Coopers Welt - Leadership für eine neue Zeit - Leseprobe ISBN 9783950423303

hpwallner

Coopers Welt ist eine erfrischende Einladung zur Beschäftigung mit Selbstorganisation und Komplexität im Raum des neuen Denkens der Wirtschaft und der Führungsarbeit. Es richtet sich an engagierte Führungskräfte, die aus alten, nicht mehr funktionierenden Strukturen ausbrechen und neue Perspektiven einnehmen wollen. Eine neue Menschlichkeit, Herz und Hirn bilden nun die gesunde Basis für den nachhaltigen Erfolg des Unternehmens. Tauchen Sie ein in Coopers Welt, dem Management- und Leadership-Buch, das inspiriert und gute Laune macht!

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Allen erkenntnishungrigen

Führungskräften gewidmet

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Coopers

Welt

Leadership für eine neue Zeit

Edition Summerhill

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Impressum:

1. Auflage, 2016

Copyright © 2016 Edition Summerhill e.U., St. Margarethen/Raab, Österreich

Wir danken dem Amalthea Signum Verlag für die Rückgabe der Rechte

an der Cooper-Erzählung aus "K. Völkl, H. P. Wallner, D. Kresse, 2008,

Das LILA-Management Prinzip, 1. Auflage" an die Autorin.

Umschlaggestaltung: Dodo Kresse, Wien, Österreich

Coverfotos: istock.com,

Satz, Grafiken und Fotos: Dodo Kresse,

Korrektorat: www.professionelles-lektorat.de

Druck und Bindung: Druckerei Bösmüller, Stockerau, NÖ.

Printed in Austria

ISBN 978-3-9504233-0-3 (Hardcover)

ISBN 978-3-9504233-1-0 (ebook)

www.summerhill.at.

www.cooperswelt.de

office@summerhill.at

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Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags. Kein Teil

des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm und andere

Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter

Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet

werden.

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Wir leben Nachhaltigkeit!

Edition Summerhill – Eco-Premium Books

Edition Summerhill bietet Inspirationen für ein schöneres Leben. Ein

Aspekt dabei ist die Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft und der Gesellschaft.

Wir möchten sicherstellen, dass unsere Bücher und Leistungen den

Menschen Unterstützung leisten, sich ganzheitlich zu entwickeln. Ganzheitlich

betrachtet aber müssen unsere Bücher in der Produktion ebenso

einen Beitrag zu einer besseren Welt leisten. Das erkennen wir an einer

nachgewiesenen ökologischen Nebenwirkungsarmut und einem sozialen

Wirkungsreichtum. In der Produktion dürfen unsere Produkte die

Umwelt nicht belasten. Wir wollen Ihnen, lieber Leserin, lieber Leser, in

dieser Frage jeden Zweifel nehmen!

Daher arbeiten wir mit einem Druckpartner, der alle denkmöglichen Auswirkungen

auf die Umwelt berücksichtigt und minimiert.

• Klimaneutrale Produktion mit CO2 Ausgleich,

• ausgewählte Recyclingpapiere,

• giftstofffreie Farben

Ein regionaler Ansatz in der Wertschöpfung ist ebenso wichtig, damit

Transportkosten minimiert werden. Wir drucken daher in Österreich. In

der Produktion ist der Umgang mit Menschen und der Gesellschaft wichtig:

• Gesunde Arbeitsbedingungen,

• faire Entlohnung,

eine inspirierende Atmosphäre,

• und ein Geist der Nachhaltigkeit.

Auch das haben wir bei unserem Druckpartner Bösmüller gefunden.

Überzeugen Sie sich selbst: www.boesmueller.at/zertifikate/

Natürlich haben Eco-Premium Books ihren Preis. Welchen Sinn aber hätte

es, mit billigen Büchern aus schlechten Produktionsbedingungen unseren

Planeten zu belasten? Wir bedanken uns bei Ihnen für Ihren fairen Beitrag

für eine bessere Welt!

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Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser wird,

wenn es anders wird, aber soviel kann ich sagen:

es muss anders werden, wenn es gut werden soll.

