.

Wir liegen damit über dem Österreich-Schnitt von

2,46 % und haben damit auch das für 2010 von der

EU proklamierte Barcelona-Ziel signifikant übertroffen.

Das ist in erster Linie dem Forschergeist

exzellenter steirischer WissenschafterInnen, aber

vor allem auch überdurchschnittlich innovativer

Unternehmen, gezielten Investitionen und der

forcierten Förderung von Wissenschaft und

Forschung zu danken.“

Diese Forscherpersönlichkeiten wirken zu einem

großen Teil in Institutionen, deren Gründung auf

den Erzherzog zurückgeht. Bekanntlich sind sowohl

die Technische Universität als auch die Montanuniversität

Leoben in ihren Wurzeln joanneische

Gründungen, aber auch die Karl-Franzens-Universität

Graz verdankt dem steirischen Prinzen die

Rangerhöhung von einem Lyzeum, zu dem sie unter

Kaiser Joseph II. herabgestuft worden war, zu einer

Volluniversität. Und das Palais Meran in Graz, der

heutige Hauptsitz der Kunstuniversität, war der

letzte Grazer Wohnsitz des Erzherzogs.

Die größte landeseigene Forschungsgesellschaft

Österreichs wurde bewusst programmatisch „Joanneum

Research“ genannt. Das Motto von Joanneum

Research lautet „Innovation aus Tradition“. Auch

das ist ein joanneisches Leitmotiv: Seit Erzherzog

Johann hat Innovation in der Steiermark Tradition

und wächst Innovation aus Tradition.

Steirischer Forschungsrat

Seit 2006 wird die Steiermärkische Landesregierung

durch den „Steirischen Forschungsrat“ (Forschung,

Innovation und Technologie für die Zukunft) in

strategischen Fragen für künftige Herausforderungen

beraten und begleitet. Dieser setzt sich aus

international angesehenen Persönlichkeiten aus

Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft zusammen.

Nach 18 Monaten seiner Tätigkeit hat der Rat

zunächst der Landesregierung und im Herbst 2008

der Öffentlichkeit die bisherigen Ergebnisse seiner

Beratungen präsentiert. Der Rat bescheinigt der

Steiermark im Österreich-Vergleich eine hervorragende

Stellung bei Forschung, Innovation und

Technologie, und zeigt auch sehr gute Möglichkeiten

zu weiteren Verbesserungen in acht Handlungsfeldern

auf. Daran werden wir uns – so Edlinger-

Ploder – im besonderen Maße orientieren.

In der Tat ist die steirische Bildungs- und Forschungslandschaft

in ihrer reichen Vielgestaltigkeit

und Breite beeindruckend: fünf Universitäten, zwei

Fachhochschulen, zwei Pädagogische Hochschulen,

Joanneum Research; die meisten Christian-Doppler-

Labors. Dazu kommen die meisten Kompetenzzentren

Österreichs, sowohl im abgelaufenen

als auch im neu gestarteten Förderprogramm: In

Graz angesiedelte Institute der Österreichischen

Akademie der Wissenschaften, zahlreiche private

Forschungseinrichtungen und die überproportionale

steirische Beteiligung an den EU-Forschungs-

Rahmenprogrammen zeugen davon.

Internationale Studien und Vergleiche belegen:

Je höher die Forschungsquote, umso besser für

Arbeitsplätze, Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität

und Zukunftsaussichten.

Daher bekennt sich Edlinger-Ploder zur konsequenten

Fortsetzung der gezielten steirischen

Förderungspolitik: „Wir wissen, dass Bildung und

Wissenschaft, Forschung und Entwicklung unsere

entscheidenden Standortvorteile im Wettbewerb

der Regionen sind. Sie sind wichtige Wege in die

Zukunft. Gerade in Krisenzeiten ist der Förderung

der Innovation absoluter Vorrang zu geben.

Wer an Forschung und Entwicklung spart, gefährdet

die Zukunft – besonders das können wir von

Erzherzog Johann lernen, der in einer besonders

krisenhaften Entwicklung im 19. Jahrhundert

die Weichen für einen neuen Aufschwung der

Steiermark stellte.“


Die Pflanzenwelt

im Trockenen

Das Herbarium am Landesmuseum

Joanneum und seine

Bedeutung für die Forschung

„8000 getrocknete Pflanzen in 60 großen Foliobänden“

überließ Erzherzog Johann im Jahr 1811 dem

Joanneum und begründete damit das Herbarium

des Landesmuseums. Schnell wuchs die Sammlung,

insbesondere durch zahlreiche Schenkungen, an.

Das Herbarium diente anfänglich – wie übrigens

das gesamte Joanneum – vor allem der Ausbildung

und Forschung, oder, wie es der Gründer selbst

formulierte, „zum Behufe praktischer Studien

gemeinnütziger Wissenschaften, und zur Bildung

der Jugend“.

Ein Herbarium ist eine Sammlung konservierter,

meist gepresster und getrockneter Pflanzen, die

jeweils auf einem Papierbogen aufgeklebt sind. Ein

Etikett mit der Information von wem, wann und

wo die jeweilige Pflanze gesammelt wurde, macht

aus der getrockneten Pflanze einen Herbarbeleg,

ein für die Wissenschaft wertvolles Dokument. Bei

entsprechender Aufbewahrung und sorgsamem

Umgang sind Herbarbelege unbegrenzt haltbar.

Im Laufe der Zeit wuchs das Herbarium durch Ankäufe,

die Sammeltätigkeit von angestellten Botanikerinnen

und Botanikern sowie durch zahlreiche

Schenkungen von seiner Gründung bis heute auf

rund 500.000 Belege an. Und es wächst weiter – noch

immer hauptsächlich im Rahmen von Schenkungen.

Beispielhaft seien hier etwa die mit 80.000 Belegen

von Moosen besonders umfangreichen Sammlungen

von Johann Breidler und Julius Glowacki genannt.

Anfänglich wurden Pflanzen zu Lehr- und Lernzwecken

getrocknet und gepresst. Dank dieser

Technik konnten Schüler die Merkmale einer

Pflanze im direkten Vergleich zu ähnlichen Arten

studieren, und Lehrer verfügten – unabhängig von

der Jahreszeit – über Anschauungsmaterial für den

Unterricht. Herbarbelege, insbesondere solche von

Pflanzen aus fernen Ländern, dienten (und dienen

immer noch) als Vorlagen für botanische Illustrationen

in wissenschaftlichen Werken.

Ein unverzichtbares Werkzeug

Obwohl naturkundlichen Sammlungen allgemein

und Herbarien im Besonderen oft ein verstaubtes

Image anhaftet, ist für jene Teildisziplinen der Botanik,

die sich im weitesten Sinne mit Biodiversität,

also mit der Artenvielfalt, beschäftigen, das

Herbarium ein unverzichtbares Werkzeug.

Botaniker aus anderen Fachbereichen greifen in

ihrer Forschung, wenn auch in geringerem Ausmaß,

ebenfalls auf Herbarbelege zurück.

Das pflanzliche Material selbst ist zwar getrocknet

und gepresst, aber viele Merkmale der Pflanze

bleiben erhalten oder rekonstruierbar. Die Form von

Blättern, die Anzahl der Blütenblätter, ob und wie

der Stängel behaart ist – all das und noch Vieles

mehr kann man auch an getrockneten Pflanzen

analysieren; sogar DNA-Analysen von Herbarmaterial

sind heute möglich. Damit lässt sich z. B.

die evolutionäre Entwicklung bzw. die verwandtschaftliche

Beziehung von Pflanzen oder gar die

genetische Vielfalt innerhalb einzelner Pflanzenpopulationen

erforschen. Die rasant fortschreitende

Entwicklung der Molekularbiologie verspricht für

die Zukunft weitere spektakuläre Möglichkeiten.

Ein Herbarbeleg ist ein Dokument, welches das

Vorkommen der gesammelten Art am Fundort zum

Sammelzeitpunkt nachweist. Stehen für eine

Untersuchung viele Herbarbelege einer Art zur

Verfügung, so lassen sich mit dieser örtlichen

und zeitlichen Verankerung von Herbarbelegen

Verbreitungskarten erstellen; ebenso können zeitliche

Entwicklungen wie die Ausbreitung rekonstruiert

oder – in letzter Zeit viel häufiger – das

Zurückgehen oder Aussterben von Arten dokumentiert

werden.

Das Herbarium ist dem Botaniker, was das Archiv

dem Historiker ist. Ein Herbarbeleg – und sei er

noch so alt – kann immer wieder von Neuem

untersucht werden, und das vor dem Hintergrund

des gerade aktuellen Wissens und mit den jeweils

modernsten Methoden. Aber: Jede Forschungsaktivität

in einem Herbarium beruht auf der

Sammlungstätigkeit der Vorfahren.

Daraus ergibt sich für uns die moralische Verpflichtung

gegenüber den nächsten Generationen, mit

heutigen Aufsammlungen den Grundstock für zukünftige

Untersuchungen zu legen.

Kurt Zernig

wissenschaft.

kunst.

kultur.

„Carex firma.

Steifes Riedgras.

Gesammelt auf

dem Pfitschjoch und

dem Zemergebirge im

Julius 1802.“ Einer

der rund

8000 ersten

Herbarbelege

des Joanneums.

Fo t o: Lan d e s m u s e u m

Jo a n n e u m

1-2/09 steirische berichte 33


wissenschaft.

kunst.

kultur.

34

steirische berichte 1-2 /09

Erzherzog Johann und

die Eisenstraße

Freund des Berg- und Hüttenwesens, Urgründer der Montanuniversität

Schon in Kindheit und Jugend zeigte Erzherzog Johann ausgeprägtes Interesse an der Natur und ihren Erscheinungen in

Gesteinen, Flora und Fauna. Seine umfangreichen Sammlungen bildeten 1811 den Grundstock für das Joanneum, das einerseits

der musealen Präsentation dienen, andererseits aber als Lehranstalt Bildung und Wissenschaft vermitteln sollte. Wichtige

Innovationen des Erzherzogs und seiner Berater auf dem Gebiet des Berg- und Hüttenwesens wirken bis heute nach.

Hauptansicht des

Neubaus der k. k.

Montanistischen

Hochschule Leoben,

vollendet 1910,

Architekturzeichnung

1906.

Fo t o: or i g i n a L in d e r

un i v e r s i t ä t s b i b L i o t h e K,

Ko p i e a u s ga h L e i t n e r

1990

Die Englandreise 1815/16

Nach dem Wiener Kongress 1815 reiste Erzherzog

Johann als Vertreter des Kaisers mit seinem Bruder

Ludwig nach England, wo sich sein besonderes

Interesse dem Berg- und Hüttenwesen, vor allem

dem Eisenhüttenwesen, zuzuwenden begann, denn

England galt damals als führend in der Technik.

Der Erzherzog besuchte dort auch die modernen

Berg- und Hüttenbetriebe, so den berühmten Eisenbezirk

um Ironbridge/Telford, worüber er in seinem

Reise-Tagebuch ausführlich berichtet. Wurzbach

schreibt darüber: „Sie besuchten nun die wichtigsten

Fabriksstädte und in denselben die großartigen

Manufacturanstalten, Maschinenwerkstätten, Eisenund

Stahlwaaren-Fabriken, Spinnereien, Webereien

u. dgl. m. … Seine Reise nach England hatte nachhaltige

Folgen für die Steiermark. Er nahm überall

Muster der Erzeugnisse, Pläne, Zeichnungen und

Modelle, welche er bei seinem Eintreffen in Gratz

(15. Mai 1816) in den Räumen des Joanneums zur

Einsicht und Benützung niederlegte …“

Vom Joanneum zur

Montanuniversität

Auf dieser Reise hatte den Erzherzog auch der gebürtige

Grazer Alois von Widmanstetten begleitet,

letzter Vertreter der Grazer Druckereidynastie,

der durch die Entdeckung der Struktur in Eisen-

meteoriten 1808 noch heute weltweit jedem Eisenmetallographen

ein Begriff ist.

Auf ihn gehen die frühesten Anschliffe an Gusseisen,

u. a. aus Vordernberg, zurück.

Johann hatte ihn auch als Fachmann auf dem Gebiet

des Eisenwesens in England zum ersten Professor

für Eisenhüttenkunde in Graz vorgeschlagen, doch

Widmannstetten winkte aus Altersgründen ab. Wohl

auf Anregung Johanns brachten die Kuratoren des

Joanneums das Problem der Lehre des Bergbaues

und der Hüttenkunde 1828 wieder aufs Tapet, und

Kaiser Franz antwortete mit der Aufforderung, die

Erfordernisse zu präzisieren; dem folgten die

Kuratoren unter dem Abt von Rein, Ludwig, mit

einem ausführlichen Gutachten.

Es dauerte noch bis 1836, bis feststand, dass die

geplante Lehranstalt in Vordernberg, im Mittelpunkt

des Eisenwesens der Steiermark und nicht in Graz

am Joanneum, eingerichtet werden konnte.

Erzherzog Johann in Vordernberg

Nach Verhandlungen mit dem Grundbesitzer in

Vordernberg, Josef Fürsten von Schwarzenberg,

konnte 1837 mit dem Bau der „steiermärkischständischen

Lehranstalt in Vordernberg“ begonnen

werden, die feierlich 1840 eröffnet wurde. Daneben

hatte der erste Professor Peter Tunner, der auf Vorschlag

von Erzherzog Johann vom Schwarzenbergischen

Hammer in Katsch bei Murau an diese Stelle

berufen worden war, auch Vorschläge zur Einrichtung

der „Lehrfrischhütte“, ein „Zerrennfeuer mit

Hammerschlag“, auf den Gründen der Handlschen

Schmiede unterbreitet, die Zustimmung der Stände

erreicht, 1840 die Pläne vorgelegt und 1842 den

Lehrbetrieb aufgenommen.

Johanns Braut Anna Plochl hatte ihm schon seit

1823 in Vordernberg im Gewerkenhaus des Radwerkes

II, das einst dem Gewerken Stampfer und

seiner „Stampferin“ (jener mit dem „Hausbüchl“)

gehörte, den Haushalt geführt, während sich Johann

persönlich um die Entwicklung des Vordernberger

Eisenwesens kümmerte – durch Modernisierung

seines Radwerkes II und durch Bemühungen, die

altehrwürdige „Radmeisterkommunität“ wieder zu


eleben. Die Zusammenfassung der Abbautätigkeit

am Vordernberger Erzberg (oberhalb der „Ebenhöhe“),

die Organisation des Erztransportes und

die Errichtung der Erzförderbahn durch Johann

Dulnigg zwischen 1835 und 1845 waren ebenso

ihm zu verdanken.