Georg Christoph Lichtenberg

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Vorwort

Leadership für eine neue Zeit: Viel wird darüber gesprochen, geschrieben

und diskutiert. Die Kernbotschaft lautet: Zunehmende Komplexität und

steigende Dynamik erfordern agile Unternehmen und damit eine veränderte

Form der Führung. Doch was wir derzeit in der Wirtschaftswelt

beobachten, lässt sich durchaus mit Hyperaktivität beschreiben. Traditionelle

Unternehmen kaufen Startups, um schnell ein digitales Geschäftsmodell

mit jugendlichem Drive zu erhalten. Softwareentwickler gelten

mit Methoden wie Scrum und Co als neue Gurus der Selbstorganisation

und diese Praktiken werden von anderen Unternehmensbereichen hastig

als Blaupause übernommen. CEOs legen ihre Krawatten ab und pilgern

scharenweise ins Silicon Valley. Wer heute nicht schon agil, innovativ und

digital als Schlagworte auf Website und im Werbematerial anführt, gilt als

hoffnungslos rückständig.

Diese Entwicklung hat im Grunde viel Positives. Endlich weichen verkrustete

Strukturen auf. Es kommt Bewegung in starre Systeme. Warum

sollte deshalb Skepsis angebracht sein? Die Vorbehalte richten sich vor

allem gegen die Oberflächlichkeit, mit der oft versucht wird, Veränderung

zu bewirken. Das liegt vor allem daran, dass Agilität mit Aktivität verwechselt

wird. Dabei liegt der Schlüssel für Agilität im Wesen der Organisation

und weniger in dem, was sie tut. Führungskräfte müssen deshalb

tief tauchen, um ihre Unternehmen erfolgreich in eine neue Form des

Arbeitens und Organisierens zu begleiten. Das beginnt bei der eigenen

Person. Und gerade das ist wohl der schwierigste Teil des Weges. Noch

immer gilt Innehalten und Reflexion im Management als Schwäche und

Zeitverschwendung.

Auch der Irrglaube, dass Organisationen wie Maschinen funktionieren

hält sich hartnäckig. Mitarbeiter werden dabei als Rädchen betrachtet, an

denen die Manager einfach drehen müssen, um etwas zu verändern. Das

Erstaunen ist groß, wenn das so gar nicht mehr funktioniert. Mittlerweile

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eitet sich in den Führungsetagen Ratlosigkeit aus, auch wenn dies nur

hinter verschlossenen Türen zugegeben wird. Schließlich gilt nach wie

vor Stärke als hohe Managementtugend. Wer will da schon als Zauderer

und Zweifler dastehen?

Jedoch sind Führungskräfte heute mehr denn je gut beraten, einfach einmal

stehen zu bleiben und aufzublicken von ihrem gewohnten Spielfeld.

Dabei sollten sie all ihre Glaubenssätze und Einstellungen zur Seite legen,

die ihnen unmerklich die Sicht in die Zukunft verstellen. Zugegeben: Das

ist keine einfache Übung. Mit diesem Buch zeigen Dodo Kresse, Kurt Völkl

und Heinz Peter Wallner auf fabelhafte Weise, wie es dennoch gelingen

kann. So gar nicht in der Management- und Beraterdiktion verfasst, ist

der Einstieg in Coopers Welt fast ein wenig unbequem. Doch gerade darin

liegt das Besondere.

Der argentinische Autor Jorge Bucay hat es treffend formuliert: Kindern

erzählt man Geschichten zum Einschlafen, Erwachsenen, damit sie aufwachen.

Das gilt wohl auch für Coopers Welt. Die Einladung lautet: Lassen

Sie sich ein auf diese Geschichte, die gleichzeitig eine Reise ist. Lassen

Sie Fragen und auch Irritation zu. Versuchen Sie, zu beobachten, ohne

gleich zu beurteilen. Sie werden dafür mit einem Perspektivenwechsel

belohnt, der ein wertvoller Begleiter auf Ihrem persönlichen Weg in die

neuen Zeiten sein kann.