Peter Tunner, der erste Professor

der Montanlehranstalt

Von besonderer Bedeutung für die Entwicklung des

Eisenwesens in Mitteleuropa waren die Bildungsreisen

des Peter Ritter von Tunner; dieser war am

10. Mai 1809, heuer vor 200 Jahren, in (Deutsch-)

Feistritz nahe Graz geboren und starb am 8. Juni

1897 in Leoben. Aus einer Familie stammend, die

schon über Generationen mit dem Eisenwesen verbunden

war, entdeckte ihn Erzherzog Johann 1834

als bereits anerkannten Hüttenmeister in Katsch bei

Murau. Auf Vorschlag des Erzherzogs wurde er

1835 als Professor für Bergbau und Hüttenkunde

vereidigt. Mit diesem Titel reiste er nun, wie

zwanzig Jahre früher Erzherzog Johann, durch

die wichtigsten Industriegebiete Europas, um sich

die grundlegenden Kenntnisse zur Förderung des

alpinen Eisenwesens zu erarbeiten.

Nach dem Beginn der „Kurse“ in Vordernberg 1840

war er lange der alleinige Lehrer an der „steiermärkisch-ständischen

Montanlehranstalt“, deren

Gründung mit den Ständen der Steiermark eng

verbunden blieb, bis 1848/49 durch den Zuzug der

deutschsprachigen Studenten aus dem magyarisierten

Schemnitz (ungar. Selmecbanya, slowakisch

Banska Stiavnica) der Eisenmarkt zu klein wurde.

Die Stadt Leoben bot das „Neue Seminargebäude“

an, das bis zur Errichtung des heutigen „Peter-

Tunner-Gebäudes“ (1883/85) Sitz der Lehrtätigkeit

der nunmehrigen „k. k. Montanlehranstalt“ wurde;

Tunner blieb lange im alten Gebäude, in dem auch

der erste Professor für Hüttenkunde, Franz Sprung,

wohnte. Damals begann auch Albert Miller (von

Hauenfels) seine Lehrtätigkeit für Bergbaukunde.

Tunner unterrichtete bis 1866 Eisenhüttenkunde

und blieb bis 1874 Direktor der Montanlehranstalt.

Er war bis ins hohe Alter wissenschaftlich tätig

und als Eisenhüttenfachmann weltweit anerkannt.

Die k. k. Montanlehranstalt wurde 1861 mit der

Erhebung zur k. k. Bergakademie anderen universitären

Einrichtungen weitgehend gleichgestellt

und erhielt mit der Aufwertung zur k. k. Montanistischen

Hochschule 1904 das Promotionsrecht.

Sie wurde 1975 im Zuge einer Universitätsreform

zur „Montanuniversität“ umgetauft.

Erzherzog Johann als Gründer

Aber Erzherzog Johann war umfassend aktiv, man

könnte ihn heute als „Workaholic“ für die Steiermark

bezeichnen: Neben den wissenschaftlichen

und industriellen Interessen förderte er auch die

Landwirtschaft, ähnlich wie es schon sein Vater

Leopold und sein Bruder Ferdinand in der Toskana

taten, er kümmerte sich um ein modernes Geldwesen

und um soziale Einrichtungen für die Bevölkerung

unseres Landes. Der Bau der Eisenbahnen in

der Steiermark, vor allem der Semmeringbahn, ist

seiner Initiative zu verdanken, da er die Umfahrung

der Obersteiermark durch eine Trasse im ebenen

Osten fürchtete. 1844 wird die Strecke Mürzzuschlag–Graz

eröffnet, 1854 die Bahn über den

Semmering, die für die Eisenindustrie der Mürz-

Mur-Furche von besonderer Bedeutung war und

ist. Seine Funktion als „General-Geniedirektor“ der

kaiserlichen Armee war dafür sehr hilfreich.

Die Eisenindustrie Vordernbergs ging mit der Gründung

der Österreichisch-Alpinen Montangesellschaft

1881 allmählich an die ÖAMG. Das heutige „voest–

alpine“-Werk Donawitz ist der lebende Nachfolger

der Vordernberger Eisenindustrie, die der Erzherzog

einst zu neuem Schwung brachte. Die Radwerke Vordernbergs,

Hochöfen des 19. Jahrhunderts, sind mit

dem Radwerk IV, dem Ofenstock des Radwerkes X

und anderen Denkmälern des Eisenwesens, wie den

zahlreichen historischen Gewerkenhäusern, so das

Meranhaus (zum Radwerk II), noch heute Attraktion

für die Technikgeschichte Mitteleuropas und ein

wichtiges Standbein für den Kulturtourismus an

der „Steirischen Eisenstraße“. Gerhard Sperl

Literatur:

Anton Schlossar, Auszugweise Abschrift der „Denkwürdigkeiten“,

Lebensbericht Erzherzog Johanns. Diese Schrift befindet sich

jetzt im Besitze des Heimatmuseums Aussee.

Alfred Gahleitner, Baugeschichte der Montanuniversität, in:

150 Jahre Montanuniversität Leoben 1840–1990,

hrsg. v. Friedwin Sturm, Graz 1990.

Hans Jörg Köstler, „Dem großen Meister und Lehrer“. Das

Denkmal für Peter Ritter von Tunner (1809–1897) in Leoben,

Leoben 2008.

Gerhard Sperl, Erzherzog Johann in England; in: Katalog der

Ausstellungen in Vordernberg 1982, S. 60–67.

Gerhard Sperl, Die Metallographie des Alois Beckh von

Widmanstätten (1754–1849); Vortrag und Abstract der

42. internationalen Materialographie-Tagung in Jena am 18.

September 2008; Publikation in BHM 2009 in Vorbereitung.

Viktor Theiss, Leben und Wirken Erzherzog Johanns, 2 Bände,

Graz 1960–69.

Constant von Wurzbach, Biographisches Lexikon des

Kaiserthumes Österreich, Wien 1856–1891.

wissenschaft.

kunst.

kultur.

Bild: Kaiser

Ferdinand besucht

1841 Erzherzog

Johann und seine

Familie in

Vordernberg im

Gewerkenhaus

zum Radwerk IV

(Meranhaus).

Ausschnitt eines

Bildes im Privatbesitz.

Fo t o: spe r L

1-2/09 steirische berichte 35


wissenschaft.

kunst.

kultur.

36

steirische berichte 1-2 /09

Tunnelbau auf Österreichisch

TU Graz und Montanuniversität Leoben starten gemeinsamen Lehrgang

Ob Sie mit der U-Bahn in Wien, London, Washington oder São Paolo unterwegs sind, Sie fahren durch einen Tunnel, der mit

Hilfe der Neuen Österreichischen Tunnelbaumethode errichtet wurde, im internationalen Sprachgebrauch als NATM – New

Austrian Tunneling Method – bekannt. Es könnte auch ein Eisenbahn-, Kraftwerks- oder Autobahntunnel sein. Oder der

in Bau befindliche Gotthard-Tunnel in der Schweiz, der mit 57 Kilometer Länge der längste Tunnel der Welt sein wird.

Oder der zweiröhrige Koralmtunnel zwischen Graz und Klagenfurt, der mit seiner beachtlichen Länge von 32,8 Kilometer

voraussichtlich 2017 fertig sein wird, als Teil der adriatisch-baltischen Achse von Venedig nach Gdansk in Polen. Etwa 50

Prozent aller Tunnel weltweit werden „auf österreichische Art“ erbaut.

Pionier aus St. Kunigund

Neu ist relativ. Einer der Pioniere war Ladislaus von

Rabcewicz, der, 1893 in St. Kunigund bei Marburg

geboren, in Graz und Wien Bauingenieurswesen

studierte. Er war beim Eisenbahnbau in Java und in

der Türkei tätig, beim Kraftwerksbau in Reutte in

Tirol, anschließend im Iran, wo er es zum Chef der

Bahnerhaltung der Persischen Staatseisenbahnen

brachte. Die Kluft zwischen Theorie und Praxis

ließ ihn den Kontakt zur Technischen Hochschule

Wien suchen, an der er dann, während des Zweiten

Weltkrieges, Ordentlicher Professor war.

Von 1956 bis 1958 setzte er als UNO-Berater in

Venezuela seine Forschungserkenntnisse bei Autobahn-

und Eisenbahntunneln konsequent um. Das

waren die ersten Tunnel nach der neuen Bauweise.

Ab 1958 wirkte er weltweit als freischaffender

Ziviltechniker. Mit den Salzburgern Leopold Müller

und Franz Pacher verhalf er der Neuen Österreichischen

Tunnelbaumethode zu ihrem heute anerkannten

Baustandard.

Sicher und kostengünstig

Jeder beliebige Tunnelquerschnitt kann mit dieser

Methode ausgebrochen, „vorgetrieben“, werden und

wird sofort durch Spritzbeton gesichert. Mitte

1950 war die Technologie des Spritzbetons so weit

entwickelt, dass er für diese Bauvorhaben geeignet

war. Weder Verschalungen noch riesige Tunnelbohrmaschinen

waren mehr notwendig. Mit dem Bau

sind immer Verformungen des Gebirges verbunden,

die ständig messtechnisch überprüft werden.

Danach richtet sich der Einsatz von Stützmitteln,

wobei der Baugrund mitgenutzt wird, um den

Hohlraum zu stabilisieren. Sicherheit und Wirtschaftlichkeit

machen den großen Erfolg dieser

Methode aus.

Dipl.-Ing. Dr. mont. Wulf Schubert leitet an der

TU Graz das Institut für Felsmechanik und Tunnelbau,

innerhalb der Fakultät für Bauingenieurwissenschaften.

Die Forschungen befassen sich überwiegend mit

Tunnelbau im schlechten Gebirge, in schlechten,

gestörten Materialien. Ein Labor für Gesteinsprüfungen

ist im Institut integriert. Die Planung

eines Tunnelbaus muss alle eventuellen Möglichkeiten

abdecken, ein Geologe steht zu Beobachtungen

und Messungen auf jeder Baustelle bereit.

Bei der Auswertung der Messdaten und ihrer Interpretation

ist das Grazer Institut weltweit Marktführer.

Das erzählt Professor Schubert eher

nebenbei, als wäre es für ihn und sein Institut

selbstverständlich, international gehört zu werden.

Er, der unter anderem vier Jahre beim U-Bahnbau

in Seoul in Korea leitend mitgewirkt hat, bringt

seine reichen praktischen Erfahrungen in Forschung

und Lehre ein und setzt seine wissenschaftlichen

Erkenntnisse wieder bei der Betreuung von

Baustellen um. Diese Wechselwirkung hätte sein

Großvater Ladislaus von Rabcewicz gutgeheißen.

Lehrgang zum

„NATM-Engineer“

Durch den großen Erfolg der Neuen Österreichischen

Tunnelbaumethode ist ein gravierender Mangel an

hoch qualifizierten Tunnelbauingenieuren entstanden.

Die TU Graz und die Montanuniversität Leoben

bilden nun gemeinsam in einem postgradualen

Lehrgang Experten zum „NATM-Engineer“ aus.

Ingenieure mit bau- oder bergbautechnischer Ausbildung,

Geotechniker oder Ingenieurgeologen

erhalten berufsbegleitend in vier Semestern – ab

September 2009 – eine zusätzliche Spezialisierung

in Tunnelbau. Für drei Wochen pro Semester

kommen die Teilnehmer nach Graz oder Leoben,

Englisch ist Unterrichtssprache. Die Zusammenarbeit

zwischen den beiden Universitäten

funktioniert ausgezeichnet. Dipl.-Ing. Dr. mont.

Robert Galler leitet das Partnerinstitut „Subsurface

Engineering“, das früher Geomechanik, Tunnelbau

und konstruktiver Tiefbau geheißen hat.

Einer seiner Forschungsschwerpunkte liegt im

Langzeitverhalten von Geomaterialien, wobei es um

Prognosen über einen Zeitraum von rund hundert

Jahren geht.

Die Nachfrage nach Absolventen dieses Lehrgangs


wird enorm sein, sie werden sich ihre Stellen aussuchen

können. Auf- oder Ausbau von Infrastruktur

in exotischen Regionen für Abenteurer, U-Bahnbau

in den großen Metropolen für Weltenbummler,

Kraftwerksbau für Naturverbundene und für

Vielseitige: ein Projekt nach dem anderen …

Übrigens: Frauen

Nicht nur bei den Wiener Philharmonikern, auch

im Berg- und Tunnelbau war die Zulassung von

Frauen ein heiß diskutiertes Thema, das seine

Brisanz verloren hat. Derzeit studieren an der TU

Graz etwa 15 Prozent Frauen Bauingenieurwesen,

Tendenz leicht steigend, an der Montanuniversität

sind es geringfügig weniger.

Durch die sich ständig weiter entwickelnde Computertechnologie

werden viele Baustellen nicht

mehr vor Ort betreut, Messdatenauswertung und

Planung sind in einem Büro, in einem Institut

möglich, durchaus auch in leitender Position.

Kooperationen mit Shanghai,

Singapur und Kuala Lumpur

In China sind in den nächsten Jahrzehnten tausende

Kilometer Tunnel zu bauen. Das Institut für

Felsmechanik und Tunnelbau hält schon jahrelang

Kontakt zur Tongji University in Shanghai. Diese

renommierte Universität soll nach chinesischer

Planung zu den 33 weltbekannten Universitäten

aufgebaut werden. Keine schlechte Ausgangsposition

für die Grazer.

Der Stadtstaat Singapur nimmt mit über vier

Millionen Einwohnern den größten Teil einer Insel

ein. Für eine Erweiterung der Stadt bleibt nur noch

Platz in größeren Tiefen, die auf Fels anstehen. Als

Experten wurden bereits zwei Mal Prof. Schubert

und der Geologe Prof. Kurt Klima, ebenfalls von der

TU Graz, nach Singapur geholt, die dritte Auflage

eines einwöchigen Kurses wird im November

erfolgen. Auch in Kuala Lumpur, Malaysien,

wurde bereits eine Einführung in den Tunnelbau

abgehalten, eine Wiederholung ist geplant.

Bildung als Existenzgrundlage

Sowohl die Technische Universität Graz als auch

die Montanuniversität Leoben gehen auf Erzherzog

Johann zurück. 1811 stiftete er seine naturkundlichen

Sammlungen den steirischen Landständen

zur Gründung des „Innerösterreichischen Nationalmuseums“,

das ihm zu Ehren den Namen „Joanneum“

erhielt. Diese Sammlungen sollten Grundlage für

eine Lehranstalt mit naturwissenschaftlichen

Schwerpunkten sein, zunächst Physik, Chemie

Mineralogie und Botanik. Die Absicht dahinter war

eine fundierte Ausbildung für Landwirtschaft und

Industrie. Nach und nach wurde der Unterricht um

technische Fächer erweitert, schließlich wurde 1874

die Technische Hochschule in Graz vom Staat übernommen.

Dabei wurde die Abteilung für Land- und

Forstwirtschaft aufgelassen und der 1872 gegründeten

Hochschule für Bodenkultur in Wien

eingegliedert. 1975 wurde aus der Hochschule

die Technische Universität Graz, ein Jahr darauf

beschloss der Senat den Beinamen „Erzherzog-

Johann-Universität“.

In Vordernberg wurde 1840 auf Anregung von

Erzherzog Johann die „Steiermärkisch-Ständische

Montanlehranstalt“ gegründet. Bereits 1849 wurde

sie als „Kaiserlich-königliche Montan-Lehranstalt“

nach Leoben verlegt und vom Staat übernommen.

1904 wurde sie zur Montanistischen Hochschule und

1975 zur Montanuniversität. Erzherzog Johann hat

in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Lehranstalten,

Bildungsstätten, gegründet, um die wirtschaftliche

Existenz der Menschen zu sichern. Er war

vermutlich einer der ersten Politiker, der Bildung

in den Mittelpunkt seiner gesellschaftspolitischen

Überlegungen stellte.

Zeitgemäß. Nachahmenswert.

Gertraud Hopferwieser

gedenke.

Links:

Wulf Schubert

(rechts) und der

Geologe Kurt Klima,

beide TU Graz, bei

einer Exkursion im

Semmeringgebiet.

Fo t o: K K

Rechts:

Eisenbahntunnel

durch den Wienerwald,

in Fertigstellung.

Fo t o: sc h u b e r t

1-2/09 steirische berichte 37


wissenschaft.

kunst.

kultur.

Der Brandhof wurde

vom Erzherzog

zu einem

landwirtschaftlichen

Musterbetrieb

ausgebaut und

künstlerisch

ausgestattet.

38

Fo t o: tr i b u t s c h

steirische berichte 1-2 /09

Architektonische Spuren

Zahlreiche Bauten dokumentieren

bis heute das Wirken

und die breit gefächerten

Interessen Erzherzog Johanns,

der sich auch mit dem Bauwesen

intensiv beschäftigte, besonders

im Dienste der Verteidigung der

habsburgischen Länder.

Im Wesentlichen lassen sich

die erhaltenen Gebäude des

Erzherzogs in drei zweckbedingt unterschiedliche

Gruppen teilen, wobei Johann fast durchwegs

bereits vorhandene Anwesen oder Betriebe kaufte

und diese umgestalten bzw. adaptieren ließ.

Vorbildhaftes

Die erste Gruppe wird von den Mustergütern und

-betrieben gebildet, die vorbildhaft-didaktisch

wirken, aber zum Teil auch als private Wohnsitze

dienen sollten.

Als bestes Beispiel kann hier wohl der Brandhof in

der Gemeinde Gußwerk bei Mariazell herangezogen

werden. Das 1390 erstmals erwähnte Bauerngut

wurde 1818 vom Erzherzog erworben und in den

folgenden Jahren zu einem landwirtschaftlichen

Musterbetrieb ausgebaut. Bis 1828 erfolgte eine

großzügige Umgestaltung des Haupthauses, wobei

die künstlerische Ausgestaltung in den Händen

des nazarenischen Künstlers Ludwig Ferdinand

Schnorr von Carolsfeld (1788–1853) lag. Der lang

gestreckte und blockhafte, mit Schopfwalmdach

gedeckte Bau besitzt eine neugotische Kapelle, die

an der östlichen Traufseite mit ihrem polygonalen

Grundriss, den gliedernden Strebepfeilern und

dem steilen Zeltdach auffällig in Erscheinung tritt.

Auch wenn der Brandhof insgesamt zurückhaltend

gestaltet ist, finden sich vor allem im Inneren sehr

wohl Details, wie etwa habsburgische Wappen,

die verraten, dass der Besitzer kein „gewöhnlicher“

Steirer war.

Der Brandhof war aber nicht der einzige Musterhof,

den Erzherzog Johann initiierte. So begründete er

1822 mit dem „Steirisch ständischen Versuchshof“

in Graz die erste landwirtschaftliche Schule der

Steiermark. Sie erstreckte sich mit ihren Obst- und

Weinbauanlagen von der Annenstraße bis zum

Plabutsch, wobei das 1833/1834 nach Plänen des

Architekten Franz Xaver Aichinger errichtete

Hauptgebäude bis zum Neubau eines Möbel- bzw.

Modehauses an der Ecke Annenstraße/Eggenberger

Gürtel noch zum Teil erhalten war. Ebenfalls im

Jahr 1822 richtete Erzherzog Johann das Weingut

Pickern/ Pekre bei Marburg/Maribor ein, wo 1832

eine Winzerschule folgte.

Die erzherzogliche Tätigkeit blieb aber nicht

nur auf die Landwirtschaft beschränkt, sondern

das Interesse Johanns galt auch dem Bergbau

und der Industrie. Aus diesem Grund erwarb er

1822 in Vordernberg das Radwerk II sowie das

zugehörige Radmeisterhaus, wodurch er in die

Vordernberger Radmeisterkommunität eintrat und

in weiterer Folge die steirische Eisenproduktion

beeinflussen konnte. 1837 folgten das Radwerk V

in Vordernberg, 1848 das Blechwalzwerk Krems

bei Voitsberg, das Hammerwerk Obergraden bei

Voitsberg und Kohlengruben im Raum Maria

Lankowitz, Pichling und Köflach. Während in

Vordernberg von den Radwerken des Erzherzogs

nichts mehr vorhanden ist, hat sich doch mit dem

Herrenhaus zum Radwerk II, dem so genannten

„Meranhaus“, ein eng mit Johann und Anna

Plochl (1804–1885) verbundener Bau erhalten.

Die Gemahlin des Erzherzogs wohnte hier vor

ihrer Verehelichung über mehrere Jahre. Das

zweigeschoßige, gedrungen wirkende Gebäude

wurde 1684 nach einem Brand neu errichtet und

besitzt einen straßenseitig vortretenden Turm mit

Zeltdach. Die klassizistisch veränderte Fassade

zeigt ein besonders bemerkenswertes Portal. Neben

dem „Meranhaus“ wurde auch das so genannte

„Prinzen-Amts-Haus“ 1822 vom Erzherzog als

Verwaltungs- und Personalwohnhaus angekauft.

Persönlicher Einsatz

In Zusammenhang mit den wirtschaftlichen und

wissenschaftlichen Interessen Erzherzog Johanns

steht auch die zweite Gruppe an Bauten. Es handelt

sich dabei um Bauwerke, die nicht direkt vom

Erzherzog, jedoch aufgrund seines persönlichen

Einsatzes errichtet wurden.

Johann war ständig bemüht, die Steiermark zu

modernisieren, und im Zeitalter der beginnenden

Industrialisierung erkannte er die Bedeutung von

gut ausgebauten Verkehrswegen. Er förderte daher

nicht nur den Straßen- und Brückenbau, sondern

setzte sich zudem bereits ab 1825 für den Bau von

Eisenbahnlinien ein. Mit einer ihm unterstellten

Ingenieurtruppe konnte er zum Beispiel Lösungen

für die Trassierungsprobleme bei der Errichtung

der Südbahn erarbeiten, so dass diese letzten

Endes nicht, wie ursprünglich vorgesehen, über

Westungarn, sondern über den Semmering nach

Triest geführt wurde. 1844 erfolgte die Aufnahme

des Verkehrs zwischen Mürzzuschlag und Graz,


1854 die Betriebsaufnahme des Streckenabschnitts

Gloggnitz–Mürzzuschlag, die gesamte Bahnstrecke

wurde 1856 in Betrieb genommen. Auch für die

erst nach seinem Tod verwirklichte Graz-Köflach-

Bahn entwarf der Erzherzog selber Trassenskizzen

und stellte Kostenüberschläge für die zugehörigen

Bauten an.

Zudem beeinflusst Erzherzog Johann mit den von

ihm begründeten Institutionen bis heute das Bild der

modernen Steiermark und das auch in architektonischer

Hinsicht. Unter anderem bilden die Gebäude

der Montanuniversität Leoben, der heutigen Erzherzog-Johann-Universität

(Technische Universität

Graz) oder des Landesmuseums Joanneum wichtige,

ganze Stadtviertel prägende Körper, die immer wieder

ergänzt, erneuert und weiterentwickelt werden.

Als jüngstes Beispiel kann hier die Neugestaltung

des Grazer „Joanneumsviertels“ zwischen Neutorgasse,

Kalchberggasse und Raubergasse anlässlich

der 200-Jahr-Feier des Landesmuseums 2011 dienen.

Kampf um die Anerkennung

Die letzte, wohl am privatesten motivierte Baugruppe

wird vom Schloss Stainz und dem Palais

Meran in Graz gebildet. Die Wahl dieser großen,

repräsentativen Bauten als Wohnsitze liegt wohl im

Kampf um die Anerkennung der Familie Johanns

bei Kaiser und Adel begründet.

Das ehemalige Augustiner-Chorherrenstift Stainz

war bereits um 1229 gegründet und 1785 durch

Kaiser Joseph II., den Onkel Erzherzog Johanns,

säkularisiert worden. Am 8. April 1840 kaufte

Erzherzog Johann die barocke, im 17. Jahrhundert

gestaltete Anlage, nicht nur um seiner Nachkommenschaft

einen repräsentativen Wohnsitz zu

bieten, sondern auch um ihre Stellung zu unterstreichen.

Dem gräflichen Titel und seiner Liebe

zu Tirol entsprechend erwarb Johann 1845 auch

das Schloss Schenna bei Meran, wo er beigesetzt

wurde. Johann ließ Schloss Stainz in den Jahren

nach dem Ankauf aufwändig renovieren und setzte

seine Reformgedanken auch in Stainz um, was dazu

führte, dass er 1850 zum Bürgermeister der

Marktgemeinde gewählt wurde.

Das heute die Kunstuniversität beherbergende

Palais Meran im Grazer Stadtteil St. Leonhard hat

die selbe Bedeutung wie Schloss Stainz, schließlich

trägt es sogar den Namen der Familie des

Erzherzogs. Johann ließ es zwischen 1841 und 1843

durch Baumeister Georg Hauberrisser d. Ä. (1791–

1875) errichten. Der spätklassizistische Bau zeigt

zwar zurückhaltend gestaltete, dem Zeitgeschmack

entsprechende Fassaden. Die Gesamtdisposition

mit dem dreigeschoßigen Mitteltrakt und

zweigeschoßigen Flügelbauten macht deutlich, dass

es sich hier um ein hochherrschaftliches Gebäude

handelt. Zudem ist die Haupt- und Schauseite zur

Stadt hin orientiert und kündet mit dem Wappen

im Giebelfeld des Frontispizes vom erzherzoglichen

Besitzer. In diesem Palais verstarb der Erzherzog

am 11. Mai 1859, und es stellt insofern eine Besonderheit

dar, als dass es der einzige Wohnsitz ist,

den Erzherzog Johann komplett neu errichten ließ.

Denkmäler im Land

Insgesamt hat Erzherzog Johann von Österreich

wie kaum ein anderer Habsburger vor oder nach

ihm die Steiermark mitgestaltet, was sich auch in

vielen Bauten ausdrückt. So verwundert es nicht,

dass nach seinem Tod zahlreiche Denkmäler im

Land errichtet wurden. Das aufwändigste ist der

am Grazer Hauptplatz stehende und nach einem

Entwurf von Franz Pönninger gestaltete Erzherzog-

Johann-Brunnen, der 1878 enthüllt wurde. Aber

auch in Bad Aussee (im Kurpark überlebensgroße

Bronzefigur von 1882), Vordernberg (Hauptplatz,

Büste von Hans Zeilinger, 1982), in Laßnitzhöhe

(bei der Pfarrkirche, Büste von Fred Pirker) oder

in Leoben (Postpark, Büste von Erwin Huber,

1982) erinnern Ehrenmäler an den „steirischen“

Erzherzog.

Martin Müller

wissenschaft.

kunst.

kultur.

Repräsentative

Bauten wie

das Schloss Stainz

(links) und das

Palais Meran (rechts)

dienten Johann

als Wohnsitze und

verweisen auf seine

hochherrschaftliche

Herkunft.

Fo t o sc h L o s s st a i n z:

Lan d e s m u s e u m

Jo a n n e u m,

ni c o L a s La c K n e r

Fo t o pa L a i s me r a n:

mü L L e r

1-2/09 steirische berichte 39


wissenschaft.

kunst.

kultur.

40

steirische berichte 1-2 /09

Die Kammermaler

des Erzherzogs Johann

Bildnerische Dokumentaristen ihrer Zeit

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts beschäftigte Erzherzog Johann, der Tradition der Hof- und Kammermaler folgend, eine

Reihe von Künstlern, u. a. Johann Kniep, Jakob Gauermann, Karl Russ, Matthäus Loder und Thomas Ender. Seine Beweggründe

waren durch neue aufklärerische Ideen geprägt.

Abdruck der drei

Faksimiles

mit freundlicher

Genehmigung der

Steiermärkischen

Landesbibliothek.

Die Kammermaler sollten im Sinne von volksbildnerischen

und naturwissenschaftlichen Interessen

die Landschaft der Steiermark und deren Bevölkerung

möglichst wirklichkeitsgetreu erfassen, wofür

der Erzherzog genaue Anleitungen vorgab. Dies

war eine neue Herausforderung und Aufgabe für

die akademisch geschulten Künstler.

Zwischen 1801 und 1848 entstanden so zahlreiche

Landschaftsbilder, meist Aquarelle, die die Stimmung

des Biedermeier einfangen. So sind die

Landschaften sowohl durch einen ausgeprägten

Realismus in der Darstellung geprägt, als auch von

einer romantischen Sehnsucht nach einem Ideal

durchdrungen. Diese bildnerischen Landschaftsbeschreibungen

bildeten den Kern der Kunstsammlung

des 1811 gegründeten Joanneums.

Zwischen Aufklärung und Romantik:

Fortschrittsglaube und

das „Eigene“ als Verteidigung

Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die Natur ins

Zentrum gestellt, sie wurde zum Symbol für das

Schöne und Reine. Die Sehnsucht nach einer

unberührten, ursprünglichen Natur steht in engem

Zusammenhang mit der zunehmenden Industrialisierung,

welche das 19. Jahrhundert prägte. Trotz

aller Begeisterung für den Fortschritt und die

damit verbundenen Möglichkeiten sah man auch

die Nachteile dieses Prozesses: Verstädterung und

Landflucht, Anonymisierung und Mechanisierung

der Gesellschaft, Verlust des traditionellen sozialen

Lebens. Die Natur wurde hierzu als Gegensatz

stilisiert.

Erzherzog Johann ist in diesem Sinne ein Mensch

des Biedermeier: Obwohl er sehr fortschrittsbezogen

und zukunftsgläubig war – so studierte er

z. B. in London alles, was für Ökonomie und die

maschinelle Entwicklung nützlich und übertragbar

zu sein schien: Maschinenwerkstätten, Gusswerke,

Stahlöfen, Hammerwerke etc. –, war er überzeugt,

dass damit auch die Werte seiner Zeit wie Gemeinsinn,

Glauben, Familie usw. verloren gingen.