Mag. Eva-Maria Ayberk

Leiterin des Hernstein Instituts für Management und Leadership

www.hernstein.at

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Inhalt

SEI DANKBAR FÜR DAS CHAOS 13

Neues Denken:

Reise ins Land des Unplanbaren 23

Erstes Gleichnis: WASSER UND BROT 24

Neue Haltung:

Darwin und Spencer

auf dem falschen Dampfer 39

Zweites Gleichnis: FLEISCH UND BLUT 40

Neues Tun:

Das Ende der Einsamkeit 55

Drittes Gleichnis: WORT UND TAT 56

Neue Erkenntnis:

Das Bessere möglich machen 69

Viertes Gleichnis:

TRAUM UND WIRKLICHKEIT 70

Leadership für eine neue Zeit

Das Geheimnis der liegenden Acht 81

COOPERS RÜCKBLICK 82

Theorie zum

Lernen in der liegenden Acht 85

DIE VIER PHASEN DER ENTWICKLUNG 85

DIE FÜNF PRINZIPIEN ERFOLGREICHER VERÄNDERUNG 87

Vertiefung 89

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Leadership für eine neue Zeit

SEI DANKBAR FÜR DAS CHAOS

Cooper verließ das Firmengebäude in der Wiener Innenstadt und steuerte

auf den Naschmarkt zu. Das Gespräch mit seinem Vorgesetzten hatte

ihn zusätzlich zu den Schwierigkeiten in der Firma verstimmt. Die sonst

so angenehme Szenerie des Marktes ließ ihn daher heute seltsam kalt.

Die Preisfeilscherei der Gemüsehändler konnte ihn ebenso wenig erheitern

wie der beleibte Gurkenverkäufer, der sich die Seele aus dem Leib

schrie, um seine Essiggurken an den Mann zu bringen. Im Gegenteil,

das Geplärre erschien ihm wie ein Sinnbild für seine eigene Situation. Er

strengte sich ebenso an, seine Mitarbeiter zu mehr Engagement anzufeuern

und seinen Leuten klarzumachen, dass sie mehr Eigenverantwortung

übernehmen sollten. Und was war das Ergebnis? – Sie sahen ihn genauso

unbeeindruckt an, wie er gerade eben den Gurkenhändler anschaute

– unbeteiligt, unberührt und versunken in die eigene Gedankenwelt.

Warum kam er nicht heran an seine Leute? Warum war es so schwierig,

ihre Lust auf Entwicklung, auf Bildung und Verantwortung zu wecken?

Zugegeben, heute war ihm dieser Gusto ebenfalls vergangen. Der CEO,

dem er ansonsten unbedingten Respekt und beinahe so etwas Ähnliches

wie Freundschaft entgegenbrachte, hatte ihn heute eindringlich gebeten,

die Selbstverantwortung seines Teams anzuheben. Zukünftig hätte sich

alles um eine höhere Agilität zu drehen, hatte er gesagt. Einfach so, als

verfügte Cooper über einen Zauberstab, mit dem er so etwas herbeihexen

könnte. Das war ja bei vielen der Grund, weshalb sie überhaupt in seiner

Organisation arbeiteten – weil sie sich selbst keinen „Job organisieren“

wollten. Oder konnten? Darüber war sich Cooper auch nicht im Klaren.

Seine Leute waren es gewohnt, im „alten System“ zu funktionieren: Von

oben kommen die Befehle, die Ziele, die Ideen, die Kontrolle, die Verantwortung

– einfach alles … und unten „funktioniert man eben“ wie ein

Zahnrädchen – präzise greift eins ins andere. Präzise? Cooper seufzte und

schnupperte an einer Ananas. Sie duftete nach gar nichts und er legte sie

enttäuscht zurück. Können sich Zahnrädchen selbst organisieren? Cooper

suchte nach einer Antwort und fand nur weitere Fragen. Er kannte sich

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Coopers Welt

nicht aus, und das mochte er gar nicht. Es passte einfach nicht zu ihm,

keinen klaren Kopf zu haben.