Sein Bestreben war daher, einerseits die Wirtschaft

durch Modernisierung anzukurbeln, aber auch

den Menschen durch Arbeit „menschenwürdige

Lebensverhältnisse zu schaffen“.

Damit verbunden war der tiefe Glaube an das

„Eigene“, das es, beeinflusst vom Krieg Österreichs

gegen Frankreich, zu verteidigen galt und das man

in der Natur, verkörpert durch die alpine Bergwelt,

gespiegelt sah. Die Entdeckung dieses „Eigenen“

sollte einen nationalen Stolz entfachen. Basis

dieses Strebens waren Beschreibungen von

Landschaften und Bewohnern und deren Sitten,

Habitus und Kleidung.


Bilder eines persönlichen Lebens

Die Kammermaler hatten neben der anstrengenden

Erfassung des Landes mittels Fußmärschen auch

die Aufgabe, das persönliche Leben des Auftraggebers

zu dokumentieren. Jener Künstler, der diesbezüglich

am berühmtesten und über ein Jahrzehnt

zu Johanns engstem Vertrauten wurde, war

Matthäus Loder (1781–1828).

1819 traf der 37jährige Johann auf einer seiner

Wanderungen beim Toplitzsee auf Anna Plochl,

die Tochter des Ausseer Postmeisters, damals 15

Jahre alt, und verliebte sich in sie. Loder wurde

der künstlerische Historiograph der Beziehung.

Der Künstler schuf u. a. ab 1826 eine Anzahl von

miniaturhaften Aquarellen, vom Künstler auf eine

goldverzierte Unterlage montiert, das sogenannte

Stammbuch der Anna Plochl, heute im Familienbesitz

der Grafen Meran. Das Stammbuch wurde zu

Annas Geburtstag begonnen und zeigt die wichtigsten

Momente der Liebe zwischen Erzherzog

Johann und ihr. Die Geschichte dieser Liebe wurde

schon zu Lebzeiten romantisch verändert.

Johann gab hierfür genaue Anweisungen, wie aus

einem Brief vom 3. Jänner 1826 ersichtlich wird:

... und für dein Stammbuch nach der Aussicht

von Aussee und deines väterlichen Hauses, das

erste Sehen am Gössl, am Toplitzsee … ich bringe

die Fortsetzung mit, es wird eine Geschichte in

hübschen Bildern werden. So oft ich allen dem zurückdenke,

habe ich eine innige Freude. Hoffentlich

werden noch viele Bilder folgen, die ich im Kopfe

habe, die mich noch weit mehr freuen werden …

(zit. nach: Matthäus Loder, 1978, S. 36–37.)

Acht Blätter in einer Mappe mit Faksimile-Wiedergaben

im Originalformat „Aus dem Stammbuch der

Anna Plochl“ befinden sich in der Steiermärkischen

Landesbibliothek, das Umschlagbild stammt von

einer Glückwunschkarte an Anna, datiert 1824 und

vom Künstler signiert. Drei dieser Blätter werden

hier kurz vorgestellt.

Matthäus Loder war, wie viele Künstler seiner Zeit,

tuberkulös und starb früh, 1828 in Vordernberg,

wohin er mit seiner Frau gezogen war.

Das dokumentarische Programm des Erzherzogs

aber musste weitergehen. Er übergab Loders Skizzen

und Aquarelle zur Fertigstellung dem bereits

erfolgreichen Maler Thomas Ender, der sein letzter

Kammermaler wurde. Ender reiste ab 1829 zwanzig

Jahre umher und schuf nach einem systematischen

Plan ein wichtiges Gesamtwerk österreichischer

Ansichten. Einen so engen Kontakt wie Loder erreichte

jedoch kein anderer Maler, auch begründet

in der Tatsache, dass sich Johann immer mehr von

den Wanderungen zurückzog und durch seine wirtschaftlichen

Vorhaben sesshafter geworden

Bettina Messner

war. li.: Anna und Erzherzog Johann, im Hintergrund

sein Radwerk in Vordernberg. Anna ist im Vordergrund

sitzend mit einer jüngeren Schwester dargestellt. Die

Kleine reicht dem Erzherzog, der aufrecht im Hintergrund

steht, einen Blütenkranz. Neben Anna befindet

sich ein Korb mit Rosen als Sinnbild der Liebe, und mit

Lilien, die für die Unschuld stehen. Hinter Anna bildet

eine Ranke ein Oval, das ein J., das Monogramm des

Erzherzogs, umschließt. Johann wird dargestellt auf

dem Weg von der sachlichen Arbeit, seinem Radwerk im

Hintergrund, zu Anna, seiner Liebe und Gefühlswelt:

Nur noch eine letzte Hürde, in Form einer Holzlatte,

die die Felsen überbrückt, trennt ihn von den freudig

Wartenden. Johann gleicht einer Erscheinung. In dieser

Zeit wurde das heute noch vorherrschende „Idealbild“

des Erzherzogs im grauen Rock geprägt.

Die Szene wird zum Abbild romantischer Gefühlsstimmungen,

die realistisch geschilderte Landschaft spielt

hier nur eine Nebenrolle.

mi.: Abschied beim Gatter ober der Traunmühle

1819 war Johanns erste Begegnung mit Anna bei einer

Wanderung. Das Bild zeigt den Abschied nach der

ersten gemeinsam verbrachten Zeit. Johann und Anna

reichen einander die Hände, hinter Anna stehen drei

Freundinnen, hinter Johann seine Begleiter. Die Szene

ist eingebettet in eine realistische, klare Naturschilderung.

Der wichtigste Moment, die Berührung der beiden

Liebenden, wird durch natürliche Elemente, die dahinter

ersichtliche Baumgruppe, optisch hervorgehoben.

1823 gestattete der Kaiser seinem erzherzoglichen Bruder,

die bürgerliche Anna zu heiraten. Doch Intrigenspiele

des Hofes vereitelten durch Rufschädigungen den

Plan. Johann griff seinerseits zu einer List: Er stellte

Anna als Haushälterin für sein Wohnhaus in Vordernberg

ein. Nach sechs Jahren wurde ihm die Heirat doch

noch gewährt.

re.: Anna und Johann auf dem Gipfel des Erzberges

Ab 20. September 1823 lebte Anna als Haushälterin

beim Erzherzog. Am 1. Oktober gehen die beiden allein

auf den Erzberg. Die Darstellung der beiden Gestalten

auf dem überdimensionalen und steinigen Erzberg,

schon auf einem Gipfel, aber noch nicht beim Gipfelkreuz,

spiegeln ihre Gefühle wider: Auch wenn die

ersehnte Hochzeit nicht stattfinden kann, können die

Liebenden doch gemeinsam ihre Zeit verbringen. Die

detaillierte Naturschilderung jedoch überragt und überdauert

die menschliche Geschichte.

Literatur, (in Auswahl):

Walter Koschatzky, Erzherzog Johann. Die Kammermaler,

Ausstellungskatalog, Galerie und Auktionshaus

Hassfurther, Wien 1996.

Inge Schwarz, Einleitung. Aus dem Stammbuch der

Anna Plochl. Faksimile-Wiedergaben im Originalformat,

Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1982.

wissenschaft.

kunst.

kultur.

1-2/09 steirische berichte 41


wissenschaft.

kunst.

kultur.

42

steirische berichte 1-2 /09

Erzherzog Johann

und die (Volks-)Musik

Erzherzog Johann von Österreich (1782–1859) war

der einfachen Bevölkerung Zeit seines Lebens verbunden.

Diese Haltung dürfte er von seinem Vater

Leopold (1747–1792) übernommen haben, der meinte,

für einen Regenten sei es wichtig, „sich leutselig

zu verhalten, ohne Unterschied alle Leute zu grüßen,

auch die Angehörigen des niederen Volkes, […]

bei den Volksfesten zu erscheinen, […] den Tanzfesten“.(1)

Getreu dieser „Weisung“ notierte Johann

etwa am 31. August 1817: „In der Scheuer war ein

Bub der schlecht leierte, da tanzten wieder andere,

kurz alles war herzlich lustig. Ich sah mit Vergnügen

zu, da ich diese Leute sehr gern habe.“(2)

Angeregt von frühen volkskundlichen

Beschreibungen wie einer ähnlichen

Aktion in Frankreich ließ Johann im

Jahre 1811 eine landesweite Bestandsaufnahme

durchführen. Dazu wurden

Fragenentwürfe an sämtliche steyermärkische

Werbbezirke zum Behufe

einer physikalischen Statistik dieses

Landes mit etwa 90 Fragen zu den

Themen Topographisch-Politisches,

Physikalisch-Naturhistorisches

und Medizinisches, Forstwirtschaftliches,

Ökonomisches,

Montanistisches sowie Kommerzielles

verschickt. Im ebenfalls abgefragten Bereich

Religiös-Sittliches wurde besonders auf die „Beschreibung

vorzüglicher Lieblingsunterhaltungen

und Vergnügungen, ländlicher Spiele und dergleichen

des Volkes, mit Mitteilung der gewöhnlichsten

oder jedem Ort eigenen Volksgesänge,

Nationalmelodien, womöglich mit beigefügter

Musik, der Tänze u. a. m[it] Angabe der üblichen

musikalischen Instrumente“ Wert gelegt, wobei

alles genau so niedergeschrieben werden sollte, wie

es die Menschen sangen und spielten. Der vor allem

naturwissenschaftlich und historisch umfassend

ausgebildete, aber auch von Tanzmeistern und

Musikern unterwiesene Prinz interessierte sich laut

eigenen Tagebucheintragungen bereits seit 1802 für

das Volkslied, seine Sammlung, Verbreitung und

somit auch Bewahrung; seiner Meinung nach sollte

es „nicht verloren gehen!“(3)

Wertschätzung des Volkslebens

Schon mit diesem ersten Sammelaufruf bezeugte der

Erzherzog seine Wertschätzung des Volkslebens

und initiierte zugleich eine einzigartige Dokumen-

tation der steirischen Volkskultur zu Beginn des

19. Jahrhunderts. Etwa 70 Einsendungen, darunter

auch reine Notenhandschriften, wurden aufgrund

des Aufrufs nach Graz geschickt; sie werden heute

zum Großteil im Steiermärkischen Landesarchiv

verwahrt. Die Sammlung umfasst an die 3.000 Titel,

darunter deutsche und steyerische Tänze, Märsche

und Menuette, Liebes-, Standes-, Hochzeits- und

Weihnachtslieder, die zum Teil aus dem heutigen

Slowenien stammen. In den 1830er Jahren war

eine Publikation des Sammelgutes geplant, für die

Johann Nepomuk Geiger (1805–1880) ein Titelblatt

anfertigte.

Zu den bedeutendsten und umfangreichsten Einsendungen

zählt Johann Felix Knaffls (1769–1845)

Versuch einer Statistik vom kameralischen Bezirke

Fohnsdorf im Judenburger Kreise aus dem Jahr

1813.(4) Knaffl überlieferte hier unter anderem

ländliche Bräuche und die damit in Zusammenhang

stehende Musik, die er aber nicht nur so „verhunzt“

wiedergab, wie er sie gehört hatte, sondern auch in

einem seiner Meinung nach „richtigen Sa[t]z“.

Somit ist diese Handschrift ein wertvolles Dokument

für die ländliche Musizierpraxis am Beginn

des 19. Jahrhunderts.

1819 unterstützte Erzherzog Johann die von der

Gesellschaft der Musikfreunde in Wien unter

Joseph Sonnleithner (1776–1835) österreichweit

durchgeführte Volksliedsammlung.(5) Zeitgleich

sandte er neuerlich eine eigene „Einladung an

Schullehrer und Musikfreunde“, worin es hieß: „Es

sollen alle Lieder, geistlichen oder weltlichen Inhalts,

als Kirchenlieder, Weihnachts-, Leichen- und

Hochzeitsgesänge, Spottgedichte, Gsetzln, Gstanzeln

in deutscher oder windischer Sprache mit ihrer

Singweise – auch alle Tänze älterer und neuerer

Zeit, Märsche, Tafelstücke u. s. w. – aufgeschrieben

werden. […] Sie sollen ja nichts für zu gering oder

unbedeutend oder anstößig halten, da es sich hier

alles zu besitzen handelt.“(6) Dieser Sammelaufruf

war nun auch mit einer „Preisverteilung“ verbunden.

Im Dezember 1840 veranstaltete der Erzherzog im

Rahmen einer Feier für die Landwirtschaftsgesellschaft

einen „Volksmusik-Wettbewerb“, der wiederum

die Bedeutung des Sammelns bewusst machen

sollte. Ein Verzeichnis listet die aus vielen Teilen

der Steiermark stammenden TeilnehmerInnen auf,

darunter SängerInnen und MusikantInnen aus

Aussee, Rottenmann, Gröbming, St. Lambrecht,

Unzmarkt, Bruck, Graz, Judenburg, Stainz und dem

heute zu Slowenien gehörenden Obernburg/Gornji

Grad.(7)


Mehr oder minder bedeutende Komponisten widmeten

dem Erzherzog Stücke wie die „Alpen-

Klänge“ (Josef Gungl) oder die „Erzherzog Johann!

Marsch-Polka“ (Theodor F. Schild), die heute allerdings

weitgehend in Vergessenheit geraten sind.

Im Gegensatz dazu werden einige der so genannten

Erzherzog-Johann-Lieder(8) – einst Zeichen seiner

Beliebtheit bei den einfachen Menschen – auch

heute noch gerne gesungen, allen voran das berühmte

„Wo i geh und steh“. Der Text dieser „Älplerballade“

wurde 1830 vom Beamten und Mundartdichter

Anton Schosser (1801–1849) in Schärding

verfasst und 1849 unter dem Titel „’s Hoamweh“ in

seinen Naturbildern aus dem Leben der Gebirgsbewohner

abgedruckt; die Melodie dazu dürfte aus

Tirol stammen. In seiner späteren Version mit dem

kunstvollen Bravourjodler, der wiederum auf ein

Wiener Flugblattlied zurückgehen könnte,(9) ist

dieses Lied heute vielleicht sogar die heimliche

steirische Landeshymne. Vielen SängerInnen sind

aber auch einfachere Volkslieder wie das auf den

vom Erzherzog erworbenen Brandhof am Seeberg

gedichtete „Von der Steiermårk san ma außer“(10)

bekannt, die oft das vom Prinzen geliebte Jagen

und/oder die Natur thematisieren.

Die bürgerliche Kunstmusik

Erzherzog Johann bemühte sich aber auch um die

damals aufstrebende bürgerliche Kunstmusik. So

übernahm er 1819 das Protektorat des erst einige

Jahre zuvor ins Leben gerufenen „Musikvereins

von Steyermark“ und meinte dazu scherzhaft:

„Wenn es nach dem Sprichworte gehet, welches

sagt, wem Gott das Amt giebt, dem giebt er den

Verstand, so werde ich noch ein gewaltiger Virtuos

werden, und wenn nicht auf irgend einem ausgezeichneten

Instrument, doch vielleicht auf der

Maultrommel oder dem Hackbrettel.“(11) Womit

wir wieder bei der Volksmusik gelandet wären.

Eva Maria Hois

(1) Zitiert nach Hans Magenschab: Erzherzog

Johann. Bauer – Bürger – Visionär,

Graz 2008, S. 22.

(2) Zitiert nach Inge Friedl und Karl Friedl:

Der erste Tourist. Mit Erzherzog Johann

durch die Steiermark, Graz 2003, S. 128.

(3) Zitiert nach Inge Friedl und Karl Friedl:

Der erste Tourist, S. 128.

(4) Viktor von Geramb: Die Knaffl-Hand-

schrift, eine obersteirische Volkskunde

aus dem Jahre 1813 (= Quellen zur

Deutschen Volkskunde 2), Berlin 1928.

(5) Vgl. Klaus Petermayr: Lieder und Tänze

um 1800 im Hausruckviertel aus der

Sonnleithner-Sammlung der Gesellschaft

der Musikfreunde in Wien, redigiert und

ergänzt von Walter Deutsch und Eva Maria

Hois (= Corpus Musicae Popularis Austriacae

18), Wien – Köln – Weimar 2006,

S. 11–26.

(6) Zitiert nach Hannes Lambauer: Kommentar

zum „Titelblatt zur Volksliedersammlung

Erzherzog Johanns“. In: Helfried

Valentinitsch (Hg.): Steiermark Archiv:

Wissenschaft, Literatur und Musik,

1995 ff., STA 0350.

(7) Vgl. Viktor v. Geramb: Erzherzog Johanns

Verdienste um das Volkslied. In: Das deut-

sche Volkslied 18, Wien 1916, S. 120.

(8) Helmut Brenner: Gehundsteh Herzsoweh.

Erzherzog-Johann-Liedtraditionen vor, in,

neben und nach „Wo i geh und steh“,

Mürzzuschlag 1996.

(9) Gertraud Pressler: (Rez.) Helmut Brenner:

Gehundsteh Herzsoweh. In: Michael Weber

und Thomas Hochradner (Hg.): Identität

und Differenz. Beiträge zur vergleichenden

und systematischen Musikwissenschaft

(= Musicologica Austriaca 17),

Wien 1998, S. 220–226.

Titelblatt der

Erzherzog-Johann-

Sammlung von

J. N. Geiger,

Volkskundemuseum.

(10) „Der Brandhof“ wurde bereits 1833

mit drei Strophen in einer oberbayrischen

Handschrift notiert.

Franz Blümel veröffentlichte eine Variante

in Steirerlieder, Graz 1889, S. 13, Rudolf

Schwarz und Emil Seidel publizierten ihn

in Steirische Volkslieder, Graz – Wien

1981, S. 22.

Im Steirischen Volksliedarchiv gibt es eine

Niederschrift (um 1910) von Johann Gollob

(1850–1923) aus Ingering im Bezirk Knit-

telfeld (StVLA Mappe 398).

(11) Zitiert nach Hannes Lambauer: Die Anfän-

ge des Musikvereins für Steiermark. In:

Grete Klingenstein (Hg.): Erzherzog Johann

von Österreich. Beiträge zur Geschichte

seiner Zeit. Katalog zur Landesausstellung

8. Mai bis 31. Oktober 1982, Schloß Stainz,

Graz 1982, S. 271.

1-2/09 steirische berichte 43


wissenschaft.

kunst.

kultur.

Außenansicht

der Steiermärkischen

Landesbibliothek.

Fo t o: sc h e L L n e g g e r

44

steirische berichte 1-2 /09

Die Steiermärkische

Landesbibliothek Rückblick und Ausblick

Als am 26. November 1811 die von Erzherzog

Johann am 16. Juli desselben Jahres unterfertigte

Stiftungsurkunde für das „Innerösterreichische

Nationalmuseum“, das bald darauf nach seinem

Gründer „Joanneum“ genannt werden sollte, im

Rahmen eines feierlichen Aktes an die steirischen

Stände im Landtag überreicht und damit der

Grundstein für die erfolgreiche Entwicklung der

technisch-naturwissenschaftlichen Bildungsstätte

gelegt wurde, kamen nicht nur seine umfangreichen

Sammlungen, sondern auch ein Großteil

seiner privaten Bibliothek in den Besitz des Landes.

So konnte noch vor Beginn der Lehrtätigkeit zu

Jahresanfang 1812 die „Lese-Anstalt“ Joanneum

ihren Betrieb eröffnen.

Die Buchbestände, die schon in den folgenden Jahren

durch zahlreiche umfangreiche Schenkungen

meist adeliger Gönner, wie etwa der Grafen Egger,

Brigido und Saurau, und ständige weitere

Zuwendungen durch den Erzherzog selbst einen

beträchtlichen Umfang annahmen, waren von

Anfang an nicht nur auf die Unterstützung des

Lehrbetriebes, sondern auch auf alle geistes- und

kulturwissenschaftlichen Bereiche ausgerichtet.

Die Joanneums-Bibliothek sollte sich entsprechend

den Statuten „nicht lediglich auf das unmittelbare

Bedürfnis der Lehranstalt einschränken, sondern …,

da sie als eine der wichtigsten Quellen der Belehrung,

des Unterrichtes und der Bildung überhaupt

anzusehen ist, sich auch auf andere Gegenstände

erstrecken, wenn sie nur nicht gänzlich außer dem

Wirkungskreis des Institutes liegen“. Betrug die Zahl

der aufliegenden Journale 1812 noch 35, konnten

1844 bereits 207 Titel eingesehen werden.

Besonders bemerkenswert ist der Umstand, dass

trotz der rigorosen Zensur während der Metternich-

Ära 16 verbotene ausländische Zeitungen aufgelegt

werden konnten. Der 1819 genehmigte „Leseverein

am Joanneum“, der durch seinen hohen Mitgliedsbeitrag

und durch die große Zahl seiner Mitglieder

erheblich zur Popularität und zur Bestandsvermehrung

beitragen konnte, festigte bis zu seiner

Auflösung 1871 die Verankerung der Bibliothek

im Bewusstsein der bildungsbeflissenen Kreise der

Bevölkerung des Landes, so dass auch die Verselbständigung

der Montanistischen Lehranstalt 1840

und der Technischen Hochschule 1864/65, die zunächst

zu einer existenziellen Krise der Bibliothek

geführt hatte, letztlich zur Identitätsfindung und

weitreichenden Absicherung des Institutes beitrug.

Der 1825/26 erfolgte Anbau an der Südseite des

Lesliehofes wurde abgetragen; am 26. November

1893 konnte der nach den Plänen von August

Gunolt errichtete Neubau eröffnet werden, der

sich von Anfang an als zu klein und wenig zweckmäßig

erwies.

Zeitgemäßes Ambiente in Sicht

Der 1948 unter der Direktion von Julius Franz

Schütz herausgegebene Führer der Landesbibliothek

vermerkt lapidar, dass das Bibliotheksgebäude

„in den letzten Jahren so unzureichend geworden

(ist), dass ein Neubau oder eine Erweiterung immer

dringender nötig wird“. Mehr als sechzig Jahre

danach steht die Steiermärkische Landesbibliothek

nun vor der Realisierung dieses Projektes, das

allein im Hinblick auf die Bestandszahlen jeder

allfälligen Kritik trotzen kann: 1827 wies die Bibliothek

20.000 Bände auf, um 1900 etwa 145.000,

1937 etwa 300.000, und gegenwärtig sind es mehr

als 700.000, gelagert im bestehenden Gebäude sowie

in mehreren Außendepots. Als wissenschaftliche

Bibliothek, als eine den Bedürfnissen aller Bevölkerungsschichten

gerecht werdende öffentliche

Bibliothek, als Behördenbibliothek und vor allem

als Bewahrerin steirischen Schrifttums wird sie

nach Fertigstellung des das gesamte Joannneumsviertel

umfassenden Projektes endlich wieder in

einem zeitgemäßen Ambiente den Erfordernissen

eines modernen Bibliotheksbetriebes und dem

joanneischen Bildungsauftrag gerecht werden

können.

Christoph H. Binder


Im gemeinsamen Interesse

handeln

Gestern wie heute Herausforderung, Chance und Bereicherung

In Zeiten schrumpfender Budgets zur Förderung

öffentlicher Anliegen hat die Europäische Kommission

die finanziellen Mittel zur Förderung grenzüberschreitender

Programme erneut erhöht. Wie sie

dies seit Beginn dieser Förderprogramme tut und

wie sie, wenn man dem derzeitigen Planungsstand

trauen kann, das auch für die Zukunft beabsichtigt.

Mit gutem Grund. Denn diese Programme zur Stärkung

der bilateralen und transnationalen Zusammenarbeit

sind ein Beitrag zu einem der grundlegendsten

Ziele der europäischen Union. Sie sind ein

Beitrag zur nachhaltigen Friedenserhaltung. Sie

ermöglichen allen Beteiligten, deren interkulturelle

Kompetenz zu entwickeln, zu schulen und zu leben.

Denn wir werden uns in Zukunft mit zwei auf den

ersten Blick gegensätzlichen Trends auseinander

setzen müssen.

Auf der einen Seite wird die Globalisierung das

Eigenkulturelle in jedem von uns ansprechen

bzw. verstärken. Wir werden uns stärker mit einer

Gruppe identifizieren und deren kulturelle Eigenheiten

pflegen und leben. Denn dies stärkt unser

Zugehörigkeitsgefühl und gibt uns Sicherheit

und Gelassenheit. Auf der anderen Seite werden

wir herausgefordert, uns mit Mitgliedern anderer

Gruppen auseinander zu setzen und darüber hinaus

mit diesen erfolgreich zusammen zu arbeiten und

zu leben. Dazu müssen wir diese Herausforderung

als Chance, als Bereicherung sehen. Mit interkulturellem

Verständnis und entsprechender Handlungskompetenz

kann uns dies gelingen.

Interkulturelle

Handlungskompetenz

Was ist nun interkulturelle Handlungskompetenz?

Es ist die Fähigkeit, mit Menschen anderer Kulturkreise

erfolgreich zu kommunizieren und zu interagieren.

Die Basis bildet das Kennen der eigenen

Kultur und ein gesundes Maß an Selbstsicherheit

und emotionaler Stabilität. Damit im Gleichgewicht

sollten aber auch Kenntnisse und Erfahrungen

betreffend andere Kulturen, die Fähigkeit, sich in

andere zu versetzen, Offenheit und Interesse für

das Andere und die Bereitschaft im gemeinsamen

Interesse zu handeln, stehen.

Genau diese Fähigkeiten erwerben alle, die an

grenzüberschreitenden Projekten arbeiten. Sie

verstehen sehr bald, dass die gemeinsamen wirt-

schaftlichen und sozialen Ziele

nur dann erreichbar sind, wenn

die Projekte im gemeinsamen

Interesse und im guten Einvernehmen

umgesetzt werden. Und

sie lernen praktisch, dass wir an

der Grenze zwischen Österreich

und Slowenien zwar eine durch

viele Jahrhunderte hindurch

gemeinsame Geschichte haben,

dass aber der Blick zurück sehr

unterschiedlich sein kann. Zum

Teil durch kollektive Wahrnehmung

und zum Teil durch

individuelle Erfahrung der

Geschichte. Dass wir zwei Sprachen

haben, die uns trennen,

dass aber gerade Slowenien sich

der Bedeutung der Mehrsprachigkeit

sehr bewusst ist und

diese in der formalen Bildung

eine große Rolle spielt. Dass

die Geschäftsgepflogenheiten (wie man jemanden

anredet, wie weit im Voraus Termine vereinbart

werden, kommuniziert man per E-Mail oder Post

usw.) zum Teil sehr unterschiedlich sind, dass man

sie aber mit gutem Willen und vor allem Offenheit

und Dialog überwinden kann. Und sie lernen vor

allem, dass der Aufbau persönlicher Beziehungen

den nachhaltigsten Erfolg und den größtmöglichen

Nutzen bringt.

Grenzüberschreitende

Zusammenarbeit

Die Programme zur Förderung der grenzüberschreitenden

Zusammenarbeit zwischen Österreich und

Slowenien gibt es seit mehreren Jahren. Sie haben

den Menschen, die sich daran beteiligen, die Gelegenheit

gegeben – und werden dies auch in Zukunft

tun –, ihre Nachbarn und deren Lebensweise kennen

zu lernen, sie haben zu einer schnelleren und

intensiveren Öffnung der Grenze und zum Aufbau

wirtschaftlicher Beziehungen beigetragen. Und so

kommen wir wieder zur Mission der Friedenserhaltung

zurück. Menschen, die man kennt, schenkt

man leichter Vertrauen.

Sabina Cimerman

grenzenlos.

Menschen,

die man kennt,

schenkt man leichter

Vertrauen.

Fo t o: K K

1-2/09 steirische berichte 45


grenzenlos.

Bild links:

Unterwegs mit

Erzherzog Johann

durch das

Weinland Steiermark

und Slowenien.

Bild rechts:

Das Haus zur

alten Rebe am Lend

in Maribor mit

neuen Vinothek.

Fo t o s:

er z h e r zo g Jo h a n n

we i n & Ku Lt u r r e i s e

46

steirische berichte 1-2 /09

Erzherzog Johann

Wein & Kulturreise

Auf den Spuren des Erzherzog Johann von Stainz nach Maribor

Im Erzherzog Johann Gedenkjahr 2009 bietet

das Weinland Steiermark seinen Gästen eine

Spurensuche.

Gemeinsam mit dem Tourismusverband Maribor

führt man – entlang von steilen Weingärten und

durch Hopfenäcker – auf eine Reise durch die

Weinbauorte und damit auch durch die Geschichte

des Weinbaus in der Steiermark und in Slowenien.

Wir starten in Stainz (Schloss Stainz mit Jagdmuseum

und Sonderausstellung Erzherzog Johann

oder Besuch bei den Traditionswinzern) im Weinbaugebiet

Weststeiermark und lassen uns auf

unserer Reise durch ein Stück weinbäuerliche Kultur

führen. Wie damals zu Zeiten des Erzherzogs –

ohne Grenzen auf der Suche nach Traditionen und

besonderen Menschen.

Auf der Reise Richtung Süden machen wir Halt in

Kitzeck im Sausal. Im Weinbaumuseum vor Ort

wird vor allem die weinbäuerliche Lebens- und

Wohnkultur längst vergangener Tage anschaulich

präsentiert.