Er fühlte sich, als wären seine Schultern zehn Zentimeter schmäler und

sein Gang angestrengter geworden. Was war zu tun? Nicht einmal ein

Therapeut könnte ihm hier weiterhelfen. Man kann schwerlich eine ganze

Organisation auf die Couch legen, um sie zu coachen. Im Lauf seiner Karriere

hatte er eine Menge Sachliteratur durchgeackert, aber nur weniges

hatte ihn wirklich berührt oder gar bereichert. Stets war er nur seinem

Instinkt gefolgt und damit nicht schlecht gefahren. Er hatte sich immer

als amikaler Abteilungsleiter gesehen. Als einer, zu dem man Vertrauen

haben kann. Er hatte es genossen, wenn er zu fühlen glaubte, dass die

Menschen zu ihm aufblickten und ihn ins Vertrauen zogen. Und er hatte

sich immer als absolut kompetent empfunden. Wo war diese verdammte

Weggabelung gewesen, an der er begonnen hatte, die Kontrolle zu verlieren?

Hatte sich etwa die Welt verändert, ohne dass er es bemerkt hatte?

Waren das Zeichen des Älterwerdens oder schlimmer noch - des Alters?

Wohl kaum, denn sein Käpt’n war um die zehn Jahre älter und anscheinend

entdeckte jener die Veränderungen der Zeit sehr wohl - und darüber

hinaus auch die Notwendigkeit, darauf zu reagieren, und zwar ohne

Aufschub.

Cooper kratzte sich den Nacken, während er zögernd den einkaufenden

Männern und Frauen auswich und ein paar Rempler einstecken musste.

Vielleicht, dachte er weiter, hatte sich die Zeit verändert, aber seine Leute

nicht. Waren sie einfach stehen und stecken geblieben – mit ihm? Wegen

ihm? Die trüben Gedanken bauten eine gläserne Wand zwischen ihm und

dem Treiben des Marktes. Er hätte so gerne an diesem lebendigen Pulsieren

teilgehabt, sich an den Farben der Pfirsiche, Melonen und Papayas

erfreut, über den eckigen Schädel des Knurrhahns und über die Stacheln

des Seeigels gestaunt und die Heiterkeit des wolkenlosen Himmels in sich

aufgesogen. Alles plätscherte an ihm vorbei. Der Tag fand ohne ihn statt.

Ein jäher Schmerz ließ ihn zusammenzucken. Er rieb sich das Schienbein

und konnte gerade noch den Schatten des Geschäftsmannes, des-

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Leadership für eine neue Zeit

sen Aktenkoffer ihn getroffen hatte, bemerken. Keine Entschuldigung.

Wahrscheinlich hatte ihn der eilige Typ gar nicht bemerkt. Wo war seine

Kraft geblieben? Seine Zuversicht und sein Humor, für den er in der Firma

geradezu berüchtigt war? Cooper war froh, dass solche Tage in der

Minderheit blieben. Mehrere hintereinander von dieser Sorte konnte und

wollte er sich gar nicht vorstellen. Denn allzu deutlich spürte er diese feine

Grenzlinie – unsichtbar, aber real. Wenn er diese überschreiten würde,

wäre er imstande, einfach alles hinzuwerfen – seine Arbeit, seine Ehe, seine

Familie, sein Leben in der Stadt. Er wusste, dass er sich diese Grenze

am besten gar nicht genauer ansehen sollte. Es genügte, von ihrer Existenz

zu wissen, um sich ganz schnell wieder zur Ordnung zu rufen. Um

Lösungen zu suchen und zu finden, um die Gedanken zu strukturieren

und „normal“ zu bleiben. Er mochte seinen Job. Er mochte die Menschen

mit ihren Schrulligkeiten, mit ihren Wünschen und Träumen. Und sie

mochten ihn – zumindest war das bis heute so gewesen.

Coopers Magen knurrte. Er lehnte sich an einen der beiden Stehtische

vor einem kleinen italienischen Delikatessenladen und bestellte ein Glas

Merlot und eine Kleinigkeit zu essen. Ich muss dringend etwas ändern,

dachte er und leerte sein Glas. Sorgsam fegte er die Krümel seines Mortadella-Weckerls

von der Tischplatte und erschrak, als sich eine Hand auf

die seine legte. Er zuckte zurück und erkannte in dem Mann, der nun

lachend hervortrat, seinen alten Freund Professor Edu Art.

„Ein bisschen schreckhaft heute, was, Cooper?“, meinte er. Edu Art stand

neben ihm - im eleganten Nadelstreifanzug, dem man seine Nadelstreifen

kaum ansah. Dazu trug er meisterlich saloppe Maßschuhe und keine Krawatte.