Ein Wein, der den Namen „Steirische Hoheit“ trägt,

zeugt in Kitzeck von großer Hochachtung, zumal

ja immer nur der beste Wein des Jahrganges unter

Steirischer Hoheit auf den Markt kommt.

Die Spurensuche führt uns weiter an die Südsteirische

Weinstraße. Hopfenanbau in Leutschach, ein

Weinmuseum im Schloss Gamlitz, welches viele

Fragen zum Thema Erzherzog Johann und den

Weinbau in der Steiermark beantworten wird, und

die Erzherzog Johann Weine in Ehrenhausen sind

hier unsere Stationen. Immer begleitet von bezaubernden

Landschaften, ausgezeichneten Weinen und

kulinarischen Besonderheiten (z. B. Gerichte aus

dem Anna Plochl Kochbuch in Abels Wirtshaus).

Kultur und Kulinarik hier und dort

Über Spielfeld begeben wir uns ins Pößnitztal, wo

wir zum Beispiel beim Gasthaus Siker einkehren.

Das Gebäude wurde 1870 errichtet, im eigenen

Museum kann man ländliche Transportmittel und

bäuerliche Arbeitsgeräte besichtigen.

Nun geht es weiter nach Maribor. Die Stadt ist von

Weingärten umgeben wie selten eine Hauptstadt

und liegt direkt an der Drau. Das Haus zur alten

Rebe am Lend mit der neuen Vinothek gehört zu

den „musts“ bei der Weinkulturreise. Ebenso wie

ein Besuch des Regionalmuseums.

Unser nächstes Ziel ist das, von Erzherzog Johann

1822 gekaufte, Gut in Meranovo, wo er ein Musterweingut

errichten ließ, welches nachhaltigen

Einfluss auf den steirischen Weinbau hatte.

Auf dem Anwesen steht das schöne ehemalige

Wohnhaus mit Weinkeller.

Erzherzog Johann ist es zu verdanken, dass wir

heute einerseits auf eine Vielzahl an schriftlichen

Aufzeichnungen zum Thema Weinbau aus seiner

Zeit zurückgreifen können, andererseits aber auch

durch seine Aktivitäten wie zum Beispiel die

Errichtung einer Rebschule auf eine besondere

Weinbautradition zurückblicken können.

Zurück in die Steiermark über Svecina – zum

Beispiel um die Weinbauern Gaube, Kuster und

Valdhuber zu besuchen, oder ein Abstecher nach

Sveti Urban – um die Aussicht zu genießen, die

auch den Erzherzog damals „Wunschlos glücklich

in einem verzauberten Land“ sein ließ …

www.weinkulturreise.at

Claudia Pronegg-Uhl


Gradec–Marburg

71,8 Kilometer oder 61 Minuten Zugfahrt: Diese

Kleinigkeit trennt Graz und Maribor, und dennoch

scheint die gefühlte Distanz ein Vielfaches zu

betragen. Dabei bilden die beiden Städte eine der

am schnellsten wachsenden Regionen an der ehemaligen

Ost-West-Grenze Europas. Vorstöße, diese

Distanz zu verringern, gab es in der Vergangenheit

bereits zuhauf. 1987 unterzeichneten der damalige

Grazer Bürgermeister Alfred Stingl und der Präsident

der Bürgerversammlung von Maribor, Emil

Tomazic, eine Städtepartnerschaftsurkunde mit

dem Ziel, die freundschaftlichen Beziehungen

zwischen den BürgerInnen beider Städte nicht

nur zu erhalten, sondern weiter zu vertiefen. Mit

der 2001 gegründeten Europa-Region (Euregio)

Graz-Maribor setzte man einen weiteren Schritt

in der Zusammenarbeit. Entwicklungshemmnisse

auf beiden Seiten sollten abgebaut, Netzwerke von

Beziehungen zwischen den Gemeinden, der Wirtschaft,

den BürgerInnen, Vereinen und Verbänden

aufgebaut werden.

Und die Technologieachse, die sich in den letzten

Jahren zu einer Dachmarke für technologieorientierte

Kooperationen entwickelt hat, zeigt vor allem

die wirtschaftlichen Chancen auf, die eine grenzüberschreitende

Verbindung mit sich bringt.

Im Hinblick auf das bevorstehende Kulturhauptstadtjahr

Maribor 2012 gibt es nun endlich auch

auf kultureller Ebene eine neue Initiative: Mit

Gradec – Marburg möchte Joanneum-Intendant

Peter Pakesch in Kooperation mit dem Haus der

Architektur Graz und der Umetnostna galerija

Maribor unsichtbare Grenzen sprengen und die Dynamik

der grenzüberschreitenden Region anhand

verschiedener Diskussionen aufzeigen. Es geht vor

allem darum, Erfahrungen auszutauschen und

Schnittstelle, Drehscheibe und Wegbereiter für die

Zusammenarbeit zwischen steirischen und slowenischen

Kulturinstitutionen zu sein.

Interkultureller Austausch

Dass das Thema des interkulturellen Austausches

auf breites Interesse stößt und viele Menschen

bewegt, bewies die Auftaktveranstaltung Bürger-

meister über die Zukunft der Städte. In einer zum

Bersten gefüllten Umetnostna galerija Maribor –

der eigens für die Veranstaltungsreihe angemietete

Gratis-Shuttlebus von Graz nach Maribor war

binnen eines Tages ausgebucht – untermauerten

die DiskutantInnen Peter Pakesch, die Leiterin der

Umetnostna galerija Maribor, Breda Kolar Sluga,

der Grazer Architekt Klaus Kada, sowie die Bürgermeister

Siegfried Nagl und dessen Marburger

Kollege Franc Kangler das Vorhaben, beide Partnerstädte

„mit Dynamik in die Mitte Europas hineinzuführen“.

Die Veranstaltungsreihe Gradec –

Maribor jedenfalls ist ein weiterer Wegweiser auf

dem Weg zu einer grenzenlosen Kulturlandschaft.

Weitere Termine:

14. 04. 2009, 19:00 Uhr, Kunsthaus Graz

Universitäten/Kunstakademie

12. 05. 2009, 19:00 Uhr,

Umetnostna galerija Maribor

Twin Cities – Metropolitanregion Graz-Maribor

09. 06. 2009, 19:00 Uhr, Kunsthaus Graz

Alternative Szenen und große Institutionen

08. 09. 2009, 19:00 Uhr,

Umetnostna galerija Maribor

Alternative Szenen und große Institutionen

13. 10. 2009, 19:00 Uhr, Kunsthaus Graz

Kulturhauptstadt

10. 11. 2009, 19:00 Uhr, Umetnostna galerija

Maribor

Universitäten

15. 12. 2009, 19:00 Uhr, Kunsthaus Graz

Bürgermeister über die Zukunft der Städte

Für alle Diskussionen, die in der Umetnostna

galerija Maribor stattfinden, steht ein kostenloser

Shuttlebus von Graz nach Maribor bereit. Abfahrt

ist jeweils um 17:00 Uhr vor dem Kunsthaus Graz.

Wir bitten um rechtzeitige Anmeldung.

Kontakt: Tel.: 0316 / 8017 - 9238

grenzenlos.

Foto links: Bgm.

Siegfried Nagl

und dessen

Marburger Kollege

Franc Kangler

zeigen sich

erfreut bei der

Auftaktveranstaltung

in Maribor.

Foto rechts: Breda

Kolar Sluga (links),

Peter Pakesch

und Fabian

Wallmüller (rechts)

präsentieren stolz die

Veranstaltungsreihe

Gradec-Marburg.

Fo t o s: Lu n g h a m m e r

su J e t: Lan d e s m u s e u m

Jo a n n e u m

1-2/09 steirische berichte 47


grenzenlos.

Florenz Fo t o: sh u t t e r s t o c K

20. Jänner 1782

Johann kommt in Florenz zur Welt.

Sein Vater ist Großherzog in der

Toskana, wo er als volksnaher, aufgeklärter

Fürst regiert. Seine Mutter ist

die spanische Infantin Maria Ludovika.

Er verlebt seine frühe Kindheit im

mächtigen Palazzo Pitti.

14. Juli 1789

In Paris bricht die Französische Revolution

aus. Sie rüttelt an der Herrschaft

der großen Fürsten. Aus Untertanen

sollen freie Bürger werden. In Europa

beginnt eine lange Periode von Unruhe

und Krieg.

48

steirische berichte 1-2 /09

Was geschah jenseits der

steirischen Grenzen?

Im folgenden Kalender soll in sehr gedrängter Form an Personen und Ereignisse jenseits der steirischen Grenzen erinnert

werden, die für die Beurteilung Erzherzog Johanns, seiner Persönlichkeit und seines Wirkens von Bedeutung sind.

1790

In Wien stirbt Kaiser Josef II., Johanns

Vater wird als Leopold II. römischdeutscher

Kaiser. Der achtjährige

Johann kommt an den Hof in Wien.

1792

Johanns Vater und Mutter sterben.

Sein ältester Bruder Franz wird Kaiser

und ist für die Erziehung des zehnjährigen

Waisenkindes zuständig. Die

glückliche Zeit von Johanns Kindheit

ist vorbei.

1793

Die Revolution in Paris radikalisiert

sich. König Ludwig XVI. wird enthauptet.

Auch die Königin Marie Antoinette,

Johanns Tante, endet vor der Volksmenge

unter der Guillotine.

Ab den neunziger Jahren gibt es Krieg

zwischen Frankreich und europäischen

Koalitionen. Ein junger General steigt wie

ein Meteor auf: Napoleon Bonaparte.

Er stabilisiert in Paris die Revolution

und führt im Namen der neuen Freiheiten

Krieg gegen halb Europa.

1800

Der dynastischen Tradition entsprechend

muss Johann das Kriegshandwerk

lernen, das er wenig liebt.

Als junger Erzherzog wird er gegen

eine französische Armee in den

Kampf geschickt. Seine Truppen

werden in einer blutigen Schlacht bei

Hohenlinden, östlich von München,

geschlagen.

1804

Napoleon krönt sich in Paris zum

Kaiser der Franzosen. Johanns

Bruder Kaiser Franz II. begründet das

österreichische Kaisertum.

1806

Franz II. legt in Wien die deutsche

Kaiserkrone nieder und bleibt

als Franz I. Kaiser von Österreich.

Bild: Die Krönung Napoleons in Notre Dame (1804), Gemälde von Jacques-Louis David


1809

Österreich schließt nach einem verlorenen

Krieg Frieden mit Frankreich.

Johann sympathisiert jedoch mit Tirol,

das sich gegen die Franzosen und ihre

bayrischen Vasallen, die dieses Land

besetzt halten, erhebt. Johann unterstützt

den Aufstand, der nach anfänglichen

Erfolgen zusammenbricht und

mit der Hinrichtung Andreas Hofers in

Mantua endet.

1809–1814

Territorien in Kärnten, im heutigen

Slowenien, in Kroatien und Italien bis

nach Triest werden als Illyrische Provinzen

Teil des Französischen Empire.

Fünf Jahre lang grenzt die Steiermark

direkt an Frankreich.

1810

Napoleon ist mehr oder weniger Herr

über den Europäischen Kontinent.

In Wien verbietet der Kaiser seinem

Bruder Johann, das geliebte Land Tirol

zu betreten, um nicht neue Schwierigkeiten

mit Napoleon zu bekommen.

Ein Glück für die SteiermarkJohann

wendet ihr sein Interesse zu. Im Zug

einer politischen Annäherung

zwischen Wien und Paris heiratet

Napoleon Johanns Nichte, Marie Louise

von Österreich, Tochter des Kaisers.

1811

Erzherzog Johann stiftet seine Sammlungen

den Steirischen Landständen.

Das ist der Gründungsakt des Joanneums

als einer Stätte von Wissenschaft

und Forschung, die sich später in mehrere

Richtungen verzweigt. Er beginnt

sein Aufbauwerk in der Steiermark im

Sinne von Vorbildern in Frankreich

und in England. Es geht um neue Bildung,

neue Technik, neue Wirtschaft.

1812

Es gibt wieder Krieg. Napoleon ist der

erste europäische Politiker, der an der

Illusion, Russland militärisch besiegen

und erobern zu können, scheitert. Sein

Stern beginnt zu sinken und geht

schließlich in der Verbannung auf

St. Helena unter.

Fürst Metternich

1815

Der Wiener Kongress beendet ein

Vierteljahrhundert von Kriegen und

Konflikten in Europa. Die Dynastien

können aufatmen, wenngleich die

Ideen der französischen und englischen

Aufklärer weiterwirken. Johann

folgt diesen Visionen nicht politisch,

wohl aber ist er vom neuen Ideal des

Fortschritts überzeugt: „Unaufhörliches

Fortschreiten ist das Ziel des

Einzelnen, jedes Staatsvereins, der

Menschheit.“

Jahrzehntelang leistet Johann in der

Steiermark Großes als Gründer eines

für seine Zeit modernen Landes. Er holt

sich Informationen in weiten Reisen,

besonders aus dem England der frühen

Industriellen Revolution.

Metternichs Polizei beobachtet misstrauisch

Johanns Wirken. Er bleibt

jedoch loyal und gehorsam gegenüber

seinem kaiserlichen Bruder, später auch

gegenüber seinem Großneffen, Kaiser

Franz Joseph. Er ist der Katholischen

Kirche verbunden. Zugleich wird sein

Wirken aus zwei großen Zeitströmungen

verständlich: einerseits aus der

Vernunft der Aufklärung, andererseits

haben seine Liebe zur Natur und seine

Zuneigung zum einfachen Volk auch

ihre Wurzeln in Rousseaus „Zurück zur

Natur“ und in der Romantik.

1848

Wieder bricht in Paris eine Revolution

aus, die auf Europa, auch auf Wien

übergreift. Politische Kräfte in Deutschland

hoffen nach dem Vorbild der

französischen Nation auf ein einiges

Deutsches Reich. Eine Nationalver-

grenzenlos.

3 Fo t o s: K K

sammlung wählt in Frankfurt Erzherzog

Johann in Abwesenheit zum

Reichsverweser, das heißt zum vorläufigen

Inhaber der Zentralgewalt in der

Erwartung, dass sich unter seinem

Vorsitz deutsche Einheit konstituieren

möge. Ein unlösbares Vorhaben

angesichts der auseinanderstrebenden

Interessen Preußens, anderer deutscher

Fürstentümer und des Vielvölkerreiches

der Habsburger, mit dem Hintergrund

sozialer Spannungen zwischen Aristokratie,

Bürgertum, Bauernstand und

aufsteigender Arbeiterschaft.

1849

In die Steiermark heimgekehrt, wirkt

Johann weiter in seinem Land und ist

sich nicht zu schade, auch als gewählter

Bürgermeister in Stainz für das lokale

Gemeinwesen zu wirken.

11. Mai 1859

Erzherzog Johann stirbt in Graz in dem

von ihm errichteten Palais Meran.