Er hatte die Angewohnheit, mühelos elegant zu wirken, ohne dabei

im Mindesten etwas Schnöseliges an den Tag zu legen. Cooper wusste

nicht genau, wie er das eigentlich anstellte, aber da Edu Art auch in seinem

Inneren so war – nämlich blitzgescheit, ohne dabei den Humor zu

verlieren –, hatte es sich Cooper angewöhnt, Edu Art als eine Art Naturwunder

zu betrachten, das man nicht weiter hinterfragt. Er freute sich

über die Begegnung, den ersten Lichtblick des Tages.

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Coopers Welt

„Bist du nur hier, um die ‚Urbanek-Regel’ zu bestätigen, oder was führt

dich hierher?“, fragte Cooper.

„Regel?“

„Die ‚Hier-trifft-man-die-richtigen-Leute’-Regel.“

Edu Art legte seinem Freund den Arm um die Schulter und raunte: „Wer

weiß schon zu sagen, wer der oder die Richtige ist?“

„Wie wahr, Professor“, stimmte Cooper zu und bestellte noch zwei Gläser

Merlot. „Dennoch bist du wahrscheinlich heute der Richtige, um mir bei

einer verzwickten Sache zu helfen. Ich steh wie vor einer Wand. Und sei

sie nur aus Papier, so kann ich sie trotzdem weder eintreten noch zerreißen

oder sonstwie entfernen.“

„Beziehungsschwierigkeiten?“

„Das fehlt mir gerade noch. Es kommt schließlich immer alles zusammen.“

„So melancholisch kenne ich dich gar nicht, altes Haus.“

Cooper runzelte die Stirn. „Melancholisch ist nicht das richtige Wort. Ich

bin ratlos.“

„Kurzfristig ratlos, wie ich annehmen möchte?“ Edu Art zog die linke

Braue hoch.

„Gewiss, wir sind doch richtige Burschen!“, Copper lächelte. „Aber im

Ernst: Ich weiß nicht, was ich tun soll. Du kennst doch meinen Käpt’n?“

„Nennst du ihn immer noch Käpt’n, deinen Chef, und bist ihm so zugetan?“,

amüsierte sich Edu Art. „Ich mag deine romantische Huckleberry-Finn-Ader.

Die hält dich elastisch, in jeder Hinsicht. Also ja, natürlich

kenne ich Fen O’Men, ein prächtiger Mensch, sehr belesen. So wie

man sich einen CEO nur wünschen kann.“

„Klar sind wir uns zugetan, wie du so hübsch sagst. Das ändert aber

nichts daran, dass ich ihn derzeit überhaupt nicht verstehen kann. Niemand,

zur Hölle, weiß, was der Kerl von mir will!“ Cooper hieb mit der

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Leadership für eine neue Zeit

Faust auf das fragile Stehtischchen.

Edu Art hielt den Tisch in Balance und meinte: „Eventuell will er, dass du

dich um deine Leute kümmerst. Das ist so üblich bei einem Abteilungsleiter.“

„Deinen Humor in Ehren, aber…“ Cooper schüttelte den Kopf. „Egal.

Wenn der Käpt’n Chinesisch reden würde, könnte es mir nicht unverständlicher

sein.“

„Was will er denn so Ungewöhnliches?“

„Du weißt ja, er ist unheimlich bewandert in diesen modernen Wissenschaften“,

erklärte Cooper..„Immer wieder fängt er davon an, etwa mit

Bionik. ‚Cooper‘, sagt er dann, ‚mein lieber Cooper! Wir müssen das in

unsere Organisation tragen – fliegen wie die Zugvögel, organisieren wie

die Insekten, bauen wie die Ameisen, Schwärme bilden wie die Fische.‘

Sind wir ein Tiergarten? Als ob das alles so einfach umzusetzen wäre!

Außerdem bin ich froh, wenn sich keine Schwärme bilden – in der Cafeteria

…“

„Wirst du jetzt zynisch auf deine alten Tage?“ Edu Art deutete einem der

Kellner, ihm nachzuschenken, was prompt geschah.

„… und dann doziert er“, Cooper ignorierte Edu Arts Zwischenfrage,

„von dieser und von jener neuesten Erkenntnis aus der Hirnforschung,

aus der Kybernetik, der Quantentheorie, der Systemtheorie, der Soziologie,

et cetera … Er spricht von Nichtlinearität, Komplexität, Agilität,

Kohärenz und kollektivem Denken - und all das möge zum Schlüssel für

die Probleme in unserer Organisation werden. Immer wieder sagt er: ‚Du

weißt schon, was ich meine, nicht wahr?’ Und ich nicke nur stumm und

hab’ keine Ahnung. Wahrscheinlich schau ich so gscheit aus, dass er keinen

Verdacht schöpft. Meine hohe Stirn führt ihn vielleicht in die Irre …“

„Deine hohe Stirn? Das könnte sein“, pflichtete Edu Art ihm bei und ordnete

seine Manschetten.

„Dann sagt er noch: ‚Das wird unsere verstaubte Firma in eine moder-

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Coopers Welt

ne, agile Organisation verwandeln, auf die wir beide stolz sein werden.

Und du wirst das umsetzen, Cooper! Ich weiß, dass ich mich auf dich

verlassen kann. Darüber hinaus möchte ich, dass du mich erstaunst, mich

geradezu verblüffst!‘ Also, ich kann dir sagen, mein Käpt’n wäre mehr

als erstaunt, wenn er wüsste, wie ahnungslos ich bin. Ich hab mich in der

vorherigen Firma bereits für das Arbeiten in großen Gruppen engagiert,

das war wirklich hip damals, aber in den meisten Fällen ist davon nur ein

schaler Nachgeschmack geblieben. Begeistert waren bloß die Beratungsunternehmen.

Bei uns blieb eine bestenfalls irritierte, in den meisten Fällen

aber emotional völlig unberührte Gruppe zurück. Wer will sich schon

freiwillig entwickeln? Ohne ein dringendes Muss, ob in Form von Krankheit

oder einer anderen Not, sind doch alle Menschen ziemlich träge und

faul. Alleine die Kunst der Reflexion ist nur wenigen gegeben. Wer denkt

schon ein bisschen weiter als bis zur eigenen Nasenspitze? Und immer

wieder empfiehlt er mir die neuesten Bücher, mein Käpt’n. Tolle Bücher,

zugegeben, aber ich hab keinen Klon, der sich ein Jahr Urlaub nimmt, auf

eine einsame Insel zieht und alles studieren kann, um dann daraus seine

Schlüsse zu ziehen. Wann soll ich das lesen – während ich schlafe? Und

verstehen! Ich kann’s ja gar nicht verstehen. Wirklich, Professor, das ist

mir alles zu kompliziert! Zu theoretisch. Es klingt ja recht faszinierend ab

und zu. Aber wenn es zur Pflicht wird, das alles zu durchschauen, dann

läuft mir die Gänsehaut über den Nacken. Selbstorganisation und Lebendigkeit,

klar, darüber habe ich auch einiges gelesen, schon vor Jahren. Was

hilft mir das? Sind doch meine Leute oft so wenig selbstorganisiert, dass

sie zu mir laufen, nur wenn sie ein Formular für die Spesenabrechnung

ausfüllen müssen. Gerade so, dass ich ihnen nicht die Hand mit dem Kuli

führen muss. Und Lebendigkeit? Wann habe ich schon Freude auf ihren

Gesichtern gesehen? Vielleicht, wenn sich das Wochenende nähert.“

Edu Art legte seinen Kopf leicht in den Nacken und sah Cooper unter halb

geschlossenen Lidern an. Das machte er immer, wenn er etwas Wesentliches

zu sagen hatte.

Cooper horchte also.

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Leadership für eine neue Zeit

„Alles Entscheidende entsteht trotzdem, Cooper“, sagte Edu Art und

nickte dazu.

„Nietzsche?“ Cooper erinnerte sich an Edu Arts Vorliebe für den Philosophen.

„Exakt“, bemerkte Edu Art. „Und ich meine, dass Nietzsche recht hatte.