Das Mausoleum des Erzherzogs in Schenna,

Südtirol

1869

Heimkehr in seine frühe Liebe Tirol.

Überführung aus dem Mausoleum Graz

zur Grabstätte in Schenna bei Meran.

Kurt Jungwirth

1-2/09 steirische berichte 49


grenzenlos.

Kreidezeichnung

von Placidus Altmutter

(1780–1819) Fo t o: K K

Rechts: Andreas-

Hofer-Gedenktafel

von 1909 am

Goldenen Adler

in Innsbruck.

50

Fo t o: Ja r i t z

steirische berichte 1-2 /09

Andreas Hofer

Junge Stimmen zum

„Freiheitshelden“ der Tiroler

Vor bald 200 Jahren, am 20. Februar 1810, starb

Andreas Hofer, der Wirt am Sand aus Passeier. Er

wurde auf Befehl Napoleons zum Tode verurteilt

und in der Festung zu Mantua erschossen. Damit

wurde ein endgültiger Schlussstrich unter die

Aufstandsversuche der Tiroler gegen die napoleonisch-bayrische

Fremdherrschaft gezogen. Für

Jahre versank das Land in Depression und Armut.

Der 14jährige Tobias aus der Mittelschule St. Leonhard

in Passeier, dem Heimatort Hofers, schreibt:

Wir, als Passeierer sollten ihn nicht vergessen, er

ist unser Denkmal.

Inspiriert durch die beginnenden offiziellen Feierlichkeiten

zum 200jährigen Gedenkjahr an die

Freiheitskämpfe der Tiroler widerspiegelt diese

Aussage die Meinung vieler Jugendlicher. Keine

andere historische Persönlichkeit im Lande ist

ihnen mit seinem Namen und Aussehen so vertraut

wie der Sandwirt Andre Hofer.

Er war und ist der Inbegriff für die männliche

Tapferkeit, die bereit ist, auch in den Tod zu gehen,

aber auch für die unkritische, gottesfürchtige, loyale

Ergebenheit seinem „angestammten“ Kaiserhaus

Österreich gegenüber. Dieser Wert der Treue der

politischen und religiösen Institutionen gegenüber

ließ Hofer für die Tiroler Nation bis heute

unsterblich werden.

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde

besonders dieser Wert herangezogen, um Hofer mit

einem glorifizierenden Mythos zu umgeben, der ihn

zum „wahren Tiroler“ hochstilisiert.

Im Gedenken an sein schicksalhaftes Leben verfehlt

er bis heute nicht seine Wirkung. Die Gefahr

der Vereinnahmung durch parteipolitisches, rechtsorientiertes,

populistisches Gedankengut ist heute

wieder sehr groß.

Besonders männliche Jugendliche auf der Suche

nach verbindender Gemeinschaft erliegen ihr leicht,

denn das „gemeinsame harte Schicksal“ – für welches

„unser Hofer“ steht – schweißt zusammen.

So zeigt sich unter den Jugendlichen ein indifferentes

Bild über den Helden. Das historische

Faktenwissen ist sehr oberflächlich und beschränkt

sich oft auf verzerrende, unreflektierte Episoden

aus Hofers Leben.

Verrat Hofers

Eine besondere emotionale Betroffenheit löst auch

bei den Jugendlichen der Verrat Hofers durch einen

„unguten“ Landsmann aus. Die Gestalt des Verräters

Franz Raffl ist historisch belegt, wurde aber in besonders

moralisierender Weise in einen religiösen

Kontext gebracht. Dabei war die mentale Nähe

Hofers zur Jesusgestalt beabsichtigt. Die Betroffenheit

über dieses verwerfliche Tun verfehlt auch

heute nicht ihre erzieherische Wirkung.

Die Gefahr einer unreflektierten Zuordnung zu Gut

und Böse, wobei Hofer das unerreichbare und

makellos Gute versinnbildlicht, ist groß. Dadurch

wurden der einhaltlosen Mystifizierung keine

Grenzen gesetzt. Deshalb ist es heute an der Zeit,

ein objektives, historisches Bild von Hofer, seinen

Mitstreitern und seiner Zeit zu vermitteln.

Im Heimattal Hofers ist die Ahnung über seinen

Charakter und seine Beweggründe lebendig und

nachvollziehbar, weshalb es wie ein gutes Omen

anmutet, dass hier die wissenschaftlichen Impulse

mit der neu gestalteten Dauerausstellung „Helden&

Hofer“ im Museum Passeier aufgegriffen und

umgesetzt werden. Die Ausstellungseröffnung fand

am 21. Februar 2009 statt.

Ein objektiveres Geschichtsbild in Bezug auf das

Jahr 1809 und seinen „Helden“ tut Not, um ihm nach

200 Jahren Verzerrung die ihm gebührende objektive,

persönliche Erinnerung zukommen zu lassen.

So kann auch bei den Jugendlichen wieder Interesse

an seiner Person und seiner Zeit geweckt werden.

Die 13jährige Sandra meint: Ich finde es schön, dass

zum 200jährigen Jubiläum so viel von ihm geredet

wird, obwohl es mich nicht so viel interessiert. Aber

vergessen sollte man ihn nicht. In der Schule soll

man schon etwas von ihm gelernt bekommen.


Glorifizierendes Bild

Das unwirkliche, glorifizierende Bild Hofers trug in

den letzten Jahrzehnten in intellektuellen Kreisen

und auch in der Schule dazu bei, ihn durch Verdrängen

zu vergessen. Der aufdringliche Anachronismus

rief nicht selten eine abweisende, peinliche Beschämung

hervor.

So verlor sich auch das Wissen um Hofers 41 Lebensjahre

vor dem Aufstandsjahr 1809, welches

ohnehin nur spärlich historisch belegbar ist. Einen

wichtigen Beitrag dazu wird die vom jungen Historiker

Andreas Oberhofer verfasste Biografie leisten.

Damit kann allmählich auch im Geschichteunterricht

ein Umdenken zu Gunsten unseres „armen

Helden“ geschehen.

Denn ob wir es wollen oder nicht, Hofer bleibt eine

höchst politische Identifikationsfigur im Lande, die

auch weiterhin zur trennenden Polarisation der

Gesellschaft im dreisprachigen Südtirol oder zum

gemeinschaftlichen Verständnis der sozialen, wirtschaftlichen

und politischen Beweggründe aller

Beteiligten der damaligen Zeit, wie auch heute,

beitragen kann.

Wissen schafft Interesse bei den Jugendlichen, und

so glaubt auch Lisa: Wenn ich vielleicht mehr wüsste,

einen Film gesehen oder Bücher gelesen hätte,

würde mich sein Leben mehr interessieren!

Hofer war 1767 am Sandhof geboren worden, verlor

früh seine Mutter und den Vater, lernte leidlich lesen

und schreiben und übernahm, nachdem er Anna

Ladurner aus Algund geheiratet hatte, als einziger

Sohn das Wirtshaus am Sand. Zuvor hatte er, wie

in Bürgersfamilien in Tirol üblich, einige Jahre als

Lehrjunge am italienischen Nonsberg verbracht

und lernte dabei die italienische Umgangssprache

und Sitten. Dieses Wissen kam Hofer als Wein- und

Viehhändler, der rastlos viel im ganzen Lande unterwegs

war, sehr zugute.

Dieses historisch-biografische Wissen, von den

Italienischlehrerinnen aufgegriffen und in den

Unterricht eingebaut, blieb bei den Jugendlichen in

lebendiger Erinnerung. Es widerspiegelt eine realwirtschaftliche,

soziale Offenheit unseres „Helden“,

welche ihm im Hinblick auf seine deutschnationale

Vereinnahmung nicht zugestanden worden wäre.

Es kann einen kleinen Beitrag zu einer etwas gelösteren

Haltung vieler Jugendlicher im Erlernen der

zweiten Landessprache leisten.

Hofer, Vater von fünf Kindern, war ein leutseliger

und gottesfürchtiger Mann mit einem imposanten

Äußeren, der es mit seinem charismatischen Wesen

verstand, seine Landsleute zu begeistern. Er bekam

mit ihnen den wirtschaftlich-politischen Niedergang

des Landes in der bayrischen Verwaltungszeit

zu spüren. Wagemutig, und auf die Hilfe des österreichischen

Kaisers vertrauend, ließ er sich von

den schwärmerischen Ideen des Freiheitskampfes

für sein Land Tirol begeistern. Durch den jungen

Erzherzog Johann an ihn herangetragen, wurde er

zu dessen politischem Instrument. Er war der führende

Kopf, der die Aufstandspläne im Geheimen

unter die Leute brachte, der die Tiroler Schützen

als ernannter Oberkommandant in die Schlachten

führte und der für zwei Monate die Landesregentschaft

in der Innsbrucker Hofburg übernahm.

Er war eine gute und überzeugende Wahl für das

Land gewesen. Mit seinem einfachen

und ehrlichen Wesen verkannte er

im Herbst des Jahres 1809 nun aber

die kriegspolitische Realität Europas,

zumal Tirol darüber durch die österreichische

Regierung in Wien lange

Zeit im Unklaren gelassen wurde

(Friedensschluss vom 14. Oktober in

Schönbrunn).

In seinem Bestreben, es allen recht

machen zu wollen, ließ er sich durch radikale und

starrköpfige Gruppen zu Fehlentscheidungen verleiten.

Im zu späten Erkennen derselben entschied

er, die gottergebene Buße für sein Tun auf sich zu

nehmen und dem Schicksal seinen Lauf zu lassen.

Trotz allem hoffte er bis zum Ende auf eine unwirkliche

Hilfe von seinem Kaiser Franz.

Zuviele Opfer

Nachdem die letzten Kämpfe im Passeiertal blutig zu

Ende gegangen waren und das Tal endgültig mit

französischen Truppen besetzt wurde, floh er bis zu

seiner Verhaftung am 29. Jänner 1810 auf die Pfandler

Alm, nicht weit von seinem Sandhof entfernt.

So hat Hofer dazu beigetragen, die Kampfhandlungen

seiner Tiroler unnötig zu verlängern, wodurch

die Zahl der Toten um ein Vielfaches anstieg.

All zu oft wird auch heute noch diese Endphase des

Aufstandsjahres als tapferer Freiheits- und Verteidigungskampf

der Tiroler dargestellt und die Sinnlosigkeit

jeder kriegerischen Auseinandersetzung

mit dem damit verbundenen menschlichen Elend

nicht wahrgenommen.

Er hat für sein Land gekämpft, deswegen ist er

auch so bekannt, schreibt David. Judith meint:

Ich weiß nicht ganz genau, ob er es war, der das

Herz-Jesu-Feuer erfunden hat, damit Gott ihm

hilft, den Kampf gegen Napoleon zu gewinnen.

Die Zerrbilder seiner Heldengestalt zu hinterfragen,

wird die Aufgabe der Zukunft sein. Damit er zu

einer identitätstiftenden Gestalt für junge Menschen

werden kann und Tobias sagen kann: Ich freue

mich, dass es ihn gegeben hat, damit Passeier auch

einmal bekannt wird.

Monika Mader

Weiterführende Informationen zum Andreas-Hofer-

Gedenkjahr 1809-2009:

www.museum.passeier.it, www.1809-2009.eu

Andreas Hofers

Erschießung am

20. Februar 1810

in Mantua in

Oberitalien,

nachdem er auf

der Pfandleralm in

Südtirol gefangen

genommen

worden war.

Fo t o: K K

grenzenlos.

1-2/09 steirische berichte 51


grenzenlos.

52

steirische berichte 1-2 /09

Der Zufall machte ihn zum

Prinzen der Steirer

Weit über die grüne Mark hinaus weiß man um die Verdienste des Erzherzogs für sein geliebtes Steirerland, doch weniger

bekannt ist der von Zufällen geprägte Weg zu dieser ungewöhnlichen Liebe.

Blick über Florenz,

eine Stadt am Fluss

Arno, die für ihre

Kunst und

Kultur bekannt ist.

Fo t o: K K

Johann Baptist von Habsburg-Lothringen, besser

bekannt als Erzherzog Johann von Österreich oder

als „steirischer Prinz“, erblickte am 20. Jänner 1782

im Palazzo Pitti in Florenz das Licht der Welt. Sein

Vater, der Großherzog Leopold von Toskana, war

ein Sohn Maria Theresias. Maria Ludovica von

Bourbon-Parma, seine Mutter, war die Tochter

König Karls III. von Spanien, und schenkte 16

Kindern das Leben. Johann war das 13. Kind der

beiden. Seinen Namen verdankte Johann dem

Stadtpatron von Florenz, Johannes dem Täufer. Die

Taufpaten waren ein armer Florentiner Bürger und

ein Kapuzinermönch.

Seine Kindheit verbrachte Johann teilweise auf den

Lustschlössern der Familie in der Toskana und im

Palazzo Pitti, unweit der herrlichen Boboli-Gärten.

Somit stellte die Natur schon von Kindesbeinen

an ein wichtiges Element im Leben des späteren

Erzherzogs dar.

Die Jugendjahre des Prinzen

Erst im Alter von fünf Jahren erlernte Johann die

deutsche Sprache, bis dahin sprach er Italienisch

und Französisch. Mit sechs Jahren erhielt er von

unterschiedlichen Personen Unterricht. Neben

Pädagogen übernahmen auch frühere Heeresangehörige

die Erziehung des Prinzen und gaben ihm

Einblicke in naturwissenschaftliche und physikalische

Bereiche.

Mit dem Tod Kaiser Josephs II. übernahm Johanns

Vater Leopold 1790 die Kaiserkrone, und die Familie

musste nach Wien übersiedeln. Bald darauf starben

Johanns Eltern, und der junge Erzherzog lernte die

strenge Schule seines um 14 Jahre älteren Bruders

Franz kennen, der zum deutschen Kaiser gewählt

wurde. Er ließ seine jüngeren Geschwister unterrichten;

Strenge statt Zuwendung und Liebe standen

nun an der Tagesordnung.

Graf Mottet, ein gebürtiger Schweizer, weckte in

Erzherzog Johann die Liebe zu den Naturwissenschaften,

aber auch Geschichte und Geografie waren

seine Lieblingsfächer. Mit Johannes von Müller,

einem Schweizer Historiker, bahnte sich eine enge

Freundschaft an. Früh wurde bereits der Grundstein

für die Naturverbundenheit und das Interesse am

Leben der einfachen Menschen gelegt.

Die aufgeklärten Ideen, die Johann aus Florenz mitgebracht

hatte, hatten keinen Platz am Wiener Hof,

denn seine Ausbildung war vor allem auf die

militärische Ebene fixiert. Sein Bruder, Kaiser

Franz, war von der französischen Revolution 1789

geschockt und versuchte, das Land durch die

Wirren der Napoleonischen Kriege zu führen. Die

Bevölkerung erlebte dies durch strenge Zensur und

Eingriffe in das Privatleben.