Worauf wartest du? Auf einen leichten Weg? Willst du deinem Boss ein

Konzept vorlegen, das er an jeder Straßenecke für ein paar Euro kaufen

kann? Sei dankbar für die störrische Organisation, für alle Steine, die dir

im Weg liegen, für jede kleinkrämerische, spießige Meldung aus dem

Mund deines Teams. Für jede Plage und Mühe, die sie dir durch ihre

Unmündigkeit, Faulheit und Verantwortungslosigkeit bereiten.“

Cooper betrachtete ihn ungläubig. Was redete er da? War das ansteckend?

Jetzt faselte Professor Edu Art auch schon unverständliches Zeug. Hatte

sich denn die ganze Welt gegen ihn verschworen? Oder lag es einfach an

ihm – wurde er verrückt? Fühlte sich das so an?

„Wenn du nun denkst, ich hätte ein wenig zu viel Merlot genossen“, sagte

Edu Art, als er Coopers Blick auffing, „so irrst du dich. Ich meine das

ganz ernst. Würde ein Zahnarzt einen Patienten fortschicken, weil dieser

ein schlechtes Gebiss hat? Sicher nicht. Da erst ist sein ganzes Geschick,

all das, was er über die Jahre an Theorie und Praxis erfahren hat, richtig

gefordert. So ist es auch bei dir, Cooper. Du bist gefordert. Jetzt! Und die

Praxis in all deinen Jahren als Abteilungsleiter in dieser Organisation wird

dir nun dabei helfen, aus der tatsächlich schon sehr verstaubten Bude eine

moderne, dynamische Organisation zu machen, die wirklich zukunftsfähig

ist. Das hast du deinem Käpt’n nämlich voraus, die Nähe zur Praxis.

Wenn er auch vieles gelesen und gedacht haben mag – du bist der Mann

vor Ort! Du bist der Umsetzer, ohne dich wird nichts geschehen. Ohne

dich bleibt der Baum des Lebens grau. Es ist an dir, ihn saftig grün zu

machen. Du bist der, der dieser Organisation neues Leben einhauchen

wird. Vertraue auf dich und vertraue besonders auf dein Bauchgefühl,

auf deine Intuition.“

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Coopers Welt

Jetzt wusste Cooper wieder, warum er Professor Edu Art so mochte. Es

gab Menschen, denen man nur zuzuhören brauchte, um neue Kraft und

Energie zu finden. Edu Art war einer dieser seltenen und inspirierenden

Menschen.

Cooper fühlte, wie ihn der Gedanke an seine Möglichkeiten, die Organisation

mit neuem Leben zu erfüllen, erfrischte und aufmunterte. Ja, das

war doch damals der Grund gewesen, diese berufliche Laufbahn einzuschlagen.

Diffus erinnerte er sich an ein Sachbuch über dynamische Systeme

und über Selbstorganisation im Management, das ihn vor vielen Jahren

tief beeindruckt hatte. Er hatte es nicht wirklich verstanden, aber es

gab ihm eine Ahnung, ein unscharfes Bild, wie ‚es‘ gehen könnte. Damals

hatte er sich mit diesem unscharfen Bild zufriedengegeben. ‚Fuzzylogik‘

wird reichen, hatte er gehofft und war in die Organisations- und Personalentwicklung

gegangen. Irgendwo auf diesem Weg war ihm die ‚Idee‘

der Selbstorganisation dann entfallen, so zwischen Kaffee und Budget. Er

konnte sich nicht mehr erinnern. Aber das war jetzt auch nicht wichtig.

Wichtiger war, dass er wieder neue Hoffnung schöpfte.

Langsam verflüchtigte sich der schlammfarbene Nebel, der den ganzen

Tag über seiner Stimmung gelegen hatte. Die ersten mutigen Gedanken

tauchten auf wie zartblaue Streifen, die den dunklen Regenhimmel

durchbrechen.

„Ich brauche jemanden, der mir dabei hilft“, sagte Cooper. „Jeder, der

Großes tun will, braucht Hilfe.“

„Nun“, meinte Edu Art, „ich wüsste schon jemanden, der dir da enorm

weiterhelfen könnte.“

„Wen?“

Edu Art zögerte sichtlich, den Namen preiszugeben. Er sah Cooper lange

an, wiegte den Kopf hin und her und klopfte mit seinem Siegelring sachte

auf die Tischplatte. Cooper hatte ein gespaltenes Verhältnis zu Siegelringen.

Sie kamen ihm anachronistisch vor, doch Edu Art konnte sich das

leisten. Der Teufel allein wusste, warum.

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Leadership für eine neue Zeit

„Nun komm schon! Wenn du mir auch nur irgendjemanden nennen

kannst, der sich auf diesem Gebiet ein paar Lorbeeren verdient hat, dann

sprich. Ich zahle gut, wie du weißt. Alles hat seinen Preis.“

„Dieser Preis ist tatsächlich hoch“, sprach Edu Art leise. „Ich bin mir nicht

sicher, ob du ihn bezahlen kannst oder willst.“

„Was soll das heißen?“, fragte Cooper. „Tu nicht so geheimnisvoll.“

„Das hat tatsächlich mit Geheimnissen zu tun“, gab sich Edu Art weiter

zugeknöpft.

„Also, wie heißt der Knabe?“

„Es ist kein Knabe.“

„Dann halt Typ, Meister, Guru, hochherrschaftlicher Know-how-Kaiser,

ist doch egal!“, knurrte Cooper ungeduldig.

„Ich denke nicht, dass es gleichgültig ist, wie man jemanden nennt,

Cooper. Der Name bestimmt den Inhalt mit“, sagte Edu Art mit gedämpfter

Stimme.

„Genug! Wie heißt er?“ Cooper lehnte sich so weit nach vorn, dass sein

Gesicht von Edu Arts Kopf nur noch wenige Zentimeter entfernt war.

„Er ist mitnichten ein Er“, antwortete Edu Art und grinste. „Durch enge

Freunde weiß ich“, setzte er fort und senkte seine Stimme, „dass eine Art

Beraterin in ein paar bedeutenden Unternehmen zu tiefgreifenden Änderungen

beigetragen hat. Ihr Wissen und vor allem ihre Intuition sind

erstaunlich. Aber sie spricht in Gleichnissen, die man erst entschlüsseln

muss, um hinter deren Geheimnisse zu kommen. Doch es hat sich bisher

in jedem Fall ausgezahlt. So sagt man jedenfalls. Wenn du deinen Käpt’n

dazu bringen kannst, sich darauf einzulassen, dann will ich gerne den

Kontakt zu Madame Dim En Sion herstellen.“

„Und wie heißt sie im wirklichen Leben, diese Madame Dim En Sion?“,

wollte Cooper wissen.

Edu Art leerte sein Glas, stellte es sorgsam ab und sagte: „Belassen wir es

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Coopers Welt

bei diesem Namen. Es ist wohl systemimmanent, dass sich Personen mit

geheimem Wissen gern bedeckt geben. Ich muss dir aber noch etwas dazu

sagen, Cooper. Es werden Reisen zu eventuell weit entfernten Orten notwendig

sein. Ich weiß auch nichts Näheres, lediglich, dass diese Gleichnisse

an bestimmten Orten übermittelt werden, bei denen Madame Dim

En Sion die Koordinaten festlegt.“

„Wenn ich noch dazu in der Lage wäre“, erwiderte Cooper, „würde ich

gerne darauf anstoßen, alter Freund. Ich bin es aber leider nicht. Lass uns

daher ein einfaches Glas Wasser auf die Reisen der Erkenntnis trinken, wo

auch immer sie uns hinführen werden.“

„Kolossaler Gedanke, Cooper! Wasser, so klar wie die Erkenntnis!“ Mit

einem Mal wirkte Edu Art stocknüchtern, verriet sich aber durch einen

zweiten offenen Hemdknopf.

Man trank also noch zwei Gläser Wasser und danach trennten sich die

beiden mit Coopers Versprechen, Professor Edu Art anzurufen, sobald er

mit seinem Käpt’n gesprochen hatte.

Die Sonne stand tief, als Cooper die Ringstraße überquerte und in sein

Büro zurückschlenderte. Aus der einen Stunde Mittagspause waren nun

doch zwei geworden. Aber Cooper spürte, er hatte etwas ganz Wichtiges

vor sich und so etwas wie einen heimlichen Joker in der Tasche.

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Leadership für eine neue Zeit

Neues Denken:

Reise ins Land des Unplanbaren

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