Mit 18 Jahren übertrug der Kaiser seinem jüngeren

Bruder die Aufgaben eines Armeekommandanten.

Dieser kaum gewachsen, verlor Österreich die

Schlacht bei Hohenlinden in Bayern (1800). Die

Schuld wurde Johann gegeben, obwohl er nur

formell den Oberbefehl hatte.

Der militärische Unglücksfall mündete 1801 in

Johanns Ernennung zum „Generaldirekteur des

österreichischen Fortifications- und Geniewesens“.

In dieser Funktion konnte er das Land bereisen und

Leute und Natur studieren, wonach er schon immer

gestrebt hatte. Er wollte in Tirol seine Ideen, die auf

dem Regierungskonzept seines Vaters aufbauten,

verwirklichen. Doch wieder kam es anders, Johann

unterstützte Andreas Hofer im Freiheitskampf um

Tirol. In der Schlacht bei Wagram erlitt Österreich

1809 jedoch eine entscheidende Niederlage gegen

Napoleon, und der Friede von Schönbrunn, samt

Verlust Tirols und Übergabe des Grazer Schlossbergs

an die Franzosen, wurde geschlossen.

Erzherzog Johann wurde an dieser Niederlage

Mitschuld gegeben, und sein Bruder verbot ihm

nach der Hinrichtung Andreas Hofers im Jahr

darauf, jemals wieder Tirol zu bereisen. Einmal

noch wollte Johann gegen Napoleon auftreten und

Österreich und die Schweiz zu einem „Alpenbund“

zusammenspannen, um gegen Napoleon zu kämp-


fen. Doch sein Plan flog auf, er wurde beschuldigt,

ein „Königreich Rätien“ gründen zu wollen, und

daraufhin verurteilt. Nach dieser erneuten Niederlage

zog er sich endgültig aus allen militärischen

Angelegenheiten zurück und widmete sich fortan

der Steiermark, die er aufgrund seiner zahlreichen

Reisen während des Aufbaus der Landwehr kennen

gelernt hatte. Bereits 1805 hatte er einen Landsitz

in Thernberg in der Buckligen Welt erworben, dort

konnte er nun seinen Studien nachgehen.

Voller neuer Ideen für die

Steiermark

Ursprünglich wollte Erzherzog Johann seine naturwissenschaftlichen

Sammlungen und Aufzeichnungen

der Innsbrucker Universität überlassen, doch

die angesprochenen militärischen und politischen

Wendungen zwangen ihn, sich neu zu orientieren.

Er erkannte, dass es in der Steiermark, genauer

gesagt in Graz, lediglich ein Lyzeum, eine höhere

Schule zur Ausbildung von Staatsbeamten, gab und

widmete sich ab nun der Bildung und Ausbildung

in der Steiermark. Er sprach mit dem Kaiser über

die Idee, dem Lyzeum in Graz seine Sammlungen

zu schenken und war davon besessen, ein eigenes

Institut zu gründen. 1811 wurde eine Schenkungsurkunde

ausgestellt, und die ersten Kuratoren des

Museums Joanneum traten ihr Amt an.

Nachdem es 1815 zur endgültigen Niederlage

Napoleons gekommen war, reiste Johann mit

seinem Bruder Ludwig nach England und konnte

dort die Erneuerungen der industriellen Revolution

eingehend studieren. Heimgekommen mit einem

Rucksack voller neuer Ideen, wollte er Industrie und

Landwirtschaft durch eine verbesserte Ausbildung

der Bevölkerung fördern.

1816 kehrte Erzherzog Johann nach Graz zurück.

Auf einer seiner zahlreichen Wanderungen durch

das Salzkammergut lernte er 1819 Anna Plochl,

Tochter eines Ausseer Postmeisters kennen. In den

folgenden Jahren trafen die beiden einander immer

wieder zufällig bei festlichen Anlässen und lernten

sich so kennen und lieben. Anna musste nach dem

Tod ihrer Mutter den Haushalt führen, und so

konnten sich die Liebenden immer nur zu Besuchen

des Prinzen im Ausseerland treffen. Im August

1822 verlobten sich die beiden auf der Ennsbrücke

bei Irdning. 1822 kaufte der Prinz ein Radwerk in

Vordernberg und war damit Radmeister geworden.

Er holte Anna als Wirtschafterin ins Vordernberger

Radmeisterhaus. Nach anfänglichem Missfallen des

Kaisers gegen eine Heirat fand im Februar 1829 die

kirchliche Hochzeit in der Kapelle des sich seit 1818

im Besitz des Prinzen befindlichen Brandhofes bei

Mariazell statt. 1834 wurde Anna zur Freifrau von

Brandhofen und 1850 von Kaiser Franz Joseph zur

Gräfin von Meran erhoben.

Die beiden hatten einen Sohn, Franz Ludwig Johann

Baptist, der 1839 zur Welt kam und 1845 als Graf

von Meran geadelt wurde. Johannes Müller hatte

Erzherzog Johann seinerzeit auf das Leben der einfachen

Bevölkerung aufmerksam gemacht. Johann

gab von 1810 bis 1840 eine Studie in Auftrag, in

der er die Verhältnisse der steirischen Bevölkerung

untersuchen ließ. Über ausgeschickte Fragebögen

wollte er Einblick in Dinge wie Aberglaube, Brauchtum

bei Taufen, Heirat, Tod, Rebsorten, Dienstbotenlohn,

Kost, Wohnhaus, Stall und Wirtschaftsgebäude

gewinnen. Pfarrer, Ärzte oder Herrschaftsverwalter

nahmen sich dieser Befragung an, die zu

jener Zeit als einmalig galt. Das Tragen des Steireranzugs,

der heute mehr Beliebtheit denn je genießt,

drückte die Verbundenheit des Prinzen mit der

steirischen Bevölkerung aus.

Noch einmal, während der großen Revolution

des Jahres 1848, wurde Erzherzog Johann in die

Ereignisse der Weltgeschichte verstrickt. Nachdem

der beliebte Habsburger kurze Zeit die Übergangsregierung

in Wien geleitet hatte, wurde er wegen

seiner liberalen Anschauungen von der in Frankfurt

neu einberufenen Nationalversammlung zum

Deutschen Reichsverweser gewählt. Doch schon

1849 legte Johann dieses Amt nieder, um in „seine“

Steiermark zurückzukehren.

Am 11. Mai 1859 starb Erzherzog Johann 78jährig

in seinem Palais in Graz, dem heutigen Palais

Meran. Er wurde im Mausoleum in Graz beigesetzt,

1869 überführte man den Leichnam jedoch nach

Schenna (Südtirol). Auch seine 1885 verstorbene

Gattin und sein Sohn Franz mit seiner Frau

Theresia fanden dort ihre letzten Ruhestätten.

Rückblickend betrachtet waren es seine nicht gerade

erfolgreichen Verstrickungen in die damaligen

Ereignisse der Weltgeschichte, die Johann zum

Glücksfall für die Steiermark werden ließen, wo er

letztlich auch seine wirkliche Berufung und sein

persönliches Glück fand.

Patrizia D’Alessandro

Verwendete Literatur (Auszug):

Lieselotte Jontes, Erzherzog Johann von Österreich

(1782–1859). Zum 225. Geburtstag des Steirischen Prinzen

(= Universitätsbibliothek der Montanuniversität Leoben.

Ausstellungskataloge 11), Leoben 2007.

Anton L. Schuller, Erzherzog Johann … und was von ihm blieb.

Graz 1981.

Viktor Theiss, Erzherzog Johann. Der steirische Prinz.

Zweite, erweiterte Auflage herausgegeben von

Grete Klingenstein, Wien 1981.

grenzenlos.

Das Radwerk IV in

Vordernberg am Fuß

des Präbichl in den

Eisenerzer Alpen

dient heute als

Museum und ist der

einzige noch vollausgestattete

Holzkohlenhochofen

Österreichs.

Fo t o: mar K t g e m e i n d e

vo r d e r n b e r g

1-2/09 steirische berichte 53


grenzenlos.

„Wat kieckst’n so?“ Man wurde nicht

alle Tage mitten auf dem Grazer Hauptplatz

von einer echten Berliner Schnauze

angesprochen, und so dauerte es einen

Moment, bis Bernhard Löffler merkte,

dass er gemeint war. Er hatte den Mann

mit dem sympathischen Bierbauch wohl

ein bisschen zu offensichtlich – und

zu amüsiert – angestarrt. Dessen laute

Bemerkung über die Frauenfiguren, die

das Denkmal des Erzherzogs Johann

umringten („gleech vier Frauen auf

eenmal, na, dat hätt’ ick ooch jerne!“),

hatte ihn an seine ersten Tage in Graz

erinnert, als er, der frisch zugereiste

„Piefke“, den gleichen Anfängerfehler

gemacht hatte. Bereitwillig hatte ihn ein

freundlicher Grazer belehrt, dass die

Frauen die vier Flüsse symbolisierten,

die zu Zeiten des Erzherzogs durch das

damalige Territorium der Steiermark

geflossen seien, nur zwei davon seien

auch heute noch steirisch. Damals

hatten ihm diese geographischen Erläuterungen

natürlich nichts gesagt, und

auch der Erzherzog war ihm kein Begriff

gewesen, aber inzwischen war er bestens,

um nicht zu sagen voll informiert.

„Wat kieckst’n so?“ Bernhard zuckte

zusammen, als er merkte, dass er die

Berliner Schnauze immer noch anstarrte

und diese das gar nicht mehr lustig

fand. Seit mehr als zehn Jahren lebte

er nun schon in Graz, hatte gut Fuß

gefasst und auch die eine oder andere

Eigenart der Österreicher angenommen

(ausschließlich des Dialektes, der ihm

nur bedingt von den Lippen kam), und

er fragte sich, wie er damals wohl auf

andere gewirkt haben mochte. Auch so

forsch? Gerade in den ersten Jahren

hatte es öfter mal geheißen, er müsse

wohl ein Deutscher sein, wenn er, etwa

bei einem Behördengang oder auch nur

an der Wursttheke einen Drängler darauf

aufmerksam gemacht hatte, dass er

nun an der Reihe sei – die Deutschen, so

hatte er erfahren, bestünden ja gerne

auf ihrem Recht. Ab und zu traf er auf

Menschen, die sofort auf die Vorzüge

54

steirische berichte 1-2 /09

Vier Frauen und ein

Zugereister

der Österreicher gegenüber den Deutschen

zu sprechen kamen und ihn schön

auf Distanz hielten, manche Ressentiments

saßen eben tief. Bernhard verzichtete

darauf, mit gleichen Geschützen,

sprich Vorurteilen, aufzufahren,

obwohl ihm da gleich einmal ein paar

eingefallen wären.

Der Blick des Berliners verfinsterte sich,

denn Bernhard starrte immer noch. Er

wollte nicht übertreiben, andere

mochten Grund zur Klage haben, er

ganz sicher nicht. Er fühlte sich wirklich,

wirklich wohl in Österreich. Die

Angebote seines früheren Arbeitgebers,

wieder zurück nach Deutschland zu

kommen, lockten ihn nicht. Wer die

schönen Seiten Österreichs kennen

gelernt hatte, trennte sich schwer. Die

Landschaft (wenngleich es davon in

Deutschland natürlich auch reichlich

gab), der Charme, die vielgerühmte

Gemütlichkeit – ja, die Österreicher

lebten um einiges entspannter, das

Klima war weniger rau, weniger hektisch,

man war, auch wenn man es

partout nicht wahrhaben wollte, um

einiges zufriedener.

„Warum schauen Sie so?“ Um astreines

Hochdeutsch bemüht, formulierte der

Berliner die Frage neu, denn es konnte

ja sein, dass Bernhard ihn nicht verstanden

hatte. Weshalb war ihm der Tourist

noch einmal aufgefallen? Ach ja, der

Erzherzog und die Frauen. Die Steirer

mochten ihn wirklich, ihren Johann,

und hatten auch allen Grund stolz auf

ihn zu sein. Seine nahezu rastlose Geschäftigkeit

und sein Grenzgängertum,

mit dem er sich über alle Konventionen

hinweg gesetzt hatte, imponierten – und

das ganz besonders in Zeiten, in denen

man mit den – drücken wir es vorsichtig

aus – Irrungen der Politik nicht ganz

so glücklich war.

Die Berliner Schnauze schüttelte jetzt

den Kopf und wandte sich ab, erfreulicherweise

war der Mann nicht „auf

Krawall gebürstet“, wie man das in

Deutschland umgangssprachlich gerne

ausdrückte. Nach seinem damaligen

Fauxpas, als er, ganz wie der Berliner

eben, die vier Frauenfiguren für die Musen

des Erzherzogs gehalten hatte, hatte

Bernhard die Geschichte seiner Wahlheimat

aufmerksam studiert, war aber

nie ganz vertraut mit ihr geworden.

Es machte eben doch einen Unterschied,

ob man mit der Geschichte eines Landes

aufgewachsen war oder nur über sie

gelesen hatte. Im Gespräch mit seinen

Freunden merkte er immer wieder, dass

sie im Grunde über verschiedene Dinge

redeten, denn Bernhards Assoziationen

waren oft ganz andere als die seiner

Freunde: Redete man über Bruno

Kreisky, kam ihm Willy Brandt in den

Sinn, sprach man über Staatsvertrag und

Neutralität, dachte er an Wiederbewaffnung.

Für ihn war der Beginn der Herrschaft

der Nationalsozialisten Machtergreifung

und nicht Anschluss. Er wusste,

wer die Weimarer Republik ausgerufen

hatte, aber wenig über Karl Renner,

und obwohl Johann als Reichsverweser

der ersten gesamtdeutschen Nationalversammlung

auch in deutschen Geschichtsbüchern

auftauchte, war ihm

der Erzherzog in diesem Zusammenhang

doch eher Fußnote als Begriff.

Gerade bestieg der Mann aus Berlin

eine Straßenbahn, die ihn zur nächsten

Grazer Sehenswürdigkeit bringen sollte.

Der österreichischen Geschichte nahm

es nichts von ihrer Bedeutung, dass sie

Bernhard immer ein bisschen fremd

geblieben war, und auch ihn hatte es

nicht daran gehindert, sich hier schön

langsam zu verwurzeln. Wen störte es

also, wenn ein Tourist nur schaute und

genoss, aber nicht wirklich wusste, worauf

er da blickte? Als die Straßenbahn

anfuhr, jodelte er der Berliner Schnauze

im Geiste noch ein „Wo i’ geh’ und steh’“

hinterher – und als der Berliner sich tatsächlich

noch einmal zu ihm umdrehte,

rief er (in nicht ganz perfektem Dialekt):

„Na, da schaust!“

Corinna Steinert


Fo t o: su p pa n


Der steirische Prinz

Zitate: 4.b-Klasse der Volksschule Viktor Kaplan

in Graz Andritz

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